Czytaj książkę: «Die Holländerin»
Erster Band
Der Held des gegenwärtigen Romans ist »die Holländerin« ist derselbe, den uns der Verfasser in seinem vorangegangenen Werke, »Die beiden Selbstmörder« oder »Vier Frauenabenteuer«, in so reizenden Situationen vorführt. Die in jenem äußerst spannend vorbereitete Katastrophe entwickelt sich in dem Vorliegenden Werke und dürfte das Erscheinen desselben den Freunden der Dumas’schen Muse willkommen sein.
Der Übersetzter.
I
Im Hofe der Posthalterei zu Sesto-Calende stand ein Postwagen zur Abfahrt bereit. Mit lauter Stimme, eine Liste, in der Hand haltend, las der Conducteur die Namen der Reisenden, welche er befördern sollte. Als der Name »Herr Van-Dick« gerufen wurde, stieg ein Mann von auffallender Leibestärke in den Coupé, der noch leer war, und nahm, sich gemächlich ausbreitend, Platz darin. Schon fand der Postmann im Begriffe, die Thür des Wagens zu schließen, als ein junger Mann eilig aus dem Bureau trat und ihm eine Karte überreichte . . . Die Thür des Coupés, worin der dicke Herr saß, ward wieder geöffnet und der Zuletztgekommene nahm an der Seite des Wohlbeleibten Platz.
Nachdem alle Reisende in dem Wagen ihre Plätze genommen, trat der Conducteur an den Coupé, in welchem Herr Van-Dick und der junge Mann allein saßen.
– Hier fehlt noch Jemand, sprach er; es sind drei Plätze bezahlt und ich sehe nur zwei Personen.
– Ganz recht, antwortete der dicke Herr, ich habe zwei Plätze gemiethet!
– So erwarten Sie wohl noch Jemanden?
– Nein, ich habe es gethan, um bequemer sitzen zu können.
Der Conducteur lächelte, schloß die Thür des Wagens und bestieg einen Platz.
Der dicke Herr sah den jungen Mann an und sprach:
– Auf diese Weise wird einer dem andern nicht zur Last fallen.
– Es ist wahr, mein Herr! antwortete dieser. Es ist ein Luxus, den ich um so mehr bewundere, als ich davon profitiere. – Um so begreiflicher wird er Ihnen erscheinen. Denken Sie sich einmal, wenn drei solcher Reisende, wie ich bin, in diesem Coupé säßen, würde man nicht den einen erdrücken und den andern auf die Landstraße werfen müssen, um frei athmen zu können?
– Wenn man sich ein wenig einrichtet, entgegnete der junge Mann mit einer treuherzigen Miene, würde man wohl nicht nöthig haben, solche schmerzhaften Expeditionen auszuführen.
Herr Van-Dick lächelte, wie ein reicher Mann lächelt, wenn er sagen will: »ich habe das Recht, so zu handeln, wie ich handele.« Dann fuhr er fort:
– Es ist übrigens auch meine Gewohnheit, wenn ich reise, daß ich mir stets zwei Plätze kaufe. Einmal bin ich jedoch dabei angeführt.
– Wie ist das gekommen?
– Ganz einfach. Ich hatte nämlich zu jener Zeit einen Menschen in meinen Diensten, der über alle Begriffe dumm war. »Peter, spreche ich zu ihm, geh’ und bestelle mir zwei Plätze auf der Diligence, ich habe eine dringende Reise zu machen.«
– Wie, zwei Plätze? antwortet er mir.
– Ja, zwei Plätze!
– Peter kommt zurück und giebt mir ein Billet, wonach mir zwei Plätze reserviert sind. Wie immer, waren auch diese beiden Plätze für mich allein bestimmt. Ich komme also auf der Post an, steige in den Wagen und mache es mir bequem, wie Sie es vorhin von mir gesehen haben: da steigen plötzlich noch zwei wohlgenährte Personen ein und setzen sich neben mich. Ich rufe den Conducteur und spreche zu ihm:
– Hier waltet ein Irrthum ob!
– Wie so? fragt er.
– Weil ich zwei Plätze bezahlt habe. Sind nicht auf den Namen Van-Dick zwei Plätze eingetragen?
– Ganz recht
– Nun, so hat der eine dieser Herrn nicht das Recht, hier zu bleiben.
– Der Conducteur sieht abermals in seine Liste, dann spricht er:
– Sie irren sich, mein Herr, nicht ich; es sind zwei Plätze für sie reserviert, aber einer davon befindet sich im Coupé, der andere im Cabriolet!
– Demnach war ich gezwungen, in einer höchst bedrängten Lage die Reise bis Brüssel zu machen.
– Sind sie ein Oesterreicher?
– Nein, mein Herr, ich bin ein Holländer!
– Wie, rief der junge Mann in einem Tone, dem deutlich anzuhören war, daß er sich über einen dicken Nachbar ein wenig lustig machte, Sie sind ein Holländer? Holland soll ein schönes Land sein!
– Ein schönes und reiches Land!
– Sie scheinen. Ihr Vaterland zu lieben?
– Man liebt stets das Land, in welchem man geboren ist, wo man nach seinen Gewohnheiten lebt, seine Familie hat und sein Vermögen erworben.
Der junge Mann sank in die Ecke des Wagens zurück und flüsterte leise: »der Mann ist sehr glücklich!« Ein tiefer Seufzer folgte dieser Aeußerung und hätte Herr Van-Dick nicht ein Zeitungsblatt aus der Tasche gezogen und sich zum Lesen angeschickt, so würde er wahrgenommen haben, daß sein Nachbar sich in ein tiefes Nachdenken verlor.
Bei dem Anblicke des Glückes drückt die Last des Unglückes doppelt schwer. Dies empfand in diesem Augenblicke unser junge Reisende, der ohne Vaterland, ohne Familie und ohne Vermögen einem ungewissen Ziele entgegenging, oder richtiger gesagt, ohne Ziel reifte. Tristan war zuletzt Tenorist am Theater zu Mailand gewesen, und noch vor kurzer Zeit hätte er den reichen, gemüthlichen Holländer nicht beneidet, da er sich alles dessen zu erfreuen gehabt, was das Leben angenehm macht; doch in diesem Augenblicke, von den Frauen betrogen und durch sie feiner Stellung beraubt, schien ihm das Loos seines Reisegefährten sehr beneidenswerth, der mit großer Zufriedenheit eine Dose öffnete, eine Prise wohlriechenden Tabaks schnupfte und ruhig das Zeitungsblatt entfaltete. Aus dem geöffneten Journale fiel ein Brief zur Erde, ohne daß es Herr Van-Dick merkte.
Tristan hob ihn auf und überreichte ihn seinem Besitzer.
– Sie verlieren dieses Papier, mein Herr.
– Danke, danke! sprach der Holländer und lächelte, indem er die Aufschrift ansah.
– Er ist von meiner Frau. Tristan machte mit dem Kopfe und den Blicken eine Bewegung, die eben so gut sagte: »Ah, Sie sind verheirathet, ich mache Ihnen mein Kompliment;« als auch: »Was Sie mir da sagen, ist mir sehr gleichgültig!«
– Sind Sie verheirathet? fragte der Holländer.
– Nein, mein Herr! Ich kann mit Recht sagen, daß ich nicht verheirathet bin, dachte Tristan, da ich nicht einmal weiß, wo meine Frau ist.
– Das ist schlimm, sehr schlimm! entgegnete Herr Van-Dick,
– Je nachdem!
– Es ist immer schlimm!
– Wenn aber die Frau schlecht ist?
– Die Frau ist immer gut.
– Diese Annahme ist sehr kühn.
– Sie ist nur wahr, mein Herr. Ich gestehe es zu, daß keine Frau gut geboren wird, aber sie wird es später.
– Durch die Sorgfalt, welche man ihr widmet?
– Selten.
– Durch die Liebe, die man zu ihr hegt?
– Mitunter.
– Wohl gar durch Gleichgültigkeit?
– Ganz recht, mein Herr, ganz recht! Widmet man einer Frau viel Sorgfalt, so wird sie sich stets schwach und leidend geben; betet man sie an, so giebt sie sich nach Maßgabe der Liebe als ein Tyrann, und als ein Opfer, wenn man sie nicht mehr wie früher liebt; weiß aber die Frau, weder daß man sie liebt, noch daß man sie nicht liebt, sieht sie, daß man sie ohne Enthusiasmus und ohne Verachtung behandelt, spricht man nur zu ihr: »Ich frühstücke um elf Uhr und esse um 6 Uhr zu Mittag«, redet nie von Geschäften mit ihr, legt ihr nie Rechenschaft von feinen Handlungen ab und sieht sie nur bei Tische: dann können Sie sich versichert halten, mein Herr, daß die Frau eine Sclavin ist, die sich mit einem Lächeln begnügt, an einer Zärtlichkeit hoch erfreut, und sich nicht besser hält, als die Pfeife, die ihr Mann raucht, oder das Bier, das er trinkt.
– Diese Theorie hat vielleicht in Holland ihr Gutes; in allen übrigen Ländern würde sie aber sehr mangelhaft sein.
– Die guten Theorien sind für alle Länder gut. Der Schöpfer hat alle Frauen nach einem Modelle geschaffen und allen dasselbe Herz gegeben.
– Ja, aber nicht dasselbe Gesicht, nicht denselben Character. Es giebt Länder, in denen die Frauen heißeres Blut und heftigere Leidenschaften besitzen, als in manchen andern. Wenn Ihre Theorie auch bei den Frauen des Nordlandes ihre Anwendung fände, so möchte dies wohl bei denen der Südländer nicht der Fall sein.
– Ich zweifle daran, mein Herr.
– Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Sie unrecht haben. Ich habe in dieser Beziehung lange und gründliche Studien angestellt. Wollte man außerdem Ihre Ansicht als Regel gelten lassen, so kann ich Sie versichern, daß diese Regel sehr viel Ausnahmen erleidet.
– Wohl möglich, antwortete lächelnd Herr Van-Dick, ich kenne nicht alle Frauen. Alles was ich weiß, ist, daß ich mich vor zehn Jahren verheirathete, daß meine Frau sehr schön, aber auch sehr kokett war, und daß sie alle jene Fehler besaß, welche die elegante Welt für Tugenden hält; daß sie aber nach zwei Monaten, kraft meines festen Willens und meiner unerschütterlichen Gleichgültigkeit gegen sie und ihre Launen, ordentlich, ökonomisch und sanft geworden ist, daß ich jeden Tag um elf Uhr frühstückte, um sechs Uhr zu Mittag aß, im Hause nie ein Wort mit ihr sprach, kam und ging wie es mir beliebte, und daß ich, mit einem Worte, stets dasselbe Gesicht und dasselbe Herz vorfand.
– Sie sind ein glücklicher Mann!
– Wahrhaftig, das bin ich. Da sehen Sie die ersten Zeilen dieses Briefes: »Mein Geliebter, mit großer Freude vernahm ich deine Rückkehr, denn ich vermisse schmerzlich deine Anwesenheit. Auch Julius erwartet Dich mit großer Ungeduld.« Julius, unterbrach sich der Holländer, ist nämlich mein Sohn!
– Ah, Sie haben auch einen Sohn?
– Einen schönen, blonden Jungen von neun Jahren.
– Und jetzt kehren Sie in den Schooß Ihrer Familie zurück?
– Ach Gott ja!
– Haben Sie eine Vergnügungsreise gemacht? fuhr der Tenor fort, der in dieser neuen Bekanntschaft Zerstreuung und Erheiterung fand.
– Es war eine Vergnügungs- und Geschäfts-Reise, antwortete der Holländer.
– So, Sie sind also in Geschäften?
– Ich bin der Chef eines sehr großen, und kann mit Recht sagen, eines sehr bekannten Handlungshauses.
– Und während die er Zeit besorgt Madame Van-Dick alles allein, was sonst Sie besorgten?
– O nein, ich habe meiner armen Frau einen Commis zur Hilfe gegeben, einen sanften, einsichtsvollen jungen Mann.
– So, sprach Tristan und unterdrückte mit Mühe ein Lachen, das seine Lippen zu sprengen drohte – es ist ja wahr, Sie müssen einen Commis haben.
– Mein Haus würde ohne ihn nicht bestehen können, da ich sehr oft verreisen muß. Der arme Mensch hat viel Arbeit!
– Ich glaube es.
– Alles, was ich nicht thun will, sprach Herr Van-Dick, muß er thun. Tristan glaubte dieser Phrase eine geistreiche Absicht unterlegen zu können, aber die ungeheure Ruhe und Gutherzigkeit, die sich in dem Gesichte des Kaufmanns aussprach, belehrte ihn eines andern.
– Ist dieser Commis schon lange in Ihren Diensten?
– Zwei Jahre. Sein Vorgänger war ein schlechtes Subject, dem Euphrasia kein Vertrauen schenkte. Euphrasia ist nämlich der Name meiner Frau. Deshalb gab ich ihm seinen Abschied, denn in wichtigen Sachen, das heißt in solchen, von denen meine Ruhe abhängt, richte ich mich stets nach Euphrasia. Er hat sie betrogen.
– Er hat sie betrogen? wiederholte Tristan, der nicht wußte, welchen Sinn er in diesen Satz legen sollte.
– Ja, er hat die Frau betrogen, die ihn recht sehr liebte.
– Das ist ein wenig stark! dachte Tristan. Dieser Mensch ist entweder verrückt, oder er ist ein gemästeter Richelieu. Und der, den Sie jetzt haben, sprach er laut, betrügt ihre Frau nicht?
– O, dieser ist ein Muster von Aufmerksamkeit und Sorgfalt für sie und mich. Wenn er fortfährt, sich so zu betragen, werde ich ein Glück machen und ihn verheirathen, vorausgesetzt, daß Euphrasia nichts dagegen hat.
– Warum sollte sie etwas dagegen haben?
– Weil sie ihn mehr liebt, als seinen Vorgänger.
– Ist er vielleicht ein Verwandter von Ihnen?
– Nein!
– Wenn Sie ihm aber so gewogen sind, müßte Sie doch nichts abhalten, ihn zu verheirathen, und seiner Frau eine Anstellung in Ihrem Hause zu geben.
– Das wird Euphrasia nicht wollen.
– Warum?
– Sie ist eifersüchtig.
– Auf Ihren Commis?
– Ja.
– Wäre Tristan nicht von den Wänden und der Decke des Wagens eingeschlossen gewesen, er hätte einen Satz von sechs Fuß Höhe gemacht. Der Holländer erzählte alle diese Sachen mit einer so enormen Kaltblütigkeit, daß man hätte glauben mögen, er erheuchele sie ausdrücklich, um, wie man zu sagen pflegt, Tristan blau anlaufen zu lassen.
– Verzeihung, fuhr der Tenor fort, wenn ich diese Frage an Sie richte: wenn Ihre Frau nun eifersüchtig auf die Frau Ihres Commis sein kann, müssen Sie dann nicht eifersüchtig auf den Commis sein?
– Ich?
– Ja!
– Warum?
– Potz Element! sprach Tristan und dehnte die Frage bis zu den äußersten Grenzen aus, um zu wissen, was er von seinem Nachbar zu halten habe. – Potz Element! Wenn Ihre Frau ihn liebt, so entwendet er Ihnen natürlich einen Theil der Liebe, welche Ihre Gattin Ihnen ganz zu geben schuldig ist.
– Irrthum!
– Wie so?
– Er liebt mich mehr, als meine Frau.
– Glauben Sie?
– Ich bin davon überzeugt. Wenn er mich mehr liebt, als Euphrasia, giebt er mir mehr, als er mir nimmt. Nach der regula de tri ganz richtig gerechnet.
– Zugestanden, sprach Tristan, nachdem er einen Augenblick überlegt; was thut er aber für Sie?
– Wie ich bereits gesagt, alles, was ich nicht thun will, zum Beispiel – —
– Zum Beispiel? fragte Tristan rasch, der nun die vollständige Erklärung erwartete.
– Zum Beispiel, fuhr der Holländer mit leutseliger Miene in einem gutherzigen Tone fort, führt er meine Bücher, und ich muß gestehen, daß er sich nie um einen Pfennig verrechnet; bin ich abwesend, so führt er meine Frau spazieren und auf den Ball, mit einem Worte, er thut. Alles, was man von einem wahren Freunde verlangt.
– Dieser Mann ist ein Geheimniß, dachte Tristan, er ist entweder ein großer Narr, oder ein großer Philosoph. Sie sind sehr glücklich, sprach er laut, um Herrn Van-Dick auf die Antwort wieder zurückzuführen, die er zu erwarten schien, Sie sind in der That sehr glücklich, da Sie einen wahrhaften Freund besitzen.
– Haben Sie nie einen solchen gehabt?
– O ja!
– Nun?
– Ich habe ihm das Leben gerettet, und dafür gab er mir einen Degenstich.
– In die Brust?
– In die Schulter.
– Ein Glück, daß er Sie nicht getödtet hat. Verursacht ein Degenstich große Schmerzen?
– Je nachdem man ihn empfängt.
– Ich meine im Arm oder in der Schulter?
– An diesen Orten ist er mehr lästig, als schmerzhaft.
– Das dachte ich mir.
– Warum diese Frage?
– Weil ich mich einmal schlagen sollte.
– Wegen einer ernsten Sache?
– Nein, nur wegen eines Menschen, der mir gesagt, daß Euphrasia mich hinterginge. Ich stand zufällig und gab ihm eine Ohrfeige; hätte ich gesessen, würde ich ihm nicht geantwortet haben.
– Und was that der andere?
– Er forderte mich.
– Nahmen Sie die Forderung an?
– Ja, aber ich habe mich nicht geschlagen.
– Hat er Sie um Entschuldigung gebeten?
– Nein, wir bestimmten für den folgenden Tag ein Rendez-Vous. Als ich nach Hause kam, fand ich den Commis vor, von dem ich Ihnen vorhin erzählte, daß er meine Bücher führt. Es war gerade am Ende des Monats, er hatte viel Zahlungen zu machen, und beschäftigt mit diesen Zahlungen, vergaß auch ich, daß ich mich den nächsten Morgen schlagen sollte. Den größten Theil der Nacht brachte ich mit dem Ordnen der Rechnungen zu und ging spät zu Bett. Es war sehr kalt und um elf Uhr des Morgens schlief ich noch so sanft, wie man nur sanft schlafen kann. Da ward ich geweckt. Als ich die Augen öffnete, sah ich den Mann vor mir, dem ich Tages zuvor eine Ohrfeige gegeben hatte – er schien vor Kälte ganz erstarrt zu sein.
– Mein Herr, sprach er mit zornbebender Stimme, seit drei Stunden erwarte ich Sie!
– Nun, fragte ich.
– Nun, mein Herr, Sie sind nicht zum Rendez-Vous gekommen?
– Ich weiß es, mein Herr, da ich noch im Bette liege.
– Aber mich friert!
– Das kann mir sehr gleichgültig sein, denn mir ist warm.
– Sind Sie bereit, mir zu folgen?
– Fällt mir nicht ein. Ich habe nicht Lust, wie Sie, mit den Zähnen zu klappern, weiße Backen und eine rothe Nase zu bekommen. Wann waren Sie an dem bestimmten Orte?
– Um acht Uhr, mein Herr.
– Und Sie haben mich erwartet?
– Bis elf Uhr – macht drei Stunden.
– Da hat Sie wohl sehr gefroren?
– Ich bin ganz erstarrt, antwortete mein Gegner, und werde wohl eine Krankheit davon tragen.
– Nun, mein wackerer Freund, sprach ich, ich finde, daß Sie für die mir zugefügte Beleidigung genug gestraft sind, ich verzeihe Ihnen, gehen Sie nach Hause. Legen Sie sich in ein gut gewärmtes Bett, trinken Sie eine Taffe heißen Syrup und es wird Ihnen nichts schaden. Leben Sie wohl, mein Bester, und hüten Sie sich in Zukunft vor Unbesonnenheiten.
»Mit diesen Worten wandte ich mich in meinem Bette um, um wieder einzuschlafen; der Herr aber fuhr fort zu schreien und zu toben. Da zog ich die Glocke und ließ ihn zur Thür hinauswerfen. Ich glaube, mein Commis hat die Sache in Ordnung gebracht, da er es war, den jener Herr mir als den Liebhaber meiner Frau bezeichnete. Ich habe nie wieder etwas von meinem Gegner gehört.«
Tristan sah Herrn Van-Dick bewundernd an.
– Der ist in der That ein glücklicher Mensch, dachte er. Während dieser Zeit hatte der Holländer, als ob er ganz gleichgültige Sachen erzählte, ruhig und sorgfältig seine Zeitung entfaltet und sie von dem Tabak gesäubert, der darauf gefallen war. In dem Augenblicke, als er zu lesen beginnen wollte, senkte er noch einmal das Blatt und richtete eine mit der Brille bewaffneten Augen auf Tristan.
– Nicht wahr, junger Mann – fragte er – Sie haben sich einer Frau wegen geschlagen?
– Ja!
Herr Van-Dick lächelte und schien den Abschnitt in der Zeitung zu suchen, den er lesen wollte. Als er ihn gefunden, lehnte er sich in die Ecke des Wagens und begann aufmerksam zu lesen.
Tristan betrachtete noch eine Zeitlang dieses Original unter der so ganz gewöhnlichen Hülle, dann weidete er sich an der Landschaft, die sich vor seinen Augen ausbreitete. Da er nichts zu lesen hatte und des Denkens müde war, schob er seine Reisemütze unter den Kopf und schloß die Augen, um zu schlafen.
2
Die Vorsehung nimmt die Gestalt eines holländischen Kaufmanns an
Der Wagen, in welchem sich die Herrn Van-Dick und Tristan befanden, fuhr, wie alle Wagen, welche täglich einen bestimmten Weg zurücklegen müssen. Die Pferde, mit horizontal gerichtetem Halse, trabten mit einer ruhigen und einförmigen Langsamkeit, welche zu beobachten Vergnügen gewährt. Der Kutscher, halb im Schlafe auf seinem hohen Sitze, läßt, wie Hippolyt, die Zügel über seine Renner herabhängen, und weckt ihn dann und wann ein Stoß des Wagens, so versetzt er den Rossen einen wohlthätigen Peitschenhieb, den diese mehr für eine freundschaftliche Erinnerung, als für einen Beweis des Zornes halten, denn sie bewegen sich auch nicht um ein Haar rascher, sondern thun, als ob nichts vorgefallen wäre. Der Wagenlenker schließt seine Augen wieder und bleibt unempflindlich gegen die Reize, mit welchen ihn die Natur umgiebt.
Niemand beklagt sich übrigens darüber, denn es ist eine stillschweigend angenommene Sache, daß dieser, von zwei magern Pferden gezogene alte Holzkasten sich mit den Flügeln der Jugend nicht versuchen kann, da er sonst denen, die er befördert, gefährlich werden möchte. In einer solchen Lage bleiben dem Reisenden nur drei Dinge zu thun: er plaudert, wenn er einen Nachbar zum Plaudern hat, er liest, wenn er ein unterhaltendes Buch hat, oder er schläft, wenn er Schlaf hat. Tristan hatte geplaudert, ein Buch hatte er nicht, folglich schlief er.
Herr Van-Dick hatte seine Lektüre beendet und war, wie es schien, nicht sonderlich davon erbaut. Nachdem er das Zeitungsblatt wieder zusammengelegt, eine Prise duftenden Tabaks geschnupft und die Brille sorgfältig in ihr Etui gesteckt, blies er die Tabakskörner von seinem Hemde und räusperte sich, wie ein Mensch, der nicht mehr weiß, was er thun soll.
Tristan, der nur in einem leisen Schlafe lag und auf einen Vorwand zum Erwachen wartete, bewegte sich und schlug die Augen auf.
– Nun, mein Herr, sprach er, haben Sie Ihre Lectüre beendet?
– So eben, und Sie, haben Sie Ihren Schlaf beendet?
– Ja!
– Was zum Teufel, wo können wir sein?
– Ich weiß es nicht.
– Der Conducteur wird doch anhalten, damit wir zu Mittag essen können?
– Hoffentlich, zumal, da es nicht viel Mühe kostet, die Rosse in ihrem Laufe zu hemmen. Ich habe mir schon oft die Frage vorgelegt, was ein Conducteur, der so viel Zeit auf der Reise zubringt, wohl eigentlich denkt.
– Er denkt nicht. Wenn er dächte, wäre er zu entschuldigen.
– Was thut er?
– Er schläft.
– Es würde vortheilhafter und bequemer für ihn sein, wenn er uns schneller führe und sich zu Hause in das Bett legte. Das Phlegma eines solchen Menschen ist zum verzweifeln.
– Mir ist es sehr gleichgültig, antwortete Herr Van-Dick mit großer Ruhe; warum, will ich Ihnen erklären: Ich reise, nicht wahr? Mit einem Platze würde ich schlecht fahren, also nehme ich mir zwei. Ich steige in den Wagen. Befinde ich mich in dem Coupé allein, so habe ich drei Plätze, obgleich ich nur für zwei bezahlt habe; dies ist ein Glück, das ich nicht erwartete und nütze es. Habe ich einen Nachbar, so plaudere ich mit ihm. Finde ich seine Unterhaltung amüsant, so höre ich, und finde ich Vergnügen zu reden, so rede ich. Sehe ich, daß wir nicht zusammen sympathisiren, so vergesse ich, daß er da ist, mache mir es auf meinen beiden Plätzen bequem, ziehe mein Journal aus der Tasche und lese. Langweilt mich mein Journal, so schlafe ich, und habe ich keine Lust mehr zum schlafen, so esse ich, denn ich führe stets einen kleinen Vorrath bei mir. Habe ich keinen Hunger, so betrachte ich die Gegend, und gefällt mir die Gegend nicht, so denke ich. Bei dem Denken komme ich indeß immer zuletzt an, denn es ist sehr ermüdend. Der Conducteur kann mich also nicht ärgern. Fährt er schnell, so freue ich mich über die Schnelligkeit, fährt er langsam, so habe ich das Vergnügen, mich wiegen zu lassen. Indem ich mich so zum Sclaven der Umstände mache, werde ich der Herr derselben.
– Sie sind ein glücklicher Mann!
– Haben Sie Unglück gehabt?
– Sehr viel!
– Auch jetzt noch?
– Immer, so lange ich lebe.
– Der Unterschied zwischen uns beiden ist mir klar. Sie lieben Niemanden, nicht einmal sich selbst. Ich liebe zwar auch Niemanden, aber ich liebe mich selbst. Sie sind Misanthrop und ich bin Egoist, bin daher glücklicher als Sie; aber da Sie noch jung sind, können Sie einst eben so glücklich werden, als ich. Warum ärgern Sie sich über den Conducteur? müssen Sie vielleicht irgend wo eilig eintreffen?
– Nein; ich würde nirgends etwas besseres vorfinden, auch weiß ich nicht einmal, wohin ich reise.
– Haben Sie Familie?
– Nein.
– Heirathen Sie.
– Um Geschöpfe zu erzeugen, die einst leiden werden, wie Hamlet sagt. Das ist unnütz, außerdem habe ich auch kein Vermögen und keine Stellung in der Welt.
– Was gedenken Sie zu beginnen?
– Bei Gott, das weiß ich nicht! Vielleicht wird das Schicksal müde, mich zu verfolgen, wenn ich ihm eine Gleichgültigkeit entgegenstelle, wie Sie sie besitzen.
In diesem Augenblicke hielt der Wagen an. Der Conducteur öffnete die Thür des Wagens und kündigte den Reisenden an, daß sie aussteigen und zu Mittag essen könnten.
Tristan und Van-Dick lenkten ihre Schritte der table d’hôte zu und setzten sich hinter die leeren Teller. Der Conducteur nahm am Ende des Tisches Platz, wo ihm die Schüsseln zur Seite standen. Kaum hatte er so rasch seine Suppe, ein Gemüse und seinen Braten gegessen, als nur ein Mensch im Stande ist, zu essen, als er auch schon ausrief:
– Beeilen Sie sich, meine Herrn, beeilen Sie sich!
– Haben Sie dergleichen schon erlebt? fragte Van-Dick unsern Tristan.
– Nein, noch nie.
– Dieser Mensch ist noch stärker, als ich.
– Beneiden Sie ihn?
– Nein, das wäre zu anstrengend; ich bewundere ihn.
– Wie finden Sie das Essen?
– Schlecht.
– Und doch essen Sie?
– Ich habe meinen Grund.
– Welchen?
– Das Bedürfniß, mich zu gewöhnen. Morgen wird mir das Frühstück weniger schlecht erscheinen, das Mittagsessen vielleicht gut und komme ich nach Hause, finde ich dort meine Lebensmittel excellent.
– Sie sind ein großer Philosoph.
– Ich weiß es. Als der Conducteur seine Mahlzeit völlig beendet, ließ er die Reisenden in den Wagen steigen. Herr Van-Dick nahm seine beiden Plätze wieder ein, zog langsam eine Pfeife hervor, lud sie mit Tabak, schlug Feuer, blies es an, legte es auf die Pfeife und begann zu rauchen.
– Geniert Sie der Tabakrauch? fragte er Tristan, als das Feuer sich dem Tabak mittheilte.
Hierauf legte er sich mit einer unbeschreiblichen Behaglichkeit in die Ecke des Wagens und athmete wollüstig den Rauch, den er aus seiner Pfeife blies. Mit wahrer Bewunderung betrachtete Tristan diesen Mann. Der Tag näherte sich dem Abend, die Sonne begann sich zu röthen, ein durchsichtiger Nebel lagerte sich wie ein Bote der Nacht auf die Felder und die Luft war so ruhig, daß der Rauch, den Herr Van-Dick ausblies, einige Augenblicke unschlüssig stehen blieb und sich dann nach und nach verzog.
Bei dem Anblicke dieses Glückes und dieses Wohlbehagens stiegen in dem Geiste unseres Helden unendlich viel Gedanken auf. Herr Van-Dick dachte nichts, er rauchte, betrachtete die verschiedenen Gestalten, welche der Rauch bildete und freute sich über die Kinder, welche in den Dörfern schreiend dem Wagen nachliefen.
Endlich verschmolz die ganze Landschaft in eine Farbe, der Mond flieg herauf, die Nacht kam und die Pfeife des Holländers ging aus, da ihr der Tabak fehlte. Dann schloß er die Augen und ein etwas starkes Athemholen kündigte seinem Nachbar an, daß er eingeschlafen sei.
Nachdem Tristan noch eine Zeitlang über den Wechsel der menschlichen Schicksale nachgedacht, schlief auch er ein.
Als er bei dem ersten Wehen der frischen Morgenluft erwachte, hatte er das Vergnügen, den vollen Schlaf eines Holländers zu erblicken. Tristan vergnügte sich an dieser Menschennatur, und als ob eine gegenseitige Anziehungskraft in Beiden wirkte, vergnügte sich Herr Van-Dick an ihm. Beide kannten sich erst seit zu kurzer Zeit, um sich diese Sympathie zu gestehen, aber unser Tenor genoß das Vergnügen, die Theorien dieses Kaufmanns anzuhören, welche mit seinen Prinzipien ganz übereinstimmten. »Ich hätte besser gethan, sprach er zu sich selbst, wenn ich meine Frau nicht geliebt und nicht geheirathet hätte; ein Mädchen, was ich nicht geliebt, das mir aber einen Fond von Käsen oder Materialwaaren zugebracht, als Lebensgefährtin zu ehelichen, wäre ersprießlicher für mich gewesen, als auf dem Lande zu seufzen, Medicin zu studieren und Verse und Gemälde zu fabriciren. Eine andere Frau hätte mich ebenso geliebt, als die meinige.«
Nachdem er diese Betrachtung vollendet und vielleicht eine Thräne im Auge zerdrückt hatte, erwachte der Holländer.
– Nun, mein Bester, haben Sie gut geschlafen?
– Sehr wenig.
– Ich glaube, wir sind Crevola bereits passiert?
– Ja.
– Aber was fehlt Ihnen, mein junger Freund, Sie scheinen mir traurig zu sein?
– Ich bin es in der That.
– Was ist Ihnen?
– Die Einsamkeit hat traurige Betrachtungen in mir erweckt!
– Haben Sie vielleicht Jemanden verlassen, den Sie lieben?
– Nein.
– Vielleicht eine Geliebte?
– O durchaus nicht. Ich bin traurig, weil man mich da, wohin ich gehe, nicht mehr lieben wird, als dort, woher ich komme.
– In Ihrem Alter bleibt man nicht lange allein. Gott hat den jungen Leuten die Liebe in das Herz gepflanzt, damit sie sich eine Familie anschaffen können.
– Wenn aber die Liebe entflieht?
– Dann bleibt die Freundschaft! wie die Weisen sagen.
– Und wenn man der Freundschaft keinen Glauben schenkt?
– Dann bleiben die Geschäfte, und dabei können Sie versichert sein, keine Freunde zu haben.
– Ganz recht. Um aber Geschäfte zu machen, muß man Vermögen besitzen, das mir fehlt.
– Verstand ist alles, was dazu nöthig ist. Als ich anfing, besaß ich nichts, und jetzt kommandiere ich zwölftausend Thaler jährlicher Renten und bin Chef einer ausgebreiteten Leinewand- und Tuch-Handlung en gros.
– Sie, mein Herr, scheint eine Fee aus der Taufe gehoben zu haben.
– Wer verhindert. Sie, dieselbe Gevatterin zu haben?
– Der Platz ist besetzt.
– Man wird Ihnen helfen.
– Wer?
– Jeder. Ich!
– Sie?
– Ja.
– Und wie würden Sie mir helfen?
– Indem ich mich Ihrer bediene. Sie geben mir Ihre Intelligenz, und ich gebe Ihnen eine Stellung. Was haben Sie gelernt?
– Alles, und nichts!
– Schreiben Sie eine gute Hand?
– Eine sehr gute.
– Verstehen Sie Mathematik?
– Vollkommen.
– Sprechen Sie fremde Sprachen.
– Ich spreche deren vier.
– Welche?
– Französisch, Deutsch, Englisch und Italienisch.
– Und mit diesen Kenntnissen verzweifeln Sie?
– Ich habe bereits alles versucht, bin aber immer noch auf demselben Flecke.
– Haben Sie die Handlung betrieben?
– Nie.
– Ah, Sie fürchten wohl, sich die Hände an den Stoffen und Registern zu beschmutzen? Sie wollen lieber ein unverstandener Künstler sein, als ein positiver Kaufmann! Glauben Sie mir, junger Mann, es geht nichts über den Handel. Millionen in Bewegung setzen, Schiffe beladen, und gegen Elemente und Zufall spielen, hat einen besonderen Reiz, eine besondere Poesie.
– Sie haben recht.
– Das will ich meinen!
– Und Sie glauben, mein Herr, daß ich Ihnen in etwas nützlich sein könnte?
– Ich glaube es. Mir fehlen Ihre Kenntnisse, und Ihnen fehlt mein Geld. Verschmelzen wir uns, wir werden eine profitable Masse bilden. Tristan rückte Herrn Van-Dick näher.
– Ach, mein Herr, sprach er, Sie verbinden mich unendlich!
Sie nehmen mir einen Platz, sprach lächelnd der Holländer. Tristan zog sich zurück.
– Reden Sie nicht von Verbindlichkeit, wir machen ein Geschäft, und nichts anderes. Ich ärgere mich nicht, Ihnen einen Dienst zu leisten, aber ich freue mich, meinen Vortheil dabei zu finden. Also Sie sprechen Englisch?
– Vollkommen.
– Und Deutsch?
– Ebenso.
– Und Italienisch.
– Wie Manzoni.
– Warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt?
– Es ist glücklicherweise noch Zeit.
– Wie viel wollen Sie für das alles haben?
– Was Sie mir geben.
– Wissen Sie, wozu ich Sie anwenden werde?
– Nein.
– Ich habe Ihnen gesagt, daß ich einen Sohn habe.
– Nun?
– Dieses Kind wird von seiner Mutter angebetet, sie will sich nicht von ihm trennen. Darum bleibt es zu Hause und Sie leiten seine Erziehung Verstanden?
– Vollkommen.
– Dafür biete ich Ihnen tausend Thaler.
– Das ist ein Vermögen.
– Sie leben in meinem Hause, wie ich selbst.
– Sie überschütten mich.
– Kommen Sie von Mailand?
– Ja.
– Sind Sie lange dort gewesen?
– Nein; doch warum fragen Sie mich danach?
– Weil ich bei meiner Durchreise in Mailand einen meiner guten Freunde antraf, einen Arzt, der sich erst kürzlich verheirathet hat. Diesen fragte ich, ob er nicht einen jungen Mann wüßte, der zwei oder drei Sprachen verstände, und da Sie mir sagen, daß Sie Medicin studirt haben, wundere ich mich, daß er Sie nicht kennt, denn er hält sich schon einige Zeit in Mailand auf
– Wie nennt er sich?
– Herr Mametin.
– Der Mann ist mir unbekannt.
– Thut auch nichts zur Sache, da ich Sie kenne. Die Sache ist also abgemacht?
– Ich glaube es wohl.
– Sie wissen nun, wohin Sie gehen.
– Ach, mein Herr, Sie retten mir das Leben!
– Wie kann man in Ihrem Alter verzweifeln wollen! Sie werden Ihre Arbeit haben, das Kind ist verzogen.
– Um so besser!
– A propos!
– Reden Sie.
– Sie gefallen mir außerordentlich, und ich bin erfreut, Ihnen einen Dienst zu leisten, aber —
– Aber?
– Ich bin nicht allein in meinem Hause.
– Haben Sie einen Associé?
– Nein, aber ich habe eine Frau.
– Ich werde alles aufbieten, um Madame Van-Dick zu gefallen.
– Vor allen Dingen richten Sie sich so ein, daß die Ruhe nicht gestört wird.
– Soll geschehen.
– Und wenn meine Frau Sie nicht liebt, so müßten wir uns doch trennen, obgleich es mir viel Vergnügen macht, Sie zu sehen.
– Ich werde alles thun, was sie will.
– Dies ist das Mittel, sich bei ihr beliebt zu machen.
– Halt! dachte Tristan, ich merke, daß Madame Van-Dick für ihren Gatten thut, was dieser für die Umstände: sie unterwirft sich ihm, um ihn zu beherrschen.
Nach dieser kurzen Betrachtung reichte er Herrn Van-Dick beide Hände, welche dieser herzlich drückte.
3
Man denke sich die Freude unseres Freundes! Der Glückswechsel trat nach einem jeden Unglücke mit einer solchen Pünktlichkeit ein, daß er keinen Grund hatte, sich der Verzweiflung preiszugeben, ohne eine Gotteslästerung zu begehen. Die wenigen Worte des Holländers, durch welche seine Lage geändert worden, hatten auch die Natur vor seinen Augen verändert. Tristan fand die Bäume schöner und den Tag strahlender, der Gesang der Vögel, die in dem klaren Aether schwebten, schien ihm melodischer und die Thautropfen, die auf den Grashalmen und Gesträuchen am Wege blitzten, däuchten ihm Diamanten des reinsten Wassers zu sein.
– Ah, Lea, dachte er, Sie glauben, daß ich zu Ihnen zurückkehre! Und Du, meine liebe Frau, Du verheirathest Dich wieder und glaubst vielleicht, ich sterbe vor Gram, wenn ich Deine neue Verbindung erfahre! – O durchaus nicht, es giebt außer Euch noch andere Frauen auf der Erde. Es lebe Gott und die Menschen! Die Welt ist doch schön!
Unser Held empfand eine Freude, sonder Gleichen. Nach einem so abenteuerlichen und bewegten Leben, als er in jüngster Zeit verbracht, mußte ihm die Ruhe, welche ihm in Aussicht stand, wohl enthusiasmieren. Wenn er bedachte, daß er ohne Sorgen, ohne Furcht und ohne Bedauern selbst (denn über seine Frau glaubte er sich getröstet, die seiner Meinung nach des Grämens nicht werth sei, obgleich ihm der Gedanke an die stets das Herz durchschnitt) einem glücklichen Leben entgegenging, daß er künftig in einem bequemen Zimmer, von großen Registern umgeben, ruhig wohnen könne und einer Familie angehöre, welche unter dem Scepter eines ihrer Glieder stets einig sein mußte, so fiel ihm auch nicht im Entferntesten ein, daß das Schicksal die Verwirklichung dieses schönen Traumes hintertreiben könne. Tristan machte schon seine Pläne für die Zukunft: Holland, das er bis zu diesem Augenblicke stets verachtet hatte, schien ihm nun ein reizendes Land zu sein. Alles, was man zum Nachtheile desselben geschrieben und gesprochen, hielt er in diesem Augenblicke für Verläumdung.
Der Holländer, als ob er die einfachste Sache von der Welt abgemacht hätte, stopfte sich ruhig seine Pfeife und zündete sie an, um gänzlich den Schlaf zu vertreiben, der ihm die Augenlider noch schwer machte. Der junge Mann war dergestalt von Neigung und Dankbarkeit zu dem Leinwandhändler durchdrungen, daß er wünschte, es möge irgend Jemand den Herrn Van-Dick in seinem Tabaksvergnügen stören, um ihm bei dieser Gelegenheit seine Dankbarkeit an den Tag legen und diesen Jemand morden zu können.
– Mein bester Herr Van-Dick, sprach er, erlauben Sie mir, daß ich Sie so nennen darf, denn ich fühle mich so zu Ihnen hingezogen, als ob ich Sie schon seit zehn Jahren kenne, seien Sie meines Eifers und meiner vollen Dankbarkeit gewiß.
– Ich glaube Ihnen, mein bester Herr.
– Sehen Sie, ich bin nicht, wie andere Männer; ich schließe selten Freundschaftsbündnisse, aber wenn ich sie schließe, sind sie aufrichtig und fest.
– Um so besser, junger Mann, um so besser! antwortete Herr Van-Dick und blies eine dicke Rauchwolke in die Luft.
– Mit welcher Lust will ich mich der Erziehung Ihres Sohnes unterziehen! Ich liebe ihn jetzt schon, als ob er mein eigenes Kind wäre.
– Um so besser, um so besser!
– Was gedenken Sie aus dem lieben Kleinen zu machen?
– Der Handel, den ich Ihnen so rühmte, ist nur dann angenehm, wenn man ihn betreiben muß, um sich Vermögen zu erwerben. Wenn man aber bereits ein Vermögen besitzt, so verlieren eine Reize unendlich. Da mein Sohn nun bei seiner Großjährigkeit ein Vermögen vorfindet, so möchte ich nicht, daß er wird, was ich bin. Ich will, daß er eine Erziehung genießt, vermöge welcher er im Stande ist, in einem Salon Figur zu machen, ich will, daß er zu einem Zeitvertreib Künstler sein kann, daß er mit einem Worte, wenn auch nicht ein außerordentlicher, doch ein bemerkenswerther Mann werde.
– Das ist wohl gedacht.
– Singen Sie auch?
– Sie werden darüber urtheilen.
– Ich will, daß er zeichne.
– Er wird zeichnen.
– Sie sind ein Universalgenie!
– Wie schon gesagt, besitze ich alle Kenntnisse, die mein Glück gemacht haben würden, wenn ich Vermögen gehabt hätte; das ihres Sohnes werden sie machen, da er einst reich sein wird.
– Erlauben Sie mir, mein Herr, Ihrem Gehalte noch etwas hinzuzufügen.
– Nichts, Herr Van-Dick!
– So schicke ich meinen Sohn in eine Pension.
– Ah, Herr Van-Dick!
– Ich kann Sie nicht aller Ihrer Zeit berauben.
– Sie machen mich aber glücklich, wenn —
– Kurz und bündig – was kann ich thun, um Ihnen einen Gegendienst zu leisten?
– Bewahren Sie mir Ihre Freundschaft, das ist mir der höchste Preis.
– Die haben Sie bereits.
– Dann wünsche ich nichts mehr.
– Nach Belieben, sprach der Holländer und reichte Tristan eine Hand, während die andere aus dem Wagen fuhr und durch Klopfen die Asche aus der Pfeife räumte – nach Belieben, mein Haus ist das Ihrige.
Tristan weinte fast Thränen der Dankbarkeit.
Von diesem Augenblicke an hätte man glauben mögen, daß der Tenor und der Kaufmann sich bereits seit zwanzig Jahren gekannt hätten. Tristan machte jeden Tag merkliche Fortschritte in der Achtung und Freundschaft des Herrn Van-Dick, Während der langen Reise fertigte er Zeichnungen, die der Holländer mit größerem Vergnügen betrachtete, als die kostbaren Bilder, welche seine Zimmer schmückten.
– Reizend, reizend rief Herr Van-Dick, indem er Tristan’s Bleifeder neugierig mit den Augen folgte. Wenn dieser eine Zeichnung begann, so konnte er sich bei den ersten Strichen nicht erklären, wie hieraus ein Bild entstehen könne; trat nun die Landschaft oder die Figur aus dem Chaos der Striche und Schattierungen heraus, dann rief er: Meisterhaft! Bewunderungswürdig!
So passierten sie den Simplon und das Waliserland. Von Villeneuve brachte sie das Dampfboot nach Lausanne, von dort gingen sie nach Neuchatel und Basel und in Straßburg bestiegen sie ein Rheinschiff, das sie nach Rotterdam bringen sollte.
– Holland ist ein schönes Land, sprach Herr Van-Dick; dort werden Sie viel Zeichnungen zu machen haben.
– Soll geschehen.
– Es giebt dort Straßen und Häuser, wie Sie deren nirgend so schön erblicken werden.
– So sind sie gut für das Album der Madame Van-Dick.
– Meine Frau wird Sie anbeten.
– Glauben Sie?
– Ich bin davon überzeugt.
– Dann fürchte ich nichts mehr.
– Nichts auf der Welt.
– Ich muß Ihnen offen bekennen, daß ich nach dem, was Sie mir gesagt haben, zittere, ihr zu mißfallen.
– Ich bürge Ihnen für ihre Freundschaft, denn sie vergöttert die Künstler.
– Singt sie?
– Ich glaube, ja!
– So werde ich Abends mit Madame Van-Dick musiciren.
– Nach Belieben. O mein Haus wird ein wahres Paradies werden!
– Ein Paradies, dessen Gott. Sie sind!
– Mein bester Freund!
– Mein bester Herr Van-Dick!
– Beide gingen Arm in Arm auf der Brücke spazieren. Tristan war der Vertraute, der Unentbehrliche des Herrn Van-Dick geworden, der ihm sein ganzes Leben, von seiner Kindheit bis zu einer Verheirathung erzählt hatte. Ueber diese letzte Epoche war er aber rasch hinweggegangen, er hatte sie nur einfach mit den Worten bezeichnet: »Ich verheirathete mich und seit dieser Zeit bin ich glücklich.«
Die Reise näherte sich indes ihrem Ende.
Eines Morgens um acht Uhr kamen die beiden Freunde zu Thiel an, wo sie frühstückten.
– Diesen Abend sind wir in Amsterdam, sprach Herr Van-Dick, wenn wir uns mit dem Frühstücke beeilen, was ich jedoch für einen Fehler erachte; nehmen wir uns aber Zeit, kommen wir morgen früh dort an. Was meinen Sie?
– Nur Sie haben zu entscheiden, mein bester Herr Van-Dick, denn Sie haben eine Frau, die Sie erwartet.
– Um so mehr Grund, noch ein wenig länger den Junggesellen zu spielen.
– Wie Sie befehlen! Die beiden Männer vollendeten ruhig ihr Frühstück, dann bestellten sie sich drei Plätze in der Diligence und reisten gegen Mittag nach Utrecht ab, wo sie um sieben Uhr ankamen. So gewissenhaft wie sie gefrühstückt, nahmen sie hier das Diner ein.
– Wie werden wir nach Amsterdam kommen? fragte Tristan.
– Per Barke.
– Was nennen Sie eine Barke?
– Eine Art Schiff, das von einem Pferde gezogen wird und ungefähr hundert Personen faßt.
– Und morgen sind wir in Amsterdam?
– Um fünf Uhr Morgens.
Sie reisten ab und waren am andern Tage um besagte Stunde im Hafen von Utrecht.
– Da liegt Amsterdam! sprach Herr Van-Dick mit einer triumphierenden Miene.
– Ich muß gestehen, daß es mir nicht unangenehm ist, diese Stadt näher kennen zu lernen, was ich schon seit langer Zeit gewünscht habe.
– In zwei Stunden werden Sie sie sehen, sprach der Holländer, indem er an das Land stieg.
– Warum nicht sogleich?
– Weil die Thore erst gegen sieben Uhr geöffnet werden.
– Nicht übel! Was beginnen wir bis dahin?
– Ah, es giebt Häuser, die für uns offen sind.
– Wirthshäuser?
– Ja.
– Was machen jene zerlumpten Leute dort?
– Sie warten.
– Auf was?
– Daß die Barke ankomme, um die Koffer der Reisenden zu tragen.
– Die Menschen sehen entsetzlich aus.
– Es sind Juden.
– Man möchte sie für Banditen halten.
– Sie sind es auch.
