Czytaj książkę: «Revolutionäre Aufbrüche und intellektuelle Sehnsüchte»
Alexander Gallus, Jahrgang 1972, studierte Geschichte und Politikwissenschaft in Berlin und Oxford. Nach seiner Zeit als Juniorprofessor für Zeitgeschichte – Geschichte des politischen Denkens an der Universität Rostock folgte er einem Ruf auf den Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Technischen Universität Chemnitz. Dort leitet er auch den Forschungsbereich zur Intellectual History des 20. und 21. Jahrhunderts. Zu seinen Publikationen zählen u. a.: „Heimat ‚Weltbühne‘. Eine Intellektuellengeschichte im 20. Jahrhundert“, Göttingen 2012; „Die Neutralisten. Verfechter eines vereinten Deutschland zwischen Ost und West 1945–1990“, 2. Aufl., Düsseldorf 2006; (als Hrsg. mit S. Liebold und F. Schale) „Vermessungen einer Intellectual History der frühen Bundesrepublik“, Göttingen 2020; (als Hrsg. mit A. Schildt) „Rückblickend in die Zukunft. Politische Öffentlichkeit und intellektuelle Positionen in Deutschland um 1950 und um 1930“, Göttingen 2011; (als Hrsg. mit P. Burschel und M. Völkel) „Intellektuelle im Exil“, Göttingen 2011; (als Hrsg.) Die vergessene Revolution von 1918/19“, Göttingen 2010.
Alexander Gallus
Revolutionäre Aufbrüche
und intellektuelle Sehnsüchte
Zwischen Weimarer Republik
und Bundesrepublik

In Erinnerung an
Axel Schildt (1951–2019)
E-Book (ePub)
© CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg 2021
Alle Rechte vorbehalten.
Coverfoto: Carl von Ossietzky Archiv,
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Covergestaltung: Christian Wöhrl, Hoisdorf
Signet: Dorothee Wallner nach Caspar Neher »Europa« (1945)
ePub:
ISBN 978-3-86393-578-8
Auch als gedrucktes Buch erhältlich:
© CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg 2021
Print: ISBN 978-3-86393-122-3
Informationen zu unserem Verlagsprogramm finden Sie im Internet unter
www.europaeischeverlagsanstalt.de
Inhalt
Einleitung
Revolution! Revolution?
1.Systemwechsel und Subjektivierung
Wiederentdeckung der Revolution von 1918/19 als politische Transformations- und Erfahrungsgeschichte
2.Zum historischen Ort der deutschen Revolution von 1918/19
Ein Wendepunkt in der Gewaltgeschichte?
Rechte Mythen und Verschwörungstheorien
3.Geschichtsmär als Integrationsideologie
Die Erfindung und Wirkung der Dolchstoßthese
4.Zwischen Autorität und Aberwitz
Ludendorffs Verschwörungswelten
Linke Erneuerungsversuche und die „Weltbühne“ als Sehnsuchtsort
5.Geistige Herberge und Fluchtpunkt für kritische Intellektuelle
Weimars berühmteste Zeitschrift „Die Weltbühne“
6.„Es ist ein Verhängnis: uns fehlt die Arena, die Tribüne, das Sprachrohr“
Veteranen der Weimarer „Weltbühne“ und ihre Neupositionierung in der politischen Öffentlichkeit nach 1945
7.Heimatlos links, heimatlos rechts
Intellektuelle Transformationen im Exil am Beispiel William S. Schlamms
Liberale und konservative Ideentransfers
8.Kapitalismus, Demokratie und „totaler Staat“
John Maynard Keynes und das deutsche Experimentierfeld der Zwischenkriegszeit
9.Von der „Konservativen Revolution“ zur westdeutschen Demokratie
Rudolf Pechels „Deutsche Rundschau“ und die Wandlungen des Konservatismus
10.Traditionstransfer an den offenen Grenzen des Geistes
T. S. Eliots ‚kulturelle‘ Remedur in der deutschen politisch-intellektuellen Diskussion nach 1945
Ermattender Revolutionswunsch und Abschied von Weimar
11.Betrachtungen über die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik
Anmerkungen
Ausgewählte Literatur
Drucknachweise
Personenregister
Einleitung
Am Anfang steht die Revolution, die Revolution von 1918/19. Sie markiert das Ende der Monarchie und den Beginn der Demokratie in Deutschland. Für einen Intellektuellen wie Carl von Ossietzky war sie der hoffnungsfrohe Ausgangspunkt auf dem Weg in eine neue Zeit, die es aktiv zu gestalten galt. Der große Religionssoziologe Ernst Troeltsch sprach in geradezu poetischer Weise von einem „Traumland der Waffenstillstandsperiode“, das weit mehr als die wieder aufzuräumende Trümmerlandschaft einer zerstörten Vergangenheit sein sollte und den Blick nach vorne eröffnete. Es ließe sich sogar behaupten, dass ab dem Herbst 1918 ein Überschuss an Zukunftserwartungen herrschte, mit ganz unterschiedlichen Hoffnungen und Visionen für eine bessere, neu zu formende Welt. Was konnte fundamentale Umgestaltung anderes bedeuten als Revolution? Carl von Ossietzky jedenfalls hat sie sich im März 1919 – wie auf dem Umschlagfoto dieses Bandes zu sehen – in großen Lettern als ein Statement in den Schoß gelegt, eine Revolution mit Ausrufungszeichen. Dabei hatten Ossietzky und seine intellektuellen Mitstreiter im Frühjahr 1919 bereits so große Zweifel an Reichweite und Erfolg der stattgehabten Revolution, dass wohl eher ein Fragezeichen hätte gesetzt werden müssen: Revolution! Revolution?
So mag man dieses Foto aus den Tagen der jungen Weimarer Republik als Allegorie für einen enttäuschten revolutionären Aufbruch nehmen, zugleich aber auch für den anhaltenden Drang gerade der Geistesarbeiter, sich nicht mit einem in die Sackgasse geratenen Wandlungsprozess abzufinden, sondern den Revolutionswunsch wachzuhalten. Wer eine weniger emblematische Interpretation bevorzugt, wird auf dem Bild zunächst den Lektor des frisch gegründeten Hamburger „Pfadweiser“-Verlags erkennen, der eine Ausgabe der Wochenschrift Revolution! präsentiert. Dieses Blättchen erschien dabei nicht einmal in seinem Verlagshaus, sondern wurde lediglich über den Zeitschriftenverleih des „Pfadweiser-Zirkels“ vertrieben, der auch Ret Maruts (B. Traven) Der Ziegelbrenner im Portfolio führte. Mithin Zeitschriften, die sich anarchistischem Gedankengut verschrieben hatten, gegen Parlamentarismus und Reformismus, ja gegen alle „Erwürger der Revolution“ publizistisch stritten, wie in der Ausgabe der Revolution! vom 15. März 1919 zu lesen war.
Eine scharfe richtungspolitische Entscheidung, die den Anarchismus zum Programm erhob, vermied der Verlag allerdings, der insbesondere – das kam auch in Ossietzkys Engagement zum Ausdruck – monistische und pazifistische Anliegen förderte. In erster Linie und ganz grundsätzlich verstand er sich jedoch als „Pfadweiser zur Bildung und Weltanschauung“ und wollte in den stürmischen Umbruchszeiten an der Entwicklung von „Richtlinien“ mitwirken, „um aus dem ethischen und politischen Chaos der Gegenwart herauszufinden“.1 Während seiner kurzen Tätigkeit bei „Pfadweiser“ publizierte Ossietzky 1919 die Schrift Der Anmarsch der neuen Reformation. Darin übte er Kritik an der Novemberrevolution, weil sie nicht gründlich genug mit der Vergangenheit gebrochen habe. Für den notwendigen politischen, wirtschaftlichen und geistig-ethischen Neuaufbau des Landes fehlten Ossietzky zufolge ein „führender Wille“ und eine „zentrale Idee“. Als umso wichtiger erachtete er künftig, gleichsam eine revolutionäre Daueraufgabe an die Intellektuellen adressierend, die „Durchsetzung der Köpfe mit neuem Geist“, auch um so etwas wie eine demokratische politische Kultur zu formen.2
Schon an dieser Episode lässt sich erkennen, wie nahe beieinander damals die Gefühlswelten von Euphorie und Enttäuschung lagen. Im Ganzen betrachtet sorgte der revolutionäre Gründungsakt während der Weimarer Republik eher für Misstöne, statt Harmonien zu erzeugen. Das kam auch in einem von intellektuellen Eliten beeinflussten Meinungsklima zum Ausdruck. Falsch wäre indes die Behauptung, die Intellektuellen hätten sich vornehm zurückgehalten und der Politik aus einem elitär-kulturellen Dünkel heraus den Rücken gekehrt. Hier und da mag eine solche Einschätzung zutreffen, doch sollten vielfältige Initiativen nicht übersehen werden, mit denen Intellektuelle in den ersten Revolutionsmonaten aktiv an der Umgestaltung des politisch-gesellschaftlichen Systems mitwirken wollten. An vorderster Stelle sind die „Räte geistiger Arbeiter“ zu nennen, die sich die Revolution mit intellektueller Verve anzueignen suchten. Heinrich Mann, der einen solchen Rat in München anführte, schrieb Mitte Januar 1919 hoffnungsfroh: „Die geistige Erneuerung Deutschlands, unsere natürliche Aufgabe, wird uns durch die Revolution erleichtert. Wir gehen endlich mit dem Staate Hand in Hand.“3 Zu erwähnen ist ebenso Kurt Eisner, der frühzeitig voller Enthusiasmus die geschundene Bevölkerung für politische Partizipation begeistern wollte, oder das Experiment der Münchner Literatenrepublik. Hier zeigte sich ein kraftvolles Moment ästhetischer, intellektueller und partizipatorischer Mobilisierung, die letztlich aber ins Leere lief und weniger Energien freisetzte, als sich die Akteure erhofft hatten.
Schnell machte sich Ernüchterung breit und wurden Klagen über eine festgefahrene, halbherzige, gescheiterte Revolution laut. Dieser Stimmungsumschwung war bereits während des Jahres 1919 zu spüren, kam in Ossietzkys Kritik zum Ausdruck und dann regelmäßig in der bald eng mit seinem Namen verbundenen Weltbühne, der bedeutendsten Zeitschrift einer parteiungebundenen intellektuellen Linken jener Jahre. Die Revolution von 1918/19 erschien nach ihrer Lesart als ein unbefriedigender und unvollständiger Umbruch, der nur einen Wandel der politischen Fassade bewirkte, die Fundamente der alten autokratischen Ordnung – seien es die alten Eliten in Justiz, Militär oder Verwaltung, seien es die Sozial- und Wirtschaftsstrukturen – hingegen weitgehend unangetastet ließ. Vor diesem Hintergrund galt es, die „wirkliche“ Revolution in Gang zu setzen und eine „wahre“ Demokratie erst noch zu schaffen, die der „formal“ erscheinenden Institutionen- und Verfassungsordnung Leben einhauchen sollte.
Während die Kritik von links im Namen einer besseren Demokratie und vollständigeren Revolution erfolgte, lehnten Vertreter einer intellektuellen Rechten als bekennende Antidemokraten die Novemberrevolution vollständig ab. Paradoxerweise verurteilten sie eine Revolution nicht per se, nur sollte sie eine konservative sein und einen „deutschen Sozialismus“ formen, von dem Oswald Spengler schwärmte. Links wie rechts zeigte sich eine höchst vitale Revolutionssehnsucht. Dies erschwerte es der Novemberrevolution, die immerhin den Systemwechsel von der Monarchie zur Demokratie bewerkstelligt hatte, einen revolutionären Alleinvertretungsanspruch im Kampf der Ideologien zu behaupten.
Gänzlich überschrieben werden sollte die Revolution von 1918/19 durch die „nationale Revolution“ von 1933, die sich als Antithese zu einem „vaterlandslosen“, „landesverräterischen“ Akt der „Novemberverbrecher“ stilisierte. Vorbereitet hatte diese Sichtweise seit Kriegsende die These vom „Dolchstoß“, den politisch subversive Kräfte dem im Feld – angeblich – unbesiegten Heer hinterrücks versetzt hätten. Diese Geschichtslegende vergiftete neben so manchem Verschwörungsmythos, wie ihn etwa Erich Ludendorff voller Aberwitz, aber mit der Autorität des alten Feldherrn bediente, von Beginn der Weimarer Demokratie an das politische Klima und schwächte so die Abwehrkräfte der Republik.
Anfang November 1928 schrieb ein halb zorniger, halb resignierter Ossietzky in der Weltbühne, „Deutschland ist […] das einzige Land, das ohne Erhebung an seine Revolution zurückdenkt“. Und noch mehr: „Im Grunde weiß man durchschnittlich von ihr nicht mehr, als daß sie unsern gloriosen Heerführern freventlich in den zum letzten Schlag erhobenen Arm gefallen ist.“ Folgt man Ossietzkys Interpretation, entwickelte sich die Dolchstoßthese mit den Jahren zu einem mächtigeren Erinnerungsort als die Novemberrevolution, obgleich Letztere doch trotz aller Mängel „lange veraltete Einrichtungen beseitigt“ und „viel Schutt und Moder fortgefegt“ habe. Ossietzky sprach in seiner bitteren Bilanz von einer „verspielten Revolution“, die schwerer wiege als ein verlorener Krieg, ja die „Niederlage eines Jahrhunderts“ sei.4
In Ossietzkys Urteil kommt der Novemberrevolution als einem konfliktträchtigen Orientierungspunkt für politisch-gesellschaftliche Normvorstellungen eine Schlüsselrolle in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts zu. Dieser Band setzt daher mit einer Bilanz der Novemberrevolution ein, die zunächst dem Verlauf und den Schritten des politischen Systemwechsels von der Monarchie zur Demokratie große Aufmerksamkeit schenkt, um ihn sodann mit der zeitgenössischen Wahrnehmung und Würdigung des Umbruchs zu konfrontieren. Erfahrungen und Erwartungen von Träumern und Gestaltern, Pragmatikern und Fanatikern, von – frei nach Erich Mühsam5 – Revoluzzern und manchmal auch nur Lampenputzern kommen zur Sprache. Hieran lässt sich bereits erkennen, eine wie kontroverse, je nach Interpretationsrichtung unterschiedliche Identität stiftende Deutungsgeschichte der Revolution sich anschließen sollte, die gerade rund um das Hundertjahresjubiläum 2018/19 wieder aufgeflammt ist und in zwei einander gegenüberstehenden historischen Webmustern zum Ausdruck gelangt: einem demokratiegeschichtlichen Paradigma hier, einem gewalt- und diktaturgeschichtlichen dort.
Wäre die Revolution eine geglückte und geliebte gewesen statt eine vertrackte und verschmähte, hätte sie nicht so viel Potenzial für widerstreitende Auffassungen bereitgehalten und womöglich alljährlich in routinierten Festveranstaltungen nur begrenzt Leidenschaften entfacht. Gerade weil sie umstritten blieb und sich gegen eindeutige historisch-politische Narrative sträubte, bot sie Anlass für geschichtspolitische Auseinandersetzungen, an denen sich intellektuelle Sehnsüchte und Deutungskämpfe entzündeten. Davon ist auch in der frühen Bundesrepublik noch einiges zu spüren: Auf der einen Seite diente die Novemberrevolution nicht der Traditionsstiftung, jedenfalls nicht im Sinne eines hell strahlenden Erinnerungsortes. Sie war überwiegend Teil der Fixierung auf Weimar als Negativfolie, von der es sich abzugrenzen galt. Bonn ist nicht Weimar lautete Fritz René Allemanns Buchtitel von 1956, der schnell zu einem Motto der jungen Bundesrepublik avancierte. Auf der anderen Seite stand eine Phalanx intellektueller Kritiker, die zumal während der Ära Adenauer ihre Restaurationskritik mit Revolutionssehnsucht verbanden. Daran zeigte sich, wie sehr die Bonner Intellektuellenszene in den frühen Nachkriegsjahrzehnten an Weimarer Traditionen anknüpfte und den Nonkonformismus gegenüber neu formulierten Zwängen zur Parteinahme während des Kalten Krieges verteidigte, um eine wahrhaft demokratische Lebensform mit intellektuellem Aufbruch zu verbinden.6
Um die Weimar-Bonn-Dramaturgie einzufangen, sind die meisten Beiträge in dieser Zusammenstellung zäsurübergreifend angelegt. Sie untersuchen, an konkreten intellektuellen Akteuren orientiert, den Zusammenhang von Lebens- und Zeitenwenden, von Erfahrungs- und Intellektuellengeschichte. Die daraus sich ergebenden Dynamiken und Transformationen stehen im Mittelpunkt einer kontextorientierten Intellectual History, die Ideen- und Zeitgeschichte miteinander kombiniert. Außerdem geraten verschiedene politische Spektren von links bis rechts in den Blick. Erneut sind es aber nicht festgefügte Lagerzugehörigkeiten, die besonders interessieren, sondern in Bewegung befindliche Areale des Übergangs und Umbaus sowie Reaktionsund Anpassungsleistungen von Intellektuellen gegenüber gewandelten Zeitläuften. Diese konnten Prozesse einer Radikalisierung verstärken, wie sie anhand der Dolchstoßthese und rechtsradikalen Verschwörungsmythen nach 1918 deutlich werden, aber auch deradikalisierende Tendenzen, wie sie am Beispiel von einstigen Protagonisten der Weimarer Weltbühne wie Axel Eggebrecht und Kurt Hiller ungeachtet mancher Ambivalenz ablesbar sind. Gerade Hiller liebte den Streit und teilte gern hart gegen intellektuelle Widersacher aus. Schon 1924 hatte ihn Carl von Ossietzky als jemanden charakterisiert, der einen „tintentriefenden Tomahawk“ schwinge.7 In der Bundesrepublik schleuderte Hiller diesen bisweilen umso heftiger, weil er darunter litt, dass der bundesdeutsche Medien- und Verlagsmarkt mit ihm, ungeachtet seines geistigen Heroen-Nimbus aus Weimars Tagen, nur noch wenig anzufangen wusste.
So unterschiedlich ihre Karriere- und Lebenswege verliefen, blieb doch die Weltbühne ein zentraler Sehnsuchtsort für heimatlose Intellektuelle wie Eggebrecht und Hiller. Auch auf William Schlamm traf dies zu. Seine Biografie war die eines hartnäckigen Nonkonformisten, der sich vom Kommunisten und Linksintellektuellen während der 1920er und 1930er Jahre zu einem Konservativen entwickelte, der seit den 1940er Jahren mit provokativen Positionen auf sich aufmerksam machte. In letztgenanntem Spektrum bezog er allerdings eine Außenseiterstellung, die Revolution weiterhin für ein geeignetes, vielleicht sogar notwendiges Mittel der Politik zu halten. In Umkehrung der Verhältnisse, wie sie sich in den Jahrzehnten nach dem Ersten Weltkrieg präsentierten, so argumentierte Schlamm, müsste die Revolution nun von rechts ausgehen angesichts einer Drift der politischen Verhältnisse, wie er sie spätestens nach „1968“ in polarisierten und zunehmend von der Linken dominierten Zeiten beobachtete.
Als wendungs- und anpassungsfähiger als die Erben der Weltbühne erwies sich im rechten Spektrum der Herausgeber der Deutschen Rundschau Rudolf Pechel. Er schloss schnell seinen Frieden mit der westdeutschen Demokratie und ließ nur noch wenig aus den konservativ-revolutionären Ideenwelten der Weimarer Tage durchschimmern. Insgesamt sollte er sich von nationalistischen und demokratieskeptischen Positionen verabschieden und zur Erneuerung eines liberalisierten Konservatismus beitragen, der sich gut in das Umfeld eines Antikommunismus während des frühen Kalten Krieges fügte. Indirekt lässt sich an Pechels Lern- und Umorientierungsleistung, die über eine instrumentelle Aneignung westlich-pluralistischer Leitmotive hinausging, der Erfolg eines Konsensliberalismus ablesen. Diesem sollte es nach 1945 gelingen, auch in konservative und sozialdemokratische Milieus einzudringen, dort einen pragmatischen Grundton zu etablieren und den Revolutionsblues in den Hintergrund zu drängen.
