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Die Melodie in dir

von

Alessandra Grimm

„Was ist die größte Muse für einen Musiker?“

Ihre Frage traf einen Nerv in seinem tiefsten Inneren. Er atmete tief ein. Seine Brust zog sich zusammen, gefolgt von einem stechenden Schmerz. Den Kopf senkend atmete er laut aus. Er wollte ihrem prüfenden Blick entgehen, welcher ihm sichtlich Unbehagen bereitete. Stirnrunzelnd beäugte sie ihn. Sie wusste, dass diese Frage für ihn sehr intim war und seine Antwort womöglich zu einem Bruch zwischen ihnen führen würde. Aber nach all den Wochen wollte sie die Worte einfach nur über die Lippen bringen. Sie musste die Antwort wissen, ahnte sie diese doch bereits. Doch war sich Ben darüber im Klaren? Die Erkenntnis würde ihn womöglich etwas aus der Bahn werfen. So bezweifelte sie, dass er jemals in seinem Leben diese Reflektion vorgenommen hatte. Seine Reaktion auf die Frage bestärkte sie nur noch mehr. Es war nicht ihr Stil, aber die Ereignisse der letzten Wochen hatte das Fass sprichwörtlich zum Überlaufen gebracht. Ungeduldig klopfte sie mit den Fingern auf den Tisch. Wie eine Oktave auf dem Klavier spielend tänzelten sie auf und ab. Die dumpfen Geräusche entrissen ihn aus seiner schützenden Trance. Mit glasigen Augen sah er sie an. Die Antwort fiel ihm nur schwer über die Lippen. „Einsamkeit.“, hauchte er beinahe. Seine Stimme klang unsicher und kratzig und nachdem er das Wort ausgesprochen hatte, musste er schwer schlucken. Sie nickte, nahm ihre Jacke samt Handtasche und wandte den Blick von ihm ab. „Dann kannst du ohne sie kein Musiker sein.“ Er hörte wie die Tür hinter ihm ins Schloss fiel. Sie war weg und diesmal vielleicht für immer. Jetzt leisteten ihm nur reine Stille und seine Selbstzweifel Gesellschaft.

Kapitel 1

15 Jahre zuvor….

Laut sang sie den Song Generation Rock von Revolverheld mit, als sie eilig den Stapel Shirts aus dem Kleiderschrank zog und diesen achtlos auf den Boden warf. Irgendwo zwischen den ganzen Stoffen musste das Shirt mit dem Logo ihrer Schulband sein. Ihre Mutter hatte es definitiv mitgewaschen und seit dem letzten Konzert vor drei Wochen wurde es nicht noch mal angezogen. Ungeduldig tastete sie sich in die hinterste Ecke ihres überfüllten Schrankes, leider ohne Erfolg. Genervt starrte sie auf den Kleiderhaufen zu ihren Füßen hin. Es würde wieder Ewigkeiten dauern, bis sie alles ordentlich gefaltet und in den Schrank eingeräumt hätte. Sie schaute auf ihre Armbanduhr und bemerkte, dass sie jetzt schon ziemlich spät dran war. Aufräumen würde daher erst morgen anstehen. Das Öffnen ihrer Zimmertür war zu hören: „Mama, ich habe dir schon hundert Mal gesagt, dass du anklopfen sollst!“, brüllte sie der kleinen, blonden Frau entgegen, die grimmig in das Zimmer ihrer Tochter blickte. Mia stand, mit noch halbnassen Haaren und im BH, vor ihr. Das Chaos, dass sie in ihrem Zimmer veranstaltet hatte, sorgte jetzt schon für sichtliches Unbehagen bei ihrer Mutter. Aber sie versuchte ihrem Ordnungsdrang zu widerstehen, damit Mia selbst ihr Zimmer wieder aufräumte. „Was suchst und fluchst du denn die ganze Zeit?“, fragte sie mürrisch und freute sich schon auf den ruhigen Abend, ohne laute Rockmusik und Gejaule. „Mein Band-Shirt.“, erwiderte Mia sichtlich genervt. „Ich finde es einfach nicht und du hast es definitiv gewaschen und gebügelt.“, sie sah ihre durchdringend Mutter an. Dann kniff sie die Augen leicht zusammen und verschränkte die Arme. „Hast du es?“, fragte sie vorwurfsvoll. Ihre Mutter zuckte mit den Schultern. „Warum sollte ich mir dein Band-Shirt nehmen? Ich weiß ja nicht mal, wie die heißen.“, antwortete sie, überzeugt davon, dass sie keine Schuld traf.

„Das weißt du wohl und es wäre nicht das erste Mal, dass auf mysteriöse Art und Weise meine Sachen in deinem Schrank landen.“, zielsicher hastete Mia an ihrer Mutter vorbei und ging ins Elternschlafzimmer. Sie riss die Schranktüren auf und brüllte „Boah Mama“. Wie auf dem Präsentierteller lag da ihr Shirt der Band Good-For-Nothing. Unbekannt und eher ein Hobby-Projekt von Schülern und Freunden, aber ihre absolute Lieblingsband. Schließlich war ihr bester Freund deren Schlagzeuger. „Ich weiß nicht, wie das T-Shirt da hingeraten ist. Ich muss es verwechselt haben. So was trage ich doch nicht.“, erwiderte ihre Mutter, sichtlich entrüstet über den Fund. Mia rollte lediglich mit den Augen. Ihre Mutter konnte nie einen Fehler zugeben und sie wusste nur zu genau, dass sie das Shirt wohl ab und an beim Sport oder Putzen getragen hatte. Aber zugeben würde sie es nie. Eher würde sie eine Ausrede á la „Ich habe einfach nach irgendeinem Shirt gegriffen, das gerade parat lag“ parat haben, als einzugestehen, dass ihr die Klamotten ihrer Tochter auch an ihr selbst gefielen.

Hastig streifte Mia das Shirt über ihren Körper. Dazu trug sie schlichte, schwarze Jeans. Ihr schwarzen Chucks durften nicht fehlen, wurden sie doch bei jedem Konzert getragen. Zum Leidwesen ihrer Mutter, war gerade bei den Jugendlichen dieser Szene angesagt, ihre Schuhe mit kleinen Glöckchen zu verzieren. Bei jedem Schritt ertönte der metallisch klingende Ton, der sie ankündigte. Immer wieder witzelten Eltern darüber, dass ihre Kinder dadurch wie Kühe auf einer Weide glichen. Doch ihre Kinder verstanden diesen Spaß ganz und gar nicht und warfen ihnen daher vor, einfach zu alt zu sein. Mia ging in ihr Zimmer, prüfte sich im Spiegel und wuschelte durch ihre schwarzen Haare, die sich wie üblich in kleine Wellen legten. Sie hatte keine Zeit mehr, sie zu glätten. Wohl oder übel würde sie mit ihrer selbst ernannten Naturkatastrophe auf ihrem Kopf zum Schulgebäude fahren. Ein seltener Anblick, denn sie mochte ihre Frisur leider überhaupt nicht. Nachdem sie noch leichten Gloss auf ihre Lippen nachgezogen hatte, schnappte sie sich ihre Umhängetasche mit dem glitzernden Totenkopf bedruckt und zog sich ihre Jeansjacke über. „Wann kommst du Heim?“, fragte ihre Mutter. „Ich bringe die Brötchen mit.“, erwiderte Mia und klang dabei leider weniger cool, als sie eigentlich wollte. Schnaubend hob ihre Mutter den berüchtigten Zeigefinger. „Junge Dame, du bist noch keine Achtzehn! Du bist um 22:30 Uhr zu Hause. Fährt dich Rebecca?“

Mia nickte genervt und zählte im Kopf die Tage, ab wann sie endlich auch gesetzlich nicht mehr als Kind behandelt werden würde. Dennoch war 22:30 Uhr besser, als gar nicht zum Konzert zu gehen und da viele der Schüler noch nicht die Volljährigkeit erreicht hatten, fing die Veranstaltung bereits um 18:30 Uhr an. Mia gab ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange und machte sich auf den Weg, um zwei Straßen weiter bei Becky alias Rebecca zu klingeln, die schon mit dem Autoschlüssel bereitstand. Becky war an derselben Schule wie Mia, allerdings zwei Stufen drüber. Sie hatten sich im Schulchor vor einigen Jahren kennengelernt und angefreundet. Ihre Liebe zu Rockmusik und Musicals verband die beiden. Im nächsten Jahr würde Becky ihr Abitur machen und Mia versuchte nicht daran zu denken, dass die Freundschaft sich dann womöglich im Sande verlaufen würde. Immerhin würde der Schulabschluss einen vollkommenen neuen Lebensabschnitt nach sich ziehen und wer wusste schon, ob es Becky nicht nach Berlin ziehen würde. So genoss sie die Zeit, die sie noch mit ihr hatte.

„Da bist du ja endlich!“, begrüßte Becky ihre Freundin und sie gingen direkt zu ihrem kleinen, dunkelblauen VW. Mia drehte die Musik auf, als Becky den Wagen startete. Passend zur Stimmung hatte sie natürlich die neueste Good-For-Nothing-CD eingelegt. Lauthals sangen die Freundinnen alle Songs mit und versuchten sich jede Zeile zu merken, damit sie nachher nicht nur mit Tanzeinlagen, sondern auch ihren Gesangskünsten prahlen konnten. Es ertönte Wische doch deine Tränen weg, Mias absoluter Lieblingssong. Ihr bester Freund Simon hatte ihn für sie geschrieben, als sie, in ihren Worten gesagt, eine depressive Episode hatte. Vor einem Jahr war sie in ein Loch gefallen. Vollkommen aus dem Nichts heraus. Es ging ihr plötzlich nicht mehr gut und sie wusste überhaupt nichts mehr mit ihrem Leben anzufangen. Die Motivation war sprichwörtlich im Keller. Keine Komödie, kein Witz konnten sie zum Lachen bringen. Auf ihre Mitmenschen wirkte sie kühl und distanziert. Sichtlich besorgt hatte Simon in Foren recherchiert und sie dazu bewegt, ihre Gedanken nieder zu schreiben. So schaffte er sie aus der Dunkelheit heraus ins Licht zu holen. Erst sollte sie eine Art Tagebuch führen, doch dann bemerkte sie ihre poetische Ader und so wurde es zu ihrem liebsten Hobby. Sie war nicht der Meinung, dass sie gut war, aber das Schreiben an sich half ihr, sich in eine andere Welt zu flüchten und zu erkennen, dass das Leben nicht so Grau war, wie es in diesem Augenblick auf sie wirkte. Die Welt war voller Farben und Klänge, voller Emotionen die gut und schlecht sein konnten. Sie schrieb viele Kurzgeschichten und erkannte, dass auch die negativen Gefühle nötig waren, um glücklich zu sein. Denn ohne den Schatten, gab es auch kein Licht. Das Leben wäre sonst zu trist und langweilig, dachte sie sich danach immer wieder. „Irgendwann kommt der Moment, der dich wieder lachen lässt.“, sangen die Freundinnen mit und hofften, dass die Band auch heute Abend den Song spielen würde.

Becky parkte am Schulparkplatz. Direkt am Schuleingang winkten ihnen schon ihre restlichen Freunde zu. Eine durchmischte Clique verschiedenen Alters und auch Schulen. Verbunden durch die Musik. Sei es den Konzerten zu lauschen oder selbst welche zu machen. Wobei diese anzutreffende Gruppe zu den Chorsängern gehörte, zu denen auch Mia und Becky zählten. Sie begrüßten sich freudig, nahmen sich gegenseitig in den Arm und betraten die Schulaula. Einer der Abiturienten kontrollierte ihre Eintrittskarten, die eher wie ein Bon von der Kirmes aussahen. Mia müsste später in ihr Tagebuch noch Tag und Namen des Events eintragen, denn sie hob alle Tickets ihrer Veranstaltungen auf. Dazu schrieb sie immer ein bis zwei Sätze, um den Abend zu beurteilen. War er gut, war er schlecht? Hatte sie jemand Besonderes getroffen oder irgendetwas Witziges erlebt? Dann wurde es dort festgehalten.

„Mia!“, hörte sie wen rufen. Es war Simon, der sie freudig zu sich rüber winkte.

Kapitel 2

Simon umarmte seine beste Freundin so sehr, dass viele an ein lang ersehntes Wiedersehen dachten, oder aber eine frische junge Liebe. Oft hatten sie mit Gerüchten in der Schule zu kämpfen, dass sie ein heimliches Paar wären und es nur nicht zugeben wollten. Selbst die Lehrer rätselten regelmäßig im Lehrerzimmer darüber und mussten jedes Mal verschmitzt grinsen, wenn sie in ihrer Klasse die beiden wieder nebeneinander vorfanden. Mia und Simon konnten diese Gerüchte überhaupt nicht nachvollziehen. Sie fühlten sich wie Geschwister und auch Mias Mutter sprach immer von ihrem Sohn, wenn es um Simon ging. Bekannt miteinander waren sie seit der fünften Klasse und seitdem, trotz der Tatsache, dass sie nicht in dieselbe Klasse gingen, unzertrennlich. Tatsächlich hatte der Schulchor die beiden zueinander geführt, zum Leidwesen von Herrn Pittek, der die beiden immer ermahnen musste. Nur Albernheiten im Kopf und manchmal lachten sie so laut, dass sie regelrecht die Chorprobe störten. Irgendwann begannen sie aber, sich zusammenzureißen, da sie doch lieber sangen, als sich von Herrn Pittek ständig Standpauken anhören zu dürfen und von der Probe ausgeschlossen zu werden.

In der siebten Klasse hatten sie dann den Französischkurs zusammen gemeistert, wohl gemerkt eher schlecht als recht und mit jeder Stufe häuften sich die gemeinsamen Kurse. Zum Leidwesen der Lehrer, denn zwar wurden sie gemocht, aber wirklich fleißig und motiviert waren beide nicht. Immer wieder hatten die Lehrer versucht, sie auseinanderzusetzen, damit der Einfluss von Einser-Schülern auf sie abfärbte. Wie zu erwarten brachte das natürlich gar nichts, woraufhin sie die kapitulierten und die beiden wieder nebeneinandersitzen ließen. Es lag auch nicht an mangelnder Aufmerksamkeit. Sie hatten beide immer die Hausaufgaben gemacht und beteiligten sich mal mehr, mal weniger am Unterricht. Aber beide waren offen gesagt unheimlich faul, was das Lernen betraf und taten es nur für Fächer, die sie wirklich interessierten. Ihr Notenschnitt ließ schon früh erahnen, dass wohl keiner von beiden jemals Medizin studieren würde.

„Ich habe dich früher erwartet!“, erwiderte Simon vorwurfsvoll. „Ich habe mein Shirt nicht gefunden.“, gab Mia achselzuckend wieder. „Lass mich raten, deine Mutter hat es wieder ausversehen in ihren Schrank gepackt?“, dabei formte er Anführungszeichen mit den Fingern, als er das Wort „ausversehen“ aussprach. Mia nickte und grinste ihn an. „Welche Bands sind denn heute noch dabei? Ich habe gar nicht auf die Liste geschaut.“, fragte sie.