– Sie bellen wie die Hunde; was verlangen sie?
– Ihre Pakete.
– Wie in Livorno.
– Es ist besser; hier verlangen sie, in Livorno nehmen sie.
– Ganz richtig. Kann man ihnen die Sachen anvertrauen?
– Noch nicht, sie würden dann zwei Stunden Zeit haben, um Sie zu bestehlen; wenn man öffnet, übergiebt man sie ihnen, bis dahin behalten Sie sie bei sich.
– Und wo ist die Höhle, in der sie das Gestohlene verbergen?
– In der Stadt. Ich werde sie Ihnen zeigen, man nennt sie den Judenwinkel.
Unter diesem Gespräche begleitete Herr Van-Dick seine Koffer und überwachte sie mit einem Blick, der durchaus der Ehrlichkeit dessen nicht schmeichelte, der sie auf einem Karren fuhr.
Gegen sieben Uhr wurden die Thore geöffnet und die Menge stürzte heulend in die Straßen der Stadt.
Die Luft war grau und an dem ganzen Himmel von Amsterdam war auch nicht so viel Blaues zu finden, als man nöthig hat, um eine Weste daraus zu fertigen.
– Es ist heute schön, sprach Herr Van-Dick, indem er mit Wollust die Luft des Vaterlandes ein sog.
– Was meinen Sie? fragte Tristan, der glaubte, er habe sich geirrt.
– Ich sage, daß es heute schön ist, antwortete ernsthaft der Kaufmann.
– Teufel, dachte unser Tenor, wie müssen die Tage aussehen, die Herr Van-Dick schlecht findet!
– Jetzt, fuhr der Holländer fort, folgen Sie mir.
Nach diesen Worten bog er in die Utrechter Straße und verfolgte sie bis zur ersten Brücke. Hier wandte er sich rechts. Ohne den Juden, welcher die Sachen fuhr, aus den Augen zu verlieren, klopfte er seinem Begleiter auf die Achsel und sprach:
– Was meinen Sie zu dem Hause, das dort vor uns steht?
– Jenes schöne Haus mit der großen Steintreppe?
– Ja.
– Ein prachtvolles Haus.
– Es ist das unsrige.
– Ich mache Ihnen mein Compliment
– Auch die andere Seite gehört mir, dort liegen die Magazine.
– Ich werde Sie nicht anders mehr als Krösus nennen.
In diesem Augenblicke stieg Herr Van-Dick die Treppe hinauf, die zu der Thür führte und durch einen Balcon, ungefähr vier Fuß von der Erde, mit einer andern Treppe von derselben Form und zu demselben Gebrauche verbunden ward.
Herr Van-Dick klopfte mit starken Schlägen an die Thür.
Eine Frau öffnete.
– Ach, der Herr! rief sie; Madame wird überrascht sein – ich werde es ihr melden.
– Schläft sie noch?
– Ja, Herr.
– So wecke man sie nicht, aber man sorge dafür, daß Punkt elf Uhr das Frühstück bereit sei und gebe diesem Herrn ein Zimmer im zweiten Stockwerk. Wenn Sie schlafen wollen, mein Bester, fuhr Herr Van-Dick fort, geniren Sie sich nicht.
– Was werden Sie thun, mein freundlicher Wirth?
– Ich werde einen Spaziergang durch den Garten machen, mein Journal lesen, meine Pfeife rauchen und das schöne Wetter genießen.
– Erlauben Sie, daß ich Sie begleite?
– Wird mir sehr angenehm sein.
– Nun, dachte Tristan, indem er der rothbackigen, kräftigen Magd folgte, bis auf den weißen Himmel und die schwarzen Straßen scheint Holland ein schönes Land zu sein.
4
Herr Van-Dick zeigte nun unserm Tristan sein ganzes Haus, das, beiläufig gesagt, sehr schön eingerichtet war. Er führte ihn auch in die Magazine, zu denen man über drei Stufen gelangte. Auf der einen Seite grenzten sie an den Prinzen-Kanal, auf der andern an den Garten. Längs dem Garten lief eine Art Corridor hin, der zu dem Bureau führte, das mit Blumen und Vögeln umgeben war.
Waren die Magazine geöffnet, so hielt sich hier der erste Commis auf, von dem der Holländer erzählt hatte.
Der Garten war nicht sehr groß, aber es fanden einige große Bäume darin, deren Laubdach die Strahlen der Sonne jedenfalls verhüllen würden, wenn in Holland die Sonne schiene.
Eine andere Thür, gleichlaufend mit der der Magazine, die sich ebenfalls nach dem Garten zu öffnete, führte in das Haus, das Madame Van-Dick, ihr Sohn und Herr Van-Dick bewohnte und nun auch Tristan bewohnen sollte. Sowohl von der Seite des Kanals als von der des Gartens führte eine Treppe in das erste Stockwerk, das der Herr und die Herrin des Hauses bewohnten. Ein jeder von Beiden hatte ein Zimmer für sich, so daß sie sich nach Belieben trennen oder vereinigen konnten. Neben dem Zimmer der Madame Van-Dick befand sich das des jungen Herrn Van-Dick. Das zweite Stockwerk war für Tristan bestimmt und das dritte bewohnten die Domestiken. Auf demselben Gange, der zu unsers Tenors Zimmer führte, befanden sich zwei andere für besuchende Freunde.
Herr Van-Dick führte Tristan in ein Appartement, zeigte ihm die Einrichtung desselben, öffnete die Fenster und machte ihn auf die Aussicht aufmerksam, die auf der einen Seite nach dem Garten hinausging und auf der andern nach dem Prinzen-Kanal, d. h. nach einer Straße, die an einem ziemlich breiten Kanale hinläuft.
– Hier bietet sich Ihnen stets Zerstreuung, sprach der Kaufmann; Menschen, Barken und Kaufmannsgüter wogen hier in buntem Gedränge.
– Wohin gehen die Kaufmannsgüter?
– Nach allen Weltgegenden. Ein anderes Haus von derselben Wichtigkeit besitze ich auch in Harlem.
– Ein Handlungshaus?
– Allerdings. Da es drei Stunden von hier entfernt ist, dient es mir Sonntags zum Ziele einer Promenade und zum Landhause.
Herr Van-Dick schloß das Fenster. In dem Augenblicke, als er die Treppe wieder hinabsteigen wollte, ließ sich eine Stimme vernehmen, die ihn rief.
– Ah, da kommt mein Sohn! Das Kind warf sich in die Arme des Vaters und grüßte Tristan mit der Verwunderung, mit welcher Kinder unbekannte Personen grüßen, die sie zu grüßen in dem Hause ihres Vaters gezwungen sind.
– Siehst du diesen Herrn? sprach darauf der Holländer zu ihm.
– Ja, Papa.
– Von heute an bleibt er bei uns und von morgen an wirst Du Alles thun, was er Dir sagen wird. Das Kind sah den Vater an, als ob es fragen wollte: warum?
– Weil, antwortete der Papa, dieser Herr mit Deiner Erziehung beauftragt ist.
Die Verwunderung des Knaben verwandelte sich in Schrecken. Tristan bemerkte es und sprach zu ihm:
– Fürchten Sie nichts, mein kleiner Freund, ich bin kein gewöhnlicher Schulmeister, Sie werden mir bald gut sein.
Bei diesen Worten strich er dem Kinde freundschaftlich die blonden Locken. Als es sich von dem ersten Schrecken erholt hatte, sprach es lebhaft zu Herrn Van-Dick:
– Mama ist aufgestanden, ich werde zu ihr gehen und ihr sagen, daß Du angekommen bist!
– Geh, mein Kind!
Der Knabe lief die Treppe zum ersten Stockwerke hinab, wo man ihn mit kindlicher Unbefangenheit die Thür öffnen hörte.
Eine halbe Stunde später lehnten die beiden Männer in der Brüstung eines Fensters, das vom Erdgeschosse nach dem Garten hinausging, plauderten mit einander und betrachteten die Blumen und Bäume. Madame Van-Dick war herabgestiegen und nachdem sie ihren Mann gesucht hatte, trat sie endlich in den Speisesaal, wo sie ihn erblickte.
Die beiden Männer am Fenster hörten sie nicht kommen, so daß sie sich ihrem Manne näherte und ihn auf die Achsel schlug.
– Fast eine Stunde schon suche ich Sie, sprach sie in einem halb spröden, halb süßen Tone, und wäre Tristan nicht zugegen gewesen, den Madame nachlässig grüßte, hätte man das Süße desselben nicht bemerkt.
– Wir sind da, beste Freundin, wir sind da. Ich sprach so eben mit diesem Herrn über unsern Eduard. Herr Tristan, fuhr er fort, indem er auf unsern Freund deutete, ein junger Mann von großem Verdienst, der sich der Erziehung unsers Sohnes unterziehen will.
Madame Van-Dick grüßte noch einmal den neuen Gast, der sich bei der Schmeichelei des Gatten mit großer Bescheidenheit verbeugte und respectvoll den Gruß der Gattin erwiderte.
– Seit vier Tagen erwarten wir Sie schon, fuhr die Dame zu dem Holländer gewendet fort, wir hatten schon Angst um Sie.
– Ach mein Gott, Madame! sprach Tristan, daran trage ich allein die Schuld, denn ich glaube, daß ich Herrn Van-Dick’s Ankunft verzögert habe. Ich allein bin anzuklagen und, einmal angeklagt, reklamiere ich Ihre Huld und Nachsicht, damit ich nicht mit einer traurigen Empfehlung in dieses Haus trete.
– Sie sind begnadigt, mein Herr, sprach Madame Van-Dick mit einem Lächeln, welches Tristan dafür zu danken schien, daß er die Autorität der Frau errathen.
– Um so mehr, meine Liebe, als der Herr sich mit Dir beschäftigte, fuhr der Kaufmann fort.
– Mit mir?
– Ganz gewiß, denn er bringt Dir ein Album voll Zeichnungen mit, die er auf unserer Reise angefertigt hat.
– Mein Herr, ich bin Ihnen unendlich verbunden! Sie werden mir nach dem Frühstück alle die schönen Sachen zeigen, denn für ermüdete Reisende, wie Sie sind, darf das Frühstück nicht zu spät kommen und ich glaube, es ist bereits serviert.
Madame Van-Dick forderte ihren Gemahl und Tristan auf, Platz zu nehmen, die, nach dem Garten hinausblickend, das Auftragen der Speisen nicht bemerkt hatten.
Euphrasia – wir wollen sie so nennen, da wir ihren Namen wissen – Euphrasia zog die Glocke.
Die dicke Magd erschien.
– Man sage Herrn Wilhelm, sprach die Dame, daß wir bei Tische sitzen!
– A propos, wie geht es dem guten Wilhelm?
– Vollkommen wohl.
Herr Wilhelm erschien.
Tristan erhob sich halb von seinem Platze.
– Mein bester Tristan, sprach Herr Van-Dick, ich stelle Ihnen hier Herrn Wilhelm vor, mein zweites Ich im Hause, Herrn Wilhelm, von dem ich Ihnen bereits erzählt habe.
Tristan grüßte Herrn Wilhelm und setzte sich wieder.
Dann stellte Herr Van-Dick Tristan Herrn Wilhelm vor.
Die beiden Männer grüßten sich abermals.
– Und jetzt, da alle sich kennen, frühstücken wir. Euphrasia, die während dieser Zeit ein gebratenes Huhn zerlegt, ließ nun die Assiette, worin sich die Stücke befanden, circulieren. Während alle aßen, prüfte unser Tenor Euphrasia.
Diese war eine Frau, der, man wußte nicht was fehlte, um sie schön nennen zu können. Ihr Gesicht war ein wenig roth und ein wenig gewöhnlich, aber von einer gewissen bürgerlichen Regelmäßigkeit. Der Blick, für Augenblicke sanft, veränderte sich plötzlich bei der geringsten Aufregung und ward gebieterisch; man sah, daß das Sanfte erkünstelt war. Die Stirn Euphrasia’s war zwar hoch, aber schmal und glänzend, und aus dem ganzen Gesichte derselben leuchtete eine eben nicht anständige Freiheit, Unter ihrer gesunden Haut glaubte man den Lauf und das Leben des Blutes wahrnehmen zu können; ihre Arme waren voll, sogenannte schöne Arme, aber nicht zu verwechseln mit wohlgeformten. Die Hände waren dick und geschickt. Hals und Busen trug Madame Van-Dick fast immer über die Gebühr entblößt, ihre Kleidung war geschmacklos und doch schien sie überzeugt zu sein, daß nichts schöner sei, als sie. Eine angeborene, fast brutale Ueppigkeit, ohne Geist und Anstrich, sprach aus ihrer ganzen Person. Sie mochte ungefähr fünfunddreißig Jahre zählen und mußte für einen gewöhnlichen Mann, der sich täuscht und die Hitze des Blutes für Wärme des Herzens nimmt, immer noch eine wünschenswerthe Frau sein. Euphrasia schien sich selbst am meisten zu gefallen, denn sie sah beständig in den Spiegel, der ihr gegenüber an der Wand hing.
Madame Van-Dick gab sich gern ein wichtiges Ansehen und machte alle Welt glauben, sie sei die Seele des Hauses. Wer sie nicht schön fand, wurde von ihr gehaßt und ihr Haß mußte um so gefährlicher werden, als sie darin ohne Verstand handelte. Bei dem kleinsten Complimente, das man ihr machte, bildete sie sich ein, man mache ihr den Hof, und sagte man ihr über ihre Schönheit, ihre Grazie und ihren Geist die größten Schmeicheleien, Schmeicheleien, die fast an Unverschämtheit grenzten, so erreichte man immer noch nicht die Meinung, die sie von sich selbst hegte. Fügt man diesen Eigenschaften noch eine schauerliche Unwissenheit hinzu, so hat man ein ziemlich treues Bild von Madame Van-Dick.
Wie man sieht, war Euphrasia Van-Dick eine Person, an die ein Mann von etwas mehr als gewöhnlicher Bildung nicht denken konnte.
Schon nach Verlauf von zwei Stunden hatte Tristan von allem, was wir hier angedeutet haben, den Beweis und ein leise ausgestoßenes »Hm!« zeigte an, daß seine Wahrnehmungen nicht zu Euphrasia’s Vortheil bei ihm ausgefallen waren.
An der Seite dieser Dame saß Herr Wilhelm. Dieser junge Mann war eben so kräftig als seine Nachbarin, aber eine enge Halsbinde und ein enger Rock mit engen Aermeln hatten ihn dergestalt eingeschnürt, daß man einen steifern Menschen, wie er repräsentierte, nicht leicht sehen konnte. Herr Wilhelm hatte hellblondes Haar, kaum sichtbare Augenbrauen, hellblaue Augen, rothe Backen und rothe Hände. Eine bemerkenswerthe Dosis Geist schien er nicht zu besitzen, er war aber dabei, wie es in der Regel nicht der Fall zu sein pflegt, nicht anmaßend, und sprach kein Wort. Oft hatte er schon den Mund zum Reden geöffnet und Tristan schien, aus Artigkeit, mit großer Aufmerksamkeit auf das zu warten, was der Commis sagen wollte; aber stets ward Herr Wilhelm durch diese Aufmerksamkeit so verwirrt, daß er, um sich zu beschäftigen, ungeheuere Bissen in den halbgeöffneten Mund schob womöglich noch röther im Gesicht wurde und aussah, als ob er weinen wollte. Um ihn zu beruhigen, warf ihm Euphrasia durch den Spiegel einen Blick zu, der sagen sollte: »Sie sind schön und benehmen sich vortrefflich;« aber vergebens, Wilhelm blieb traurig und consterniert wie ein mageres Frauenzimmer, das mit entblößtem Halse dasitzt und um sich herum runde, volle Achseln gewahrt. Uebrigens schien Wilhelm eine gute Natur zu sein und ein zärtliches Herz voll Illusionen zu haben. Man merkte, daß diese Melancholie, die über eine ganze Person ausgegossen lag, von der großen Masse Blut herrührte, die er in den Wangen und in den Händen hatte, denn das Bestreben, diese gemeinen Körperreize durch einen eleganten Umschlag zu verdecken, war nicht zu verkennen. Um die Röthe seines Gesichtes matter zu machen, trug er eine weiße Halsbinde, die aber so fest angelegt war, daß ihm das Blut in die Wangen stieg, und um weniger plump und sanguinisch zu erscheinen, trug er schwarze Kleider, die aber so eng waren, daß er fast die Hände und Beine nicht bewegen konnte.
Wilhelm hatte zwar eine traurigen Augenblicke, er genoß aber auch seine Stunden des Trostes. Madame Van-Dick liebte ihn und liebte ihn schon seit zwei Jahren. Sie waren eins für das andere geschaffen. Sie, als eine wohlgenährte Dame, war voll Bewunderung für diese kräftige, derbe Natur, und Wilhelm, als ein rother Koloß, liebte diese wohlgemästete Taube, die sich seiner Liebe anvertraute.
Der Tag, an dem Tristan in dem Hause erschien, war übrigens einer der traurigsten in dem Leben Wilhelm’s, denn in dem Neuangekommenen erblickte er das Muster des Mannes, den er vorstellen wollte, aber nicht erreichen konnte. So oft Tristan mit der feinen weißen Hand seinen schwarzen Schnurrbart strich oder in seinem vollen schönen Haar wühlte, welches das bleiche, regelmäßige Gesicht umfloß, so oft fühlte sich der arme Wilhelm von Schmerz und Bewunderung durchdrungen. Die schön gefertigte Kleidung Tristans, die er förmlich studierte, erpreßte dem armen jungen Manne tiefe Seufzer. Da er von Herzen gut war, so zählte er darauf, sich in dem neuen Hausgenossen einen Freund zu erwerben und von ihm die Geheimnisse dieser gefälligen Toilette und dieses einschmeichelnden Benehmens zu erlernen. Deshalb auch konnte Tristan sicher sein, so oft er ein Wort sprach, Wilhelms Gesicht lächelnd und bewundernd zu finden.
Die dritte Person war das Kind, das sich durch etwas Besonderes nicht auszeichnete
Nach dem Frühstücke wurden die Zeichnungen in Augenschein genommen. Als Herr Van-Dick zwei oder drei derselben mit angesehen, – er kannte sie nämlich schon alle – begab er sich in sein Bureau, um nachzusehen, was sich in seiner Abwesenheit ereignet hatte.
Madame Van – Dick saß neben Wilhelm, der kleine Eduard legte seinen Kopf vor seine Mutter und Tristan zeigte diesen drei Personen eine Zeichnung nach der andern, ein Frohndienst, der ihm wenig Vergnügen gewährte, aber dazu dienen sollte, ihn in ein gutes Einverständniß mit allen zu setzen.
Euphrasia war entzückt, Wilhelm wie Euphrasia und Eduard wie Wilhelm.
Nachdem alle Bilder angesehen, ward das Album geschlossen. Wilhelm ging in sein Bureau, Euphrasia schickte sich an, nach ihrem Zimmer zu gehen und Eduard lief hinaus, um zu spielen.
Herr Van-Dick erschien wieder und schlug Tristan vor, die Merkwürdigkeiten der Stadt mit ihm in Augenschein zu nehmen. Die Annahme dieses Vorschlages schien unsern Tenor am meisten in die Gunst Euphrasia’s zu setzen, da er sie von ihrem Manne befreite, denn sie empfahl sich mit einer graziösen Verbeugung und einem äußerst freundlichen Lächeln.
Als Tristan an die Thür kam, traf er Herrn Van-Dick, der mit der Magd in einem Gespräche begriffen war. Wie wir bereits gesagt, war diese ein wohlgenährtes, starkes Mädchen, fast Wilhelms Figur, mit schönen schwarzen Augen, schwarzen Haaren und nervigen Armen, mit einem Worte eine Person, welche man als Statue der Freiheit hätte verwenden können.
Herr Van-Dick verließ die Köchin, als er Tristan bemerkte.
– Ich erwartete Sie! sprach er.
– Hier bin ich. Verzeihung, daß ich Sie warten ließ.
Die beiden Männer verließen das Haus.
Gegen fünf Uhr kamen die Spaziergänger zurück.
Das Mittagessen ging vorüber wie das Frühstück, nur wollte es unserm Tristan scheinen, als ob Wilhelm etwas röther und Euphrasia etwas ruhiger sei.
Nach Tische ward ein Spaziergang durch den Garten gemacht, dann nahm Herr Van-Dick Tristan mit sich.
Euphrasia blieb mit Wilhelm allein.
Tristan plauderte lange, denn er wollte die Unterhaltung der beiden Liebenden nicht stören. Nach einer halben Stunde kehrte er in den Saal zurück. Das Kind ward zu Bette geschickt.
Tristan schützte die Anstrengung der Reise vor und bat um die Erlaubniß, sich zurückziehen zu dürfen, eine Erlaubniß, die man ihm gern bewilligte. Euphrasia fuhr fort, gegen ihren Gast liebenswürdig zu sein und fragte nach, ob ein Zimmer, wie sie befohlen, in Ordnung gebracht sei.
Der Tenor stieg die Treppen hinauf und begab sich in sein Zimmer. Nach den gemachten Erfahrungen fand er das Haus schön und angenehm, er versprach sich ein zufriedenes, gemüthliches Leben mit seinen Bewohnern.
– Madame Van-Dick, dachte er, hält sich für sentimental, schön und geistreich; ich werde ihr sagen, daß ich den Werther verehre, werde über den Schwank lachen und ihr den Beinamen Ninon geben. Herr Wilhelm will stets gut gekleidet erscheinen, ich werde ihm seine Kleider auswählen, ihm Sonntags die Halsbinde anlegen und er wird mich vergöttern. Der kleine Eduard ist wild, ich werde ihm das Ballspiel zeigen und ihn »Guter Mond, du gehst so stille« auf dem Piano spielen lehren. Herrn Van-Dick, der mir der beste Mensch von der Welt zu sein scheint, werde ich in einen ausländischen Correspondenzen helfen und werde, wenn es sein muß, für ihn in das Feuer gehen.
Unter diesen Gedanken legte sich Tristan zu Bette, als es acht Uhr schlug.
Er mochte ungefähr vier Stunden geschlafen haben, als er wieder erwachte. Da bemerkte er, daß er vergessen hatte, das Fenster zu schließen, das in den Garten hinausging, denn der frische Nachtwind zog herein. Er stand auf und näherte sich diesem Fenster. Da war es, als ob er in dem Fenster des ersten Stockwerks, das sich unter dem einigen befand, sprechen hörte. Leise steckte er den Kopf hinaus, und da es sehr finster war und er nicht gesehen werden konnte, lauschte er.
In demselben Augenblicke bemerkte er einen Schatten, der eine Leiter an die Mauer des Hauses legte. Gleich darauf sah er eine Hand aus dem Fenster kommen, welche diese Leiter befestigte.
– Kann ich hinaufsteigen? fragte eine Stimme, in der er die Wilhelms erkannte.
– Ja! antwortete eine andere Stimme, in der er die Euphrasia’s erkannte.
– Und Herr Van-Dick?
– Schläft.
– Gewiß?
– Ganz gewiß!
– Da bin ich, mein Engel!
Und der dicke Wilhelm setzte den Fuß auf die erste Sprosse der Leiter, welche unter dem Gewichte laut aufseufzte. Dann gelangte er an das Fenster, stieg hinein, und Tristan hörte nichts mehr.
– Nicht übel! dachte Tristan. Die Balcon-Scene aus Shakespeare’s Romeo und Julia.
Nachdem er das Fenster geschlossen, wollte er sich wieder zu Bette legen, da glaubte er aber auf dem Corridor ein Geräusch zu vernehmen. Er öffnete die Thür seines Zimmers, ging leise bis zur Eingangsthür und legte sein Ohr an das Schlüsselloch.
– Lotte, sprach eine Stimme, in der Tristan die des Herrn Van-Dick erkannte, wo zum Teufel steckst Du denn?
– Hier bin ich!
– Warum entläufst Du mir denn immer?
– Ich fürchte, daß Madame mich hört.
– Meine Frau schläft.
– Gewiß?
– Ganz gewiß!
Die Stimmen entfernten sich und Tristan glaubte wahrzunehmen, daß sie die Treppe hinaufgingen, die zu dem Stockwerke über seinem Zimmer führte.
– Lotte, sprach er leise zu sich selbst, ist das große, dicke Mädchen, das ich heute einige Male gesehen. Nicht übel! Ich befinde mich zwischen zwei Liebschaften. Unter mir Shakespeare, über mir Molière. Im ersten Stockwerke geht der Commis als Romeo zu seiner Herrin, und im dritten schleicht sich Gros-René zur Marinette. Ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich hier wahrnehme, denn von morgen an werde ich das Essen stets ausgezeichnet gut finden, um der Köchin zu schmeicheln, die mir eine der mächtigsten Personen im Hause zu sein scheint. In dem Augenblicke, als es ein Uhr Morgens schlug, kehrte Tristan, vor Kälte zitternd, in sein Zimmer zurück.
5
So oft Tristan am folgenden Tage den dicken Wilhelm oder Herrn Van-Dick sah, regte sich in ihm eine Lachlust, die er kaum zu unterdrücken vermochte. Weder der eine noch der andere dieser beiden Herren verrieth übrigens die geringste Verlegenheit oder auch nur die leiseste Furcht. Als die Stunde des Frühstücks erschien, näherte sich der Commis dem Negocianten und reichte ihm die Hand, welche der Letztere sehr freundlich drückte; dann trat er Euphrasia entgegen und machte eine tiefe respektvolle Verbeugung. Herr Van-Dick wendete in diesem Augenblicke den Kopf nach einer andern Seite und bemerkte es nicht. Zuletzt näherte sich Herr Wilhelm unterm Tristan, der, ihm die Hälfte des Weges ersparend, einige Schritte ihm entgegen machte und seine feine weiße Hand vertraulich in die breite, rothe Hand des jungen Kaufmanns legte.
– Wie befinden Sie sich? fragte dieser und wurde über und über roth wie ein Mensch, der die ersten Worte einer Phrase zu Tage fördert, auf die er sich lange Zeit vorbereitet.
– Gut; und Sie, Herr Wilhelm?
– Danke, vortrefflich! Das Getümmel in dem Kanale hat Sie wohl früh geweckt?
– Ich konnte es nicht hören, da mein Zimmer nach dem Garten hinaus liegt.
Herr Wilhelm wurde roth wie eine Kirche und es bedurfte eines Blickes Euphrasia’s, um ihm die Ruhe wiederzugeben.
Haben Sie Bücher, begann Wilhelm wieder, im Falle Sie gewohnt sind, spät einzuschlafen?
– O, im Gegentheil, antwortete Tristan, der den armen jungen Mann wieder beruhigen wollte, um für die Folge mit ihm auf einem guten Fuße zu bleiben, im Gegentheil, ich schlafe schon früh ein und erfreue mich eines bleiernen Schlafes, aus dem ich erst bei hellem Tage erwache.
Tristan hatte sich nicht getäuscht. Wilhelms Gesichtszüge wurden ruhig und nahmen einen durchaus freundlichen Ausdruck an.
Man setzte sich zu Tische: Wilhelm nahm zwischen Euphrasia und dem Kinde Platz, Tristan zwischen Herrn Van-Dick und Euphrasia.
– Vortreffliche Cotelettes, Madame, sprach Tristan, ich mache Ihnen, Ihrer Köchin wegen, mein Compliment. Es ist zwar erst das zweite Mal, daß ich die Ehre habe, an Ihrem Tische zu sitzen, aber ich muß gestehen, daß ich nie besser gegessen habe.
Indem Tristan dies sagte, warf er verstohlen einen Blick auf Herrn Van-Dick; dieser aber, wahrscheinlich besser an solche Sachen gewöhnt, als sein Commis, fuhr ruhig fort, sein Fleisch zu zerschneiden und mit großem Appetite zu essen.
– In der That, antwortete Euphrasia, unsere Lotte ist eine vortreffliche Köchin, außerdem ist sie treu und ehrlich und dafür steht sie bei meinem Gemahl und mir in großer Gunst.
Wie es Tristan schien, sahen sich Wilhelm und Euphrasia bei diesen Worten lächelnd an, während der Herr des Hauses das Gelbe eines Eies mit der Miene eines raffinierten Gutschmeckers einschlürfte.
– Mein Freund, sprach der Kaufmann zu Tristan nach einer Pause, ich habe Sie um einen Dienst zu bitten.
– Jemehr ich Ihnen nützen kann, antwortete dieser, je mehr werde ich mich glücklich fühlen.
– Hätten Sie wohl die Güte, fuhr der Negociant fort, zwei oder drei Briefe zu schreiben? Madame Van-Dick wird Ihnen Anweisung dazu ertheilen, denn ich muß in Geschäften ausgehen.
– Gern.
– Du weißt, daß an das Haus Schmidt zu Leipzig, Antonini zu Florenz, und William zu London geschrieben werden muß. Sie, lieber Wilhelm, werden die Vallen expedieren. Ich zähle auf Sie.
– Sie können sich auf mich verlassen, Herr Van-Dick.
– Wohin gehst Du heute, mein Freund? fragte Euphrasia und warf einen flüchtigen Blick auf Wilhelm, der zu sagen schien: »Vielleicht sind wir allein.«
Wilhelm blickte auf Tristan, als wollte er sagen: »Und er bleibt.«
Euphrasia beruhigte ihren Geliebten aber durch einen Blick, der Tristan überzeugte, daß sie ihn nicht für fein genug hielt, um ihre Freundschaft mit Wilhelm zu ahnen.
Für dieses Lächeln werde ich mich rächen, dachte unser Freund.
– Ich gehe nach Harlem, antwortete Herr Van-Dick, um dort meine Magazine in Augenschein zu nehmen.
– Es hat sich dort während Ihrer Abwesenheit nichts ereignet, sprach Wilhelm.
– Thut nichts, der Weg dorthin wird eine heilsame Promenade für mich ein. Bis an den Hafen von Harlem gehe ich zu Fuß, dort nehme ich mir einen Wagen und bin gegen Abend zum Diner wieder zurück. Sollte ich um sechs Uhr nicht eingetroffen sein, so setzt Euch immerhin zu Tische. Wir haben die Gewohnheit, auf Niemand zu warten, fügte Herr Van-Dick hinzu, indem er sich zu seinem neuen Gaste wandte, weder auf den Herrn noch auf die Frau vom Hause, noch auf die übrigen Genossen.
– Ich werde es mir merken, antwortete Tristan.
– Und jetzt, geliebte Freundin, verlasse ich Dich.
Der Holländer stand auf, ergriff die Hand seiner Frau und küßte sie auf die Stirn. Wilhelm stieß einen Seufzer, von der Eifersucht erpreßt, aus, während die resignierte Gattin ihm als Belohnung zulächelte.
Herr Van-Dick verließ das Zimmer.
Tristan, der wegen der Briefe, die er schreiben sollte, nähere Auskunft wünschte, begleitete ihn bis zur Thür. Hier angelangt, blieb Herr Van-Dick stehen, stieß die Thür der Küche auf und sprach zu der Köchin:
– Um sechs Uhr, mein Kind, vergiß es nicht.
– Nein, Herr, sprach das dicke Mädchen mit den großen schwarzen Augen, Sie können außer Sorgen sein.
Herr Van-Dick wechselte ein vertrauliches Lächeln mit ihr, das heißt, er lächelte nicht wie ein Herr vom Hause, welcher bei seiner Köchin das Mittagessen bestellt. Dann drückte er Tristan noch einmal die Hand und verließ das Haus, nachdem er sich eine Cigarre angezündet hatte.
– Mein Herr, rief Lotte, als Tristan sich entfernen wollte, mein Herr!
Tristan blieb stehen.
– Was wünschen Sie, mein Kind, sprach er und gab der Köchin denselben Titel, welchen ihr Herr Van-Dick gegeben hatte.
– Mein Herr, fuhr Lotte fort, indem sie sich dem Gerufenen näherte, wenn Sie in Frankreich vielleicht anders gewohnt sind zu speisen, als hier, so genieren Sie sich nicht.
– Danke!
– Wenn Sie Morgens vor elf Uhr eine Tasse Milch, Kaffee, Chocolade oder eine gebratene Taube und eine Flasche Bordeaux genießen wollen, so sagen Sie es mir, ich bringe es Ihnen auf Ihr Zimmer.
– Danke, danke!
– Sollten Sie einmal Appetit bekommen, so sagen Sie es mir, ich werde für Sie sorgen. Sie brauchen sich an keinen andern im Hause zu wenden, der Herr hat es mir anbefohlen.
Die Köchin zog sich in ihre Küche zurück, wo sie wie eine unbeschränkte Königin waltete, eine Freiheit, die ihr die Freundschaft des Hausherrn zugesichert.
Tristan trat in dem Augenblicke wieder in das Zimmer, als Wilhelm sich anschickte, von Euphrasia Abschied zu nehmen, die sich mit Sticken beschäftigte.
– Ich erwartete Sie, sprach Madame Van-Dick.
Tristan verbeugte sich.
– Und ich verlasse. Sie, sprach Wilhelm, um in mein Bureau zurückzukehren. Wilhelm empfahl sich und ging.
– Ein charmanter junger Mann, sprach Tristan.
– Es ist wahr! antwortete Euphrasia, leise erröthend.
– Während der Reise hat Herr Van-Dick mir viel Gutes von dem jungen Manne gesagt, und ich muß bekennen, daß sich Alles bestätigt.
– Es ist ein zuverlässiger, biederer Mensch, dem mein Mann sein ganzes Vertrauen schenkt.
– Man sieht es ihm an, er hat ein freies, offenes und dabei interessantes Gesicht.
Um den Schein zu meiden, als ob er mit Fleiß die Eigenschaften des jungen Handlungsbeflissenen rühmte, gab er dem Gespräche eine andere Wendung.
– Hätten Sie wohl die Güte, Madame, und sagten mir, in welchem Sinne ich die Briefe an die Herren Schmidt, Antonini und William zu schreiben habe?
Euphrasia erwachte aus einer leichten Träumerei, in welche sie die Complimente Tristans über Wilhelm versenkt hatten, und indem sie einen dankenden Blick auf unsern Helden warf, sprach sie:
– Ach, Verzeihung, ich bin so zerstreut, daß ich diese Briefe vergessen hatte.
Sie fand auf und ging in das Zimmer ihres Mannes, um einige Papiere zu holen.
– Es ist unbezweifelt, sprach Tristan bei sich selbst, sie liebt ihren Wilhelm leidenschaftlich.
Da es ihm sehr gleichgültig sein konnte, ob sie den wohlgenährten Kaufmannsdiener liebte oder nicht, betrachtete er, um die Pause bis zu Euphrasia’s Rückkehr auszufüllen, die Stickerei, mit der sie beschäftigt war.
– Hier sind die Briefe, sprach Madame eintretend, die zu beantworten sind. Mein Mann ist bereit, die verlangten Lieferungen zu machen, er erwartet nur einen Avis-Brief, um sie zu expedieren.
– Ist außerdem noch etwas zu bemerken?
– Nichts. Tristan ergriff Papier, Feder und Dinte, setzte sich an den Tisch und schickte sich an, zu schreiben.
In diesem Augenblicke warf Madame Van-Dick Wilhelm, der in seinem Bureau neben dem Fenster saß, einen langen, zärtlichen Blick zu. Beide konnten miteinander correspondieren, wenn auch nicht durch Worte, doch durch Winke.
Tristan that, als ob er nichts merkte, und vollendete ruhig seine Arbeit. Nach kurzer Zeit war er damit fertig, dann las er den Inhalt der Briefe Madame Van-Dick französisch vor.
– Vortrefflich, sprach sie, Sie befreien meinen Mann von einer großen Last, wenn Sie ihm öfter den Dienst leisten, den Sie ihm heute geleistet haben.
Und diese Frau, anmaßend bis zur Lächerlichkeit, begleitete diese so einfache Phrase mit einem Blicke, den die Augen in der Regel für die Ergießungen des Herzens auf bewahren.
Tristan, der sich nach und nach den Gewohnheiten dieser Dame fügte, fiel dieser Redeton weiter nicht auf, er dankte ganz einfach, ohne ihm eine Bedeutung unterzulegen.
– Kann ich Ihnen noch in etwas nützlich sein? fragte er.
– Nein; alles, was Sie für heute thun konnten, haben Sie gethan. Wollen Sie mich schon verlassen?
Diesen Satz sprach Euphrasia in einem Tone, in welchem eine andere gesagt haben würde: »Ich fühle, daß ich sterben muß!«
– O nein, Madame; ich würde mich sogar sehr glücklich preisen, wenn ich Ihnen ferner noch Gesellschaft leisten darf.
– Sehr verbunden!
Ein Lächeln der Dankbarkeit umschwebte die Lippen der Madame Van-Dick.
– Erzählen Sie mir doch, Herr Tristan, fuhr sie fort, wie Sie die Bekanntschaft meines Mannes gemacht haben.
Tristan erzählte.
– Es giebt doch sonderbare Zufälle, sprach sie dann nach der Erzählung.
– In der That, entgegnete Tristan, einen Seufzer ausstoßend, wie hätte ich denken können, daß ich nach Holland kommen und der Gast eines so freundlichen, wohlwollenden Hauses werden würde!
Um Euphrasia zu schmeicheln, stieß Tristan einen zweiten Seufzer aus.
– Herr Van-Dick hat mir gesagt, daß Sie ihm gleich gefallen hätten.
– Und ich, Madame, muß gestehen, daß mich eine unerklärliche Sympathie an ihn fesselt.
– Er ist auch ein vortrefflicher Mann, nicht wahr?
– Ja, Madame, eine auserlesene Natur!
– Herr Tristan, ich fühle mich so zu Ihnen hingezogen, als ob Sie bereits einer meiner ältesten Freunde wären; darum kann ich Ihnen gestehen, daß, obgleich Herr Van-Dick ein höchst achtbarer Mann ist, ich doch nicht immer glücklich mit ihm gewesen bin.
– Ist es möglich, Madame! rief unser Tenor mit einer Miene, die Ueberraschung, Erstaunen und Mitleiden zugleich ausdrückte.
– Was ich sagte, Herr Tristan, ist die reine, traurige Wahrheit. Herr Van-Dick ist ein Mann des Handels, ein Mann, der wohl eine Frau von vierzig Jahren glücklich machen konnte, aber nicht ein junges Mädchen von sechzehn Jahren, wie ich war, als ich ihn heirathete.
– Wie, Madame, rief Tristan, Sie sind schon sechsundzwanzig Jahre alt? Sie scheinen kaum zweiundzwanzig zu zählen! Als ich den großen Knaben sah, der dort im Garten spielt, wollte ich nicht glauben, daß er Ihr Sohn sei; ich hätte wetten mögen, daß er Ihr Bruder wäre.
– O Sie Schmeichler, sprach sie erröthend, der Franzose ist in Ihnen nicht zu verkennen!
– Ich ein Schmeichler, Madame? O Sie scheinen mich nicht zu kennen!
– Ich weiß genau, wie alt ich bin, weiß auch, daß ich nicht nur sechsundzwanzig Jahre alt scheine, sondern dreißig Jahre.
– Sie scherzen, Madame!
– O nein! Ich habe sehr viel gelitten! Alle die Seufzer, die Madame Van-Dick bis jetzt ausgestoßen hatte, waren nichts gegen den, den sie bei diesen Worten ausstieß.
»Wenn das so fort geht, dachte Tristan, wird mein Aufenthalt in diesem Hause nicht immer der angenehmste sein.«
– Sie haben gelitten? Welcher Dämon, eifersüchtig auf Ihre Schönheit,ist im Stande gewesen, den Blumen Ihrer Bahn und den Tagen Ihres Lebens Duft und Glanz zu rauben?
Tristan biß die Lippen zusammen, ein gewöhnliches Mittel, sich des Lachens zu erwehren.
– Sie zweifeln, weil Sie meiner äußern Ruhe glauben, ohne in das Innere zu blicken.
– Verzeihen Sie mir diese Reflexion, Madame; aber worin hätten Sie unglücklich gewesen sein können? Ihr Gemahl liebt Sie, Ihr Sohn betet Sie an; Sie sind jung, reich, schön, die Männer müssen Sie bewundern, oder sie haben keine Augen, und die Frauen müssen Sie beneiden, oder sie haben keine Eigenliebe mehr. Was wünschen Sie noch mehr?
– Rechnen Sie für nichts, mein Herr, wenn man die Träume seines Lebens nach und nach hat verschwinden gesehen? Ach, ihr Mädchenträume, wo seid ihr hin?
Nachdem Euphrasia wehmüthig gen Himmel geblickt, ließ sie das Haupt melancholisch auf den vollen Busen herabsinken, was in der ganzen Welt ein Zeichen tiefer Trauer ist.
– Welch’ ein lächerliches, unangenehmes Weib! dachte Tristan. Hätte mir ihr Mann dies Alles vorhergesagt, ich weiß nicht, ob ich ihm gefolgt wäre. Armer Wilhelm!
– Haben Sie je geliebt, Herr Tristan? fragte Euphrasia nach einer Pause.
– O ja, Madame.
– Oft?
– Nur einmal.
Madame Van-Dick schien den jungen Mann mit Bewunderung zu betrachten.
– Ach, es muß doch schön sein, nur einmal geliebt zu haben! Und sind Sie von ihr wiedergeliebt, Herr Tristan?
– Ich glaube, ja.
– Und jetzt?
– Jetzt ist sie todt.
– Armer junger Mann!
Eine gehorsame Thräne glänzte in den Augen Euphrasia’s.
– War es vielleicht ein junges Mädchen, das Sie entführt haben? fragte Madame Van-Dick weiter, die hoffte etwas von dem Roman aus Tristans Leben kennen zu lernen.
– Nein, Madame, es war meine Frau.
– Ihre Frau?
– Ja.
– Sie liebten Ihre Frau! So giebt es in der Welt doch verheirathete Männer, welche ihre Frauen lieben.
– Sie sollten doch weniger als irgend Jemand daran zweifeln, denn Ihr Mann betet sie an.
Madame Van-Dick senkte den Kopf.
– Bevor Sie Ihre Frau heiratheten, Herr Tristan machten Sie ihr den Hof, nicht wahr?
– Gewiß.
– Abends gingen Sie in dunkeln, einsamen Alleen mit ihr spazieren?
– Ja.
– Sie drückte Ihnen die Hand und Nachts träumte einer von dem andern?
– Ganz recht.
– Leider!
Ein Seufzer ertönte.
– Haben Sie dieses Glück, Madame, das Sie mir so genau beschreiben, nicht auch empfunden?
– Nein, dieses Glück ist ein Traum, der bis jetzt noch nicht in Erfüllung gegangen.
»Ein Satz, dachte Tristan, der für Herrn Wilhelm nicht sehr schmeichelhaft ist.«
– Aber für dieses Glück, das Sie bedauern nicht genossen zu haben, fügte er laut hinzu, genossen Sie das häusliche Glück, Familienfreuden und die Annehmlichkeiten des Reichthums. Und wenn Ihre Vergangenheit – in Ihrem Alter, Madame, hat man übrigens noch keine Vergangenheit – wenn Ihre Vergangenheit ohne Leidenschaft war, das heißt, ohne Sturm, ist ihre Zukunft ohne Unruhe. In Ihrem Leben, dessen Tage ruhig dahinflossen, bildet sich am Morgen stets derselbe reine, klare Horizont, der am Abend verschwand. Da Sie nur von Liebe geträumt, haben Sie nie Enttäuschung, Sehnsucht und Verlangen kennen gelernt. Hätte ich, Madame, der ich in demselben Alter stehe, wie Sie, zwischen Ihrem Glücke und dem meinigen zu wählen, ich gäbe dem Ihrigen den Vorzug, denn Sie glauben noch, ich aber glaube nicht mehr.
– Und doch wäre ich glücklich gewesen, rief Euphrasia in erkünstelter Exaltation, hätte ich anstatt eines so materiellen Ehemannes einen liebenden Gatten gefunden, wie Sie sind! Sie scheinen mir einer von den Männern zu sein, die aus tiefem Herzen lieben.
– Holla! dachte Tristan, als er die Blicke bemerkte, mit welchen Euphrasia diese Worte begleitete. Madame Van-Dick hat Lust, den Herrn Wilhelm zu hintergehen.
– Es ist wahr, Madame, fuhr er laut fort, ich liebte aus tiefem Herzen; aber eine solche Liebe, wie ich sie empfand, verbrennt das Herz und läßt nur einen Haufen Asche zurück, unter dem auch nicht ein Fünkchen Feuer mehr glimmt.
Tristan hielt diesen albernen Satz, den er mit einer wahren Zerknirschung gesprochen hatte, für geeignet, Euphrasia in Bezug auf sich vollkommen aufzuklären, im Fall sie sich geneigt fühlen sollte, ihn mit jener Leidenschaft zu beehren, welche sie bedauerte, nicht empfunden zu haben.
Euphrasia fuhr fort, sich mit ihrer Stickerei zu beschäftigen, ihre Blicke aber, anstatt wie früher nach Wilhelms Bureau hinüberzuschweifen, richteten sich verstohlen auf Tristan, der mit einer Feder auf einem Stück Papier zeichnete, das vor ihm liegen geblieben war.
– Was machen Sie da, Herr Tristan? fragte Euphrasia.
– Ich zeichne die Parthie des Gartens, in welcher sich jenes alte Haus erhebt, das viel Charakter hat.
– Ich muß Sie um etwas bitten, Herr Tristan.
– Reden Sie, Madame.
– Ich möchte, daß Sie mir mein Portrait machten.
– Mit Vergnügen, Madame, und selbst mit großer Dankbarkeit, denn ein Maler ist stolz und glücklich, ein schönes Gesicht geschaffen zu haben.
– Sie sind sehr gütig. So willigen Sie also ein?
– Jetzt fordere ich es sogar.
– Sie sind sehr liebenswürdig. Bei diesen Worten reichte Euphrasia dem Tenor ihre große Hand, welche dieser an seine Lippen drückte.
– Die Sache ist also abgemacht. Von heute an bin ich zu Ihrem Dienste bereit.
– Morgen also?
– Wie es Ihnen beliebt.
– Ich bitte jedoch, die Sache geheim zu halten.
– Vor Herrn Van-Dick?
– Vor aller Welt.
– Es soll niemand etwas davon erfahren.
– Es wird ein Miniaturgemälde, nicht wahr?
– Ja, Madame, eines von jenen Gemälden, antwortete Tristan betonend, welche aus einer Hand in die andere gehen, ohne daß man es bemerkt, und das ganze Leben hindurch auf dem Herzen ruhen können, ohne daß man sie dort vermuthet.
– Ach ja, ein solches Portrait wünsche ich mir.
Euphrasia warf einen Blick durch das Fenster nach Wilhelm hinüber, der sagen sollte: »Ich beschäftige mich mit Ihnen.«
Tristan erhob sich.
– Wie, Sie stehen auf? rief Madame Van-Dick in einem Tone, mit dem sie eben so gut hätte sagen können: »Wie, Ihre Mutter ist gestorben?«
– Ja, Madame.
– Wollen Sie ausgehen?
– Nein; ich will zu Ihrem Herrn Sohne gehen, um ihm heute den ersten Unterricht zu ertheilen.
– Um zu dem Sohne zu gehen, verlassen Sie die Mutter?
– Ich muß, Madame.
– So gehen Sie denn; sobald aber der Unterricht beendet ist, kehren Sie zurück, um ein wenig mit mir zu plaudern.
– Wenn Sie erlauben —
– Ich befehle es!
Madame Van-Dick reichte Tristan abermals ihre Hand. Der junge Mann schritt der Thür zu, und als er sie im Rücken hatte, stieß er einen Seufzer aus, der über seine Freude, endlich frei zu sein, keinen Zweifel übrig ließ.
Euphrasia nahm ihren Platz am Fenster wieder ein und fuhr zu arbeiten fort. Wilhelms Gesicht strahlte vor Freude, als er bemerkte, daß sie sich mit ihm allein beschäftigte, denn ein Blick und ein Lächeln folgte dem andern.
Tristan führte den Knaben auf sein Zimmer und ließ ihn sich mit dem Rücken dem Fenster zu setzen, so daß er den Blickwechsel Wilhelms und Euphrasia’s beobachten konnte, der, seit sich Madame Van-Dick unbeobachtet glaubte, immer sentimentaler wurde. Der Extenor prüfte nun einen Schüler und nahm mit Schrecken wahr, daß er noch nicht einmal die Anfangsgründe des Lesens und Schreibens wußte. Der Lehrer seufzte tief auf, als er des Horizontes gedachte, der sich vor ihm entrollte. Er tröstete sich jedoch damit, daß aller Anfang schwer sei, und daß das Haus am Prinzen-Kanal ihm vielleicht weniger unangenehm sein würde, wenn er sich an die Koketterien der Mutter und an die Unwissenheit des Sohnes gewöhnt hatte.
Es schien indeß, als zöge Tristan das zweite Uebel dem ersten vor, denn anstatt zu Madame Van-Dick zurückzukehren und ihrem Geschwätze zu lauschen, blieb er bis zum Diner in seinem Zimmer und hörte die Dummheiten des Herrn Eduard an.