Nicht selten kamen die Angebote, Tradition zu bewahren und sich in den Basistrend einer Modernisierung und Liberalisierung nach 1945 einzufügen, von außen. Dies zeigte sich exemplarisch daran, wie nachhaltig der amerikanisch-englische Schriftsteller T. S. Eliot nicht nur als Lyriker, sondern auch und insbesondere als Intellektueller im deutschen politischen Feuilleton der Nachkriegszeit reüssierte. Mit ihm schien der Aufbruch zu neuen Ufern bei Bewahrung alter Werte möglich. Schon Thomas Mann hatte Eliot deshalb treffsicher als einen „erinnerungsvollen und immerfort aus der Kultur citierenden Revolutionär von konservativ traditionalistischer Haltung“ bezeichnet.8 Das Revolutionäre, je nach Würdigung als Odeur oder Odium, umwehte auch die Ideen von John Maynard Keynes. Während der Zwischenkriegszeit entfaltete der britische Ökonom und Zeitdiagnostiker eine große Ausstrahlungskraft auch und gerade in Deutschland. Insbesondere im bürgerlich-liberalen und gemäßigt-sozialdemokratischen Spektrum sorgten die mit seinem Namen verbundenen Ideentransfers dafür, abseits marxistischer Modelle einen sozialverträglichen Kapitalismus mit politischem Liberalismus in Einklang zu bringen.
Wie wenig es dabei aber um allzu lineare Adaptionsprozesse und Heldengeschichten einer Liberalisierung geht, lässt sich auch für Keynes an einem widerspruchsvollen Zusammenhang studieren: In seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe der General Theory von 1936 demonstrierte er die Vorteile einer stärker kontrollierten Wirtschaft in einer Diktatur für die Umsetzung seiner wirtschaftspolitischen Richtlinien, ohne damit seine liberal-individualistischen Grundüberzeugungen in Frage stellen zu wollen. Diese Episode verleiht einem Spannungsreichtum Ausdruck, wie er im Wechselverhältnis zwischen liberalen und demokratischen Vorstellungen in der Zwischenkriegszeit bestand. Eine gleichsam ahistorische Theoriegeschichte lässt sich selbst für den Autor einer General Theory kaum schreiben. Auch sie ist, wie die Geschichte des Liberalismus während der Weimarer Republik überhaupt, im „Modus eines konstellationsabhängigen Denkens“ zu ergründen.9
Eine Intellectual History, die diesen Namen verdient, sieht sich zudem herausgefordert, die Eisenspäne des politischen Denkens nicht den Gesetzen eines Magnetismus folgend auf das Ergebnis der jeweils nächsten großen Zäsur auszurichten, sondern in ihrer Zeitgebundenheit – ohne Umkehrung der Chronologie – nachzuvollziehen. Gleichwohl bleiben Fragen nach dem Anteil der Intellektuellen am Scheitern der Weimarer Republik wie später am Erfolg der demokratischen Entwicklung der Bundesrepublik legitim und wichtig. Nur dürfen die Antworten nicht im Sinne telelogisch ausgerichteter Niedergangs- oder Ankunftsgeschichten erfolgen.
Dies gilt es im Hinterkopf zu behalten, wenn man die Intellektuellengeschichte der Bundesrepublik als die Geschichte eines ermattenden Revolutionswunsches schreibt, als eine Art schleichenden Prozess, in dem Erfahrung über Utopie obsiegte, ohne dieses Widerspiel überhaupt stets als Kampf wahrzunehmen. Der Band schließt mit diesem merkwürdigen Vorgang, der nochmals einen Bogen schlägt von Ideenformationen der Weimarer Republik hin zu Ideentransformationen einer Bundesrepublik, die Kritik an Staat und Demokratie ausdrücklich zuließ und so mehr Affirmation bewirkte als so manchem Gesellschaftskritiker recht war. In solchen Momenten des Selbstzweifels und der Entrüstung rief der eine oder andere unter ihnen eine Reminiszenz an die risikobehaftete Intellektuellenexistenz zu Weimars Zeiten wach. Es blitzten dann mindestens habituelle Beharrungskräfte, nämlich eine kämpferische und anspornende Außenseiterrolle einnehmen zu wollen, kurzzeitig auf. In diesen Augenblicken, so verklärend sie in der Rückschau sein mochten und den Zustand einer politischen Heimatlosigkeit geradezu heroisierten, rückten revolutionäre Aufbrüche und intellektuelle Sehnsüchte nochmals nahe zusammen.
Die in diesem Band versammelten Aufsätze erschienen erstmals in meist etwas kürzerer Form zwischen 2009 und 2021. Für dieses Buch wurden sie durchgesehen, korrigiert, teilweise ergänzt, modifiziert und behutsam aufeinander abgestimmt. Zudem wurden die ursprünglich ohne Anmerkungen publizierten Essays mit Verweisen versehen. Die Texte können keine vollständige oder auch nur repräsentative Zusammenschau zur Geschichte der Intellektuellen in Deutschland während des wendungsreichen 20. Jahrhunderts bieten. Es sind Probebohrungen im Übergangsbereich von Geschichts- und Politikwissenschaft auf einem gleichermaßen zeit- wie ideenhistorischen Feld, dessen Erschließung ein möglichst breites Spektrum von intellektuellen Akteuren und Herausforderungen zwischen Weimarer Republik und Bundesrepublik erkennbar werden lassen soll. Kontinuität und Wandel des politischen Denkens, insbesondere des Staats- und Demokratieverständnisses, interessieren dabei ebenso wie Fragen nach dem Status und Rollenverständnis von Gesellschaftskritikern in unruhigen Zeiten. Für die Idee und Anregung zu diesem Buch danke ich ganz herzlich meinem Freund und Kollegen Jens Hacke sowie Axel und Irmela Rütters von der Europäischen Verlagsanstalt. Christoph Claussen danke ich schließlich für seine kritische Lektüre und kundige Korrektur der Texte.
Axel Schildt war mir in allen zeit- und intellektuellengeschichtlichen Fragen ein wichtiger Mentor, darüber hinaus ein wunderbarer Freund. Der Erinnerung an ihn möchte ich diesen Band widmen.
Revolution! Revolution?
1.
Systemwechsel und Subjektivierung
Wiederentdeckung der Revolution von 1918/19 als politische Transformations- und Erfahrungsgeschichte
I. Einleitung
Wenn Historiker streiten, gilt nicht selten ein abgewandeltes Clausewitz-Wort: nämlich dass Geschichte dann als die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln erscheint. Auch und gerade die deutsche Revolution von 1918/19 war ein herausgehobenes Streitthema einer zankenden Historikerzunft während des Kalten Krieges. Es kam dabei zur Vermengung von geschichtswissenschaftlichen mit geschichtspolitischen, häufig den Geist der Zeit atmenden Argumenten. Von den einst heftig ausgefochtenen Debatten über ein Entweder-oder zwischen freiheitlicher Demokratie und Bolschewismus, über verpasste Chancen und nicht ausgeschöpfte Handlungsoptionen, über Dritte Wege und ein höheres Maß an Demokratisierung ist allerdings schon seit geraumer Zeit kaum noch etwas zu spüren. Der Forschungsstand präsentierte sich ab den 1980er Jahren als festgefahren, die ausgebliebene öffentliche Würdigung bot einigen Anlass, von einer „vergessenen Revolution“ zu sprechen.1 Überhaupt hält die 1918er-Revolution gelegentlich als Beleg dafür her, dass den Deutschen Revolutionen grundsätzlich nicht liegen und sie ihnen stets misslingen würden. Fünfzig Jahre nach der Novemberrevolution diagnostizierte Joachim C. Fest im Spiegel ein entsprechendes „Unvermögen“ der Deutschen, das am Beispiel des Umbruchs von 1918/19 besonders deutlich zum Ausdruck gekommen sei. Am Ende „proklamierte die Weimarer Verfassung eine Revolution“, urteilte Fest vernichtend, „die niemals stattgefunden hatte“.2
In jüngerer Zeit deutet sich indes ein Abschied von der erinnerungskulturellen wie historiografischen Revolutionslethargie an. Das Hundertjahres-Jubiläum 2018/19 trug dazu ebenso bei wie ein wieder gewachsenes Interesse an Krisen-, Umbruchs- und Revolutionsphasen in einer Zeit neuer Unsicherheiten.3 Hinzu kommt seit einigen Jahren ein zunehmend ergebnisoffener Blick auf die Weimarer Republik, der es ermöglicht, Interpretationen zur Novemberrevolution von normativen und quasi-teleologischen Einfärbungen zu befreien. Dies korrespondiert mit einer Sichtweise auf die gesamte Zwischenkriegszeit als Periode, die sich mithilfe der räumlichen Metapher eines „Laboratoriums“ für die Erprobung politischgesellschaftlicher Ordnungsmodelle gut einfassen lässt. Schon Tomáš Masaryk kam das Europa nach 1918 wie ein „auf dem großen Friedhof des Weltkriegs errichtetes Laboratorium“ vor.4 Ein krisengeschüttelter Liberalismus forderte ebenso wie erodierende monarchische Legitimationsmuster zum Experimentieren mit neuen Varianten politischer Repräsentation heraus, zumal vor dem Hintergrund des Spannungsfelds von Imperium und Nation am Ende des Ersten Weltkriegs.5 Dies beförderte nicht zuletzt gewaltgestützte Dynamiken von Revolution und Gegenrevolution. Fast kurios mutet dabei an, dass nicht nur die Anhänger des Kommunismus einerseits und die Verfechter westlicher Zivilisation wie Demokratie andererseits transnationale Ansprüche hegten und grenzüberschreitende Netzwerke pflegten, sondern auch radikal-nationalistische Paramilitärs.6
Ich deute diese Perspektiven nur an, um mich doch auf die Vorgänge im Herzen des Deutschen Reiches zu konzentrieren. Wie vollzog sich dort der Wandel im Einzelnen? Welche Schritte der Transition lassen sich nachvollziehen, wie sind ereignisgeschichtliche Abläufe behutsam (ohne Übernahme des berühmt-berüchtigten Politologenjargons) mit strukturellen Überlegungen zu Ursachen und Verlaufsformen des politischen Systemwechsels zu verbinden.7 Dieser Zugang ist gleichsam als Ergänzung oder auch Begrenzung des umstrittenen, regelmäßig politisch aufgeladenen Begriffs der Revolution zu verstehen. Er konzentriert sich auf Transformationen zwischen verschiedenen Staatsformen, erörtert insbesondere die Ursachen für das Ende des alten Regimes, die Übergänge zum neuen und dessen Konsolidierung.8 Eine so zugeschnittene Analyse trägt zur Systematisierung, Entnormativierung und Versachlichung bei und verabschiedet sich von einem maximalistischen Revolutionsbegriff. Ein solcher nämlich beansprucht einen weit über die staatliche und politische Ordnung hinausgehenden, fast „totalen“ Geltungsanspruch, der Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur umschließt und häufig mit dem Ziel eines utopisch anmutenden Endzustands verkoppelt ist.9 Neben dem Systemwechsel-Zugang will ich einen weiteren Weg zur Wiederbelebung der Revolution im Zeichen der Erfahrungsgeschichte, die den subjektiven Wahrnehmungswelten der Zeitgenossen zu ihrem Recht verhilft, aufzeigen und hier und da beispielhaft in die Darstellung einbinden. Wie im Falle des Systemwechsels ist dies kein gänzlich neuer Weg, aber seine Erkundung verdient eine Intensivierung, gerade weil durch eine konsequente Historisierung – so paradox es zunächst klingen mag – eine Aktualisierung gelingen kann, ohne bloß gegenwärtige Problemkonstellationen in die Geschichte zurückzuprojizieren.10 Die zwei Grundgedanken des Beitrags lassen sich also mit den beiden Schlagworten „Systemwechsel“ und „Subjektivierung“ knapp einfangen.
II. Ursachen und Verlauf des langen Novembers der Revolution11
Auch wenn der Chefredakteur des liberalen Berliner Tageblatts Theodor Wolff am 10. November 1918 euphorisiert von der „größten aller Revolutionen“ sprach und diese mit einem plötzlichen „Sturmwind“ verglich, so greift diese Sicht eines spontanen Umbruchs als Produkt der Kriegsniederlage doch zu kurz.12 Vielmehr reifte die Umwälzung schon „lange im Schoße der wilhelminischen Gesellschaft“ heran, wie es Volker Ullrich einmal formulierte, und blieb ihr verhaftet.13
Ein schleichender Legitimitätsverfall der monarchischen Ordnung zeigte sich an verschiedenen Symptomen, so an der Verlagerung der Entscheidungsgewalt vom Monarchen auf die Militärspitze im Verlauf des Weltkriegs und in Form einer Systemkrise angesichts der gesteigerten Kriegsmüdigkeit, der Hungerrevolten und Massenproteste im Januar 1918. Arthur Rosenberg erkannte darin bereits eine Generalprobe für die Novemberrevolution.14 Ungeachtet solcher Vorboten wirkte das Eingeständnis der Niederlage durch die Oberste Heeresleitung Ende September 1918 wie ein Schock auf Öffentlichkeit und Politik. Schließlich hatte nicht zuletzt der Friedensschluss von Brest-Litowsk mit Sowjetrussland im Frühjahr 1918 nochmals Hoffnungen auf einen deutschen Sieg genährt.
Eine erste, von „oben“ gelenkte Transformationsphase begann im Spätsommer 1918, als die Oberste Heeresleitung einen Waffenstillstand gemäß den „Vierzehn Punkten“ des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson forderte, wie dieser sie im Januar 1918 formuliert hatte.15 Die Entente-Mächte waren zu diesem Zeitpunkt allerdings zu einem solchen Entgegenkommen nicht mehr bereit und boten einen Waffenstillstand an, der einer umfassenden Kapitulation gleichkommen sollte. Außerdem wollten sie nicht länger mit Vertretern des deutschen Militärs verhandeln, verlangten vielmehr die Schaffung einer demokratisch legitimierten Regierung. Insofern wirkte Wilsons Notenoffensive auf die Parlamentarisierung des Reiches ein, ohne dass diese Initiative sogleich zu einer „Revolution von außen“ zu stilisieren ist. Weitere Aspekte sind in Betracht zu ziehen.
So befürwortete erstens die militärische Führung des Reiches, wenn auch nicht ohne den Hintergedanken der bald ins Leben gerufenen „Dolchstoßthese“16, eine Verfassungsrevision in Richtung Parlamentarismus; zweitens plädierten insbesondere die Mehrheitsfraktionen im Interfraktionellen Ausschuss des Reichstags – Sozialdemokraten, die liberale Fortschrittliche Volkspartei und das katholische Zentrum – für eine solche Entwicklung, auch um das „Chaos“ einer revolutionären Massenbewegung von unten zu verhindern. Die neu gebildete Regierung unter Reichskanzler Prinz Max von Baden, der auch Vertreter der Sozialdemokratie, des Zentrums und der Liberalen angehörten, brachte vor dem Hintergrund des durch den Notenwechsel Wilsons ständig gesteigerten Drucks die Verfassungsreform auf den Weg.17 Am 28. Oktober traten die sogenannten Oktoberreformen in Kraft, die den Übergang von der konstitutionellen zur parlamentarischen Monarchie markierten.
Wenngleich die Novemberrevolution im Lichte der Oktoberreformen in verfassungsformaler Hinsicht gleichsam als überflüssig erscheint, so war sie dies politisch keinesfalls. Dem Staatsformen-Wechsel vom Oktober fehlte in der öffentlichen Wahrnehmung durch die Zeitgenossen der Zäsurcharakter – und im juristischen Sinne war dies auch noch keine Revolution, weil sich der Wandel bis hierhin legal im Rahmen der Bismarck’schen Reichsverfassung vollzogen hatte. Vor allem aber war angesichts der materiellen Nöte, einer grassierenden Grippe-Epidemie18 und der Verarbeitung der Niederlage wenig Raum für eine theoretisch anmutende Diskussion über politische Ordnungsvorstellungen. Die öffentliche Stimmung war nicht dazu angetan, sich mit einer papiernen Verfassungsreform zufrieden zu geben. Ihr fehlte der Eros des Auf- und Durchbruchs. Oder anders ausgedrückt: Diesem Anfang wohnte noch kein Zauber inne. Auch deshalb mag man hinter Arthur Rosenbergs These von der „wunderlichsten aller Revolutionen“, bei der die Massen – im Angesicht der Oktoberreformen – wenig später „eigentlich gegen sich selbst“ rebelliert hätten, ein Fragezeichen setzen.19
Die ebenfalls Ende Oktober einsetzende „Revolution von unten“ drängte auf die Abdankung des Kaisers als stärkstes Symbol für das Ende der alten Ordnung. So diffus die „Programmatik“ der neu ins Leben gerufenen Arbeiter- und Soldatenräte, die in jener Zeit übrigens in ihrer Mehrheit überaus friedfertig, diszipliniert und in engem Verbund mit der Sozialdemokratie agierten, auch war, so zielten sie doch auf die dauerhafte Überwindung des Ancien Régimes. Die Bildung von „Räten“ war der äußeren Form nach durch die Revolution in Russland motiviert. Diese Nachahmung war in den meisten Fällen jedoch lediglich ein von spontaner Euphorie getragener Wunsch, der keineswegs auf die Übernahme des Bolschewismus zielte.20 Räte zu gründen schien einer allgemeinen Mode zu entsprechen. Mit spöttischem Unterton notierte der Heidelberger Mediävist Karl Hampe am 14. November 1918 in seinem Tagebuch: „Man überbietet sich allenthalben in Gründungen von allen möglichen Räten: Bauernräte, Bürgerräte, geistige Räte, Kunsträte, Theaterräte. Die deutsche Vereinsmeierei ist in die Arme der Revolution geflüchtet!“21
Der Vorwurf, „russische Verhältnisse“ schaffen zu wollen, stand gleichwohl im Raum. Auch deshalb hob beispielsweise der Vorsitzende des Hamburger Arbeiter- und Soldatenrates Heinrich Laufenberg mehrfach hervor, wie sehr sich die deutsche von der russischen Situation unterschied. Er verband ein vages Rätewollen – dabei selbst in klarer Distanzierung zur Mehrheitssozialdemokratie – ausdrücklich mit der Ablehnung der „politischen Methode der Bolschewisten“, die in seinen Augen bisweilen terroristische Züge annehmen konnte. Solche „extremste Gruppen“, von denen er sprach und wie sie sich zum Teil innerhalb der deutschen sozialistischen Arbeiterschaft fanden, suchte er auf Distanz zu halten.22
Begonnen hatte die Aufstandsbewegung in den ersten Novembertagen als Militärstreik und Matrosenrevolte in Wilhelmshaven, dann bald verstärkt und durchdringend in Kiel. Harry Graf Kessler notierte am 7. November über die „Physiognomie der Revolution“ in seinem Tagebuch: „allmähliche Inbesitznahme, Ölfleck, durch die meuternden Matrosen von der Küste aus“.23 Das Bild, das diese oder eine ähnliche Metaphernsprache zeichnet, trifft es ganz gut. Und doch verweist es auf eine Frage, die von der Forschung weiter zu bearbeiten ist, nämlich wie sich von einem lokalen Aufstand ausgehend innerhalb kurzer Zeit eine weit ausgreifende, überwiegend friedlich sich darbietende Revolutionsdynamik entfalten konnte. Das betrifft Fragen nach der noch wenig ausgeschöpften Kommunikations- und Mediengeschichte der Revolution ebenso wie nach dem Akteur „der Massen“ an sich. Die Mobilisierung der Massen und die damit verbundenen Partizipationsansprüche harren noch der weiteren Untersuchung.24
Angeregt von den Ereignissen der Münchner Räteherrschaft veröffentlichte Ernst Toller sein Dramenwerk Masse Mensch über den Charakter der „sozialen Revolution des 20. Jahrhunderts“ und gab diesem Akteur damit bereits einen zeitgenössischen, ebenso politischen wie kunstvollen Ausdruck.25 Am 7. November 1918 wurden in Bayern Regierung wie Monarchie gestürzt, zugleich rief Kurt Eisner die Republik („Freistaat“) aus.26 Am 9. November schließlich erfasste die Revolution Berlin: Prinz Max machte an jenem Tag komprimierter Geschichte – ohne offizielle Autorisierung und wenige Stunden vor dem Entschluss Wilhelms II. – die Abdankungserklärung des Kaisers sowie des Kronprinzen öffentlich. Das Amt des Reichskanzlers übertrug er dem Führer der Mehrheitssozialdemokraten Friedrich Ebert. Von den Sozialdemokraten war im Vorfeld der Druck auf Kanzler und Kaiser, die Abdankung zu vollziehen, in ultimativer Weise erhöht worden. Auf Anraten der Obersten Heeresleitung flüchtete Wilhelm am 10. November nach Holland, unterzeichnete die Thronentsagung aber erst am 28. November.