„Viele, die man nicht kennt. Eine Band nennt sich Spontan, finde ich jetzt nicht so kreativ. Tim ist auch dabei mit The Pressure.“

Mia kannte Tim seit etwa einem Jahr. Er war etwas jünger als sie und sie hatten sogar am selben Tag Geburtstag. Die Freundschaft hatte sich leider nach einiger Zeit etwas aufgelöst, da er sich irgendwann in sie verliebt hatte, sie aber leider nicht in ihn. Erinnern wir uns an jeden Tag, denn die Geschichte ist für manche belustigend, für andere schockierend. An jenem Tag waren sie mal wieder bei ihm verabredet. Tim hatte den Luxus mit seinem älteren Bruder in einer eigenen Wohnung zu leben. Die Eltern wohnten nebenan. So waren die Jugendlichen ungestört von den prüfenden Blicken der Eltern, weswegen die meisten sich immer bei ihm zu Hause treffen wollten. Fast jeden Samstag fuhr sie nach Düsseldorf, um Tim zu besuchen. Sie hörten gemeinsam Musik, schrieben Song-Texte und ab und an überredete er sie sein Schlagzeug auszuprobieren. Hoffnungslos. Wenn Mia in etwas kein Talent hatte, dann in der Koordination der Schläge von Trommeln und Blechen. Daher ernteten Schlagezuger bei ihr schnell den höchsten Respekt.

Tim hatte diesmal in der Küche einen kleinen Brunch vorbereitet. Es fanden sich frisch gepresster Orangensaft, Croissants, schön geschnittene Gurken und Tomaten und verschieden Aufstriche und Aufschnitte wieder. Sie wusste noch, dass sie gar keinen Hunger gehabt hatte und mehr als überrascht über den reichlich gedeckten Tisch war. Oft hatte Tim im Chat beton, dass er ein wunderbares Frühstück zaubern könne, doch Mia blieb davon unbeeindruckt und nahm die Aussage stumpf zur Kenntnis. Womöglich wollte er sich beweisen, dachte sie sich. Doch als ihr Blick von den Konfitüren hin zur Tischecke wanderte, sprang ihr die Rose ins Auge. Schlagartig zog sich ihr Magen zusammen und ihr wurde speiübel. Sofort wusste sie, was jetzt passieren würde und ihr war das mehr als unangenehm. „Ich weiß, du magst keine roten Rosen und findest es kitschig, darum habe ich eine gelbe Rose besorgt.“, fing Tim an zu sprechen.

„Du weißt, das Gelb für Neid steht?“, unterbrach sie ihn direkt. Ihr Magen pochte. Am liebsten wäre sie aus der Wohnung gerannt und hätte am nächsten Tag so getan, als wäre dies alles niemals geschehen und Tim hätte das alles nur in seinen Träumen gesehen. „Oh, nein das wusste ich nicht! Tut mir leid!“, sagte er und schaute verlegen zu seinen Füßen, während er einen Arm hinter seinen Kopf zog und sich dort kratzte.

„Nicht schlimm, der Gedanke zählt.“, murmelte sie kaum hörbar.

„Ich… also ich wollte dir damit natürlich etwas sagen. Ich kaufe dir nicht ohne Grund diese Rose.“, fuhr er fort. Bitte nicht, dachte Mia. Tim war ihr lieb und teuer, die Freundschaft würde nach der Abfuhr niemals wieder wie zuvor sein, das wusste sie.

„Ich habe mich in dich verliebt, Mia.“ Ein unangenehmer Schwall bahnte sich den Weg ihrer Speiseröhre hoch. Mit der einen Hand packte sie den Stuhl, mit der anderen umfasste sie ihren Bauch. „Alles gut?“, fragte Tim erschrocken. „Du bist auf einmal so blass!“

„Ich glaube, ich muss ums Eck!“, keuchte sie und verschwand ins Bad. Von außen waren noch die Würggeräusche hörbar gewesen. Bis heute plagt Mia das schlechte Gewissen Tim gegenüber und sie brachte es kaum fertig, ihm in die Augen zu sehen. Immer wieder musste sie an ihren Fauxpas denken und wie sie ihn gekränkt haben musste. Trotz dieser unangenehmen Geschichte kamen sie überraschenderweise gut miteinander aus und Mia bekam das Gefühl, dass Tim sich sogar freute, wenn er sie auf einem Konzert wiedersah. Die alleinigen Treffen in Düsseldorf fielen seither natürlich aus.

„Ah cool, da kann ich ja auch ein paar Songs noch mitsingen.“, sagte Mia zu Simon.

„Genau. Und sonst gibt es noch so ein Trio. Die haben einen Namen der was für dich ist mit deinem Lieblingsfach.“, er pikste sie in die Seite. Direkt wissend, dass er auf den Deutsch-Kurs anspielte, erwiderte sie mit hoch gezogener Augenbraue: „Die drei Fragezeichen sind aber leider schon vergeben.“

„Nein, so nennen die sich natürlich nicht. Wie heißt das denn noch mal, wenn Frage- und Ausrufezeichen zusammen sind. Inter?“, Simon kratzte sich am Kopf. „Interrobang?“, half Mia nach.

„Ja genau! Interrobang nennen die sich.“, seine Hände trafen aufeinander und das entstehende Klatschen erinnerte an einen Peitschenhieb. „Wieso kannst du dir so was merken?“

„Na, weil das in den Marvel-Comics oft verwendet wird. Und irgendwann habe ich nachgeguckt, ob es dafür einen Namen gibt.“, erklärte sie.

„Würde ich jetzt auch behaupten, damit das Wissen darüber cooler wirkt. Willst du mit Backstage kommen und die Jungs begrüßen?“, ohne eine Antwort abzuwarten legte er seinen Arm um sie und zerrte sie mit zum sogenannten Backstage-Bereich, der einfach ihr Musikklassenzimmer war. Direkt sah sie Tim der ihren Blick auffing und strahlend auf sie zuging. „Mia!“, umarmte er sie und hob sie dabei, wie üblich, hoch. Er war jetzt schon über einen Kopf größer als sie und konnte sich den neckischen Spitznamen Kleine nicht verkneifen, was ihr natürlich gar nicht gefiel.

„Wie geht es dir Tim? Haben uns auch wieder ewig nicht gesehen.“ Sie versuchte den besagten Tag voller Peinlichkeiten zu verdrängen. Bei jedem Wiedersehen keimte die Erinnerung daran wieder auf und ihr schlechtes Gewissen klopfte energisch gegen die Tür. Alleine die Tatsache, dass sie sich nach einer süßen Liebeserklärung übergeben musste, sprach schon für sich. Kein Wunder, dass sie noch keinen Freund bisher gehabt hatte.

„Alles bestens! Ich habe jetzt eine Freundin!“, sagte er und reckte seine stolze Brust ihr entgegen. „Das freut mich! Ist sie auch hier?“

„Leider nicht. Ihre Eltern erlauben es ihr noch nicht, sie sei zu jung. Vielleicht in zwei Jahren mal.“

Sie unterhielten sich noch eine Weile, bis die Bandkollegen von Simon dazu kamen. Sie waren allesamt älter als Simon, aber von ihrer Art her hätte man keinen Altersunterschied gemerkt. Obwohl unter anderem Sven schon achtzehn war, dachte Mia manchmal, sie würde mit einem vierzehn-Jährigen reden. Die regelmäßigen Chats am Abend blieben nicht aus und oft half sie Sven bei seinen Songtexten. Immer wieder versuchte Mia ihn dazu zu bringen, auch mit Becky zu schreiben, denn ihre Freundin war ziemlich in den Gitarristen verschossen. Doch leider hatte er überhaupt kein Interesse an ihr.

Mia unterhielt sich mit allen die sie kannte und teilweise kamen auch die Fremden mit in die Runde. Zu groß war die Neugier, wer hier im Backstage-Bereich so viel Aufsehen und Lacher erregte, gab es sonst kaum Angehörige der einzelnen Bandmitglieder, die sich dort blicken ließen. Außerdem spielte Mia mal wieder ihre Flachwitz-Kassette ab, die viele äußerst amüsant fanden. „Ist das deine Freundin, Simon?“, ertönte eine dunkle Stimme von hinten. Mia drehte sich um. Ein Junge stand vor ihr mit kinnlangen, braunen Haaren. Seine Augen trugen dieselbe Farbe. Hier und da hatte er ein paar Pickel am Kinn. Von Bartwuchs noch keine Spur. Er sah schlaksig aus, aber wer tat das in diesem Alter nicht? Definitiv war er älter als sie. Sie schätzte ihn auf mindestens siebzehn ein.

Seine vollen Lippen formten sich zu einem Lächeln und ließen seine hellen Zähne hervorblitzen. „Warum guckt sie denn so kritisch.“, erwiderte er, ohne den Blick von ihr zu nehmen. Irritiert sah sie zu Simon und bemerkte erst dann, dass sie tatsächlich die Stirn krausgezogen hatte und dadurch eher sauer wirkte, als freundlich. Simons Miene hatte ihr das deutlich wieder gespiegelt. Er strich sich durch sein schwarzes Haar, das ebenfalls zu lang für ihren Geschmack war. Die Mode damals war eben anders. „Nein, das ist meine beste Freundin Mia. Mia das ist Ben, der Sänger und Gitarrist der Band Interrobang.“

Mia reichte ihm die Hand. „Nett, dich kennenzulernen. Bin auf eure Musik gespannt.“ Sein Blick wanderte von ihren Augen hin zur Hand, dabei biss er sich verlegen auf die Unterlippe, sah wieder hinauf und entgegnete endlich der Geste. Als sich ihre Hände berührten, spürte Mia ein leichtes Kribbeln auf ihrer Haut, gefolgt von einem flauen Gefühl in ihrer Magengrube. „Freut mich auch, beste Freundin von Simon. Ich bin gespannt, wie dein Urteil ausfallen wird.“

„Mia.“

„Was?“

„Mia ist mein Name. Noch bist du nicht so berühmt, als dass du dir Namen nicht merken solltest.“ Verblüfft sah er ihr hinterher, als sie die Hand rasch wegzog und den Backstage-Bereich verließ.

Kapitel 3

„Seid ihr bereit für Interrobang?“, fragte der Moderator, ein Schulkamerad aus dem Abiturjahrgang, der jede Gelegenheit nutzte, um auf der Bühne seine Show abzuziehen. Die Zuschauer jubelten und es war klar, dass die Band bereits einige Fans in der Menge zu zählen hatte. Vollkommene Newcomer waren sie demnach nicht. Ben kam auf die Bühne und heizte dem Publikum ein. Nach ein paar Worten begann er den ersten Song anzuspielen. Die Lichter waren auf die Jungs gerichtet. In kreisenden Spots fiel jedoch die totale Aufmerksamkeit auf Ben. Das Schlagzeug stand mittig auf der Bühne und einen halben Meter weiter hinten als die Plätze des Gitarristen und Bassisten. Obwohl damit etwas im Hintergrund nahm Ben die vollkommene Präsenz auf der Bühne ein, als er sich hinter die Trommeln setzte. Eins wurde damit schnell klar, Ben war der Star der Band. Die Lichtkegel ließen seine in Schweiß gebadete Haut schimmern. Wenige Perlen zeichneten sich von seiner Schläfe ab und sein Haar begann strähniger zu werden.

Die Musik war nicht schlecht, aber Mia gefiel nur ein einziger Song mit dem Titel Niemals darfst du gehen. Ben hatte keine gute Stimme. Er war nicht als Sänger geboren. Zwar traf er die Töne und aufgrund der Stimmung war die Performance auch live in Ordnung, aber ein richtiger Sänger war er definitiv nicht. Dafür war seine Stimme nicht aufregend genug, aber das würde Mia ihm erstmal nicht sagen.

Mia wurde warm. Die Menschen und die fehlenden Fenster sorgten für eine stickige Atmosphäre. Die Temperatur erinnerte an einen heißen Sommertag, obwohl bereits Herbst war und sie freute sich jetzt schon auf die kühle Brise, die für alle ein Segen sein würde.

Mia hatte sich einen Weg in die erste Reihe gebahnt und sah kurz zu Ben hinüber, dessen Shirt mittlerweile vollkommen durchtränkt war. Ein Schauder lief über ihren Rücken. Zu sehr ekelte sie sich vor dem Schweiß und wollte gar nicht wissen, wie er wohl nach dem Auftritt riechen würde. Seine Bandkollegen schwitzten zwar auch, aber nicht so intensiv wie er. Schlagzeugspielen schien einer Sporteinheit zu gleichen. Sie drehte sich um, ihre Freundin Becky schlängelte sich ebenfalls einen Weg nach vorne mit zwei Plastikbechern in der Hand, denn gleich würde Good-For-Nothing die Bühne betreten. Bens Haare waren mittlerweile vollkommen durchnässt und während er seinen Kopf im Takt schüttelte, trafen einige Schweißperlen die vordere Menge. Mia beobachte dieses Schauspiel angewidert und zog Becky ein wenig zur Seite, um nicht getroffen zu werden. Interrobang spielte den letzten Song.

*

Ben erblickte das Mädchen mit den langen, schwarzen Haaren in der Menge. Ihre Locken hatten sich noch stärker gekräuselt als zuvor im Backstage-Bereich. Unbegeistert wippte sie im Takt mit, hielt dabei ihre Umhängetasche am Riemen umklammert. Ein Mädchen mit Engelslocken gesellte sich zu ihr und drückte ihrer Freundin ein Getränk in die Hand. Deutlich mehr von der Musik begeistert, begann das fremde Mädchen zu tanzen und versuchte dabei keinen Tropfen auf der Tanzfläche zu hinterlassen. Von Mia nach wie vor keine andere Reaktion. Selbst als ihre Freundin ihre Hand nahm, um sie zum Tanzen zu animieren, rührte sie sich nicht. Sie zog die Hand zurück, schüttelte lachend den Kopf und nippte an ihrem Becher. Fand sie die Musik wirklich so furchtbar? Er versuchte sich davon nicht verunsichern zu lassen. Er kannte sein Talent und wusste, dass er ein guter Musiker war. Wer war schon dieses junge Mädchen? Ihre Meinung hatte nichts zu bedeuten.

*

Es folgte der Schlussakkord und die Menge jubelte, verlangte sogar eine Zugabe. Doch Ben vertröstete seine Fans mit der Ausrede, er müsse erstmal seine Haare auswringen, sonst würde die Menge sich bald noch stärker in seinem Schweiß baden. Mia war ganz froh über den Ausfall, so hatte Good-For-Nothing die Möglichkeit, eine längere Spielzeit zu ergattern. Immerhin waren sie das Highlight und die letzte Band, die heute auftrat. Quasi der Stolz der Stadt unter den Jugendlichen.

Interrobang verließ die Bühne und es folgte eine kurze Pause, in welcher Mia versuchte ihre Cola Light so schnell wie möglich hinunter zu kippen. Gleich würde sie die Tanzfläche rocken.

Eine Handvoll weiterer Mädchen eilten an ihr vorbei in Richtung des Backstage-Raums. Ben und seine Freunde hatten ihn gerade verlassen, offensichtlich auch mit frisch gewechselten Shirts und hatten allesamt ein Bier in der Hand. „Ben, du hast so toll gesungen!“, hörte sie ein Mädchen kreischen und rollte genervt mit den Augen, als sie sich von diesem Bild abwandte. Es war nichts Neues, dass die Bandmitglieder gerade von Mädchen auf den Konzerten angesprochen wurden, um hinterher Nummern zu tauschen. Groupies gab es eben auch für Schulbands und besonders die Gitarristen waren an ihrer Schule beliebt. „Wie findest du die Band?“, fragte sie Becky, die weiterhin im Takt wippte, als Last Resort von Papa Roach gespielt wurde. „Ganz okay, aber die Stimme ist so lala.“, antworte Mia unbeeindruckt. Becky nickte zustimmend. „Aber dieser eine Song, wo die Freundin niemals gehen darf, der war doch ganz gut, oder?“

„Ja, der war tatsächlich nicht schlecht. Der Text könnte etwas ausgefallener sein, aber er hat definitiv einen Ohrwurm-Charakter.“

Die Musik verstummte und die Menge fing wieder an zu jubeln. Die Tanzfläche füllte sich erneut und alle warteten gespannt auf das Finale. Good-For-Nothing kam auf die Bühne und als Mia Simon sah jubelte sie ihm fröhlich zu und klatsche laut.