Herr Van-Dick kam zurück, wie er versprochen. So lange man bei Tische saß, hatte Tristan das Vergnügen, zu sehen, daß Wilhelm Euphrasia betrachtete, wie Paul seine Virginie.
Wie schon gesagt, schien Wilhelm für Tristan eine besondere Zuneigung zu hegen. Anstatt, wie es bei gemeinen Seelen in der Regel der Fall ist, von der Bewunderung zum Neide überzugehen, entstand in ihm der Wunsch, mit seinem neuen Genossen, ein aufrichtiges Freundschaftsverhältniß zu schließen, denn er hoffte von ihm die Sitten und Manieren zu erlernen, welche Tristan in seinen Augen vor so vielen Männern auszeichneten. Dieser hatte Wilhelms Wunsch auch bald erkannt und war nicht abgeneigt, ihn nach Kräften zu erfüllen. Unglücklicherweise war der Handlungsbeflissene aber so schüchtern, daß er es nicht wagte, sich dem jungen Manne ganz zu entdecken. Tristan mußte demnach seine Gefühle aus den Blicken und dem Lächeln lesen, die, beiläufig gesagt, über sein Wohlwollen keinen Zweifel, obwalten ließen.
Auf diese Weise war Tristan Euphrasia’s wirklicher Rival geworden. Wilhelm betrachtete seine Herrin mit Liebe, unsern Tristan aber mit Bewunderung. Der Schönheit der Geliebten widmete er sein Herz, die Augen aber der Toilette seines Freundes. Jeden Morgen, wenn Tristan erschien, eilte Wilhelm ihm entgegen, und trug Tristan eine andere Cravatte oder eine andere Weste als Abends zuvor, so sah ihn Wilhelm an, wie ein geheilter Blinder den Tag ansieht.
– Ach, Herr Tristan, rief er dann aus, was für eine reizende Cravatte tragen Sie heute!
– Herr Wilhelm, antwortete Tristan, ich besitze zwei Stück von dieser Sorte, darf ich mir erlauben, Ihnen eine davon anzubieten?
– Ich weiß nicht, ob ich darf – —
– Nehmen Sie, sprach Tristan, es sind Sachen, die aus Frankreich kommen und die Sie hier nicht vorfinden würden.
Wilhelm erschöpfte sich in Danksagungen und Tristan wollte nicht nur, daß der Commis die Cravatte annahm, sondern er band sie ihm auch um, und solche Tage waren für Wilhelm die glücklichsten. Unser Holländer war dabei aber ein sehr delicater Jüngling, er wollte durchaus nicht nehmen, ohne dafür zu geben; stets machte er Tristan in derselben Art Gegengeschenke.
Auf diese Weise bildete sich zwischen den beiden jungen Leuten bald ein Verhältniß, wie Wilhelm es gewünscht Tristan, der anfangs kaum das Lachen unterdrücken konnte, wenn der Commis den Mund öffnete, um zu reden, aber kein Wort hervorzubringen wagte, hörte ihm jetzt mit Vergnügen zu, denn Wilhelms Schüchternheit war einer freundlichen Offenheit gewichen und er entwickelte nicht nur Geist in seiner Unterhaltung, sondern auch einen nicht unbedeutenden Schatz von Kenntnissen.
Durch diese neue Entdeckung ward das freundschaftliche Band, das die beiden jungen Männer umschlang noch fester geknüpft und mit jedem Tage verstanden sei sich einander mehr. Hatte einer den andern um etwas zu bitten, so konnte er sich der Gewährung stets versichert halten.
Man muß aber hieraus nicht schließen, daß Wilhelm und Tristan unzertrennlich waren. O durchaus nicht! sahen sich täglich kaum zwei Stunden, aber ihr Umgang war ein herzlicher, und so oft sie sich sahen, waren sie glücklich.
Wie kommt es aber, wird der Leser fragen, da Wilhelm ein wackerer junger Mann ist, daß er den Mann, von dem er abhängt, betrügt, indem er der Liebhaber seiner Frau ist?
Antwort:
Ein Ehemann wird nur dann betrogen, wenn er an die Liebe seiner Frau glaubt, wenn er diese Frau liebt und nicht weiß, daß sie einen andern liebt. Und wer hat Ihnen gesagt, daß Herr Van-Dick zu dieser Gattung Ehemänner gehört?
6
In der Liebe des jungen Handlungsdieners zu der Frau des Leinwandhändlers lag so viel jugendliche Unbefangenheit, ja selbst so viel offenes Vertrauen, daß diese Liaison, die unserm Tristan anfangs lächerlich erschien, ihm endlich eine gewisse Achtung einflößte, und anstatt sich darüber lustig zu machen, schloß er sich seinem Freunde um so inniger an. Außerdem schien auch der Frieden des Hauses auf dieser Liebe zu beruhen, denn herrschte eine völlige Harmonie. Herr Van-Dick, der vielleicht ärgerliche Auftritte fürchtete, fand alles gut, was die Köchin that, und diese that, was sie wollte; Euphrasia, welche ihre Gründe hatte, ihren Mann mit Schonung zu behandeln, billigte alles, was Herr Van-Dick that; Wilhelm, der nur Augen und Sinn für seine Geliebte hatte, fand alles vortrefflich, was diese that, und Tristan, der aller bedurfte, lobte die Küche der Köchin, bewunderte die Speculationen des Gatten, lächelte über die witzigen Einfälle der Gattin und verehrte die Gutherzigkeit des Liebhabers.
Er war indeß nicht selten gezwungen, Zerstreuung außer dem Hause zu suchen, denn in dem Hause hatte er weder eine Bekanntschaft, noch eine Liebe, und wenn Herr Van-Dick in der Küche und Wilhelm im Saale war, blieb ihm nichts weiter übrig, als mit Monsieur Eduard eine Gruppe für sich zu bilden, und Monsieur Eduard war eine ungezogene Range.
Tristan hatte weder das Alter, noch den Charakter und die Erziehung, um lange Zeit dieses einförmige Leben zu ertragen, es mußte ihm ein Ersatz, in Gestalt einer Frau, von außen her kommen, aber in einer wahrhaften Frau, die ihn an Louise, an Henriette und Lea zugleich erinnerte. Dieser Gedanke stieg in ihm auf, während er an dem Portrait der Madame Van-Dick arbeitete, und als die Augen, welche jenen unfühlbaren Punkt suchten, auf den sein Sinnen gerichtet war, zufällig auf Wilhelm und Euphrasia fielen, die, wenn sie sich mit den Händen nicht erreichen konnten, sich durch Blicke näherten, da beneidete er die glückliche Natur dieses Handlungsdieners, der sich glücklich pries, ein so lächerliches Geschöpf als Madame Van-Dick zur Geliebten zu haben.
Es läßt sich leicht denken, daß die Stellung, welche Euphrasia für ihr Miniaturgemälde suchte, keine unbedeutende Sache war. So verlangte sie, der Maler solle ihr die von allen Jungfrauen Raphael’s angeben, denn in einer solchen wollte sie sich stets den Blicken Wilhelms zeigen. Unser Freund hatte große Mühe, ihr dies auszureden und begreiflich zu machen, daß die Jungfrauen Raphael’s das heilige Kind neben sich hätten und daß sie doch unmöglich Monsieur Eduard auf ihr Knie nehmen könne, um der heiligen Jungfrau zu gleichen.
Die gute Madame Van-Dick bequemte sich endlich, eine Stellung aus dem neunzehnten Jahrhundert in einem zeitgemäßen Kleide zu nehmen und ergab sich darein, sich mit Blumen in dem gelockten Haare, mit entblößtem Busen, nackten Armen, feuchtem Blicke und melancholischem Lächeln malen zu lassen.
Als alles vorbereitet, setzte sich Tristan an die Arbeit. Eine lange Pause trat ein. Tristan richtete nur dann seine Blicke auf Euphrasia, wenn es nöthig war; sobald diese aber auf der Zeichnung ruheten, drängte sich ihm der Gedanke an die Vergangenheit auf. Ein tiefer Seufzer entquoll seiner Brust, als er sie mit der Gegenwart, das heißt mit Euphrasia, verglich.
– Was fehlt Ihnen, Herr Tristan? fragte diese, Sie scheinen mir traurig zu sein?
Bei dem Aussprechen dieser Worte kniff die Holländerin ihre Lippen dicht zusammen, um den Maler auch nicht einen Augenblick glauben zu machen, sie habe einen großen Mund, und daher kam es, daß die Frage in einem zischenden Tone zu Tage gefördert wurde.
Tristan, der sah, daß sich Euphrasia Mühe gab, so zu sprechen, und nicht dafür bürgen konnte, bei der nächsten Frage sein Lachen zu unterdrücken, antwortete:
– O, es ist nicht nöthig, Madame, daß Sie sich geniren, wenn Sie sprechen wollen. Wenn Sie Ihre Stellung beibehalten, kann ich auch im Gespräche arbeiten, es wird alles gut werden. Euphrasia erröthete ein wenig bei der Bemerkung des Malers, dann aber antwortete sie mit einer unendlichen Grazie:
– Alles das giebt mir indeß den Grund Ihres Seufzers nicht an. Was fehlt Ihnen? Schenken Sie mir Ihr Vertrauen, und haben Sie Kummer, so theilen Sie ihn mir mit. Es giebt gewisse moralische Wunden, die wir Frauen besser zu verbinden verstehen, als die größten Philosophen.
Obgleich diese Phrase eine ganz gewöhnliche war, so mußte Tristan dennoch darüber staunen und mehr noch über den Ausdruck, in welchem sie gesprochen wurde.
»Sollte Madame Van-Dick bei allen ihren Lächerlichkeiten dennoch Herz besitzen?« dachte der Maler, und um sie für diese Entdeckung zu belohnen, antwortete er Euphrasia, wie er einer andern Frau geantwortet haben, würde:
– Ich bin in der That traurig, Madame, weil mich der Anblick des Glücks, dessen sich alle hier zu erfreuen haben, und vorzüglich Sie, an meine verlassene Stellung in der Welt erinnert. Und wenn ich bedenke, daß ich Sie, so schön und liebenswürdig, jetzt male, so sagt mir eine Stimme, der Maler und sein Original bereiten jemandem ein Glück, das mir niemand geben wird. Ja, Madame, ich bin traurig wenn ich in Ihr jugendlich schönes Antlitz blicke, weil ich mich eines entschwundenen Schattens erinnere, der fast so schön war, als Sie!
Die Worte »fast so schön als Sie« brachte auf die eitle Madame Van-Dick einen solchen Eindruck hervor, daß sie vor Freude hochroth wurde.
– Ach nein, antwortete sie sich zierend, ich bin nicht schöner, Sie treiben Scherz mit mir. Ich bin fest überzeugt, daß die am wenigsten schöne von den Frauen, die Sie geliebt – ich setze voraus, daß Sie mehrere geliebt haben – immer noch schöner war, als ich bin; aber die Reize des Gesichts wiegen die Eigenschaften des Herzens nicht auf und aufrichtige Freundschaft ist wohl im Stande, Liebeskummer zu mildern.
– Haben Sie Ihre Mutter noch? fragte theilnehmend Euphrasia nach einer kleinen Pause.
– Nein, Madame.
– Keinen Bruder, keine Schwester?
– Nein.
– Ueberhaupt keine Familie?
– Nein, antwortete Tristan traurig, der durch diese Fragen an seine Einsamkeit erinnert wurde.
– Armer junger Mann! Ich werde mich bemühen, Sie hier finden zu lassen, was Ihnen fehlt. Herr Van-Dick wird Ihnen Bruder, ich Ihnen Schwester sein. Wollen Sie es?
– Ach, wie dankbar würde ich es annehmen, wenn ich nicht fürchten müßte, Ihnen Mühe zu verursachen und einem Dritten die glücklichen Augenblicke zu rauben, die Sie mir vielleicht in Zukunft widmen würden.
– Welchen Dritten meinen Sie, mein bester Tristan? fragte Euphrasia erstaunt.
– Ich meine den, dem dieses Portrait bestimmt ist.
– Und für wen glauben Sie?
– Darf ich alles sagen, was ich denke?
– Reden Sie!
– Für Herrn Wilhelm.
– Gut! Darf ich Sie um eine Gefälligkeit bitten, Herr Tristan?
– Bitten Sie.
– Sagen Sie Herrn Wilhelm nichts von diesem Portrait.
– Wollen Sie ihm eine Ueberraschung bereiten?
– Nein, fuhr Euphrasia erröthend fort; dieses Portrait ist nicht für ihn.
– Und wem haben Sie es bestimmt? Sie sehen, Madame, sprach Tristan weiter, daß ich ein aufdringlicher Freund bin. Noch ist es Zeit, Ihr Versprechen, mir Schwester sein zu wollen, zurückzunehmen, wenn Sie finden, daß ich zu viel fordere.
Euphrasia sah Tristan scharf an, um zu erforschen, ob sie ihm die Wahrheit sagen dürfe. Da es ihr schien, als ob der Maler sie freundlich und verlangend ansah, antwortete sie:
– Dieses Portrait ist für – — Nein, ist es vollendet, werde ich Sie selbst bitten, es der Person zu überreichen, der es bestimmt ist.
– Nach Ihrem Gefallen, sprach Tristan lächelnd. Dieser Auftrag wird mir das Geheimniß ersetzen. Doch, fügte er hinzu, wir haben so eifrig geplaudert, daß wir das Nahen des Abends nicht bemerkten. Wenn es Ihnen recht ist, beginnen wir morgen wieder.
Euphrasia stand auf, trat hinter Tristan und betrachtete, das Haupt über seine Schulter geneigt, das Portrait.
– Schmeichler, sprach sie sich zierend, ich bin nicht so schön, als Sie mich malen.
– Madame, antwortete Tristan, dort ist ein Spiegel, vergleichen Sie!
– Sie zürnen mir doch nicht? fuhr sie lächelnd fort und reichte dem Maler die Hand.
– Mein Gott, weshalb?
– Weil ich Ihnen den künftigen Besitzer dieses Portraits nicht nennen will.
– Ich dachte schon nicht mehr daran.
– Herr Tristan, ich sehe, daß wir stets gute Freunde bleiben werden.
Ein Handschlag besiegelte diese Worte.
Nachdem sie den jungen Mann noch einmal liebreizend angelächelt, verließ sie hüpfend das Zimmer. Die Absicht, durch diese Bewegung an ein Alter von sechsundzwanzig Jahren glauben zu machen, war nicht zu verkennen.
– Sonderbar! sprach Tristan, indem er Bleifeder und Pinsel verschloß, diese Frau ist weder jung noch schön, lächerlich aber im höchsten Grade; und doch scheint sie von Herzen gut zu sein. – In der Frau muß irgend etwas noch verborgen liegen!
7
Ein schöner Abend war zur Erde niedergesunken. Tristan zündete sich nach dem Diner eine Cigarre an und ging in den Garten hinab. Eine laue Luft ließ sanft die Blätter der Bäume rauschen.
Madame Van-Dick war im Saale zurückgeblieben, da sie Besuch von einer Freundin erhalten hatte. Der Negociant leistete ihr Gesellschaft.
Herr Wilhelm folgte Tristan. Im Garten ergriff er seinen Arm.
Der Handlungsbeflissene sah finster vor sich hin, es war ersichtlich, daß ihn irgend etwas unglücklich machte. Daß Tristan den Grund dieser Traurigkeit erfahren sollte, ließ sich aus der Art und Weise schließen, in der er sich des Armes bemächtigt, denn sie trug das Gepräge einer großen Vertraulichkeit.
Der Hauslehrer merkte bald, daß ein düsterer Gedanke Wilhelms Herz beengte und die Röthe seiner Wangen etwas matter machte
Beide schritten langsam durch die Wege des Gartens. Wilhelm, beseelt von dem Wunsche, gefragt zu werden, öffnete jeden Augenblick den Mund, um ein Gespräch zu beginnen, aber stets verscheuchte ein Seufzer das Wort von den Lippen. Tristan rauchte ruhig seine Cigarre und blies mit der Wollust eines Rauchers dicke Wolken in die schöne Abendluft. Da er wußte, daß Wilhelm sich mittheilen würde, wollte er nicht voreilig fragen, schickte sich aber an, zu hören und zu trösten, wenn es nöthig sein sollte.
Wilhelms Seufzer wurden indeß so häufig und nahmen dergestalt einen Charakter verfassungsmäßigen Spleens an, daß es ihm eine Tyrannei erschien, wenn er sie nicht bemerken wollte.
– Was fehlt Ihnen, mein bester Wilhelm? fragte Tristan endlich, Sie scheinen heute Abend von einer entsetzlichen Traurigkeit geplagt zu sein.
– Ach ja! seufzte Wilhelm und senkte den Kopf über die Brust herab.
– Was ist Ihnen begegnet? fragte der Lehrer theilnehmend weiter.
Ein dicker Seufzer war die Antwort.
– Sind es Sachen, die sich nicht sagen lassen? Oder haben Sie kein Vertrauen zu mir?
– Ach, Herr Tristan, wie können Sie glauben —
– Nun, so theilen Sie mir mit, was Ihnen Kummer macht!
– Werden Sie sich auch nicht lustig über mich machen?
– Wie, Herr Wilhelm, bin ich nicht stets Ihr Freund gewesen? Wie kommen Sie auf diesen sonderbaren Gedanken?
Der Commis ward bis hinter die Ohren roth, ergriff Tristan’s Hand und bat des Gesagten wegen wehmüthig um Verzeihung.
– So hören Sie denn, Herr Tristan, fügte er hinzu,– denn er hatte vor dem eleganten Anzuge des Tenors einen solchen Respekt, daß er sich nicht daran gewöhnen konnte, »mein lieber Herr Tristan« zu sagen, wie dieser ihn »mein lieber Herr Wilhelm« nannte, – so hören Sie denn, Sie sind ein Mann von zu viel Geist, als daß Ihnen gewisse Dinge unbemerkt geblieben wären.
– Ich habe nichts bemerkt, mein lieber Herr Wilhelm, außer, daß Herr Van-Dick ein achtungswerther Mann ist, den ich liebe, Madame Van-Dick eine liebenswürdige Dame, die ich achte, und Sie ein braver junger Mann, den ich schätze.
– Nichts anderes?
– Nein!
Wilhelm schwieg.
– Nun, fuhr Tristan fort, haben Sie mir etwas zu sagen?
– Ja.
– Und wagen es nicht?
– Nein.
– Warum?
– Weil Sie vorhin gesagt haben, ich sei ein braver junger Mann und weil ich fürchte, Sie ändern diese vortheilhafte Meinung von mir, wenn ich es Ihnen gesagt habe.
– Sie würden mich beunruhigen, antwortete Tristan lächelnd, wenn ich von dem, was ich gesagt, nicht zu fest überzeugt wäre.
– Ist es meine Schuld? sprach Wilhelm zu sich selbst; ich konnte sterben, aber nicht widerstehen.
– Aber, bester Freund, was fehlt Ihnen heute Abend?
– Herr Tristan —
– Zunächst sagen Sie: »mein lieber Herr Tristan«, oder ich muß glauben, daß Sie mich nicht für Ihren Freund halten.
Wilhelm drückte die Hand seines Freundes.
– Nun? Wilhelm stand still.
– Nun, sprach er laut, es waltet hier ein Geheimniß ob!
– Und welches?
– Nicht wahr, ich rede zu einem Stummen?
– Der bei dem letzten Worte todt sein wird.
– Nun, mein lieber Herr Tristan, sprach der Commis und blickte sich um, ob ihn auch niemand hören und sehen konnte, ich bin der Liebhaber der Madame Van-Dick.
– Glücklicher Freund! antwortete ruhig Tristan.
– Setzt Sie das nicht in Erstaunen?
– Im Gegentheil, es macht mir Vergnügen!
– Es ist aber Infamie, ein scheußlicher Verrath!
– In wiefern?
– Weil sie die Gattin eines Mannes ist, dem ich Alles verdanke.
– Bester Herr Wilhelm, Sie klagen sich da einer Sache an, die wirklich nicht der Mühe werth ist.
– Wie, so habe ich also nichts Böses gethan?
– Durchaus nicht! Jedes Ding in der Welt hat seine Entschuldigung und Ihre Liebschaft hat deren mehr, als alles andere.
– Ach, Sie machen mich glücklich, Herr Tristan, mein lieber Herr Tristan!
– Ist es Ihre Schuld, wenn Madame Van-Dick schön ist?
– Das ist wahr.
– Ist es Ihre Schuld, wenn diese Dame. Sie liebt?
– Auch wahr.
– Ist es endlich Ihre Schuld, wenn Sie sie wieder lieben?
– Alles, alles wahr! O fahren Sie fort!
– Und nun giebt es noch viel andere Entschuldigungsgründe.
– Welche?
– Herr Van-Dick scheint seine Frau nicht sonderlich zu lieben, und seine Frau, die nicht geliebt wird, leidet, bis sie jemand liebt. Kann man Ihnen nun zürnen, daß Sie ihre Seele verstanden haben, und daß Gott Ihnen erlaubt hat, einem verkannten Herzen Trost und Balsam zu spenden?
– Das ist recht.
– Und nun kommt hinzu, daß Herr Van-Dick seine Frau nicht nur nicht liebt, sondern daß er auch noch eine andere liebt.
– Sie wissen es?
– Ich habe sie gesehen.
– Die Köchin?
– Ja. Sie sehen also, daß es Ihnen erlaubt ist, Madame Van-Dick zu lieben, und daß diese Liebe nur eine Verirrung des Zufalls oder der Vorsehung ist. Verirrungen werden nicht angerechnet.
– Das alles habe ich mir bereits selbst schon gesagt, um mich in meinen eigenen Augen zu rechtfertigen, und fühle mich sehr glücklich, Sie so reden zu hören; aber —
– Nun, giebt es noch etwas?
– Ja.
– Reden Sie!
– Ich habe mich an diese Liebe so gewöhnt, daß ich mich heute im höchsten Grade unglücklich fühle, die abbrechen zu müssen.
– Warum?
– Weil ich reise.
– Für immer? fragte Tristan erschreckt, der fürchtete, seinen neuen Freund zu verlieren.
– Auf einen Monat.
– Aber weshalb reisen Sie?
– Um wichtige Handelsgeschäfte zu besorgen.
– Können Sie Herrn Van-Dick nicht statt. Ihre reisen lassen?
– Nein.
– Kann ich die Geschäfte nicht abmachen?
– Nein; und wenn auch.
– Reden Sie frei.
– Danke; aber es ist unmöglich, ich selbst muß reisen.
– Diese Abwesenheit beunruhigt Sie also?
– Ja.
– Was ist ein Monat? Sie werden verliebter zurückkehren.
– Aber wer sagt mir, daß mich Euphrasia noch lieben wird?
– Glauben Sie, daß eine Frau in einem Monat ihre erste Liebe vergißt?
– Ach, das ist es ja eben, fügte Wilhelm seufzen hinzu, ich bin nicht Euphrasia’s erste Liebe, und deshalb ängstige ich mich am meisten.
– Was Sie mir da jagen! antwortete Tristan überrascht.
– Leider die Wahrheit!
– Es ist übrigens oft der Fall gewesen, daß eine Frau zwei Liebhaber gehabt hat, von denen sie den ersten nicht geliebt, den zweiten aber anbetet.
– Wohl wahr; wenn sich aber in Abwesenheit des zweiten ein dritter einstellt?
– Und wen glauben Sie, der sich einstellt?
– Er hat nicht einmal nöthig, sich einzustellen, er ist bereits im Hause.
– Was soll das heißen?
– Hören Sie, mein bester Herr Tristan, Sie sind mir ein wenig gut, nicht wahr?
– Ich läugne es nicht.
– Und ich liebe Sie wie einen Bruder. Wollen Sie mir alles verzeihen, was ich Ihnen noch sagen werde?
– Ich erlaube Ihnen sogar, mich zu prügeln.
– Nun, so will ich Ihnen auch alles gestehen. Sehen Sie, ich bin ein dicker, stämmiger Bursche, während Sie ein schöner und eleganter junger Mann sind. Euphrasia hat bereits zwei Männer geliebt, kann sie nun nicht auch einen dritten lieben, vorzüglich wenn dieser dritte in jeder Beziehung über den beiden andern steht? Euphrasia ist veränderlich, und ich fürchte, daß sie Sie liebt und daß in meiner Abwesenheit —
Herr Wilhelm preßte beide Hände an seine Stirn, als ob er die Menge der Gedanken, die in ihm aufstiegen, zurückdrängen wollte.
– Sind Sie toll, daß Sie an Ihrer Geliebten und an einem Freunde zweifeln? Doch, wie kommt es, daß Sie solche Sachen voraussetzen? Madame Van-Dick kennt mich kaum und sieht in mir nur den Lehrer ihres Sohnes.
– Es ist vielleicht lächerlich, so zu lieben; aber ich bin einmal in Euphrasia vernarrt und würde sterben, wenn sie mich hinterginge.
– Beruhigen Sie sich. Weiß sie, daß Sie reisen?
– Ja.
– Seit wann?
– Seit vier Tagen.
– Hat sie Ihnen nichts gesagt, nichts versprochen?
– Nein, sie hat geweint, das ist alles.
– Nun sehen Sie einmal, was Sie für ein großer Thor sind! Sie verdienten eigentlich, daß ich Ihnen auch nicht ein Wort von Ihrem Glücke sagte.
– O reden Sie, reden Sie!
– Versprechen Sie mir, keinen Argwohn mehr zu hegen?
– Ich verspreche es.
– An Euphrasia’s Tugend zu glauben?
– Ja.
– Und an meine Freundschaft?
– Ich schwöre es Ihnen!
– Nun —
– O reden Sie schnell!
– Vor drei Tagen bat sie mich, ihr Portrait zu fertigen, aber ohne irgend jemandem etwas davon zu sagen. Für wen könnte dieses Portrait wohl sein, wenn es nicht für Sie wäre, ungläubiger Thomas?
– Hat sie Ihnen gesagt, daß es für mich ist?
– Nein, aber sie hat mir geboten, vorzüglich Ihnen nichts davon zu sagen. Sie sehen daraus, daß sie Ihnen eine Ueberraschung bereiten will.
– Ach, mein bester, bester Herr Tristan, Sie sind mein Retter! Mein Leben, mein Blut, so wie ich hier bin, alles gehört Ihnen!
Mit Thränen in den Augen warf sich der Handlungsbeflissene in die Arme des Hauslehrers.
– Jetzt können Sie ruhig abreisen.
– Wird das Portrait vor meiner Abreise vollendet sein?
– Wann reisen Sie?
– In vier Tagen.
– Es ist morgen schon fertig.
– Es wird doch in ein Medaillon gefaßt, nicht wahr?
– Ich werde alles besorgen.
– Ach, wie liebe ich Sie!
– Ungläubiger!
– Sie werden doch mit ihr über mich reden, nicht wahr? -
– Ganz gewiß.
– Sie wachen über sie?
– Wird nicht nöthig sein.
– Werden Sie mir schreiben?
– Alle Tage.
– Ach, mein bester Tristan, Sie hat Gott hierher gesandt!
Wilhelm, der sich vor Freude nicht mehr kannte, warf sich noch einmal in die Arme eines Freundes.
8
Tristan hegte für Wilhelm bereits eine aufrichtige Freundschaft, aber nach dieser Unterredung verwandelte sich diese Freundschaft in Enthusiasmus, in Verehrung, Achtung. Es war schwer, aufrichtiger zu lieben, als der Commis liebte, und jeder, der diese Liebe kannte, hätte mit unterm Hauslehrer den Entschluß fassen müssen, diese Aufrichtigkeit nicht zu hintergehen, und diese Liebe nicht zu entmuthigen. Soviel wir Tristan’s Charakter kennen, konnte es ihm übrigens nicht schwer werden, einen solchen Entschluß zu fassen, und ihn redlich auszuführen konnte ihm aus dem Grunde nicht als ein großes Verdienst angerechnet werden, da er Madame Van-Dick nach Louise, Henriette und Lea kennen gelernt hatte. Trotzdem er Wilhelm’s gutem Herzen alle Achtung zollte, mußte er doch bei dem Anblicke dieser albernen und dabei wahren Liebe lächeln, vorzüglich wenn er bedachte, daß die Euphrasia, und nicht ein reines, schönes junges Mädchen bewirkte.
Wilhelm’s Argwohn kam ihm ebenso lächerlich vor, als seine Liebe, denn wenn er bedachte, daß er Louise, diesen Inbegriff von Anmuth und Grazie, vergessen, oder doch wenigstens ohne sie leben konnte, so war an eine Liebe zu Euphrasia wohl nicht zu denken, und wenn sie auch noch so süß lächelte und noch mehr der zärtlichen Blicke auf ihn richtete, als sie bisher gethan.
– Schöne Madame, sprach Tristan bei sich selbst, geben Sie Ihre Hoffnung auf, ich bin auf meiner Huth und werde. Sie stets auf den rechten Weg zurückführen, sobald Sie ihn, in soweit es Wilhelm anbetrifft, verlassen.
Unter diesen Gedanken war Tristan in sein Zimmer gegangen, um das Maaß zu dem Portrait zu nehmen, das er denselben Abend noch in ein Medaillon wollte fassen lassen. Als er die Treppe wieder herabstieg, begegnete ihm Madame Van-Dick, die in ihr Zimmer gehen wollte.
– Gehen Sie aus, Herr Tristan?
– Ja, Madame.
– Sehen wir uns heute Abend nicht mehr?
– O ja. Ich gehe nur auf eine Minute aus, um das Medaillon zu besorgen, setzte er leise hinzu.
– Vortrefflich und höchst liebenswürdig, daß Sie an mich denken. Sie reichte Tristan die Hand, der sie küßte.
– Wie wünschen Sie, daß ich es auswähle? fuhr er fort.
– Wie Sie wollen.
– Ich möchte gern Ihre Ansicht wissen.
– Meine Ansicht wird die Ihrige sein.
– Wenn ich wüßte, für wen Sie es bestimmt, sprach Tristan mit Intention, würde ich nach dem Geschmacke dieser Person wählen.
– Wählen Sie, als ob es für Sie wäre, antwortete Madame Van-Dick und entfloh nach diesen Worten. Tristan blieb noch einige Augenblicke nachdenkend und mit gesenktem Haupte stehen. Wer ihn so gesehen hätte, würde ihn für einen Menschen gehalten haben, dem eine sehr schlechte Nachricht hinterbracht worden sei.
Er ging, wählte das Medaillon aus und kehrte zurück.
Madame Van-Dick spielte auf dem Piano in dem Saale, ihr Herr Sohn lag in einem Stuhle und schlief und Wilhelm glaubte die heilige Cäcilie zu sehen.
Euphrasia warf Tristan einen Blick zu, als wollte sie sagen: »Ruhig!« und Tristan deutete Wilhelm durch einen Blick an: »Ich habe mich soeben mit Dir beschäftigt.«
Auf diese Weise waren. Alle glücklich, nur Tristan nicht, wie sich von selbst versteht.
Nach einer halbstündigen jämmerlichen Unterhaltung schützte er Müdigkeit vor und ließ die beiden Liebenden allein.
Wo Herr Van-Dick war, thut nichts zur Sache; im Saale aber war er nicht.
Madame Van-Dick weckte Monsieur Eduard mit den Worten:
– Du bist unerträglich, daß Du im Saale immer schläfst. Geh und laß Dich zu Bette bringen, mache aber die Thüre fest zu, wenn Du hinausgeht.
Als der schlaftrunkene Knabe den Saal verlassen hatte, sprach Wilhelm zu Euphrasia:
– Sie sind ein Engel!
– Wilhelm, ich liebe Sie unendlich! sprach Euphrasia.
9
Wie wir bereits mitgetheilt, hatte Tristan dem Herrn Wilhelm versprochen, Euphrasia’s Portrait am nächsten Morgen vollendet zu haben.
Nach dem Frühstücke verfügte er sich demnach in Madame Van-Dick’s Zimmer, die, auf die Meldung, der Maler sei da, auch nicht lange warten ließ, und in derselben Kleidung als Tages zuvor erschien.
Als Euphrasia eintrat, reichte die Tristan die Hand und sprach mit einem feinen Lächeln:
– Wie befinden Sie sich?
– Ach, Madame, Bewunderung und Furcht hat sich meiner zu gleicher Zeit bemächtigt.
– Warum?
– Weil ich fürchte, indem ich Sie so schön sehe, das Bild nicht ähnlich zu malen.
– Kind, wie können Sie lügen! Nach dem Worte »Kind«, in einem gewissen freundschaftlichen, anmaßenden und bewegten Tone gesprochen, hätte man glauben mögen, Madame Van-Dick habe die ganze Nacht von dem geträumt, an den sie es richtete.
– Sie finden also, daß ich so gut bin?
– Ich finde keine Worte, um Ihnen zu antworten.
– Ist es nöthig, daß ich dieses Tuch ablege, das mir die Schultern deckt?
– Ich antworte, was die Menschen antworten würden, wenn Gott sie früge, ob sie wollten, daß er die Wolken vom Himmel verjagte.
– Wissen Sie, Herr Tristan, entgegnete Euphrasia mit der Röthe der Eitelkeit auf den Wangen, wissen Sie, daß man sehr stark sein muß, um zu widerstehen, wenn Sie einer Frau den Hof machen? Um mich zu waffnen, will ich ein wenig kokett werden, was meinen Sie dazu, Herr Tristan?
– Ich meine, Madame, daß die Koketterie, wenn man jung, schön und geliebt ist, nicht besser in diese dreifache Krone paßt, als ein falscher Stein in ein königliches Diadem.
– Wenn die Frau, fuhr Madame Van-Dick fort, während Tristan Pinsel und Farben vorbereitete, zwar noch jung ist, aber nicht mehr schön und geliebt, muß sie sich in Ermangelung echter Steine wohl mit einigen unechten begnügen.
– Ich kenne keine Frau dieser Gattung, Madame!
– Es ist rein unmöglich, Ihnen beizukommen. Dies führt mich zu der Frage zurück: Wie würden Sie sich wohl benehmen, wenn sie heute oder morgen verlieben werden?
– Zunächst erlauben Sie mir die Bemerkung, das es für mich rein unmöglich ist, in diesen Fall zu kommen.
– Und warum? fragte Euphrasia mit dem Lächeln einer beleidigten Frau.
– Weil ich alle Liebe, die mein Herz barg, verschwendet habe und nun ruiniert bin.
– Sie zweifeln an Gott!
– Ich zweifele nur an mir, das ist Alles.
– Wenn aber eine Frau Sie liebte?
– So würde ich diese Frau beklagen.
– Und wenn sie Ihnen ihre Liebe gestände?
– Würde ich sie noch ein wenig mehr beklagen.
– Wenn es aber nun eine Frau wäre, die noch nie geliebt und alle ihre Träume, alle ihre Hoffnungen auf Sie gesetzt hätte?
– O, dann würde ich sie ungeheuer beklagen!
– Und würden Sie nicht versuchen, Ihr Herz an diesem jungen und reinen Feuer wieder zu erwärmen?
– Nein.
– Sie stellen sich stärker, als Sie sind.
– Auch glaube ich, daß ich nie in die Nothwendigkeit versetzt werde, zum Aeußerten schreiten zu müssen und ihr zu sagen, wenn sie mir ihre Liebe gesteht, daß ich sie nicht liebe.
– Warum?
– Weil eine Frau, die nie geliebt hat, jung und keusch ist, bei dem ersten Anblicke sich bis zur Leidenschaft in mich nicht verlieben wird, zumal, wenn ich ihr den Hof nicht gemacht habe; und sollte eine Leidenschaft Wurzel fassen, so wird sie es nicht wagen, mir zu gestehen, daß sie mich liebt, denn wir Männer wagen ja kaum einer Frau zu sagen, daß wir sie lieben.
Madame Van-Dick biß sich in die Lippen.
– Sie sind sehr streng, antwortete sie.
– Nein, ich glaube nur an die Tugend der Frauen. Eine lange Pause trat ein. Tristan, der schien, als ob er diese Unterhaltung schon vergessen hatte, richtete seine Augen auf Madame Van-Dick, wie auf eine Statue, sah wieder auf das Bild, um seinem Pinsel zu folgen, und hatte die gleichgültigste Miene von der Welt.
– Habe ich dieselbe Stellung von gestern? Sagen Sie es nur, wenn Sie wollen, daß ich mich anders setzen soll.
– Sie sind in derselben Stellung, Madame.
– Haben Sie gut geschlafen?
– Vollkommen.
– Sie sind sehr glücklich; ich habe die ganze Nacht kein Auge geschlossen.
– Waren Sie krank?
– Nein; aber ein Heer trauriger Gedanken drängte sich mir auf.
– Was könnte Sie wohl betrüben, fuhr Tristan fort, ohne auch nur das kleinste Gewicht auf das zu legen, was er sprach, Sie, die Sie geschaffen sind, um glücklich zu sein? Wollten Sie gefälligst Ihren Kopf ein wenig mehr links wenden?
– So?
– Ja. Danke!
– Was wollten Sie mir sagen?
– Ich wollte fragen, woher diese Traurigkeit bei Ihnen käme?
– Habe ich Ihnen nicht schon hundertmal gesagt, Herr Tristan, daß ich nicht glücklich bin.
– Sie sehen, daß ich es nie geglaubt.
– Daran haben Sie sehr unrecht gethan, denn es ist wahr, vorzüglich seit einigen Tagen.
Madame Van-Dick war hoch erfreut, sich bücken zu können, um ihr Schnupftuch aufzuheben, und die Bewegung zu unterdrücken, die sie zu empfinden glaubte.
– Wahrhaftig? sprach Tristan, indem er sich ein wenig zurückbog, um die Wirkung der Farbe zu sehen, die er in diesem Augenblicke aufgetragen hatte. Wahrhaftig? Was ist Ihnen begegnet, Madame?
– Ich weiß nicht, ob ich Ihnen dergleichen Sachen sagen darf.
– Haben wir uns nicht gestern gegenseitiges Vertrauen und Freundschaft gelobt?
Madame Van-Dick stockte.
– Nun? fragte der Maler.
– Nun – —
– Verzeihung, Madame, wenn ich Sie unterbreche, wollten Sie wohl den Kopf ein wenig höher heben und mich ansehen – So – tausend Dank! Was wollten Sie jagen?
Madame Van-Dick sah, daß sie durch die Gleichgültigkeit desjenigen, mit dem sie sich unterhielt, in ein höchst lächerliches Gespräch verwickelt hatte, aus dem nach und nach sich herauszuziehen es ihr an Geist fehlte. Da sie nicht wagte, es plötzlich abzubrechen, kam sie immer tiefer hinein, was unserm Tristan ein großes Vergnügen gewährte, der, wie wir wissen, sich geschworen hatte, hart wie Marmor zu bleiben.
– Ich sagte, und dieses steht in Verbindung mit dem, was wir vorhin sprachen, fuhr Euphrasia fort, die glücklich war, auf das wieder zurückzukommen, das sie gezwungen worden, abzubrechen – ich sagte, daß es nicht nur junge Mädchen giebt, welche einer ernsten Liebe fähig sind, sondern auch verheirathete Frauen, und diese, wenn sie unter einer Leidenschaft seufzen, die nichts zu bezwingen vermag, sind doppelt unglücklich, erstens, weil sie nicht frei sind, und zweitens, weil die Welt ihnen diese Leidenschaft zum Verbrechen anrechnet.
– Ich muß aber noch hinzufügen, sprach Tristan, dem es Vergnügen zu machen schien, der armen Madame Van-Dick zu widersprechen, daß es auch sehr viel Frauen giebt, die in excentrischer Leidenschaft ein Glück zu finden wähnen und sich dem ersten besten jungen Manne, braun oder blond, ergeben, ohne an ihren Mann und an ihre Kinder zu denken. Mögen sie nun durch Umstände vor einem Fehltritte bewahrt worden sein, oder mögen sie wirklich erlegen haben, sie werden später einsehen, daß sie sich getäuscht und nicht einmal sich wundern, daß sie vor Liebe nicht gestorben sind.
– Sie werden immer strenger, Herr Tristan, antwortete Euphrasia verletzt; was Sie soeben sagten, dürften Sie nicht allen Frauen sagen, denn Sie könnten leicht einer begegnen, die sich in dem Falle befindet, den Sie bezeichnen. Sie würden dieser Frau dann sehr wehe thun, ohne daß sie Ihnen etwas zu Leide gethan.
Tristan sah ein, daß er ein wenig zu weit gegangen war, denn Madame Van-Dick traten fast die Thränen in die Augen.
– Dann muß ich auch noch hinzufügen, sprach er rasch, daß ich von den Frauen im Allgemeinen sprach und daß jede Regel ihre Ausnahme hat. Es kann leicht geschehen, daß die Familie eines jungen Mädchens sich wirklich täuscht und die Träume eines Kindes der Langeweile eines Greises beigesellt, ein liebendes Herz einem blasirten und eine ausgezeichnete Natur einer gemeinen. Unter diesen Umständen würde ich eine Frau nicht nur entschuldigen, sondern fiel achten und gegen Jedermann vertheidigen.
– Dies söhnt mich mit Ihnen wieder ein wenig aus, Herr Tristan. Ach, wie glücklich sind doch die Männer, und vorzüglich Sie, mein Herr, da Sie so gleichgültig über Herzensangelegenheiten sprechen können. Doch nun erlauben Sie mir, Sie um etwas zu bitten.
– Reden Sie, Madame!
– Wollen Sie von jetzt an. Alles glauben, was ich Ihnen sagen werde?
– Ja.
– Und zu errathen suchen, was ich nicht wage, Ihnen zu sagen?
– Ich werde alle meine Kräfte aufbieten.
– Jetzt, sprach sie, indem sie aufstand und sich die Augen trocknete, bin ich häßlich, durch Ihre Schuld habe ich rothe Augen bekommen. Zeigen Sie mir mein Portrait, damit ich sehe, wie ich vorhin war, denn wie ich jetzt bin, wage ich nicht, mich zu betrachten.
Euphrasia legte beide Hände auf die Achsel des Malers, ihren Kopf auf die Hände und betrachtete so das Bild.
– Reizend! rief sie aus; doch bin ich auch so schön, als dieses Bild?
– Wie ich bereits gesagt, antwortete Tristan lächelnd, nehme ich Sie stets, wie Sie sind.
Euphrasia sah den jungen Mann liebevoll an und lächelte wieder.
– Lieben Sie mich ein wenig? fragte sie.
– Wie können Sie an meiner aufrichtigen Zuneigung zweifeln, Madame!
– Sie haben recht, wenn Sie mich lieben, denn ich liebe Sie auch.
Ein Seufzer der Resignation entquoll ihrem Busen.
– Soll ich noch sitzen? fuhr sie nach einer Pause fort.
– Wie Sie sehen, Madame, ist das Bild ziemlich vollendet; ich habe nur noch das Kleid zu machen und dazu bedarf es der Sitzung nicht.
– So kann ich mich wohl entkleiden?
– Ich werde mich auf mein Zimmer zurückziehen.
– O nein, Sie können bleiben! Ich gehe in mein Toilettenzimmer. Diesen Abend, Tristan?
– Auf Wiedersehen, Madame!
Euphrasia reichte dem Maler die Hand und ihn mit allem Feuer anblickend, das sie noch im Auge hatte, sprach sie:
– Sie machen sich doch nicht lustig über mich?
– Ich habe nie daran gedacht.
– Wissen Sie jetzt, wem dieses Portrait bestimmt ist? fügte sie mit einer erkünstelten Schüchternheit hinzu.
– Ja, antwortete Tristan mit einer erkünstelten Bewegung.
– Adieu!
– Tristan küßte Euphrasia’s Hand.
Kaum war er in das Zimmer getreten, als Wilhelm ihm folgte.
– Nun, sprach der Handlungsdiener, ist es fertig?
– Hier, sprach der Tenor und zeigte ihm das Portrait.
– Ach, bewunderungswürdig schön! Mein bester Tristan, seien Sie meiner Dankbarkeit gewiß! Wann wird es ganz vollendet sein?
– Es bedarf kaum noch einer Stunde Arbeit.
– Hat Ihnen Euphrasia gestanden, daß dieses Bild für mich ist?
– Ja, aber mit einem Beisatze.
– Mit welchem?
– Ihnen durchaus keinen Grund zu Vermuthungen zu geben. Darum stellen Sie sich, als ob Sie nichts wüßten.
– Ohne Sorgen.
– Sie wird es Ihnen nicht einmal hier geben.
– Wie?
– Sie wird es Ihnen auch nicht selbst überreichen.
– Warum?
– Weil sie eine vollkommene Ueberraschung beabsichtigt.
– Vortrefflich!
– Sie hat mich beauftragt, Sie bis zum Wagen zu begleiten und es Ihnen im Augenblicke, wo Sie abreisen, in die Hand gleiten zu lassen.
– Daran erkenne ich sie!
– Also Vorsicht, oder ich zürne Ihnen.
– Fürchten Sie nichts. Jetzt gehe ich ruhig in mein Bureau zurück. Tausend Dank, mein bester Tristan!
Mit einem Gedichte, in dem sich die seligste Freude aussprach, verließ Wilhelm das Zimmer.
– Das ist ein glücklicher Mensch, dachte Tristan, als er den Commis sich entfernen sah. Meine beste Madame Van-Dick, Sie mögen reden und handeln wie Sie wollen, dahin bringen Sie mich nicht, daß ich das Glück dieses unschuldigen Jünglings zerstöre.
10
Am Tage vor Wilhelm’s Abreise hatte Tristan ihn noch einmal das Versprechen abgenommen, Euphrasia in Bezug auf das Portrait nichts zu sagen. Wilhelm war ein ehrlicher junger Mann und hielt treulich sein Versprechen. Es war ein Uhr Nachts, als der arme Knabe zu einer Geliebten schlich, um auf einen Monat Abschied von ihr zu nehmen. Tristan, hinter einem Fenster verborgen, lauschte der Scene.
Der Abschied war herzzerreißend.
Vor Anbruch des Tages verließ Wilhelm Euphrasia’s Zimmer. Er war so bewegt, daß er nicht bemerkte, wie seine Geliebte es noch etwas mehr hätte sein können. Nach dem Frühstück, von dem er, beiläufig gesagt, nur wenig genossen, fand er noch einmal Gelegenheit, während Herr Van-Dick in seinem Bureau die letzten Instructionen ordnete, Euphrasia zu sprechen. Die Dame seufzte, als ob sie dem scheidenden Geliebten auf ein ganzes Jahr Vertrauen einflößen wollte; Wilhelm aber ward von Secunde zu Secunde bewegter und gewahrte mithin den Erguß des Kummers nicht, wie er in verflossener Nacht die Kälte nicht gewahrt hatte.
Herr Van-Dick kehrte mit Briefen in der Hand zurück. Indem er Wilhelm’s Hand auf das Freundschaftlichste drückte, sprach er:
– Bester Wilhelm, ich hätte Sie gern dieser langweiligen Reise überhoben, aber Sie wissen, daß ich abgehalten bin. Ich habe gethan, was in meinen Kräften fand, um Sie hier bleiben zu lassen, meine Anwesenheit hier ist aber durchaus nothwendig. Zürnen Sie mir darum nicht, und kehren Sie so schnell als möglich zurück. Haben Sie mich verstanden?
– Ja.
– Sie besitzen unbeschränkte Vollmacht.
– Gut.
– Handeln Sie, wie Sie es für gut finden und sagen Sie dem Hause Daniel, daß ich ihm nicht allein Zeit, sondern auch Geld bewillige, um seinem Sturze vorzubeugen. Sorgen Sie dafür, daß ich in keinen Proceß verwickelt werde, das ist Alles, was ich wünsche. Nun reisen Sie!
– Leben. Sie wohl, mein bester Herr Van-Dick!
– Leben. Sie wohl, mein bester Wilhelm.
Eine innige Umarmung vollendete diese Abschiedsszene. Der Herr des Hauses, sich die Hände reibend, ging in sein Zimmer zurück, und Wilhelm, von Tristan begleitet, verließ das Haus.
Eine Thräne und ein tiefer Seufzer des Handlungsbeflissenen begleitete das Geräusch der sich schließenden Thür.
– Fassen Sie Muth, Wilhelm! sprach Tristan.
Wäre der Leser mit Tristan Zeuge von dem Schauspiele dieser Leidenschaft gewesen, er würde sie, wie er, lächerlich und äußerst komisch gefunden haben, was sie im Grunde auch war.
– Muth, wiederholte er, und wenn Sie keinen haben, werden Sie ihn von mir erhalten.
– Haben Sie das Portrait?
– Ja.
– So geben Sie es mir.
– Versprechen Sie mir auch, Muth zu fassen?
– Ja.
– Nicht mehr traurig zu sein?
– Ja.