Diesem formalen Vorgang kam keine entscheidende Bedeutung mehr zu, da die Durchbrechung der Normenkette in staatsrechtlicher Sicht bis dahin schon längst im Gange war. Spätestens die unmittelbare Übertragung der Reichskanzlerschaft von Prinz Max auf Friedrich Ebert stellte einen eklatanten Bruch mit der Reichsverfassung von 1871 dar. Diese „Diskontinuität der Rechtsordnung“, das betonte der Rechtshistoriker Horst Dreier, war in staatsrechtlicher Hinsicht nichts anderes als Revolution. Schließlich bedürfen „Revolutionen im juristischen Sinne“, das ergänzte er, „nicht unbedingt des Blutvergießens und des Schlachtenlärms, der Barrikadenkämpfe und der Volksstürme“.27 Vergleichbares gilt für den Systemwechsel-Ansatz.
Systemwechsel benötigen Symbole, gerade um längerfristig ihre Wirksamkeit zu entfalten. Philipp Scheidemann sorgte für eine besonders symbolträchtige Szene, als er, wenngleich zu Eberts Leidwesen, am 9. November 1918 nachmittags gegen zwei Uhr von einem Balkon des Reichstagsgebäudes die Republik ausrief.28 Mit seiner improvisierten Rede verdeutlichte Scheidemann zweierlei: erstens den Führungsanspruch der Mehrheitssozialdemokraten innerhalb der Revolution, zweitens die Auffassung, dass die Revolution aus Sicht seiner Partei bereits an ihr Ziel gelangt sei und es fortan um die parlamentarisch-demokratische Legitimierung und Festigung der neuen republikanischen Ordnung gehe. Spätestens war dieser Moment gekommen, als die Führer der Mehrheitssozialdemokratie „um der Wirkung auf die Massen willen“ – so ein berühmtes Wort Ernst Troeltschs – die Revolution, die sie an sich nicht wollten und die sie nicht in Gang gesetzt hatten, „adoptierten“.29 Sie hatten mit dem Vorwurf zu leben, „den Revolutionären die Revolution gestohlen“ zu haben, wie es Otto Wels später einmal aus einer Abwehrhaltung heraus während des Münchner „Dolchstoß“-Prozesses im Jahr 1925 ausdrücken sollte.30 Die Scheidemann-Rede verbreitete sich jedenfalls rasch über Mundpropaganda und entfaltete noch am Tage selbst eine deutliche Wirkung bei den demonstrierenden Arbeitern und Soldaten, die wenigstens kurzzeitig an die siegreich beendete Revolution glaubten.31 Dieses Signal wurde um so begieriger aufgegriffen, als nicht zuletzt unter den Soldaten nach vier Jahren Krieg der „Drang“ groß war, „ins normale Leben zurückzukehren“32 und „heim zu Muttern zu kommen“.33
Wie wenig nur die Republik auf einem stabilen Konsens der Überzeugungen begründet werden konnte, belegt schon – erneut vorrangig in symbolischer Weise – die Tatsache, dass rund zwei Stunden nach Scheidemann der bekennende Revolutionär und „Spartakist“ Karl Liebknecht im Lustgarten vor dem Schloss die „freie sozialistische Republik Deutschland“ verkündete.34 Er kürte sie zur Zwischenetappe auf dem Weg zur kommunistischen Weltrevolution. Selbst angesichts dieses weit ausgreifenden Machtanspruchs formierte sich im übrigen kein royalistischer Widerstand zum Erhalt der Monarchie. Es floss kaum Blut, der Revolution wohnte insofern – wie schon der Politikwissenschaftler Thomas Ellwein vor vielen Jahrzehnten bemerkte – eine „gewisse Liebenswürdigkeit“ inne: „In den meisten deutschen Ländern“, hieß es mit leicht süffisantem Unterton, „bemühte man sich sehr, die Gebote der Höflichkeit zu achten, Fürsten und Revolutionäre verkehrten in einer gewissen Resignation miteinander und in manchen Fällen sprachen die neuen Machthaber den abgedankten Monarchen ihren Dank aus.“35 Manch einem Beobachter unter den revolutionären Arbeitern behagte diese Gutmütigkeit nicht, einem erschienen die Novemberereignisse im Rückblick als „fast unblutig, vielleicht zu unblutig“.36 Der Kommentator der unabhängigsozialdemokratischen Chemnitzer Volkszeitung begrüßte dagegen am 16. November 1918 den unblutigen Charakter, der vielen älteren Revolutionen auch gut angestanden hätte: „Die gewaltigste soll zugleich auch die friedlichste und ordnungsgemäßeste Revolution sein.“37
Allgemein entbrannte gerade innerhalb des linken politischen Spektrums ein Streit über die künftige Gestaltung der neuen Ordnung. Ebert an der Spitze der Regierung wie der Mehrheitssozialdemokratie versprach die baldige Einberufung einer verfassunggebenden Nationalversammlung. Es galt, wie immer geartete Räte-Experimente und erst recht eine Revolution bolschewistischen Typs in Deutschland zu vereiteln.38 „Bolschewismus“ war eine vielfach vernehmbare Leitvokabel in zeitgenössischen Texten 1918/19. So wenig damals eine tatsächliche Bolschewisierung drohte, ist der Begriff als Erfahrungs- und Wahrnehmungskategorie doch von großer Bedeutung.39 Selbst der „rote Graf“ Kessler hielt am 5. Januar 1919 in seinem Tagebuch fest: „Die Welle des Bolschewismus, die von Osten kommt, hat etwas von der Überflutung durch Mohammed im siebenten Jahrhundert. Fanatismus und Waffen im Dienste einer unklaren neuen Hoffnung, der weithin nur Trümmer alter Weltanschauungen entgegenstehen. Die Fahne des Propheten weht auch vor Lenins Heeren.“40 Der deutsche Lenin hieß Liebknecht, und um ihn rankte sich bald der Mythos eines mächtigen Hohepriesters der Revolution, der in keinem Verhältnis zu seiner realen Machtposition stand.41
Die Spaltung der sozialdemokratischen Partei im Verlauf des Ersten Weltkriegs hat in unumkehrbarer Weise den Boden für die Auseinandersetzungen während der Revolutionstage bereitet. Heinrich August Winkler nannte die Spaltung der Arbeiterbewegung, so paradox dies anmutete, sowohl eine gravierende „Vorbelastung“ als auch eine entscheidende „Vorbedingung“ der ersten deutschen Demokratie42; letzteres deswegen, weil das innerlinke Schisma erst die Voraussetzung für eine Übereinkunft zwischen gemäßigt sozialdemokratischen und liberal-bürgerlichen Kräften geschaffen habe. Dabei ist zu ergänzen, dass es zu einfach wäre, das Lager der Linken nach einem binären Schema zu scheiden. In den Blick geraten müssten mindestens vier unterschiedlich starke, sich teilweise überschneidende Kraftzentren, nämlich MSPD und USPD, die beide wiederum ein breites Spektrum in den eigenen Reihen aufwiesen, „Spartakus“ und diverse linksradikale Gruppierungen, die an der Jahreswende 1918/19 die KPD begründeten,43 sowie die Revolutionären Obleute.44
Es fiel schon den Zeitgenossen nicht leicht, zu einem gerechten Urteil über diese verschiedenen Aktivisten-Gruppen zu gelangen. Für Käthe Kollwitz galt es zu bedenken, dass es neben den Matrosen und Soldaten (deren politische Positionierung kaum auf einen Nenner zu bringen war) die links der Mehrheitssozialdemokratie stehenden Aufständischen waren – ob innerhalb der Gruppe der Unabhängigen, der Revolutionären Obleute oder im Spartakusbund –, die den Umbruch und das unwiederbringliche Ende des Kaiserreichs forciert hatten. Für manchen Beobachter war es deshalb schwer, sich eindeutig auf eine Seite zu stellen. Die allgemein mit pazifistischen und sozialistischen Positionen liebäugelnde Künstlerin fühlte sich bei dem Versuch einer gerechten Würdigung hin- und hergerissen. Letztlich findet sich am 8. Dezember 1918 in ihrem Tagebuch ein versöhnliches Urteil notiert:
„Eben sage ich mir noch, wenn Wahl zwischen Diktatur Ebert und Diktatur Liebknecht, ich bestimmt Ebert wählen würde. Auf einmal aber fällt mir ein, was die eigentlich Revolutionären doch geleistet haben. Ohne diesen steten Druck von links hätten wir auch keine Revolution gehabt, hätten wir den ganzen Militarismus nicht abgeworfen. Die Mehrheitspartei hätte uns davon nicht erlöst. Sie wollte immer nur evolutionieren. Und die Konsequenten, die Unabhängigen, die Spartakusleute sind auch jetzt wieder die Pioniere. Sie drängen immer vorwärts, wie es auch liegt. Auch wenn es Blödsinn ist, auch wenn Deutschland darüber kaputt geht. Man wird sie jetzt knebeln müssen um aus dem Chaos herauszukommen und es besteht ein gewisses Recht dazu. Sieger werden voraussichtlich die Gemäßigten bleiben. Ich selbst würde es wünschen. Nur darf man nicht vergessen, daß die zu Knebelnden das eigentlich revolutionäre Ferment sind, ohne die wir überhaupt keine Umwälzung gehabt hätten. Daß es tapfere Menschen sind, die ohne weiteres sich Maschinengewehren aussetzen, daß es hungernde entrechtete Leute sind, die immer zu kurz gekommen sind. Daß es vor allem Leute sind, die, hätten sie damals schon die Macht von heute gehabt, den Krieg verhindert hätten. Kurz und gut, es sind die Leute des revolutionären Prinzips, dem sie mit Unentwegtheit anhängen. Natürlich haben sie faktisch Unrecht. Faktisch muß man mit den Mehrheitssozialisten gehen. Es sei denn, daß einem der gänzliche Zusammenbruch Deutschlands ganz schnuppe ist.“45
Die Mehrheitssozialdemokratie pochte auf Kontinuität im Wandel und geordnete, parlamentarisch-demokratisch legitimierte Transformationswege. Die erfolgreiche Einberufung einer verfassunggebenden Nationalversammlung blieb daher zunächst das vorrangige Ziel. Ausschließlich dort sollten die Grundentscheidungen zur künftigen Ausgestaltung von Staat und Gesellschaft erfolgen. Der erste Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands, der vom 16. bis 21. Dezember 1918 zusammentrat, stimmte schließlich mit großer Mehrheit der Forderung nach Wahlen zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 zu. Aus staatsrechtlicher und demokratietheoretischer Perspektive spricht einiges dafür, die Sozialdemokratie für ihr Verantwortungsbewusstsein und ihr unbeirrtes Festhalten am Ziel der parlamentarischen Demokratie zu loben. Darin sind Weichenstellungen ganz grundsätzlicher Natur zu erkennen, die durch Eberts eigenes Wort von der Konkursverwaltung in keiner Weise angemessen eingefangen werden.46
Und doch erscheint das Vorgehen der Sozialdemokratie in mancher Hinsicht als allzu vorsichtig. So haben die Furcht vor dem Chaos und ihr Beharren auf Verwaltungskontinuität, überhaupt ein „starres, institutionenfixiertes Denken“47 insbesondere den alten Verwaltungs- und Militärapparat in einem Maße verschont, das nicht notwendig gewesen wäre. Andererseits lässt sich die kontrafaktische Frage nicht eindeutig beantworten, ob ein stärkerer Elitenaustausch nicht ein ebenfalls erhebliches Desintegrationspotenzial mit sich gebracht hätte. Viele Aufständische empfanden die erste Phase der Revolution aufgrund eines unzureichenden Wechsels der Herrschaftseliten und geringer sozioökonomischer Wandlungen jedenfalls als eine „Zeit der Enttäuschungen“, wie es Detlev Peukert einmal pointiert zusammenfasste.48 Dies rief Sehnsüchte nach einer „zweiten Revolution“ wach.49
Noch im Dezember 1918 verdichteten sich die Signale einer fortan zunehmend von Dissens und Gewalt geprägten Revolution. Die Mitglieder der USPD im Rat der Volksbeauftragten schieden Ende Dezember 1918 wegen schwerwiegender Meinungsverschiedenheiten und veranlasst durch den Militäreinsatz gegen die „Volksmarinedivision“ an Weihnachten aus der Regierung.50 Nach der Entlassung des Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn, einem linken USPD-Mann, brachen neue Massenproteste aus. Bald forderten der Berliner USPD-Vorstand, Liebknecht und Teile der KPD-Führung, aber auch die Revolutionären Obleute in ihrer Proklamation zum Generalstreik während der ersten Januartage dazu auf, die rein mehrheitssozialdemokratische Regierung Ebert-Scheidemann zu stürzen – sogar: sie „ins Zuchthaus, aufs Schafott“ zu schaffen.51 Die Volksbeauftragten, nun mit dem in Kesslers Worten „schnurrbartschnauzenden“ Noske52 in ihren Reihen, trieben ihrerseits den Verbalradikalismus voran. Und mehr als das: Sie zeigten sich entschlossen, diese Januaraufstände, die sich in den Geschichtsbüchern gelegentlich noch unter dem so nicht zutreffenden Rubrum „Spartakusaufstand“ eingetragen finden, gewaltsam niederzuschlagen. Entschiedener Widerstand war notwendig, die ausgeübte Gewalt im Verbund mit aggressiven Freikorps-Verbänden, die am 15. Januar 1919 Liebknecht und Luxemburg ermordeten, keineswegs. Diese Vorgänge trugen zur Eskalation der Gewalt im Frühjahr 1919 bei und versetzten Deutschland in einen bürgerkriegsähnlichen Zustand. Die sich radikalisierende Massenbewegung geriet in zunehmenden Gegensatz zur Reichsregierung, die zur Sicherung ihrer Autorität von nun an verstärkt auf militärische Mittel angewiesen war und sich dabei in der „Stunde der Abrechnung“ – von der fataler Weise die Rede war – mit skrupellosen Freikorps-Verbänden verbündete, ohne sie wirklich bändigen zu können.53
Dies ist deutlich kritikwürdiger als der sagenumwobene Ebert-Groener-Pakt. Ebert hatte am 10. November 1918 mit Generalquartiermeister Groener telefonisch eine Absprache über die Loyalität des Militärs gegenüber der neuen Regierung getroffen. Dieses Agreement war nachvollziehbar und folgte einem rationalen Kalkül, nämlich die neu gewonnene politische Machtbastion in einer völlig ungewissen Anfangsphase notfalls militärisch sichern zu können. Ähnliches gilt für Eberts Agieren am 10. Dezember 1918, als er die heimkehrenden Truppen mit den Worten „Kein Feind hat Euch überwunden“ begrüßte, was – einer kritischen Auslegung zufolge – dazu beitrug, die Dolchstoßthese „in den Köpfen zu verankern“.54 In weniger düsterem Licht sieht Ebert dagegen, wer in dessen Worten ein Angebot an das Feldheer sieht, sich in das neue politische System zu integrieren. Das Bild hellt sich noch weiter auf, sobald man nicht nur den berühmten Halbsatz zitiert, sondern auch die weiteren Ausführungen berücksichtigt. Keinen Zweifel lässt der Volksbeauftragte nämlich an der „Übermacht der Gegner an Menschen und Material“ als Ursache für die Kriegsniederlage aufkommen. Und in seiner Eröffnungsrede zur Nationalversammlung am 6. Februar 1919 hob er nochmal unzweideutig heraus: „Wir haben den Krieg verloren. Diese Tatsache ist keine Folge der Revolution.“55
Die Interpretation der Militärpolitik der Revolutionsregierung gehört weiterhin zu den herausgehobenen Streitfragen rund um die Umbrüche von 1918/19. Selbst wer das militärische Vorgehen Anfang 1919 als „Politik der Stärke“ rubriziert und für „unausweichlich“ hält, muss die falsche Wahl der „Bundesgenossen“ konzedieren.56 Mark Jones beschreibt die Gründungsgewalt und ihre öffentliche Legitimierung seitens der Regierung als einen fatalen, stilbildenden Prozess und als eine wesentliche Belastung für die Weimarer Republik, die den Weg ins „Dritte Reich“ und den „von ihm angerichteten Horror“ begünstigt habe.57 Auch wer eine solche historische Linienziehung ablehnt, kann nicht übersehen, in welch hohem Maße sich das Militär Eigenständigkeit bewahrte und als Staat im Staate fühlen konnte. Dies sollte sich während des Kapp-Putsches zeigen und gipfelte gegen Ende der Republik in den Querfront-Ambitionen eines Generals Kurt von Schleicher.58 Die ausgebliebene Schaffung einer schlagkräftigen republikanisch-loyalen „Volkswehr“ präsentiert sich vor diesem Hintergrund als ein entscheidendes Versäumnis, ja als „katastrophaler Fehler“ und das „große Übel“ der Revolution, wie sie von den führenden Mehrheitssozialdemokraten betrieben worden sei. Hier wurde für Joachim Käppner die Chance verpasst, dem Militarismus in Deutschland einen mächtigen Dämpfer zu verpassen.59
Aus diesem Blickwinkel besaß die gewaltsame Phase der Revolution in den ersten Monaten des Jahres 1919 samt einer fehlgeleiteten Militärpolitik, die es verpasste, „der Freiheit Waffen zu geben“60, eine anhaltende Prägekraft. Aus der politischen Systemwechsel-Perspektive, die Veränderungen des Regierungssystems in den Mittelpunkt stellt, erscheint dagegen die erste Phase der Revolution mit strukturbildenden Entscheidungen im November und Dezember 1918 gleichwohl von erheblicher formgebender Kraft.61 Ungeachtet der Versäumnisse der ersten Revolutionsperiode sind über diese politischen Transformationsleistungen hinaus wenigstens segmentäre soziale Reformen zu erwähnen wie das Stinnes-Legien-Abkommen vom 15. November samt Einführung des Acht-Stunden-Tags.62 Die getroffenen Regelungen waren zugleich ein zentraler Schritt auf dem Weg zur Sozialpartnerschaft in Deutschland.63 Dies sind Indizien dafür, wie wenig sich die Sozialdemokratie bei aller Ablehnung einer weit ausgreifenden sozialen Revolution (denn nur diese hasste Ebert wie die Sünde64) mit dem Erreichen einer liberalen Demokratie zufriedengeben wollte. Sie dachte darüber hinaus über die Ausgestaltung einer sozialen Demokratie konkret nach.