Es war so grandios, wie es immer war. Die Songs rissen alle Leute mit, die Menge kannte jede Textzeile und bei der Ballade Auf dem Dach um Mitternacht, lagen sich Freunde und Freundinnen gerührt in den Armen. Mia stieg der Geruch von Sandelholz in die Nase. Als sie ihr Gesicht nach links wandte, stand Ben vor ihr. Er trug das gleiche Good-For-Nothing-Shirt wie sie. „Und ich dachte schon, du wärst so eine stille Genießerin von guter Musik.“, lächelte er sie an.

„Wenn Musik mich berührt, reagiere ich auch entsprechend.“, gab sie zurück und presste die Lippen aufeinander.

„Du findest also meine Band nicht gut?“

„Das habe ich nicht gesagt“

„Aber du hast nicht getanzt.“

„Woher willst du das wissen? Vom Licht her dürftest du doch kaum jemanden in der Menge erkannt haben.“

„Wenn eine Person sich gar nicht regt und der Rest vollkommen eskaliert, erkennt man das.“

Mia fühlte sich ertappt und wusste nicht, ob sie etwas Nettes sagen sollte, oder nicht. Wobei das Meiste vermutlich geheuchelt wäre, fand sie den Auftritt immerhin alles andere als berauschend. Unsicher, ob sie die negative Kritik äußern sollte, versuchte sie einen Mittelweg mit ihrer Antwort zu finden. „Sagen wir so, ich muss erstmal mit neuer Musik warm werden und wollte meine Energie für jetzt aufsparen.“ Ben platzte ein dumpfer Lacher heraus, während er an seiner Flasche Bier nippte und den Blick von ihr wegwandte. Mia fand diese Reaktion äußerst kindisch und unpassend. Was dachte er denn, wer er sei? Der neue Bon Jovi?

„Du musst mir nicht glauben. Wichtig ist doch nur, dass dir deine eigene Musik gefällt und den anderen hier im Raum hat es scheinbar auch gefallen.“, sagte Mia und widmete sich wieder ihrer Lieblingsband zu. Im Augenwinkel konnte sie sehen, wie er genervt und abschätzig mit den Augen rollte und sich von ihr abwandte.

Simon schlug mit seinen Drumsticks auf das große Becken und beendete so den letzten Song. Kreischende Mädchen hielten die Hände in die Höhe und klatschten euphorisch. Zugabe, hörte man wiederholt rufen. Und die bekamen sie.

Kapitel 4

„Hast du es schon gelesen?“, begrüßte Sven seinen Freund und wedelte mit einer Zeitung in der Luft. Ben, der gerade sein Fahrradschloss aufgeschlossen hatte, beugte sich hoch und sah ihn stirnrunzelnd an. „Was sollte ich gelesen haben?“, erwiderte er, nachdem Sven leicht keuchend vor ihm anhielt. „Na die Kritik!“, antwortete er und schlug Ben die Zeitung regelrecht in die Hand. Die Seite mit dem Artikel war bereits aufgeschlagen. Es handelte sich um die Schülerzeitung der Schule, in welcher Ben mit seiner Band Interrobang und Sven mit Good-For-Nothing vor kurzem gespielt hatten. Ben hatte gar nicht gewusst, dass ein Artikel geplant worden war. Niemand hatte er mit Notizbuch in der Hand gesehen, der sich Stichpunkte für die Rezension machte. Vielleicht war es aber auch nur eine filmreife Vorstellung seinerseits, wie er sich Journalisten in Aktion vorstellte. Sorgfältig las Ben jeden Satz durch. Sven wartete gespannt auf seine Reaktion und räusperte sich ab und an, als er das Mienenspiel auf dem Gesicht seines Freundes beobachtete. Ein auf und ab von tänzelnden Augenbrauen und kritischen Stirnfalten, hin zu ungläubig offenstehendem Mund und missbillig zusammen gepressten Lippen.

„Interrobang – die neuste Band im Umkreis mit Hang zu Alternative Rock beehrte die junge Menge der Stadt. Leider konnte nur ein Song ansatzweise überzeugen. „Niemals darfst du gehen.“ Alle Übrigen Lieder sind als zweitklassige Kreationen von Jungen einzustufen, die sich in ihrer Garage wie die Rockstars der nächsten Generation fühlen. Ihre Songs sind farblos und äußerst schwach. Einen Großteil des Songwritings übernimmt nach eigenen Angaben Ben Richter, Sänger und Schlagzeuger der Band. Der Abend hat dem Publikum verdeutlicht, dass Ben noch nicht die richtige Melodie in sich gefunden hat. Interrobang hat zweifelslos Talent und Potential. Leider haben sie sich selbst und wofür sie stehen wollen noch nicht gefunden.“

Ungläubig las er sich den Abschnitt erneut durch. Nach eigenen Angaben, stand da. Mit wem hatte er sich unterhalten? Wer konnte diesen Fakt über ihn wissen? Oder hatte jemand der anderen Bandkollegen der Person die Information zugespielt?

Eine derartig harte Kritik hatte er noch nie über sich und seine Musik gelesen. Im Gegenteil. Oftmals jubelte die Presse über Interrobang und hob besonders seine Leistung hervor. In vielen Artikel wurde er als großartiges Nachwuchstalent umschrieben, der sicher Fuß auf der holprigen Treppe der Musikkarriere fassen würde. Ein Feedback von Leuten aus der Branche, von Personen die bereits Jahrelange Erfahrung in diesem Business vorzeigen konnte. Jetzt wagte es ein Schüler, genau das Gegenteil zu behaupten? Sein Gesicht wurde bleich. „Du musst sie ganz schön verärgert haben.“, sagte schließlich Sven, der festgestellt hatte, dass sein Freund womöglich den restlichen Artikel nicht weiterlesen würde. Mitleidig beobachtete er den schockierten Gemütszustand seines Freundes. Er bereute nun ihm den Artikel gezeigt zu haben und hatte nicht mit einer verstörenden Reaktion gerechnet, war es doch nur die Schülerzeitung aus dem anderen Bezirk. „Wen?“, stotterte Ben und wandte den Blick endlich vom Blatt weg. Sven tippte auf den Namen der Verfasserin. Dort stand der Name Mia Stein. Ben kniff die Augen zusammen. „Die Freundin von Simon? Diese Brünette mit den Locken?“, fragte er mit hörbar lauterer Stimme, obwohl er die Antwort längst kannte. Sven nickte. „Ich habe gar nichts getan!“, schrie er fast und Sven hob beruhigend die Hände und wies ihn an, ruhig zu bleiben.

„Kein Grund, laut zu werden. Ich habe den Artikel nicht geschrieben! Sie geht sonst eigentlich nicht mit den Bands so hart ins Gericht, vor allem nicht mit einzelnen Personen. Die schlechteste Kritik, die ich je von ihr gelesen hatte, war ihre Musik klang nett. Dann muss sie euch wirklich nicht gut gefunden haben, wobei sie ja auch schreibt, dass ihr Talent habt.“, Sven versuchte seinen Freund etwas zu beruhigen und die Kritik zu schmälern. „Ich muss mit ihr sprechen.“, sagte Ben entschieden.

„Du solltest zuerst mit Simon sprechen und dir seinen Rat einholen.“, riet ihm Sven, der sich nun an einem der Fahrradständer lehnte und die Hände über Kreuz auf sein rechtes Knie legte.

„Warum denn das?“, erwiderte Ben mit verwirrter Miene.

„Er kennt Mia am besten und sagen wir es so, sie kann sehr eigen sein zu Menschen, die sie nicht besonders gut kennt. Und dazu gehörst du. Dem Artikel nach würde ich sogar sagen, dass du sehr schlechte Karten bei ihr hast, aber das kann Simon eher beurteilen. Vertrau mir! Sprich mit ihm und er hilft dir bestimmt den besten Weg zu finden, um dich mit ihr über ihre Kritik auszutauschen. Sonst macht sie dicht und redet überhaupt nicht mir dir. Mia ist einfach ein sehr spezielles Mädchen.“

„Pff, speziell. Wohl eher arrogant! Denkt sie hätte die Musik-Weisheit mit Löffeln zum Frühstück verputzt.“

Sven beschloss nichts weiter auf die Bemerkung seines Freundes zu erwidern. Ben war dermaßen wütend, dass jeder Satz ihn womöglich nur noch rasender gemacht hätte. Außerdem bezweifelte er, dass er Mia noch irgendwie gut bei ihm dastehen lassen konnte. So verabschiedeten sich die zwei voneinander und Ben fuhr mit dem Rad so schnell wie noch nie nach Hause.

Ihre Worte hatten sich in sein Gehirn gebrannt. Den gesamten Heimweg über grübelte er über die verletzenden Aussagen. Insbesondere der persönliche Vermerkt über ihn selbst, dass er die Melodie in sich noch nicht gefunden habe, hallte wie ein innerliches Echo immer wieder in seinem Ohr. Er konnte sich genau vorstellen, wie Mia es vor ihm betont hätte. Vermutlich genauso, wie sie auf ihren Namen unbedingt aufmerksam machen mussten und ihm Star-Allüren unterstellt hatte. Mit Sicherheit war sie in ihrer Rezension nicht neutral gewesen. Natürlich hatte sie Good-For-Nothing in den Himmel gelobt, immerhin war ihr bester Freund der Schlagzeuger. Wenn sie nicht mit ihm befreundet wäre, wäre die Kritik vermutlich nicht so hochlobend gewesen, dachte er sich. Was bildete sich Mia Stein eigentlich ein? Hatte sie überhaupt einen musikalischen Hintergrund, der sie dazu befähigte Kritik darüber zu schreiben? Seines Wissens nach spielte oder sang sie in keiner Band. Lediglich durch Simon konnte sie ein wenig in diese Welt hineinschnuppern, was sie aber noch lange nicht zu einer Musikkritikerin ausmachen konnte. Was meinte sie überhaupt mit Melodie in sich? Hatte sie einen Liebesroman zu viel gelesen und konnte sich daher nicht anders ausdrücken als über diese romantische Art?

Innerlich tobte ein Orkan in Ben, der all ihre Worte am liebsten nach Kansas verfrachtet hätte. Wut, Ärger, Enttäuschung, vor allem, aber Selbstzweifel boten sich ein Rennen auf den Bahnen seiner Seele.

Er warf den Rucksack in eine Ecke seines Zimmers und setzte sich sofort an seinen Rechner. Das bekannte Verbindungsgeräusch ertönte und nachdem er sich mit dem Internet verbunden hatte, öffnete er das ICQ-Programm und gab die Nummer ein, die ihm Sven gegeben hatte. Er lehnte sich zurück und wartete auf die Annahme Simons. Etliche Male drehte er die Daumen umeinander im Kreis und wusste nicht, was er in der Zwischenzeit mit sich anfangen sollte. Sein Kopf ließ keine Ablenkung zu und erinnerte ihn immer wieder an den Hieb auf sein Herz. Sauer raufte er sich die Haare und beschloss, dass womöglich die Mathehausaufgaben ihn von den Gedanken abbringen konnte. Es fiel ihm allerdings unheimlich schwer, sich auf sie zu konzentrieren. Immer wieder schielte er zum Bildschirm und überprüfte, ob sich der Blümchenstatus änderte. Er tat es vergebens.

Mittlerweile meldete sich sein Magen, welcher einerseits etwas Nahrhaftes in sich spüren wollte und andererseits wegen der Achterbahn der aufkeimenden Gefühle Alarm schlug. Das Knurren nervte ihn so sehr, dass er schließlich die Treppe hinab in die Küche ging und sich ein Puten-Sandwich machte. Während er das Toastbrot mit Remoulade bestrich fiel ihm ein, dass er vor ein paar Tagen die Fotos des Konzerts von einem der Schüler vor Ort erhalten hatte. Ihm war der Kollege mit der Kamera direkt aufgefallen und nachdem er ihn angesprochen hatte, hatte dieser ihm erzählt, dass er das Konzert als Übung für die Foto-AG nutzte. Direkt hatte Ben die Gelegenheit genutzt und gefragt, ob er die Fotos ihm zur Verfügung stellen würde, damit sie auf der Homepage von Interrobang veröffentlicht werden könnten. Freudig willigte der Anfänger-Fotograf in die Zusendung ein und verlangte lediglich seine Namenssetzung unter den Fotos.

In die eine Hälfte des Sandwichs beißend, legte er den Rest auf den Teller und eilte kauend wieder hoch in sein Zimmer und öffnete den Ordner, in welchem er die Fotos abgelegt hatte. Klick für Klick ging er jedes einzelne Bild durch. Besonders jene, auf denen das Publikum zu sehen war, interessierten ihn. Er wollte explizit Mia sehen, doch hatte sie scheinbar das Talent, auf Fotos nicht zu aufzutauchen und falls doch, kaum erkennbar zu sein. Ab und an entdeckte er ihre dunklen Locken, aber nie konnte er ihr Gesicht klar erkennen.

Vollkommen in der Suche nach Waldo versunken, bemerkte er gar nicht, was um ihn herum passierte. So kam es dazu, dass ein dumpfes Klopfen ihn hochschrecken ließ. Durch den Schreck hatte er sich unangenehm auf die Zunge gebissen. Mit von Schmerz verzerrtem Gesicht drehte er sich um und schaute zur Zimmertür. „Was machst du denn hier?“, fragte Ben wenig erfreut. „Dir auch ein Hallo! Darf ich etwa meinen Freund nicht besuchen?“, erwiderte das schlanke Mädchen, welches im Türrahmen stand. Sie schloss hinter sich die Tür, legte ihre Jacke auf dem Boden ab und küsste ihn zur Begrüßung auf den Mund. Ihre langen, glatten und blonden Haare streiften seine Wange, die ein unangenehmes Kitzeln auslösten. Er rieb sich die Wange, während das Mädchen sich auf sein Bett setzte. „Doch, aber ich habe nicht mit dir gerechnet.“, antwortete er und versuchte seine Laune vor ihr zu verbergen. „Ich habe dich eben vermisst. Komm doch zu mir, dann zeige ich dir wie sehr.“, sagte sie und tätschelte mit ihrer Hand das Bett. Zögerlich stand Ben auf und tat, wie ihm geheißen. Eigentlich war er nicht in Stimmung, doch er kannte Julia und wollte keinen Streit provozieren. Sie hätte ihm direkt unterstellt, dass er sie nicht mehr lieben würde oder er sie nicht mehr schön finden würde. Dass er einfach keine Lust hatte, würde für Julia nicht als Ausrede gelten. Auf den zickigen Streit mit ihr, hatte er keine Lust. Das konnte er am heutigen Tage nicht auch noch gebrauchen. Er küsste sie, während er sich auf sie legte und sie ihre Beine um seine Hüfte schlang. Just in diesem Moment änderte sich der Status der Blume zur ICQ-Nummer von Simon. Doch Ben sollte es erst in der Nacht bemerken.