Nun amüsierte sich Tristan, ihm das Portrait zu zeigen und es jedes mal zurückzunehmen, so oft er es ergreifen wollte. Dabei erpreßte er ihm ein Versprechen nach dem andern, wie man mit Kindern zu thun pflegt, wenn man ihnen ein Spielzeug unter der Bedingung giebt, daß sie artig sein sollen. Endlich übergab er das Medaillon seinem Freunde, der es mit Begeisterung küßte.
– Und ich glaubte, rief Wilhelm, Sie seien in Euphrasia verliebt!
– Großer Thor!
– Ja, ein Thor, der glaubte, daß Sie mich hintergingen!
– Wer läßt Sie solche Sachen glauben?
– Euphrasia.
– Wie?
– Sie sagte mir, daß Sie bis zum Wahnsinn in sie verliebt wären.
– Ich?
– Ja. Sie hätte es aus Ihren Blicken und aus Ihrem zuvorkommenden Benehmen gemerkt. Als sie sah, daß sich die Eifersucht in mir regte, schien sie glücklich zu sein.
– Dies ist nur ein Mittel, das sie erfand, um sich noch ein wenig geliebter zu machen.
– Ich glaube es fast; es ist aber schlecht von ihr.
– Zürnen Sie ihr deshalb nicht, diese Gewohnheit besitzen fast alle Frauen.
– Sie konnte mich aber mit Ihnen entzweien, der Sie mein bester Freund sind.
– Jetzt wissen Sie doch, was Sie davon zu halt haben, nicht wahr?
– O Himmel!
– Werden Sie mich noch länger in Verdacht haben?
– Man könnte mir noch wahrscheinlichere Sachen sagen, ich würde sie nicht glauben.
– Daran werden Sie wohl thun, denn ich schwöre Ihnen, daß dies das allerletzte ist, woran ich – denken werde.
Unter diesem Gespräche waren die beiden Freunde bei der Diligence angelangt.
Wilhelm begegnete einigen bekannten Personen, die grüßte; er entfernte sich aber rasch von ihnen, denn er mußte noch von Euphrasia reden. Man hörte es an seinen Worten, daß ihm das Herz gewaltig klopfte und selbst da als er von andern Sachen sprach, als von seiner Liebe, verrieth das Beben seiner Lippen und das Stocken seiner Rede, daß die Heiterkeit seines Geistes seinem Herz folgte, und das Herz weder dort war, wo er sich befand noch wohin er ging.
– Sie werden mir doch schreiben? fragte er.
– Ja.
– Und werden mit ihr von mir reden?
– Gewiß.
– Aber nicht zu offen, denn das Schamgefühl einer Frau leidet immer, wenn ein Fremder von ihrem Liebhaber spricht.
– Sie hat aber Vertrauen zu mir. Würde sie mich im entgegengesetzten Falle wohl beauftragt haben, Ihnen ihr Portrait einzuhändigen?
– Das ist wahr. Sie bleiben zurück, o wie glücklich sind Sie!
– Und Sie werden in vierzehn Tagen zurückgekehrt sein.
– So bald als möglich.
Die Reisenden wurden gerufen. Die beiden Freunde umarmten sich.
Bis zur Abfahrt des Wagens blieb Tristan an der Thür desselben stehen. Bei dem ersten Peitschenhiebe des Postillons reichte Wilhelm noch einmal die Hand aus dem Wagen, und rief dem Freunde ein letztes Lebewohl zu. In diesem Augenblicke traten dem armen jungen Manne zwei lange zurückgehaltene Thränen in die Augen. Außer diesen beiden floß auch eine für Tristan.
Der Wagen fuhr ab.
Wilhelm steckte noch zwei oder drei Mal den Kopf aus der Thür und grüßte Tristan, der, die Hände in seinen Taschen, den Rückweg antrat. Als der Wagen an der nächsten Straßenecke verschwand, blieb der Handlungsreisende allein mit seinen Gedanken.
– Ich bin doch neugierig, dachte Tristan, was sich nun ereignen wird.
Bald trat er in das Haus des Kaufmanns, wo er Herrn Van-Dick in seinem Bureau fand. Der würdige Mann war schon seit einigen Tagen, wie er Wilhelm gefragt hatte, an sein Arbeitszimmer gefesselt, denn die Geschäfte drängten sich. Nur zur Tischzeit sah man ihn seine Bücher verlassen, und dann erschien er lächelnd und sich die Hände reibend.
Madame Euphrasia Van-Dick war allein. Als sie Tristan kommen sah, ging sie ihm auf der Treppe entgegen und that, als ob sie ihm zufällig begegnete.
– Nun, sprach sie, ist er abgereist?
– Ja.
Freiheit und Freude strahlten aus Euphrasia’s Augen.
– Was werden Sie jetzt beginnen, Herr Tristan?
– Ist Ihr Herr Sohn immer noch krank?
– Ja.
– Bedarf Herr Van-Dick meiner?
– Nein.
– Dann werde ich ein wenig ausgehen, antwortete Tristan, der eine Unterhaltung mit Euphrasia vermeiden wollte.
– Sie gehen aus, und ich muß mit meiner Traurigkeit allein bleiben. Sie sind ein schlechter guter Freund. Bei diesen Worten zog sie ein Mäulchen.
– Mich ruft ein Geschäft fort, Madame; kehre ich zurück, stehe ich mit Vergnügen zu Ihren Diensten, wenn Sie noch traurig und allein sind.
– Adieu denn, sprach Euphrasia und war noch betrübter, Tristan auf eine Stunde scheiden zu sehen, als sie es bei Wilhelm’s Abschiede für einen ganzen Monat gewesen.
Wie sich denken läßt, kam Tristan zurück, als man sich zu Tische setzen wollte. Euphrasia hatte eine neue Toilette gemacht, sie war daher gereizt, daß sie vergebens gewartet hatte, und böse, daß sie sich angekleidet, um zu warten. Als aber Tristan erschien, verschwand der Groll, ohne auch nur auf der Stirn der Kaufmannsfrau eine von jenen flüchtigen Wolken zurückzulassen, die den Abzug eines Gewitters bezeichnen.
– Wie geht es Eduard? fragte Herr Van-Dick, indem er sich zu Tische setzte.
– Besser, mein Freund.
Dies war der einzige menschliche Laut, der sich in das Geklirr der Gabeln und Teller während der Mahlzeit mischte. Herr Van-Dick schien zu viel zu denken, um reden zu können, Tristan fand keinen Geschmack an der Unterhaltung seiner Tischgenossen und Euphrasia konnte vernünftigerweise nicht sagen, was sie dachte.
Nach dem Essen förderte Herr Van-Dick noch drei Silben zu Tage.
– Ich gehe, sprach er.
Und er ging.
Diesmal bot sich kein Mittel dar, Euphrasia zu entgehen.
– Sie haben bei Tische kein Wort gesprochen, Herr Tristan, sind Sie krank?
Tristan, der in dieser Phrase eine Ausgangsthür aus er Verlegenheit sah, antwortete:
– Ja, Madame, mir ist nicht wohl, darum gedenke ich, mich bei guter Zeit zurückzuziehen.
– Ich glaube, Sie suchen mich wirklich zu fliehen.
– Ich, Madame, und warum?
– Sie versprachen mir, recht bald zurückzukehren.
– Ein Geschäft —
– Eine Frau vielleicht?
– Die Frauen sind aus meinem Herzen verbannt.
– Alle?
– Alle!
– Das Wetter ist schön, fuhr Madame Van-Dick nach einigen Augenblicken fort, reichen Sie mir Ihren Arm und führen Sie mich ein wenig in den Garten; wollen Sie?
– Gern.
Der Abend war in der That sehr schön. Euphrasia und Tristan gingen nach einer Laube, deren in einander verschlungene Zweige und Blätter dem letzten Scheine des Tages den Eingang verwehrten. Durch die warme, ruhige Luft wehte ein würziger Hauch, der die Herzen der Liebe erschließt und unwillkürlich zur Mittheilung dessen reizt, was man empfindet.
Madame Van-Dick empfand wahrscheinlich sehr viel, denn sie stützte sich mit einer Nachlässigkeit, welche die Wärme des Abends entschuldigte, auf Tristan’s Arm und betrachtete mit seitwärts gebogenem Kopfe die Blumen, welche ihre erfrischten Blätter und Kelche über die Wege des Gartens neigten.
In der Laube befanden sich Stühle. Madame Van-Dick ergriff einen und ließ Tristan sich ihr gegenüber auf einen andern setzen, doch so nahe, daß ihre Füße die seines Stuhles erreichen konnten.
– Ein köstlicher Abend! sprach sie.
– In der That, Madame.
Fünf Minuten vergingen, ohne daß ein Wort gesprochen wurde.
– Wie befinden. Sie sich, Freund?
– Besser.
– Ich wußte es ja.
Es vergingen abermals fünf Minuten.
Die Unterhaltung glich einer Lampe ohne Oel, deren Docht man vergebens anzuzünden sucht und nur eine kleine blaue Flamme zeigt, um gleich wieder zu erlöschen.
– Was fehlt Ihnen, Herr Tristan? Warum reden Sie nicht?
– Ich dachte, Madame.
– Und darf man wissen, an wen?
– An den armen Wilhelm, der gewiß sehr traurig sein wird und wünscht, daß er mit mir seinen Platz vertauschen könne.
– Würden Sie diesen Tausch gern eingehen?
– Um ihn glücklich zu machen – —
– Sie sind indifferent, sprach Euphrasia etwas gereizt.
– Ich bin nur ergeben, Madame.
– Und warum glauben Sie, daß Herr Wilhelm bei mir sein möchte?
– Darf ich reden?
– Ich bitte.
– Weil er Sie liebt.
– Wissen Sie auch, ob das, was ihn glücklich macht, mir Vergnügen gewähren würde und daß der Tausch, den Sie in Ihrer Ergebung beabsichtigen, nur einem von beiden angenehm ist?
– Ich bin überzeugt, Madame, daß Sie Wilhelm’s Wunsch theilen.
– Was läßt Sie das glauben?
– Das, was ich glaube gesehen zu haben.
– Sie täuschen sich in dem, was Sie gesehen haben, und in dem, was Sie glauben.
– Dann beklage ich ihn.
– Herr Wilhelm ist ein Freund, der mich liebt, und den ich wie eine Freundin wieder liebe; er wird aber mit den Angelegenheiten, welche eine Reise nöthig machten, so beschäftigt sein, daß er sich um seine zurückgelassenen Freunde wenig kümmert, dessen bin ich gewiß.
– Sie sind undankbar.
– Nein, ich kenne Wilhelm, nichts weiter.
– Bedauern Sie ihn nicht?
– Seine Reise war nothwendig. Herr Tristan, Sie scheinen von mir in Bezug auf Wilhelm irgend eine Eröffnung erlangen zu wollen, wird er dasselbe von Ihnen über mich verlangen?
– Nein, Madame.
– Ich wiederhole Ihnen, Herr Wilhelm ist und bleibt nichts mehr als ein Freund für mich. Ich weiß, daß er stark in mich verliebt ist, und vielleicht würde seine aufrichtige Liebe in meinem traurigen und einförmigen Leben mich gerührt haben; aber jetzt ist es zu spät.
– Das ist köstlich! dachte Tristan. Ich habe zwar schon oft gehört, wenn Frauen lügen, diese aber übersteigt alle Begriffe.
– Und warum zu spät? fragte er laut.
– Weil der Platz, den er einzunehmen wünschte, zwar noch nicht besetzt, aber doch schon vergeben ist.
– Darf man wissen, an wen?
– Nein, man muß ihn errathen, und Sie haben ihn errathen, davon bin ich überzeugt.
Tristan antwortete nicht.
Euphrasia nahm dieses Schweigen für ein Geständniß.
– Haben Sie sich mit dem Medaillon beschäftigt? fuhr sie fort.
– Ja, Madame.
– Ist es fertig?
– Ja.
– Wo ist es?
– Haben Sie mir nicht gesagt, daß Sie es Jemandem bestimmt hätten?
– Wohl wahr; aber ich habe Ihnen die Person nicht genannt.
– Haben Sie mir nicht gesagt, ich solle sie errathen?
– Ja.
– Nun, ich habe sie errathen.
– Ach, rief Euphrasia in einem Tone, der sich nicht beschreiben läßt, so haben Sie das Portrait dem gegeben, der es haben sollte?
– Ja.
– Sind Sie Ihrer Sache gewiß?
– Halten Sie mich für unfähig, eine so leichte Sache zu errathen?
– War er – glücklich?
– Enthusiasmiert!
– Und was wird er thun?
– Er wird es ein ganzes Leben hindurch auf seinem Herzen tragen.
– Und jetzt?
– Würde er es begeistert küssen, wenn ihm nicht Jemand zur Seite säße.
Euphrasia ergriff Tristan’s Arm.
– Machen wir einen Spaziergang durch den Garten, sprach sie. Wissen Sie, daß Sie ein geistreicher Mann sind, Herr Tristan? Sie errathen Sachen, ohne daß man sie Ihnen sagt.
– Dazu, Madame, bedarf man nur des Herzens und der Augen.
– Ist er überzeugt, daß ich ihn liebe?
– Gewiß.
– Wird er mich nicht täuschen?
– Nie, er hat es geschworen!
Euphrasia stützte sich bei jeder Antwort ein wenig mehr auf Tristan’s Arm.
– Ich weiß nicht, wie mir heute Abend ist, fuhr sie fort; ich empfinde ein Glück, das ich noch nie empfunden habe. Ich bin so glücklich, und Sie?
– Wer würde an meiner Stelle nicht glücklich sein? Euphrasia drückte den Arm, der den ihrigen unterstützte.
– Würden Sie mir wohl etwas glauben?" fragte sie plötzlich.
– Was?
– Sie werden es nicht glauben?
– Ich schwöre es.
– Nun, mein Mann wird nach Hause kommen, nicht wahr?
– Ja.
– Wissen Sie, was er thun wird?
– Nein.
– Er wird in sein Zimmer gehen, sich einschließen und lesen.
– Wahrhaftig?
– Ja. Er kümmert sich nie um mich und thut, als ob ich gar nicht existierte. Komme ich nach Hause und bin in meinem Zimmer, so bin ich Wittwe und bin mehr durch seine Gewohnheiten als durch das Stockwerk, welches zwischen uns liegt, von meinem Manne geschieden.
– Das ist seltsam!
– Ich könnte des Nachts bei mir empfangen, wen ich wollte, ohne daß Herr Van-Dick etwas davon merkte. Sein Zimmer ist weit von dem meinigen entfernt, er hört weder kommen, noch gehen.
– Glücklicherweise wacht die Tugend an Ihrer Schwelle.
– Nein, die Tugend nicht, aber die Treue.
– So nehmen Sie also Besuche an?
– Nein, aber wenn er mich liebt, wie er gesagt, so wird er verstehen, daß er kommen kann.
– Der, welcher Ihr Portrait hat?
– Ja.
– Er wird kommen.
Euphrasia drückte abermals Tristan’s Arm.
– Er wird kommen, nicht wahr?
– Ja.
– Ach, Tristan, ich weiß nicht, was ich sage, mir brennt der Kopf und das Herz. Endlich empfinde ich die Liebe, die ich geträumt habe!
Glühend drückte sie die Hand des jungen Mannes und ließ ihn abermals neben sich setzen, dann spreizte sie ihr Kleid aus einander, als ob sie die Frische der Abendluft von allen Seiten einsaugen wollte, wonach sie ein großes Bedürfniß zu haben schien. Ihre Arme waren bloß und ein gewisses wollüstiges Parfüm entströmte dieser Frau, die, in dem Schatten des Abends, nicht mehr die lächerliche Frau des Tages war. Bei jeder Frau, die liebt, gleichviel ob mit den Sinnen oder mit dem Herzen, sei sie Bürgerin oder Herzogin, geistreich oder einfältig, erscheint immer ein Moment, in dem sie sich verführerisch und unwiderstehlich zu machen weiß. Madame Van-Dick, erschöpft von der Schwüle des Tages und überzeugt, daß Tristan ihr Portrait behalten habe, hatte ihm keine wörtlichen Vertraulichkeiten mehr zu eröffnen, mit Innigkeit, die vielleicht ihre einzige Tugend war, legte sie ihren Kopf auf die Schulter ihres geträumten Geliebten und in dem Drucke ihrer Arme fühlte Tristan eine von jenen starken, unbändigen Naturen, die wohl zuweilen müde, aber nie zu sättigen sind.
Tristan war nicht von Erz, auch er erlag der glühenden Luft, die sich in Euphrasia zu concentrieren und, von ihr wieder ausströmend, sich noch brennender über ihn zu ergießen schien. Es ist wahr, er hatte auf ein »Liebst Du mich?« das ihren Lippen entquoll, und in das die bürgerliche Phryne das ganze Feuer ihres Blutes gelegt, nichts geantwortet; aber ungeachtet des Wilhelm gegebenen Versprechens, das in rothen Zügen über den Blättern der Bäume webte und das Tristan’s verwirrter Kopf zu bannen suchte, konnte er sich dennoch nicht erwehren, Euphrasia’s häufiges Drücken zu erwidern, er konnte seine Augen von diesem halbentblößten Busen nicht abwenden, den ihm das bleiche Licht der Sterne wie unter einer Perlenmutterhülle zeigte und sein heißer Kopf konnte den verlangenden Athem der Frau nicht abwehren, die er in seinen Armen hielt. Noch schwankte Tristan, als sich Lotte’s Stimme vernehmen ließ.
Madame Van-Dick machte einen Satz, als ob man ihr ein glühendes Eisen auf die Schulter applicirte. Aber nicht Scham oder Furcht brachte bei ihr diese Bewegung hervor, sondern der ganz natürliche Eindruck eines unerwarteten Schrei’s, der plötzlich durch die starkgeschwächten Sinne fährt,
– Was giebt es? fragte sie ganz laut, indem sie aufstand und die unterbrochene Ordnung ihrer Toilette wiederherstellte.
– Madame, rief Lotte von der andern Seite des Gartens her, der Umschlag ist fertig und Herr Eduard will, daß Sie ihm denselben umlegen sollen.
– Ich werde kommen.
Lotte entfernte sich.
– Höre, sprach Euphrasia, indem sie Tristan’s Hand drückte, ich will ein wenig bei meinem Sohne bleiben, geh’ in Dein Zimmer und wenn Du mich auf meinem Piano spielen hört, geh’ in den Garten hinab, nimm jene Leiter und steige durch das Fenster. Ich liebe Dich!
Euphrasia war verschwunden, ehe Tristan ein Wort antworten konnte. Der Hauslehrer stand nun auf, schwankte ein wenig, wie ein Mann, der aus einem Traume oder aus einer Trunkenheit erwacht, fuhr mit der Hand über die Stirn, sah sich um, machte dann einen kurzen Spaziergang durch den Garten, ging in sein Zimmer, setzte sich an das Fenster und betrachtete die Sterne. Er hatte noch keine halbe Stunde so geträumt, ohne zu wissen wovon, als er den ersten Ton von dem Piano der Madame Van-Dick hörte. Sie spielte »den letzten Gedanken« von Weber, und zufällig spielte sie ihn gut.
11
Aus diesem Kapitel ist zu ersehen, daß die Musik nicht immer die Sitten der Menschen mildert
Bei den ersten Tönen, welche Madame Van-Dick ihrem Piano entlockte, ward Tristan unwillkührlich tief bewegt. Wollte man den Einfluß der Sinne wegläugnen, könnte man auch die ganze Natur verneinen. Wie sich der Leser erinnert, besaß unser Held keine immaterielle Natur; seit der Zeit, daß er den Negocianten kennen gelernt, hatte die Keuschheit an der Thür dieses Hauses gewacht, und wenn auch von Zeit zu Zeit Liebesgedanken den Kopf des Hauslehrers erhitzten, so hatten sie sich doch nie verwirklicht. Es ist demnach leicht begreiflich, wenn die keusche Göttin, welche über Tristan wachte, ihrer Wache einmal müde wurde und dem Schützlinge einen Irrthum erlaubte, ebenso auch läßt sich die Unentschlossenheit erklären, welche der musikalischen Einladung Euphrasia’s antwortete. Er hatte Wilhelm einen heiligen Eid geschworen, das ist wahr; er fand, oder vielmehr er hatte lange Zeit schon Euphrasia sehr lächerlich gefunden, das ist auch wahr: aber Wilhelm war fern, er konnte nichts bemerken. So lange die Welt steht, sind Meineide dieser Art unzählige geschworen und die Natur hat vor Entsetzen darüber nicht gebebt, sie hat die Erinnerung daran nicht einmal bewahrt. Hinter dem Horizonte, den die Schatten des Abends verhüllten, gab es sehr viel Kirchhöfe, auf diesen Kirchhöfen viel Gräber und in diesen Gräbern lagen sehr viel Leute, welche denselben Verführungen unterlegen, die unsern Helden verfolgten; gute und böse, treue und meineidige Liebhaber hatte der Tod hinweggerafft, sie lagen friedlich in einer und derselben Erde, unter einer und derselben Decke.
Solche Gedanken steigen in einem Manne auf, der, wie Tristan, im Begriffe steht, eine That zu vollbringen, welche die Monotonie seines Lebens zu einer verdächtigen stempelt. Wäre Tristan in seinem früher freien Stande als junger Mann auf einen Handlungsbeflissenen von Wilhelm’s Schlage gestoßen, und dieser Handlungsbeflissene hätte eine Geliebte von Euphrasia’s Schlage gehabt, es wäre sehr wahrscheinlich, daß er, unter demselben geleisteten Versprechen, nicht einen Augenblick gezögert, sondern die ganze Sache für eine kleine Sünde gehalten hätte, welche am Morgen beschlossen, am Abend ausgeführt und am nächsten Tage wieder vergessen gewesen.
Aber die gegenwärtige Sachlage war eine andere. Tristan hatte einen feierlichen Eid geschworen, ob mit Unrecht oder Recht, lag ihm nicht zu entscheiden ob. Wilhelm liebte Euphrasia, gleichviel ob mit Recht oder Unrecht; er war traurig, als er abreiste, aber er setzte volles Vertrauen in seinen Freund, und es wäre niederträchtig, selbst wenn die That unbekannt bliebe, dieses Vertrauen zu täuschen, oder über diese Traurigkeit zu lachen.
– Wenn Madame Van-Dick, sprach er zu sich, als das ungeduldige Piano immer dringender ertönte, wenn Madame Van-Dick Wilhelm’s Frau wäre, so wäre dies sehr schlecht; aber sie ist nur eine Geliebte und Herrn Van-Dick’s Gattin, der es gut mit mir meint. Da Wilhelm Herrn Van-Dick betrügt, könnte ich auch Wilhelm betrügen; indeß, fuhr er nach einigem Nachdenken fort, ist die Sache nicht dieselbe. Herr Van-Dick sieht gar nicht aus, als ob er seine Frau anbetete, er liebt vielmehr seine Köchin und hat Euphrasia seinem Commis nicht anvertraut, während ich mich damit befasse, über die Tugend der Dame zu wachen.
Das Instrument tönte immer fort.
– Wer wird es erfahren? sprach Tristan weiter; außerdem ist Euphrasia kein junges Mädchen mehr, Wilhelm ist nicht ihr erster Liebhaber und ich werde nicht der letzte sein. Wer wird ihm sagen, daß sie ihn betrogen hat? Ein Unglück, was man nicht kennt, ist kein Unglück zu nennen. Ich habe gethan, was ich konnte, um Euphrasia zu vermeiden; sie selbst hat gewünscht und wünscht immer noch. Wenn die Wilhelm nicht mehr liebt, wird sie meine Gleichgültigkeit nicht vermögen, ihn zu lieben. Außerdem ist sie auch sehr schön. Als ich den Eid leistete, wußte ich nicht alles, was ich jetzt weiß. Tristan versank in Nachdenken.
In diesem Augenblicke schwieg das Piano.
– Ah! sprach er, und unwillkührlich klopfte sein Herz.
– Sie spielt nicht mehr, sie erwartet mich!
Leise, auf den Fußspitzen, schlich er zum Fenster. Auch Euphrasia war an ihrem Fenster und hustete jenen hartnäckigen Husten, der laut allgemeiner Uebereinkunft bestimmt ist, begreiflich zu machen, daß der, den man erwartet, kommen kann.
– - Was soll ich thun? dachte Tristan.
Es ward gehustet.
– Sie fährt fort!
Ein Lächeln umschwebte die Lippen des Hauslehrers.
– Da ich meinen Schwüren so treu bleibe, dachte er, will ich dieser armen Frau, deren Gunst ich mir erhalten muß, auch einen leisten. Dabei ist aber die Hauptsache, zu wissen, ob der erste mehr gilt, als der zweite.
Tristan lächelte wie ein Mensch, der sich durch einen schlechten Grund zu überzeugen sucht.
Das Husten hörte auf
– Ah, sprach er, indem er den Kopf aus dem Fenster senkte, sollte sie sich schon zufrieden gegeben haben? Um so besser! Um so besser!
Dies »Um so besser« kam aber nicht aus dem Herzen, es war falsch.
Der Mensch liebt diese Art Kämpfe. Wenn er nicht unterliegt, spricht er zu sich: »Wie stark bin ich!« Unterliegt er, spricht er: »Wie habe ich gekämpft!«
Tristan steckte seinen Kopf etwas weiter hinaus.
Euphrasia war zwar von ihrem Fenster verschwunden, das Fenster aber war offen geblieben.
– Zum Teufel, sprach Tristan, ich bin ein Mann und finde an diesem kindischen Kampfe Vergnügen! Ich will zu ihr gehen, aber nur, um ihr zu sagen, daß an ein Verhältniß zwischen uns nicht zu denken sei. Ich werde ihr erzählen, was mir Wilhelm gesagt hat – wenigstens werde ich ruhig sein. Daß ich ihr nicht böse bin, ist zwar sehr gut, aber ich muß es ihr doch sagen.
Mit diesem plötzlichen Entschlusse, hinter dem auch noch der Wunsch sich verbarg, die in der Laube begonnene Scene fortzusetzen, drehte Tristan den Schlüssel in der Thür und öffnete sie leise, indem er mit dem Mittel, das ihm seine Klugheit gerathen, sein Gewissen zu beschwichtigen suchte. In dem Augenblicke, als er die Schwelle seiner Thür überschreiten wollte, hörte er in dem Erdgeschosse Geräusch. Er lauschte einen Augenblick und erkannte Herrn Van-Dick’s Gang, der nach Hause kam und ruhig sein Zimmer betrat.
Diese Verzögerung verwünschend, die ihn in den Augen der Madame Van-Dick als einen unartigen Mann mußte erscheinen lassen, trat Tristan in ein Zimmer zurück. Hier legte er sein Ohr an das Schlüsselloch der Thür und hörte, wie der Negociant die Thüren verschloß, welche seinem Schlafzimmer vorangingen.
Alles war ruhig.
– Ich werde mir eine unversöhnliche Feindin erwerben, wenn ich nicht hinabgehe, dachte Tristan. Welchen Grund soll ich ihr morgen angeben? Was soll ich thun?
In diesem Augenblicke ließ sich das Piano wieder vernehmen; allein Madame Van-Dick, die nicht wußte, welchem Umstande die Tristan’s Schweigen zuschreiben sollte, hatte den Fuß auf das Pedal des Instrumentes gesetzt und »der letzte Gedanke von Weber«, von den kräftigen Fingern Euphrasia’s verwirklicht, schlug rauschend an das Ohr desjenigen, dem er bestimmt war. Tristan konnte sich des Lachens nicht erwehren.
– O Himmel! dachte er, wenn das in dieser Steigerung fortgeht, zerspringen in einer halben Stunde die Fensterscheiben. Hilf, Himmel! Verehrteste Madame Van-Dick, wie lieben Sie mich!
In der That, wenn ihre Liebe mit der Energie, mit der sie die Tasten des Instrumentes berührte, in Verhältniß fand, mußte Euphrasia unsern Tristan nicht wenig lieben. Es war nicht mehr Musik, es war eine Rebellion von Tönen.
– Man muß dem Dinge ein Ende machen, sprach Tristan. Wenn ich den Tod Raphael’s nicht erleiden will, den mir diese mächtige Harmonie zu versprechen scheint, darf ich jetzt nicht hinabgehen. Ich muß einen Entschluß fassen, aber da ich ein großer Narr bin und diesen Entschluß in meinem eigenen Willen nicht finden kann, will ich mir ihn vom Zufalle geben lassen.
Mit diesen Worten ging unser Freund leise zu einem Kamine und zündete ein Licht an; dann zog er ein Stück Geld aus der Tasche und trat zu einem Bette.
– Madame Van-Dick hat gewonnen, fällt die Rückseite; erscheint das Bild, habe ich gewonnen, das heißt, ich gehe nicht hinab. Dies ist die letzte Probe, und wenn Sie verlieren, meine beste Madame, so mögen Sie die Posaune blasen, bei deren Ton die Mauern von Jerichow eingestürzt sind, ich komme nicht!
– Bild! sprach er und warf das Geldstück in die Luft. Die Münze drehte sich rasch um sich selbst und fiel auf das Bett. Tristan trat mit dem Lichte heran. Das Bild des Monarchen ward von demselben beschienen.
– Ich habe gewonnen, sprach Tristan, indem er das Geldstück wieder in seine Tasche schob, oder richtiger gesagt, sie hat verloren. Diesmal bleibt es dabei!
Nun schloß er leise das Fenster und zog die Vorhänge zusammen. Der musikalische Lärm dauerte fort, aber etwas dumpfer.
– Und nun zu Bett, sprach er zu sich, ich habe die Ruhe verdient. Ich hoffe, mein bester Wilhelm, Sie haben einen Freund, der seine Schwüre hält. Doch gleichviel, ich handele in meinem Interesse klug.
Die Musik dauerte fort.
Tristan entkleidete sich, sah nach der Uhr, die Eins zeigte und öffnete die Vorhänge seines Bettes.
– Das nächste Frühstück wird nicht sehr erbaulich sein.
In diesem Augenblicke schwieg das Instrument.
– Ah, jetzt wird sie wieder husten. Und in der That, trotzdem das Fenster geschlossen war, vernahm Tristan Euphrasia’s Husten, der, wie das Piano, den Ton geändert hatte.
– Huste nur! dachte Tristan, ich gehe zu Bette.
Der junge Mann schlüpfte unter die Decke und sprach:
– Jetzt bin ich mit dem, was ich gethan, zufrieden. Mit dem Lichte verlöschen auch meine Leidenschaften. Gute Nacht!
Eine Viertelstunde mochte verflossen sein, während welcher Tristan, ermüdet von dem Kampfe seiner Empfindungen, sich zum Schlafen vorbereitete und mit halbgeschlossenen Augen in einem Bette lag, als plötzlich ein ungeheurer Lärm durch das Haus schallte. Als ob man einen Flintenschuß in dem Zimmer abgefeuert hätte, sprang der Hauslehrer in einem Bette empor.
Die Ursache dieses Schreckens war Madame Van-Dick, welche den »letzten Gedanken« von Weber wieder begann; sie schien ihn aber nicht mehr mit den Fingern zu spielen, sondern, nach der Kraft zu urtheilen, mit den Fäusten.
– Nicht übel, sprach Tristan, indem er sich aufrichtete, jetzt weiß ich kein Mittel mehr, mich zu halten. Madame bringt das ganze Stadtviertel in Bewegung.
Tristan verließ das Bett und suchte seine Kleider, um zu Euphrasia hinabzugehen, diesmal aber mit dem festen Entschlusse, sie zum Schweigen zu bringen und ihr fest zu widerstehen. In diesem Augenblicke hörte er im Erdgeschosse heftig ein Fenster öffnen und die Stimme des Herrn Van-Dick rief seiner Frau zu:
– Was zum Teufel beginnst Du denn da oben, meine theure Freundin? Man kann ja kein Auge schließen! Eduard ist krank, und wenn das fortgeht, laufen die Menschen in der Straße zusammen. Warte bis morgen. Schon zweimal war ich eingeschlafen, Du hast mich aber wieder aufgeweckt. Gott möge es dem Herrn Weber verzeihen, daß er einen »letzten Gedanken« componiert hat! Ich bin überzeugt, daß der arme Tristan nicht schlafen kann. Nicht wahr, mein bester Herr Tristan?
Tristan hütete sich wohl, zu antworten.
– Ah, er schläft, sprach Herr Van-Dick, indem er das Fenster schloß. Er wird wohl sehr müde sein!
Wie durch einen Zauber verstummte die Musik.
Tristan war froh, daß ihm dieser Umstand zu Hilfe gekommen. Er legte sich wieder zu Bette und dachte noch einige Augenblicke über die Begebenheiten des Abends nach und über das, was er für den folgenden Morgen voraussah.
Gleich darauf hörte er Madame Van-Dick so leise als möglich das Fenster schließen.
Als es zwei Uhr schlug, herrschte eine so tiefe Ruhe in dem Hause, daß man den Flug einer Mücke hätte hören können.
12
Madame Van-Dick ist traurig
Als Tristan erwachte, war es bereits heller Tag. Es schlug sechs Uhr.
Das Bewußtsein, eine gute Handlung vollbracht zu haben, hatte unterm Helden, wie man sieht, einen ruhigen Schlaf verliehen. Er war ob seiner That so glücklich und so stolz, daß ihm das Begegnen der Madame Van-Dick neben der Zufriedenheit, die er empfand, nur eine Kleinigkeit zu sein schien.
Fröhlich verließ er daher sein Bett. Als er die Vorhänge eines Fensters öffnete, drang ihm ein Lichtmeer entgegen, daß er die Augen schließen mußte. Er öffnete nun auch das Fenster und die frische Morgenluft that seiner Stirn so wohl, wie die Erinnerung an den errungenen Sieg seinem Herzen.
Neugierig, zu wissen, was sich ereignen würde, kleidete er sich rasch an und stieg die Treppen hinab. Im Erdgeschosse begegnete ihm Lotte, welche er um das Befinden des Herrn Eduard befragte.
Der Zögling befand sich besser.
Tristan ging nun in den Garten, wo er Herrn Van-Dick antraf. Der Leinwandhändler begoß die Blumen. Als er seinen neuen Freund kommen sah, rief er ihm entgegen: »Guten Morgen, mein bester Herr Tristan!« ohne sich in seiner Beschäftigung zu unterbrechen.
– Guten Morgen, mein bester Herr Van-Dick! antwortete Tristan und dachte dabei: »Wie ich mit der Frau stehe, weiß ich nicht, der Mann scheint mir aber immer noch gewogen zu sein.«
– Haben Sie gut geschlafen, Herr Van-Dick? fügte der Hauslehrer hinzu, ohne ein Lächeln unterdrücken zu können, dessen Grund der Leser kennt.
– Von zwei Uhr an sehr gut; bis dahin aber —
– Sind Sie krank gewesen?
– O nein. Ich bin aber spät nach Hause gekommen, und dann hat sich meine liebe Gattin mit einer solchen Kraft und Beharrlichkeit an Webers letztem Gedanken amüsiert, daß der große Componist sich gefreut hätte, wenn er es gehört.
– Wahrhaftig?
– Es war nicht zum Aushalten. Haben Sie denn nichts gehört?
– Nichts.
– Sie wollen aus Artigkeit nichts gehört haben.
– Nein. Und wenn Madame Van-Dick noch so stark gespielt hätte, ich würde dennoch nichts gehört haben.
– Waren Sie nicht zu Hause? fragte der Kaufmann mit einem vertraulichen Lächeln.
– Ich war zu Hause, aber ich lag in einem tiefen Schlafe.
– Sie sind sehr glücklich.
– Wie befindet sich Madame Van-Dick diesen Morgen
– Ich habe sie noch nicht gesehen. Wahrscheinlich wird sie etwas angestrengt sein.
Nachdem Herr Van-Dick und Tristan noch einen Spaziergang durch den Garten gemacht, meldete ein Diener, daß das Frühstück serviert sei. Die beiden Männer gingen hierauf in den Speisesaal, wo die Madame Van-Dick antrafen. Die Dame hatte die Fenstervorhänge so dicht verschlossen, daß man in dem Zimmer bei dem ersten Eintritte aus dem hellen Tage kaum die Gegenstände zu unterscheiden vermochte.
– Was Teufel, sprach Herr Van-Dick, was soll denn das bedeuten?
– Es geschah der Hitze wegen, mein Freund, und dann auch übt das Licht einen nachtheiligen Einfluß auf meine Augen aus.
– Aber warum wendest Du dem Lichte den Rücken zu? Dieser Saal kommt mir beinahe wie ein Grab vor. Mit diesen Worten schob Herr Van-Dick eigenhändig die Vorhänge eines der Fenster zurück.
– So, sprach er, wird dem Geschmacke aller genügt sein; ein geschlossener Vorhang für Dich, ein offener für uns, denn ich denke, Herr Tristan wird das Licht eben so lieben, als ich.
Aber Tristan, der bemerkte, daß Madame Van-Dick rothgeweinte Augen hatte und selbst jetzt noch ihre Thränen zurückzuhalten suchte, verstand, warum sie nicht in den Garten gekommen war, er versuchte demnach, sich mit der Herrin des Hauses auf einen guten Fuß zu setzen und antwortete:
– Erlauben Sie mir, mein bester Herr, das vorzuziehen, was Madame Van-Dick wünscht. Euphrasia antwortete weder durch ein Wort, noch durch ein Zeichen.
– Haben Sie die Nacht gut verbracht, Madame? fragte Tristan sich ihr nähernd und bemerkte zu spät, daß diese Frage, die ihm die Gegenwart des Herrn Van-Dick abnöthigte, das Ansehen eines schlechten Scherzes hatte.
– Danke, mein Herr, sehr gut, antwortete Euphrasia trocken.
– Ah, jetzt sehe ich, warum Du die Fenstervorhänge geschlossen hat, Kokette, sprach Herr Van-Dick spöttisch lächelnd, indem er seiner Frau gegenüber Platz nahm, es geschah, weil Du ganz roth bist.
Madame Van-Dick wurde noch röther, und Tristan, der verstohlen einen Blick auf sie warf, sah eine Thräne des Zornes in ihren Augen blitzen.
»Diese Thräne werde ich theuer bezahlen müssen, dachte Tristan.
– Man könnte sagen, Du habest geweint, fuhr der Kaufmann mit jener Beharrlichkeit der Ehemänner fort, welche wissen, daß sie ihre Frau ärgern.
Madame Van-Dick antwortete nicht. Tristan sah, daß die Thräne, welche sich hervordrängte, dem Fallen nahe war. Die arme Frau dauerte ihn.
– Madame ist krank, sprach er.
– Diese Nacht war sie es nicht, meinte Herr Van-Dick; sage mir nur, theure Freundin, welche Wuth, das Piano zu mißhandeln, Dich erfaßt hatte?
Die Thräne rollte jetzt über ihre Wange und fiel in eine der Falten ihres seidenen Kleides. Herr Van-Dick, der mit seinem Braten beschäftigt war, hatte nichts bemerkt. Tristan sah es, sagte aber begreiflicherweise nichts.
– Der letzte Gedanke von Weber scheint Dir zu gefallen? fuhr der Holländer fort, indem er sein Glas mit Wein füllte.
Euphrasia warf ihre Serviette auf den Tisch, fand auf, warf den Stuhl zu Boden und verließ mit den Worten: »Sie sind ein Narr!« den Saal.
– Madame ist nicht gut gelaunt, sprach Herr Van-Dick in dem gleichgültigsten Tone von der Welt und trank ein Glas Wasser.
– Sie haben sie ein wenig gequält.
– Ich?
– Ja.
– Ich weiß, was ihr fehlt.
– Wahrhaftig?
– Ja.
– Und darf man, ohne indiscret zu erscheinen, um den Grund ihres Kummers fragen, denn ich wäre so ungeschickt, ihn zu bereuen, indem ich versuchte, sie zu trösten.
– Es fehlt ein Couvert an diesem Tische.
– Ah, das ist recht.
– Verstehen Sie?
– Vollkommen; ihr Sohn ist krank.
Tristan stellte sich, als ob er die doppelsinnige Betonung, mit welcher Herr Van-Dick dies »Verstehen Sie?« gesprochen hatte, nicht verstände.
– Ich dachte nicht daran, fuhr Tristan unbefangen fort, Madame Van-Dick liebt ihren Sohn mit mütterlicher Zärtlichkeit.
Herr Van-Dick hielt Tristan’s Antwort für eine aufrichtige und zog es vor, ihn in einem Irrthume zu lassen.
– Sie verstehen also jetzt, nicht wahr? fuhr er fort.
– Vollkommen; man hat mir aber diesen Morgen auf mein Befragen gesagt, daß sich Eduard viel besser befindet. Der Kummer Madame Van-Dick’s, eine so gute Mutter sie immerhin ist, wäre in den verflossenen Tagen viel natürlicher gewesen; sie grämt sich in diesem Augengenblicke ohne Grund.
– Um so mehr, fügte Herr Van-Dick hinzu, als sie diese Nacht den armen Knaben durch ihre musikalische Wuth in seinem Schlafe störte.
»Ich muß ihn auf das zurückzuführen suchen, dachte Tristan, was ihm vorhin auf den Lippen schwebte.«
– Auch glaube ich, sprach er laut, daß dies der Grund von Madame Van-Dick’s Traurigkeit nicht ist.
– Vielleicht.
– Vermuthen Sie keinen andern Grund?
– Nein. Je mehr Zeit Herr Van-Dick zu überlegen hatte, je fester schien bei ihm der Entschluß zu werden, Tristan bei seiner ersten Voraussetzung zu lassen.
– Meinetwegen mag sie diesen oder jenen Grund haben, mir ist alles gleich. Wenn sich die Männer stets um die schlechten Launen ihrer Frauen kümmern wollten hätten sie nichts weiter zu thun, für andere Sachen würde ihnen keine Zeit bleiben. Die betrübten Frauen sind wie die Kinder, welche fallen: hebt man sie auf, weinen sie, und läßt man sie allein aufstehen, sagen sie kein Wort.
Herr Van-Dick fand vom Tische auf
– Indeß, sprach Tristan und folgte seinem Beispiele, man kann Madame Van-Dick doch nicht so lassen.
– Mein bester Tristan, antwortete der Negociant, indem er dem Hauslehrer auf die Schulter klopfte, seien Sie so liebenswürdig, ihr Gesellschaft zu leisten, trösten Sie fiel und sagen Sie ihr, daß ich dieses Geschäft selbst abgemacht haben würde, wenn ich nicht ausgehen müßte. Ich verlasse mich auf Sie.
Herr Van-Dick ergriff seinen Hut.
– Wann kommen Sie wieder zurück, mein bester Herr Van-Dick?
– Zum Diner. Adieu!
– Adieu!
– Sorgen Sie dafür, daß sie bei Tische vergnügt ist. Es giebt nichts langweiligeres in der Welt, als ein trübseliges Gesicht ansehen zu müssen, wenn man bei Tische sitzt.
– Aber ich weiß nicht, was ich ihr zu diesem Zwecke sagen soll?
– Sagen Sie ihr, daß die Leute, welche verreist sind, wiederkommen werden.
– Und daß Sie um sechs Uhr wiederkommen werden, fügte Tristan mit einem Lächeln hinzu.
– Diese Nachricht wird ihr Vergnügen machen. Sie verstehen mich vortrefflich!
Lächelnd verließ der Holländer den Saal. Doch kaum hatte er die Thür geschlossen, als sie sich wieder öffnete und Herr Van-Dick zurückkehrte.
– Sollte sie noch traurig sein, begann der Wiederkehrende, so halte ich mich an Sie. In Wilhelms Abwesenheit liegen Ihnen solche Sachen zur Besorgung ob. Nachdem er sich eine Cigarre angezündet, verließ er endlich den Saal, um nicht noch einmal zurückzukehren.
– Ein sonderbarer Mensch! dachte Tristan. Ob er mich auch dann wohl beauftragt hätte, seine Frau zu trösten, wenn er den wahren Grund ihrer Traurigkeit wüßte.
In diesem Augenblicke ertönte eine Glocke. Gleich darauf trat Lotte in den Saal.
– Mein Herr, Madame wünscht Sie zu sprechen.
– Wo ist Madame?
– In ihrem Zimmer.
– Ich werde kommen.
Wie ein Mensch, der eben so gern an jeden beliebigen andern Ort ginge als dorthin, wohin er eben geht, stieg Tristan langsam die Treppe hinauf.
13
Tristan Joseph und Euphrasia Potiphar
Tristan traf Madame Van-Dick in ihrem Schlafzimmer an.
Den Umstand, daß sie sich in ihrem Zimmer befand, hatte die Dame benutzt, um die Vorhänge zu schließen und in einem matten Roth zu erscheinen. Das Piano war geschlossen.
Auf dem Kamine, auf dem Tische, überall, wo nur eine Vase stehen konnte, öffneten Blumen ihren würzigen Kelch. Die geschlossenen Fenstervorhänge gestatteten nur wenigen Sonnenstrahlen den Eingang; neugierig drangen sie in den Schooß dieses Zimmers, um die Blumen zu suchen, die sie lieben. Von Zeit zu Zeit verhüllte eine Wolke, die am Himmel vorüberzog, diese Strahlen, so daß die Blumensträuße im Schatten fanden.
Sonne, Blumen und Vögel, zu einem poetischen Rahmen um ein bürgerliches Gemälde gebildet, hatte Madame Van-Dick zu ihrer letzten Hilfe herbeigerufen, sie zählte fest auf ihren Einfluß.
Nie verzeiht eine Frau einem Manne, wenn er sie verschmäht, und vorzüglich dann, wenn sie, wie Euphrasia, ihn allein zum Vertrauten ihrer Liebe gemacht hat.
Euphrasia war keine geistreiche Frau, wie wir bereits oft und vielleicht zu oft gesagt haben, aber sie war eine Frau, die, wenn die Leidenschaft der Sinne oder des Herzens sie einen Augenblick beherrschen oder in einen treulosen Zustand versetzen konnte, einmal zur Ueberlegung gekommen, nie wieder in dieselbe Lage zurückverfiel. Außerdem war sie für äußere Verführungen und physische Eindrücke sehr empfänglich, so daß wir uns nicht wundern können, die in diesem letzten Kampfe gegen den unverwundbaren Tristan mit solchen Waffen ausgerüstet zu erblicken.
Der Tag war schwül wie der Abend, der ihm voranging; aber so schwül auch jener Abend war, so stellte sich doch dann und wann ein kühles Lüftchen ein, das eine glühende Stirn erfrischen und eine gepreßte Brust beruhigen konnte, und so einsam Euphrasia in ihrem Garten auch war, so konnte sie doch von aller Welt überrascht werden, wie zum Beispiel von der dicken Lotte: jetzt aber war ihre Tugend vor den beiden Freunden des Abends gesichert, die frische Luft und die Zeugen konnten sie nicht erreichen. Sie war in ihrem Zimmer, wo niemand das Recht hatte, sie zu stören; die Fenstervorhänge waren geschlossen und das Zimmer athmete alle Düfte, welche im Stande sind, ein Verlangen vollständiger zu machen.
Die Dame selbst war weiß gekleidet und Hals, Busen und Arme deckte keine neidische Hülle. In dem matten Lichte, welches lüstern durch das Zimmer webte konnte sie Schultern und Arme mit Koketterie zur Schau tragen, denn alle Formen und Umrisse erschienen viel feiner, edler und aristokratischer und dabei athmete das Fleisch Leben und Frische. Madame Van-Dick war einer Najade zu vergleichen, wie sie die Dichter des achtzehnten Jahrhunderts schildern. Wir, die wir prosaischer sind und nur ein wahres Weib zu schildern uns bemühen, wir sagen ganz einfach, wie sie war: ein üppiges, verlangendes Weib.
Vor Aerger weinend, hatte Euphrasia den Saal verlassen. Nachdem sie ihre Augenlider von den unnützen und für ihre Augen selbst gefährlichen Thränen befreit, schloß sie sich in ihr Toilettenzimmer ein, enthüllte vor dem Spiegel die Reichthümer ihres Körpers, und besprengte ihn mit wohlriechendem Wasser. Lächelnd unter dem wollüstigen Dufte, den ihr ganzes Wesen aushauchte, hüllte sie denn diesen einbalsamierten Körper, verachtet, weil er unbekannt war, in den feinsten Battist. Nachdem diese Armirung geschehen, hatte sie Herrn Van-Dick, das Haus verlassen sehen, die Klingel gezogen und der Köchin den Auftrag ertheilt, ihren Feind zu rufen.
Tristan erwartete eine Scene voll Vorwürfe und Haß. Kaum war er eingetreten, als Euphrasia mit der süßesten Stimme von der Welt sprach:
– Das ist schön!
– Ich stand so eben im Begriffe, Madame, Sie um die Ehre eines Besuches bitten zu lassen.
– Nun, so setzen Sie sich, und plaudern wir ein wenig. Tristan nahm einen Stuhl und ließ sich in einer gewissen Entfernung von Euphrasia nieder.
– Fürchten Sie sich vor mir? fuhr sie fort. Rücken Sie doch näher. Tristan rückte näher.
– Also, sprach Madame Van-Dick, indem sie die Hand des Hauslehrers ergriff, auf diese Weise kommen Sie zu den Rendezvous, welche Sie geben.