In der linken Arbeiterschaft wuchs dagegen ein Gefühl der Frustration. Vielerorts und insbesondere in den industriellen Zentren kam es zu General- und Massenstreiks, in Bremen und in München gründeten sich Räterepubliken. Nicht vor Mai 1919 beruhigte sich mit der Niederschlagung der zweiten Münchner Räterepublik vorerst die politische Lage, wobei die unheilvolle Dynamik aus „rotem“ und vor allem „weißem Terror“, der an Härte und Erbarmungslosigkeit kaum zu überbieten war, nicht nur hohe Opferzahlen hervorbrachte, sondern auch tiefe Furchen in die politische Kultur der jungen Republik zog. Attentate und Putschversuche belasteten sie bis ins Jahr 1923 weiterhin akut. Mit der ausgeprägten paramilitärischen Gewalt des Nachkriegs gegen nunmehr sogenannte „innere Feinde“ gingen zwischen 1919 und 1922 mehrere hundert politische, von Rechtsterroristen verübte Morde einher.65
Aber nochmals zurück in der Chronologie: Bei den Wahlen zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 – erstmals in der deutschen Geschichte unter Beteiligung von Frauen – hatten die Parteien der „Weimarer Koalition“ (MSPD, Zentrum und DDP) immerhin mehr als drei Viertel der Stimmen auf sich vereinigt. Auch wenn diese Koalition bekanntlich 1920 wieder zerbrach, gab sie doch einer breiten Mehrheit im gemäßigt linken und bürgerlich-liberalen Spektrum Ausdruck. Schließlich konnte die USPD bei den Wahlen nur 7,6 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen, während die MSPD 37,9 Prozent, die Deutsche Demokratische Partei 18,5 und das Zentrum 19,7 Prozent erzielten. Diese Kräfteverhältnisse gilt es in Rechnung zu stellen, wenn man im Bruch der MSPD-USPD-Allianz einen besonders verhängnisvollen Vorgang sieht. Eine gewisse Fixierung der Revolutionsforschung auf Gruppierungen der Arbeiterbewegung im weitesten Sinne geht mit einer vergleichsweise randständigen Berücksichtigung anderer politischer Lager und Milieus in jener Zeit einher, ohne die sich jedoch kein adäquates Stimmungsbild dieser Wendezeit einfangen lässt.66
Mit der Unterzeichnung des Versailler Vertrags am 28. Juni sowie mit der Verabschiedung der Weimarer Reichsverfassung am 31. Juli 1919 im Parlament sind schließlich die äußeren und inneren Rahmenbedingungen – es ließe sich auch von den zwei Grundgesetzen der Republik sprechen – für die weitere Entwicklung der ersten deutschen Demokratie fixiert worden. Die wesentlich vom liberalen Staatsrechtslehrer Hugo Preuß entworfene Weimarer Verfassung konstituierte das Reich als parlamentarische Republik. Auch das Verfassungswerk war von Anfang an umstritten: „In manchen juristischen Kollegien wird gescharrt, wenn das Wort ‚Reichsverfassung‘ fällt“, hielt Ernst Troeltsch bereits im Januar 1920 fest.67 Vor allem aber sollte es sich mit der Zeit herausstellen, wie sehr Verfassungstheorie und Verfassungswirklichkeit auseinanderklaffen konnten. Die Parteien der Weimarer Republik taten sich schwer damit, die zentrale Konfliktlinie eines parlamentarischen Systems, die zwischen Regierungsmehrheit und oppositioneller Minderheit verläuft, zu verinnerlichen. Vielmehr klammerten sie sich an die alte Trennlinie der konstitutionellen Monarchie – zwischen der Regierung auf der einen Seite und dem Reichstag auf der anderen.
Der Systemwechsel war mithin vollzogen, ohne dass damit die Funktionslogik des neuen parlamentarisch-demokratischen Modus sogleich verinnerlicht worden wäre. Dies bedurfte der Zeit und eines Lernprozesses, der zwischenzeitlich durchaus erkennbare Fortschritte verzeichnete.68 Dies mag auch erklären helfen, weshalb in Deutschland – anders als in Italien – die Demokratie ungeachtet der schwerwiegenden Krisen bis in den Herbst 1923 hinein eine ganze Weile bestehen blieb. Und sicherlich ist es gerechtfertigt, ihrer weiteren Erprobung in Deutschland frei von einem pessimistischen Narrativ einige Aufmerksamkeit zu schenken. Gegen die These vom unwiderstehlichen Sog des Autoritär-Totalitären während der Zwischenkriegszeit, worin der Demokratieentwicklung wenig Eigenständigkeit, sondern vielmehr ein eher reaktiver Überlebenskampf als Grundmotiv zugewiesen wird,69 stehen solche Initiativen, die die Demokratie als Idee wie Handlungskategorie in den Mittelpunkt rücken. Sie sei die „fragile Normalität“ gewesen, die in eine „Hegemoniekrise“ geraten konnte und, vor allem ab der Weltwirtschaftskrise in den Jahren ab 1929, auch geriet.70 Es gilt mithin, die Weimarer Demokratie wie die Demokratien der Zwischenkriegszeit allgemein erst noch zu historisieren: jenseits von statischen Typologien und deterministischen Verfallstheorien. Ein solches Bestreben, das sei an dieser Stelle betont, lässt sich gut mit der Systemwechsel-Perspektive wie mit dem erfahrungsgeschichtlichen Ansatz einer Subjektivierung der Wahrnehmungswelten kombinieren.
III. Bilanz eines erfolgreichen, aber vielgestaltigen und widersprüchlichen Systemwechsels
Von Anfang an blieb der Systemwechsel von 1918/19 eine ungeliebte Revolution. Es ist daher im Grunde erstaunlich, dass eine Revolution, die von allen politischen Richtungen – wenn auch aus ganz unterschiedlichen Motiven – abgelehnt wurde, letztlich insoweit erfolgreich war, als es ihr gelang, Deutschland erstmals in eine parlamentarische Demokratie zu verwandeln. In struktureller, institutioneller und kategorialer Hinsicht waren dies beträchtliche Errungenschaften. Aus zeitgenössisch-gesellschaftlicher Perspektive sollte sich aber bitter rächen, dass mit den politischen Umbrüchen kein legitimierender, kraftvoller Gründungsmythos, sondern vielmehr ein gehöriges Maß an hartnäckiger Dissensstiftung verbunden war.
Schon ein Jahr nach der Revolution notierte der einst so euphorisierte Theodor Wolff nüchtern: „Aber man sollte sich auch klar darüber werden, daß doch eigentlich erst die Revolution, so getrübt ihre Sonne auch aufging, dem deutschen Volke die Rechte und die schweren Pflichten mündiger Nationen gesichert hat. Das sollte man zugeben, auch wenn man ihr den festlichen Erinnerungskranz versagt.“71 Eine spätere erinnerungspolitische Wende – wie im Falle anderer erfolgreicher Revolutionen – trat im Übrigen nicht ein. An sich ist es nämlich mit Blick auf Systemwechsel allgemein keineswegs ungewöhnlich, dass auf die Euphorie des Anfangs Phasen der „Ermüdung und Enttäuschung“72, der Skepsis und Distanz folgen, in denen strukturelle wirtschaftliche, soziale und soziokulturelle Blockaden erkannt und in den Mittelpunkt gestellt werden. Doch während der Weimarer Jahre verstärkte sich der Kampf um die Symbole und den richtigen nationalen Feiermodus eher noch.73
Wie fällt nun die Bilanz zu den vielförmigen und vieldeutigen Vorgängen des langen November 1918 aus der Perspektive des politischen Systemwechsels aus? Die tieferen Ursachen für das Ende der alten politischen Ordnung lagen in zahlreichen Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten des deutschen Kaiserreichs begründet, die unter dem Druck des Ersten Weltkriegs in eine Systemkrise führten. Mit Blick auf seine Verlaufsformen entspricht dieser Systemwechsel einem stark gemischten Typus. Es lassen sich Ansätze für eine evolutionäre Demokratisierung finden, berücksichtigt man das allgemeine Wahlrecht, Vorgänge einer schleichenden Parlamentarisierung und vielfältige rechts- und verfassungsstaatliche Strukturen, aber auch industriegesellschaftliche Kontinuitäten seit dem Kaiserreich, auf die besonders früh und energisch schon Eduard Bernstein und dann Richard Löwenthal mit seiner Formel vom „Anti-Chaos-Reflex“ hingewiesen hatten.74
Es lassen sich ebenso Argumente für einen von den alten Regimeeliten gelenkten Systemwechsel finden, berücksichtigt man das Engagement der Obersten Heeresleitung, aber auch das hohe Maß an Kontinuität zwischen dem Parteiensystem des Kaiserreichs und der Weimarer Republik, das in der Arbeit des Interfraktionellen Ausschusses deutlichen Ausdruck fand. Wer nicht von einer „Lenkung“ sprechen will, muss zumindest ausgeprägte Züge eines zwischen alten und neuen Eliten ausgehandelten Systemwechsels in Rechnung stellen. Und doch gestaltete sich die „heiße“ revolutionäre Phase im November 1918 als ein von unten forcierter Systemwechsel, der sich erst aufgrund des Regime-Kollapses und der aus massiver Erschöpfung geborenen Friedenssehnsucht am Ende des Ersten Weltkriegs entfalten konnte. Diese Melange der Ursachen und Verlaufsformen verweist auf einen Mangel an Eindeutigkeit, der die weitere Transformation hin zu einer funktionierenden Demokratie belastete, aber keineswegs von vornherein zum Scheitern verurteilte.
Die Transition in institutioneller, verfassungsrechtlicher sowie politisch-ideologischer Hinsicht verlief unterschiedlich erfolgreich. Die ersten beiden Komponenten wurden von der Weimarer Republik durchaus erfüllt, und dies sollte nicht gering geschätzt werden, indem man eine überhöhte normative Erwartungshaltung an jene frühe Phase der Revolution und eine junge, im Grunde unerfahrene Regierung unter titanischem Problemdruck anlegt. Mit diesem fragwürdigen Richtmaß ging bald eine Aberkennung des Ehrentitels „Revolution“ einher. Die „wirkliche“ Revolution galt vielmehr gerade unter „freischwebenden“ Intellektuellen als noch anzustrebender Sehnsuchtsort. Zeitgenössische Stimmen aus dem rechts- wie linksintellektuellen Milieu lassen sich für diese skeptische Sichtweise zum Beleg leicht anführen. Autoren wie Spengler oder Moeller van den Bruck setzten auf eine „konservative Revolution“ und einen „preußischen“ oder „deutschen Sozialismus“,75 während ein Autor wie Kurt Tucholsky mit viel Wortwitz das Auseinandertriften von „Ideal und Wirklichkeit“ der neu geschaffenen politischen Ordnung beklagte und hartnäckig in Frage stellte, dass überhaupt eine Revolution stattgefunden hatte.76
So unterschiedlich die Motive waren, waren sich rechte wie linke Kritiker doch nicht nur in der Missbilligung der tatsächlichen Revolution von 1918/19 einig, sondern sie erweiterten diese Kritik um ein Verlangen nach Revolution an sich. Dies gab gleichsam einer doppelten Verschiebung der Revolution Ausdruck: hier als noch nachzuholend in der Zukunft und in gewisser Weise als Vollendung der Novemberrevolution gedacht, dort unter völlig gewandelten Vorzeichen als „konservative“ oder „nationale Revolution“ gefordert, dabei nicht zuletzt von Nationalsozialisten in diametralen Gegensatz zur Novemberrevolution gesetzt. Dies deutet bereits darauf hin, dass die Verwirklichung des weiteren Systemwechsel-Aspekts letztlich misslang oder wenigstens steckenblieb: nämlich die Etablierung einer der parlamentarischen Demokratie aus Überzeugung gewogenen politischen Deutungskultur, wodurch erst der längerfristige Erfolg einer gesamtstaatlichen Demokratisierung im Übergang von einem autoritären zu einem demokratischen politischen System ermöglicht wird. Früh erkannte im Übrigen Ernst Troeltsch, wie wichtig neben der parlamentarisch-demokratischen Staats- und Institutionenordnung die Herausbildung einer „geistigen Revolution“ und einer auf liberalen Werthaltungen beruhenden öffentlichen Meinung sei.77 Durch sie gelinge es erst – so die mit dem Systemwechsel-Ansatz übereinstimmende Einsicht –, Demokratien krisenfest gegen autoritäre Kehrtwenden zu machen. Der politisch-ideologische Wandel verlief nicht dergestalt, dass damit eine breite Akzeptanz der neuen Ordnung, ihrer Prozeduren, Spielregeln und normativen Grundlagen einhergegangen wäre. Eine „zivilgesellschaftliche“ politische Kultur als beste Immunabwehr gegen Systemkrisen in der Demokratie bildete sich nur ungenügend aus. Es mangelte aber nicht von vornherein und allerorten an Versuchen dazu.
IV. Erfahrungsgeschichtliche Sichtweisen aus einer vergangenen Zukunft
Um diese zu erfassen, ist das weitere Hineinhören in zeitgenössische, prinzipiell ergebnisoffene Selbstverständigungsdiskurse wichtig. Eine solche Revolutionsbetrachtung fasst die turbulente Phase des Übergangs 1918/19 als eine Orientierungskrise auf, die zu einer Vielzahl von Gegenwartsdiagnosen und zeitgenössischen Kommentaren herausforderte. In seiner ebenso konzisen wie ausgezeichneten Revolutionsgeschichte aus dem Jahr 2009 bemerkte Volker Ullrich zu Recht: „Die Historiker haben solchen zeitgenössischen Berichten aus der Umbruchzeit bislang zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.“78
Die Erwartungen, Erfahrungen und Vorstellungswelten der historischen Akteure – die „Kronzeugen“ dieses Textes von Kessler über Kollwitz zu Troeltsch und Wolff dienten als punktuelle Belege – besaßen historische Prägekraft. Es war eben mit den Worten des großen Bielefelder Begriffshistorikers Reinhart Koselleck zunächst die „vergangene Zukunft“ der damaligen Zeitgenossen.79 Jene Zeitspanne, als in Deutschland Revolution war, präsentiert sich dann als eine Phase aufregender, ungewisser Entwicklung, die auch Paradoxien zu erfassen vermag, wie sie sich etwa im Verhältnis zwischen Alltagswelt und politischer Gewalt auftaten.
Nur kurze Zeit nach den Unruhen des Januars wunderte sich Troeltsch beispielsweise, mit wieviel Gleichmut das Berliner Großstadtleben trotz blutiger Kämpfe und omnipräsentem Gewehrfeuer voranschritt: Not und Unsicherheit herrschten, notierte er ein wenig konsterniert, und doch spielten die Theater unverdrossen weiter und wurde allerorten getanzt.80 Nur zwei Tage nach der Ermordung Luxemburgs und Liebknechts machte Harry Graf Kessler ganz ähnliche Beobachtungen. Er verglich Berlin, so ist seinem Tagebuch vom 17. Januar 1919 zu entnehmen, mit einem Elefanten, der mit dem Taschenmesser gestochen wurde, sich kurz schüttelte, um schließlich unbeeindruckt weiterzumarschieren.81
Die Revolution im Speziellen und Weimar im Allgemeinen nicht quasi-pathologisch zu untersuchen, sondern als offene historische Situation voller Lebendigkeit und Risiken gleichermaßen, die von den Zeitgenossen verlangte, Widersprüche und Widrigkeiten auszuhalten, könnte uns helfen in Zeiten, die selbst vom Gefühl neuer Krisenhaftigkeit gekennzeichnet sind. Das Zeitklima unserer Gegenwart kommt der Wiederentdeckung der Revolution von 1918/19 in jedem Fall zugute, sollte uns aber nicht dazu verführen, simple Analogien zu ziehen und allerorten Wiederholungsszenarien von Weimarer Verhältnissen zu erkennen.82
Unsere Aufmerksamkeit für 1918/19 als zentrale, zukunftsweisende Zäsur, die nicht nur im Schatten von 1914, 1917 und 1933 stehen sollte, mag dies indes nicht schmälern. Diese Jahreswende erlebte – ein letztes Mal in Troeltschs Worten – die „erste durchdringende Revolution großen Stils in Deutschland überhaupt,“83 weil mit ihr ungeachtet aller Mängel und Versäumnisse ein politischer Systemwechsel hin zu einer modernen demokratischen Staatsform vollzogen wurde. In der langen Perspektive signalisierte dieser – wie wir heute wissen – also eher einen Anfang als ein Ende.84 Um allerdings nicht zum Schluss in den Jubel eines überhöhten Demokratiebegründungsnarrativs zu verfallen, ist das erfahrungsgeschichtliche Korrektiv der Subjektivierung nochmals hochzuhalten. Dann entgehen wir der Gefahr, Geschichte vom Ziel her – ob des Scheiterns oder der Ankunft – zu schreiben. Der zeitgenössische Blick verkürzt die Sichtweite, hält die Geschichte offen und unruhig. Davon können nicht zuletzt auch wir berufsbedingt zur nachträglichen Besserwisserei neigenden Historiker einiges lernen.
2.
Zum historischen Ort der deutschen Revolution von 1918/19
Ein Wendepunkt in der Gewaltgeschichte?
I. Einleitung: eine Revolution zwischen Debatte, Desinteresse – und neuer Deutung?
Jahrzehntelang war es in der öffentlichen Erinnerung still geworden rund um das Thema der Novemberrevolution, und auch die Forschung über die Umbrüche von 1918/19 schien ins Stocken geraten zu sein. Eine Erklärung für diese Aufmerksamkeitsflaute bot der Spiegel anlässlich des Hundertjahresjubiläums der Ereignisse im Herbst 2018: die Scheu der Deutschen vor Revolutionen ganz allgemein. Sie litten an einer regelrechten Revolutionsaversion. Das Hamburger Wochenmagazin setzte dieses Thema an prominente Stelle und widmete ihm die Titelgeschichte „Revolution. Warum die Deutschen so oft scheitern“.1 In gewisser Weise knüpfte es damit an eine Würdigung an, die Joachim C. Fest schon fünfzig Jahre zuvor an derselben Stelle in einem ebenfalls sehr grundsätzlichen Bericht über die revolutionären Misserfolge der Deutschen formuliert hatte: „Das deutsche Gedächtnis kennt weder geköpfte Könige noch erschlagene Gauleiter, keine Straßenschlachten, keinen Bastillesturm oder siegreich durchgestandenen Verfassungskonflikt. Eher geniert bewahrt es die Erinnerung an einige halbherzige Erhebungen und einen selbstquälerisch wankelmütigen Widerstand, alles in Jammer und Bitternis endend. Nicht einmal der Rückblick auf große Niederlagen ist ihm vergönnt, es kennt nur den Katzenjammer kläglichen Scheiterns.“2
Gerade im Epochenjahr 1968 präsentierte sich die Streitgeschichte rund um die seit jeher „umkämpfte Revolution“ von 1918/19 besonders vital.3 Das historische Szenario traf im Verlauf der dynamischen 1960er Jahre auf ein gewandeltes Meinungsklima, das Räteideen und der Suche nach Alternativen zwischen den großen gesellschaftlich-politischen Systemblöcken bis in die 1970er Jahre hinein eine vermehrte Aufmerksamkeit sichern sollte. Der „Republikanische Club Westberlin“, der führende Köpfe der Außerparlamentarischen Opposition versammelte, beschäftigte sich besonders intensiv mit der „revolutionären Situation 1918“ und erörterte die Möglichkeit, ein halbes Jahrhundert später daran anzuknüpfen. Es galt, so hieß es damals, die „Ausgangslage der Novemberrevolution“ genau zu studieren, um daraus Lehren für eine erneut in Aufruhr geratene Gegenwart zu ziehen und nicht „alle grundlegenden strategischen und konzeptionellen Fragen kurzfristigen Tagesstrategien unterzuordnen oder ganz zu opfern“.4 Dieses Bestreben fügte sich 1968 gut in die „Winterkampagne“ des Clubs ein: „50 Jahre Konterrevolution sind genug“.5 Ernst Fraenkel, der große Pluralismus-Theoretiker und nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil an der Freien Universität Berlin lehrende Politikwissenschaftler, war angesichts solcher Tendenzen beunruhigt und warnte vor einem neuen „Rätemythos“ – auch deswegen, weil er wieder in Mode geratenen Ideen eines Dritten Wegs zwischen Kapitalismus und Kommunismus und einer alternativen sozialistischen Demokratie nichts abgewinnen konnte, sie sogar für demokratiegefährdend hielt.6
Wie wir wissen – dies mochte auch Fraenkels Sorge um den Bestand des westlich-pluralistischen Demokratiemodells abmildern – blieb es bei Gedankenspielen. Sie fügten sich in die Debatte rund um die Novemberrevolution, wie sie bis in die 1980er Jahre hinein geführt wurde: als Geschichte im Optativ. Mehr Demokratisierung und weniger verpasste Chancen seien in einer Zeit möglich gewesen, als führende Politiker ihre Handlungsmöglichkeiten nur unzureichend genutzt hätten, so lautete eine der regelmäßig vorgetragenen Thesen.7 Zudem gelangte der Verratsvorwurf gegenüber der Mehrheitssozialdemokratie zu großer Prominenz, verfocht diese These publikumswirksam doch der wortgewandte, geschickt argumentierende historische Publizist Sebastian Haffner. Sein 1969 erstmals erschienenes Buch Die verratene Revolution, das sich zu einem Langzeitbestseller (später unter dem nicht mehr thesenhaften, einen nüchternen Tatsachenbericht suggerierenden Titel Die Deutsche Revolution 1918/19) entwickelte, war eine fulminante Abrechnung mit Friedrich Ebert und den führenden Mehrheitssozialdemokraten, die – statt sie zum Erfolg zu führen – die Revolution niedergeschlagen hätten.8
Der Streit über den historischen Ort der Novemberrevolution orientierte sich zunehmend weniger an neuen Quellen und Erkenntnissen als an miteinander konkurrierenden normativen Grundannahmen. Zu dieser Form des historischen Wunschkonzerts bemerkte Conan Fischer später leicht süffisant, es sei 1918/19 vor allem nicht jene Revolution gewesen, die sich nachgeborene Historiker gewünscht hätten.9 Bald jedoch waren auch solche Wunschvorstellungen kaum noch vernehmbar. Über die Novemberrevolution wurde nicht länger gestritten. Im Laufe der 1980er Jahre verlor das Thema an Bedeutung, weder die breite Öffentlichkeit noch die Historiker schienen sich fortan dafür zu interessieren. Angesichts der Nichtpräsenz zu ihrem 90. Jubiläum im Jahr 2008 mochte es sogar angebracht erscheinen, in ihr eine „vergessene Revolution“ zu erkennen.10
Dieses Desinteresse an einem über Jahrzehnte hinweg geschichtspolitisch polarisierenden Thema ist nicht leicht zu erklären. Ein Grund dürfte in der Entwicklung der Bundesrepublik selbst auszumachen sein. Die während der ausgedehnten Nachkriegszeit vorherrschende Sorge darüber, wie stabil das neue Staatswesen sein werde, schwand allmählich. Die Bundesrepublik verabschiedete sich im Laufe der 1980er Jahre von ihrem Provisoriumscharakter und damit auch von „Weimar“ als Gegenwartsargument mit identitätsstiftender Kraft.11 An diesem Trend änderte nicht einmal die friedliche Revolution von 1989 etwas Grundlegendes. Anders als man hätte erwarten können, belebte diese neue Novemberrevolution nicht das Interesse an der alten Novemberrevolution. Es traf sogar das Gegenteil zu, zumal bei jenen, die im Wandel von 1989/90 nur eine „nachholende Revolution“12 erkannten und damit eher einen End- als einen Anfangszustand begrifflich fassten. Dies korrespondierte mit der viel zitierten Annahme, es sei nunmehr ein „Ende der Geschichte“13 erreicht. In der Konsequenz gerieten Revolutionen schlechthin aus der Mode.
