Czytaj książkę: «Ritter von Harmental»
Erster Teil
I.
Der Capitain Roquefinette
Es war am 22-sten März im Jahr der Gnade 1718, in der Fastenzeit, als ein junger Herr von stolzem Ansehen, ungefähr 25 bis 26 Jahr alt, der ein schönes spanisches Roß ritt, sich gegen acht Uhr Morgens an dem letzten Ende des Pont-Neuf zeigte, der zu dem Quais de l’école führt. Er saß so fest und unbeweglich in seinem Sattel, daß es schien, als sey er dort als Schildwache aufgestellt durch den General-Lieutenant der Polizei des Königreichs, den Herrn Voyer d’Argenson.
Nach einem halbstündigen Harren, und nachdem er mit ungeduldigen Blicken oftmals die Uhr de la Samaritaine befragt hatte, schien sein bisher umherschweifendes Auge, endlich mit Zufriedenheit auf einem Individuum zu weilen, das von dem Platz Dauphine kam, sich ein wenig rechts wandte und sich alsdann ihm näherte.
Derjenige, der auf diese Weise die Ehre hatte, die Aufmerksamkeit des jungen Cavaliers auf sich zu ziehen, war ein hochgewachsener wohlbeleibter Mann, der statt einer Perücke einen wahren Wald von schwarzem, mit etwas Grau untermischtem Haar auf seinem Kopfe trug; er war halb bürgerlich, halb militairisch gekleidet, und auf seiner Schulter zeigte sich ein Epaulett, das ursprünglich dunkelroth gewesen, durch Regen und Sonne aber zu Orange verblichen, war. Er war mit einem langen Degen bewaffnet, welcher ihn unablässig gegen die starken Lenden, schlug; sein Haupt war mit einem Hute bedeckt, den vormals goldene Tressen und eine Feder geschmückt hatten, den sein Herr aber jetzt, vermuthlich aus Respekt wegen seines früheren Glanzes, so ganz auf das linke Ohr gedrückt trug, daß der Hut in dieser Stellung nur durch ein Wunder das Gleichgewicht behaupten konnte. In der Gestalt, dem Gange, der Haltung, kurz in dem ganzen Wesen dieses Mannes, welcher ungefähr fünfundvierzig Jahre alt zu seyn schien, mitten auf der Straße daherschritt, und indem er sich mit der einen Hand den Schnauzbart strich, mit der andern dem ihm entgegenkommenden Wagen ein Zeichen gab, ihm auszuweichen, lag übrigens so viel prahlerische Unverschämtheit, daß, wer ihn sah, sich des Lächelns nicht enthalten konnte.
Der oben erwähnte junge Cavalier näherte sich ihm jetzt, augenscheinlich in der Absicht, ihn anzureden; worauf der Daherschreitende, obgleich er jenen durchaus nicht kannte, vor der Kirche de la samaritaine seine Schritte hemmte, den einen Fuß vorsetzte, mit der einen Hand den Schnauzbart strich, die andere an den Griff eines Degens legte, und dergestalt erwartete, was derjenige, der sich ihm näherte, ihm mitzutheilen habe.
Wie es der Mann mit dem orangefarbenen Epaulett vorhergesehen hatte, hielt auch wirklich der junge Reiter sein Pferd vor ihm an, er legte die Hand an seinen Hut und sprach: »Mein Herr, nach Ihrem Wesen zu urtheilen, halte ich Sie für einen Cavalier, sollte ich mich geirrt haben?«
»Keineswegs, wie in Herr, das will ich meinen, entgegnete der auf diese seltsame Weise Angeredete, indem er gleichfalls eine Hand zu seinem alten Filze führte. »Es freut mich übrigens, daß mein ganzes Wesen meinem Range entspricht, denn wenn Sie geben wollen was mir zukommt, so nennen Sie mich Capitain!«
»Höchst erfreuet, in Ihnen einen Militair kennen zu lernen, mein Herr Capitain,« entgegnete der junge Reiter, indem er sich neuerdings verbeugte, »das giebt mir um so mehr die gewisse Ueberzeugung, daß Sie einen Cavalier nicht in der Verlegenheit lassen werden.«
»Ganz gewiß nicht,wenn anders dieser Cavalier nicht die Absicht hat, meine Börse in Anspruch zu nehmen, denn ich will Ihnen mit der größten Freimüthigkeit eingestehen, daß ich soeben meinen letzten Thaler in einem Weinhause verzehrte.«
»Es betrifft keineswegs. Ihre Börse, Herr Capitain, im Gegentheil, die meinige steht zu Ihren Diensten.«
»Mit wem habe ich die Ehre zu reden, und was wünschen Sie von mir,« entgegnete der Mann mit dem orange Bande, sichtlich sehr zufrieden mit der einladenden Rede des jungen Reiters.
»Ich bin der Baron René de Valef,« antwortete der Befragte.
»Verzeihen Sie Herr Baron, entgegnete der Capitain, »aber ich glaube, während der Kriege in Flandern, eine Familie dieses Namens gekannt zu haben.«
»Ganz recht mein Herr, es war die meinige, ich stamme ursprünglich aus Lüttich. – Erfahren Sie jetzt, daß der Chevalier Raoul d’Harmental, einer meiner Freunde, in dieser Nacht gemeinschaftlich mit mir, in einen Streit verwickelt wurde, der an diesem Morgen durch einen Zweikampf geschlichtet werden soll; unsere Gegner waren ihrer drei, wir waren nur unserer zwei. Ich begab mich daher diesen Morgen zu dem Marquis de Gace und zu dem Grafen du Surgis, Beide aber waren leider die Nacht nicht zu Hause gewesen. Da sich nun aber die nicht aufschieben läßt, zumal da ich in drei Stunden nach Spanien abreisen muß, und uns der dritte Mann fehlt, so habe ich mich hier auf den Pont-Neuf gestellt, in der Absicht, den ersten Cavalier der sich mir zeigen würde, um diesen Ritterdienst zu ersuchen. Sie kamen und ich wandte mich an Sie.«
»Und Sie haben wohl daran gethan, auf meine Ehre! Schlagen Sie ein, Baron, ich bin Ihr Mann. Um welche Zeit soll das Duell stattfinden?«
»Um neun ein halb Uhr diesen Morgen. »Und wo soll die Sache vor sich gehen?«
»Vor dem Thore Maillot.«
»Teufel, da haben wir keine Zeit zu verlieren! Sie aber sind zu Pferde, ich bin zu Fuß, wie wird sich das arrangieren?
»Es giebt ein Mittel, Capitain!
»Und welches?«
»Sie müßten mir die Ehre erzeigen und hinter mir aufsitzen.«
»Mit Vergnügen, Herr Baron!«
»Ich benachrichtige Sie aber, fügte der junge Reiter mit einem kleinen Lächeln hinzu, daß mein Pferd etwas lebhaft ist.«
»Ey, das habe ich schon bemerkt, entgegnete der Capitain, indem er einen Schritt zurücktrat und das schöne Thier mit einem Kennerblick musterte. »Wenn ich mich nicht sehr irre, so ward dieses Thier zwischen den Bergen von Granada und der Sierra Morena geworfen. Ich ritt ein ähnliches bei Almanza, und zähmte es, wenn es mit mir Reißaus nehmen wollte, oftmals wie ein Lamm und das einzig und allein mit der Kraft meiner Kniee.«
»Sie haben mich völlig beruhigt, zu Pferde also, Capitain!«
»Ich sitze schon, Herr Baron!« und ohne sich des Steigbügels zu bedienen, den ihm der junge Cavalier überließ, schwang sich der Capitain hinter ihn hinauf auf das Thier.
Der Baron hatte die Wahrheit gesprochen. Sein Pferd war an keine so schwere Last gewöhnt, auch versuchte es anfangs, dieselbe von sich abzuschütteln; der Capitain hatte aber gleichfalls nicht gelogen, und bald merkte das muthige Thier, daß gewandte Reiter es beherrschten, so daß es nach zwei vergeblichen Sprüngen nachgab, sich zum Gehorsam entschloß und mit den beiden Cavaliren ruhig über den Quais de l’école, den Quais de Louvre und den Quais der Tuilerien dahin trabte, das Thor de la Conference passierte, und den nach Versailles führenden Weg links liegen ließ. Bei der Brücke d’Antin angelangt, hielt der Baron von Valef die Zügel seines Pferdes ein Wenig an, denn er sah, daß er noch volle Zeit hatte, das Thor Maillot zu der bestimmten Stunde zu erreichen. Der Capitain benutzte diesen Augenblick, um sich an seinen jungen Begleiter zu wenden.
»Darf ich, mein Herr Baron, sprach er, »Sie ohne unbescheiden zu erscheinen, befragen: um welcher Ursache willen wir uns schlagen sollen? Sie begreifen, daß ich davon unterrichtet seyn muß, um darnach mein Benehmen gegen meinen Gegner einzurichten, und um zu wissen, ob es auch der Mühe werth ist, daß ich ihn in die andere Welt expedire.«
»Das ist nicht mehr als billig, Capitain,« versetzte der Baron; »Hören Sie, wie sich alles zugetragen. Wir speisten gestern zu Nacht, bei der Fillon. Sie kennen ohne Zweifel die Fillon Capitain?«
»Was sollt’ ich nicht? ich war es, der ihr im Jahr 1705 Berühmtheit verschaffte, bevor ich den Feldzug in Italien mitmachte.«
»Wolan, lächelte der Baron, »Sie macht Ihnen alle Ehre. Wir speisten also, wie gesagt, gestern bei ihr zur Nacht, wir beide, der Chevalier d’Harmental und ich –«
»Ohne irgend jemand vom schönen Geschlecht?« ragte der Capitain.
Allerdings! Sie müssen wissen, Harmental ist eine Art Trappist. Er besucht die Fillon nur aus Besorgniß, daß man glaube er gehe nicht dort hin, er liebt stets nur eine zur Zeit und ist jetzt bis über die Ohren in die kleine Averne verliebt, die Frau des Gardelieutenants.«
»Schön, schön! und weiter?«
»Wir schwatzten also dort von unsern Angelegenheiten, als plötzlich eine lustige Gesellschaft in das Cabinet trat, welches an das unsere gränzte, Da das was wir uns mitzuheilen hatten, niemand anders etwas anging, schwiegen wir, und hörten so ohne daß wir es wollten, das Gespräch unserer Nachbaren. Nun erstaunen Sie über den seltsamen Zufall: unsere Nachbarn sprachen gerade von dem einzigen Gegenstande, den wir gerade nicht hätten hören sollen.«
»War es vielleicht von der Geliebten des Chevaliers?«
»Sie haben es errathen. Bei den ersten Worten ihres Gesprächs stand ich auf, um meinen Freund fortzuführen, statt aber mir zu folgen, legte er mir die Hand auf die Schulter und drückte mich wieder nieder auf meinen Sessel. »Philipp liebt also die kleine Averne?« fragte eine Stimme. »Seit dem Feste bei der Marschallin d’Estree, antwortete eine andere, »dort reichte sie ihm, als Venus verkleidet, einen Degengürtel, der von Versen begleitet war, in welchen sie ihn mit Mars verglich.« – »Aber das ist ja schon acht Tage her, bemerkte eine dritte Stimme. – »Ei freilich, versetzte der, welcher zuerst gesprochen, »sie hat sich nicht sogleich ergeben; sey es, daß sie von dem armen Harmental wirklich etwas hielt, oder daß sie wußte, daß der Regent grade das liebe, was ihm Widerstand leistet. Kurz, diesen Vormittag hat sie das Geschenk eines mit Blumen und Juwelen gefüllten Körbchens durch die Erklärung erwidert, daß sie bereit sey, Se. Königliche Hoheit zu empfangen.«
»Ja, jetzt fange ich an, die Sache zu begreifen!« rief der Capitain, »der Chevalier gerieth in Zorn, nicht wahr?«
»Ganz recht. Statt, wie unsereins gethan haben würde, darüber zu lachen und die Gelegenheit sich zum Nutzen zu machen, ein Obristenpatent wieder zu erlangen, das man ihm genommen hat, unter dem Vorwande, die Staatsausgaben beschränken zu müssen, wird mein Freund Harmental so bleich, daß ich glaubte, er werde in Ohnmacht fallen, dann trat er rasch zum Cabinet, schlug mit der geballten Faust gegen die Wand, so daß alles schwieg und rief »Meine Herren, es thut mir leid, Ihnen widersprechen zu müssen, derjenige von Ihnen aber, der behauptet hat: Madame d’Averne habe dem Regenten oder sonst jemand, ein Rendezvous zugesagt, hat gelogen!
»Ich war es, mein Herr, der dies gesagt hat und der seine Behauptung aufrecht halten wird,« entgegnete die erste Stimme; »enthält sie etwas, das Ihnen mißfällt, so stehe ich zu Diensten, ich nenne mich Lafare und bin Capitain in der Garde.«
»Und ich nenne mich Fargy,« rief die zweite Stimme.«
»Und ich Ravanne, die dritte.
»Sehr wohl meine Herren,« erwiderte Harmental. »Morgen Vormittag zwischen neun und zehn Uhr also bei dem Thore Maillot.« – Darauf setzte er sich mir wieder gegenüber; jene Herren schwatzten von gleichgültigen Dingen, und wir beendigten unser Souper. Jetzt wissen Sie alles, Capitain.«
Dem Letzteren schien die Sache äußerst geringfügig; obgleich er die allzugroße Reizbarkeit des Chevaliers mißbilligte, war er dennoch entschlossen, für die Angelegenheit, zu deren Verfechter er nun einmal gewählt worden war, den Degen zu ziehen. Wenn er sich übrigens auch hätte zurückziehen wollen, so war dies jetzt zu spät. Man befand sich bereits bei dem Thore Maillot und ein junger Cavalier, der dort zu harren schien, und der aus der Ferne den Baron und den Capitain bemerkt hatte, sprengte ihnen jetzt entgegen. Es war der Chevalier von Harmental.
»Mein lieber Chevalier, sprach der Baron von Valef, indem er mit seinem Freunde einen Händedruck wechselte, »erlaube mir, Dir hier, in Ermangelung eines alten Freundes, einen neuen vorzustellen. Weder Surgis noch Gace waren daheim. Ich traf diesen Herrn auf dem Pont-Neuf, schilderte ihm unsere Verlegenheit und er erbot sich mit großer Bereitwilligkeit, derselben abzuhelfen.«
»Ich bin Dir also zwiefach verbunden, mein lieber Valef, entgegnete der Chevalier, indem er auf den Capitain einen Blick warf, in welchem sich ein kleines Erstaunen aussprach. »Sie, aber mein Herr, bemerkte er, muß ich um Verzeihung bitten, daß ich Sie zum Anfange unserer Bekanntschaft mit einem so unangenehmen Geschäft, belästige. Sie werden mir hoffentlich Gelegenheit geben, mich Ihnen wieder gefällig zu beweisen; seyn. Sie überzeugt, Sie werden mich stets zu Ihren Diensten bereit finden. Verfügen Sie alsdann frei über mich, wie ich jetzt über Sie.
»Gut gesprochen, Chevalier, rief jetzt der Capitain, indem er vom Pferde sprang. »Sie haben eine Art und Weise, die mich für Sie durchs Feuer treiben würde.«
»Wer ist das seltsame Original?«, fragte der Chevalier leise zu dem Baron gewandt, während der Capitain, um die steifgewordenen Beine wieder gelenkig zu machen, mit den Füßen den Boden stampfte.
»Wahrlich, ich weiß es nicht,« entgegnete Valef »so viel aber weiß ich, daß wir uns ohne ihn in großer Verlegenheit befinden würden. Es wird irgend einer vom Militair seyn, den der Friede bei Seite geworfen hat. Bald wird es sich übrigens zeigen, wie er sich bei der Sache benimmt.«
»Wolan,« rief jetzt der Capitain, belebt durch seine Körperbewegung. »Wo bleiben denn unsere Gegner? fühle ich mich doch diesen Morgen recht kampflustig!«
»Als ich hierher ritt, waren sie noch nicht angelangt,« erwiderte Harmental, »aber ich gewahrte in der Ferne einen Miethwagen, dessen Langsamkeit ihnen wahrscheinlich zur Entschuldigung dienen wird, daß sie etwas spät eintrafen. Uebrigens ist noch keine Zeit verloren, fügte er hinzu, indem er eine reich mit Brillanten besetzte Flaschenuhr hervorzog, es ist kaum neun ein halb Uhr.
Schnell, also ihnen entgegen, sprach Valef indem er sich jetzt gleichfalls aus dem Sattel schwang und den Zaum seines Pferdes dem Diener Harmentals zuwarf, »denn langten sie an dem bestimmten Orte, vor uns an, würde es scheinen, als hätten wir auf uns warten lassen.«
»Du hast recht, versetzte Harmental; er stieg dann vom Pferde und trat mit seinen beiden Gefährten in das Gehölz.
»Befehlen die Herren etwas?«, fragte der Besitzer der dort befindlichen Restauration, der Gäste erwartend vor einer Thüre stand.
»Versteht sich, Durand, entgegnete Harmental, welcher, um nicht gestört zu werden, dem Restaurateur gern glauben machen wollte, daß ihr Hierseyn nur einen Spaziergang zur Absicht habe, »bereitet ein Frühstück für drei Personen, wir schlendern hier ein wenig umher und kehren bald zurück.«
Mit diesen Worten ließ er drei Louis d’ors in die Hand des Gastwirths gleiten. Der Capitain gewahrte die glänzenden Goldstücke und berechnete mit dem Scharfsinne eines Kenners, was man für zwei und siebzig Livres im Bois de Boulogne alles bekommen könne. Da er aber den Empfänger des Geldes kannte, hielt er eine Empfehlung seinerseits nicht für überflüssig: »Macht Eure Sache gut, Herr Garkoch,« sprach er zu Durand gewandt, »Ihr wißt, ich verstehe mich darauf, daß die Speisen delicat und der Wein unverfälscht aufgetragen werden, versteht Ihr mich, sonst pflücken wir später ein Hühnchen mit einander.«
»Seyn Sie unbesorgt, Herr Capitain, antwortete der Restaurateur; »einen Gast wie Sie werde ich doch nicht hinters Licht führen.«
»Nun, wir wollen sehen. Ich habe seit zwölf Stunden nichts zu mir genommen, richtet Euch danach.«
Der Wirth verbeugte sich, wie Jemand, der genau begriff, was die an ihn gerichtete Rede sagen wollte; er begab sich kopfschüttelnd in seine Küche, denn es leuchtete ihm ein, daß er ein weniger gutes Geschäft gemacht, als er anfangs gehofft hatte. Der Capitain warf ihm noch einen warnenden Wink zu, und eilte alsdann mit raschen Schritten seinen beiden Kampfgenossen nach, welche ihre Schritte hemmten, um ihn zu erwarten.
Der Chevalier hatte sich hinsichtlich des Miethwagens, nicht geirrt; so wie sie in die nächste Allee traten, erblickten sie ihre drei Gegner, welche so eben ausstiegen: es waren, wie wir bereits berichtet haben, der Marquis Lafare, der Graf Fargy und der Chevalier von Ravanne.
Unsere geneigten Leser wollen uns jetzt gestatten, ihnen eine kurze Schilderung dieser drei Personen zu liefern, welche in dieser unserer anspruchslosen Erzählung den Schauplatz mehrmals betreten werden.
Lafare, der Bekannteste der Dreien, Dank den Versen, die er hinterlassen hat, war damals ein Mann von ungefähr 36 Jahren, begabt mit einem freien offenen Antlitz und einer unverwüstlichen guten Laune; dabei stets bereit bei der Tafel, beim Spiele und mit den Waffen in der Hand, es mit jedermann aufzunehmen, und zwar das alles ohne Haß und Groll; er war ein Liebling der Damen und ein Günstling des Regenten, der ihn zum Hauptmann in der Garde ernannt, und ihn während der letzten zehn Jahre zwar mitunter als seinen Nebenbuhler angetroffen, stets aber als seinen treuesten Diener erkannt hatte. Der Herzog von Orleans, der die Gewohnheit hatte, seinen Günstlingen Beinamen zu geben, nannte ihn daher stets nur: »hon enfant.« Seit einiger Zeit aber schien Lafare’s Popularität bei den Damen des Hofes und der Oper etwas zu sinken; denn es hatte sich das Gerücht verbreitet, daß er die Lächerlichkeit begehe, ein ordentlicher Mensch werden zu wollen. Zwar behaupteten einige seiner Freunde, um seinen Ruf aufrecht zu halten, mit gedämpfter Stimme, daß diese scheinbare Bekehrung keinem andern Beweggrund habe, als die Eifersucht der Mademoiselle de Conti, Tochter der Herzogin von Conti und Enkelin des großen Condé, welche wie man versicherte, den Gardecapitain des Regenten mit einer ganz besonderen Zuneigung beehrte. Seine Verbindung mit dem Herzog von Richelieu unterstützte diese Ansicht.
Der Graf von Fargy, gemeinhin nur der schöne Fargy genannt, war in der That der schönste junge Mann seiner Zeit, was ihm in jener Epoche der Galanterie Verpflichtungen auferlegte, vor denen er niemals zurückgeschreckt war. Er war zu gleicher zeit zart und kräftig, ungemein liebenswürdig, kurz er vereinte in sich alle Eigenschaften eines Romanhelden jener Zeit Vereint man nun noch hiermit sein schönes Aeußere, seinen Verstand und Witz, so wie seinen kühnen Muth, so wird man sich der den glänzenden Ruf nicht wundern, den er in der Welt,in welcher er lebte, sich erworben hatte.
Was den Chevalier von Ravanne betraf, der rücksichtlich seiner Jugend, so seltsame Memoiren hinterlassen hat, daß man, trotz ihrer Authenticität, an ihrer Wahrhaftigkeit zweifeln möchte, so war derselbe damals kaum dem Pagenalter entwachsen, er war reich und stammte aus einer vornehmen Familie; er trat ein in das Leben, durch dessen goldenes Thor und jagte nach allen Freuden desselben mit der ganzen Begierde und Unvorsichtigkeit der Jugend: Er machte in seinem achtzehnten Jahre alle Fehler und Thorheiten seiner Zeit mit; man begreift daher, wie stolz er darauf war, Männern wie Lafare und Fargy als Secundant in einer Angelegenheit zur Seite zu stehen, von der man erwarten konnte, daß die großes Aufsehen erregen würde.
II.
Das Duell
So wie Lafare, Fargy und Ravanne ihre Gegner in die Allee treten sahen, eilten sie ihnen entgegen. Als sie sich einander bis auf zehn Schritte genähert hatten, zogen sie sämmtlich die Hüte und begrüßten sich mit jener zierlichen Höflichkeit, die bei ähnlichen Gelegenheiten ein Charakterzug der Aristokratie des achtzehnten Jahrhunderts bildete, wobei ihr anmuthiges Lächeln jedem Vorübergehenden hätte glauben machen können, daß hier von einer freundlichen Begegnung, nicht aber von einem feindlichen Zusammentreffen die Rede say.
»Meine Herren,« begann der Chevalier von Harmental, dem das erste Wort mit vollem Rechte gebührte, ich hoffe, daß weder Sie noch wir von irgend jemand hierher gefolgt wurden; aber es ist bereits ein wenig spät und wir könnten hier leicht gestört werden, ich halte es daher für rathsam, daß wir eine entlegnere Stelle suchen, wo wir mit mehr Ruhe und Bequemlichkeit das kleine Geschäft abmachen können, das uns hier zusammenführt.«
»Meine Herren, entgegnete Ravanne, »ich weiß den passendsten Ort. Kaum hundert Schritte von hier – man kann sich dort in einer Wüste wähnen.«
»So folgen wir dem Kinde, rief der Capitain, »die Unschuld führt zum Heil.«
Ravanne wandte sich und maaß den Mann mit den orangefarbenen Epauletts von Kopf bis zur Zehe.
»Haben Sie sich noch gegen keinen Anderen verpflichtet, mein großgewachsener Herr,« versetzte er in einem etwas ironischem Tone, »so bitte ich um den Vorzug.«
»Halt, Ravanne, halt,« fiel Lafare ein, »ich habe dem Herrn von Harmental zuvor einige Erklärungen zu geben.«
»Herr von Lafare, versetzte der Chevalier, »Ihr Muth ist so sehr erprobt, daß die Erklärungen, die Sie mir anbieten, ein Beweis Ihres Zartgefühls sind, welches ich mit Dank anerkenne. Diese Auseinandersetzungen würden aber unser Geschäft nur verzögern, und ich glaube, wir haben keine Zeit zu verlieren.«
»Bravo, Bravo!« rief Ravanne, das heiße ich gesprochen, wie es sich geziemt, haben wir uns einander erst den Hals gebrochen, dann, hoffe ich, werden Sie mir Ihre Freundschaft nicht versagen. Viel Gutes habe ich bereits von Ihnen gehört, und lange schon sehne ich mich nach der Ehre. Ihrer Bekanntschaft.«
Die beiden Herren verbeugten sich gegen einander.
»Voran also, Ravanne,« rief nunmehr Lafare, »da Du Dich zu unserm Führer aufgeworfen hast, so zeige uns den Weg.«
Ravanne sprang alsogleich in das Gebüsch, seine fünf Gefährten folgten; die Pferde und der Wagen blieben, wo sie sich befanden.
Nach einem Marsche von zehn Minuten, während dessen die Gegner das tiefste Schweigen beobachteten, theils um durch ein Gespräch ihre Anwesenheit nicht zu verrathen, theils weil in dem Augenblicke einer nahen Gefahr der Mensch sich immer in sich selbst zurückzieht, erreichten sie einen von Bäumen dicht umkränzten freien Platz.
»Nun; Ihr Herren,« fragte Ravanne zufrieden um sich blickend, was sagen Sie von dieser Stelle?«
»Ich meine,« versetzte der Capitain, »daß, wenn Sie sich rühmen, sie entdeckt zu haben, Sie nur schlecht einen kleinen Columbus spielen. Sie hätten mir nur zu sagen gebraucht, daß Sie hierher wollten, und ich hätte Sie mit geschlossenen Augen hierhergeführt.«
»Wolan, mein Herr,« erwiderte Ravanne, »so werden wir Sorge tragen, daß man Sie von hier so fortschaffe, wie Sie nach Ihrer Behauptung hergekommen seyn würden.«
»Sie wissen es, daß Sie es sind, Herr von Lafare, mit dem ich es zu thun habe,« rief Harmental, indem er seinen Hut auf die Erde warf
»Ganz recht, mein Herr,« entgegnete der Gardecapitain, indem er dem Beispiele seines Gegners folgte, »ich weiß aber auch, daß mir nichts mehr Ehre, aber auch zugleich mehr Schmerz verursachen könnte, als ein Zweikampf mit Ihnen und zwar um einer solchen Ursache willen.«
Harmental lächelte wie ein Mann, der diese höfliche Rede anzuerkennen wußte, aber er erwiderte nur, indem er den Degen zur Hand nahm.
»Ich glaube, Herr Baron,« sprach Fargy zu Valef gewandt, »daß Sie im Begriff stehen, nach Spanien abzureisen?«
»Ich wollte schon diese Nacht aufbrechen, mein lieber Graf,« erwiderte Valef, »nur das Vergnügen, diesen Morgen hier mit Ihnen zusammen zu treffen, konnte mich zurückhalten, so wichtige Geschäfte rufen mich dorthin.«
»Das macht mich untröstlich!« entgegnete Fargy, indem er seinen Degen entblößte, »denn, wenn es mir gelingen sollte, diese Ihre Reise noch länger zu verzögern, so würden Sie ohne Zweifel mein Todfeind werden.«
»Ganz gewiß nicht, mein lieber Graf,« lächelte Valef, »ich würde glauben, es geschähe aus lauter Freundschaft. Thun. Sie also Ihr Möglichstes, ich bin zu Ihren Diensten.
»Nun, mein Herr, nun,« rief Ravanne dem Capitain zu, welcher sorgfältig seinen Rock zusammenfaltete und ihn neben seinen Hut legte, »Sie sehen, daß ich auf Sie warte.«
»Werden wir nicht ungeduldig, lieber junger Mann,« antwortete der alte Soldat, indem er mit seinen Vorbereitungen fortfuhr. Eine der vorzüglichsten Eigenschaften bei dem Waffenhandwerk ist die Kaltblütigkeit. In Ihrem Alter machte ich es grade wie Sie; nach dem dritten oder vierten Degenstoße aber, den ich empfing, sah ich ein, daß ich auf einem falschen Wege war.«
Bei diesen letzten Worten zog er seinen Degen, der, wie wir bereits berichtet haben, von bedeutender Länge war.
»Alle tausend Teufel,« lachte Ravanne,. »was haben Sie da für eine Waffe! die erinnert mich wahrlich an den Bratspieß in der Küche meiner Mutter, und es thut mir jetzt leid, daß ich mir denselben nicht von unserm Haushofmeister erbat, um mich Ihnen würdig entgegenstellen zu können.«
»Ihre Frau Mutter ist eine sehr würdige Dame und ihre Küche eine sehr gute Küche, ich hörte von Beiden mit großem Lobe sprechen, mein Herr Chevalier, entgegnete der Capitain, in einem fast väterlichen Tone; »ich würde daher untröstlich seyn, Sie der einen und der anderen zu rauben, wegen einer armseligen Geschichte, wie diejenige, um derentwillen wir jetzt die Degen mit einander kreuzen sollen. Bilden Sie sich also ein, daß Sie nur eine Stunde bei Ihrem Fechtmeister nähmen und fallen Sie aus.»
Diese Aufforderung war durchaus unnöthig; die Ruhe und Kaltblütigkeit seines Gegners machte Ravanne’s jugendliches Blut kochen, und er griff den Capitain mit der größten Heftigkeit und Unbesonnenheit an. Der Letztere trat einen Schritt zurück.
»Ha, Ha, Sie weichen schon, mein großgewachsener Herr! rief Ravanne.
»Weichen ist nicht Fliehen, mein kleiner Ritter,« versetzte der Capitain, »es ist ein Theil der Fechtkunst, den ich Sie auffordere nachzuahmen. Ueberdem macht es mir Spaß, Ihr Spiel zu studieren. Sie sind, wie es mir scheint, ein Zögling Berthelots. Ein trefflicher Meister, nur das Pariren lehrt er schlecht. Sehen Sie,« fügte er hinzu, indem er eine Secunde seines jungen Gegners zurückschlug, »wenn ich jetzt gewollt hätte, so hätte ich Sie wie eine Lerche gespießt.«
Ravanne war in die höchste Wuth getrieben, denn in der That hatte er die Degenspitze seines Gegners auf der Brust gefühlt, aber so leicht nur, daß er es für die Berührung einer Blume halten konnte. Die Ueberzeugung, daß er dem Capitain sein Leben verdanke, regte seinen Zorn immer und mehr an, und seine Ausfälle wurden noch heftiger als zuvor.
»Ruhig, ruhig, junger Mann,« warnte der alte Soldat, »Sie verlieren ganz und gar den Kopf, Sie stoßen nach dem Gesicht, Sie werden mich zwingen Sie zu entwaffnen. Doch schon wieder! Nun, wenn Sie es durchaus nicht anders wollen, da, suchen Sie Ihren Degen wieder auf. Mit diesen Worten schlug der Capitain seinem jungen Gegner die Waffe aus der Hand, daß sie zwanzig Schritte weit wegflog.
Dies schien Ravanne abgekühlt zu haben. Er hob den Degen zögernd wieder auf und kehrte langsam zu dem Capitain zurück, der die Spitze einer Waffe zu Boden gesenkt hatte. Der junge Mann war bleich wie eine Leiche, auf seiner weißen Weste zeigten sich einzelne Tropfen Blut.
»Sie hatten Recht mein Herr, ich bin nur noch ein Kind,« sprach er, »mein Zusammentreffen mit Ihnen aber, wird hoffentlich dazu beitragen, mich zum Manne zu machen. Noch ein Paar Gänge, wenn es Ihnen beliebt, damit es nicht heiße: daß die ganze Ehre auf Ihrer Seite say.« – So sprechend nahm er eine Stellung wieder ein.
Der Capitain hatte Recht. Es fehlte dem jungen Chevalier nur an Ruhe, um ihn zu einem furchtbaren Gegner zu machen. Jener gewahrte bald, daß er zu seiner Vertheidigung auf einer Huth sein müsse; er besaß aber in der Fechtkunst eine allzu große Geschicklichkeit, als daß Ravanne einen Vortheil hätte über ihn gewinnen können.
Der Kampf endete also, wie zu erwarten fand. Der Capitain schlug seinem jungen Gegner die Waffe noch einmal aus der Hand, diesmal aber hob er sie selbst wieder auf und überreichte sie dem Letzteren mit einer Höflichkeit, deren man ihn kaum für fähig gehalten hätte.
»Mein Herr Chevalier,« sprach er dabei, »Sie sind ein tapferer junger Mann; glauben Sie es aber einem alten Besucher der Fechtschulen, der die Kriege in Flandern mitgemacht hat, bevor Sie das Licht der Welt erblickten; der, als Sie noch in der Wiege lagen, in Italien focht; und in Spanien kämpfte, als Sie noch Page waren, nehmen Sie einen andern Lehrer an, verabschieden sie den Berthelot, der Ihnen nur das gezeigt hat, was er selbst weiß, wenden Sie sich an Bois Robert, und der Teufel soll mich holen, wenn Sie nach sechs Monaten nicht den Degen führen, wie ich selbst.«
»Ich danke für die Lehre,a entgegnete Ravanne, indem er dem Capitain die Hand reichte, wobei einige Thränen, die er nicht zurückhalten konnte, über seine Wange hinabrollten, sie soll mir gute Dienste leisten. – Bei diesen Worten senkte er, wie der Capitain bereits gethan, seinen Degen wieder in die Scheide.
Beide richteten darauf ihre Blicke auf ihre Kampfgenossen, um zu sehen, wie bei diesen die Sachen standen. Das Duell war beendigt. Lafare saß auf dem Rasen, den Rücken gegen einen Baum gelehnt, er hatte einen Stoß empfangen, der ihm die Brust durchbort hätte, zum Glück aber an einer Rippe abglitt, so daß die Wunde gefährlicher schien, als sie es wirklich war. Dennoch aber war er in Ohnmacht gesunken. Harmental kniete vor ihm und suchte das Blut mit einem Tuche zu stillen.
Fargy und Valef waren. Beide leicht verwundet, der eine im Schenkel, der andere im Arm; sie entschuldigten sich gegen einander und gelobten sich für die Zukunft innige Freundschaft.
»Da schauen Sie hin, junger Mann, sprach der Capitain zu Ravanne, indem er auf den Kampfplatz deutete, »da fließt das Blut von drei wackern Männern, und das vermuthlich um einer leichtsinnigen Frau Willen,
»Mein Seel,« entgegnete der junge Mann. »Ich glaube. Sie haben Recht Capitain, vielleicht sind Sie von uns allen der Einzige, welcher gesunden Menschenverstand besitzt.«
In diesem Augenblick schlug Lafare die Augen auf und erkannte Harmental in demjenigen, der ihm Pflege spendete. »Chevalier,« sprach er, »wollen Sie in eine Gefälligkeit erzeigen, so lassen Sie das Stück von Wundarzt rufen, das sich im Wagen befindet und das ich für jeden Fall mitbrachte; dann eilen Sie, so schnell. Sie können nach Paris, zeigen Sie sich diesen Abend auf dem Ball im Opernhause und wenn man Sie nach mir befragt, so sprechen Sie, Sie hätten mich in acht Tagen nicht gesehen. Was mich betrifft, so können Sie vollkommen ruhig sein, Ihr Name soll nicht über meine Lippen kommen. Sollte Ihnen übrigens rücksichtlich unserer Angelegenheit etwas Unangenehmes begegnen, so geben Sie mir schnell davon Nachricht, und ich werde alsdann alles schon so einrichten, daß die Sache keine Folgen hat.«
»Vielen Dank, Herr Marquis !« entgegnete Harmental, »ich verlasse. Sie nur, um Sie besseren Händen zu übergeben, als die meinen sind, sonst, glauben Sie es mir, würde nichts in der Welt mich vermocht haben, eher von Ihrer Seite zu weichen, als bis ich Sie auf Ihrem Lager ruhen wüßte.«
»Die glücklichste Reise, lieber Valef, rief Fargy »denn ich hoffe, die kleine Schmarre wird Sie nicht verhindern, sich nach Spanien auf den Weg zu machen. Nach der Rückkehr vergessen Sie nicht, daß Ihnen auf dem Platz Louis le Grand No. 14 ein Freund wohnt.«
»Und Sie, lieber Fargy, haben Sie vielleicht Aufträge für Madrid, so bitte ich darum, Sie können sie nicht zuverlässigeren und bereitwilligeren Händen anvertrauen.«
»Adieu, junger Mann, leben Sie wohl,« sprach der Capitain zu Ravanne. Vergessen Sie meinen Rath nicht, schaffen Sie den Berthelot ab, nehmen Sie den Bois Robert, vor allen aber kaltes Blut, dann werden Sie einmal einer der besten Fechter Frankreichs werden. Mein langer Degen läßt sich dem Bratspieße Ihrer Frau Mutter ganz gehorsamst empfehlen.«
Ravanne wußte, trotz seiner Geistesgegenwart, dem Capitain nichts zu entgegnen, er erwiderte dessen Abschiedsgruß und trat zu Lafare, der ihm von einen beiden Gefährten am meisten verwundet schien.
Harmental, Valef und der Capitain schritten zu dem Eingange des Gehölzes zurück, wo sie den Wagen und in demselben den Wundarzt fanden, der ganz gemüthlich ein Schläfchen machte. Harmental benachrichtigte ihn, daß der Marquis von Lafare und der Graf von Fargy, zu denen er ihm den Weg zeigte, seines Beistandes bedürften. Er gebot über dem noch seinen Diener, dem Wundarzte zu folgen, um diesem nöthigenfalls zur Hand zu gehen. Dann wandte er sich zu dem Manne mit den orangefarbenen Epauletts: »Capitain, sprach er, »ich glaube nicht, daß es gerathen wäre, das Frühstück zu verzehren, das wir beordert haben, empfangen Sie also meinen Dank für den Ritterdienst, den Sie mir geleistet, und haben Sie die Gefälligkeit, zur Erinnerung an mich, eines meiner beiden Pferde anzunehmen, wählen Sie das Beste, es sind beides treffliche Thiere, die Sie nicht im Stiche lassen werden, wenn Sie einst acht bis zehn Lieues in einer Stunde zurücklegen wollen.«
»Mein Seel, Chevalier, entgegnete der Capitain, indem er einen Seitenblick auf die schönen Pferde warf,« dessen bedurfte es nicht; unter Cavaliren sind Blut und Geldbeutel Dinge, die man sich einander mit Freuden borgt; Sie aber machen mir das Anerbieten mit so unwiderstehlicher Anmuth, daß ich dasselbe nicht zurückzuweisen vermag. Bedürfen Sie je meiner wieder, so vergessen Sie nicht, daß ich ganz und gar zu Ihren Diensten bin.«
»Und in einem solchen Falle, wo würde ich Sie aufzusuchen haben?« fragte lächelnd Harmental.
»Ich habe grade keine feste Wohnung, Chevalier; wenn Sie mich aber zu sprechen wünschen, so fragen Sie bei der Fillon nur nach dem Capitain Roquefinette.«
Und während die beiden jungen Cavaliere sich auf ihre Rosse schwangen, bestieg der Capitain das dritte, nicht ohne dabei zu bemerken, daß der Chevalier ihm von seinen Pferden das schönste zurückgelassen hatte. Sie befanden sich grade an einem Kreuzwege und jeder von ihnen sprengte nach verschiedener Richtung hin.
Der Baron Valef kehrte durch die Barriere von Paffy nach Paris zurück, begab sich sofort in das Arsenal, empfing dort die Befehle der Herzogin von Maine, zu deren Haushalte er gehörte, und reiste noch denselben Tag nach Spanien ab.
Der Capitain Roquefinette ritt im Schritt, Trab und Galopp im Bois de Boulogne umher, um sein neues Pferd zu prüfen, und als er sich überzeugt hatte, daß es wie Harmental versicherte, wirklich ein treffliches Thier say, lenkte er dasselbe zu der Restauration des Herrn Durand zurück, wo er ganz allein das Frühstück verzehrte, das für drei Personen bestellt war. – Noch an demselben Tage führte er sein Pferd auf den Roßmarkt, wo er es für sechzig Louisd’or verkaufte; es war nur die Hälfte seines Werthes, aber – man muß Opfer bringen, wenn man etwas prompt realisieren will.
Was den Chevalier von Harmental betrifft, so kehrte er durch die elyseeischen Felder nach Paris zurück, wo er in seiner Wohnung, Straße Richelieu, zwei unterdessen angelangte Briefe vorfand. Einer derselben war von einer ihm nur zu gut bekannten Handschrift so daß er an allen Gliedern zitterte. Er berührte das Schreiben nur zögernd, so als ob er eine glühende Kohle erfassen wolle; endlich faßte er Muth, brach bebend das Siegel und las wie folgt:
»Mein lieber Chevalier!
»Sie wissen, man ist nicht der Gebieter seines Herzens. Es ist eine Schwäche unserer Natur, dieselbe Person und dieselbe Sache nicht lange Zeit lieben zu können. Was mich betrifft, so will ich vor anderen Frauen das Verdienst voraus haben, daß ich meinen Geliebten nicht betrüge. Kommen Sie also nicht zu der gewohnten Stunde zu mir, man würde Ihnen sagen, ich sei nicht zu Hause, und ich bin zu redlich, um meinen Kammerdiener oder meine Kammerfrau eine so grobe Lüge aussprechen zu lassen.«
»Adieu also, mein lieber Chevalier, gedenken Sie meiner nicht mit allzugroßem Zorne und machen Sie daß ich nach zehn Jahren noch das von Ihnen sagen kann, was ich jetzt von Ihnen sage, daß ich Sie nämlich für einen der galantesten Cavaliere Frankreichs halte.
Sophie d’Averne.«
»Alle Teufel!« rief Harmental, indem er mit der geballten Faust auf einen zierlichen Tisch schlug, daß er zusammenstürzt, »hätte ich den armen Lafare getödtet, ich hätte in meinem ganzen Leben keine Ruhe wiedergefunden.«
Nach diesem Ausbruche, der den Chevalier etwas erleichterte, schritt derselbe mehrmals im Zimmer auf und ab, mit einem Wesen, welches dartat, daß er noch mehr solcher Enttäuschungen bedürfe, um sich zu der Höhe der philosophischen Moral zu erheben, welche ihm die schöne Treulose gepredigt hatte. Erst nach einiger Zeit gewahrte er auf dem Fußboden den zweiten Brief liegend, den er völlig vergessen hatte. Er schritt noch zwei- bis dreimal an demselben vorüber, ohne ihn mehr als eines gleichgültigen Blickes würdig zu achten. Endlich hob er ihn verächtlich auf, öffnete ihn langsam, betrachtete die Handschrift, welche ihm völlig unbekannt war, suchte nach der Unterschrift, die aber fehlte, und durch diesen Anflug vom Geheimnißvollen neugierig gemacht, las er folgende Zeilen:
»Chevalier!
»Wenn Sie in Ihrer Phantasie halb so viel Romantik, und in ihrem Herzen nur halb so viel Muth besitzen, wie Ihre Freunde behaupten, so ist man bereit, Ihnen ein Unternehmen anzuvertrauen, das Ihrer würdig ist und durch dessen Resultat Sie sich an einem Mann rächen können, den Sie in dieser Welt am meisten hassen, indem es Sie zugleich zu einem so glänzenden Ziele führen wird, wie Sie dasselbe in Ihren schönsten Träumen niemals gehofft. Der gute Genius, der Sie leiten soll, und dem Sie gänzlich vertrauen müssen, wird Sie in dieser Nacht zwischen zwölf und zwei Uhr auf dem Balle im Opernhause erwarten. Erscheinen Sie dort ohne Maske, wird er sich Ihnen nähern, kommen Sie aber maskiert, so werden Sie ihn an einem violetten Bande erkennen, das er auf der linken Schulter tragen wird. Die Parole ist »Sesans, öffne Dich!« Sprechen Sie sie kühn aus und es wird sich Ihnen eine Höhle erschließen, weit wunderbarer als die AliBaba’s.«
»Meinethalben denn,« rief Harmental, »wenn der Genius mit dem veilchenblauen Bande nur halb so viel hält, als er verspricht, so hat er in mir seinen Mann gefunden.«
III.
Der Chevalier
Der Chevalier Raoul von Harmental, mit dem unsere geneigten Leser, bevor wir weiter erzählen, eine etwas nähere Bekanntschaft machen müssen, war der einzige Abkömmling einer der vornehmsten Familien in Nivernais. Obgleich diese Familie niemals eine bedeutende Rolle in der Geschichte spielte, so erfreute sie sich doch einer gewissen Berühmtheit, die sie sich theils selbst erworben hatte, theils ihren Verbindungen verdankte. Als der Sire Gaston von Harmental, der Vater unseres Chevaliers, im Jahr 1672 nach Paris kam, und Lust verspürte, in den königlichen Equipagen zu fahren, hatte er den Beweis geführt, daß sein Stammbaum bis zum Jahr 1399 sich erstrecke. Sein Oheim mütterlicher Seite, Graf Torigny, hatte, als er im Jahr 1691 einen Orden erhielt, gleichfalls seine sechzehn Ahnen dargethan, und so war mehr als hinreichend geschehen, um den aristokratischen Anforderungen jener Zeit zu genügen.
Den Chevalier konnte man weder arm noch reich nennen, das heißt: sein Vater hatte ihm eine Besitzung in der Gegend von Nevers hinterlassen, welche ihm jährlich 20- bis 25.000 Livres eintrug. Das war mehr als nöthig, um in seiner Provinz wie ein vornehmer Herr zu leben; der Chevalier aber hatte eine ganz vortreffliche Erziehung erhalten und fühlte sich vom Ehrgeize vorwärts getrieben. Er verließ also, nach erlangter Volljährigkeit im Jahr 1711, seine Heimath und begab sich nach Paris.
Sein erster Besuch war bei dem Grafen von Torigny, auf dessen Einfluß er zuverlässig rechnete, um bei Hofe eingeführt zu werden. Unglücklicherweise hatte der Graf Torigny grade damals selbst dort den Zutritt nicht, da er sich aber ungemein für die Familie Harmental interessierte, so empfahl er seinen Neffen dem Chevalier von Villarceaux, und dieser führte bereitwillig den jungen Mann bei der Frau von Maintenon ein.
Frau von Maintenon besaß eine treffliche Eigenschaft, nämlich: ihren frühern Liebhabern Freundin geblieben zu seyn. Sie empfing den Chevalier von Harmental mit großer Freundlichkeit, Dank den alten angenehmen Erinnerungen, die ihn bei ihr empfahlen, und als einige Tage darauf der Marschall von Villars ihr seine Aufwartung machte, legte sie ihm durch einige Worte ihren Schützling so dringend ans Herz, daß der Marschall, hocherfreut sich dieser Königin in partibus gefällig beweisen zu können, ihr erwiderte, daß er von dieser Stunde an zu seinem Generalstabe gehören solle, und daß er ihm in jeder Rücksicht behilflich seyn würde, die gute Meinung zu rechtfertigen, welche seine erhabene Beschützerin von ihm hege.
Es war eine ungemeine Freude für den Chevalier, sich ein solches Glücksthor erschlossen zu haben. Ein Feldzug stand bevor. Ludwig der Vierzehnte stand in der letzten Periode seiner Regierung, in der der Unfälle. Tallard und Marsin waren bei Hochstein geschlagen worden; Villeroy hatte bei Ramillys eine Niederlage erlitten, und selbst der Marschall Villars hatte gegen Marlborough und Eugen die berühmte Schlacht bei Malplaquet verloren. Das auf einen Augenblick durch Colbert und Louvois niedergebeugte Europa, erhob sich in Massen gegen Frankreich. Der König, einem verzweiflungsvollen Kranken gleich, welcher täglich einen Arzt ändert, veränderte täglich sein Ministerium; jeder Versuch aber deckte nur neue Schwächen auf. Frankreich konnte keinen Krieg mehr führen, und war außer Stande den Frieden zu schließen. Vergebens erbot es sich Spanien zu räumen und seine Gränzen zu beschränken, das war noch nicht Demüthigung genug! Man verlangte, daß der König den fremden Heeren den freien Durchzug durch Frankreich gestatten solle, damit sie seinen Enkel vom Throne Spaniens wegjagten; und daß er die festen Plätze: Cambrai, Metz, La Rochelle und Bayonne überliefere; wenn er es anders nicht vorzöge, spätestens innerhalb eines Jahres ihn mit den Waffen in der Hand selbst zu entthronen.
Unter diesen demüthigenden Bedingungen, war demjenigen ein Waffenstillstand zugestanden, der früher nach Willkür über Krieg und Frieden gebot, der sich »der Vertheiler von Kronen,« und »Zuchtruthe der Nationen« nannte, den man den Beinamen: »des Großen, des Unsterblichen« gegeben hatte, zu dessen Ehre man, seit einem halben Jahrhundert den Marmor und die Bronze bearbeitete, den Alexandriner abmaaß und den Weihrauch verschwendete! – Ludwig XIV. hatte in der Ministerversammlung geweint! – Seine Thränen hatten eine Armee in’s Leben gerufen, und diese Armee war unter den Befehl des Marschall Villars gestellt worden.
Villars zog gradeswegs dem Feinde entgegen, dessen Lager sich bei Denain befand, und der, überzeugt, daß Frankreich in den letzten Zügen liege, in Sicherheit schlummerte, Noch niemals hatte auf einem einzigen Haupte eine größere Verantwortlichkeit geruht; von einem einzigen Wurfe Villars hing Frankreichs Glück oder Unglück ab.
Die Alliierten hatten zwischen Denain und Marchiennes eine Befestigungslinie gebildet, welche Eugene und Albemarie, in ihrem voreiligen Stolze, die »Landstraße nach Paris« nannte. Villars beschloß, Denain durch Ueberrumpelung einzunehmen, den Albemarie zu schlagen, und alsdann Eugene zu bekämpfen.
Um ein so außerordentlich kühnes Unternehmen zu vollbringen, mußte nicht bloß der Feind, sondern auch die französische Armee getäuscht werden; der Erfolg dieses coup de main lag eben in dessen scheinbarer Unmöglichkeit.
Villars sprach daher laut seine Absicht aus, die Linien von Landrecies zu durchbrechen.
In einer bestimmten Stunde der Nacht brach sein ganzes Heer in dieser Absicht auf. Plötzlich aber erfolgt der Befehl, sich links abzuwenden. Drei Brücken werden in der Eil geschlagen. Villars passiert den Fluß, durchzieht Sümpfe, die man für ungangbar hielt, und wo dem Soldaten das Wasser bis zum Gürtel ging. Er erscheint wie ein Blitz vor den ersten Redouten, er nimmt sie fast ohne Flintenschuß, er wirft eine Befestigung nach der andern über den Haufen, erreicht Denain, durchschreitet den Graben, der es umgiebt, dringt in die Stadt und trifft dort auf dem Marktplatze seinen jungen Schützling, den Ritter von Harmental, welcher ihm den Degen Albemaries bringt, den er zum Gefangenen gemacht hat.
In diesem Augenblick wird Eugens Ankunft verkündet. Villars wendet sich schnell, langt vor ihm auf der Brücke an, die er passiren muß, fast Posto auf derselben und erwartet den Feind. Jetzt beginnt die wirkliche Schlacht, denn die Einnahme von Denain war nur ein Scharmützel. Eugene versucht Angriff auf Angriff; siebenmal wirft er eine besten Truppen der Artillerie und den Bayonetten entgegen, welche die Brücke vertheidigen; endlich, seine Kleider von Kugeln durchlöchert, sein Blut aus zwei Wunden dahinströmend, besteigt er sein drittes Pferd; der Sieger bei Hochstedt und Malplaquet zieht sich endlich zurück, indem er vor Zorn Thränen vergießt. Um sechs Uhr hat alles eine andere Gestalt angenommen: Frankreich ist gerettet und Ludwig XIV. wieder Ludwig der Große!
Harmental hatte sich betragen, wie jemand, der sich durch eine einzige That die Rittersporen verdienen will. Villars, der ihn mit Staub und Blut bedeckt, sieht, erinnert sich, wer ihn empfohlen. Er ließ ihn zu sich rufen, während er noch auf dem Felde der Schlacht den Bericht über dieselbe auf einer Trommel schrieb. Als er Harmental in der Nähe erblickte, hielt er einen Augenblick mit Schreiben inne und fragte: »Sind Sie verwundet?«
»Ja, Herr Marschall, aber so leicht, daß es nicht der Mühe werth ist, davon zu reden.«
»Fühlen Sie sich kräftig genug, sechzig Lieues zu Pferde zurückzulegen, und zwar im schnellsten Lauf, ohne sich auch nur eine Minute Rast zu gestatten.«
»Ich fühle mich zu allem kräftig, sobald es der Dienst des Königs und der Ihre verlangt.«
»So machen Sie sich unverzüglich auf den Weg. Eilen Sie zur Frau von Maintenon, erzählen Sie ihr Alles, was Sie mit Ihren eigenen Augen gesehen, und kündigen Sie im voraus den Courier an, der den Bericht über die gewonnene Schlacht überbringen wird. Will Frau von Maintenon. Sie zum Könige führen, so lassen Sie das geschehen.«
Harmental begriff die ganze Wichtigkeit des ihm geworbenen Auftrags, und staub- und blutbedeckt, wie er war, warf er sich, ohne die Kleider zu wechseln, auf ein frisches Pferd und sprengte auf die nächste Post; zwei Stunden darauf war er in Versailles. Villars hatte vorausgesehen, was sich ereignen würde. Bei den ersten Worten, die den Lippen des jungen Mannes entflogen, erfaßte Frau von Maintenon seinen Arm und führte ihn zum Könige. Der Monarch arbeitete gegen seine Gewohnheit mit Voisin in seinem Zimmer, denn er war ein wenig unwohl. Frau von Maintenon öffnete die Thür, führte Harmental zu den Füßen des Königs und rief mit zum Himmel emporgehobenen Händen: »Sire, danken Sie dem Ewigen, denn Sie wissen, daß wir nichts durch uns selbst sind, und daß alle Gnaden nur von Gott kommen.«
»Was gibts denn, sprechen Sie mein Herr!« rief Ludwig XIV., auf den jungen Mann blickend, der vor ihm knieete, den er aber nicht kannte.
»Sire, entgegnete der Chevalier, das Lager bei Dedain ist erobert, der Graf Albemarie ist zum Gefangenen gemacht, der Prinz Eugen ist auf der Flucht und der Marschall Villars legt seinen Sieg Ew, Majestät zu Füßen.«
Trotz der Gewalt, die er über sich selbst besaß, erblaßte Ludwig XIV. dennoch; er fühlte, daß seine Kniee schwankten, und er erfaßte den Tisch, um nicht in seinen Lehnsessel zurückzusinken.
»Was fehlt Ihnen Sire?« fragte Frau von Maintenon, indem sie sich ihm näherte.
»Ich fühle Madame, daß ich Ihnen alles verdanke,« entgegnete Ludwig XIV.,« Sie retten den König, Ihre Freunde retten das Königreich.
Frau von Maintenon neigte sich und küßte ehrfurchtsvoll die Hand des Monarchen. Ludwig XIV. trat darauf, noch immer bleich und tief bewegt, hinter den großen Vorhang, der den Salon von einem Schlafzimmer trennte, und deutlich hörte man ihn dort mit leiser Stimme ein Dankgebet sprechen. Bald darauf trat er wieder hervor, ruhig und ernst, so als ob nichts vorgefallen wäre. »Jetzt mein Herr,« sprach er, »erzählen Sie mir umständlich, was sich alles zugetragen hat.«
Harmental stattete nunmehr einen ausführlichen Bericht von jener merkwürdigen Schlacht ab, welche Frankreich gerettet hatte. Als er geendet hatte, fragte Ludwig XIV.: »Und von sich selbst, Herr, erzählen Sie nichts? Und dennoch sind Sie, wenn ich anders nach Ihren blutbefleckten und staubigen Kleidern urtheilen soll, nicht müßig geblieben?«
»Sire, ich that, was ich vermochte, erwiderte der junge Mann, mit ehrfurchtsvoller Verbeugung, »wenn übrigens von mir etwas zu berichten ist, so überlasse ich, mit Ew. Majestät Erlaubniß, dies dem Marschall von Villars.«
»Gut gesprochen, junger Mann, und sollte er es zufällig vergessen, so werden wir uns Ihrer erinnern.« Harmental zog sich freudeerfüllt zurück. Frau von Maintenon begleitete ihn bis zur Thür. Der Chevalier küßte ihr ehrerbietig die Hand, und beeilte sich alsdann Nahrung zu sich zu nehmen und der Ruhe zu pflegen; denn er hatte seit vierundzwanzig Stunden nichts genossen und nicht geschlafen.
Bei einem Erwachen ward ihm ein Päckchen überreicht, welches von dem Kriegsministerium für ihn eingegangen war, dasselbe enthielt seine Bestallung als Obrist. Zwei Monate darauf ward der Friede geschlossen; Spanien verlor die Hälfte seiner Monarchie, Frankreich aber blieb unangetastet. –
Ludwig XIV. starb und der Hof theilte sich in zwei verschiedenartige und unversöhnliche Partheien. Das Haupt der einen, der der Bastarde, war der Herzog von Maine, das der legitimen Prinzen, der Herzog von Orleans. Hätte der Herzog von Maine die Ausdauer, den kräftigen Willen und den Muth seiner Gemahlin Louise Benedicte von Condé besessen, er würde vielleicht den Sieg davon getragen haben, da er sich auf das königliche Testament stützen konnte; aber er hätte sich dann öffentlich vertheidigen müssen und der Herzog von Maine, schwach an Geist und Herz taugte nur für Dinge, die sich unter der Hand abmachen ließen. Er ward offen angegriffen und seine geheimen Schleichwege und Kunstgriffe wurden ihm nutzlos. Eines Tages ward, er und zwar fast ohne Kampf von der Höhe herabgestürzt, auf welche ihn die blinde Liebe des alten Königs gehoben hatte. Sein Fall war schwer und schmachvoll, er zog sich zurück, überließ die Regentschaft seinem Nebenbuhler und behielt von allen seinen Würden nichts, als die Oberaufsicht über die Erziehung der königlichen Kinder, den Befehl über die Artillerie und den Vortritt vor den Herzögen und Pairs.
Das Dekret des Parlaments versetzte dem alten Hof einen furchtbaren Schlag. Der Pater Letellier kam, seiner Verbannung zuvor, Frau von Maintenon flüchtete nach Saint-Cyr, und der Herzog von Maine zog sich nach der schönen Villa von Sceaux zurück.
Der Ritter von Harmental, als allerdings dabei interessirter aber dennoch ruhiger Zuschauer, hatte alle diese Intriguen mit angesehen, und immer darauf gewartet, daß sie eine Wendung nähmen, die ihm gestattete, daran Theil zu nehmen. Hätte es einem offenen Kampfe gegolten, so hätte er sich natürlich der Parthei angeschlossen, zu der ihn die Dankbarkeit trieb. Zu jung und noch zu keusch in der Politik, wenn wir uns anders dieses Ausdruckes bedienen dürfen, um stets den Mantel nach dem Winde zu hängen, blieb er dem Andenken des alten Königs und den Ruinen des alten Hofes getreu. Seine Abwesenheit vom Palais Royal, um welches jetzt alles herumkroch, das gern eine Rolle spielen wollte, ward als eine Widersetzlichkeit von seiner Seite ausgelegt, und eines Morgens empfing er demnach einen Beschluß, der seine Bestallung als Obrist zurücknahm.
Harmental besaß den Ehrgeiz seines Alters. Die einzige ehrenvolle Laufbahn, welche damals einem Cavalier offen stand, war die der Waffen; sein erstes Auftreten war so glänzend, und der Schlag, der in seinem fünfundzwanzigsten Jahre alle seine Hoffnungen zertrümmerte, traf ihn daher um so schmerzlicher. Er eilte zu dem Marschall von Villars, der früher sein eifriger Beschützer gewesen war; derselbe aber empfing ihn mit dem kalten Wesen eines Mannes, der gern das Vergangene in die Vergessenheit begraben möchte; auch begriff Harmental sogleich, daß der alte Hofmann im besten Zuge sei, die Farbe zu ändern, und er zog sich demnach bescheiden zurück.
Obgleich jenes Zeitalter, das Zeitalter des Egoismus war, war dennoch die erste Probe, welche der Chevalier davon erhielt, ungemein bitter; er befand sich aber grade in jenem glücklichen Alter, in welchem die Wunden des Ehrgeizes nicht anhaltend schmerzen. Der Ehrgeiz ist die Leidenschaft derjenigen, die keine andere mehr besitzen, Harmental aber besaß noch alle, von denen man im fünfundzwanzigsten Jahre bestürmt wird.
Ueberdem hatte sich der Zeitgeist damals noch nicht der Schwermuth zugeneigt. Sie ist ein modernes Gefühl, entstanden aus dem Umsturz der Glücksgüter und der Ohnmacht der Menschen. Im 18. Jahrhundert, als man noch nicht von dem Abstracten träumte und nach dem Unbekannten verlangte, suchte man das Vergnügen, den Ruhm, kurz das Glück gradeswegs auf, und wer nur schön, tapfer oder intriguant war, der konnte auch dorthin gelangen.
Der Ritter von Harmental war daher auch nur acht Tage lang traurig, dann mischte er sich wieder in die heitere Menge, ließ sich von dem Strome mit fortreißen, und dieser Strom führte ihn zu den Füßen einer schönen Frau.
Drei Monate lang war er nunmehr der glücklichste Mensch von der Welt; während dieser drei Monate vergaß er Sainte Cyr, die Tuillerieen und das Palais Royal; er wußte nicht, ob es noch eine Frau von Maintenon, einen König, oder einen Regenten gäbe. Er wußte nur, daß es angenehm sei zu lieben, wenn man geliebt wird.
In dieser behaglichen Gemüthstimmung befand er sich, als er, wie wir bereits erzählt haben, durch Lafare aus seinem schönen Traume aufgeschreckt wurde. Die Untreue seiner Geliebten führte jetzt seinen früheren Ehrgeiz zurück, und er gedachte jetzt zum ersten mal wieder schmerzlich an den Verlust seines Regiments.
Auch bedurfte es nur des zweiten geheimnißvollen Briefes, um seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. Er beschloß demnach, sich auf dem Ball im Opernhause einzufinden; wenn wir aber der Wahrheit ihr Recht widerfahren lassen wollen, müssen wir eingestehen, daß dieser Vorsatz bei ihm wenigstens zum Theil durch die Bemerkung herbeigeführt wurde, daß die Handschrift des Briefes eine weibliche zu sein schien.
IV.
Ein Maskenball aus jener Zeit.
Die Fledermaus
Die Bälle im Opernhause hatten damals ihren höchsten Glanzpunkt erreicht. Sie waren eine durchaus zeitgemäße Erfindung des Chevalier von Bouillon, der dieses Dienstes bedurfte, den er dadurch der Zerstreuung suchenden Gesellschaft jener Zeit geleistet hatte, um Verzeihung, für den Titel eines Prinzen von Auvergne zu erhalten, den er, man wußte nicht recht, weshalb, angenommen hatte. Er war es auch, der die Kunst erfand, das Parterre bis zu dem Theater hinaufzuschrauben, und der Regent, als gerechter Anerkenner aller wichtigen neuen Erfindungen, hatte ihm zur Belohnung dafür eine Pension von 6000 Livres ausgesetzt. Das war vier Mal so viel, als der große König vormals Corneille verlieh!
Dieser herrliche Saal mit seiner reichen und schönen Architectur, den der Cardinal von Richelieu eingeweiht hatte, wo Lulli und Quinault ihre Werke aufführen ließen, und wo Moliere selbst in seinen schönsten Dichtungen aufgetreten war, war an diesem Abend der Versammlungsplatz von allen vornehmen, glänzenden und eleganten Personen des Hofes. Harmental hatte in einem, in seiner Lage natürlichen Anfluge von Verdruß, seiner Toilette heute mehr Sorgfalt gewidmet als gewöhnlich. Auch war der Saal bereits gefüllt, als er anlangte, so daß er einen Augenblick befürchtete, die Maske mit dem veilchenblauen Bande werde ihn nicht auffinden, da sie verabsäumt hatte ihm genau eine Stelle anzugeben, wo er fiel treffen würde. Er freuete sich daher sich nicht maskiert zu haben; ein Verfahren, welches ein großes Vertrauen auf die Verschwiegenheit seiner Gegner setzte, denn es hätte denselben ein einziges Wort gekostet um ihn in die Bastille zu bringen.
Die erste Person, der er begegnete, war der junge Herzog von Richelieu, den seine Name, seine Liebesabentheuer und seine Eleganz so eben in die Mode brachten. Man versicherte, daß sich zwei Prinzessinnen aus dem königlichen Hause seine Liebe streitig machten, welches nicht verhinderte, daß zu gleicher Zeit Frau von Nesle und Frau von Polignac um seinetwillen Kugeln mit einander wechselten; über dem theilten sich noch die Damen Sabran, die Villars, de Mouchy und de Tencin in ein Herz. Er sprach so eben den Marquis von Camillac an, einen der Roués des Regenten, den Sr. Königliche Hoheit wegen seiner affektierten Strenge, seinen Mentor nannte, und erzählte demselben eine Geschichte mit lauter, Aufsehen erregender Stimme. Der Chevalier Harmental kannte den Herzog, jedoch nicht genug, um sich in ein bereits begonnenes Gespräch zu mischen; er war es ja nicht den er suchte, und schon wollte er an ihm vorüber, als der junge Herzog ihn am Schooße seines Kleides zurückhielt,
Auf meine Ehre, mein lieber Chevalier, Sie sind hier keineswegs zu viel, rief er, »ich erzähle dem Camillac so eben ein Abentheuer, welches ihm als nächtlichem Begleiter Sr. Hoheit des Regenten, von Nutzen seyn kann; es kann es auch Ihnen seyn, falls Sie ähnlicher Gefahr wie ich ausgesetzt sein sollten. Die Geschichte ist erst heute passiert, und das erhöht ihren Werth, denn bis jetzt hatte ich nur Zeit sie höchstens zwanzig Personen zu erzählen, so daß sie fast noch ganz unbekannt ist. Verbreiten Sie dieselbe, es wird mir und dem Regenten angenehm seyn.
Harmental runzelte die Stirn; Richelieu hatte schlecht seine Zeit gewählt, in diesem Augenblick eilte der Chevalier von Ravanne vorüber, welchen eine Maske verfolgte. »Ravanne a rief Richelieu, »Ravanne!«
»Ich habe keine Zeit,« entgegnete der Chevalier.
»Wissen Sie nicht, wo Lafare steckt?«
»Er leidet an Migraine.«
»Und Fargy?«
»Er hat sich den Fuß verrenkt.« Mit diesen Worten verlor sich Ravanne unter der Menge, nachdem er mit seinem Gegner von diesem Morgen den freundschaftlichsten Gruß gewechselt hatte.
»Nun zu unserer Geschichte,« sprach Camillac.
»Also hören Sie: Denken Sie sich, vor einiger Zeit als ich die Bastille verließ, wohin mich mein Duell mit Gace gebracht hatte, nachdem ich mich drei oder vier Tage wieder in der Welt gezeigt, überbrachte mir Raffé ein Billet von der Frau von Parabere, worin sie mich einlud, den Abend bei ihr zuzubringen. Sie begreifen Chevalier, daß man in einem Augenblick, in welchem man die Bastille verläßt, keine Rendezvous zurückweist, das einem von der Geliebten dessen gegeben wird, der die Schlüssel zu derselben besitzt. Es versteht sich daher von selbst, daß ich mich zur bestimmten Stunde einfand. Wen aber erblickte ich neben ihr auf dem Sopha? Ich bitte, rathen Sie!«
»Vielleicht gar ihren Gemahl?« fragte Camillac.
»Im Gegentheil! Sr. Königliche Hoheit in eigner erlauchter Person. Ich war um so mehr erstaunt, da ich auf höchst geheimnißvolle Weise hereingeführt worden war. Ich ließ, wie Sie denken können, mich indes nicht verblüffen, sondern nahm eine ernste, bescheidene und ruhige Haltung an, eine Haltung, so ungefähr wie die Deine, Camillac. Ich begrüßte die Marquise mit einer Ehrerbietung, welche dem Herzog ein lautes Gelächter entlockte. Das hatte ich nicht erwartet, und es machte mich ein wenig verwirrt. Ich wollte einen Sessel nehmen, der Herzog aber winkte mir, mich auf das Sopha zur andern Seite der Marquise zu setzen. Ich gehorchte.
»Mein lieber Herzog,« begann der Regent, »wir haben Sie um einer sehr verwickelten Sache willen hierher beschieden. Hier unsre arme Marquise, welche seit zwei Jahren von ihrem Gemahl getrennt ist, wird von dem rohen Menschen mit einem Prozesse bedroht, unter dem Vorwand, daß sie einen Liebhaber habe.«
»Die Marquise that was in ihren Kräften stand, um zu erröthen, da es ihr aber nicht gelingen wollte, verbarg, sie ihr Gesicht mit ihrem Fächer.
»Bei dem ersten Worte, welches sie hierüber gegen mich fallen ließ, fuhr der Regent fort, »ließ ich Argenson rufen und fragte ihn, wer dieser Liebhaber seyn könne.«
»Ich bitte Ew. Königlichen Hoheit, schonen Sie meiner,« flehte die Marquise.
»Nun, nun, mein Täubchen, nur ruhig, ich bin gleich fertig. Wissen Sie, mein lieber Herzog, was der Polizei-Lieutenant mir antwortete? Er entgegnete, der Liebhaber wäre entweder ich oder Sie!
»Das ist eine schändliche Verläumdung, rief ich:
»Leugnen Sie nicht, mein lieber Herzog, die Marquise hat bereits alles eingestanden.«
»Wenn das der Fall ist, versetzte ich, »so habe ich ja weiter nichts zu berichten.«
»Auch,« fuhr der Regent fort, »verlange ich von Ihnen keine umständliche Auskunft, es kommt hier nur darauf an, uns als Mitschuldige eines Verbrechens gegenseitig aus der Affaire zu ziehen.«
»Und was haben Sie zu fürchten, gnädiger Herr?« fragte ich, »was mich betrifft, unter dem Schutze Ew, Königlichen Hoheit trotzte ich jeder Gefahr.«
»Was wir zu fürchten haben? das Geschrei des Parabere, der nur will daß ich ihn zum Herzog mache.«
»Nun, und wenn wir ihn nun zum Pair machten?« bemerkte ich scherzhaft.
»Das wollen wir,« riefen Sr. Königliche Hoheit lachend, »Sie hatten denselben Gedanken wie die Marquise.«
»Viel Ehre für mich!«
»Es bedarf einer Art von Aussöhnung zwischen den beiden zärtlichen Gatten, welche den Marquis verhindert, uns einen fatalen Prozeß an den Hals zu werfen. Die Sache ist indeß nicht ohne Schwierigkeit, Parabere will seine Gemahlin durchaus nicht bei sich empfangen.«
»So muß man ihn zu ihr bringen, entgegnete ich.
»Da eben liegt die Schwierigkeit. Wie das bewerkstelligen?»
»Entschuldigen Sie, Frau Marquise, ohne unbescheiden zu seyn, liebt Herr von Parabere noch immer den Chambertin?«
»Ich besorge ja,« antwortete die Befragte.
»Dann sind wir gerettet, gnädigster Herr! Ich lade den Herrn Marquis zum Soupee meinem kleinen Hause ein, ein Dutzend Libertins und hübsche Weiber sollen zugegen seyn. Sie, gnädigster Herr, senden den Dubois – –
»Wie, den Dubois?« fragte der Regent.
»Ohne Zweifel, es ist durchaus nothwendig, daß einer von uns nüchtern bleibe. Dubois selbst trinkt nicht, er muß aber Sorge tragen, daß der Marquis tüchtig trinke. Wenn alles dann unter dem Tische liegt, fischt er ihn heraus und macht mit ihm was er will das Uebrige ist die Sache seines Kutschers.«
»Habe ich es nicht gesagt, daß Richelieu uns einen guten Rath geben würde?«, fragte der Regent; »Wissen Sie was, Sie sollen es unterlassen gewisse Paläste zu umkriechen, Sie sollten die Alte in Saint-Eyr ruhig sterben lassen und sich uns anschließen.«
Ich zuckte die Achseln.
»Eigensinniger Kopf murmelte der Regent.
»Und der Herr von Parabere?« fragte der Chevalier von Harmental welcher neugierig war.
Herr von Parabere? Ey, mit dem ging alles nach Wunsch. Er schlief gestern Abend bei mir ein, und erwachte diesen Morgen bei seiner Gemahlin. Sie begreifen, daß er einen gewaltigen Lärm machte, aber es konnte nicht mehr von einem Prozesse die Rede seyn. Sein Wagen rollte in das Hotel seiner Gemahlin, die ganze Dienerschaft kann seine Anwesenheit bezeugen. Er ist wider seinen Willen mit seiner Frau ausgesöhnt. Wollte er sich jetzt noch über dieselbe beklagen, so würde man ihm unwiderlegbar beweisen, daß er sie anbetet, und daß sie das unschuldigste Weib von der Welt ist.«
»Chevalier, flötete in diesem Augenblick eine sanfte Stimme in das Ohr Harmentals, »wenn Sie Ihr Gespräch mit dem Herrn von Richelieu beendigt haben werden, so nehme ich Sie in Anspruch.
»Entschuldigen Sie, Herr Herzog, sprach der Chevalier, »aber Sie sehen, man entführt mich.«
»Ich lassen. Sie fort, jedoch nur unter einer Bedingung?«
»Und unter welcher?«
Unter der, daß Sie meine Geschichte jener allerliebsten Fledermaus mit dem Bedeuten erzählen, daß sie sie allen Nachtvögeln ihrer Bekanntschaft mittheile.
»Ich fürchte sehr, dazu keine Zeit zu haben, entgegnete Harmental.
»In diesem Falle desto besser für Sie, lachte der Herzog, indem er den Chevalier losließ, den er bis jetzt fortwährend am Kleide festgehalten hatte; »dann haben Sie jener Maske gewiß etwas Besseres zu erzählen.«
So sprechend wandte er sich und nahm den Arm eines Dominos, der ihm im Vorübergehen über sein Abentheuer ein Compliment gemacht hatte. Der Chevalier von Harmental warf einen flüchtigen Blick auf die Maske, welche ihn angeredet hatte, und er sah wirklich auf ihrer linken Schulter das veilchenblaue Band, das ihm als Erkennungszeichen dienen sollte. Er beeilte sich daher sich von Canillac und Richelieu zu entfernen, damit ein Gespräch nicht behorcht werde, das für ihn von Interesse sein würde.
Die Maske, welche durch den sanften Ton ihrer Stimme ihr Geschlecht verrathen hatte, war von mittlerer Größe, und schien, nach ihren elastischen Bewegungen zu urtheilen, noch eine sehr junge Frau, was übrigens ihr Aeußeres betraf, so war es für jetzt unmöglich, sich darüber Gewißheit zu verschaffen, denn die Maske einer Fledermaus ist bekanntlich ganz besonders geeignet, alle körperlichen Vorzüge und Mängel zu verdecken.
»Chevalier nahm endlich die Maske das Wort,« und zwar ohne sich die Mühe zu geben ihre Stimme zu verstellen, denn vermuthlich glaubte sie, dieselbe say ihrem Begleiter unbekannt, »wissen sie auch daß ich Ihnen, zumal bei Ihrer jetzigen Gemüthstimmung für Ihr Erscheinen zwiefach verpflichtet bin. Leider kann ich diese Ihre Pünktlichkeit keinem andern Gefühl als dem der Neugier zuschreiben.
»Schöne Maske, entgegnete Harmental, hast Du mir nicht geschrieben, daß Du mein guter Genius seyn wolltest? Gehörst Du vielleicht den Ueberirdischen an, so müssen Dir Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht verborgen sein. Du wußtest also, daß ich kommen würde und meine Anwesenheit kann Dich nicht überraschen.«
»Ach, entgegnete die Unbekannte, »man sieht, daß Du nur ein schwacher Sterblicher bist und das Glück hattest, Dich niemals über Deine Sphäre zu erheben, sonst würdest Du wissen, daß wenn wir auch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kennen, wir diese Wissenschaft doch nicht bei Dingen anwenden können, die uns selbst betreffen; dasjenige gerade, was wir am liebsten wissen möchten, bleibt vor uns am dichtesten verhüllt.«
»Alle Teufel,« erwiderte Harmental, »wissen Sie wohl, mein Herr Genius, daß mir die Sache sehr langweilig wird, wenn Sie mit solchen Reden fortfahren. Machen wir jetzt unser Gespräch interessanter, schöne Maske, da Dir in Betreff Anderer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bekannt sind, so zeige mir Deine Kunst!«
»Nichts leichter als das,« sprach die Unbekannte, »reiche mir Deine Hand.«
Harmental that wie sie begehrte.
»Wackerer Ritter,« bemerkte die Maske, nachdem die seine Hand einen Augenblick lang forschend betrachtet hatte, »ich lese hier fünf Worte, welche die ganze Geschichte Deines Lebens enthalten. Diese Worte heißen: Muth, Ehrgeiz, Enttäuschung, Liebe, Verrath.«
»Mein Seel, Du hast Deine Studien trefflich gemacht mein guter Genius, rief der Chevalier erstaunt.
Ein Genius weiß alles, was die Menschen wissen, und noch weit mehr, fuhr die Maske fort. Aus jenen fünf Worten weiß ich, daß es Dein Muth war, der Dich zum Obristen erhob, daß diese Erhebung Deinen Ehrgeiz weckte, daß eine Enttäuschung Deiner Hoffnungen folgte, daß Du in der Liebe dafür Entschädigung suchtet, daß aber diese Dir Verrath bereitete.
Nicht übel, entgegnete der Chevalier, »eine Sybylle hätte sich nicht besser aus der Sache ziehen können. Jetzt aber zur Gegenwart, schöne Maske, zur Gegenwart.«
Die Gegenwart, Chevalier? Von der wollen wir leise sprechen, denn sie schmeckt etwas nach der Bastille!«
Harmental fuhr ein wenig zusammen, denn er glaubte, daß außer denjenigen, welche zugegen gewesen waren, Niemand etwas von der Geschichte dieses Morgens wissen könne.
»Es liegen,« fuhr die Unbekannte fort, in diesem Augenblick zwei wackere Cavaliere traurig auf ihrem Lager, während wir hier mit einander schwatzen, und das, weil ein gewisser Chevalier von Harmental ein großer Horcher an den Thüren, sich eines Spruches des Virgil nicht erinnert hat.