– Welche ich gebe? konnte sich Tristan nicht erwehren zu fragen.
– Ja, welche Sie geben, oder welche man Ihnen giebt, wenn Sie das lieber wollen. In letzterem Falle ist es noch schlimmer, wenn Sie fehlen. Anfangs fürchtete ich, daß Sie krank wären; ich war sehr unruhig.
– - Madame —
– Haben Sie mich gehört?
– Sehr gut.
– Warum verharrten Sie denn in Ihrem Stillschweigen? Antworten Sie, mein Herr, wollen Sie noch einmal hören, daß man Sie liebt?
Tristan wollte reden.
– Ich weiß, was Sie sagen wollen, böser Mensch, irgend eine nichtige Entschuldigung. Die Furcht überrascht, oder nicht geliebt zu werden. Aber so sind die Männer. Es thäte wahrhaftig Noth, daß die Frau, die euch liebt, sich aller Scham begiebt, um zu eurem Herzen zu gelangen. Nun, Tristan, fuhr Madame Van-Dick fort, indem sie auch eine andere Hand ergriff, habe ich Ihnen nicht schon alles gesagt, was nur eine Frau sagen kann? Gehen Sie, Sie haben mir viel Schmerz verursacht. Ich verwünschte Sie und gab mir das heilige Versprechen, nie wieder mit Ihnen zu reden, Sie nie wieder zu sehen. Diesen Morgen vermochte ich nicht, meine Thränen zurückzuhalten; als ich Sie aber wiedersah, habe ich Ihnen verziehen.
Tristan’s Lage wurde gefährlich.
– Aber Madame, sprach Tristan, was die Liebe anbetrifft, welche man für eine Frau hegen kann, so giebt es oft ein Gefühl, das über diese unerlaubte Liebe den Sieg davontragen muß.
– Welches.
– Die Dankbarkeit.
– Was wollen Sie damit sagen?
– Ich will sagen, daß ich hier Gast des Herrn Van-Dick bin,und daß es die Gastfreundschaft dieses Mannes schlecht belohnen hieße, wenn ich es wagen wollte seine Frau zu lieben.
– Was kümmert Sie das? Außerdem wird er es nicht wissen.
– Aber ich werde es wissen.
– Und dann?
– Und solcher Läpperein stoßen Sie eine Frau zurück, welche Sie liebt? Jetzt ist es übrigens zu spät.
– Ganz gewiß. Denn wäre Lotte nicht dazwischen gekommen, würden Sie gestern schon dieser kostbare Gast geworden sein,fügte Euphrasia lächelnd hinzu.
– Vielleicht, Madame.
– In jenem Augenblicke überlegten Sie nicht.
– Aber ich habe seitdem überlegt.
– So, und das Resultat dieser Ueberlegung hat Sie wohl abgehalten, gestern Abend zu mir zu kommen? fragte Euphrasia verletzt.
– Ja, Madame.
– In diesem Falle haben Sie sich diese Nacht wohl recht lustig über mich gemacht?
– Wie können Sie glauben, Madame —
– Da Sie doch so delicat sind, hätten Sie dem Herrn Van-Dick antworten sollen, als er Sie rief, und mit ihm mir sagen können, daß ich aufhörte, das Ihnen nur allein bekannte Zeichen zu geben.
– Glauben Sie mir, Madame, nur ein Gefühl von Ehre ist der einzige Grund meines Schweigens.
– Wenn man in Ihrem Alter steht und einige Lebenserfahrung besitzt, läßt man sich von dergleichen Rücksichten nicht abhalten. Hat dieses Gefühl. Ihnen vielleicht auch die Worte dictiert, die Sie mir gestern Abend sagten? Wenigstens hätten Sie mich auf der Stelle es merken lassen sollen, anstatt mit einer armen Frau, die Sie liebt und die nur auf ihr Herz hört, Ihren Scherz zu treiben. Wahrhaftig, ich muß heute bei diesem Geständnisse meiner Liebe erröthen! Uebrigens werde ich die Demüthigung vergessen, die ich erlitten, aber nur unter der Bedingung, daß Sie mir den wahren Grund Ihres Betragens nennen, denn der törichte, den Sie mir vorhin angaben, kann es nicht sein.
Jetzt begann der Aerger in Madame Van-Dick’s Strategie die Oberhand zu gewinnen, und es war gar nicht schwer, das falsche Manöver zu erkennen, welchem sie sich hingab.
Es war übrigens selbst für eine geistreiche Frau nicht leicht, sich geschickt aus einem solchen Abenteuer herauszuwinden.
– Nun, Madame, fuhr Tristan fort, der durch einige Complimente das, was er gesagt hatte, zu mildern gedachte, erlauben Sie mir, frei und offen zu reden, wie es mir um das Herz ist?
– Ich höre.
– Nun denn, Madame, ja, ich liebe Sie! Ja, gestern hätte ich beinahe meinen Eid verletzt, den ich geschworen habe. Als ich Sie sah, war ich weder meiner Sinne, noch meines Herzens mächtig, ich vergaß mein gegebenes Wort. Glücklicherweise – verzeihen Sie mir diesen Ausdruck – brachte mich Lottes Stimme, die Sie rief, zur Wirklichkeit zurück.
– Man kann einer Frau immer sagen, daß man sie liebt, wenn man ihr später gute Gründe angeben kann, um sie nicht zu lieben, antwortete Euphrasia.
– Dann erlauben Sie, Madame, daß ich schweige.
– O nein, fahren Sie fort, mein Herr.
– Erinnern Sie sich noch der Zeit, wo ich das Vergnügen hatte, Ihr Portrait zu malen?
– Ja.
– Da war es, wo sich eine wirkliche Leidenschaft meiner bemächtigte. Und doch habe ich es Ihnen nie gestanden.
– Was sagen Sie da?
– Die Wahrheit.
– Wenn Sie mir diese Liebe nicht gestanden haben, so haben Sie wenigstens dafür gesorgt, daß ich sie merken konnte.
– Durchaus nicht.
– Sie sind ein unverschämter Lügner, mein Herr! rief Madame Van-Dick, welche abermals der Zorn zu beherrschen anfing.
Tristan fand auf.
– Bleiben Sie, mein Herr, ich will es. Als Sie mich fragten, wem dieses Portrait bestimmt sei, was habe ich Ihnen geantwortet?
– Daß Sie es mir nicht sagen wollten.
– Aber daß Sie es errathen könnten.
– Ja.
– Als es vollendet war, und nachdem sie aus tausend kleinen Anzeichen meine törichte Liebe hatten ermessen können, fragte ich Sie, ob Sie das Portrait dem eingehändigt hätten, dem es bestimmt sei. Was haben Sie mir da geantwortet?
– Daß ich es abgegeben habe.
– Nun, mein Herr, geben Sie mir dieses Portrait zurück und entfernen Sie sich aus meinem Zimmer!
– Madame, das Portrait ist nicht mehr in meinen Händen, antwortete Tristan, der jetzt auch die Geduld verlor.
– Wer hat es? fragte Madame Van-Dick, indem sie aufstand.
– Haben Sie mir nicht gesagt, daß es für einen Mann bestimmt sei, den Sie lieben?
– Nun?
– Ich habe es Ihrem Geliebten gegeben, Madame.
– Meinem Geliebten?
– Herrn Wilhelm.
– Und wer hat Ihnen gesagt, daß Herr Wilhelm mein Geliebter ist?
– Er selbst.
– Er hat gelogen, mein Herr, wenn er das gesagt hat, und Sie sind ein impertinenter Mensch, daß Sie es mir wiederholen. O, wie hat mich dieser Mensch genarrt und gedemüthigt! murmelte Madame Van-Dick. Ich werde mich aber zu rächen wissen, mein Herr Tristan!
– Verzeihung, Madame, antwortete Tristan, indem er seine vorige Ruhe wieder annahm, ich glaube, der Zorn läßt Sie die Wahrheit vergessen. Ich habe versucht, einem geleisteten Eide treu zu bleiben, und anstatt mir zu danken, daß ich Sie vor wahrscheinlichen Gewissensbissen sicher stellen will, behandeln Sie mich wie einen Bedienten.
– Welchen Eid haben Sie denn geleistet, mein Herr?
– Ich habe geschworen, Ihnen nie mehr als ein Freund zu sein.
– Und wem?
– Herrn Wilhelm, Madame.
– Was für ein Recht hat Herr Wilhelm, diesen Eid von Ihnen zu verlangen?
– Er hat mir gesagt, daß er Sie liebt, daß Sie schon seit langer Zeit eine Geliebte sind und daß er eifersüchtig auf mich ist. Auf dieses Geständniß habe ich ihm versprochen, Sie stets als eine geheiligte Schwester zu betrachten, und dieses Versprechen zu halten war um so schwieriger, da Sie schön sind, Madame, und da auch ich Sie liebe, wie ich Ihnen bereits mir zu sagen erlaubte.
– Und wer hat Sie gezwungen, dieses Versprechen abzugeben? fragte Euphrasia, die einsah, daß kein Mittel mehr vorhanden war, ihr Verhältniß zu Wilhelm in Abrede zu stellen.
– Eine unbeschreibliche Sympathie, welche ich für ihn empfand, die Achtung, welche ich vor einer ernsten Neigung hegte, und der feste Entschluß, mein Glück dem Glücke derjenigen zu opfern, die ich liebe.
– Narr! sprach Euphrasia.
– Nach dem, was vorgegangen, bleibt mir nichts mehr zu thun, als ein Haus zu verlassen, in welchem ich, ohne es gewollt zu haben, eine große Verwirrung angerichtet. Ich verlasse es, und wenn ich auch nicht Ihre Freundschaft, die mir stets theuer gewesen, mit mir nehmen kann, so können Sie mir doch wenigstens Ihre Achtung nicht versagen.
Tristan verbeugte sich, öffnete die Thür und verließ das Zimmer, ohne daß Madame Van-Dick ihn durch ein Wort oder durch einen Wink zurückzuhalten suchte. Als er sich auf dem Corridor befand, blieb er stehen und sprach bei sich: »Da bin ich nun!« – Dann fügte er hinzu: »Ich habe gethan, was ich thun mußte.« – O, der Elende! rief Euphrasia; wie er seinen Scherz mit mir treibt! Aber noch ist nicht alles vorbei, Herr Tristan, Sie sollen diesen Scherz theuer bezahlen.
Nachdem Madame Van-Dick die Thränen des Zornes getrocknet hatte, die ihre Augen näßten, öffnete sie ihren Secretair, ergriff Papier, Feder und Dinte und schickte sich an zu schreiben. In derselben Zeit trat Tristan in sein Zimmer, ging nachdenkend einige Augenblicke auf und ab, öffnete den Schiebkasten seines Tisches, nahm Federn und Papier her. aus und setzte sich wie ein Mensch an den Tisch, der einen Brief schreiben will.
14
Die beiden Briefe
Wilhelm war in Brüssel angekommen. Er säumte nicht, sich mit dem Geschäfte, das Haus Daniel betreffend, zu befassen; aber schon am ersten Tage gewann er die Ueberzeugung, daß er es vor drei Wochen nicht würde beendigen können. Gleich darauf erhielt er zwei Briefe. Auf dem Umschlage des einen erkannte er Tristans Handschrift, auf dem andern die Euphrasia’s.
Zunächst öffnete er das Siegel des letzteren, da er aber, trotz der Freundschaft, die er für den Hauslehrer empfand, eine größere Liebe zu seiner Freundin hegte, so schätzte er Euphrasia’s Brief höher und beschloß, um das Beste zuletzt zu genießen, zumal da er ihm stärker erschien, Tristan’s Brief zuerst zu lesen.
Wilhelm schloß ein Fenster, damit das Geräusch, das von der Straße herauf drang, seine zweifache Lectüre nicht stören konnte, dann küßte er entzückt den zurückgelegten Brief, warf sich nachlässig in einen großen Stuhl und las:
»Ich glaube kaum, mein bester Wilhelm, daß Sie ermessen können, wie unglücklich mich Ihre Abwesenheit macht. Ich wüßte nicht, was ich darum gäbe, wenn Sie hier wären. Zwar bin ich überzeugt, daß Sie meinen Kummer theilen, ich zweifle indeß, daß er dieselbe Ursache haben mag.
»In Bezug auf Sie ist in dem Hause keine Veränderung vorgegangen, nur für mich scheint der Horizont ein wenig trübe werden zu wollen. Wie mir scheint, werde ich aus Gründen, die ich Ihnen später mitzutheilen gedenke, Herrn Van-Dick verlassen müssen. In allem, was ich unternehme, habe ich Unglück, und wenn ich nicht von Zeit zu Zeit Trost aus Ihrer Freundschaft für mich schöpfte, ich würde an dem Leben verzweifeln.
»So oft ich mich bei Madame Van-Dick befand, haben wir von Ihnen gesprochen. Ich erlaube mir diesen Namen zu schreiben, da ich weiß, daß Sie klug sind und diesen Brief sorgfältig aufbewahren werden. Sie hat mir ihre Gedanken über Sie nicht verborgen und ich glaube, daß sie mein Leid über Ihre Abwesenheit, wenn auch in einem andern Sinne, theilt.
»Gestern, als sie von Ihnen zu mir sprach, habe ich fiel aufmerksam beobachtet; sie schien sehr bewegt zu sein, und ich glaube den Grund dieser Bewegung zu kennen. Es ist wohl nicht nöthig, daß ich Ihnen denselben mittheile; seien Sie glücklich, denn Sie verdienen es. Obgleich mich unerwartete Umstände sehr traurig gemacht haben, so bin ich doch stolz, mir sagen zu können, daß Sie einen Theil Ihrer jetzigen und zukünftigen Freuden mir zu verdanken haben.
»Ich hoffe, daß mich ein Brief von Ihnen noch in dem Hause am Prinzen-Kanal antreffen wird; sollte ich es vielleicht vor Ankunft desselben verlassen, so bleibt meine Adresse zurück, denn jedenfalls bleibe ich in der Stadt.
»Was auch geschehen möge, zweifeln Sie weder an meiner Freundschaft noch an meiner Ergebenheit.«
– Sonderbar, sprach Wilhelm, nachdem er gelesen, dieser Brief ist eben so geheimnißvoll als traurig. Warum will Tristan das Haus verlassen? Warum giebt er die Gründe seines Bruches mit Herrn Van-Dick nicht an? Was mag dem armen Menschen zugestoßen sein?
Ueber diesen Gedanken vergaß der Handlungsbeflissene auf einen Augenblick den Brief, den er in seiner linken Hand hielt.
– Ich werde später noch einmal lesen, dachte er, legte Tristan’s Brief auf den Kamin und öffnete den von Euphrasia mit wonnebebender Hand.
Sein Inhalt war folgender:
»Geliebter!«
»Du kannst Dir keinen Begriff machen, wie unglücklich Deine Euphrasia durch Deine Abreise geworden ist. Eine nicht zu verbannende Traurigkeit hat sich meiner bemächtigt. Und Du, bist auch Du traurig, mein Wilhelm? Ach, die Liebe ist ein furchtbares Ding, wenn man scheiden muß! Wenn ich voraussetze, daß Sie traurig sind, irre ich mich vielleicht, mein Herr, denn es ist ja möglich, daß Sie mich hintergehen; aber Sie wissen, wie eifersüchtig ich bin und daß mich der Gedanke, Sie lieben eine andere Frau, stets zittern läßt. Wilhelm, wenn das je geschehen sollte, sterbe ich!
– Wie sie mich liebt! rief Wilhelm, und fuhr mit Freudenthränen in den Augen zu lesen fort:
»Ach, ich bin sehr traurig! Gestern ließ ich das Fenster die ganze Nacht offen, als ob ich Dich immer noch erwartete. Aber Du kamst nicht! Ich habe kein Auge geschlossen. Um mich zu zerstreuen, setzte ich mich an mein Piano und um zwei Uhr Morgens mußte man mir sagen, daß ich das ganze Haus beunruhige. Indem ich nur an Dich dachte, hatte ich die Zeit vergessen. Mir war, als ob diese Musik auch Dich wachend finden müsse, wie Deine Euphrasia es war, daß Du ihren Namen unaufhörlich flüstertest, wie sie den Deinigen flüsterte.
»Du bist glücklicher, als ich, denn Du hast mein Portrait, mir giebt nur mein Herz Dein Bild zurück. Herr Tristan hat mir gesagt, daß er meinen Auftrag erfüllt und Dir das Portrait ausgehändigt habe, das ich, um Dir eine Ueberraschung zu bereiten, heimlich für Dich anfertigen ließ. Gefällt es Dir? Bist Du glücklich? O schreibe mir, mein angebeteter Wilhelm, und wiederhole mir oft, daß Du mich liebt. Dieses Wort ist so süß für eine Frau, die nie geliebt hat und endlich fühlt, daß sie liebt! Und dennoch muß ich Dir, trotz meiner Liebe für Dich, einen Kummer bereiten. Ich habe lange gezögert, ihn Dir mitzutheilen, aber ich fühle mich Deiner unwürdig, wenn mein Herz Dir etwas zu verbergen hat.
»Du bist so gut und kommt wohl nicht auf den Gedanken, daß man Dich betrügen könne. Ich war übrigens in demselben Irrthume befangen und muß bekennen, daß mich die Enttäuschung über einen Mann, den ich unsern Freund wähnte, sehr traurig gestimmt hat.«
– Was will sie damit sagen? flüsterte Wilhelm.
Er fuhr fort:
»Du weißt, wie gut und vertrauensvoll wir Herrn Tristan stets entgegengekommen sind, und ich selbst beging jetzt die Unklugheit, ihn zum Vertrauten unserer Liebe zu machen, indem ich von ihm mein Portrait malen ließ und ihn beauftragte, es Dir zu übergeben. Doch wie unrecht thaten wir, einem solchen Manne zu trauen!
»Gestern Abend nahm ich unschuldigerweise seinen Arm und machte mit ihm einen Spaziergang durch den Garten, vertraulich von Dir plaudernd. Anfangs antwortete er mir, später aber bemerkte ich, daß er mir nicht mehr antwortete, sondern stärker und immer stärker meinen Arm drückte. Ich wollte ihn zurückziehen, aber er hielt ihn fest. Als ich mich setzte, nahm er an meiner Seite Platz und ohne mir zu sagen, daß er mich liebte, ließ er es mich doch auf eine Weise merken, daß meine Lage sehr gefährlich geworden wäre, wenn Lotte mich nicht gerufen hätte. Obgleich ich mir vorgenommen, Dir von dieser Sache nichts mitzutheilen, um Dir Kummer zu ersparen, so nimmt sie doch jetzt einen so ernsten Charakter an, daß ich es für meine Pflicht erachte, Dich davon in Kenntniß zu setzen.«
– Entsetzlich! rief Wilhelm, und fuhr fort:
»Denke Dir, geliebter Freund, was mir diesen Morgen begegnet. Von einer übermäßigen Traurigkeit befallen, deren Grund ich wohl nicht nöthig habe, Dir anzugeben, sitze ich da, als Herr Van-Dick mich dergestalt peinigt, daß ich in Thränen ausbrach. Jetzt zweifele noch, daß ich Dich liebe!
– Kurz, ich flüchtete mich in mein Zimmer und weinte recht von Herzen. Herr Van-Dick war ausgegangen und ich wollte den Tag einsam in der Erinnerung an Dich verleben. Da stellt sich mir plötzlich Herr Tristan vor.
»Da ich nichts anderes vermuthen konnte, als daß er wegen seines Betragens vom vorigen Abend sich zu entschuldigen käme, so glaubte ich ihn empfangen zu müssen; aber ich werde Dir nie alles mittheilen können, was sich nun ereignete, ich würde erröthen, wenn ich Dir das sagen wollte, was mir dieser Mensch gesagt hat. Nur so viel wisse, daß er sich solche Worte erlaubte, die mir Thränen der Scham erpreßten, und nachdem ich ihn zur Thür hinausgeworfen, ihm die Weisung zukommen ließ, für immer das Haus des Herrn Van-Dick zu verlassen. In dem Augenblicke, wo ich Dir schreibe, bin ich noch so bewegt von dieser Scene, daß mir die Hand zittert. Ich wollte diesen Brief nicht mit der Erzählung von solchen Sachen beginnen, damit die ersten Worte, die Du von mir liefest, nicht eine schlechte Neuigkeit enthalten.
»Du begreift die Gründe, welche mich veranlassen, dieses alles Dir zu schreiben. Du liebst diesen Mann, und da er sehr schlau und fein ist, könnte er leicht eine Schlauheit und Deine Freundschaft benutzen, um Dir irgend eine Lüge auf meine Rechnung aufzubürden und mir so Deine Liebe und Achtung, zwei Sachen, die mir in der Welt am theuerten sind, entwenden.
»Schreibe ihm übrigens nicht, mache ihm durchaus keinen Vorwurf über das Geschehene und gewähre ihm das Vergnügen nicht, zu glauben, er habe Dir wehe gethan. O, welch ein schlechter Mensch! Schreibe mir so schnell als möglich, ob er Dir mein Portrait eingehändigt hat, denn ich zittere bei dem Gedanken, daß er es behalten und, wenn er einmal aus dem Hause ist, als ein Zeichen seines Sieges benützt.
»Lebe wohl, mein innigst geliebter Freund; schreibe oft, aber verstelle Deine Handschrift auf dem Umschlage des Briefes ein wenig, damit die Domestiken sie nicht erkennen. Noch einmal, lebe wohl! Tausend Küsse begleiten diesen Brief. Ich liebe Dich aus tiefstem Herzen.«
Als Wilhelm diesen Brief gelesen, hätte man ihn für eine Marmor-Statue halten mögen.
15
An dem Tage, an welchem diese beiden Briefe geschrieben worden, kam Herr Van-Dick fünf Minuten vor sechs Uhr in seine Wohnung zurück. Er machte einen Gang durch den Garten, dann trat er, als es sechs Uhr schlug, in den Speisesaal.
Auf dem Tische standen drei Couverts, im Saale aber war noch Niemand.
Herr Van-Dick zog die Glocke.
Ein Diener erschien.
– Man servire das Essen! sprach er.
Der Diener erschien wieder und brachte die Suppe.
– Wo ist Herr Tristan?
– In seinem Zimmer.
– Und Madame?
– In dem ihrigen.
– Man rufe sie!
Herr Van-Dick setzte sich zu Tische und aß.
Der Diener kam zurück.
– Madame hat keinen Hunger, sprach er.
– Und Herr Tristan?
– Auch nicht.
– So! Man gehe zu Herrn Tristan, fuhr der Holländer fort, und bitte ihn, er möge herabkommen und mir Gesellschaft leisten, ich äße nicht gern allein.
Einige Augenblicke später öffnete Tristan die Thür des Speisesaals.
– Sie haben keinen Hunger?
– Nein, mein Herr.
– Setzen Sie sich zu Tische, der Appetit wird schon kommen. Was fehlt Madame Van-Dick?
– Ich weiß es nicht.
– Gut. Setzen Sie sich.
Tristan nahm Platz.
Ein heftiger Zug an der Glocke, die von Euphrasias Zimmer ausging, ließ sich plötzlich vernehmen. Eine Minute später erschien Lotte.
– Herr, sprach sie, Madame verlangt nach Ihnen.
– Weshalb?
– Ich weiß es nicht.
– Ist sie krank?
– Nein, Herr!
– Man sage ihr, daß ich esse; nach Tische würde ich erscheinen.
Die Köchin entfernte sich.
– Ein schlechter Humor weht heute durch das Haus, sprach Herr Van-Dick. Haben Sie meine Frau nicht getröstet?
– Es scheint so.
– Aber was zum Teufel, Herr Tristan, fehlt Ihnen? Ihre Traurigkeit benimmt mir den Appetit.
– Wenn Sie gegessen haben, mein bester Herr Van-Dick, werde ich es Ihnen erzählen.
– Warum nicht jetzt?
– Weil —
– Ein triftiger Grund, ich begnüge mich damit.
In diesem Augenblicke trat Lotte wieder ein.
– Herr, Madame hat sogleich mit Ihnen zu reden.
– Man sage ihr, sie möge sich zu mir bemühen.
Wie man sieht, wollte Herr Van-Dick in Lotte’s Augen nicht scheinen, als ob er seiner Frau gehorche. Die Köchin entfernte sich.
– Die Frauen sind doch seltsame Geschöpfe, sprach der Kaufmann, indem er sich ein Stück von dem Braten abschnitt, sie begreifen nicht, daß man gerade das thut, was sie nicht wollen. Ich habe Hunger, und meine Frau, die nicht essen will, wird nicht ruhen, bis sie mich veranlaßt hat, vom Tische aufzustehen.
Tristan lächelte wie ein Mensch, der begreift, daß er wenigstens durch ein Lächeln auf das antworten muß, was man ihm sagt.
Lotte erschien zum dritten Male.
– Wird sie kommen? fragte Herr Van-Dick.
– Nein, Herr.
– Warum?
– Madame hat mich gefragt, ob Sie allein seien. Als ich ihr antwortete, daß Sie mit Herrn Tristan bei Tische säßen, trug sie mir auf, Ihnen zu sagen, sie wolle den Herrn Van-Dick allein sprechen und ließe ihn bitten, sich zu ihr zu bemühen. Herr Van-Dick zuckte die Achseln.
– Ich werde mich zurückziehen, sprach Tristan, indem er aufstand.
– O durchaus nicht, bleiben Sie! Um für den Abend Frieden zu haben, will ich zu ihr gehen. Mit dem Ausdrucke des Verdrusses warf der Leinwandhändler seine Serviette auf den Tisch.
– Ist sie in ihrem Zimmer? fragte er, indem er an Lotte vorbeiging.
– Ich möchte wohl wissen, sprach Tristan bei sich selbst, als Herr Van-Dick und Lotte den Saal verlassen, was die gute Madame Van-Dick ihrem Manne sagen wird. Das ist nun das Resultat einer aufrichtigen Freundschaft, ohne den Brief zu rechnen, den sie für Wilhelm zur Post gesandt hat. Wie wird sie mich darin behandeln! Herr Van-Dick war zu seiner Frau gegangen. Sie ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, als er eintrat.
– Nun, was wollen Sie von mir? sprach er.
– Nicht übel, sprach die Dame, wenn man Sie sprechen will, muß man dreimal schicken.
– Beste Frau, ich hatte einen großen Hunger. Was Du mir sagen willst, ist wahrscheinlich nicht sehr dringend, darum zögerte ich ein wenig, den Tisch zu verlassen.
– Sehr artig!
– Wenn Du mich hast rufen lassen, um mir Grobheiten zu sagen, gehe ich wieder.
– Nein, mein Herr! Ich will nur sehen, ob Sie fähig sind, etwas zu thun, was mir angenehm ist.
– Rede, mein Kind, rede!
– Ich höre, daß Herr Tristan morgen dieses Haus verläßt.
– Tristan?
– Ja.
– Warum?
– Weil es mir gefällt,
– Wenn es mir aber gefällt, daß er bleibt? Herr Tristan ist ein liebenswürdiger junger Mann, den ich nur loben kann.
– So bleibt Ihnen die Wahl zwischen Ihrer Frau und ihm.
– Warum?
– Weil er mich beleidigt hat.
– Hat er vielleicht vergessen, Dir den Hof zu machen? sprach Herr Van-Dick, dem die Sache Spaß zu machen schien.
– Sind Sie vielleicht gekommen, um mir Impertinenzen zu sagen, mein Herr?
– Darf man denn nicht scherzen?
– Nein; in ernsten Sachen nicht.
– So! Was hat er Ihnen denn zu Leide gethan?
– Er hat Sie hintergehen wollen, mein Herr Gemahl!
– Wie so?
– Indem er mir seine Liebe gestand.
– Er liebt Dich?
– Ja, mein Herr!
– Und deshalb willst Du, daß er uns verlasse?
– Ja.
– Es ist das erste Mal, daß Dir das begegnet.
– Was wollen Sie damit sagen?
– Ich will damit sagen, daß ich sehr geduldig bin, indem ich Ihre Albernheiten anhöre, und daß Tristan nicht mehr Lust hat, Ihnen ein Liebesgeständniß zu machen, als mir.
Indem Herr Van-Dick diese Worte sprach, ordnete er zwei Vasen, die nicht in einer Linie fanden.
– So geben Sie diesem Manne Recht, entgegnete Euphrasia.
– Nein! Ich gebe Ihnen Unrecht, das ist Alles.
– Also dem ersten, besten, der da hergelaufen kommt.
– Tristan ist mir zugethan.
– Tristan ist ein Mensch, den Sie auf der Straße gefunden haben.
– Und mit dem ich sehr zufrieden bin, das versichere ich Sie!
– Der nicht weiß, wem er angehört.
– Um so mehr Grund, daß er hier bleibt.
– Gut, sprach Euphrasia im höchsten Zorne, das wollte ich wissen, mein Herr!
– So kann ich zurückkehren, um meine Mahlzeit zu vollenden?
– Ja; nur etwas muß ich Ihnen noch mittheilen.
– Und das wäre?
– Wenn morgen Nachmittag um vier Uhr Herr Tristan noch hier ist, verlasse ich morgen Abend das Haus.
– Nach Ihrem Gefallen.
– Und was ich wünschte, habe ich dabei in Erfahrung gebracht.
– Das ist?
– Daß Sie Ihrer Frau keine Achtung zu verschaffen wissen.
– Ist nicht meine Sache.
– Und wessen denn, wenn ich fragen darf?
– Die Sache Wilhelm’s.
– Unverschämter! rief Madame Van-Dick und Thränen der Wuth rannen über ihre Wangen.
– Bitte, bitte, rief Herr Van-Dick mit großer Kaltblütigkeit, wir wollen uns nicht überwerfen. Sie halten zu Wilhelm, ich halte zu Tristan. Es ist wahr, uns leiten nicht dieselben Beweggründe; die meinigen sind aber, um natürlicher zu sein, nicht schlechter. Um Ruhe zu erhalten, lasse ich Sie thun, was Ihnen beliebt. Aber um des Himmels willen zwingen Sie mich nicht Ihnen zu sagen, was ich mit geschlossenen Augen sehe. Bleibe ein Jeder von uns, wie er bisher immer gewesen ist und vor allen Dingen vermeiden wir Mittags um elf Uhr und Abends um sechs Uhr allen Streit, dies sind die Stunden, wo ich zu essen pflege. In der übrigen Zeit des Tages reizen Sie mich zum Zorn, soviel Sie wollen, ich autorisire Sie dazu.
– Schauderhaft!
– Gut, schauderhaft! Seit gestern sind Sie traurig, ich begreife diese Traurigkeit, denn sie fällt auf mich zurück, und das ist recht, denn ich habe ihn nach Brüssel geschickt. Ich selbst hätte dahin gehen sollen, nicht wahr? Ich habe aber nicht Lust zu reisen und halte die Commis nicht für Sie allein. Was Tristan anbetrifft —
– So verläßt er das Haus!
– Was Tristan anbetrifft, der mir lieb ist, so wird er bleiben. Ueberhaupt thun Sie am besten, wenn Sie mir weder von Ihrer Liebe noch von Ihrem Hasse reden. Wollen Sie mich zu Tische begleiten?
– O. welche Infamie! rief Euphrasia unter Thränen; aber ich werde mich rächen.
– Wollen Sie mich begleiten? Einmal, zweimal, dreimal? Ich empfehle mich Ihnen! Herr Van-Dick verließ das Zimmer seiner Frau und ging in den Speisesaal zurück, wo Tristan nicht ohne einige Aengstlichkeit auf das Resultat dieser Unterredung wartete.
Ruhig nahm der Holländer seinen Platz wieder ein, befestigte die Serviette unter seinem Kinn und wandte sich mit den Worten zu dem Diener:
– Man bringe das Geflügel!
Zweiter Band
1
– Ist Madame Van-Dick vielleicht krank? fragte Tristan, der, da er sich nichts vorzuwerfen hatte, gern wissen mochte, wie er sich in seiner Lage zu verhalten habe.
– Nein, antwortete der Kaufmann, sie ist nur übler Laune. Ein kleiner häuslicher Zwist, fügte er lächelnd hinzu, ist die Ursache.
– Verzeihung, sprach Tristan, sollte ich vielleicht diese Ursache herbeigeführt haben?
– Nun, da Sie es wissen wollen, ja; aber ein für alle Mal ja!
– Hat Ihnen Madame gesagt, wodurch ich ihr Mißfallen erregt?
– Ja.
– Und —?
– Sie behauptet, daß Sie ihr den Hof gemacht hätten.
– Ich schwöre Ihnen —
– Es bedarf Ihres Schwures nicht, denn ich weiß, daß sie lügt.
– Mein bester Herr Van-Dick, ich weiß, daß ich Ihnen viel zu danken habe, Sie haben für mich gethan, was der beste meiner Freunde nicht für mich gethan haben würde, und selbst in diesem Augenblicke geben Sie mir einen Beweis Ihres Vertrauens, der mich hoch ehrt und für den ich Ihnen mein ganzes Leben dankbar sein werde; ich glaube indeß, daß es wohlgethan ist, wenn wir uns trennen.
– Aus welchem Grunde?
– Weil ich Madame, ich weiß nicht, weshalb, mißfalle. Außerdem ist es auch vorauszusehen, daß sie beharrlich in Sie dringen wird, mich zu entlassen. Soll ich Ihnen nun für Ihre liebevolle Aufnahme eine ewige Unruhe bereiten? Ich zürne Ihnen nicht, Herr Van-Dick, das Andenken an Ihre Freundschaft wird stets in meinem Herzen leben, aber erlauben Sie mir, Ihrer Ruhe wegen, das Haus zu verlassen.
– Sie sind ein Narr!
– Willigen Sie nicht ein?
– O durchaus nicht!
– Dann muß ich die Verantwortlichkeit dieser Trennung auf mich nehmen.
– Das verbiete ich Ihnen, mein bester Freund.
– In diesem Falle würden Sie meinetwegen stets belästigt werden.
– Nein.
– Madame Van-Dick wird Ihnen stets etwas zu sagen haben.
– Nein! .
– Eines schönen Tages werden Sie sich von dem Gesagten überzeugt halten, und anstatt als gute Freunde zu scheiden, trennen wir uns in einer gereizten Stimmung.
– Nein, nein und tausendmal nein! Sie kennen mich noch nicht, mein bester Tristan, ich besitze einen eisernen Willen. Sie bleiben bei uns, und meine Frau wird Ihnen zwar nicht verzeihen, weil sie Ihnen nichts zu verzeihen hat; aber sie wird sich besänftigen, und zwar aus dem Grunde, weil ich es will. Darum, mein Freund, vergessen Sie nicht, daß sich unter uns nichts geändert hat und daß Sie bei uns bleiben. Was werden Sie diesen Abend beginnen?
– Ich weiß es nicht.
– Gut, so bleiben Sie hier, ich muß ausgehen. Ich sage Ihnen im Voraus, daß meine Frau kommen und Frieden mit Ihnen schließen wird, wenn Sie es wollen.
– Das glaube ich kaum.
– Glauben Sie es nur, vorausgesetzt, daß Sie thun, was sie verlangt.
– Ich habe es immer gethan.
– Vielleicht auch nicht.
Tristan sah Herrn Van-Dick an, der, die Nase auf seinen Teller gerichtet, den eben ausgesprochenen Worten keine Absicht untergelegt zu haben schien.
– Nur eins, fuhr der Kaufmann fort, verbiete ich Ihnen zu thun.
– Und was?
– Daß Sie mich verlassen.
– Dieses ausgenommen —
– Haben Sie in Allem freies Spiel. Was auch immerhin geschehen wird, mag meine Frau zu Ihnen übertreten, oder Ihre Feindin bleiben, Sie können fest auf das zählen, was ich Ihnen vorhin gesagt habe.
– Danke!
– Ich gehe jetzt, um einen meiner Freunde zu besuchen, denselben, von dem ich Ihnen erzählte, daß er früher in Mailand wohnte, er ist von dort mit seiner Frau hierher gekommen.
– Ach, zu dem Doctor Mametin.
– Recht.
– Behandelt er unsern Eduard?
– Nein, er beschäftigt sich nicht mehr mit Medicin, er ist so alt, daß er kaum noch ausgehen kann.
– Ist seine Frau jung.
– Ja.
– Schön?
– Ja.
– Ah, Herr Van-Dick —!
– Sie täuschen sich; außerdem ist sie sehr klug und züchtig, und Mametin ist einer von den alten Freunden, die man nicht betrügt.
– Ich bin ganz Ihrer Meinung, die Frau eines Freundes muß man heilig halten.
– Pah! Je nachdem die Frau ist. Also auf Wiedersehen! Schließen Sie Frieden, wenn Sie können.
Herr Van-Dick reichte Tristan freundschaftlich die Hand und ging.
Unser Freund blieb im Saale, ergriff ein Buch und las; Madame Van-Dick verharrte aber in ihrem Grolle und erschien nicht. Daß Tristan darüber erfreut war, ist wohl unnütz anzuführen. Während der Zeit, welche er, ein Buch vor den Augen, im Saale zubrachte, dachte er über seine gegenwärtige Lage nach. Wäre er dem Triebe seines unabhängigen Charakters gefolgt, so würde er lieber das Haus verlassen haben, als mit Euphrasia einen Kampf zu unterhalten, welche, an ihrer Eigenliebe verletzt, dem Empfindlichsten, was eine Frau besitzt, früher oder später über ihn siegen konnte, denn sie war nicht wie andere Frauen und Herr Van-Dick nicht wie andere Männer. Er zog es indes vor, die Katastrophe ruhig abzuwarten, als sie zu beschleunigen. Wenn Tristan das Haus des Kaufmanns verließe, ohne zu wissen, was er beginnen sollte, so würden eine kleinen Ersparnisse, die ihm dieses unerwartete Zusammentreffen erlaubt hatte, bald aufgezehrt sein, und wenn nicht ein neues Abenteuer ihm zu Hilfe käme, so würde ihm nichts weiter übrig geblieben sein, als sich ein Pistol zu kaufen und die Geschichte aus dem Walde von Boulogne von Neuem anzufangen. Auch war er der Abenteuer müde, denn sie brachten ihm nichts weiter als eine augenblickliche Hilfe und blieben ohne ersprießliche Folgen für seine Lage. Was hätte auch unser Held zu erwarten gehabt? Seine Mutter war todt und seine Frau war verheirathet: wo, wann und wie? wußte er nicht, er zog es auch vor, stets darüber in Unwissenheit zu bleiben.
Das Haus des Herrn Van-Dick war demnach der einzige Hafen, der ihn vor den Stürmen und Wogen des Lebens, denen er augenscheinlich draußen preisgegeben war, schützen konnte. Es mußte also Alles geschehen, daß er bleiben konnte, wo er war. Der junge Eduard war neun Jahre alt, die Erziehung desselben sicherte ihm mindestens einen neunjährigen Aufenthalt im Hause und Herr Van-Dick hätte nach Ablauf dieser Frist den Mann nicht verlassen können, der die schönste Zeit seines Lebens der Erziehung seines Sohnes geopfert, er würde ihm jedenfalls eine Stellung geben, die ihm ein ruhiges Leben sicherte.
Unglücklicherweise war aber das Mittel, das Tristan zur Erreichung dieses Zweckes anwenden wollte, nicht dasselbe, was Madame Van-Dick gefunden hatte und, wie es schien, von Herrn Van-Dick gebilligt wurde. Was konnte auch bei Wilhelm’s Ankunft geschehen, wenn Tristan während der Abwesenheit desselben als Euphrasia’s Liebhaber fungiert hätte? Der Hauslehrer erinnerte sich aber des Eides, den er dem Handlungsdiener geschworen, und er beschloß, unter Herrn Van-Dick’s Protection Wilhelm’s Rückkehr ruhig abzuwarten. War er einmal wieder im Hause, so glaubte er annehmen zu können, daß Euphrasia ihren alten Umgang wieder fortsetzte und das, was zwischen ihr und Tristan vorgefallen, vergessen würde.
Als Tristan in seinen Betrachtungen bis zu diesem Punkte gekommen war, beschloß er sogleich an Wilhelm zu schreiben, ihn um Beschleunigung seiner Geschäfte und seiner Rückkehr zu bitten, und als Grund dieser Bitte einen Freundschaftsdienst, den er ihm leisten sollte, anzugeben, denn er wußte, daß dieses, verbunden mit dem Wunsche, Euphrasia wieder zu sehen, ein unfehlbares Mittel zur Beförderung seines Planes sei.
Es war bereits gegen zehn Uhr, und da er annahm, daß Madame Van-Dick nicht mehr sichtbar werden würde, ging er in sein Zimmer, schrieb an Wilhelm einen kurzen Brief, und überließ sich, eingewiegt von seinen Hoffnungen, einem ruhigen Schlafe, dem Lohne seines Kampfes und seiner guten Gesinnungen. Es war schon spät, als Tristan am nächsten Morgen erwachte. Eilig ließ er den Brief an Wilhelm zur Post besorgen und stieg in dem Augenblicke die Treppe hinab, als es elf Uhr schlug. Bei seinem Eintritte in den Speisesaal traf er Herrn Van-Dick an, der bereits mit dem Lesen der Zeitung beschäftigt war.
– Nun, fragte der Kaufmann, haben Sie Madame gestern Abend noch gesehen?
– Nein.
– Also immer noch Krieg?
– Es scheint so.
– So erwarten wir den Frieden. Wie geht es Ihnen?
– Gut.
– Das ist die Hauptsache. Tristan blickte nun auf den Tisch und gewahrte, daß er nur mit zwei Couverts besetzt war. – Teufel, dachte er, sollte ich schon exilirt sein? Die Köchin brachte die Schüsseln. Herr Van-Dick setzte sich zu Tische und gab Tristan ein Zeichen, seinem Beispiele zu folgen. Tristan setzte sich.
– Wird Madame bei Tische erscheinen? fragte der Hausherr.
– Nein, Herr! antwortete die Köchin.
– Warum ist nur für zwei Personen gedeckt?
– Weil Madame in ihrem Zimmer essen will.
– Allein?
– Nein, Herr, mit einer Freundin.
– Gut; so essen wir. Also immer noch offene Fehde?
– Und ich trage die Schuld, antwortete Tristan.
– Sie wird sich beruhigen, tragen Sie keine Sorge. Während des Essens sprachen die beiden Männer über andere Sachen. Nach demselben begann Herr Van-Dick:
– Eduard befindet sich jetzt besser, ich glaube, Sie können heute den Unterricht wieder beginnen. Gehen Sie zu ihm und geben Sie dem kleinen Taugenichts Beschäftigung. Auf Wiedersehen, Freund!
Tristan stieg die Treppe hinan und klopfte an Eduard’s Zimmerthür. »Herein!« war die Antwort und der überraschte Hauslehrer erkannte Euphrasia’s Stimme. Unentschlossen stand er einen Augenblick da, dann aber öffnete er.
Madame Van-Dick und ihre Freundin saßen am Bette des Knaben. Eine hohe Röthe überzog Madame Van-Dick’s Gesicht, als die Tristan erblickte.
– Was wünschen Sie, mein Herr? fragte sie.
– Madame, ich komme zunächst, um mich nach dem Befinden dieses Kindes zu erkundigen.
– Es geht ihm gut, mein Herr! Diese Worte sprach die Dame in einem Tone, der andeutete: »Jetzt können Sie gehen.«
– Es geht ihm also gut? entgegnete der Lehrer.
– Ja, mein Herr!
– Dann kann ich wohl den Unterricht wieder beginnen?
– Wer hat Ihnen Befehl ertheilt, hierher zu kommen?
Bei dieser impertinenten Phrase ward Tristan roth bis über die Ohren; kaltblütig gab er indeß zur Antwort:
– Niemand, Madame, denn Niemand hat das Recht, mir Befehle zu ertheilen; aber Herr Van-Dick, der, wie ich glaube, der Vater dieses Kindes ist, hat mich ersucht, ihm seine Lektion zu ertheilen.
– So sagen Sie Herrn Van-Dick, daß ich mich dem widersetze. Tristan grüßte und verließ Euphrasia und ihre Freundin, welche durch Blicke und Geberden. Madame Van-Dick begreiflich zu machen suchte, daß eine solche Unterhaltung vor Zeugen nicht statthaft sei.
Vor Zorn weinend kehrte Tristan zu Herrn Van-Dick zurück und theilte ihm mit, was vorgefallen.
– Gut, antwortete dieser. Wollten Sie wohl die Güte haben, Herr Tristan, und jene Briefe beantworten? Gehen Sie in Wilhelm’s Kabinet und leisten Sie mir diesen Dienst. Es ist vielleicht eine langweilige Arbeit, aber Sie sehen ja, daß es nicht meine Schuld ist; meine Frau will durchaus, daß Sie Wilhelm’s Stelle einnehmen.
Mit der gleichgültigsten Miene von der Welt reichte der Kaufmann dem Hauslehrer die in Rede stehenden Briefe.
Auch am Abend war der Tisch nur für zwei Personen gedeckt.
– Wo ist Madame? fragte Herr Van-Dick.
– In ihrem Zimmer, antwortete Lotte.
– Man sage ihr, daß sie zu Tische komme.
– Madame will allein essen, sprach die zurückkehrende Magd.
– Gut, so verbiete ich, daß hier für sie gedeckt werde. Fort!
Herr Van-Dick und Lotte wechselten unbemerkt einen Blick. Von Seite des Kaufherrn schien er zu sagen: »Bist Du zufrieden?« und von Seite der Köchin: »Ohne Sorge, es wird geschehen!«
Die beiden Männer setzten sich zu Tische. Kaum hatten sie Platz genommen, so ward eine Klingel so heftig gezogen, daß es schallend durch das Haus tönte.
– Wir werden etwas Neues erfahren, sprach der Kaufmann.
– Ich bin untröstlich, antwortete Tristan.
– Sie wird einer Lection bedürfen.
Lotte trat ein.
– Herr, sprach sie, Madame will essen.
– Gieb ihr nichts.
– Ist geschehen.
– Nun?
– Madame sagt, daß sie das Recht habe zu befehlen.
– Bleibe in Deiner Küche.
– Und daß sie mich aus dem Hause werfen wolle.
– Fürchte nichts.
– Wenn aber Madame wieder klingelt?
– So antworte nicht.
Ein abermaliges Läuten ertönte.
– Soll ich hinaufgehen? fragte der Diener, der sich im Saale befand.
– Nein. Du, Lotte, geh und sieh nach den Kartoffeln, Du weißt, mein Kind, daß ich sie weich gern esse. Lotte konnte sich eines Lächelns nicht erwehren.
Die Glocke ertönte zum dritten Male.
– Ich werde die Glocke mit Papier ausfüllen lassen, sprach Herr Van-Dick.
Tristan wußte nicht mehr, was er antworten sollte.
– O das Ding ist noch nicht aus, sprach Euphrasia’s Gatte. Wir erleben heute noch etwas.
Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als die Thür mit einer solchen Heftigkeit aufgerissen wurde, daß Tristan erschreckt auf einem Stuhle zusammenfuhr.
Madame Van-Dick, mit Shawl und Hut angethan, trat ein.
Man erfinde eine fabelhafte Röthe, und man hat die ihrer Wangen.
– Nun, mein Herr, sprach sie zu ihrem Manne, haben Sie nun genug meine Galle angeregt?
– Ich, Madame? fragte Herr Van-Dick mit der ruhigsten Miene von der Welt.
– Ja, Sie!
– Wodurch habe ich Ihr Mißfallen mir zugezogen?
– Dadurch, daß Sie mir diesem Menschen gegenüber Unrecht geben.
Die zornige Euphrasia zeigte auf Tristan.
– Zunächst, meine theure Euphrasia, betragen Sie sich gegen diesen Herrn artig, oder ich muß Sie ersuchen, sich in Ihr Zimmer zurückzuziehen.
– Das heißt mit andern Worten, mich zur Thür hinauswerfen.
– Ganz recht.
– Ist es nicht schon genug, mir die Nahrung zu weigern?
– Warum essen Sie nicht mit uns?
– Weil ich nicht will!
– Und ich will nicht, daß Lotte Ihnen den Tisch auf Ihrem Zimmer decke.
– Man weiß, warum.
– Und warum?
– Weil sie Ihre Mätresse ist.
– Dann ist es sehr natürlich, daß ich ihr die Arbeit erspare.
– Wie unmoralisch! Sie wollen nicht, daß man mir das Essen auf mein Zimmer bringe? Sie wollen mich zwingen, mit Leuten zu leben, die ich nicht kenne, die ich verabscheue?
– Ja!
– Gut, mein Herr! Von heute ab haben Sie keine Frau mehr?
– Machen Sie mir keine vergebliche Freude, theure Euphrasia! Sie wollen also wirklich gehen?
– Ja, mein Herr!
– Und werden nie zurückkehren?
– Gott soll mich bewahren!
– Glückliche Reise!
– Wie, Sie lassen mich gehen?
– Sie wollen es ja.