Seit einigen Jahren wandelt sich dieser Trend und die Beachtung der Novemberrevolution von 1918/19 nimmt wieder zu. Das liegt zum einen an dem mächtigen Sog einer Hundertjahrfeier, zum anderen an gewandelten Zeitläuften. Aufgrund aktueller zeitdiagnostischer Impulse und eines Gefühls neuer Verunsicherung stoßen revolutionäre Auf- und Umbrüche wieder auf stärkere Resonanz. Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise der Jahre 2008 ff. und der damit einhergehenden Globalisierungs- respektive Kapitalismuskritik rücken Fragen nach grundsätzlichen Alternativen politisch-gesellschaftlicher Ordnung stärker in den Fokus: Sie spiegeln sich in institutionellen Legitimations- und Repräsentationskrisen wie in den Herausforderungen eines neuen Populismus. Auch die Rede von einer Rückkehr der Geschichte und von „Weimarer Verhältnissen“ ist wieder häufiger zu vernehmen.14 Vor diesem Panorama kann das gewachsene Interesse an den dynamischen, bisweilen chaotisch erscheinenden Zeiten nach dem Weltkriegsende 1918 kaum verwundern. Es ist das Interesse an einer am Anfang stehenden Geschichte, die gerade erst begonnen hat, neue Wege zu beschreiten, ohne dass ihr Ausgang von vornherein gewiss erscheint.
Diese kräftigen Gegenwartimpulse dürften mit dazu beigetragen haben, dass die Revolutionsforschung mittlerweile aus ihrem ausgedehnten Dornröschenschlaf erwacht ist.15 In gewisser Weise stehen die Geschichtsschreiber vor einem einst schockgefrosteten, nun durch die Jubiläumswärme des 100. Geburtstags und durch das erhitzte Klima der Gegenwartskrisis wieder aufgetauten Forschungsstand. Originäre Forschungen zu dieser nunmehr nicht länger vergessenen, ausgeblendeten oder „verdrängten“ Revolution16 kommen erst wieder in Gang. Es gilt neue Perspektiven und Fluchtpunkte der Geschichtsdeutung zu fixieren, während weiterhin Reflexe der alten Schlachten auftreten. Die Politik- und Arbeiterbewegungsgeschichte rund um die Zentren Berlin und München dominiert nach wie vor die Darstellungen. Sichtweisen der Kultur-, Medien- oder Intellektuellengeschichte, der Alltagsund Mentalitätsgeschichte melden Nachholbedarf an und werden die komplexe Lage des „langen Novembers“ der Revolution weiter entschlüsseln helfen.17
Nicht nur der Mangel an Detailforschungen wurde indes wiederholt kritisiert, sondern vor allem das Fehlen aktueller Gesamtdarstellungen zu einem so außerordentlichen Vorgang wie der Revolution von 1918/19.18 Mehr als dreißig Jahre nach Ulrich Kluges Synthese-Schrift in Hans-Ulrich Wehlers Reihe „Neue Historische Bibliothek“19 sind nun gleich mehrere neue Studien erschienen, die eine umfassende Würdigung der Novemberrevolution beanspruchen.20 Sie zielen mehr oder weniger explizit auf eine Neu- oder Umdeutung der Ereignisse von 1918/19 und – damit verknüpft – des Charakters der Weimarer Republik sowie auf eine je unterschiedliche Lokalisierung des Knotenpunkts der Novemberrevolution innerhalb der Kontinuität der modernen deutschen Geschichte. Ein demokratiegeschichtliches konkurriert dabei insbesondere mit einem gewaltgeschichtlichen, auf Willkürherrschaft und Diktatur zielenden Paradigma. Daraus entspringen unterschiedliche Narrative über den weiteren Verlauf der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert.21
Dieser Aufsatz skizziert beide Interpretationslinien, problematisiert aber vor allem die These von der Gründung der Weimarer Republik als Wendepunkt der Gewalt. Begrifflichtypologische Überlegungen werden dabei ebenso in den Blick genommen wie Fragen nach dem Charakter der soldatischen Formationen und dem zivil-militärischen Kräfteverhältnis während der Revolution und der Frühphase der Republik. Paradoxien der zeitgenössischen Wahrnehmung zwischen Eskalation und Deeskalation, Erwartung und Erfahrung im liberal-bürgerlichen Spektrum, das häufig weniger Aufmerksamkeit erhält als Positionen der verschiedenen Gruppierungen der Arbeiterbewegung, finden sich in einem nächsten Schritt erfasst. Abschließend werden regionale Abweichungen (von den Zentren Berlin und München) und transnationale Gewichtungen innerhalb des Tableaus der Verliererstaaten des Ersten Weltkriegs zumindest knapp und kursorisch erörtert.
Die Kritik richtet sich insbesondere gegen die Marginalisierung von Kontexten und Motivlagen in aktuellen „Political-Violence“-Studien, deren Stärke in der dichten Beschreibung spezifischer Gewaltexzesse besteht. Entscheidende Rahmenbedingungen wie der Zusammenbruch der staatlichen Autorität am Ende des Ersten Weltkriegs und einander widerstreitende multiple Herrschaftsansprüche bleiben als übergeordnete Probleme dagegen unscharf. Abschließend gilt es ein Fazit zu formulieren, ob und in welcher Weise das Szenario 1918/19 eine wegweisende Zäsur der Gewaltgeschichte darstellte, von der aus sich eine quer durch die Weimarer Republik hindurchlaufende Transversale hin zur Diktatur zeichnen lässt.
II. Zwei Interpretationslinien
1. Schwierige, letztlich aber erfolgreiche Demokratiebegründung
Für die erste Interpretationsrichtung, das Paradigma der Demokratie, stehen insbesondere die Gesamtdarstellungen von Wolfgang Niess, Robert Gerwarth und jene des Autorenduos Keil/Kellerhoff.22 Niess markiert den Fluchtpunkt seiner Argumentation schon im Untertitel seiner Revolutionsgeschichte deutlich: Der wahre Beginn unserer Demokratie. Nach Keil und Kellerhoff könne man die „Bedeutung der demokratischen Revolution von 1918/19 kaum überschätzen“. Daraus leiten sie gleichsam einen – wenngleich ohne Ausrufungszeichen – interpretatorischen Imperativ ab: „Sie verdient statt Verachtung Lob.“23 Auch Robert Gerwarth stimmt grundsätzlich in diesen Tenor ein, indem er Theodor Wolffs berühmtes Wort von der „größten aller Revolutionen“ für den Titel seiner Synthese aufgreift. Er wahrt Abstand gegenüber dem zeitgenössischen Pathos, hält den Umbruch von 1918/19 gleichwohl für bedeutend. Zur Begründung nennt er das hohe politische wie auch ein beachtliches soziales und kulturelles Veränderungspotenzial sowie das im grenzüberschreitenden Vergleich geringe Niveau der Gewalt. Ihre Ausprägung in den Verliererstaaten des Ersten Weltkriegs ist seit vielen Jahren Gerwarths Leitthema.24 Er sensibilisiert dafür, Revolution in modernen Gesellschaften nicht vorrangig über bewaffnete Aufstände und Barrikadenkämpfe im Sinne performativer Akte zu definieren. Eigentlich revolutionär erscheine die Einführung und Durchsetzung neuer politischer Prinzipien sowie erweiterter Partizipations- und Bürgerrechte.25
In diesem Zusammenhang verdiene Friedrich Ebert als zentraler Akteur besondere Anerkennung. An der Spitze einer unerfahrenen Regierung und unter denkbar ungünstigen Ausgangsbedingungen habe er Beachtliches geleistet. Ihm sei das „Kunststück“ geglückt, die „revolutionäre Energie zu kanalisieren“ und Deutschland in eine parlamentarisch-demokratische Ordnung mit einer liberalen Verfassung zu überführen.26 Ebert bevorzugte den Weg der Reform gegenüber einer grundstürzenden Revolution, die ihn Unordnung und Chaos, gar „russische Verhältnisse“ befürchten ließen. Diese waren seit dem Epochenjahr 1917, als die USA in den Krieg eintraten und eine Avantgarde von Berufsrevolutionären in Russland den Bolschewismus an die Macht beförderte, kein Hirngespinst, sondern eine reale Gefahr. Vor diesem Hintergrund interpretiert Gerwarth das oft zitierte Diktum Eberts von der Revolution, die er wie die Sünde hasse, nicht als Ausdruck konservativer Beharrlichkeit, sondern als Ablehnung einer „kommunistischen Revolution“, die auf Gewalt und die Herrschaft einer Minderheit setzte.27
Eine verzerrende Sichtweise sei auch in der These zu erkennen, Ebert habe mit seiner Begrüßung der Frontsoldaten vor dem Brandenburger Tor am 10. Dezember 1918 mit den Worten „kein Feind hat Euch überwunden“ die „Dolchstoßlegende“ befördert. Eberts Worte seien weder von übersteigertem Nationalismus noch von „Realitätsverlust“ bestimmt gewesen, sondern „Ausdruck seines Bemühens, die Veteranen der Armee für das neue Regime zu gewinnen, was verständlich war angesichts der Gefahren, die von der rechtsnationalen Opposition wie von jenen Linken drohten, die radikale Umwälzungen forderten“.28 Schließlich sei es abwegig, in Absprachen zwischen der Übergangsregierung und der Obersten Heeresleitung – in einem Telefonat zwischen Ebert und dem Ersten Generalquartiermeister Wilhelm Groener am 10. November 1918 – einen „faustischen Pakt“ auszumachen. Dieser Vorgang habe vielmehr einer „pragmatische[n] Übereinkunft“ aus beiderseitig nachvollziehbaren Gründen geglichen.29
Keils/Kellerhoffs Lob der Revolution gründet auf ähnlichen Erwägungen zur Mehrheitssozialdemokratie unter Friedrich Ebert. Ohne sein umsichtiges Agieren wäre in ihren Augen die Geburt der Demokratie in Deutschland von vornherein missglückt. Keine der drei Studien, die in das Zentrum ihrer Interpretation die Begründung der parlamentarischen Demokratie stellen, blendet Gewalthandlungen innerhalb der Novemberrevolution aus. Harte Kritik erfährt insbesondere Gustav Noske, der während der blutigen ersten Jahreshälfte 1919 zum Teil mit unverhältnismäßiger Schärfe gehandelt habe. Mit dem Einsatz von Freikorps zur Abwehr der radikal-linken Bedrohung habe er den überwiegend antirevolutionären und republikfeindlichen Charakter dieser Verbände unterschätzt und durch das brutale Vorgehen das Ziel einer nachhaltigen Befriedung letztlich konterkariert.30
Von der Warte des Jahres 1923 aus, als die Weimarer Republik eine verschärfte Krise zu überstehen hatte, bevor eine Phase relativer Stabilität einsetzte, zieht Gerwarth ein Resümee, in dem er nochmals die dominierende Blickrichtung der ersten Interpretationslinie bündelt: „Von einer ‚gescheiterten‘ oder auch nur ‚halbherzigen‘ Revolution zu sprechen, erscheint aus der Perspektive am Ende dieses Jahres unangemessen: Deutschland hatte […] eine demokratisch legitimierte Regierung, eine liberale Verfassung, die seinen Bürgern weitreichende politische und soziale Grundrechte garantierte, und eine sich spürbar erholende Wirtschaft. […] Extremistische Minderheiten auf der politischen Linken und Rechten waren marginalisiert, ihre Versuche die Republik mit Gewalt zu stürzen, waren gescheitert. […] Am Ende des Jahres 1923 war das Scheitern der Demokratie weit unwahrscheinlicher als ihre Konsolidierung.“31
In den Arbeiten der ersten Interpretationsrichtung dominiert mit Blick auf Periodisierungsfragen, in Anlehnung an die ältere Forschung, die Gliederung der Revolution in zwei Phasen: eine erste friedliche Phase im November und Dezember 1918 und eine zweite gewaltsame Phase ab Januar 1919 mit Höhepunkten während der Berliner Märzkämpfe und der Niederschlagung der bayerischen Räterepublik im Mai 1919.32 Gelegentlich ist für die zweite Periode auch nur von „nachrevolutionären“33 Kämpfen oder Wirren die Rede, nachdem die Revolution an sich bereits vollzogen worden war. Das heißt in der Konsequenz, dass die zweite Phase der Gewalt für einen vergleichsweise kurzen Zeitraum für Unruhe sorgte, im Grunde aber keine geschichtsgestaltende Prägekraft besaß. Für Heinrich August Winkler kennzeichneten die im November und Dezember getroffenen oder in die Wege geleiteten politischen Entscheidungen die eigentlich formative Phase der Revolution, in der Grundlagen für die Weimarer Republik geschaffen worden seien, während der anschließende, von Gewalt geprägte soziale Protest „zu keiner Zeit“ eine Chance auf Mehrheitsfähigkeit besessen habe.34 Nach dieser Lesart kam „Gewalt“ lediglich eine vergleichsweise kurze Nebenrolle zu.
2. Prägende Gründungsgewalt mit fatalen Langfristfolgen
Die zweite Interpretationsrichtung, das Paradigma der Gewalt, wird am stärksten von Mark Jones’ Darstellung Am Anfang war Gewalt argumentativ unterfüttert, daneben auch von Klaus Gietinger und Joachim Käppner.35 Anknüpfend an die Grundthese der Marginalität der Gewalt während der Umbruchsphase 1918/19 arbeitet sich Jones an Winklers Studien zur Revolution ab. Er wirft ihm vor, „entscheidende Teile dessen, was sich damals zutrug, außer Acht“ zu lassen.36 Die Schärfe des Urteils deutet auf das Streben nach einer fundamentalen Revision des Revolutionsbildes hin. Jones’ Studie sticht dabei unter den aktuellen Publikationen heraus, weil sie eine neue Gesamtdeutung der Revolution wie der Weimarer Republik überhaupt – das signalisiert auch der Titel der englischen Originalausgabe Founding Weimar37 – mit intensiver Quellenarbeit verbindet.
Diese Gründungserzählung der Weimarer Republik entfaltet ein Gewaltpanorama, das nicht zuletzt von der neuen mehrheitssozialdemokratisch dominerten Regierung zu verantworten gewesen sei und, unter öffentlich-medialem Flankenschutz, eine nachhaltige Radikalisierung des Meinungsklimas befördert habe. Die genaue Schilderung einzelner Gewaltakte steht bei Jones im Mittelpunkt. Auch ihrer Wahrnehmung und Vermittlung wird viel Aufmerksamkeit geschenkt. Denn an physische Gewalt geknüpfte Ängste, Gerüchte, Panikreaktionen, Perzeptionen und Autosuggestionen sorgten seines Erachtens für die große Reichweite und die politisch-kulturelle Wirkung, die das Thema der Gewalt in und nach der Revolution ausüben sollte.
Dass die Novemberrevolution zu Beginn gewaltfrei geblieben ist, konstatiert auch Jones. Im ersten Revolutionsmonat kam es nur zu wenigen Ausschreitungen, und es waren kaum Todesopfer zu verzeichnen. Panikreaktionen und die Sorge vor einer „Offiziersverschwörung“ motivierten meist zu den frühen vereinzelten Gewaltakten. Eine „Offiziersverschwörung“ habe es dabei nicht gegeben, sie sei ein auf Gerüchten beruhendes „Produkt revolutionärer Mystik“ gewesen.38
Bei der – angesichts jahrelanger blutiger Kämpfe im Weltkrieg erstaunlichen – Friedfertigkeit blieb es aber nicht und sie war auch nicht typisch für das Gepräge und die Auswirkungen dieser Revolution, wie Jones zu zeigen versucht. Einen ersten wichtigen Wendepunkt der Gewalt markierte seiner Wertung nach der 6. Dezember 1918: Damals fielen in Berlin mindestens 16 Menschen einem auch im Nachhinein nicht vollständig aufzuklärenden Maschinengewehreinsatz zum Opfer, als Soldaten des Garde-Füsilier-Regiments, die für die Sicherung des Regierungsviertels zuständig waren, während tumultartiger Zustände auf einen Demonstrationszug von Spartakus-Anhängern und -Sympathisanten an der Kreuzung Invaliden- und Chausseestraße schossen.39 Die „Spirale der Gewalt“, so die regelmäßige Diktion,40 drehte sich ab den Weihnachtstagen, während der Januarunruhen („Spartakusaufstand“), der Märzkämpfe und der Niederschlagung der Münchner Räterepublik im Mai 1919 immer weiter und immer heftiger.