»Und wie lautet dieser Spruch« fragte der Chevalier, dessen Erstaunen sich mit jedem Augenblicke steigerte.
»Facilis descensus Averni,« rief lachend die Fledermaus.
»Ich wußte wahrlich nicht, daß die Genien die Aeneide studierten, versetzte Harmental. »Mit der Gegenwart wären wir fertig, jetzt zur Zukunft.«
»Es giebt zweierlei Arten,« nahm die Maske wieder das Wort, eine Zukunft für schwache, und eine Zukunft für starke Seelen, der Himmel hat es den Sterblichen freigestellt, zu wählen; Deine Zukunft hängt also von Dir selbst ab.«
Aber man muß sie doch beide kennen, um die Beste wählen zu können.«
»Wolan, eine derselben erwartet Dich in der Umgegend von Nevers, in der Mitte einer Provinz von Deinen Kaninchen und Deinen Hühnern umgeben; diese führt Dich ganz gemächlich zum Amte eines Kirchenvorstehers der Gemeinde; das ist ein solides, bescheidenes Ziel und leicht wirst Du es erreichen, Du bist ganz auf dem Wege dahin.«
»Und die andere Zukunft?« fragte der Chevalier etwas pikiert, daß man glauben könne, er werde sich je mit einem solchen Schicksale begnügen.
»Die Andere,« versetzte die Fremde, indem sie ihren Arm auf den des jungen Mannes legte und ihm scharf und forschend ins Auge blickte, »die Andere wirft Dich aus der Dunkelheit hinaus, in das lebendige Getreibe; sie wird aus Dir einen der Schauspieler auf der Bühne der Welt machen; sie hinterläßt Dir, ob Du verliert oder gewinnst, in jedem Falle die Berühmtheit eines großen Spielers.«
»Wenn ich verliere, was verliere ich alsdann? fragte ernst der Chevalier.
»Das Leben wahrscheinlich.«
Harmental machte ein Zeichen der Geringschätzung. »Und wenn ich aber gewinne?« fügte er hinzu.
»Was meinst Du von dem Range eines Generals? Eines Grands von Spanien? eines Ritters vom Orden des heiligen Geistes, mit der Aussicht auf den Marschallstab?«
»Ich meine, daß der Gewinn des Spieles werth ist. Kannst Du mir den Beweis liefern, daß Du zu halten vermagst, was Du verspricht, so hat Du in mir den rechten Mann gefunden.«
»Diesen Beweis kann Dir nur ein Andrer geben. Verlangst Du ihn, so folge mir.
»Wie, sollte ich mich getäuscht haben?« fragte Harmental, »wärst Du nur ein Genius vom zweiten Range? Ein untergeordneter Geist, ein vermittelndes Princip? Teufel, das würde meinen Respekt gegen Dich vermindern!« … .
»Was kümmert es Dich, wenn ich nun wirklich einer mächtigen Zauberin unterworfen wäre, und wenn sie es wäre, die mich hergesandt?«
»Ich sage Dir, ich unterhandle mit keinem Abgesandten.«
»Ich habe ja den Auftrag, Dich zu ihr zu geleiten.«
»So werde ich sie also sehen?
»Von Angesicht zu Angesicht, wie Moses den Herrn!«
»So laß uns gehen!«
»Sie haben große Eile, Chevalier. Bedenken Sie, daß man bei gewissen geheimen Gesellschaften den Neuling vor seiner Aufnahme Ceremonien unterwirft, um sich seiner Verschwiegenheit zu versichern.«
»Was muß ich thun, sprich?«
»Sie müssen sich die Augen verbinden und sich dahin führen lassen, wohin man für gut findet, Sie zu bringen. Vor der Pforte des Tempels angelangt, müssen Sie alsdann den feierlichen Schwur ablegen, niemals dasjenige verrathen zu wollen, was Sie sehen und hören werden.«
»Ich bin bereit, dies bei dem Styr zu schwören, entgegnete lächelnd Harmental.
»Nein, Chevalier,« erwiderte die Unbekannte mit ernster Stimme, »Sie werden nur bei Ihrer Ehre schwören – man kennt Sie und das reicht vollkommen hin.«
»Und wenn ich den Schwur abgelegt,« fragte der Chevalier, nachdem er einen Augenblick lang sinnend dagestanden, »wird es mir alsdann noch gestattet seyn, mich zurückzuziehen, falls ich das, was man von mir verlangt, mit den Grundsätzen eines Ehrenmannes nicht übereinstimmend finden sollte?«
»Ihr Gewissen soll allein. Ihr Schiedsrichter seyn, und Ihr Ehrenwort reicht als Bürgschaft hin,«
»So bin ich bereit,« rief der Chevalier.
»Wolan, so lassen Sie uns gehen,« flüsterte die Maske.
Harmental wollte anfangs grade zur Eingangsthür schreiten, da er aber in der Nähe derselben mehrere seiner Bekannten gewahrte, wandte er sich rechts hin, um auf einem Umwege dorthin zu gelangen.
»Was beginnen Sie?« fragte die Maske.
»Ich vermeide das Zusammentreffen mit Leuten, die mich aufhalten könnten.«
»So,« lächelte die Maske, »ich fürchtete schon, Sie hätten sich eines anderen besonnen.«
Bald darauf befanden sie sich in der Vorhalle. Sie traten hinaus und die Fledermaus führte den Chevalier in die Straße St. Honoré. Ein einfacher Wagen, ohne Wappen, mit zwei dunkelfarbigen Pferden bespannt, hielt dort an der Ecke der Straße Pierre Lescot. Der Kutscher saß auf dem Bock, bis über das Kinn in einen dichten Mantel gehüllt und den breitkrempigen Hut tief ins Gesicht hinabgedrückt, so daß man nichts von ihm erkennen konnte. Ein Bedienter hielt mit der einen Hand den Schlag geöffnet, mit der andern bedeckte er sich mit einem Taschentuche das Gesicht.
»Steigen Sie ein,« sprach die Maske zu dem Chevalier gewandt.
Harmental zögerte noch einen Augenblick: diese beiden Diener ohne Livree, welche gleich ihrer Herrin sichtbar bemüht waren, ihr Incognito zu behaupten der Wagen ohne Schild, ohne Namenszug der abgelegene Ort, wo er hielt die späte Stunde, alles flößte dem Chevalier ein ganz natürliches Mißtrauen ein; jedoch bedenkend, daß es nur eine Dame say, die er zur Seite hatte, und daß er einen Degen trug, sprang er rasch in den Wagen. Die Fledermaus setzte sich neben ihn, und der unbekannte Bediente warf den Wagenschlag in eine Feder, die zweimal zu sprang, so, als ob man einen Schlüssel drehe.
»Nun, geht es nicht vorwärts?« fragte der Chevalier, als er bemerkte, daß der Wagen noch immer still hielt.
»Wir müssen zuvor eine kleine Vorsichtsmaßregel beobachten, entgegnete die Maske, indem sie ein seidnes Tuch hervorzog.«
»Ja, so,« lächelte Harmental, das hatte ich vergessen. Nun nur zu, ich überlassen mich Ihnen vertrauensvoll.«
Die Maske verband ihm die Augen. »Chevalier,« sprach sie alsdann, »Sie geben mir Ihr Wort, diese Binde nicht zu lösen, bis Ihnen dazu die Erlaubniß geworden.«
»Ich gebe Ihnen mein Wort darauf.«
»Wolan!« – Sie ließ das vordere Fenster nieder. »Sie wissen wohin, Herr Graf, sprach sie zu dem Kutscher gewandt. Und der Wagen rollte rasch von dannen.
V.
Das Arsenal
Eben so belebt, als das Gespräch auf dem Balle war, eben so tief war das Schweigen während der Fahrt.
Dieses Abentheuer, dem anfangs nur eine Liebesintrigue zum Grunde zu liegen schien, hatte plötzlich eine andere Wendung bekommen, und schien einen politischen Charakter annehmen zu wollen. Wenn diese Richtung auch den Chevalier nicht erschreckte, so gab sie ihm doch hinlänglichen Stoff zum Nachdenken.
Es giebt in dem Leben eines jeden Menschen, einen Augenblick, der über sein ganzes Schicksal entscheidet. Dieser Moment, so wichtig er auch immer seyn mag, wird nur selten durch Berechnung vorbereitet, und durch den Willen geleitet; in der Regel wird der Mensch vom Zufalle, wie das Blatt vom Winde, nach einer ihm fremden Richtung hingeschleudert, wo er den Willen einer höhern Macht gehorchen muß, und wo er, indem er glaubt sein eigner Herr zu seyn, doch nur der Sclave der Umstände und das Spielwerk der Begebenheiten ist.
So war es grade mit dem Chevalier. Wir haben bereits gesehen, durch welche Thür er nach Versailles gelangte, und wie ihn Interesse und Dankbarkeit an den alten Hof fesselten. Harmental hatte niemals berechnet, welches Gute oder Böse Frau von Maintenon Frankreich zugefügt hatte; er hatte nie über das Recht oder die Gewalt nachgedacht, welche Ludwig XIV. hatte, seine natürlichen Söhne zu legitimieren; er hatte auf der Wagschaale der Genealogie den Herzog von Maine gegen den Herzog von Orleans nicht abgewogen; sein Instinkt hatte ihn gelehrt, sein Leben denjenigen zu widmen, die ihn der Dunkelheit entrissen. Und als er todt war, der alte König, als der Chevalier in Erfahrung brachte, daß, dem letzten Willen desselben zufolge, der Herzog Maine die Regentschaft bekommen sollte, als er sah, wie das Parlament diesen letzten Willen vernichtete, hatte er die Machterlangung des Herzogs von Orleans als eine Usurpation betrachtet; und in der Ueberzeugung, daß man sich mit bewaffneter Hand gegen diese Gewaltthat erheben würde, hatte er sich fortwährend in Frankreich nach einem Banner umgeschauet, unter welchem zu fechten mit seinem Gewissen übereinstimmte. Zu einem großen Erstaunen aber hatte sich nichts dergleichen ereignet. Spanien, welches so sehr dabei interessiert war, an der Spitze Frankreichs ein ihm freundlich gesinntes Oberhaupt zu wissen, hatte nicht einmal protestiert. Der Herzog von Maine hatte sich, müde des Kampfes, hatte derselbe gleich nur einen Tag gewährt, in die Dunkelheit zurückgezogen, der er, wie es schien, nur wider Willen entrissen, wurde. Herr von Toulouse, sanft, friedfertig, gutmüthig und sich fast der Gunst schämend, mit der er und sein älterer Bruder überhäuft worden war, ließ auch nicht in der Ferne argwöhnen, daß er jemals als Chef einer Parthei auftreten würde. Der Marschall von Villeroy leistete eine armselige Opposition, in welcher weder Plan noch Berechnung war, Villars suchte niemand auf, wartete aber offenbar darauf, daß man ihn aufsuchen würde. D’Urelles hatte sich ausgesöhnt und die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten übernommen. Die Herzöge und Pairs schmeichelten dem Regenten, in der Hoffnung, daß er den Herzögen von Maine und von Toulouse den Vortritt wieder nehmen werde, den Ludwig XIV. diesen vor ihnen eingeräumt hatte. Nirgends also fand der Chevalier Harmental einen Punkt, an dem er sich halten konnte und eben deshalb hatte er das schon halbgezückte Schwert in die Scheide zurückgestoßen. Jetzt aber war eine Phantasie aufs Neue aufgeregt. Die ihm in der Ferne gezeigte glänzende Aussicht beschäftigte seine Gedanken, und obgleich bereits eine halbe Stunde vergangen war, seitdem der Wagen mit ihm davon rollte, war ihm dennoch die Zeit nicht lang geworden.
Endlich bemerkte er, daß der Wagen in ein Gewölbe hineinrasselte, er hörte eine Gitterthür öffnen und hinter ihm sich wieder verschließen; gleich darauf beschrieb der Wagen einen Halbkreis und hielt an.
»Chevalier,« sprach seine unbekannte Gefährtin, »haben Sie sich eines Anderen besonnen, so können Sie noch jetzt zurück; ist Ihr Entschluß aber noch derselbe, so kommen Sie mit mir.«
Statt aller Antwort, reichte ihr Harmental die Hand hin. Der Diener öffnete den Wagenschlag, die Unbekannte stieg zuerst aus, dann half sie dem Chevalier aus dem Wagen. Seine Füße berührten alsbald Stufen; er stieg von der Maske geführt, deren sechs hinan, und gelangte über einen Flur endlich in ein Gemach. Jetzt hörte er, wie der Wagen wieder fortrollte.
»Wir sind an Ort und Stelle, er nahm die Unbekannte wieder das Wort, »erinnern Sie sich auch noch unserer Bedingungen, Chevalier? Noch haben Sie freie Hand in dem Drama, welches sich vorbereitet, eine Rolle zu übernehmen, oder nicht. Im Falle einer Weigerung schwören Sie an niemand, wer es auch immer seyn mag, etwas von dem zu offenbaren, was Sie hier sehen oder hören werden.«
»Ich schwöre es, bei meiner Ehre!« betheuerte Harmental.
»So setzen Sie sich, und warten Sie in diesem Zimmer; lösen Sie die Binde vor Ihren Augen nicht, bevor der Schlag der Uhr im angränzenden Gemach die zweite Stunde verkündet haben wird. Sie werden nicht lange zu warten haben.«
Bei diesen Worten entfernte sich die Unbekannte. Eine Thür öffnete sich und schloß sich wieder; gleich darauf, ja fast in demselben Augenblicke schlug es zwei Uhr und – der Chevalier riß das Tuch von seinen Augen.
Er befand sich allein in dem geschmackvollsten Boudoir, das man sich nur denken konnte. Es war eine kleine mit Himmelblau und Silber ausgeschlagene Piece, die Möbel waren von kostbarer Tapisserie-Arbeit. Auf den Tischen und in den Nischen prangte das reichste Porzellan. Der Fußboden war mit einem köstlichen buntfarbigen Teppich bedeckt; die Decke war von Vatheaus Meisterhand gemalt, der grade damals Mode zu werden begann! Bei diesem Anblick konnte der Chevalier kaum glauben, daß er wegen einer ernsten Sache hierher berufen worden, und er kehrte fast zu seiner früheren Idee zurück.
In diesem Augenblick öffnete sich eine versteckte Wandthür und Harmental gewahrte eine weibliche Gestalt, die er bei seiner aufgeregten Phantasie leicht für eine Fee hätte halten können, so schlank und ätherisch war sie gebaut. Sie trug ein silbergraues mit Blumen gesticktes Kleid, welche Letztere so kunstvoll gearbeitet waren, daß man sie in einiger Entfernung für natürliche Blumen halten konnte. Reiche Spitzen, Perlen und Diamanten, schmückten ihren prachtvollen Anzug. Ihr Antlitz war mit einer halben Maske von schwarzem Sammt bedeckt, die untere Hälfte derselben bestand aus schwarzen Spitzen.
Der Chevalier von Harmental verbeugte sich tief, denn die Haltung und das Wesen der Unbekannten hatten etwas Königliches, und es war ihm jetzt klar, daß diejenige, die ihn hierhergeführt, nur eine Abgesandtin gewesen sey,
»Darf ich meinen Augen trauen!« rief Harmental, »bin ich wirklich so glücklich, die reizende Fee zu schauen, welche diesen Zauberpalast bewohnt?«
»Ach, Chevalier, versetzte die maskierte Dame, in einem weichen aber bestimmten Tone, »ich bin keine mächtige Fee, sondern im Gegentheil, eine arme Prinzessin, die von einem boshaften Zauberer verfolgt wird, der mir meine Krone geraubt hat, und der mein Königreich schwer bedrückt. Wie Sie sehen, suche ich einen tapferen Ritter, der mich befreiet, und Ihr Ruf machte, daß ich mich in dieser Rücksicht an Sie wandte.
»Wenn es nur meines Lebens bedarf, um Ihnen Ihre frühere Macht wieder zu verschaffen, gnädigste Frau,« erwiderte Harmental, »so sprechen Sie nur ein einziges Wort, und ich bin bereit, es mit Freuden Preis zu geben. Wer ist der Zauberer, der bekämpft werden, wer ist der Riese, der bezwungen werden muß? Da Sie mich vor allen Anderen erwählt haben, so werde ich mich der Ehre, die Sie mir erwiesen, würdig bezeigen. Ich schwöre es, mich Ihrem Dienste weihen zu wollen, und sollte es mir den Untergang bereiten.«
»In jedem Falle würden Sie in guter Gesellschaft untergehn, versetzte die Dame, indem sie die Maske vom Antlitz nahm, »Sie würden untergehn mit dem Sohne Ludwig XIV. und mit der Enkelin des großen Condé.«
»Frau Herzogin von Maine,« rief Harmental, indem er das Knie beugte. »Mögen Ew. Hoheit es entschuldigen, wenn ich, der ich Sie nicht kannte, etwas äußerte, was im Widerspruche mit der tiefen Verehrung steht, die ich für Sie empfinde.«
»Sie haben nichts gesprochen, Chevalier, wofür ich Ihnen nicht erkenntlich seyn müßte,« sprach die Herzogin, »vielleicht aber bereuen Sie, was Sie geäußert, in diesem Falle sind Sie frei und können Ihr Wort zurücknehmen.«
»Der Himmel bewahre mich, daß ich, nachdem ich mein Leben einer so edlen und erlauchten Prinzessin gewidmet, so thöricht seyn könnte, auf die größte Ehre zu verzichten, der ich mich jemals erfreuete. Nein gnädigste Frau, mein Arm, mein Schwert, mein Leben, sind fortan nur Ihnen geweiht.«
»Wolan, Chevalier, nahm die Herzogin von Maine, mit dem ihr eigenthümlichen bezaubernden Lächeln das Wort, »ich sehe, daß der Baron von Valef mich rücksichtlich Ihrer nicht getäuscht hat, und daß Sie ganz und gar der Mann sind, den er geschildert. Kommen Sie, daß ich Sie jetzt unsern Freunden vorstelle.«
Die Herzogin von Maine schritt voran; Harmental folgte ihr, noch ganz bestürzt von dem was sich zugetragen hatte, jedoch fest entschlossen, rüstig auf der Bahn, die er betreten, weiter zu schreiten. Die Herzogin öffnete nach einigen Schritten über den Corridor, die Thür eines Saals, in welchem sich vier Personen befanden. Der Kardinal von Polignac, der Marquis von Pompadour, Herr von Malezieux und der Abbé Brigaud.
Der Cardinal von Polignac galt für den Liebhaber der Herzogin von Maine. Es war ein schöner Mann von vierzig bis fünfundvierzig Jahren, stets in der sorgsamsten Toilette, von Ehrgeiz verzehrt, aber durch seine Charakterschwäche vom Handeln zurückgehalten.
Herr von Pompadour, war ein Mann von fünfundvierzig bis fünfzig Jahren, welcher Edelknabe bei dem Dauphin, Sohn Ludwigs XIV. gewesen war, und so viel Liebe und Ehrfurcht für die Familie des großen Königs eingesogen hatte, daß er es nicht ohne Schmerz mit ansehen konnte, wie der Regent Philipp V. den Krieg erklärte, und eifrig die Parthei des Herzogs von Maine ergriff. Ja, stolz und uneigennützig, wie man es zu jener Zeit selten traf, hatte er dem Regenten das Brevet seiner Pension und das seiner Gemahlin zurückgeschickt.
Herr von Malezieux war ein Mann von sechzig bis fünfundsechszig Jahren, Kanzler von Dombes und Herr von Chatenau, ein Doppeltitel, den er der Erkenntlichkeit des Herzogs von Maine verdankte, dessen Erziehung er besorgt hatte. Er war ein Lebemann, ein Sybarit des achtzehnten Jahrhunderts, dabei aber der Familie Maine und ganz besonders der Herzogin, für die er, im wahren Sinne des Worts, durchs Feuer gegangen wäre, wahrhaft zugethan.
Der Abbé Brigaud war der Sohn eines Kaufmanns in Lyon. Sein Vater, welcher große Handelsverbindungen mit dem spanischen Hofe hatte, erhielt den Auftrag, so als ob die Idee dazu in seinem eigenen Kopfe entstanden wäre, jenem Eröffnungen wegen einer Verbindung des jungen Ludwigs XIV. mit der Infantin Maria Theresia von Oestreich zu machen. Wären diese Eröffnungen ungünstig aufgenommen worden, hätten die Minister Frankreichs sie desavouiert; aber sie fanden eine freundliche Aufnahme und die Minister gaben ihre Zustimmung. Die Vermählung fand statt, und da der kleine Brigaud fast zu gleicher Zeit mit dem Dauphin geboren wurde, ward der Monarch ersucht, daß sein Sohn Pathenstelle bei dem Kinde vertrete, welches auch huldreicht bewilligt wurde. Er ward sogar dem Dauphin beigesellt, wählte später den geistlichen Stand und ward Abbé. Er war ein seiner, schlauer, ehrgeiziger Mann; die Versuche, sein Glück zu machen, aber waren, wie es oft den Genies zu gehen pflegt, ihm stets mißlungen. Einige Zeit vor der Epoche, von der wir erzählen, hatte er den Marquis von Pompadour angetroffen, der einen verschwiegenen und geistreichen Mann suchte, um dem Amte eines Secretairs bei der Herzogin von Maine vorzustehen. Brigaud wog die Vortheile und Nachtheile dieses Anerbietens gegen einander ab, und da die ersten ihm vorherrschend schienen, nahm er es an.
Von diesen vier Männern kannte Harmental persönlich nur den Marquis von Pompadour. Die drei erstgenannten Herren besprachen sich mit einander vor dem Camin, der Abbé Brigaud saß an einem Tisch und ordnete Papiere.
»Meine Herren,« sprach die Herzogin, nachdem sie eingetreten war, »hier sehen Sie den tapferen Ritter, von dem der Baron Valef gesprochen, und den uns Ihre theure de Launay zugeführt hat, Herr von Malezieux. Wenn sein Name und seine früheren Thaten nicht schon für ihn sprächen, so würde ich mich für ihn verbürgen.
»So von Ew. Hoheit uns vorgestellt,« entgegnete Malezieux, »soll er uns nicht bloß ein willkommener Gefährte, sondern ein Operhaupt seyn, dem wir mit Freuden folgen werden.«
»Mein lieber Harmental,« sprach der Marquis von Pampadour, indem er dem jungen Manne die Hand reichte, wir sind von heute an Brüder!«
»Seyn Sie uns herzlich willkommen, mein Herr,« nahm der Cardinal von Polignac, mit dem ihm eigenthümlichen salbungsreichen Tone, das Wort, der zu der Kälte seines Gesichts so gewaltig contrafirte.
Der Abbé Brigaud hob den Kopf und neigte ihn mit einer schlangenähnlichen Bewegung gegen den Ritter, den er mit seinen Luchsaugen forschend betrachtete.
»Meine Herren, entgegnete Harmental, nachdem er die Begrüßungen erwidert hatte, »ich bin ganz und gar ein Neuling in Ihrer Mitte; ich weiß durchaus nicht, was sich hier zuträgt und wozu Sie mich gebrauchen können; mein Wort gab ich zwar erst vor wenigen Augenblicken; meine Anhänglichkeit aber an der Sache, die uns vereinigt, ist schon Jahre alt. Ich bitte Sie also, mir das Vertrauen zu schenken, um welches Ihre Hoheit huldreicht für mich ersucht hat. Alles was ich weiter begehrt, ist, daß Sie mir recht bald Gelegenheit geben, mich dieses Vertrauens würdig zu beweisen.«
»Wir werden kein Geheimniß für Sie haben, Herr Chevalier,« rief die Herzogin von Maine, »und die gewünschte Gelegenheit soll Ihnen bald werden.«
»Verzeihung gnädigste Frau,« fiel ihr der Cardinal von Polignac in die Rede, »so rasch wie Ew. Hoheit zu Werke gehen, könnte der Chevalier glauben, daß wir eine Verschwörung beabsichtigten.«
»Und warum handelt es sich denn sonst, Cardinal?« fragte die Herzogin mit einiger Ungeduld.
»Es ist,« erwiderte der Cardinal, »hier nur die Rede von einer Berathung, einer geheimen zwar, die aber nichts Furchtbares an sich hat und die uns belehren soll, welche Mittel wir anwenden müssen, dem Mißgeschicke Frankreichs vorzubeugen, und dasselbe über sein wahres Interesse zu unterrichten, indem wir ihm den letzten Willen Ludwigs XIV. in das Gedächtniß zurückrufen.«
»Ihre Umwege werden mich noch zur Verzweiflung treiben,« rief die Herzogin, indem sie mit ihren kleinen Füßen den Boden stampfte; »Chevalier, fuhr sie alsdann, sich zu Harmental wendend, fort, »Hören Sie Sr. Eminenz nicht an; wäre hier nur die Rede von einer Berathung, das treffliche Gehirn des Herrn Cardinals würde uns allein aus der Noth geholfen haben; aber es handelt sich hier um eine vollständige Verschwörung gegen den Regenten; eine Verschwörung, zu der der König von Spanien, der Cardinal Alberoni, der Herzog von Maine, ich, der Marquis von Pompadour, ja der Herr Cardinal selbst angehören. Der erste Präsident, das halbe Parlament, drei Viertel Frankreichs werden sich mit uns vereinigen. Das also ist’s, warum es sich handelt. Sind Sie jetzt zufrieden, Herr Cardinal? Habe ich klar und deutlich gesprochen, Ihr Herren? Wozu das Zaudern? Ich bin nur ein Weib, verlange weder Schwert noch Dolch, aber man gebe mir einen Nagel und ich will, eine zweite Jabel, mit ihm die Schläfe jenes zweiten Sisarra durchbohren.«
Herr von Polignac stieß einen tiefen Seufzer aus, Herr von Pompadour lachte, Herr von Malezieux suchte die Herzogin zu beruhigen; der Abbé Brigaud senkte das Haupt und schrieb, so als ob er nichts vernommen habe.
Harmental seinerseits hätte gern die Fußspitzen der Herzogin geküßt, so hoch schien sie ihm über den vier Männern zu stehen, welche sie umgaben.
In diesem Augenblick hörte man neuerdings das Rollen eines Wagens, der in den Hof fuhr und vor der Treppe anhielt. Ohne Zweifel war die Person, welche man erwartete, eine Person von großer Wichtigkeit, denn die Anwesenden beobachteten plötzlich das tiefste Schweigen und die Herzogin von Maine eilte selbst, die Thür zu öffnen.
»Nun?« fragte sie hinaus.
»Er ist hier,« entgegnete eine Stimme, in welcher Harmental die seiner geheimnißvollen Fledermaus wiedererkannte.
»Herein, herein, mein Prinz,« rief die Herzogin, »wir erwarten Sie.«
VI.
Der Prinz von Cellamare
Auf diese Einladung erschien ein hochgewachsener hagerer Mann, von ernstem würdevollen Ansehen, den ein Mantel dicht umhüllte, und der mit einem einzigen Blicke. Alles, was sich im Zimmer befand, überflog; der Chevalier von Harmental erkannte in ihm den Gesandten seiner katholischen Majestät, den Prinzen Cellamare.
»Nun mein Prinz, was giebt es Neues?« fragte die Herzogin.
»Zuvörderst,« entgegnete der Gesandte, indem er der Herzogin ehrfurchtsvoll die Hand küßte und seinen Mantel auf einen Sessel warf, »möchte ich Ew. Hoheit den Rath geben, sich einen andern Kutscher, anzuschaffen. Wenn Sie denjenigen, der mich hierher brachte, in Dienst behalten, prophezeihe ich Ihnen Unglück; ich glaube, er wird von dem Regenten besoldet, um Ew. Hoheit und Ihren Freunden den Hals zu brechen.«
Alle Anwesenden brachen in ein lautes Gelächter aus, vor allem aber stimmte der Kutscher selbst mit ein, der hinter dem Prinzen ohne Umstände eingetreten war, jetzt Hut und Mantel auf einen Stuhl neben dem des Gesandten warf, und einen hochgewachsenen Mann von ungefähr 33 Jahren erblicken ließ, dessen untere Hälfte des Gesichts mit schwarzem Taffet bedeckt war.
»Haben Sie gehört, mein lieber Laval, was der Prinz so eben von Ihnen gesprochen?« fragte die Herzogin.
»Allerdings!« lachte Laval; die ältesten Barone der Christenheit sind Ihnen also nicht gut genug, um Ihnen als Kutscher zu dienen? Alle Teufel, Sie sind schwer zu befriedigen.«
»Wie, Sie waren es, mein lieber Graf?« fragte der Prinz, indem er ihm die Hand reichte.
»Ich war es in der That; die Frau Herzogin hat mich für diese Nacht als Kutscher in Dienst genommen, fiel hielt es für sicherer.«
»Die Frau Herzogin hat wohl daran gethan, bemerkte der Kardinal von Polignac, »man kann nicht vorsichtig genug zu Werke gehen.«
Unterdessen hatte sich Laval dem Chevalier von Harmental genähert; »Sie habe ich gleichfalls glücklich hierher gebracht, mein junger Herr,« sprach er, »und das freut mich, denn so jung. Sie sind, haben Sie doch schon tapfer dreingeschlagen, haben Sie gleich nicht, wie ich, die Hälfte des Gesichts dabei eingebüßt.«
»Sie haben, mein Prinz, Nachrichten von Alberoni empfangen, sagt mir Herr von Pompadour,« nahm jetzt die Herzogin von Maine wieder das Wort.
»Ja, Ew. Hoheit.«
»Und welche?«
»Gute und schlechte zu gleicher Zeit. Sr. Majestät, Philipp der Fünfte haben jetzt gerade ihre vernünftigen Augenblicke, und man kann ihn zu nichts bestimmen. Er will an die vierfache Allianz nicht glauben.«
»Wie, er will nicht daran glauben, rief die Herzogin, »jetzt grade wird sie unterzeichnet, und in acht Tagen wird Dubois sie hierher bringen?«
»Ich weiß das, Ew. Hoheit,« entgegnete kaltblütig Cellamare, »aber Sr. Katholische Majestät wissen es nicht.«
»Er zieht sich also von uns zurück?«
»So zu sagen, ja – –«
»Aber die Königin, was sagt sie dazu? Was helfen jetzt alle die glänzenden Verheißungen und die vorgebliche Gewalt, die sie über ihren Gemahl besitzen will?«
»Von dieser Gewalt,« entgegnete der Prinz, »will sie Beweise geben, sobald erst etwas geschehen ist.«
»Und kommt es dahin, dann wird sie nicht Wort halten, fiel der Cardinal von Polignac ein.
So ist es nicht, ich leiste Bürgschaft für sie, Ew. Eminenz,« sprach der Gesandte.
»Ich sehe klar in der Sache. Der König soll kompromittiert werden,« sprach Laval, »ist das einmal geschehen, wird er handeln.«
»Ganz recht,« rief Cellamare, »wir kommen uns einander näher.«
»Wie aber soll man ihn compromittieren?", fragte die Herzogin, »ohne Briefe, ohne Botschaft von ihm, – ja selbst ohne eine mündliche; fünfhundert Lieues weit von ihm entfernt.«
»Hat er nicht seinen Repräsentanten zu Paris? Und befindet sich nicht dieser Repräsentant in diesem Augenblick bei Ihnen, gnädigste Frau?« fragte Cellamare.
»Gestehen Sie es mein Prinz, Sie haben eine ausgedehntere Vollmacht, als Sie einräumen?«
»Keinesweges! Meine Vollmacht beschränkt sich darauf, Ew. Hoheit zu erklären, daß die Citadelle von Toledo, und die Festung Saragossa zu Ihren Diensten sind. Finden Sie ein Mittel aus, den Regenten dorthin zu bringen, und Sr. Katholische Majestät wird die Pforte hinter ihm so gut verschlossen halten, daß er nicht wieder herauskommen soll; ich stehe Ihnen dafür.«
»Das ist ganz unmöglich,« sprach Herr von Polignac. »Unmöglich und warum?« fragte Harmental, rasch, das ist im Gegentheil sehr leicht, besonders bei der Lebensweise des Regenten. Was braucht es denn dazu? acht bis zehn entschlossene Männer, einen gut verschlossenen Wagen, und Postpferde bis Bayonne.«
»Ich habe mich schon bereit erklärt, die Sache zu übernehmen, sprach Laval.
»Ich auch, fügte Herr von Pompadour hinzu.
»Das geht nicht, fiel die Herzogin ein, »schlüge das Unternehmen fehl, wären Sie verloren, da der Regent Sie persönlich kennt
»Das ist schade, entgegnete kaltblütig der Prinz Cellamare; »in Toledo oder Saragossa angelangt, erwartet dem, der die Sache vollbringt, die Würde eines spanischen Grands.«
»Und der Orden des heiligen Geistes nach seiner Rückkehr zu Paris,« fügte die Herzogin hinzu.
»Halten Sie ein, gnädigste Frau, halten Sie ein!« rief Harmental lebhaft, »wollen Ew. Hoheit solche Preise darauf setzen, so wird die Hingebung einen Anstrich von Ehrgeiz erhalten, der ihr jedes Verdienst rauben würde. Ich wollte mich erbieten, das Unternehmen in’s Werk zu richten, ich, den der Regent nicht kennt, jetzt aber nehme ich einigen Anstand – und dennoch fühle ich mich des Vertrauens Ew, Hoheit würdig.«
»Wie, Chevalier,« fragte die Herzogin von Maine, »Sie wollten es wirklich wagen?«
»Mein Leben ist. Alles, was ich dabei auf’s Spiel setze. Ich habe es Ihnen schon früher angeboten, gnädigste Frau, und Sie haben es angenommen, oder sollte ich mich getäuscht haben?«
»Nein, nein, Chevalier,« rief lebhaft die Herzogin, »Sie sind ein wahrer Cavalier. Es gibt Ahnungen, ich habe nie daran gezweifelt: so wie Valef mir Ihren Namen nannte und Sie mir schilderte, dachte ich sogleich: wir haben unsern Mann gefunden? Sie haben gehört meine Herren, wozu der Chevalier sich erbietet; sprechen Sie jetzt, worin können Sie ihm Beistand leisten?«
»In Allem worin er will!« riefen Laval und Pompadour zugleich.
»Die Schatulle seiner katholischen Majestät steht zu seinen Diensten,« bemerkte Cellamare, »er kann frei und ungehindert hineingreifen.«
»Großen Dank, Ihr Herren, großen Dank!« rief Harmental zu den beiden Ersten gewandt, »bekannt, wie Sie sind, würden Sie mir nur das Unternehmen erschweren. Besorgen Sie mir nur einen Paß nach Spanien, so, als ob ich beauftragt wäre, einen Gefangenen von Wichtigkeit dorthin zu führen. Das wird leicht zu bewerkstelligen seyn.«
»Das übernehme ich,« sprach der Abbé Brigaud, »ich werde mir von Herrn d’Argenson ein Blanket verschaffen, das nur ausgefüllt zu werden braucht.«
»Sie haben gehört, Chevalier, was der Prinz sagte, nahm die Herzogin wieder das Wort, wenn wir Geld bedürfen« – –
»Leider Gottes,« versetzte Harmental, »bin ich nicht reich genug, um das Anerbieten Ew. Excellenz zurückzuweisen; wenn ich über tausend Pistolen verfügt haben werde, die ich ungefähr besitzen mag, so muß ich ihn allerdings in Anspruch nehmen.«
»Ihn, mich, uns Alle!« rief lebhaft die Herzogin,« ein. Jeder giebt mit Freuden was er hat. Ich habe zwar in diesem Augenblick nur wenig baares Geld, aber ich besitze Diamanten und Perlen, sparen Sie also nichts; nicht Jedermann ist so uneigennützig wie Sie, es giebt Dienste, die man nur mit Gold erkaufen kann.«
»Vor allem aber Vorsicht, mein Herr, warnte der Kardinal.
»Ich ersuche Ew. Eminenz, dieserwegen unbesorgt zu seyn,« versetzte Harmental, »ich bin von dem Regenten so schwer gekränkt worden, daß man im Fall des Mißlingens glauben wird, ich hätte aus eigenem Antriebe so gehandelt, und persönliche Rache an ihm nehmen wollen.«
»Aber, bemerkte der Graf von Laval, »Sie bedürfen bei dieser Gelegenheit eines Unterbefehlshabers, eines Mannes, dem Sie vertrauen können, haben Sie einen solchen?«
»Ich glaube ja,« antwortete der Chevalier, »nur müßte ich jeden Morgen erfahren, was der Regent am Abend vor hat; der Herr Prinz von Cellamare, werden als Diplomatiker ohne Zweifel ihre geheime Polizei haben.«
»Ich habe, versetzte der Prinz mit einiger Verlegenheit, »allerdings einige Personen, die mir Bericht abstatten – –«
»Das meine ich gerade, bemerkte Harmental.
»Wo aber wohnen Sie?« fragte der Kardinal.
»In der Straße Richelieu No. 74.«
»Seit wie lange wohnen Sie dort?«
»Seit drei Jahren!«
»Dann sind Sie dort zu bekannt, mein Herr, Sie müssen Ihre Wohnung verändern!«
»Diesmal haben Ew. Eminenz Recht,« versetzte Harmental. »Ich werde mir in irgend einem entlegenen Stadtviertel eine andere Wohnung suchen.«
»Ich nehme es über mich, Ihnen ein Logis zu verschaffen, bemerkte der Abbé Brigaud. »Meine Kleidung erregt keinen Verdacht, ich werde sagen, daß ich die Zimmer für einen jungen Mann aus der Provinz miethe, der mir empfohlen worden, und der hier eine Anstellung erhalten soll.«
Das ist also abgemacht, Herr Abbé, rief der Chevalier, »ich benachrichtige noch heute meinen Hauswirth, daß ich Paris verlassen, um eine dreimonatliche Reise anzutreten.«
»Und somit wäre denn alles in Ordnung,« fügte freudig die Herzogin hinzu, »wir sehen jetzt endlich klar in der Sache, und das danken wir Ihnen, Herr Chevalier; glauben Sie mir, ich werde das niemals vergessen.«
»Meine Herren, sprach Malezieux, indem er seine Uhr hervorzog, »ich bemerke Ihnen, daß es vier Uhr Morgens ist, und daß unsre theure Herzogin der Ruhe bedarf.«
»Da irren Sie sich sehr, versetzte die Herzogin, »grade in solchen Nächten ruht man aus, ich habe lange keine so angenehme verbracht.«
»Mein Prinz,« nahm jetzt der Graf Laval das Wort, indem er einen Mantel wieder umschlug, »Sie müssen sich noch einmal mit dem Kutscher begnügen, den Sie aus dem Dienst gejagt wissen wollten, es wäre denn, daß Sie vorzögen, zu Fuß zu gehen.«
»Lieber will ich mich Ihnen noch einmal anvertrauen,« lächelte der Gesandte.
»Marquis von Pompadour, Sie begleiten den Herrn von Harmental,« sprach die Herzogin.«
»Darf ich nicht zuvor von meiner liebenswürdigen Fledermaus Abschied nehmen?« fragte der Chevalier, denn ihr verdanke ich das Glück, daß ich Ew. Hoheit meine Dienste anbieten konnte.«
»De Launay,« rief die Herzogin, indem sie den Prinzen von Cellamare und den Grafen de Laval bis zur Thür begleitete, »de Launay! hier ist der Chevalier von Harmental, welcher behauptet, Du wärst die größte Zauberin, der er jemals begegnete.«
»Nun, fragte lächend diejenige, welche späterhin unter den Namen Frau von Staal so interessante Memoiren zurückgelassen hat. »Glauben Sie jetzt an meine Prophezeihungen, Herr Chevalier?«
»Ich glaube, weil ich hoffe,« versetzte Harmental. »Wie aber konnten Sie von meiner Vergangenheit und Gegenwart unterrichtet seyn?«
»Sey, aufrichtig de Launay, und quäle ihn nicht länger,« lächelte die Herzogin, »er würde uns sonst für wirkliche Zauberinnen halten und Furcht vor uns bekommen.«
»Verließen Sie diesen Morgen im Bois de Boulogne keinen Freund,« fragte Demoiselle de Launay, der hierher kam, um von uns Abschied zu nehmen?
»Valef war es also, Valef, rief der Chevalier, »ja jetzt begreife ich Alles.«
Herr von Pompadour erfaßte jetzt den Arm des Chevaliers und, nachdem sich beide vor der Herzogin verbeugt hatten, begaben sie sich hinweg, von dem Abbé Brigaud gefolgt.
»Glauben Ew. Eminenz noch, daß es mit einer Verschwörung etwas so Furchtbares auf sich habe?« fragte die Herzogin den Cardinal von Polignac, welcher mit dem Grafen Malezieux noch zurückgeblieben war.
»Ich werde Ew. Hoheit auf diese Frage Antwort geben, wenn wir uns sämmtlich in der Bastille befinden werden, erwiderte der Cardinal, indem er sich verbeugte und mit dem Kanzler Malezieux das Gemach ebenfalls verließ.
Die Herzogin blickte ihm mit einem verächtlichen Lächeln nach, dann wandte sie sich zu Fräulein de Launay und sprach in einem Zufriedenheit verkündenden Tone: »Wir haben unsere Laterne nicht umsonst gebraucht, wir haben endlich einen Menschen gefunden.«
VII.
Alberoni. – Ein Pascha von unserer Bekanntschaft
Als Harmental erwachte, glaubte er geträumt zu haben. Die Begebenheiten waren seit sechs und dreißig Stunden mit einer solchen Schnelligkeit auf einander gefolgt, daß er wie von einem Sturmwinde fortgepeitscht wurde, ohne zu wissen wohin. Jetzt erst befand er sich wieder bei sich selbst, jetzt erst hatte er Zeit über die Vergangenheit und Zukunft nachzudenken.
Das Zeitalter in welchem Harmental lebte, ließ am fernen Horizont noch die Ligue, ja fast die Fronde erblicken; eine Generation war kaum dahingeschwunden, seit die Kanonen der Bastille die Rebellion des großen Condé unterstützten. Während dieser Generation hatte allerdings Ludwig XIV. den Schauplatz mit seinem allmächtigen Willen ausgefüllt. Dieser Monarch aber war nicht mehr, und die Enkel wähnten, mit demselben Theater und denselben Maschinen, dasselbe Spiel ihrer Vorfahren spielen zu können.
Wenn also auch der Chevalier von Harmental, bei seinem Erwachen, einen Augenblick fast Reue empfand, über dasjenige, wozu er sich verpflichtet hatte, so brachten denn doch Ehrgeiz und Stolz dieses Gefühl bald wieder zum Schweigen, und er wünschte sich endlich Glück, in einem Schauspiele, in welchem die vornehmsten Personen Frankreichs mitwirken sollten, die erste Rolle übernommen zu haben. Es schien ihm, dem jungen Manne, höchst romantisch, unter dem Banner einer Frau zu fechten, zumal, da diese Frau eine Enkelin des großen Condé war. Er beschloß daher auch keinen Moment zu verlieren, um den Versprechungen nachzukommen, die er geleistet. Er verbarg es sich nicht, daß er sich von jetzt an nicht mehr selbst angehöre, und daß die Blicke aller Verschwornen, von Philipp V. an, bis zu dem Abbé Brigaud hinab, auf ihn gerichtet wären. Höhere Interessen knüpften sich jetzt an seinen Willen, und von seinem Muthe, seiner Besonnenheit hing jetzt das Schicksal zweier Königreiche, ja das der Politik der Welt ab.
Wirklich war in jenem Zeitpunkte der Regent der Schlüssel zu dem Thore Europa’s, und Frankreich, das noch kein Gegengewicht im Norden hatte, begann bereits, wenn auch nicht durch die Waffen, doch durch die Diplomatik, jenen Einfluß zu behaupten, den es später nicht immer aufrecht erhalten konnte. Seit den achtzehn Monaten der Regentschaft des Herzogs von Orleans hatte es eine so mächtige und ruhige Stellung angenommen, wie es sie selbst unter Ludwig XIV. nicht gezeigt.
Mit dem Tode des alten Königs hatte sich alles verändert, der für Frankreich so schmachvolle Friede von Utrecht, ward nur noch als ein Waffenstillstand betrachtet, den man nach Willkühr brechen konnte, sobald die Politik, Englands und Hollands mit der Frankreichs nicht gleichen Schritt hielt. Der Tractat der vierfachen Allianz, um dessentwillen sich Dubois jetzt in London aufhielt, vereinte die Interessen Frankreichs, Englands, Hollands und des Reichs; und er war es, den Philipp V. oder vielmehr der Cardinal Alberoni fürchtete, denn der Erstere bekümmerte sich, wenn er nur eine Gemahlin und einen Betschemel hatte, wenig um das, was außer einem Zimmer und seiner Kapelle vorging.
Ein anderes aber war es mit Alberoni. Er war einer jener Emporkömmlinge, die sich oft um die Throne erheben, wie jene riesigen Luftgebilde, die auf dem Ocean drohend und gewaltig dem Schiffer entgegen schweben, und die dennoch plötzlich wieder verschwinden, wenn der niedrigste Matrose auch nur einen einzigen gemeinen Kieselstein gegen sie in die Fluth geschleudert.
Alberoni war in der Hütte eines Gärtners geboren. Als Kind läutete er die Glocken in der Kirche, später widmete er sich dem geistlichen Stande. Er war stets fröhlich und guter Dinge; der Herzog von Parma, welcher ihn eines Tages überlaut lachen hörte, und selten selbst nur lachte, wollte die Ursache seiner Lustigkeit kennen, und ließ ihn zu sich rufen. Der junge Alberoni erzählte ihm, ich weiß nicht welche lustige Geschichte; der Herzog lachte mit, und sich überzeugend, daß es gut say, mitunter zu lachen, fesselte er ihn an seine Person. Nach und nach entdeckte der Herzog, daß sein lustiger Rath Verstand besitze, und daß dieser in den Geschäften zu verwenden say; er sandte daher den nunmehrigen Abbé Alberoni nach Frankreich, um die Unterhandlungen wieder anzuknüpfen, die der Bischof von Parma abgebrochen hatte.
Herr von Vendome, welcher wenige Umstände mit dem Bischof gemacht hatte, machte noch weniger facon mit einem Abbé; der Letztere aber wußte den Herrn von Vendome so geschickt zu bearbeiten, daß er seinen Zweck erreichte und zu seinem Beschützer zurückkehrte, nachdem er die Sache ganz nach dessen Wunsch beendigt hatte.
Dies war der Grund, daß der Herzog von Parma ihm ein zweites Geschäft bei dem Herrn von Vendome übertrug. Der Letztere wollte sich grade zu Tische setzen, da bat Alberoni, statt mit ihm von Staatsangelegenheiten zu sprechen, um Erlaubniß, ihm einige Gerichte nach seiner Weise bereiten zu dürfen, Er begab sich hinab in die Küche und kehrte zurück, eine köstliche Suppe in der einen Hand, und in der andern eine Schüssel Maccaroni tragend. Herr von Vendome fand die Gerichte so delikat, daß er Alberoni ersuchte, sich zu ihm zu setzen, und mit ihm davon zu speisen. Beim Nachtisch erst begann der Letztere von dem Geschäft zu sprechen, das ihn hierher geführt; er benutzte die heitere Stimmung seines Tischgenossen, und erreichte vollkommen seinen Zweck.
Alberoni war so klug gewesen, dem Koch des Herrn von Vendome ein Recept nicht mitzutheilen, auch war es jetzt der Letztere, welcher bei dem Herzog von Parma anfragen ließ, ob er nicht wieder etwas mit ihm zu verhandeln habe. Dieser fand leicht einen Beweggrund sandte ihm den Alberoni zum dritten Male, und Herr von Vendome, der sich nicht mehr von dem Fabrikanten der Suppe und der Maccaroni trennen mochte, fesselte ihn ganz und gar an seine Person, vertrauete ihm eine geheimsten Angelegenheiten an und ernannte ihn zu seinem ersten Secretair.
Um diese Zeit grade begab sich Herr von Vendome nach Spanien. Alberoni setzte sich mit der Prinzessin von Urfins in Verbindung, und als Herr von Vendome zu Pignerol starb, gewährte ihm jene bei ihr die Stellung, die er früher bei diesem inne gehabt. Das hieß fortwährend steigen.
Die Prinzessin von Urfins aber begann alt zu werden, ein unverzeihliches Verbrechen in den Augen Philipps des Fünften. Sie beschloß daher sich, um Marie von Savoyen zu ersetzen, nach einem jungen Frauenzimmer umzusehen, durch deren Vermittlung sie den König fortwährend beherrschen könne. Alberoni schlug ihr zu diesem Endzweck die Tochter seines ersten Gebieters vor, er schilderte dieselbe als ein charakterschwaches und willenloses Kind, das mit der königlichen Würde nichts erlangen würde, als den Titel – und die Prinzessin ging in die Falle. Die Vermählung ward festgestellt, und die junge Prinzessin verließ Italien um sich nach Spanien zu begeben.
Ihre erste Handlung als Königin war, die Prinzessin von Urfins zurückweisen zu lassen, die sich ihr im Hofkleide vorgestellt hatte. Sie ließ sie ohne weiteres, wie sie war, ja selbst ohne Mantel, bei einer Kälte von zehn Grad, in einem Wagen, dessen Fensterglas einer der Wachen zufällig eingestoßen hatte, zuerst nach Burgos und dann nach Frankreich schaffen, wo sie anlangte, nachdem sie genöthigt gewesen war, von ihren eigenen Dienern fünfzig Pistolen zu leihen. Ihrem Kutscher erfror der Arm und man war gezwungen ihm denselben abzunehmen.
Nach seiner ersten Zusammenkunft mit seiner Gemahlin, kündigte der König Alberoni an, daß er erster Minister say, und von diesem Augenblick an, übte der vormalige Glöckner eine unumschränkte Gewalt über Philipp den Fünften aus.
Wenn daher jetzt die Verschwörung gelang und es dem Chevalier Harmental glücken sollte, den Herzog von Orleans nach Toledo oder Sarragossa zu schaffen, so wollte Alberoni den Herzog von Maine als Regenten anerkennen lassen, die Quadrupel-Allianz wäre gesprengt, eine Flotte sollte an der Küste von England landen, und Preußen, Schweden und Rußland, mit denen Spanien ein Bündniß hatte, sollte sich auf Holland werfen. Das deutsche Reich sollte Neapel und Sizilien wieder erobern. Der katholische Theil der Niederlande sollte mit Frankreich vereinigt und so die große Ligue des Südens gegen den Norden gebildet werden; sollte Ludwig XV. mit Tode abgehen, dann sollte Philipp V. als König der halben Welt gekrönt werden.
Man muß eingestehen, daß dies für einen Maccaroni verfertiger keine üble Berechnung war!
Die Ausführung dieses gewichtigen, ungeheuren Planes, befand sich jetzt in den Händen eines jungen Mannes von sechsundzwanzig Jahren, kein Wunder also, daß die auf ihm lastende schwere Verantwortlichkeit ihn anfangs ein wenig bestürzt machte. Als Harmental noch im tiefen Nachdenken versunken dasaß, trat der Abbé Brigaud zu ihm ein, der sich bereits nach einer anderen Wohnung für ihn umgeschauet hatte. Er hatte auch wirklich in der Straße du Temps perdu No. 5 ein Logis aufgefunden, welches entlegen war und sich ganz und gar für einen jungen Menschen aus der Provinz eignete; er brachte ihm über dem zwei tausend Pistolen von Seiten des Prinzen Cellamare.
Harmental wollte das Geld anfangs zurückweisen, der Abbé Brigaud aber stellte ihm vor, daß man bei einer Angelegenheit wie die in Rede stehende, des Geldes nie zu viel besitzen könne, und daß es Hilfe und Verbündete zu erkaufen gäbe.
Der Abbé Brigaud nahm einen vollständigen Anzug des Chevaliers mit, um danach eine ganz einfache Kleidung zu kaufen, wie sie für denjenigen paßte, den er vorstellen sollte.
Den übrigen Theil des Tages verbrachte Harmental scheinbaren Anstalten zu seiner vorgeblichen Reise, wobei er Sorge trug, nicht ein einziges Papier zurückzulassen, das in einem schlimmen Falle irgend einen seiner Freunde compromittieren konnte. Als der Abend herabgesunken war, begab er sich zur Fillon, wo er von dem unsern Lesern bekannten Capitain Roquefinette etwas zu erfahren hoffte.
Wirklich hatte er, als der Herr von Laval von einem Unterbefehlshaber sprach, sogleich an jenen Mann gedacht, den der Zufall ihm in den Weg führte, und der ihm bei jenem Duell einen so unwiderlegbaren Beweis eines rücksichtslosen Muthes abgelegt hatte. Er begab sich demnach zu der Fillon und fragte dort nach einer Magd, welche man die Normannerin nannte, und die ihm von dem Capitain als die Person bezeichnet war, welche über einen Aufenthalt stete Auskunft zu geben vermöge.
»Die Normannerin,« lächelte die Fillon, die ist in diesem Augenblick über und über beschäftigt, Herr Chevalier; sie serviert grade bei einem Mittagsmahle, welches einer meiner Stammgäste sehr gemächlich so eben verzehrt, und das bis Morgen Abend währen soll.«
»Der Teufel, eine lange Mahlzeit,« bemerkte Harmental.
»Anders thut es mein Capitain nicht,« fuhr die rührige Frau fort, »und noch obendrein muß ich vielleicht alles auf Credit geben, aber ich thu’s gern, denn er war es, der mich in der Welt bekannt machte.«
»Ihr Capitain?«, fragte der Chevalier, »wie nennt sich Ihr Capitain?«
»Roquefinette!«
»Wie, der ist grade hier?«
»Ganz gewiß!«
»Grade mit dem wünsche ich zu sprechen, und nur um eine Wohnung zu erfahren, fragte ich nach der Normannerin. Ich bitte, rufen Sie ihn mir hierher.«
»Der käme nicht, und wenn ihn der Regent selbst rufen ließe; wenn Sie ihn sprechen wollen, müssen Sie sich zu ihm hinauf bemühen. Im Cabinet No. 2 finden Sie ihn, eben da, wo Sie neulich mit dem Baron Valef zur Nacht gespeist. Dem ist nichts zu gut, er ist zwar nur Capitain, aber er besitzt das Herz eines Königs.«
Wenn der Chevalier von Harmental auch das bezeichnete Cabinet nicht gekannt hätte, so konnte er doch den Weg dahin nicht verfehlen, denn schon auf der Treppe vernahm er die ihm wohlbekannte Stimme des Capitains, welcher im tiefen Basse ein lustiges Tischlied sang.
Harmental öffnete ohne Weiteres die Thür und erblickte seinen alten Bekannten, gemüthlich auf dem Sopha liegend, vor einem reichlich besetzten Tische, der von der Normannerin und einer anderen Magd bedient wurde.
Auf einem Stuhle lag ein Rock, der mit einem neuen rothen Achselbande geschmückt war; so wie ein Hut, an dem eine neue Treffe prangte; daneben stand der riesige Degen, den Ravanne mit dem Bratspieß in der Küche seiner Frau Mutter verglichen hatte. »Wie, Sie sind’s Chevalier!« rief der Capitain, »Sie finden mich hier in der Mitte meines Serails.« »Ja, ich bin’s, mein Herr Pascha,« versetzte Harmental, welcher nicht umhin konnte, über die groteske Gruppe, die sich einen Blicken darbot, zu lächeln, ich sehe, Sie gaben mir keine falsche Adresse, und ich freue mich Ihrer Wahrhaftigkeit.«
»Seyn Sie mir willkommen,« sprach der Capitain, »nehmen Sie Platz, langen Sie zu, und Sie, meine schönen Damen, bedienen Sie den Herrn mit dem Anstande, der Sie charakterisiert. Jetzt essen und trinken Sie, Chevalier, so, als ob Sie zu Hause wären, denn Sie müssen wissen, es ist Ihr Pferd, das wir hier verspeisen; zur Hälfte ist es schon fort, das arme Thier, die andere Hälfte aber ist noch übrig.«
»Dank, Dank, Capitain! Ich habe bereits zu Mittag gegessen, möchte aber gern einige Worte mit Ihnen unter vier Augen reden; wenn Sie es anders erlauben?«
»Nein, zum Henker, das erlaube ich nicht,« versetzte der Capitain, »es wäre denn, daß wieder von einem Zweikampfe die Rede wäre.«
»Diesmal, Capitain, betrifft es ein anderes wichtiges Geschäft.«
»Ein Geschäft, ganz gehorsamer Diener, da kann ich nicht dienen, Chevalier. Ich will heut von keinem Geschäft etwas wissen. Ich habe Geld in der Tasche bis morgen Abend. Die Geschäfte also auf übermorgen, Chevalier!«
»Also übermorgen kann ich ganz bestimmt auf Sie zählen?« fragte Harmental ernsthaft.
»Dann stehe ich mit Leib und Seele zu Ihren Diensten. Auf übermorgen also. Wo aber werde ich Sie alsdann finden?«
»Geben Sie acht,« flüsterte Harmental ihm in’s Ohr, finden Sie sich Vormittags zwischen elf und zwölf Uhr in der Straße du Temps perdu ein, blicken Sie dort um sich, man wird Sie aus einem Hause rufen, Sie steigen alsdann die Treppe hinan, bis Sie einen alten Bekannten treffen; dort wartet ein gutes Frühstück auf Sie.«
»Abgemacht, Chevalier,« erwiderte der Capitain, zwischen elf und zwölf Uhr Vormittags. – Verzeihung, wenn ich Ihnen nicht das Geleite gebe, Sie wissen, das ist nicht Sitte bei den Türken.«
Der Chevalier winkte mit der Hand, zum Zeichen, daß er ihn dieser Förmlichkeit entbinde, und kaum war er wieder auf der Treppe, als er vernahm, wie der Capitain Pascha das Tischlied, welches ein Eintreten unterbrochen hatte, wieder anstimmte.
VIII.
Das Dachstübchen
Am folgenden Tage erschien der Abbé Brigaud bei dem Chevalier, zu derselben Stunde, wie am vergangenen Tage. Er überbrachte ihm drei, für diesen höchst nützliche Dinge: einen Anzug, einen Paß und einen Bericht der geheimen Polizei des Prinzen Cellamare, rücksichtlich dessen, was der Regent an dem Tage, den 24. März 1718, vorhabe.
Der Chevalier probierte den Anzug, welcher der eines einfachen Bürgers war, und er fand ihm trefflich. Der Paß lautete auf den Namen des Signor Diego, Intendant des edlen Hauses von Oropesa, welcher den Auftrag habe, nach Spanien einen Geisteskranken zu führen, einen Bastard des obengenannten Geschlechts, der die fixe Idee habe, sich für den Regenten von Frankreich zu halten; eine Vorsichtsmaaßregel, welche nöthig war, den Protestationen vorzubeugen, die der Herzog unterwegs aus seinem Wagen etwa machen sollte. Da nun der Paß vollkommen in Ordnung, von dem Prinzen Cellamare unterzeichnet und von Argenson, dem Polizei-Lieutenant, contrasigniert war; so stand der Sache, befand sich der Regent nur einmal im Wagen, nichts im Wege. Die Unterschrift Argenson’s war so geschickt nachgeahmt, daß sie dem Calligraphen des Prinzen Cellamare die größte Ehre machte.
Der Bericht der geheimen Polizei war ein Meisterstück der Klarheit und der Pünktlichkeit, wir geben ihn hier wörtlich wieder, theils um eine Schilderung der Lebensweise des Regenten zu liefern, theils um unsern Lesern einen Begriff von den Kundschaftern des Spanischen Gesandten zu geben. Der Rapport war von zwei Uhr Morgens datiert, und lautete:
»Heute wird der Regent spät aufstehen, den es war Souper in den kleinen Gemächern. Frau von Averne war dort zum ersten mal zugegen, sie remplacierte Frau von Parabere. Die übrigen Damen waren die Herzogin von Falaris und Frau vor Laferi, Ehrendame bei Madame. Von Männer waren anwesend: der Marquis von Broglie, der Graf von Nace, der Marquis von Camillac, der Herzog von Brancas und der Chevalier von Sémiane. De Marquis von Lafare und der Graf von Fargy waren wegen Unpäßlichkeit, deren Grund man nicht kannte, abwesend.«
»Gegen Mittag wird das Conseil stattfinden Der Regent wird darin dem Herzog von Maine dem Prinzen Conti, dem Herzog von St. Simon dem Herzog von Guiche u. s. w. das Projekt in Betreff der Quadrupel-Allianz communizieren, welche ihm der Abbé Dubois sandte, indem er ihm sein Rückkehr innerhalb drei bis vier Tage ankündigte.«
Der übrige Theil des Tages wird ganz und gar der Vaterschaft gewidmet. Vorgestern hat de Regent eine Tochter verheirathen lassen, die ihm die Desmaret gebar, und die bei den frommen Schwestern zu St. Denis erzogen worden. Sie speist mit ihrem Gemahl im Palais Royal, und nach dem Mittagsmahle führt der Regent sie in die Oper, und zwar in die Loge der Prinzessin Charlotte von Baiern. Die Desmaret, welche ihre Tochter seit sechs Jahren nicht sah, ist benachrichtigt, daß wenn sie solche zu sehen wünsche, sie sich ins Theater zu begeben habe.«
»Der Regent macht, trotz einer Caprize für die Frau von Averne, der Marquise von Sabran die Cour. Die Letztere spielt noch die Treue, zwar nicht gegen ihren Gemahl, doch gegen den Herzog von Richelieu. Um bei ihr seine Absicht zu erreichen, hat der Regent gestern den Herrn von Sabran zu seinem maitre d’hôtel ernannt.«
»Ich meine, das ist ein ausführlicher Bericht, sprach der Abbé, nachdem der Chevalier seine Lesung beendigt hatte.
»Allerdings, mein lieber Abbé, versetzte Harmental; »wenn aber der Regent mir in der Folge nicht mehr Gelegenheit giebt, seiner habhaft zu werden, so wird es mir unmöglich seyn, ihn nach Spanien zu führen.«
»Nur Geduld!« versetzte Brigaud, »es giebt eine Zeit für Alles; böte uns auch heute der Regent eine gute Gelegenheit dar, so wären Sie gewiß noch nicht vorbereitet genug, um sie benutzen zu können.«
»Da haben Sie recht.«
»Da sehen Sie wieder, daß, was Gott thut, wohlgethan ist; er läßt uns den heutigen Tag, benutzen wir ihn, um Ihre Wohnung zu verändern!«
Dies Letztere war bald bewerkstelligt. Harmental nahm sein baares Geld, einige Bücher, ein Päckchen mit seiner neuen Garderobe, stieg in einen Wagen, fuhr zu dem Abbé und sandte den Wagen zurück, mit dem Bescheide: daß er diesen Abend aufs Land fahre, erst in zehn bis zwölf Tagen zurückkehren werde, und man also nicht auf ihn warten möchte; worauf er seine Kleider wechselte, und sich von dem Abbé Brigaud geführt, nach seiner neuen Wohnung begab.
Dies war ein Zimmer, oder vielmehr ein Dachstübchen, mit angränzendem Cabinet im vierten Stockwerk. Die Eigenthümerin war eine alte Bekanntschaft des Abbé Brigaud, auch hatte diese aus Rücksicht auf die Empfehlung des Letzteren, es sich zu Gunsten des jungen Menschen aus der Provinz, etwas kosten lassen: er fand saubere blendend weiße Vorhänge und die feinste Wäsche; eine Art von Bibliothek, kurz Alles, was eine leidliche Bequemlichkeit versprach.
Madame Denis, so nannte sich diese Frau, erwartete ihren neuen Miethsmann, um ihn selbst in seine neue Wohnung einzuführen; sie pries ihm alle Annehmlichkeiten derselben, versicherte, daß, wenn es nicht so schlechte Zeiten wären, sie für diese Zimmer die doppelte Miethe verlangt hätte, und daß ihr Haus das beste im ganzen Stadtviertel say; auch empfahl sie, nachdem sie sich wieder hinab begeben hatte, dem Portier die größte Rücksicht und Aufmerksamkeit für den neuen Hausgenossen.
Bevor der Abbé Brigaud sich hinweg begab, benachrichtigte er Madame Denis, daß sein junger Schützling sehr eingezogen leben und daß Niemand ihn besuchen werde, als er und ein Freund seines Vaters, ein alter Militair, von etwas derbem Wesen, aber redlichem Charakter; die letzte Bemerkung hielt der Abbé für nothwendig, damit das Erscheinen des Capitains der Hauswirthin nicht auffalle.
Als der Chevalier sich allein befand, und erst das Zimmer in Augenschein genommen hatte, öffnete derselbe das Fenster, um sich in der Nachbarschaft ein wenig umzuschauen. Die Straße war kaum zehn bis zwölf Schritte breit, welches unserm Helden sehr angenehm war, denn im Fall einer Verfolgung, hoffte er, mittelst eines Brettes über dieselbe hinweg gelangen und sich auf diese Weise retten zu können; zu diesem Zweck beschloß er, womit den gegenüberwohnenden Personen Bekanntschaft zu machen und gute Nachbarschaft zu halten.
Leider schien man indeß in seinem Vis a vis für die Geselligkeit nicht gestimmt. Nicht nur war das Fenster fast hermetisch verschlossen, sondern die Vorhänge hinter demselben, waren auch fest zugezogen; in zweites Fenster, das zu demselben Zimmer zu gehören schien, war auf gleich sorgsame Weise verwahrt.
Das Haus gegenüber hatte auch noch sein fünftes Stockwerk, oder eine Art von Terrasse; ein Dachstübchen, welches sich über den verschlossenen, so eben beschriebenen Fenstern befand, ging auf die Terrasse hinaus. Es war ohne Zweifel die Wohnung eines großen Freundes der Gartenkunst, denn er hatte, ganz gewiß nicht ohne ungemeine Geduld und Mühseligkeit, die Terrasse zu einer Art Garten umgeschaffen, der eine Laube, Blumenbeete, ja sogar einen Springbrunnen hatte.
Da es unterdessen kalt zu werden begann, schloß Harmental sein Fenster wieder, zog ein Kleid aus, hüllte sich in einen Schlafrock, warf sich in einen ziemlich bequemen Lehnsessel und nahm ein Buch zur Hand. Als er indessen später von demselben wieder aufblickte, gewahrte er, daß das vorhin so sorgsam verschlossen gehaltene Fenster, jetzt plötzlich weit geöffnet say. Er trat schnell wieder an ein Fenster, zog den Vorhang etwas zurück und sandte einen forschenden Blick hinein in das ihm gegenüberliegende Gemach. Es war ein, allem Anscheine nach, von einem weiblichen Wesen bewohntes Zimmer. Neben dem Fenster, aus welchem jetzt ein kleines naseweißes Windspiel hinaus auf die Straße schauete, fand ein Stickrahmen. In der Tiefe des Gemachs zeigte sich ein Clavier, die Wände waren mit Kupferstichen und Gemälden geschmückt. Durch das zweite jetzt gleichfalls geöffnete Fenster sah man die Vorhänge eines Alkovens, hinter denen wahrscheinlich das Bett fand. Das übrige Geräth war höchst einfach, aber rein und sauber, und bewies den guten Geschmack der Bewohnerin.
Eine alte Frau kehrte und säuberte das Zimmer, vermuthlich die Abwesenheit ihrer Herrin benutzend, denn man gewahrte nur jene.
Plötzlich schien das Windspiel viel angeregter als zuvor, es neigte den Kopf hinab in die Straße, spitzte die Ohren und hob die Vorderpfoten, wie zum freundlichen Gruß. Der Chevalier schloß aus diesem Zeichen, daß die Bewohnerin des Gemachs sich nähere; er öffnete jetzt schnell sein Fenster. Leider aber war es schon zu spät, er erblickte niemand in der Gasse. Jetzt aber sprang das Windspiel vom Fenster hinab und rannte zur Thür. Harmental zog jetzt den Schluß, daß die Bewohnerin die Treppe heraufkomme und um sie unbemerkter zu beobachten, zog er sich hinter den Vorhang zurück; da aber trat die Frau gegenüber an das Fenster und schloß es wieder; dies hatte unser Chevalier nicht erwartet und unmuthig warf er sich wieder in seinen Lehnsessel.
Endlich begann ihm indeß, die Zeit lang zu werden, der Anblick des Claviers und der Bilder im Zimmer ihm gegenüber, hatte bei ihm die Erinnerung geweckt, daß er auch Clavierspielen und Zeichnen könne. Er klingelte dem Portier, gab ihm Geld und gebot ihm, ein Clavier zu miethen und Zeichenmaterialien anzuschaffen. Eine halbe Stunde darauf befand er sich in dem Besitz des Verlangten, so leicht konnte man sich schon in jener Zeit in Paris alles verschaffen.
IX.
Die schöne Nachbarin der Strasse du Temps perdu
Harmental hatte sich an sein Clavier gesetzt, und trommelte nach besten Kräften darauf herum. Als er eine Weile gespielt hatte, gewahrte er, wie am Fenster ihm gegenüber fünf zarte Fingerchen plötzlich den Vorhang zurückschoben, um zu sehen, von woher die ungewohnten Töne erschallten. Leider vergaß der Chevalier über diesen Anblick eine musikalische Beschäftigung, und in der Hoffnung, hinter den hübschen Fingern auch die dazu gehörende Person zu erschauen, schlüpfte er hinter den Fenstervorhang Dies schlecht berechnete Maneuvre aber vereitelte seine Absicht. Die neugierige Bewohnerin des Gemachs, die sich auf diese Weise ertappt sah, ließ schnell den Vorhang wieder sinken. Harmental schloß darüber verdrießlich das Fenster und zürnte während des ganzen übrigen Tages insgeheim auf seine Nachbarin.
Den Abend vertrieb er sich mit Zeichnen, Lesen und Clavierspielen. Nie noch war es ihm so bemerkbar geworden, daß eine Stunde so viele Minuten und ein Tag so viele Stunden hätte. Um zehn Uhr Abends klingelte er, um dem Portier seine Aufträge für den folgenden Tag zu geben, dieser aber erschien nicht, denn er lag schon lange auf dem Ohr. Madame Denis hatte recht, ihr Haus war ein ruhiges Haus. Der Chevalier erfuhr jetzt zuerst, daß es Leute gäbe, die sich zu der Zeit zu Bette legten, in welcher er sonst begann, seine Besuche abzustatten. Das gab ihm viel nachzudenken über jene so außerordentlich unglückliche Menschenklassen, welche weder die Oper, noch die petits Soupérs kannte, die Nacht hindurch schlief und am Tage wachte, er freute sich darauf, seine Freunde bei erster Gelegenheit mit dieser seltsamen Lebensweise bekannt zu machen.
Etwas machte ihm indeß Vergnügen, nämlich, daß seine Nachbarin gegenüber gleich ihm noch wach war; es bewies, daß sie höher stand als ihre Umgebung. Harmental war des festen Glaubens, daß man nur wache, wenn man nicht Lust habe zum Schlafen, oder weil man Lust habe sich zu amüsieren; er vergaß diejenigen, welche wachen müssen, weil sie nicht anders können.
Um Mitternacht erlosch endlich das Licht im Zimmer gegenüber, und Harmental seinerseits begab sich ebenfalls zur Ruhe. Früh um acht Uhr am andern Morgen stellte sich der Abbé Brigaud bei ihm ein und überbrachte dem Chevalier den zweiten Bericht der geheimen Polizei des Prinzen Cellamare, derselbe lautete, wie folgt:
»Drei Uhr Morgens.«
»In Folge seiner gestrigen soliden Lebensweise befahl der Regent, ihn schon Morgens neun Uhr zu wecken. Er wird bei seinem Levée einige bezeichnete Personen empfangen. Von zehn Uhr bis Mittag wird öffentliche Audienz seyn. Von Mittag bis ein Uhr wird der Regent mit Villére und Leblanc arbeiten. Von eins bis zwei wird er empfangene Briefe eröffnen. Um zwei ein halb Uhr begiebt er sich ins Conseil und dann zum Könige.«
»Um drei Uhr verfügt er sich zum Ballspiel in der Straße la Seine, um mit Brancas und Camillac gegen den Herzog von Richelieu, den Marquis von Broglie und den Graf de Gace zu spielen. Um sechs Uhr wird er bei der Herzogin von Berry speisen und den Abend dort zubringen. Von da wird er ohne Leibwache nach dem Palais Royal zurückkehren, wenn anders ihn die Herzogin von Berry nicht escortieren läßt.«
»Alle Teufel! ohne Leibwache! was meinen Sie dazu, rief Harmental, indem er rasch anfing, sich in die Kleider zu werfen, »läuft Ihnen nicht dabei das Wasser in den Mund?«
»Ohne Leibwache, allerdings, erwiderte der Abbé, »aber in Begleitung von Lakaien, Dienern, einem Kutscher u.s.w, ein Volk, das sich zwar herzlich schlecht schlägt, aber desto besser schreiet. Darum Geduld, junger Freund, Sie sind zu prefirt Grand von Spanien zu werden.«
»Das grade nicht, mein lieber Abbé, aber ich bin es überdrüssig, länger in einer Dachstube zu wohnen, wo ich, wie Sie sehen, genöthigt bin, mir bei meiner Toilette selbst zu helfen. Glauben Sie denn, es habe nichts auf sich, sich Abends zehn Uhr zu Bette legen und sich ohne Kammerdiener ankleiden zu müssen.«
»Sie haben aber hier, wie ich höre, Musik, bemerkte der Abbé.
»Wahrhaftig, man singt, öffnen Sie das Fenster, Abbé, damit die Nachbarn sehen, daß ich gute Gesellschaft empfange.«
»Nicht übel, bei meiner Seel, sprach der Abbé, indem er that, was Harmental verlangte.
»Nicht übel! weit mehr, Abbé, es ist eine wahrhafte Armide, wie ich Ihnen sage. Der Teufel soll mich holen, wenn ich glaubte, dergleichen im vierten Stockwerk der Straße du Temps perdu zu finden.
»Ich will Ihnen etwas prophezeihen, Chevalier, nahm der Abbé wieder das Wort, wenn die Sängerin nämlich jung und hübsch ist, so werden wir nach acht Tagen eben so viele Mühe haben, Sie von hier fortzubringen, als wir jetzt haben, Sie hier zurück zu halten.«
»Mein lieber Abbé,« entgegnete Harmental kopfschüttelnd, »wenn Ihre Polizei eben so gewandt wäre als die des Prinzen von Cellamare, so würden Sie wissen, daß ich von der Liebe auf immerdar geheilt bin, hier der Beweis: Ich gebe mich nicht blos dem Seufzen hin und nähre mich vom Schmachten, sondern ich bitte Sie, mir so etwas wie eine kalte Pastete und ein Dutzend Flaschen trefflichen Weins heraufbesorgen zu lassen. Ich verlassen mich dabei auf Sie, ich weiß, Sie sind ein Kenner. Besorgen Sie es, scheint es die Fürsorge eines Vormunds, schicke ich aber selbst danach, wird man es für die Verschwendung eines jungen Leichtsinnigen halten und ich möchte gern in den Augen der Madame Denis meinen Ruf schützen.«
»In einer Stunde soll alles hier seyn.«
»Wann werde ich Sie wiedersehen?«
»Wahrscheinlich morgen.«
Also auf Wiedersehen! für heute schicke ich Sie fort, ich erwarte jemand in Betreff unserer Angelegenheit.«
»Der Himmel beschütze Sie,« sprach der Abbé, indem er sich hinweg begab.
Kaum hatte er sich entfernt, als Harmental sich hinter seinen Vorhang stellte, und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit dem Spiel und Gesange horcht, die so viel es das verschlossene Fenster zuließ, aus dem Zimmer gegenüber zu ihm her erklangen, und eine geübte Meisterin verkündeten. Auch konnte sich Harmental, nach einer schwierigen aber äußerst gelungenen Passage, nicht enthalten, in die Hände zu klatschen und mit lauter Stimme »Bravo! bravo!« zu rufen. Leider aber schüchterte wahrscheinlich dieser Triumph, an den sie in ihrer Einsamkeit ohne Zweifel nicht gewohnt war, die Sängerin dergestalt ein, daß Spiel und Gesang augenblicklich verstummten.
Dagegen aber gewahrte er jetzt, wie sich über dem verhängnißvollen Fenster die Thür des Dachstübchens öffnete, und aus derselben eine Hand hervorgestreckt wurde, so als ob ihr Inhaber untersuchen wolle, wie das Wetter say. Die Antwort des Wetters schien befriedigend auszufallen, denn gleich darauf folgte der Hand ein mit einer baumwollenen Mütze bedeckter Kopf, und dann ein in einen Schlafrock gehüllter Oberkörper. Noch immer vermochte der Chevalier nicht zu entscheiden, welchem Geschlechte diejenige Person angehöre, welche im Begriff schien, sich nur mit der größten Vorsicht der Morgenluft auszusetzen. Endlich ermuthigte ein, zwischen zwei Wolken heraustretender Sonnenstrahl, den Bewohner des Dachstübchens, sich vollständig aus seiner hochgelegenen Behausung hervorzuwagen, und Harmental erkannte jetzt, daß das, was er für einen Schlafrock gehalten, nur ein Camisol gewesen, wobei die kurzen schwarzsammtenen Beinkleider und die gewebten grauen Stümpfe ihm verkündeten, daß sein Nachbar gegenüber dem männlichen Geschlechte angehöre. Es war der Gartenanbauer, von dem wir bereits erzählt haben.
Das schlechte Wetter der vergangenen Tag hatte ihn ohne Zweifel abgehalten, seinen Morgenspaziergang zu machen und seinen Gartenanlagen die gewohnte Pflege zu spenden, denn er fing an denselben emsig zu durchschreiten, so als wolle er erforschen, ob der Wind oder der Regen kein Unheil angerichtet habe. Nach einer sorgsamen Untersuchung der Laube, des Springbrunnens und einer kleinen mit Muscheln verzierten Grotte aber, welches die drei Hauptzierrathen des Gartens ausmachten, blitzte ein. Lächeln der Zufriedenheit aus dem Antlitz des Gartenanbauers, dem Sonnenstrahle gleich, der aus den Wolken gedrungen war. Er hatte sich überzeugt, daß nicht nur alles in gehöriger Ordnung say, sondern daß sich sogar der Wasserbehälter seines Springbrunnens bis zum Ueberfließen mit Regenwasser angefüllt hatte. Er glaubte daher sich das Vergnügen gönnen zu können, den Springbrunnen spielen zu lassen, eine Ergötzlichkeit, welche er sich, dem Beispiele Ludwigs XIV. folgend, nur an Sonntagen gestattete. Er drehte einen Hahn und majestätisch erhob sich der Wasserstrahl drei bis vier Fuß in die Höhe. Der gute Mann hatte daran eine so herzliche Freude, daß er mit lauter Stimme fröhlich ein altes Lied zu singen begann, was unserm Chevalier schon als Wiegenlied vorgesungen war; dann rannte er plötzlich an das Fenster und rief mehrmals hinein: »Bathilde! Bathilde!«
Harmental bemerkte jetzt, daß zwischen dem fünften und vierten Stockwerke des Hauses gegenüber, irgend eine architektonische Communication stattfinden müsse, so wie eine Verbindung, von welcher Art sie auch sein mochte, zwischen dem Gartenanbauer und der Sängerin. Da er sich in Folge dessen die Möglichkeit dachte, daß die Musikerin vielleicht auf der Terrasse erscheinen würde und ihr früheres Verstummen ihm einen hinlänglichen Beweis für ihre Schüchternheit gegeben hatte, so schloß er sogleich sein Fenster und zog die Vorhänge desselben zu; wobei er indeß Sorge trug, eine Oeffnung zu lassen, groß genug, um hindurchblicken zu können, ohne selbst gesehen zu werden.