Zu seinem Ärger war Simon bereits offline, als Julia gefahren und er wieder am Rechner war. Er würde erst am nächsten Tag mit Simon sprechen können. Verärgert putzte er sich die Zähne. „Melodie in sich nicht gefunden.“, sah er ständig vor seinem Auge fliegen. Er starrte in sein Spiegelbild und blickte sich in seine braunen Augen. Er versuchte etwas in sich selbst zu sehen, doch war da nichts. Nur er selbst und das plötzliche Gefühl nicht gut genug zu sein. „Kunst ist subjektiv. Nicht jeder liebt sie. Daran musst du dich gewöhnen.“, sagte er zu sich selbst und atmete tief ein und aus. Ben legte sich ins Bett. Er würde in dieser Nacht kaum ein Auge zu bekommen.

*

„Guten Morgen!“, strahlte Mia, als sie ihren besten Freund an den Fahrradständern traf. „Guten Morgen!“, erwiderte er in selbiger guter Laune zurück und umarmte sie. „Ich habe deine Kritik gelesen. Irgendwann wird keiner mehr dein Lob für Good-For-Nothing ernst nehmen.“, sagte er lachend.

„Warum das denn nicht?“, Mia legte den Kopf schief und setzte einen gespielten Schmollmund auf.

„Na, weil du offensichtlich meinetwegen parteiisch bist.“, er zwinkerte ihr zu, legte den Arm um sie und ging mit ihr Richtung Schuleingang.

„Wenn ihr schlecht spielen würdet, würde ich es sagen. Das weiß jeder. Ihr seid einfach gut.“

„Ja das stimmt. Interrobang aber scheinbar nicht.“, er schenkte einer Freundin einen leicht vorwurfsvollen Blick.

„Sie sind nicht schlecht, aber ausbaufähig.“, antwortete sie.

„Sicher, dass du mit dem Artikel ihre Musik kritisiert hast?“, er pikste sie in die Seite und Mia schlug seine Hand von ihr weg. Sie nahm seinen Arm von sich und sah ihn mit ernster Miene an.

„Was meinst du damit?“

„Du gehst sonst nie so hart ins Gericht.“

„Ich will Journalistin werden, da muss man seine eigene Meinung vertreten können und ehrlich zu den Lesern sein.“

„Tu nicht so. Ich kenne dich. Du weißt, dass die Musik in Ordnung ist.“, sagte Simon streng.

„Sie ist langweilig und nicht besonders. Jede zweite Band kann das, was Interrobang kann.“, Mias Ton wurde zickiger.

„Du hast sie ja auch zweitklassig genannt.“

„Ich habe ihre Songs zweitklassig genannt, nicht sie als Personen.“, Mia verschränkte genervt die Arme.

„Meiner Meinung nach, kannst du diesen Ben nicht leiden, weil er dich von oben herab behandelt hat und mit der Kritik willst du ihm eins auswischen.“ Mia schwieg. Ihr bester Freund kannte sie zu gut. Sie hatte beim Verfassen des Textes lange überlegt, ob sie diese Passage mit einbauen sollte. Aber sobald sein Gesicht vor ihrem inneren Auge auftauchte, wollte sie die Wörter umso mehr niederschreiben. „Da mag etwas dran sein. Ich gebe zu, dass die persönliche Kritik an ihn selbst etwas zu hart war. Aber der Rest zu den Songs der Band ist tatsächlich meine Meinung und die revidiere ich nicht. Du hast mich doch auf dem Konzert gesehen. Habe ich da getanzt oder mich irgendwie verleiten lassen? Außerdem hatten sie einen guten Song. Sie müssen nur mehr auf diesem Level schreiben.“

„Na, wenn du das sagst. Ich denke sowieso nicht, dass wir allzu viele gemeinsame Konzerte mit denen haben werden. Also wirst du Ben Richter zu deiner Freude eventuell nie wieder begegnen.“

Die Schulklingelt läutete und die beiden begaben sich zu ihrer Deutsch-Stunde.

*

Ben saß im Unterricht und konnte seinem Lehrer kaum folgen. Er hatte immer nur wenige Minuten am Stück geschlafen und wurde hundert Mal wach. Ihn hatten in der Nacht Albträume von einem schlechten Publikum, das ihm nach seinem Debüt nicht zujubelte und nur grimmig anstarrte gehabt. In einem anderen Traum wurden sogar klassisch Tomaten auf ihn geworfen. In der nächsten Sequenz war er bei einem Produzenten eines Musiklabels, der ihn lachend ablehnte. Wie konnte dieser lächerliche Artikel einen derartig großen Einfluss auf ihn nehmen? Wieso konnten die Worte von Mia Stein nicht einfach in Vergessenheit geraten? Oder glaubte er innerlich an ihre Ehrlichkeit, die ihn die Worte glauben ließ? Er hatte sie als selbstbewusstes Mädchen kennengelernt, das nicht auf den Mund gefallen war, ihre Meinung vertreten konnte und laut äußerte. An jenem Abend hatte er eine leichte Abneigung ihrerseits bemerkt, die er teilweise selbst zu verschulden hatte. Mit blöden, neckenden Sprüchen hatte er sie nicht beeindrucken können. Sie war anders als die anderen Mädchen in diesem Alter. Oder auch nicht. Sie war kein Groupie, sondern ein Musik- und Konzertbegeistertes Mädchen, das ihren besten Freund so gut es ging, unterstützte. Diese Art von Mädchen war er auf Konzerten nicht gewohnt gewesen. Das wurde ihm nun klar.

Sven pikste ihn in die Seite. Erschrocken sprang er ein Stück vom Stuhl. „Man, warum machst du das?“, zischte er ihn wütend an.

„Weil du immer noch hier sitzt, obwohl der Unterricht vorbei ist und wir nach Hause fahren können.“, antwortete Sven. „Was? Die Stunde ist vorbei?“, Ben war in der letzten Stunde in seiner eigenen Welt der Gedanken gewesen. „Du kriegst wirklich gar nichts mehr auf die Reihe. Nimm dir den Artikel von Mia doch nicht so zu Herzen. Gibt genug andere Leute, die dich und Interrobang toll finden.“

„Du hast recht.“

„Hast du mit Simon sprechen können?“

„Leider nicht. Er hat mich aber angenommen. Julia kam gestern Abend noch und als ich wieder am Rechner war, war er schon offline.“ Sven rollte mit den Augen, als er den Namen der Freundin hörte. Ben wusste, dass Sven sie nicht besonders leiden konnte. Kaum jemand aus seinem Bandumfeld mochte sie, weil sie sich kaum für die Musik interessierte und auch selten auf Konzerten zu sehen war. Auch die Gespräche zwischen ihr und seinen Bandkollegen waren eher angespannt gewesen. Sie lebte in einer anderen Welt, doch ihre Schönheit zog ihn immer wieder zu ihr. Seit nun zwei Jahren waren sie bereits ein Paar und sie brüstete sich mit der Tatsache, dass er Musiker war. Manchmal wusste er gar nicht, ob sie wirklich stolz auf ihn und sein Talent war oder den Umstand nur dazu nutzte, um ihr Ansehen etwas aufzupolieren. Manchmal fühlte er sich regelrecht vorgeführt, als ob sie aller Welt sagen wollen würde: „Schaut, wie toll mein Freund ist! So einen kriegt ihr niemals!“

„Ich habe heute Bandprobe mit ihm. Wenn du willst, gebe ich ihm eine Uhrzeit mit. Dann seid ihr quasi verabredet und könnt euch nicht verpassen.“, schlug Sven ihm vor.

„Das wäre super! Kannst du ihm zwanzig Uhr sagen?“

„Klar.“

„Danke!“, Ben hielt ihm die Hand ihn und Sven hakte sich ein, zog seinen Kumpel heran und sie klopften sich gegenseitig mit der anderen Hand auf die Schulter.

„Ach und Ben?“, sagte Sven, als er das Fahrradschloss um die Vorderstange hing.

„Ja?“

„Wenn du bei Mia durchfällst, fällst du bei Simon durch. Genauso ist es umgekehrt. Nur, damit du das weißt.“

Kapitel 5

Bereits eine Stunde vor dem verabredeten Zeitpunkt saß Ben vor seinem Monitor. Er hatte sich einige Notizen gemacht und überlegte, wie genau er das Gespräch mit Simon anfangen konnte. Den Rat seines Freundes hatte er ernst genommen, dachte aber zugleich, dass er wohl keinen guten Start mit dem Kollegen haben würde, wenn Mia Stein ihn tatsächlich nicht leiden konnte. Andererseits hätte Simon ihn womöglich nicht in ICQ angenommen, wenn das Urteil über ihn schon ausgesprochen gewesen wäre. Nebenbei werkelte er an einem seiner neuer Songtexte herum. „Dieses Feeling ist der Sinn meines Herzens schlagen“, notierte er auf ein Blatt Papier. Manchmal fielen ihm einzelne Sätze oder Wörter ein, die er gerne zu einem Liedtext verbauen wollte. Um sie nicht zu vergessen, notierte er alles kreuz und quer auf kleinen Zetteln oder in seinen Schulheften. Wenn die kreative Phase ihren Hochpunkt fand, konnte er die einzelnen Teile zu einem Puzzle zusammensetzen. So war auch „Niemals darfst du gehen“ entstanden.

Das wohl bekannte Geräusch einer eingehenden Nachricht im ICQ ertönte.

„Hi Ben, Sven sagte mir, dass du mich sprechen wolltest.“, las er.

„Hi Simon, danke dir erstmal für die Annahme und für deine Zeit.“

„Kein Problem. Womit kann ich dir helfen?“

„Es ist mir etwas unangenehm, aber ich hatte gehofft, dass du mir in Bezug auf Mia helfen könntest.“

„Mia?“, Ben bereute seine Wortwahl, hätte man die Anfrage auch in einen romantischen Kontext setzen können und das, wollte er definitiv nicht. Immer wieder tippte er ins Chatfenster und löschte die Worte wieder. Schließlich antwortete er:

„Sven hat mir ihre Kritik gestern gezeigt und ich würde mich gerne mit ihr dazu austauschen, damit ich sie besser nachvollziehen kann. Er meinte nur, es sei klüger erst mit dir zu sprechen, wie ich das am besten angehen könnte. Er nannte sie etwas Eigen, wenn es um fremde Personen geht.“

„Ach so. Ich hatte heute auch schon mit ihr darüber gesprochen.“ Ben zog eine Augenbraue hoch und antwortete: „Wirklich?“

„Ja.“

Simon fuhr nicht weiter fort. Ungeduldig wippte Ben mit seinem rechten Bein und überlegte, wie er die Information aus Simon herauslocken konnte, die ihn so sehr interessierte.

„Über die Kritik zu euch oder über Interrobang?“, schrieb er schließlich.

„Interrobang.“, antwortete Simon.

„Oh, wie kommt’s?“

„Sagen wir so, es war eine für sie untypische Kritik. Was genau möchtest du denn mit einem Gespräch mit ihr erreichen?“

„Ich möchte sie einfach besser verstehen können. Besonders der Punkt mit der fehlenden Melodie in mir ist für mich nicht nachvollziehbar.“

„Willst du sie besser verstehen oder einfach nur umstimmen?“

Mit dieser Frage hatte er nicht gerechnet. Tatsächlich war sich Ben nicht sicher, was er hier drauf antworten sollte. Er wusste selbst nicht so recht, was er mit einem Gespräch mit ihr bezwecken wollte. Womöglich würde er sie irgendwie auch umstimmen wollen, aber das konnte er schlecht vor Simon zugeben. Mit Sicherheit würde er ihm dann nicht helfen und ihm raten, den Artikel in den Müll zu schmeißen und einfach zu vergessen. Bedacht über Simons Reaktion antwortete er: „Ich möchte sie besser verstehen. Sie scheint einen guten Geschmack zu haben und ich nehme Kritik ernst. Ich würde mich und die Band gerne weiterentwickeln und ich denke, der Input könnte mir dabei helfen.“ Jedes Wort war durch und durch gelogen. Ben kannte sein Talent und wusste, dass seine Songs gut waren und die Band, trotz ihres jungen Alters, ein hohes musikalisches Niveau innehielt. Das wollte er Mia beweisen, damit sein gekränktes Ego wieder mit Stolz strahlen konnte.

„Okay, wenn du wirklich deswegen mit ihr Kontakt möchtest, dann helfe ich dir. Ich melde mich.“

„Danke!“, antwortete er und legte die Hände schmunzelnd hinter seinen Kopf.

*

Es war ein grauer Morgen. Die Sonne ließ sich nicht blicken, der Wind wehte kühl an ihren rosigen Wangen vorbei und die goldenen Blätter fielen von den Bäumen herab. Abwechselnd trat sie in die Pedale und zupfte ihre Mütze zurecht, die durch den Gegenwind wegzuwehen drohte. In diesem Moment wünschte sie sich, sie hätte sich dazu erbarmt ihre Mutter zu fragen, ob sie sie zu Simon fahren könnte. Andererseits würde ihre Mutter sie dann viel zu früh wieder abholen wollen und der Bus war aktuell keine Option. Einige Haltestellen waren im Umbau, weswegen er noch seltener fuhr als sonst. Die Baustellen sorgten dafür, dass er zudem entweder viel zu früh oder viel zu spät eintraf, sodass man von Glück sprechen konnte, wenn man ihn ergatterte. Darauf folgte dann allerdings ein Platzkampf, denn durch die Ausfälle war die Fluktuation pro Fahrt höher als gewöhnlich.

Sie bog um die Ecke und hielt vor einer Garage an. Als sie vom Rad abstieg hörte sie ein lautes Bellen. Samson, der große Bernhardiner der Familie Engel stand bereits an der Haustür und gab seinem Rudel das Signal für Besuch. Das Klicken des Radschlosses ertönte und bevor sie auch nur die Türschwelle erreicht hatte, öffnete Simon ihr die Tür. Er hatte sie bereits erwartet. „Samson, nein!“, brüllte er, während er mit seinen Beinen versuchte den Hund daran zu hindern, auf Mia zuzulaufen, um sie umzuwerfen. Denn obwohl Samson riesig war dachte er anscheinend oftmals, er sei so groß wie ein West Highland Terrier. „Sitz!“, befahl er und Samson gehorchte. Freudestrahlend streichelte Mia ihn auf seinem Kopf und tatsächlich hielt er sich weiterhin an der Aufforderung Simons. Nachdem sie den großen Beschützer begrüßt hatte, umarmte sie ihren Freund innig. „Nehmt euch ein Zimmer!“, entgegnete seine kleine Schwester Theresa, die einen Teller mit zwei Marmeladebroten hielt und die Treppe hinauf in ihr Zimmer verschwand.

„Sie wird mich niemals mögen.“, entgegnete Mia. „Sie ist nur eifersüchtig und einfach ein zu jung. Wenn du wüsstest, wie sie manchmal mit unseren Eltern spricht.“

„Ich weiß, wie sie mit ihnen spricht. Irgendwann wird sie Terroristin, weil sie alle Menschen hasst.“

„Das könnte passieren.“, lachte er und sie gingen in sein Zimmer. Mia legte ihren grauen Wollmantel auf seinem Bett ab und setzte sich auf ihren Stuhl. Mittlerweile hatte sie einen festen Platz, da sie sich mindestens einmal in der Woche zum Computerspielen verabredeten. Aktuell war Vampire The Masquerade Bloodlines angesagt und sie versuchten sich gemeinsam durch die Geschichte zu spielen. Allerdings waren sie nicht immer einer Meinung bezüglich der Entscheidungen. Allein zu Beginn wollte Simon unbedingt zu den Nosferatu gehören, aber Mia wollte nicht das ganze Spiel über in der Kanalisation verbringen und bei jedem Aufkommen von einem Menschen entdeckt und ermordet werden. Nach etlichen Diskussionen und sogar einem Persönlichkeitstest entschieden sie sich für den Clan Malkavian. Dafür durfte der Charakter ein Mann sein, so war der Kompromiss. Ein Weiterspielen ohne den anderen war darüber hinaus verboten und wurde mit den Kosten einer Riesenpizza, inklusive Getränk getadelt.