Der Einsatz schweren Geschützes im aufständischen Osten Berlins im März 1919, verbunden mit Gustav Noskes Befehl standrechtlicher Erschießungen, markiert für Jones schließlich einen weiteren, ja den entscheidenden Wendepunkt hin zu „staatlich lizenzierter“, „staatlich gebilligter“, „staatlich verordneter“, „staatlich geförderter“ oder „staatlich legitimierter Gewalt“.41 Ausgelöst wurde das drakonische Vorgehen im Frühjahr 1919 durch die Meldung eines von Spartakisten verübten Massakers an 150 bis 200 Polizisten in Lichtenberg. Dieses Massaker hatte allerdings nicht stattgefunden, wie sich bald herausstellen sollte. Es handelte sich um einen frühen Fall von Fake News mit gravierenden Konsequenzen.42 Die Angst vor dem Bolschewismus, angetrieben von Fehlannahmen und Phantasmagorien, die durch die Propaganda der Roten Fahne freilich befördert wurden, stand in keinem Verhältnis zu seiner tatsächlichen Kraft in Deutschland, war aber folgenreich. Ein regelrechter „Liebknecht-Mythos“ suggerierte den Status eines mächtigen Hohepriesters der Revolution, der diese Rolle gar nicht ausfüllte und weit von einer solchen realen Machtposition entfernt war.43
Umso schärfer fällt die Kritik an der Mehrheitssozialdemokratie aus, die von einem „Herrschaftswillen um jeden Preis“, einem „unbedingten“ oder „absoluten Herrschaftswillen“ geleitet gewesen sei.44 Der sozialdemokratisch geführten Regierung komme danach eine große Mitverantwortung dafür zu, dass die „Novemberrevolution und ihre Nachwehen eine entscheidende Weggabelung auf dem Weg Deutschlands in das dunkelste Kapitel seiner Geschichte“ dargestellt und einen „Inkubationsraum für das Dritte Reich“ bereitgestellt hätten.45 Auch wenn Jones sich gegenüber der These eines zwangsläufigen Scheiterns Weimars verwahrt, betont er abschließend, „dass die dunklen Zeiten der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert nicht erst 1933 oder 1939 begannen“, sondern während der Novemberrevolution und der an sie geknüpften fatalen Gewaltpolitik.46 Aus solcher Deutung geht in aller Klarheit jene Kontinuitätsthese hervor, der zufolge der Umbruch von 1918/19 eher als diktaturgeschichtliche Urszene denn als Ursprung demokratiegeschichtlicher Entwicklungspfade aufzufassen sei.
In dieser Interpretation rückt die blutige Etappe der Revolution ab der Jahreswende 1918/19 in den Mittelpunkt der Betrachtung. Sie wird – gegen Winkler und andere – gleichsam zur formativen, den weiteren Gang der Geschichte besonders prägenden Phase einer Revolution, die auf militärische Gewalt setzte, die kurzfristig die Regierung zu schützen schien, langfristig aber nichts anderes als die Abschaffung der verhassten Republik beabsichtigte. In ebenso fataler wie paradoxer Weise setzte die Regierung Ebert-Scheidemann demnach auf die Unterstützung durch ihre Todfeinde statt auf die eigenen Anhänger, deren Radikalität sie vielmehr im Übermaß fürchtete. Dieses Argument streicht im Übrigen auch Joachim Käppner in seiner aktuellen Revolutionsdarstellung heraus. Er hält die ausgebliebene respektive nicht umgesetzte Militärreform zur Schaffung republikanischer Streitkräfte für „das große Übel der Revolution von 1918/19“, für ihren „Sündenfall“.47 „Die einmalige und auch letzte Gelegenheit vor 1945, dem deutschen Militarismus den Garaus zu machen“, sei verpasst worden. Gegenüber der Ebert’schen Sozialdemokratie formuliert Käppner ein vernichtendes Verdikt, weil an ihr der „Aufstand für Frieden und Freiheit“ gescheitert sei.48
Selbst ohne ausdrückliche Übernahme des Verratsvorwurfs steht die zweite Deutungsrichtung49 in der Tradition Sebastian Haffners. So schreibt Käppner gleich zu Beginn seiner Studie: „Hätte die Ebert-SPD die Massenbewegung genutzt, statt sie zu fürchten, das alte Militär zum Teufel gejagt, statt sich mit ihm zu verbünden, wäre die Republik 1933 wahrscheinlich nicht untergegangen oder wenigstens nicht den Nazis in die Hände gefallen – so der Gedankengang Haffners, und seiner Logik kann man sich schwerlich verschließen.“50 Haffner mag also in gewisser Weise die geistige Vaterschaft für das Paradigma der Gewalt zugesprochen werden.51
III. Gründungsgewalt – eine kritische Re-evaluation
1. Mehrschichtiger Gewaltbegriff zwischen „potestas“ und „violentia“
In Mark Jones’ Werk ist insbesondere von „staatlich lizenzierter Gewalt“ und „staatlich geförderte[r] Gräuel“ der Ebert-Scheidemann-Noske-Regierung die Rede.52 Im englischen Original wird dabei der Begriff „violence“ verwendet, das breitere Bedeutungsfeld des Gewaltbegriffs zwischen „potestas“ und „violentia“ aber nicht aufgespannt.53 Beachtet man das Selbstverständnis der politischen Akteure und ihre Bedrohungswahrnehmungen, so strebten sie nicht oder höchst selten nach brutaler Gewalt, sondern überwiegend nach der Wiederherstellung respektive Durchsetzung von Staatsgewalt – also (im Englischen) nach „power“ und „authority“, nicht aber nach „violence“.
Es gilt mithin, das Problem- und Begriffsfeld zu erweitern, Fragen nach der Wiedergewinnung, Aufrechterhaltung, Wahrnehmung und Übersteigerung von staatlicher Autorität54 in die Betrachtung mit einzubeziehen und beide Begriffsebenen miteinander in Beziehung zu setzen. Für die Sichtweisen der politischen Akteure während der ersten Monate der politisch-gesellschaftlichen Transformation von 1918/19 ergeben sich daraus Fragen, die durch weitere Forschungsarbeit erst noch differenziert beantwortet werden müssen: Wie nahmen sie das Spannungsverhältnis von legitimer Staatsgewalt und willkürlicher physischer Zwangsgewalt wahr? Welche Aussagen lassen sich zur Zweck-Mittel-Relation finden? Wie gestaltete sich das Verhältnis zwischen Legalität und Legitimität auf der einen Seite, zwischen Illegalität und Illegitimität der Gewalt auf der anderen? Wegen des Übergangscharakters der Systemtransformation lassen sich Antworten häufig nicht mit der gewünschten Eindeutigkeit formulieren.
Hinzu kommt selbst im Falle einer für legal und legitim gehaltenen Gewaltausübung die Frage nach der angemessenen Regulierung respektive nach den Überreaktionen von Sanktionsgewalt. Dies betrifft auch Kontrollverluste gegenüber einer situativen Gewaltdynamik. In der Tat ließ sich während der Umbruchszeit in Freikorpskreisen eine „Reduktion des Staatlich-Politischen auf Kampf“ feststellen: unter „Verzicht auf rechtlich-normative Qualifizierungen“.55 Das Verhältnis von Rechtsstaat und Gewaltmonopol befand sich in solchen Konstellationen realiter in einer Schieflage. Die Disbalance hatte eine allgemeinere Ursache, beruht das Gewaltmonopol doch prinzipiell auf der Legitimation der gesamten Rechtsordnung, die in revolutionären Übergangsphasen erst fixiert werden muss, bis eine neue Verfassung für die erforderliche Verrechtlichung sorgt.56
Die von Ebert angeführte Regierung reagierte auf Zustände, die – zumal ihrer Beobachtung und ihrem Empfinden nach – einer bedrohten Ordnung entsprachen und von „multipler Souveränität“ geprägt waren. Für Charles Tilly ist „multiple Souveränität“ ein typisches Merkmal von Revolutionen, gerade zur Erklärung kollektiver Gewaltphänomene.57 Wo Macht – im Sinne von „potestas“ – nicht vorhanden ist oder zumindest herausgefordert wird, kommt Gewalt – im Sinne von „violentia“ – ins Spiel, das wusste schon Hannah Arendt.58 Keineswegs zufällig, sondern vor dem Hintergrund einer in Turbulenzen geratenen Staatlichkeit formulierte Max Weber in seiner berühmten Rede Politik als Beruf Ende Januar 1919, dass der Staat „diejenige menschliche Gemeinschaft [sei], welche innerhalb eines bestimmten Gebietes […] das Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit für sich (mit Erfolg) beansprucht“.59 Angesichts dieser klassischen Definition, die den Kontext der Novemberrevolution spüren lässt, hat Dieter Grimm festgestellt, dass es sich bei der Bezeichnung „staatliches Gewaltmonopol“ um einen Pleonasmus handele: „Wo es am Gewaltmonopol fehlt“, so die logische Ableitung im Anschluss an Webers Formel, „besteht kein Staat, sondern entweder ein andersartiger Herrschaftsverband oder Anarchie.“60
Eine solchermaßen juristisch grundierte Vorstellung kam dem bereits über einen längeren Zeitraum gereiften legalistischetatistischen Selbstverständnis der tonangebenden Sozialdemokratie entgegen. Grundsätzlich zielte Ebert auf die Wiederherstellung des Gewaltmonopols als einer zentralen Ordnungs- und Sicherungsleistung des Staates (noch unabhängig von einer spezifischen Staatsform oder demokratischen Legitimation) gegenüber den Angehörigen des Gemeinwesens. Um dies faktisch zu gewährleisten, erfolgten in den frühen Tagen der Revolution Absprachen mit Generalquartiermeister Wilhelm Groener, vor allem aber mit dem für das Heimatheer verantwortlichen preußischen Kriegsminister General Heinrich Scheuch.61
Lange Zeit hatte Ebert „gegen jede Gewaltpolitik“62 argumentiert, er hatte Blutvergießen und einen innerlinken Bruderkrieg vermeiden wollen. Weihnachten 1918 kam es dennoch zu einem von den Mehrheitssozialdemokraten angeordneten Einsatz des Militärs gegen die rebellierende Volksmarinedivision, nicht zuletzt weil Ebert um Leib und Leben des durch die Marinesoldaten gefangengesetzten sozialdemokratischen Berliner Stadtkommandanten Otto Wels fürchtete. Der Einsatz von Regierungssoldaten, auch mangels der Existenz einer eigenen „Volkswehr“, galt den Kritikern Eberts und seiner Regierung als (weiterer) Beweis für ihre Verbündung mit gegenrevolutionären Kräften. Die Kämpfe während der ersten Jahreshälfte 1919 schienen die Stichhaltigkeit dieser Sichtweise zu untermauern. Gleichwohl gerieten dabei die zentralen Motive für das zivil-militärische Bündnis aus dem Blick, nämlich die „Wahrung der Autorität“63 – eben des staatlichen Gewaltmonopols – und die Sicherung einer tatsächlich bedrohten republikanischen Regierung.64
Es steht außer Frage, dass dieses Ansinnen – die legitime Anwendung von Gewalt auf dem Weg zur Schaffung eines demokratisch-rechtsstaatlichen Gewaltmonopols konsequent durchzusetzen65 – im Prozess der Umsetzung insgesamt missglückte. Falsche Partner, die mangelnde Verhältnismäßigkeit der Mittel, aber auch die Unsicherheit der eigenen Rollenbestimmung – mal als legitime Regierung, mal als Bürgerkriegspartei – erschwerten die erfolgreiche und konsensuale Verwirklichung eines grundsätzlich legitimen Bestrebens zur Erfüllung einer Grundbedingung moderner Staatlichkeit. Diese Konstellation und das Gefühl, in die Defensive gedrängt zu sein, führten zu mancher Überreaktion. Prominent ist in dieser Hinsicht die Formulierung des Regierungsaufrufs vom 8. Januar 1919: „Gewalt kann nur mit Gewalt bekämpft werden. […] Die Stunde der Abrechnung naht.“66 Aus diesen Worten sprach stärker die Bürgerkriegspartei als die staatliche Befriedungsmacht. Es zeigt sich erneut, wie widersprüchlich miteinander verflochten das an sich legitime Streben nach „auctoritas“/„potestas“ und illegitime Handlungen im Sinne von „violentia“, von Willkür- und Gewaltherrschaft bisweilen waren.
2. Akteure der Gewalt und zivil-militärische Balance
Eine weitere wichtige Frage zur Einschätzung der Gewaltproblematik gilt dem Verhältnis von zivilen politischen und militärischen Akteuren in den Übergangsjahren zwischen Revolution und Kapp-Putsch, wie sie in den zurückliegenden Jahren insbesondere Peter Keller und Rüdiger Bergien zu beantworten gesucht haben.67 Schon Ernst-Heinrich Schmidt gelangte in seiner Pionierstudie Heimatheer und Revolution 1918 aus dem Jahr 1981 zu der Einschätzung, dass die Zusammenarbeit zwischen der Übergangsregierung und dem für das Heimatheer zuständigen Preußischen Kriegsministerium einen „realpolitischen Charakter im Sinne einer Anpassung an die revolutionären Machtverhältnisse“ besaß.68 Die Bereitschaft und die Maßnahmen Kriegsminister Scheuchs zur Sicherung der Regierung Ebert stellten einen wesentlichen Beitrag dar, um „ihr Zustandekommen und ihr Überleben zu ermöglichen“.69 Schmidt erkennt ein Handeln „in dienender Funktion“70, spricht sogar von „militärischen Steigbügelhalter[n]“71 und bewertet die zivil-militärische Zusammenarbeit in der Frühphase der Revolution positiv: auch als Chance „zu einer auf Dauer tragfähigen Kooperation“, die erst später verspielt worden sei.72
Ungeachtet der empirisch dichten Analyse Schmidts dominierte weiterhin ein höchst schemenhaftes Bild von der frühen republikanischen Wehrpolitik. Es folgte einer binären oder gar dichotomischen Gestaltungslogik: aufgeteilt zum einen zwischen überforderten Politikern und eigenständig handelnden Militärs, zum anderen – so eine weitere manichäische Sichtweise – zwischen einem verräterischen, gelegentlich sogar als „rechtsextrem“ rubrizierten Kurs der Mehrheitssozialdemokratie hier und einem leichtfertig eingesetzten, bald außer Kontrolle geratenen „weißen Terror“ dort. Von einem totalen politischen Kontrollverlust gegenüber den bewaffneten Kräften, die in Form von wild entstandenen marodierenden Freikorps schalteten und walteten, kann indes nach Bergien und Keller nicht die Rede sein. Stattdessen betonen sie in ihren von der Revolutionsforschung kaum beachteten Studien73 einen Willen zur republikanischen Wehrhaftigkeit durch den Einsatz staatlich organisierter und kontrollierter, mindestens „leidlich loyaler“ Regierungstruppen.74 Es existierte ein „Wehrkonsens unter dem Primat des Republikschutzes“75, beruhend auf einer „engen Kooperation von ziviler Exekutive und der militärischen Elite“. Damit sei die Bereitschaft verbunden gewesen, insbesondere gegen die Gegner der parlamentarischen Demokratie von links „radikale Mittel“ einzusetzen.76 Anders habe „das Überleben“ der „neuen Ordnung in ihren kritischsten Monaten“ nicht gesichert werden können.77
Bis in den Sommer 1919 konnte im Übrigen keineswegs von einem eigenmächtigen „gegenrevolutionären“ Agieren der verschiedenen militärischen Formationen gesprochen werden, standen diese doch „in einem zumindest formalen Loyalitätsverhältnis zur neuen Regierung“.78 Ebert und Scheidemann strebten demzufolge ganz bewusst und „mit aller Kraft nach dem Gewaltmonopol“ und einer zum Selbstschutz befähigten „wehrhaften“ Republik. Ihr Handeln sei auf eine bewusste Entscheidung zurückzuführen und keineswegs mit Überforderung, einem bloßen Drang nach Machterhalt oder gar einem reaktionären Machtstreben zu erklären.79 Diese Politik einer Kombination von starkem Staat und Republikschutz habe mindestens anfänglich Erfolge erzielt und zugleich ein gesellschaftliches Integrationsangebot „bis in das nationale Lager hinein“ eröffnet.80 Darin sei auch der Versuch zu erkennen gewesen, die nach innen wie außen gerichtete sicherheitspolitische Verlässlichkeit der Sozialdemokratie in einer „bellizistisch“ gestimmten Gesellschaft zu unterstreichen und den Vorwürfen der „Wehrfeindlichkeit“ oder gar des „Landesverrats“ zu begegnen.81
Das Scheitern des republikanischen Wehr- oder Sicherheitskonsenses – angetrieben von Versailles-Trauma, Dolchstoßlegende und Kapp-Putsch – war nicht von vornherein festgelegt. Es wäre „eine andere Entwicklung möglich gewesen“, so lautet die Quintessenz von Peter Kellers Forschung.82 Auch er zeichnet ein differenziertes Bild militärisch-politischer Kooperation während der Transformationsperiode 1918/19 und hebt hervor, wie sehr „prinzipiell die Möglichkeit“ zu einem „dauerhaften Zweckbündnis“ bestanden habe.83 Die Chance auf alternative historische Verläufe verdeutlicht er anhand von drei unterschiedlichen Idealtypen damals agierender militärischer Führungsgruppen – pragmatisch-technokratisch, verfassungsloyal-attentistisch, restaurativ-militaristisch84 – und dem vielschichtigen Charakter der zum Einsatz gelangten militärischen Verbände. „Formationen, deren Führung tatsächlich in den Kategorien einer […] entgrenzten Kriegführung dachten, standen auch 1918/19 noch immer Befehlshaber gegenüber, die ihre Truppe gezielt zur Mäßigung aufriefen, ja tendenziell ein unblutiges Vorgehen bevorzugten.“85 Momente der Deeskalation ebenso wie der bewusste Einsatz lediglich symbolischer Gewalt während der Kämpfe im Jahr 1919 würden häufig nur unzureichend gewürdigt.86
Keller kritisiert außerdem das ebenso dominante wie simplifizierende Bild von den Soldaten der Freikorps als ausnahmslos brutalen, vor sich hinmetzelnden, regellosen, rechtsradikalen und republikfeindlichen Gewaltmenschen. Pikanterweise habe sich in der Historiografie eine Sicht verfestigt, die vielfach auf den Überzeichnungen und Selbstheroisierungen der während der NS-Zeit entstandenen Freikorpsliteratur beruhe. Der Sammelbegriff „Freikorps“ sei in typologisch-analytischer Perspektive verfehlt, es erscheine angebrachter von „Regierungstruppen“ oder zumindest „militärischen Notbehelfen“ zu sprechen, da sie, in organisationsgeschichtlicher Hinsicht, eher regulär und geordnet gebildet worden seien und nicht dem Bild „paramilitärischer Freischärler“ entsprochen hätten (die es freilich auch gab, aber nicht nur und nicht mehrheitlich – so Keller).87 Der „staatliche Faktor bei Aufstellung und Einsatz der Formationen“ sei hoch gewesen, wenngleich Keller ebenfalls deren Unübersichtlichkeit im Frühjahr 1919 betont.88 Auch Bergien begegnet der These von der Unterlegenheit und dem hilflosen Getrieben- und Ausgeliefertsein der zivilen politischen Kräfte gegenüber dem Militär reserviert, würde dies doch „jene Mobilisierungen“ ausblenden, „die nicht ohne oder gar: gegen, sondern mit und durch die republikanischen Regierungen stattfanden“ – insbesondere die Einwohnerwehren. Hierin sei weniger ein reaktionäres als ein republikanisches Projekt erkennbar gewesen.89
3. Zeitgenössische Wahrnehmung und Würdigung von Gewalt im liberal-bürgerlichen Spektrum
Es ist eine Stärke von Mark Jones’ Revolutionsgeschichte der Gewalt, viele Zeitgenossen zu Wort kommen zu lassen: von Ernst Troeltsch und Theodor Wolff über Harry Graf Kessler bis zu den Historikern Karl Hampe und Gustav Mayer. Diese Kronzeugen werden jedoch meist so zitiert, dass ihre Beobachtungen zu jenem „Crescendo der Gewalt“ passen, von dem Jones ausdrücklich spricht und das eine ständig ansteigende Gewaltdynamik suggeriert.90
An einer Stelle kommt indes auch bei Jones eine andersgeartete Episode zur Sprache: ein Spaziergang Ernst Troeltschs im Berliner Grunewald, den er auf Anraten seiner besorgten Frau nur mit einem Revolver bewaffnet wagen sollte. Einigermaßen verblüfft stellte Troeltsch im Nachhinein fest, wie überflüssig dies angesichts der friedlichen Stimmung gewesen sei. Einen Monat nach den Januarunruhen wunderte er sich erneut, wie unbeeindruckt das Berliner Großstadtleben trotz aller Gräuel und Gewehrsalven weiterlief. „Musiker und Histrionen bieten sich an allen Plakatsäulen in Massen an“, notierte er in einem seiner berühmten Spectator-Briefe, „die Theater spielen weiter und versammeln ihr an Gewehrschüssen vorbeieilendes Publikum in gewohnter Masse, vor allem wird, wo irgend möglich, getanzt – ohne Rücksicht auf die Kohlen- und Lichtnot“.91
Am 17. Januar 1919, erst zwei Tage nach dem Luxemburg-Liebknecht-Mord, hielt Harry Graf Kessler nach einem Kabarett-Besuch Vergleichbares in seinem Tagebuch fest: „Rassige spanische Tänzerin. In ihre Nummer krachte ein Schuß hinein. Niemand achtete darauf. Geringer Eindruck der Revolution auf das großstädtische Leben. Dieses Leben ist so elementar, daß selbst eine weltgeschichtliche Revolution wie die jetzige wesentliche Störungen darin nicht verursacht. Das Babylonische, unermeßlich Tiefe, Chaotische und Gewaltige von Berlin ist mir erst durch die Revolution klargeworden, als sich zeigte, daß diese ungeheure Bewegung in dem noch viel ungeheureren Hin und Her von Berlin nur kleine örtliche Störungen verursachte, wie wenn ein Elefant einen Stich mit einem Taschenmesser bekommt. Er schüttelt sich, aber schreitet weiter, als ob nichts geschehen wäre.“92
Diese Erfahrungsgeschichte der Beruhigung und des Gleichmuts tritt bei Jones ganz hinter die Nervosität und Hypersensibilität der Zeit zurück, so als ob – zumindest im Geiste einer ganzen Bevölkerung – der Finger stets am Abzug gewesen wäre. Dazu passt die Rede von einer „Nachkriegsgeschichte des Maschinengewehrs“.93 Es gilt, gegen diese Deutung stärker die Paradoxien der zeitgenössischen Wahrnehmung zu erfassen, die sich aus den Eindrücken von alltagsweltlicher Normalität einerseits und aus außergewöhnlichen Taten politischer Gewalt andererseits speisten. Aber auch jenseits solcher ebenso kontingent wie bisweilen bizarr erscheinender Konstellationen ließe sich der These einer Radikalisierung der politischen Kultur im Zeichen von Bolschewismusfurcht und ostentativ eingesetzter militärischer Gewalt jene einer gezielten Mäßigung entgegenhalten. Politisch beruhte sie auf dem innerlinken Schisma zwischen moderaten und extremen Kräften ebenso wie auf einer bürgerlich-sozialdemokratischen Übereinkunft und dem Bemühen, vielfältige Ideen zur weiteren Ausgestaltung der liberalen und sozialen Demokratie zu integrieren.94
Gleichwohl steht fest: Die von Noske implementierte Regierungsgewalt verstärkte die Spaltung der Linken massiv. Clara Zetkin wies im Januar 1920 den Mehrheitssozialdemokraten die alleinige Schuld für den „breiten Blutstrom“ während der Kämpfe des Vorjahres zu. Dies sei ein Blutstrom, der fortan „nicht überbrückt werden“ könne.95 Wer sich ganz auf die Geschichte der Arbeiterbewegung kapriziert, wird dieser zeitgenössischen Einschätzung einiges abgewinnen können. Wer den milieufixierten Blick indes weitet, wird nicht nur das blutige Fanal des Luxemburg-Liebknecht-Mordes vom 15. Januar, sondern auch das Ergebnis der Wahlen zur Nationalversammlung vom 19. Januar 1919 zu würdigen haben. Bei diesen Wahlen, an denen erstmals in der deutschen Geschichte Frauen wählen und gewählt werden durften, errang die MSPD 37,9 Prozent der Stimmen vor dem Zentrum mit 19,7 und der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) mit 18,5 Prozent. Mit einer Dreiviertelmehrheit begründeten diese drei Parteien bekanntlich die sogenannte Weimarer Koalition. Schon die Regierungsbildung unterstrich den Grundcharakter der Republikgründung: Sie war ein Basiskonsens zwischen gemäßigtsozialdemokratischen und liberal-bürgerlichen Kräften.