Was er vorausgesehen hatte, traf ein. Nach wenigen Augenblicken zeigte sich im Fenster des Dachstübchens ein ganz allerliebster Mädchenkopf; weiter aber wollte sich die Besitzerin desselben nicht wagen, vermuthlich weil das Terrain, auf welches sich derjenige, der sie gerufen, gewagt hatte, für sie zu feucht war. Das kleine Windspiel, eben so furchtsam als seine Gebieterin, blieb dieser zur Seite, eine kleinen milchweißen Pfoten ruhten auf dem Gesims des Fensters und es schüttelte das niedliche Köpfchen, so als weigere es sich, gleich seiner Herrin, den vielfachen Aufforderungen, sich weiter zu wagen, Folge, zu leisten.
Es entspann sich jetzt ein kleines Gespräch zwischen dem Gartenanbauer und dem jungen Mädchen, so daß Harmental Muße hatte, die Letztere mit um so weniger Zerstreuung zu betrachten, da sein geschlossenes Fenster ihn verhinderte, von der Unterredung etwas zu vernehmen.
Sie schien grade jenes entzückende Alter erreicht zu haben, in welchem das Mädchen vom Kinde zur Jungfrau übergeht, in dem sich bei ihm Gefühl, Anmuth und Schönheit entfalten. Bei dem ersten Blick überzeugte man sich, daß sie nicht weniger als sechzehn und nicht mehr als achtzehn Jahre zähle. Es zeigte sich in ihrem Antlitz eine wundervolle, aber zugleich auch wunderbare Mischung. Das Haar war blond, der Teint blendend weiß, zart und durchsichtig wie der der Engländerinnen, ihr Auge aber war schwarz, ihre Lippen purpurroth, und ihre Zähne perlengleich wie die einer Spanierin.
Der Chevalier stand da wie bezaubert; wirklich hatte er in seinem ganzen Leben nur zwei Arten Weiber geschaut: die runden und rüstigen Frauen zu Nivernais, mit ihren colossalen Füßen, den großen breiten Händen, den kurzen Röcken und gewaltigen Strohhüten; und die Frauen der Pariser Aristokratie, schön allerdings, aber von jener welken Schönheit, welche unter den Nachtwachen und den Vergnügungen gelitten, die den Blumen glichen, welche die Sonne nur durch Fensterscheiben bestrahlt, die frische Morgenluft aber niemals erfrischend umfächelt. Er kannte also noch nicht diesen bürgerlichen Typus, den vermittelnden Typus, um uns dieses Ausdrucks zu bedienen, zwischen der vornehmen, Welt und der Bevölkerung des Landes, welcher die ganze Eleganz der einen, und die ganze frische Gesundheit der andern in sich vereint. Harmental stand, wie wir bereits berichtet haben, wie festgezaubert an seinem Fenster da, und noch lange, nachdem sich der reizende Mädchenkopf wieder zurückgezogen hatte, starrte er zu der Terrasse hinauf, wo die entzückende Erscheinung seinen Augen entschwunden war.
Das Geräusch seiner Thür, welche sich öffnete, entriß ihn seinen süßen Träumereien. Es war die kalte Pastete und der köstliche Wein des Abbé Brigaud, welche jetzt in das Dachstübchen des Ritters von Harmental ihren feierlichen Einzug hielten, Der Anblick dieser Stärkungsmittel erinnerte ihn daran, daß es für den Augenblick andere Dinge für ihn zu thun gäbe, als sich dem beobachtenden Leben zu über lassen, und daß er, einer weit wichtigeren Angelegenheit wegen, dem Capitain Roquefinette ein Rendezvous gegeben habe. Er zog daher seine Uhr hervor, und gewahrt, daß es bereits zehn Uhr say. Dies war, wie der geneigte Leser sich erinnern wird, die verabredete Stunde. Er verabschiedete daher schnell den Ueberbringer der Speisen und Getränke, ordnete, um später nicht der Bedienung des Portiers zu bedürfen, alles auf den Tische, und öffnete alsdann das Fenster wieder, um die Ankunft des Capitains Roquefinette zu erwarten.
Kaum befand er sich einige Augenblicke auf seinem Observatorium, als er auch sofort den würdigen Kriegsmann erschaute, der gerade in diesem Moment die Ecke der Straße Gros-Chenet umschritt; die Nase hoch in der Luft trug, die Hand in die Seite gesetzt hatte, und das martialische bestimmte Wesen zeigt, wie jemand, der gleich dem alten griechischen Philosophen, meint, daß er sein Alles mit sich führe. Sein Hut, dieser Thermometer, an welchem jedermann sofort den finanziellen Zustand seines Herrn erkennen konnte, und der an Tagen, an welchen seine Börse gefüllt war, breit und grade auf seinem Kopfe saß, hatte wieder jene verdächtige schiefe Stellung angenommen, die er, wie sich unsere freundlichen Leser erinnern werden, an jenem Morgen zeigte, als der würdige Capitain Roquefinette mit dem Baron Valef auf dem Pont-Neuf zuerst zusammentraf. Die eine Spitze des Hutes berührte fast die Schulter, während die andere, wenn der Capitain nämlich zu Franklins Zeiten gelebt hätte, diesem die erste Idee zu einem Blitzableiter hätte geben können.
Als ungefähr so das Drittheil der Straße durchschritten war, hob er den Kopf noch mehr und blickte nach allen Seiten um sich, so daß er grade über sich den seiner harrenden Chevalier gewahrte; der Erwartete und der Erwartende wechselten ein Zeichen mit einander, worauf der Capitain der die Entfernung mit einem strategischen Blicke maaß, und sogleich die rechte Thür fand, die Schwelle überschritt, und durch das stille Haus der Madame Denis ging, martialisch und lärmend, so als ob er sich in einer öffentlichen Herberge befinde. Der Chevalier seinerseits schloß jetzt vorsichtig das Fenster wieder und zog bedächtig die Vorhänge desselben zu. Geschah das, damit die schöne Nachbarin ihn nicht in Gesellschaft dieses Capitains schaue, oder damit der Capitain diese nicht erschaue? Wir können darüber dem geneigten Leser keine zuverlässige Auskunft geben.
Nach wenigen Augenblicken vernahm Harmental den Schall der Schritte des Capitains und das Geklirr seines langen Degens, der gegen das Geländer der Treppe schlug. Als er das dritte Stockwerk erreicht hatte, wo das von unten heraufdämmernde Licht fast zu erlöschen begann, befand sich der Capitain in großer Verlegenheit, denn er wußte nicht, ob er dort seine Schritte hemmen, oder noch höher steigen solle.
»Alle Teufel! Chevalier, rief er daher, da Sie mich vermuthlich nicht hierher beschieden haben, damit ich mir hier auf der Treppe den Hals brechen solle, so öffnen Sie doch Ihre Thür, oder singen Sie, damit mir entweder das Tageslicht oder Ihre Stimme den rechten Weg zeige; sonst bin ich durchaus verloren, wie es Theseus im Labyrinth gewesen wäre, hätte er nicht Ariadnens Faden gehabt.«
Darauf begann der Capitain mit lauter Stimme zu singen:
Ariadne, schön" Ariadne mein!
O, wollt Deinen Faden mir verleihn!
Der Chevalier lief sofort zur Thür seines Zimmers und öffnete sie.
»Das lassen ich mir gefallen!« rief der Capitain, dessen Gestalt jetzt in dem Dämmerlichte sichtbar wurde. Die Leiter zu Ihrem Taubenschlage ist pechschwarz wie die Nacht. Doch da bin ich, zur festgesetzten Zeit, pünktlich auf meinem Posten, der Verabredung gemäß, Die Glocke der Kirche la Samaritaine schlug grade zehn, als ich über den Pont-Neuf schritt.«
X.
Der Vertrag
Der Chevalier reichte dem Capitain Roquefinette die Hand hin, und sprach: »Sie sind ein Mann von Wort; aber treten Sie schnell ein, es ist nothwendig, daß unsere Nachbarn nicht aufmerksam auf uns werden.«
»In diesem Falle bin ich stumm wie ein Fisch erwiderte der Capitain; »übrigens haben Sie,« – hier deutete er auf die kalte Pastete und die Weinflaschen, die den Tisch füllten, – »das rechte Mittel gefunden, mir den Mund zu stopfen.«
Der Chevalier schloß die Thür und schob den Riegel vor.
»Ah, wie ich sehe, ein Geheimniß!« rief der Mann mit dem rothen Achselbande, desto besser, ich liebe das Geheimnißvolle, es ist fast immer etwas zu verdienen bei Leuten, die da ihre Rede beginnen mit: »Still, um Gotteswillen, ich bitte, schweigen Sie;« – »in jedem Falle konnten Sie sich an Niemand Besseres wenden, als an Ihren gehorsamen Diener, Sie sehen in mir« – der geneigte Leser bemerke, daß der Capitain seine mythologische Redeweise fortsetzt – »Sie sehen in mir den Abkömmling des Harpokrates, des Gottes der Verschwiegenheit. Sprechen Sie also frei heraus; genieren Sie sich nicht.«
»Das ist sehr schön, mein lieber Capitain;« entgegnete Harmental, »ich habe Ihnen allerdings Dinge mitzutheilen, die höchst wichtig sind und Ihrer ganzen Verschwiegenheit bedürfen.«
»Sie können fest auf mich zählen, Chevalier. Während ich dem jungen Ravanne eine Lektion gab, beobachtete ich von der Seite Ihr Degenspiel – und ich interessiere mich für die tapferen Kämpfer. Dann haben Sie mir einen kleinen unbedeutenden Dienst, der gar nicht einmal zu nennen ist, durch das Geschenk eines vortrefflichen Pferdes vergolten, das unter Brüdern 100. Louisd’ors werth war; und ich liebe die großmüthigen Leute. Da Sie also zwiefach mein Mann sind, warum wäre ich nicht einmal der Ihre?«
»Ich sehe, Capitain, daß wir uns leicht mit einander verständigen werden, sprach der Chevalier.
»Sprechen Sie, ich bin ganz Ohr,« entgegnete der Capitain, indem er eine höchst ernste Miene annahm.
»Sie werden mich besser sitzend anhören, mein lieber Gast, nehmen wir daher Platz und frühstücken wir.«
»Sie sprechen goldene Worte, wie der heilige Johannes,« versetzte der Capitain, indem er Hut und Degen auf das Clavier legte und sich dem Chevalier gegenüber setzte, »es ist ganz unmöglich, je andrer Meinung zu seyn, als Sie. So, da sitze ich, jetzt kommandieren Sie, und ich werde einhauen!«
Prüfen Sie diesen Wein, während ich diese Pastete attaquire
»Ganz recht!« lachte der Capitain, »theilen wir unsere Macht und greifen wir den Feind von verschiedenen Seiten an; später vereinigen wir uns wieder um seine Ueberreste zu vertilgen.«
und schnell die Praxis der Theorie folgen lassend, erfaßte der Capitain eine der Weinflaschen, ließ den Pfropfen derselben springen, schenkte sich ein Glas bis zum Rande voll und goß den Inhalt mit einer Geschwindigkeit hinunter, welche glauben machen konnte, die Natur habe ihn mit einem ganz besonderen Verschlingungstalente begabt. Um ihm indes Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, müssen wir berichten, daß der Wein, den er so ohne weitere Verfehlungen hatte, kaum hinunter war, als er auch schon bemerkte, daß dessen ganz ausgezeichnete Qualität eine ganz besondere Beachtung und Behandlung verdiene.
»Alle Teufel!« rief er, indem er mit der Zunge schnalzte und das Glas langsam wieder auf den Tisch stellte, »was habe ich da gemacht? Ich Unglücklicher! Da gieße ich den köstlichen Nectar hinunter, als ob es Krätzer wäre. Und das zu Anfang des Mahls! Ha,« fuhr er fort, indem er ein Glas aus derselben Flasche aufs Neue füllte, und mit dem Kopfe schüttelte, »Roquefinette, wein guter Freund, Du fängst an alt zu werden. Vor zehn Jahren hättest Du bei dem ersten Tropfen, der deine Zunge berührte, gewußt, mit wem Du es zu thun hattest während Du jetzt mehrere Versuche anstellen mußt, um den Werth der Dinge kennen zu lernen. Ihre Gesundheit, Chevalier!
Und dieses mal schlürfte der Capitain seinen Wein langsam hinunter, und setzte das Glas, bis er es geleert hatte, dreimal von den Lippen, wobei er beifällig, mit den Augen blinzelte. Als er getrunken hatte, rief er mit einer wahren Kennermiene: »Das ist Eremitage vom Jahre 1702. Wenn Ihr Lieferant von diesem Weine Vorrath hat, und Credit gibt, so geben Sie mir seine Adresse, er soll an mir einen guten Kunden haben.«
»Capitain, entgegnete der Chevalier indem er eine gewaltige Scheibe der kalten Pastete auf den Teller seines Gastes gleiten ließ, »mein Lieferant gibt nicht nur Credit, sondern er giebt meinen Freunden sogar den Wein umsonst.«
»O, der unvergleichliche Mann!« rief der Capitain in einem wahrhaft gerührten Tone, und nach einer kurzen Pause, während welcher ein ruhiger Beobachter sich überzeugt haben würde, daß er die Pastete eben so sorgsam prüfe, als vorhin den Wein, stemmte er beide Ellbogen auf den Tisch und sprach zwischen Gabel und Messer durch, zu einem Wirth gewandt: »Wir haben also eine Verschwörung vor, mein lieber Chevalier, und wir möchten, wie es scheint, daß der gute Capitain Roquefinette uns dabei hilfreiche Hand leiste.«
»Und wer, in aller Welt, hat Ihnen das gesagt?« fragte der Chevalier, indem er unwillkürlich zusammenschauderte.
»Wer mir das gesagt hat? Zum Teufel, das war kein schweres Räthsel. Ein Mann, der Pferde zu hundert Louisd’ors verschenkt, der Wein trinkt, zu einer Pistole die Flasche, und der in einer Dachstube der Straße du Temps perdu wohnt, was, zum Henker, kann der anders vorhaben als eine Verschwörung?«
»Wohlan, Capitain,« nahm Harmental das Wort, »ich will nicht länger hinter dem Berge halten, – Sie haben vielleicht grade das Rechte getroffen. Erschreckt Sie eine Verschwörung?« Er füllte das Glas seines Gastes aufs Neue.
»Ich, ich mich erschrecken? Was in der großen weiten Welt gäbe es wohl, wovor sich der Capitain Roquefinette erschrecken könnte?
»Ich bin von Ihrem Muthe überzeugt, Capitain. Gleich nach unserm ersten Zusammentreffen, nachdem wir nur einige Worte mit einander gewechselt hatten, beschloß ich auf der Stelle, Sie zu meinem Unterbefehlshaber zu wählen.«
»Das heißt mit andern Worten: Daß wenn Sie zwanzig Fuß hoch gehängt werden, soll ich nur zehn Fuß hoch baumeln.«
»Ey zum Henker, Capitain,« rief Harmental, indem er aufs Neue einschenkte, »wenn man, wie Sie jetzt, alle Dinge im schwarzen Lichte sähe, würde man nie etwas unternehmen.«
»Meinen Sie, weil ich von dem Galgen sprach? wandte der Mann mit dem rothen Achselbande ein, »was ist denn der Galgen in den Augen eines Philosophen? Was ist er anders, als einer von den Millionen Wegen, aus dieser Welt zu gehen, und es ist, meiner Treu, grade keiner der unangenehmsten. Man sieht, Sie haben die Sache noch nicht im rechten Lichte betrachtet, sonst würden Sie nicht so davor zurückschaudern. Uebrigens würde man uns nur den Kopf abschlagen, wie dem Herrn von Rohan. Haben Sie es mit angesehen, wie man dem Herrn von Rohan den Kopf abschlug?« Hier faßte der Capitain den Chevalier von Harmental scharf ins Auge. »Es war ein schöner, junger Mann, wie Sie, auch so ungefähr von Ihrem Alter! Er hatte eine Verschwörung vor, wie Sie eine vorhaben. Aber die Sache mißlang. Was thut’s, man kann sich irren. Man erbauete für ihn ein schönes, erhabenes Schafott; man gestattete ihm das Gesicht nach dem Fenster zu drehen, wo eine Geliebte stand, man schnitt ihm mit der Scheere den Kragen seines Hemdes ab. Der Scharfrichter aber, hören Sie, war ein Tölpel, er war nur an das Hängen, nicht an das Enthaupten gewöhnt, so daß er dreimal zuschlagen mußte, bevor der Kopf fiel, und doch kam er nur zum Zweck mit Hilfe eines Messers, das er aus der Tasche zog und mit dem er so lange hin und her feilte, bis er endlich den Kopf vom Halse geschnitten hatte. – – Ihre Hand, Chevalier, ich sehe jetzt, daß Sie Muth besitzen, fuhr der Capitain nach einer Pause fort, während welcher er den Chevalier forschend betrachtet hatte, der bei der schaudervollen Schilderung keine Miene verzog. »Schlagen Sie ein, ich bin Ihr Mann! Nun aber heraus mit der Sprache, gegen wen wird die Verschwörung gerichtet. Gegen den Herzog von Maine, oder gegen den Herzog von Orleans? Gilt es dem Hinkenden das andere Bein ab, oder dem Einäugigen das andere Auge auszuschlagen? Ich bin zu allem bereit!
»Nichts von dem Allen, Capitain, mit Gottes Hilfe soll kein Blut vergossen werden.«
»Wovon ist denn aber die Rede?«
»Hörten Sie nie von der Entführung des Secretairs des Herzogs von Mantua erzählen?«
»Des Secretairs Matthioli?«
»Desselben.
»Alle Teufel, die Geschichte kenne ich besser als irgend ein Anderer. Ich sah ihn, wie man ihn nach Pignerol brachte die Herren von Saint Mar und Villebois führten den Streich aus: sie empfing jeder dreitausend Livres für sich und ihre Leute.«
»Das war schlecht bezahlt!« entgegnete verächtlich Harmental.
»Finden Sie das, Chevalier? Dreitausend Livres sind dennoch viel Geld.«
»Würden Sie denn die Sache für Dreitausend Livres übernommen haben, Capitain?«
»Ich hätte sie für diese Summe über mich genommen,« antwortete Roquefinette.
»Wenn es nun aber statt der Entführung Secretairs, der des Herzogs gegolten hätte?«
»Dann hätte man freilich mehr zahlen müssen.«
»Aber die Sache, Sie hätten sie doch gewagt.«
»Warum nicht? Ich hätte das Doppelte verlangt und damit basta.«
»Und wenn man Ihnen nun das Doppelte zusicherte, und ein Mann wie ich zu Ihnen spräche, Capitain, ich will Sie keineswegs allein in die Gefahr werfen; ich selbst theile sie mit Ihnen, ich wage wie Sie meinen Namen, meine Zukunft, meinen Kopf; was würden Sie alsdann diesem Manne geantwortet haben?«
»Ich würde ihm die Hand gereicht haben, wie ich sie jetzt Ihnen reiche. Nun sprechen Sie frei heraus, worauf kommt es an?«
Der Chevalier füllte sein Glas und das des Capitains.
»Auf die Gesundheit des Regenten!« sprach er, »möge er eben so wohlbehalten die Spanische Grenze erreichen, als Matthioli in Pignerol anlangte!«
»Ah, ha,« rief der Capitain, indem er sein Glas bis zur Höhe seines Auges führte, »und warum sollte er nicht? Er ist ja nur ein Mensch! – Das einzige dabei zu bemerken ist, daß man uns weder hängen noch köpfen, sondern rädern würde. Jedem Andern würde ich sagen, das würde theurer zu stehen kommen, für Sie, Chevalier, aber habe ich keine doppelten Preise. Sie zahlen mir sechstausend Livres, und ich sorge für ein Dutzend entschlossener Kerle.
»Aber dies Dutzend Kerle, fragte der Chevalier lebhaft, »kann man ihnen vertrauen? »Sie dürfen nicht wissen, warum es sich handelt, bemerkte der Capitain, es betrifft eine Wette.«
»Und was mich betrifft, Capitain,u fuhr der Chevalier fort, indem er seinen Schrank öffnete, und einen gefüllten Beutel hervorzog, mich will Ihnen beweisen, daß ich mit meinen Freunden nicht handle. Hier sind zweitausend Livres in Gold, nehmen Sie sie einstweilen a conto, wenn es gelingt, erfolgt das Uebrige; scheitern wir, muß jeder sehen, wo er bleibt.«
»Chevalier,« entgegnete der Capitain, indem er wohlgefällig den Beutel in der Hand wog, »Sie begreifen, daß ich nicht die Unhöflichkeit begehen werde, das Geld nachzuzählen; wann aber soll die Sache vor sich gehen?«
»Das ist noch unbestimmt, mein lieber Capitain, wenn Sie aber die kalte Pastete und den Wein erträglich gefunden haben, und wenn Sie mir täglich das Vergnügen machen wollen, wie heute, mit mir zu frühstücken, so sollen Sie pünktlich erfahren, wie es um unsere Angelegenheit steht.«
»Das geht nicht, Chevalier, das geht nicht,« versetzte der Capitain, jetzt heißt es die Sache ernst betrachten. Käme ich auch nur drei Tage hinter einander zu Ihnen, so würde die Polizei des verdammten Argention auf unseren Fersen seyn. Glücklicherweise sind wir eben so schlau als er. Nein, mein Chevalier, bis zu dem Moment des Handelns, müssen wir so selten als möglich, zusammenkommen, noch besser, wir sehn uns gar nicht. Ihre Straße ist nicht lang, und da Sie von der einen Seite in die Straße Gros, Chenet und auf der andern in der Straße Montmartre ausläuft, so brauche ich sie nicht einmal zu passiren. Hier nehmen Sie dies Band,« bei diesen Worten löste er das rohe Achselband von der Schulter, an dem Tage, an welchem ich zu Ihnen kommen soll, befestigen Sie es außerhalb Ihres Fensters, ich weiß, dann was das sagen will, und komme zu Ihnen.«
»Wie Capitain, fragte Harmental, als er gewahrte, daß sein Gast seinen Degen wieder umschnallte und seinen Hut nahm, »Sie gehen, ohne die Flasche zu leeren? Was hat der gute Wein verschuldet, den Sie vor kurzem so sehr priesen, und den Sie jetzt zu verachten scheinen.«
»Grade, weil ich ihn hochschätze, trenne ich mich jetzt von ihm,« fügte der Capitain hinzu, indem er sich noch ein Glas einschenkte; »ich sage ihm jetzt das letzte Lebewohl. Auf Ihre Gesundheit, Chevalier. Köstliche Tropfen, bei meiner Seele! Von jetzt an aber setze ich mich auf die Wassercur, bis zu dem Tage, an welchem ich das rothe Band am Fenster flattern sehe. Sorgen Sie, daß das recht bald geschieht, bedenken Sie, daß das Wasser meiner Constitution durchaus zuwider ist.«
»Aber, warum brechen Sie so schnell auf?«
»Weil ich die Ehre habe, den Capitain Roquefinette zu kennen. Er ist ein trefflicher Mann, wenn er aber eine Flasche vor sich hat, so muß er trinken, und wenn er getrunken hat, muß er schwatzen. Wenn man zu viel schwatzt, sagt man leicht etwas Dummes. Adieu, Chevalier, vergessen Sie nicht das rothe Band, ich wirke indessen für unsere Angelegenheit.«
»Auf Wiedersehen,« sprach Harmental, »ich sehe mit Vergnügen, daß ich Ihnen keine Vorsicht anzuempfehlen brauche.«
Der Capitain legte den einen Finger auf seine Lippen, setzte den Hut gerade und breit auf die Stirn, hob seinen langen Degen, damit er auf der Treppe nicht wieder Geklapper verursache, und stieg diesmal die Stufen so leise hinab, als ob er gefürchtet hätte, das Geräusch seiner Schritte hätte in dem Hôtel des Herrn von Argention einen Widerhall gefunden.
XI.
Die Communication
Der Chevalier blieb allein. Diesmal aber gab ihm seine Unterredung mit dem Capitain so viel Stoff zum Nachdenken, daß er weder Langeweile empfinden, noch an sein Clavier oder an das Zeichnen denken konnte. Wirklich hatte sich Harmental, bis jetzt nur theilweise in die Angelegenheit eingelassen, rücksichtlich welcher die Herzogin von Maine und der Prinz von Cellamare ihm eine so glänzende Aussicht gezeigt, der Capitain Roquefinette ihm aber so eben unverholen und in den deutlichsten Ausdrücken das schaudervollste und blutigste Ende enthüllt hatte. Bis jetzt war er nur der Endpunkt einer Kette, und leicht war es ihm sich derselben zu entwinden. Jetzt war er ein Mittelring derselben geworden, der von beiden Seiten eingeengt, auf der einen Seite mit dem, was die Gesellschaft am vornehmsten bot; auf der anderen aber, was sie am niedrigsten umschloß, vereinigt war. Kurz, von dieser Stunde gehörte er sich nicht mehr selbst an, er glich dem Reisenden, der sich in den Alpen verirrt, auf einem unbekannten Wege seine Schritte hemmt, und mit dem Auge zum erstenmal die sich vor ihm erhebende Felsmasse, und den sich zu seinen Füßen hinabsenkenden Abgrund zu messen versucht.
Zum Glück besaß der Chevalier jenen kalten, ruhigen und entschlossenen Muth, der bei heftigem Aufwallen im ersten Augenblicke, später eine ruhige Ueberlegung gestattet. Er warf sich in die Gefahr mit der ganzen Lebhaftigkeit eines Sanguinikers, prüfte sie aber, wenn er sich einmal darin befand, mit großer Besonnenheit. Hieraus ergibt sich, daß der Chevalier eben so gefährlich in einem Zweikampf, als in einer Verschwörung war; denn in einem Duell gestattete ihm seine Ruhe, selbst den kleinsten Fehler seines Gegners zu benutzen; und in der Letzteren erlaubte ihm ein kaltes Blut, die etwa zerrissenen kleinen Fäden, von denen oft das Gelingen des wichtigsten Unternehmens abhängt, schnell wieder zusammen zu knüpfen. Die Herzogin von Maine hatte also recht, wenn sie gegen Fräulein de Launay bemerkte, daß ihre Laterne ihr gute Dienste geleistet, weil sie einen Menschen gefunden habe.
Dieser Mann aber war jung, er zählte erst sechsundzwanzig Jahre: das heißt, er besaß ein Herz, empfänglich für alle Täuschungen, für alle Poesie der Jugend. Als Kind hatte er seine Kronen zu den Füßen seiner Mutter niedergelegt, als junger Mann hatte er in seiner Obristenuniform vor seiner Geliebten geglänzt; kurz bei allen Unternehmungen seines Lebens hatte ihm ein theures Bild vorgeschwebt, und er hatte sich in die Gefahr gestürzt, mit dem beseeligenden Gedanken, daß, falls er unterliegen sollte, doch irgend jemand ein Schicksal beweinen, sein Andenken getreulich aufbewahren würde. Seine Mutter aber ruhte bereits im Grabe; die letzte Frau, von der er sich geliebt wähnte, hatte ihn verrathen. Er fühlte sich allein in der Welt und nur durch das Interesse mit Menschen verbunden, denen er ein Hinderniß ward, sobald er aufgehört hatte, ihr Werkzeug zu seyn; und die, falls er untergehen sollte, statt seinen Tod zu beweinen, denselben nur als einen Beruhigungsgrund für sich selbst betrachten würden. In diesem Moment hätte der Chevalier alles darum gegeben, in dieser Welt nur von irgend einem Wesen geliebt zu werden.
In diese und ähnliche trübe Gedanken versunken, war er mehrmals in seinem Zimmerchen auf und ab geschritten, als er plötzlich bemerkte, daß das Fenster seiner schönen Nachbarin gegenüber geöffnet say. Er fuhr mit der Hand über die Stirn, so als wolle er die finsteren Ideen verscheuchen, und suchte, indem er seine Aufmerksamkeit auf äußere Dinge lenkte, jenen eine andere Richtung zu geben. Der Mensch aber ist nicht mehr Herr seines Wachens, als seines Schlafs; und seine Träume mit offenen oder geschlossenen Augen, sind stets nur die Folgen einer innerlichen Entwickelung. Die entgegengesetztesten Gegenstände nähern sich einander, die unzusammenhängendsten Gedanken begegnen sich und unsere Seele wird in solchen Momenten m unter von Lichtstrahlen erhellt, die, wenn sie nicht in der Schnelligkeit eines Blitzes wieder verschwände uns vielleicht die Zukunft enthüllen würden. Man fühlt als dann, daß sich in uns etwas Fremdartiges zuträgt; man begreift alsdann, daß man nichts als eine Art Maschine ist, deren Fäden durch eine Unsichtbare Hand gelenkt werden.
So ging es auch jetzt unserm Helden; vergebe suchte er sich durch äußere Gegenstände zu zerstreuen. seine finsteren Gedanken kehrten immer wieder und wieder zurück.
Das junge Mädchen, welches er am Morgen geschauet hatte, saß jetzt am Fenster, und arbeitete so als wolle sie die Strahlen der untersinkend Sonne benutzen; sie war mit einer Stickerei beschäftigt, ihr Clavier stand geöffnet, und auf ein Tabouret zu ihren Füßen schlummerte das kleine milchweiße Windspiel, welches jedoch, nach der Gewolltheit dieser Thiere, bei dem leisesten Geräusch auf der Straße, aus seinem leichten Schlaf auffuhr, sein zierliche Köpfchen zum Fenster hinaus steckte, die Ohren spitzte und sich dann wieder zum Schlummer legte, wobei es eines seiner niedlichen Pfötchen auf dem Schooße seiner Gebieterin ruhen ließ. Dies alles war von dem bezaubernden Lichte der untergehenden Sonne magisch beleuchtet, welche die bronzenen Verzierungen des Claviers und der vergoldete Rahmen eines Gemäldes zurückwarfen; alles Uebrige war nur im Dämmerlichte zu schauen.
Es schien jetzt dem Chevalier in seiner dermaligen Gemüthstimmung, daß dieses junge Mädchen mit dem ruhigen sanften Antlitz, zum erstenmal, wie hinter einem Vorhang hervor, in sein Lebensschauspiel getreten say, einer Bühnenkünstlerin gleich, die erst in dem zweiten oder dritten Acte eines Dramas erscheint, und der Handlung desselben plötzlich eine andere Wendung giebt. Seit jener Zeit, in welcher man in seinen Träumen noch Engel sieht, hatte sich nichts Aehnliches seinen Blicken gezeigt. Das junge Mädchen hatte mit keinem der weiblichen Wesen Aehnlichkeit, welche er bis jetzt geschaut. Es war eine Mischung von Schönheit, Unschuld und Einfalt, wie man sie oft in Köpfen findet, die Greuse so musterhaft kopiert hat, nicht nach dem Leben, sondern nach dem Spiegel seiner Einbildungskraft.
Alles vergessend, den niederen Stand, in dem sie aller Wahrscheinlichkeit nach geboren, die armseelige Straße in der sie wohnte, das bescheidene Zimmer, das ihr zum Aufenthalte diente, verlieh Harmental ihr ein Herz, das ihrem Antlitze glich, und pries denjenigen unbeschreibbar glücklich, der dieses Herz zum erstenmal heftiger schlagen machen, der mit diesen wundervollen Augen liebevoll angeblickt seyn, und der von diesen frischen Rosenlippen den ersten süßen Kuß der Liebe pflücken würde.
So verschieden sind die Ansichten, welche ein und dieselben Gegenstände nach unserer jedesmaligen Gemüthstimmung uns darbieten. Vor acht Tagen noch hätte Harmental, wo er sich in keine Gefahr bringende Unternehmung eingelassen, sondern seine Tage zwischen delikatem Frühstück und köstlichem Mittagsessen, zwischen dem Ballspiel bei Farolet und einem Souper bei der Fillon theilte, dieses junge Mädchen erblickt, er würde in ihr nichts als eine niedliche Grisette gesehen haben, und hätte ihr vielleicht einen Kammerdiener nachgesandt und ihr ein Geschenk von 25 Louisd’ors haben anbieten lassen. Der Harmental von vor acht Tagen aber existierte jetzt nicht mehr! An die Stelle des eleganten, seinen, zuversichtlichen jungen Cavaliers war jetzt ein junger isolierter Mann getreten, der im Dunkeln und allein einen gefahrvollen Weg wandelte, über dessen Haupte plötzlich der Himmel zusammenstürzen, zu dessen Füßen sich mit jedem Augenblick ein unabsehbarer Abgrund erschließen konnte. Der jetzige Harmental bedurfte einer Stütze, so schwach sie auch immer sein mochte, er bedurfte jetzt der Liebe, er bedurfte der Poesie. Es ist daher völlig begreiflich, daß er, indem er eine Madonna suchte, zu der er beten konnte, in seiner Einbildungskraft das oft erwähnte junge Mädchen ihrer natürlichen und prosaischen Sphäre enthob, sie in die seinige zog, und sie auf das leere Piedestall der Gegenstände seiner früheren Verehrung stellte.
Plötzlich erhob das junge Mädchen das Haupt, blickte zufällig aus dem Fenster, und gewahrt durch die Scheiben ihr gegenüber das sinnende Antlitz des Chevaliers. Es war ihr augenblicklich klar, daß der junge Mann um ihretwillen dastand, und daß sie es say, nach der er schauete. Eine hohe Röthe überflog plötzlich ihr schönes Gesicht; sie stellte sich indeß, als ob sie nichts bemerkt habe, und senkte das Auge wieder zu ihrer Stickerei hinab. Nach einigen Augenblicken aber stand sie auf, machte sich Manches im Zimmer zu schaffen, und schloß dann das Fenster, ohne jedoch dabei irgend eine besondere Absicht zu verrathen. Harmental aber blieb wo er war, und wanderte, trotz des geschlossenen Fensters, fortwährend in dem Phantasieenreiche umher, welches er sich geschaffen hatte. Einige Mal schien es ihm, als ob der herabgelassene Vorhang sich bewege und ein wenig gelüftet würde, so als wolle sich die Bewohnerin des Zimmers überzeugen, ob der Unbescheidene, welcher sie von ihrem Platze vertrieben, noch immer seinen Beobachtungsposten behaupte. Endlich wurden drüben einige rasche Accorde vernehmbar, eine sanfte Harmonie folgte, und nunmehr kam die Reihe an Harmental sein Fenster zu öffnen.
Er hatte sich nicht getäuscht, seine Nachbarin besaß eine ganz außerordentliche Kunstfertigkeit, sie exekutierte zwei bis drei Piecen, ohne jedoch ihren Gesang mit dem Clavierspiele zu vereinigen und Harmental fand fast eben so viel Vergnügen daran, ihr Spiel zu hören, als sie selbst zu schauen. Plötzlich hielt sie mitten in einem Tacte inne; Harmental vermuthete, daß sie entweder ihn erblickt und für seine Neugier bestrafen wolle, oder daß jemand ins Zimmer getreten say, und daß dieser Jemand sie gestört habe; er zog sich daher zurück, jedoch so, daß er das Fenster nicht aus den Augen verlor. Nach wenigen Augenblicken überzeugte er sich, daß sich seine letzte Vermuthung bestätigte; ein Mann trat ans Fenster, schob den Vorhang hinweg, legte ein breites Gesicht an eine der Scheiben, während er auf einer anderen mit seiner Hand trommelte. Der Chevalier erkannte auf den ersten Blick, trotz des veränderten Anzuges, den Mann vom Springbrunnen, den er diesen Morgen auf der Terrasse geschaut, und der im Tone größter Vertraulichkeit, mehrmals den Namen Bathilde gerufen hatte.
Diese so ganz prosaische Erscheinung brachte die Wirkung hervor, die sie natürlich den mußte, das heißt, sie führte Harmental aus dem Ideealen Leben in das wirkliche zurück. Er hatte ganz um gar jenen Mann vergessen, der einen so seltsame und auffallenden Contrast zu dem jungen Frauenzimmer bildete, dessen Vater, Liebhaber oder Gatte ohne Zweifel seyn mußte. Was konnte in jedem Falle mit dem edlen aristokratischen Chevalier der Tochter, Geliebte oder Gattin eines solchen Mann gemein haben?
Auch konnte Harmental nicht umhin, seine eigen Thorheit zu belächeln, und da unterdessen die Nacht hereingebrochen war, beschloß er ein wenig umher zu schlendern, um sich von der Genauigkeit der Bericht der geheimen Polizei des Prinzen Cellamare persönlich zu überzeugen. Er hüllte sich dicht in seinen Mantel stieg die vier Stockwerke hinab und schlug die Richtung nach dem Luxemburg ein, wo, wie es der Bericht, den ihm der Abbé Brigaud an diesem Morgen gegeben, versichert hatte, der Regent an diesem Abend soupiren, und von wo er ohne Leibwache nach der Palais-Royal zurückkehren würde.
Vor dem Palaste Luxemburg angelangt, gewahrte der Chevalier durchaus nichts, was verkündigt hätte, daß der Herzog sich bei seiner Tochter befinde; vor dem Eingangsportale stand nur eine einzige Schildwache, obgleich man jedes mal, wenn der Regent anlangte, eine zweite hinzuzufügen pflegte, Ueberdem gewahrte man im Hofe weder einen harrenden Wagen, noch Läufer, noch Pikeurs; es war also klar, daß der Herzog von Orleans noch nicht eingetroffen say. Der Chevalier wartete daher, um ihn anlangen zu sehen; denn da der Regent niemals frühstückte, und nur um zwei Uhr eine Tasse Chocolade trank, so war es selten, daß er später als sechs Uhr soupirte, und es hatte bereits fünf dreiviertel Uhr geschlagen.
Der Chevalier wartete unterdessen anderthalb Stunden, ohne daß sich irgend etwas von dem Herzog zeigte. Um sieben dreiviertel Uhr bemerkte er einige Bewegung im Luxemburg. Ein von reitenden Pikeurs mit Fackeln in den Händen begleiteter Wagen, rollte vor das Portal; einen Augenblick darauf stiegen drei Damen ein, und man rief dem Kutscher zu:
»Nach dem Palais Royal!«
Die Pikeurs sprengten rasch von dannen, der Wagen folgte, die Schildwache präsentierte das Gewehr, und in dem mit dem königlichen Wappen Frankreichs geschmückten Wagen erkannte Harmental im Vorüberrollen bei dem Fackellichte, die Herzogin von Berry, Frau von Mouchy ihre Ehrendame, und Madame de Pons ihre Hofdame.
Nichtsdestoweniger wartete der Chevalier noch immer, denn der Regent konnte durch irgend Etwas abgehalten worden seyn; eine Stunde darauf kehrte der Wagen zurück, die Herzogin von Berry lachte über eine Geschichte, welche ihr Broglie, der sich jetzt bei ihr befand, erzählte. Es war dem Regenten also nichts Schlimmes begegnet, und die geheime Polizei des Prinzen Cellamare hatte falsch berichtet.
Der Chevalier kehrte um zehn Uhr in seine Wohnung zurück, ohne Jemand begegnet, oder von irgend Jemand erkannt worden zu sein. Er hatte Mühe in das Haus zu gelangen; denn in Folge der in demselben herrschenden patriarchalischen Sitte, hatte sich der Portier bereits zur Ruhe gelegt. Der Letztere zog daher, vor sich hin brummend, die Riegel weg. Harmental ließ einen kleinen Thaler in seine Hand gleiten, und bemerkte, daß er mitunter etwas spät heimzukehren pflege, daß er aber jedesmal dasselbe Trinkgeld zahlen werde, worauf der Portier sich in Danksagungen ergoß, und versicherte: der Herr könne zu jeder Stunde heimkehren, wann er wolle, ja, wenn es ihm beliebe, die Nacht ganz und gar ausbleiben.
Auf einem Stübchen angelangt, gewahrte Harmental, daß in dem seiner schönen Nachbarin noch Licht brenne; er verbarg seine Kerze und trat an’s Fenster, so daß er, so weit es der Mousselin-Vorhang gestattete, sehen konnte, was sich drüben zutrug, ohne daß man von dort aus ihn bemerken konnte.
Das junge Mädchen saß an einem Tische und schien mit Zeichnen beschäftigt; nach einigen Augenblicken schob sich ein zweiter Schatten, in dem der Chevalier ganz deutlich den Mann von der Terrasse erkannte, zwischen das Licht und das Fenster hindurch. Endlich näherte sich der Schatten dem jungen Mädchen, diese hielt ihre Stirn hin, der Schatten drückte einen Kuß darauf und entfernte sich, einen brennenden Wachstock in der Hand. Einen Augenblick darauf zeigte sich Licht in dem Fenster des fünften Stockwerks; alle diese kleinen Umstände verkündeten deutlich, daß der Mann von der Terrasse nicht der Liebhaber oder Gatte, sondern wahrscheinlich der Vater des jungen Mädchens say.
Ohne eigentlich recht zu wissen warum, war Harmental ob dieser Entdeckung hoch erfreut; er öffnete ein Fenster wieder so leise er es vermochte, und gab sich, die Blicke auf den Schatten der reizenden Nachbarin gerichtet, aufs Neue den Träumereien hin, aus denen ihn die Erscheinung des Gartenanbauers vorhin geweckt hatte. Nach ungefähr einer Stunde erhob sich das junge Mädchen von ihrem Sitze, legte eine Mappe bei Seite, näherte sich dem Alkoven, kniete nieder und betete.
Harmental begriff, daß jetzt ihr Tagewerk vollbracht say; er erinnerte sich ihrer Neugier, welche sie an den Tag gelegt hatte, als er seinerseits musizierte, er wollte einen Versuch machen, sie noch länger wach zu halten, und setzte sich zum Clavier. Was er vorausgesehen hatte, geschah; bei den ersten Tönen, welche zu ihr drangen, schlüpfte die reizende Nachbarin, die nicht wußte, daß man durch den Mousselin-Vorhang ihren Schatten erschauen konnte, bis zum Fenster und horchte, überzeugt, unbemerkt zu seyn, mit Behagen den nächtlichen Klängen.
Harmentals musikalische Leistung hätte vielleicht noch mehrere Stunden gewährt, denn entzückt ob ihres Resultats, spielte er mit großem Eifer und ungewohntem Feuer. Zum Unglück aber schien der Bewohner des dritten Stockwerks durchaus kein Musikfreund zu seyn; denn das laute Pochen mit einem Stock gegen den Fußboden seines Zimmers, bewies ihm ganz unverkennbar, daß man dort wünsche, er möge seine melodische Beschäftigung auf eine passendere Stunde verlegen.
Unter allen andern Umständen würde Harmental den unverschämten Anmahner zum Teufel geschickt haben; aber er bedachte, daß ein Lärm im Hause seinem Rufe bei Madame Denis schaden würde, und daß er ein zu hohes Spiel spiele, um nicht mit der Ruhe eines Philosophen die kleinen Unbequemlichkeiten zu tragen, die seine dermalige Lage herbeiführte. Statt sich also gegen die, zwischen der Hauswirthin und ihren Miethsleuten ohne Zweifel bestehende Hausordnung zu opponieren, folgte er der an ihn gerichteten Aufforderung, auf so unbescheidene Weise sie auch stattgefunden.
Als das junge Mädchen einerseits nichts mehr hörte, zog sie sich vom Fenster zurück, ihr Licht verlosch, und sie verschwand in den Alkoven. Im Zimmer im fünften Stockwerk herrschte seit mehreren Stunden das tiefste Dunkel.
Harmental legte sich jetzt ebenfalls zur Ruhe, hoch erfreut, eine Art von Bindepunkt zwischen seiner schönen Nachbarin und sich gefunden zu haben.
Am folgenden Morgen trat der Abbé Brigaud mit der gewohnten Pünktlichkeit in das Zimmer unsers Helden. Der Chevalier hatte bereits seit einer Stunde sein Lager verlassen, und sich schon oft, jedoch vergeblich nach seiner schönen Nachbarin umgeschautet.
»Bei meiner Ehre!« rief er dem Abbé etwas verstimmt, entgegen, die geheime Polizei des Prinzen Cellamare ist die zuverlässigste von der Welt!«
»Was haben Sie denn gegen sie einzuwenden?« fragte der Abbé mit dem ihm eigenthümlichen Lächeln.
»Was ich gegen sie einzuwenden habe? Ich wollte mich gestern selbst von ihrer Genauigkeit überzeugen; ich habe gestern Abend vier Stunden beim Palaste Luxemburg gewartet, der Regent aber kam nicht zu seiner Tochter, im Gegentheil, die Herzogin fuhr zu ihm.«
»Ganz gut, das wissen wir.«
»So, Sie wußten es?«
»Allerdings! Wie auch, daß sie um neun ein halb Uhr mit Broglie zurückkehrte, der an der Tafel den Platz des Regenten einnahm, den man vergeblich erwartet hatte.«
»Und der Regent, wo war er?«
»Der Regent?«
»Nun ja!«
»Das ist eine andere Geschichte. Hören Sie aufmerksam zu, dann sollen Sie selbst entscheiden, ob Sie gegen die geheime Polizei des Prinzen Cellamare etwas einzuwenden haben werden.«
»Ich bin ganz Ohr!« »Unser Bericht lautete, daß der Regent sich um drei Uhr zum Ballspiel nach der Straße de Sein begeben würde.«
»Ich weiß, ich weiß.«
»Er begab sich wirklich dort hin. Nach ein halben Stunde kehrte er von dort zurück, indem sein Taschentuch vor den Augen hielt, er hatte sich selbst mit der Raquette einen so heftigen Schlag versetzt, daß er sich die Stirnhaut gesprengt hatte.«
»Ein Unfall also war es.«
»Nur Geduld! Der Regent ließ sich nun statt ins Palais Royal zurückzukehren, zur Frau von Sabran fahren. Sie wissen, wo Frau von Sabran wohnt?«
»Sie wohnte in der Straße de Tournon; ihr Gemahl aber maitre d’hôtel des Regenten geworden, wohnt sie da nicht in der Straße des bonenfans, ganz in der Nähe des Palais Royal?«
»Ganz recht! Nun scheint es, daß Frau von Sabran, welche bisher dem Herzog von Richelieu ihre Treue bewahrte, von dem beklagenswerten Zustand des Regenten gerührt, rücksichtlich seiner den alten Spruch bewähren wollte: Wer unglücklich im Spiele ist, ist glücklich in der Liebe. Der Herzog von Orleans zeigte um sieben ein halb Uhr durch ein kleines, aus dem Speisesaale der Frau von Sabran datiertes Billet, dem Herzoge von Broglie an, daß er sich nicht nach dem Luxembuorg begeben würde, und daß er statt seiner hingehen, und ihn bei der Herzogin von Berry entschuldigen möge.«
»Das ist also die Geschichte, welche Broglie der Herzogin erzählte, und diese laut lachen machte.«
»Das ist wahrscheinlich! Nun ist Ihnen jetzt die Sache klar?«
»Ich begreife! Da der Herzog von Orleans kein Doppelgänger ist, konnte er nicht zu gleicher Zeit bei Frau von Sabran und seiner Tochter seyn!«
»Und weiter ist Ihnen nichts klar?«
»Mein lieber Abbé, Sie sprechen ja wie ein Orakel, drücken Sie sich deutlicher aus, wenn ich bitten darf.«
»Diesen Abend werde ich Sie um acht Uhr abholen; wir wollen die Straße des bons Enfant einschlagen; die Localitäten werden dort statt meiner das Wort führen.«
»Aha! jetzt verstehe ich. So ganz in der Nähe des Palais Royal wird der Herzog zu Fuße gehen der Haupteingang des Hotels, welches Frau von Sabran bewohnt, befindet sich in der Straße des bon Enfans; zu einer bestimmten Stunde wird der Durchgang geschlossen, der von dem Palais Roy in diese Straße führt, um zurückzukehren, ist der Regent also genöthigt, den Cour de fontaine oder die Straße Neuve des bons Enfans zu passiren – dann, dann haben wir ihn! Alle Teufel, Sie sind ein großer Mann, Abbé, und wenn der Herzog von Maine Sie nicht zum Cardinal oder wenigsten zum Erzbischof macht, so giebt es in der Welt kein Gerechtigkeit mehr?
»Sie verstehen mich also?« sprach der Abbé Brigaud, »und müssen sich bereit halten.«
»Ich bin bereit!«
»Haben Sie die Mittel zur Ausführung des Plans schon organisiert?«
»Ist bereits geschehen.«
»Sie correspondieren also mit Ihren Verbündeten?«
Durch Signale.«
»Und diese Signale können Sie nicht verrathen?«
»Das ist ganz unmöglich!«
»In diesem Falle wird Alles nach Wunsch gehen! Jetzt aber zum Frühstück, denn mich verlangte so sehr danach, Ihnen diese gute Nachricht mitzutheilen, daß ich nüchtern hierher eilte.«
Zum Frühstück, lieber Abbé? Sie haben gut sprechen. Ich habe Ihnen nichts anzubieten, als die ueberreste der gestrigen Pastete, und drei oder vier Flaschen des trefflichen Weins, die, wie ich glaube, mit heiler Haut davon gekommen sind.«
»Hm, hm, murmelte der Abbé, »da müssen wir etwas Besseres anschaffen.«
»Ich bin zu Ihrem Befehl!«
»Wir wollen hinuntergehen, und bei unserer guten Wirthin, der Madame Denis frühstücken.«
»Wie, Teufel, wollen Sie daß ich dort frühstücke, ich kenne die Frau ja nicht.«
»Das ist meine Sache. Sie kommen mit mir, Sie sind mein Schützling.«
»Aber wir werden dort schlecht frühstücken.«
»Seyn Sie deswegen unbesorgt, sprach der Abbé, »ich kenne die Küche der Madame Denis.«
»Das wird aber eine langweilige Geschichte werden!«
»Gleichviel, Sie werden sich dadurch eine Frau zur Freundin machen, die wegen ihrer trefflichen Sitten im ganzen Stadtviertel berühmt ist, und deren Hingebung und Anhänglichkeit für die Regierung Jedermann kennt. Eine Frau, die Niemand für im Stande halten wird, einen Verschwörer zu beherbergen. Verstehen Sie mich?«
Wolan, so opfre ich mich! wenn es zum Heile unserer Sache beiträgt, Abbé.«
»Ganz abgesehen davon, daß dies ein höchst angenehmes Haus ist, in dem es zwei junge Mädchen giebt, von denen das eine die Viole d’Amour, das andere das Clavier spielt; ferner einen Sohn, der Schreiber bei einem Procurator ist; ein Haus, mit einem Worte, wo Sie sich des Sonntags amüsiren, wo Sie hinabgehen können, um Lotterie zu spielen.«
»Gehen Sie zum Teufel mit Ihrer Madame Denis. Aber Verzeihung, Abbé, Sie sind vielleicht ein Freund vom Hause, in diesem Falle habe ich nichts gesagt.«
»Ich bin ihr Seelsorger,« versetzte der Abbé in einem salbungsreichen Tone.
»Ah, da muß ich tausendmal um Verzeihung bitten. Uebrigens haben Sie ganz Recht, Madame Denis ist noch eine sehr hübsche Frau, recht gut conserviert; sie hat allerliebste Hände, und noch niedlichere Füße. Jetzt erst entsinne ich mich. Gehen Sie nur voran, ich folge sogleich.«
»Warum gehen wir nicht zusammen?«
»Ei, meine Toilette, bedenken Sie, Abbé! Soll ich mich den Demoiselles Denis in diesem nachlässigen Aufzuge präsentieren? Da soll mich der Himmel bewahren! Man mag eine Gestalt doch gern im schönsten Lichte zeigen. Und überdem ist es schicklicher, daß Sie mich anmelden. Ich habe nicht das Vorrecht eines Seelsorgers, wie Sie.«
»Sie haben recht, ich gehe voran, und melde Sie an. In zehn Minuten folgen Sie, nicht wahr?«
»In zehn Minuten.«
»Auf Wiedersehen bis dahin.«
»Auf Wiedersehen!«
Der Chevalier hatte nur zur Hälfte die Wahrheit gesprochen. Er blieb allerdings noch, um seine Toilette in den Stand zu setzen, aber auch in der Hoffnung, noch etwas von seiner schönen Nachbarin zu sehen, von der er die ganze Nacht geträumt hatte. Dieser Wunsch aber blieb unerfüllt; er mochte sich noch so oft hinter seinen Vorhang stellen, das Fenster des reizenden Mädchens mit dem blonden Haar und den schönen dunklen Augen blieb hermetisch verschlossen und verhängt. Dagegen aber bekam er den Mann im fünften Stockwerk zu Gesicht; welcher, wie am vergangenen Tage, das Wetter zuvor mit der Hand recognoscirte, und erst dann seinen Kopf heraussteckte. Diesmal aber zog er denselben sogleich wieder zurück, denn es fiel ein wenig Nebel, und die Pariser Bürger haben bekanntlich einen großen Widerwillen gegen denselben. Der Unsrige hustete deshalb auch einigemale gewaltig im tiefen Basse und zog sich als dann wieder in seine Behausung zurück, wie eine Schildkröte in ihre Schale. Harmental ward es jetzt einleuchtend, daß er die Kosten eines Barometers ersparen könne, und daß sein Nachbar gegenüber ihm vollständig einen jener hölzernen Capuziner ersetzen würde, die bei heiterem Wetter ihre Klause verlassen, an regnerischen Tagen aber hartnäckig in derselben verbleiben.
Die Erscheinung im vierten Stockwerke äußerte auf ihn stets dieselbe Wirkung. Wenn er das junge Mädchen erblickte, übte sie auf ihn einen solchen Zauber, daß er in ihr nichts sah, als das schöne junge weibliche Wesen, die kunstvolle Musikerin und Zeichnerin, das heißt: das entzückendste Geschöpf, das jemals einen Blicken begegnete. In solchen Momenten trug sie, gleich jenen glänzenden Phantomen, die einem zuweilen im Traume erscheinen, alles rings umher in den Schatten stellend, ihr Licht wie eine Alabasterlampe in sich selbst. Wenn aber dagegen der Mann von der Terrasse sich in den Augen des Chevaliers zeigte, mit seinem nichtssagenden Gesicht, seinem trivialen Wesen, mit jenem unverkennbaren Stempel der Gemeinheit; dann fand mit den Gefühlen des Chevaliers plötzlich eine gänzliche Umwandlung statt. Jede Poesie verschwand, wie auf der Bühne der Feenpalast auf die Pfeife des Machinisten. Alles bekam eine andere Ansicht, die unserm Helden angeborene Aristokratie gewann wieder die Oberhand, Bathilde war ihm nichts mehr, als die Tochter dieses Mannes, eine Grisette, nichts weiter. Ihre Schönheit, ihre Anmuth, ihre Eleganz, selbst ihre Talente waren alsdann für ihn nur eine Zufälligkeit, eine Verirrung der Natur. Dann zuckte Harmental die Schultern über sich selbst, lachte laut auf, und konnte nicht begreifen, wie er noch vor wenigen Augenblicken einen so tiefen Eindruck empfunden hatte; er schrieb denselben seiner augenblicklichen Stimmung, seiner seltsamen Lage, seiner Einsamkeit, kurz allem Andern, nur nicht der wahren Ursache zu, der allmächtigen und der unwiderstehlichen Gewalt der Schönheit und des Ausgezeichneten.
Harmental stieg daher jetzt zu seiner Wirthin in einer Stimmung hinab, die vollkommen geeignet war, ihn die Töchter derselben hübsch und angenehm finden zu lassen.
Zweiter Teil
I.
Die Familie Denis
Der Chevalier von Harmental und der Abbé Brigaud verließen das Dachstübchen und stiegen zu der Wirthin hinab. Madame Denis hatte es nicht für rathsam gehalten, daß zwei so unschuldige Mädchen wie ihre Töchter, mit einem jungen Mann frühstückten, welcher, obgleich er kaum drei Tage in Paris war, erst um elf Uhr Abends nach Hause kam und bis zwei Uhr Morgens Clavier spielte. Der Abbé Brigaud stellte ihr vergebens vor, daß diese zwiefache Versündigung gegen ihre häuslichen Polizeigesetze, den Character seines Schützlings keineswegs beeinträchtige, für dessen Sittlichkeit er sich selbst verbürge; alles was er von ihr erlangen konnte, war, daß die Demoiselles Denis beim Nachtisch erscheinen sollten.
Der Chevalier bemerkte indeß bald, daß wenn ihre Mutter ihnen auch verboten hatte sich zu zeigen, sie ihnen wenigstens nicht untersagt hatte, sich hören zu lassen. Kaum hatten die drei Tischgenossen an der kleinen runden Tafel Platz genommen, auf der das wahrhafte Frühstück einer Frömmlerin sich in vielen kleinen leckeren Schüsseln appetitlich den Blicken darbot, als auch im Nebenzimmer die Töne eines Spinetts zu erklingen begannen, welche eine Stimme begleiteten, die zwar umfangreich schien, aber so viele musikalische Böcke schoß, daß man leicht erkennen konnte, sie gehöre einer Anfängerin an. Bei den ersten Tönen legte Madame Denis ihre Hand auf den Arm des Abbé; »Hören Sie wohl, sprach sie mit einem wohlgefälligen Lächeln, »das ist unsere Athenais welche Clavier spielt und unsere Emilie welche singt.«
Der Abbé Brigaud bezeichnete durch ein freundliches Kopfnicken, daß er wisse wer die Musikspendenden wären, und trat dabei dem Chevalier auf den Fuß, um ihm zu verstehen zu geben, daß jetzt der Augenblick gekommen sei, ein Compliment zu machen.
»Madame« sprach sogleich der Chevalier, welcher die Aufforderung an seine Höflichkeit vollkommen begriff, »wir sind Ihnen doppelten Dank schuldig, denn Sie spenden uns nicht bloß ein treffliches Frühstück, sondern auch ein entzückendes Concert.«
»Es sind« entgegnete Madame Denis leichthin, »die Kinder, welche ihren Studien obliegen und mich wissen, daß hier Gesellschaft ist; ich will ihnen aber sogleich untersagen fortzuspielen.«
Madame Denis machte eine rasche Bewegung, so als wolle sie aufstehen.
»Wie Madame,« rief Harmental sie zurückhaltend, weil ich eben erst von Ravanne komme, halten Sie mich nicht für würdig die Talente der Hauptstadt kennen zu lernen?
Himmel bewahre mich, mein Herr, daß ich dergleichen von Ihnen denken sollte, versetzte die Hauswirthin mit einem etwas boshaften Lächeln, »weiß ich doch, daß Sie selbst Musiker sind. Der Bewohner des dritten Stockwerks hat es mir verrathen.«
»In diesem Falle hat er Ihnen gewiß keine hohe Idee von meinem Talente beigebracht,« versetzte lächelnd der Chevalier, »denn er schien nicht das Wenige zu würdigen, was ich zu leisten vermochte.«
»Er hat mir nur gesagt, daß ihm die Stunde nicht ganz passend schien, Musik zu machen. Aber hören Sie mein Herr,« fuhr Madame Denis fort, indem sie ihr Ohr der Thür zuneigte, »jetzt sind die Rollen gewechselt, Athenais singt und Emilie begleitet sie auf der Vióle d’Amour.
Es scheint daß Madame Denis eine besondere Vorliebe für Athenais hatte, denn statt daß sie, während Emilie sang, geschwatzt hatte, hörte sie jetzt von Anfang bis zu Ende die Romanze an, welche Athenais sang, die Augen zärtlich auf den Abbé Brigaud gerichtet, der, indem er sich die Speisen und den Wein trefflich schmecken ließ, sich damit begnügte, ihren Blick durch ein beifälliges Kopfnicken zu erwidern. Uebrigens sang Athenais etwas richtiger als ihre Schwester, ein Vorzug, welcher indeß durch einen Mangel wieder aufgehoben wurde, der auf das Ohr des Chevaliers furchtbar wirkte; sie besaß nämlich eine Stimme von außerordentlicher Gemeinheit.
Was nun Madame Denis betraf, so schlug sie mit ihrem Kopf so durchaus falsch den Tact auf eine Weise, die weit eher ihre mütterliche Liebe, als ihre musikalische Kenntniß beurkundete. Ein Duett folgte nun den Solis, die Demoiselles Denis schienen geschworen zu haben, ihr ganzes Repertoir erschöpfen zu wollen. Harmental suchte unter dem Tische die Füße des Abbé Brigaud, um ihm wenigstens einen zu zertreten, aber er begegnete nur denen der Madame Denis, welche ein leises Umhertappen als eine ihr gezollte Huldigung betrachtete, und sich daher mit coquetter Freundlichkeit zu ihm wandte.
»Herr Raoul, sprach sie, »Sie kommen also, um sich jung und unerfahren, allen Gefahren der Hauptstadt auszusetzen?
»Sie sehen, nahm schnell der Abbé Brigaud, besorgt, der Chevalier könne in seiner Erwiderung aus seiner Rolle fallen, das Wort, »Sie sehen in diesem jungen Manne den Sohn eines Freundes der mir sehr theuer war, (er wischte die Augen mit seiner Serviette) und der wie ich hoffe, der Erziehung die ich ihm spendete, Ehre machen wird, denn, ohne daß es den Anschein hat, wie Sie ihn da sehen, besitzt mein Zögling Ehrgeiz.«
»Und er hat Recht,« fiel Madame Denis ein, »wenn man die Gestalt und die Talente des jungen Herrn besitzt, kann man zu Allem gelangen.«
»Ei, ei, Madame Denis,« erwiderte der Abbé Brigaud, wenn Sie ihn mir gleich bei dem ersten Besuch verderben, werde ich ihn Ihnen nicht wieder zuführen, nehmen Sie sich in Acht. Raoul, mein lieber Sohn, fuhr er in einem väterlichen Tone zu Harmental gewandt, fort, »ich hoffe Du glaubst kein Wort von solchen Schmeicheleien. – Und zu dem Ohr der Madame Denis geneigt, flüsterte er, »wie Sie ihn da sehen, so hätte er ganz gut in Savigny bleiben können, er besitzt 3000 Livres Einkünfte in liegenden Gründen.«
»So viel denke ich grade einer jeden meiner Töchter mitzugeben, »versetzte Madame Denis mit gehobener Stimme, damit es der Chevalier vernehmen könne und indem sie einen Seitenblick auf diesen richtete, um zu sehen, wie die Ankündigung einer solchen Wohlhabenheit auf ihn wirke.
Zum Unglück aber für das künftige Etablissement der Demoiselles Denis, dachte Harmental in diesem Augenblick an ganz etwas Anderes als daran, die 3000 Livres jährlich, mit welchen die großmüthige Mutter eine jede ihrer Töchter ausstatten wollte, mit den 3000 Livres Renten zu vereinen, welche ihm der Edelmuth des Abbé Brigaud zugetheilt hatte. Emiliens grundfalsche Töne so wie die vulgaire Altstimme ihrer Schwester und das fehlerhafte Accompagnement. Beider, hatten ihn durch die Ideenverbindung an die reine, sanfte, himmlische Stimme und das Meisterspiel seiner reizenden Nachbarin erinnert. Er versank demnach in eine süße Träumerei; und die in seinem Dachstübchen vernommenen und jetzt in einem Herzen laut nachklingenden Melodien schützten ihn wie eine Zauberrüstung gegen die noch immer im Nebenzimmer erschallenden Töne.
»Oh sehen Sie nur, wie eifrig er hinhorcht,« sprach Madame Denis zu dem Abbé gewandt. »wahrlich, es gewährt Vergnügen, sich für einen jungen Mann, wie ihn, in Unkosten zu setzen. Auch werde ich Herrn Fremont den Kopf waschen.«
»Wer ist Herr Fremont?« fragte der Abbé, indem er ein Glas füllte. »Das ist mein Miethsmann im dritten Stockwerk. Ein kleiner Rentier mit 1200 Livres jährlicher Einkünfte, dessen Mops mich schon mit dem ganzen Hause in Zwietracht gebracht hat, und der sich jetzt bei mir beklagt, daß Herr Raoul ihn und seinen Hund im Schlafen gestört habe.«
»Meine liebe Madame Denis,« entgegnete der Abbé Brigaud, »Sie müßen sich darum nicht mit Herrn Fremont entzweien. Zwei Uhr Morgens ist eine unpassende Zeit; will mein Zögling durchaus wachen, so mag er am Tage musizieren und Nachts zeichnen.«
»Wie, Herr Raoul zeichnet auch!« rief Madame Denis, ganz erstaunt über diesen neuen Zuwachs von Geschicklichkeit.
»Ob er zeichnet? Wie Mignard.«
»Oh mein lieber Abbé!« rief Madame Denis, indem sie ihre Hände faltete, »wenn wir eines erlangen könnten« – –
»Und was wäre das? fragte der Abbé.
»Wenn wir es erlangen könnten, daß er uns das Portrait unserer Athenais fertigen wollte.«
Der Chevalier erwachte plötzlich aus seinen Träumereien, wie ein Wandrer auf dem Rasen, den die plötzliche Annäherung einer gefahrbringenden Schlange aufschreckt.
»Herr Abbé,« rief er, indem er auf den armen Abbé einen wüthenden Blick schleuderte, »Herr Abbé, keine Thorheiten, wenn ich bitten darf.«
»Hilf Himmel, was ficht ihren Zögling an? fragte Madame Denis ganz erschrocken.
Zum Glück für den Abbé, welcher auf das Ansinnen der Madame Denis nicht gleich eine passende Antwort finden konnte, um die Fragerin über dies auffallende Benehmen seines Zöglings zu beruhigen, öffnete sich in diesem Augenblick die Thür und die Demoiselles Denis traten herein, errötheten, und machten jede eine förmliche Menuettverbeugung.
»Nun, meine jungen Damen, sprach Madame Denis, indem sie einen strengen Ton affektierte, was heißt das, wer hat Ihnen erlaubt, Ihr Zimmer zu verlassen?
»Mama,« entgegnete eine Stimme, welche der Chevalier für die Emiliens erkannte, »wir bitten recht sehr um Verzeihung, wenn wir einen Fehler begangen haben, wir sind bereit uns sogleich wieder zurückzuziehen.«
»Aber Mama,« fiel eine zweite Stimme ein, welche ihrem tiefen Klange nach, Mademoiselle Athenais angehören mußte, »wir glaubten verstanden zu haben, daß wir zum Nachtisch erscheinen sollten.«
»Da Ihr nun einmal hier seid, Kinder, so mögt Ihr bleiben, es wäre lächerlich, Euch jetzt wieder fortzuschicken, entgegnete Madame Denis, und nunmehr ließ die Athenais zwischen sich und Brigaud, und Emilie zwischen sich und Harmental Platz nehmen. »Die jungen Mädchen sind immer am besten aufgehoben, wenn fiel sich unter den Flügeln ihrer Mutter befinden, nicht wahr Abbé?«
Während dieses vorging, hatte der Chevalier Zeit gehabt, die Töchter der Madame Denis näher zu betrachten. Demoiselle Emilie war eine hohe hagere Gestalt, von 22 bis 23 Jahren, welche, wie man versicherte, eine auffallende Aehnlichkeit mit ihrem Vater dem verstorbenen Herrn Denis hatte, ein Vorzug, welcher wie es schien, nicht hinreichte, ihr im Herzen ihrer Mutter, die Liebe zu verschaffen, die sie ihren beiden übrigen Kindern zuwandte. Auch hatte die arme Emilie, stets besorgt etwas unrecht zu machen und geschmäht zu werden, dadurch eine schüchterne, linkische Haltung bekommen, die selbst dem Bestreben ihres Tanzmeisters nicht hatte weichen wollen. Demoiselle Athenais dagegen war durchaus das Gegentheil ihrer Schwester, eine kleine runde Kugel, die, Dank sei es ihren sechzehn oder siebzehn Jahren, jene Schönheit besaß, die man beautu dé Diable nennt. Sie glich weder dem Herrn noch der Madame Denis, welcher Umstand früher die Lästerzungen in der Rue St. Martin in Bewegung setzte, wo Ersterer früher einen Tuchladen hatte, bis er das Haus in der Rue du Temps perdu erkaufte. Trotz dieser Unähnlichkeit mit ihren Aeltern, war Demoiselle Athenais dennoch nicht weniger der erklärte Liebling ihrer Mutter, welches ihr fortwährend die ganze Zuversicht verlieh, die der armen Emilie fehlte. Von gutmüthiger Sinnesart, wie sie war, benutzte Athenais übrigens diesen Vorzug, um die Fehler zu entschuldigen, welche fortwährend ihrer älteren Schwester zur Last gelegt wurden, Uebrigens glaubte der Chevalier, der als Zeichner auch ein guter Physiognomiker war, zwischen den Zügen der Athenais, und denen des Abbé Brigaud, eine gewisse Aehnlichkeit zu bemerken, die bei der Untersuchung einer Vaterschaft leicht als Leitfaden hätte dienen können.
Obgleich es erst elf Uhr Vormittags war, so waren die beiden Schwestern doch schon so geputzt, als ob sie sich auf einen Ball hätten begeben wollen; sie trugen an ihrem Halse, an ihren Armen und in ihren Ohren, alles was sie an Schmuck besaßen.
Ihre Erscheinung, welche so ganz und gar der Idee entsprach, die Harmental sich im Voraus von den Töchtern seiner Wirthin gemacht hatte, war für ihn eine neue Quelle der Betrachtungen. Da die Demoiselles Denis so ganz und gar das waren, was sie sein mußten, das heißt, daß sie in vollkommener Harmonie mit ihrem Stande und ihrer Erziehung, standen, warum, so fragte sich der Chevalier, warum war Bathilde, die dem Anscheine nach von niedrigerem Ursprunge war als sie, eben so ausgezeichnet als sie gemein? Woher kam zwischen jungen Mädchen aus einer und derselben Classen und von demselben Alter dieser ungeheure physische und moralische unterschied? Es mußte einerseits hier ein Geheimniß obwalten, welches, so hoffte Harmental, sich früh oder spät unfehlbar aufklären würde.
Eine zweite Aufforderung durch den Fuß des Abbé Brigaud, erinnerte den Chevalier daran, daß eine Betrachtungen immerhin ganz richtig sein konnten, daß er denselben aber zu einer sehr unpaßenden Stunde nachhing, und wirklich hatte Madame Denis ein so auffallend pikiertes Wesen angenommen, daß Harmental einsah, es sei die höchste Zeit einzulenken, wollte er bei seiner Wirthin den ungünstigen Eindruck heben, den seine Zerstreuung bei ihr hervorgebracht hatte.
»Madame, nahm er sofort mit der ausgezeichnetsten Freundlichkeit das Wort, »das was ich bisher von Ihrer Familie kennen lernte, erregt in mir den Wunsch, die Bekanntschaft aller Mitglieder derselben zu machen. Ist Ihr Herr Sohn nicht daheim, und werde ich nicht das Vergnügen haben ihm vorgestellt zu werden?«
»Mein Herr, erwiderte Madame Denis, der diese Rede ihre ganze Freundlichkeit wiedergegeben hatte, mein Sohn arbeitet bei einem Procurator, und wenn seine Gänge ihn nicht zufällig in dieses Stadtviertel führen, so ist es nicht wahrscheinlich daß er diesen Vormittag die Ehre haben wird, Ihre Bekanntschaft zu machen.«
»Mein Seel,« sprach der Abbé Brigaud lächelnd, indem er auf die Thür deutete, »Sie scheinen Aladins Wunderlampe zu besitzen, kaum äußern Sie einen Wunsch, so ist er auch schon erfüllt.«
Und wirklich vernahm man in diesem Augenblick von der Treppe her das Lied von Marlborough erschallen, welches damals zu den Neuigkeiten des Tages gehörte; die Thür öffnete sich, ohne daß zuvor angeklopft wurde und herein trat ein derber junger Mann von rothem frischen Ansehen, welcher große Aehnlichkeit mit Demoiselle Athenais hatte.
»Charmant, charmant!« rief er, indem er die Arme über einander schlug, und die durch den Abbé Brigaud und Harmental vermehrte Gesellschaft des Wohnzimmers betrachtete. »Geniert Euch nicht, Mama! Da schickt sie Bonifaz zu seinem Procurator mit einem Brod und einem Stück Käse und spricht, geh’, geh’, mein Söhnchen, iß und verdirb Dir nicht den Magen! Und während einer Abwesenheit giebt es hier Feste und Gastmähler! Zum Glück aber hat der Bonifaz eine feine Nase. Er hat Geschäfte in der Straße Montmartre, ein Windstoß berührt ihn; was duftet denn da so lieblich in der Rue du Temps perdu, denkt er, und eilt hierher. Da ist er nun, also Platz gemacht!«
Indem er seinen Worten die dazu gehörige Handlung folgen läßt, rückt er ohne Weiteres einen Stuhl zum Tisch und setzt sich zwischen Brigaud und Harmental.
»Mein Herr Bonifaz,« nahm Madame Denis mit affektierter Strenge das Wort, »sehen Sie nicht, daß hier Fremde zugegen sind?«
»Fremde?« wiederholte ihr Sohn, indem er ohne Umstände zulangte, »etwa Sie, Papa Brigaud, oder Sie, Herr Raoul? Der ist ja auch kein Fremder, sondern unser Miethsmann!« Und nunmehr begann er seine Kinnbacken arbeiten zu lassen.
»In der That, Madame Denis,« bemerkte der Chevalier, »ich sehe mit Freuden, daß ich schon mehr errungen habe, als ich glaubte, denn ich wußte nicht, daß ich bereits die Ehre hatte, von Herrn Bonifaz gekannt zu seyn.«
»Es wäre ganz seltsam, wenn ich Sie nicht kennen sollte,« entgegnete der junge Schreiber mit vollem Munde, »Sie haben ja mein Zimmer bezogen.«
»Wie, meine werthe Madame Denis!« rief Harmental, »Sie ließen mich in Ungewißheit, daß ich die Ehre hatte die Wohnung einzunehmen, welche vor mir der muthmaaßliche Erbe Ihres Hauses inne hatte! Ich wundre mich jetzt nicht länger, daß ich dort alles so hübsch geordnet fand, man erkannte auf den ersten Blick die Sorge einer Mutter.«
»Nun wohl bekomm’s Ihnen,« versetzte Bonifaz, wenn ich Ihnen aber einen guten Rath geben soll, so gucken Sie nicht so oft aus dem Fenster.«
»Weshalb das nicht,« fragte Harmental. »Weil Ihnen gegenüber eine gewisse Nachbarin wohnt, welche – –
Ach, Sie meinen Mademoiselle Bathilde,« unterbrach ihn der Chevalier sich vergessend.
»Wie, Sie kennen Sie schon,« bemerkte Bonifaz, »vortrefflich, dann wird Alles gut gehen!«
»Wirst Du gleich schweigen, Bonifaz,« gebot rasch seine Mutter.
»Ei was, Mama!« rief Bonifaz, »man muß doch eine Miethsleute von Allem gehörig unterrichten, Sie arbeiten nicht bei einem Procurator, Mama, sonst würden Sie das wissen.«
»Was für eine Gemeinschaft kann zwischen Herrn Raoul und Mademoiselle Bathilde stattfinden?«
»Was er mit Ihr zu schaffen haben kann?« antwortete ihr hoffnungsvoller Sohn, »bevor acht Tage vergehen, wird er bis über die Ohren in sie verliebt seyn, oder er wäre kein Mann, und es ist keine Kleinigkeit eine Coquette zu lieben!«
»Eine Coquette?« fragte Harmental erstaunt.
»Ja, ja, eine Coquette, eine Coquette!« rief Bonifaz, »ich habe es einmal gesagt und ich widerrufe nicht. Eine Coquette, die mit jungen Leuten liebäugelt, und bei einem alten Manne wohnt. Ihre verwünschte Mirza nicht gerechnet, die meine Bonbons frißt, und zum Dank dafür jedesmal wenn sie mir begegnet, nach meinen Waden schnappt.«
»Stehen Sie auf Mademoiselles und entfernen sie sich,« rief Madame Denis, indem sie sich von ihrem Sitz erhob, »entfernen Sie sich, so reine Ohren wie die Ihrigen, dürfen solche leichte Reden nicht mit anhören.« Und sie trieb mit diesen Worten Athenais und Emilie in das Nebenzimmer, wohin sie ihnen folgte.
Was unsern Harmental betraf, so verspürte er große Lust, dem Herrn Bonifaz eine Flasche an den Kopf zu werfen, er begriff indeß, wie lächerlich er sich dadurch machen würde, und kämpfte seinen Zorn nieder. »Ich glaubte,« sprach er, »daß der ehrliche Bürger, den ich auf der kleinen Terasse gewahrte, denn der ist es doch ohne Zweifel den Sie meinen, Herr Bonifaz – –«
»Allerdings, der alte Schuft,« unterbrach ihn Bonifaz, »wer sollte das von ihm glauben?«
»Er ist ihr Vater, nicht wahr?« fragte der Chevalier.
»Ihr Vater? Hat die denn einen Vater diese Demoiselle Bathilde? Nein, ich sage Ihnen sie hat keinen Vater!«
»Oder vielleicht Ihr Oheim?«
»Ihr Oheim? Nun ja, vielleicht wie man das in der Bretagne meint, anders aber –
»Bonifaz,« sprach jetzt Madame Denis, welche wieder eintrat, nachdem sie ihre Töchter gewiß in das entlegendste Zimmer gebracht hatte, »ich habe Dich ein für allemal gebeten, in Gegenwart deiner sittlichen Schwestern keine so leichte Redensarten zu führen.«
»Ei was, Mama,« versetzte Bonifaz, indem er seinen Teller aufs Neue füllte, »meine Schwestern! glauben Sie etwa daß die Mädchen in ihrem Alter dergleichen Dinge nicht hören können, zumal Emilie, die schon 23 Jahr alt ist.«
»Emilie, mein Herr Bonifaz, ist rein und unschuldig, wie ein neugeborenes Kind,« entgegnete Madame Denis, indem sie ihren Platz zwischen dem Abbé und Harmental wieder einnahm.