Simon ließ sich auf seinen schwarzen, ledernen Schreibtischstuhl fallen und faltete die Hände ineinander. „Sag mal, wie fändest Du es, wenn ich deine ICQ-Nummer ungefragt weitergebe an jemanden, den du aber kennst?“

„Wie ich das finde? Vollkommen unangemessen! Wem hast du meine Nummer gegeben?“, Mia war sichtlich erbost.

„Ben.“

„Ben? Ben wer?“

„Ben Richter.“

In Mias Kopf ratterte es, bis es ihr wie Schuppen von den Augen fiel. „Wieso gibst du dem Sänger von dieser bescheuerten Band meine ICQ-Nummer?“, ungläubig sah Mia ihren besten Freund an. Das Konzert war zwei Wochen her gewesen, es kam ihr allerdings deutlich länger vor. Nach dem kurzen Geplänkel während des Auftrittes von Good-For-Nothing hatten sie nicht weiter miteinander gesprochen, sich nicht einmal voneinander verabschiedet. Nachdem sie die Kritik verfasst hatte, hatte sie die Band schon in ihrem Kopf archiviert, denn sie ging nicht davon aus, sie irgendwo noch einmal wieder zu sehen. Die Mitglieder lebten in der Nachbarstadt und jede Band hatte quasi ihr Revier. Ihre Stadt gehörte nicht dazu und sie hatte des Weiteren auch nicht das große Bedürfnis, ihn näher kennenzulernen. Allein dieser Moment, als er sie nicht mal beim Namen nennen wollte, hatte ihm einige Minuspunkte aufs Konto gebracht. Mit so einer Person wollte sie nichts zu tun haben.

„Ich habe sie ihm noch nicht gegeben, aber ich würde das gerne tun.“, antwortete Simon.

„Diesem arroganten Idioten? Dein Ernst? Hat er danach gefragt oder warum?“

„Tatsächlich hat er danach gefragt. Warum auch immer. Auf dich stehen tut er mit Sicherheit nicht.“, er streckte ihr die Zunge raus und zwinkerte ihr zu. „Du kannst ihn natürlich ablehnen, oder auch einfach annehmen. Wenn du mir einen Gefallen tun möchtest, dann nimmst du ihn an und hörst dir an, was er zu sagen hat und von dir möchte. Gib ihm eine Chance. Ich glaube diese Kritik hat ihn doch etwas aus der Bahn geworfen.“, er hörte wie Mia genervt grummelte. „Komm schon. Du kannst ihn immer noch in die Wüste schicken und sagen, dass er lernen muss mit Kritik umzugehen. Ich werde ihm nachher die Nummer geben. Nimm ihn bitte erstmal an. Am Ende steht er noch mit Rosen vor deiner Tür und kniet vor dir Liebe. Mia, die einzig wahre Kritikerin. Bitte höre mich an!“, er fing die Szene theatralisch nachzuspielen. „Nur dein Urteil beweist, dass ich ein guter Musiker bin. Oh, bitte holde Mia, höre dir meine neueste Komposition an. Ich werde solange nicht aufgeben, bis ich eine positive Rezension von dir zu mir lese.“, säuselte er. Es folgte ein Klaps auf seinen Oberarm, gefolgt von einem bösen Funkeln.

„Will ich wissen, warum du dir Kopfszenen zu meinem Liebesleben ausmalst?“, fragte sie.

„Ich bin halt sehr fantasievoll. Genug Theater. Lass uns spielen.“, sagte er und startete seinen Computer.

*

Es war schon dunkel als sie sich auf Fahrrad schwing, um nach Hause zu radeln. Es war nach wie vor bewölkt und weder Mond noch Sterne blickten am Himmelszelt hervor. Die Blätter raschelten im sanften Wind und ließen die kühle Nacht nach einem sanften Regenschauer klingen. Doch der Geruch, der sich den Weg in ihre Nase bahnte, war geplagt von den Abgasen eines älteren Automodells, das gerade an ihr vorbei geschnellt war. Mia rümpfte die Nase und trat schneller in die Pedale. Es war nicht mehr weit und sie genoss die ruhigen Minuten für sich allein, bevor ihre Mutter sie wieder nach ihrem Tag ausquetschen würde. So lieb sie ihre Mutter hatte, so froh war sie, wenn sie für sich allein sein konnte. Der heutige Plan war, später mit einer Tasse Tee sitzend am Computer an ihrer Fanfiction weiterzuschreiben. Ihre Geschichte mit Namen Racheengel, basierte auf dem Vampir-Spiel des heutigen Tages. Es half ihr, über den Alltag hinweg zu kommen und ein Gefühl von Erleichterung machte sich nach jedem Satz in ihr breit. Man könnte es sich so vorstellen, wie einen Sack voller Steine, den man auf dem Rücken hievte. Mit jedem Wort, jedem Satz, jeder Seite wurde ein Stein herausgenommen, sodass die Last immer leichter wurde. Ein sehr befreiender Akt, der sie von den Streitereien mit ihren Eltern und den schlechten schulischen Leistungen ablenkte.

Sie stieg vom Fahrrad ab und hievte es über eine Stufe, um es dann rechts in eine von Mauern geschützte Ecke abzustellen. Die Wahrscheinlichkeit, dass hier ein Hollandrad gestohlen werden würde, ging gegen Null. Obwohl am Bahnhof tatsächlich jemand ihren Fahrradständer zertreten hatte. Bislang war sie zu faul gewesen, um beim Fahrradladen eine Erneuerung vorzunehmen, sodass ihr Rad immer irgendwo anlehnte oder auf die Abstellungen angewiesen war.

Die Wohnung war wohlig warm und der Geruch nach verschiedenen Kräutern stieg ihr in die Nase. Ihre Mutter hatte eine Kanne Tee aufgesetzt, eine jener aus Porzellan, die über ein Teelicht weiterhin erhitzt werden.

„Hast du was gegessen?“, rief ihre Mutter aus dem Wohnzimmer ihr zu. „Ja, wir haben…“

„Pizza gegessen.“, beendete sie den Satz. „Richtig geraten.“, antwortete Mia. Das war auch eines ihrer Rituale mit Simon. Immer wenn sie sich zum Zocken verabredeten, folgte eine große Pizza Tonno, die sie sich in der Regel teilten. Eine Zeit lang hatten sich die beiden immer montags bei Mia getroffen und ihre Mutter hatte dann, vorausschauend wie sie war, auf dem Rückweg ihrer Arbeit die aus Teig bestehende Köstlichkeit mitgebracht.

Kapitel 6

Widerwillig hatte Mia die Bitte ihres Freundes umgesetzt und Ben Richters Anfrage angenommen. Der Gedanke, sich mit dem arroganten Jungen zu unterhalten, gefiel ihr eigentlich gar nicht. Sie war nicht bereit, den Eindruck, den sie von ihm hatte zu revidieren. Der eine Abend auf dem Konzert hatte ihr ausgereicht. Wie er sich ständig durch die wilden, braunen Haare mit der Hand gefahren war und cool dagestanden hatte, während die Mädchen ihn tuschelnd beobachteten und kicherten, wenn er sie angesehen hatte. Sie hatte ihn direkt durchschaut. Ben Richter fühlte sich wie ein Star und benahm sich entsprechend. Die Konzertbesucher sollten allesamt seine Fans sein, die ihn und sein Talent anhimmelten und in Ohnmacht fallen sollten, wenn er ihnen ein „Hallo“ schenkte. Gut, Mia neigte dazu, die Dinge etwas überspitzter zu sehen, als sie eigentlich waren. Aber allein dieser Moment, als er ihren Namen nicht sagen wollte und sie als „Freundin von Simon“ stattdessen bezeichnete, hatte schon für hundert Minuspunkte bei ihr gesorgt. Sein Auftreten während der Bühnenshow hatte sie in ihrer Meinung nur bestätigt. Sie hatte regelrecht abgelesen, wie gut er sich auf der Bühne fühlte. Selbstbewusst und vollkommen selbstsicher. Dieser Eindruck ging damit einher, dass sie das Gefühl nicht loswurde, dass er gerne die Welt um sich selbst drehen ließ. Zumindest war es das Bild, dass ihre Intuition ihr bot. Es wunderte sie daher nicht, dass er mit ihr zu ihrer Kritik sprechen wollte. Anders als Simon es ihr verkauft hatte, glaubte sie Ben allerdings kein Wort. Er wollte versuchen sie umzustimmen und Mia bezweifelte, dass er ihre Kritik nur ansatzweise für voll nahm. Immerhin hatte er sich nicht einmal ihren Namen gemerkt, wobei er das womöglich getan hätte, hätte er gewusst, dass sie eine Rezension verfassen würde. Mit Journalisten sollte man sich immer gut stellen und wenn es auch nur für die Schülerzeitung gedacht war.

„Danke, Mama.“, sagte sie, als ihre Mutter ihr einen Teller Kekse samt Kräutertee hinstellte. „Hast du die Hausaufgaben schon fertig?“, fragte ihr blondes, älteres Ebenbild.

„Natürlich. Du kennst mich doch.“ Ihre Mutter nickte und schloss die Tür, um ihrer Tochter ihre Privatsphäre zu geben.

Genüsslich biss sie in einem Cookie mit Schokosplittern hinein. Ihre Lieblingskekssorte, von denen sie nur schwer genug bekam. Danach widmete sie sich wieder ihren zahlreichen Chatfenstern und stellte fest, dass ein weiteres sich geöffnet hatte.

„Hi Mia.“

Ein grimmiger Ton war von ihr zu hören. Zögerlich wandte sie den Blick vom Monitor und biss erneut in den Keks hinein. Das zermürbende Geräusch ihrer Zähne hörend tippte sie widerwillig: „Hi Ben.“ Sie wartete noch einen Augenblick, bevor sie die Antwort abschickte. Einige Minuten starrte sie ihre Begrüßung an und schlürfte an ihrer schwarzen Tasse mit dem Hogwarts-Wappen darauf. Mit verkniffenen Augen schmatzte sie ein paar Mal und drückte dann auf die Enter-Taste. Prompt sah sie Ben schreibt auflodern und erhielt eine neue Nachricht.

„Wie geht es dir?“

Wirklich? Fing er das Gespräch mit Smalltalk-Geplänkel an? Darauf hatte Mia überhaupt keine Lust.

„Gut und dir?“

„Auch. Schreibe gerade an einem neuen Songtext.“

„Aha.“, antwortete sie und verdrehte die Augen.

„Ich habe deinen Artikel gelesen.“

„Ich weiß.“

„Ich fand ihn gut.“

Gelogen, dachte sich Mia. Das konnte er nicht ernst meinen. Glaubte Ben Richter tatsächlich, dass er bei ihr punkten konnte?

„So?“

„Ja. Du hast wirklich Talent und hast deine ehrliche Meinung vertreten.“

Das ich nicht lache, dachte sie. Richtiger Schleimer. Mia antwortete darauf nicht.

„Ich bin nur über eine Sache gestolpert, über die ich gerne mit dir persönlich sprechen würde.“

Hatte sie gerade persönlich gelesen? Wollte er sich tatsächlich mit ihr treffen?

„Welche Sache denn?“

„Das sage ich dir, wenn wir uns treffen.“ Mia rümpfte die Nase, als sie seine Antwort las.

„Na, vielleicht können wir das auch schon im Chat klären, sodass ein Treffen obsolet wäre.“ Sie liebte es, solche Wörter mit einzubauen, um zu untermauern, wie sehr sie die deutsche Sprache für ihr junges Alter liebte. Für manche wirkte das arrogant und vollkommen unnötig. Darum wählte sie mit bedacht, bei wem sie geschwollener sprach und bei wem nicht. Da Ben sie arrogant behandelt hatte, sollte er dieses von ihr zu spüren bekommen.

„Ich habe schon Simon dazu gefragt und er ist auch der Meinung, dass das Thema besser persönlich besprochen wird. Für einen Chat ist das doch zu ausschweifend.“

Als ob er das beurteilen könnte. Sie wollte Simon parallel schreiben, was das ganze sollte, doch ihr bester Freund war ungewöhnlicher Weise offline. Dahinter steckt doch ein perfider Plan, dachte sie sich und hatte sich fest vorgenommen, am nächsten Tag Simon zur Rede zu stellen.

„Hättest du morgen nach der Schule Zeit?“

Vermutlich hatte sie tatsächlich keine Wahl. Wenn Simon mit Ben gemeinsame Sache machte und dies war offensichtlich der Fall, würde sie eines Tages auf ihn treffen müssen. Entweder er würde sie vor der Tanzschule abfangen, oder Simon würde ihn bei einem ihrer Treffen als freudige Überraschung präsentieren. Widerwillig musste sie sich eingestehen, dass sie sich auf die Verabredung zur Diskussion ihrer Meinung einlassen müsste.

„Ja.“, antwortete sie.

„Cool. Treffen wir uns beim Eiscafé Georgio?“

„Ok.“

Mit missmutigem Gesicht schloss sie das Chatfenster und ging offline. Sie konnte keine weiteren Gespräche mehr ertragen. Ein kleiner Funken von schlechtem Gewissen keimte in ihr allerdings auf. Immerhin hatte sie sich nicht einmal von ihm verabschiedet. Das war sehr unhöflich gewesen und eigentlich nicht ihre Art. Sie nahm sich einen weiteren Keks und biss schmollend hinein, bevor sie sich entschloss vom Fernseher berieseln zu lassen.

Das Eiscafé war an diesem Freitagnachmittag kaum besucht. Die Leute fuhren um diese Zeit in den Supermarkt, um ihre Wocheneinkäufe zu erledigen. Die Wenigsten schlenderten die Einkaufsgasse mit den kargen Geschäften entlang, um sich mit neuen Kleidungsstücken auszustatten. So konnte sich Mia ihren Lieblingstisch in der hintersten Ecke des Cafés sichern. Dort saß sie gerne, um bei einer Tasse Kakao ein Buch zu lesen oder selbst zu schreiben. Da sie keinen Laptop hatte, hatte sie immer ein Notizbuch dabei, in welchem sie die vielen Ideen festhielt und teilweise komplette Passagen per Hand schrieb. Manchmal fanden sich auch Gedichte darunter. Mal waren sie melancholisch, mal witzig, aber oftmals schrieb sie traurige Texte. Sie wusste nicht warum, aber irgendwie machte es ihr mehr Spaß dieser Gefühlwelt Ausdruck zu verleihen als den schönen Momenten. Auch mit Simon war sie ab und an gerne dort, der allerdings etwas sparsamer mit seinem Taschengeld umging. Er versuchte jeden Cent zurückzulegen, um sich immer wieder besseres Equipment kaufen zu können. Mia hingegen hatte den Vorteil, dass ihre Eltern ihr alle Bücher ohne Kostenlimit holten. So konnte sie bei ihrem hohen Lesekonsum das Taschengeld immerhin anderweitig verwenden. Manchmal besserte sie ihr Taschengeld bei ihrem Opa auf, der ein bekannter Steuerberater im Ort war und ihr dann gerne einen großzügigen Stundenlohn zahlte, wenn sie wieder Sortierungen vornahm.

Mia war etwas früher als vereinbart im Café angekommen und nutzte daher die Minuten, um das aktuell in Deutsch behandelte Buch Die Welle weiterzulesen.