Vor dem Hintergrund einer so ausgedehnten Perspektive mag man Heinrich August Winklers Kompromissformel einiges abgewinnen, bei der Spaltung der Arbeiterbewegung habe es sich um „eine schwere Vorbelastung und eine Vorbedingung der ersten deutschen Demokratie“ gehandelt.96 Ein solches Urteil begegnet zugleich einer gelegentlich verzerrenden Sichtweise in der Revolutionsforschung, die zumal in der kontrafaktischen Debatte über unerfüllte Möglichkeiten bisweilen suggeriert,97 Deutschland habe 1918/19 ausschließlich aus der Arbeiterbewegung und ihren unerfüllt gebliebenen Zielen bestanden. Um das Bild von der revolutionären Umbruchsperiode zu vervollständigen, sind die Bedrohungswahrnehmungen in bürgerlichen, liberalen und konservativen Kreisen sowie deren Erwartungen gegenüber der tonangebenden regierenden Sozialdemokratie ebenfalls zu berücksichtigen.
Diese Erwartungshaltungen sollen anhand einiger Beispiele illustriert werden: Ein „Vernunftrepublikaner“ wie Friedrich Meinecke forderte Mitte März 1919 eine „starke, straffe und einheitliche Zentralgewalt“ zur Rettung vor der „Diktatur des Proletariats“.98 Der Heidelberger Mediävist Karl Hampe, der der Monarchie nachtrauerte, sich aber fortan Stück für Stück mit der Republik arrangieren sollte, hielt es am 25. Dezember 1918 für den gravierenden Fehler der regierenden Sozialdemokratie, vor dem Einsatz physischer Zwangsgewalt im Innern zurückzuschrecken. Kurz nach Ausbruch der Weihnachtskämpfe kennzeichnete er diese Haltung als „Humanitätsdusel“, der „geradezu zum Verbrechen“ werde, „weil er bewirkt, daß Aufruhr, der anfangs mit wenig Blut erstickt werden könnte, lawinenartig wächst und schließlich ganze Ströme fordert“.99 Das rigorose Handeln seitens der Regierung in den Januarkämpfen begrüßte er und hoffte Anfang Februar 1919, dass sie „rücksichtslos durchgreifend“ bleibe.100
Der mit der Republik sympathisierende Ernst Troeltsch beobachtete im April 1919, dass sich viele Zeitgenossen ein resoluteres Vorgehen der Sozialdemokratie zur Wiederherstellung und Sicherung der Staatsgewalt wünschten. Die von ihm diagnostizierte Gewalt-Skepsis der MSPD wertete er als „Schlappheit“ und „mangelnde nationale Gesinnung“.101 Noch im Februar 1920 war Troeltsch voll des Lobes für Gustav Noske: „Regierung bedeutet Ordnung und Recht überhaupt. Daß beides wieder gewonnen worden ist, das ist das immerhin nicht zu verachtende Werk des Parlaments und Noskes. Noske, der die Furchtlosigkeit eines nie versagenden Tierbändigers an sich hat, ist der Retter des Deutschen Reiches.“102 In dieselbe Richtung weisen Notizen von Troeltschs DDP-Parteifreund Theodor Wolff. Der liberale Journalist bemerkte im Februar 1919 anerkennend, wie sehr sich Noske „gegen die Unruhestörer“ und „in der Berührung mit den harten Tatsachen“ entwickelt habe – wenngleich bisweilen etwas „merkwürdig“.103 Auch ein späterer Historiker wie Rüdiger Bergien konnte „Noskes Politik“ insofern etwas abgewinnen, als sie klar signalisierte, „dass auch Sozialdemokraten fähig waren, Sicherheit herzustellen und damit den Erwartungen gerecht zu werden, die sich traditionell an die Inhaber der Regierungsgewalt richteten“.104 Es waren solche mit großer Skepsis gegenüber der sozialdemokratischen Regierungsfähigkeit gepaarte Erwartungen, die im bürgerlich-liberalen Spektrum dominierten.
Dieses Wechselspiel aus Erwartung und Erfahrung sorgte für eine durchaus fragile Konstellation. So notierte Theodor Wolff schon rund einen Monat nach seinem Noske-Lob – Mitte März 1919 – ebenfalls, dass sich „auch in der nicht-radikalen Bevölkerung vielfach Mißstimmung über das Auftreten u. Verfahren eines Teils der Freiwilligen-Offiziere“ breitmache. Denn diese Militärs würden „schon wieder die alten Manieren annehmen“.105 Darin deutete sich zusammengenommen eine differenzierte, von Ambivalenzen durchzogene Haltung zur Gewalt an. Vergleichbare Positionen finden sich auch beim „roten Grafen“ Kessler106 oder bei der eindeutig linken, nach Parteiaffinität aber nicht leicht einzusortierenden Käthe Kollwitz. Anfang des Jahres 1919 tat Harry Graf Kessler sein Unbehagen gegenüber einer ganz ohnmächtigen Staatsgewalt kund. Es schien ihm, als seien „die Zeiten des Faustrechts zurück“.107 Noch Mitte Januar 1919 fürchtete er eine „Entwicklung wie in Rußland“ und sogar ein „Verduften des Staates“.108 Zugleich erkannte er in der „Verbrüderung mit der Gewalt“ die Entwertung eines genuin politischen Denkens und Handelns.109 Nun machte er eine „leichtsinnig und frech mit dem Leben ihrer Mitbürger spielende Regierung“ dafür verantwortlich, „einen in Jahrzehnten nicht wieder zu heilenden Riß in das deutsche Volk gebracht“ zu haben.110
Kollwitz schließlich notierte an der Jahreswende 1918/19 zunächst erleichtert, dass bei allen Widrigkeiten und Kämpfen endlich kein Krieg mehr sei. „Der entsetzliche, immer unerträglichere Kriegsdruck ist fort und das Atmen ist wieder leichter. Daß wir damit gleich gute Zeiten bekämen, glaubte kein Mensch, aber der enge Schacht in dem wir staken, in dem wir uns nicht rühren konnten, ist durchkrochen, wir sehen Licht und atmen Luft.“111 Was die Kämpfe zwischen mehrheitssozialdemokratischer Regierung und Spartakus betraf, zeigte sie sich zwiegespalten. Bei aller Sympathie für den linken Radikalismus war sie mit der Zurückdrängung der Spartakus-Anhänger doch einverstanden. Für so notwendig sie ein solches Vorgehen grundsätzlich hielt, nannte sie die „rohe Gewaltanwendung“ gleichwohl „entsetzlich“. Sie brachte Verständnis für den Ruf nach dem Militär auf, fürchtete im selben Atemzug aber, dass dies der Beginn einer marschierenden „Reaktion“ sein könnte.112
Diese Stimmen vermitteln einen Eindruck davon, wie komplex und ambivalent das Gewalthandeln während des „langen Novembers“ der Revolution in bürgerlich-intellektuellen, vorwiegend linksliberalen Kreisen bewertet wurde, als wie notwendig und fragwürdig zugleich es erschien. Es wäre angesichts dieser Stimmen irreführend, selbst das ausdrückliche Lob für Noske als Zeichen von kruder Gewaltverherrlichung zu interpretieren. Dies würde das vorrangige Anliegen dieser liberalbürgerlichen Zeitzeugen verkennen: nämlich die staatliche Ordnung und das Gewaltmonopol wiederherzustellen. Insofern sind diese Quellen nicht als Ursprung und Akzeptanz extralegaler und illegitimer Gewalteinsätze zu werten, wie sie später unter den Nationalsozialisten zur Regel werden sollten. Im Gegenteil: Die Äußerungen zielten auf die Legalisierung und Konzentrierung der Gewalt, sie spiegeln ein Bedürfnis nach bürgerlicher Sekurität.
4. Interregionale und transnationale Vergleichsüberlegungen
Ein weiterer Kritikpunkt gegenüber der These, es habe sich bei der Novemberrevolution um einen Wendepunkt der Gewalt gehandelt, ergibt sich aus dem interregionalen und transnationalen Vergleich. Im Kern orientieren sich die gewaltgeschichtlichen Studien zur Revolutionszeit an den Szenarien in Berlin und München, darüber hinaus auch an den Industrieregionen in Mitteldeutschland und im Ruhrgebiet. Aus vergleichend regionalgeschichtlicher Sicht besteht noch großer Forschungsbedarf.113
Insbesondere Dirk Schumanns Habilitationsschrift Politische Gewalt in der Weimarer Republik setzte in dieser Hinsicht schon im Jahr 2001 einen wichtigen Markstein.114 Seine Studie ist insgesamt ein Beleg für die Militarisierung und Gewaltaffinität der politischen Kultur Weimars, und doch argumentierte Schumann insofern in eine ähnliche Richtung wie später Bergien und Keller, als er quellengestützte Befunde zu einem insgesamt „maßvollen Verhalten des Landesjägerkorps, der Einwohnerwehren, der Reichswehr und der Schutzpolizei zwischen 1919 und 1921“ zusammentrug.115 Damit wies er auch die häufig den Einwohnerwehren „zugeschriebene Schlüsselrolle“ zurück, „weite Teile des Bürgertums an die Anwendung auch extralegaler Gewalt gegen die Linke“ gewöhnt zu haben.116 Schumanns empirische Analyse stützte sich vorrangig auf Material mit Aussagekraft für die preußische Provinz Sachsen, die von weniger politischer Gewalt als Berlin, München oder das Ruhrgebiet geprägt war. Diese Vergleichskonstellation sensibilisiert zugleich dafür, nicht leichtfertig einen Teil (eine regionale Ausprägung) für das Ganze (das gesamte Deutsche Reich) zu nehmen.
Schumann strich zudem heraus, dass für die Gräueltaten Anfang der 1920er Jahre vor allem zurückgekehrte ehemalige Baltikumkämpfer die Verantwortung trugen.117 Es ist unstrittig, dass es am Ende des Ersten Weltkriegs in den Randbereichen der alten Reiche der Hohenzollern, Habsburger und Romanovs – beispielsweise im Baltikum – zu besonders vielen und besonders heftigen Gewaltexzessen kam. Staatliche Kontrolle und das Gewaltmonopol existierten dort kaum noch, multi-ethnisches Zusammenleben, das zu imperialer Zeit durchaus funktionierte, galt nunmehr als Bedrohung. Nationale „Reinheit“ kam gleichsam als Kehrseite des Drangs nach „Selbstbestimmung“ und als düster in die Zukunft weisende Losung auf.118
Das Wirken der marodierenden Freischärler im Baltikum war von blutiger Brutalität und Unbedingtheit gekennzeichnet.119 Eine andere Frage ist indes, ob sich die Erkenntnisse über Gewalthandlungen in den Bruchzonen des alten Imperiums ohne weiteres auf die Verhältnisse in den Zentren des Deutschen Reichs während der Revolutionsperiode 1918/19 übertragen lassen. „Eine bewusst brutale und regellose Kriegführung, wie sie vor allem im Baltikum nicht selten anzutreffen war“, taxiert Keller das Verhältnis skeptisch, „konkurrierte insbesondere im Reichsgebiet oftmals mit einer Strategie der kontrollierten militärischen Abschreckung, durch die Gewaltanwendung möglichst vollständig vermieden werden sollte.“120
Diese interregionalen Überlegungen leiten unmittelbar zu transnational vergleichenden Betrachtungen über.121 Sie rücken die deutsche Entwicklung in ein milderes Licht: Die Auswüchse brutaler physischer Gewalt erscheinen verglichen mit anderen Verliererstaaten des Ersten Weltkriegs gering ausgeprägt. Auch widerstand die Weimarer Demokratie trotz des Versailles-Traumas besonders lange einer autoritären Kehre, die sich in vielen Ländern früher vollziehen sollte.122 Wer über die Binnenperspektive der insoweit gemäßigten deutschen Revolution hinausblickt, wird ihre Errungenschaften deutlicher sehen und ihre Versäumnisse weniger stark ins Gewicht fallen lassen.123
Aus dieser vergleichenden Sicht lässt sich ein deutscher Sonderweg der Gewalt von 1918/19 hinein ins „Dritte Reich“ kaum überzeugend konstruieren – einerseits. Andererseits eröffneten sich – auf der Transfer- und Verflechtungsebene – für das länderübergreifende Agieren nationalistischer Paramilitärs neue Möglichkeiten. So paradox dies auf den ersten Blick anmutet, strebten sie nach grenzüberschreitenden Gewaltgemeinschaften mit internationalistischem Anspruch. Dies zeigte sich in besonders eindrücklicher Weise am berühmtesten deutschen Gewaltexekutor der Novemberrevolution: Waldemar Pabst.124 Nach dem Mord an Luxemburg-Liebknecht und dem gescheiterten Kapp-Lüttwitz-Putsch führte ihn sein Weg ins aufgelöste Habsburgerreich zur Stärkung der österreichischen „Heimwehrbewegung“, bevor er Pläne für eine von Antisemitismus und Antibolschewismus angetriebene „Weiße Internationale“ schmiedete.125 Pabsts Erfahrung der Niederlage im Ersten Weltkrieg wirkte als Auslöser einer politischen Radikalisierung, die zunehmend in einer expansiven, nationale Grenzen überwölbenden Erwartungshaltung mündete. Sie verband letztlich eine ganze Reihe deutscher, österreichischer und ungarischer Nationalsozialisten miteinander. Hierin lässt sich in der Tat ein Traditionsstrang erkennen, der von den Freikorps zum Faschismus reichte.126
IV. Fazit
Das hohe Niveau an politischer Gewalt während der Weimarer Republik ist unbestritten.127 Fraglich ist allerdings, mit welcher Zwangsläufigkeit es aus fehlerhaften Entscheidungen und Handlungen während der Revolutionszeit 1918/19 abzuleiten ist. Markierte die Novemberrevolution im Sinne einer Geburtsfehlerthese jenen Wendepunkt der Gewalt, durch den das Scheitern der ersten deutschen Demokratie und der Weg ins „Dritte Reich“ wesentlich zu erklären ist?
Plausibler erscheint es zunächst, den Wendepunkt der Gewalt am Anfang der Revolution im Oktober und November, aber auch noch im Dezember 1918 zu betonen: nämlich ihr vor dem Hintergrund eines jahrelangen massenhaften Tötens während des Weltkriegs erstaunliches Maß an Friedfertigkeit und „Liebenswürdigkeit“ im Umgang mit den Herrschaftsträgern des Ancien Régimes.128 Manch zeitgenössischer Akteur äußerte daher den Verdacht, diese Revolution sei möglicherweise zu unblutig gewesen, um nachhaltige Durchsetzungskraft und eine kathartische Wirkung zu entfalten. So fragte beispielsweise die Frankfurter Rebellin Toni Sender in ihrer Autobiografie: „Ist die Novemberrevolution zu human gewesen?“129 Das anfänglich geringe Maß an Gewalt war indes keine spezifische Eigenheit der Novemberrevolution. Vergleichbares lässt sich auch im Falle anderer Revolutionen beobachten, deren gewaltsame, letztlich in Bürgerkrieg und Diktatur mündende Phasen nicht am Anfang standen. Das gilt für die Französische Revolution von 1789 ebenso wie für die Russische Revolution im Herbst 1917.
Wer das Panorama einer von militärischer Gewalt, Straßenkämpfen und kurzzeitigen bürgerkriegsartigen Zuständen geprägten ersten Jahreshälfte 1919 nachzeichnet, sollte nicht außer Acht lassen, dass es hierbei auch um die Re-Etablierung des grundsätzlich legitimen staatlichen Gewaltmonopols und nicht um einen normativ entkoppelten Primat der politischen Gewaltanwendung per se ging. Dieses Bestreben ist zudem als Voraussetzung und Ausdruck jenes bürgerlich-sozialdemokratischen Konsenses zu werten, der überhaupt erst die Schaffung der ersten deutschen Demokratie ermöglichte. Gewiss wurden im Kampf um die Behauptung des staatlichen Gewaltmonopols − dies blieb im Übrigen ein Dauerthema der Weimarer Republik130 − in unzulässiger Weise an sich autorisierte Mittel physischen Zwangs eingesetzt. Zwischen Gewalt als „ordnungszerstörender und ordnungsstiftender Kraft“131 verlief nur ein schmaler Grat. Die These von der Präformierung eines späteren totalitären Gewaltregimes überzeugt aber mitnichten. Die sozialdemokratisch-bürgerliche Regierung zielte gerade nicht auf die Perpetuierung des zeitweisen Einsatzes irregulärer Kräfte, sondern vielmehr auf die zeitliche Begrenzung von Gewalt, auf die Kontrolle und die Überwindung des Ausnahmezustands. Von einem neuen Herrschaftsprinzip oder der Tendenz hin zu einem autoritären politischen System kann keine Rede sein.