»Unschuldig, nun ja! glauben Sie nur daran, Mama, und trinken Sie einmal darauf. Ich habe in dem Zimmer der lieben Unschuld einen schönen Roman gefunden, ich will Ihnen denselben einmal zeigen, Papa Brigaud, Ihnen, der ihr Beichtvater ist, Sie sollen sehen, wie gut sie ihre Fastenzeit angewandt hat.«
»Schweige bösartiges Kind,« sprach der Abbé, Du siehst welchen Kummer Du Deiner Mutter machst.«
Wirklich erstickte Madame Denis fast vor Schaam und Verdruß, von einer ihrer Töchter dergestalt sprechen zu hören in Gegenwart eines jungen Mannes, in Betreff dessen sie schon Projekte für die Zukunft entworfen hatte. Sie war nahe daran in Ohnmacht zu sinken.
Es giebt indessen nichts, woran die Männer weniger glauben als die Ohnmachten der Weiber, und dennoch giebt es nichts, wodurch sie leichter gefangen werden. Uebrigens, ob er daran glaubte oder nicht, Harmental war zu höflich um nicht seiner Wirthin bei dieser Gelegenheit einen Beweis seiner Theilnahme zu geben. Er öffnete seine Arme um sie aufzufangen, und kaum bemerkte das Madame Denis, als sie sich auch in die schutzgewährenden Stützen sinken ließ, und sich in den Armen des Chevalier complet ihrer Ohnmacht hingab.
»Einen Lehnstuhl, Abbé, einen Lehnstuhl,« rief Harmental, während Bonifaz die Zeit benutzte, mit den noch übrigen Bonbons und Näschereien eine Taschen zu füllen.
Der Abbé schob einen Lehnstuhl hin, mit der Langsamkeit eines Mannes, der an dergleichen Erscheinungen gewohnt ist, und den die Folgen derselben nicht beunruhigen. Man setzte Madame Denis hinein und rieb ihr Schläfe und Hände, sie aber schien noch immer nicht geneigt, wieder zum Leben zu erwachen; plötzlich aber, als man es am wenigsten erwartete, sprang sie wie von einer Feder aufgeschnellt, auf ihre Füße und stieß einen lauten Schrei aus. Harmental glaubte, daß ein Nervenanfall ihrer Schwäche folgte und erschrak wirklich.
»Es ist nichts, es ist gar nichts!« beruhigte Bonifaz, ich habe ihr die Caraffe Wasser über den Rücken gegossen. Ja, ja, ich bin es,« fuhr er zu Madame Denis gewandt fort, welche wüthende Blicke auf ihn schleuderte, »ich, ich habe Sie zu sich selbst gebracht, Mama, erkennen Sie mich nicht, ich bin es ja, ich, Ihr kleiner Bonifaz, der Sie von Herzen liebt.«
»Madame,« sprach Harmental, »ich bin in der That trostlos über Alles was sich zugetragen.«
»Ach, mein Herr!« erwiderte Madame Denis in Thränen ausbrechend, »ich bin sehr unglücklich!«
»Ach, weinen Sie doch nicht Mama, Sie sind schon naß genug,« sprach Bonifaz, »wechseln Sie lieber das Hemd, es ist nichts ungesunder als nasse Wäsche auf dem Körper zu behalten.«
»Er hat Recht, bemerkte der Abbé Brigaud, »ich glaube. Sie würden gut thun, seinem Rathe zu folgen.«
»Wenn ich meine Bitte mit der des Abbé vereinigen dürfte,« nahm Harmental das Wort, »so möchte ich Sie ersuchen, sich um meinentwillen nicht zu genieren. Ueberdem ist der Augenblick gekommen, wo wir uns von Ihnen verabschieden müssen.«
»So leben Sie wohl, meine Herrn,« sprach Madame Denis, indem sie eine Verbeugung machte, welcher das von oben über ihren Rücken gegossene und jetzt sich unterhalb wieder hinwegbegebende Wasser viel von ihrer Majestät raubte.
»Adieu Mama!« rief Bonifaz, indem er mit der Zuversicht eines verzogenen Kindes seinen Arm um Madame Denis schlang. »Haben Sie nichts an Herrn Jouy zu bestellen?«
»Adieu, Du Taugenichts!», entgegnete die Mutter halb noch zornig, halb aber schon wieder freundlich gestimmt, »adieu, und führe Dich gut auf!«
Und der dritte Schreiber des Herrn Jouy eilte den Gästen seiner Mutter nach, welche sich schon auf dem Flur befanden.« Was hast Du denn da mit meiner Tasche zu schaffen?« fragte der Abbé Brigaud.«
»Ei, ich untersuche nur, ob sich nicht darin ein kleiner Thaler für Ihren guten Freund Bonifaz befindet?« erwiderte der Sohn der Madame Denis.
»Da hast Du einen großen Thaler,« lachte der Abbé, »nun geh’ Deiner Wege und laß uns allein.«
»Papa Brigaud, rief Bonifaz, »Sie besitzen das Herz eines Cardinals, und wenn der König. Sie nur zum Erzbischof macht, stiehlt er Ihnen die Hälfte von dem was Ihnen zukommt. Adieu, Herr Raoul, fuhr er zu Harmental gewandt, mit einer Vertraulichkeit fort, als ob er ihn schon zehn Jahre lang gekannt hätte. »Wie gesagt, hüten Sie sich vor Demoiselle Bathilde, wenn Sie anders Ihr Herz bewahren wollen.« Er war mit einigen Sprüngen zur Thür hinaus. Der Abbé Brigaud folgte ihm langsam, nachdem er mit dem Chevalier verabredet hatte, daß sie sich Abends. Acht Uhr wieder treffen wollten; worauf Harmental wieder zu seinem Dachstübchen hinanstieg.
II.
Das rothe Band
Was den Geist des Chevaliers von Harmental beschäftigte, war keineswegs die Entwickelung des Dramas, in dem er eine so bedeutende Rolle übernommen hatte und die heranzurücken schien. Die Vorsicht des Abbé war zu loben, der ihn in ein Haus gebracht hatte, welches er seit einer Reihe von Jahren fast täglich zu besuchen pflegte, so daß selbst sein häufiges Kommen jetzt nicht auffallen konnte. Auch gedachte er nicht mehr weder an die pomphafte Redeweise der Madame Denis, noch an die falschen Töne Emiliens, noch an Athenais schnarrende Altstimme, noch an die Eulenspiegel streiche des jungen Bonifaz, er dachte nur an die arme Bathilde, deren guter Name so eben bei seiner Wirthin gemißhandelt worden war.
Unsere geneigten Leser würden sich indeß sehr täuschen, wenn sie glauben sollten, daß die furchtbare Anklage des Herrn Bonifaz auch nur im geringsten die ihm selbst noch unerklärlichen Gefühle hätte schwächen können, die der Chevalier für das junge Mädchen bereits empfand. Harmental hielt sich überzeugt, daß zwischen seinen beiden Vis-á-vis kein Liebesverhältnis stattfinden; könne und Eigennutz konnte hier eben so wenig im Spiele sein, da ihre Lage wenn auch nicht grade Armuth, doch große Beschränktheit der Vermögensumstände beurkundete.
Der Chevalier hielt daher den Gedanken fest, daß die reizende Bathilde weder die Gattin noch die Tochter dieses ordinairen Nachbars sein konnte, dessen prosaische Erscheinung jedesmal die Liebe unterdrückt hatte, die seine Brust für Sie zu nähren begann. Wenn sie aber keins von diesen Dreien war, so ruhte auf ihrer Geburt ein Geheimniß, und sie war alsdann nicht das was sie zu sein schien. Jetzt erklärte sich ihm Alles. Diese edle Schönheit, diese anmuthvolle Grazie, diese vollendete Erziehung, hörten auf für ihn ein Räthel zu sein, Bathilde war ohne Zweifel weit über die Stellung erhaben, die sie in diesem Augenblick einzunehmen genöthigt war; es hatte in dem Schicksale dieses jungen Mädchens eine jener Umwälzungen stattgefunden, die wie die Erdbeben die Städte, die Verhältnisse der Menschen über den Haufen werfen. In ihrem Leben mußte sich etwas zugetragen haben, was sie zwang zu der niedrigen Sphäre hinabzusteigen, in welcher sie jetzt vegetierte.
Weit entfernt also, dem freundschaftlichen Rathe zu folgen, den ihm Herr Bonifaz gegeben, war das Erste was Harmental that, als er sein Dachstübchen wieder betreten hatte, an das Fenster zu eilen und sich umzuschauen, wie es bei seiner reizenden Nachbarin aussähe. Das Fenster gegenüber stand weit geöffnet.
Hätte man unterm Helden vor acht Tagen gesagt, daß ein offenstehendes Fenster sein Herz lauter pochen machen würde, er würde laut aufgelacht haben, und dennoch war dem also, denn er war genöthigt, seine Hand auf die Brust zu legen, um das Wogen derselben zu hemmen; während er seine Stellung so nahm, daß er beobachten konnte, ohne selbst bemerkt zu werden.
Nach wenigen Augenblicken aber überzeugte er sich, daß das Zimmer leer sein mußte, denn dessen schlanke und behende junge Bewohnerin würde gewiß schon zehnmal vor seinen Augen hin und hergeschlüpft sein, wäre sie nicht abwesend gewesen. Harmental öffnete jetzt auch sein Fenster, und alles bestätigte ihn in einer Vermuthung; es war selbst zu bemerken, daß die sorgsame und aufräumende Hand der alten Aufwärterin das Zimmer geordnet hatte, denn das Clavier war hermetisch verschlossen, die Noten welche früher zerstreut umherlagen, waren aufgehäuft, kurz alles war sauber geordnet. Was übrigens die Vermuthung des Chevaliers zur Gewißheit steigerte, war der Umstand: daß das Hündchen, welches eingeschlafen gewesen war, durch das Oeffnen des Fensters Harmentals, plötzlich geweckt wurde und bellend emporsprang um sich umzuschauen, wer es in seiner Ruhe gestört habe.
Da durch die Aussagen des Herrn Bonifaz, der Chevalier wußte, daß dies Hündchen sich Mirza nannte, und da man, wenn man eine Festung erobern will, nichts vernachlässigen darf, und ein vertrautes Verhältniß mit Jemand innerhalb derselben, oft weit wirksamer ist, als die furchtbarsten Kriegsmaschienen, so beschloß er, sich zuerst mit dem Hündchen in Verbindung zu setzen, und rief mit der sanftesten, einschmeichelndsten Stimme: »Mirza! Mirza!«
Die niedliche Mirza, welche sich wieder gemächlich auf das Fensterkissen gelagert hatte, fuhr bei diesem Rufe staunend auf; und in der That mußte es dem Thierchen auffallen, daß ein wild fremder Mann es so ungeniert bei einem Taufnamen nannte. Auch blickte es den Rufer unruhig an und knurrte ein wenig.
Harmental erinnerte sich, daß der Marquis von Uxelles, dadurch, daß er das Lieblingshündchen der Demoiselle Chaoin mit gebratenen Kaninchenköpfen fütterte, den Marschallstab erlangt hatte, und er zweifelte daher nicht, durch ein ähnliches Verführungsmittel den Zorn zu beschwichtigen, mit dem Demoiselle Mirza seiner ersten Huldigung begegnet war. Er näherte sich daher seiner Zuckerdose und trällerte dabei vor sich hin:
Des chiens admirez la puissance:
A la cour leur crédit et bon;
Et jamais Marechal de france
Na mieux merité le baton.
Dann trat er wieder zu seinem Fenster, mit zwei ziemlich großen Stücken Zucker bewaffnet.
Unser Held hatte sich nicht geirrt, kaum hatte er ihr mit geschickter Hand einen Theil der verlockenden Süßigkeit zugeworfen, als sie auch sofort die ihr gewordene Spende beschnüffelte, sie alsdann zwischen die Zähne nahm, und mit der Langsamkeit eines Feinschmeckers verspeiste. Nachdem diese Operation beendigt worden war, gab sie durch ein leises Schnalzen mit ihrer rosigen Zunge zu erkennen, daß sie trotz der scheinbaren Gleichgültigkeit, welche sie ohne Zweifel als Folge der ihr gewordenen Erziehung gezeigt hatte, die Aufmerksamkeit zu würdigen wußte, die ihr ihr Nachbar so unerwartet erwiesen. Auch legte sich Mirza nicht wieder zum Schlafen nieder, sondern setzte sich gähnend auf ihre Hinterpfötchen und wedelte dabei mit dem Schwänzchen, gleichsam als wolle sie zu erkennen geben, daß sie bereit sei noch mehr solche Artigkeiten in Empfang zu nehmen.
Harmental verstand ihre Meinung ganz vollkommen, und warf ihr unverzüglich ein zweites Stück Zucker zu, jedoch diesmal absichtlich so, daß es über die Fensterbank weg ins Zimmer fiel; es sollte dies eine Probe sein, ob die Trägheit oder die Gourmandiese bei Mirza vorherrsche, denn danach wollte der Chevalier seine Operationen einrichten. Mirza schien einen Augenblick lang unschlüssig, endlich aber trug wirklich die Gourmandie den Sieg davon und sie sprang hinab das Stück Zucker zu suchen, welches unter das Clavier gerollt war. In diesem Augenblick fiel ein drittes Stück ins Fenster und Mirza eilte von dem zweiten Stück zum dritten, wie vom ersten zum zweiten geeilt war. Hier aber beschränkte der Chevalier für diesmal seine Freigebigkeit, er glaubte bereits genug gegeben zu haben, um auch wieder etwas zu empfangen; er begnügte sich also noch einmal, aber in einem etwas bestimmteren Tone als früher »Mirza! Mirza!« zu rufen, wobei er dem Hündchen die Stücken Zucker sehen ließ, die sich noch in seiner Hand befanden.
Ohne den Chevalier wie früher unruhig, oder gar verächtlich anzublicken, erhob sich Mirza jetzt auf ihren Hinterpfötchen, legte die Vorderpfötchen auf den Fensterrand, und guckte den Chevalier mit den Blicken eines alten Bekannten an. Es war gelungen, Mirza war gewonnen!
Der Chevalier machte die Bemerkung, daß er, um dieses Resultat zu erreichen, grade so viel Zeit gebraucht habe, als nöthig sei, um eine Kammerjungfer mit Gold, oder eine Herzogin mit Diamanten zu verführen.
Jetzt war es an ihm den Spröden zu spielen, und zu Mirza zu reden, damit sie sich an seine Stimme gewöhne. Diese seine Operation glückte so sehr, daß die niedliche Mirza, da Harmental fortfuhr hin und wieder Stückchen Zucker zu spenden, sich ganz und gar in diese Unterhaltung mit ihrem Nachbar vertiefte und keineswegs wie am vergangenen Tage die Annäherung ihrer Gebieterin bemerkend und verkündend, noch ruhig im Fenster saß und mit dem Chevalier liebäugelte, als jene ins Zimmer trat. Natürlich forschten Bathildens Blicke sofort nach der Ursache des veränderten Betragens ihres Hündchens. Ihre Augen begegneten denen des Chevaliers, Bathilde erröthete; Harmental verbeugte sich und Bathilde, ohne recht zu wissen was sie that, erwiderte die Begrüßung.
Das reizende Mädchen wollte jetzt das Fenster schließen, aber ein richtiger Tact hielt sie davon zurück; sie fühlte, daß das der Sache. Wichtigkeit verleihen und daß es scheinen würde, als wolle sie sich gegen einen Angriff in Vertheidigungsstand setzen, und sie begnügte sich daher ruhig in den Theil des Zimmers zu treten, in welchen Harmentals Blicke nicht dringen konnten. Als sie nach einigen Augenblicken sich wieder hervorwagte, überzeugte sie sich daß ihr Nachbar gegenüber ein Fenster geschlossen hatte. Bathilde begriff diese Bescheidenheit und wußte ihm dafür Dank.
Und wirklich hatte unser Held einen Meisterstreich ausgeführt. In der noch so wenig vorgerückten Situation, in welcher sich Harmental zu seiner Nachbarin befand und bei der großen Nähe der beiden Fenster, konnten unmöglich beide geöffnet bleiben, und wenn er das seine hätte offen stehen lassen, so würde sie natürlich das ihre verschlossen haben; und wie hermetisch wußte sie dies zu bewerkstelligen! Jetzt aber konnte er sie hinter seinem Vorhange beobachten und das war eine große Zerstreuung für einen jungen Mann, der wie er jetzt zu der strengsten Zurückgezogenheit verurtheilt war. Er war in seinen Operationen schon um ein Bedeutendes vorgerückt, er hatte Bathilde gegrüßt und sie hatte seinen Gruß erwidert. Sie fanden also jetzt nicht mehr gänzlich fremd einander gegenüber. Es hatte sich zwischen ihnen eine Art von Bekanntschaft angeknüpft, um diese aber weiter zu führen, mußte man nichts übereilen, wollte man nicht das Gewonnene wieder verlieren. Es war besser Bathilde glauben zu lassen, daß der Zufall hier allein im Spiele gewesen sei. Bathilde glaubte es vielleicht nicht, aber, ohne sich etwas zu vergeben, konnte sie thun als ob sie es glaube. Hieraus entstand nunmehr daß Bathilde ihr Fenster offen ließ, und da sie das ihres Nachbars geschlossen sah, sich an dem ihrigen mit einem Buche in der Hand niederließ.
Was die kleine Mirza betraf, so sprang diese auf das Tabouret zu den Füßen ihrer Herrin, welches ihr überhaupt zur Lagerstätte diente; statt aber wie sonst die Füßchen auf den Knien ihrer Herrin ruhen zu lassen, stellte sie sie jetzt auf die Fensterbank und kuckte hinüber nach dem freundlichen Nachbar, der ihr den Zucker mit so freigebiger Hand gespendet hatte.
Der Chevalier setzte sich nun in die Mitte seines Zimmers, nahm seine Zeichenmaterialien zur Hand und skizzierte mittelst einer kleinen, im Vorhang befindlichen Oeffnung, das anmuthige Bild was er vor Augen hatte.
Leider waren grade die Tage sehr kurz, das wenige Licht welches durch die Wolken und den Regen herableuchtete, begann zu schwinden, und Bathilde schloß ihr Fenster, jedoch nicht ohne daß zuvor in Harmentals Zeichnung ihr reizendes Köpfchen und zwar mit der täuschendsten Aehnlichkeit vollendet worden war.
Als es völlig dunkel geworden war stellte sich der Abbé Brigaud wieder ein. Der Chevalier und der Abbé hüllten sich dicht in ihre Mäntel und schritten dem Palais Royal zu, wo sie, wie der geneigte Leser sich erinnern wird, das Terrain recognosciren wollten.
Das Haus, welches Frau von Sabran bezogen hatte, seitdem Herr von Sabran Maitre d’hotel des Regenten geworden war, lag zwischen dem Hotel de la Roche Guyon und dem Durchgange der früher Passage du Paláis Royal genannt wurde, weil er der Einzige war, der von der Rue des bons Enfans nach der Rue Valois führte. Dieser Durchgang, welcher seitdem seinen Namen verändert hat, und jetzt Passage du Lycée genannt wird, ward damals wie alle übrigen Gitterthore des Gartens verschlossen, das heißt pünktlich elf Uhr Abends, hieraus geht hervor, daß diejenigen, welche sich in einem Hause der Rue des bons Enfans befanden, wenn anders dasselbe keinen zweiten Ausgang in die Rue Valois hatte, nach elf Uhr genöthigt waren, wollten sie sich nach dem Palais Royal begeben, einen großen Umweg zu machen und entweder la Rue neuve des petits Champs oder den Cours des Fontaines zu passieren.
Dies war der Fall mit dem Hause der Frau von Sabran. Es war ein allerliebstes kleines Hotel, gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts, das heißt vor ungefähr 20 bis 25 Jahren, erbaut. Es bestand nur aus einem Rez de Chaussée, und aus einem einzigen Stockwerk, über dem sich eine steinerne Gallerie befand, mit Dachzimmern für die Dienerschaft. Längs den Fenstern des ersten Stockwerks dehnte sich ein Balkon hin. Die beiden Facaden des Hauses waren übrigens ganz gleich, da jedoch die Rue Valois um acht bis zehn Fuß tiefer liegt als die Rue des bons Enfans, so war vor den Fenstern des Rez de Chaussée eine Terasse angebracht, die man zu einem kleinen Garten umgeschaffen hatte, in welchem im Sommer die köstlichsten Blumen prangten, welche aber keineswegs mit der Straße in Verbindung stand. Der einzige Ein- und Ausgang dieses Hauses befand sich also, wie wir es bereits bemerkt haben, in der Rue des bons Enfans.
Das war Alles, was unsere Verschwörer nur wünschen konnten. Befand sich der Regent erst einmal bei der Frau von Sabran, war er, was möglich war, zu Fuße gekommen, und blieb er dort, was höchst wahrscheinlich war, bis nach elf Uhr, so war er wie in einer Mausefalle gefangen, denn er mußte durchaus dort wieder heraus, wo er hineingegangen war, und nichts war daher ausführbarer, als ein coup de main, wie der in der Rue des bons Enfans beabsichtigte, in der einsamsten und dunkelsten Umgegend des Palais Royal.
Ueberdies war diese Straße damals, wie auch jetzt, von verdächtigen Häusern umgeben, welche im Allgemeinen von ziemlich schlechter Gesellschaft besucht wurden, so daß man hundert gegen eins wetten konnte, ein Hilfsgeschrei in derselben, würde gänzlich unbeachtet bleiben, und wenn dann endlich auch die Schaarwächter anlangen sollten, so stand bei der Langsamkeit dieser Miliz mit Recht zu erwarten, daß solches erst geschehen würde, wenn der Plan bereits in Ausführung gebracht worden.
Nachdem das Terrain gehörig recognoscirt, die Disposition getroffen, und die Nummer des Hauses, es war Nummer 25, bemerkt worden war, trennten sich Harmental und der Abbé Brigaud, der Letztere um sich in das Arsenal zu begeben und die Herzogin von Maine von Allem zu unterrichten, unser Chevalier aber, um in sein Dachstübchen, Rue du Temps Perdu zurückzukehren.
Wie am vorigen Abend, war auch heute die Wohnung Bathildens erleuchtet; dies Mal aber, zeichnete das junge Mädchen nicht, sondern war mit einer Handarbeit beschäftigt; erst um ein Uhr Morgens löschte sie ihr Licht aus. Was den Bewohner des Dachstübchens mit der Terasse betraf, so war derselbe schon lange vor Harmentals Zurückkunft, wieder in seine luftige Behausung hinaufgestiegen.
Der Chevalier erfreute sich keines angenehmen Schlafes, in seiner Lage ist das höchst begreiflich. Gegen Morgen indeß trug eine Ermüdung den Sieg davon; und er erwachte erst, als er sich ziemlich derb beim Arme geschüttelt fühlte. Ohne Zweifel hatte der Chevalier einen bösen Traum, und wähnte das Rütteln sei eine Fortsetzung desselben; denn noch halb schlafend griff er schnell nach den Pistolen, die auf seinem Nachttische lagen.
»Ruhig, ruhig, junger Herr, rief der Abbé Brigaud, »alle Wetter, wie geschwinde. Sie bei der Hand sind. Machen Sie doch die Augen auf, erkennen Sie mich nicht?«
»Ei, Sie sind’s, erwiderte Harmental lächelnd, »Sie haben wohlgethan, mir meinen Arm zu halten, ich träumte, daß man mich arretieren wollte.«
»Ein gutes Zeichen, das,« versetzte der Abbé, Sie wissen, daß von einem Traume stets das Gegentheil eintrifft, es wird also Alles nach Wunsch gehen.«
»Giebt es etwas Neues?« fragte Harmental.
»Und wenn dies der Fall wäre, wie würden Sie die Kunde aufnehmen?«
»Ich würde sie mit Freuden begrüßen, rief der Chevalier. »Hat man einmal eine solche Sache übernommen, bringt man sie gern so schnell als möglich zu Ende.«
»Wohlan,« versetzte Brigaud, indem er ein Papier aus der Tasche zog und es Harmental überreichte, »lesen Sie!«
Harmental nahm das Blatt, entfaltete es so ruhig, als ob es die gleichgültigste Nachricht enthalten hätte, und las wie folgt:
Rapport vom 27. März, 2 Uhr Morgens.
»Gestern Abend um 10 Uhr, hat der Regent einen Courier von London empfangen, der ihm auf morgen die Ankunft des Abbé Dubois meldete. Zufällig speisete der Regent bei Madame, und so konnte ihm, trotz der vorgerückten Stunde die Depesche übergeben werden. Einige Augenblicke früher hatte Mademoiselle de Chartes ihren Vater um die Erlaubniß ersucht, in der Abtei de Chelles ihre Andacht verrichten zu dürfen, und man war übereingekommen, daß der Regent sie dort hinbringen solle bei dem Empfange der Depesche aber, ward dieser Plan abgeändert, und der Herr Regent befahl, das Conseil auf heute 12 Uhr zusammen zu berufen.
Um 3 Uhr wird der Regent dem Könige in den Tuilerien seine Aufwartung machen; er hat denselben um ein Gespräch unter vier Augen ersuchen lassen; denn er fängt an, sich bei dem Eigensinn des Herrn Maréchal de Villeroy zu langweilen, welcher verlangt, daß er bei den Zusammenkünften des Königs mit dem Regenten, stets zugegen sein müsse. Das Gerücht sagt, daß wenn dieser Eigensinn fortdauern würde, es dem Marschall schlecht bekommen könne.
Um 8 Uhr werden der Herr Regent mit dem Chevalier von Simiane und dem Chevalier von Ravanne bei der Frau von Sabran supiren.
»Ha, ha,« rief Harmental, und wiederholte mit Nachdruck die beiden letzten Zeilen.
»Nun, was sagen Sie dazu?« fragte der Abbé.
Der Chevalier sprang aus seinem Bette, warf seinen Schlafrock über, zog aus einem Schubfach ein ponceau rothes Band hervor, nahm Hammer und Nagel, öffnete das Fenster, nicht ohne einen Seitenblick auf das seiner Nachbarin zu werfen, und befestigte außerhalb desselben das Band an die Mauer.
»Was zum Henker soll das heißen?«, fragte der Abbé.
»Das soll heißen,« erwiderte der Chevalier, »daß Sie die Frau Herzogin von Maine benachrichtigen können, wie ich hoffe, schon an diesem Abend mein Versprechen zu erfüllen. Und jetzt fort mit Ihnen, lieber Abbé, kehren Sie erst nach zwei Stunden zurück, denn ich erwarte Jemand, und Ihre Gegenwart möchte genieren.«
Der Abbé ließ sich diesen Wink nicht wiederholen, er nahm seinen Hut, drückte dem Chevalier die Hand, und eilte von dannen.
Nach 20 Minuten trat der Capitain Roquefinette in’s Zimmer.
III.
Die Straße des bons Enfans
Am Abend desselben Tages, der ein Sonntag war, ungefähr um acht Uhr Abends, als eine Gruppe von Männern und Weibern, um einen Straßensänger versammelt war, welcher Wunder bewirkte, und die Straße fast hermetisch versperrte, stiegen ein Musketair und zwei Cheveauxlegérs die hinter dem Palais Royal befindliche Treppe herab, und machten einige Schritte um sich der Passage du Lycée zu nähern, die wie jedermann weiß, in jene Straße ausläuft. Als sie aber die Menschenmenge gewahrten, welche den Weg hemmte, blieben die drei Militairs stehen und schienen sich mit einander zu berathen; das Resultat dieser Deliberation war ohne Zweifel der Entschluß, einen anderen Weg einzuschlagen, als den, den man zuerst gewählt hatte. Denn der Musketair begann ein neues Maneuvre, schlug den Weg durch den Cours des Fontaines ein, wandte sich um die Ecke der Rue des bons Enfans, und erreichte trotz seiner Corpulenz mit seinen Gefährten in ziemlicher Schnelligkeit da Haus Nummero 25. das sich ihm wie auf einen Zauberschlag öffnete, und ihn und seine Gefährten einließ.
In dem Augenblick, in welchem sie den Entschluß gefaßt hatten, den kleinen Umweg zu machen, verließ ein junger Mann, in einen braunen Mantel gehüllt, den breitkrempigen Hut tief ins Gesicht gedrückt, die Gruppe, welche um den Straßensänger versammelt war und die Melodie eines Gassenhauers vor sich hin trällernd, und gleichfalls rasch durch die Passage du Lycée hineilend, langte er am Ausgange derselben grade noch zeitig genug an, um die drei oben erwähnten Personen in das Haus treten zu sehen.
Jetzt warf er forschend seine Blicke umher, und bei dem Scheine einer der drei Laternen, welche die Straße in ihrer ganzen Länge erleuchteten, oder erleuchten sollten, gewahrte er einen Kohlenträger, welcher um auszuruhen, seinen Sack auf das Gestein vor dem Hôtel de la Roche Guyon gestellt hatte. Einen Augenblick lang schien er zu zögern, ob er sich diesem Manne nähern solle; als der Kohlenträger aber dieselbe Melodie wiederholt, die der junge Mann im braunen Mantel vor sich hin geträllert hatte, nahm der Letztere keinen Anstand, sondern trat auf ihn zu.
»Nun, Capitain,« nahm der junge Mann im Mantel das Wort, »haben Sie sie gesehen?«
»Wie ich Sie sehe, Obrist, ein Musketair und zwei Cheveauxlegérs; aber ich konnte sie nicht erkennen, da aber der Musketair sich sorgfältig das Gesicht bedeckte, glaube ich, daß es der Regent war.«
»So ist’s, und die beiden Cheveauxlegérs sind Simiane und Ravanne.«
»So, so, mein Schüler!« rief der Capitain, »es wird mich freuen ihn wieder zu sehen, es ist ein braver Junge!«
»In jedem Falle, Capitain, geben Sie Acht, daß er Sie nicht wiedererkennt.«
»Mich wiedererkennen! der Teufel selbst würde mich in dieser Verkleidung nicht wiedererkennen; Sie aber, Chevalier, Sie haben ein ganz verwünscht vornehmes Wesen, das schlecht zu Ihrem Aufzuge paßt. Jedoch darauf kommt es jetzt nicht an, sie sind nun in der Mausefalle, und es gilt jetzt nur sie nicht entschlüpfen zu lassen. Sind unsre Leute benachrichtigt?«
»Ihre Leute, Capitain, wollen Sie sagen, Sie wissen, daß ich sie eben so wenig kenne, als sie mich. Ich trat aus der Gruppe, indem ich den verabredeten Gassenhauer trällerte. Ob sie mich gehört, ob sie mich verstanden haben, weiß ich nicht.«
Darüber sein Sie beruhigt, Obrist, die Bursche hören ein halb ausgesprochenes Wort, verstehen einen Blick.«
Und wirklich war der Mann im Mantel kaum aus der Gruppe getreten, als plötzlich in derselben, die nur aus vorübergehenden Müßiggängern zu bestehen schien, eine seltsame Bewegung stattfand. Obgleich das Lied des Straßensängers noch nicht zu Ende war, ging dennoch plötzlich alles auseinander, theils einzeln, theils Paarweise wobei man sich für Fremde unmerkliche Zeichen gab. Einige schlugen den Weg nach der Rue de Válois ein, andere gingen durch den Cours des Fontaines, und noch Andere schritten dem Palais Royal zu, auf diese Weise die Rue des Enfans umschließend, die der Ort ihres Rendezvous zu seyn schien.
Es erging aus diesem, dem Leser leicht begreiflichen Maneuvre, daß bei dem Straßenfänger nur ein Dutzend Weiber, einige Kinder und ein ehrlicher Bürger von ungefähr 40 Jahren zurückblieben, welcher Letztere aber jetzt auch den Kreis verließ, als er gewahrte, daß der Sänger seine Sammlung beginnen wollte. Ein spöttisches Lächeln verkündete dabei die Geringschätzung, die er gegen die neuere Musik empfand, auch trällerte er während er sich entfernte die Melodie eines ganz alten Liedes vor sich hin. Er gewahrte zwar, daß einige Männer an denen er vorüber kam, ihm seltsame Zeichen machten; da er aber kein Freimaurer war und überhaupt keiner geheimen Gesellschaft angehörte, achtete er nicht darauf und schritt ruhig, den bekannten Refrain
Laissez moi aller,
Laissez moi jouer,
Laissez moi aller jouer sous la Coudrette
vor sich hinmurmelnd, durch die Rue St. Honoré, bis zur Barriere des deux Sergens, wo er um die Ecke der Rue du Coq bog und verschwand.
Fast in demselben Augenblick kehrte der Mann im braunen Mantel zu dem Straßensänger zurück. »Mein lieber Freund,« sprach er, »meine Frau ist krank und Euer Gesang verhindert sie, daß sie einschlafen kann. Wenn Ihr keinen besondern Grund habt hier länger zu verweilen, so bitte ich Euch, Euch nach dem Platze des Palais Royal zu begeben, hier ist ein kleiner Thaler für Eure Gefälligkeit.«
»Dank, Dank, gnädigster Herr,« rief der Gassenvirtuose, indem er die Stellung die der Fragende seiner Meinung nach in der menschlichen Gesellschaft einnehmen mußte, nach der großmüthigen Spende desselben berechnete. Ich gehe sogleich, haben Sie keine Aufträge für die Rue Mouiletard?«
»Nein!«
»Ich hätte sie Ihnen sonst mit in den Kauf besorgt.« So sprechend packte der Straßen-Rubini seinen Kram zusammen und begab sich auf den Weg; mit ihm eilten auch die noch übrigen anwesenden Personen hinweg.
In diesem Augenblick verkündete die Glocke vom Palais Royal die neunte Stunde. Der junge Mann im Mantel zog jetzt eine Uhr hervor, die mit Diamanten besetzt war und zu einem einfachen Aufzuge auffallend kontrastierte, und da dieselbe zehn Minuten mehr anzeigte, so rückte er sie zurecht; dann schritt auch er durch den Cours des Fontaines in die Rue des bons Enfans.
Als er vor dem schon mehr erwähnten Hause ankam, fand er dort den Kohlenträger.
»Und der Sänger?« fragte dieser.
»Er ist fort!«
»Ganz gut!«
»Und die Postchaie?« fragte jetzt einerseits der Mann im Mantel.
»Sie harrt an die Ecke der Rue Baillif.«
»Hat man auch Sorge getragen, die Räder und die Hufen der Pferde mit Lumpen zu umwickeln?«
»Allerdings.«
»Gut, gut, so wollen wir es ruhig abwarten.« Und sie verhielten sich ruhig.
Während der nächsten Stunde schritten noch einige Personen durch die Straße, nach und nach aber ward alles öde und stille, die wenigen in den Fenstern noch brennenden Lichter erloschen, und die Dunkelheit trug endlich über die drei spärlichen Lampen vollständig den Sieg davon, um den sie schon lange gerungen.
Wieder eine Stunde verging. Die Schaarwache zog durch die Rue Valois, und man hörte von dem Straßenwächter die Pforte verschließen.
»Gut, gut,« murmelte der Mann im Mantel, »jetzt sind wir sicher nicht gestört zu werden.«
»Das heißt, bemerkte der Kohlenträger, »wenn er nicht bis zum Anbruch des Tages bleibt.«
»Wäre er allein gekommen, so wäre das möglich. Frau von Sabran aber wird sie doch nicht alle drei behalten!«
»Sie haben doch alle Vorsichtsmaaßregeln getroffen?«
»Das versteht sich!«
Ihre Leute denken doch, daß es nur eine Wette betrifft?«
»Sie thun wenigstens so als ob sie es glauben, mehr kann man nicht verlangen.«
»Wir sind also doch völlig einverstanden, Capitain? Sie und Ihre Leute sind betrunken, Sie stoßen mich, ich falle zwischen den Regenten und den, dem er den Arm gegeben hat. Ich trenne Beide, Sie bemächtigen sich seiner, und verstopfen ihm den Mund, auf den Schall einer Pfeife erscheint die Postchaise, während Simiane und Ravanne, die Pistole auf der Brust, zurückgehalten werden.«
»Aber,« fragte der Kohlenträger mit gedämpfter Stimme, »wenn er sich nun nennt?«
»Wenn er sich nennt?« wiederholte der Mann im Mantel auf gleiche Weise, »bei einer Verschwörung gilt keine halbe Maßregel. Wenn er sich nennt, so tödten Sie ihn.«
»Alle Teufel,« rief der Kohlenträger, »da wollen wir hoffen, daß er sich nicht nennt!«
Und Beide verhielten sich wieder schweigend wie das Grab.
Eine Viertelstunde verfloß wieder, ohne daß sich irgend etwas Besonderes ereignet hätte. Da erleuchtete plötzlich ein Licht die drei Mittelfenster des besagten Hauses. Zugleichenzeit ward der Schritt eines Mannes vernehmbar, der von der Rue St. Honoré herkam und die Straße ihrer ganzen Länge nach durchschreiten zu wollen schien. Der Kohlenträger murmelte einen derben Fluch durch seine Zähne. Der Mann kam näher; sei es nun aber daß er die große Dunkelheit fürchtete, oder daß er in derselben sich etwas bewegen sah, genug er schien zu stutzen. Nach Art und Weise der Feigherzigen, begann er zu singen, um sich selbst Muth zu machen, so wie er indeß näher kam, fing seine Stimme an zu zittern. Plötzlich aber hemmte er von Schrecken erfaßt seine Schritte und ließ seinen Gesang verstummen, denn er hatte bei dem Lichte, das durch die erhellten Fenster drang, in einer Vertiefung des gegenüberliegenden Hauses zwei Männer gewahrt. Zum Unglück näherte sich in diesem Augenblick ein Schatten dem Fenster, der Kohlenträger sah ein, daß ein einziger Schrei alles verderben könne, und er machte eine Bewegung um sich auf den Ankömmling zu werfen; der Mann im Mantel hielt ihn zurück.
»Capitain!« flüsterte er ihm zu, »fügen Sie dem Manne kein Leid zu. Machen Sie daß Sie vorbei kommen, Freund, eilig, eilig,« sprach er dann zu dem Wandrer, »fort, aber blicken Sie nicht hinter sich.« »Der Mann ließ sich das nicht zweimal sagen, sondern eilte so schnell es ihm eine zitternden Glieder erlauben wollten vorüber; nach wenigen Augenblicken war er verschwunden.
»Es war die höchste Zeit,« bemerkte der Kohlenträger, »jetzt wird das Fenster geöffnet.«
Die beiden Männer traten in den Schatten, so tief sie konnten. Wirklich öffnete sich das Fenster, und einer der Cheveauxlegérs näherte sich dem Balkon.
»Nun Simiane,« fragte aus dem Zimmer eine Stimme, welche die Harrenden für die des Regenten erkannten,« »wie ist das Wetter?«
»Ich glaube es schneit, erwiderte Simiane.
»Wie, Du glaubst, daß es schneiet?«
»Es schneiet oder regnet, ich weiß es selbst nicht,« versetzte Simiane.
Wie, Du dummer Teufel, Du kannst nicht unterscheiden, ob es regnet oder schneit?« sprach Ravanne und trat ebenfalls auf den Balkon.
»Ich weiß nicht einmal ob Eins von Beiden stattfindet,« bemerkte Simiane.
»Er ist betrunken!« rief der Regent.
»Wie, ich betrunken?« fragte Simiane, in einem Selbstgefühl als Trinker schwer verletzt, »treten Sie hierher, gnädigster Herr, und überzeugen Sie sich selbst.«
»Obgleich die Einladung auf eine ziemlich ungenierte Weise gemacht wurde, so gab der Regent doch nach, und trat lachend zu seinem Gefährten. An einem Gange war übrigens wohl zu bemerken daß er auch mehr als aufgeregt sei.
»Ich, betrunken!« nahm Simiane wieder das Wort, »indem er dem Herzog von Orleans die Hand hinhielt, »obgleich Ew. Hoheit Regent von Frankreich sind, so wette ich doch hundert Louisd’ors, daß Sie nicht das thun können, was ich thun will.«
»Sie hören, gnädigster Herr, das ist eine vollständige Herausforderung,« rief aus dem Innern des Zimmers eine weibliche Stimme.
»Und als solche nehme ich sie an.« Es gilt also hundert Louisdors.« und ich interessiere mich für die Hälfte für einen von Beiden,« bemerkte Ravanne.
Wette Du mit der Marquise, ich will keinen Theilnehmer,« entgegnete Simiane.
»Ich auch nicht,« sprach der Regent.
»Frau von Sabran,« rief Ravanne, »ich setze fünfzig Louisd’ors gegen einen Kuß.«
»Fragen Sie Philipp, ob er es zugibt,« erwiderte die Marquise.
»Immerhin angenommen, lachte der Herzog, »das ist ein goldner Handel, Marquise, Sie können nur gewinnen. Nun Simiane ich bin bereit.«
»Ew. Hoheit wollen mir also überallhin folgen?«
»Was hast Du vor?«
»Geben Sie nur Acht.«
»Zum Teufel, wohin willst Du?«
»In’s Palais Royal zurück.«
»Auf welchen Weg?«
»Ueber die Dächer.«
Und Simiane schwang sich an dem eisernen Geländer des Balkons hinauf.
»Gnädigster Herr!« rief Frau von Sabran, indem sie auf den Balkon eilte und den Arm des Regenten erfaßte, »ich hoffe nicht, daß Sie dem Tollkopfe folgen werden.«
»Wie, ich sollte ihm nicht folgen?« fragte der Regent indem er sich der Marquise entwand.
»Wissen Sie nicht, daß es mein Grundsatz ist, alles zu können, was ein Andrer versucht; und wenn er auch zum Monde emporstiege, mich soll der Teufel holen, wenn ich nicht oben an der Pforte so schnell anklopfte als er selbst. Hast Du für mich gewettet, Ravanne?
» Allerdings, mein Prinz,« erwiderte der junge Mann, indem er aus vollem Halse lachte.
»Wohlan, so küsse immerhin, Du hast gewonnen.«
Und wirklich kletterte der Regent an dem eisernen Geländer dem Herausforderer nach.
»Ich hoffe wenigstens daß Sie hierbleiben werden,« sprach Frau von Sabran zu Ravanne.
Nur so lange bis ich meine Wette einkassirt habe,« sprach der junge Mann, indem er die frische, rosige Wange der Marquise küßte,« und jetzt leben Sie wohl, Frau Marquise,« fügte er hinzu, »Sie wissen, ich bin ein Page des Herrn Herzogs und muß ihm überall hin folgen.«
Und Ravanne schlug auf der Stelle denselben gefahrvollen Weg ein, den seine beiden Gefährten genommen hatten. Der Kohlenträger und der Mann im Mantel stießen einen Schrei des Erstaunens aus, der in der ganzen Straße wiederhallte.
»Was ist denn das?« rief Simiane der bereits nicht weit vom Dache angelangt, ruhigeren Geistes war, als diejenigen welche sich noch unterwegs befanden.«
»Du siehst und hört Alles doppelt, Trunkenbold, lachte der Herzog, indem er neben Simiane anlangte. »Nun, hast Du genug, Simiane?«
»Noch nicht, gnädigster Herr,« versetzte dieser und zu Ravanne gewandt, flüsterte er: »Dort war es, das war nicht die Schaarwache, ich sehe kein Bayonett, höre kein Geräusch.«
»Was giebt es denn?« fragte der Regent.
»Nichts,« antwortete Simiane, indem er Ravanne ein Zeichen gab, »ich setze meine Himmelfahrt fort, gnädigster Herr, und fordere Sie auf mir zu folgen.« Und so sprechend kletterte er voran über das Dach, während er dem Herzog die Hand reichte, Ravanne aber den Zug schloß.
Bei diesem Anblick und da über das Entkommen der Flüchtlinge kein Zweifel mehr obwaltete, stieß der Kohlenträger einen derben Fluch der Mann im Mantel aber einen Ruf des Zornes aus. In diesem Moment hatte Simiane den Schornstein erreicht. Der Herzog erkletterte ebenfalls das Dach und gewahrte plötzlich in der von dem Lichte der Fenster die offengeblieben waren, erhellten Gasse, acht bis zehn Männer, welche sich hin und her bewegten. Was heißt das?« rief er, »eine kleine Verschwörung? Sie scheinen das Haus stürmen zu wollen.«
Ich weiß nicht, was mich zurückhält, ein Schuß, und die Sache ist abgethan!« rief zornig der Mann im Mantel.
»Alle tausend Teufel, rief der Kohlenträger, indem er ihm den Arm hielt, »Sie werden machen daß man uns vierteilt.«
»Was aber thun?«
»Warten bis sie von selbst herabstürzen und sich den Hals brechen! Die Vorsehung ist nicht gerecht, wenn sie uns nicht diese kleine Ueberraschung verschafft!«
»Hierher, hierher,« rief mit steigender Heftigkeit der Mann im Mantel, indem er gegen den Durchgang eilte, »wir schlagen die Pforte ein, und werfen uns auf sie, sobald sie auf der andern Seite herabkommen.«
Einige der Leute des Capitains folgten ihm, die uebrigen eilten von dannen, der Rue St. Honoré zu.
»Wir haben keinen Augenblick zu verlieren, gnädigster Herr,»rief Simiane, »hinab, schnell hinab.
»Ich glaube ich höre sie im Durchgange, «bemerkte der Herzog, »was meinst Du dazu, Ravanne?«
»Ich meine gar nichts, gnädiger Herr, ich lassen mich hinabgleiten.«
Und alle drei glitten jetzt mit Schnelligkeit hinab, und erreichten glücklich die früher erwähnte Terasse.
»Nur hier herein, hier herein!« rief plötzlich die Stimme der Marquise, und die drei Luftwandrer sprangen wieder hinein in das Zimmer.
»Ich eile und hole den Cardillac mit seiner Wache, rief Ravanne.
»Nein, nein,« versetzte der Regent, »sie würden das Haus polieren und Ihnen übel mitspielen. Besser wir suchen in’s Palais Royal zu gelangen.«
Und alle drei eilten die Treppe hinab in den Garten. Hier hörten sie die verzweiflungsvollen Schläge ihrer Verfolger gegen das Gitterthor.
»Nur immer zu gestoßen und geschlagen, Ihr lieben Freunde, rief der Regent, indem er mit der Leichtigkeit eines jungen Mannes nach der entgegengesetzten Seite des Gartens eilte, »das Gitter besteht aus derben Eisenstangen und wird Euch zu schaffen machen.«
»Schnell, schnell, gnädigster Herr!« rief Simiane, welcher sich zuerst über die Mauer geschwungen hatte. Wahrlich, sie kommen auch um die Ecke der Rue de Valois. Setzen Sie Ihren Fuß auf meine Schulter, den andern auch, werfen Sie sich herab in meine Arme! Dem Himmel sei Dank, Sie sind gerettet!«
»Den Degen gezogen, den Degen gezogen, Ravanne, werfen wir uns auf die Canaille,« rief der Regent. um des Himmels willen, gnädigster Herr!« sprach Simiane, indem er den Herzog mit sich fortzog. Folgen Sie mir, ich weiß auch was tapfer sein heißt, hier aber wäre es Tollkühnheit. Hilf mir Ravanne!«
»Und die beiden jungen Cavaliere faßten den Regenten unter die Arme und zogen ihn in einen der Gänge fort, die in’s Palais Royal führen, während ihre Verfolger kaum zwanzig Schritt hinter ihnen waren. Sie erreichten glücklich das Ende desselben, und warfen nunmehr das Gitterthor zu, grade als die wüthende Schaar vor demselben anlangte. »Meine Herren,« sprach jetzt der Herzog, indem er seine Verfolger mit der Hand begrüßte, – denn was seinen Hut betraf, so weiß Gott, wo derselbe ein Ende genommen hatte, – »ich wünsche um Ihrer Köpfe willen, daß dies Alles nichts als ein Scherz gewesen. Nehmen Sie sich morgen vor dem Polizei-Lieutenant in Acht! Bis dahin, gute Nacht!
Und ein dreifaches lautes Gelächter schallte durch das Gitterthor in die Ohren der beiden Verschwörer, welche mit ihren Gefährten bestürzt und in Wuth dastanden.
»Der Mensch muß einen Pact mit dem Satan geschlossen haben,« rief Harmental.
Wir haben unsere Wette verloren, meine Freunde,« sprach Roquefinette zu den Leuten die er geworben hatte, und die jetzt seiner weitern Befehle harrten. »Aber wir verabschieden Euch noch nicht, die Sache ist nur aufgeschoben. Von der versprochenen Summe habt Ihr schon die Hälfte empfangen. Morgen das Uebrige. Ihr wißt, wo Ihr mich findet. Also, gute Nacht, für heute!«
Die Geworbenen entfernten sich, die beiden Verschwörer blieben allein.
»Nun, Obrist,« sprach der Capitain Roquefinette, indem er seine Beine auseinander spreizte und seinen Gefährten groß anblickte.
»Nun, Capitain,« entgegnete der Chevalier, »ich habe große Lust, Sie um etwas zu ersuchen.«
»Und was wäre das, wenn ich fragen darf?«
»Daß Sie mich nach irgend einem abgelegenen Orte begleiten und mir dort mit einem Pistolenschuß den Schädel zerschmettern, damit dieser armselige Kopf bestraft und nicht erkannt werde.«
»Und warum das?«
»Warum? weil man, wenn man in solchen Dingen nicht reussirt, ein Dummkopf ist.« Was soll ich jetzt der Herzogin von Maine sagen?«
»Und dieser Frau wegen bekümmern Sie sich?« lachte der Capitain. »Warum, zum Henker, besorgt ihr hinkender Eheherr seine Angelegenheiten nicht selbst? Ich möchte sie wohl sehen jetzt mit den zwei Cardinälen und drei oder vier Marquis in einem Winkel des Arsenals, von Besorgniß verzehrt, während wir hier das Schlachtfeld behauptet haben. Glauben Sie es, mein lieber Obrist, einem alten Fuchse, um ein Verschwörer zu sein, gebraucht man Muth, den besitzen Sie, aber man gebraucht auch Geduld und die fehlt Ihnen. Alle Teufel, hätte ich eine solche Affaire für eigne Rechnung zu besorgen, ich stehe Ihnen dafür, ich würde sie gut zu Ende bringen. Haben Sie Lust sie mir abzutreten – so läßt sich darüber sprechen.«
»Aber jetzt an meiner Stelle,« fragte Harmental, »was würden Sie der Herzogin von Maine sagen?«
»Was ich ihr sagen würde? Ich würde so ungefähr sprechen: »Gnädigste Frau! Der Regent muß durch die Polizei benachrichtigt worden sein, er ist nicht ausgegangen wie wir es erwarteten und wir haben nur eine Galgenstricke von Roués getroffen. Dann wird der Prinz von Cellamare sprechen: Lieber Harmental wir bauen unsre Hoffnung auf Sie.« – Die Frau Herzogin von Maine wird bemerken: Noch ist nichts verloren, da uns der tapfere Harmental geblieben.« Der Herr Cardinal von Polignac wird ein andächtiges Kreuz schlagen. Auf diese Weise haben Sie alle zufriedengestellt und kehren selbst ruhig in ihr Dachstübchen zurück, welches ich Ihnen rathe während der nächsten Tage nicht zu verlassen, wenn Sie anders nicht gehängt werden wollen. Von Zeit zu Zeit werde ich Ihnen dort einen Besuch abstatten; Sie fahren fort von der spanischen Freigebigkeit mir etwas zufließen zu lassen, weil ich ein bequemes Leben liebe, und meine Moralität aufrecht halten mögte. Bei der ersten Gelegenheit versammeln wir die Braven wieder, und was jetzt mißlang, gelingt ein Andermal.«
»Sie haben Recht, Capitain, so würde ein Andrer handeln,« versetzte Harmental, »ich aber bin ein Thor, ich habe so meine eignen albernen Ideen – ich kann nicht lügen.«
»Wer nicht lügen kann, kann auch nicht handeln,« antwortete der Capitain. »Aber was gewahre ich dort unten? Ha sieh da, die Bayonette der Schaarwache. Charmante Anstalt das! Immer eine Viertelstunde zu spät. Jetzt müssen wir uns trennen. Adieu Obrist, dort ist Ihr Weg, hier der meine. Gehen Sie recht langsam, daß man nicht entfernt auf den Gedanken komme, daß Sie eigentlich über Hals und Kopf davon laufen sollten.«
Der Capitain schritt trällernd von dannen. Harmental aber begab sich zu der noch immer harrenden Postchaise, ein Lakai hielt den Schlag geöffnet, »nach dem Arsenal,« rief Harmental und wollte sich in den Wagen werfen.
»Das ist nicht nöthig,« entgegnete plötzlich eine Stimme, »ich weiß was sich zugetragen, denn ich habe. Alles mit angeschauet. Ich werde von Allem Bericht abstatten. Ein Besuch zu dieser Stunde könnte allen Theilen Gefahr bringen.«
»Ha, Sie sind’s Abbé,« rief Harmental, indem er diesen in der Livree erkannte, »Sie erzeigen mir einen wahrhaften Dienst, wenn Sie statt meiner den Bericht überbringen; der Teufel soll mich holen, wenn ich weiß, wie ich es vorbringen sollte.«
»Sein Sie unbesorgt,« versetzte Brigaud, ich werde sagen, daß Sie ein tapferer Mann sind, aber wir sind nicht hier um uns Complimente zu machen. Schnell steigen Sie ein.«
Harmental folgte der Aufforderung und Brigaud, obgleich in Bedientenlivree, setzte sich ohne Umstände neben ihn. An der Ecke der Rue Gros Chenet ließ der Abbé halten, der Chevalier sprang heraus und schlug den Weg nach der Rue du Temps perdu ein, während der Wagen mit Brigaud weiter rollte.
IV.
Ein alter Bekannter
Wir müssen jetzt etwas nähere Bekanntschaft mit einer Person machen, welche in unserer Erzählung eine bedeutende Rolle zu spielen hat, eine Person, die wir bisher nur flüchtig angedeutet haben. Wir meinen den ehrlichen Bürger, welcher als der Straßensänger seine Sammlung begann, seine Schritte nach der Barriere des Sergens lenkte, es war derselbe, welcher, als die beiden Verschwörer in der Rue des bons Enfans auf der Lauer standen, diese Straße der Länge nach durchschritt.
Auch werden wir uns wohl hüten, dem Scharfsinne unsers Lesers zu mißtrauen, und nicht überzeugt zu sein, daß er in dem armen Teufel, dem Harmental schnell zu Hilfe eilte, und von dannen half, sogleich den, seinem Dachstübchen gegenüber wohnenden Gartenanbauer mit der kleinen Terasse wiedererkannte.
Jetzt aber soll der geneigte Leser erfahren, was dieser arme Teufel in physischer, moralischer und geselliger Hinsicht eigentlich war.
Wenn man das Wenige nicht vergessen hat, was wir bis jetzt Gelegenheit hatten, über ihn zu berichten, so wird man sich erinnern, daß es ein Mann von 40 bis 45 Jahren war. Jedermann weiß übrigens daß der Pariser Bürger, ist er erst über die Vierzig hinaus, kein Alter mehr hat; das heißt, daß er von der Zeit an seine Toilette vernachlässigt, welches alsdann besonders für ihn nachtheilig ist, wenn er, wie unser Gartenanbauer auf äußere Vorzüge keine Ansprüche machen kann. Unser Bürger war ein kleiner Mann von fünf Fuß einen Zoll, wohlbeleibt, mit der Aussicht mit den vorrückenden Jahren an Corpulenz noch zuzunehmen. Was sein Gesicht betraf, so haben wir bereits berichtet, daß dasselbe auch nicht den kleinsten Ausdruck besaß, so daß selbst der scharfblickendste Physiognomiker auch nicht das Geringste aus demselben herausgelesen haben würde.
Diesem Original hatte die Vorsehung, die nie etwas halb thut, den characteristischen Namen Jean Buvat gegeben; da er aber eben so viel Gutherzigkeit als wenig Verstand besaß, ward er von Jedermann nur der gute ehrliche Buvat geheißen.
Von einer frühesten Kindheit an zeigte der kleine Jean, bei einem gänzlichen Widerwillen gegen alle Studien, einen ganz besondern Beruf für die Schönschreibekunst. Auch vervollkommnte er sich in der Freischule, wohin ihn täglich seine Mutter sandte, immer mehr und mehr in derselben. Hieraus ging nun hervor, daß der kleine Buvat für seine Trägheit im Uebrigen täglich Schläge, wegen seiner Fortschritte im Schönschreiben aber jährlich den Preis erhielt.
Dies veranlaßte seine Mutter, ihren Sohn der Schule gänzlich zu entziehen, und ihn sich ausschließlich der Calligraphie widmen zu lassen, worin er sich auch dermaaßen auszeichnete, daß er schon in seinem fünfzehnten Jahre Schüler und Schülerinnen erhielt, durch seinen Erwerb seiner Mutter letzten Lebenstage erleichtern, und nach ihrem Tode von einer Arbeit nach seiner Weise anständig leben konnte.
So erreichte er das sechsundzwanzigste Jahr, und in dieser Periode fand der gute und ehrliche Buvat Gelegenheit eine wahrhaft erhabene That zu vollbringen.
Es lebte damals im ersten Stockwerk des Hauses Nr. 6 in der Rue des Orties, in welchem Buvat bescheidenerweise ein Dachstübchen inne hatte, ein Ehepaar, welches die Bewunderung des ganzen Stadtviertels, wegen der großen Einigkeit auf sich zog, in welches es seine Tage verbrachte. Mann und Frau seinen in der That für einander geboren; der Erstere war ein Mann von vier bis fünfunddreißig Jahren, von südlichem Ursprunge und dunkler Gesichtsfarbe. Er nannte sich Albert du Rocher und war der Sohn eines vormaligen Cevennen-Häuptlings, der gleich seiner ganzen Familie zum Uebertritt zur katholischen Religion gezwungen worden war. Der Sohn trat, nachdem er von seinen Kenntnissen als Stallmeister gehörige Proben abgelegt hatte, in den Dienst des Herzogs von Chartres, den er auch an dessen nächstem Feldzuge begleitete.
Der große Tag von Nerwinden erschien. Der Herzog von Chartres bewies bei dieser Gelegenheit seinen alten Muth und sprengte den Seinigen mit einer solchen Kühnheit voran, daß er mehrmals allein in die Mitte der Feinde gerieth. Als dies das fünfte Mal der Fall war, hatte er niemand zum Seite als einen jungen Mann, dessen Gesicht er kaum kannte, das ihm aber das größte Vertrauen einflößte; und statt daher der Aufforderung eines feindlichen Brigadiers, sich zu ergeben, Folge zu leisten, hieb er denselben nieder. In demselben Augenblicke fielen zwei Schüsse, von denen einer dem Prinz den Hut raubte, die Kugel des Andern aber an dem Griff eines Degens abprallte. Kaum aber waren diese beiden Schüsse gefallen, als auch schon die, welche sie abgesandt, von dem Begleiter des Prinzen getödtet zu Boden stürzten, der eine durch einen Degenstoß, der zweite durch einen Pistolenschuß. Gleich darauf traf ein Schuß das Pferd des Prinzen, sein Begleiter sprang sogleich hinzu, und bot ihm das Seinige an; der Prinz wollte das Anerbieten zurückweisen, jener aber, stark wie er war, schlug ohne Weiteres den Arm um den Prinzen und hob ihn auf das Pferd. In diesem Augenblick sprengte Hilfe herbei, ohne welche der Prinz und sein Begleiter gefangen genommen oder getödtet worden wären. Beide waren unverwundet geblieben. Der Herzog von Chartres reichte jetzt seinem Begleiter die Hand und fragte ihn nach seinem Namen, denn er war noch zu kurze Zeit in seinem Dienste, so daß er sich desselben nicht erinnern konnte. Der junge Mann erwiderte daß er sich Albert du Rocher nenne, worauf ihn der Prinz den zu Hilfe Geeilten als seinen Lebensretter vorstellte.
Nach Beendigung des Feldzuges ernannte ihn der Prinz zu seinem ersten Stallmeister, und verheirathete ihn mit einer jungen Dame die der junge Mann liebte und für deren Mitgift er zu sorgen versprach. Leider konnte diese, da der Herzog von Chartres damals noch sehr jung war, nicht bedeutend sein; der Letztere aber versprach für die weitere Beförderung seines Lebensretters zu sorgen.
Die junge Dame stammte aus England. Ihr Mutter hatte Madame Henriette nach Frankreich begleitet, als diese mit Monsieur vermählt werden sollte. Nach der Vergiftung dieser Prinzessin hatte sie ein kleines Landhaus in der Nähe von St. Cloud gemiethet, wo sie einzig und allein der Erziehung ihrer kleinen Clarisse lebte, wozu sie die Pension verwandte, die ihr der Dauphin ausgesetzt hatte. Hier war es, wo bei den Reisen des Herzogs von Chartres, du Rocher die Bekanntschaft des jungen Mädchens machte, mit der, wie wir berichtet, der Herzog von Chartres im Jahre 1697 ihn verheirathete.
Dies war also das Ehepaar, welches im ersten Stockwerk des Hauses Nr. 6 Rue des Orties wohnte, in dem unser guter ehrliche Buvat ein bescheidenes Dachstübchen inne hatte. Sie besaßen einen kleinen Sohn, dessen Unterricht im Schreiben Herrn Buvat anvertraut wurde.
Der kleine Schüler machte schon recht hübsche Fortschritte, als er plötzlich von den Masern hinweggerafft wurde. Der Schmerz der Eltern war, wie man leicht begreifen kann, unbeschreiblich und Buvat nahm um so mehr den herzlichsten Antheil daran, da sein Schüler in einer Kunst die besten Fähigkeiten verrieth. Diese Theilnahme eines Fremden an ihrem Schmerze rührte das junge Ehepaar ungemein, und als der gute ehrliche Buvat eines Tages über die traurige Zukunft sprach, die sich einem Künstler seiner Art zeige, erbot sich du Rocher seinen Einfluß zu verwenden, um Buvat eine Stelle bei der Bibliothek zu verschaffen.
Buvat jubelte bei dem Gedanken ein öffentlicher Beamter zu werden und noch an demselben Tage, reichte er seine Bittschrift in der schönsten Handschrift ein; der erste Stallmeister unterstützte dieselbe und schon nach einem Monat ward Buvat bei der königlichen Bibliothek, in der Section der Handschriften, mit 900 Livres Gehalt jährlich, angestellt. Von diesem Tage an vergaß der gute, ehrliche Buvat, in dem Stolz, den ihm eine neue Stellung einflößte, seine Schüler und Schülerinnen. Er war glücklich wie ein Prinz, versicherte aber, trotz seiner veränderten Lage, seinen ofterwähnten Hausgenossen, daß er mit ihnen eine Ausnahme machen werde, und daß er, falls ihnen der Himmel ein zweites Kind schenken solle, demselben in der Schreibekunst Unterricht ertheilen würde. Gegen das Ende des Jahres 1702 schenkte Clarisse wirklich ihrem Gatten eine Tochter.
Dies machte im ganzen Hause eine große Freude. Buvat wußte sich vor Jubel nicht zu lassen; er lief Treppauf, Treppab, klatschte in die Hände und sang unablässig sein altes Lieblingslied: Laissez moi aller, u. s. w. An diesem Tage langte er seit seiner Anstellung, das heißt, seit zwei Jahren, auf einem Bureau zum Ersten male, statt präzise um zehn Uhr, erst um eine Viertelstunde nach zehn Uhr an.
Die kleine Bathilde war kaum acht Tage alt, als Buvat schon mit seinem Schreibeunterricht einen Anfang machen wollte; man müsse früh beginnen, meinte er, wenn man es in einer Sache zu etwas Großem bringen wolle. Man hatte die größte Mühe ihm zu beweisen, daß sie dazu wenigstens zwei bis drei Jahre alt sein müsse. Er ergab sich endlich, und begnügte sich bis dahin, Vorschriften für sie zu fertigen. Nach Verlauf von drei Jahren hatte er auch wirklich die Freude, die erste Feder feierlich zwischen Bathildens kleine Finger zu legen.
Zu Anfang des Jahres 1707 hatte der vormalige Herzog von Chartres, der durch den Tod Monsieurs nunmehr Herzog von Orleans geworden war, den Befehl erhalten dem Marschall Berwick eine Truppenabtheilung nach Spanien zuzuführen. Als erster Stallmeister mußte Albert du Rocher natürlich den Prinzen begleiten; ein Umstand der ihn zu jeder andern Zeit erfreut haben würde, ihn aber jetzt fast schmerzlich berührte, denn seine geliebte Gattin Clarisse kränkelte seit einiger Zeit, und der Arzt hatte ein bedenkliches Wort von Lungenkrankheit fallen lassen. Sei es nun, daß Clarisse ihren Zustand selbst fühlte, oder daß sie für das Leben ihres Gatten fürchtete, genug, sie gab sich einem Kummer hin, den ihr Gatte schmerzlich theilte. Die kleine Bathilde und unser Buvat weinten, weil sie weinen sahen.
Der Trennungstag erschien, es war der fünfte März. Trotz ihres Schmerzes hatte sich Clarisse selbst mit der Equipage ihres Gatten beschäftigt, sie war seiner Stellung bei dem Prinzen würdig. Der Herzog langte mit seinem Armeecorps in den ersten Tagen des Aprils in Catalonien an, und zog in Eilmärschen nach Aragonien. Er erfuhr daß der Marschall Berwick im Begriff stehe eine entscheidende Schlacht zu liefern und schickte Albert als Courier voraus an ihn ab, mit der Kunde, daß der Herzog von Orleans mit 10.000 Mann Hilfstruppen unterwegs sei und ihn ersuchen lasse, wo möglich die Schlacht bis zu einer Ankunft zu verschieben.
Albert machte sich auf den Weg. Durch die Schuld schlechter Führer aber, verirrte er sich in den Gebirgen und traf nur einen Tag vor der Armee ein, grade in dem Augenblick, als der Marschall in Begriff fand den Feind anzugreifen. Der Herzog von Berwick hielt bereits, von seinem Generalstabe umgeben, auf einer kleinen Anhöhe, von wo aus er die ganze Gegend übersehen konnte und Albert sprengte rasch zu ihm hin.
Er berichtete demselben, weshalb er gesandt worden. Als Erwiderung deutete der Marschall nur auf die bereitstehende Schlachtordnung, er ersuchte ihn zu seinem Gebieter zurückzukehren und ihm das was er gesehen, mitzutheilen. Albert aber war von dem Kriegsgetöse hingerissen und wollte sich so nicht wieder entfernen. Er bat um die Erlaubniß bleiben zu dürfen, um dem Herzoge wenigstens die Siegesnachricht überbringen zu können. Der Marschall willigte ein; und da in diesem Augenblick ein Dragonerangriff nothwendig schien, gebot er einem seiner Adjutanten, dem Obristen den Befehl dazu zu überbringen. Der junge Mann sprengte von dannen; noch aber war er nicht weit gelangt, als eine Kanonenkugel ihn tödtete. Albert ergriff diese Gelegenheit, sprengte fort um dem Obristen die Ordre zu überbringen, stellte sich dann statt zurückzukehren, in die vordersten Reihen der Dragoner und warf sich mit ihnen auf den Feind.
Der Marschall sah was sich zutrug, sah wie der junge Mann, den er an seiner Uniform erkennen konnte, bis zu der feindlichen Fahne vordrang, sah wie er den Träger derselben niederhieb und wie er mit der glorreichen Beute zurückkehrte. Bei dem Herzog angelangt, legte er die eroberte Fahne zu seinen Füßen, öffnete die Lippen um zu sprechen – statt der Worte aber entfloß seinem Munde nur ein Strom von Blut. Er schwankte und stürzte vom Pferde – eine Kugel hatte ihm die Brust durchbohrt. Entseelt lag er auf der Fahne die er erbeutet. –
Der Herzog von Orleans langte am folgenden Tage an; er beklagte den Tod Alberts wie man den Tod eines tapferen Mannes beklagt. Aber er war wie ein Held gefallen und was konnte ein französischer Edelmann mehr verlangen?
Clarisse empfing die Kunde von dem Tode ihres Gatten durch ein eigenhändiges Schreiben des Herzogs. Als Buvat wie gewöhnlich um ein Uhr Nachmittags von der Bibliothek zurückkehrte, benachrichtigte man ihn daß Clarisse nach ihm gefragt habe. Er eilte besorgt zu ihr, die Arme weinte nicht, sie klagte nicht, sie saß da, ohne Thränen, ohne Worte, in starrer Verzweiflung. Als er eintrat, reichte sie ihm schweigend den Brief hin.
Buvat der nicht ahnen konnte, was vorgefallen sein mochte, nahm den Brief und las mit lauter Stimme:
»Madame, Ihr Gemahl ist todt, gefallen für Frankreich und für mich! Weder Frankreich noch ich können Ihnen Ihren Gatten wiedergeben, aber denken Sie daran, daß wenn Sie je etwas wünschen und bedürfen, wir Beide Ihre Schuldner sind.«
Ihr wohlgeneigter
Philipp, Herzog von Orleans.
»Wie, was!« rief Buvat ganz bestürzt, »Herr Albert du Rocher todt, das kann ja gar nicht möglich sein.«
»Papa ist todt, Papa ist todt!« jammerte die kleine Bathilde, welche mit ihrer Puppe spielte und jetzt zu ihrer Mutter eilte. »Mama ist es wohl wahr daß Papa todt ist?«
»Ja, ja, mein theures Kind, es ist nur zu wahr, das Schreckliche!« jammerte Clarisse, welche jetzt auf einmal wieder Worte und Thränen fand; »Darum weine, weine, Du armes Kind, wenn Gott im Himmel. Deine Thränen sieht, wird er Barmherzigkeit mit Dir haben.«
Während sie diese Worte sprach, machte ein heftiger Blutstrom aus ihrem Munde ihrer gepreßten Brust Luft. Ihre Krankheit war bedeutend fortgeschritten, und der ehrliche Buvat sah jetzt ein, daß der Tod Alberts wahrscheinlich nicht das einzige Unglück sei, was die arme Bathilde betroffen.
Clarisse bezog bald darauf eine geringere, ihren jetzigen Umständen angemessene Wohnung im zweiten Stockwerk. Sie konnte sich anfangs nicht entschließen, als Bittstellerin bei dem Kriegsminister einzukommen; nach drei Monaten, als sie es endlich that, hatten die Einnahme von Requena und Saragossa die Affaire bei Almansa bereits vergessen lassen. Clarisse zeigte den Brief des Herzogs vor, der Secretair des Ministers sagte ihr, daß sie mittelst desselben alles erlangen könne, jedoch müsse sie die Rückkehr Sr. Hoheit abwarten. Clarisse entfernte sich mit schwerem Herzen. »Warten – warten!« wiederholte sie, Gott weiß, ob mir dazu die Zeit bleiben wird!
Als Folge hiervon schränkte sich Clarisse noch mehr ein; sie verließ ihre bisherige Wohnung und bezog ein Paar Zimmer im dritten Stockwerke. Die arme Frau hatte keine Einnahme gehabt, als das Gehalt ihres Gatten, die kleine Mitgift des Herzogs war durch die häusliche Einrichtung und durch Alberts Equipage darauf gegangen.
Man erwartete im Herbst die Rückkehr des Herzogs von Orleans, und Clarisse hoffte, daß sich nach derselben ihre Lage verbessern würde. Statt aber die Winterquartiere zu beziehen, wurde der Feldzug fortgesetzt und der Herzog schickte sich an, Lerida zu belagern.
Clarisse that jetzt neuerdings Schritte hinsichtlich ihrer Angelegenheit, jetzt aber hatte man den Namen ihres Gatten fast schon vergessen. Man vertröstete sie neuerdings auf die Zurückkunft des Herzogs und die arme Clarisse mußte sich wieder in Geduld fassen.
Sie verkaufte jetzt fast ihre sämmtlichen Möbeln, bezog ein Dachstübchen dem Buvats gegenüber und behielt nichts als ein Bett, einen Tisch, einige Stühle und Bathildens Wiege.
Der gute ehrliche Buvat hatte durch groß Ordnung sich einiges Geld erspart, aber er wagt es nicht, es der armen Wittwe anzubieten. Zwanzig Mal faßte er sich ein Herz und begab sich zu ihm mit einem Päckchen Gold, das sein ganzes Vermögen nämlich fünfzig bis sechzig Louisd’ors enthielt, jedesmal aber kehrte er wieder zurück, nachdem er das Röllchen nur halb aus der Tasche gezogen hatte. Eines Tages aber, da er auf der Treppe, als er nach seinem Bureau gehen wollte, dem Hauseigenthümer begegnete welcher die vierteljährliche Runde machte, um sein Miethe einzukassiren, bat er den Hausherrn, überzeugt sein Besuch würde seine Nachbarin in Verlegenheit setzen, bei ihm einzutreten. Er erklärte diesem daß Madame du Rocher ihm das Geld für ihr Miethe eingehändigt und ihn beauftragt habe, dieselbe für sie zu berichtigen. Diese edle Handlung lastet auf dem ehrlichen Buvat wie ein Verbrechen, und es vergingen mehrere Tage, ohne daß er es wagte vor seiner Nachbarin zu erscheinen, die er als er wieder zu ihr eintrat, über ein Ausbleiben, das sie für Gleichgültigkeit nahm, sehr betrübt fand. Sie hatte sich in diesen wenigen Tagen ungemein verändert, so daß Buvat sie kopfschüttelnd und mit Thränen in den Augen verließ, und sich zum erstenmal zu Bette legte, ohne sein Lieblingslied: Laissez moi aller, Laissez moi jouer u. s. w. zu trällern.
Der Frühling erschien. Statt daß aber der Herzog von Orleans zurückkehrte, erfuhr man, daß er sich anschicke Tortosa belagern zu wollen. Dies war der letzte Schlag, welcher die arme Clarisse treffen sollte, ihre letzten Kräfte schwanden, sie ward bettlägerig.
Clarissens Lage war entsetzlich. Sie täuschte sich nicht über ihren Zustand, sie fühlte ihren Tod nahen, und wußte nicht, wem sie ihr theures Kind übergeben solle. Ihr Gatte hatte nur entfernte Verwandte, deren Hilfe sie weder in Anspruch nehmen wollte, noch konnte. Von ihrer eigenen Familie kannte die Niemand, auch fehlte es ihr an Zeit in dieser Rücksicht Erkundigungen einzuziehen, denn der Tod rückte rasch heran.
Einst, in der Nacht, nachdem Buvat Clarisse Abends im heftigen Fieber verlassen hatte, hörte er dieselbe so laut stöhnen, daß er aufsprang und sich anzog um ihr Beistand zu leisten. Vor ihrer Thür angelangt aber, wagte er weder einzutreten noch anzuklopfen. Clarisse weinte und betete mit lauter Stimme. In diesem Augenblick erwachte die kleine Bathilde und rief ihre Mutter. Clarisse hemmte ihre Thränen, hob ihr Kind aus der neben ihr stehenden Wiege und nahm es zu sich. Sie ließ ihr Töchterchen beten, und rief dazwischen weinend: »Ew’ger Gott, erhöre das Gebet meines armen Kindes!«
Diese nächtliche Scene, das unschuldige Kind und die sterbende Mutter, hatte so etwas Feierliches und Ergreifendes, daß der ehrliche Buvat auf seine Knieen niedersank, und ganz leise das dem Allmächtigen gelobte, was er laut der armen Wittwe nicht anzubieten wagte: daß er nämlich »nach dem Tode der Mutter, der Vater der verlassenen Waise sein wolle. Gott vernahm die Gebete und erhörte sie.
Als Buvat am andern Morgen in Clarissens Zimmer trat, hat er, was er bisher noch nie gethan, er hob die kleine Bathilde in seine Arme, drückte ihr liebliches Köpfchen an ein dickes Gesicht, und sprach zu ihr mit leiser Stimme: »Sei ruhig, mein liebes Kind, es giebt noch gute Menschen auf der Erde! Das kleine Mädchen schlang jetzt einerseits seine Arme um ihn. Da nun Buvat Thränen in seinen Augen spürte, und er gehört hatte, daß man in Gegenwart von Kranken nicht weinen dürfe, um sie nicht zu ängstigen, kämpfte er seine Bewegung nieder, zog seine Uhr aus der Tasche und sprach: »der Tausend, schon dreiviertel auf Zehn, ich muß fort, adieu Madame du Rocher!«
Auf der Treppe begegnete er dem Arzte, und befragte ihn über die Kranke. »In drei Tagen schon wird es mit ihr vorbei sein,« lautete die Antwort. Als er um vier Uhr wieder zurückkehrte, fand er das ganze Haus in Bewegung. Der Zustand der Kranken hatte sich plötzlich so sehr verschlimmert, daß der Arzt geboten hatte ihr das heilige Abendmahl zu reichen; und wirklich fand der arme Buvat, als er angsterfüllt in das Zimmer trat, vor dem Bette der Sterbenden, die man fast schon für eine Leiche halten konnte, den Geistlichen der ihr das Sacrament spendete, umgeben von vielen Nachbarinnen, welche zu jener Zeit diesen Ceremonien beizuwohnen pflegten. Die kleine Bathilde hockte in einem Winkel und wußte nicht, was sie aus allem diesen machen solle. So wie das kleine Mädchen Buvat erkannte, eilte sie ihm entgegen, gleichsam als suche sie Schutz bei dem einzigen befreundeten Wesen das sie in der ganzen Versammlung kannte; er nahm sie in seine Arme und knieete mit ihr nieder, neben dem Lager der Sterbenden.
In diesem Augenblick senkte Clarisse ihr bisher zum Himmel emporgeschlagenes Auge. Ohne Zweifel hatte sie zu dem Ewigen gefleht, daß er ihrem theuren Kinde einen Beschützer schenken möge. Sie gewahrte ihre Bathilde in den Armen des einzigen Freundes, den sie hienieden hatte. Mit dem forschenden Blick einer geängsteten Mutter, schauete sie in das ihr ergebene Herz und las darin. Alles was dasselbe ihr zu offenbaren nicht gewagt hatte. Sie richtete sich empor, blickte Buvat an und stieß einen Ruf der Freude aus, den Gottes Engel nur verstanden; und sank dann, gleichsam als hätte diese Anstrengung ihre letzten Kräfte erschöpft, ohnmächtig auf ihr Kissen zurück.
Die religiöse Ceremonie war beendigt, der Priester entfernte sich, und die Nachbarinnen folgten. Buvat wandte sich an eine derselben mit der Frage, ob sich unter ihren Bekannten nicht eine Krankenwärterin befinde, und die Frau erklärte sich dazu selbst bereit.
Clarisse lag noch immer in Ohnmacht da. Die Wärterin wusch ihre Schläfe mit Essig. Buvat zog sich zurück. Der kleinen Bathilde hatte man gesagt, daß ihre Mutter schlafe. Das arme Kind kannte noch nicht den Unterschied zwischen Tod und Schlaf, und war wieder in seinen Winkel zurückgekehrt, wo es mit einer Puppe spielte.
Nach einer Stunde kehrte der ehrliche Buvat zurück, um sich nach der Kranken umzuschauen. Sie war aus ihrer Ohnmacht erwacht, ihre Augen waren geöffnet aber sie sprach nicht. Sie erkannte ihn indeß noch, denn kaum erblickte sie ihn, als sie ihre Hände zum Gebete faltete. Dann schien es als suche sie etwas unter ihrem Kissen. Die Anstrengung aber war für sie zu stark, denn sie sank kraftlos wieder zurück.