– Gut; ich weiß jetzt, was mir zu thun bleibt! Madame Van-Dick ging der Thür zu. Herr Van-Dick rief sie zurück.
– Was wollen Sie? fragte die Gattin.
– Sie wollen nicht wiederkommen?
– Nie! Nie!
– Nun gut, so nehmen Sie den Hausschlüssel mit denn, kommen Sie nach zehn Uhr zu Hause, liegt. Alles im Schlafe und Niemand wird Ihnen öffnen.
Nach diesen Worten ergriff Herr Van-Dick Tristan’s Arm und sprach zu ihm:
– Kommen Sie, wir wollen im Garten eine Cigarre rauchen.
Madame Van-Dick verließ rache schnaubend das Haus; aber sei es Zufall oder Vorsicht – sie hatte einen Hausschlüssel in ihrer Tasche.
2
Wie eine Wahnsinnige rannte Madame Van-Dick aus dem Hause ihres Gatten. Als sie indeß sah, daß man sie beobachtete, ging sie langsamer und suchte sich das Ansehen einer Spaziergängerin zu geben. Sechs Uhr war bereits vorüber, und als ihr Geist ein wenig ruhiger geworden war, drängte sich ihr die Frage auf: wohin? Um Herrn Van-Dick zu erschrecken, hatte sie ihm zwar gesagt, daß sie nicht wieder zurückkehren würde, aber in dem Augenblicke, in dem sie diese Worte sprach, wußte sie noch nicht, wo sie die gastliche Aufnahme finden würde, deren sie, fern von dem Dache des Gemahls, bedurfte. Als sie der Ironie gedachte, mit welcher ihr Mann die angedrohte Scheidung aufgenommen, beschloß Euphrasia, um jeden Preis die Nacht außerhalb ihrer Wohnung zuzubringen, denn sie war überzeugt, daß Herr Van-Dick, wenn er am folgenden Morgen erführe, sie sei nicht im Hause gewesen, in alles willigen würde, um den Eclat zu vermeiden.
Euphrasia dachte, wie wohl natürlich, an die Freundin, welche am Morgen Zeugin jener Scene gewesen war; bei ihr hoffte sie ein Asyl zu finden, um so mehr, da sie ihr Verfahren gebilligt hatte. Sie schlug demnach den Weg nach der Wohnung dieser Freundin ein, die, beiläufig gesagt, Witwe war. Das Haus, welches diese Witwe bewohnte, lag nicht weit vom Prinzen-Kanale und bald hatte sie die Thür desselben erreicht. Madame Van-Dick stieg die Treppen hinan bis zum zweiten Stockwerke, blieb vor der ersten Thür rechts stehen und zog die Glocke.
Es erfolgte keine Antwort.
Euphrasia wartete einige Augenblicke und zog zum zweiten Male die Glocke. dasselbe Schweigen.
Man sollte glauben, daß Madame Van-Dick ungeduldig werden würde; o nein – ruhig klopfte sie nun mit der Hand an die Thür, die aber verschlossen blieb. Die Thür gegenüber öffnete sich und eine alte Frau, die mit dem Kopfe heraussah, theilte unserer Dame mit, daß es unnütz sei, länger zu klopfen, da alle Bewohner dieser Wohnung ausgegangen seien.
Euphrasia befand sich demnach in einer großen Verlegenheit; die Nothwendigkeit, unter das Dach des Gatten zurückzukehren, kämpfte mit Vortheil gegen Eigenliebe und Zorn, die ihr sagten, es zu fliehen. Plötzlich, als ob ein rettender Gedanke in ihr aufstiege, blieb sie stehen, schlug dann eine Querstraße ein und schritt einem der einsamsten Stadttheile zu. Endlich trat sie in eine von den ruhigen Straßen, welche, obgleich noch zur Stadt gehörig, dennoch schon das Land ankündigen. Vor einem kleinen Hause, dessen Giebel der Straße zugewandt war und gastlich einige Schwalbennester bedeckte, blieb sie stehen.
Die Fenster dieses kleinen, freundlichen Hauses erglänzten im letzten Schimmer der scheidenden Sonne, und wie eine zierliche Arabeske wand sich ein Weinstock, dessen grünes Laub mit der Weiße der Mauer lieblich contrastierte, an der Façade desselben hin.
In den Fenstern des ersten Stockwerks sangen Vögel und feierten in Liedern den Abschied der Sonne. Man fühlte bei dem Anblicke dieser friedlichen Wohnung, daß nie ein schlechter Gedanke die Schwelle derselben überschritten hatte.
Madame Van-Dick blieb also vor diesem Hause einen Augenblick stehen, stieg dann die zwei Stufen zur Thür hinan und setzte den kleinen ciselirten Hammer in Bewegung, der in der Mitte derselben angebracht war.
Ein dickes braunes Mädchen öffnete.
– Ist Herr Mametin zu Hause? fragte Madame Van-Dick.
– Ja, antwortete die Magd.
– Ist er bei Tische?
– Ja, Madame.
– Allein?
– Mit Madame Mametin.
– Das meine ich. Kann ich eintreten?
– Ja.
– Melden Sie Madame Van-Dick.
– O, ich weiß Ihren Namen, sprach das Mädchen.
Hierauf öffnete sie die Thür, welche sich rechts am Fuße der Treppe befand, ging durch ein Vorzimmer, öffnete dann die Thür des Speisesaals und meldete Madame Van-Dick. Madame Mametin erhob sich und eilte der Ankommenden entgegen.
– Ah, vortrefflich, rief sie, daß Sie uns endlich einmal besuchen! Haben Sie schon gespeist?
– Nein.
– Speisen Sie mit uns?
– Gern.
– Noch ein Couvert! befahl Madame Mametin.
Euphrasia näherte sich nun dem Doctor, der ebenfalls aufgestanden war.
– Gestern war Herr Van-Dick hier, sprach er; ich war recht böse, daß er ohne Sie kam. Louise trug ein so großes Verlangen, Sie zu sehen, daß sie Ihnen morgen einen Besuch abgestattet haben würde. Wir haben uns seit unserer Rückkehr noch nicht gesehen.
– Wie war Ihre Reise?
– Vortrefflich!
– Ist sie allen wohl bekommen?
– Allen.
– Auch dem Jakob?
– Auch dem Jakob; er hat die Anstrengungen der Reise ertragen, wie es sich für einen guten Papagei schickt.
– So reist Jakob stets mit Ihnen? fragte Madame Van-Dick, nachdem sie Hut und Shawl abgelegt und zwischen dem Doctor und Louisen Platz genommen hatte.
– Stets!
– Diese Begleitung muß aber sehr lästig sein?
– Nein; wir reisen mit Extrapost, und ich möchte lieber nicht reisen, als mich von ihm trennen.
– So ist er wohl ein Andenken?
– Ja, ein Andenken, auf das mein Mann nicht eifersüchtig sein will, sprach Louise, indem sie dem Greise lächelnd die Hand reichte. Dieser sah die junge Frau mit einem Blicke väterlicher Zärtlichkeit an und drückte innig die dargebotene Rechte.
– Ach, Sie sind sehr glücklich!
– Sind Sie es nicht?
– Nicht immer, und dieser Umstand ist es, der mich zu Ihnen führt, um mir Rath und Trost von Ihnen zu erbitten.
– Sie sind unglücklich?
– Ja.
– Das ist unmöglich! Herr Van-Dick liebt Sie.
– Ich werde Ihnen heute Abend alles erzählen, antwortete Madame Van-Dick, indem sie die Suppe zu essen begann, die man ihr serviert hatte. Von wo kommen Sie? fragte die Louise, um dem Gespräche eine andere Richtung zu geben, denn sie wollte die Frau allein zu ihrer Vertrauten machen.
– Von Mailand.
– Sie wollten doch sobald nicht zurückkehren?
– Es ist wahr; aber Louise wollte abreisen, sprach der Doctor, und wie immer, war ich auch diesmal ihrer Meinung.
– O mein Gott, welch eine glückliche Ehe!
– Sie beklagen sich, Sie, die beneidetste Frau der ganzen Stadt?
– Sie werden sehen, daß ich sehr zu beklagen bin.
– Gedenken Sie eine zweite Reise zu unternehmen?
– Nein, antwortete Louise.
– Wollen Sie auf das Land gehen?
– Noch nicht.
Unter Fragen und Antworten dieser Art, die für uns ohne Interesse sind, ward die Mahlzeit beschlossen. Herr Mametin stand zuerst vom Tische auf, indem er zu seiner Frau sprach:
– Ich habe einige Briefe zu schreiben und lasse Dich mit Madame Van-Dick allein, damit sie Dir ihren Kummer mittheilen kann. Und nachdem er Euphrasia die Hand geküßt, ergriff er sanft mit beiden Händen Louise’s Kopf und drückte einen Kuß auf ihre Stirn, wie ein Vater bei dem Abschiede von einer Tochter zu thun pflegt; dann verließ er das Zimmer. Die beiden Frauen gingen in den Garten und ließen sich auf den Stühlen nieder, die am Eingange einer Laube standen.
– Wie glücklich sind Sie, da Sie so geliebt werden! begann Madame Van-Dick.
– Der würdige Mann! antwortete Louise. Nie habe ich eine aufmerksamere Zärtlichkeit gefunden, als die seinige. Ich bin ein einziges Glück auf dieser Welt, ich würde in den Tod gehen, um ihm einen Kummer zu ersparen.
– Sie sind sehr glücklich!
– Es ist wahr! Jener Kummer, von dem Sie vorhin sprachen, ist wohl nur ein Scherz gewesen, nicht wahr?
– Durchaus nicht!
– Was ist Ihnen denn begegnet, liebe Freundin?
– Zunächst muß ich Ihnen mittheilen, was sich während Ihrer Abwesenheit ereignet hat. Sie wissen doch, daß mein Mann eine Reise nach Mailand gemacht, wo er Sie besucht hat. Ohne sich um meinen Schmerz zu kümmern, führte er diese Reise eben so plötzlich aus, als der Gedanke in ihm aufstieg. Aber nun denken Sie sich, beste Freundin, was jetzt wieder geschehen ist.
– Nun?
– Herr Van-Dick interessiert sich bis zur Leidenschaft für einen Menschen, den er auf der Straße von Mailand angetroffen, hierher geführt und in unser Haus aufgenommen hat, und dieser Mensch richtet nun die größeste Verwirrung in unserm Hauswesen an.
– Welch eine Idee!
– Hören Sie nur weiter, das ist noch nicht alles. Derselbe Mensch nun – ich muß gestehen, daß er ein eleganter und ziemlich hübscher Mann ist, obgleich er ein fades, nichtssagendes Gesicht besitzt – ist leidenschaftlich in mich verliebt und macht mir auf eine sehr zudringliche Art den Hof.
– Und Sie?
– Ich habe meinen Mann davon unterrichtet.
– Daran haben Sie unrecht gethan. Sie hätten dem jungen Manne sagen sollen, daß er seine Zeit besser anwenden möge, und alles wäre gesagt gewesen.
– Glauben Sie?
– Gewiß.
– Nun, ich habe es ihm gesagt, er fuhr aber beharrlich fort.
– Und dann?
– Dann sagte ich Herrn Van-Dick, daß ich gehört habe, der Neuangekommene verlasse das Haus.
– Die Antwort?
– War ein lautes Lachen.
– Weiter!
– Als die Nachstellungen dieses Herrn mir zu stark wurden, sagte ich meinem Manne, daß ihm die Wahl bliebe zwischen mir und Herrn Tristan.
– Tristan! rief Louise und bebte zusammen.
– Ja, Tristan. Kennen Sie ihn?
– Vielleicht! Wie sieht er aus?
– Er ist ein schlanker, brauner Mann mit schwarzen Augen, singt und zeichnet. Wie er sagt, ist er Franzose und war früher mit einer Frau verheirather, die er liebte, wie er nie eine andere liebte und lieben wird; sie ist aber todt. Ist er das?
– Nein, antwortete Louise, die Zeit gehabt hatte, ihre Sinne zu sammeln und um alles in der Welt eine Frau wie Madame Van-Dick nicht zur Vertrauten eines solchen Geheimnisses machen wollte; nein, der, den ich kenne, fuhr sie fort und hustete, um ihr Zittern zu verbergen, ist blond.
– Dann ist er es nicht.
– Und dieser Herr liebt Sie? fragte Louise.
– Bis zum Wahnsinn.
– Wie aber kommt es, daß er Sie liebt, wie Sie sagen, nachdem er Ihnen gestanden hat, daß er nie eine Person lieben wird, wie er seine Frau geliebt?
Madame Van-Dick ward ein wenig roth, denn sie sah, daß sie sich festgefahren hatte.
– Die Männer sprechen immer so, entgegnete sie nach einem Augenblicke, um sich interessant zu machen, oder die Frau, die sie begehren, an einen doppelten Sieg glauben zu machen.
– Es ist wahr, das Mittel ist nicht schlecht. Befindet sich dieser Herr Tristan immer noch in Ihrem Hause?
– Ja.
– Und was hat Ihr Mann geantwortet, als Sie ihm die Wahl zwischen Ihnen und Tristan ließen?
– Er hat Tristan gewählt.
– Und nun?
– Nun habe ich das Haus verlassen und zähle auf Sie.
– Auf mich! Was kann ich dabei thun?
– Nichts, als mir ein Asyl geben.
– Hier?
– Hier!
– Wollen Sie denn wirklich nicht wieder zurückkehren?
– Nein.
– Ich bin untröstlich, Ihnen das, was Sie wünschen, nicht gewähren zu können.
– Warum?
– Weil wir morgen auf das Land reisen.
– Sie sagten mir aber vorhin, daß Sie nicht reisen würden.
– Das ist wahr; aber ich weiß, daß es Herr Mametin sehnlichst wünscht, und da er mir nie etwas verweigert, glaube ich mich ihm nachgiebig zeigen zu müssen.
Eine andere, die weniger mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt gewesen wäre, als Madame Van-Dick, hätte sehr leicht Louise’s große Bewegung bemerkt.
– Ein unglückliches Zusammentreffen! sprach Euphrasia in einem schmerzlichen Tone.
– Außerdem, meine beste Freundin, ist der Entschluß, den Sie glauben gefaßt zu haben, nur eine Grille. Denken Sie denn, daß Sie das Haus Ihres Gatten verlassen können, ohne Aufsehen in der Stadt zu erregen? Da die Welt die wahre Ursache nicht kennt, wird man alle Schuld auf Sie wälzen. Denken Sie an Ihr Kind und glauben Sie sicherlich, Herr Van-Dick hat Sie nur gehen lassen, weil er weiß, daß Sie wieder zurückkehren, wenn Sie den Rath einer Freundin gehört, die Ihnen offen und frei erklärt, daß das Unrecht auf Ihrer Seite ist. Darum gehen Sie diesen Abend ruhig in Ihr Haus zurück und thun Sie, als ob nichts vorgefallen sei, Sie werden dann durch Milde erlangen, was man Ihrem Zorne verweigerte.
– Ach, ich bin sehr unglücklich! rief Madame Van-Dick.
– Sie denken sich Ihre Lage schlimmer, als sie in der That ist. Ich bin indeß Ihrer Ansicht, Herr Tristan muß nicht nur Ihr Haus, sondern Amsterdam, selbst Holland verlassen. Man kann den Zwischenraum zwischen sich und einem Manne, der liebt, nie genug ausdehnen.
– Sie haben Recht.
– Machen Sie dies Ihrem Manne begreiflich. Ist Tristan reich?
– Nein.
– Hat er keine andere Stellung, als die, welche ihm Ihr Mann gegeben?
– Nein.
– Das ist nicht gut.
– Warum?
– Weil man ihn nicht fortschicken kann, ohne ihm seine Stellung zu rauben.
– Was thut das? Er hat mich beleidigt.
– Ich gebe es zu; das Elend ist aber für einen Mann, der nichts verbrochen hat als eine junge, hübsche Frau zu lieben, eine zu harte Strafe.
Euphrasia schlug die Augen nieder. Nach einer Pause fuhr sie fort:
– Sie sagten mir vorhin, liebe Freundin, Herr Tristan müsse Holland verlassen, und jetzt meinen Sie wieder, es dürfe nicht geschehen, ohne ihm seine Stellung zu rauben? Beides läßt sich nicht vereinigen.
– Sie haben Recht, ich dachte so eben daran; man müßte ihm eine ähnliche an einem dritten Orte, entfernt von hier, zu verschaffen suchen.
In diesem Augenblicke trat der Doctor zu den beiden Damen.
– Nun, sprach er mit einem wohlwollenden Lächeln, haben Sie Ihre großen Geheimnisse ausgetauscht? Darf man näher treten?
– Ja, mein bester Freund, antwortete Louise mit zitternder Stimme, vor Ihnen haben wir keine Geheimnisse.
– Welche von Ihnen bedurfte einer Vertrauten?
– Ich! sprach Euphrasia.
– Um in dieser Angelegenheit ein baldiges Resultat zu erzielen, können Sie uns ein wenig helfen, fügte Louise hinzu.
– Diese Sorge überlasse ich Ihnen, sprach Euphrasia, indem sie aufstand, ich muß nach Hause zurückkehren, da Sie mir die erbetene Gastfreundschaft verweigern.
– Wie, rief Herr Mametin, Du verweigert Madame Van-Dick eine gastliche Aufnahme?
– Ich liebe meine Freundin zu sehr, um ihr eine solche zu bewilligen. Unsere liebe Uebermüthige will nämlich eines kleinen Streites wegen, den sie mit ihrem Gemahle gehabt, nicht wieder zu ihm zurückkehren, sondern hier bleiben und uns zu Genossen des Kummers machen, den sie dem armen Herrn Van-Dick dadurch bereiten wird. Ich habe ihr deshalb ein wenig gegrollt und sie will nun zurückkehren und ihren Mann um Verzeihung bitten, nicht wahr?
– Ach, meine beste Freundin! antwortete Euphrasia, indem sie Louise die Hand reichte.
– Um die Sache noch einfacher zu machen, fuhr der Doctor fort, wollen wir Madame Van-Dick begleiten.
– O, das ist unnütz, der Abend ist schön und hell wie der Tag, außerdem will ich auch nicht, um ihn zu bestrafen, daß mein Mann um meine Rückkunft weiß.
Louise athmete wieder auf, denn der Leser kann sich wohl denken, daß dieser Vorschlag, wenn Euphrasia ihn angenommen, ihr eine nicht geringe Verlegenheit herbeigeführt haben würde.
– Freunde, meine theuren Freunde, verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen mit meinen Familienangelegenheiten lästig gewesen bin, sprach Madame Van-Dick, indem sie sich zu seufzen bemühte; erlauben Sie, daß ich mich zurückziehe! Die beiden Frauen umarmten sich.
– Morgen, sprach Herr Mametin, sehen wir uns vielleicht.
– Ach ja, kommen Sie, kommen Sie, rief Euphrasia, Sie werden mich sehr glücklich machen! Mit diesen Worten näherte sie sich der Straßenthür, welche ihr eine Magd öffnete.
– Wir wollen Ihnen nicht fest versprechen, daß wir morgen bestimmt kommen, fügte Louise hinzu, aber jedenfalls werden wir uns mit dem beschäftigen, wovon wir sprachen.
Noch einmal drückten sich die beiden Frauen die Hand, dann schieden sie.
Madame Van-Dick ging, im höchsten Grade auf Tristan erbittert, aber erfreut einen Vorwand gefunden zu haben, um unter ihr eheliches Dach zurückkehren zu können, dem Prinzen-Kanale zu, und Herr Mametin und Louise kehrten Arm in Arm in den Saal zurück.
Es ist leicht begreiflich, daß Louise ein wenig nachdenkend geworden war.
– Was fehlt Dir, mein Kind? sprach der Doctor, indem er sich ihr zur Seite niederließ.
– O nichts, mein Freund, ich dachte noch an das, was mir Madame Van-Dick vorhin mittheilte, antwortete Louise und konnte sich eines hohen Erröthens nicht erwehren.
– Was hat sie Dir erzählt?
– Nichts als Thorheiten.
– Ich glaube es, denn sie ist ein wenig töricht.
– Sie behauptet nämlich, daß ein junger Mann, dem ihr Gatte sehr zugethan ist und der als Erzieher ihres Sohnes im Hause wohnt, sie liebt. Da die Nachstellungen desselben ihr lästig werden, verlangt sie, daß er das Haus des Herrn Van-Dick verlasse. Nun aber hat der arme junge Mann keine andere Stelle, und ich habe ihr gesagt, daß man, bevor man ihm diese raubte, ihm eine andere, wo möglich sehr entfernt von hier, verschaffen müsse. Ich dachte, daß Sie ihm vielleicht dabei nützlich sein könnten.
– Was hat der junge Mann gelernt?
– Alles, wie mir Madame Van-Dick sagte; er hat sogar Medicin studiert, fügte Louise hinzu, die sich der Einzelheiten, welche Euphrasia mitgetheilt, nicht mehr entsinnen, diesen Umstand aber, ohne Befürchtung eines Widerspruches, anführen konnte.
– Und Du hältst dafür, daß man sich um diesen jungen Mann bemühe?
– Ja.
– Wie heißt er?
Louise stockte und wurde roth.
– Weißt Du einen Namen nicht?
– O ja, er nennt sich Tristan, antwortete sie sehr laut, um die Bewegung zu verbergen, die sich ihrer unwillkührlich bei Nennung dieses Namens bemächtigte.
– Ich verstehe, sprach der Doctor mit einem Blicke voll unaussprechlicher Milde; Du interessirst Dich für den Mann, weil sein Name Dich an Dein früheres Glück erinnert. Sei ruhig, mein Kind, ich werde an ihn denken.
– Wie gut sind Sie!
– Mein armes Kind, Du bist gut, Du, so jung und schön, opfert einem Greise Dein Leben; er wird sich jedoch beeilen, recht bald zu Gott zurückzukehren und Dich Deiner Freiheit und Dein Herz den Illusionen der Jugend zurückzugeben. Glaubst Du, Louise, daß ich eifersüchtig bin, oder daß ich eine andere Sorge hege als die, Dich glücklich zu machen? Es giebt Tage, meine beste Louise, wo ich bereit bin, das Haus zu verlassen, um in irgend einem Winkel zu sterben und Dich reich und glücklich zu machen, denn ich, der hohe Greis, ich maße mir durchaus nicht das Recht an, mein Geschick an das Deinige zu ketten; aber ich bleibe, weil ich Dich liebe und weil ich die Ueberzeugung hege, daß die Natur in das Opfer, das Du mir bringt, nicht lange mehr willigen wird.
– Was sagen Sie da, mein Freund, mein Vater? Verdanke ich Ihnen nicht Alles? Was wäre aus mir geworden, wenn die Vorsehung Sie mir nicht entgegengeführt? Glauben Sie, daß ich auch nur einen Augenblick das Glück vergesse, dessen Sie mich theilhaftig werden lassen, und dessen ich vielleicht nicht einmal würdig bin? Es ist wahr, indem ich von Madame Van-Dick diesen Namen nennen hörte, erinnerte ich mich des unglücklichen Todes meines Mannes und ich fürchtete, daß der Verlust seiner Stelle und das Elend jenen jungen Mann zu demselben Entschlusse verleiten könnten. Sie sehen, daß ich keinen Augenblick an Ihrem Herzen gezweifelt, da ich mich an Sie wandte.
– Und daran hast Du wohlgethan. Morgen schon werde ich mich mit dem jungen Manne beschäftigen und für ihn sorgen, als ob er mein eigener Sohn wäre. Umarme mich, liebes Kind, denn ich will mich zurückziehen, um Dir nicht länger lästig zu sein.
– Wie können Sie mir nur solche Sachen sagen! rief Louise, umschlang mit ihren Armen den Hals des Greises und drückte einen Kuß auf seine Stirn.
– Ich will damit nur gesagt haben, daß Du Alles thun sollst, was Dir gut scheint, antwortete der Doctor, und daß ich glücklich bin, den geringsten Deiner Launen zuvorzukommen. Habe ich Dir je etwas verweigert? Du wolltest Frankreich verlassen, und ich habe Dich in dieses Land geführt, weil ich hoffte, Dir Zerstreuung zu bereiten; Du hast Italien sehen wollen, und vierundzwanzig Stunden später saßen wir im Wagen. In Mailand, wo wir uns einige Zeit aufhalten wollten, fiel es Dir plötzlich ein, abzureisen; ich ließ Postpferde bestellen und wir sind hierher zurückgekehrt: dies alles macht mich so glücklich, daß ich die Last meines Alters kaum fühle. Darum sei immerhin ausgelassen und launisch, und grolle mit mir, wenn ich nicht im Augenblicke gehorche, Du hast das Recht dazu, denn, indem ich für Dein Glück sorge, mache ich vielleicht nur ein wenig das Unrecht wieder gut, das ich in meinem Leben begangen habe.
– Wie, Sie haben etwas Unrechtes begangen?
– Vielleicht; jedoch ohne meinen Willen. Jugend hat nicht Tugend, und ich war einmal jung, obgleich man mir es heute nicht mehr ansieht. Es lebt vielleicht jemand in der Welt, der durch meine Schuld leidet, und das Gute, das ich ausübe, wenn man anders meinen Gehorsam für Dich so nennen kann, ist nur eine kleine Sühnung der Vergangenheit.
– Was wollen Sie damit sagen?
– Ich will sagen, liebes Kind, daß sich vielleicht alles ausgleichen wird, daß ich in Dir die Gelegenheit erblicke, welche die Vorsehung mir gesendet, um mich mit Gott auszusöhnen, und daß das Glück, mit welchem ich Dich zu umgeben versucht habe, mich glücklicher macht, als Dich. Ich will sagen, daß Du mir behilflich bist, eine schwarze Erinnerung aus meinem Leben zu verlöschen. Wenn ich mein Alter und meine Schwachheit betrachte, so denke ich immer, daß der gütige Gott mich nicht sterben läßt, ehe ich allen denen, die ich liebe, nicht das gegeben habe, was ich ihnen schulde.
– So haben Sie noch nie zu mir gesprochen!
– Verzeihe mir, mein Kind, wenn ich Deine Traurigkeit durch die Erzählung meiner Sünden noch vermehre. Reden wir nicht mehr davon, sondern suchen wir morgen unserm Unbekannten zu helfen. Morgen früh wollen wir ihn besuchen.
– Und ich, antwortete Louise, die fürchtete, daß ihr Mann sie zu Madame Van-Dick führte, ich gehe auf das Land.
– Ich glaubte, Du zögest es vor, hier zu bleiben?
– Nein, ich will lieber auf das Land gehen.
– Gut, so gehst Du morgen dahin, und wenn Du es erlaubt, begleite ich Dich. Doch nun wollen wir uns trennen, mein Engel, es ist schon spät. Bitte Gott, daß er mir verzeiht, und er wird mir verzeihen.
– Gute Nacht, mein Freund, antwortete Louise und bedeckte die dargebotene Hand des Greises mit Küssen.
Louise zog die Glocke. Die Kammerfrau erschien und beide gingen in das Schlafzimmer der Madame Mametin, ein Meisterwerk, das Koketterie, Luxus und Geschmack erfunden.
Später zog auch Herr Mametin die Glocke. Ein alter Diener erschien und beide gingen nach dem entgegengesetzten Flügel des Hauses in das Schlafzimmer des Greises, ein wahres Muster von Einfachheit.
Eine Stunde später waren, mit Ausnahme eines einzigen, alle Lichter im Hause ausgelöscht. Dieses Licht brannte in Louise’s Zimmer, welche, ein Buch in der Hand, zu lesen schien; sie las aber nicht, sondern gedachte der Begebnisse des verflossenen Tages und derer, die sich vielleicht am nächsten Morgen ereignen würden.
3
Es war zehn Uhr am nächsten Morgen, als ein Wagen, mit zwei eleganten Pferden bespannt, vor der Thür des Doctors Mametin wartete, und Louise, in einem reizenden Sommeranzuge, in diesen Wagen stieg. »Auf morgen!« rief sie noch einmal ihrem Manne zu, der freundlich mit dem Kopfe nickte und dann den Weg nach Herrn Van-Dick’s Hause einschlug.
Er fand den Kaufmann in seinem Garten. Mit ausgebreiteten Armen ging Herr Van-Dick dem Doctor entgegen.
– Nun, mein bester Doctor, wie geht es Ihnen?
– Gut; wie geht es Madame Van-Dick?
– Ich glaube, es geht ihr gut.
– Wie, Sie glauben? —
– Ja, denn ich sehe sie nicht mehr.
– Ist sie denn nicht zurückgekehrt?
– Ich denke, ja.
– Wir haben sie gestern Abend gesehen.
– So!
– Ja; sie kam uns zu besuchen und mit uns zu essen.
– O Ihr armen Freunde! Und was hat sie Ihnen erzählt?
– Daß Sie sie sehr unglücklich machten. Wer ist denn dieser Herr Tristan, den Sie hier im Hause haben?
– Ein vortrefflicher junger Mann, dessen Bekanntschaft ich machte, als ich Mailand verließ.
– Nun?
– Nun, das ist alles.
– Ist er denn nicht der Grund des Unfriedens, der in Ihrem Hause herrscht?
– Ganz recht.
– Was hat er gethan?
– Nichts.
– Ihre Frau behauptet, daß er ihr den Hof mache.
– Ihr?
– Ja.
– Sie ist toll.
– Und deshalb bin ich gekommen.
– Das begreife ich nicht.
– Sie wissen, daß ich Ihnen herzlich zugethan bin.
– Das weiß ich!
– Nun, ich will, daß Sie glücklich seien.
– Ich bin es, vorzüglich, wenn ich Sie sehe.
– Aber Ihre Frau?
– Macht mich auch sehr glücklich, da ich sie nicht mehr sehe.
– Das klingt etwas paradox.
– Durchaus nicht.
– Kurz, ich bin gekommen, um Sie Ihrer Verlegenheit zu entreißen.
– Wie sollte das geschehen?
– Dieser Tristan entzweit Sie mit Madame.
– So ist’s.
– Das darf nicht sein.
– Glauben Sie?
– Es ist immer besser, wenn es nicht so ist, wie es ist.
– Das ist möglich.
– Ist er einmal aus dem Hause, kehrt Ihre Frau zu Ihnen zurück.
– Leider, wird sie das!
– Doch Scherz bei Seite, sprach der Doctor lächelnd; ist dieser Tristan ein anständiger Mann?
– Ich bürge für ihn!
– Gut; ich nehme ihn.
– O nein, ich behalte ihn.
– Aber Ihre Frau?
– Meine Frau mag ihn lieben oder hassen, beides gilt mir gleich. Mir gefällt Tristan, und darum will ich, daß er bleibe.
– Doch wozu nützt er Ihnen?
– Er erzieht meinen Sohn. Und welchen Grund ihres Hasses hat Ihnen meine Frau angegeben?
– Sie behauptet, daß er ihr den Hof macht.
– Und sie liebt ihn nicht?
– Nein.
– Bester Doctor, ich kenne meine Frau zu gut, sie hat Ihnen nicht den wahren Grund gesagt.
– Weshalb sollte sie diesem Manne zürnen?
– Vielleicht deshalb, weil er das Gegentheil von dem thut, worüber sie sich beklagt.
– Um so mehr Grund, den jungen Mann wegzuschaffen.
– Wie, sollte ich ihn auf die Straße werfen, da er mir einen solchen Beweis von seiner Biederkeit giebt?
– Er wird nun eben der Straße nicht bedürfen, wenn ich mich seiner annehme.
– Sie?
– Schon seit einer Stunde wiederhole ich es Ihnen.
– Ah, das ist etwas anders.
– Sie geben ihn mir?
– Nein, noch nicht.
– Warum?
– Weil ich noch überlege, ob er bei Ihnen glücklicher ist, als bei mir; in diesem Falle würde ich mich fügen.
– Er wird bei mir glücklicher sein, das ist gewiß.
– Danke.
– Ganz gewiß, denn meine Frau wird ihn wenigstens nicht hassen.
– Wenn er nun aber Madame Mametin den Hof machte, wie dann?
– So mag er es thun, das wird sie zerstreuen; aber Madame Mametin ist eine Frau von Geist, die sich darüber nicht ärgern wird.
– Es thut mir leid, daß Euphrasia Sie nicht hört! Die beiden Männer sahen sich an und lächelten.
– Nun, was beschließen wir? fragte der Doctor.
– Wir beschließen, daß ich Tristan Ihrer Sorge überlasse, wenn er sich bei mir unglücklich fühlt und um seine Entlassung nachsucht.
– So schließen wir diese Verhandlung. Jetzt werde ich mich Madame Van-Dick vorstellen und ihr meine Huldigungen darbringen.
– Warten Sie eine Minute, sie wird wahrscheinlich herabkommen.
In diesem Augenblicke erschien Tristan. Herr Van-Dick drückte ihm herzlich die Hand, dann verbeugte sich der Hauslehrer vor Herrn Mametin, der ihn mit einer Miene betrachtete, die dem, was Madame Van-Dick von ihm erzählt hatte, keinen Glauben beizumessen, sondern der Vermuthung ihres Mannes Recht zu geben schien, denn der Doctor fand in Tristan einen zu schönen Mann, als daß die Kaufmannsfrau ihre Blicke nicht auf ihn werfen sollte, und dann erschien er ihm wieder zu fein gebildet, um Euphrasia den Hof zu machen.
– — Mein bester Tristan, begann Herr Van-Dick, Herr Doctor Mametin (Tristan verbeugte sich), von dem ich schon oft zu Ihnen gesprochen habe, interessiert sich für Sie, und da er gestern Abend das Glück hatte, einen Besuch von meiner Frau zu empfangen, ist er eiligst gekommen, um mir zu sagen, daß er Ihnen, im Falle Sie mein Haus zu verlassen gedächten – was übrigens Gott verhüten möge – das einige öffnen und für Sie sorgen werde.
– Mein Herr, Ihre Güte rührt mich tief, antwortete Tristan; ich weiß aber nicht, worin ich Ihnen nützlich sein könnte.
– Haben Sie nicht Medicin studiert?
– Ja.
– Nun, so soll meine ganze Praxis, die ich vor Kurzem aufgegeben habe, um frei zu sein, die Ihrige werden, und durch meine Empfehlung hoffe ich Ihnen eine ganz glückliche Stellung zu verschaffen.
– Ich danke abermals, mein Herr, denn, obgleich ich Mediciner bin, so bin ich doch seit zu langer Zeit dieser Wissenschaft entfremdet, daß es noch eines ernsten Studiums bedürfte, ehe ich dieselbe ausüben könnte.
In diesem Falle würden Sie mit mir studieren.
– Darf ich wissen, mein Herr, wem ich diese ganz besondere Protection zu danken habe, womit Sie mich zu beehren gedenken?
– Dem Aberglauben einer Person, der ich in allem folge.
– Und darf ich fragen, ohne indiscret zu erscheinen, in welcher Beziehung dieser Aberglaube zu mir steht? fragte Tristan, der von der Antwort des Doctors nichts verstand.
– Das ist sehr einfach: Sie führen den Namen einer Person, welcher der Person, von der ich vorhin sprach, sehr theuer gewesen ist.
– Und diese Person?
– Ist auf eine höchst unglückliche Weise gestorben; daher der Aberglaube.
– Ich würde mit Vergnügen von Ihrem freundlichen Anerbieten Gebrauch machen, wenn ich einen Grund hätte, dieses Haus, das beste und gastfreiste, das ich kenne, zu verlassen.
– Was auch immerhin geschehen möge, mein Herr, vergessen Sie nicht, daß Sie nicht in mir einen Schützer, sondern einen Freund haben, und daß Herr Van-Dick, wenn ich Ihnen auf irgend eine Weise nützen kann, Ihnen meine Adresse geben wird.
Der Doctor und Tristan verbeugten sich, dann sprach man von andern Sachen, bis ein Diener meldete, daß das Frühstück serviert sei. In dem Augenblicke, als man zu Tische gehen wollte, erfuhr Herr Van-Dick von dem Diener, daß seine Frau sich immer noch nicht zeigen wolle.
– Sie frühstücken mit uns, sprach Herr Van-Dick zu dem Doctor.
– Nein, ich habe bereits mit meiner Frau gegessen, die auf das Land gegangen ist, und wenn Sie erlauben, begrüße ich Madame Van-Dick und suche ihr ein wenig Vernunft beizubringen.
– Ganz nach Ihrem Gefallen, bester Freund; ich fürchte aber, daß sie dabei Ihre Zeit verlieren.
Herr Mametin ließ indeß bei Euphrasia anfragen, ob sie sichtbar sei, und diese ließ antworten, daß sie ihn erwarte.
– Sie sehen, sprach sie in dem Augenblicke, als er die Thür öffnete, daß man mich immer noch leiden läßt, das kann nicht länger so fortgehen.
– Beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich.
– Wissen Sie auch, wer dieser Mensch ist?
– Er scheint mir ein wackerer junger Mann zu sein.
– Er hat Sie getäuscht, er ist ein Vagabond, den mein Mann auf der Landstraße aufgerafft hat, der hier seinen Vortheil sucht, nichts weiß, unserm Kinde nichts beibringt, ihm nur eine schlechte Erziehung giebt und weder Land noch Stand besitzt.
– Meine beste Madame Van-Dick, Sie übertreiben die Sache. Ich habe mit dem jungen Manne gesprochen, und finde ihn durchaus nicht übel. Ich weiß zwar nicht, was er Ihnen zu Leide gethan, allein ich glaube, daß Ihr Gemahl keinen bessern Lehrer für seinen Sohn finden konnte.
– Und er will ihn nicht fortschicken?
– Nein, er behält ihn; ich habe ihm sogar den Antrag gestellt, für ihn zu sorgen, er widersetzt sich dem aber in allem Ernste.
– O wie unglücklich bin ich! rief Euphrasia unter Thränen. Ich kann hier nicht länger bleiben.
– Es wird sich Alles ordnen lassen. Haben Sie nur ein wenig Geduld, sprach der Doctor, dem es leid zu werden anfing, zu der Dame gegangen zu sein.
– Doctor, wollen Sie mir einen Dienst leisten?
– Gern.
– Gehen Sie zu meinem Manne und sagen Sie ihm, daß dieser Zustand nicht länger so bleiben könne und daß ich ernstlich gesonnen sei, das Haus zu verlassen.
– Bedenken Sie, was Sie thun, antwortete der Doctor, um Euphrasia zu überzeugen, daß er ihren Worten Glauben schenke.
– Sagen Sie ihm, daß ich überall die Schändlichkeit erzählen würde, der ich zum Opfer gefallen bin. O. ich weiß auch noch andere Sachen, die ich nur nicht sagen will.
– Und was wissen Sie?
– Nichtswürdigkeiten von diesem Manne!
– Sind Sie auch gewiß, daß nicht der Zorn aus Ihnen redet?
– Ich werde mich furchtbar rächen! rief Euphrasia unter einem Strome von Thränen.
– O weinen Sie nicht, meine liebe Madame Van-Dick, ich werde Ihren Auftrag vollziehen; doch versprechen Sie mir, nicht mehr zu weinen.
Diese Scene hatte den guten Mann tief bewegt.
Es gibt gute Menschen, welche ein Weib nicht weinen sehen können, was auch der Grund ihrer Thränen sei, ohne ein wirkliches Mitgefühl zu empfinden; wir halten es für Pflicht, dem Leser anzuzeigen, daß der Doctor einer von diesen guten Menschen war.
Er richtete seinen Auftrag getreulich aus, und Herr Van-Dick gab dieselbe Antwort wieder, welche der Doctor Euphrasia hinterbrachte.
– Gut, sprach sie, jetzt weiß ich, was mir zu thun bleibt!
Auf eine fast brutale Weise entließ sie Herrn Mametin, der sein Anerbieten in Bezug auf Tristan noch einmal wiederholte und, überdrüssig dieses Streites, Herrn Van-Dick die Hand zum Abschiede reichte. In seiner Wohnung angelangt, ließ er einen Wagen kommen, um sich zu Louise zu begeben.
Zwei Stunden später war er abgereist. Als Tristan und Herr Van-Dick am nächsten Morgen um elf Uhr in den Speisesaal traten um zu frühstücken, fanden sie den Tisch nicht gedeckt.
– Warum ist das Frühstück nicht bereit?
– Herr, antwortete Lotte, Madame hat mir verboten, zu decken; ich habe ihr zwar geantwortet, daß ich nur von Ihnen Befehle zu empfangen hätte, außerdem von Niemandem; sie hat aber doch Alles verschlossen, Tischzeug, Silberzeug, Wein und Teller – dann hat sie den Schlüssel in ihre Tasche gesteckt und ist ausgegangen.
– Man hole einen Schlosser. Der Schlosser kam. Herr Van-Dick ließ alle Thüren öffnen und befahl, daß man in Zukunft alle Schlüssel nur an ihn abgebe.
– Sind diesen Morgen Briefe an mich angekommen? fragte er den Diener.
– Ja, Herr, aber Madame hat sie an sich genommen und zurückbehalten.
– Der Erste, der sich untersteht, antwortete Herr Van-Dick, auch nur den kleinsten Befehl von Madame zu befolgen, den jage ich aus dem Hause. Jetzt zum Frühstück!
Man kann sich wohl denken, welchen Eindruck alle diese Vorfälle, deren Grund er war, auf den armen Tristan machten. Obgleich er sich aus den bereits angeführten Gründen vorgenommen hatte, Alles ruhig zu ertragen, so gab er sich doch in diesem Augenblicke das Versprechen, da Herr Mametin ihm seine Freundschaft angetragen, nur so lange auszuharren, als es ihm Dankbarkeit und Delicatesse erlauben würden. Hätte Tristan nicht Wilhelm’s Ankunft erwarten wollen, um ihm Aufklärung über die wahre Sachlage zu geben, da er vermuthete Euphrasia würde ihn belügen, er hätte diesen Morgen noch das Haus verlassen.
Ueber das, was seine Frau diesen Morgen ausgeführt, war Herr Van-Dick, trotz seiner Kaltblütigkeit, doch sehr erbittert, denn eine Unterbrechung seiner Gewohnheiten war das Aergste, was ihn treffen konnte. Sie hatte ihm Briefe und Frühstück vorenthalten!
Nach dem Frühstück ging Tristan in Eduard’s Zimmer, um den Unterricht zu beginnen, denn der Knabe war völlig genesen und im Stande, zu arbeiten. Herr Eduard stand am Fenster und machte Seifenblasen.
– Wie geht es, lieber Eduard? fragte Tristan, indem er seinem Schüler näher trat.
Das Kind wandte den Kopf und als es Tristan sah, fuhr es ruhig fort seine Seifenblasen zu bilden ohne zu antworten.
– Haben Sie mich verstanden? fuhr Tristan in einem trockenen Tone fort, denn die Unart des Knaben ärgerte ihn ein wenig.
– Ja.
– Warum antworten Sie mir nicht?
– Weil mir Mama verboten hat, Ihnen zu antworten,
– Wir wollen unsern Unterricht beginnen, sprach Tristan sich fassend.
– Ich bedarf Ihres Unterrichtes nicht.
– Herr Van-Dick will es.
– Aber Mama will es nicht, und ich muß meiner Mama gehorchen.
– Ich werde diese Weigerung. Ihrem Vater anzeigen.
– Das können Sie thun.
Bleich vor Schaam und Zorn stieg Tristan die Treppen hinab, und erzählte Herrn Van-Dick, was vorgefallen. Ohne ein Wort zu entgegnen, schritt der Vater dem Zimmer des Sohnes zu, öffnete die Thür, ging direct nach dem Fenster, warf die mit Seifenwasser angefüllte Tasse in den Garten und gab seinem lieben Söhnchen ein Paar so vortrefflicher Ohrfeigen, wie sie selten väterliche Hände zu appliciren pflegen. Ohne auf das Geschrei des Kindes zu achten, rief er:
– Arbeite! Dann verließ er das Zimmer.
Der Knabe weinte und schrie eine halbe Stunde lang; als er aber sah, daß, trotz seiner Anstrengung, die Mutter nicht erschien, entschloß er sich endlich, seinen Unterricht zu nehmen.
Man denke sich Tristan’s Lage!
Während dieser Zeit war Herr Mametin bei Louise angekommen. Als die junge Frau ihn erblickte, rief sie ihm entgegen:
– Nun?
– Dein Schützling bleibt bei Herrn Van-Dick.
Louise athmete wieder auf.
– Haben Sie ihn gesehen? fügte sie hinzu.
– Ja. Er ist ein hübscher junger Mann, Herr Van-Dick will sich nicht von ihm trennen.
– Haben Sie einen Platz für ihn gefunden?
– Ja.
– Wo?
– Bei mir.
– Bei Ihnen?
Louise erbleichte bei diesen Worten; aber glücklicherweise bemerkte es ihr Mann nicht.
Wundert Dich das? fragte er, denn wenn er auch ihre Blässe nicht gesehen, so hatte er doch das Beben ihrer Stimme gehört.
– In der That.
– Und warum?
– Ein Mann, den wir nicht kennen —
– Hast Du ihn mir nicht selbst empfohlen?
– Es ist wahr, antwortete Louise, da er aber nicht kommt —
– Vielleicht kommt er.
– Glauben Sie?
– Herr Van-Dick wird den Kampf mit seiner Frau nicht länger bestehen können.
– Um so schlimmer.
– Warum?
– Weil ich Lust habe, ein wenig zu reisen.
– Das soll uns nicht hindern; im Gegentheil, er wird während unserer Abwesenheit das Haus verwalten. Du gedenkt doch nicht auf der Stelle zu reisen?
– Ja.
– In wieviel Zeit?
– In fünf oder sechs Tagen.
– Wohin willst Du?
– Gleichviel, wohin. Ich habe Langeweile.
Der Greis fuhr mit der Hand über seine Augen und zerdrückte eine Thräne, welche dieses Wort ihm in die Augen trieb.
– Wir werden morgen reisen, wenn Du willst, in diesem Augenblicke selbst, wenn Du mir nur nicht mehr sagt, daß Du Dich langweilt.
– O Verzeihung, mein väterlicher Freund, rief Louise und warf sich in die Arme des Doctors, ich habe heute sehr schwache Nerven.
– In der That, antwortete der Doctor und ergriff ihre Hand, Du hast ein wenig Fieber; es wird aber vorübergehen.
– Verzeihen Sie mir?
– Wenn Du es verlangt! Wann reisen wir?
– Wir werden bleiben. Ich war töricht!
– Um so besser, denn ich muß Dir gestehen, daß das Reisen ein wenig anstrengend für mich ist.
– Und das sagten Sie mir nicht?
– Ich liebe Dich zu sehr, um das nicht zu wollen, was Du willst.
Louise antwortete nicht, aber sie ergriff die Hand des Greises, küßte sie und dachte:
– O mein Gott, wie wird das Alles noch enden!
4
Madame Van-Dick war während des ganzen Tages nicht sichtbar. Als sie Abends, es mochte gegen elf Uhr sein, von ihrer Freundin nach Hause zurückkehrte, schien in dem Hause des Kaufmanns schon. Alles der Ruhe zu pflegen. Nachdem sie die Thür ihres Schlafzimmers hinter sich verschlossen, gab ihr die Nacht, welche auch den Haß gegen Tristan geboren, einen neuen und schrecklichen Rachegedanken ein.
Sie setzte sich an das Piano. Diesmal aber spielte sie nicht den letzten Gedanken von Weber, sondern der Trauermarsch von Beethoven ertönte unter ihren Fingern.
Madame Van-Dick spielte aus Leibeskräften.
Tristan erwachte zuerst, und ihm war im ersten Augenblicke klar, daß dieser Scherz die ganze Nacht dauern würde, deshalb waffnete er sich mit Geduld.
Einige Augenblicke später schlug auch Herr Van-Dick die Augen auf. Der Holländer hatte zwar jeden Abend eine große Lust zum Schlafen, heute aber lag eine wahre Schlafsucht wie Blei auf einen Augenlidern. Der Gatte kannte den Charakter einer holden Gattin zu genau, um nicht wie Tristan zu begreifen, daß das Concert vor dem hellen Morgen nicht endigen würde. Er nahm demnach eine sitzende Stellung in einem Bette ein und zündete ein Licht an.
Wir müssen den Leser inständigt bitten, uns die Beschreibung des Gesichtes zu erlassen, das Herr Van-Dick schnitt, als er nach der Uhr sah und bemerkte, daß er kaum eine halbe Stunde geschlafen hatte.
Diesmal war es unmöglich, Euphrasia Schweigen zu gebieten, denn man hätte ihr zugleich gesagt: »Deine Rache gelingt!«
Ein leises Lächeln umspielte die Lippen des Holländers, als er an Tristan’s Gesicht dachte, das er bei Anhörung dieser Symphonie machen mußte, und in diesem Gedanken schien er einen schwachen Trost zu finden, denn sein Gesicht nahm bald die gewöhnliche Ruhe wieder an.
– Die Sache verspricht recht heiter zu werden, sprach er leise bei sich selbst; ich kann nicht mehr essen, wenn ich nun auch nicht mehr schlafen kann, steht mir eine beneidenswerthe Zukunft bevor.