Die Novemberrevolution war ein schillerndes Geschöpf. Das zeigen auch und gerade die neuen gewaltgeschichtlichen Forschungen. Wer allerdings mit dickem Pinsel Kontinuitätslinien von der prekären Regierungsgewalt im Jahr 1919 hin zum Staatsterrorismus ab 1933 zeichnet, interpretiert die Weimarer Geschichte erstens in altbewährter Manier von ihrem Ende her. Zweitens werden besonders hohe, vor dem Hintergrund der realen Zeitläufte bisweilen konstruiert wirkende normative Maßstäbe – gerade mit Blick auf das Gewaltniveau – an diese Revolution angelegt. Drittens schließlich neigen die „Political-Violence“-Studien mit ihrer Tendenz zur dichten Beschreibung einzelner Gewaltexzesse samt der Annahme davon ausgehender prozesshafter Eigendynamiken dazu, politische und ideologische Prädispositionen und Motivlagen ebenso wie weitere Kontextbedingungen als Erklärungsangebote gering zu erachten.132 Dies führt im konkreten Fall dazu, den Zusammenbruch der staatlichen Autorität samt widerstreitender, multipler Herrschaftsansprüche als übergeordnetes Problem nicht ernst genug zu nehmen und Dynamiken durchbrechende Faktoren der Deeskalation unzureichend zu gewichten.
Wer abschließend nochmals gebündelt auf die zwei hauptsächlichen Interpretationslinien und Narrative zur Deutung des Umbruchs von 1918/19 blickt, wird Leitformeln erkennen, die zur überfälligen Wiederbelebung der aktuellen Debatte um Revolution und Republikgründung beitragen, ohne dass es ihnen gelingen würde, die historische Situation in überzeugender Weise von ihrer leidigen Ambivalenz zu befreien. Aus der vertrackten Situation 1918/19 lässt sich weder ein Lernbeispiel für die deutsche Demokratiegeschichte generieren noch eines des gewaltgeschichtlichen Abgrundes in die Diktatur. Die Vieldeutigkeit und Janusköpfigkeit der Ausgangslage zwischen Krieg, Nachkrieg, Revolution und Republikgründung machen es zu einer nahezu unlösbaren Aufgabe, daran eine überzeugende, die Geschichte glattziehende Meistererzählung zu knüpfen.
Der verheißungsvolle Gedanke der Demokratie konkurrierte nach 1918 schon bald mit extremistischen Ordnungsmodellen, der Wunsch nach parlamentarischen Aushandlungsprozessen mit politischer Gewalt auf den Straßen, das Freiheits- und Partizipationsstreben mit dem Bedürfnis nach autoritärer Führung in einer bedrohten Ordnung, die Erfahrung eines politischen Systemwechsels mit utopisch anmutenden Erwartungen gegenüber irdischen Heilswelten. Der historische Ort der Revolution von 1918/19 ist daher gerade in seiner schwierigen Koordinatenbestimmung und Zukunftsoffenheit zu erkennen. Es lassen sich in exemplarischer Weise die politischen Gestaltungskräfte, die Hoffnungen und Ängste einer Gesellschaft studieren, die sich mitten in einer Krise befand, deren Ausgang sie nicht kannte.133
Rechte Mythen und Verschwörungstheorien
3.
Geschichtsmär als Integrationsideologie
Die Erfindung und Wirkung der Dolchstoßthese
Den Reichstag betrat Paul von Hindenburg erstmals am 18. November 1919. Als Zeuge vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Klärung der Kriegsschuldfrage tat der vom Charisma eines Ersatzkaisers umwehte Feldmarschall seine Sicht auf den Ausgang des Ersten Weltkriegs kund. Dies war jener Moment, als die Dolchstoßlegende gleichsam in Bronze gegossen wurde. Dahinter stand die Behauptung, das deutsche Heer sei unbesiegt geblieben und die Niederlage von 1918 gehe letztlich auf Kosten der Heimat, die der stolzen Armee und ihrer Führung einen Dolch in den Rücken gestoßen habe.
„Wo die Schuld liegt, ist klar erwiesen“, gab Hindenburg während seines in Absprache mit Erich Ludendorff und dem deutschnationalen Politiker Karl Helfferich inszenierten Auftritts zu Protokoll. Und er ergänzte: „Ein englischer General sagte mit Recht: ‚Die deutsche Armee ist von hinten erdolcht worden‘ […]. Bedurfte es noch eines Beweises, so liegt er in dem angeführten Ausspruch des englischen Generals und in dem maßlosen Staunen unserer Feinde über ihren Sieg.“1 Durch seine Aussage besiegelte Hindenburg – mit der gesamten Autorität des „Helden von Tannenberg“ und in triumphaler Pose – die These von der ebenso planmäßigen wie zielgerichteten Sabotage seiner bis zuletzt kampfbereiten Truppen von der Heimat aus.
Die Schuld schob er dabei nicht dem Volk an sich zu, sondern jenen in Parteien und Gewerkschaften organisierten Kräften, die gerade jene für Hindenburg so wichtige „Homogenität des Volkskörpers“ zu zersetzen suchten, so die Worte seines Biografen Wolfram Pyta. Dieses „holistische Politikverständnis“ hatte seine – vermeintliche – Sternstunde bei Kriegsbeginn erlebt, als der „Geist von 1914“ im August jenes Jahres den gesamten Zusammenhalt und den Willen eines gemeinschaftlich zusammengeschmiedeten Volkes zu zeigen schien.2 Vier Jahre später war davon nur noch wenig zu spüren: in Hindenburgs Sichtweise aber nicht deswegen, weil der Krieg seinen Tribut verlangte und das Militär des Deutschen Reiches sich der personellen und materiellen Übermacht der Entente spätestens ab dem Eintritt der Vereinigten Staaten 1917 in den Krieg nicht mehr gewachsen zeigte, sondern weil neu erstarkende politische Kräfte in der Heimat dem „hinterlistigen Speerwurf des grimmigen Hagen“ gleich die mit „Siegfried“ in eins gesetzte „ermattete Front“ von hinten durchbohrte.
So formulierte es Hindenburg im Rekurs auf die Nibelungensage 1920 in seinen Erinnerungen Aus meinem Leben.3 Zu dieser Zeit war die Rede vom Dolchstoß bereits in der Alltagssprache geläufig. Im Juni 1919, als das Thema angesichts der Pariser Friedensverhandlungen hochkochte, klagte die linksintellektuelle Weltbühne über das unerträgliche, aber allgegenwärtige „Geplärr von dem unbesiegten Heer, das hinterrücks erdolcht wurde“.4 Fast genau ein Jahr vor Hindenburgs denkwürdigem Auftritt im Untersuchungsausschuss war das so einprägsame Bild vom Dolchstoß erstmals in der Morgenausgabe der Neuen Zürcher Zeitung vom 17. Dezember 1918 aufgetaucht. Noch am selben Tag griff die nationalkonservative, antirepublikanische Deutsche Tageszeitung diesen Bericht auf. In der Tat fand sich in der angesehenen Schweizer Zeitung der von Hindenburg als Kronzeuge ins Feld geführte englische General Sir Frederick Maurice mit seiner Dolchstoß-Formulierung wiedergegeben. So sehr sich Maurice, als er davon erfuhr, gegen die Instrumentalisierung seiner Person wehrte und bestritt, jemals derart argumentiert zu haben, war doch ein hartnäckiges Gerücht in die Welt gesetzt. Quasi durch einen schweizerisch-britischen Filter gespült, beanspruchte es Glaubwürdigkeit.5
Andere Gründe sind indes wichtiger, um erklären zu helfen, weshalb die These vom Dolchstoß nicht von vornherein als die dreiste Lüge entlarvt wurde, die sie war. Mehreres kam zusammen, um das Dolchstoßargument plausibel erscheinen zu lassen. An erster Stelle ist der Überraschungs- oder Schockeffekt zu nennen, den die Mitteilung der Niederlage bei den meisten Deutschen im Frühherbst 1918 auslöste. Der Sieg im Osten mit dem harten Frieden von Brest-Litowsk gegenüber Sowjetrussland, die Frühjahrsoffensive im Westen, eine überzogene Siegpropaganda und die Tatsache eines Deutschen Reiches (fast) ohne fremde Truppen auf dem eigenen Territorium ließen die Erwartungen gerade in der Heimat nochmals steigen, um dann herb enttäuscht zu werden. An die Stelle hochtrabender Hoffnungen trat ein Gefühl von Demütigung und Unsicherheit. Um der Verschwörungstheorie den Nährboden zu bereiten, kam Weiteres hinzu: verschiedene Streiks angesichts einer zunehmend prekären Versorgungssituation ab dem April 1917 mit einem Höhepunkt im Januar 1918 und die auf einen Verständigungsfrieden zielende, von SPD, Zentrum und Fortschrittlicher Volkspartei gestützte Resolution des Deutschen Reichstags vom Juli 1917.
Waren dies nicht alles Indizien einer Sabotage von der Heimat aus? Diese Frage stellten sich bald führende Militärs, ohne an der Antwort irgendwelche Zweifel zu lassen. Er habe den Kaiser gebeten, ließ Erich Ludendorff die Stabsoffiziere bei der Obersten Heeresleitung (OHL) in den Tagen des Waffenstillstandsersuchens Anfang Oktober 1918 wissen, „jetzt auch diejenigen Kreise an die Regierung zu bringen, denen wir es in der Hauptsache zu danken haben, dass wir soweit gekommen sind. […] Sie sollen die Suppe jetzt essen, die sie uns eingebrockt haben.“6 Mit einer Mischung aus Autosuggestion und Perfidie suchte die OHL nach einem Ausweg aus der eigenen Verantwortung, die nun ganz auf die führenden Köpfe des sozialdemokratischen und liberal-bürgerlichen Lagers abgeschoben werden sollte.
Jene Kräfte, die bald die erste Regierung der Weimarer Republik bildeten, mussten als Hauptschuldige für die Niederlage herhalten, die fortan in einem Atemzug mit der neu geschaffenen Demokratie genannt wurde. In der Dolchstoßthese schwang insofern stets ein grundlegender Angriff auf Republik und Demokratie mit. Da sollte es auch wenig nützen, als Friedrich Ebert die heimkehrenden Soldaten am 10. Dezember 1918 vor dem Brandenburger Tor mit den Worten begrüßte: „Kein Feind hat euch überwunden.“7 Für den Historiker Mark Jones half er auf diesem Wege sogar selbst mit, „die Vorstellung in den Köpfen zu verankern, die Revolution sei dem deutschen Heer in den Rücken gefallen“.8 Dem lässt sich mit guten Gründen entgegenhalten, Ebert habe mit seinem Gruß ein Zeichen der Mäßigung, des Ausgleichs und der Integration setzen wollen, um die erschöpften Frontkämpfer im neuen, politisch gewendeten Deutschland willkommen zu heißen, das sie eben nicht im Stich ließ.
Gleich wie die Interpretationen ausfallen, konnte Ebert seine radikal-rechten Feinde nicht zufriedenstellen. Aber auch seinen Kritikern zur Linken galt er als Verräter. Jahre später sollte die sozialdemokratisch ausgerichtete Volksstimme kurz nach dem Untergang der Weimarer Republik von der „Wucht der beiden Dolchstoßlegenden“ sprechen, die der SPD-Politik ab 1918/19 heftig zugesetzt habe.9 Bildlich zum Ausdruck kam die linke Version in einer Karikatur der kommunistischen Roten Tribüne vom 9. November 1925: Sie zeigt, wie Ebert im bürgerlichen Dreiteiler – flankiert von einem Freikorps-Soldaten – einem revolutionären Arbeiter, der die rote Fahne hochhält, den Dolch in den Rücken stößt. In der gesamten Gestaltung erinnert dies an das bis heute wohl bekannteste Bild zur rechten Dolchstoßthese, nämlich das Wahlplakat der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) zu den Reichstagswahlen vom Dezember 1924: Darauf ersticht ein maskierter, rotgewandeter Proletarier hinterrücks einen Frontsoldaten, der noch im Fallen die schwarzweiß-rote Fahne in die Höhe streckt.
Beide bildlichen Darstellungen stammen aus jenen Jahren, als die öffentliche Debatte im Münchner „Dolchstoß-Prozess“ ihren Höhepunkt erreichte. Der Herausgeber der Süddeutschen Monatshefte Paul Nikolaus Cossmann strengte im Herbst 1925 einen Ehrverletzungsprozess gegen den Chefredakteur der sozialdemokratischen Münchner Post Martin Gruber an. Dieser hatte Cossmann, der seine Monatsschrift zu einer Art Hauptorgan zur Propagierung der Dolchstoßthese gemacht hatte, der Geschichtsverfälschung bezichtigt. Der Prozess erregte nicht zuletzt großes Aufsehen, weil in ihm prominente Figuren wie der ehemalige Erste Generalquartiermeister Wilhelm Groener als Zeugen aussagten. Groener stellte Ebert und der Mehrheitssozialdemokratie insgesamt ein gutes Zeugnis aus, hätten beide doch mit der OHL kooperiert und eine auf Staatserhaltung zielende Politik verfolgt (was wiederum die linke Dolchstoßthese vom „Arbeiterverrat“ beflügelte). Am Ende sprach das Gericht von einem „Irrtum“, ließ den Vorwurf der Lüge und der Verhetzung indes nicht gelten.10
Im Wesentlichen war die Behauptung vom Dolchstoß widerlegt, auch dank der Stellungnahmen verschiedener Experten – so des von den Sozialdemokraten bestellten Historikers Hans Delbrück – im Prozess sowie in dem vom Reichstag eingesetzten Untersuchungsausschuss für die Schuldfragen des Weltkrieges.11 Dessen vierter Unterausschuss über „Ursachen des Zusammenbruchs“ hatte sich ausdrücklich der „Dolchstoßfrage“ gewidmet. So sehr schon während der Weimarer Republik durch die Arbeit des Untersuchungsausschusses ungeachtet aller Ambivalenzen eine Versachlichung der Debatte geleistet worden war, so blieb die Wirkung doch gering und gelang es mitnichten, innergesellschaftliche Gräben zuzuschütten oder wenigstens zu überbrücken.
Ab Mitte der 1920er Jahre erlahmte der öffentliche Streit zunehmend, ohne dass ein Konsens erzielt worden wäre. In gemäßigten linken und liberalen Kreisen galt die „verruchte Lüge“, von der die Weltbühne bereits im Januar 1919 gesprochen hatte12, als ein für allemal erwiesene Geschichtsfabel. Ihrem Ruf Fort mit der Dolchstoßlegende!, wie der Titel einer Broschüre aus der Feder des SPD-Ministers Adolf Köster von 1922 lautete13, folgten aber bei weitem nicht die Angehörigen aller politischen Milieus während der Weimarer Republik. So blieb die Erzählung vom Dolchstoß ein „Haupthindernis der innenpolitischen Verständigung“, wie der Historiker Martin Hobohm 1926 in den Spalten der Weltbühne nochmals festhielt.14
Innerhalb der politischen Rechten galt der Dolchstoß als unumstrittenes Faktum. In den neu formierten Kreisen der radikal-nationalistischen Alldeutschen und Völkischen erfuhr die These eine weitere Zuspitzung. Nunmehr standen nicht länger einzelne handelnde Politiker und debattierende Parlamentarier aus dem gemäßigt linken und liberal-bürgerlichen Lager („Vaterlandslose“, „Erfüllungspolitiker“) am Pranger, sondern pauschal ganze Gruppen, die als ebenso hinterlistig wie verabscheuenswert galten: „Marxisten“ und „Juden“. Die Dolchstoßthese bediente in dieser verschärften Variante hartnäckige antisozialistische und antisemitische Stereotype. Ein aufmerksamer Beobachter der Zeitläufte wie Ernst Troeltsch hatte schon im März 1919 auf Seiten der radikalen Rechten die Rede von der „charakterlosen jüdischen Demokratie“ einigermaßen besorgt registriert. Noch mehr wunderte er sich aber angesichts der weit über diese Zirkel hinausreichenden Bereitschaft zur Gut- oder Irrgläubigkeit: „Daß das alles Widersinn, Unwahrheit oder gar offenkundige Lüge ist, kümmert die Leute nicht.“15
Einem breiten rechten Spektrum diente die Dolchstoßthese der Verständigung und Selbstvergewisserung. Ihr kam, wie es Boris Barth in seinem Standardwerk Dolchstoßlegenden und politische Desintegrateion festhielt, die „funktionelle Bedeutung eines ideologischen Bindegliedes zwischen konservativen Eliten und dem Nationalsozialismus“ zu.16 Im „Dritten Reich“ wurde mit großer Gründlichkeit die These vom Dolchstoß ebenso wie vom fatalen Wirken der „Novemberverbrecher“ festgeschrieben. Schließlich galt die Revolution, die faktisch eine Folge des militärischen Zusammenbruchs war, den Nationalsozialisten als Ursache der Niederlage. Einträge zur Dolchstoßlegende wurden aus Büchern, Enzyklopädien und Wörterbüchern verbannt.17 Wie groß der Glaube an diese Geschichtsmär war, sollte sich noch am Ende des Zweiten Weltkriegs zeigen: Bis in die letzten Kriegstage hinein gingen SS-Schergen mit rücksichtsloser Härte gegen Deserteure vor, damit sich ein Dolchstoß nicht wiederholte, der im Nationalsozialismus zum festen Glaubensinventar einer aus der Lüge geborenen neuen Wahrheit geworden war.
Angesichts der Langlebigkeit dieser Legende kann es kaum verwundern, dass auch nach 1945, zumindest in der ersten Nachkriegszeit, die Sorge vor einer neuen Dolchstoßargumentation zu vernehmen war. Ernst Friedlaender warnte 1947 energisch in der Zeit davor.18 Der Geschichtspädagoge Heinz Schröder veröffentlichte in demselben Zeitraum eine kämpferische Schrift gegen eine neue Legendenbildung, ebenso der am Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 beteiligte Oberst Wolfgang Müller.19 Alle drei trieb die Sorge um, nunmehr könnten die militärischen Widerstandskämpfer rund um Claus Schenk Graf von Stauffenberg statt als Helden verehrt zu Verrätern gestempelt werden. Friedlaender rief deshalb zu aktivem Handeln eines jeden einzelnen auf: „Der neuen Dolchstoßlegende muß, ehe sie gefährlich werden kann, die Wirklichkeit der Tatsachen entgegengestellt werden. Jeder unter uns hat die ernste moralische und politische Pflicht, in seinem Umkreis dafür zu sorgen, daß aus Leichtgläubigen Ungläubige werden. Selbst im privaten Gespräch bedarf es hierzu des Mutes zur Unpopularität.“
Wer sich die öffentliche Würdigung des Widerstands gegen Hitler in der frühen Nachkriegszeit vor Augen führt, der weiß, dass die Sorge vor der Wiederbelebung einer derart transformierten Dolchstoßlegende durchaus ihre Berechtigung hatte20, zumal der Wille zu nationaler Selbstkritik, wie Friedlaender notierte, nicht besonders ausgeprägt war, der Wunsch nach Entlastungsstrategien dagegen groß. Anders als nach dem Ersten Weltkrieg war Deutschland aber nach 1945 ein zerstörtes und besetztes Land, das sich für Holocaust und Kriegsverbrechen zu verantworten hatte. Mit der Politik einer re-education setzten die Alliierten frühzeitig ein Signal für demokratische politische Bildung. Ebenso achteten sie darauf, die Wiederholung einer nationalen Demütigung, wie sie mit der Chiffre „Versailles“ verbunden wird, zu vermeiden. Diese gewandelten Ausgangsbedingungen trugen dazu bei, dass sich schließlich die „ganze brutale Wahrheit“ durchsetzte, wie sie bereits Schröder eindringlich in seiner Streitschrift gegen eine neuerliche Mythenbildung gefordert hatte.21 Siegfried und Hagen behielten fortan ihre Rollen in der Nibelungensage, ein künftiger Auftritt in einem neuen Dolchstoßdrama jedoch blieb ihnen versagt.
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