Am folgenden Morgen stand es um die Kranke noch schlimmer, denn obgleich ihre Augen geöffnet waren, schien sie doch Niemand zu kennen, als ihre kleine Tochter, die man neben sie auf das Bett gelegt hatte und deren Händchen sie festhielt, so als fürchte sie daß ihr dasselbe entrissen werde. Das Kind lag regungslos und ganz still da, so als wisse es, daß dies die letzte mütterliche Liebkosung sei. Als sie ihren Freund Buvat erblickte, flüsterte fiel indeß: »die Mama schläft, die Mama schläft!«
Er fragte die Wärterin ob die Kranke auch etwas bedürfe, jene schüttelte verneinend mit dem Kopf. Buvat wäre gern geblieben, denn er sah ein, daß die Kranke nur noch kurze Zeit zu leben habe, aber nichts in der Welt war im Stande ihn von seinem Bureau abzuhalten. Er begab sich also auf die Bibliothek, war aber so traurig und zerstreut, daß der König diesmal nicht viel durch seine Gegenwart gewann; seine Collegen bemerkten auch, daß es noch nicht vier Uhr geschlagen hatte, als Buvat die Ueberarmel von blauer Leinwand, welche die Rockärmel beschützten, bei Seite legte, die er so wie er das Bureau betrat, überzuziehen pflegte. So wie die Glocke vier schlug, nahm er seinen Hut und begab sich hinweg.
Buvats trübe Ahnung bestätigte sich. Als er das Haus erreicht hatte, fragte er die Pförtnerin wie es um Clarisse stehe, »Gott Lob und Dank, die hat ausgelitten,« lautete die Antwort.
»So ist sie also todt?« fragte der ehrliche Buvat zusammenschaudernd.
»Sie starb vor ungefähr dreiviertel Stunden, erwiderte die Pförtnerin, indem sie gleichgültig das Lied weiter sang, in welchem Buvats angstvolle Frage sie unterbrochen hatte.
Buvat stieg langsam die Treppe hinauf; Stufe nach Stufe, und hemmte jeden Augenblick seine Schritte um sich die Thränen in den Augen zu trocknen. Auf dem obersten Flur angelangt, war er genöthigt, sich an die Mauer zu lehnen weil er fühlte, daß ihm seine Füße den Dienst versagten. Der Anblick einer Leiche hat für jedermann etwas Schauerliches und Furchtbares, was auf den Lebenden nur selten seinen Eindruck verfehlt. Er konnte sich anfangs nicht überwinden weiter zu schreiten, da vernahm die jammernde Stimme der kleinen Bathilde und wollte die Thür öffnen, die aber war verschlossen.
Er eilte die Stiege wieder hinab und fragte nach dem Schlüssel. »Der Hausherr hat ihn hier niedergelegt,« sprach dieselbe, nachdem er die Möbel der Todten aus dem Zimmer hinwegschaffen ließ.«
»Wie, die Möbeln sind schon hinweggeschafft? rief Buvat entsetzt. »Und die Wärterin?«
»Hat sich sogleich entfernt, als die Kranke tod war, ihr Geschäft war ja vollendet.«
Buvat vernahm alles was sich zugetragen, nahm den Schlüssel und eilte jetzt so schnell die Treppe hinauf als er vorhin langsam hinangestiegen war. Seine Hand zitterte so heftig, daß er das Schlüsselloch nicht finden konnte. Endlich gelang ihm und die Thür öffnete sich.
Clarissens Leiche lag ausgestreckt auf dem Bode auf dem Stroh ihres Bettes. Alle Möbeln war fort. Ein armseliges Tuch war über sie gebreitet aber die kleine Bathilde hatte eine Ecke zurückgeschlagen, um das Antlitz ihrer Mutter zu suchen.
»Ach lieber, lieber Freund!« rief freudig das Kind als Buvat eintrat, »wecke mir doch die Mama auf, sie schläft gar zu lange, wecke sie auf, ich bitte Dich!«
Buvat, tief bewegt von dem Anblick führte das Kind das ihm entgegengeeilt war, zu der Leiche zurück, »Umarme Deine Mutter zum Letztenmale, Du armes Kind,« sprach er.
Das Kind gehorchte.
»Jetzt, Bathilde, jetzt lassen sie schlafen, der liebe Gott wird sie dermaleinst wieder erwecken!« sprach er.
Und er nahm das Kind in seine Arme, und trug es in sein Zimmer. Er legte es in sein eignes Bett, denn man hatte selbst die Wiege der Kleinen fortgeschleppt; und als es auf demselben sanft eingeschlummert war, begab er sich zu den Behörden um für das Begräbniß zu sorgen. Als er zurückkehrte, übergab ihm die Pförtnerin ein Papier, welches die Wärterin unter dem Kissen der Entschlafenen gefunden hatte.
Buvat schlug das Papier auseinander – es war der Brief des Herzogs von Orleans und Bathilde einzige Erbschaft.
V.
Bathilde
Der gute ehrliche Buvat hatte schon, während er die Anstalten zum Begräbnisse Clarissens traf, sich nach einem Frauenzimmer umgeschaut, dem er die Sorge für die kleine Bathilde anvertrauen konnte, für deren Pflege und Erziehung er etwas persönlich zu thun, nicht im Stande war, theils weil er einen großen Theil des Tages auf der Bibliothek zubringen mußte, während welcher Zeit die Kleine nicht sich selbst überlassen bleiben durfte, theils weil er dergleichen Dinge nicht verstand. Zum Glück war das Gewünschte bald zur Hand: eine Frau von ungefähr 38 Jahren, welche schon bei seiner Mutter gedient hatte und deren Ruf und gute Eigenschaften ihm daher bekannt waren: Es ward mit Nanette, so nannte sie sich abgemacht, daß sie in der Küche schlafen und für die Kleine sorgen solle, wofür ihr ein jährlicher Lohn von 50 Livres nebst freier Kost zugesagt wurde.
Diese neue häusliche Einrichtung veränderte ganz und gar Buvats Lebensweise, der als Hagestolz gelebt und in einer Garküche gegessen hatte; auch konnte er sein Dachstübchen nicht behalten, da jetzt für den ihm gewordenen Zuwachs zu klein wie und er sah sich daher schon am andern Tage nach einer andern Wohnung um. Er fand eine solche in der Rue Pagevin, denn er wollte sich nicht zu weit von der Bibliothek entfernen. Sie bestand aus zwei Zimmern, einem Cabinet und ein Küche. Er miethete sie sogleich, kaufte die erforderlichen Möbel und bezog mit Bathilden und Nanette die Wohnung noch an demselben Abend.
Am folgenden Tage fand Clarissens Begräbniß statt, es war grade Sonntag, so das Buvat nicht nöthig hatte, seinen Vorgesetzten um einige Stunden Urlaub zu ersuchen. Während der ersten Wochen fragte das kleine Mädchen unablässig nach ihrer lieben Mutter, da der wackere Buvat ihr aber allerhand Spielwerk gekauft hatte, so wurden ihre Fragen nach derselben, nach und nach seltener, und da man ihr gesagt hatte, daß ihre gute Mutter fortgereist sei, um sich zu ihrem Vater zu begeben, so begnügte sie sich bald mit der Erkundigung: wann denn wohl endlich ihre guten Eltern zurückkehren würden. Nach und nach verdichtete sich der Schleier, der die erste Kindheit von unserem Leben trennt, auch bei Bathilden immer mehr und mehr, bis sie endlich erfuhr, was es heißt eine Waise zu sein.
Buvat hatte das beste der beiden Zimmer Bathilden eingeräumt, das andere für sich behalten und Nanette in das Cabinet logiert. Diese Letztere war eine wackere Person, welche recht gut kochte, besonders schön strickte und wie die heilige Jungfrau spann. Trotz diesen verschiedenen Talenten aber begriff Buvat ganz gut, daß sie so wenig als er zur Erziehung Bathildens gänzlich hinreiche, welche seiner Meinung nach mehr lernen sollte als spinnen, stricken und schreiben; denn er wollte sich der übernommenen Pflicht im vollen Maaße entledigen. Er sah ein, daß wenn Bathilde auch sein Pflegekind war, sie doch darum nicht weniger die Tochter Alberts und Clarissens blieb, und er beschloß also ihr eine ihrer Geburt angemessene Erziehung zu geben. Sein Raisonnement lautete ganz einfach folgendermaßen: Er verdankte Albert du Rocher seine Stelle und der Ertrag derselben gehörte also auch seinem Kinde. Sein jährliches Gehalt von 900 Livres verheilte er also auf nachstehende Weise: 450 Livres für Zeichen-, Musik- und Tanzlehrer und 450 Livres für Bathildens Mitgift. Wenn also Bathilde, die jetzt vier Jahre zählte, sich nach vierzehn Jahren, also in ihrem achtzehnten Jahre, verheirathen sollte, so hatte sie, da die Zinsen zu dem Capital geschlagen wurden, alsdann eine Aussteuer von 9 bis 10.000 Livres.
Was die Kosten für den gemeinschaftlichen Unterhalt und die Kleidung und Wohnung, so wie Nanettens Lohn betraf, so beschloß der ehrliche Buvat, seinen Schreibunterricht wieder aufzunehmen. Zu diesem Entzweck wollte er schon um fünf Uhr Morgens aufstehen und sich Abends spät zu Bette legen. Der Himmel segnete auch wirklich diesen frommen Vorsatz; weder der Schreibunterricht noch die Beschäftigung als Abschreiber fehlten ihm, und da er für Bathildens Unterricht für die nächsten zwei Jahre noch allein sorgen konnte, so fügte er während dieser Zeit 900 Livres seinen kleinen Ersparnissen zu, während er 900 Livres für sein liebes Pflegekind placierte.
In ihrem sechsten Jahre schon, bekam Bathilde einen Zeichen-, Musik- und Tanzlehrer. Uebrigens war es offenbar ein wahres Vergnügen, dem liebenswürdigen Kinde Opfer darzubringen, denn sie war von der Vorsehung mit der glücklichsten Organisation begabt. Was ihre kindliche Schönheit betraf, die so köstliche Erwartungen erweckte, so hielt dieselbe vollkommen, was sie versprach.
Auch fühlte sich unser Buvat ungemein glücklich, denn während der ganzen Woche wurde er mit den guten Zeugnissen ihrer Lehrer überhäuft, und am Sonntag machte er, stolzen Angesichts, mit seinem Pflegetöchterchen in seinem Lachsfarbenen Rock und den schwarzsammtnen Beinkleidern, einen Spaziergang. Die liebliche Kleine jagte alsdann mit ihren flatternd blonden Locken den Schmetterlingen nach, und wen was sich wohl oft ereignete, sie sich ihr sauber weißes Kleidchen beschmutzte, so hatte das nichts weiter auf sich. Zu Hause wieder angelangt, schimpfte zwar Nanette ein wenig, Buvat aber verschloß bald den Mund mit der Bemerkung: Jugend will auch ihr Recht haben.
Mitunter ereignete es sich auch, aber es geschah nur an hohen Festtagen, daß Buvat den Bitten der kleinen Bathilde nachgab, welche gern die Windmühle am Montmartre in der Nähe betrachten wollte; dann machte man sich früher dorthin auf den Weg, Nanette trug das kleine Mittagsmahl, welches man auf der Esplanade der Abtei einnahm und woran man dann fröhlich und guter Dinge den Weg zu Montmartre fortsetzte. An solchen Tagen kehrte man erst um acht Uhr Abends heim; von dem Croix de Torcherons an aber pflegte die kleine Bathilde schon in den Armen Buvats einzuschlafen.
So ging alles ruhig und still seinen Weg, bis zu dem Jahre der Gnade 1712, einer Epoche, welcher sich der große König in seinen Angelegenheiten dergestalt derangiert sah, daß er kein anderes Mittel fand sich der Verlegenheit zu entziehen, als seine Beamten nicht zu bezahlen: Buvat ward von dieser administrativen Maaßregel durch den Cassirer benachrichtigt, der ihm, als er eines Morgens erschien um seinen Monatsgehalt in Empfang zu nehmen, verkündete, daß sich kein Geld in der Casse befinde. Buvat blickte den Cassirer mit großen Augen an, es war ihm nie in den Sinn gekommen, daß es dem Könige jemals an Geld fehlen könne. Die Antwort beunruhigte ihn indeß nicht sehr, denn er glaubte, daß nur hier eine augenblickliche Stockung stattfinden konnte, und so begab er sich ruhig in sein Bureau, indem er sein altes Lieblingslied: Laissez moi aller u. s. w. vor sich hinträllerte.
»Ei, ei,« bemerkte der schon früher erwähnte Supernumerarius, der endlich nach siebenjährigem Harren am ersten des letzten Monats wirklich in Function getreten war, »Sie müssen recht fröhlichen Humors sein, Herr College, da Sie singen können, wenn man uns nicht bezahlt.«
»Wie das,« fragte Buvat, »was wollen Sie damit sagen?«
»Daß ich mich höchlich wundre, wie das Ausbleiben des Geldes Sie nicht bekümmert. Was denken Sie davon?«
»Daß man uns im nächsten Monat sicherlich das doppelte Gehalt zahlen wird,« erwiderte Buvat.
»Hören Sie nur, Decoudreau,« sprach der genesene Supernumerarius, indem er sich zu einem andern seiner Collegen wandte, »der glaubt, man werde uns das Gehalt nachzahlen. Der Papa Buvat hat einen guten Glauben!«
»Nach einem Monat wird es sich ausweisen antwortete der Angeredete.
»Ja, ja,« rief Buvat, indem er den Wort des Collegen beipflichtete, »nächsten Monat wird sich auch ausweisen.«
»Und wenn man Sie nun weder in dem nächsten Monat noch in den darauf folgenden bezahlt Papa Buvat, was werden Sie alsdann thun?«
»Was ich dann thun werde? Ich werde nicht desto weniger hier mein Amt verrichten.«
»Wie, wenn man Sie nicht bezahlt, werden Sie doch hier erscheinen?«
»Mein Herr,« entgegnete Buvat, »der König hat mich volle zehn Jahre lang auf das Pünktlichste bezahlt, wenn es ihm also für den Augenblick an Geld mangelt, so ist es nicht mehr als billig, daß ich ihm ein wenig Credit gebe.«
Der Monat verging, der Zahltag erschien, Buvat begab sich an die Kasse, wo ihm aber leider verkündet ward, daß dieselbe noch immer leer sei. Buvat fragte, wann sie denn wohl wieder gefüllt sein würde, der Kassirer entgegnete: daß er bedeutend neugierig sei. Buvat entschuldigte sich wegen seiner dreisten Frage, und begab sich in ein Bureau, diesmal aber ohne zu singen.
An demselben Tage reichte der früher erwähnte College, unwillig keine Bezahlung zu empfangen, seinen Abschied ein; worauf der Chef des Bureaus dessen Arbeit ebenfalls auf die Schultern des guten ehrlichen Buvat lud, so daß dieser jetzt doppelt zu thun hatte. Buvat that alles ruhig, ohne zu murren. Im dritten Monat aber blieb das Geld gleichfalls aus, es war ein vollständiger Bankerott. Wie man es aber schon gesehen hat, so handelte Buvat nicht mit seinen Pflichten; er verrichtete ein Geschäft auf das Pünktlichste, war aber genöthigt, seine kleinen Ersparnisse anzugreifen.
Unterdessen wuchs ein Pflegetöchterchen, Bathilde, heran; sie zählte jetzt dreizehn bis vierzehn Jahre, und ihre Schönheit entfaltete sich immer mehr und mehr; auch sah sie schon jetzt das Schwierige ihrer Lage vollkommen ein. Seit einem Jahre schon, waren unter dem Vorwande, daß sie lieber zeichne oder Clavier spiele, die Ausflüge in die Umgegend von Paris unterblieben. Buvat machte anfangs seine Spaziergänge allein, dies aber langweilte ihn, und da der Pariser Bürger, wenn er die ganze Woche gearbeitet, doch dann und wann frische Luft einathmen will, so kam er auf den Gedanken, eine Wohnung mit einem Gärtchen zu miethen. Solche Logis waren indeß für den damaligen Zustand seiner Finanzen zu theuer, und so miethete er endlich die kleine Wohnung in der Rue du Temps perdu, mit dem Entschlusse, oben eine Terasse und ein Gärtchen anzulegen. Es ward beschlossen, daß Bathilde mit Nanetten das Zimmer im vierten Stockwerk bewohnen solle, während er das Dachstübchen bezöge.
Diese Einrichtung war Beiden um so angemessener, da Bathildens Reize sich mit jedem Tage immer mehr und mehr entfalteten und Buvat noch kein alter Mann war, so daß ihr Beisammenwohnen in ihrer vorigen Wohnung bereits die geschäftigen Lästerzungen rege gemacht hatte.
Madame Denis in der Rue du Temps perdu war übrigens die Letzte, welche die nachtheiligen Gerüchte glaubte, die sich über ihre neuen Nachbaren verbreiteten. Wir werden später berichten bei welcher Gelegenheit dieselben zuerst Eingang bei ihr fanden.
Unterdessen war leider die Prophezeihung des ausgetretenen Beamten in Erfüllung gegangen; seit achtzehn Monaten hatte der arme Buvat bereits kein Gehalt empfangen, und dennoch fuhr er fort, seinem Amte mit der gewohnten Pünktlichkeit vorzustehen. Da der ehrliche Mann aber durchaus nicht wußte, ob und wann die Zahlungen seines Gehalts wieder beginnen würden, und sein kleiner erspart Schatz sich zu erschöpfen begann, so umzogen Wolken sein heiteres Gesicht, welches von Bathilde keineswegs unbemerkt blieb. Mit dem richtigen Ton der die edlen weiblichen Wesen bezeichnet, begriff sie daß jede Erkundigung hinsichtlich eines Geheimnisses das Buvat ihr nicht selbst mit heilte, fruchtlos sein würde; sie wandte sich also deshalb an Nanette welche sich anfangs etwas bitten ließ, endlich ab doch ihr offenherzig alles offenbarte. Jetzt erst erfuhr die liebliche Bathilde, was sie alles dem Zartgefühl Buvats verdanke. Sie erfuhr daß der Letztere den ganzen Tag lang nur für sie gearbeitet habe, um daß sein Trübsinn nur aus dem Gedanken entspringt, daß er, da sein Gehalt fortwährend ausblieb, und seine Ersparnisse zu Ende waren, genöthigt sei ihr zu erklären, wie in seinen häuslichen Einrichtung eine Veränderung eintreten müsse. Der erste Gedanke Bathildens, nachdem ihr diese Kunde geworden war, sich, so wie der ehrliche Buvat eintrat, ihm zu Füßen zu werfen und seine Hände zu küssen. Bald aber leuchtete es ihr ein, daß das einzige Mittel ihre Zweck zu erreichen sei, sich durchaus unbekannt mit allem zu stellen; und in dem kindlichen Kuße, den sie bei einer Heimkehr auf seine Stirn drückte, konnte der wackere Mann unmöglich die heißen Dankgefühle erkennen, die ihre Brust für ihn erfüllten.
Am folgenden Tage aber bemerkte Bathilde zu Buvat gewandt, daß sie wirklich nicht glaube, von ihren Lehrern noch etwas lernen zu können, da sie so viel wisse als jene selbst, und daß also den Unterricht derselben fortsetzen, Geld wegwerfen heiße. Da der ehrliche Buvat nichts Schöneres kannte als die Zeichnungen Bathildens; da er, wenn sie mit ihrer lieben Stimme sang, sich bis in den dritten Himmel emporgehoben fühlte, glaubte er seiner Pflegetochter um so mehr, da die Lehrer ehrlich genug waren, um zu versichern, daß sie jetzt genug wisse, um sich allein weiter helfen zu können.
Aber Bathilde begnügte sich nicht damit, für die Ersparniß zu wirken, sie wollte auch zu dem Verdienste beitragen. Obgleich sie im Zeichnen wie in der Musik fast gleiche Fortschritte gemacht hat begriff sie dennoch, daß nur das Erstere für sie eine Hilfsquelle werden, die Letztere ihr nur als Erholung dienen könne. Sie widmete daher auch dem Zeichnen ihren ganzen Fleiß, und gelangte bald dahin allerliebste Bilder in Pastell fertigen zu können. Eines Tages wollte sie so gern den Werth ihr Arbeiten kennen lernen, und bat Buvat, wenn dieser auf ein Büreau ginge, dem Farbenhändler bei dem sie ihre Zeichenmaterialien kaufte, zwei Kinderköpfe zu zeigen, welche sie nach ihrer Phantasie gefertigt hatte, und ihn zu fragen, was sie werth wären. Buvat übernahm diesen Auftrag, ohne irgend etwas zu ahnen. Der Farbenhändler betrachtete dieselben mit einem geringschätzenden Blick und entgegnete, daß das Stück nur mit 15 Livres bezahlen könne. Buvat verletzt, nicht durch den wie es ihm schien geringen Preis, wohl aber durch die verächtliche Art und Weise, mit welcher der Kaufmann von Bathildens Talent sprach, entzog die Bilder etwas ungestüm wieder aus dessen Hand und dankte ihm.
Der Farbenhändler, welcher meinte, daß das geringe Gebot den ehrlichen Buvat erzürnt habe, bemerkte darauf, daß er für beide Köpfe aus alter Bekanntschaft 40 Livres zahlen wolle; Buvat entgegnete ihm aber in seinem Verdruß, daß diese Bilder gar nicht zu verkaufen wären.
Jederman weiß, daß wenn etwas nicht zu verkaufen ist, es ist im Preise steigt, und der Farbenhändler bot also bis zu 50 Livres. Buvat aber, noch sehr verletzt, legte die Bilder wieder in ihre Mappe, nahm diese dann unter den Arm und schritt mit einem gewissen Stolz aus dem Laden, seinem Bureau zu.
Als Bathildens Pflegevater wieder zu Hause ging, mußte er an dem Laden vorbeigehen; der Farbehändler stand wie zufällig vor der Thür; Buvat wollte ohne Weiteres an ihm vorüber. Jener aber hielt ihn zurück und fragte, ob er sich nicht entschlossen habe, ihm die Bilder für den gebotenen Preis zu überlassen. Buvat entgegnete ihm noch bestimmter als vorhin: daß die Zeichnungen nicht verkauft werden sollten.
»Das thut mir in der That leid,« entgegnete der Kaufmann, »ich wäre bis achtzig Livres gegangen.« – Er trat in seinen Laden zurück, verfolgte aber Buvat mit seinen Blicken.
Bathilde eilte ihrem Pflegevater bis an Treppe entgegen, denn sie war in ängstlicher Spannung, das Resultat einer Nachfrage zu vernehmen.
»Nun, fragte sie, »mein lieber Papa, hat Ihnen Herr Papillon gesagt?«
»Herr Papillon! Herr Papillon!« sprach Buvat indem er sich die Stirn trocknete, »Herr Papillon ein Unverschämter!«
Die arme Bathilde erblaßte. »Wie das,« fragte sie.
»Ja, ja, ein recht Unverschämter!« fuhr Buvat fort, »statt vor Deinen Zeichnungen niederzuknien unterfing er sich, sie zu kritisieren.«
»Wenn es weiter nichts ist als das,« entgegnete Bathilde lachend, »da hat er ja Recht. Bedenken Sie, daß ich nur noch eine Schülerin bin. Aber hat er auch nicht den kleinsten Preis dafür geboten?«
»Ey ja wohl, er hatte auch diese Unverschämtheit!«
»Und was bot er Ihnen denn?«, fragte Bathilde zitternd.
»Achtzig Livres hat er mir dafür geboten.«
»Achtzig – Livres! –« wiederholte Bathilde ganz erstaunt. »Ach, Sie irren sich gewiß, mein lieber Papa.«
»Ich sage Dir achtzig Livres für beide Bilder,« wiederholte Buvat, indem er die letzten Worte betonte.
»Aber, mein lieber Papa, das ist ja viermal so viel als die werth sind!« rief das junge Mädchen, indem sie freudig in die Hände klatschte. Um aber ihre Gefühle nicht ferner zu verrathen, brach sie schnell das Gespräch ab und berichtete, daß das Mittagessen bereit say und seiner warte; eine Kunde, welche den Ideen des ehrlichen Buvat schnell eine andere Richtung gab. Er gab ihr ruhig ihre Mappe zurück und setzte sich mit ihr zu Tisch, indem er sein Lieblingslied trällerte: Laissez moi aller u. s. w.
Noch an demselben Abend, während ihr Pflegevater sich auf sein Dachstübchen begeben hatte, und dort Abschriften zu fertigen, übergab Bathilde die Mappe mit den Bildern der treuen Nanette, um gebot ihr, diese dem Herrn Papillon zu überbringe und dagegen achtzig Livres in Empfang zu nehmen.
Nanette gehorchte, und Bathilde erwartete mit Herzklopfen ihre Rückkehr, denn noch immer fürchte sie, daß Buvat sich hinsichtlich des Preises geirrt habe. Bald war sie indeß beruhigt, denn schon mal zehn Minuten kehrte die gute Frau mit den achtzig Livres zurück.
Bathilde nahm ihr das Geld ab und betrachte es einen Augenblick lang mit Thränen in den Augen. Dann legte sie es auf den Tisch und knieete fromm und andächtig vor dem Crucifixe nieder, welches vor ihrem Bette stand, und vor dem sie allabendlich betete. Jetzt sprach sie heiße Dankgebete aus, den jetzt konnte sie dem guten Buvat einen Theil desse vergelten, was er für sie gethan.
Als Buvat am folgenden Tage von seiner Bureau zurückkehrte, und an dem Laden des Herr Papillon vorüberkam, gewahrte er zu einem unbeschreibbaren Erstaunen, an den Fenstern desselben in kostbaren Rahmen, die beiden Kinderköpfe, die auf ihn herabschaueten. In diesem Augenblick öffnete sich die Ladenthür und der Bilderhändler erschien auf der Schwelle derselben.
»Nun, Papa Buvat,« sprach er, wir haben uns denn doch anders besonnen, und uns entschlossen, endlich die Kinderköpfe loszuschlagen, die gar nicht zu verkaufen waren, he, hi? Hielt ich Sie doch nicht für so gerieben, Nachbar. Sie haben mir auf diese Weise achtzig blanke Livres aus der Tasche zu locken gewußt. Aber gleichviel sagen Sie der Demoiselle Bathilde, die ein liebes chermantes Mädchen ist, daß wenn sie sich verpflichten will, mir ein Jahr lang alle Monat zwei solche Bilder zu liefern, ich ihr demselben Preis zahlen werde wie für diese.«
Buvat fand wie niedergedonnert da; er murmelte eine Antwort, die der Kaufmann nicht verstehen konnte, und setzte seinen Weg fort. Er öffnete die Thür, ohne daß Bathilde es bemerkt hatte. Das junge Mädchen zeichnete, sie hatte bereits wieder eine Kopf angefangen.
Als sie ihren lieben Papa mit ernstem Gesicht auf der Schwelle gewahrte, sprang sie auf und fragt was ihm begegnet sei; ohne zu antworten, wischt Buvat sich ein Paar große Thränen hinweg.
»Also,« begann er endlich in einem gereizten Tone, »das Kind meiner Wohlthäter, die Tochter Alberts und Clarissens, arbeitet für Geld!«
»Aber lieber Papa,« erwiderte Bathilde halb weinend, halb lachend, »ich arbeite ja nicht, ich unter halte mich.«
»Ich bin nicht Ihr lieber Papa,« entgegnet Buvat, noch immer traurig, »ich bin nichts als den arme Buvat, den der König nicht bezahlt, und den mit seinen Schreibstunden nicht genug verdient, um Ihnen eine Erziehung geben zu lassen, wie sie für eine Demoiselle Ihres Standes paßt.«
Bei diesen Worten ließ er die Arme entmuthigend sinken, so daß der Stock seiner Hand entfiel.«
»Sie wollen mich also vor Schmerz und Beschämung sterben lassen!« rief Bathilde in Thränen ausbrechend.
»Ich dich sterben lassen,« entgegnete Buvat mit dem Ausdrucke der innigsten Zärtlichkeit. »Was hab’ ich denn gesagt? Was hab’ ich denn gethan?«
Und Buvat faltete die Hände und war nahe daran, vor ihr auf die Kniee zu sinken.
Bathilde vergoß noch immer Thränen.
»Ich will nicht, daß Du weinen sollst,« rief Buvat mit gutmüthigem Zorne, »das fehlte nur noch, daß ich Dich weinen sehen müßte.«
»Ich werde aber weinen, wenn Sie mich nicht mein Vorhaben ausführen lassen,« versetzte das junge Mädchen.
Diese Drohung Bathildens, so kindisch sie auch war, erfüllte dennoch Buvat mit Schrecken, denn seit den Tagen, in welchen das junge Mädchen ihre Mutter beweinte, waren keine Tränen ihren Augen entquollen.
»Wohlan,« rief Buvat endlich, »so mache was Du willst, aber versprich mir, daß Du von dem Tage an, an welchem mir der König wieder mein Gehalt auszahlen läßt – – –
»Schon gut, schon gut, lieber Papa,« unterbrach ihn Bathilde lebhaft, das wird sich später finden; »unterdessen sind Sie schuld, wenn die Suppe kalt geworden ist.«
Man setzte sich zu Tisch, und die heitere Laune des jungen Mädchens hatte aus dem Gesicht ihr Pflegevaters bald jede Spur von Traurigkeit verwischt.
Was aber würde Buvat gesagt haben, hätte er Alles gewußt. Im Voraus überzeugt, daß sie nicht zu viel Bilder fertigen müsse, wolle sie den Preis derselben nicht herabsetzen, beschloß Bathilde, das zwei Köpfe in zehn bis zwölf Tagen vollenden konnte, ihre übrige Zeit gleichfalls zu Geld zu machen, um hatte daher schon an diesem Morgen Nanette beauftragt, sich nach irgend einer Handarbeit umzuschauen mit der sie sich während Buvats Abwesenheit beschäftigen könne.
Nanette, welche gewohnt war, ihrer Gebieterin blindlings zu gehorchen, hatte sich sogleich auf der Weg gemacht, und brauchte nicht lange zu suchen. Die Spitzen waren damals gerade in der Mode, die vornehmen Damen wogen sie mit Gold auf, und bei dem hohen Preise dieses Gegenstandes, der leicht beschädigt wurde, ward auch das Ausbessern derselben theuer bezahlt. Bathildens Nadel bewirkte in dieser Rücksicht wahrhafte Wunder und sie theilte jetzt ihre Zeit zwischen Handarbeit und Zeichnen. Der ehrliche Buvat ergab sich endlich mit der ihm eigenthümlichen Fügsamkeit in ihre Anordnung, und da er den früheren Spaziergängen entsagt hatte, weil es ihn langweilte, sie allein zu machen, so richtete er wieder sein Augenmerk auf die oft erwähnte, kleine Terasse. Acht Tage lang traf er in dieser Rücksicht Morgens und Abends eine vorläufigen Anstalten so insgeheim, daß Niemand ahnen konnte, was er vorhatte. Auf diese Weise legte er oben auf dem Dache eine kleine Laube, einen Springbrunnen, und sogar eine Grotte an, welche letztere ihm indeß am meisten zu schaffen machte.
Endlich kam er auch hiermit zu Stande, jedoch waren sehr viele Monate vergangen bis Alles vollendet war.
Die Gartenarbeiten des guten ehrlichen Buvat hatten fast ein ganzes Jahr weggenommen. Bathilde war jetzt sechzehn Jahre alt, und zur vollkommen schönen Jungfrau aufgeblüht. Es war gerade in dieser Periode, daß ihr Nachbar gegenüber, Bonifaz Denis, sie bemerkte, und daß seine Mutter, die ihren Sohn nichts abschlagen konnte, und über Bathildens und Buvats Verhältnisse befriedigende Erkundigungen eingezogen hatte, mit ihnen eine nachbarliche Bekanntschaft anknüpfte, und sie einlud, die Sonntag-Abende in ihrem Hause zuzubringen. Die Einladung war auf so freundliche, zuvorkommende Weise geschehen, daß man sie nicht zurückweisen konnte, so ungern sich auch die anmuthige Bathilde ihrer Einsamkeit entzog. Der ehrliche Buvat war dagegen hocherfreut, daß sich irgend eine Gelegenheit zur Zerstreuung für Bathilde zeigte. Auch freute er sich insgeheim mit ächt väterlichem Stolze über den Triumph, den diese neben Emilie und Athenais feiern würde.
Die Dinge gingen indeß nicht ganz genau den Weg, den ihnen der wackere Mann in seinem Kopfe angewiesen hatte. Bathilde sah auf den ersten Blick, mit wem sie es hier zu thun habe; sie begriff ganz die niedrige Stellung ihrer Nachbarinnen, und als man sie dringend ersuchte, doch eine ihrer Zeichnungen zu zeigen, versicherte sie, daß sie keine derselben im Hause habe, während Buvat recht gut wußte, daß sich in ihrer Mappe ein Jesuskopf und ein Kopf des heiligen Johannes in höchst gelungener Ausführung befanden. Das war noch nicht Alles. Als man in sie drang, zu singen, nachdem die Töchter des Hauses sich hatten hören lassen, trug sie eine kleine Romanze vor, die noch nicht fünf Minuten währte, statt die große Arie vorzutragen, auf welche Buvat gerechnet hatte, und die dreiviertel Stunden ausgefüllt haben würde.
Zu Buvats großem Erstaunen nahm aber gerade dieses Betragen. Madame Denis zu Gunsten des jungen Mädchens ein; denn da man ihr Bathildens musikalisches Talent hoch gepriesen hatte, freuete sie sich, daß die Letztere in dieser Rücksicht ihre Töchter nicht allzusehr überrage. Bathilde ward daher von der guten Frau mit Liebkosungen überhäuft, welche, nachdem das liebliche Mädchen sich hinweg begeben, jedermann versicherte, daß es ein außerordentlich talentvolles und bescheidenes junges Mädchen say, und daß man nicht zu viel zu ihrem Lobe gesagt habe.
Was nun den saubern Herrn Bonifaz betraf, so hatte er sich an dem genannten Abend so schweigsam benommen, daß ihn die reizende Nachbarin kaum bemerkte. Mit Bonifaz war es aber etwas Anderes. Der arme Bursche, der sie schon aus der Ferne bewundert hatte, war jetzt bis über die Ohren in die verliebt. Hieraus folgte nun, daß Bonifaz fast nicht mehr von einem Fenster wich, welches natürlich zur Folge hatte, daß Bathilde das ihrige geschlossen hielt, denn man wird sich erinnern, daß der junge Mann das Zimmer bewohnte, welches später der Chevalier Harmental inne hatte.
Das zurückgezogene Betragen Bathildens steigerte die Leidenschaft ihres jungen Nachbars noch mehr, auch drang er so unablässig in seine Mutter, daß diese sich endlich nach der Rue des Orties begab, wo sie von der unterdessen fast ganz erblindeten und taub gewordenen Pförtnerin erfuhr, was sich am Sterbelager Clarissens zugetragen, und welchen edlen Character der wackere Buvat dabei entfaltet hatte. Die gute alte Frau hatte übrigens alle Namen vergessen, und erinnerte sich nur, daß Bathildens Vater ein schöner, stattlicher Offizier gewesen say, der in Spanien getödtet worden, so wie, daß seine junge, liebenswürdige Gattin vor Schmerz im Elende verstorben say.
Der junge Bonifaz hatte seinerseits gleichfalls Nachforschungen angestellt und durch seinen Principal, Herrn Jouy, erfahren, daß Buvat bei einem Procurator Herrn Ladureau, seit 10 Jahren jährlich 500 Livres auf Bathildens Namen deponiert habe, welche Summe, da die Zinsen immer dazu geschlagen wurden, jetzt schon ein hübsches Capital von 7 bis 8000 Livres ausmache. Sieben bis achttausend Livres war gerade kein bedeutender Gegenstand für Bonifaz, welcher, der Versicherung seiner Mutter zufolge, auf 3000 Livres jährlicher Einkünfte rechnen konnte; so klein aber dies Capital auch war, so war es doch besser als wenn Bathilde gar nichts gehabt hätte.
Nach einem Monat also, in welchem seine Leidenschaft mit jedem Tage wuchs, die Achtung der Madame Denis für Bathilde aber gleichfalls zunahm, beschloß die sorgsame Mutter, für ihren lieben Sohn förmlich um die Letztere anzuhalten.
Eines Nachmittags also, als Buvat wie gewöhnlich von seinem Bureau heimkehrte, erwartete ihn Madame Denis vor ihrer Thür, und als er in sein Haus treten wollte, winkte sie ihm zum Zeichen, daß sie ihm etwas Wichtiges mitzutheilen habe. Buvat zog höflich seinen Hut und trat zu Madame Denis ein, die ihn zu dem entlegendsten Zimmer ihres Hauses führte, die Thür verschloß, ihn feierlich ersuchte, sich niederzulassen, und alsdann mit gebührender Förmlichkeit um Bathildens Hand für ihren Sohn anhielt.
Buvat ward durch diesen Antrag in die größte Bestürzung versetzt. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, daß Bathilde sich verheirathen könne; das Leben ohne Bathilde zu ertragen, schien ihm ganz unmöglich, so daß er bei dem Gedanken, sie könne ihn verlassen, zusammenschauderte und die Farbe wechselte. Madam Denis war eine zu scharfe Beobachterin, als daß sie den mächtigen Eindruck nicht hätte bemerken sollen, den ihr Antrag auf ihren Nachbar hervorbrachte. Sie stellte sich indeß als wäre ihr seine Aufregung entgangen, während Buvat auch schon seine Fassung wieder zu erlangen sich bestrebte, und nach einer kurzen Pause, ziemlich gesammelt, erwiderte, daß ein solcher Antrag für Bathilde allerdings sehr ehrenvoll, daß er aber nur ihr Pflegevater say und in dieser Sache durchaus nichts entscheiden könne; er werde sie indeß mit der Bewerbung des jungen Herrn Denis bekannt machen, und müsse es ihr gänzlich überlassen, sich für oder gegen ihn auszusprechen.
Buvat stieg zu seiner Wohnung hinauf, wo er Bathilde seinetwegen in großer Unruhe fand, denn er war eine halbe Stunde über die gewöhnliche Zeit ausgeblieben, welches seit zehn Jahren das Erste mal war. Die Besorgniß des jungen Mädchens aber verdoppelte sich, als sie das bestürzte Wesen ihres Pflegevaters bemerkte. Auch beschloß sie sogleich nach der Ursache desselben zu forschen. Buvat wollte die Sache bis nach Tische verschieben, Bathilde ab erklärte, daß sie keinen Bißen genießen würde, erführe sie nicht zuvor, was ihren lieben Papa dergestalt beunruhige; und so blieb ihm nichts anders übrig, als ihr ohne Weiteres den Antrag der Madame Denis vorzulegen.
Bathilde erröthete anfangs, wie alle jungen Mädchen, wenn man ihnen von einer Heirath sprich dann aber erfaßte sie beide Hände Buvats, der sich niedergesetzt hatte, weil er fühlte, daß seine Füße ihn ihren Dienst versagten, blickte ihn mit jenem sanften hinreißenden Lächeln an, welches für den ehrliche Schreiblehrer die Sonne des Himmels war und sprach: »Sie wollen Ihr armes Töchterchen also los seyn, lieber Papa? Sind Sie ihrer denn ganz überdrüssig?«
»Ich, ich,« stammelte Buvat, »ich Deiner überdrüssig! Ich sterbe an dem Tage, an dem Du mich verläßt.«
»Aber, lieber Papa,« entgegnete Bathilde, warum sprechen Sie mir denn von einer Heirath?«
»Weil, siehst Du – weil –« fuhr Buvat stammelnd fort, »weil Du Dich doch einmal verheirathen mußt, und weil sich nicht immer eine so gute Parthie findet; obgleich, Gott say Dank, meine gute Bathilde einen ganz andern Mann verdient, als Herrn Bonifaz.
»Ach, das nicht, mein lieber Papa, das nicht, ich verdiene keinen besseren Mann als Herrn Bonifaz, aber – –«
»Nun was denn aber?«
»Aber ich werde mich niemals verheirathen!«
»Wie, Du wolltest Dich nie verheirathen?«
»Warum sollte ich das auch? Sind wir nicht so ganz glücklich mit einander?«
»Glücklich, das will ich meinen, wenigstens was mich betrifft,« rief Buvat.
»Nun,« fuhr Bathilde mit ihrem Engelslächeln fort, »wenn wir glücklich sind, warum wollen wir es nicht bleiben? Man muß den Himmel nicht versuchen!«
»Komm her, komm her, mein liebes Kind, und umarme mich, rief hocherfreut Buvat, »ist es mir doch als hättest Du mir den Montmartre von der Brust genommen.«
»Sie wünschten also diese Heirath nicht, mein lieber Vater?« fragte Bathilde, indem sie mit ihren Rosenlippen die Stirn des wackern Mannes berührte.
»Ich sie wünschen!« rief Buvat erstaunt.
»Weshalb schlugen Sie sie mir denn vor?«
»Weil, wie Du weißt, ich nicht Dein Vater bin – weil, wie Du weißt, ich kein Recht über Dich habe – weil, wie Du weißt, Du frei über Deine Hand verfügen kannst.«
»Also habe ich völlige Freiheit! Habe ich das? wohlan so schlage ich den Antrag aus!« entgegnete Bathilde fröhlich.«
»Gottlob, gottlob!« rief Buvat, in die Hände klatschend, »wie aber soll ich das der Madame Denis vorbringen?«
»Wie? – Sagen sie ihr, ich say noch zu jung – ich hätte keine Lust zu heirathen – ich wollte ewig bei Ihnen bleiben.«
»Jetzt, Bathilde, laß uns zu Tisch gehen,« sprach Buvat, »vielleicht kommt mir während der Mahlzeit ein guter Gedanke. Seltsam, mein Appetit ist plötzlich zurückgekehrt. So eben lag es mir noch wie eine Last im Magen.«
Buvat speiste und trank mit gutem Behagen, aber – der gute Gedanke blieb dennoch aus, und er sah sich endlich genöthigt, der Madame Denis geradezu zu erklären, daß seine Pflegetochter sich zwar durch den Antrag sehr geehrt fühle, daß sie sich aber noch nicht verheirathen wolle.
Diese unerwartete Antwort machte, daß der Madame Denis die Arme am Leibe niedersanken; sie hatte nicht im Traume gewähnt, daß eine arme – Waise wie Bathilde einen jungen Mann wie ihren Sohn ausschlagen könne. Sie nahm daher die Weigerung Buvats sehr kalt auf und erwiderte mit schlecht verhehlter Bitterkeit: »daß Jeder ja einen freien Willen haben, und daß Bathilde ihretwegen in Gottes Namen, eine alte Jungfer werden könne.«
Ihr mütterlicher Stolz aber war so schwer verletzt, daß sie den Verläumdungen, die man ihr früher hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Buvat und Bathilde zugeflüstert hatte, jetzt ein bereitwilliges Ohr lieh. Ja sie ging so gar noch weiter: sie hielt es nach dieser abschläglichen kränkenden Antwort, der Würde ihres Sohnes nicht mehr angemessen, noch länger das Zimmer zu bewohnen, was er Bathilden gegenüber inne hatte. Sie wies ihm daher ein nach dem Garten hinausgehendes, weit besseres und bequemeres Zimmer an, und hing das Dachstübchen zur Miethe aus.
Dies Alles war die Ursache, weshalb Herr Bonifaz, dem Helden dieser unserer Geschichte, den freundschaftlichen Rath ertheilte, sich vor Bathilden und ihrer Mirza in Acht zu nehmen.
VI.
Jugendliche Liebe
Das Zimmer des Herrn Bonifaz blieb drei bis vier Monate leer. Endlich gewahrte Bathilde das Fenster wieder geöffnet, und in demselben eine ihr unbekannte Gestalt; es war die Harmentals.
Man sah in der Rue du temps perdu nur wenig solche Gesichter, wie das des Chevaliers. Auch blieb dasselbe von Bathilde, die hinter ihrem Vorhange sehen konnte ohne selbst gesehen zu werden, keineswegs unbeachtet. Und wirklich besaßen die Züge unsers Helden etwas so Feines, Ausgezeichnetes, was den Blicken eines Mädchens wie Bathilde nicht entgehen konnte. Die Kleidung des Chevaliers, so durch: aus einfach sie auch war, zeigte bei ihm doch eine gewisse Eleganz; auch waren einige Aufträge, welche Bathilde ihn ertheilen hörte, mit jenem gewissen bestimmten Tone gegeben worden, der die Gewohnheit des Befehlens beurkundet.
Bathilde hatte daher sofort begriffen, daß der junge Mann vor ihren Augen, über den früheren Bewohner des Dachstübchens weit erhaben say, auch fühlte sie mit dem Instincte der Leute comme il faut, daß er ihrem eigenen Stande angehöre. An demselben Tage schon hatte der Chevalier sein Clavier probiert; bei dem ersten Tone desselben hatte Bathilde aufgehorcht, während Harmental, der nicht wußte, daß er gehört wurde, mit einem Geschmack und einer Freiheit phantasirte, die einen Dilettanten ersten Ranges verriethen. Bathilde war aufgestanden und hatte sich leise dem Fenster genähert, um auch keine Note zu verlieren; denn ein solcher musikalischer Genuß war in der Rue du temps perdu etwas bisher Unerhörtes.
Am folgenden Tage war es Bathilde, welche daran dachte, daß es schon ewig lange Zeit her say, seit sie musiziert habe; sie setzte sich ans Clavier. Anfangs zitterte sie ganz gewaltig, obgleich sie durchaus nicht wußte weshalb; da sie aber eine treffliche Musikerin war, so legte sich ihr Zittern bald und sie exekutierte auf wahrhaft bewunderungswürdige Weise die Piece, welche den Chevalier so sehr entzückte.
Wir haben bereits erzählt, wie Harmental am folgenden Tage Buvat bemerkte, und durch ihn erfuhr, daß eine reizende Nachbarin sich Bathilde nenne.
Am darauf folgenden Morgen war es Bathilde, welche, um sich eines Sonnenstrahls zu erfreuen, am Fenster stand; sie gewahrte, wie die Augen unters Chevaliers feurig auf sie gerichtet waren; sie erblickte wieder das schöne jugendliche Gesicht, dem aber das vorhabende Project einen Anflug von schwermüthigem Ernst gegeben hatte; dieser mit Jugend so unvereinbare Ernst fiel ihr auf. Der schöne junge Mann mußte also Kummer haben, da er so traurig war. Welch’ einen Kummer aber konnte er haben? Aus allem diesen geht hervor, daß von dem zweiten Tage an das reizende Mädchen sich schon ungemein mit dem Chevalier zu beschäftigen begann.
Das verhinderte aber Bathilde nicht, ihr Fenster zu schließen; hinter ihrem Vorhange aber bemerkte sie, daß das schöne Gesicht ihres Nachbars noch trauriger ward; und ein Instinct sagte ihr, daß sie dem jungen Manne wehe gethan habe; ohne es zu wollen, trat sie zum Clavier; geschah es vielleicht, weil sie fühlte, daß die Musik die beste Trösterin in Herzensleiden say?
Abends hatte sich Harmental seinerseits ans Clavier gesetzt und nun war es Bathilde, die dem Gesange mit ganzer Seele horchte, der mitten in der verschwiegenen Nacht in melodienreichen Tönen, die Gefühle der Liebe schilderte. Leider aber war er in seiner musikalischen Beschäftigung durch seinen Nachbar im dritten Stockwerke unterbrochen worden. Der erste Schritt aber war gethan; es bestand bereits zwischen den beiden jungen Leuten ein Berührungspunkt, schon redeten sie zu einander die Sprache des Herzens, die gefährlichste von allen.
Auch fühlte wirklich am nächsten Morgen das anmuthige Mädchen, welches, beiläufig gesagt, die ganze Nacht von Musik und auch ein wenig von dem Musiker geträumt hatte, daß etwas Seltsames, ihr bisher Unbekanntes in ihr vorging. So sehr sie sich zum Fenster hingezogen fühlte, hielt sie doch dasselbe geschlossen, und das hatte bei dem Chevalier die üble Laune erzeugt, mit der er mit dem Abbé zu dem Frühstück der Madame Denis hinabstieg
Hocherfreut über die Kunde, daß die reizende Nachbarin weder die Gattin, noch die Geliebte, noch die Tochter Buvats say, war er, wie wir wissen, wieder hinaufgeeilt und hatte sich durch Stückchen Zucker mit der kleinen Mirza in Verbindung gesetzt. Als Bathilde erschien, hatte er mit Bescheidenheit sein Fenster geschlossen, nicht aber ohne daß er sie gegrüßt hatte, und daß sein Gruß von ihr erwidert, und zwar erröthend erwidert worden.
Am folgenden Morgen gewahrte die liebliche Bathilde, wie der Chevalier ein Fenster öffnete und ohne daß sie die Ursache errathen konnte, ein ponceaurothes Band außerhalb desselben befestigte; die außerordentliche Aufregung in dem Gesicht des Chevalier war ihr dabei keineswegs entgangen. Seine Aufregung war begreiflich: die Befestigung des roth Bandes war vielleicht sein erster Schritt zum Schafott. Eine halbe Stunde darauf hatte sich hinter Harmental eine Gestalt gezeigt, welche Bathilde gänzlich unbekannt war, die aber durchaus nichts Beruhigendes hatte. Dies war der Capitain Roquefinette auch hatte die besorgte Nachbarin nicht ohne einige Unruhe bemerkt, daß Harmental seit dem Eintritt des Unbekannten mit dem langen Degen, das Fenster sorgsam geschlossen hatte.
Der Chevalier hatte, wie man leicht denken kann, eine lange Unterredung mit dem Capitain, in dem er ihm die Anstalten für die Unternehmung des Abends auseinandersetzen mußte. Das Fenster ihr Nachbars war demnach so lange geschlossen geblieben, daß Bathilde sich überzeugt hielt, er say ausgegangen und der Meinung war, sie könne ungefährdet das ihrige öffnen.
Kaum aber war dies geschehen, als sich auch plötzlich das Fenster gegenüber aufthat. Zum Glück für Bathilde war sie gerade in den Theil ihres Zimmers zurückgetreten, in den die Blicke des Chevaliers nicht dringen konnten. Sie beschloß jetzt dort zu bleiben und setzte sich mit ihrer Arbeit an das zweite geschlossene Fenster.
Die kleine Mirza aber, welche weniger Scrupeln hatte, als ihre Gebieterin, hatte den freundlichen Zuckerspender kaum erblickt, als sie auch sofort ans Fenster eilte und die Vorderpfötchen auf den Rand legte. Diese Freundlichkeit ward, wie man denken kann, durch mehrere Stücke Zucker vergolten; das dritte Stückchen aber war zum großen Erstaunen Bathildens mit einem Blättchen Papier umwickelt.
Dies Blättchen Papier beunruhigte Bathilde mehr als Mirza, denn das Hündchen hatte schnell den Zucker aus der Hülle gezogen und verspeist, worauf es seinen Posten am Fenster wieder einnahm. Jetzt aber war kein Chevalier mehr da, er hatte ein Fenster geschlossen.
Bathilde befand sich in einer großen Verlegenheit. Sie hatte auf den ersten Blick gesehen, daß das Blättchen mit einigen Zeilen beschrieben war, und so freigebig und freundlich sich auch der Nachbar gegen Mirza gezeigt hatte, so konnte er doch nicht an diese geschrieben haben, das Billet war also an Bathilde gerichtet.
Was aber mit dem Briefchen anfangen? Das Blättchen ungelesen zu zerreißen, das war allerdings sehr würdig und verständig. Wenn es nun aber ein unbedeutendes, längst beschriebenes Papier wäre, dann war ein solches Verfahren lächerlich; auch hieß es dann einer Sache Bedeutung geben, die an und für sich keine hatte. Bathilde beschloß daher, das Blättchen ruhig liegen zu lassen, und keine weitere Notiz davon zu nehmen; sie steckte hinter ihrem Vorhange, wie Harmental ohne Zweifel hinter dem seinigen.
Nach Verlauf einer Stunde, von der, wir müssen es der Wahrheit gemäß gestehen, Bathilde wenigstens dreiviertel in Betrachtung des Billetchens verbracht hatte, trat Nanette ein. Ohne ihren Platz zu ändern, gebot ihre Herrin, das Fenster zu schließen, sie that es, erblickte aber beim Zurücktreten das Papner.
»Was ist denn das?« fragte die gute Frau, indem sie sich anschickte das Blättchen aufzuheben.
»Es ist nichts von Bedeutung, erwiederte Bathilde, vergessend, daß Nanette nicht lesen konnte, »ich muß es aus der Tasche haben fallen lassen, und nicht ohne Selbstüberwindung fügte sie hinzu: wirf es nur in’s Feuer.
»Wenn es denn doch aber etwas Gutes wäre, rief Nanette, »so sehen Sie es doch nur erst an, Mademoiselle,« und so sprechend reichte Nanette ihrer Gebieterin das Blatt hin, und zwar so, daß die Schrift sich oben befand.
Diese Versuchung war zu stark, um ihr zu widerstehen. Bathilde warf auf das Papier einen Blick, den sie so gleichgültig als möglich zu machen sich bestrebte, und las wie folgt:
»Man sagt mir, Sie wären eine Waise. Auch ich habe keine Aeltern mehr, und so sind wir also Geschwister vor Gott! Diesen Abend begebe ich mich in große Gefahr, aber ich würde hoffen sie glücklich zu bestehen, könnte ich glauben, daß meine Schwester Bathilde beten würde für ihren Bruder Raoul .« –
»Du hattest Recht Nanette,« sprach das liebliche Mädchen mit bewegter Stimme, indem sie das Blatt aus Bathildens Hand nahm, und in die Tasche steckte, »das Papier ist wichtiger als ich glaubte.«
Als Nanette sich aus dem Zimmer entfernt hatte, zog Bathilde das Blatt wieder hervor und las es noch einmal. Es war ganz unmöglich, mit wenigen Worten mehr zu sagen! Das Billet war so überlegt abgefaßt, und mit einer solchen Gewandtheit eingerichtet, der Ausdruck. » Schwester und Bruder« war mit so vieler Klugheit gewählt, daß Bathilde hätte sie in diesem Augenblicke ihrem Nachbar gegenübergestanden, statt zu erröthen ohne Zweifel ihm die Hand gereicht und zu ihm gesagt haben würde: »Sey ruhig, Bruder, Deine Schwester wird für Dich beten.«
Was aber auf Bathildens Seele weit gefährlicher wirkte, als jede Liebeserklärung zu thun vermocht hätte, das war der Gedanke an die Gefahr, der ihr Nachbar ausgesetzt war. Sie gedachte des rothen Bandes, des Erscheinens der auffallenden Gestalt des Capitains und muthmaßte, daß jene Gefahr mit diesem Letztern in irgend einer Verbindung stehen müsse. Von welcher Art aber diese Gefahr say, darüber erschöpfte sie sich vergeblich in Vermuthungen. Anfangs dachte sie an ein Duell; für einen Mann aber, wie ihr Nachbar schien, war ein Duell keine Gefahr, für die er das Gebet und die Fürbitte eines Weibes wünscht! Ueberdem war die bezeichnete Stunde nicht diejenige, in welcher ein Zweikampf stattzufinden pflegt. Bathilde sann also und sann, und beschäftigte sich auf diese Weise unablässig mit dem Chevalier. Und wenn dieser darauf gerechnet hatte, so muß man eingestehen, daß seine Rechnung richtig war.
Der ganze Tag verging, ohne daß Bathilde den Nachbar erschaute, sei es nun daß er sich absichtlich ihren Blicken entzog, oder daß er beschäftigt war, genug, ein Fenster blieb fest verschlossen. Auch fand Buvat, als er wie gewöhnlich um vier Uhr zehn Minuten heimkehrte, das junge Mädchen so sehr auf geregt, daß er sie mehrfach fragte, was ihr fehle. Bathilde erwiderte nur durch eines jener bezaubernden Lächeln, die auf ihrem Pflegevater stets die Wirkung äußerten, daß er alsdann an nichts mehr dachte, als daran sie zu betrachten.
Nach dem Mittagsmahl erschien der Bediente des Herrn von Cheaulieur, welcher Buvat ersuche ließ, diesen Abend bei ihm zuzubringen, weil er mehrere Poesieen gefertigt habe, von denen er Abschrifte wünsche. Der Abbé de Cheaulieur war einer de besten Kunden Buvats, den er selbst oft besuchte er hatte die liebliche Bathilde sehr in Affection genommen, denn ob er gleich blind zu werden begann so konnte er doch ihre lieblichen Züge noch recht gut unterscheiden. Zwar sah er sie nur durch einen Nebel, dies aber hatte veranlaßt, daß er in seiner sechzigjährigen Galanterie dem reizenden Mädchen bemerkte, es erfreue ihn, daß er sie so erschaue, denn er erblickte sie wie die Engel in den Wolken.
Buvat begab sich demnach zu ihm, und Bathilde wußte es dem guten Abbé Dank, daß er ihr einen einsamen Abend verschaffte. Der arme Buvat verließ seine stille Behausung, ohne zu ahnen, da man in derselben heute zum erstenmal eine Abwesenheit wünschte.
Buvat schlenderte eines Weges langsam dahin, und als er in der Nähe des Palais Royal anlangte und um einen Straßenfänger eine Gruppe Männer und Weiber versammelt sah, schloß er sich denselben an. Als die Sammlung endlich begann, begab er sich hinweg, nicht etwa um dem armen Gassensänger aus bösem Herzen den verdienten Lohn zu entziehen, sondern weil er kein Geld bei sich hatte, denn um nicht zu Ausgaben verlockt zu werden, hatte er die alte Gewohnheit, kein Geld bei sich zu tragen.
Er begab sich also, wie wir bereits wissen, durch die Barriere des Sergens nach der Rue Mazarin, wo der Abbé de Cheaulieur wohnte.
Dieser empfing ihn höchst freundlich und zwang ihn, nach vielen Complimenten von Seiten Buvats, sich neben ihn an den mit vielen Papieren bedeckten Tisch zu setzen. Es ist wahr, daß sich Buvat anfangs nur ganz auf den Rand seines Stuhles setzte, nach und nach aber faßte er Muth und rückte sich zurecht, so daß er endlich wie alle andern ehrlichen Leute dasaß.
Er mußte nunmehr dreißig bis vierzig Gedichte ordnen oder abschreiben, und da der Abbé sich dabei nicht langweilte und der ehrliche Buvat sich nicht langweilen durfte, so schlug es elf Uhr, als endlich die Arbeit beendet sei. Buvat erschrak, daß es schon so spät war, packte die Papiere zusammen, kürzte den Abschied so viel als möglich, nahm Hut und Stock und eilte von dannen.
Zum Unglück schien der Mond nicht, und de Himmel war dicht mit Wolken bedeckt.
Bis zur Rue des bons Enfans ging alles gut, doch hier bekam für ihn die Sache einen andern Anstrich. Der Anblick der schmalen dunklen, nur durch das spärliche Licht zweier Laternen erleuchteten Gasse schon, war für unsern ehrlichen Buvat keineswegs ermuthigend. Er schritt indeß langsam und zitternd weiter; vor dem Hause No. 25 angelangt, gewahrte er nun gar die beiden dunklen Gestalten und seine Schritte hemmend, schrak er jetzt mächtig zusammen. Hier war es, wo Harmental einen Nachbar gegen über erkannte und ihn gegen Roquefinette beschützte. Buvat ließ sich, wie wir wissen, die ihm gewordene Warnung nicht zweimal sagen, sondern rannte Angsterfüllt von dannen, und hemmte seine Schritte nicht eher, als bis er sein Häuschen erreicht hatte und dies hinter ihm geschlossen und verriegelt war. Seine Füße zitterten dergestalt, daß er nur mit großer Anstrengung die Treppe hinauf gelangen konnte.
Was Bathilde betraf, so war sie, so wie der Abend heranrückte, immer unruhiger und unruhiger geworden. Bis sieben Uhr brannte Licht im Zimmer ihres Nachbars, von der Zeit an war es verschwunden. Seitdem hatte sie die Stunden nur auf zweierlei Weise zugebracht, sie fand entweder am Fenster um zu sehen, ob ihr Nachbar noch nicht heimgekehrt say, oder sie knieete vor ihrem Crucifix und sprach dort ihr gewöhnliches Abendgebet. So hörte sie neun, zehn, elf und elf ein halb Uhr schlagen; so vernahm sie nach und nach, wie das Geräusch in den Gassen verstummte ; der Schlaf schien sich auf die ganze Stadt herab zu senken, und dennoch verkündete ihr noch nichts, ob derjenige, der sich ihr Bruder genannt, der ihm drohenden Gefahr entzogen worden.
Sie befand sich in ihrem Zimmer ohne Licht, damit Niemand bemerke, daß sie noch nicht zur Ruhe gegangen say. Schon war sie zum zehnten Male vor ihrem Crucifixe niedergeknieet, da öffnete sich plötzlich die Thür und sie gewahrte bei dem Schein des Wachslichts, welches derselbe in der Hand trug und bei der Pförtnerin angezündet hatte, die bleichen angstvollen Züge ihres Pflegevaters, woraus sie auf der Stelle schloß, daß ihm etwas Besonderes begegnet seyn müsse.
Von Angst erfaßt, fragte sie, was ihm fehl aber es war kein leichtes Geschäft, aus Buvat die Ursache seines Schreckens herauszubringen. Seine Zunge war im Verhältniß eben so gelähmt als seine Füße zitterten.
Als er sich indeß in seinen bequemen Armstuhl niedergelassen, mehrmals tief Athem geschöpft, den Schweiß von der Stirn gewischt, und oft furchtsam nach der Thür geblickt hatte, um sich zu überzeugen, ob die furchtbaren Gäste aus der Rue des bons Enfans ihn nicht vielleicht gar bis in das Zimmer seiner Pflegetochter verfolgten, erzählte er endlich derselben, wie er in der obengenannten Straße von einer großen Räuberbande überfallen worden say, deren Lieutenant ein riesiger Kerl von mehr als sechs Fuß, sich so eben angeschickt habe, ihm die Gurgel abzuschneiden, als der Räuberhauptmann noch zu rechter Zeit erschienen say, um ihn zu retten.
Bathilde horchte seiner Erzählung mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, theils weil sie die Gefahr, worin ihr Wohlthäter, den sie liebte, geschwebt, mit Entsetzen erfüllte, theils weil nichts, was sich in dieser Nacht ereignete, ihr gleichgültig war. Seltsam in der That, sie konnte den Gedanken nicht unterdrücken, daß ihr Nachbar gegenüber mit dem, was dem ehrlichen Buvat begegnete, in Verbindung stehen könne, und sie fragte daher forschend, wie der Mann ausgesehen, der ihn gerettet habe.
Buvat erwiderte, daß er ihm gerade gegenüber gestanden, und ihn angeblickt habe, daß es ein schöner junger Mann von ungefähr 28 Jahren gewesen say, den ein dunkler Mantel dicht umhüllt habe; jedoch habe er, als dieser zurückgeschlagen worden, um ihm anzudeuten, daß er weiter eilen solle, bemerkt, daß der junge Räuberhauptmann an einer Seite einen Degen, und in seinem Gürtel ein Paar Pistolen getragen habe.
Von den verschiedenartigsten Gefühlen bestürmt, bat Bathilde ihren Pflegevater, sich zur Ruhe zu legen, und dieser fand den Rath für passend und suchte sein Lager, nicht ohne auf dem Wege dahin noch einige Male hingehorcht zu haben, ob die Räuber aus der Rue des bons Enfans nicht etwa gar in der Nähe wären.
So wie sie sich allein befand und gehört hatte, wie der ehrliche Buvat sein Zimmer verschloß, eilte sie wieder ans Fenster. Sie zitterte fast eben so sehr als der ehrliche Schreiblehrer.
Es verging so wieder eine Stunde. Endlich stieß sie plötzlich einen Freudenruf aus; durch die Scheiben des Fensters drüben gewahrte sie, wie sich in dem Zimmer gegenüber die Thür öffnete, und wie ihr Nachbar mit einem brennenden Wachslichtchen in der Hand in derselben erschien. Ihre Ahnung hatte sie nicht getäuscht. Der Lebensretter Buvats war kein Anderer als ihr Nachbar, denn er trug nicht nur den dunklen weiten Mantel, sondern auch, wie es sich zeigte, als er denselben rasch von sich geworfen hatte, einen Degen an einer Seite und in seinem Gürtel zwei Pistolen. Es war kein Zweifel mehr, alles traf mit dem Signalement Buvats zusammen.
Harmental legte die Pistolen auf seinen Nachttisch, schnallte den Degen von einer Seite, trat dann zum Fenster, öffnete dasselbe und richtete auf das seiner Nachbarin einen so durchdringenden Blick, daß diese vergessend, daß sie in der Dunkelheit nicht gesehen werden könne, rasch einige Schritte zurücktrat und den Vorhang zuzog, uneingedenk, daß die herrschende Finsterniß sie schon genug am verhüllte.
So fand sie zehn Minuten lang, ihre Hand auf das Herz gedrückt, gleichsam als wolle sie das Pochen desselben hemmen. Dann zog sie ihren Vorhang leise wieder zurück. Jetzt aber war das Fenster gegenüber ebenfalls geschlossen und der Vorhang zugezogen und sie gewahrte nichts als den Schatten des Nachbars, der sich hinter demselben mit raschen Schritten im Zimmer auf und nieder bewegte.
VII.
Der Consul Duilius
An dem Tage, welcher der Nacht folgte, in der die so eben erzählten Begebenheiten stattgefunden hatten, begab sich der Herzog von Orleans, der glücklich wie der in dem Palais Royal angelangt war, nachdem er die Nacht über recht gut geschlafen hatte, zu der gewöhnlichen Stunde, das heißt um elf Uhr Morgens, in ein Arbeits-Cabinet. Dank dem sorglosen Charakter, mit dem ihn die Natur begabt hatte, und der ein Resultat eines Muthes, seiner Verachtung jeglicher Gefahr und seiner Geringschätzung des Todes war, war es nicht nur unmöglich, in einem Gesicht auch nur die geringste Veränderung zu bemerken, sondern er hatte, wahrscheinlich in den Armen eines gesunden Schlafs, die seltsame Begebenheit deren Opfer er fast geworden wäre, ganz und gar vergessen.
Das Cabinet, welches er betrat, hatte das Merkwürdige, daß es zu gleicherzeit das Arbeitszimmer eines Politikers, eines Gelehrten und eines Künstlers war. Ein großer Tisch, bedeckt mit einem grünen Teppich, auf dem eine Menge Papiere und Schreibmaterialien lagen, fand in der Mitte des Gemachs. Auf Notenpulten und Staffeleien aber sah man angefangene Compositionen, halbbeendete Zeichnungen u. s. w. Der Herzog von Orleans besaß eine solche Beweglichkeit des Geistes, daß er oft von den schwersten Aufgaben der Politik zu den heitersten Productionen der freien Künste, oder zu Belustigungen überging. Der Herzog fürchtete nur eines: die Langeweile. Diese Feindin bekämpfte er unablässig mit Studien und mit Vergnügungen, und dennoch trat sie ihm immer wieder und wieder drohend entgegen. Deshalb sah man ihn nie unbeschäftigt, deshalb sprang er so schnell von einem Gegenstande zu dem andern über.
So wie er in sein Cabinet getreten war, wo sich das Conseil erst einige Stunden später versammeln sollte, nahm er eine begonnene Zeichnung zur Hand. Man berichtete ihm, daß Madame Elisabeth Charlotte, seine Mutter, schon mehrmals habe nachfragen lassen, ob er schon aufgestanden say. Der Prinz, welcher die größte Ehrerbietung vor ihr hatte, ließ antworten: daß er sich, wenn sie ihm die Ehre erzeigen wolle, ihn zu empfangen, sofort zu ihr begeben werde. Der Prinz trat wieder an seine Staffelei; wenige Augenblicke darauf aber öffnete sich die Thür und seine Mutter selbst trat ein.
Der Herzog eilte ihr sofort entgegen, begrüßte sie ehrfurchtsvoll, erfaßte ihre Hand, führte sie zu einem Armsessel und blieb neben ihr stehen, um ihre Befehle zu vernehmen.
»Mein Prinz,« begann Madame, indem sie in dem Lehnsessel bequem Platz genommen hatte, »was muß ich hören! Was ist Ihnen diese Nacht, begegnet? erzählen Sie mir.«
»Diese Nacht?« wiederholte der Herzog von Orleans, indem er nachsann und sich selbst befragte.
»Ganz recht, diese Nacht, als Sie sich von Frau von Sabran hinwegbegaben.«
»Ach, nichts weiter als das?« rief lachend der Regent.
»Wie, nichts weiter als das! Ihr Freund Simiane erzählt überall, daß man Sie habe entführen wollen, und daß Sie sich nur gerettet hätten, indem Sie über die Dächer entflohen. Ein seltsamer Weg, in der That, für den Regenten des Königreichs!«
»Simiane ist ein Narr, meine Mutter,« erwiderte der Regent lachend, daß seine Mutter ihn noch immer wie ein Kind behandelte, »es war keineswegs die Rede davon, mich zu entführen, es waren trunkene Bursche, die aus irgend einer Schenke kamen und in der Rue des bons Enfans tobten und lärmten. Was aber den curiosen Weg über das Dach betrifft, so galt das keineswegs einer Flucht, sondern das war eine Wette, welche verloren zu haben der Trunkenbold Simiane sich ärgert.«
»Mein Sohn, mein Sohn, sprach die Herzogin, »wollen Sie denn niemals an die Gefahr glauben, und dennoch wissen Sie nur zu gut, wessen Ihre Feinde fähig sind. Sie wissen, daß selbst die Herzogin von Maine gesagt hat: sie wolle sobald für ihren Bastard von Gemahl nichts mehr zu hoffen say, Sie um eine Audienz ersuchen und Ihnen einen Dolch in die Brust bohren.«
»Bah, bah,« lachte der Regent, »glauben Sie, Madame, denn nicht an Vorherbestimmung? Ich glaube fest daran. Warum soll ich mich also vor einer Gefahr fürchten, die vielleicht gar nicht besteht, und die ich wenn fiel besteht, doch nicht abzuwenden vermag? Glauben Sie mir, meine Mutter, alle übertriebenen Vorsichtsmaßregeln trüben nur das Leben und nutzen zu nichts. Die Tyrannen mögen zittern, ich aber – was habe ich zu fürchten?«
»Nichts mein Prinz, wenn jedermann. Sie kennte, wie ich,« versetzte Madame, indem sie eine Hand erfaßte und ihn zärtlich anblickt. Sie sind so gut, daß Sie nicht einmal die Kraft besitzen, Ihre Feinde zu haßen. Heinrich IV. aber, dem Sie in vieler Hinsicht gleichen, war auch gut, und dennoch fiel er unter dem Dolche eines Ravaillac! Die guten Fürsten sind es grade, die man ermordet, die Despoten sind auf ihrer Huth, und der Dolch dringt nicht bis zu ihnen! Sie sollten nie ohne Escorte den Palast verlassen.«
»Meine Mutter,« entgegnete der Herzog, »gestatten Sie mir, daß ich Ihnen eine Geschichte erzähle.« »Ich bin ganz Ohr, mein Prinz, denn Sie erzählen sehr schön.«
»So hören Sie mich an. Es gab vormals in Rom zur Zeit der Republik, ich weiß nicht mehr in welchem Jahre, einen Consul, der wie Heinrich IV. und ich die Gewohnheit hatte, bei Nacht die Straßen zu durchstreifen. Dieser Consul nun ward gegen die Carthagenienser gesandt. Er erfand eine Kriegsmaschine, mittelst welcher er in einer Seeschlacht einen so glänzenden Sieg davon trug, daß er bei seiner Rückkehr nach Rom auf den ruhmvollsten Empfang hoffte. Er hatte sich nicht getäuscht: ganz Rom erwartete ihn vor den Thoren und führte ihn im Triumph zum Capitol, wo der Senat einer harrte.
»Als er dort erschien, verkündete ihm der Letztere, daß er ihm zur Belohnung seines Sieges eine Auszeichnung zugedacht habe, die seinem Stolze ungemein schmeicheln würde, er sollte nämlich niemals seine Wohnung verlassen, ohne daß ihm ein Musiker voranginge, der unter Pfeiffenklang der Menge verkündete, daß derjenige, welcher ihm folge, »der berühmte Duilius, der Sieger der Carthagenienser say.«
»Duilius, meine Mutter, war, wie Sie leicht denken können, über diese Ehre ungemein glücklich. Er kehrte in seine Behausung zurück, vorgetreten von dem Pfeiffer, welcher mit lauter Stimme verkündete, wer er say und was er alles vollbracht, und jubelnd schrie das Volk: »Es lebe Duilius, der Besieger der Carthagenienser, der Befreier Roms.« Der Consul war trunken vor Entzücken und mehrmals verließ er täglich eine Wohnung, wenn er auch außer derselben nichts zu thun hatte, um sich der ruhmvollen Auszeichnung zu erfreuen.
»So ging alles vortrefflich bis zum Abend. Nun aber hatte besagter Consul eine Geliebte, die er anbetete und nach deren Anblick ihn verlangte, so eine Art von Frau von Sabran, mit der Ausnahme, daß der Gemahl der Römerin eifersüchtig war, welche Lächerlichkeit sich, wie Sie wissen, der Herr von Sabran nicht zu schulden kommen läßt.«
»Der Consul begab sich also ins Bad, machte seine Toilette, salbte sich, und als seine Sanduhr die elfte Stunde verkündete, schickte er sich an, insgeheim seinen Palast zu verlassen, um sich unbemerkt zu seiner Geliebten zu begeben. Er hatte aber die Rechnung ohne den Wirth, oder vielmehr ohne seinen Pfeiffer gemacht. Kaum aber hatte er die Straße betreten, als auch ein Pfeiffer, der beständig in seinem Dienste war und sein Hinaustreten aus der Pforte gewahrt hatte, ihm voraneilte und unter hellem Pfeifenton mit lauter Stimme verkündete: »Seht her, hier kommt der Consul Duilius, der Besieger der Carthagenienser, der Befreier Roms.« Was noch auf den Straßen war, hemmte seine Schritte und starrte den Ruhmgekrönten an, alle Fenstern und Haustüren thaten sich auf diejenigen, welche sich bereits zur Ruhe gelegt hatten, sprangen von ihrem Lager empor, kurz die ganze Bevölkerung des Stadtviertels kam auf die Beine und jubelte und schrie: »Hier kommt der Consul Duilius, der Besieger der Carthagenienser, der Befreier Roms.«
»Das war nun sehr schmeichelhaft für ihn aber auch sehr belästigend. Der Consul gebot seinem Pfeiffer zu schweigen, dieser aber entgegnete, daß er viel zu strenge Befehle von dem Senate erhalten habe und daß er pfeiffen und rufen würde, bis ihm der Athem ausginge. Da der Consul endlich einsah, daß sein Musiker, gestützt auf das Gebot des Senats, keine Vernunft annehmen wollte, fing er an zu laufen, hoffend seinem melodieusen Begleiter zu enteilen; dieser aber setzte sich jetzt gleichfalls in Lauf und alles was der Consul erreichen konnte, war, daß er nunmehr von seinem Pfeiffer gefolgt wurde, statt daß ihm dieser früher voranging. Dem armen berühmten Mann, blieb nur noch eine einzige Hoffnung, die nämlich, daß in dem Hause seiner Geliebten alles schlafen und daß es ihm gelingen würde, unbemerkt in das Nebenpförtchen zu schlüpfen, das, wie sie ihm versprochen hatte, für ihn offen bleiben sollte. Als er aber in der Nähe des theuren Hauses anlangte, war auch schon dort alles munter und auf den Beinen, und er gewahrte zu seinem Schrecken, in einem Fenster desselben, den Gemahl seiner Geliebten, welcher, so wie er ihn erblickte, aus vollem Halse schrie: »Hier kommt da berühmte Consul Duilius, der Besieger der Carthagenienser, der Befreier Roms!« – Verzweiflungsvoll kehrte der Gefeierte in seinen Palast zurück.
»Während der beiden nächsten Abende wiederholte er seine Versuche insgeheim zu einer Geliebte zu gelangen, allein sie schlugen sämmtlich fehl um ganz außer sich niemals ein Incognito bewahren zu können, begab er sich wieder nach Sicilien, wo seinen Zorn an den Carthageniensern ausließ und sie noch einmal schlug, und zwar so total, daß man glaubte es wäre mit den Punischen Kriegen an immer zu Ende. Rom war vor Freude außer sich und man beschloß den Sieger auf noch glänzende Weise zu empfangen als das Letztemal. Der Senat versammelte sich, um sich in dieser Rücksicht zu bereithen. Man wollte ihm eine Statue setzen, sein Haupt krönen und was dergleichen mehr war, da aber vernahm man plötzlich den durchdringen Schall der Pfeiffe und das Jubelgeschrei des Volks. Es war der Sieger, der früher als man es erwartet hatte, heimkehrte. Da er vermuthete, daß man auf eine neue glänzende Auszeichnung für ihn bedacht say, erschien er um der Berathung beizuwohnen. Rasch trat er vor: »Ihr Väter Roms,« sprach er, nicht wahr, Ihr berathschlagt mit einander was Ihr mir erzeigen könnt, das mir angenehm wäre?«
»Wir möchten, lautete die Antwort »Dich gern zu dem glücklichsten Sterblichen machen.« – »Wohl an« sprach Duilius, »wollt Ihr mir das gewähren, was ich am meisten wünsche?« – »Sprich, sprich,« rief der ganze Senat, wie mit einer Stimme. »Beim Jupiter, was Du verlangt, es soll Dir gewähret werden.«
»Gut, Ihr Väter Roms,« entgegnete der Consul, »nehmt mir zur Belohnung dieses meines zweiten glorreichen Sieges den verwünschten Pfeiffer wieder, den Ihr mir zur Belohnung meines erste verliehen habt,–
»Allerliebst, versetzte die Herzogin, »welchen Zusammenhang aber hat dieses Geschichtchen mit meine Besorgniß, daß man Sie ermorden könnte?«
»Welchen Zusammenhang?», lachte der Regent »bedenken Sie doch, wenn den Befreier Roms, der Consul Duilius ein solches Mißgeschick mit einen einzigen Pfeiffer traf, wie würde es mir erst ergehe hätte ich eine ganze Escorte um mich herum?