„Das mussten wir auch damals lesen.“, hörte sie Ben sagen, der seine Jacke auszog, über den Stuhl hing und sich neben sie setzte. „Ach ja? Und wie fandst du es?“, fragte sie und ärgerte sich über die fehlende Begrüßung seinerseits. Sie würde ihm mit Sicherheit kein Hallo mehr entgegenbringen. Fingen sie eben direkt mit dem Gespräch an. So konnte sie auch früher wieder nach Hause fahren.

„Ich fand es sehr gut. Eines der besten Bücher im Unterricht bisher und allemal interessanter als Emilia Galotti.“

„Ich liebe Emilia Galotti. Es ist ein Stück über Liebe und Politik und weist gelungen die Macht des Adels über das Bürgertum auf. Emilias Tod zeigt, für was ein Mensch bereit ist, um frei zu sein.“

Ben stutzte und sah sie ungläubig an. „Du hast das Buch gelesen? Freiwillig? Das kommt doch erst in der Oberstufe dran.“

„Ich lese so einiges. Aber wir haben uns ja nicht verabredet, um einen Buchclub zu gründen.“, erwiderte sie, legte das Lesezeichen zwischen die entsprechenden Seiten und klappte das Buch zu. Der Kellner kam zu ihrem Tisch und nahm die Bestellung von Ben auf. „Einen Kaffee schwarz bitte. Möchtest du noch was?“, fragte er Mia. Sie schüttelte den Kopf, ihre Tasse war noch halb voll mit der schokoladigen Köstlichkeit.

„Du trinkst schon Kaffee?“, fragte sie erstaunt. „Ja, warum?“

„Ich kenne keinen einzigen Siebzehnjährigen, der Kaffee trinkt.“

„Nicht? Es ist ein großartiges Getränk. Du trinkst also keinen?“

„Nein.“, antwortete sie und machte ein angewidertes Gesicht. „Solltest du dann unbedingt mal tun, aber vielleicht fängst du lieber mit Milchkaffee an. Man braucht etwas Zeit, um sich an den bitteren Geschmack zu gewöhnen.“

„Man kann ja Zucker reintun.“, sagte sie und zuckte die Schultern.

„Damit er so bittersüß wird wie du?“, den Spruch konnte sich Ben nicht verkneifen. Ungläubig riss Mia die Augen auf und starrte ihn an. „Entschuldige, der ist mir so rausgerutscht.“, sagte er sofort. „Schlechte Angewohnheit von dir.“, sagte sie, nachdem sie sich wieder gefasst hatte und die Lippen schürzte. „Kommen wir zum Thema. Meine Kritik.“ Der Kellner rückte näher und servierte die heiße Tasse des schwarzen Gebräus. Ben nippte daran, bevor sie das Gespräch fortführten. „Genau. Du hast geschrieben, dass ich meine Melodie in mir noch nicht gefunden hätte. Das verstehe ich nicht so ganz. Was meinst du genau damit?“

Darum geht es also, dachte Mia und langsam dämmerte ihr, warum Simon einem persönlichen Austausch zwischen den beiden zugestimmt hatte. In der Schule hatte sie ihn darauf angesprochen und er meinte nur „Vertrau mir, das geht deutlich schneller in zehn Minuten live als per Chat.“ Auf ihr Beharren hin zu sagen, worum es genau ging, blieb Simon eisern und sagte kein einziges Wort.

Mia hatte damals lange überlegt, ob sie diesen Satz schreiben sollte. Er war aus ihrer poetischen Ader heraus entstanden und mehr für einen Roman oder Songtext geeignet als für einen Artikel. Am Ende hatte sie sich aber bekanntlich für die Aufnahme dessen entschieden. Es wunderte sie daher nicht sonderlich, das Ben sie ausgerechnet darauf ansprach und auf ein persönliches Treffen bestanden hatte. Simon hatte recht, dass wäre kein Punkt gewesen, den man eben schnell im Chat hätte besprechen können. Zumindest schätzte sie Ben so ein, dass seine Auffassungsgabe nicht die beste war und sie einige Erklärungsansätze machen müsste. Manchmal musste sie einfach Simon bedingungslos vertrauen.

„Naja, es ist mit Melodie in dir vielleicht etwas zu literarisch ausgedrückt, aber im Prinzip kannst du das mit deiner inneren Stimme gleichsetzen.“ Ben zog die Augenbrauen zusammen. Ich habe es geahnt, dachte sich Mia und ignorierte ihr inneres Augenverdrehen und versuchte einen anderen Erklärungsversuch. „Ich meine damit, dass du noch nicht dich selbst gefunden hast. Versteh mich nicht falsch. Ich bin überzeugt davon, dass man sich sein Leben lang irgendwie findet und immer wieder neue Seiten an sich kennenlernt, aber du hast noch nicht das gefunden, was du den Leuten mit deiner Musik erzählen willst.“

„Aber das wird doch in den Songtexten klar, was ich erzählen will.“

Mia schüttelte den Kopf. „Wird es nicht. Die Musik ist nicht schlecht, aber ein Song von euch ging über das morgendliche Haarewaschen. Das mag vielleicht ganz amüsant sein, aber die restlichen Songs waren leider auch nichts Neues. Ich hatte einfach an dem Abend das Gefühl, dass ihr nicht wisst, was ihr für eine Botschaft ihr den Hörer mitgeben wollt.“

„Was meinst du denn mit Botschaft?“, Bens Stirn legte sich in tiefe Falten.

„Na, willst du deinen Zuhörern nichts mitteilen?“

„Doch, natürlich. Dafür schreibe ich ja die Texte.“

„Ja, aber sie sind so generisch. Weißt du, ich kenne dich nicht, aber es kam wenig Emotion an dem Abend rüber und auch wenn die Texte von dir stammen, habe ich nicht das Gefühl, dass sie wirklich das wiedergeben, was du denkst. Das meine ich mit Melodie in dir. Da schlummert etwas, was raus möchte, aber entweder du lässt es nicht zu oder du suchst es noch im Labyrinth deiner Seele.“

„Meine Güte du bist wirklich Autorin.“, sagte er zögerlich lachend. „Was meinst du?“, fragte Mia und schenkte ihm einen grimmigen Blick, wegen seiner für sie wirkenden Belustigung. „Na, das was du eben gesagt hast. Das Labyrinth meiner Seele. So poetisch redet doch kein Mensch.“, antwortete er, klatschte mit der Hand auf den Tisch und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Mia presste genervt die Lippen aufeinander. „Stört dich das etwa?“, säuselte sie und in ihrer Stimme war ein zickiger Unterton zu vernehmen.

„Das wollte ich damit nicht sagen. Ich stelle nur fest, dass du Talent hast und definitiv schreiben solltest.“, antwortete Ben und versuchte die drückende Stimmung damit etwas aufzulockern. Er bis sich verlegen auf seine Unterlippe und maßregelte sich innerlich. Er wusste nicht warum, aber er wollte ihr irgendwie gefallen.

Mia errötete leicht und bedankte sich, während sie ihren Kopf senkte und in ihre leere Tasse starrte. Ben beugte sich vor und stellte seine Ellenbogen auf dem Tisch ab. „Okay, also du sagst meine Musik ist gut, aber dass ihr Authentizität fehlt. Richtig?“ Überrascht darüber, dass Ben Richter das Wort Authentizität kannte, nickte sie. „Jetzt macht deine Kritik für mich auch mehr Sinn. Damit kann ich arbeiten.“

Das konnte er tatsächlich. Wenn für sie die Lieder nicht authentisch wirkten, klangen sie für sie auch farblos. Das konnte er ihr nicht absprechen. Sie war mit ihrer Kritik tatsächlich ehrlich mit ihm ins Gericht gegangen. „Nur, wie mache ich meine Musik authentischer?“, fragte er, mehr an sich selbst gerichtet als an Mia. „Ich bin keine Musikerin, aber vielleicht musst du einfach dein Gefühl zulassen und es vollkommen spüren. Vielleicht hilft da Meditation, oder so was in der Art. Ich glaube da kann dir Simon besser helfen als ich.“

„Ja, das mache ich vielleicht. Aber du kannst mir trotzdem noch helfen.“, er sah ihr in die Augen und lächelte sie schief an.

„Wie sollte ich?“, fragte sie mit gerunzelter Stirn.

„Du kannst einschätzen, ob meine neuen Songs authentisch sind, oder nicht.“

„Dafür müsste ich sie ja hören.“, sagte sie auf eine Art und Weise, als ob dieser Punkt ein Akt der Unmöglichkeit wäre.

„Ich kann sie dir ja vorspielen, wenn ich sie fertig habe. Du wärst dann quasi mein Testpublikum.“

„So? Warum denn ausgerechnet ich?“, fragte Mia und zeigte mit ihrem Zeigefinger auf sich selbst.

„Weil du anscheinend die einzige ehrliche Person in meinem Umfeld ist, die mir direkt ihre Meinung sagt. Oder du bist einfach mein größter Kritiker auf Erden.“ Mia lachte bei diesem Satz und Ben stieg mit ein. „Du wärst mir auf jeden Fall eine große Hilfe.“

„Was hätte ich denn davon?“, fragte sie neckisch. Ben überlegte kurz und ging verschiedene Möglichkeiten durch. „Hmm, eine festgelegte Anzahl an Kakaos im Eiscafé Georgio?“ Mia schüttelte energisch den Kopf. „Ich werde im Gegenzug dein Testleser?“ Mia schüttelte erneut den Kopf und lachte dabei. Sie sagte noch etwas wie, nie im Leben und dass nicht mal Simon ihre Texte gelesen hatte. „Ich hab’s. Wenn ich meine Melodie in mir gefunden habe, so wie du es nennst, dann schreibe ich einen Song für dich. Ich kann dann auch gerne deinen Namen einbauen. Ich nenne ihn Für Mia oder so.“

Mias Mund stand leicht offen, als sie ihn verblüfft anblickte. Ben beugte sich ein Stück weiter zu ihr vor. „Das ist die größte Ehre, die ein Musiker jemanden machen kann.“ Seine braunen Augen sahen sie durchdringend an. Mias Herz schlug einen Takt schneller. Er würde ihr einen Song schreiben. Ausgerechnet ihr? Nicht mal Simon hatte für sie jemals einen Text geschrieben. Ein kribbelndes Gefühl machte sich in ihrer Magengegend bemerkbar, welches sie vorher noch nie wahrgenommen hatte. Oder war es bisher noch nie in ihr aufgekeimt? Obwohl das Angebot etwas kitschig klang und sie bei dem Titel Für Mia direkt an den Hit von Yvonne Catterfeld denken musste, antwortete sie kleinlaut: „Okay.“ Ben lächelte. „Dann haben wir einen Deal.“, er hob seine Tasse und ermutigte Mia, mit ihn anzustoßen.

Kapitel 7

Simon saß auf Mias Bett und blätterte in der neuesten Bravo. „Dass du die immer noch liest.“, sagte er und warf sie beiseite. „Ach, manchmal sind da gute Interviews drin.“, antwortete Mia. „Du willst doch nur die hübschen Kerle betrachten.“, sagte er neckisch.

„Genau, das ist meine größte Intention. Wo soll ich sonst süße Jungs sehen? Gibt es bei uns auf der Schule ja nicht.“ Simon warf ihr ein Kissen ins Gesicht. „Blöde Kuh!“, sagte er und grinste herausfordernd. „Ich fange keine Kissenschlacht mit dir an.“, ermahnte Mia ihren besten Freund. „Ist ja schon gut.“, antwortete Simon und fing das Kissen gekonnt auf, welches Mia ihm zurückwarf. „Wie war es mit Ben?“, fragte er.

„Ganz gut. Er hat meinen Einwand verstanden und nimmt die Kritik tatsächlich ernst.“

„Hattest du etwa Zweifel daran?“, Simon legte sich auf den Bauch und legte das Kissen darunter.

„Natürlich hatte ich Zweifel daran.“, antwortete Mia mit höchster Selbstverständlichkeit.

„Mia, du musst aufhören Menschen vorschnell zu verurteilen. Du hast ihn an einem Abend kennengelernt, wo sich alle in einer Band cool vorkommen. Triffst du auf unsere Spezies ohne Auftritt, sind wir ganz anders.“

„Du bist nie anders.“, entgegnete sie.

„Nur vor dir nicht.“, antwortete er. „Ben kam auch auf mich zu und hat mich tatsächlich um Hilfe gebeten. Du hast es ihm wohl geraten.“

„Ja. Wie er das in die Songtexte einflechten kann, was er wirklich fühlt. Da konnte ich ihm keine Antwort zu liefern.“

„Jaja. Ich glaube immer noch, dass du die Musik gar nicht so schlecht fandest und einfach nur persönlich von seiner Art angefressen warst.“ Mia warf sich neben ihrem Freund aufs Bett. „Hör auf mir das ständig zu unterstellen. Ich habe doch gesagt, dass ich die Musik wirklich farblos fand. Mir fehlt das Gefühl. Das hat er einfach nicht rüberbringen können.“

„Oder ihm fehlt es einfach an gesanglichem Talent. Wenn wer anders die Texte singen würde, würden sie dir vermutlich gefallen. Interrobang ist nicht so schlecht, wie du sie dargestellt hast.“, argumentierte Simon, der dem Ehrencodex unter Musikern folgte und seine Kollegen darum entsprechend in Schutz nahm. Außerdem fand er Bens Band tatsächlich nicht schlecht.

„Lang lebe die Meinungsfreiheit.“, Mia machte eine Faust und boxte sie in die Luft. Danach reichte sie ihrem Freund die Unterlagen, die sie am Vortag ausgedruckt hatten. Sie mussten ein Referat über „Die Welle“ halten und wollten an diesem Nachmittag gemeinsam daran arbeiten. Wie üblich, überließ Simon die meiste Arbeit seiner besten Freundin und brachte sich nur wenig ein. Mia sah es ihm nach, hatte er doch andere Qualitäten und half ihr jedes Mal in Musik, wenn es ums Transponieren ging. Ein Teil des Unterrichts, der ihr einfach nicht gefiel und mit dem sie immer wieder Probleme hatte. Dafür war sie sehr gut darin, Leitmotive zu erkennen und rauszuhören.

Ihre Mutter hatte ihnen eine riesige Pizza Margarita mitgebracht, die sie sich teilten. Simon hatte derartig gierig nach dem ersten Stück gelangt, sodass er sich beinahe die Zunge verbrannt hatte. „Geschieht dir recht!“, sagte Mia, die ihr Stück versuchte kühler zu pusten, bevor sie genüsslich reinbiss. „Wo soll das hier denn noch enden, wenn du schon Schadenfreude gegen mich hegst?“

„Ich bin eigentlich gar nicht deine Freundin. Ich tue nur so. In Wahrheit bin ich deine Feindin.“, grinste sie ihn an. „Oh, böse Mia.“, sagte er und kniff sie in den Arm. Mia entwich ein Aua und sie gab ihm einen Klaps auf den Oberarm.

„Ich treffe mich morgen Nachmittag mit Ben.“, sagte er, nachdem sie sich wieder geeinigt hatten Freunde, statt Feinde zu sein. „Schön, viel Spaß.“, entgegnete sie schulterzuckend. „Möchtest du mitkommen?“

„Ich glaube das macht ihr lieber alleine.“

„Ach, warum denn? Du bist doch eigentlich die kreative Schreiberin unter uns. Wenn einer Ahnung von Gefühl hat, dann du.“

„Ich habe keine Ahnung von Gefühl. Sonst hätte ich ihm direkt den entscheidenden Rat geben können und hätte ihn nicht zu dir geschickt.“, antwortete Mia kühl.