Nach dieser Reflexion erhob sich Herr Van-Dick, fuhr in seine Hosen, öffnete das Fenster, zündete eine Cigarre an und betrachtete durch die Rauchwolke derselben die Sterne.
Auch Tristan hatte sich eine Cigarre angezündet und versuchte zu lesen. Die schauerliche Grabesmusik verhinderte ihn aber den Sinn zu fassen, deshalb verließ auch er sein Bett, fuhr in die Hosen und rauchte am offenen Fenster eine Cigarre. Das Loos derer, die ein schlechtes Gewissen im Leibe, aber kein Piano im Hause haben, schien ihm in dieser Nacht ein beneidenswerthes zu sein.
– O Tugend, dachte er, das ist dein Lohn!
Der Trauermarsch von Beethoven ist ein Meisterwerk, und übt unter andern Umständen einen mächtigen Eindruck auf das Gemüth aus; wenn man aber schlafen will, und hört ihn so vortragen, wie ihn Madame Van-Dick Behufs Erreichung ihres Zweckes vortrug, berührt er dennoch unangenehm. Es war unserm Tristan unmöglich, dem Concerte länger zuzuhören, deshalb öffnete er leise die Thür und suchte der Grabesharmonie zu entfliehen, da diese ihn nicht fliehen wollte. Nachdem er sich mit einem kleinen Vorrathe von Cigarren versehen, öffnete er das Fenster des Corridor’s das auf die Straße hinausging, lehnte sich so bequem als möglich auf das Fenstergesims und fuhr fort zu rauchen. Die Töne gelangten natürlich viel schwächer zu seinen Ohren und seine Lage begann erträglicher zu werden. So mochte er wohl fünf Minuten den Rauch seiner Cigarre in die frische Nachtluft hinausgeblasen haben, als er zufällig nach links sah. Da schien es ihm, als ob eine andere Cigarre, die wie ein Johanniswürmchen glühte, durch die Nacht leuchtete. Hinter dieser Cigarre erkannte er das Gesicht des Herrn Van-Dick, der, wie man sich erinnern wird, sich in das Fenster seines Zimmers gelegt hatte, das auf die Straße hinausging.
– Herr Van-Dick! Herr Van-Dick! rief Tristan.
Der Kaufmann sah auf und erkannte seinen Hauslehrer.
– Ah, sind Sie da? sprach er. Gott segne Sie!
– Hol’ Sie der Teufel, wollen Sie wohl sagen?
– Seit wie lange sind Sie wach?
– Seit dem Beginne des Concert’s. Und Sie, armer Herr Van-Dick?
– Ebenso lange.
In den Worten »ebenso lange« lag ein so komischer Schmerz, daß Tristan sich eines Lächelns nicht erwehren konnte.
– Glauben Sie, daß es noch lange dauern wird? fragte Herr Van-Dick.
– Ich fürchte es.
– Nicht übel!
– Herr Van-Dick!
– Nun?
– Mir kommt ein Gedanke an.
– Reden Sie schnell, wir können ihn gebrauchen.
– Wenn wir uns für die Nacht in ein Hotel einquartierten?
– Es ist bereits Mitternacht, außerdem bin ich auch zu bekannt.
– Das ist wahr.
– Haben Hie keinen andern Gedanken, als diesen?
– Nein.
– Dann sind Sie ein kostbarer Mensch im Unglück.
In diesem Augenblicke verdoppelte Madame Van-Dick, die vielleicht an der Flucht ihrer Feinde zweifelte, die Anstrengung, womit die musicirte.
– Himmel, rief Herr Van-Dick, ich halte es nicht mehr aus! Tristan!
– Hier!
– Sind Sie stark?
– Ja.
– Sehr stark?
– Gewiß; warum?
– Schleichen Sie auf den Fußspitzen an die Thür des Schlafzimmers meiner Frau und sehen Sie nach, ob der Schlüssel im Schlosse steckt. Mich würde man hören, da ich zu schwerfällig bin.
– Und dann?
– Dann kommen Sie zurück und sagen es mir.
– Gut.
Tristan, der nicht wußte, wo Herr Van-Dick hinaus wollte und sich an der Sache zu belustigen anfing, schlich leise die Treppe hinab. Jemehr er sich der Thür Euphrasia’s näherte, desto grimmiger wurde das Getöse. Einen Augenblick später kam er zurück.
– Nun? rief Herr Van-Dick, als er den erwarteten Kopf wieder erscheinen sah.
Der Schlüssel ist in der Thür.
– Gut, so gehen wir hinab.
– Zu welchem Zwecke?
– Sie sollen ihn erfahren. Auf dem Corridor der Madame Van-Dick trafen beide Männer zusammen.
– Leise, leise! sprach Herr Van-Dick.
– O, Sie können gehen, wie Sie wollen, antwortete Tristan; und wenn das Haus einstürzte, Madame Van-Dick würde es nicht hören. So kamen sie bei der Thür an. Herr Van-Dick öffnete, trat ein und ergriff, ohne ein Wort zu reden, in den der Henkel des Piano’s.
Euphrasia war über diesen zweifachen Besuch so erschreckt, daß ihre Hände zitternd von den Tasten glitten.
– Was wollen Sie hier beginnen? fragte sie, indem sie aufstand.
– Wir suchen dieses liebenswürdige Instrument.
– Warum?
– Um es in den Kanal zu werfen.
– Sie werden es nicht berühren!
– Das wollen wir sehen!
– Das Instrument stammt von meiner Mutter.
– Eine köstliche Erbschaft! Bester Tristan, wollten Sie wohl den andern Griff erfassen und mir dieses interessante Hausgeräth auf die Hausflur schaffen helfen?
– O, das ist eine Infamie! rief Madame Van-Dick, mir bleibt nicht einmal soviel Freiheit, auf meinem Piano zu üben.
– Das nennt sie üben! Vorwärts! Herr Van-Dick machte Miene, das Instrument zu ergreifen.
– Ich sage Ihnen, daß dieses Piano von meiner Mutter kommt! rief weinend Euphrasia.
– Kommt der Gedanke etwa auch von Ihrer Mutter, um Mitternacht den Trauermarsch zu spielen, damit ich nicht schlafen kann?
Euphrasia antwortete nicht.
Die beiden Männer ergriffen das Instrument.
Frauen von Euphrasia’s Charakter sind feig, wenn sie den öffentlichen Scandal nicht zu Hilfe rufen können, und um diese Zeit war nicht daran zu denken.
– Ich werde nicht mehr spielen, sprach sie.
– Wer bürgt uns dafür?
– Verschließen Sie das Piano.
– Gut, ich bin zufrieden, antwortete Herr Van-Dick; aber bei dem ersten Tone, den ich wieder vernehme, zertrümmere ich es in tausend Stücke.
Bei diesen Worten verschloß er das Instrument und steckte den Schlüssel in eine Tasche. Tristan und Herr Van-Dick kehrten auf ihre Zimmer zurück. Der übrige Theil der Nacht verfloß in völliger Ruhe.
Am nächsten Morgen kamen drei Briefe von Wilhelm an. Der eine war für Euphrasia, der andere für Herrn Van-Dick, der dritte für Tristan.
Was der Inhalt des an Madame Van-Dick gerichteten Briefes war, kann sich der Leser eben so gut denken, als wir es ihm mittheilen wollen. Der aber an ihren Mann enthielt Folgendes.
»Mein bester Herr Van-Dick!
»Alles geht gut von statten. Das Haus Daniel hat. Sie bezahlt. Heute erhielt ich von ihm 300.000 Franks in Kaffenanweisungen, welche unfehlbar einen Tag später als dieser Brief in Ihre Hände gelangen müssen. Es war zu spät, um diesen Brief zu frankiren und einen Empfangschein darüber zu erwirken. Aus Furcht, der Brief möchte verloren gehen und die Post, da sie dessen Empfang nicht bescheinigt, könnte die Erstattung verweigern, habe ich ihn für heute zurückbehalten. Empfangen Sie die Versicherung treuester Ergebenheit von Ihrem ergebenen Diener.
Dasselbe theilte er Euphrasia mit und fügte hinzu, daß diese schnelle Beendigung des Geschäfts ihn hoffen lasse, bald zurückzukehren.
Als Tristan Wilhelm’s Handschrift erkannte, fühlte er sich einen Augenblick freudig bewegt:
– Der gute Mensch hat mich doch nicht vergessen, dachte er, öffnete und las:
»Mein Herr!
»Ich empfange einen Brief, von wem? müssen Sie wissen. Dieser Brief zeigt mir an, daß Sie sich, ungeachtet der Versprechen, die Sie mir gegeben, schamlos in Bezug auf mich betragen haben. Ich weiß, daß Sie das Haus des Herrn Van-Dick verlassen müssen, darum bitte ich Sie, mir Ihre Adresse zukommen zu lassen, denn nach meiner Zurückkunft gedenke ich Sie Ihres Betragens wegen zur Rechenschaft zu ziehen.«
– Der junge Mann ist ein Narr! sprach Tristan, indem er ruhig den Brief zusammenlegte und ihn eben so ruhig in die Tasche steckte.
An diesem Tage erschien auch Madame Van-Dick wieder zum Frühstück und Mittagessen an demselben Tische, an welchem ihr Mann und Tristan saßen.
– Dieses Erscheinen kündigt mir eine neue Schlechtigkeit an, dachte Tristan. Herr Van-Dick scheint seit der Piano-Scene auch kälter gegen mich geworden zu sein, ich glaube demnach wohl zu thun, wenn ich spätestens morgen das Haus verlasse.
Tristan hatte zwar Herrn Van-Dick seinen Entschluß noch nicht mitgetheilt; er packte aber schon am nächsten Morgen einen Koffer. Die Ankündigung, daß das Frühstück serviert sei, rief ihn von dieser Beschäftigung ab. Er ließ also einen Koffer unvollendet und ging in den Speisesaal. Hier traf er Euphrasia mit ihrer Freundin, welche zum Frühstück eingeladen war. Kalt, fast unverschämt, dankte die Frau vom Hause dem freundlich grüßenden Tristan. Herr Van-Dick, der mit Freuden die gute Gestaltung der Dinge sah, reichte dem jungen Manne freundschaftlich die Hand. Auch Herr Eduard, vollkommen hergestellt, erschien wieder bei Tische.
– Hast Du gethan, was ich Dir gesagt habe flüsterte die Mutter dem Knaben zu, indem sie ihn küßte.
– Ja, antwortete das Kind. Man setzte sich zu Tische. Einige Augenblicke nachher sprach Madame Van-Dick zu ihrer Freundin:
– Ich habe diesen Morgen einen Brief aus Frankreich erhalten. (Es war erlogen.)
– Von wem?
– Von meiner Cousine Emilie.
– Sind die Briefe angekommen? fragte Herr Van-Dick.
Euphrasia bebte unwillkührlich zusammen.
– Ja, antwortete sie.
– Wie kommt es, daß ich den Brief nicht erhalten, den mir Wilhelm gestern angekündigt.
– Das ist sonderbar, sprach Euphrasia, sollte er vergessen sein? Was soll dieser Brief enthalten?
– 300 000 Franken vom Hause Daniel.
– Diese Summe lohnt die Mühe, nachzufragen, antwortete Tristan.
Herr Van-Dick zog die Glocke.
Ein Diener erschien.
– Ist diesen Morgen ein Brief von Brüssel angekommen? fragte der Kaufmann.
– Ja, Herr.
– Wo ist er?
– Ich habe ihn in den Speisesaal gelegt, wohin ich stets die Briefe lege.
– Man suche nach.
– Er lag dort auf jenem Tische.
– Er ist aber nicht mehr da.
– Wo kann er sein, fragte Euphrasia.
– Weißt Du auch genau, daß Du ihn dorthin gelegt hast? Frage Lotte, ob sie ihn vielleicht an einen andern Platz gelegt.
– Vorausgesetzt, antwortete die Freundin, daß er nicht gestohlen ist.
– Von wem? fragte Herr Van-Dick.
– Wenn man Leute um sich hat, die man nicht kennt – antwortete Euphrasia.
Tristan erbleichte bei diesen Worten.
– kennen Sie Ihre Domestiken nicht? sprach er zu Herrn Van-Dick, der die Absicht seiner Frau verstanden hatte.
– Euphrasia hat Recht, man muß diese Leute stets fürchten; es sollte mich indeß wundern, denn dieser hat ein ehrliches Gesicht und für Lotte verbürge ich mich.
– Du hast doch den Brief nicht genommen? fragte die Mutter ihren Sohn.
– Nein, Mama.
– Aber Du hast ihn gesehen?
– Ja.
– Würdest Du ihn wiedererkennen?
– Ja, Mama.
– Nun so geh, und hilf dem Peter suchen.
– Wo soll ich suchen?
– Ueberall.
Das Kind verließ den Tisch. Peter kam zurück und zeigte an, daß die Köchin den Brief nicht berührt habe.
– Es ist sehr unrecht, daß man ihn auf einen Tisch legt, ohne mich davon zu benachrichtigen.
– Madame war da, antwortete der Diener, und als ich ihn nicht mehr dort liegen sah, wohin ich ihn gelegt, glaubte ich, sie habe ihn zu sich genommen.
Euphrasia erröthete bei diesen ganz natürlichen Worten.
– Dieser Brief enthält eine bedeutende Summe, fügte Herr Van-Dick hinzu, es ist sehr unklug, ihn so herumliegen zu lassen.
– Ach Herr, sprach zitternd der Diener, den man des Diebstahls verdächtigt hatte, ich bin ein ehrlicher Mensch und unfähig —
– Ich klage Dich nur der Nachlässigkeit an, mein Freund. Der Brief wird sich wiederfinden, fürchte nichts.
– Der Briefträger, fuhr der Bediente fort, hat von Madame eine Quittung unterzeichnen lassen, und deshalb glaubte ich nicht nöthig zu haben, mich ferner um diesen Brief zu kümmern.
– Dann müssen Sie wissen, wo der Brief hingekommen ist, sprach Herr Van-Dick zu seiner Frau.
– Ich weiß nichts davon, antwortete sie mit einer Bewegung, die sie vergebens zu unterdrücken suchte. Schon stand die Dame im Begriffe, den Tisch zu verlassen, als der Knabe mit dem Briefe in der Hand in den Saal trat.
– Ah, um so besser, rief Tristan, mich quälte eine peinliche Unruhe.
– Ist er das? fragte Eduard.
– Ja, antwortete Herr Van-Dick, indem er den Brief ergriff, wie kommt es aber, daß er erbrochen ist?
Das Kind deutete an, indem es nach seiner Mutter hinüberblickte, daß es nichts davon wisse.
– Wo hast Du ihn gefunden? fragte Herr Van-Dick weiter.
– In dem Zimmer des Herrn Tristan, war die zögernde Antwort des Knaben.
– In meinem Zimmer? rief der junge Mann.
– Ja, sprach das Kind.
– Und an welchem Orte meines Zimmers haben Sie ihn gefunden, mein kleiner Freund? fügte Tristan todtenbleich werdend hinzu.
– In Ihrem Koffer, antwortete Eduard furchtsam, als er sah, daß Aller Blicke auf ihm hafteten.
Tristan fuhr vom Stuhle auf, als ob ihn eine Schlange gebissen hätte.
– Man hat Sie eine Nichtswürdigkeit begehen lassen, mein Kind, sprach der junge Mann, die sich in diesem Augenblicke noch aufklären muß. Ich bitte, ich fordere sogar von Ihrem Herrn Vater, daß er Sie gestehen läßt, wozu man Sie verleitet.
– Dieses Kind weiß nicht, was es spricht, antwortete Euphrasia, die anfing ängstlich zu werden; der Brief ist gefunden, und das ist die Hauptsache. Mit diesen Worten näherte sie sich der Thür, Tristan aber trat ihr in den Weg und verhinderte sie, das Zimmer zu verlassen.
– Verzeihung, Madame, sprach er, wenn ich mich Ihrer Entfernung widersetze; Sie haben die Anklage gehört, Sie müssen nun auch die Wahrheit hören. Das Kind sah seine Mutter an und wußte nicht mehr, was es beginnen sollte.
– Dieser erbrochene Brief ist in dem Koffer gefunden, den ich zu meiner Abreise vorbereitete, sprach Tristan weiter, und er kann nur von dem hineingelegt sein, der ihn erbrochen und gewußt hat, was er enthält. Dieser Knabe konnte nur dann in mein Zimmer gehen, wenn man es ihm gesagt, denn er würde überall, nur dort nicht gesucht haben. Herr Van-Dick, wollten Sie die Güte haben und das Kind fragen, wer ihm gesagt, bis in mein Zimmer zu dringen und den Brief dort zu suchen.
– Antworte, sprach Herr Van-Dick zu seinem Sohne in einem Tone, der ihn mahnte, nicht zu lügen. Die ernste Wendung der Sache hatte den Kaufmann tief bewegt.
– Mama hat es mir gesagt, antwortete das Kind. Man denke ich den Eindruck, den diese Worte hervorbrachten. Niemand gedachte indes der Freundin, die Euphrasia eingeladen hatte, um Zeugin von Tristan’s Diebstahl zu sein.
– Er lügt! rief die Mutter.
– Schweigen Sie, Madame, sprach Herr Van-Dick in einem befehlenden Tone. Ist das alles, was Dir Deine Mutter gesagt hat? fragte er den Knaben. Sprich die Wahrheit, oder ich jage Dich zum Hause hinaus!
– Mama, antwortete schluchzend das Kind, hat mich zuerst mit dem Briefe fortgeschickt, um ihn in Herrn Tristan’s Koffer zu legen, dann hat sie mir gesagt, ich solle den Brief wieder holen, wenn sie es bei Tische verlangte, und dann sagen, wo ich ihn gefunden hätte.
Madame Van-Dick wurde bleich wie eine Todte und schwieg.
– Hast Du nicht gelogen? fragte der Vater sein Kind.
– Nein, Papa, ich schwöre es,
– Gut, fuhr der Kaufmann fort, indem er aufstand, gehen Sie auf Ihr Zimmer, Madame; ich werde unsere Angelegenheiten in Ordnung bringen und heute noch verlassen Sie mein Haus, denn ich dulde keine Diebin unter meinem Dache.
Madame Van-Dick entfernte sich.
Herr Van-Dick, der an heftige Aufregung nicht gewöhnt war, trocknete den Schweiß, der in dicken Tropfen von seiner Stirn rann.
– Sie sehen wohl ein, wandte sich Tristan zu dem schweißtriefenden Holländer, daß ich unter diesen Umständen nicht anders handeln konnte. So lange mir nur Eigensinn unbedeutende Possen zu spielen suchte, habe ich geschwiegen, aber jetzt —
– Jetzt haben Sie recht gethan, mein Freund, antwortete Herr Van-Dick, indem er ihm die Hand reichte, denn Sie haben nur Ihre Pflicht gethan. Alles übrige ist meine Sache.
Die Freundin, am ganzen Körper zitternd, war auf einen Stuhl gesunken und wußte nicht, welchen Ton sie bei der Sache anstimmen sollte.
Mit Thränen in den Augen und fast krank über das Geschehene, kehrte Tristan in ein Zimmer zurück. Als er allein war, entschlüpfte seinen Lippen unwillkührlich Louise’s Name.
5
Als unser Held ein wenig ruhiger geworden war, erinnerte er sich des Herrn Mametin, den ihm die Vorsehung einige Tage zuvor so wunderbar auf seinem Lebenswege entgegengeführt hatte. Inbrünstig dankte er der göttlichen Schickung, die sich einer so gnädig annahm; er gab sich indeß das feste Versprechen, daß dies der letzte Versuch sein solle, den er gegen das Schicksal unternähme und daß er, wenn auch dieser endete wie alle andern, die er begonnen, sein Leben von sich werfen wolle.
Nachdem er alle seine Habseligkeiten sorgfältig zusammengepackt, nahm er Abschied von dem Zimmer, in welchem er glücklich zu leben gehofft hatte, und ging zu Herrn Van-Dick hinab. Er traf den Kaufmann in seinem Zimmer und zwar so beschäftigt mit Briefschreiben, daß er das Oeffnen der Thür nicht gewahrte. Tristan näherte sich Herrn Van-Dick, und als er ihm zur Seite stand und sah, daß er immer noch mit großer Aufmerksamkeit fortarbeitete, sprach er zu ihm:
– Ich werde mich zurückziehen, wenn ich störe.
– Ah, Sie sind da, bester Tristan! Ich habe Ihren Eintritt nicht bemerkt, verzeihen Sie. Nun, was sagen Sie zu den saubern Geschichten?
– Ich habe keine Meinung darüber.
– Ich hielt zwar meine Frau zu sehr viel Dingen fähig, aber zu diesem nicht.
– Man muß ihr verzeihen. Der Zorn ist ein schlechter Rathgeber und Madame Van-Dick ist genug bestraft. Ich verzeihe ihr von ganzem Herzen.
– Hat sie mit Ihnen gesprochen?
– Nein, ich habe sie nicht gesehen.
– Beruhigen Sie sich, es soll Ihnen nichts mehr geschehen.
– Davon bin ich überzeugt.
– Sie wird das Haus verlassen, sprach Herr Van-Dick in einem Tone, der verrieth, daß sein Entschluß schon schwankte.
– Sie wird hier bleiben.
– Sie können aber nicht länger mit ihr leben.
– Das ist mir völlig klar.
– Nun?
– Es steht mir nicht das Recht zu, nachdem ich, wenn auch ohne meine Schuld, bereits so viel Uneinigkeit angestiftet, ferner noch die Saat der Zwietracht in ein Haus zu säen, das mich so gastfreundlich, wenigstens von Ihrer Seite, mein bester Herr Van-Dick, aufgenommen hat. Ich werde Madame Van-Dick weichen.
– Wohin gehen Sie?
– Zu dem Doctor Mametin.
– Sie haben Recht, lieber Tristan, ich an Ihrer Stelle würde auch nicht anders handeln. Madame Mametin ist eine liebenswürdige Frau und der Doctor ein Mann, der mehr vermag, als ich. Gehen Sie dann in Gottes Namen zu ihm.
– Sie billigen also meine Absicht?
– Vollkommen.
– Darf ich hoffen, Herr Van-Dick, daß mich bei dem Scheiden aus Ihrem Hause Ihre Achtung begleitet?
– Meine Achtung und Freundschaft!
– Und wenn wir uns einst begegnen sollten —
– Werde ich Ihnen die Hand reichen, wie jetzt. Ich hoffe, Sie und der gute Doctor werden mich recht oft besuchen. Doch darf ich Ihnen jetzt einen Rath ertheilen?
– Reden Sie, Herr Van-Dick.
– Wohnen Sie nicht in demselben Hause, das Herr Mametin bewohnt, es ist für irgend einen stets lästig. Wenn Sie meinem Rathe Gehör geben, so miethen Sie sich ein Haus allein.
– Den Plan habe ich bereits gefaßt, wenn nicht ein Haus, doch wenigstens ein Zimmer.
– Miethen Sie das kleine Haus, das dem Herrn Mametin’s gegenüber liegt und in diesem Augenblicke frei steht, Sie werden es um einen billigen Preis erhalten.
– Sie haben Recht; doch jetzt bitte ich Sie um einen Dienst. Herr Van-Dick legte die Hand an den Schlüssel seiner Kasse.
– Alles was Sie wollen, bester Freund.
Tristan erröthete und hielt die Hand des Kaufmanns zurück.
– Danke, sprach er, es handelt sich um etwas anderes.
– Warum nicht um dieses?
– Weil ich dessen nicht bedarf.
– Reden Sie offen, Sie können mir dieses Geld später zurückzahlen.
– Danke tausendmal, mein bester Herr Van-Dick, ich habe, was ich gebrauche.
– Nach Gefallen, doch vergessen Sie nicht, daß meine Freundschaft und meine Kasse stets zu Ihrer Verfügung stehen. Doch nun zur Sache.
– Sie wissen, daß ich mit Wilhelm stets in einem guten Einverständnisse fand.
– Ja.
– Er ist ein braver junger Mann, dessen Freundschaft mir werth ist.
– Ganz recht.
– Wollten Sie nun die Güte haben und ihn bei seiner Rückkehr auf Ihr Wort und auf das meinige versichern, daß er mir nichts vorzuwerfen hat, und daß ich stets glücklich sein werde, ihn zu sehen.
– Sind Sie böse mit einander?
– Ja.
– Seit wann?
– Seit gestern.
– Wie können Sie das wissen?
– Er hat es mir geschrieben.
– Und weshalb?
– Ich weiß es nicht.
– Meine Frau wird ihm geschrieben haben.
– Glauben Sie? Was kann sie mir aber aufgebürdet haben?
– Daß Sie ihr den Hof machen, wie sie auch mir gesagt hat.
– Aber ich begreife nur nicht, fuhr Tristan fort, der sich stellen wollte, als wüßte er von Wilhelm’s und Euphrasia’s Verhältnisse nichts, oder die Absicht hatte, von Herrn Van-Dick zu hören, daß er darum wüßte, ich begreife nicht, was ihn die Sache angehen kann.
Herr Van-Dick sah Tristan von der Seite an und sprach in einem Tone, der sich nicht beschreiben läßt:
– Einfaltspinsel!
Tristan mußte lächeln.
– Doch eins noch möchte ich wissen, da wir gerade allein sind, sprach Herr Van-Dick. Sind Sie gern hier gewesen? Reden Sie offen.
– Sehr gern.
– War Ihnen das Leben, das ich Ihnen bot, angenehm genug?
– Ja.
– Und gedachten Sie längere Zeit bei uns zu bleiben?
– Wenn es möglich gewesen wäre, immer.
– Warum haben Sie sich dann mit meiner Frau entzweit?
– Nicht ich habe mich mit ihr, sie hat sich mit mir entzweit.
– Aber warum? Was haben Sie ihr gethan?
– Wollen Sie es wissen?
– Ja.
– Im Ernst?
– Im vollen Ernst.
– Nun, mein bester Herr Van-Dick – aber ich weiß wirklich nicht, wie ich beginnen soll.
– Reden Sie offen; oder wollen Sie, daß ich Ihnen helfe?
– Das wäre mir lieb.
– Meine Frau hat Ihnen als Einleitung erzählt, daß man sie gegen ihren Geschmack verheirathet habe?
– Ja.
– Sie hat Ihnen gesagt, daß sie unglücklich ist?
– Fast dasselbe.
– Sie hat Sie über Ihr Leben befragt?
– Ganz recht.
– Sie hat Sie ferner gefragt, ob Sie in Ihrem Leben schon verliebt gewesen?
– Trifft alles zu.
– Und was haben Sie ihr darauf geantwortet?
– Daß ich es gewesen, aber nie mehr sein würde.
– Unkluger Mensch, das ist es ja eben, was hier alles verdirbt! Hat sie Ihnen nach Wilhelm’s Abreise ihre Liebe gestanden?
– Ja.
– Und was haben Sie ihr geantwortet?
– Daß ich sie nicht lieben könnte, ohne Freundschaft und Dankbarkeit zu verletzen.
– Gut. Und an dieser Idee haben Sie festgehalten?
– Ja.
– Und nun staunen Sie über das, was geschehen?
– Nein.
– Was habe ich Ihnen auf der Reise von Mailand nach Amsterdam gesagt?
– Ich erinnere mich dessen nicht mehr, antwortete Tristan, der das volle Geständniß des Kaufmanns erlangen wollte.
– Ich habe Ihnen gesagt, daß Sie nur unter der Bedingung bei mir bleiben könnten, wenn meine Frau Sie lieben würde.
– Ich erinnere mich.
– Sie hätten sich auch erinnern sollen, daß ich Ihnen den Rath gegeben, alles aufzubieten, um zu diesem Resultate zu gelangen.
– Wohl wahr.
– Sie haben es nicht erlangt, und deshalb müssen wir uns trennen, so leid es mir auch thut.
– Es gab nur ein Mittel, die Gunst Ihrer Frau zu erlangen.
– Und welches?
– Ich mußte ihr Liebhaber werden, da ich das Ding doch einmal bei seinem Namen nennen muß.
– Gut, dieses Mittel hätten Sie aus Freundschaft für mich, um bleiben zu können, anwenden sollen.
– Dann hätte ich Sie aber betrogen.
– Glauben Sie denn, daß ich einen solchen Betrug nicht lieber gehabt hätte, als die ewigen Zänkereien? Wie oft habe ich Ihnen gesagt, daß mir meine regelmäßigen Mahlzeiten, meine Ruhe und mein häuslicher Frieden über alles gehen. Wilhelm hat mich besser verstanden.
– Was wollen Sie damit sagen?
– Ich will damit sagen, daß seit der Zeit, die er im Hause lebt, nicht der vierte Theil des Streites vorgefallen ist, als seit der kurzen Zeit, die Sie hier sind.
– Das kommt daher, weil er das Mittel angewendet hat —
– Das Ihnen meine Frau vorgeschlagen hat.
– Sind Sie ihm deshalb nicht böse?
– O durchaus nicht! Was wäre ohne ihn aus mir wohl geworden? Verdanke ich diesem lieben Wilhelm nicht mein ganzes Glück?
– Nun, dann zittern Sie für dieses Glück.
– Warum?
– Weil Ihre Frau ihn nicht mehr liebt.
– Seit wann?
– Seit sie mich liebt.
– O, da kennen Sie meine liebe Frau schlecht. Sie sind böse mit Wilhelm?
– Ja.
– Wie Sie mir vorhin sagten, trägt Euphrasia die Schuld daran?
– Sie haben Recht.
– Will sie denn mit Wilhelm bleiben, wie sie früher war? O, Sie Thor!
– Das ist recht.
– Sie thaten Unrecht, es zu verweigern.
– Ich hatte es versprochen.
– Wem? Wilhelm?
– Ja.
– Dann kann ich Sie nur beklagen, mein armer Tristan. Aber seien Sie ruhig, ich werde Wilhelm enttäuschen und er wird mir glauben. Zum Teufel, warum wollen Sie uns verlassen?
– Ich muß.
– Nun, so wünsche ich Ihnen so viel Glück, als Sie verdienen.
Die beiden Männer umarmten sich.
– Erlauben Sie, daß ich meine Koffer bis diesen Abend hier lassen kann? fuhr Tristan fort.
– So lange Sie wollen.
– Ich werde jetzt das Haus in Augenschein nehmen, sprach unser Held und schritt der Thür zu.
– Daran thun Sie wohl, sprach Herr Van-Dick, der ihn begleitete.
– Und von dort werde ich zu Herrn Mametin gehen.
– Dann kommen Sie sobald als möglich zurück und sagen mir, was er beschlossen hat.
In diesem Augenblicke öffnete Herr Van-Dick die Thür, welche auf die Straße führte.
– Nehmen Sie noch einmal meinen herzlichsten Dank, mein bester Herr Van-Dick. Tristan drückte noch einmal die Hand seines gastlichen Freundes und stieg die Stufen der Steintreppe hinab.
– Man sage mir ja nicht, daß es dergleichen Ehemänner nicht gäbe, dachte Tristan, indem er sich entfernte. Wie wäre Herr Van-Dick mit einer solchen Frau wohl zu beklagen, wenn er nicht so wäre!
– Man sage mir ja nicht, sprach Herr Van-Dick zu sich selbst, indem er sich an sein Bureau setzte, daß es keine brave Leute mehr giebt! Tristan ist ein braver junger Mann, und er hat Recht, wenn er sein Wort hält, denn für einen Mann, wie er ist, würde meine Frau eine langweilige Geliebte sein.
Ruhig setzte er seine Correspondenz fort.
6
Frei aufathmend, schritt Tristan dem Hause zu, das ihm Herr Van-Dick bezeichnet hatte. Eine alte Frau beaufsichtigte dieses Haus, das der Besitzer mit vollständiger Einrichtung zur Miethe ausbot. Der Preis war sehr mäßig, da es fast auf dem Lande lag. Unserm Tristan gefiel die Wohnung, und da die Alte, welche sie zeigte, von dem Besitzer mit Vollmacht versehen war, so schloß er mit ihr ab, zahlte auf drei Monate den Zins voraus und gab Auftrag, die zurückgelassenen Koffer von Herrn Van-Dick holen zu lassen, wo auch nähere Erkundigungen über ihn einzuziehen seien, wenn es für gut befunden würde. Dann fragte er, ob das Haus, welches gegenüber lag, das des Herrn Mametin sei. Auf die bejahende Antwort der guten Frau schritt Tristan über die Straße und klopfte an dieselbe Thür, an welche zwei Tage zuvor Madame Van-Dick geklopft hatte.
Ein Diener öffnete; er behielt aber die halbgeöffnete Thür in der Hand wie ein Mensch, der antworten will, daß niemand zu Hause sei.
Und in der That, dies war es, was er antwortete, als Tristan fragte:
– Herr Mametin?
– Er ist mit Madame auf dem Lande, fügte der Diener hinzu.
– Wann wird er zurückkehren?
– Wir wissen es nicht.
– Wo ist das Landhaus?
– Eine und eine halbe Meile von hier.
– Trägt man Herrn Mametin die Briefe dorthin?
– Alle zwei Tage.
– Dann werde ich ihm einige Worte schreiben.
Der Diener öffnete die Thür, ließ unsern Freund in den Speisesaal treten und brachte Papier, Feder und Dinte herbei. Tristan ergriff die Feder und begann die erste Zeile zu schreiben. Aber noch hatte er keine vier Worte vollendet, als er einen Papagei fingen hörte:
»Ja, das Gold ist nur Chimäre.«
Der junge Mann zitterte und ward bleich. Er hatte sich nicht getäuscht, es war die Stimme seines Vogels.
Tristan sah sich um, und fürchtend, er habe geträumt, suchte er das ihm bekannte Thier. Es war nicht in dem Speisesaale.
Da sang der Papagei noch einmal und zwar im höchsten Falset:
»Ja, ja, ja, das Gold ist nur Chimäre!«
Tristan folgte der Richtung, welche ihm die Stimme angab, und kam in den Garten, wo er in einem prächtigen Vogelbauer den Papagei erblickte, den er von seiner Mutter erhalten, Louisen hinterlassen und in Mailand wiedergefunden hatte.
Der arme Mensch zitterte am ganzen Körper, denn er war fest überzeugt, daß der Vogel derselbe war; dies bewies aber immer noch nicht, daß er sich bei seiner Frau befand. Konnte er nicht verkauft, verschenkt, oder wohl gar gestohlen sein? Der Diener, welcher diesen ihm unbekannten Mann plötzlich aufstehen, in den Garten laufen und mit dem Papagei sprechen gesehen, glaubte es mit einem Diebe, oder mindestens doch mit einem Verrückten zu thun zu haben; er war daher Tristan gefolgt und harrte, hinter ihm sehend, des Verlaufs dieses Abenteuers. Tristan sah ihn an und wußte nicht, was er ihn fragen sollte.
– Ein schönes Thier, sprach der Domestik, indem er auf den Papagei zeigte, nicht wahr, mein Herr?
– Ja. Wem gehört dieser Vogel?
– Dem Herrn und der Madame Mametin.
– Sind Sie schon lange hier?
– Nein, mein Herr.
– War der Papagei schon in dem Hause, als Sie in den Dienst des Doctors traten?
– Ja.
– Ist Madame Mametin alt?
– O nein. Kennt der Herr sie nicht?
– Nein.
– Madame Mametin ist noch sehr jung.
– Ja, ja, ich erinnere mich, sprach Tristan, der sich von seinem Erstaunen erholte und den Bedienten nicht merken lassen wollte, daß er auf das, wonach er fragte, großes Gewicht legte; ja, sprach er, ich erinnere mich, ist sie nicht brünett?
– Nein, mein Herr, sie ist blond.
– Wissen Sie das genau?
– O sehr genau.
– Nicht stark?
– Ja.
– Mehr klein, als groß?
– Ja.
– Ist die Französin?
– Der Herr kennt sie!
– Und ihr Taufnahme ist?
– Louise.
Tristan zitterte. Er wußte auch weshalb.
– Mein Freund, fuhr Tristan fort, wissen Sie genau, daß Herr und Madame Mametin auf dem Lande sind?
– Ja, mein Herr.
– Und ist der Ort, wo sie sind, nicht weiter, als Sie mir angegeben haben?
– Nein.
– Gut, so werde ich, anstatt zu schreiben, selbst gehen.
Tristan kehrte in den Speisesaal zurück, zerriß den angefangenen Brief, verließ das Haus und trat zu Fuß den Weg an, den ihm der Diener bezeichnet hatte.
Man kann sich leicht denken, mit welchen Empfindungen der arme Tristan seinen Weg verfolgte.
– Was für ein Gesicht soll ich meiner Frau entgegenschneiden, die mich in der andern Welt wähnt, dachte Tristan. Wenigstens muß sie bei dem ersten Anblicke einen nicht unbedeutenden Schrei ausstoßen. Und was wird ihr Mann dazu sagen? Ich frage, was wird ihr Mann dazu sagen, und ich bin der Mann. Ich glaube, ich werde sehr lächerlich aussehen. Soll ich nun als Mann auftreten, der seine Frau sucht, oder soll ich ganz einfach der Einladung des Doctors folgen, und scheinen, als ob ich nichts wüßte?
»Im ersten Falle ist leicht ein Irrthum möglich. Kann Madame Mametin nicht zufällig Louise heißen? Kann sie meinen Papagei nicht zufällig besitzen und doch nicht meine Frau sein? Verhält sich die Sache so, wird Herr Mametin seinen Gärtner, seinen Portier und alle seine Domestiken kommen lassen und ihnen auftragen, mich ganz sanft aus der Thür zu schieben, da ich für die Gastfreundschaft, die er mir bietet, Verwirrung in sein ruhiges Haus bringe. Und doch möchte ich tausend gegen eins wetten, daß Madame Mametin meine Frau ist, denn mir fällt ein, daß mir Herr Van-Dick gesagt, er habe Herrn Mametin in Mailand besucht. Dort habe ich auch meinen Papagei gehört – es ist klar, Louise war in Mailand. Ja, ja, Louise ist meine Frau und keine Macht der Erde soll mich von ihr trennen. Ich werde sehr artig eintreten und sagen, daß ich meine Frau suche. Ich bin doch neugierig, was sie sagen werden. »Mein Gott, was werden sie sagen, fuhr er nach einem Augenblicke der Ueberlegung fort. Da meine Frau in Mailand mich nicht sehen wollte, wird sie es hier noch viel weniger wollen. Ich habe keine Beweise; sie wird mich zur Thür hinauswerfen lassen, wenn sie nachsichtig ist, und mich verhaften lassen, wenn sie es nicht ist. Man wird mir den Prozeß machen, man wird bei dieser Gelegenheit erfahren, daß ich todt bin, man wird mich fragen, mit welchem Rechte ich lebe, und beweise ich, daß ich das Recht habe, lebendig zu sein, wird man entdecken, daß ich Karl getödtet habe und mein Kopf hat die längste Zeit auf seinem Rumpfe gesessen. Meine Frau und ihr Mann werden sich schön ins Fäustchen lachen.
»Je mehr ich darüber nachdenke, sprach Tristan weiter, je mehr entflieht der Zweifel; es ist klar, ich werde Louise dort vorfinden. Herr Mametin ist jedenfalls der Mann, den ich in Mailand in der Loge gesehen habe. Als ich bei Herrn Van-Dick mit ihm sprach, war es mir auch, als ob ich ihn irgendwo gesehen hätte. Aber gut, daß ich daran denke: woher mag wohl diese plötzliche Freundschaft für mich kommen? Sollte Louise meine Anwesenheit in Amsterdam wissen und eine Annäherung wünschen? Sollte sie dieses Mittel erfunden haben? Auf jeden Fall ist es das Beste, nicht mit der Thür in das Haus zu fallen.
Unter diesen Gedanken war unser Held an ein elegantes Gitter gelangt, durch dessen Stäbe man einen reizenden Garten erblickte. Am Ende dieses Gartens erhob sich ein kleines weißes Häuschen, ganz von Weinlaub und Epheu eingehüllt. Merkwürdigerweise glich dieses Haus, wie eine Zwillingsschwester der andern, jenem kleinen Hause, das Tristan einst in Auteuil bewohnt hatte.
Unser Wandersmann zog den Glockenzug. Ein großer Hund schlug an, und der Gärtner öffnete die Pforte.
– Herr Mametin? fragte Tristan.
– Er ist nicht zu Hause; aber Madame ist zu sprechen.
Tristan’s Aufregung verdoppelte sich.
– Will der Herr mit Madame reden? fragte der Gärtner weiter.
– Ja.
– Welchen Namen soll ich melden?
– Madame kennt mich nicht; melden Sie daher ganz einfach einen Herrn, den Herr Mametin hierher beschieden habe.
– Treten Sie gefälligst in den Saal.
Der Gärtner führte den Ankömmling in den Garten und ließ ihn in ein großes, reich ausgestattetes Zimmer des Erdgeschosses eintreten. Das Erste, was unserm Tristan in die Augen fiel, war das Portrait einer Frau.
7
Tristan mochte vielleicht fünf Minuten gewartet haben, als die Thür des Saals sich öffnete und Louise eintrat. Der junge Mann, dem sie in diesem Augenblicke schöner erschien als je, trat ihr einige Schritte entgegen. Das Lächeln, welches seine Lippen umschwebte, schien zu sagen: »Sie erwarteten mich wohl nicht? Nun, da bin ich, kommen Sie in meine Arme.«
Louise, welche sich von dem Gärtner die Person hatte beschreiben lassen, die sie erwartete und außerdem, seit sie auf dem Lande wohnte, jeden Augenblick ihren ersten Mann kommen zu sehen glaubte, war auf diesen Anblick vorbereitet, denn ihre Ahnung und die ungewöhnliche Anmeldung des Fremden hatte ihr den Namen desselben gemeint.
Als sie die Thür öffnete und ihren Mann erblickte, ward sie bleich wie der Tod; die junge Frau aber unterdrückte ihre Bewegung und sprach ernst und ruhig zu Tristan:
– Sie wünschen meinen Mann zu sprechen, mein Herr?
Wie vom Blitze getroffen stand Tristan da. Er glaubte die Beute eines Traumes zu sein, fuhr mit der Hand über seine Stirn und sah Louise mit starren Augen an; er fand aber dasselbe liebliche Gesicht, denselben lächelnden Mund, der diese sonderbare Frage an ihn gerichtet hatte.
– Ja, Madame, antwortete er, um zu sehen, wie weit sie den Scherz treiben würde.
– Er ist nicht zu Hause, mein Herr.
– Der Gärtner hat es mir bereits gesagt.
– Er wird auch sobald nicht zurückkehren, sprach Louise, die, weil sie selbst sich nicht setzte, auch Tristan keinen Platz anbot, die Hoffnung zu hegen schien, daß der Besuch ohne weitere Erklärung sich wieder entfernen würde.
– Das ist ärgerlich, entgegnete Tristan, denn ich habe über wichtige Sachen mit Herrn Mametin zu reden, fügte er betonend hinzu.
– So setzen Sie sich, mein Herr, vielleicht kommt er früher zurück, als ich denke.
Bei diesen Worten zeigte Louise auf einen Stuhl, wendete dann den Rücken dem Fenster zu, damit sie den Schatten im Gesicht hatte, und nahm ihrem Manne gegenüber Platz wie eine Frau, welche sich anschickt, so artig als möglich auf das zu hören, was ein Besuch, den sie nicht ablehnen konnte, sagen wird.
– Madame, sprach Tristan, man sagt, daß Herr Mametin. Sie über Alles liebt?
– Das ist wahr, mein Herr.
– Diese Frage, von einem Fremden ausgesprochen, muß Ihnen höchst seltsam erscheinen; aber so fremd ich Ihnen auch sein mag, vielleicht habe ich das Recht, diese Frage an Sie zu richten.
Louise antwortete nicht.
– Man sagt ferner, fuhr Tristan fort, daß Herr Mametin nichts unternimmt, ohne Sie zu Rathe gezogen zu haben?
– Herr Mametin ist ein Ehemann, wie man ihn nicht oft findet, ein Ehemann, mein Herr, der alles vermeidet, um mir auch nur eine Minute Langeweile zu verursachen, von Kummer kann demnach die Rede gar nicht sein.
– Folglich wird Ihnen Herr Mametin auch das mitgetheilt haben, was er so gütig war, mir anzutragen?
– Das hat er; ich muß selbst hinzufügen, daß er es auf meine Veranlassung gethan.
– Ist es möglich!
– Ja, mein Herr.
– Und wem habe ich dieses Glück zu danken?
– Nur dem Zufalle, mein Herr, denn nur der Zufall allein hat alles gefügt.
– Der Zufall?
– Ja, denn der Zufall hat gewollt, daß Ihr Name derselbe ist, den eine Person führte, die mir unendlicht heuer war.
– Und ist sie Ihnen jetzt nicht mehr theuer? fragte Tristan, dem bei jedem Worte, das Louise sprach, das Herz immer lauter klopfte.
– Nein, mein Herr! antwortete sie fest.
– Seit wie lange?
– Seit sechs Monaten.
– Und wie kam es, daß diese Person das Mißfallen einer so guten und liebenswürdigen Dame erregte?
– Weil er eine andere Frau liebte.
– So war es also Ihr —
– Es war mein erster Mann, mein Herr. Louise antwortete mit einer so großen Ruhe, daß es Augenblicke gab, wo Tristan zu träumen wähnte.
– Und Sie haben ihn geliebt? fuhr er fort.
– Wie keinen andern.
– Was ist aus diesem ersten Manne geworden?
– Seit meiner Wiederverheirathung ist er todt.
– Und wenn er es nicht wäre?
– Das ist unmöglich!
– Wenn es aber dennoch so wäre?
– Dann, antwortete Louise, würde ich mich damit nicht begnügen, ihn zu vergessen, ich würde ihn verachten.
– Und warum?
– Kann ein Mann, der eine Frau, die er zu lieben vorgiebt, in einer solchen Lage verläßt, worin mich mein Mann gelassen hat, der lebt und sich weder um das Glück, um die Liebe, noch um das Leben derselben kümmert, kann ein solcher Mann von dieser Frau etwas anderes als Haß und Verachtung erwarten? Und wenn die Umstände es fügten, daß er für todt gehalten wurde, wenn der Zufall ihn seiner Frau entgegenführt, die, da sie Witwe zu sein glaubte, sich wieder verheirathete, nicht aus Liebe, sondern aus Nothwendigkeit; wenn er selbst dem Manne dieser Frau eine Stellung verdankt, muß er die Vergangenheit derselben nicht vergessen, da ein einziges Wort sie verderben, ein einziges Zeichen die compromittieren kann? Das, mein Herr, ist die Pflicht eines Mannes, der sich in einer solchen Lage befindet, wenn ihm sonst noch einiges Zartgefühl im Herzen geblieben ist, das, mein Herr, ich bin davon überzeugt, würden Sie als ein Mann von Ehre ebenfalls thun, wenn Sie sich an der Stelle dieses Mannes befänden.
– Es ist wahr, Madame, antwortete Tristan, der das Schwierige seiner Lage und die Wahrheit von Louises Worten einsah, es ist wahr; wenn aber dieser Mann nicht so strafbar ist, als Sie glauben, wenn die Umstände allein ihn zwangen, sich zu entfernen und sich für todt halten Zu lassen, wenn eine Wunde ihn von seiner Frau fern hielt und es ihm unmöglich machte, auszugehen, sie folglich nicht sehen konnte – würde dieser Mann immer noch Haß und Verachtung verdienen?
– Wenn man nicht gehen kann, kann man schreiben.
– Wenn man nun geschrieben hat, und der Brief trotz aller Bemühungen, nicht an seine Adresse zu befördern gewesen, da diese selbst spurlos verschwunden war?
– So hätte er selbst Nachforschungen anstellen sollen.
– Wenn er aber eines Verbrechens wegen, an dem er unschuldig war, sich der Gefahr aussetzte, verhaftet zu werden?
– Ohne zu berücksichtigen, daß seine Rechtfertigung nicht ausbleiben konnte, hätte die Frau wohl verdient, daß er sich einer Verhaftung aussetzte. Ich würde ihm indeß immer noch verziehen haben, wenn er, anstatt mit einer Geliebten zu entfliehen, allein entflohen wäre, und wenn man, bei Ermittelung des Grundes seiner Flucht, neben der Gefahr, die er vor schützte, nicht auch eine neue Liebe bei ihm entdeckt hätte.
Tristan wußte nichts mehr zu antworten, bestürzt saß er da.
– Aber, Madame, fuhr er plötzlich fort, indem er eine Idee auffaßte, die ihm einen sichern Weg zu bahnen schien, warum hat Sie Ihr Mann verlassen?
– Um sich zu tödten.
– Und aus welchem Grunde wollte er sich tödten?
– Weil ich die Freiheit, die ich durch seinen Tod erlangte, zu einer zweiten Heirath benützen sollte, da diese mich vielleicht glücklicher, als die erste machte.
– Nun, Madame, mir scheint, daß diese Denkungsart denn doch etwas mehr werth wäre, als Haß und Verachtung.