»Philipp, Philipp, bemerkte die Herzogin, halb lächelnd, halb zürnend, »wirst Du denn nie aufhören die ernsten Dinge so leicht zu behandeln!«
»Doch doch, meine Mutter, für ernste Ding habe ich auch den ernsten Sinn, antwortete der Regent, »und da Sie gewiß nicht hierher gekommen sind, um mir Moral über meine nächtlichen Spaziergänge zu predigen, sondern mit mir unfehlbar vor Geschäften zu reden haben, so bin ich ganz Ohr.«
Die Herzogin berichtete ihm jetzt ausführlich daß sie in der That gekommen say, ihn zu warnen zugleich aber auch ihm zu berichten, daß seine Tochter, Mademoiselle de Chartres, gestern unter dem Vorwande, in der Abtei du Chelles ihre Andacht zu verrichten, sich dorthin begeben, statt aber wieder zurückzukehren, an ihre Mutter und an ihn einen Brief gesandt habe, welcher die Kunde enthielt, daß sie dort bleiben und den Schleier nehmen wolle. Ein mächtiger Eindruck, den die Schönheit des Tenorsängers Cauchereau in der Oper plötzlich auf sie hervorgebracht habe, und in den sie bis über die Ohren verliebt say, habe, so versicherte die Herzogin, diesen Entschluß bei ihr herbeigeführt.
Der Regent nahm, wie man leicht denken kann, auch diese Sache auf die leichte Schulter, versprach indeß seiner Mutter, sich noch an demselben Tage selbst nach der Abtei begeben zu wollen, und geleitete dann sehr ehrerbietig die Herzogin bis zu der Thür seines Gemachs, worauf er wieder zu einer Staffelei trat.
Im Vorzimmer begegnete Madame einem kleinen Manne, in großen Reisestiefeln, das Haupt mit einer Pelzmütze bedeckt, und den Körper in einen weiten Mantel gehüllt Als er die Herzogin erblickte, steckte er aus demselben ein Fuchsgesicht mit spitzer Nase hervor.
»Ha, Sie sind’s, Abbé!« rief die Mutter des Regenten.
»Zu Befehl, Ew. Hoheit, ich komme, nachdem ich Frankreich gerettet!«
»Ich habe davon gehört,« entgegnete die Herzogin. »Man bedient sich oft des Giftes in Krankheiten. Sie müssen das ja wissen, Dubois, denn Sie sind der Sohn eines Apothekers.«
»Madame,« versetzte Dubois mit der ihm eigenthümlichen Insolenz, »ich habe es gewußt, aber ich habe es vergessen, Wie Ew. Hoheit wissen, verließ ich sehr jung die Apotheke, um die Erziehung Ihres Herrn Sohnes zu besorgen.«
»Gleichviel, Dubois,« lachte die Herzogin, »ich bin mit Ihrem Eifer zufrieden, und wenn wir einmal einen Gesandten nach Persien oder China gebrauchen, so werde ich Sie dem Regenten vorschlagen.«
»Warum nicht lieber nach dem Monde, dann wären Sie gewiß sicher, daß ich nicht zurückkehren würde,« erwiderte Dubois, und mit nachlässigem Gruße schritt er nach dieser Rede an der Herzogin vorüber und trat unangemeldet in das Zimmer des Regenten.
VIII.
Der Abbé Dubois
Jedermann kennt den Ursprung des Abbé Dubois, und wir wollen uns nicht mit der Schilderung einer früheren Jahre beschäftigen, die man in allen Memoiren, und besonders in denen des Herzogs von St. Simon findet.
Dubois ist nicht verläumdet worden; das war auch unmöglich. Es verhält sich damit so: man hat von ihm alles Böse gesagt, was man sagen konnte, aber das Gute hat man verschwiegen. Zwischen ihm und Alberoni bestand eine große Charakterähnlichkeit, aber man muß es gestehen, das Genie war auf der Seite Dubois, und in dem langen Kampfe Frankreichs mit Spanien, den wir nur in so weit berühren, als er mit unserer Geschichte in Verbindung steht, trug der Sohn des Apothekers über den Sohn des Gärtners den Sieg davon. Von dem Apothekertische war er in den Salon, von dem Salon war er in den Thronsaal gelangt. Er war einer jener Männer, die, um uns des Ausdrucks des Herrn von Talleyrand zu bedienen, nicht emporkommen, sondern emporsteigen.
Seine letzte Negociation war ein wahrhaftes Meisterstück; diese war mehr als die Ratification von Utrecht, sie war weit vortheilhafter für Frankreich. Der Kaiser entsagte nicht nur allen seinen Rechten auf die Krone Spaniens, wie Philipp V. auf die seinigen und auf die Krone Frankreichs verzichtet hatte, sondern er schloß sich auch mit England und Holland der Ligue an, welche im Süden gegen Spanien, und im Norden gegen Schweden und Rußland gebildet war. Die Theilung der fünf bis sechs großen Staaten von Europa war durch diesen Traktat auf eine so solide und gerechte Grundlage festgestellt, daß nach hundert und zwanzig Jahren der Kriege der Revolutionen, und der Umwälzungen, alle diese Staaten, das Reich ausgenommen, sich jetzt fast in derselben Lage befinden, in der sie damals waren.
Der Regent liebte diesen Mann, der seine Erziehung geleitet, und dessen Glück er gemacht hatte. Er erkannte in ihm alle seine guten Eigenschaften, und übersah die Laster, die ihm eigen waren. Zwischen dem Regenten und dem Abbé befand sich indeß eine große Schranke: die Tugenden und Laster des Ersteren waren die eines vornehmen Mannes, die des Abbé die eines Lakais. Der Regent bemerkte bei häufigen Gelegenheiten, wenn er ihm etwas verlieh: »Dubois, Dubois, nimm Dich in Acht, ich ziehe Dir nur wieder einen Livreerock an.« – Worauf der Abbé dann jedesmal mit der ihm eigenthümlichen, affenmäßigen Grimasse antwortete: »Ich bin ja Ihr Knecht, gnädigster Herr, bekleiden Sie mich nur immer auf gleiche Weise.«
Uebrigens liebte Dubois den Regenten wahrhaft, und war ihm ungemein ergeben. Er fühlte recht gut, daß dessen mächtige Hand allein ihn über dem Sumpfe emporhielt, aus dem er hervorgegangen war, und in den er, so verhaßt und verachtet er war, zog sein Gebieter eine schützende Hand zurück, jeden Augenblick wieder zurücksinken konnte. Er wachte also mit dem größten Eifer und mit dem eigennützigsten Interesse auf die gegen den Regenten gerichteten Complotts, und mehr als einmal wurden es durch seine Gegenpolizei, welche, durch Frau von Tencin die hohe Aristokratie, und durch die Fillon, die untergeordneten Klassen beobachtete, Verschwörungen gegen den Regenten entdeckt, von denen der Polizei-Lieutenant Argenson keine Ahnung hatte.
Der Herzog von Orleans, der seine mehrfachen Dienste zu schätzen wußte, empfing einen Abgesandten mit offenen Armen. »Dubois« rief er, »Du bist in der That mein bester Freund! Der Tractat der Quadrupel-Allianz wird für Ludwig XV. vortheilhafter seyn, als alle Siege eines Vorfahrs Ludwigs XIV.
»Es freut mich, gnädigster Herr, daß Sie mir Gerechtigkeit widerfahren lassen,« versetzte Dubois, »Jedermann aber thut das nicht.«
»Ah, so bist Du so eben meiner Mutter begegnet, die mich augenblicklich verließ.«
»So ist es, und zur Belohnung meiner Dienste wollte sie mir eine Gesandschaft nach China und Persien verschaffen.«
»Sey darüber unbesorgt, mein lieber Abbé,« lachte der Herzog, »meine Mutter steckt voll von Vorurtheilen, sie wird es Dir nimmermehr vergeben, daß Du einen solchen Zögling aus mir gebildet hast. Aber say ruhig, ich bedarf Deiner hier.«
»Und wie befinden sich Seine Majestät, unser allergnädigter König?« fragte Dubois mit boshaftem Lächeln, »er kränkelte sehr, als ich Frankreich verließ.
»Wohl, recht wohl, Dubois,« erwiderte der Herzog ernst, »der Himmel wolle ihn uns erhalten, zum Wohle Frankreichs, und zur Beschämung unserer Verläumder.«
»Und mein gnädigster Herr sieht ihn noch wie gewöhnlich alle Tage?«
»Ich sah ihn noch gestern, und sprach mit ihm von Dir. – Ich bemerkte ihm daß Du aller Wahrscheinlichkeit nach die Ruhe seiner Regierung gesichert hättest.«
»Und was hat der König erwidert?«
»Was er geantwortet hat? daß er die Abbé’s nicht für so nützlich gehalten habe.«
»Seine Majestät sind ungemein witzig! Und der alte Villeroy war ohne Zweifel dabei zugegen?«
»Versteht sich, wie immer.«
»Ich denke, der gute alte Narr muß gelegentlich bei Seite geschafft werden.«
»Laß gehen, laß gehen, Dubois, jedes Ding zu seiner Zeit,« lächelte der Herzog.
»Auch mein Erzbisthum?«
»Sprich, was für eine neue Thorheit ist das nun wieder?«
»Thorheit, gnädigster Herr? Auf mein Wort, nichts ist ernsthafter als das.«
»Wie, jener Brief des Königs von England, der mich um ein Erzbisthum für Dich ersucht – –«
»Haben Ew. Königl. Hoheit nicht den Styl erkannt?«
»Wie, Du hast ihn dictirt, Schelm?«
»Dem Vericault Destouches, der ihn von dem Könige unterzeichnen ließ.«
»Und der König unterschrieb nur so, ohne irgend etwas dabei zu merken?«
»Nun ja, allerdings! Wie wollen Sie, sprach er zu unserm Dichter, daß ein protestantischer Fürst sich damit abgeben solle, in Frankreich ein Erzbisthum zu verleihen? Der Regent wird meine Empfehlung lesen, darüber lachen, und sie weiter nicht beachten. – Der Regent wird vielleicht lächeln, entgegnete Destouches, nachdem er aber gelächelt hat, wird er thun, was Ew. Majestät wünschen.«
»Destouches hat gelogen!« rief der Regent.
»Destouches hat nie wahrer gesprochen, gnädigter Herr!«
»Du Erzbischof! Du! Du! Der König Georg verdiente, daß ich ihm als Erwiderung einige Schelme Deines Gleichen für das Erzbisthum von York vorschlüge!«
»Es würde Ew. Hoheit schwer fallen, meines Gleichen zu finden. Ich kenne nur einen Mann.
»Und wer wäre das? Ich bin neugierig ihn nennen zu lernen.«
»Das ist unnöthig. Er hat schon sein Aemtchen gefunden. Er hat eine so gute Stelle, daß er sie nicht für alle Erzbisthümer der Welt vertauschen würde.«
»Unverschämter!« lachte der Herzog.
»Ruhig jetzt, gnädigster Herr, fiel Dubois ein, ich höre im Vorzimmer die Stimme ihres Polizei-Lieutenants.
»Wer hat ihn rufen lassen?«
»Ich, Ihre Königliche Hoheit.«
»Und weshalb?«
»Um ihm den Kopf zu waschen.«
»Und warum das?«
»Sie werden es sogleich erfahren, gnädigster Herr,« erwiederte Dubois; er zog die Klingel, ein Huissier erschien.
»Laßt den Herrn General-Lieutenant eintreten,« gebot der Abbé.
»Aber Dubois,« lächelte der Herzog, »es scheint mir, als ob Du hier befiehlst?«
»Es ist zu Ihrem Heile, gnädigster Herr, lassen Sie mich gewähren.«
»Meinetwegen denn,« versetzte der Herzog, »man muß gegen heimgekehrte Freunde einige Nachsicht üben.«
Herr Voyer d’Argenson trat herein; er glich Dubois in Hinsicht der Häßlichkeit. Nur war es eine Häßlichkeit von anderer Art.
»Herr General- Lieutenant,« begann der Abbé, ohne Jenem auch nur die Zeit zu lassen, den Herzog zu begrüßen; »hier der Herr Regent, der kein Geheimniß vor mir hat, hat mich beauftragt, Sie rufen zu lassen, damit ich von Ihnen erführe, in welcher Kleidung derselbe gestern Abend ausgegangen say, wo er die Nacht zugebracht hat, und was ihm begegnet ist, als er zurückkehrte. – Wenn ich nicht so eben von London anlangte, so würde ich diese Frage nicht an Sie richten; da ich mich aber unterweges befand, so konnte ich natürlich von Nichts wissen.«
»Aber,« fragte d’Argenson, ahnend, daß ihm eine Schlinge gelegt werde, »hat sich denn in dieser Nacht etwas zugetragen? Was mich betrifft, ich habe durchaus keinen Rapport erhalten. Ich hoffe, es ist dem Herrn Regenten nichts begegnet.«
»O nein, nichts weiter, als daß Ihre Hoheit, welche sich in der Uniform eines Musketairs gestern Abend acht Uhr zur Frau von Sabran begab, um dort zu soupiren, auf dem Rückwege fast entführt worden wäre.«
»Entführt!« rief d’Argenson, erblassend, während der Herzog staunte. »Entführt! Und durch wen?«
»Das eben ist es, was wir nicht wissen, entgegnete Dubois, Sie aber sollten es wissen; Sie, Herr General-Polizei-Lieutenant, wenn Sie, statt in der Nacht über die Polizei zu wachen, jene nicht auf andere Weise verbracht hätten.« – Der Regent hielt sich vor Lachen die Seiten, als er d’Argensons verdutztes Gesicht gewahrte.
»Es ist kein großes Verdienst, Herr Abbé, daß Sie wissen, was sich zugetragen,« nahm endlich, sich sammelnd der Letztere das Wort. »Der Herr Regent hat Ihnen ohne Zweifel. Alles erzählt.«
»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,« fiel der Herzog ein, »daß ich ihm auch keine Silbe davon gesagt habe.«
Dann ist allerdings die Sache sehr ernsthaft, sprach der Polizei-Lieutenant, »und ich bin strafbar, daß ich nichts davon gewußt habe; aber noch ist nichts verloren, wir werden die Verbrecher schon kennen lernen, und sie nach Verdienst bestrafen.
»Aber, bemerkte der Regent, »man muß der Sache keine gar zu große Wichtigkeit geben; ohne Zweifel waren es einige trunkene Offiziere, welche glaubten, es mit einem ihrer Kameraden zu thun zu haben.«
»Ich sage Ihnen, es ist eine vollständige Verschwörung, gnädigster Herr,« versetzte Dubois, »sie beginnt im Palast des spanischen Gesandten, zieht sich durch das Arsenal, und ist gegen das Palais-Royal gerichtet.«
»Nun d’Argenson, was ist ihre Meinung? fragte der Regent.
»Daß Ihre Feinde zu Allem fähig sind, gnädigster Herr,« erwiderte der Polizei-Lieutenant, »aber wir werden ihre Complotte vereiteln, wer sie auch immer seyn mögen, ich gebe Ihnen mein Wort darauf.«
In diesem Augenblick öffnete sich die Thür, der Huissier trat herein, und meldete. Seine Hoheit den Herrn Herzog von Maine, der sich zum Conseil einfand, und als Prinz von Geblüt das Vorrecht hatte, nicht warten zu dürfen. Er trat mit jenem schüchternen Wesen ein, das ihm eigenthümlich war, und warf einen Seitenblick auf die drei Anwesenden, so als wolle er erforschen, wovon man bei einer Ankunft gesprochen habe. Der Herzog errieth seine Gedanken.
»Seyn. Sie willkommen, Vetter, sprach er, hier stehen ein Paar boßhafte Menschen, welche mich so eben überreden wollen, daß Sie eine Verschwörung gegen mich vorhätten.«
Der Herzog von Maine wurde bleich wie der Tod, er fühlte, daß seine Füße schwankten, und war genöthigt, sich auf den Krückenstab zu stützen, den er gemeinhin trug.
»Ich hoffe, gnädigster Herr, daß Sie einer Verläumdung keinen Glauben beigemessen haben,« erwiderte er mit einer Stimme, der er sich vergebens bemühte, Festigkeit zu geben.
»O mein Gott nein!« entgegnete nachlässig wie hingeworfen, der Regent. »Ich habe es indeß mit zwei eigensinnigen Köpfen zu thun, welche versichern, daß die Sie nächstens auf der That ertappen werden; ich glaube kein Wort davon, da ich aber ein guter Spieler bin, so theile ich es Ihnen mit. Seyn Sie also vor ihnen auf Ihrer Hut, ich sage Ihnen, es sind ein Paar Schlauköpfe.«
Der Herzog von Maine wollte etwas erwidern, in diesem Augenblicke aber öffnete sich die Thür, und der Huissier meldete den Herzog von Bourbon, den Prinzen von Condé und die übrigen Mitglieder des Conseils, welche sämmtlich eingeladen worden waren, um den Abschluß von der Quadrupel-Allianz zu vernehmen.
Da dieser Tractat aber nur einen sehr geringen Bezug auf unsere Erzählung hat, so ersuchen wir den Leser, mit uns das Cabinet des Regenten zu verlassen, und uns nach dem wohlbekannten Dachstübchen der Rue du Temps perdu zu folgen.
IX.
Die Verschwörung erneuert sich
Harmental hatte sich, nachdem er seine Pistolen auf den Nachttisch, und seinen Degen neben sich gelegt hatte, unausgekleidet aufs Bett geworfen, auf welchem er glücklicher als Damocles, von Müdigkeit überwältigt entschlummerte, obgleich, wie über dessen Haupt, über dem seinigen ein Schwert hing.
Als er erwachte, war es schon heller Tag, die Sonne schien voll und klar in sein Zimmer hinein, und zog durch dasselbe bis zur Thüre einen glänzenden Lichtstreif. Harmental glaubte Anfangs, als er sich so ruhig auf einem sauberen Lager wiederfand, Alles was sich in der vergangenen Nacht mit ihm zugetragen, nur geträumt zu haben; bald aber überzeugte er sich, daß es Wirklichkeit gewesen say. Das auf der Commode liegende rothe Band, der Mantel auf dem Stuhle, die Pistolen auf dem Nachttische, der Degen neben sich, und mehr als dies Alles, er selbst in der gestrigen Kleidung, die er nicht abgelegt hatte, aus Besorgniß, in der Nacht durch einen unangenehmen Besuch geweckt zu werden, dies Alles waren hinreichende Beweise, daß ihn kein leerer Traum getäuscht habe.
Der Chevalier sprang aus seinem Bett; sein erster Blick war auf das Fenster seiner Nachbarin gerichtet: dasselbe war bereits geöffnet und man sah Bathilde in ihrem Zimmer hin und hergehen. Dann blickte er in den Spiegel; sein Gesicht war etwas bleicher als sonst; das aber machte dasselbe nur noch interessanter. Er zog sich darauf zurück, um seine Toilette zu machen, und nachdem dies bewerkstelligt war, näherte er sich wieder dem Fenster und öffnete es.
Bathilde hatte sich ihrerseits vielleicht auf seinen Anblick vorbereitet, und sich fest vorgenommen, so wie er sich ihr zeige, ihr Fenster mit einer Verbeugung zu schließen; kaum aber sah sie, daß ihr Nachbar sein Fenster öffnete, als sie Alles vergessend, zu dem ihrigen eilte und ihm zurief: »Gottlob, daß Sie da sind, ach mein Herr, was haben Sie mir für Angst verursacht.«
Dieser Ruf war zehnmal so viel, als d’Harmental erwartet hatte. Auch waren die eleganten Phrasen, auf welche er sich, um sie anzureden, vorbereitet haben mochte, aus seinem Gedächtnisse, wie weggezaubert; er faltete die Hände und entgegnete mit dem feurigsten Enthusiasmus: »Ach Bathilde, so sind Sie also eben so gut als Sie schön sind?
»Weshalb gut?« fragte Bathilde. »Haben Sie mir nicht geschrieben, daß wenn ich eine Waise wäre, Sie gleichfalls keine Aeltern mehr besäßen? Haben Sie mir nicht gesagt, daß ich Ihre Schwester say, und daß Sie mein Bruder wären?«
»Sie haben also für mich gebetet, Bathilde?« fragte Harmental innig.
»Die ganze Nacht.« erwiderte erröthend das junge Mädchen. Und ich, ich Thörigter, der den Zufall pries, daß er mich gerettet habe, während ich doch nur durch das Gebet eines Engels geschützt wurde.«
»Die Gefahr ist also vorüber?« fragte lebhaft Bathilde.
»Diese Nacht war trübe und finster, diesen Morgen aber war dich durch einen freundlichen Sonnenstrahl geweckt,« antwortete Harmental, »eine Wolke aber kann den Himmel leicht wieder verfinstern! So ist es gerade mit der Gefahr, die ich bestanden, sie ist verschwunden, um einem großen Glücke Raum zu geben; der Gewißheit, Bathilde, daß Sie meiner gedacht haben. Aber die Gefahr kann jeden Augenblick wiederkehren und – er vernahm plötzlich ein Geräusch auf der Treppe – »da pocht sie vielleicht schon an meine Thür.«
Und in diesem Augenblicke erschallten wirklich drei laute Schläge an die Thür des Chevaliers.
»Wer da?« fragte Harmental, noch immer im Fenster, mit einer Stimme, deren Festigkeit durch seine innere Aufregung etwas erschüttert ward.
»Gut Freund,« lautete die Antwort.
»Dank Ihrer Fürbitte, der Himmel beschützt mich fortwährend,« entgegnete der junge Mann, »es ist ein guter Freund. Noch einmal also, den wärmsten innigsten Dank, Bathilde!« Und der Chevalier schloß sein Fenster, indem er dem jungen Mädchen einen süßen Gruß zuwarf, der fast einem Kuße glich. Dann öffnete er dem Abbé Brigaud, der ungeduldig harrend schon wieder angeklopft hatte.
»Ey, ey?« fragte der Abbé, bei dem auch nicht die kleinste Gemüthsbewegung zu bemerken war, »warum verschließen wir uns denn so sorgsam mit Schloß und Riegel? Geschieht das etwa um uns einen Vorgeschmack von der Bastille zu verschaffen.«
»Holla, holla! Abbé,« rief Harmental mit einem so ruhigen Gesicht, daß man glauben konnte, er wolle es im Gleichmuthe dem Abbé gleich thun, »malen Sie den Teufel nicht an die Wand, das bringt uns Unglück.«
»Aber was erblicke ich! Wie sieht es hier aus?a fuhr Brigaud fort, »sollte man nicht glauben, man käme hier zu einem Verschwörer! Pistolen auf dem Nachttisch; neben dem Bett einen Degen; hier ein verdächtiger Mantel! Fort, also gleich fort mit dem Allen, damit selbst ich, wenn ich Ihnen meinen väterlichen Besuch abstatte, nicht merken kann, was während meiner Abwesenheit hier vorgegangen ist.«
Harmental gehorchte, indem er das kalte Blut dieses Dieners der Kirche bewunderte, zu dem selbst er, der Mann des Degens, nicht gelangen konnte.
»Weg für jetzt ebenfalls mit dem rothen Bande, wahrscheinlich werden Sie es bald wieder gebrauchen, sprach der Abbé Brigaud, indem er dem Chevalier mit den Augen folgte.
»Und wozu das?« fragte Harmental.
»Um damit einer gewissen Person, die vorübergeht, ein Signal zu geben, erwiderte der Abbé schlau.
»Mein lieber Abbé, wenn Sie nicht der Teufel selbst sind,« rief unser Held, »so stehen Sie wenigstens mit ihm in engem Bunde.«
»Ey nicht doch, mein junger Freund, ich bin ein einfacher stiller Mann, der ruhig seines Weges schlendert, aber dabei bald rechts, bald links, bald nach oben, bald nach unten blickt, das ist Alles. Ihr Fenster da – aber das ist ja so fest geschlossen, bei dem freundlichen Sonnenstrahl, lassen Sie ihn doch herein. – Doch, vergeben Sie, ich dachte nicht daran, daß wenn Sie dieses Fenster hier öffnen, ein anderes sich verschließt.«
»Sie sind sehr schlau, mein Herr Vormund,« aber dabei so indiscret, daß ich Sie, wenn Sie nicht dem geistlichen Stande angehörten, zur Rechenschaft ziehen würde.«
»Und weshalb das, mein junger Freund? Etwa, weil ich Ihnen den Weg zum Glück, zum Ruhme und vielleicht auch zur Liebe erschließen will? Das wäre ja eine schaudervolle Undankbarkeit!«
»Darum wollen wir Freunde bleiben, Abbé, sprach Harmental, indem er Brigaud seine Hand hinreichte, »jetzt, aber was bringen Sie Neues?«
»Neues, woher?«
Was weiß ich, aus der Rue des bons Enfans, oder dem Arsenal, von der Herzogin von Maine, oder Sr. Hoheit, dem Regenten, der, wie mir ein Traum sagte, diese Nacht sehr spät und sehr aufgeregt heimgekehrt seyn soll.«
»Nun ja, es ist alles gut abgegangen. Der Lärm in der Rue des bons Enfans, wenn anders einer da wirklich stattfand, hat sich diesen Morgen ganz und gar gelegt. Die Herzogin von Maine hegt für diejenigen, welche durch wichtige Geschäfte von dem Arsenal fern gehalten wurden, eben so viel Dankbarkeit, als Geringschätzung für die, welche sich dort untätig einfanden. Der Regent seinerseits aber hat diese Nacht geträumt, daß er schon König von Frankreich say, und darüber fast vergessen, daß er nahe daran war, ein Gefangener des Königs von Spanien zu werden. Doch es gilt jetzt, die Sache zu erneuem.«
»Erlauben Sie, Abbé,« sprach Harmental, »jetzt wäre die Reihe an Andren, ich möchte mich wohl ein wenig ausruhen.«
»Teufel, das stimmt schlecht zu der Nachricht, die ich Ihnen bringe.«
»Und die wäre?«
»Daß es diese Nacht beschlossen worden ist, daß Sie noch diesen Morgen nach der Bretagne reisen.«
»Ich nach der Bretagne reifen? Und was soll ich dort?«
»Das werden Sie erfahren, wenn Sie dorthin gelangen.«
»Und wenn es mir nicht gefällt abzureisen?«
»Sie werden abreisen, denn Sie werden bedenken, daß es thöricht wäre, ein Unternehmen, das fast zu Ende geht, aufzugeben, um einer Liebschaft willen, die kaum angefangen hat; die Gunst einer Prinzessin zu verscherzen, um die einer Grisette zu erlangen.«
»Herr Abbé,« drohte Harmental.
»Ruhig, ruhig, Freundchen, erzürnen wir uns nicht,« »rief Brigaud,« sprechen wir vernünftig. Sie haben sich freiwillig in das bewußte Unternehmen eingelassen und ihren Beistand versprochen. Wäre es recht. Ihrerseits, sich zurückzuziehen, weil ein Versuch mißglückte? Was Teufel, mein lieber Chevalier man muß consequent seyn, oder sich in keine Verschwörung einlassen!«
»Es ist richtig versetzte Harmental, ich habe meinen Arm angeboten. Aber es ist recht und billig daß der Arm, bevor er zuschlägt, weiß, was der Kopf beschlossen hat. Ich wage meine Freiheit, – mein Leben – ja ich wage vielleicht etwas, das mir noch theurer werden kann. Ich bin bereit, das alles zu wagen, aber auf meine Weise, mit offenen, nicht mit geschlossenen Augen. Sagen Sie mir also, was ich in der Bretagne soll, vielleicht werde ich mich dorthin begeben.
»Ihr Befehl lautet, sich nach Rennes zu begeben, dort werden Sie dieses Schreiben entsiegeln, es enthält Ihre Instruction.«
»Mein Befehl! Meine Instruction?
»Nun ja, sind das nicht die Ausdrücke, die sich ein General gegen eine Offiziere bedient?«
»Allerdings, wenn sie im Dienste sind, ich aber bin es nicht mehr.«
»Sie haben Recht, ich vergaß Ihnen zu sagen, daß Sie wieder in den Dienst getreten sind.«
»Ich, wie so?«
»Hier ist Ihre Bestallung.«
Harmental öffnete das ihm von dem Abbé dargereichte Pergament.
»Meine Bestallung als Obrist eines der vier Regimenter der Carabiniers?« fragte er erstaunt, »und woher kommt mir diese Bestallung?«
»Lesen Sie die Unterschrift, zum Henker!«
»Ludwig August, Herzog von Maine!«
»Nun, was giebt es denn da groß zu erstaunen? Hat er nicht als Chef der Artillerie das Recht, bei zwölf Regimentern die Offiziere zu ernennen? Er verleiht Ihnen eines derselben, und als Ihr Chef, schickt er Sie mit einer Mission ab. Nicht einmal zu gedenken, daß, falls die Verschwörung mißlingen sollte, Sie alsdann nur die Ihnen gegebenen Befehle erfüllt haben, und Sie dann die ganze Verantwortlichkeit auf einen Andern wälzen können. Nun, werden Sie noch nicht reisen?«
»Und das fragen Sie noch, mein lieber Abbé,« entgegnete Harmental freudig. »Ich stehe nun ganz zu den Befehlen des Herzogs, oder vielmehr der Frau Herzogin von Maine. Wird es mir nicht gestattet seyn, ihr vor meiner Abreise meine Aufwartung machen zu dürfen? Ich würde mich ihr zu Füßen werfen, den Saum ihres Kleides küssen, und ihr betheuern, daß ich mir mit Freuden um ihretwillen eine Kugel durch den Kopf jagen lassen werde.«
»Ha, ha, da verfallen wir in das andere Extrem, lächelte der Abbé, »nein, nein, Sie sollen sich nicht den Kopf zerschmettern lassen, Sie sollen leben, ruhmvoll leben, um in Ihrer schönen Obristen Uniform den Weibern den Kopf zu verrücken.«
»Ach mein lieber Brigaud, ich will nur einer Einzigen gefallen.«
»Auch gut, so werden Sie zuerst dieser Einen, und später allen Uebrigen gefallen.«
»Und wann soll ich abreisen?«
»Jetzt gleich, auf der Stelle!«
»lassen Sie mir wenigstens eine halbe Stunde!«
»Keine Minute!«
»Aber ich habe noch nicht einmal gefrühstückt.«
»Sie kommen mit mir, und frühstücken mit mir.«
»Ich habe nur 2 bis 3000 Livres, und das reicht nicht hin.«
»Sie werden in dem Reisekoffer Ihres Wagens Ihren Sold auf ein ganzes Jahr finden.«
»Aber die Kleider?«
»Ihre Koffer sind damit gefüllt, habe ich nicht Ihr Maaß?«
»Aber Brigaud, wann werde ich zurückkehren?
»Von heut an in sechs Wochen. Die Frau Herzogin von Maine wird Sie alsdann in Sceaux erwarten.«
»Sie werden mir doch erlauben, Abbé, wenigstens ein Paar Zeilen zu schreiben.«
»Zwei Zeilen, es say.«
Harmental setzte sich an einen Tisch und schrieb:
»Theure Bathilde! Heut ist von mehr als von einer drohenden Gefahr die Rede, ein Unglück hat mich plötzlich betroffen. Ich bin nämlich genöthigt, augenblicklich abzureisen, ohne Sie zuvor noch einmal gesehen zu haben. Nach sechs Wochen erst werde ich zurückkehren. Um des Himmels Willen, Bathilde, vergessen Sie den nicht, der keine Stunde verleben wird, ohne an Sie zu denken.«
Raoul.
Er versiegelte das Billet und trat ans Fenster – das seiner Nachbarin aber war geschlossen. Er sah also kein Mittel, Bathilden die für sie bestimmten Zeilen zukommen zu lassen. Der Abbé machte schon Zeichen der Ungeduld. In diesem Augenblick ward leise an die Thür gekratzt, der Abbé öffnete und die niedliche Mirza erschien; ihre Gourmandiese hatte ihr den Weg zu ihrem Zuckerlieferanten gezeigt. Sie hüpfte fröhlich herein und sprang auf Harmental zu.
»Da sage man nun noch daß der Himmel die Verliebten nicht beschützt, lächelte der Abbé, »Sie verlangten nach einem Boten, da ist er!«
»Abbé, Abbé,« drohte der Chevalier aufs Neue, »hüten Sie sich früher in meine Geheimnisse zu dringen, als es mir gefällt!«
»Einem Beichtvater kann man alles anvertrauen, Chevalier.«
»Aber er muß auch schweigen können, kein Wort komme über Ihre Lippen.«
»Mein Ehrenwort darauf, Chevalier!«
Und Harmental befestigte schnell das Billet an den Halsband der kleinen Mirza, reichte ihr als Botenlohn ein Stückchen Zucker, steckte ein baares Geld und seine Pistolen zu sich, schnallte seinen Degen um, nahm Hut und Mantel, und folgte dem Abbé Brigaud.
Dritter Teil
I.
Der Orden der Biene
An dem festgesetzten Tage und zur bestimmten Stunde, das heißt, sechs Wochen nach seiner Abreise von der Hauptstadt, um vier Uhr Nachmittags, rollte Harmental, aus der Bretagne zurückkehrend, in einem mit vier raschen Postpferden bespannten Reisewagen, in den Hof des Palastes zu Sceaux hinein.
Lakaien in reicher Livree standen vor den Thüren und Alles verkündete die Anstalten zu einer großen Festlichkeit. Harmental eilte durch die doppelte Dienerreihe hin, durchflog die Vorhalle, und trat in einen geräumigen Salon, in dessen Mitte der Ankunft der Gebieterin harrend, in verschiedenen Gruppen, gegen zwanzig Personen, fast sämmtlich von seiner Bekanntschaft, fanden und mit einander plauderten. Unter diesen befanden sich der Graf von Laval, der Marquis von Pompadour, der Dichter Saint Genest, der alte Abbé de Cheaulieur, Saint Aulaire, und die Damen de Rohan, de Croissy, de Charrot und de Briac.
Harmental näherte sich zuerst dem Marquis von Pompadour, der ihm in dieser edlen und geistreichen Gesellschaft am meisten bekannt war. Sie wechselten einen Händedruck, traten ein wenig bei Seite und Harmental sprach: »Mein lieber Marquis, benachrichtigen Sie mich doch, wie es zugeht, daß ich hier, statt wie ich befürchten mußte, zu einer langweiligen politischen Berathung, zu einem glänzenden Feste anlange?«
»Mein Seel! das weiß ich ebenfalls nicht, mein lieber Chevalier, erwiderte der Marquis, »ich bin eben so erstaunt wie Sie, ich lange so eben aus der Normandie an. Ich habe so eben dieselbe Frage an Laval gerichtet, der aber kommt gerade jetzt aus der Schweiz und weiß eben so wenig davon als wir.«
In diesem Augenblick ward der Baron von Valef angemeldet.
»Das ist der rechte Mann,« rief Pompadour, »Valef gehört zu den vertrautesten Dienern der Herzogin, jetzt werden wir es erfahren.«
Harmental und Valef hatten sich, seit dem Tage jenes Zweikampfs, mit dem wir diese Geschichte eröffnet haben, nicht wieder gesehen, so daß sie sich einander mit großer Freude die Hände drückten. Nach den ersten Begrüßungen fragte Harmental seinen Freund, nach der Ursache der festlichen Vorbereitung; dieser aber versicherte, daß er gleichfalls von nichts wisse, und so eben erst von Madrid anlange.
In diesem Augenblick trat der Kanzler Malezieux ins Gemach und sofort näherten sich ihm die drei Herren. »Ihr Erscheinen ist uns über alle Maßen angenehm, mein lieber Malezieux,« rief ihm Pompadour entgegen, »wir treffen eben hier aus allen vier Welttheilen zusammen und da sind wir denn höchst neugierig zu erfahren, was wir in Sceaux beginnen sollen.«
»Sie sind zu einer glänzenden Festlichkeit angelangt, meine Herren,« versetzte der Kanzler der Herzogin, »Sie sollen der Aufnahme eines neuen Ritters in den Orden der Biene, beiwohnen.«
»Alle Tausend,« rief Harmental, ein wenig pikiert, daß man ihm nicht einmal Zeit gelassen, zuvor in der Rue du Temps perdu einzusprechen. »Deshalb also befahl Ihro Königliche Hoheit, die Frau Herzogin von Maine, eine so große Eile an?«
»Zuvörderst, junger Mann,« entgegnete Malezieux, »giebt es hier weder eine Königliche Hoheit, noch eine Herzogin von Maine, sondern nur die reizende Fee Ludovise, die Königin der Bienen, der jedermann blindlings gehorchen muß. Und wenn Sie erst erfahren werden, wer der neue Ritter von der Biene ist, den wir in diesem Augenblick aufnehmen wollen, so werden Sie vielleicht die Ihnen empfohlene Eile nicht länger beklagen.«
»Und wer ist denn das?« fragte Valef.
»Sr. Excellenz, der Prinz von Cellamare!«
»Das ist eine andere Sache, ha jetzt verstehe ich, lächelte Pompadour.
»Wir auch, wir auch!« riefen Valef und Harmental, und der Kanzler versicherte, daß sie später Alles noch besser begreifen würden.
Hierauf traten die beiden Freunde in eine Fenstervertiefung und besprachen sich miteinander über die Aufnahme des neuen Ritters der Biene.
Der Orden der Biene war von der Herzogin von Maine, in Veranlassung eines Verses aus dem Amynte des Tasso gestiftet, den sie bei Gelegenheit ihrer Verheirathung gewählt hatte, und der in deutscher Uebersetzung folgendermaßen lautet:
Die kleine Biene, ach! schlägt tiefe Wunden,
Drum scheut den Stachel, fürchtet ihren Stich.
Entflieht, bevor Ihr ihre Macht empfunden,
Gerettet ist nur ist der, der ihr entwich.
Dieser Orden hatte, wie alle anderen Orden, seine Dekorationen, seine Oberen und seinen Großmeister. Die Dekoration bestand aus einem Medaillon, auf dessen einer Seite sich ein Bienenkorb, auf der anderen die Königin der Bienen zeigte. Sie ward an einem citronfarbigen Bande im Knopfloche getragen, jedesmal wenn die Ritter sich zu Sceaux versammelten. Die Oberen waren: der Kanzler Malezieux, Saint Antoine, der Abbé de Chaulieur, und Saint Genet; die Herzogin von Maine war Großmeisterin des Ordens, welcher aus 39 Mitgliedern bestand, welche Zahl nicht überschritten werden durfte. Der Tod des Herzogs von Nevers hatte die Zahl vermindert, und die Aufnahme des Prinzen von Cellamare sollte sie jetzt wieder auffüllen. Die eigentliche Thatsache aber war, daß die Herzogin von Maine es für rathsam erachtet hatte, dieser Versammlung, der nur ein politischer Zweck zum Grunde lag, eine scherzhafte Absicht unterzulegen; denn sie war überzeugt, daß ein solches Ordensfest zu Sceaux bei Dubois und Royer Argenson, weit weniger Verdacht erwecken würden als eine Versammlung im Arsenal.
Schlag vier Uhr öffneten sich die Pforten des großen Saales, dessen Wände mit dunkelrothem, mit silbernen Bienen besäeten Atlas behängt waren, und an dessen äußerstem Ende man auf einem erhöheten Throne die reizende Fee Ludovise gewahrte, welcher ihre zarte Gestalt und die Feinheit ihrer Züge, mehr als der kleine goldene Scepter in ihrer Hand, das Ansehen des ätherischen Wesens gaben, das sie vorstellte. Sie winkte mit der Hand, und alle Anwesenden reihten sich in einen Halbcirkel um ihren Thron, auf dessen Stufen sich die Großwürdenträger des Ordens stellten. Darauf erschien ein Herold und meldete mit lauter Stimme: »Sr. Exellenz den Prinzen von Cellamare!«
Der Letztere erschien nun, näherte sich gravitätisch dem Throne und knieete auf dessen Stufen nieder.
»Prinz,« sprach darauf der Herold, »leiht ein aufmerksames Ohr den Statuten des Ordens, den die hohe Fee Ludovise Euch jetzt verleihen will, und überlegt wohl, was Ihr zu thun gedenkt.«
Der Prinz neigte das Haupt zum Zeichen, daß er die Wichtigkeit der Verpflichtung fühle, die er zu übernehmen in Begriff fand. Der Herold fuhr fort,
Artikel 1.
Ihr schwört und versprecht eine unverbrüchliche Treue und einen blinden Gehorsam der mächtigen Fee Ludovise, der immerwährenden Großmeisterin des Ordens der Biene. Schwört dies bei dem heiligen Berg Hymette!«
In diesem Augenblicke ließen sich Musikklänge vernehmen und ein unsichtbarer Chor sang eine Strophe, in der der Novize zum Schwur aufgefordert wurde. Der Prinz leistete den feierlichen Schwur und alle Anwesenden wiederholten: »Er hat geschworen!«
Artikel 2.
Ihr schwört und versprecht, Euch in dem Palaste zu Sceaux jedesmal einzufinden, sobald der Orden zusammenberufen wird, und Euch selbst nicht einmal durch ein leichtes Unwohlseyn abhalten zu lassen.[Die Beschreibung dieses Ordens und seiner Ceremonien ist durchaus geschichtlich.]
Der Chor wiederholte die Aufforderung und der Prinz schwur.
Artikel 3.
Ihr schwört und versprecht das Tanzen zu lernen, und mit dem Tanzen, wenn es Euch befohlen wird, nicht inne zu halten, bis Euch der Athem ausgeht.
Chor und Schwur des Prinzen erfolgten wie oben bemerkt,
Artikel 4.
Ihr schwört und versprecht, alle Windmühlen zu erklettern, so hoch sie auch seyn mögen, und Euch durch keine Furcht vor einem Falle abschrecken zu lassen.
Artikel 5.
Ihr schwört und versprecht, keiner Biene ein Leid zuzufügen, sondern Euch, ohne sie zu verjagen, ruhig von ihr stechen zu lassen, auf welchen Theil Eures Körpers es ihr auch gefallen möge, sich zu setzen.
Sechster und letzter Artikel.
schwört und versprecht, die Decoration des Ordens sorgsam aufzubewahren, und in den Capiteln desselben niemals ohne solche zu erscheinen.
Nach einem jeden dieser Artikel erfolgten die Aufforderung des Chors, der Schwur des Prinzen, und der Ausruf der ganzen Versammlung: »Er hat geschworen!«
Nunmehr erhob sich die erhabene Fee Ludovise, empfing aus den Händen Malezieux das Ordenszeichen, schmückte damit die Brust des Prinzen Cellamare und sprach feierlich: »Ich ernenne Euch hiermit zum Ritter der Bienen.«
Darauf wurden die Flügelthüren des Saales geöffnet und es zeigte sich ein glänzend erleuchteter Bankettsaal, in dem eine köstliche Abendtafel servirt war. Der neu aufgenommene Ritter bot der Großmeisterin ehrerbietig seine Hand und führte sie in den Saal, von den Uebrigen gefolgt.
Da nicht alle Anwesenden in das eigentliche Geheimniß der Zusammenkunft eingeweiht waren, so war die Herzogin von Maine bemüht, während der Abendtafel die Talente der Dichter in Anspruch zu nehmen, um durch die Madrigals, Coupletts und Impromptüs derselben, eine leichte Unterhaltung herbeizuführen und die Gedanken der Nichteingeweihten von einem ernsteren Zwecke abzulenken. Dies gelang ihr auch über alle Erwartung, die heiterste Stimmung war in der Gesellschaft eingetreten und schon traf man Anstalt, im fröhlichsten Sinne sich von der Tafel zu erheben, um, zufolge der Aufforderung der Herzogin von Maine, mittelst eines im Garten aufgestellten Telescops, die Venus zu betrachten, als plötzlich Lagrange Chancel, einer der anwesenden Poeten, dessen Aeußeres Heimtücke und Bösartigkeit verkündete, und der bisher schweigsam und in sich gekehrt dagesessen hatte, um die Erlaubniß bat, auch seinerseits ein Gedicht, und zwar eine Ode, vortragen zu dürfen. Die Herzogin von Maine gestattete es ihm, und er erhob sich von seinem Sitze und sprach mit düsterem Blicke mehrere von ihm verfaßte Verse, in welchen er unter zwar versteckten, aber deutlich zu erkennenden Bildern, das Betragen und die Lebensweise des Regenten mit so grellen und grauenhaften Farben schilderte, daß selbst die Herzogin von Maine verlegen das Auge senkte, und als er geendet hatte, keiner der Anwesenden seinem Gedichte Beifall zollte
Man erhob sich, empört ob der Indiscretion des Poeten, schweigend von der Tafel und folgte der Großmeisterin in den Garten. Harmental war der Letzte, welcher mit Valef den Saal verließ. Er rannte auf Lagrange Chance, welcher zurückgekehrt war, um ein vergessenes Taschenbuch zu holen. Erlauben Sie, Herr Chevalier,« rief der Poet, indem er ihn mit seinen gelben giftsprühenden Augen anblitzte: »Haben Sie etwa die Absicht, über mich hinzuschreiten?«
»Warum nicht, mein Herr,« erwiderte Harmental, dem das Benehmen dieses Menschen gleichfalls mißfiel, mit einem verächtlichen Blick, »warum nicht, wenn ich gewiß wäre, Sie zu zertreten. »Darauf nahm er Valefs Arm und begab sich mit demselben in den Garten.
II.
Die Königin der Grönländer
Die Gärten des Palastes von Sceaux hatten unter dem ordnenden Geiste der Herzogin von Maine, einen wahrhaft feenartigen Anstrich bekommen, und eigneten sich mit ihren trefflichen Baumgruppen ganz vorzüglich zu den mythologischen Feten, welche unter der Regierung Ludwigs des Vierzehnten Mode waren. Alles blieb daher staunend auf der Terrasse stehen, als man von dort aus das reiche Parterre überschaute, dessen Alleen und Bäume mittelst zahlloser Lampen zu einem einzigen Glanzmeere umgeschaffen schienen. Zu gleicher Zeit ließ sich eine entzückende Musik vernehmen, ohne daß man erspähen konnte, von woher sie erklang; während sich in demselben Moment eine Gruppe durch die Allee herbewegte, bei deren Anblick. Alles in ein lautes Gelächter ausbrach. Dies war ein gigantisches Kegelspiel, welches heranschritt, den König an der Spitze von der Kugel begleitet, die bis zu den Füßen der Herzogin von Maine rollte; während sich die Kegel nach der gewöhnlichen Ordnung aufstellten und in einem Chor singend die Bitte vortrugen, daß es der mächtigen Fee Ludovise gefallen möge, auch sie in die Reihe der Spiele aufzunehmen, mit denen sie sich in diesem ihrem Palaste zu ergötzen pflege.
Die Königin der Bienen bewilligte lächelnd die Bitte der Kegel, die Kugel rollte sich gegen dieselben hin und begann mit ihnen einen allerliebsten Tanz auszuführen, der alle Anwesenden entzückte. Darauf verschwanden sie in dem Gebüsch, und heranschritten nunmehr durch den prachtvoll erleuchteten Laubengang, eine Schaar von Männern in Pelze die einen mit zwei Rennthieren bespannten Schlitten mit sich führten.
»Hohe Frau,« begann zu der Herzogin von Maine gewandt, derjenige unter ihnen, welcher seiner Tracht nach, der Vornehmste schien, »die Grönländer haben in ihrer großen National-Versammlung den Entschluß gefaßt, einen Gesandten an Ew. Königl. Hoheit abzuschicken, und ich habe die Ehre gehabt, erkoren zu werden, um Euch ihre Huldigung zu bringen, und Euch die Herrschaft über ihre Staaten anzubieten.«
Die Anspielung war so deutlich, und dennoch so gefahrlos hingestellt, daß alle Anwesenden ein Gemurmel des Beifalls vernehmen ließen, und daß die Lippen der reizenden Fee Ludovise ein anmuthiges Lächeln umspielte. Der hierdurch ermuthigte Grönländische Gesandte fuhr fort:
»Der Ruf, welcher von Eurer Königlichen Hoheit so Herrliches verkündet, hat uns mitten in unsern Schnee- und Eismassen, nach unserm kleinen dunklen Erdenwinkel, die Schilderung von den hohen Tugenden und erhabenen Vorzügen Ew. König. Hoheit gebracht. Wir wissen, daß Ihr die Sonne verabscheuet.«
Diese neue Anspielung war noch deutlicher und ward noch lebhafter aufgenommen als die vorige, denn die Sonne war bekanntlich das Sinnbild des Regenten, und die Herzogin liebte dagegen die Nacht.
»Da nun der Himmel in seiner Gnade uns mit sechs Monaten Nacht und mit sechs Monaten Dämmerung beschenkt hat,« fuhr der Gesandte vom Nordpole fort, »so kommen wir, um Euch den Vorschlag zu machen, der Sonne, die Ihr haßt, zu entfliehen, Euch zu uns zu begeben und zum Ersatz für das was Ihr verlaßt, den Titel einer »Königin der Grönländer« anzunehmen; denn wir sind überzeugt, Eure Gegenwart wird unsre dürren Fluren blühend machen und Eure Weisheit unsern Geist erleuchten.«
»Aber,« entgegnete die Herzogin von Maine lächelnd, »das Königreich, welches Ihr mir anbietet, liegt etwas fern und ich fürchte die langen Reisen.
»Wir haben diese Antwort vorausgesehen, hohe Frau,« versetzte der Gesandte, »und Dank der Macht eines gewaltigen Zauberers, haben wir, besorgt, daß Ihr, noch bequemer als Mahomet, Euch nicht zu dem Berge werdet begeben wollen, es so eingerichtet, daß der Berg zu Euch komme. – Holla! Holla! Ihr Genies des Nordpols,« fuhr er fort, indem er mit seinem Stabe allerhand cabalistische Figuren in der Luft zeichnete, enthüllt vor Aller Blicken den Palast unserer neuen Herrscherin!«
In diesem Augenblick ließ sich eine phantastische Musik vernehmen, der Vorhang, welcher den in der Mitte des Parterres sich erhebenden Pavillon der Aurora bedeckt hielt, sank wie auf einen Zauberschlag, und vor demselben zeigte sich, in dem dort befindlichen großen Bassin, eine künstliche Eisinsel mit dem Palaste der Königin der Grönländer; eine leichte Brücke führte zu derselben. Zugleicherzeit nahm der Gesandte aus den Händen seines Gefolges eine Krone und setzte sie auf das Haupt der Herzogin von Maine, welche sie mit eigner Hand und mit so stolzer Miene befestigte, als ob es eine wirkliche Krone gewesen wäre. Dann stieg sie in den Schlitten und begab sich, während die Garden die Uebrigen verhinderten, ihr zu folgen, mit den sieben Grönländischen Abgesandten über die Brücke, nach ihrer neuen Behausung. Zugleicherzeit verschwand die Brücke als eine Anspielung, daß man die Vergangenheit von der Zukunft trennen wolle; und ein prachtvolles Feuerwerk, welches über den Pavillon der Aurora emporstieg, bezeugte die Freude der Grönländer über die Ankunft ihrer neuen Königin.
Unterdessen ward die Herzogin in ein entlegenes Gemach ihrer neuen Wohnung geführt, und nachdem die sieben Gesandten ihre Hüllen von sich geworfen hatten, befand sie sich in der Mitte des Prinzen von Cellamare, des Cardinals Polignac, des Marquis von Pompadour, des Grafen von Laval, des Baron von Valef, des Ritters von Harmental und des Kanzlers Malezieux. Der Huissier, welcher sie hierher geführt hatte und der jetzt vertraulich in dieser edlen Versammlung Platz nahm, war kein Anderer, als unser alter Bekannter, der Abbé Brigaud.
Jetzt warf auch das Fest seinen Schleier ab und an dessen Stelle trat die Verschwörung.
»Meine Herren,« begann die Herzogin von Maine, mit der ihr eigenthümlichen Lebhaftigkeit, »wir haben keinen Augenblick zu verlieren, eine zu lange Abwesenheit unsererseits würde Verdacht erregen. Erzähle also ein Jeder, was er vollbracht hat, damit wir erfahren, woran wir sind.«
»Verzeiht, gnädige Frau,« bemerkte der Prinz von Cellamare, »Ew. Hoheit sprachen mir von einem Manne, den ich hier trEssen sollte, und den ich ungern in unserer Reihe vermissen würde.«
»Ew. Excellenz meinen den Herzog von Richelieu ohne Zweifel,« versetzte die Herzogin, wer versprach allerdings zu erscheinen, aber er wird durch irgend ein galantes Abenteuer zurückgehalten seyn, und so müssen wir uns ohne ihn behelfen.«
»Seine Abwesenheit ist mir dennoch sehr unangenehm, entgegnete der Prinz, »das Regiment, welches er commandiert, liegt zu Bayonne, und er könnte uns daher ungemein nützlich werden. Ich ersuche also dringend Ew. Hoheit den Befehl zu geben, ihn ungesäumt hierher zu führen, falls er noch anlangen sollte.«
»Abbé Brigaud, ich bitte Sie dies zu besorgen, sprach die Herzogin, und der Abbé ging den Befehl auszurichten.
»Verzeihen Sie, Herr Kanzler,« nahm darauf Harmental das Wort, »ich glaube vor sechs Wochen vernommen zu haben, daß Richelieu sich durchaus geweigert, sich uns anzuschließen.«
»So ist es wirklich,« antwortete Malezieux, »er wollte sich damals mit dem Regenten nicht überwerfen, weil er dazu bestimmt war, dem Prinzen von Asturien den Orden des heiligen Geistes zu überbringen, und weil er hoffte, dafür den Orden vom goldenen Vließe zu erlangen. Seitdem aber hat der Regent seine Absicht geändert, und da das Spiel mit Spanien sich verwickelt, so hat er auch die Sendung des Ordens verschoben, und der Herzog von Richelieu hat sich uns angeschlossen.«
»Der Befehl ist gegeben, Ew. Hoheit, sprach der wieder eintretende Abbé Brigaud, »der Herzog von Richelieu wird hierher geführt, so wie er anlangt.«
»Gut, gut,« entgegnete die Herzogin, »so setzen wir uns sämmtlich, und beginnen wir den Bericht. Laval machen Sie den Anfang.«
»Ich war in der Schweiz, gnädige Frau, wie es Euch bekannt ist, und habe dort im Namen und mit dem Gelde des Königs von Spanien, ein Regiment auf die Beine gebracht, welches bereit ist, wenn der Augenblick dazu gekommen, in Frankreich einzurücken, denn es ist trefflich bewaffnet und ausgerüstet, und harrt nur noch der Marschordre.«
»Vortrefflich, mein lieber Graf, vortrefflich!« rief die Herzogin, »und wenn Sie es nicht unter der Würde eines Montmorency halten, in Erwartung eines höheren Titels, den eines Obristen zu führen, so mögen Sie vor der Hand den Befehl dieses Regiments übernehmen.«
»Laval verbeugte sich ehrerbietig.«
»Und Sie, Pompadour?« fuhr darauf die Herzogin fort, »was haben Sie vollbracht?«
»Den Instructionen Ew. Hoheit zufolge, begab ich mich nach der Normandie,« versetzte der Befragte, »dort habe ich von dem Adel die Protestation unterzeichnen lassen, ich bringe 38 Unterschriften, und zwar die der edelsten Geschlechter.« – So sprechend zog er ein Papier aus der Tasche. – »Hier ist die an den König gerichtete Bittschrift und hier sind die Unterschriften, belieben Ew. Hoheit sich selbst zu überzeugen.«
Die Herzogin nahm das Papier und überflog die Schrift mit einem raschen Blick.« »Schön, schön,« sprach sie, »das sind die edelsten und treuesten Namen Frankreichs. Dank, Dank, Pompadour, Sie sind ein trefflicher Botschafter, man wird sich Ihrer schon bei Gelegenheit erinnern, und den Botschafter zum Ambassadeur erheben. – Und Sie, Chevalier?« fragte die Herzogin von Maine, indem sie sich zu Harmental mit jenem bezaubernden Lächeln wandte, dem wie sie gar wohl wußte, Niemand zu widerstehen vermochte.
»Ich, gnädigste Frau,« erwiderte unser Held, »ich begab mich Ew. Hoheit Befehl zufolge, nach der Bretagne. Zu Nantes angelangt, erbrach ich die Depesche und las meine Instruction.«
»Nun?« fragte lebhaft die Herzogin. »Ich war eben so glücklich in meiner Sendung, gnädigste Frau, wie die Herren von Laval und von Pompadour. Hier sind die Unterschriften der Herren de Mont-Louis, de Bonamour, de Pont-Callet und de Rohan Soldue. So wie Spanien nur eine Escadre erscheinen läßt, wird die ganze Küste den Aufstand proclamieren.«
»Sie sehen, mein Prinz,« rief die Herzogin, freudig zu Cellamare gewandt; »Sie sehen, daß Alles sich zu unserm Beistande vereint.«
»Ja, ja,« versetzte der Spanische Abgesandte, »aber es gilt noch andere gewichtige Männer zu gewinnen, die Laguanche-Saint-Amant, die Bois davys, die Larochefaucoult-Gondral – – –«
»Auch die sind bereits die Unsrigen,« unterbrach ihn Harmental, indem er mehrere Briefe hervorzog, welche eine Versicherung bestätigten.
Mein, mein Prinz, fragte die Herzogin, werden Sie sich endlich überzeugen? Unsern innigen Dank, Chevalier, hier, meine rechte Hand, – es ist die, welche die Feder führt – sie möge Ihnen Bürge seyn, daß sie Ihnen nichts versagen wird, sobald die Königliche Unterschrift nur von ihr abhängt.«
Harmental küßte ehrerbietig die ihm dargebotene Hand der Fürstin.
»Jetzt kommt die Reihe an Sie, Valef, nahm darauf die Herzogin wieder das Wort. »Wie haben sich die katholischen Majestäten betragen?«
»Was werden Ew. Hoheit zu einem eigenhänhändigen Briefe Sr. Majestät, des Königs Philipp sagen?« erwiderte der Angeredete.
»Daß das weit mehr wäre, als ich je erwarten konnte,« rief die Herzogin freudig.
»Mein Prinz,« fuhr Valef fort, indem er dem Prinzen von Cellamare ein Papier überreichte, »Sie kennen die Handschrift Sr. Majestät Philipp des Fünften, haben Sie die Gewogenheit, Ew. Hoheit zu versichern, daß das wirklich seine Handschrift ist.«
»Sie ist es wirklich,« versicherte Cellamare, nachdem er das Papier untersucht.
»Und an wen ist der Brief gerichtet, fragte die Herzogin, indem sie das Blatt nahm.
»An den König Ludwig den Fünfzehnten, gnädigste Frau, antwortete Valef.
»Vortrefflich!« rief die Herzogin;« der Marschall von Villeroy soll dem Könige das Schreiben übergeben. Hören wir wie es lautet.« Und sie las wie folgt, jedoch nicht ohne Schwierigkeit, da die Handschrift sehr undeutlich war.«[Dieser Brief, von Philipps eigener Hand geschrieben, befindet sich wirklich im Besitz des Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten.]
Eskurial d. 16. März 1718.
»Seitdem die Vorsehung mich auf den Thron Spaniens gesetzt hat, habe ich keinen Augenblick die Verpflichtungen vergessen, welche mir meine Geburt auferlegt. Ludwig der Vierzehnte, unsterblichen Andenkens, schwebt stets vor meinem Geiste; fortwährend höre ich, wie dieser große König beim Scheiden zu mir sprach: »Es giebt jetzt keine Pyrenäen mehr!« Ew. Majestät sind der einzige Abkömmling meines ältesten Bruders, dessen Verlust ich täglich schmerzlich beklage. Gott hat Sie zu der Thronfolge jenes Reichs berufen, dessen Ruhm und Interesse mir bis zu meiner Todesstunde, theuer seyn werden. Kurz, Sie leben in dem Innersten meines Herzens, und ich werde niemals vergessen, was ich Ew. Majestät, meinem Vaterlande und dem Andenken meines Ahnherrn schuldig bin.«
»Meine theuren Spanier, welche mich zärtlich lieben, und die von meiner Liebe gegen sie überzeugt sind, sind keineswegs eifersüchtig auf die Gefühle, die ich rücksichtlich Ew. Majestät ausspreche, sondern fühlen, daß unsere Einigkeit die Basis der öffentlichen Ruhe ist. Ich schmeichle mir, daß mein persönliches Interesse noch immer einer Nation werth ist, die mich in ihrem Schooße aufwachsen sah; und daß dieselbe, stets mit Anhänglichkeit einen Monarchen betrachten werde, welcher eine Ehre darin setzt, ihr Verpflichtungen schuldig, und in ihrer Mitte geboren zu seyn.«
Mit welchen Augen können also Ihre getreuen Unterthanen einen Traktat betrachten, der gegen mich, also gegen Sie selbst gerichtet ist.«[Es ist die Rede von dem Tractat der Quadrupel-Allianz, den Dubois von London brachte.] Seit Ihre erschöpften Finanzen nicht mehr für die laufenden Ausgaben des Friedens hinreichen, will man, daß Ew. Majestät sich mit meinem erbittertsten Feinde [Der Kaiser.] verbinden, und mir den Krieg erklären, falls ich nicht darin willige, Sizilien dem Erzherzog abzutreten.
»Ich werde niemals in diese Bedingungen willigen, sie sind mir unerträglich.
»Ich will nicht einmal von den furchtbaren Folgen dieser Allianz reden, sondern mich damit begnügen, Ew. Majestät zu beschwören, unverzüglich die Generalstaaten Ihres Reichs zusammen zu berufen, um mit ihnen über eine so wichtige Angelegenheit zu berathschlagen.«
»Ich richte diese Bitte an Ew. Majestät, im Namen des Blutes, das uns vereint, im Namen jenes großen Königs, von dem wir beide abstammen; im Namen Ihres Volkes und des meinigen; wenn es je an der Zeit war, die Stimme der französischen Nation zu vernehmen, so ist es jetzt. Es ist durchaus erforderlich, von ihr selbst zu erfahren, was sie denkt, und ob sie uns wirklich den Krieg erklären will. Während ich bereit bin, mein Leben aufs Spiel zu setzen, um ihren Ruhm und ihr Interesse aufrecht zu erhalten, werden, so hoffe ich, Ew. Majestät auf meinen Vorschlag unverzüglich eingehen, damit die Versammlung der Generalstaaten dem Uebel vorbeuge, und die Spanische Macht auch fürder verwendet werden könne, Frankreichs Größe zu stützen, und dessen Feinde zu demüthigen, wie ich sie denn niemals anders gebrauchen werde, als um Ew. Majestät die unbeschreibbare Liebe zu bezeigen, die ich für Sie hege.«
»Nun, was sagen Sie dazu, meine Herren, konnte die katholische Majestät mehr für uns thun? fragte die Herzogin von Maine.
»Sie hätte ein Schreiben direct an die Generalstaaten richten sollen, das würde von der größten Wirkung gewesen seyn,« bemerkte der Cardinal von Polignac.
»Dies Schreiben wäre hier, sprach der Prinz von Cellamare, indem er seinerseits ein Papier aus der Tasche zog, »Sr. katholischen Majestät haben mir dieses Dokument eingesendet, welches den an den König gerichteten Brief vervollständigt.«
»Jetzt fehlt uns nichts mehr!« rief die Herzogin von Maine.
»Nur Bayonne noch, nichts als Bayonne,« entgegnete der Prinz von Collamare kopfschüttelnd. »Bayonne, das Thor Frankreichs.Der Kaiser.
In diesem Augenblick ward der Herzog von Richelieu gemeldet.
»Jetzt fehlt uns wirklich nichts mehr, mein Prinz,« entgegnete Pompadour, jetzt kommt derjenige der den Schlüssel zu dieser Pforte hat.«
III.
Der Herzog von Richelieu
»Endlich, rief die Herzogin, als sie Richelieu eintreten sah, endlich sind Sie es. Werden Sie denn stets derselbe bleiben? Werden Ihre Freunde nie mehr auf Sie zählen können, als Ihre Geliebten?«
»Im Gegentheil, gnädigste Frau, versetzte Richelieu, indem er die Hand der Herzogin küßte, »im Gegentheil, ich beweise gerade heute, daß ich Alles zu vereinigen weiß.«
»Sie bringen uns also ein Opfer, fragte lächelnd Frau von Maine.
»Ein tausendmal größeres, als Ew. Hoheit denken können. Stellen Sie sich vor, ich verlasse so eben –«
»Frau von Villars, nicht wahr?« unterbrach ihn die Herzogin.
»Nein, nein, besser, höher hinauf!«
»Frau von Duras!«
»Sie kommen nicht darauf!«
»Frau von Nesle?«
»Bah, bah!«
»Frau von Polignac? Ach verzeihen Sie, Herr Cardinal.«
»Rathen Sie nur weiter; Sr. Eminenz hat nichts damit zu schaffen.«
»Frau von Soubise, Frau von Gabriant? Frau von Gace?«
»Nein, nein, nein!«
»Mademoiselle Charolais?
»Die sah ich nicht seit meiner letzten Wanderung in die Bastille.«
»Frau von Berry?«
Sie wissen ja, daß die den Riom liebt.
»Fräulein von Valois?«
»Nicht doch, nicht doch, die denke ich zu meiner Gemahlin zu erheben, wenn ich erst spanischer Prinz seyn werde. Nein, nein, ich verlasse um Ew. Hoheit willen, die beiden niedlichsten Grisetten –«
»Grisetten! – Grisetten! Pfui doch!« rief die Herzogin, indem sie mit den Lippen ungemein verächtlich zuckte, »ich konnte nicht glauben, daß Sie sich so tief erniedrigen würden.«
»So tief? Ich sage Ihnen, es sind zwei allerliebste Frauenzimmer, die Michelin und die Renaud. Ah, Sie kennen sie nicht. Madame Michelin ist eine reizende Blondine, ihr Mann ist Tapezierer, ich empfehle ihn Ihrer Gewogenheit, Frau Herzogin. Madame Renaud ist eine zierliche Brünette, mit blauen Augen. Was ihr Mann ist, weiß ich nicht.«
»Jetzt, mein Herr Herzog,« nahm die Herzogin von Maine, das Gespräch ablenkend, das Wort; »genug von Ihren galanten Abenteuern. Erlauben Sie mir, Sie daran zu erinnern, daß wir hier ernster Dinge wegen, versammelt sind.
»Nicht wahr, wir haben hier eine Verschwörung vor?«
»Wie, haben Sie das vergessen?«
»Da eine Verschwörung nichts Heiteres an sich hat, gnädigste Frau, so bin ich stets bemüht, die mir aus dem Kopfe zu schlagen, ich vergesse, daß ich conspiriere; aber das thut nichts, wenn es seyn muß, bin ich gleich wieder bei der Sache. Wie weit sind wir also damit?«
»Lesen Sie diese Briefe und Papiere, Herzog, und Sie sind von Allem unterrichtet,« sprach Frau von Maine.
»Da muß ich um Entschuldigung bitten, Ew. Hoheit,« entgegnete Richelieu, »ich lese nicht einmal die Briefe, die an mich adressiert sind, ich habe gegen achthundert der zierlichsten Billette und Briefchen zurückgelegt, deren Lesung ich für meine alten Tage aufbewahre. Malezieux, erzählen Sie mir, was darin steht.«
Der Kanzler that, was Richelieu von ihm verlangt hatte. »Vortrefflich, rief der Letztere, nachdem er den Bericht vernommen. »Und ich stehe für mein Regiment, das in Bayoune liegt, und uns von großem Nutzen seyn kann.«
»Ganz recht, und darauf rechnen wir, bemerkte Cellamare, »aber ich hörte sagen, daß man das Regiment verlegen wolle.«
»Wirklich?«
»Dem muß man zuvorkommen, Herzog.«
»Und das sogleich! Geben Sie mir Feder und Papier, ich will an den Herzog von Berwick schreiben. Man wird sich nicht wundern, daß ich in dem Augenblick, wo der Feldzug beginnen soll, für mein Regiment die Gunst erbitte, es nicht von dem Kriegsschauplatze zu entfernen.«
Der Herzog von Richelieu schrieb sogleich einen Brief an den Herzog von Berwick, worin er ihn ersuchte, sein Regiment aus den angeführten Gründen in Bayonne zu lassen.
Der Herzog von Richelieu überreichte das Schreiben der Frau von Maine und fragte: »Nun gnädigste Frau, was haben Ew. Hoheit zu thun beschlossen?«
»Wir wollen uns begnügen mittelt dieses Briefes von dem Könige die Zusammenberufung der Generalstaaten zu erlangen; da wir auf dieselben zählen können, so wollen wir den Regenten ab- und Philipp den fünften an eine Stelle setzen lassen.«
»Ich verstehe; da nun Philipp der Fünfte Madrid nicht verlassen kann, so sendet er uns seine Vollmacht, und wir regieren. Frankreich statt seiner. Das ist nicht übel ausgedacht; zur Zusammenberufung der Generalstaaten aber bedarf es eines Befehls des Königs.«
»Der König wird diesen Befehl unterzeichnen, sprach die Herzogin.
»Ohne daß es der Regent erfährt?« fragte Richelieu.
»Allerdings! Ich werde Villeroy das goldene Vließ und den Rang eines Grande von Spanien versprechen.«
»Ich fürchte sehr, bemerkte der Prinz von Cellamare, »daß das nicht hinreichen wird, den Marschall zu bewegen, eine so große Verantwortlichkeit zu übernehmen.«
»Es ist nicht der Marschall, den wir gewinnen müssen – es ist seine Gemahlin.«
»Sie haben Recht, Herzogin,« rief Richelieu das übernehme ich.«
»Sie?« fragte Frau von Maine erstaunt.«
»Ja, ja, ich!« Sie haben Ihre Correspondenz, ich habe die meinige. Ich bin mit dem Inhalte von sechs bis acht Briefen bekannt geworden, die Ew. Hoheit heut empfingen; darf ich Sie dagegen mit dem Inhalte eines Schreibens bekannt machen, das ich gestern erhielt?«
»Kann dieser Brief laut gelesen werden?«
»Ei freilich,« versetzte der Herzog von Richelieu, wir haben es hier mit lauter discreten Personen zu thun.«
Die Herzogin nahm das Schreiben und las:
»Mein Herr Herzog!
Ich bin eine Frau von Wort. Mein Mann ist endlich bereit, die kleine Reise anzutreten, von der Sie wissen. Morgen um elf Uhr werde ich nur für Sie zu Hause seyn. Glauben Sie nicht, daß ich mich zu diesem Schritte entschließe, ohne das ganze Unrecht auf die Seite des Herrn von Villeroy gewälzt zu haben. Ich fange um seinetwillen an zu fürchten, daß Sie ihn bestrafen werden. Kommen Sie also zur bestimmten Stunde, um mir zu beweisen, daß ich nicht zu sehr zu tadeln bin, weil ich Sie meinem gesetzmäßigen Herrn vorziehe.«
»Tausendmal Vergebung, Frau Herzogin,« rief Richelieu, »ich gab Ihnen den falschen Brief, er ist von vorgestern, hier ist der Rechte, der ist von gestern.«
Die Herzogin nahm den zweiten Brief und las:
»Mein lieber Armand!
»Sie sind ein gefährlicher Anwald, wenn Sie gegen Herrn von Villeroy die Sache führen, ich bin wenigstens genöthigt, Ihre Vorzüge zu hoch anzuschlagen, um meine Schwäche zu vermindern. Sie haben in meinem Herzen einen Richter, dessen eigenes Interesse Sie Ihren Proceß gewinnen lassen wird. Kommen Sie Morgen, um Ihren Proceß weiter zu führen, ich bin bereit, Ihnen Audienz zu geben.«
»Sie sehen, »sprach Richelieu,« die Frau von Villeroy wird alles thun, was ich will, und da ihr Gemahl Alles thut was sie verlangt, so werden wir nach der Rückkehr des Herrn Marschalls, zur Zusammenberufung der Generalstaaten leicht gelangen. Er kommt in acht Tagen zurück.«
»Und bis dahin werden Sie den Muth haben, treu zu bleiben, Herzog?« fragte Frau von Maine.
»Wenn ich mich einmal einer Sache angeschlossen habe, gnädigste Frau, so bin ich zu den größten Opfern bereit, versetzte Richelieu.
»Meine Herren,« sagte hierauf Frau von Maine zu den Uebrigen gewandt, »Sie hören, wir können auf den Herzog zählen, setzen wir also unsere Operationen fort, Sie, Laval bearbeiten fortwährend die Armee, Sie, Pompadour den Adel, Sie, Cardinal die Geistlichkeit, der Herzog von Richelieu möge die Frau von Villeroy für unsere Sache gewinnen.«
»Und wann versammeln wir uns wieder»fragte Cellamare.
»Das wird von den Umständen abhängen, mein Prinz, »erwiderte die Herzogin,« sollte ich nicht die Zeit haben, Sie zu preveniren so werde ich Sie durch denselben Wagen und durch denselben Kutscher abholen lassen, der Sie schon einmal ins Arsenal brachte.«
»Aber meine Herren, wir sind hier bereits anderthalb Stunden beisammen, und ich glaube es wird Zeit in den Garten zurückzukehren, soll unsere Abwesenheit nicht Verdacht erwecken.«
»Noch einige Worte, gnädigste Frau,« rief Laval, ich hatte, wie Ew. Hoheit wissen, unsere Proclamationen und durchaus nöthigen Schriften von Arbeitern die nicht lesen konnten, in dem Keller eines Hauses der Rue val de Grace drucken lassen; das Geräusch der Presse aber ließ die Nachbaren vermuthen, daß dort falsche Münze geprägt würde. Zum Glück bekam ich Wind davon, und als die Schergen des Herrn von Argenson erschienen, waren sämmtliche Werkzeuge bei Seite und die gedruckten Proclamationen in meine Wohnung geschafft. Den Druck fortzusetzen ist indeß, fürcht ich, allzugefährlich und so käme es jetzt darauf an, einen zuverlässigen Mann zu finden, der die Abschriften fertigte, deren wir durchaus bedürfen. Derselbe muß einer Maschine gleichen, die gedankenlos copiert, ohne daß was sie abschreibt, auch nur im Geringsten zu beachten.
»Ich kenne einen solchen Mann und verbürge mich für ihn,« sprach der Abbé Brigaud.
»Wolan, so wären wir auch damit im Reinen,« rief die Herzogin, »Jetzt, Ihren Arm Chevalier.« Sie wollte Harmental diese Auszeichnung erweisen, als Anerkennung seines Muthes den er in der Rue des Bonnes Enfans und der Geschicklichkeit, die er in der Bretagne an den Tag gelegt hatte.
Unser Held beeilte sich der ehrenvollen Aufforderung Folge zu leisten, und führte die Herzogin, von den Uebrigen gefolgt, in eine kleine reichgeschmückte Barke, welche die Gesellschaft wieder an das Ufer trug.
Hier ward sie von der Göttin der Nacht und einer Schaar ihrer Nymphen empfangen, welche von den lieblichsten Musikklängen begleitet, eine Cantate sangen; dem Chor derselben folgte ein Solo und kaum hatten die ersten Töne desselben Harmentals Ohr berührt, als er plötzlich zusammenzuckte, denn die Stimme welche er in diesem Augenblick vernahm, hatte mit einer, ihm so wohl bekannten und unendlich theuren Stimme, eine so auffallende Aehnlichkeit, daß er, so unwahrscheinlich es auch war, daß Bathilde hier in Sceaux seyn solle, rasch von seinem Sitze aufsprang um die Sängerin genauer zu betrachten. Leider war das Antlitz derselben, gleich dem ihrer Gefährtinnen mit einem sternbesäeten, schwarzen Schleier bedeckt; je näher er dem Ufer kam, je klarer und deutlicher drang die Himmelsstimme in sein Ohr, die ihn schon in der Rue du Temps perdu bezaubert hatte.
»Was haben Sie, Herr von Harmental,« fragte die Herzogin. »äußert die Musik eine solche hinreißende Gewalt über Sie, daß Sie ganz vergessen, daß Sie mein Cavalier sind?«
»Verzeihung, gnädigste Frau, rief Harmental, indem er ans Ufer sprang und der Herzogin seine Hand hinreichte, »ich gestehe, die Stimme, welche so eben gesungen, hat mächtige Erinnerungen bei mir wach gerufen.«
»Ein Beweis, daß Sie oft die Oper besuchen,« bemerkte die Herzogin von Maine, »und daß Sie das Talent der Demoiselle Bury zu schätzen wissen.«
»Wie, die Stimme, die ich so eben vernahm, ist die der Demoiselle Bury?« fragte Harmental erstaunt.
»Allerdings,« entgegnete die Herzogin ein wenig pikiert, »wenn Sie meinen Worten keinen Glauben schenken, so überlassen Sie meinen Arm dem Herrn von Laval oder Pompadour, und überzeugen Sie sich selbst.«
»Ew. Hoheit wollen mich entschuldigen,« sprach Harmental, indem er die Hand zurückhielt, welche die Herzogin ihm entziehen wollte; »wir befinden uns in den Gärten der reizenden Armide, und da ist ein kleiner Irrthum leicht verzeihlich.«
Er führte darauf die Herzogin dem Palaste zu. In diesem Augenblick ward plötzlich ein schwacher Schrei vernehmbar, der, so schwach er auch war, bis in das Herz unsers Helden drang, der sich unwillkürlich wandte.
»Was giebts schon wieder?« fragte die Herzogin mit einem Anfluge von ungeduldiger Heftigkeit.
»Nichts, gar nichts von Bedeutung,« versetzte Richelieu; »die kleine Bury hat ihre Vapeurs bekommen. Doch beruhigen Sie sich, Frau Herzogin, es ist keine Gefahr dabei; ich kenne diese Krankheit – wenn Ew. Hoheit befehlen, will ich mich morgen selbst nach ihrem Befinden erkundigen.«
Zwei Stunden darauf trat Harmental von dem Abbé Brigaud nach Paris zurückgeführt, in das kleine Dachstübchen in der Rue du Temps perdu, von dem er sechs Wochen lang abwesend gewesen war.
IV.
Die Rückkehr ins Dachstübchen
Das erste Gefühl, welches sich Harmentals bemächtigte, als er seine Wohnung wieder betrat, war eine unbeschreibliche Behaglichkeit, bei dem Anblick der Möbeln, von denen jedes eine Erinnerung bei ihm erweckt. Obgleich seit sechs Wochen von einem Dachstübchen abwesend, war es ihm, als hätte er es erst am vergangenen Abend verlassen, so fand er, Dank der fast mütterlichen Sorge der Madame Denis, alles an seinem früheren Platze. Nachdem sich Harmental einen Augenblick lang, das Wachslicht in der Hand, im Zimmer umgeschauet hatte, trat er ans Fenster, und sandte einen ausdrucksvollen Blick der Liebe hinüber zu den dunklen Scheiben. Ohne Zweifel schlummerte Bathilde sanft, ohne zu ahnen, daß er zurückgekehrt sey, und daß er an einem Fenster stehe und sehnsuchtsvoll zu ihr hinüber schaue.
Harmental blieb so eine halbe Stunde im Fenster, die Luft einathmend, die ihm nie so rein, so wohlthuend erschienen war; und während sein Blick von jenem Fenster zum Himmel, und vom Himmel wieder zu jenem Fenster schweifte, begriff er, wie sehr die reizende Bathilde ein Bedürfniß seines Herzens geworden, wie tief und mächtig die Liebe say, die er für sie empfand.