„Du bist Autorin. Ich kenne ein paar deiner Gedichte. Natürlich hast du Ahnung von Gefühl.“

„Aber nicht, wie man das Gefühl rauslockt. Bei mir ist es einfach da und das unentwegt. Ich muss es nicht erst rauslocken. Es hat sich nie vor mir versteckt.“

Simon kratzte sich am Kinn. „Ja, verstehe. Trotzdem fände ich es gut, wenn du auch kommst. Wir treffen uns bei uns im Proberaum.“

„Nee, macht das ruhig alleine.“, sagte Mia und biss in den Pizzarand ihres Stücks hinein.

„Och Mia, komm schon. Lass mich nicht betteln.“, flehte Simon. „Warum willst du nicht mit ihm alleine sein?“, fragte Mia mit zusammengekniffenen Augen.

„Darum geht es nicht. Ich weiß nur nicht, ob ich da alleine eine Hilfe bin. Wenn wir Songtexte schreiben, hilfst du ja auch immer. Wir sind ein Team, also sollten wir Ben auch als Team helfen. Wäre doch ein cooles Projekt für unsere Herbstferien.“, antwortete Simon und freute sich über die Tatsache, dass morgen der letzte Schultag anstand, und sie dann endlich wieder zwei Wochen Freiheit genießen konnten. „Morgen um drei nach der Schule, ja?“

*

Mia wurde diese Nacht ständig wach. Immer wieder verfolgte Ben sie in ihren Träumen. Sie saßen wieder im Café Giorgios und er ermutigte sie, eine Tasse Kaffee zu probieren. „Na, wie schmeckt er dir?“, fragte er sie. „Bittersüß!“, antwortete sie. „So wie du.“, antwortete er. Bei diesem Satz wurde sie wach. Verwirrt schüttelte sie den Kopf. „Liebes Gehirn, hör auf ständig diese Szene in mir aufleben zu lassen. Ich würde lieber davon träumen, dass ich fliege oder so.“, murmelte sie in sich hinein und drehte sich auf die andere Seite. Doch ihr Kopf wollte ihr keine Ruhe geben. Ständig dachte sie daran, wie sie den morgigen Tag im Proberaum überstehen sollte. Sie hatte keine Ahnung von Gefühlen. Die Worte sprudelten einfach so aus ihr heraus. Sie waren tief in ihr verankert und wollten von ihr niedergeschrieben werden. Sie musste da nichts aktivieren oder rauslocken. Es war einfach da. Wie sollte sie Ben also helfen? Insgeheim hatte sie Angst, dass er sie nicht ernst nehmen könnte, wenn sie keine Lösung anbot. Dass er sie für eine Schwätzerin halten würde, die gerne austeilte, aber nicht lehren konnte.

Sie schaute auf ihren Wecker. Drei Uhr nachts. Sie würde in drei Stunden aufstehen müssen. „Großartig.“, seufzte sie, als sie ihre Arme auf die Matratze fallen ließ. Sie legte eine drei ???-Kassette ein und lauschte dem Hörspiel, bevor sie endlich die Augen schloss und ihr Körper die lang ersehnte Pause erhielt.

*

Ben trug schlichte, graue Jeans und ein schwarzes T-Shirt. Lässig stand er im Proberaum und wartete darauf, dass Simon ihm seinen Platz zeigte. Mia saß schüchtern neben dem Pult und wirkte unscheinbar. Irgendwie nervös wischte sie mit ihren Händchen zwischendurch über ihre schwarze Jeans. Simon rollte einen weiteren Stuhl aus der hintersten Ecke und bot ihn Ben an. „Schöner Raum.“, kommentierte dieser, als er sich umgesehen und schließlich hingesetzt hatte. „Danke.“, sagte Simon. Bens und Mias Blicke streiften sich. Er lächelte sie an, doch sie schaute beschämt weg. „Ich dachte, du kannst mir bei diesem Punkt nicht helfen.“, sagte er, die Augen nicht von ihr nehmend. Mia presste die Lippen zusammen und verschränkte die Arme. „Ich bin nicht freiwillig hier.“, murmelte sie. Simon seufzte und entschuldigte sich für seine Freundin. „Ich habe sie gezwungen. Sie will nicht einsehen, dass sie uns zu einem Großteil mit den Texten hilft.“

„Ach, das wusste ich gar nicht. Sehr cool.“

„Würde sie offiziell niemals zugeben.“, sagte Simon und schenkte Mia einen ernsten Blick der ihr benimm dich jetzt sagte.

„Warum nicht?“, fragte Ben Mia. Mia rümpfte die Nase. „Ich helfe nur, wenn etwas nicht ganz sauber klingt. Ich passe quasi an. Das sind nicht meine eigenen Gedanken.“

Ungläubig lehnte sich Simon zurück. „Bitte? Wie oft hast du eine Bridge vorgegeben oder den entscheidenden Satz des Refrains geliefert.“

Mia zuckte die Achseln. Kopfschüttelnd wandte sich Simon Ben zu. „Tut mir leid. Vielleicht kriegt sich Madame nachher ein und wird wieder normal. Sie hat anscheinend nicht gut geschlafen und Müdigkeit wirkt sich immer heftig auf ihre Laune aus, wie man sieht.“ Ben grinste. „Geht mir genauso.“, sagte er. Mia ging darauf nicht ein und ließ die Jungs ihr Ding durchziehen. Simon ging mehrere Atemübungen mit Ben durch, damit dieser mehr seinen Körper spürte und seine innere Stimme hörte. Er erzählte ihm, was ihm bisher alles geholfen hatte, damit die Ideen so sprudelten. Ein Tipp war das Singen unter der Dusche. „Da kommen mir die besten Ideen!“, sagte er voller Euphorie. Ben machte sich Notizen, was auf Mia Eindruck machte. „Oder einfach mal auf dem Balkon sitzen und den Sonnenuntergang beobachten. Letztens saß ich sogar am Baggerloch und habe einfach das Wasser beobachtet und da entstand Ich war dabei wie von alleine. Ich musste daran denken, wie toll es sich angefühlt hat, als wir letzten Sommer allesamt per Rad hingefahren sind und eine gute Zeit hatten. Das hat mich inspiriert.“

„Ist auch ein wirklich guter Song! Wie kamst du denn auf den Titel?“

„Mia.“, antwortete Simon. „Immerhin war sie dabei.“

„Wow, toller Satz, den ich mir da ausgedacht habe.“, sagte sie voller Hohn. „Naja, mit der richtigen Melodie dahinter, passt er perfekt.“, antwortete Ben.

„Ich geh mal kurz ums Eck.“, sagte Simon und lies die beiden alleine im Proberaum zurück. „Bist du wirklich nur müde, oder ist was Anderes mit dir los?“, fragte Ben. „Geht dich das was an?“, entgegnete Mia zickig. Ben hob schützend die Hände. „Wow, tut mir leid. Ich wollte dir nicht zu nahetreten.“ Mia sah den Jungen an. Eine braune Strähne seines Ponys hatte sich über eines seiner ebenfalls braunen Augen gelegt und sie verspürte den Drang, sie ihm aus dem Gesicht zu streichen. „Mir tut es leid. Ich hätte nicht so reagieren sollen.“, entschuldigte sie sich kleinlaut. „Wieder Freunde?“, fragte er und reichte ihr lächelnd die Hand. Mia sah zu ihr hinab. Zögernd reichte sie ihm ihrige. Als sie sich berührten, fühlte es sich so an, als ob Strom durch ihren Körper fließen würde. „Freunde.“, sagte Mia atemstockend. Er lächelte sie an und wischte sich mit einer geschickten Kopfbewegung die Strähne zurecht. „Ich muss dir was gestehen.“, begann sie. „Ich glaube, meine Kritik liegt nicht unbedingt an deinen Texten. Ich glaube mir fehlt einfach das Gefühl, wenn du singst.“, sagte sie und rieb sich dabei die Hände, die sich für ihre Verhältnisse nahezu eisig anfühlten. Das tat sie zudem immer dann, wenn sie in Verlegenheit geriet. „Okay, also bringe ich es nicht richtig rüber.“, sagte Ben und Mia stimmte ihm kopfnickend zu. „Als ob es nicht deine Texte sind, sondern die von einem Fremden. Als ob du das nicht erlebt hast und nur dem vorgegebenen Schema folgst.“, ergänzte sie. Ben grübelte über ihre Worte. Er achtete immer sehr darauf jeden Ton sauber zu treffen. Manchmal fiel es ihm schwer, weil er gleichzeitig das Schlagzeug spielte. „Woah Mia, warum hast du das nicht gleich gesagt. Und ich erzähle ihm hier irgendetwas davon, wie man die richtigen Worte findet.“, platzte Simon herein. „Ich habe dir doch gesagt, dass das Gefühl fehlt.“

„Du hast aber nicht gesagt, dass die Texte doch in Ordnung sind. Ja, wie lösen wir das mit dem Gefühl jetzt?“, fragte Simon grimmig. „Wie machst du es denn?“, fragte er Simon, welcher sich schmollend setzte. „Keine Ahnung, ich fühl es einfach. Ich denke an den Moment, den ich mit dem Text verbinde und wie ich mich gefühlt habe und dann hole ich das einfach wieder raus aus dem Archiv.“

„Hmm, okay. Und du Mia?“

„Ich?“, fragte sie pikiert.

„Ja, du.“

„Wieso ich? Ich singe nicht. Ich schreibe nur.“, sagte sie runterspielend.

„Aber deine Texte sind doch sicherlich voller Gefühl, oder nicht? Sind das Gedichte nicht immer? Wie machst du das?“

„Keine Ahnung. Sie sind einfach da. Schätze wie bei Simon.“

Enttäuscht senkte Ben den Kopf. Mia bekam ein schlechtes Gewissen. „Was machst du morgen?“, fragte sie ihn.

„Bandprobe am Nachmittag. Warum?“

„Dann hast du aber mittags Zeit?“ Ben nickte. „Dann sind wir jetzt verabredet.“

*

Treffpunkt war das Eiscafé Giorgios, doch sie wollten keinen Kakao zusammen trinken. Sie fuhren mit ihren Rädern weiter. Mit Mia an der Spitze fuhren sie durch die Stadt, bis sie auf einen Feldweg stießen und diesem folgten. Mia bog ab und sie lotste Ben in den Wald. Die verbliebenen Blätter wehten leicht im Wind und der Boden war überseht von den Farben Rot und Gold. Die kühle Brise um ihre Köpfe herum war angenehm und der Duft der Natur nistete sich in ihre Nasen ein. Sie stiegen von ihren Rädern ab. Mia nahm Bens Hand und zog ihn zu einer Bank. Vor ihnen plätscherte ein Bach. „Was machen wir hier? Willst du mich umbringen und im Wald vergraben?“, fragte er herausfordernd. „Danke, dass du mir so was zutraust. Ich glaube ich bin zu klein, um dich umzubringen und dann los zu werden. Da bräuchte ich schon Hilfe.“, antwortete sie Ben, der jetzt schon über einen Kopf größer war als sie. Mit ihren 1,60 war Mia für viele ziemlich klein geraten und sie musste sich die vorderste Reihe bei Konzerten immer hart erkämpfen, damit sie die Künstler voll und ganz sehen konnte. „Setz dich.“, wies sie ihn an. Er tat wie ihr geheißen und sie gesellte sich zu ihm. „Schau auf den Bach und atme drei Mal tief ein und aus. Dann schließt du die Augen und lauschst den Geräuschen.“

Ben befolgte die Anweisung. Sein Puls wurde flacher und als er die Lider schloss, hörte er den voran rinnenden Bach und den Wind, der seine Geschichte forttrug. Er hörte das Rascheln von Blättern, wenn ein Tier sich über sie am Boden hinfort bewegte. Er hörte ein paar Vögel zwitschern. Er schmunzelte. „Was fühlst du?“, fragte Mia. „Frieden.“, antwortete Ben prompt. „Weiter.“, befahl Mia. „Ruhe. Freude. Glück.“, zählte er auf. Er spürte, wie ihre Hand seine streifte. Sie kreiste mit ihren zarten Fingern verschiedene Bahnen auf seinem Handrücken herum. „Weiter.“

„Entspannung. Fürsorge. Zuneigung.“ Sie strich mit ihrer anderen Hand über seine Wangen. „Sicherheit. Fürsorge.“, wiederholte er. „Liebe.“, entglitt es ihm plötzlich. Erschrocken riss er die Augen auf. Mia zog ihre Hände wieder zurück. „Alles in Ordnung?“, fragte sie. „Ja.“, keuchte Ben. „Sorry, ich weiß nicht, warum ich Liebe gesagt habe.“, stotterte er. Mia lachte. „Alles gut. Das heißt ja nicht Liebe für mich. Das sind einfach Assoziationen, die mit dir aufgrund der Atmosphäre und Berührungen aufkommen. So versuche ich die Gefühle in dir hervorzuholen.“

Ben sah in ihre blauen Augen. Die Sonne ließ sie noch strahlender aussehen. Sein Gesicht spiegelte sich in ihren Pupillen wider. „Wie bist du auf die Idee gekommen?“, fragte er.

„Es kam mir einfach in den Sinn. Wenn mich jemand am Rücken krault erinnert mich das immer an das Gefühl der Geborgenheit, die ich hatte, wenn meine Mama das gemacht hat, als ich klein war. Und dann fühle ich mich bei der anderen Person auch geborgen. Man verbindet mit bestimmten Gesten oder Dingen eben Emotionen, ich dachte das Probieren wir einfach mal aus.“

„Das scheint zu funktionieren.“, sagte Ben glücklich. Mia lächelte. „Freut mich.“, antwortete sie. Noch immer hatte er den Blick nicht von ihr genommen. Er verspürte in sich den Drang ihr noch näher zu sein als vorher. Irgendetwas an ihr schien ihn zu verzaubern und sie zog ihn regelrecht in ihren Bann. Der inneren Stimme folgend beugte er sich leicht vor. Mia erwiderte seinen Blick und versteifte sich. Er legte seinen Arm halb um ihre Schulter und zog sie sanft zu sich. Ihr wurde die Luft abgeschnitten, aber sie verlor sich in seinem sanften Blick. Seine Pupillen wurden dunkler und weiteten sich. Das Wasser drängte sich weiter fort und ließ Musik erklingen. Vollkommen in ihrer eigenen Welt eingetaucht nahm Ben ihre Wange in seine Hand. Dann küsste er sie.

Kapitel 8

Die Zeit in den Ferien verflog rasch. Nahezu jeden Tag hatten sich Ben und Mia getroffen, oder sich im Chat unterhalten. Ab und an hatten sie sogar telefoniert. Sie sprachen über alles Mögliche. Musik, Literatur und von Urlaubserlebnissen aus der Kindheit. Mia erzählte, wie gerne ihre Eltern mit ihr nach Fuerteventura flogen und sie stellten fest, dass sie sogar beide zur selben Zeit die Insel besucht hatten. Während Familie Stein den Cluburlaub genoss, war Ben mit seiner Familie zu Gast bei Verwandten. Sein Cousin hatte ihm in diesem Jahr das Surfen beigebracht. Stundenlang konnten sie miteinander reden und wenn sie beisammen waren, konnten sie auch schweigend zusammen Zeit verbringen. Es störte beide nicht.