Endlich sah Harmental ein, daß er doch nicht die ganze Nacht über im Fenster bleiben könne, er verschloß daher dasselbe, und trat in sein Zimmer zurück; aber es geschah nur, um sich den Erinnerungen hinzugeben, die sich bei seiner Rückkehr in ein sauberes Stübchen einer bemächtigt hatten. Er öffnete sein Clavier, das sich seit seiner Abwesenheit ein wenig verstimmt hatte, und ließ seine Finger mit Schnelligkeit über die Tasten gleiten, auf die Gefahr hin, den Zorn seines Nachbars unter ihm aufs Neue zu reizen. Dann nahm er die Mappe zur Hand, in welcher das noch unvollendete Portrait Bathildens lag; die Pastellfarben hatten sich ein wenig verwischt, aber es war doch immer das junge, schöne, keusche Mädchen, und das kleine drollige Köpfchen der kleinen Mirza neben ihr. Endlich, und nachdem er noch einmal aus dem Fenster geschaut hatte, überwältigte ihn der Schlaf, der in einer gewissen Periode unters Lebens eine so gewaltige Macht über uns besitzt; er warf sich auf sein Lager, indem er sich noch einmal den Erinnerungen hingab, welche durch den Gesang der Demoiselle Bury bei ihm erweckt worden waren, in der er, so wie sich seine Augen schlossen und sich seine Gedanken zu verwirren begannen, immer mehr und mehr seine geliebte Bathilde zu erkennen glaubte.
So wie er erwachte, sprang er rasch vom Bette auf, und eilte ans Fenster. Der Tag schien schon weit vorgerückt, die Sonne stand klar am Himmel, dennoch aber war Bathildens Fenster immer fest verschlossen. Harmental blickte auf seine Uhr, sie deutete auf zehn.
Nachdem der Chevalier sorgfältig seine Toilette gemacht hatte, öffnete er ein Fenster, hoffend, daß das dadurch verursachte Geräusch den Blick feiner Nachbarin herüberlocken würde. Drüben aber regte sich nicht das Mindeste, kein Luftzug bewegte den Vorhang, man hätte glauben können, daß das Zimmer gegenüber gänzlich unbewohnt say. Harmental hustete, er schloß ein Fenster und öffnete es wieder; er brach kleine Kalkstückchen von der Mauer, und warf sie hinüber an die Scheiben; alles, alles, blieb fruchtlos.
Auf sein Erstaunen folgte eine ängstliche Besorgniß: das so fest verschlossene Fenster verkündete eine Abwesenheit, wo nicht gar ein Unglück. Bathilde abwesend, wo konnte sie seyn? Was konnte sie ihrer stillen, einfachen Lebensweise entrissen haben? Wen konnte er darnach fragen? Von wem konnte er etwas darüber erfahren? Bei wem konnte er sich deshalb erkundigen? Madame Denis konnte ihm vielleicht Auskunft geben, und da es überdieß schicklich war, daß er nach seiner Rückkehr seiner Hauswirthin einen Besuch abstatte, so stieg er unverzüglich zu ihr hinab.
Madame Denis hatte ihren Miethsmann seit seinem Frühstück nicht wieder gesehen; aber die Sorge, welche er ihr bei ihrer Ohnmacht bewiesen, lebte noch in ihrem Gedächtniß und sie empfing ihn daher mit großer Freundlichkeit. Zum Glück für Harmental hatten ihre Töchter gerade Zeichenstunde, und Herr Bonifaz befand sich bei feinem Procurator, so daß er es nur mit seiner respektablen Wirthin zu thun hatte. Das Gespräch kam natürlich zuerst auf die Sauberkeit, und die Sorge, welche während seiner Abwesenheit dem kleinen Dachstübchen gespendet worden war; von da aus war der Uebergang leicht zu der Frage: ob die Wohnung gegenüber andere Miethsleute bekommen habe; einer Frage, welcher auch sofort eine, jeden Zweifel lösende Antwort folgte. Am vergangenen Tage hatte Madame Denis Bathilde noch gesehen, und am Abend war Bonifaz Herrn Buvat begegnet, der von seinem Büreau zurückkehrte. Er hatte indeß in dem Antlitz des wackern Schreiblehrers den Ausdruck eines gewissen majestätischen Stolzes bemerkt, der dem Erben des Namens Denis um so mehr auffiel, da derselbe bei einem bescheidenen Nachbar etwas ganz Ungewöhnliches war.
Dies war Alles, was Harmental zu wissen wünschte. Bathilde war in Paris, sie hatte ihre Wohnung nicht verlassen; ohne Zweifel hatte nur bis jetzt der Zufall die Blicke des jungen Mädchens nicht auf das Fenster gelenkt, das so lange verschlossen war, und dessen Zimmer sie unbewohnt wußte.
Harmental beurlaubte sich bei seiner gefälligen Wirthin, so bald er konnte; er traf auf dem Flur den Abbé Brigaud, welcher der Madame Denis seinen wöchentlichen Besuch machen wollte. Der Abbé versprach dem Chevalier, ihn auf seinem Stübchen zu besuchen, und Harmental eilte die Treppe hinauf und sogleich ans Fenster. Bei einer Nachbarin aber hatte sich nichts verändert, die Vorhänge waren noch immer fest zugezogen. Harmental beschloß jetzt zu dem letzten Mittel zu greifen, er setzte sich an sein Clavier, und sang nach einem brillanten Vorspiele, mit selbst komponierter Begleitung, die Melodie der Cantate, die er in der letzten Nacht vernommen, und die Note für Note sich seinem Gedächtniß eingeprägt hatte. Aber obgleich sein Blick während des Spiels nicht von dem unerbittlichen Fenster wich, so blieb dennoch dort Alles stumm und unbeweglich. Das Zimmer gegenüber hatte kein Echo mehr.
Aber statt der beabsichtigten Wirkung zeigte sich eine andere, die Harmental nicht erwartet hatte; als sein letzter Ton verhallte, hörte er hinter sich ein lautes Beifallklatschen; er wandte sich und gewahrte den Abbé Brigaud.
»Ha, Sie sind’s Abbé,« rief Harmental, indem er rasch aufsprang und das Fenster schloß, »hielt ich Sie doch nicht für einen so eifrigen Melomanen.«
»Noch ich Sie für einen so guten Musiker, versetzte Brigaud, »zum Henker eine Cantate die Sie mein lieber Zögling, nur einmal gehört haben – das ist bewunderungswürdig!«
»Die Melodie gefiel mir, das ist alles, und da ich ein gutes Gedächtniß habe, habe ich sie behalten.«
»Und sie ward so meisterhaft gesungen, nicht wahr?« fragte der Abbé.
»Die Demoiselle Bury besitzt in der That eine treffliche Stimme, erwiderte der Chevalier, »das erste Mal, daß sie singt, werde ich die Oper besuchen.«
»Wenn es bloß die Stimme ist, die Sie hören wollen, so brauchen Sie deshalb nicht in die Oper zu gehen,« bemerkte Brigaud.
»Und wohin sonst?«
»Nirgends hin. Bleiben Sie wo Sie sind, und Sie befinden sich im ersten Range.«
»Wie, die Göttin der Nacht – –«
»War Ihre Nachbarin.«
»Bathilde?« rief Harmental, »ich habe mich also nicht geirrt, ich habe die Stimme erkannt. Das aber kann nicht möglich seyn, Abbé, wie kam Bathilde diese Nacht zur Herzogin von Maine?«
»Zuvörderst, mein lieber Zögling, ist in der Zeit in der wir leben, nichts unmöglich,« antwortete Brigaud. »Mit diesem Satz machen Sie sich zuvor recht vertraut, bevor Sie etwas leugnen, oder etwas unternehmen. Glauben Sie, daß alles möglich ist, das ist das sicherste Mittel zu Allem zu gelangen.«
»Aber sprechen Sie doch endlich, wie kam die arme Bathilde – –«
»Nichts ging natürlicher zu. Die Sache kann Sie indeß unmöglich weiter interessiren, Chevalier, schwatzen wir also von anderen Dingen.«
»Nein, nein Abbé,« rief unser Held lebhaft, »Sie irren, die Sache interessirt mich im allerhöchsten Grade.«
»Wenn Sie denn neugierig sind, so hören Sie. Der Abbé de Chaulieur kennt Bathilde durch ihren Pflegevater, welcher einer der geschicktesten Abschreiber in ganz Paris ist. Der alte Herr ist wie jeder der sie kennt, dem Zauber ihrer Schönheit unterlegen – denn man kann sie nicht sehen, ohne sie zu lieben.«
Ja, ja, das weiß ich, das weiß ich!« rief Harmental feurig.
»Nun also,« fuhr Brigaud fort, da der gute Chaulieur wußte, daß Bathilde nicht allein vorzüglich singe, sondern auch eine Meisterin im Zeichnen say, so erwähnte er ihrer gegen Demoiselle Delaunay, welche sie beauftragte ihr die Kostüme zu zeichnen, die wir für das gestrige Fest brauchten. Nun ist es der Delaunay ergangen, wie es jedermann ergeht: kaum hatte sie die junge Zauberin erschaut, als sie auch die lebhafteste Freundschaft und Zuneigung für dieselbe empfand; statt sie wieder zurückzuschicken, nachdem sie die Kostüme gezeichnet, hat sie die drei Tage bei sich in Sceaux behalten. Da ward Demoiselle Delaunay eines Tages plötzlich abgerufen, weil der Director der Oper ihr etwas Wichtiges mitzutheilen habe. Bathilde die ganz allein war und sich unterdessen langweilte, trat an das Piano und sang, und das zwar so meisterhaft daß die Delaunay, die unterdessen eingetreten war, voll Verwunderung ihre Schritte hemmte, bis die liebliche Sängerin ihre Arie geendet hatte, dann aber auf sie zueilte, sie in ihre Arme schloß und sie angstvoll versicherte, daß sie ihr das Leben retten könne.
»Die Bury, welche die Cantate singen sollte, war plötzlich erkrankt und das Fest so auf die unangenehmste Weise gestört, wenn Bathilde sich nicht entschloß, die Rolle der Göttin der Nacht zu übernehmen. Bathilde machte anfangs die größten Einwendungen, sie wollte nichts davon hören, sie bat, sie flehte, ihre neue Gönnerin aber drückte sie vor dem Piano nieder und beschwor sie, wenigstens die Cantate zu probieren; die arme Bathilde gehorchte mit Thränen in den Augen, sang aber die Cantate wahrhaft bewunderungswürdig.
Demoiselle Delaunay war entzückt. In diesem Augenblick trat die Herzogin von Maine ins Zimmer, verzweiflungsvoll über das, was sie so eben rücksichtlich der Bury erfahren. Bathilde mußte die Cantate wiederholen, die Herzogin bestürmte sie gleichfalls mit Bitten, und das liebenswürdige Mädchen gab endlich unter heftigem Herzklopfen nach. Jedoch nur unter zwei Bedingungen, nämlich: daß es ihr gestattet say, den ehrlichen Buvat persönlich von der Ursache ihrer längeren Abwesenheit zu unterrichten, und daß sie zurück in ihre Wohnung eilen dürfe, um die ganze Zeit bis zum Feste ungestört dem Studium der Cantate zu widmen. Auch mußten Frau von Maine und Demoiselle Delaunay ihr feierlich geloben, das Geheimniß nicht zu verrathen, sondern Jedermann bei dem Glauben zu lassen, es say Demoiselle Bury, welche gesungen habe.«
»Aber wie ist das Geheimniß dennoch verrathen worden?« fragte rasch der Chevalier.
»Durch einen ganz unerwarteten Zufall,« entgegnete Brigaud mit jener Naivetät, welche es nie errathen ließ, ob er eine Sache ernsthaft meine, oder ob er persiflire; »alles ging vortrefflich bis zum Schuß der Cantate. Gerade als die Gondel angelegt hatte, stieß die anmuthige Sängerin – ich weiß nicht, ob der Gesang sie allzusehr angegriffen, oder ob sie in der Umgebung der Herzogin irgend Jemand erblickt hatte, den sie in so vornehmer Gesellschaft zu trEssen nicht geglaubt hatte, – plötzlich einen Schrei aus, und sank ohnmächtig in die Arme ihrer Gefährtin. Jetzt waren alle Schwüre vergessen, man hob ihren Schleier, um sie mit Wasser zu besprengen; Alles stürzte hinzu, ich auch; und während Sie die Frau Herzogin in den Palast führten, war ich nicht wenig erstaunt, statt der Demoiselle Bury, in der Göttin der Nacht, Ihre reizende Nachbarin zu erkennen.«
»Und jene Ohnmacht?« fragte Harmental in großer Unruhe.
»Hatte nichts zu bedeuten,« versicherte der Abbé, »sie ward so schnell gehoben, daß Bathilde auf ihr dringendes Verlangen, wenige Augenblicke darauf, nach Paris zurückkehren konnte, wo sie eine Stunde vor Ihrer Ankunft eingetroffen seyn muß. Man drang in sie, länger in Sceaux zu verweilen, aber sie war durchaus nicht dazu zu bewegen.«
»Also sie wäre zurückgekehrt?« rief Harmental feurig. »Dank, Dank, Abbé, das ist Alles, was ich wissen wollte.«
»Das heißt, ich kann jetzt machen, daß ich fort komme, nicht wahr?« fragte lächelnd der Abbé Brigaud, »ich verstehe, ich habe ohnehin Geschäfte in der Stadt, und überlasse Sie Ihren Betrachtungen. Ich spreche Morgen wieder vor.«
»Auf Morgen also! lieber Abbé.«
»Auf Morgen.«
Der Abbé verließ lächelnd das Zimmer. Harmental aber öffnete ein Fenster wieder, und war entschlossen, nicht von demselben zu weichen, bis er Bathilde, wenn auch nur auf einen Augenblick erschauet haben würde.
V.
Die Botin
Etwas nach vier Uhr Nachmittags, gewahrte Harmental den ehrlichen Buvat, welcher von der Rue Mont martre kommend, nach der Rue du Temps perdu einbog. Der Chevalier glaubte zu bemerken, daß der wackere Abschreiber heute rascher als gewöhnlich ging. Was aber die majestätische Haltung anbetraf, die Herr Bonifaz am vergangenen Abend bemerkt hatte, so war diese durchaus verschwunden und hatte einem Ausdruck von Unruhe Platz gemacht. Es konnte kein Irrthum obwalten, Buvat beeilte sich so sehr, weil er Bathildens wegen in Besorgniß war, und Bathilde mußte also leidend seyn.
Der Chevalier folgte mit den Augen dem guten Schreiblehrer, bis er in seinem Hause verschwunden war. Harmental vermuthete, nicht ohne Grund, daß er sich in Bathildens Zimmer begeben würde und hoffte also endlich den Vorhang gehoben zu sehen. Er hatte sich aber geirrt, Buvat begnügte sich, den Vorhang nur ein klein wenig zu lüften um ein breites Antlitz an eine der Fensterscheiben zu legen, während er auf einer zweiten mit seinen Fingern trommelte. Auch war eine Erscheinung nur von kurzer Dauer, denn schon nach einem Augenblicke zog er sich rasch zurück, wie jemand, der gerufen wird.
Unser Chevalier glaubte jetzt, daß Buvat zum Essen gegangen say, und dies mahnte ihn, trotz seiner sentimentalen Stimmung, daran, daß er auch noch nichts zu sich genommen habe. Er beschloß daher, die Essenszeit seiner Nachbaren, während welcher er doch nicht hoffen konnte das Fenster geöffnet zu sehen, zu benutzen, um gleichfalls zu Mittag zu speisen. Er rief also den Aufwärter und gebot ihm, von dem Restaurateur ein leckeres Hühnchen und von dem Fruchthändler die köstlichsten Früchte herbeizuschaffen. Was den Wein betraf, so waren von der Sendung des Abbé Brigaud noch einige Flaschen vorräthig.
Harmental machte sich, während er speiste, gewissermaßen einen Vorwurf darüber, daß er, trotz der Ungewißheit, die ihn quälte, doch einen so guten gesunden Appetit hatte; zum Glück erinnerte er sich, irgendwo gelesen zu haben, daß die Traurigkeit hungrig mache, und dadurch beruhigt, verschmauste er das Hühnchen bis auf die Knochen.
Als er sein Mittagsmahl beendigt hatte, gewahrte er zwischen den Vorhang seines Fensters hindurch, denn er hatte denselben während des Essens gleichfalls heruntergelassen, das Gesicht Buvats, das sich eben an dem Fenster seiner kleinen Terrasse zeigte. Es war, wie schon gesagt, ein wunderschöner Tag und Harmental glaubte aus einer Bewegung des ehrlichen Schreiblehrers zu schließen, daß er jemand, ohne Zweifel Bathilde, auffordere, ihm auf die Terrasse zu folgen. Einen Augenblick lang hoffte Harmental endlich die Geliebte zu erschauen, und mit hochklopfendem Herzen sprang er rasch von seinem Sitze empor. Aber er hatte sich wieder geirrt; so schön auch der Abend war, so dringend auch Buvat seine Aufforderung zu wiederholen schien, alles blieb fruchtlos. Dies aber war nicht der Fall mit der kleinen niedlichen Mirza, die unaufgefordert hinaus sprang auf die Terrasse, und in ihrer Schnauze ein veilchenblaues Band gefaßt hielt, in welchem Harmental dasjenige wiedererkannte, das früher die Schlafmütze Buvats umwunden gehalten hatte. Der Letztere erkannte das Band gleichfalls; er sprang auf die Terrasse, jagte dem munteren Thierchen das Band wieder ab, strich es auf seinen Knieen glatt und kehrte alsdann damit in sein Zimmer zurück.
Den Augenblick hatte Harmental erwartet; er öffnete rasch das Fenster und als Mirza sich wieder aus der kleinen Grotte herauswagte, in die sie sich geflüchtet hatte, und listig umherlugte, rief der Chevalier das kleine Thier »Mirza! Mirza!« und zwar mit dem einschmeichelndsten Tone, den er nur hervorzubringen im Stande war. Mirza stutzte bei dem Schalle der ihr wohlbekannten Stimme und plötzlich richteten sich ihre Augen auf den Chevalier; auf den ersten Blick erkannte sie ihren freundlichen Zuckerspender; im nächsten Moment war sie von der Terrasse verschwunden und gleich darauf bemerkte Harmental, wie sie mit Blitzesschnelle über die Gasse sprang und hinter der Thür seines Hauses verschwand. Noch bevor Harmental sein Fenster schließen konnte, kratzte die kleine Mirza an seine Zimmerthür.
Man kann sich leicht denken, daß unser Chevalier das allerliebste Thierchen nicht lange warten ließ, welches mit freudigen Sprüngen und lautem Bellen auf ihn zueilte. Was Harmental betraf, so fühlte er sich eben so glücklich als ob er Bathilde selbst geschauet hätte. Mirza war etwas, das dem reizenden Mädchen angehörte, sie hatte das Thierchen so oft gestreichelt, geliebkost, ja vielleicht geküßt, das Köpfchen desselben hatte am Tage auf ihrem Schooße geruht, es war der Vertraute ihres Schmerzes, wie ihres Glückes; es war über dem ein sicherer, schneller und trefflicher Bote, und in dieser letzteren Eigenschaft war die kleine Mirza Harmental ganz besonders werth.
Der Chevalier reichte dem freundlichen Thiere einige Stückchen Zucker, dann setzte er sich an seinen Schreibtisch und warf folgende Zeilen hin.
»Theure Bathilde!
Sie halten mich für sehr strafbar, nicht wahr? Aber Sie kennen die seltsamen Verhältnisse nicht, in denen ich mich befinde, und die mir bei Ihnen zur Entschuldigung dienen müssen. Wäre ich so unendlich glücklich, Sie auch nur auf einen Augenblick zu sprechen, so würde ich Ihnen so leicht begreiflich machen, welche zwei verschiedene Gestalten sich in mir vereinen: der junge Student in dem ärmlichen Dachstübchen – und der Chevalier bei den glänzenden Festen zu Sceaux. Oeffnen Sie mir daher Ihr Fenster, damit ich Sie sehen – oder Ihre Thür, damit ich Sie sprechen kann. Gestatten Sie mir, knieend von Ihnen Verzeihung zu erflehen. Ich bin überzeugt, daß Sie Mitleid mit mir haben werden, wenn Sie erfahren, wie unglücklich ich bin, vor allem aber wie unbeschreiblich ich Sie liebe.«
»Leben Sie wohl! – oder vielmehr auf baldiges Wiedersehen!
Raoul.«
Harmental legte behutsam das Billet zusammen und befestigte es unter Mirzas Halsband, dann reichte er dieser noch ein Stückchen Zucker, öffnete seine Thür und gab dem Thierchen zu verstehen, was er von ihm erwarte. Mirza war wie der Blitz die Treppe hinab, schnappte unterwegs nach den Waden des so eben von feinem Procurator heimkehrenden Herrn Bonifaz und verschwand als dann in der Thür gegenüber.
Einige Augenblicke lang blieb Harmental noch im Fenster stehen, aus Besorgniß, das Thierchen möchte hinaus auf die Terrasse zu Buvat eilen, und so das Briefchen in die unrechten Hände kommen; die kleine Mirza aber war weit entfernt, einen solchen Mißgriff zu begehen, denn da sie sich nach einigen Momenten am Fenster des oberen Stockwerks nicht zeigte, schloß Harmental mit Recht, daß sie in dem unteren geblieben say. Um die arme Bathilde nicht allzusehr zu bestürmen, schloß er jetzt ein Fenster, hoffend, daß ihm irgend ein Zeichen ihrerseits den Erfolg seiner schriftlichen Sendung verkünden würde.
Dem war aber nicht also; er hatte sich zum Dritten mal geirrt. Harmental wartete vergebens, den ganzen Abend und einen Theil der Nacht; um elf Uhr erlosch der schwache Lichtschimmer, der kaum bisher durch die hermetisch verschlossenen Doppelvorhänge hindurch geschimmert hatte; und so blieb dem armen Chevalier keine Hoffnung übrig, Bathilde von dem andern Tage zu erschauen.
Der folgende Tag aber brachte nur dasselbe Resultat. Es wurde drüben ein Vertheidigungssystem befolgt, welches jedem andern, weniger Verliebten, als Harmental, die Furcht vor einer Niederlage verkündet haben würde. Der Chevalier aber, welcher darin nur eine eisige Kälte gewahrte, verbrachte den ganzen Vormittag, indem er allerhand Projekte entwarf, eines noch thörichter als das andere. Das einzige, welches noch so ziemlich vernünftig war, war geradezu über die Straße zu schreiten, die vier Treppen zu Bathilden hinauf zu steigen, in ihr Zimmer zu treten, ihr Alles zu offenbaren und sein Herz vor ihr auszuschütten. Aber es schien ihm allzukühn, sich zu ihr zu wagen, ohne durch irgend ein Zeichen ermuthigt worden zu seyn, oder wenigstens für seinen Besuch einen passenden Vorwand zu haben. Ein solches dreistes Benehmen konnte das liebliche Mädchen verletzen, und sie war ohnehin schon erzürnt genug. besser also warten – und Harmental wartete.
Um zwei Uhr Nachmittags trat der Abbé Brigaud zu ihm ein und fand seinen Zögling in der furchtbarsten Laune. Der Eingetretene warf einen Seitenblick auf das noch immer geschlossene Fenster, und errieth Alles. Er nahm einen Stuhl, setzte sich Harmental gegenüber, und spielte, gleich seinem vis-à-vis, mit den Däumen.
»Mein lieber Zögling,« begann er nach einer kurzen Pause, »ich müßte mich sehr irren, oder Ihnen ist etwas sehr Schmerzliches begegnet.«
»Sie haben recht, Abbé, ich langweile mich,« versetzte der Chevalier unmuthig; »und zwar in einem solchen Grade, daß ich Lust habe, Ihre ganze Verschwörungsgeschichte zu allen Henkern zu wünschen.«
»Wie, und das jetzt, jetzt wollen Sie die Verschwörung aufgeben, jetzt, wo alles am Besten im Gange ist, was würden die Andern dazu sagen?«
»Ei was die Andern!« wiederholte der Chevalier verdrießlich; »die haben Zerstreuungen aller Art, die gehen auf Bälle, in die Oper und in Gesellschaften, während ich auf meinem Dachstübchen einsam und langweilig wegsitzen muß.«
»Aber Ihr Piano, Ihre Zeichenmaterialien?«
»Es langweilt, allein zu musizieren.«
»Ei so musizieren Sie doch mit Ihrer reizenden . Nachbarin, das würde Sie zerstreuen.«
»Kenne ich sie denn, meine Nachbarin? Oeffnet sie auch nur ihr Fenster? Seit gestern Morgen hat sie sich so zu sagen verbarrikadiert. Ja, meine Nachbarin, die ist allerdings sehr liebenswürdig.«
»Ei, Sie müssen ihre Bekanntschaft machen, müssen irgend einen Vorwand suchen.«
»Seit gestern schon mühe ich mich ab, einen solchen zu finden.«
»Und Sie haben ihn noch nicht gefunden? Mit Ihrer erfindungsreichen Phantasie? Ei mein lieber Zögling, ich erkenne Sie nicht wieder.«
»Ich muß Ihnen bekennen, mein lieber Abbé, mein Kopf ist heut wie vernagelt. Wissen Sie vielleicht einen solchen Vorwand, so kommen Sie mir zu Hilfe, und sprechen Sie.«
»Nichts leichter als das. Ich verpflichte mich Ihnen, Chevalier, die Wohnung Ihrer Nachbarin zu erschließen.«
»Auf passende, schickliche Weise, hoffe ich.«
»Ei, das versteht sich.«
»Ich erwürge Sie, Abbé, wenn Ihr Vorwand nichts taugt.«
»Unbesorgt! Erinnern Sie sich, wie in Sceaux die Rede davon war, daß ein zuverlässiger Schreiber gesucht werden müsse, um von den Proclamationen die nöthigen Abschriften zu fertigen. Erinnern Sie es sich auch, daß ich versicherte, dazu ein taugliches Subject zu kennen?«
»Ganz gewiß, nur weiter, weiter.«
»Der, den ich meinte, der durchaus sichre Mann ist – Bathildens Pflegevater.«
»Buvat?« fragte der Chevalier.
»Er selbst. Ich gebe Ihnen nun freie Hand, Sie sollen mein Bevollmächtigter werden. Sie steigen hinauf zu ihm. Sie zeigen ihm die Aussicht Rollen Goldes zu verdienen; seine Thür wird sich Ihnen weit erschließen, und Sie spielen und singen alsdann mit Bathilden, soviel Sie nur wollen.
»Ha, mein lieber Brigaud,« rief der Chevalier, indem er aufsprang und den Abbé umarmte, »Sie retten mir das Leben.« Und sofort griff er schon nach dem Hute und wollte zur Thür hinaus.
»Mein Gott, Chevalier, Sie fragen mich nicht einmal, wo der gute Mann die Originale zu seinen Copieen abholen soll?«
»Doch ohne Zweifel bei Ihnen?«
»Nicht doch; bei dem Prinzen von Listhnay, Rue du Bac No. 10.«
»Was für ein Prinz ist das?«
»Ein Prinz von unserer Fabrik. D’Avranche, der Kammerdiener der Herzogin von Maine.«
»Charmant, ich werde es nie vergessen! Auf Wiedersehen!«
Mit diesen Worten sprang Harmental die Treppe hinab und nach wenigen Augenblicken war er in dem Hause gegenüber verschwunden.
VI.
Der andere Theil
Bathilde hatte ihrerseits, wie man es sich leicht denken kann, nicht eine solche Festigkeit gezeigt, ohne daß ihr Herz dabei geblutet; das arme Mädchen liebte Harmental von ganzer Seele, wie man in seinem siebzehnten Jahre, wie man im Leben nur einmal liebt. Während des ersten Monats seiner Abwesenheit hatte sie die Tage, während der fünften Woche die Stunden, und während der letzten acht Tage, die Minuten gezählt. Da erschien der Abbé de Cheaulieur, um sie zu der Demoiselle Delaunay zu führen, und da er Sorge getragen hatte, zu sagen, wer sie eigentlich war, so ward sie mit der ihrem Stande gebührenden Rücksicht und Aufmerksamkeit empfangen; auch war sie zur Annahme dieser Aufforderung, welche den ehrlichen Buvat so stolz machte, durch den Gedanken bestimmt worden, daß die von ihr verlangte Beschäftigung sie während der letzten Tage der Abwesenheit Harmentals zerstreuen würde.
Als sie aber erfuhr, daß Demoiselle Delaunay sie selbst für den Tag mit in Anspruch nahm, an welchem der Geliebte zurückkehren sollte, verwünschte sie den Augenblick, der sie nach Sceaux geführt hatte; und ohne Zweifel wäre sie nach Paris zurückgekehrt, hätte sich nicht die Herzogin von Maine selbst ins Mittel geschlagen. Bathilde hatte demnach eingewilligt; um aber zu verhindern, daß Raoul, wenn er zurückkehre, die nicht erblicke, hatte sie, wie wir wissen, es zur Bedingung gemacht, daß es ihr gestattet seyn solle, sich nach ihrer Wohnung zu ihrem Pflegevater zu begeben, um dort die Cantate zu studieren.
Man begreift leicht, daß wenn der wackere Buvat schon stolz darauf war, daß Bathilde die Costüme zeichnen solle, sein Stolz noch mehr wuchs, als sie nun gar bei der Festlichkeit eine Rolle spielen sollte. Buvat hatte unablässig rücksichtlich seines theuren Pflegekindes von einer Zukunft geträumt, welche ihm bei der Gesellschaft die Stellung einräumen würde, die der Tochter Alberts und Clarissens gebührte. Er war indeß bei dieser Gelegenheit auf eine harte Probe gestellt worden: die drei Tage der Abwesenheit Bathildens waren ihm wie drei Jahrhunderte erschienen. Während dieser drei Tage war der arme Schreiblehrer ein Körper ohne Seele gewesen; auf einem Bureau da ging es noch, dort hatte er eine fortlaufenden Geschäfte zu verrichten, seine Karten, eine Etiquetten zu schreiben, die Zeit verging; aber daheim zurückgekehrt, zwischen seinen vier Pfählen, da fühlte er sich der qualvollsten Einsamkeit preisgegeben. Den ersten Tag hatte er nicht das Mindeste Essen können, denn an einem kleinen Tische fehlte die anmuthige Bathilde, die ihm an an demselben seit dreizehn Jahren gegenüber gesessen hatte. Am folgenden Tage machte er auf Nanettens Vorstellungen einen Versuch; aber kaum hatte er das Mittagsessen zu sich genommen, als er, der bisher kaum wußte, ob er einen Magen besaß, denselben dergestalt beschwert fühlte, daß es ihm war, als habe er eine Portion Blei verschluckt. Den dritten Tag setzte er sich daher gar nicht zu Tische, und nur mit Mühe konnte ihm die sorgsame Nanette eine Tasse Bouillon hinunterzwingen, in welche sie noch obendrein zwei große Thränen fallen sah. Endlich, am Abend des dritten Tages, war Bathilde zurückgekehrt, und hatte ihrem wackern Pflegevater den gesunden Schlaf und den gleich gesunden Appetit wiedergebracht, denn nunmehr hatte er die Ueberzeugung, daß nur noch eine Nacht vorübergehen würde, und daß er sich alsdann wieder der fortwährenden lieben Gegenwart, derjenigen erfreuen würde, ohne die das Leben keinen Werth für ihn hatte.
Bathilde ihrerseits war gleichfalls in der heitersten glücklichsten Stimmung, weil Raouls Rückkehr so nahe war; er hatte versprochen, nach sechs Wochen wiederzukommen; sie beurtheilte ihn nach sich selbst, und wußte, er würde Wort halten.
Kaum hatte sich Buvat am nächsten Morgen auf sein Bureau begeben, als Bathilde sofort ihr Fenster öffnete und während sie eifrig ihre Cantate studierte, das Fenster ihres Nachbars auch nicht einen Moment lang aus den Augen verlor. In der Rue du Temps perdu zeigte sich nur selten ein Wagen, nun geschah es aber heute gerade zufällig, daß von zehn bis vier Uhr drei vorüber rollten und jedes mal hatte Bathilde mit Herzklopfen dieselben beobachtet; jedes mal aber sank sie getäuscht und schwermüthig auf ihren Stuhl zurück. Endlich schlug es vier Uhr, Buvats Schritte wurden wenige Minuten danach auf der Treppe vernehmbar; die arme Bathilde schloß seufzend ihr Fenster, und diesmal war sie es, die trotz der größten Anstrengung, keinen Bissen zu genießen vermochte.
Die Stunde ihrer Abfahrt nach Sceaux erschien; Bathilde hob noch einmal zitternd den Vorhang, drüben war. Alles fest verschlossen. Der Gedanke, daß Raoul’s Abwesenheit sich verlängern könne, erstieg jetzt bei ihr zum Ersten mal, sie fuhr mit schwerem Herzen ab, und verwünschte das Fest, das sie verhinderte, auch während der Nacht, den zu erwarten, dessen sie schon so lange sehnsüchtig geharrt hatte.
Das Geräusch der Festlichkeit, vor allem aber der Gedanke: zum Ersten mal vor so vielen und vor so hohen Personen zu singen, verscheuchten indeß, in Sceaux angelangt, bei ihr auf Augenblicke die Erinnerung an Raoul. Von Zeit zu Zeit aber umwölkte ein schmerzlicher Trübsinn ihr Gemüth, wenn sie daran dachte, daß jetzt vielleicht ihr junger schöner Nachbar, zurückgekehrt am Fenster fände und voll Sehnsucht ihres Anblicks harrte. Aber sie hatte ja den nächsten Tag vor sich und Demoiselle Delaunay hatte ihr versprechen müssen, die noch vor Anbruch des Tages nach Paris zurückbringen zu lassen; bei dem ersten Strahle der Morgensonne wollte sie ihr Fenster öffnen, und sie sollte dann der erste Gegenstand seyn, auf den der erste Blick des erwachenden Geliebten fiele. Dann wollte sie ihm Alles erzählen, die Ursache ihrer Abwesenheit mittheilen, und ihm merken lassen, wie schmerzlich sie seine Abwesenheit empfunden; nach sich selbst zu schließen, mußte er sich alsdann überglücklich fühlen.
Mit solchen Gedanken war Bathilde beschäftigt, als sie die Herzogin von Maine am Ufer des Bassins erwartete; und grade als sie über die Art und Weise nachsann, wie sie den Heimgekehrten zum erstenmal anreden wollte, legte die Gondel am Ufer an.
Anfangs glaubte Bathilde, beängstigt durch die Idee, jetzt zum erstenmal vor einer so zahlreichen und vornehmen Gesellschaft singen zu sollen, daß sie keinen einzigen Ton würde hervorbringen können, aber sie war allzusehr Künstlerin, um nicht durch die treffliche Instrumental-Begleitung, welche durch die vorzüglichsten Orchestermitglieder der großen Oper exekutiert ward, begeistert zu werden; sie beschloß daher, niemand anzuschauen, um sich nicht einschüchtern zu lassen; und sich ganz und gar ihrem Gefühle überlassend, fang sie in der That so meisterhaft, daß man sie, Dank ihrem Schleier, für diejenige hielt, deren Stelle sie vertrat, obgleich diese zu den ausgezeichnetsten Sängerinnen ihrer Zeit gehörte.
Wer aber beschreibt Bathildens Erstaunen, als sie nach Beendigung des Solos, den Blick senkend, in der Gondel auf der Bank, neben der Herzogin
von Maine, einen jungen Cavalier gewahrte, welcher mit Raoul eine so auffallende Aehnlichkeit hatte, daß ihr, hätte sie ihn während des Gesanges erblickt, unfehlbar die Töne im Halse stecken geblieben wären. Einen Augenblick lang zweifelte sie noch, je näher aber die Gondel dem Ufer kam, je weniger konnte die arme Bathilde in Ungewißheit seyn. Eine solche frappante Aehnlichkeit konnte selbst nicht zwischen zwei Brüdern stattfinden, und es lag nur allzusehr am Tage, daß der junge Cavalier der Herzogin und der junge Mann vom Dachstübchen eine und dieselbe Person wären. Das aber war es nicht was Bathilde so schwer verletzte. Raouls höherer Stand brachte ihn ihr nur noch näher und auf den ersten Blick hatte sie ja ohnehin in einen Zügen den Stempel einer edlen Geburt erkannt. Was ihr so unbeschreiblich
weh that, war der Gedanke, daß Raoul sie getäuscht, ihr nicht Wort gehalten, sondern auf ihren Anblick verzichtend, das kleine Dachstübchen verlassen und sich den Festlichkeiten in Sceaux angeschlossen habe. Er hatte also nichts als eine Caprice für sie gehabt; diese Caprice hatte ihn bewogen, einige Wochen in dem Dachstübchen zu verleben; bald aber war er einer Lebensweise überdrüssig geworden, welche er nicht gewohnt war, er hatte, um sie nicht allzusehr zu kränken, eine Reise vorgeschützt und sich unbeschreiblich unglücklich genannt. Das alles aber war Trug und Heuchelei, Raoul hatte unfehlbar Paris gar nicht verlassen, oder wenn er es auch wirklich verlassen hatte, so galt nach seiner Rückkehr sein erster Weg doch nicht dem Orte, von dem sie geglaubt hatte, daß er ihm über Alles theuer say. Als nun gar die Gondel angelegt hatte und Harmental nur wenige Schritte von ihr entfernt war, da schwand auch der letzte Zweifel, daß der junge Student und der schöne Begleiter der Herzogin von Maine einer und derselbe waren; und als nun dieser der stolzen hohen Frau den Arm reichte, da verlor sie die Herrschaft über sich selbst, ihre Kniee brachen, sie stieß einen Schrei aus, und sank ohnmächtig zusammen.
Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie neben sich die Demoiselle Delaunay, welche ihr die sorgfältigste Pflege spendete. So wie sie sich nur erholte, beeilte sie sich, einen Palast zu verlassen, in welchem sie so viel gelitten hatte, und wo sie Raoul gesehen hatte, ohne von ihm erblickt zu werden. Sie warf sich in den Wagen, und kehrte, mit welchen Gefühlen kann man sich denken, nach Paris zurück.
Sie fand bei ihrer Ankunft Nanette, ihrer harrend; auch Buvat wollte aufbleiben, um von der großen Festlichkeit genauen Bericht zu erhalten, aber der Schlaf hatte ihn überwältigt und nach Mitternacht sah er sich genöthigt, sein Lager zu suchen.
Bathilde war froh, Nanette allein zu finden; sie war kaum in ihrem Zimmer angelangt, als sie in Thränen ausbrach. Nanette war sehr überrascht, denn sie hatte gehofft, ihre junge Gebieterin werde überglücklich über den gehabten Triumph zurückkehren; auch bestürmte sie dieselbe mit Fragen was ihr fehle. Bathilde aber antwortete nur, indem sie traurig den Kopf schüttelte, daß ihr nicht das mindeste fehle. Die treue Dienerin begriff, daß es unschicklich say, ferner in sie zu dringen, sie ließ daher die Betrübte allein und zog sich auf ihr Zimmer zurück, welches sich dicht neben dem Bathildens befand.
Von ängstlicher Besorgniß aber gefoltert, konnte die arme Nanette dem Verlangen nicht widerstehen, zu beobachten, was ihre junge Gebieterin ferner beginnen würde. Sie lugte demnach durch das Schlüsselloch und gewahrte, wie Bathilde sich weinend vor ihrem Crucifix niederwarf; dann erhob sie sich, wie von einem unwillkürlichen Instinkt geleitet, öffnete ihr Fenster und blickte mit dem schmerzlichsten Gefühl, nach dem Fenster gegenüber. Von nun an schwand bei der treuen Nanette jeder Zweifel, der Gram ihrer jungen Herrin war ein Liebesgram, und der junge hübsche Nachbar drüben war die Ursache desselben.
Jetzt war die gute Nanette etwas beruhigt, denn die Frauen wissen aus eigener Erfahrung, daß der Liebesschmerz sich oft in Freude verwandelt.
Bathilde schlief nur wenig und schlief sehr schlecht; die ersten Freuden und die ersten Schmerzen der Liebe haben dasselbe Resultat. Sie erwachte unausgeruht und mit trüben Augen. Sie hätte gern für jetzt noch den Anblick Buvats vermieden. dieser aber hatte schon zweimal bei Nanetten nach ihr gefragt. Bathilde nahm also ihren ganzen Muth zusammen, versuchte zu lächeln, und bot ihre Stirn dem Kusse ihres Pflegevaters dar.
Buvat aber besaß zu sehr den Instinkt des Herzens, um sich täuschen zu lassen; er sah die verweinten Augen und die bleiche Wange und diese Zeugen des Schmerzes verriethen ihm ihren Kummer. Bathilde leugnete natürlich, daß ihr etwas fehle, und der ehrliche Copist begab sich demnach nur höchst besorgt in sein Bureau.
So wie ihr Pflegevater fort war, warf sich Bathilde höchst erschöpft auf einen Stuhl und stützte ihr kummerschweres Haupt in die Hand, während die kleine Mirza, die nicht wußte, was der Gebieterin fehle, die mit fragenden Augen anblickte. Die ehrliche Dienerin betrachtete Bathilde einige Augenblicke lang mit mütterlicher Zärtlichkeit, endlich aber machte sie ihrem Herzen Luft und fragte: »Leiden Sie noch immer Mademoiselle?«
»Ja, meine gute Nanette, noch immer!«
»Wenn Sie das Fenster ein wenig öffnen wollten, das würde Ihnen vielleicht gut thun.«
»O nein, nein Nanette, das Fenster dort muß geschlossen bleiben.«
»Aber vielleicht wissen Mademoiselle nicht – –«
»Doch, doch, ich weiß es, Nanette.«
»Daß unser junger Nachbar drüben auch seit diesem Morgen zurückgekehrt ist.«
»Was hat der mit mir zu schaffen, Nanette? fragte Bathilde, indem sie einen etwas strengen Blick auf ihre Dienerin richtete.
»Verzeihen Sie, Mademoiselle – ich glaubte – ich dachte – –«
»Was dachtest Du – was glaubtest Du?«
»Daß Sie seine Abwesenheit beklagten, und daß Sie sich über eine Rückkehr freuen würden.«
»Da hattest Du unrecht.«
»Verzeihen Sie, Mademoiselle, aber er scheint mir ein so ausgezeichneter junger Mann.«
»Viel zu ausgezeichnet, Nanette, viel zu ausgezeichnet für die arme Bathilde.«
»Für Sie, Mademoiselle, zu ausgezeichnet für Sie?« Sie sind des vornehmsten Herrn würdig, und überdem, sind Sie nicht von edler Geburt?«
»Ich bin, was ich scheine, Nanette, das heißt: ein armes Mädchen, mit dessen Seelenfrieden, Ehre und Liebe jeder vornehme Herr glaubt ungestraft sein Spiel treiben zu dürfen; Du siehst, Nanette, daß jenes Fenster dort verschlossen bleiben muß, und daß ich jenen jungen Mann nicht wiedersehen darf.«
»Wollen Sie ihn denn vor Schmerz sterben lassen, den armen jungen Mann? Seit diesem Morgen weicht er nicht von seinem Fenster, und dabei sieht er so tief bekümmert aus, daß einem das Herz brechen möchte.«
»Was kümmert mich ein trauriges Aussehen, erwiderte Bathilde, »was kümmert mich überhaupt der junge Mann?« ich kenne ihn ja nicht, ich weiß nicht einmal seinen Namen. Es ist ohne Zweifel ein Fremder, der sich nur auf einige Zeit hier einlogiert hat; der morgen Mittag vielleicht schon wieder fortreist, wie er schon einmal abgereist ist. Wenn ich darauf geachtet hätte, würde ich Unrecht gehabt haben, Nanette, und wenn eine Liebe wirklich bestände, so würdest Du, statt mich zu derselben zu ermuthigen, besser thun, mir die Thorheit, und die Gefahren derselben vor Augen zu führen.«
»Aber warum das, Mademoiselle. Einmal, früh oder spät, müssen Sie ja doch lieben, weshalb also nicht den jungen hübschen Mann drüben, der vornehm und reich dazu scheint, weil er gar nichts thut?«
»Nun Nanette, was würdest Du denn sagen, wenn dieser junge Mann, der so einfach, aber dabei so edel erscheint, nichts als ein Lügner und ein Verräther wäre?«
»Ich würde sagen, daß ich das für ganz unmöglich halte, Mademoiselle.«
»Wenn ich Dir nun aber sage, daß dieser junge anspruchslose Mann, der das Dachstübchen drüben bewohnt, und sich immer in so einfacher Kleidung zeigt, in dieser Nacht bei der Festlichkeit in Sceaux, der Cavalier der Herzogin von Maine war, und die Uniform eines Obristen trug?«
»Was ich sagen würde, Mademoiselle? Ich würde sagen, daß der Himmel endlich gerecht ist, weil er Ihnen einen Mann zuführt, der Ihrer würdig ist, ein Obrister, ein Freund der Herzogin von Maine! Ja, ja, Mademoiselle Bathilde, Sie werden eine Gräfin werden, ich bin es, die es Ihnen prophezeiht; und das ist wahrlich nicht zu viel für Sie, denn Sie verdienen es. Denn wenn die Vorsehung gerecht gegen Sie seyn will, so muß die Sie nicht bloß zur Gräfin, zur Herzogin, Prinzessin, ja zur Königin machen. – Aber kommen Sie, liebe Demoiselle, Sie sehen bleich und krank aus, die frische Luft wird ihnen gut thun. Lassen Sie mich das Fenster öffnen.«
»Nanette, ich verbiete es Dir. Geh an Deine Arbeit und laß mich allein.«
»Ich gehe Mademoiselle, ich gehe, weil Sie mich fortjagen,« sprach Nanette, indem sie sich mit ihrer Schürze die Augen trocknete, »wenn ich aber der junge Herr da drüben wäre, ich wüßte schon was ich thäte.«
»Und was thätest Du?«
»Ich käme selbst hierher und entschuldigte mich, – Sie würden ihn entschuldigen, selbst wenn er im Unrechte wäre, ich bin davon überzeugt.«
»Nanette,« rief Bathilde zitternd, »sollte er etwa kommen, so verbiete ich Dir, ihn zu empfangen, verstehst Du mich?«
»Ja, ja, ich verstehe Mademoiselle, er soll auf keinen Fall herein – ist es gleich recht unhöflich, den Leuten die Thür zu zeigen.«
»Höflich oder nicht, thue was ich Dir befohlen, sprach Bathilde, »jetzt geh, ich will allein seyn.«
Nanette entfernte sich. Als die arme Bathilde sich allein befand, brach sie in Thränen aus. Ihr Muth war nur Stolz – ihr Herz aber war zu schwer verletzt, und das Fenster blieb geschlossen.
Wir wollen diesem armen Herzen nicht durch alle Nuancen seiner Qualen folgen. Bathilde hielt sich für das unglücklichste Mädchen in der ganzen Welt, gleichwie sich Harmental als das unglückseligste Wesen derselben betrachtete.
Gleich nach vier Uhr kehrte Buvat mit besorgtem Antlitz heim und Bathilde that was in ihren Kräften stand, um ihn zu beruhigen; sie lächelte, sie scherzte, sie leistete ihm bei Tische Gesellschaft, das alles aber beschwichtigte die Besorgnisse des wackeren Mannes nicht. Nachmittags bat er sie, ihn hinauf auf die Terrasse zu begleiten, um dort frische Luft zu schöpfen; sie stellte sich als wolle sie sein Verlangen erfüllen, stieg auch mit ihm bis in ein Stübchen hinauf; bemerkte aber alsdann, wie es ihr einfalle, daß sie sogleich einen Danksagungsbrief an den Abbé de Cheaulieur schreiben müsse, und kehrte in ihr Zimmer zurück.
Ungefähr zehn Minuten darauf hörte sie wie Mirza an die Thür kratzte, und sie erhob sich um zu öffnen. Das Hündchen sprang so freudig auf sie zu, daß Bathilde sofort sah, es müsse ihm etwas Außerordentliches begegnet seyn. Sie betrachtete das Thier jetzt mit größerer Aufmerksamkeit, und bemerkte das an das Halsband befestigte Briefchen. Bathilde brauchte nicht lange nachzugrübeln, von woher Mirza kam, und von wem der Brief say. – Die Versuchung war allzutark, als daß Bathilde derselben hätte widerstehen können. Bei dem Anblick dieses Papiers, das, wie sie glaubte, ihr Schicksal feststellen würde, sank das arme Mädchen fast ohnmächtig zusammen. Sie löste das Blättchen zitternd mit der einen Hand, während sie mit der andern Mirza liebkoste, die, wie es schien, hocherfreut, eine solche Rolle zu spielen, auf den Hinterpfötchen tanzte.
Bathilde öffnete das Briefchen und überflog es mehrere Augenblicke, ohne auch nur ein Wort davon lesen zu können – es schwamm ihr wie ein Nebel vor den Augen. Das Briefchen sagte freilich viel, aber nicht genug; es sprach von Schuldlosigkeit und bat um Verzeihung, von seltsamen Verhältnissen, welche Verschwiegenheit bedingten. Was aber die Hauptsache war, das Briefchen that ihr kund, daß der Schreiber sie unaussprechlich liebe, und das that Bathilden wohl.
Aus einem Ueberreste von weiblichem Stolze aber, beschloß sie das Fenster bis zum folgenden Morgen geschlossen zu halten. Da er sich selbst strafbar nannte, mußte er auch bestraft werden. Die arme Bathilde bedachte nicht, daß von der Strafe, welche sie ihrem Nachbar auferlegte, die Hälfte auf sie selbst zurückfiel. Nichts desto weniger hatte das Briefchen schon so sehr seine Wirkung geäußert, daß Buvat, als er von seiner Terrasse wieder herabstieg, Bathilde weit ruhiger fand, und er ging demnach, da er mehrere Abschriften zu fertigen hatte, schon um acht Uhr Abends zu seinem Stübchen hinauf, und ließ Bathilde allein, damit sie sich nach den Anstrengungen der vergangenen Nacht, frühzeitig zur Ruhe legen könne.
Bathilde aber wachte; denn trotz der letzten schlaflosen Nacht fühlte sie auch nicht das mindeste Verlangen sich dem Schlummer hinzugeben. Bathilde wachte, aber ruhig, zufrieden, glücklich, denn sie wußte, daß das Fenster des Geliebten offen stand, und seine Standhaftigkeit verkündete ihr seinen Liebesschmerz. Zwei- oder dreimal war sie im Begriff seine Leiden zu enden, und dem Reuigen die Versicherung zu geben, daß nach einer genügenden Erklärung seinerseits, die Verzeihung nicht ausbleiben solle; aber bald darauf schien es ihr, daß jedes Entgegenkommen ihrerseits, für ein junges Mädchen in ihrer Lage ungeziemend say, und sie verschob also die Sache bis auf den folgenden Morgen. Sie betete wie jeden Abend, und wie jeden Abend ward Raoul mit in ihre Gebete einbegriffen. Gegen Morgen schlummerte sie endlich ein, und als sie erwachte, machte sie sich Vorwürfe, viel zu strenge gewesen zu seyn, und konnte nicht begreifen, wie sie dem armen Raoul so vielen Kummer verursachen könne. Es entstand aus diesen Betrachtungen, daß sie sogleich zum Fenster eilte, um es zu öffnen; da gewahrte sie plötzlich durch eine kleine Oeffnung in dem Vorhange, wie der junge Mann bereits in dem seinigen stand. Dieser Anblick ließ sie augenblicklich zurücktreten. War das nicht geradezu ein Zugeständniß, wenn sie selbst das Fenster öffnete? Es war besser, Nanettens Erscheinen abzuwarten. Daß diese das Fenster öffnete, war ganz in der Ordnung.
Nanette erschien. Aber sie war am gestrigen Tage rücksichtlich des verhängnißvollen Fensters allzusehr gescholten worden, als daß sie jetzt noch einmal den Vorschlag hätte wagen sollen, es zu öffnen. Sie wagte es kaum, sich demselben zu nähern, und räumte schweigend im Zimmer auf. Nach einer kleinen Stunde verließ sie das Zimmer ohne ein Wort gesprochen, oder den Vorhang auch nur berührt zu haben. Bathilde war nahe daran, zu weinen.
Buvat kam zu ihr ins Zimmer, um wie gewöhnlich mit ihr einen Kaffee zu trinken; sie hoffte, er werde sie fragen, warum sie sich so eingeschlossen halte, und dann ward ihr die Gelegenheit ihn zu ersuchen, das Fenster zu öffnen; Buvat dachte in diesem Augenblick aber nur an seine heutige Arbeit auf der Bibliothek, freute sich über Bathildens besseres Aussehen, trank einen Kaffee und begab sich wieder hinweg, ohne über das so traurig geschlossene Fenster auch nur ein einziges Wörtchen fallen zu lassen. Zum erstenmal in ihrem Leben war Bathilde über ihren wackeren Pflegevater gewissermaßen ein wenig aufgebracht, denn sie meinte: es zeige doch gar zu wenig Theilnahme für ihre Gesundheit, daß er sie ohne irgend eine besorgte Aeußerung in so eingeschlossener Luft zurücklasse.
Bathilde sank auf einen Stuhl, sie hatte sich selbst in die qualvollste Lage versetzt. Sie konnte Nanette rufen, das Fenster zu öffnen, das wollte sie nicht; sie konnte es selbst öffnen, das vermochte sie nicht. – Sie mußte also warten; aber wie lange? bis Morgen vielleicht, oder übermorgen? Und was sollte unterdessen Raoul von ihr denken? Hätte er nicht recht, wenn ihn diese übertriebene Strenge beleidigte? Wenn er nun seine Wohnung neuerdings auf sechs Wochen – oder gar auf immer wieder verlassen sollte – es wäre ihr Tod. Bathilde konnte nicht mehr ohne Raoul leben.
So vergingen zwei Stunden – für sie zwei Jahrhunderte. Bathilde versuchte Alles; sie trat ans Clavier, an ihren Stickrahmen, sie nahm ihren Griffel, sie konnte nichts beginnen. Nanette erschien wieder, sie schöpfte neue Hoffnung. Jene aber öffnete nur die Thür, um anzuzeigen, daß sie einen nothwendigen Gang zu machen habe; Bathilde winkte schweigend, daß sie nur gehen möge.
Nanette hatte in der Vorstadt St. Antoine zu schaffen, und konnte also unter zwei Stunden nicht zurückkehren; was sollte sie während dieser zwei Stunden beginnen? Es wäre so bezaubernd gewesen, die am Fenster zuzubringen; die Sonne schien draußen so klar und so hell. Bathilde zog das Briefchen wieder hervor, das bisher auf ihrem Herzen ruhte, sie wußte es zwar auswendig, aber gleichviel, sie las es dennoch immer wieder und wie der. – Da kam ihr ein freudiger Gedanke – ihre Blicke fielen auf die kleine niedliche Mirza, die liebliche Botin – vielleicht konnte sie ihr ein zweites Schreiben bringen! – Sie nahm das liebe Thierchen in ihre Arme, sie liebkoste es und öffnete ihm dann die Thür, die auf den Flur führte. O, Himmel, vor derselben stand ein junger Mann, welcher so eben die Klingel anziehen wollte. Bathilde stieß einen Freudenruf, der junge Mann einen Ruf der Zärtlichkeit aus – es war Raoul.
VII.
Der dritte Himmel
Bathilde wich einige Schritte zurück, denn sie fühlte, daß sie sonst in die Arme des jungen Mannes sinken würde. Raoul dagegen schloß schnell die Thür und warf sich zu Bathildens Füßen. Die beiden jungen Leute wechselten einen einzigen Blick der unaussprechlichsten Liebe, jeder von ihnen sprach den Namen des Andern aus, ihre Hände schlossen sich in einander, und alles war vergessen. Die beiden armen Herzen, die sich so viel zu sagen hatten, schlugen fast aneinander und schwiegen dennoch. Ihre ganze Seele hatte sich in ihre Augen gedrängt, und sie redeten die stumme Sprache, welche in der Liebe so ausdrucksvoll ist, und vor der gewöhnlichen Rede den Vorzug besitzt, daß sie niemals lügt.
So vergingen einige Augenblicke, dann lehnte sie sich zurück, um Athem zu schöpfen, und stammelte: »Großer Gott, was habe ich gelitten!«
»Und ich, ich!« rief Harmental, »ich, auf dem der Schein der Schuld lastet, und der dennoch schuldlos ist!«
»Schuldlos – schuldlos? fragte Bathilde, bei der ihre vorigen Zweifel wieder erstiegen.
»Ja schuldlos,« versetzte Raoul, und nunmehr erzählte er der Geliebten alles, was er ihr aus seinem Leben erzählen durfte: das heißt, seinen Zweikampf mit Lafare; und wie er als Folge desselben sich in der Rue du Temps perdu verborgen gehalten habe. Wie er darauf Bathilde zum erstenmal geschauet und wie seine innige Liebe für sie bei ihm entstanden say. Er schilderte ihr sein Glück, als ihm die Überzeugung geworden, daß sie ihn gleichfalls mit inniger Theilnahme betrachte. Da say ihm, als Obristen der Carabiniers, plötzlich der Befehl geworden, sich augenblicklich nach der Bretagne zu begeben; vor seiner Rückkehr nach Paris aber Ihre Hoheit der Frau Herzogin von Maine in Sceaux Bericht von dem Erfolge seiner Sendung abzustatten. Er hoffte, in Sceaux angelangt, dort schnell expediert zu werden, war aber dort gerade in das Fest hineingerathen, an dem er wegen seiner Stellung zu dem Herzog von Maine, Theil nehmen mußte. Er schloß seine Mittheilung mit den Versicherungen der innigsten Liebe und der unwandelbarsten Treue.
Jetzt kam Bathilde an die Reihe. Sie hatte gleichfalls eine lange Geschichte zu erzählen, aber in dieser Geschichte war nichts verborgen, es herrschte darin kein Dunkel, sie war einfach und klar. Sie schilderte ihm ihr ganzes Leben mit getreuen Farben. Ihre Abkunft, ihre beklagenswerthe Lage als verlassene Waise, die Zärtlichkeit und unbeschreibliche Sorge des wackeren Buvat, kurz sie erschloß ihm ihr Herz bis zu dem Augenblick, in welchem sie ihn, Harmental am Fenster erschauete. Da schwieg sie erröthend denn sie fühlte daß sie jetzt nichts mehr zu erzählen habe.
Damit war Raoul aber nicht zufrieden, er drang in sie und das arme Mädchen mußte erröthend und stockend alles mittheilen, was seit dem in ihrem Herzen vorgegangen war. So waren zwei Stunden, wie zwei Sekunden vergangen und noch befanden sich die jungen Leute in derselben Stellung. Harmental auf den Knieen vor Bathilden, sie hatte sich über ihn geneigt, ihre Hände ruhten in einander, Auge war auf Auge gerichtet, da ward plötzlich die Klingel angezogen. Bathilde warf einen raschen Blick auf die Uhr, die vierte Stunde war vorüber der, Kommende konnte kein Andrer als Buvat seyn.
Bathilde schrak mächtig zusammen, Raoul aber beruhigt sie lächelnd; er hatte ja den Vorwand, den der Abbé Brigaud ihm angegeben hatte. Die beiden Liebenden wechselten noch einen Händedruck, noch einen Blick der Liebe und Treue, dann öffnete Bathilde die Thür ihrem Pflegevater, welcher wie gewöhnlich, sie umarmte, einen Kuß auf ihre Stirn drückte und dann erst Harmental bemerkte.
Buvats Bestürzung war gränzenlos; es war das Erste mal, daß ein anderer Mann, als er bei seiner Pflegetochter eintrat; er blickte Harmental mit großen Augen an und die Gestalt desselben schien ihm nicht ganz unbekannt. Harmental trat mit jener Leichtigkeit auf ihn zu, die den feinen vornehmen Mann bezeichnet. »Ich habe die Ehre, mit Herrn Buvat zu reden?« sprach er.
»Der bin ich,« versetzte der ehrliche Abschreiber, indem er bei dem Klange der Stimme Raouls zitterte, denn auch diese schien ihm nicht unbekannt. Die Ehre ist ganz und gar auf meiner Seite.«
»Sie kennen den Abbé Brigaud?, fuhr Harmental fort.
»Ja, mein Herr, sehr gut. Es ist der – – der Beichtiger der Madame Denis.«
»Derselbe. Sie haben sich seinerzeit an ihn gewandt, damit er Ihnen Beschäftigung im Abschreiben verschaffe.«
»Ganz recht, mein Herr, denn ich bin Copist, Ihnen zu dienen.«
»Der Abbé Brigaud, mein Lehrer, hat Ihnen eine treffliche Kundschaft zugewandt.«
»Wirklich? Ey das freut mich. Setzen Sie sich doch, mein Herr.«
»Und wer ist es, der mir Arbeit geben will?«
»Der Prinz de Listhnay, Rue de Bac No. 10.«
»Ein Prinz, mein Herr, ein Prinz?«
»Ja, ein spanischer Prinz, wie ich glaube, er steht mit einer Zeitung in Madrid in Verbindung und berichtet derselben alle Neuigkeiten aus Paris.«
»Vortrefflich,« erwiderte Buvat, sich die Hände reibend.
»Es wird Ihnen aber einige Mühe machen,»nahm Harmental wieder das Wort, »denn alle seine Berichte sind in spanischer Sprache geschrieben. Aber man braucht nicht gerade eine Sprache zu verstehen, um in derselben Abschriften zu fertigen.«
»Ey, das versteht sich. Die Calligraphie ist gewissermaßen eine Kunst, wie das Zeichnen, sie besteht im genauen Nachmalen.«
»Und ich weiß, daß Sie in dieser Kunst ein Meister sind,« schmeichelte Harmental.
»Sie beschämen mich in der That, mein Herr,« entgegnete der wackere Abschreiber, »darf ich Sie jetzt fragen um welche Stunde ich Sr. Hoheit auf warten soll?«
»In einer Stunde, wenn es Ihnen paßt, nachdem Sie Ihr Mittagsmahl eingenommen, zwischen fünf und fünf ein halb Uhr. Sie haben doch die Adresse nicht vergessen?«
»Keineswegs, mein Herr, keineswegs, Rue de Bac No. 10, ich werde mich pünktlich einfinden.«
»Also auf Wiedersehen, mein Herr Buvat,« sprach Harmental, »und Sie Mademoiselle,« fuhr er zu Bathilden gewandt fort, »empfangen Sie meinen Dank, daß Sie die Güte hatten, mir, während ich Herrn Buvat erwartete, Gesellschaft zu leisten, eine Güte, für die ich Ihnen ewig erkenntlich seyn werde.«
Mit diesen Worten verbeugte sich Harmental noch einmal gegen Buvat und Bathilde, und verließ das Gemach.
»Das ist ein sehr liebenswürdiger junger Mann, bemerkte Buvat.
»Sehr liebenswürdig, wiederholte Bathilde maschinenmäßig.
»Es ist indeß seltsam, mir ist als hätte ich ihn schon früher gesehen.«
»Das ist wohl möglich, versetzte Bathilde.
»Seine Stimme war mir keinesweges fremd,« sprach Buvat nachdenkend.
Bathilde erschrak, denn sie erinnerte sich des Abends, an welchem Buvat ganz verstört zurückgekehrt war, wegen des ihm in der Rue des bonnes Enfans begegneten Abenteuers. Harmental hatte ihr in seiner Mittheilung nichts gesagt, was darauf Bezug hatte.
In diesem Augenblick erschien Nanette und berichtete, daß das Mittagsessen warte, und Buvat, welcher sich beeilen wollte, sich zu dem Prinzen zu begeben, trat zuerst in das kleine Speisezimmer. »Nun Mademoiselle, fragte Nanette leise, »er ist also zurückgekehrt, der hübsche junge Mann?«
»Ja Nanette, ja,« erwiderte Bathilde, mit zum Himmel emporgehobenem dankerfüllten Blick, »und ich bin sehr glücklich.« So sprechend folgte die Buvat, welcher ihrer bereits im Speisezimmer harrte.
Was unsern Harmental betraf, so war er nicht minder glücklich als Bathilde. Er wußte, daß er geliebt say; Bathilde hatte es ihm mit derselben Freude gesagt, mit der sie die Erklärung seiner Liebe von ihm vernommen hatte. Er war geliebt, aber nicht von dem armen unbedeutenden Mädchen, von einer Grisette – sondern von einer Jungfrau, deren Vater bei dem Herzoge von Orleans, einem wichtigen Ehrenamte vorgestanden hatte. Nichts also stand einer Verbindung zwischen Harmental und Bathilden im Wege. Nur eines hatte er vergessen, das Geheimniß, welches er Bathilden nicht entschleiert hatte, weil es ihm nicht angehörte, diese Verschwörung die zu seinen Füßen einen Abgrund grub, der ihn jeden Augenblick verschlingen konnte.
Harmental aber war weit entfernt, die Dinge in diesem Lichte zu betrachten. Harmental war gewiß, daß er geliebt say, und diese Gewißheit verleiht dem noch so trüben und dunklen Himmel des Verliebten, die freundliche Farbe der Rose.
Ihrerseits hegte Bathilde gleichfalls keinen düstren Zweifel hinsichtlich der Zukunft. Das Wort »Heirath« war zwar weder von ihr noch von Harmental ausgesprochen worden, ihre beiden Herzen aber hatten sich einander in ihrer ganzen Reinheit gezeigt, und kein schriftlich abgefaßter Contract war so gültig, als die Ansprüche derselben; auch befand sich Bathilde, nachdem Buvat nach dem Mittagsessen Hut und Stock genommen hatte, um sich zu dem Prinzen Listhnay zu begeben, kaum allein, als sie auch sofort auf ihre Knie sank, um dem Ewigen zu danken, worauf sie freudig und vertrauensvoll ohne Zögern das verhängnißvolle Fenster öffnete, welches so lange geschlossen gewesen war. Was unsern Harmental betraf, so hatte er seit seiner Rückkehr in sein Stübchen das seinige nicht verlassen.
In wenigen Augenblicken waren die Liebenden über Alles einverstanden. Die gute Nanette sollte in das Vertrauen gezogen werden. Jeden Tag, wenn Buvat sich entfernt haben würde, sollte Harmental herüber kommen, und zwei Stunden bei Bathilde bleiben. Die übrige Zeit wollte man an den Fenstern mit einander plaudern. Und mußten diese geschlossen seyn, wollte man sich schreiben.
Gegen sieben Uhr Abends sah man den wackern Buvat um die Ecke der Rue Montmartre biegen; er schritt gravitätisch und majestätisch daher, und hielt in der einen Hand seinen Stock, in der anderen eine Rolle Papier; man sah in seinem Antlitz, daß ihm etwas Großes begegnet seyn müsse. Buvat war zu dem Prinzen eingeführt worden, und hatte mit dem gnädigen Herrn selbst gesprochen.
Die beiden Liebenden gewahrten Buvat erst, als er sich unter ihnen befand. Harmental schloß sofort das Fenster. Bathilde war einen Augenblick lang besorgt gewesen, daß Harmental, als er des Prinzen Listhnay erwähnte, nur ein Mährchen vorgebracht habe, um seine Anwesenheit zu entschuldigen, und da sie keine Zeit gehabt hatte, den Geliebten deshalb zu befragen, so sah sie jetzt der Rückkehr ihres, ihr so theuren Pflegevaters, mit einiger Besorgniß entgegen. Das Antlitz Buvats aber glänzte vor Freude.
»Nun, lieber Papa?« fragte Bathilde, noch immer ein wenig ängstlich.
»Ich habe mit Sr. Hoheit selbst gesprochen,« bemerkte Buvat.
Bathilde schöpfte Athem.
»Ein schöner Mann, sag’ ich Dir, Bathilde, fuhr Buvat fort, »mehr als fünf Fuß acht Zoll hoch, von majestätischem Ansehen, er wirft mit den Louisd’ors um sich, als ob es Pfennige wären. Er bezahlt mir meine Abschriften mit fünfzehn Livres für die Seite, und hat mir 25 Louisd’ors im Voraus eingehändigt.«
Jetzt durchzuckte Bathildens Köpfchen eine andere Besorgniß: sie glaubte, daß Raoul die Absicht habe, ihrem Pflegevater auf diese Weise Geld in die Hände zu spielen, welches er wähnte, verdient zu haben. Diese Idee hatte etwas so Demüthigendes, daß Bathildens Herz zusammengepreßt ward. Sie warf einen Blick auf Harmentals Fenster und sah, daß er verstohlen hinter einer Scheibe desselben, mit einem solchen Ausdruck der Liebe nach ihr schaute, daß sie schnell alles Uebrige vergaß, außer ihn anzusehen. Und dies that sie mit einer so gänzlichen Vergessenheit, daß sogar der ehrliche Buvat es bemerkte, und sich ihr näherte, um zu erfahren, was ihre Aufmerksamkeit so ausschließlich in Anspruch nähme. Harmental aber hatte ihn erblickt und ließ schnell den Vorhang fallen, so daß Buvats Neugier unbefriedigt blieb.
»Also lieber Papa, Sie sind zufrieden?« fragte Bathilde schnell.
»Das will ich meinen, liebe Bathilde. Aber ich muß Dir noch Etwas mittheilen. Du weißt ich sagte Dir, daß mir die Gestalt und die Stimme des jungen Mannes bekannt schienen.«
»Ganz recht. Nun?«
»Denke nur, als ich heute die Rue des bonnes Enfans passierte, und vor dem Hause No. 25 vorbeikam, ging mir plötzlich ein Licht auf. Es war mir, als ob dieser junge Mann derselbe say, der mir in jener furchtbaren Nacht entgegen trat, an die ich nie ohne Schrecken denken kann.«
»Ei lieber Papa, welch ein Gedanke,« versetzte Bathilde, indem sie selbst ein wenig schauderte.
»Ja, was sagst Du dazu? Ich war schon auf dem Punkte wieder umzukehren, denn ich dachte, dieser Prinz von Listhnay könnte wohl gar das Oberhaupt der Räuberbande seyn, und ich würde auf diese Weise in eine Diebeshöhle gelockt. Da ich aber niemals Geld bei mir trage, so sah ich ein, daß ich nichts zu besorgen hatte, und setzte zum Glück für mich meinen Weg fort!«
»Und jetzt mein lieber Papa, nicht wahr, sind Sie überzeugt, daß der gute junge Mann, der heute im Auftrage des Abbé Brigaud hier war, nicht derselbe ist, der Ihnen in der Rue des bonnes Enfans begegnete?«
»Allerdings! Wie kann ein Räuberhauptmann mit einem Prinzen in Verbindung stehen?« Aber da stehe ich und plaudere, und vergesse die Arbeit. Ich habe Sr. Hoheit versprochen, sogleich daran zu gehen, und muß mein Wort halten Also gute Nacht mein liebes Kind, gute Nacht!«
»Gute Nacht, mein lieber Papa!«
Und Buvat ging auf sein Zimmer hinauf, und setzte sich an eine Abschriften, die ihm der Prinz de Listhnay im Voraus so großmüthig bezahlt hatte. – Was die Liebenden betraf, so knüpften sie ihre durch Buvats Ankunft unterbrochene Unterhaltung wieder an, und der Himmel weiß, wann die beiden Fenster geschlossen wurden.
VIII.
Der Nachfolger Fenelons
Dank der zwischen den beiden Liebenden getroffenen Verabredung, es schwanden ihnen die nächsten drei oder vier Tage, wie Augenblicke dahin; sie waren während dieser Zeit die glückseligsten Geschöpfe der Welt. Die Erde aber, die für sie still zu stehen schien, drehte sich nichts desto weniger für die übrige Menschheit, und die Begebenheiten, welche sie in einem Moment, in welchem sie es am wenigsten erwarteten, aus ihrem Liebesrausche aufschrecken sollten, bereiteten sich schweigend vor.
Der Herzog von Richelieu hatte pünktlich sein Wort gehalten. Der Marschall von Villeroy war am vierten Tage seiner Abwesenheit durch einen Brief seiner Gemahlin, der Marschallin, wieder zurückgerufen worden, welche ihm schrieb, daß seine Gegenwart bei dem Könige in diesem Augenblicke mehr als je nothwendig say. Als Gouverneur des Königs hatte der Marschall das Vorrecht, ihn nur auf seinen eigenen ausdrücklichen Befehl zu verlassen, und bei ihm zu bleiben, wer auch immer zu ihm eintreten möge, den Prinz Regenten selbst nicht ausgenommen. Es war besonders in Rücksicht des Letzteren, daß der Herzog von Villeroy eine auffallende Vorsicht affectirte, und da diese Vorsichtsmaßregeln dem Hasse der Herzogin von Maine und ihrer Partei zusagte, so lobten sie deshalb den Marschall ungemein; auch ward das Gerücht verbreitet, daß derselbe auf dem Camin Ludwigs XV. vergiftete Bonbons entdeckt habe, von denen man nicht wußte, wer sie hingelegt. Das Resultat von diesem allen, war eine gesteigerte Verläumdung gegen den Herzog von Orleans, und eine Vermehrung des Einflusses des Marschalls von Villeroy, der den jungen Monarchen glauben gemacht hatte, daß er ihm die Erhaltung seines Lebens verdanke. Das auf diese Weise eingeschüchterte arme königliche Kind, setzte daher auch nur Vertrauen in den Marschall von Villeroy und in den Herrn von Frejus.
Herr von Villeroy war also ganz der Mann, um den Auftrag zu übernehmen, den man für ihn bestimmt hatte. Nachdem er noch eine Weile überlegt hatte, ward beschlossen, daß am folgenden Montag, wo der Regent wegen des am Sonntag stattfindenden Soupers, den König nur selten sah, diesem die beiden Briefe des Königs von Spanien, Philipp des Fünften vorgelegt werden sollten. Der Herzog von Villeroy sollte alsdann den Tag seines Alleinseyns mit seinem königlichen Zögling benutzen, um von diesem die Zusammenberufung der Generalstaaten zu erlangen; die dann auf der Stelle expediert, und am folgenden Morgen, noch bevor der Regent den jugendlichen Monarchen gesprochen, veröffentlicht werden sollte, so daß diese Maßregel nicht mehr widerrufen werden könne.
Während diese Verschwörung gegen ihn eingeleitet wurde, setzte der Herzog von Orleans seine gewöhnliche Lebensweise, die aus Arbeit, Studium, Vergnügungen, und ganz besonders auch aus häuslichen Tracaßerien bestand, fort. Drei seiner Töchter machten ihm wahrhaften Verdruß. Frau von Berry, die er über Alles liebte, weil sie ihm sein in einer Krankheit von den Aerzten schon aufgegebenes Leben gerettet hatte, lebte öffentlich mit Riom, den sie bei jedem Vorwurfe ihres Vaters zu heirathen drohte.
Mademoiselle de Chartres ihrerseits beharrte noch immer in ihrem Entschlusse, den Schleier zu nehmen, ohne daß man wußte, ob dieser Vorsatz durch einen verliebten Aerger, oder durch einen wirklichen inneren Beruf herbeigeführt say. Es ist erwiesen, daß sie, obgleich schon Novize, sich allen weltlichen Vergnügungen hingab, die in das Kloster eingeführt werden konnten, auch hatte sie sogar in ihre Zelle Gewehre, Pistolen, Raketen und Dinge ähnlicher Art schaffen lassen, denn jeden Abend bereitete sie ihren jungen Freundinnen eine pyrotechnische Unterhaltung. Sie verließ übrigens niemals das Kloster de Chelles, wo ihr Vater sie jeden Mittwoch besuchte.
Die dritte Person der Familie des Regenten, welche diesem gleichfalls vielen Aerger bereitete, war Demoiselle de Valois, von der er glaubte, daß sie Richelieu’s Geliebte say; obgleich er sich in dieser Rücksicht keine Gewißheit verschaffen konnte, so sehr er auch die beiden Liebenden durch seine geheime Polizei beobachten ließ. Sein Argwohn ward noch durch ihre Weigerung bestärkt, dem Prinzen von Piemont ihre Hand zu reichen. Der Regent aber bestand in dieser Rücksicht fest auf ein Verlangen und die Liebenden wußten nicht mehr aus noch ein, als eine ganz unerwartete Begebenheit die Verhandlung plötzlich abbrach. Madame, die Mutter des Regenten, hatte mit ihrer deutschen Freimüthigkeit an die Königin von Sizilien, eine ihrer fleißigsten Correspondentinnen, geschrieben, daß sie sie zu sehr liebe, um ihr nicht mitzutheilen, daß die junge Prinzessin, die man dem Prinzen von Piemont zur Gemahlin bestimme, schon einen Geliebten habe, und daß dieser Geliebte der Herzog von Richelieu say. Man kann sich leicht denken, daß von der anderen Seite sofort alles abgebrochen wurde, und einen Tag nach dem dies geschehen, erfuhr es der Regent, so wie die Ursache des Bruches. Er hatte einige Tage lang mit seiner Mutter gezürnt und ihre Schreibseligkeit zum Teufel gewünscht; da er aber einen überaus versöhnlichen Charakter besaß, so lachte er bald selbst über diese Angelegenheit, von der er übrigens durch eine andere, nämlich durch Dubois Zudringlichkeit abgezogen wurde, der mit aller Gewalt Erzbischof werden wollte.
Wir haben bereits bei Dubois Rückkehr von London gesehen, in welchem Lichte der Herzog von Orleans sein Gesuch betrachtete; doch Dubois war nicht der Mann, sich durch eine abschlägliche Antwort zurückschrecken zu lassen. Das Erzbisthum Cambrai war durch den Tod des in Rom verstorbenen Cardinals Tremouille erledigt worden, es war eine der reichsten und angesehendsten Pfründen, welches ein jährliches Einkommen von 150.000 Livres einbrachte. Da nun Dubois das Geld ungemein liebte, und sich jedes nur erdenklichen Mittels bediente, um sich dasselbe zu verschaffen, so weiß man nicht, ob es mehr die bedeutenden Einkünften, oder die Ehre, ein Nachfolger Fenelons zu werden, war, was ihn nach dieser Würde so sehr trachten ließ.
Bei der ersten Gelegenheit brachte er demnach diese Geschichte wieder auf das Tapet; der Herzog wollte, wie das Erste mal, aus der Angelegenheit einen Scherz machen, Dubois aber nahm die Sache ernster und ward immer dringender. Der Regent konnte keine Langeweile ertragen und Dubois begann ihn nachgerade mit seiner Zudringlichkeit so zu ennuyiren, daß der Regent endlich, um der Sache auf einmal ein Ende zu machen, ihn aufforderte, einen Prälaten aufzufinden, der es übernehmen würde, ihn einzuweihen.
»Ist es weiter nichts?« rief der Abbé Dubois, »der ist leicht gefunden, gnädigster Herr.
»Unmöglich, ganz unmöglich, meinte der Herzog.