Hörte Mia Bens Namen, musste sie in sich hinein lächeln. Sah sie seinen wuscheligen Kopf in der Ferne, kribbelte es in ihrem Bauch. Sie hatte viel über Liebe gelesen und sich immer vorgestellt, wie sie sich wohl anfühlen würde. Jetzt bekam sie eine Kostprobe dessen und ihr Gefühl wurde von Tag zu Tag stärker. Manchmal saßen sie gemeinsam im Café Giorgios und arbeiteten an ihren textlichen Kreationen. Mia an Gedichten, Ben an Songtexten.

„Na los, probier schon!“, forderte Ben sie eines Tages auf. Der Traum von vor ein paar Tagen wurde nun war. Ben schob ihr die Tasse mit dem weißen Schaum zu und forderte sie tatsächlich auf, das bittere Gebräu zu probieren. Kurz hatte Mia überlegt, Ben von ihrem Traum zu erzählen, der genau diese Situation ihr aufgezeigt hatte, entschied sich dann aber dagegen. Sie fand es selbst etwas gruselig.

Mia verzog angewidert das Gesicht und streckte die Zunge raus. „Warum zwingst du mich?“, fragte sie mit gequälter und quietschender Stimme.

„Weil Kaffee großartig ist und es putscht einen auf! Man kann sich viel besser konzentrieren. Glaub mir, beim Schreiben wirkt das Zeug wahre Wunder.“, antwortete Ben. „Na los!“, sagte er ungeduldig und untermalte seine Aufforderung mit einer Handgeste. Zögerlich griff Mia nach dem Getränk und nippte vorsichtig daran. Ein leises Schmatzen war von ihr zu hören, als sie versuchte den Geschmack auf ihrer Zunge wirken zu lassen. Ihre Mundwinkel fielen nach unten und sie legte die Stirn in Falten. Mit einem unglücklichen Gesichtsausdruck sagte sie: „Wie kannst du das nur gut finden? Und du trinkst das auch noch ohne Milch!“ Ihre Empörung darüber, dass Ben diesen Geschmack tatsächlich als gut befand, war merklich zu hören. Ben griff nach dem Zuckerstreuer und ließ einige der weißen Kristalle in die Tasse hineinfließen. Mia rührte mit dem Löffel die blonde Flüssigkeit um. Skeptisch sah sie ihn an. „Probiere es jetzt noch mal.“, sagte er sanft. Mia nippte erneut. Schaum hatte sich auf ihrer Lippe abgesetzt, woraufhin sie mit der Zunge dort entlangfuhr, um ihn zu beseitigen. Ben schmunzelte bei diesem Anblick, hatte sie doch dabei etwas auf ihre Nase geschielt und sah dabei sehr lustig aus. „Besser.“, sagte sie. „Aber ich bin immer noch nicht überzeugt.“

„Das kommt noch. Ich habe mal gelesen, dass man Dinge sieben Mal probiert haben muss, bis es einem schmeckt und man sich daran gewöhnt hat. Danach wirst du es lieben!“ Bei dem Gedanken noch weitere sechs Tassen von diesem Gebräu zu trinken wurde Mia schlecht. Ben lachte, als er ihre erneute Verstimmung bemerkte. „Du wirst vermutlich bei jedem Kaffee immer an mich denken müssen.“

„Vermutlich.“, stimme sie ihm zu.

An einem Tag gingen sie im Park spazieren und Ben hatte zögerlich ihre Hand genommen. Die Berührung ihrer Haut ließ beide Herzen lauter schlagen, doch beide verhielten sich noch sehr schüchtern zueinander. Seit jenem Tag hatten sie sich nicht wieder geküsst, aber ihr Umgang miteinander war dennoch liebevoll.

Er strich ihre Locke hinters Ohr, als sie wieder zum Schauplatz der damaligen Romantik gefahren waren. „Wie hast du diesen Ort eigentlich gefunden?“, fragte er sie und beobachtete das sich spiegelnde Licht im Wasser des Baches. Er machte einen sehr zufriedenen und zur Ruhe gekommenen Eindruck. Das Schillern der Sonnenstrahlen tauchte den Bach in verschiedene Gelb- und Gold-Töne und strahlte eine ungeheure Wärme aus, obwohl die Temperatur eher Gegenteiliges aufzeigte. „Ich habe als Kind hier schon gespielt.“, antwortete Mia, die tief den Duft des Waldes einsog.

„Räuber und Gendarm?“, fragte er mit Ironie in der Stimme. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Mia einem Kinderspiel dieser Art nachgegangen war. „Nein. Eher Hexe und Fee, oder was uns sonst eingefallen ist. Der Wald hat schon etwas Mystisches.“ Ben pflichtete ihr bei und legte seinen Arm um sie. Sanft zog er sie an sich heran und Mia legte ihren Kopf auf seine Schulter. Zögerlich nahm er ihre Hand und verwebte seine Finger in ihre. Sanft streichelte er mit seinem Daumen den Teil des Handrückens, den er erreichen konnte. Obwohl des immer kühler werdenden Wetters, fühlten sie sich in diesem Moment geborgen und warm. Das Rascheln der vergilbten Blätter und das Rinnen des Bächleins formten sich zu einem Lied in ihren Ohren. Aneinander gekuschelt genossen sie die warmen Sonnenstrahlen, welche sich wie Punkte durch die Äste hindurch auf ihren Wangen niedersetzten. „Ich schreibe einen neuen Text.“, erwähnte Ben, als er seinen Kopf schließlich auf ihren legte. Ihre graue Mütze war angenehm weich und roch nach ihr. „Ja? Worüber?“, fragte sie mit geschlossenen Augen und genoss den Moment der Nähe.

„Liebe.“, hörte sie seine sanfte Stimme sagen. Mia wurde rot und kicherte verlegen. „Es wird dein Song.“, ergänzte er. Verstohlen blickte sie zu ihm hoch. Sanft streichelte er ihr Gesicht. „Du siehst wie ich wirklich bin.“, sagte er und küsste sie. Mia wurde heiß. Seine Lippen waren weich und gaben ihr das Gefühl, den Himmel empor zu steigen. Das schmatzende Geräusch, welches sich in ihre Ohren nistete, nachdem sie ihren Kuss gelöst hatten, war wie ein Auftakt eines neuen Liedes. „Nur mit dir kann ich leben im jetzt und hier.“, flüsterte Mia in sein Ohr. Ihr warmer Atem kitzelte ihn, fühlte sich aber angenehm an. Seine Nackenhärchen stellten sich wohlig auf. „Falls du Inspiration für den Text brauchst.“, zwinkerte sie ihm zu. Der Ausdruck an Respekt zeichnete sich in Bens Gesicht ab. „Das ist dir eben einfach so eingefallen?“, fragte er neckend. Mia nickte und presste ihre Lippen erneut auf seine.

*

Ihr Tagebuch war lange nicht mehr so oft aufgeschlagen worden, wie in den letzten Wochen. So viele erste Male, so viele neue Eindrücke mussten von ihr für die Ewigkeit festgehalten werden. Mia lag auf dem Bauch auf ihrem Bett, die Füße über Kreuz in der Luft wippend. Sie schrieb zum heutigen Tag den Satz auf, den sie Ben für seinen Song schenkte und malte ein Herzchen daneben. Sie biss sich halb lächelnd auf die Unterlippe und notierte: „Ich glaube, ich bin verliebt. Wer hätte ahnen können, dass Ben Richter von einem arroganten Jungen zu meiner ersten Liebe werden würde.“

Vor sich hin grinsend knabberte sie an dem oberen Ende ihres Kugelschreibers und dachte nach. Im Hintergrund hatte sie die Musik von Good-For-Nothing aufgelegt. Obwohl sie die Aufnahmen selbst getätigt hatten, war die Qualität äußerst gut. Nach reiflicher Überlegung ergänzte sie in Klammern: „Und er kann wirklich gut küssen!“ Zumindest empfand sie es so. Ihr erster Kuss war ein Junge aus ihrem Fuerteventura-Urlaub gewesen. Er war aus England und hauste im selben Club-Hotel wie Mia. Sie war dreizehn Jahre alt gewesen. Eines Abends saßen sie gemeinsam am Pool, während ihre Eltern an der Party an der Bar teilgenommen hatten. In ihrem gebrochenen Englisch konnten sie sich einigermaßen verständigen und versuchten sich über den neuesten Harry Potter-Film auszutauschen, den Mia an die fünfzig Mal auf Englisch angeschaut hatte. So wollte sie ihre Sprachfähigkeit ausbauen. In einem Moment der Stille, die Füße im kalten Wasser haltend, hatte er sich dann zu ihr gebeugt und sie einfach geküsst. Es hatte sich wunderbar angefühlt, aber nicht so gut wie die Küsse von Ben. Seither hatte sie keinen Jungen mehr so nah an sich rangelassen. Die Urlaubsromanze hatte sie nie wiedergesehen.

Noch hatten Ben und Mia nicht darüber gesprochen, ob sie nun offiziell ein Paar waren, oder nicht. Aus diesem Grund schreckte sie davor zurück, Simon etwas von der Liebelei zu erzählen. Er mochte Ben, doch sie wusste nicht, wie ihr bester Freund auf ihren womöglich bald ersten Freund reagieren würde. Diesen Umstand hatten beide noch nicht erlebt. Simon hatte bisher keine Freundin gehabt und sie keinen Freund. Es gab hin und wieder kleinere Schwärmereien, aber nichts Ernsteres. Diese neue Situation könnte ihre Freundschaft womöglich auf die Probe stellen und sie hatte so oft in ihrer Klasse mitbekommen, dass vermeintliche Kumpels plötzlich eifersüchtig wurden, wenn die gute Freundin in einer Beziehung war. Auch andersherum hatte sie dieses Phänomen schon beobachtet. Bei ihr und Simon würde das bestimmt nicht so kommen, aber sie wollte ihn erst einweihen, wenn sie sicher war. Aber ganz genau wusste sie nicht so recht, warum sie Ben vor ihm und auch allen anderen verheimlichte. Vielleicht konnte sie nicht so wirklich glauben, dass dies alles gerade passierte und er sich tatsächlich für sie entschieden würde.

„Mia! Simon ist da!“, rief ihre Mutter im Flur, die soeben die Tür geöffnet hatte. Simon tapste vollbepackt mit Knabbereien in ihr Zimmer herein. „Du meine Güte, wer soll das alles essen?“, fragte Mia. „Na ich!“, antwortete er mit größter Selbstverständlichkeit. Mia stand auf und nahm ihm die Tüten Popcorn und Chips ab. „Die M&Ms gehören mir.“, sagte sie und funkelte ihn mit zusammengekniffenen Augen an. „Bitte, bitte. Gönnen sie sich Fräulein Stein!“

Sie machten es sich gemütlich und schauten sich den Film The Queen of the Damned an. Mia hatte die Bücher von Anne Rice verschlungen und Simon war von der Musik begeistert. Daher hatten sie den Film bestimmt schon sechs Mal gesehen und hatten ihn immer wieder für großartig befunden. Im Gegensatz zu ihren Klassenkameraden.

„Wie macht sich eigentlich Ben?“, fragte Simon bei einer unspektakulären Szene. „Im Ernst? Du fängst ein Gespräch während des besten Films des Jahrzehnts an?“, fragte Mia empört.

„Wir kennen ihn auswendig, also ja.“

„Das ist fast so schlimm wie während Harry Potter zu reden!“, sagte Mia vorwurfsvoll. „Blabla.“, erwiderte Simon.

„Ich glaube er macht sich gut. Wir haben ein paar Sachen ausprobiert, damit er sich seinen Gefühlen bewusster wird oder wie du es umschrieben hast, sie aus dem Archiv rausholen kann. Ich habe ihn aber noch nicht singen gehört. Er meinte, er schreibt gerade einen neuen Text.“

„Das klingt gut. Ihr verbringt viel Zeit miteinander, kann das sein?“

„Nicht mehr als mit dir.“, antwortete sie und mied seinen Blick. „Nicht, dass ich hier noch ersetzt werde!“, grinste Simon, während er eine Handvoll Popcorn raschelnd aus der Tüte zog und sie einzeln in die Luft warf, um sie mit dem Mund zu fangen. „Wenn mein Bett heute Nacht voller Popcorn ist, werde ich Rache an dir nehmen.“, ermahnte Mia ihn. Simon grinste sie nur verschmitzt an.

*

Ben saß an seinem Schreibtisch. Er hatte nur die kleine Lampe darauf eingeschaltet. Der Rest des Zimmers blieb daher in Dunkelheit gehüllt. Um ihn herum lagen etliche, zerknüllte Papierkugeln. Immer wieder fing er von neuem an die Texte aufzuschreiben. „Dieses Feeling ist der einzige Sinn meines Herzens schlagen“, hatte er aus seinen älteren Notizen herausgekramt. „Will es immer in mir haben.“, notierte er. Ihm fielen immer nur Bruchstücke ein, die sich nicht zu einem Ganzen zusammenformen ließen. Warum fiel ihm ausgerechnet dieser Text so schwer? Sie hatte so fiel in ihm hervorgeholt. Dieses Gefühl hatte er noch nie vorher in sich vernommen, nicht einmal für Julia. Mia war anders als die Mädchen, die er bisher getroffen hatte. Er konnte mit ihr lachen, aber auch ernste Themen mit ihr besprechen. Sie schien ihn zu verstehen und seine Musik irgendwie auch. Außerdem war er fasziniert von ihrer literarischen Natur. Mit ihr fühlte er sich frei, ohne Zwang und Druck. Ihre wilde Mähne, die sein Gesicht kitzelte, wenn sie sich an ihn lehnte und der Wind wehte, wollte er nicht missen. Wie sich ihre zarte Haut anfühlte und ihre Lippen schmeckten. So süß, fast wie Honig. Jeder Moment mit ihr war, als würde er mit ihr zu einem Ort seiner Träume fahren. Das Gefühl war wunderbar. Trotzdem hinderte ihn etwas daran, es zu beschreiben und zu Papier zu bringen.

„Nur mit dir kann ich leben im jetzt und hier.“, notierte er auf ein Post It und klebte es an seinen Monitor. Er knabberte an seinem Kugelschreiber und lehnte sich zurück. Immer wieder wiederholte er leise diesen Satz. „Mia, du bist die Melodie in mir.“ Hastig richtete er sich auf, nahm das Post It wieder ab und fügte diesen Satz hinzu. Das wird ein Teil des Refrains, dachte er sich.

Das ICQ-AO ertönte. Er blickte auf. „Hey Schatz, wie geht es dir? Ich bin aus Schottland zurück.“, hatte Julia geschrieben. Ben blieb ein Kloß im Hals stecken. Julia hatte er in den Ferien vollkommen vergessen. Sie war mit ihrer Familie zu ihrem Onkel gefahren und er hatte mit ihr keinen einzigen Kontakt in der Zwischenzeit gehabt. Meistens war er unterwegs gewesen, sodass sie sich online verpasst hatten. Oft war er auch invisible, um nur mit Mia zu schreiben. Die SMS‘ waren zu teuer für Julia, weswegen sie ihm nicht geschrieben hatte. Ihm war bewusst, dass er mit ihr Schluss machen musste. Nur wusste er nicht, wie er das anstellen sollte. Immerhin war Julia seine erste, richtige Freundin. Ihm fehlte die Erfahrung darin.

„Hey, gut und dir? Wie war es dort drüben?“, schrieb er zurück.

„Nass. Ich habe dich vermisst!“

„Oh, es hat also viel geregnet. Hier blieb es die meiste Zeit trocken.“

„Ja, leider schon. Und meine blöde Cousine ging mir wieder auf die Nerven. Sie denkt sie sei so fancy, weil sie auf eine Privatschule geht und Haare bis zum Po hat.“

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
290 str.
ISBN:
9783753191188
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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