»Ew. Hoheit werden sich gleich überzeugen, entgegnete Dubois, indem er schnell das Cabinet verließ. Nach fünf Minuten schon kehrte er zurück.
»Nun?« fragte der Regent.
»Ich habe unsern Mann,« versetzte Dubois.
»Und wer ist der fromme Mann, der einen frommen Mann wie Dich einweihen will?«
»Ew. Hoheit erster Almosenier, gnädigster Herr.«
»Der Bischof von Nantes?«
»Derselbe.«
»Tressan?«
»Kein Anderer.«
»Unmöglich!« rief der Regent.
»Sehen Ew. Hoheit selbst. Da ist er schon.«
In diesem Augenblick ward die Thür geöffnet, und der Huissier meldete: den Herrn Bischof von Nantes.
»Kommen Sie, kommen Sie,« rief ihm Dubois entgegen, »Sr. Königlichen Hoheit ehren uns alle Beide. Mich, indem Sie mich zum Erzbischof von Cambrai ernennen, Sie, indem Sr. Hoheit Sie wählen mich einzuweihen.«
»Herr Bischof von Nantes, nahm der Regent das Wort, »sind Sie wirklich bereit, aus unserm Abbé hier einen Erzbischof zu machen?«
»Die Wünsche Ew. Hoheit sind mir stets Befehle,« lautete die Antwort.
»Aber Sie wissen doch, er besitzt nur die Tonsur, keine höhere Würde.«
»Was thut das zur Sache, gnädigster Herr?« fiel Dubois ein, »der Herr Bischof von Nantes wird Ihnen sagen, daß alles was mir fehlt, mir an einem einzigen Tage verliehen werden kann.«
»Aber man hat bisher keine Beispiele.«
»Doch, doch, gnädigster Herr, St. Ambroise zum Exempel.«
»Nun, wenn Du die Väter der Kirche für Dich hast, dann habe ich nichts einzuwenden,« lächelte der Regent, »ich überlasse Dich also dem Herrn von Tressan.«
»Ich werde Ihnen den Herrn Abbé mit dem Krummstabe und der Mitra wieder zustellen, gnädigster Herr.«
»Aber es fehlt doch der Grad eines Licenciaten, erwiderte der Regent, den die Sache zu belustigen anfing.
»Die Universität von Orleans hat mir versprochen – –«
»Du bedarft der Zeugnisse?«
»Ist denn Beson nicht da?«
»Eines Attestes über ein sittenreines Leben,« lachte der Herzog von Orleans.
»Nouailles wird mir unbedingt ein solches ausstellen!«
»Daran zweifle ich denn doch, Abbé.«
»Nun, dann fertigen mir Ew. Hoheit ein solches aus. Zum Henker, die Unterschrift des Regenten in Frankreich wird in Rom doch eben so viel gelten, als die eines armseligen Cardinals!«
»Dubois, ich bitte, etwas mehr Respekt für die Fürsten der Kirche,« sprach der Regent.
»Ew. Hoheit haben Recht, man weiß nicht was aus einem noch werden kann.«
»Du, ein Cardinal, das wäre schön!« rief der Herzog, indem er in ein lautes Gelächter ausbrach.
Man muß an nichts verzweifeln, gnädigter Herr, versetzte Dubois, warum sollte ich nicht noch einmal Papst werden können? Gott erhalte uns Beide nur noch lange am Leben und Sie werden Wunderdinge schauen.«
Bah, ich fürchte mich nicht vor dem Tode. bemerkte der Herzog.
»Das ist nur leider zu wahr,« sprach der Abbé, »Ew. Hoheit würden aber wohl thun, die nächtlichen Ausflüge einzustellen.
»Und weshalb?«
»Weil Ihr theures Leben dabei in Gefahr kommen kann, gnädigster Herr.«
»Was kümmerts mich?«
»Auch aus einem andern Grunde.«
»Der wäre?«
»Weil,« entgegnete Dubois mit scheinheiliger Mief, »weil diese Ausflüge ein Anstoß für die heilige Kirche sind.«
»Geh zum Teufel!« lachte der Regent.
»Sie sehen, mein Herr,« sprach Dubois zu dem Bischof von Nantes gewandt, unter welchen Wüstlingen und verhärteten Sündern ich zu leben genöthigt bin; ich hoffe, daß Ew. Eminenz das berücksichtigen, und gegen mich nicht allzu strenge seyn werden.«
»Wir werden unser Bestes thun,« mein Herr,« antwortete Tressan.
»Und wann soll die heilige Handlung vor sich gehen?« fragte Dubois, der keinen Augenblick verlieren wollte.
»Sobald Sie alles in Ordnung gebracht haben werden.«
»Ich bedarf dazu nur dreier Tage.«
»Wolan, am vierten stehe ich zu Ihrem Befehl.«
»Heut haben wir Sonnabend – also am Mittwoch.«
»Am Mittwoch denn,« entgegnete Tressan.
»Ich muß Dich aber auch noch zuvor darauf aufmerksam machen,« nahm der Regent wieder das Wort, »daß bei Deiner Einweihung eine bedeutende Person fehlen wird.«
»Und wer würde es wagen, mir diese Beleidigung anzuthun?«
»Ich!«
»Sie, gnädigster Herr, Sie werden zugegen seyn!«
»Ich sage Dir, nein!«
»Ich wette tausend Louisdors!«
»Und ich gebe Dir mein Ehrenwort!«
»Ich wette das Doppelte.«
»Unverschämter!«
»Auf Mittwoch also, mein Herr von Tressan; auf Wiedersehen bei meiner Einweihung, gnädigter Herr!«
Und Dubois eilte freudig von dannen, um überall eine neue Ernennung auszuposaunen.
Dubois hatte sich indeß in einer Sache getäuscht, nämlich in der Bescheinigung des Cardinals von Nouailles. Alle angewandten Bitten, Versprechungen und Drohungen halfen zu nichts; er weigerte sich hartnäckig, das Attestat der Sittenreinheit für Dubois auszustellen. Es ist wahr, daß er der Erste und Einzige war, welcher die schöne und edle Handlung beging, sich dem Scandal zu widersetzen, von dem die Kirche bedroht war. Die Universität von Orleans, ertheilte das Licentiat; Beson, der Erzbischof von Rouen, lieferte das Verlangte, und da Alles zu dem bestimmten Tage in Bereitschaft war, begab sich Dubois um fünf Uhr Morgens, in Jagdkleidung, nach Pontoise, wo Herr von Tressan seiner harrte und ihm die unteren priesterlichen Würden verlieh; gegen Mittag war Alles beendet, und um vier Uhr Nachmittags kehrte Dubois aus dem Regierungs-Conseil, dem er im alten Louvre, wo dasselbe der in den Tuilerien herrschenden Masern wegen, damals gehalten wurde, beigewohnt hatte, in erzbischöflichem Ornate in seine Wohnung zurück. Die erste Person, die er dort in seinem Zimmer traf, war die Fillon. Als Agentin der geheimen Polizei, hatte sie zu jeder Stunde Zutritt bei dem Minister, und so hatte man, trotz der Feierlichkeit des Tages, zumal da sie behauptete, Dinge von Wichtigkeit mittheilen zu müssen, es nicht gewagt, sie zurückzuweisen.
»Du hier, heut!« rief Dubois, als er seine alte Freundin gewahrte. »Traun,, an diesem Tage ein seltsames Zusammentreffen!«
»Ei was, Gevatter!« lachte die Fillon, »wenn Du undankbar genug bist, Deiner alten Freunde nicht zu gedenken, so bin ich nicht dumm genug, die meinigen zu vergessen, zumal wenn sie höher steigen.«
»Was soll denn das?« fragte Dubois, indem er anfing die Zeichen seiner heiligen Würde abzulegen, »wirst Du mich immer noch Gevatter nennen, mich, der ich jetzt Erzbischof bin?«
»Ey, das versteht sich, lachte die Fillon, »das Erste mal, daß ich den Regenten zu Gesicht bekomme, werde ich ihn ersuchen, mich zur Aebtissin zu ernennen, damit wir beide gleichen Schrittes vorwärts gehen.«
»Er kommt also noch immer zu Dir, der Bruder Liederlich?«
»Ach, leider nicht mehr um meinetwillen, Gevatter! Die schönen Tage sind vorüber, aber ich hoffe, daß er um Deinetwillen zu mir zurückkehren, und daß also dadurch Deine Erhebung meinem Hause von Nutzen seyn wird.«
»Die Zeiten, meine liebe Gevatterin, haben sich gewaltig verändert, erwiderte Dubois, »Du siehst ein, daß ich jetzt nicht mehr zu Dir kommen kann wie früher.«
»Ey, Du bist sehr stolz geworden. Kommt doch selbst Philipp noch dann und wann.«
»Philipp ist nur Regent von Frankreich, ich aber bin Erzbischof. Aber um von anderen Dingen zu reden: Weißt Du auch, daß Du seit einiger Zeit Dein Geschäft als Agentin der geheimen Polizei ungemein vernachlässigt? wenn das sich nicht ändert, wirst Du Deines Amtes entsetzt werden.«
»So also behandelst Du Deine alten Bekannten rief die Fillon. Ich kam grade hierher, um Dir eine Entdeckung zu machen, jetzt aber kommt kein Wort über meine Lippen und Du erfährst nichts.«
»Rede, rede, ist etwa Spanien dabei im Spiele? so sprich doch,« rief heftig der neue Erzbischof, indem er die Stirn runzelte, denn er errieth instinktmäßig, daß die Gefahr von dieser Seite kam.
»Ich habe nichts zu sagen, gar nichts, also gute Nacht!« rief die Fillon, indem sie einige Schritte gegen die Thür trat.
»Ey, so bleibt doch, Gevatterin, entgegnete Dubois, während er sich seinerseits einem Schreibtische näherte; und die beiden alten Bekannten, die so würdig waren, einander zu verstehen, blickten sich einen Moment lang an und lachten.
»Nun ich sehe doch, Gevatter, Du bist noch nicht ganz verloren,« sprach die Fillon; »öffne daher nur immerhin Deine Schatulle und laß mich sehen was sie im Leibe hat; ich öffne dagegen meinen Mund und erschließe Dir mein Herz.«
Dubois zog eine Rolle von hundert Louisdors hervor und zeigte sie der Fillon.
»Wie viel enthält denn die Bratwurst? aber sprich die Wahrheit, Gevatter, und lüge mir nichts vor; sonst werde ich es nachzählen, damit Du mich nicht betrügt.«
»2400 Livres! traun ein hübsches rundes Sümmchen, will ich meinen!«
»O ja, für einen Abbé allenfalls, aber nicht für einen Erzbischof.«
»Aber weißt Du, Unglückskind, denn nicht, wie schlecht es mit den Finanzen steht?«
»Wie kann Dich das beunruhigen, Spaßvogel? Kann doch der Law Euch Millionen schaffen?«
»Willst Du etwa statt dieser Goldrolle 10.000 Livres in Assignationen auf den Mississippi?«
»Schönen Dank, lieber Schatz, schönen Dank, ich ziehe die hundert Louisd’ors vor. Ich bin eine ehrliche Haut, weiß Du, und ein anderes Mal wirst Du freigebiger seyn!«
»Wolan, jetzt rede, was hast Du mir zu sagen?«
»Zuvor, Gevatter, muß Du mir etwas versprechen.«
»Und was dann?«
»Daß, da von einem alten Freunde die Rede seyn wird, ihm kein Leid zugefügt werden soll.«
»Wenn nun aber Dein alter Freund den Galgen verdient? Geh’ zum Teufel, ich kann das nicht versprechen.«
»Also gute Nacht, Gevatter, da liegen die hundert Louis d’ors.«
»Ey was, ich glaube, Fillon, Du wirst gewissenhaft.«
»Das nicht, aber ich habe jenem alten Freunde Verpflichtungen, er hat mich in die Welt eingeführt?«
»Nun, der kann sich rühmen, der menschlichen Gesellschaft einen schönen Dienst geleistet zu haben!«
»Er wird es wenigstens nicht zu bereuen haben; ich rette ihm heute das Leben, da ich Dir nichts offenbare.«
»Nun denn, Gevatterin, sein Leben soll verschont bleiben, ich verspreche es Dir, Bist Du jetzt zufrieden?«
»Und wobei versprichst Du mir das?«
»Auf meine Ehre!«
»Gevatter, Gevatter, Du willst mich betrügen!«
»Aber weißt Du, daß Du mir Langeweile macht?«
»Ich ennuyire Dich? Gut, Adieu!«
»Weißt Du was, Gevatterin, ich werde Dich festhalten lassen?«
»Was schadet das mir? ich lache dazu!«
»Nun so sprich ernsthaft, was verlangt Du?«
»Das Leben meines Capitains?«
»Zugestanden?«
»Was verbürgt mir Dein Versprechen?«
»Mein Wort als Erzbischof!«
»Genügt mir nicht!«
»Mein Wort als Abbé!«
»Genügt mir noch weniger!«
»Mein Wort als Dubois!«
»Angenommen. Wolan so höre. Mein Capitain ist der geriebenste Capitain in ganz Frankreich. Seit einiger Zeit ist er reich wie ein Crösus. Kennt Du dieses Geld? Weißt Du woher es kommt?«
»Spanische Dublonen, ha, ich verstehe!« rief Dubois.
»Ganz recht; Spanische Dublonen, welche 48 Livres das Stück gelten und wie Wasser aus seiner Tasche strömen, der arme Teufel!«
»Und seit wann datiert sich der Reichthum Deines Capitains?«
»Seit dem Tage, an welchem der Regent in der Rue des bonnes Enfans fast entführt worden wäre? Riechst Du jetzt Lunte, mein lieber Gevatter?«
»Das mein’ ich. Weshalb aber berichtet Du das erst heute.«
»Weil jetzt eine Taschen leer zu werden beginnen und weil jetzt der rechte Augenblick ist, um zu erfahren, wohin er sich begiebt, um sie wieder füllen zu lassen.«
»Wolan,« rief Dubois, »das Leben Deines Capitains ist geschützt, wie ich es Dir versprach, aber ich muß von seinem Treiben die genaueste Kunde erhalten.»
»Tag für Tag!« versicherte die Fillon. »das versteht sich!«
»Und in welche Deiner Mädchen ist er denn verliebt?«
»In Alle, wenn er Geld hat.«
»Und wenn er keins hat?«
»In die Normannerin. Das ist sein eigentlicher Schatz.«
»Ich kenne sie, das ist eine feine Fliege.«
»Ja, aber wir können uns nicht auf sie verlassen.«
»Und weshalb das nicht?«
»Sie liebt ihn wirklich, die Närrin. Und er verdient es, ein herrliches Gemüth, das nichts für sich behalten kann. Nicht wie Du, alter Geizhals.«
»Schon gut, schon gut, Gevatterin. Du weißt am besten, daß es Gelegenheiten giebt, wo ich auch den Verschwender mache, und es hängt nur von ab, sie herbeizuführen.«
»Ich werde mein Mögliches thun.«
»Ich werde also Tag für Tag erfahren, was Dein Capitain thut?«
»Tag für Tag, verlaß Dich darauf.«
»Was bürgt mir dafür?«
»Das Wort einer ehrlichen Frau!«
»Genügt mir nicht.«
»Mein Wort als Fillon!«
»Angenommen!«
»Also, adieu, Herr Erzbischof!«
»Adieu, Gevatterin!«
Die Fillon näherte sich der Thür; grade aber als sie fort wollte, trat der Huissier herein: »Gnädigster Herr,« sprach er, »es ist ein wackerer Mann draußen, der mit Ew. Eminenz zu sprechen wünscht.«
»Und wer ist dieser wackere Mann, Dummkopf?«
»Ein Beamter der Königlichen Bibliothek, welcher sich in seinen Mußestunden mit Abschreiben beschäftigt.«
»Und was will er?«
»Er sagt, er habe Ew. Eminenz eine Entdeckung von der größten Wichtigkeit mitzutheilen.«
»Ohne Zweifel irgend ein armer Teufel, der um eine Unterstützung bittet.«
»Nein, gnädigster Herr, er sagt, es betreffe eine politische Angelegenheit. Es say von Spanien die Rede.«
»Von Spanien!« rief Dubois lebhaft, »dann laß ihn sogleich eintreten. Du Fillon, geh so lange fort in dieses Cabinet.«
»Und weshalb das?«
»Weil mein Abschreiber und Dein Capitain sich vielleicht zufällig kennen könnten.«
Die Fillon trat in das Cabinet; einen Augenblick darauf öffnete der Huissier die Thür, und meldete »Herrn Jean Buvat!«
IX.
Der Mitschuldige des Prinzen von Listhnay
Wir haben den ehrlichen Buvat verlassen, als er auf ein Stübchen hinaufstieg, um ein dem Prinzen de Listhnay gegebenes Versprechen zu erfüllen. Er hielt mit der gewissenhaftesten Pünktlichkeit sein Wort, und so schwer ihm auch das Abschreiben in einer ihm unbekannten Sprache war, so war dennoch die Abschrift am folgenden Tage, um sieben Uhr Abends, nach der Rue du Bac No. 10 gebracht. Buvat hatte darauf aus derselben hohen Hand neue Arbeit erhalten, und solche gleichfalls zur festgesetzten Zeit abgeliefert, so daß der vorgebliche Prinz Vertrauen zu ihm gewann, und ihm zu seiner, und wahrscheinlich noch mehr zur eigenen Bequemlichkeit, auf einmal einen ganzen Stoß Papiere übergab, von denen Buvat die Abschriften in drei oder vier Tagen liefern sollte.
Buvat war ob dieses Vertrauens stolzer als je zurückgekehrt, er hatte Bathilde heiter und glücklich gefunden und stieg demnach, in der heitersten Stimmung fein Liedchen trällernd, zu einem Stübchen hinan, um seine Arbeit zu beginnen.
Obgleich der wackere Mann kein Wort spanisch verstand, so hatte er doch bereits gelernt, es ziemlich geläufig zu lesen, so daß er, während er maschinenmäßig copirte, ruhig ein Lieblingsliedchen fortträllern konnte. So war es ihm fast nicht angenehm, als er zwischen dem ersten Original und dem zweiten, plötzlich einen Aufsatz in französischer Sprache fand. Da er sich seit mehreren Tagen an das rein Castilianische gewöhnt hatte, und Gewohnheit das zweite Leben des ehrlichen Buvat war, so hätte er nun auch lieber in dieser Sprache weiter geschrieben; überzeugt aber, daß man auch von diesem Blatte, obgleich es keine Nummer trug, und vielleicht zufällig zwischen die Papiere gerathen war, eine Abschrift verlange, spitzte er seine Feder ging ans Werk, und fing an, folgende Zeilen abzuschreiben:
Geheime Mittheilung für Sr. Exellenz
den Prinzen Alberoni.
»Nichts ist wichtiger, als sich der in der Nähe der Pyreneen belegenen festen Plätze und derjenigen angesehenen Personen zu versichern, die jene Gegend bewohnen.«
»Jene Gegend bewohnen, »wiederholte Buvat kopierend, dann fuhr er fort zu schreiben:
»Die Garnison von Bayonne zu gewinnen, oder sie zu überwältigen.«
»Was soll das heißen? murmelte Buvat vor sich hin: Die Garnison von Bayonne zu überwältigen! – Ist Bayonne nicht eine französische Stadt? Und er schrieb weiter:
»Der Marquis von P … ist Gouverneur von D… Man kennt die Absichten dieses Herrn. Wenn er sich entschieden haben wird, muß er seine Ausgaben verdreifachen, um den Adel an sich zu ziehen; er muß Gratificationen vertheilen. In der Normandie ist Carentan ein wichtiger Posten. Man muß mit dem Gouverneur desselben, wie mit dem Marquis von P… verfahren; ja, man muß noch weiter gehen, muß seine Offiziere angemessene Belohnungen versprechen. In allen Provinzen muß man auf gleiche Weise zu Werke gehen.«
»Was hat das alles zu bedeuten, dachte Buvat, indem er inne hielt, »ich glaube ich werde wohlthun, daß Ganze durchzulesen, bevor ich weiter schreibe,« und er las:
»Um diese Ausgaben zu bestreiten, muß man in dem ersten Monat wenigstens auf 300.000 Livres, und jeden folgenden Monat auf 100.000 Livres rechnen, welche pünktlich gezahlt werden müssen.«
»Pünktlich gezahlt werden müssen,« – wiederholte Buvat; »das kann nicht von Frankreich verlangt werden, denn seit fünf Jahren zahlt es mir nicht einmal meine neunhundert Livres jährlich. Aber weiter, weiter!«
»Diese Ausgabe, welche mit dem Frieden auf hören wird, setzt Se. Katholische Majestät in den Stand, im Fall eines Krieges mit Sicherheit zu operieren. Spanien wird nur eine Hilfsmacht seyn. Die Armee Philipp des Fünften befindet sich ja in Frankreich.«
»Ei, ei, sprach Buvat vor sich hin, und ich, ich wußte nicht einmal, daß sie die Gränze passiert habe.«
»Zehntausend Spanier, den König an ihrer Spitze, sind als dann hinreichend. – Aber man muß darauf bedacht seyn, wenigstens die Hälfte der Armee des Herzogs von Orleans zu gewinnen« (Buvat bebte zusammen). »Das ist mit der Hauptpunkt, das läßt sich nicht ohne Geld bewerkstelligen. Eine Graitfication von 100.000 Livres ist für jedes Bataillon erforderlich. Zwanzig Bataillone machen zwei Millionen; mittelt dieser Summe ist ein Heer gebildet und das des Feindes vernichtet.«
»Der Spanische Gesandte in Frankreich muß überdem die Vollmacht erhalten, im Namen des Königs von Spanien Versprechungen unterzeichnen zu können; auch müssen Sr. katholische Majestät ihre Befehle als Sohn von Frankreich und Vetter des Königs von Frankreich signiren; so lauten seine Titel.«
»Es muß ein Heer von 30.000 Mann gebildet werden, damit es Sr. Majestät discipliniert und schlagfertig finde. Wenn das Geld Ende Mai oder etwa Anfangs Juni anlangt, so muß es augenblicklich in den Provinzen und Städten, als Nantes, Bayonne u. s. w. vertheilt werden. Auch darf der französische Gesandte nicht aus Spanien fortgelassen werden, seine Abwesenheit verbürgt die Sicherheit derjenigen, die sich erklären werden.[Diese Piece ist authentisch und Wort für Wort dem in dem Archiv des im Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten befindlichen Originale nachgeschrieben.]
»Alle tausend Teufel!« rief der ehrliche Buvat, indem er sich die Augen rieb, »das ist eine vollständige Verschwörung gegen den Regenten und das Königreich! O Gott! O Gott!« und er versank in tiefes Nachdenken.
Seine Lage war in der That höchst kritisch. Buvat in eine Verschwörung verwickelt, Buvat im Besitz eines Staatsgeheimnisses! Buvat, vielleicht das Schicksal von Nationen in der Hand haltend Es brauchte wahrlich nicht so viel, um den armen ehrlichen Mann in die größte Angst zu stürzen. – Auch vergingen Minuten, ja Stunden, ohne daß Buvat in seinem Sessel sich auch nur im Geringsten bewegte. Ein schwerer Seufzer entstieg nur von Zeit zu Zeit einer Brust.
Es schlug zehn, elf, zwölf Uhr. Buvat gedachte des Sprichworts: »guter Rath kommt über Nacht, und beschloß endlich, sich zu Bette zu legen; es versteht sich, daß er mit Abschreiben inne gehalten hatte, sobald er gewahrte, daß das Original eine ungesetzmäßige Wendung genommen.
Der arme Buvat aber konnte nicht schlafen. Der arme Teufel mochte sich auf seinem Lager herumwälzen so viel er wollte; kaum schloß er die Augen, so sah er auch schon den unglückseligen Verschwörungsplan mit feurigen Buchstaben an die Wand geschrieben. Einige Mal senkte sich der Schlummer auf ihn herab, dann aber träumte er, daß er von der Schaarwache als ein Theilnehmer der Verschwörung festgehalten, oder das er von den Verschwornen erdolcht werde. Das alles machte einen solchen Eindruck auf ihn, daß er aufstand, Feuer schlug, sein Licht anzündete und den Tag wachend zu erwarten beschloß.
Endlich erschien der Tag; statt aber Buvats Angst zu mildern, vermehrte er dieselbe noch. Bei dem kleinsten Geräusch in der Straße zuckte er zusammen, ward an die Hausthür gepocht, war er nahe daran in Ohnmacht zu sinken. Nanette öffnete die Thür seines Zimmers und Buvat stieß einen lauten Angstschrei aus. Die Dienerin eilte auf ihn zu und fragte besorgt ob ihm etwas fehle, er aber schüttelte nur den Kopf und erwiederte mit einem tiefen Seufzer: »Ach Nanette, wir leben in einer bösen Zeit!« dann schwieg er wieder, befürchtend er habe schon zu viel gesagt.
Buvat war zu geängstigt, um wie gewöhnlich mit Bathilden zu frühstücken, überdem fürchtete er, daß das junge Mädchen seine Unruhe bemerken, und wegen der Ursache derselben in ihn dringen werde; er wußte, er konnte ihr nichts verschweigen und dann wäre sie ebenfalls eine Mitgenossin der Verschwörung geworden. Er ließ sich daher den Kaffee auf fein Zimmer bringen, vorschützend, er habe zu viel Arbeit und wolle beim Schreiben frühstücken. Da die Liebe Bathildens bei dieser Abwesenheit ihre Rechnung fand, so beklagte sich die arme Freundschaft darüber nicht.
Einige Minuten vor zehn Uhr begab sich Buvat auf sein Bureau. War schon daheim seine Angst groß, so bekam diese auf der Straße eine wahre Schreckensgestalt. An jeder Ecke glaubte er eine Schaarwache oder einen Häscher zu erblicken, bereit, ihn beim Kragen zu packen. Am Eingange des Place des Victoires trat ihm plötzlich aus der Rue Pagevin ein Musketair entgegen, bei dessen Anblick er so zusammenfuhr, daß er einen gewaltigen Sprung zur Seite that und fast unter die Räder eines Wagens gerathen wäre. Im Anfange der Rue neuve des petits champs vernahm er rasche Schritte hinter sich, das ihn veranlaßte, ohne sich umzusehen, über Hals und Kopf zu laufen, welchen Galopp er bis in die Rue Richelieu fortsetzt, ihm seine an einen solchen forcierten Marsch nicht gewohnten Beine, das Rennen untersagten.
Endlich langte er in der Bibliothek an. Er verbeugte sich tief vor der vor der Thür stehenden Schildwache, schlich wie ein Verbrecher über die Gallerie, erreichte sein Bureau, verschloß schnell das ganze Paket des Prinzen von Listhnay, das er, aus Furcht, es könne während seiner Abwesenheit eine Haussuchung bei ihm stattfinden, zu sich gesteckt hatte, in sein Pult, und sank alsdann in seinen Arbeitsessel, mit einem so schweren Seufzer, daß er seinen Collegen hätte verdächtig werden müssen, hätte er sich nicht auch diesmal, wie immer, früher als sie in der Bibliothek eingefunden.
Buvat hatte den Grundsatz, daß nichts in der Welt, es say freudiger, oder trauriger Art, einen Beamten von seinem Geschäfte abziehen dürfe, und er ging demnach sofort an seine Arbeit, so als ob gar nichts vorgefallen wäre, dabei aber war er in einer Seelenangst, die nicht zu beschreiben ist.
Als indeß nach und nach seine Collegen in das Bureau eintraten, raffte sich Buvat zusammen und ging an seine Arbeit. Es schien sich aber heute alles vereinigt zu haben, feine Furcht aufs höchste zu steigern und ihn zu dem Schritte zu treiben, den wir ihn im letzten Abschnitte dieser Erzählung thun sahen.
Er hatte heute einige hundert Bücher zu classificiren, die unter einander auf einem Haufen dalagen und das erste Buch, welches er in die Hand nahm, um es mit einer neuen Nummer zu versehen, war: die Beschreibung der Verschwörung der Herren Cinq Mars und die Thou, so wie die Schilderung ihrer furchtbaren Bestrafung.
Das Herz des armen Buvat pochte hörbar, das Buch entsank seiner Hand, er zitterte an allen Gliedern. »Was fehlt Ihnen, Herr Buvat?« fragte Decoudreau, der Chef des Bureaus, welcher es bemerkte.
»Nichts – o nicht das Mindeste, stammelte Buvat zusammenschreckend, und schnell griff er nach einem zweiten Buche. Aber oh, ihr Mächte des Himmels! der Titel lautete: Verschwörung des Chevaliers Ludwigs von Rohan nebst der Abschrift eines Planes, der sich unter den Papieren des Herrn von Rohan befunden, und durchweg von Van den Enden abgeschrieben worden, welcher die Qualen der Folter aushalten mußte, um von ihm das Geständniß zu erpressen.«
Das war mehr, als der unglückliche Buvat zu ertragen vermochte. Alle seine Glieder schwankten, seine Brust hob sich gewaltig, Folterbank und Schafott schwebten ihm vor, und die Verzweiflung bemächtigte sich seiner. Er stürzte zu seinem Schreibtische, nahm die Papiere des Prinzen von Listhnay heraus, steckte sie zu sich, bemerkte dann stammelnd dem Bureauchef, daß er sich wirklich unwohl fühle und um die Erlaubniß nachsuche, sich für heute nach Hause begeben zu dürfen, und eilte, als ihm dieselbe geworden, wie von Dämonen gepeitscht, der Wohnung Dubois zu.
X.
Die Audienz
»Herr Jean Buvat,« sprach der Huissier.
Dubois beugte seinen Vipernkopf weit vor, und gewahrte hinter dem Huissier einen kleinen wohlbeleibten Mann, dessen Beine unter ihm zitterten, und der in seiner Seelenangst hustete, um sich eine gewisse Sicherheit zu geben. Ein einziger Blick reichte für den schlauen Dubois hin, um ihm zu zeigen, mit wem er es zu thun habe.
Der Huissier zog sich zurück und Buvat stand auf der Schwelle.
»Nur näher, immer näher, sprach Dubois.
»Sie erzeigen mir gar zu viel Ehre,« stammelte Buvat, ohne im Geringsten seine Stellung zu verändern.
»Nun, mein Herr,« nahm Dubois, der halb von seiner erzbischöflichen Tracht entkleidet, im Hemde mit schwarzen Beinkleidern und violettseidenen Strümpfen weit mehr einem Affen, als einem Erzbischofe glich, wieder das Wort: »Sie haben mit mir zu sprechen verlangt, da bin ich!«
»Das heißt, mein Herr, flüsterte Buvat, »ich habe um die Ehre nachgesucht, mit dem Herrn Erzbischof von Cambrai zu reden.«
»Nun ja, der bin ich!«
»Wie, Sie selbst sind es, gnädiger Herr,« versetzte Buvat, indem er seinen Hut in beide Hände nahm, und sich fast bis zur Erde verbeugte, »entschuldigen Sie, ich hatte Ew. Eminenz nicht erkannt. Freilich ist es wahr, es ist das Erste mal, daß ich die Ehre habe – – indessen – das majestätische Aeußere hätte mich allerdings, hm hm – –«
»Sie nennen sich?« unterbrach ihn Dubois ungeduldig.
»Jean Buvat, Ew. Eminenz zu Befehl.«
»Sie sind. »Ein Beamter der königlichen Bibliothek.«
»Sie haben mir Eröffnungen hinsichtlich Spaniens zu machen?«
»Das heißt – gnädigster Herr – das heißt, die Sache verhält sich damit so: Da meine Bureauarbeit mir des Abends sechs, und des Morgens vier Stunden Zeit übrig läßt, und da Gott mir eine sehr schöne Handschrift verliehen hat – so beschäftige ich mich mit Abschreiben.«
»Ich verstehe, verstehe ganz gut,« unterbrach ihn der scharfsichtige Dubois, »man gab Ihnen verdächtige Originale zu copieren, und die bringen Sie mir.«
»Hier sind sie, in dieser Rolle Papiere, Ew. Eminenz, sprach Buvat indem er Dubois die Papiere hinreichte. Dubois sprang schnell von einem Sitze auf, riß die Rolle aus Buvats Hand, blickte hinein – und die bewußten Papiere lagen vor ihm. Die ersten Blätter waren in spanischer Sprache abgefaßt, da aber Dubois einigemal nach Spanien gesandt worden war, so verstand er etwas von der Sprache des Calderon und des Lopez de Vega, so daß er auf den ersten Blick sah, von welcher Wichtigkeit diese Papiere waren. Sie bestanden in der That aus nichts Geringerem, als aus der Protestation des Adels, der Liste der Offiziere, welche in den Dienst des Königs von Spanien angestellt zu werden wünschten, und dem von dem Cardinal von Polignac und dem Marquis von Pompadour verfaßten Manifest, einen Aufstand in Frankreich zu bewirken.
Diese verschiedenen Piecen waren direkt an Philipp den Fünften adressiert; und eine kleine hinzugefügte Note, in welcher Dubois sogleich die Handschrift des Prinzen von Cellamare erkannte, sprach ganz deutlich aus, daß der Ausbruch der Verschwörung nahe say; und daß er Tag für Tag Sr. katholischen Majestät von dem Fortgange derselben unterrichten werde. Dem folgten, wie um die Sache zu vervollständigen, der ausführliche Plan der Verschwornen, der aus unverzeihlichem Leichtsinn unter den übrigen Papieren geblieben war, und zu Buvats Entdeckung die Veranlassung gegeben hatte.
Buvat war allen Bewegungen Dubois ängstlich gefolgt, aber er konnte aus denselben nichts erfahren, welchen Eindruck die Lesung auf den Erzbischof hervorbrachte. Dubois seinerseits begriff, daß ihm dieser Mann den Anfang eines höchst wichtigen Geheimnisses überbracht habe, und er überlegte, wie er zu dem Schlusse desselben gelangen könne. Endlich schien er einen Entschluß gefaßt zu haben, ein Gesicht verzog sich zu dem Ausdruck des liebenswürdigten Wohlwollens, er wandte sich zu dem ehrlichen Abschreiber, welcher noch immer zitternd dastand, und sprach: »Setzen Sie sich doch, setzen Sie sich, mein lieber Herr Buvat.«
»Ich danke, danke, gnädigster Herr, ich bin durchaus nicht ermüdet,« versetzte Buvat noch immer ängstlich.
»Ei, ich sehe ja, daß Ihre Füße zittern, fuhr Dubois fort, »so nehmen Sie doch Platz, und lassen Sie uns zusammen schwatzen wie zwei alte Freunde.«
Buvat betrachtete den neugebackenen Erzbischof mit einer Bestürzung, welche den Letzteren in jedem andern Augenblick ein lautes Gelächter entlockt haben würde, aber jetzt that er, als bemerke er dieselbe nicht, schob ihm selbst einen Stuhl hin, und wiederholte durch eine Geberde, seine Aufforderung sich zu setzen.
Der ehrliche Buvat gehorchte endlich, er legte seinen Hut auf den Fußboden, setzte sich auf den Rand des Sessels, nahm seinen Stock zwischen die Beine, legte seine Hände auf den elfenbeinernen Knopf desselben, und harrte der Dinge die da kommen sollten.
»Sie sagten also, mein lieber Herr Buvat, daß Sie sich mit Abschreiben beschäftigen?« begann Dubois.
»Ja, gnädigster Herr.«
»Und das trägt Ihnen?«
»Blutwenig, Ew. Eminenz, blutwenig!«
»Sie haben in der That eine vortreffliche Handschrift, Herr Buvat.« (Der Anfang der Copien Buvats lag bei den Papieren.)
»Jedermann weiß leider ein solches Talent nicht so zu würdigen, wie Ew. Eminenz,« versetzte der Beamte der Bibliothek.
»Das ist wahr, aber außerdem sind Sie ja auf der Bibliothek angestellt.«
»Ja, ja, ich habe die Ehre.«
»Und Ihr Platz trägt Ihnen?«
»Mein Platz, gnädigster Herr, ja so mein Platz – der trägt mir gar nichts, denn seit fünf Jahren hat mich der Cassirer jedesmal mit der Bemerkung fortgeschickt, daß Sr. Majestät kein Geld hätten, um uns bezahlen zu können.«
»Und nichts destoweniger blieben Sie im Dienst des Königs, das ist sehr hübsch von Ihnen, mein lieber Herr Buvat, sehr hübsch!«
Buvat stand von seinem Stuhle auf, verbeugte sich sehr tief vor der Eminenz, und setzte sich dann wieder.
»Und vielleicht,« fuhr Dubois fort, haben Sie noch obendrein eine Familie, Frau und Kinder?«
»Nein, gnädigster Herr, bis jetzt habe ich im unverehelichten Stande gelebt.«
»Aber Sie haben vielleicht Verwandte?« –
»Eine Pflegetochter Ew, Eminenz, eine sehr talentvolle Pflegetochter, die wie die Demoiselle Bury singt, und wie Greue zeichnet.«
»Ei der Tausend! Und wie nennt sich diese Pflegetochter?«
»Bathilde – Bathilde du Rocher, gnädiger Herr, es ist ein Mädchen von edler Geburt, die Tochter eines Stallmeisters des Regenten, als dieselben noch Herzog von Chartres waren; der Vater Bathildens hatte das Unglück, in der Schlacht von Almansa getödtet zu werden.«
»Da haben Sie also auf diese Weise eine schwere Last zu tragen, Herr Buvat?«
»Meinen Sie Bathilde, gnädigster Herr?« rief der ehrliche Abschreiber lebhaft, »ei behüte, Bathilde ist mir keine Last, sie verdient im Gegentheil weit mehr als sie kostet.«
»Ich will nur damit sagen, daß Sie nicht gerade reich sind, mein lieber Herr Buvat.«
»Nein, Ew. Eminenz, reich, das bin ich wirklich nicht, aber ich möchte es gern seyn, um meiner guten Pflegetochter willen; wenn daher Ew. Eminenz Sr. königlichen Hoheit bestimmen könnten, von den ersten Geldern die in die Staatskasse eingehen, mir meinen rückständigen Gehalt, oder wenigstens ein a Conto zu bezahlen.«
»Und wie hoch kann sich Ihr Rückstand belaufen?«
»Auf 4700 Livres 12 Sols 8 Deniers, gnädigster Herr.«
»Bah, was will das sagen! Kleinigkeit das! rief Dubois, »das würde Sie nicht reich machen!«
»Aber es würde mich à mon aise setzen, gnädigster Herr.«
»Ei was, mein lieber Herr Buvat, fuhr Dubois fort, »ich habe Ihnen besseres anzubieten.«
»Ich bin ganz Ohr, Ew. Eminenz.«
»Sie haben Ihr Glück in Ihren Fingerspitzen.«
»Das hat mir meine selige Mutter immer gesagt.«
»Das beweist, mein lieber Buvat, daß Ihre Frau Mutter eine überaus kluge Frau war.«
»Wolan, ich bin bereit, gnädigster Herr, was soll ich thun?«
»Etwas ganz Unbedeutendes, Sie müßen mir jetzt gleich hier von diesem Allen eine Abschrift verfertigen.«
»Aber, gnädigster Herr – –«
»Das aber ist noch nicht. Alles, mein lieber Herr Buvat. Sie überbringen alsdann der Person, die Ihnen diese Papiere übergab, die Originale sammt Ihren Copieen, so als ob nicht das Mindeste vorgefallen wäre. Sie nehmen dann, was Ihnen diese Person wieder mitgiebt, bringen es mir, daß ich es zuvor lese, und verfahren damit wie bisher, bis ich Ihnen sage, genug.«
»Aber, gnädigster Herr,« bemerkte Buvat, »es will mir scheinen, als ob ich auf diese Weise das Vertrauen des Prinzen täusche.«
»Ei, es ist also ein Prinz, mit dem Sie zu schaffen haben, mein lieber Buvat,« und wie nennt er sich?«
»Da scheint es mir wieder, daß, wenn ich Ihnen seinen Namen sage, ich ihn denunziere.«
»Weshalb kamen Sie denn sonst hierher?«
»Um Ew. Eminenz von der Gefahr zu unterrichten, von der Sr. Hoheit, der Regent bedroht sind, blos deshalb.«
»Wirklich?« fragte Dubois spöttisch, »und Sie glaubten, dabei stehen bleiben zu können?«
»Das wünsche ich, Ew. Eminenz.«
»Das aber ist zum Unglück ganz unmöglich, mein Herr Buvat,« sprach Dubois in verändertem Ton.
»Unmöglich, wie das?«
»Durchaus unmöglich!«
»Ew. Eminenz, ich bin ein ehrlicher Mann.«
»Sie sind – ein Einfaltspinsel, sage ich Ihnen, Herr Buvat.«
»Ich möchte nun gern schweigen über die Sache, gnädigster Herr.«
»Sie werden aber reden, mein Herr!«
»Aber wenn ich rede, dann werde ich ja der Denunziant des Prinzen?«
»Wenn Sie nicht reden, werden Sie sein Mitschuldiger.«
»Mitschuldiger! Mitschuldiger, gnädigster Herr, und welches Verbrechens?«
»Des Hochverraths! des Hochverraths, mein Herr! – Ah, die Polizei hat schon längst ihr Auge auf Sie gerichtet, mein Herr Buvat.«
»Auf mich, gnädigster Herr, auf mich?«
»Ja ja, auf Sie, mein Herr. Unter dem Vorwande, daß man Ihnen Ihren Gehalt nicht zahlt, haben Sie sich auf strafbare Weise gegen die Regierung geäußert. Unter dem Vorwande, daß man Ihnen Ihren Gehalt nicht zahlt, fertigen Sie seit vier Tagen hochverrätherische Abschriften.«
»Ach Gott, erst gestern, gnädiger Herr,« stammelte Buvat ganz außer sich, »erst gestern bemerkte ich es – ich verstehe kein Wort spanisch.«
»Sie verstehen es mein Herr,« fuhr Dubois in einem barschen Tone fort.
»Ich schwöre Ihnen – –«
»Der Beweis davon ist, daß sich in Ihren Abschriften auch nicht der kleinste Fehler findet. Aber das ist noch nicht Alles. Ist das hier spanisch, mein Herr?« Und er zeigte ihm das Blatt mit der französischen Abschrift. – Man hat schon Leute auf die Galeeren geschickt, die weit weniger verbrochen hatten.«
»Gnädigster Herr.«
»Man hat schon Leute gehängt, die weit weniger strafbar waren, als Sie es sind, mein Herr Buvat.«
»Aber, Ew. Eminenz, um des heiligen Gottes willen – –«
»Man hat Menschen geviertheilt – –«
»Gnade, Ew. Eminenz, Gnade!«
»Was Gnade mit einem Elenden, wie Sie sind, Herr Buvat, ich werde Sie in die Bastille schicken, und Ihre Demoiselle Bathilde nach St. Lazare bringen lassen.
»Bathilde, die liebliche Bathilde nach St. Lazare! Wer hätte dazu ein Recht?«
»Ich, mein Herr, ich!«
»Nein nein, mein Herr Erzbischof, dazu haben Sie nicht das Recht, erwiderte Buvat, der hinsichtlich seiner alles ertragen konnte, dessen Galle aber sich bei der kleinsten Ungebühr gegen Bathilde sofort aufregte. »Bathilde ist kein Mädchen aus dem Volke, sie ist von edler Geburt, ihr Vater hat Sr. königlichen Hoheit einmal das Leben gerettet, und wenn ich mit Sr. königlichen Hoheit reden kann – –«
»Sie werden sich jetzt also gleich in die Bastille begeben, erwiderte Dubois, indem er hastig an die Klingel zog, »später werden wir sehen, was über die Demoiselle Bathilde zu entscheiden ist.«
»Gnädigster Herr! – Was beginnen Sie?«
»Das sollen Sie gleich sehen.« (Der Huissier trat ein.) »Gerichtsdiener und einen Fiaker,« gebot Dubois.
»Mein Gott, gnädigster Herr, hören Sie doch nur, ich will alles thun, was Sie wollen.«
»Thut was ich befehle,« sprach Dubois. – Der Huissier begab sich hinweg.
»Ew. Eminenz,« stammelte Buvat mit gefalteten Händen, »Ew. Eminenz, ich will ja gehorchen.«
»Nicht doch, nicht doch, mein Herr!« rief Dubois. »Sie wollen, daß man Ihnen einen Prozeß mache, gut, Ihnen soll gewillfahrt werden. Sie wollen einen Strick um den Hals, Sie sollen ihn haben.«
»Gnädigster Herr,« jammerte Buvat, sich auf die Kniee werfend, »so sprechen Sie nur, was verlangen Sie von mir? Ich bin zu allem bereit!«
Der Huissier trat herein: »Die Gerichtsdiener warten im Vorzimmer, gnädigster Herr, der Fiaker hält vor der Thür,« berichtete er.
»Barmherzigkeit, Barmherzigkeit!« jammerte Buvat, die Hände ringend.
»Sie wollen mir ja den Namen des Prinzen nicht entdecken,« sprach Dubois.
»Gern, gern, es ist der Prinz de Listhnay, gnädigster Herr!«
»Seine Adresse.«
»Rue du Bac No 10.«
»Aber Sie wollen mir keine Abschrift von seinen Papieren machen?«
»Das will ich, und auf der Stelle, Ew. Eminenz,« rief Buvat, und sofort setzte er sich an den Schreibtisch und nahm Feder und Papier. »Ich gehe ans Werk, gnädigster Herr, nur gestatten Sie mir einige Worte an Bathilde zu schreiben, daß ich nicht zum Mittagsessen kommen werde.«
»Dann werden Sie alles thun, was ich von Ihnen verlange?«
»Alles!«
»Ohne daß ein Wort davon über Ihre Lippen kommt.«
»Ich werde stumm seyn, wie ein Fisch, Ew. Eminenz.«
»Selbst gegen Bathilde.«
»Selbst gegen sie.«
»Gut denn, unter dieser Bedingung verzeihe ich Ihnen. Ja, vielleicht werde ich Sie sogar belohnen.«
»Jetzt aber an die Arbeit.«
»Ich schreibe schon Ew. Eminenz. »Und Buvat begann zu schreiben, ohne das Auge nach irgend einem andern Gegenstande zu richten, als von dem Original nach der Copie, und von der Copie wieder nach dem Original, und ohne aufzuhalten, als um dann und wann eine Stirn zu trocknen, auf der der Angstschweiß in großen Tropfen perlte.
Dubois benutzte diese emsige Beschäftigung, um der Fillon das Cabinet zu öffnen, und ihr durch einen Wink Schweigen zu gebieten. Die Gevatterin begab sich hinweg, nachdem Dubois ihr vor der Thür noch einmal anempfohlen hatte, ihn Tag für Tag von den Schritten ihres Capitains in genaue Kenntniß zu setzen.
XI.
Das Pasquill
Während der nächsten vier Tage blieb Buvat unter dem Vorwande eines Unwohlseyns von der Bibliothek weg und benutzte die Zeit, um die zwei verlangten Abschriften zu fertigen: die eine für den Prinzen de Listhnay, die andere für Dubois. Während dieser vier Tage, ohne Zweifel der bewegtesten seines ganzen Lebens, war der arme Abschreiber so schweigsam und so düster, daß Bathilde ihn oftmals besorgt fragte, was ihm fehle. Jedesmal erwiderte er ihr indeß, daß er sich ganz wohl befinde, und da er in seiner Lebensweise nichts änderte, sondern täglich zur bestimmten Zeit fortging und heimkehrte, so gab sich Bathilde zufrieden.
Was Harmental betraf so hatte er jeden Morgen den Besuch des Abbé Brigaud, welcher ihm berichtete, daß alles nach Wunsch gehe; so daß er, da es auch mit seinen Liebesangelegenheiten trefflich stand, die Lage eines Verschwörers für die glücklichste der Welt zu halten begann.
Hinsichtlich des Herzogs von Orleans, so setzte derselbe, da er nicht das Mindeste ahnte, eine gewohnte Lebensweise fort. An einem Sonntage aber trat Dubois, um zwei Uhr Nachmittags in ein Cabinet.
»Vortrefflich, daß Du kommst,« rief der Regent dem Letztern entgegen, ich wollte so eben zu Dir schicken, um Dich zu fragen, ob Du diesen Abend einer der Unsrigen seyn willst.«
»Sie haben an diesem Abend Ihr gewöhnliches Souper, gnädigster Herr?« fragte Dubois.
»Aber woher kommst Du mit Deinem Fasttagsgesicht? Weißt Du denn nicht, daß heute Sonntag ist?«
»Ganz recht, gnädigster Herr!«
»Nun so erwarten wir Dich. Da sieh die Liste unserer Tischgenossen: Noce, Lafare, Fargy, Ravanne, Broglie. Brancas lade ich nicht ein, er ist seit kurzer Zeit so abstoßend, ich glaube, er hat gar eine Verschwörung vor. Die Phalaris und die Avergne kommen auch, die können sich nicht leiden, sie möchten sich die Augen auskratzen, und das wird uns amüsieren. Ferner Lafouris und vielleicht die Sabran, wenn sie anders kein Rendezvous mit Richelieu hat.«
»Ist das Ihre Liste, gnädigster Herr?«
»Nun ja!«
»Wollten Ew. Königliche Hoheit wohl die Gnade haben, auch einen Blick auf die meinige zu werfen?«
»Wie, hast Du auch eine Liste entworfen?«
»Nein, gnädigster Herr, man hat sie mir ganz fertig überbracht.«
»Alle Teufel was ist das?« fragte der Regent, indem er einen Blick auf ein Papier warf, das ihm Dubois überreichte.
»Liste derjenigen Offiziere, welche in den Dienst des Königs von Spanien zu treten wünschen: Claude Francois de Ferrette, Ritter vom Ludwigs-Orden, Feldmarschall und Oberst der Cavallerie; Bochet, Ritter des Ludwigs-Ordens und Obrist der Infanterie; de Sabran, de Larochefaucould-Gondral, de Villeneuve, de Lafare, de Laval. Nun was weiter?«
»Hier ein anderes Papier, gnädigter Herr sprach Dubois.
Der Herzog von Orleans las: Protestation des Adels!«
»Sie sehen, daß der Prinz von Cellamare auch seine Listen anfertigt.«
»Unterzeichnet ohne Unterschied des Ranges: de Vieux, de la Pailleterie, de Baufremont, de Latour du Pin, de Montanban, Louis de Chaumont, Claude de Polignac, Charles de Laval, Antoine de Chastellux Armand de Richelieu. Und wo Teufel hast Du das aufgefischt?«
»Warten Ew. Hoheit, wir sind noch nicht zu Ende. Werfen Sie gefälligst auch einen Blick auf dieses Blatt.«
»Plan der Verschwörung: Nichts ist wichtiger, als sich der in der Umgegend der Pyrenäen gelegenen festen Plätze zu versichern, und die Garnion von Bayonne zu gewinnen; unsere Städte überliefern, den Spaniern die Schlüssel Frankreichs übergeben. Wer bei allen Teufeln will das thun? Dubois?«
»Geduld, gnädigster Herr, Geduld, ich habe Ew. Hoheit noch ganz andere Dinge vorzulegen. hier sind Briefe von Philipp dem Fünften, dem Könige von Spanien.
»An den König von Frankreich. Doch das sind nur Copien,« bemerkte der Herzog von Orleans, indem er las.
Ich werde Ew. Hoheit sofort berichten, wo sich die Originale befinden.«
»Wir wollen doch weiter sehen. »Seitdem mich die Vorsehung auf den spanischen Thron gesetzt hat u. s. w. u. s. w. Die Generalstaaten sollen zusammen berufen werden, und in wessen Namen?«
»Sie sehen es ja, gnädigster Herr, im Namen Philipp des Fünften.«
»Philipp der Fünfte ist König von Spanien, nicht aber König von Frankreich! Daß er sich in seiner Rolle nicht vergreife! Ich habe schon einmal die Pyrenäen überschritten, um seinen Thron zu stützen, er hüte sich daß ich sie nicht noch einmal passire, um denselben zu stürzen.«
»Daran wollen wir später denken, gnädigter Herr, für jetzt haben wir ein fünftes Papier zu lesen, und es ist nicht das am wenigsten Wichtige, wie Ew. Hoheit sich sogleich überzeugen werden.«
Der Herzog von Orleans nahm ungeduldig das Blatt und durchflog es, indem er es überblickte. »Richtig, richtig, wie ich es erwartet hatte! Es ist von nichts Geringerem die Rede, als von meiner Absetzung. Und die Briefe? sie sollten ohne Zweifel dem Könige übergeben werden?«
»Morgen schon, gnädiger Herr!«
»Durch wen?«
»Durch den Marschall von Villeroy.«
»Ha, wie konnte der dazu bewogen werden? »Durch seine Gemahlin, Ew. königliche Hoheit.«
»Ha ich begreife, ein Streich Richelieus. – Von wem hast Du alle diese Papiere?«
»Von einem armen Teufel von Abschreiber, dem man sie zu copiren gab.«
»Und dieser Abschreiber stand direct mit Cellamare in Verbindung?«
»Nein, gnädigster Herr, die Maßregeln waren besser getroffen, der Copist hatte es nur mit dem Prinzen de Listhnay zu thun.
»Mit dem Prinzen de Listhnay, wer ist das?«
»Er wohnt Rue du Bac No. 10«
»Ich kenne ihn nicht.«
»Doch, doch, gnädigster Herr!«
»Und wo sah ich ihn?«
»In Ihrem Vorzimmer.«
»Es ist kein Anderer, als der Schelm, der Avranche, der Kammerdiener der Herzogin von Maine.«
»Die also, die kleine Schlange ist auch mit im Spiele?«
»Nicht bloß im Spiele, gnädigster Herr, sie mischt die Karten, und wenn es Ihnen jetzt daran liegt, ihrer und ihrer ganzen Clique habhaft zu werden, so steht nichts im Wege, wir haben sie sämmtlich in Händen.«
»Sprich, sprich, ich bin ganz Ohr!«
»Sind Sie zu einem kräftigen Schlage bereit, gnädigster Herr?«
»Allerdings, wir müssen mit Villeroy beginnen.«
»Das heißt, man muß sich seiner Person bemächtigen.«
»Gewiß, aber mit einer gewissen Vorsicht. Man muß ihn auf der That ertappen.«
»Nichts leichter als das. Er begiebt sich jeden Morgen um acht Uhr zu dem Könige. Wenn Ew. königliche Hoheit sich morgen um sieben Uhr in Versailles einfinden wollen.«
»Nun, und dann?«
»Dann kommen Sie ihm bei dem Könige zuvor.«
»Dort soll ich ihm im Angesicht des Königs sein Verbrechen vorhalten?«
»Oh nein, nein, gnädigster Herr, Ew. Hoheit müßten alsdann – –«
In diesem Augenblick öffnete der Huissier die Thür des Cabinetts.
»Still!« gebot der Herzog, und zu dem Huissier gewandt sprach er: »Was willst Du?«
»Der Herzog von Saint Simon.«
»Frage ihn, ob er mir etwas Wichtiges mit zutheilen habe.«
»Etwas höchst Wichtiges, wie er versichert, gnädigster Herr,« erwiderte der Huissier.
»So laß ihn eintreten.«
Der Herzog von Saint Simon erschien.
»Entschuldigen Sie, Herzog, sprach der Regent, »ich habe nur eine kleine Angelegenheit mit Dubois zu beendigen, dann bin ich für Sie bereit.« Er trat darauf mit Dubois in eine Fenstervertiefung und beide besprachen sich einige Augenblicke lang mit einander, dann zog sich der Letztere zurück. »Es ist diesen Abend kein Souper,« sprach er, als er das Cabinet verließ, zu dem Huissier gewandt, »benachrichtigen Sie die Eingeladenen davon, Sr. Königliche Hoheit befinden sich nicht wohl.«
»Ist das wirklich wahr, gnädigster Herr?« fragte, nachdem sich Dubois entfernt hatte, der Herzog von Saint Simon.
»Nein, nein, mein lieber Herzog, wenigstens fehlt mir nichts von Bedeutung. Chirac aber versichert, ich würde am Schlagflusse sterben, wenn ich nicht regelmäßiger lebte, und da will ich denn etwas ordentlicher werden.«
»Ew. königliche Hoheit werden in der That wohl daran thun,« sprach Saint Simon, »die Verläumdung wird dann wenig Gelegenheit haben, Sie mit ihrem Geifer zu beschmutzen
»Die Verläumdung bah! ich lache ihrer,« versetzte der Regent. »Was hat sie denn schon wieder aufs Tapet gebracht?«
»Hier dieses Pasquill vertheilte so eben, als ich aus der Messe kam, ein armseliger Bettler, der auf den Stufen der Kirchthür saß.« So sprechend überreichte der Herzog von Saint Simon dem Regenten ein auf grobes Papier gedrucktes Gedicht. Der Regent nahm das Blatt, es waren Wort für Wort jene schmachvollen Verse, welche, wie unsere geneigten Leser sich erinnern werden, bei dem Feste in Sceaux, nach beendigter Abendtafel, von dem böswilligen, mürrischen Poeten vorgetragen wurden, den Harmental als er den Saal verließ, versicherte, daß er ihn mit Freuden über den Haufen rennen würde, wenn er sicher wäre, ihn zu zertreten.
»Erkennen Ew. Königliche Hoheit den Style fragte Saint Simon.
»Allerdings!« entgegnete der Regent, »das Schmähgedicht ist von Lagrange Chancel. »Aber ich erkenne Sie darin, meine Damen Sie Frau von Maintenon, Sie Frau von Maine. Der elende Lagrange Chancel ist nur Ihr Werkzeug! – Saint Simon, wenn ich nun bedenke, daß ich sie sämmtlich unter meinen Füßen habe, daß ich nur niederzutreten brauche, um sie zu zermalmen – –«
»Sie zu zermalmen, gnädigster Herr,« wiederholte Saint Simon, eine solche Gelegenheit bietet sich nicht alle Tage, und wenn sie sich zeigt, muß man sie benutzen.«
Der Regent sann einen Augenblick nach und sein zorniges Gesicht nahm den ihm eigenthümlichen Ausdruck von Gutmüthigkeit wieder an.
»Ich sehe, die Zeit dazu ist noch nicht gekommen, gnädigster Herr,« bemerkte Saint Simon, als er die Veränderung im Antlitz des Regenten gewahrte.
»Nein, mein Herr Herzog, »sprach Philipp, denn für heute habe ich etwas besseres zu thun, als die dem Herzog von Orleans zugefügten Beleidigungen zu rächen. Ich muß Frankreich retten!« Und nachdem er dem Herzog von Saint Simon die Hand gereicht hatte, zog er sich in ein andres Zimmer zurück.
Am Abend desselben Tages um neun Uhr verließ der Regent das Palais Royal, um gegen seine Gewohnheit in Versailles zu übernachten.
Vierter Teil
I.
Die Schlinge
Am folgenden Tage, um sieben Uhr Morgens, grade als der König aufstand, ward demselben gemeldet, daß Sr. Königliche Hoheit, der Herr Herzog von Orleans, um die Ehre ersuche, Sr. Majestät bei Ihrer Toilette die Aufwartung machen zu dürfen. Ludwig XV., welcher damals noch gewohnt war, niemals etwas aus sich selbst zu thun, wandte sich zu dem Herrn von Frejus, welcher in dem entferntesten Winkel des Gemachs saß und fragte denselben durch eine Geberde,was er antworten solle. Herr von Frejus begnügte sich nicht, durch ein Kopfnicken dem Könige zu verstehen zu geben, daß er den Herzog von Orleans empfangen müsse, sondern er erhob sich auch von seinem Sitze, um dem Letzteren die Thür zu öffnen. Der Regent hemmte auf der Schwelle einen Augenblick lang seine Schritte um Frejus zu danken, ließ seinen Blick über das Gemach streifen, um zu erfahren, ob der Marschall von Villeroy noch nicht eingetroffen say und näherte sich alsdann dem Könige.
Ludwig XV. war damals ein schönes Kind von neun bis zehn Jahren, mit langen castanienbraunen Locken, schwarzen glänzenden Augen, einem kleinen Munde und einem rosigen Teint, der aber wie der seiner Mutter, Maria von Savoyen, oft einem plötzlichen Erblassen unterworfen war. Obgleich ein Charakter noch sehr unentschlossen war, in Folge des doppelten Einflusses, welchen der Marschall von Villeroy und Herr von Frejus auf ihn äußerten, so hatte doch eine jugendliche Physiognomie etwas Feuriges und Entschlossenes, was den Abkömmling Ludwigs XIV. bezeichnete. Anfangs eingenommen gegen den Herzog von Orleans, den man sich bemüht hatte, ihm als den Mann zu schildern, der in ganz Frankreich gegen ihn am feindseligsten gesinnt say, war dieses Vorurtheil nach und nach geschwächt worden durch die verschiedenen Zusammenkünfte, die er mit dem Regenten hatte, und mit jenem jugendlichen Instinkte der Kinder, der fast niemals trügt, hatte er in demselben bald einen Freund erkannt.
Der Herzog von Orleans dagegen bezeigte dem Könige nicht nur die demselben gebührende Achtung, sondern auch die zuvorkommendsten und liebevollsten Aufmerksamkeiten. Sr. Majestät empfingen daher auch diesmal den Regenten mit dem wohlwollendsten Lächeln, und reichten ihm mit vieler Grazie die kleine Hand zum Kusse hin, während der Bischof von Frejus, seinem Demuthsysteme getreu, sich wieder in einen entlegenen Winkel zurückzog.
»Ich freue mich sehr, Sie zu sehen, Herr Herzog,« sprach Ludwig XV. mit seinem sanften Tone und jenem bezaubernden Lächeln, dem selbst die ihm anbefohlene Etikette seine Grazie nicht ganz hatte rauben können, »und zwar um so mehr, da Ihr Erscheinen zu so ungewohnter Stunde mich vermuthen läßt, daß Sie mir eine gute Nachricht mitzutheilen haben.«
»Ich überbringe deren zwei, Sire!« erwiderte der Regent, »zuvörderst ist bei mir so eben aus Nürnberg eine große Kiste angelangt, welche ohne Zweifel – –«
»Recht viel Spielzeug für mich enthält! Recht sehr viel, nicht wahr, Herr Regent?»unterbrach ihn freudig das königliche Kind, indem es fröhlich in die Hände klatschte und umhersprang, ohne sich um seinen Kammerdiener zu bekümmern, welcher ehrerbietig hinter ihm stand und in seiner Hand den kleinen Degen hielt, den er an den Gürtel befestigen wollte. »Wie freue ich mich, wie sehr bin ich Ihnen verpflichtet, Herr Regent, wie gut sind Sie!«
»Sire, ich thue nur meine Schuldigkeit,« versetzte der Herzog von Orleans, indem er sich ehrerbietig verbeugte. »Ew. Majestät sind mir dafür keinen Dank schuldig!«
»Und wo ist sie? Wo ist diese köstliche Kiste?
»In meinen Zimmern, Sire! Wenn Ew. Majestät befehlen, soll sie noch heute, oder morgen früh, hierher geschafft werden.«
»Noch heute, ja noch heute, mein Herr, oder sogleich, ich bitte darum.«
»Aber sie ist schon in meinen Gemächern.«
»So wollen wir dorthin, auf der Stelle!« rief der kleine König, indem er zur Thür rannte, ohne daran zu denken, daß zur Vervollständigung seiner Toilette noch der Degen, die kleine atlassene Weste und das blaue Band des Heiligengeistordens fehlten.
»Sire, nahm jetzt der Bischof von Frejus nähertretend das Wort, »ich erlaube mir, Ew. Majestät darauf aufmerksam zu machen, daß Sie sich allzusehr dem Vergnügen überlassen, welches Ihnen der Besitz von Dingen verschafft, die Sie jetzt schon als unbedeutende Spielereien betrachten sollten.«
»Sie haben Recht, mein Herr, Sie haben Recht, antwortete Ludwig der Fünfzehnte, indem er sich Gewalt anthat, seine Freude zu mäßigen, »aber Sie müssen es mir verzeihen, ich bin noch nicht zehn Jahre alt, und habe gestern viel gearbeitet.«
»Das ist freilich wahr,« lächelte Herr von Frejus, »auch werden sich Ew. Majestät an dem herrlichen Spielwerk ergötzen, sobald Sie zuvor von dem Herrn Regenten erfahren haben, wie die zweite Nachricht lautet, die er überbringt.«
»Ach ja, mein Herr, und wie lautet denn Ihre zweite Nachricht?«
»Sie betrifft eine Arbeit, die für Frankreich von Nutzen seyn wird, und die so wichtig ist, daß ich es für nöthig erachte, sie. Ew. Majestät vorzulegen.«
»Haben Sie sie mitgebracht?« fragte der kleine König.
»Nein Sire, ich glaubte nicht, Sie für die selbe so gut disponiert zu finden und habe sie in meinem Cabinette zurückgelassen.«
»Wohlan, versetzte Ludwig der Fünfzehnte, indem er bittend bald auf den Herrn von Frejus, bald auf den Regenten sah, »da könnten wir ja Beides vereinigen, statt meinen gewöhnlichen Morgenspaziergang zu machen, könnten wir uns ja in Ihre Zimmer begeben, ich sähe dort das schöne Spielwerk, und wir gingen alsdann in Ihr Cabinet.«
»Das ist gegen die Etikette, Sire, entgegnete der Regent; »wenn aber Ew. Majestät befehlen –«
»Ja, ja, ich will es,« rief das königliche Kind, wobei es aber zu gleicher Zeit einen sanften, bittenden Seitenblick auf den Herrn von Frejus richtete, »das heißt, wenn mein guter Lehrer es erlaubt.«
»Sollte Herr von Frejus es für unziemlich halten?« fragte der Herzog von Orleans, sich zu diesem wendend, und in einem Tone, aus welchem deutlich hervorging, daß es ihn verletzen würde, falls der Hofmeister die Bitte eines königlichen Zöglings nicht bewilligen sollte.
»Durchaus nicht, lautete die Antwort, »im Gegentheil, es ist gut, wenn Se. Majestät sich an Arbeit gewöhnen. Und wenn auch die Gesetze der Etikette verletzt werden sollten, so kann dies geschehen, wenn für das Volk. Nutzen daraus entsprießt. Ich will Sie, gnädigster Herr, nur um die Erlaubniß ersuchen, Se. Majestät begleiten zu dürfen.«
»Mit dem allergrößten Vergnügen, mein Herr, entgegnete der Regent.
»O, wie freue ich mich! wie bin ich glücklich! jubelte Ludwig XV., »schnell meine Weste, meinen Degen, meinen Orden! Sehen Sie, Herr Regent, da bin ich fertig;« so sprechend wollte er die Hand des Letztern erfassen; der Herzog von Orleans aber, statt sich einer solchen Vertraulichkeit hinzugeben, verbeugte sich ehrerbietig vor dem jungen König, öffnete ihm selbst die Thür, bat ihn durch eine Geberde voranzuschreiten und folgte in einer kleinen Entfernung, mit dem Herrn von Frejus, mit entblößtem Haupte.
Die Zimmer des Königs befanden sich wie die des Herzogs von Orleans, in dem untersten Stockwerk und waren nur durch ein Vorgemach getrennt, durch welches man zu dem Ersteren gelangte, und das mittelst einer Gallerie in das Vorzimmer des Letzteren führte. Der Weg war also nur kurz, und mit einem lauten Jubelruf eilte der kleine König, die versammelten Höflinge des Regenten unbeachtet lassend, auf die ersehnte Kiste zu, die in der Mitte des Zimmers auf einem Tische stand. Zwei Kammerdiener flogen, auf den Wink des Regenten, mit Werkzeugen herbei; unter ihren Händen sprang der Deckel der Kiste bald auf, und diese zeigte nunmehr das köstlichste Spielzeug, das je einem Könige von neun Jahren die Augen geblendet.
Bei diesem verlockenden Anblick vergaß der kleine Monarch, Etikette, Hofmeister und Höflinge, er warf sich auf das ihm geöffnete Paradies, und wie aus einem Zauberkorbs zog er jubelnd daraus: Städte, Thürme, Schiffe, Cavallerie, Infanterie, Artillerie, kurz jene zahllosen Wunder hervor, welche am Weihnachtsabend die Köpfe von so vielen Tausend Kindern verrücken. Herr von Frejus selbst achtete diesen kindlichen Freudenmoment; die Höflinge aber beobachteten ein gewisses religiöses Schweigen. – Da aber ward plötzlich im Vorzimmer ein lauter Lärm vernehmbar.
Die Thür öffnete sich und der Huissier meldete: den Herrn Herzog von Villeroy. Gleich darauf erschien der Marschall, seinen Stock in der Hand, aufgeregt, und fragte ungestüm nach dem Könige. Da man schon an eine derbe Art und Weise gewohnt war, begnügte sich der Regent, ihm den jungen König zu zeigen, welcher noch immer beschäftigt war, die Kiste zu leeren, und der Tische, Stühle und Fußboden mit dem glänzenden Spielzeug bedeckte. Der Marschall brummte in den Bart, da aber Herr von Frejus, der Gouverneur, ihm zur Seite war, wagte er nicht, das Kind in seiner Beschäftigung zu stören.
Als endlich die Kiste ganz geleert war, und Ludwig XV. sich eine Weile lang an dem Inhalte derselben geweidet hatte, näherte sich ihm der Herzog von Orleans, noch immer den Hut unter dem Arme haltend, und erinnerte ihn freundlich daran, wie er ihm versprochen habe, jetzt eine Stunde den Staatsgeschäften zu widmen.
Ludwig XV. warf noch einen letzten Blick auf die Spielsachen, bat um die Erlaubniß, die Herrlichkeiten in seine Gemächer schaffen zu dürfen, und begab sich alsdann in das angrenzende Cabinet, dessen Thür ihm der Regent selbst öffnete. Herr von Frejus zog sich wieder, nach seiner Art und Weise, in einen Winkel zurück, der Marschall von Villeroy aber wollte ohne Weiteres dem Könige in das Cabinet folgen. Dieser Augenblick war es, den der Regent mit Ungeduld erwartet hatte.
»Entschuldigen Sie, Herr Marschall, sprach er, indem er ihm den Weg vertrat, »die Geschäfte, welche ich mit Sr. Majestät zu verhandeln habe, bedingen die größte Geheimhaltung, ich bitte Sie daher, mich mit Sr. Majestät einige Augenblicke lang allein zu lassen.«
»Allein? Allein? Herr Regent!« rief Villeroy auffahrend, »Sie wissen, Herr Herzog, daß das unmöglich ist!«
»Unmöglich, Herr Marschall?« fragte der Regent mit der größten Ruhe, »unmöglich, und weshalb das, wenn ich fragen darf?«
»Weil ich als Gouverneur Sr. Majestät das Recht habe, dieselben überallhin zu begleiten.«
»Zuvörderst, mein Herr Marschall, versetzte der Regent, »scheint mir dieses sogenannte Recht durch nichts klar bewiesen; und wenn ich bis jetzt nicht diesem Rechte, sondern diesem Anspruche gewillfahrt habe, so geschah es, weil das Alter des Königs denselben unwichtig machte. Jetzt aber, wo Se. Majestät bereits das zehnte Jahr erreicht haben, jetzt, wo dieselben gestatten, daß ich sie in die Regierungskunst einweihe, eine Kunst, in welcher Frankreich mich zum Präsidenten erwählt hat; jetzt werden Sie es für gut finden, mein Herr Marschall, daß ich, wie Sie und Herr von Frejus, mich mit dem Könige allein besprechen darf.«
»Aber, Herr Herzog,« rief der Marschall, der je heftiger er ward, immer mehr und mehr seine Fassung verlor, »ich bemerke Ihnen, daß der König mein Zögling ist.«
»Ich weiß das sehr wohl, Herr Marschall,« entgegnete der Regent, in einem ironischen Tone, »machen Sie aus Sr. Majestät immerhin einen großen Feldherrn, ich werde Sie darin nicht verhindern; Ihre Feldzüge in Italien und Flandern beweisen, daß wir dem jungen Monarchen darin keinen bessern Lehrmeister geben konnten. In diesem Augenblick aber, mein Herr, ist nicht die Rede von der Kriegswissenschaft, es handelt sich hier von einem Staatsgeheimnis, welches ich nur Sr. Majestät mittheilen kann; Sie werden es also für gut finden, wenn ich Ihnen meinen Wunsch ausspreche, mich mit Sr. Majestät unter vier Augen zu unterhalten.«
»Das ist unmöglich, ganz unmöglich! gnädiger Herr, rief der Marschall von Villeroy, dessen Heftigkeit immer mehr und mehr zunahm.
»Unmöglich!« wiederholte der Regent, »und weshalb, frage ich, weshalb?«
»Weshalb?« versetzte der Marschall; »weil es meine Pflicht ist, den König auch nicht auf einen Moment lang aus den Augen zu verlieren, und weil ich nicht erlauben werde – –«
»Nehmen Sie sich in Acht, Herr Marschall, unterbrach ihn der Regent mit einem unbeschreibbaren Ausdruck von Hoheit, »ich fürchte, Sie werden den mir gebührenden Respekt verletzen.«
»Gnädigster Herr,« nahm Villeroy, sich immer mehr und mehr erhitzend, wieder das Wort, »ich weiß eben so gut, welchen Respect ich Ew. Königlichen Hoheit schuldig bin, als ich die Pflichten kenne, die ich gegen mein Amt und den König habe, und deshalb werde ich St. Majestät auch nicht auf einen Augenblick lang aus den Augen verlieren, zumal da – –«. Er zögerte.
»Zumal was?« rief der Herzog, »fahren Sie fort, Herr Marschall, fahren Sie fort.«
»Zumal da ich für seine Person einstehen muß,« sprach der Marschall.
Der Herzog von Orleans erhob jetzt das Haupt mit einem stolzen verächtlichen Lächeln. »Mein Herr von Villeroy,« sprach er, »Sie vergreifen sich, wie es mir scheint, ungemein, Sie glauben zu einem Andern zu reden. Da Sie aber vergessen haben, wer ich bin, so muß ich Sie wohl daran erinnern. Marquis de Lafare, fuhr er darauf zu einem anwesenden Gardelieutenant gewandt fort, »thun Sie Ihre Schuldigkeit!
Jetzt erst sah der Marschall von Villeroy ein, welchen Abgrund er sich selbst erschlossen hatte; er öffnete den Mund, um eine Entschuldigung hervorzustammeln, der Regent aber ließ ihm nicht die Zeit seine Phrase zu vollenden, sondern schlug ihm die Thür des Cabinetts vor der Nase zu. Noch bevor sich der Marschall von seinem Schrecken erholen konnte, näherte sich ihm der Herr von Lafare, und bat um seinen Degen.
Herr von Villeroy stand einen Augenblick lang wie niedergedonnert da, er wollte sprechen, aber seine Zunge versagte ihm den Dienst, und auf die zweite Aufforderung, die in einem bestimmteren Tone ausgesprochen wurde, reichte er seinen Degen dem Herrn von Lafare hin.
In demselben Augenblick öffnete sich eine Thür; die Zimmer waren Parterre, ein Tragsessel wird herbeigeschafft, zwei Musquetaire heben den Marschall hinein, die Thür wird wieder zugeworfen, Lafare und der Lieutenant Artagan nehmen Platz an beiden Seiten, mehrere Cheveauxlegérs folgen und der Gefangene wird ohne Weiteres durch den Garten in ein Zimmer der Orangerie geschafft, wo die genannten Cavaliere allein bei ihm zurückbleiben.
Der Marschall, der endlich ruhiger geworden war, glaubte sich verloren. »Meine Herren,« rief er erblassend, »man hat doch hoffentlich nicht die Absicht, mich zu ermorden?«
»Nicht doch, Herr Marschall, nicht doch, beruhigen Sie sich,« erwiderte Lafare, »es handelt sich um eine weit einfachere, keinesweges tragische Sache.«
»Und warum handelt es sich denn?« fragte der Marschall, dem diese Versicherung seine Ruhe in etwas wiedergab. »Es ist die Rede von zwei Briefen, mein Herr, welche Sie dem Könige diesen Morgen übergeben wollten, und die sich in einer Tasche Ihres Rocks befinden müssen.«
Der Marschall von Villeroy fing wieder an zu zittern, und führte die Hand zu der Tasche, in welcher sich die Briefe befanden; er hatte über seine eigene Angelegenheit, bisher die der Herzogin von Maine vergessen.
»Entschuldigen Sie, Herr Marschall, rief Artagan, indem er die Hand Villeroys aufhielt, »wir sind authorisiert, Sie zu benachrichtigen, daß falls Sie suchen sollten uns diese Briefe vorzuenthalten, der Herr Regent davon die Abschriften besitzt.«
»So wie, daß wir, fügte Lafare hinzu, »in diesem Falle berechtigt sind, uns mit Gewalt in den Besitz dieser Briefe zu setzen; jede Folge die einen Kampf deshalb herbeiführen sollte, wird uns nicht zugerechnet werden.«
»Sie sagen meine Herren, daß der Herr Regent Abschriften von diesen Briefen habe?«, fragte Villeroy.
»Unser Ehrenwort darauf,« entgegneten Beide.
»In diesem Falle sehe ich nicht ein, meine Herren, warum ich Ihnen diese Briefe vorenthalten sollte, die mich übrigens ganz und gar nichts angehen, und die ich nur aus Gefälligkeit zu übergeben versprach.«
»Wir wissen das, Herr Marschall, versetzte Lafare.
»Ich hoffe indeß, meine Herren,« fuhr Villeroy fort, »Sie werden Sr. Königlichen Hoheit berichten, wie schnell ich bereit war, seinem Verlangen zu willfahren, und wie sehr es mich schmerzt, dieselben beleidigt zu haben.«
»Zweifeln sie nicht daran, Herr Marschall, es soll alles geschehen, wie Sie wünschen, aber die Briefe?«
»Hier sind sie,« sprach Villeroy, indem er Lafare die beiden Briefe überreichte.
»Artagan,« sprach darauf der Letztere, »führen Sie jetzt den Herrn Marschall nach dem Orte seiner Bestimmung, und behandeln Sie, so wie diejenigen, welche die Ehre haben werden, ihn zu begleiten, ihn mit der hohen Achtung, die seinen Verdiensten gebührt.«
Der Tragsessel ward darauf wieder geschlossen, die Träger wurden herbeigerufen, und der Marschall, der jetzt erst die Schlinge merkte, in die er gerathen war, ward bis zum Gartenthor getragen, wo ein mit sechs raschen Pferden bespannter Wagen hielt. Der Marschall ward in den Wagen hineingehoben, Artagan setzte sich ihm zur Seite, ein Offizier der Musquetairs und du Libois, ein Cavalier des Königs, nahmen den Rücksitz ein, eine Abtheilung berittener Musquetairs umringte den Wagen, man gab dem Kutscher ein Zeichen und der Wagen rollte schnell von dannen.
Der Marquis von Lafare kehrte darauf mit den beiden Briefen Philipps V. in der Hand, in den Palast zurück.