– Aber der Tod war nicht am rechten Orte, und das Schweigen kann nicht entschuldigt werden.
– O, im Gegentheil, es kann nur zu gut entschuldigt werden.
– Und wie, mein Herr?
– Dieser Versuch, sich selbst zu tödten, hat ihn nicht reicher gemacht, er konnte Sie darum nicht wieder aufsuchen. Und nehmen wir an, er hätte Sie wieder gesehen, wäre nicht das wahrscheinliche Gefängniß ein weit größeres Elend für Sie und ihn gewesen, als das, was er durch den Selbstmord beseitigen wollte? Deshalb sprach der Mann bei sich selbst: »Indem ich mein Leben geheim halte, vollbringe ich das Opfer, das ich durch meinen Tod beabsichtigte. Louise wird mich vergessen, und gewiß wird sie früher oder später das Glück finden, das ich ihr nicht schaffen konnte.« Das sagte er, Madame, und deshalb verachten Sie ihn?
– Wenn das, was Sie mir sagen, mein Herr, die Gedanken meines Mannes sind – und ich glaube es – so wird er gewiß sehr glücklich sein, wenn er, indem er mich wiederfindet, sieht, daß seine Wünsche erfüllt sind. Ich habe ihn vergessen und den achtbaren Mann gefunden, dessen Fürsorge er mein Leben anzuvertrauen gedachte. Nehmen Sie meinen innigen Dank für das, was Sie mir gesagt, denn sollte ich ihn vielleicht wiedersehen, so werde ich meinem Unwillen Schweigen gebieten und ihm mit den Worten die Hand reichen: »ich danke Ihnen!«
Tristan war mit seinen eigenen Waffen geschlagen. Es war unmöglich, eine unverschämtere Ruhe zu erheucheln, als Louise erheuchelte.
– Sie haben Recht, Madame, immer Recht, antwortete Tristan, indem er sich erschöpft auf einen Stuhl zurückwarf; Sie gebrauchen auf eine grausame Art Ihren Vortheil. So sind Sie also unbarmherzig?
– Nicht ich, Gott ist es, der alles so gefügt.
– Und Sie lieben Herrn Mametin?
– Wie eine Tochter ihren Vater liebt.
– Ist er nie Ihr Gatte gewesen?
Nur dem Namen nach, das schwöre ich bei meiner Mutter!
– Dann muß man ihm alles bekennen.
– Nie werde ich diesem Greise, der vielleicht noch zwei oder drei Jahre zu leben hat, seinen letzten Trost, seine letzte Lebensfreude entziehen. Vergleichen Sie die beiden Männer, und Sie werden finden, daß das, was Sie mir vorschlagen, eine Schändlichkeit ist.
– Aber was gedenken Sie zu thun? Wollen Sie denn, daß ich jetzt, wo ich Sie wiedergefunden, Sie, die ich noch immer liebe, wollen Sie denn, daß ich fern von Ihnen lebe? Das ist unmöglich!
– Und doch muß es sein.
– Wenn ich aber nicht einwillige?
– So gehen wir.
– und wenn ich das Gesetz zu Hilfe rufe?
– So werden Sie mich und sich selbst entehren, das ist alles. Kein Tribunal wird das, was wir aussagen würden, glauben. Sie sind noch jung, mein Freund, auch ich. Die Zukunft kann die traurige Vergangenheit uns vergessen machen, doch wünsche ich es nicht, denn ich müßte in derselben Zeit auch den Tod eines Mannes wünschen, den ich liebe und verehre.
– Was soll ich denn nun beginnen?
– Was Sie wollen. Sie finden Geschmack am Reisen – reisen Sie.
– Sie können scherzen, Louise, in einem solchen Augenblicke!
– Nun, so bleiben Sie bei uns, wenn Sie das lieber wollen. Betrachten Sie Herrn Mametin als einen Vater, der Sie lieben wird, und mich als eine treu ergebene Freundin; für das Uebrige lassen Sie Gott sorgen. Tragen Sie nicht selbst die Schuld, daß alles so kommen mußte?
– Es ist wahr, sprach Tristan mit gesenktem Haupte; werden Sie mir verzeihen?
– Ich verzeihe Ihnen, antwortete Louise, und werde Sie auch vielleicht – wieder lieben.
In diesem Augenblicke ertönte die Glocke am Gitterthor. Louise deutete Tristan an, sich zu setzen; sie selbst nahm dieselbe Stellung wieder ein wie bei dem Beginnen dieser Unterhaltung.
Einige Augenblicke später meldete ein Diener die Rückkunft des Herrn Mametin.
– Bitten Sie ihn, sprach Louise zu dem Diener, daß er in den Saal komme, Herr Tristan und ich, wir erwarteten ihn. Louise stand auf und legte ihre Hand an Tristan’s Lippen. Der junge Mann küßte diese Hand, wie an jenem Tage, als das junge Mädchen sie ihm zum ersten Male reichte.
Eine Minute später öffnete Herr Mametin die Thür des Saales. Tristan, der so bewegt war, daß er sich kaum zu fassen vermochte, stand auf; Louise eilte dem Greise entgegen und bot ihm ihre Stirn, auf welche er einen Kuß drückte.
8
Die beiden Fenster
Die Unterredung, welche Tristan mit Herrn Mametin hatte, ist für den Leser ohne Interesse, deshalb übergehen wir sie mit Stillschweigen; wir berichten nur, daß Ersterer jeden Augenblick närrisch zu werden glaubte, und daß er alles annahm, was sein neuer Schützer ihm anbot, ohne recht zu wissen, was er annahm.
Louise hatte die beiden Männer allein gelassen. Ihre Gegenwart war nicht allein unnütz, sie konnte selbst peinlich für sie werden.
Tristan that, als ob er seine Frau nicht wiedergefunden hatte, und so erfuhr er denn aus dem Gespräche, daß Herr Mametin Louise anbetete. Der Doctor war natürlich vertraulicher, als bei der ersten Unterredung mit Tristan, so daß er ihm erzählte, wie er Louise kennen gelernt. Tristan hatte sogar das Glück, eine Lobrede auf Louise’s ersten Mann zu hören, der, wie Herr Mametin meinte, sich einer so edlen Sache wegen getödtet hatte, und Gott müsse ihm schon, der Absicht wegen, diesen Selbstmord verzeihen.
Der Doctor lud unsern Tristan ein, mit ihm und Louise zu essen; dieser aber, wie man wohl denken kann, lehnte es höflich ab, indem er den Wechsel seiner Wohnung vorwandte. Er nahm also Abschied von dem Doctor und entfernte sich. Als unser Held im Freien war, athmete er hoch auf.
Der Luxus, welcher Louise umgab, ließ sie jetzt in Tristan’s Augen natürlich schöner erscheinen, als früher, und außerdem war auch die Frau, welche er wiederfand, wirklich nicht dieselbe, die er verlassen hatte. Es ist wahr, Tristan hatte Louise stets geliebt; das gemeinschaftliche Leben aber, und vorzüglich das Elend, hatte dieser Liebe den schönsten Reiz geraubt. Gezwungen, den geliebten Gegenstand jeden Tag, jede Stunde, jede Minute selbst zu sehen, hatte sich das Herz daran gewöhnt, die Sache, welche stets zu einer Verfügung stand, nicht mehr als einen Schatz zu betrachten; jetzt aber, da er sie nur als eine Freundin betrachten durfte, hegte er dieselbe Liebe wieder für sie als in jener Stunde, wo er bei der Mutter um ihre Hand warb, und wenn wir hinzufügen, daß er sie noch mehr liebte, glauben wir nicht zuviel gesagt zu haben. Tristan wählte das Zimmer, dessen Fenster nach der Straße hinausgingen und denen von Louise’s Zimmer gegenüber lagen, zu einem Schlafgemache.
Louise und Herr Mametin waren zur Stadt zurückgekehrt, denn Louise hatte es gewollt. Ungeachtet der dringenden Bitte des Doctors, in seinem Hause ein Zimmer zu bewohnen, blieb Tristan dennoch in dem seinigen, das er sich sorgfältig und mit vielem Geschmack eingerichtet hatte.
Jeden Tag aber besuchte der junge Mann den Doctor, der ihm vom ersten Augenblicke an sehr gewogen war und der Vorsehung dankte, ihm einen so liebenswürdigen Gesellschafter gesendet zu haben. Beide plauderten dann zusammen, oder gingen aus, um arme Kranke zu pflegen und zu heilen.
Der offene, ehrliche Charakter des Greises hatte unsern Helden bald so gefesselt, daß er ihm mit kindlicher Liebe zugethan war. Die Rolle, welche ihm Louise zugetheilt, fiel ihm nicht mehr schwer, er spielte sie sogar mit einer gewissen. Hingebung, die ihn glücklich machte.
Oft ging Herr Mametin nach dem Mittagessen aus, und Tristan blieb dann mit Louise allein; oder, war Herr Mametin ermüdet, so blieb er zu Hause und bat Tristan, seiner Frau den Arm zu reichen und sie spazieren zu führen. Seitdem der Doctor Louise kannte, hatte sie stets einen so reinen Lebenswandel geführt, daß er sie, ohne den geringsten Argwohn, dem Don Juan selbst anvertraut haben würde.
Die beiden Gatten, die beiden Freunde, die beiden Liebenden, oder wie man sie nennen will, gingen dann Arm in Arm eine Stunde lang in den Feldern spazieren und kehrten fröhlich nach Hause zurück, wo Herr Mametin sie lächelnd empfing. Dem jungen Manne reichte er die Hand und seiner Frau küßte er die Stirn.
Gegen zehn Uhr trennte man sich. Louise ging in ihr Schlafzimmer und der Doctor in das einige. Tristan verfügte sich in ein kleines Haus.
Nie zündete er eine Lampe oder ein Licht an; er setzte sich an das Fenster und betrachtete die hehre Majestät der Nacht, welche still und klar über dem Felde ausgebreitet lag. Von Zeit zu Zeit ertönte durch das nächtliche Schweigen eine liebliche Stimme, welche die Gedanken des Träumers harmonisch einwiegte. Verstummte die Stimme, so erschien an dem Fenster, auf welches Tristan fast immer die Augen gerichtet hatte, ein weißer Schatten. Dieser Schatten brachte seine Hand den Lippen näher, sandte schweigend einen Kuß seinem Nachbar zu und schloß das Fenster. Dann flimmerte hinter dem geschlossenen Fenstervorhange noch kurze Zeit ein Licht und Tristan, mit Augen und Seele dem Scheine dieses Lichtes folgend, das sein Stern geworden war, schloß nur dann erst sein Fenster, wenn das Louise’s in Dunkelheit zurücksank. Hieraus zog er den Schluß, daß seine Frau sich zur Ruhe begeben hatte und vielleicht von ihm träumte.
9
So waren fast drei Wochen verflossen, als Tristan eines Morgens Wilhelm zu sich in das Zimmer treten sah.
Der Handlungsdiener war bleich, ein Beweis, daß ihn ein drückendes Gefühl peinigte. Kaum war er in das Zimmer seines Nebenbuhlers getreten, als er den Kopf hängen ließ und Anstand nahm, Tristan die Hand zu reichen, denn er wußte nicht, ob dieser sie annehmen oder ausschlagen würde.
Tristan sah, was dem armen Menschen fehlte, und da auch er einer gewissen Bewegung nicht widerstehen konnte, ging er dem Commis mit offenen Armen entgegen.
Nun erfolgte eine Umarmung, in der Wilhelm unsern Tristan fast erdrücken wollte.
– Ei, ei, rief Tristan, sind Sie denn gekommen, um mich zu morden?
– Ach, mein bester Freund, rief Wilhelm, indem er ihm die Hand reichte, haben Sie mir verziehen?
– Ich bin Ihnen niemals böse gewesen.
– Wäre es möglich?
– Ich schwöre es Ihnen.
– Ach, ich war sehr ungerecht.
– Sagen Sie lieber sehr verliebt, mein armer Freund. Sie sind es doch nicht mehr, da Sie kommen, und mir die Hand reichen?
– Ich weiß alles.
– Wer hat es Ihnen erzählt?
– Herr Van-Dick.
– Mit allen Nebenumständen?
– Ja.
– Welch ein sonderbarer Mann!
– Nun, mein bester Tristan, was habe ich Ihnen gesagt? Habe ich nicht vorausgesehen, daß Euphrasia Sie lieben würde?
– Sie beurtheilen die Dame vielleicht ein wenig zu streng, antwortete Tristan, der sah, daß Wilhelm sehr betrübt war und ihn nicht ganz zu Boden schmettern wollte.
– O, jetzt ist alles vorbei! Ich kenne auch Ihr schönes Benehmen bei dieser ganzen Sache. Was haben Sie mit meinem Briefe gemacht?
– Ich habe ihn zerrissen.
– Danke, danke, mein edler Freund! Ein lauter Seufzer entstieg der gepreßten Brust des armen Wilhelm.
– Nein, nein, fuhr er fort, indem er mit Thränen in den Augen in dem Zimmer auf- und abschritt, nein, sprach er, als ob er einer innern Stimme antwortete, ich werde ihr nicht verzeihen, sie hat mich zu einer Schlechtigkeit verleitet. Und ich konnte an Ihnen zweifeln! Der Handlungsbeflissene, der einen Augenblick seine Thränen zurückgehalten hatte, überließ sich nun ganz seinem Schmerze; er warf sich auf Tristan’s Bett, bedeckte das Gesicht mit seinem Schnupftuche und begann laut zu weinen.
– Wilhelm, rief Tristan, indem er sich dem armen Menschen näherte, weinen. Sie doch nicht so! Sie thun mir weh, denn Ihr Schmerz ist meine Anklage.
Wilhelm richtete einen Kopf empor und trocknete sich die Augen.
– Ich muß Ihnen wohl sehr lächerlich erscheinen, sprach er; aber wenn man leidet, ist es eine Wohlthat, den so lange zurückgehaltenen Thränen freien Lauf zu lassen. Doch jetzt ist alles vorbei, fuhr er fort, indem er ein wenig Ruhe zu gewinnen suchte; mein Herz war voll Thränen, jetzt ist es ausgeleert, ich bin getröstet. Verzeihen Sie mir, daß ich Sie zum Zeugen meines törichten Schmerzes machte.
– dessen Ursache ich wahrscheinlich bin. Wilhelm drückte die Hand seines Freundes.
– Nun, sprach Tristan, indem er sich neben ihn setzte, erzählen Sie mir alles, was vorgefallen ist. Wann sind Sie zurückgekehrt?
– Gestern Abend erst.
– Was thaten Sie, als Sie ankamen?
– Sie wissen, welch einen ungerechten Groll ich gegen Sie hatte, Euphrasia’s Briefe schienen mir nicht alles zu enthalten, deshalb bat ich sie für denselben Abend um eine Zusammenkunft, um eine mündliche nähere Erklärung von ihr zu erhalten.
– Wie benahm sich Herr Van-Dick gegen Sie?
– Er umarmte mich mit lächelndem Gesicht.
– Fahren Sie fort, sprach Tristan.
– Euphrasia bewilligte mir diese Zusammenkunft, und Sie können wohl denken, daß ich nicht lange auf mich warten ließ, da ich diese Frau, die ich seit einem Monate nicht gesehen, zärtlich liebte. Um Mitternacht also stieg ich in ihr Zimmer. Die Treulose empfing mich, wie sie stets gethan, mit Schwüren ewiger Liebe und Treue, und dies befestigte meinen Glauben an die Schändlichkeiten, die sie Ihnen in ihren Briefen aufgebürdet hatte. Mein Haß wuchs mit der Liebe zu dieser Frau und nach einer selig durchwachten Nacht, leider die letzte dieser Gattung, hatte ich nur einen Gedanken, nämlich den, Sie aufzusuchen und mich mit Ihnen zu schlagen.
– O Sie Thor!
– Ja, ein großer Thor! Aber wozu ist nicht ein Kopf fähig, den die Einflüsterungen einer Frau, die man liebt, verdreht hat. Da ich nun zwar wußte, daß Sie das Haus verlassen hatten, aber nicht Ihre neue Wohnung, so ging ich zu Herrn Van-Dick und fragte ihn um Ihre Adresse. Dieser sagte mir nun, daß Sie ihn beauftragt hätten, Ihre Rechtfertigung bei mir zu übernehmen, und dann erzählte er mir Ihre Streitigkeiten mit Euphrasia und die Gründe derselben. Ich war wie versteinert, als Herr Van-Dick seine Erzählung geendet hatte; aber kaum hatte ich mich erholt, als ich zu Ihnen eilte, um Sie um Verzeihung zu bitten, und Sie zum Zeugen meines zwar lächerlichen, aber unbesiegbaren Schmerzes zu machen.
– Armer Freund, ich bin untröstlich, daß Ihnen Herr Van-Dick dieses alles erzählt hat. Es wäre mir lieber gewesen, Sie hätten mir einen Degenstich gegeben, als daß ich Sie so unglücklich sehen muß.
– O, ich werde diese unglückselige Leidenschaft schon zu verbannen wissen, antwortete Wilhelm, indem ihm eine große Thräne über die Wange rollte; diese Frau lebt für mich nicht mehr.
– Das wird nicht möglich sein, wenn Sie bei Herrn Van-Dick ferner bleiben.
– Ich bleibe nicht bei ihm, denn ich würde zu viel leiden müssen.
– Was wollen Sie beginnen?
– Ich weiß es nicht.
– Verzeihen Sie mir die Frage, mein bester Wilhelm: haben Sie schon einen andern Platz?
– Das nicht; aber ich besitze eine kleine Rente, von der ich leben kann.
– Mein armer Freund, wollen Sie bei mir wohnen?
– Bei Ihnen?
– Ja.
– Ach, Herr Tristan, dieses Glück würde mich toll machen!
– Und mir ein großes Vergnügen.
– Doch nein; ich würde Ihnen nur lästig werden.
– Durchaus nicht.
– Wenn Sie nun Besuch empfingen?
– Ich empfange keinen.
– Durchaus keinen? fragte der schmerzlich betrübte Wilhelm in einem ironischen Tone.
– Ich schwöre es.
– Nun, dann bin ich bereit. Wie viel Miethzins zahlen Sie?
– Warum?
– Weil ich die Hälfte davon tragen will.
– Sie sind ein Thor.
– Dann trete ich wieder zurück.
– Wir werden später davon sprechen.
– Nein, jetzt gleich.
– Sie wollen es durchaus?
– Ja.
Tristan nannte nun den Preis des Hauses und Wilhelm gab sich nicht eher zufrieden, als bis er seinem Freunde die Hälfte der Summe eingehändigt, welche dieser vorausbezahlt hatte.
– Und jetzt, begann Wilhelm wieder, werde ich meine Koffer packen.
– Haben Sie mit Madame Van-Dick gesprochen?
– Nein; Sie würden mir einen großen Dienst leisten, wenn Sie mich begleiteten, denn nur so würde ich eine Erklärung vermeiden, die ich vielleicht nicht den Muth hätte, ihr zu verweigern.
– Ich stehe zu diesem Dienste bereit, bester Freund. Arm in Arm, und einer den andern tröstend, verließen die beiden jungen Leute das kleine Haus. Herr Van-Dick empfing sie mit offenen Armen. Wilhelm ging in sein Zimmer und Tristan blieb bei Herrn Van-Dick zurück.
– Nun, sprach der Kaufmann, sind Sie versöhnt?
– Ja, mein bester Herr Van-Dick.
– Habe ich Ihren Auftrag gut besorgt?
– Vortrefflich!
– Wie es scheint, fuhr der Kaufmann in einem vertraulichen Tone fort, hat sich hier neuerdings ein Bruch ergeben.
– Ich fürchte.
– Euphrasia sagte mir, daß sie eine Reise unternehmen wolle.
– Reisen Sie mit ihr?
– Nein, sie reist allein. Sie will nach Frankreich zu jener Cousine Emilie, von der sie neulich sprach.
– Bald?
– Ich glaube.
– Um so besser! sprach Tristan, dem unwillkührlich diese Worte entschlüpfen.
– Das habe auch ich gesagt. Doch nun helfen Sie dem armen Wilhelm, denn ich fürchte, daß er sich in eine Erklärung einläßt. Jedenfalls verlassen Sie das Haus nicht, ohne Abschied von mir zu nehmen.
Tristan fand Wilhelm in seinem Zimmer – allein.
– Sie hat mir sagen lassen, ich solle zu ihr kommen, sprach der Commis.
– Werden Sie gehen?
– Ich weiß es nicht.
– Wie, Sie schwanken?
– Nein, ich werde nicht gehen.
– Haben Sie Ihre Koffer gepackt?
– Ich habe sie nur noch zu verschließen. So, jetzt bin ich fertig.
Wilhelm ging zu Herrn Van-Dick, um Abschied von ihm zu nehmen.
– Ich bin wirklich glücklich mit Ihnen gewesen, sprach der Kaufmann, und ich fürchte, mein bester Wilhelm, daß Ihr Nachfolger nicht das sein wird, was Sie mir waren.
Wilhelm stieß einen Seufzer aus.
– Leben Sie wohl, mein bester Herr Van-Dick, sprach er hastig, denn er fühlte, daß die Rührung ihn übermannte.
Wilhelm und Tristan reichten jeder dem Herrn Van-Dick eine Hand, welche dieser freundschaftlich drückte. Dann entfernten sie sich.
– Mein bester Wilhelm, sprach Tristan, jetzt, da wir bestimmt sind, mit einander zu leben, muß ich Ihnen etwas mittheilen.
– Und was?
– Eine Veränderung, die sich für mich vorbereitet.
– Wahrhaftig? Ist diese Veränderung eine glückliche?
– Ja.
– Erzählen Sie.
– Kann ich auf Ihre Discretion bauen?
– Wenn es nöthig ist, ja!
– Es ist ein großes Geheimniß.
– Ziehen Sie es vor, zu schweigen?
– Nein; früher oder später würden Sie doch etwas bemerken, und ich will lieber, daß Sie es von mir, als von dem Zufalle erfahren. Sind wir in unserm Zimmer, werde ich es Ihnen erzählen.
In dem Augenblicke, als die beiden Männer die Schwelle ihres Hauses überschreiten wollten, kam der Diener des Herrn Mametin und berührte Tristan’s Achsel. Er schien sehr bewegt zu sein.
– Ach, mein Herr, sprach er, kommen Sie doch sogleich zu uns.
– Was giebt es?
– Madame verlangt nach Ihnen.
– Was ist denn geschehen?
– Herr Mametin ist unwohl, deshalb gab mir Madame den Auftrag, Sie zu suchen; ich hatte Angst, Sie nicht zu Hause zu finden.
– Ich kehre bald zurück, sprach er zu Wilhelm; erwarten Sie mich. Mit einem Sprunge war er in dem Hause des Doctors.
In dem Vorzimmer traf er Louise. Sie war bleich und zitterte.
– Um des Himmels willen, rief Sie, eilen Sie, retten Sie ihn!
– Ohne Sorgen, antwortete Tristan, ich werde ihn retten. Louise und Tristan reichten sich die Hand, und nur sie allein konnten die edlen und würdigen Gedanken verstehen, welche sie in diesem Augenblicke hegten. Die junge Frau kehrte in ihr Zimmer zurück. Tristan eilte in das Zimmer des Herrn Mametin, wo man ihn bewußtlos auf sein Bett gelegt hatte.
10
Es war Zeit. Tristan ließ Herrn Mametin zur Ader, worauf er einige Minuten später die Augen wieder aufschlug.
– Dank! war das erste Wort des Greises.
– Wo ist Louise? war das zweite.
– Madame hat sich in ihr Zimmer zurückgezogen. Als ich ankam, schien sie mir so ergriffen, daß Sie den Anblick Ihrer Ohnmacht nicht hätte ertragen können.
– Das liebe Kind! sprach der Doctor.
– Jetzt kann ich ihr wohl sagen lassen, daß sie komme?
Wollten Sie es ihr selbst sagen; ich habe mit ihr zu reden.
– Ich fürchte, daß es Sie zu sehr anstrengt.
– Ich werde mich in Acht nehmen; aber ich muß sie durchaus sprechen. Als Tristan in Louise’s Zimmer trat, fand er sie betend auf den Knien.
– Nun? fragte sie den jungen Mann.
– Es wird keine Folgen haben.
– Habe Dank, mein Gott, rief Louise, Du hast mich erhört!
– Sie sind ein Engel! sprach Tristan, indem er seiner Frau die Hand reichte.
– Sie verzeihen mir dieses Gebet, nicht wahr? antwortete Louise, Gott würde mir ja verziehen haben, wenn ich vielleicht vorhin einen Gedanken gehegt hätte.
– Herr Mametin fragt nach Ihnen; lassen Sie ihn nicht zu viel reden, die Anstrengung könnte ihm schaden. Louise ging nach dem Zimmer des Doctors. Als der Greis sie eintreten sah, lächelte er ihr mit Augen und Mund entgegen.
– Wie geht es Ihnen, mein Freund? fragte Louise.
– Gut, mein Kind; schließe doch die Fenster, ich bedarf der frischen Luft nicht, und dann höre mich an. Louise setzte sich neben das Bett.
– Erinnerst Du Dich, mein Kind, begann Herr Mametin, daß ich Dir einst gesagt, ich habe, ohne es zu wollen, eine schlechte Handlung in meinem Leben vollbracht? Es würde ein großes Unglück für mich sein, wenn ich aus dieser Welt scheiden müßte, ohne sie gut gemacht zu haben. Der Zufall von diesem Morgen ist ein Fingerzeig des Himmels, daß ich nicht lange mehr zu leben habe, und ich habe Dich rufen lassen, damit Du statt meiner in diesem Falle handeln könntest, wenn mich der Tod vielleicht daran hindern sollte.
– Warum diese Furcht, mein würdiger Freund? Sie sind ja gerettet.
– Ich fürchte nicht, mein Kind, ich berechne. Höre mich an. Ich habe nie von dem gesprochen, was ich Dir jetzt sagen will, und was auch immerhin geschehe, schwöre mir, das zu thun, was ich von Dir verlange, ohne irgend einer Person etwas davon zu sagen.
– Ich schwöre es Ihnen, sprach Louise.
– Nimm diesen Schlüssel, fuhr der Greis fort, indem er Louise einen kleinen Schlüssel reichte, den er aus seiner Tasche gezogen hatte; nimm ihn und öffne jenen Secretair.
Louise gehorchte.
– Es ist geschehen, sprach sie, als sie geöffnet hatte.
– Suche in dem mittelsten Fache. Du findest zwei Briefe darin, nicht wahr?
– Ja.
– Nimm sie; der eine ist für Dich, sprach der Greis, darum behalte ihn, er enthält meinen letzten Willen. Der andere ist für jemand, den Du nicht kennst, den Du aber in spätestens zwei Tagen kennen lernen wirst; behalte auch diesen Brief, diesen Abend oder morgen, wenn ich anders einer Nachricht glauben kann, wird sich hier ein Mann einstellen. In meinem Alter muß man nie sicher auf den nächsten Morgen bauen. Stellt sich nun der Mann ein, und ich sollte nicht mehr leben, mein Kind, so gieb ihm diesen Brief, und Du wirst als dann erfahren, wer er ist. Lebe ich noch, so führst Du ihn zu mir, ohne ihm etwas zu sagen, und die Erklärung, welche ich ihm geben muß, wird in Deiner Gegenwart stattfinden.
– Doch warum dieses Geheimnißvolle, womit Sie sich umgeben, mein bester Freund? Kann Ihr Leben, denn eine Handlung enthalten, die so ungerecht wäre? Was Sie auch immerhin gethan haben, müssen Sie es mir, Ihrer besten Freundin, verbergen?
– Mein Kind, antwortete der Greis, ich bedarf dieses Geheimnißvollen, womit ich mich umgebe. Die Person, welche ich erwarte, habe ich nie gesehen; ich weiß, wer sie ist, aber ich weiß nicht, wie sie ist. Das, was ich für diese Person zu thun gedenke, hängt von dem bisher geführten Lebenswandel derselben ab. Ist er untadelhaft, wie ich hoffe, so wirst Du die Freundin derselben und wirst sie lieben, denn sie wird dessen bedürfen, daß sie geliebt werde; finde ich aber nicht, was ich erwarte, so wird sie nie erfahren, was ich ihr mitzutheilen habe, und in diesem Falle will ich auch nicht, daß Du es wissest, weil Dein gutes Herz mich vielleicht zu etwas bewegen würde, wozu ich mich dann nicht mehr verpflichtet erachte.
– Dieser geheimnißvolle Fremde wird aber in dem Falle, wo Sie selbst nicht mit ihm reden können, durch den Brief, den ich ihm überreiche, erfahren, was Sie mir nicht sagen wollen.
– Weil der Tod, der keine Reue mehr gestattet, das vollbringen muß, was« das Leben unterlassen hat; weil meine Religion mir gebietet, eher das Gute als das Böse zu glauben, da ich im Tode nicht wissen kann, ob dieser Mensch gut oder böse ist, und weil mir Gott meinen Zweifel nicht verzeihen würde.
– Das ist wahr, antwortete die junge Frau; ich werde Ihnen hierin gehorchen, wie ich Ihnen in allem gehorche. Haben Sie mir noch andere Befehle zu ertheilen?
– Befehle, mein Kind! Bist Du nicht die Gebieterin, bin ich nicht Dein Sclave? Umarme mich und schicke mir Tristan.
Einige Augenblicke später fand Tristan an dem Bette des Greises.
– Nun, Doctor, fragte Herr Mametin lächelnd, was ordonnieren Sie mir jetzt? Ruhe, nicht wahr?
– Ganz gewiß.
– Dann bitte ich Sie, zu Louise zu gehen und dafür zu sorgen, daß sich das arme Kind nicht zu sehr langweilt. Ich will zu schlafen versuchen.
– Erlauben Sie, daß ich Madame Mametin einen meiner besten Freunde, der bei mir wohnt, vorstelle? Es ist Wilhelm, den Sie kennen.
– Er wohnt bei Ihnen?
– Ja.
Tristan erzählte nun dem Doctor mit wenig Worten die Geschichte von Wilhelm und Euphrasia.
– Gewiß, stellen Sie ihr diesen armen Menschen vor.
– Nun ruhen Sie, lieber Doctor, sprach, Tristan, indem er die Hand des Herrn Mametin ergriff, Sie haben Fieber, die geringste Anstrengung kann gefährlich werden.
Nachdem Tristan die Vorhänge des Fensters und die des Bett’s geschlossen hatte, damit das Licht dem Kranken nicht lästig werden konnte, holte er Wilhelm und stellte ihn Louise vor.
Der Tag verging. Die beiden jungen Leute blieben zu Tische bei Madame Mametin. Da Letztere fürchtete, daß die erwartete Person während Tristan’s und Wilhelm’s Anwesenheit eintreffen möchte, so entließ sie schon frühzeitig ihre beiden Gäste unter dem Vorwande, daß sie der Ruhe bedürfe.
Louise zog sich auch wirklich, nachdem sie sich überzeugt, daß Herr Mametin schlief, in ihr Zimmer zurück, und Tristan, der sich in seinem Zimmer befand, sah wie gewöhnlich ihr Fenster erhellt.
– Nun, sprach Wilhelm, wie ist es mit der Geschichte, die Sie mir erzählen wollten?
– Ich dachte so eben daran.
– Wollen Sie sie mir immer noch mittheilen?
– Ja. Wie finden Sie Madame Mametin?
– Liebenswürdig im höchsten Grade.
– Nicht wahr? fragte Tristan in einem gewissen scherzenden Tone.
– Nun? antwortete Wilhelm in einem bedeutungsvollen Tone.
– Hören Sie mich an, sprach Tristan.
In dem Augenblicke, als er beginnen wollte, sah er, daß sich Louise’s Fenster öffnete.
– Setzen Sie sich in den Schatten, sprach er zu Wilhelm. Und in der That, das Fenster war offen, und der allabendliche Kuß ward an seine Adresse befördert.
Einige Augenblicke später erlosch das Licht.
– Sie ist zu Bett gegangen, sprach Tristan.
– Was soll das alles heißen? fragte Wilhelm.
– Setzt Sie das in Verlegenheit?
– Etwas —
– Denken Sie sich – begann Tristan.
– Verzeihung, wenn ich Sie unterbreche, sprach Wilhelm; aber sehen Sie einmal jenen Mann in einen Mantel gehüllt, er scheint eine Hausnummer in dieser Straße zu suchen. Tristan sah hin und gewahrte in der That einen Mann, der vor jedem Hause stehen blieb, die Nummer desselben betrachtete und dann seinen Weg fortsetzte, nachdem er sich überzeugt, daß er noch nicht da war, wohin er wollte.
– Ich möchte ihm rathen, bald das Haus zu finden, das er sucht, denn, wenn es das des Herrn Mametin nicht ist, kommt er in das Feld.
Der nächtliche Spaziergänger blieb vor Herrn Mametin’s Thür stehen, zog langsam die Glocke, hüllte sich fester in seinen Mantel und wartete.
Einige Augenblicke später öffnete sich die Thür, und Louise, ein Licht in der Hand tragend, ließ den geheimmißvollen Fremden eintreten.
– Wie, sprach Wilhelm zu Tristan, war das nicht Madame Mametin? Tristan antwortete nicht.
– Sieh, sieh, sieh! fuhr Wilhelm fort, Herr Mametin thut wohl, daß er krank ist.
– Was wollen Sie damit sagen? fragte Tristan mit zitternder Stimme.
– Ich will damit sagen, daß Madame während dieser Zeit ganz bequem ihren Galan empfangen kann.
– Glauben Sie, daß dieser Mensch Louise’s Liebhaber sei?
– Ich möchte tausend gegen eins verwetten! Eine Dame, die um diese Stunde, und noch dazu während der Krankheit ihres Mannes, einem in einen Mantel gehüllten Manne selbst die Thür öffnet, läuft große Gefahr, von denen, die sie sehen, beargwöhnt zu werden.
– Das ist nicht möglich! murmelte Tristan.
– Was?
– Was Sie so eben sagten.
– Was kümmert das Sie?
– O sehr viel.
– Warum?
– Weil Madame Mametin meine Frau ist. Das ist die Geschichte, die ich Ihnen erzählen wollte.
Diese Geschichte kam dem Handlungsbeflissenen so unvermuthet, daß er rücklings auf einen Stuhl fiel.
Während dieser Zeit führte Louise den, den sie so eben eingelassen, nach dem Zimmer des Herrn Mametin. An der Thür bat sie ihn, ein wenig zu warten, dann trat sie allein ein.
Leise näherte sie sich dem Bette des Greises, und als sie sah, daß er schlief, zögerte sie, ihn zu wecken. Da sie sich aber erinnerte, daß Herr Mametin ein großes Gewicht auf diesen Besuch legte, ergriff sie die Hand des Kranken und weckte ihn.
– Mein Freund, sprach sie, als er die Augen öffnete, die Person ist da, welche Sie erwarten.
– Laß sie eintreten, antwortete Herr Mametin bewegt, und bleibe bei uns.
Louise ging; nach einem Augenblicke kehrte sie in Begleitung des geheimnißvollen Fremden zurück.
Jedenfalls, sprach Tristan in diesem Augenblicke bei sich selbst, jedenfalls waltet hier ein Geheimniß ob, und ich werde es morgen schon erfahren; daß Louise aber einen Liebhaber hat, ist unmöglich.
Nun erzählte er Wilhelm, der von der sonderbaren Neuigkeit noch ganz betäubt war, die Einzelheiten der Geschichte, die wir bereits kennen.
11
Am nächsten Morgen stattete Tristan seiner Frau einen Besuch ab, den er mit der Krankheit des Herrn Mametin motivierte. Zuerst erkundigte er sich nach dem Zustande des Kranken, und dann, nachdem er erfahren hatte, daß er sich besser befände, ließ er Madame Mametin sagen, er habe mit ihr zu reden.
Louise erschien im Garten, wo die Tristan, ihrer harrend, vorfand.
– Louise, sprach der junge Mann, indem er an ihrer Seite einen Spaziergang durch den Garten machte, es ist wohl unmöglich, mehr Vertrauen, mehr Reue und mehr Discretion zu zeigen, als ich unter den sonderbaren Verhältnissen, die seit einiger Zeit unter uns obwalten, an den Tag lege.
– Es ist wahr, mein Freund; deshalb auch bringt Ihnen jeder Tag die Verzeihung einer verfehlten Vergangenheit.
– So arges Unrecht ich auch immerhin begangen haben möge, so erlauben Sie mir wohl, für diese Unterwürfigkeit, eine Frage an Sie zu richten.
– Es kommt darauf an, was die Frage enthält.
– Ich werde Sie nur um die Wahrheit über einen Vorfall Ihres Lebens fragen.
– Die Geschichte meines Lebens gehört ganz Ihnen und ich bin bereit zu antworten. Fragen Sie.
– Gestern Abend ist ein Mann in dieses Haus gekommen, nicht wahr?
– Ja.
– Wer ist dieser Mann?
– Ich weiß es nicht.
– Das ist unmöglich!
– Warum?
– Sie selbst haben ihm die Thür geöffnet, anstatt dieses Geschäft einem Domestiken zu überlassen; Sie haben ihn erkannt, sonst hätten Sie ihn nicht so geheimnisvoll in das Haus eintreten lassen. Wer ist dieser Mann?
– Ich wiederhole Ihnen, daß ich es nicht weiß.
– Dann erlauben Sie mir, alles vorauszusetzen.
– Nur das Schlechte nicht.
– Das Schlechte ist aber das Wahrscheinlichste.
– Sie scherzen, mein Freund, oder ich verstehe Sie nicht mehr.
– Was wollte der Mann hier?
– Er wollte mit Herrn Mametin reden.
– Um diese Stunde! Die Sache war wohl sehr wichtig?
– Ja.
– Und Sie selbst haben diesem Manne die Thür geöffnet?
– Ich selbst.
– Wird dieser Mann nicht wiederkehren?
– Er wird wiederkehren.
– Heute?
– Diesen Abend.
– Und immer so geheimnißvoll?
– Immer.
– Werden Sie ihm wieder die Thür öffnen?
– Wie gestern.
– Sie wollen mit diesem Vertrauen meinen Argwohn abwenden, Louise. Dieser Mann ist Ihr Liebhaber.
– Sie sind ein Narr.
– Wollen Sie mir nicht sagen, was dieser Mann hier zu thun hat?
– Nein.
– So weiß ich, was mir zu thun bleibt.
– Was wollen Sie damit sagen?
– Daß ich es erfahren werde.
– Nur keine Unklugheit, mein Freund, eine Kleinigkeit kann uns verderben. Louise’s große Ruhe machte unsern Helden irre.
– Auf diesen Abend, sprach er, indem er sich entfernte.
Louise stand im Begriffe, Tristan zurückzurufen; es mochte aber ein Gedanke in ihr aufsteigen, der sie davon abhielt, denn sie ging langsam in das Haus zurück.
Als Tristan in sein Zimmer trat, fand er Wilhelm, der einen Brief schrieb.
Der Handlungsdiener ward feuerroth, als er sah, daß er überrascht ward.
– Ich störe. Sie wohl? fragte Tristan.
– Nein, ich schrieb.
– Schreiben Sie, bester Freund, ich gehe.
– Nein, nein, bleiben Sie. Wilhelm hätte gern gesehen, wenn Tristan ihn um das gefragt, was er schrieb; aber Tristan, der es vielleicht errieth, fragte ihn nicht.
– An wen glauben Sie wohl, daß ich schreibe? sprach Wilhelm nach einem Augenblicke.
– Ich weiß es nicht.
– An Euphrasia. Wilhelm erseufzte tief und schwer.
– Was fällt Ihnen ein?
– Ich beantworte einen Brief, den ich vorhin empfangen habe.
– Und was sagt dieser Brief?
– Daß mein Verdacht ungegründet sei, daß sie nach Paris reise, und daß sie mich vor ihrer Abreise noch einmal sehen wolle.
– Was antworten Sie darauf?
– Daß es unmöglich ist.
Wilhelm erseufzte noch einmal
Es war ersichtlich, daß die Furcht, Tristan möchte sich lustig über ihn machen, ihm die Antwort dictirt hatte, und daß er so schnell als möglich zu Euphrasia geeilt wäre, wenn er nur auf sein Herz gehört.
Tristan begriff dies alles.
– Warum bringen Sie ihr die Antwort nicht selbst? fragte er.
Wie es schien, hatte Wilhelm diese Erlaubniß erwartet, denn ein Strahl der Freude leuchtete aus seinen Augen.
– Wozu wäre das gut? Es ist ja jetzt alles vorbei, fügte er gleichgültig hinzu, denn er hoffte, seinen Freund immer noch zu täuschen.
– Hören Sie mich an, lieber Wilhelm: es handelt sich in dieser Sache einzig und allein nur um Sie, und Sie thun unrecht, wenn Sie Ihrer Neigung Zwang an legen. Das Leben ist kurz und nicht immer heiter, das weiß ich besser, als irgend jemand, und meine Ansicht ist, daß man das thun muß, was glücklich macht, ohne sich darum zu kümmern, was die andern dazu sagen.
– Sie sagen mir das in einem fast verdrießlichen Tone.
– Durchaus nicht, ich spreche, wie ich es meine; meine Privatsorgen haben auf das, was ich Ihnen sage keinen Einfluß.
– Ach, ich liebte diese Frau unendlich, fuhr Wilhelm fort, der fürchtete, das Gespräch möchte eine andere Wendung nehmen und ihm entginge die Gelegenheit, Euphrasia zu sehen.
– Nun, so gehen Sie doch zu ihr, sprach Tristan.
– Rathen Sie es mir?
– Ja.
– Werden Sie mir auch deshalb nicht böse sein?
– Nein.
– Ich will sie ja nur noch einmal sehen, um ihr zu sagen, daß mein Entschluß, mich in Zukunft fern von ihr zu halten, fest stehe.
Der verliebte Wilhelm ergriff leise seinen Hut, als ob er fürchtete, das geringste Geräusch könne die Empfindsamkeit Tristan’s wieder wecken; dann trat er zu ihm, ergriff die Hand seines Freundes und sprach: .
– Sie sind mir also nicht böse? Ich will sie nur noch ein einziges Mal sehen, und dann ist alles aus, das schwöre ich Ihnen.
– Gehen Sie, mein bester Freund, und thun Sie, was Ihnen gut scheint. Bin ich denn Ihr Herr geworden? Bin ich nicht mehr. Ihr Freund? Habe ich nicht stets gethan, was in meinen Kräften stand, um Ihr Glück nicht zu zerstören? Gehen Sie denn zu ihr, aber, ich bitte kommen Sie vor Einbruch der Nacht wieder zurück, es könnte sein, daß ich Ihrer bedarf.
– Seien Sie ohne Sorge, schon in einer Stunde bin ich wieder hier. Mein Geschäft ist bald abgethan. Weil ich daran denke, fuhr Wilhelm fort, der jetzt die Unterhaltung ändern zu können glaubte, da ihm erlaubt war zu gehen, wie steht es mit dem Manne von gestern Abend? Wer ist er?
– Diesen Abend werde ich Ihnen alles erzählen, doch kommen Sie um acht Uhr zurück.
– In einer Stunde, wie ich Ihnen gesagt.
Wilhelm verschwand mit der Eile eines Schülers, der glaubte, den ganzen Tag zu Hause bleiben zu müssen und um Mittag plötzlich die Erlaubniß erhält, auszugehen.
Tristan stattete einen zweiten Besuch bei Herrn Mametin ab, den er immer noch im Bette fand. Eine gewisse innere Zufriedenheit schien vortheilhafter auf die Gesundheit des Greises gewirkt zu haben, als die Ruhe, die er genossen.
Louise war ausgegangen.
Tristan, der wußte, daß Wilhelm länger als eine Stunde ausbleiben würde, hielt sich so lange im Hause des Herrn Mametin auf, als es ihm möglich war. Gegen vier Uhr entfernte er sich; Louise war immer noch nicht zurückgekehrt.
In dem Augenblick, als er die Thür des Hauses schloß, sah er seine Frau zurückkommen. Er ging zu ihr.
– Woher kommen Sie? fragte er in einem ziemlich heftigen Tone.
– Ich habe zwar niemandem Rechenschaft über mein Thun und lassen abzulegen, da Sie es aber durchaus wissen wollen, so hören Sie: ich habe der Person, die Sie gestern Abend gesehen, einen Gegenbesuch abgestattet.
– Louise, sagen Sie mir, wer ist dieser Mann? Hüten Sie sich, daß ich die Sache nicht zum Eclat bringe, denn ich bin der lächerlichen Lage müde, in die mich meine Liebe zu Ihnen seit drei Wochen versetzt hat. – Nein. Da Sie wahrscheinlich begreifen, daß dadurch Ihre Lage noch lächerlicher werden würde, werden Sie sich wohl ruhig verhalten. Außerdem liegt dieser ganzen Angelegenheit nichts Böses zum Grunde, und Sie würden herzlich über Ihren Verdacht lachen, wenn Sie näher davon unterrichtet wären.
– Nun, so versprechen Sie mir eins!
– Was?
– Empfangen Sie heute Abend diese Person nicht.
– Ich war so eben bei ihr, antwortete Louise lächelnd, um ihr zu sagen, daß sie kommen solle.
– Und dann wird sie wohl einen Theil der Nacht bei Ihnen zubringen?
– Vielleicht die ganze Nacht. Beunruhigt Sie das, Eifersüchtiger?
– Es soll mich nicht lange mehr beunruhigen.
– Was soll das heißen?
– Daß ich weiß, was mir zu thun bleibt.
– Seien Sie klug; ich wiederhole es Ihnen zum zweiten Male.
– Ich danke für den Rath, Madame.
– Auf morgen! sprach Louise.
– Vielleicht auf diesen Abend!
»Man baue nur auf die Liebe der Frauen,« sprach Tristan bei sich selbst.
Louise ging in ihre Wohnung und Tristan in die seinige.
Wilhelm war noch nicht zurückgekehrt.
– Man glaube nur an die Freundschaft der Männer! rief unser Heros, als Wilhelm’s Rückkehr sich immer noch verzögerte. Doch Geduld, mein Herr Unbekannter, Sie sollen mir für alles zahlen. Louise hat Recht, wenn sie sich über mich lustig macht, denn es gehört in der That eine große Portion Dummheit dazu, das zu ertragen, was ich seit drei Wochen ertragen habe, und, um meine Frau wieder zu besitzen, den Tod eines Greises abzuwarten, den ich in seiner Krankheit pflege und dessen Leben zu erhalten ich für meine Pflicht erachte!
Um sechs Uhr kam Wilhelm zurück.
– Ich erwartete Sie nicht mehr, sprach Tristan.
– Glauben Sie mir, mein Freund, antwortete der Commis mit feierlicher, ernster Stimme, ich konnte nicht früher zurückkehren.
– Was ist denn geschehen?
– Sie sehen, daß ich noch ganz bewegt bin.
– Und was ist der Grund dieser Bewegung?
– Etwas, das ich nicht erwartete. Euphrasia empfing mich mit einer großen Würde; sie gestand ihr Unrecht ein, gab als Entschuldigung meine Abwesenheit an, und schloß mit der Erklärung, daß sie sich meiner Liebe unwürdig halte, und daß sie mich meiden wolle, um ihre Scham zu verbergen, die sie nicht würde ertragen können, wenn sie mit mir in einem und demselben Lande bliebe. Dann erbot sie sich, mir meine Briefe zurückzugeben, sie fügte aber hinzu, daß diese in der Ferne ihr einziger Trost sein würden, und ich hatte nicht den Muth, die ihr zu nehmen. Morgen reist sie nach Frankreich, schloß Wilhelm seine Rede, sank erschöpft auf einen Stuhl und stützte den Kopf in seine Hand wie ein Mensch, der nicht mehr weiß, was er im Leben beginnen soll.
– Nun, mein Freund, so müssen Sie mit ihr reisen, sprach Tristan in einem Tone, als ob er sagen wollte: »Sie werden mir mit der Zeit entsetzlich lästig.«
– Unmöglich!
– Warum?
– Sie hat es mir verboten.
– Haben Sie ihr den Vorschlag dazu gemacht?
– Ja.
Wilhelm blickte zu Boden bei diesem Geständnisse.
In diesem Augenblicke trat die alte Frau ein.
– Wollen die Herren zu Mittag speisen? fragte sie.
– Ich nicht, antwortete Tristan.
– Auch ich nicht, sprach Wilhelm.
Die Alte ging, die beiden Freunde waren wieder allein.
– Sie sagten mir, daß Sie meiner bedürften, fuhr Wilhelm fort, dem einleuchtete, daß diese Liebesstreitigkeiten Tristan lästig werden mußten.
– Wenn Sie nichts zu thun haben.
– Sie wissen, daß ich stets für Sie zu allem bereit bin.
– Ich habe zu schreiben, lieber Wilhelm, und Sie wahrscheinlich auch. Gehe ein jeder von uns jetzt auf sein Zimmer, und wenn der Augenblick da ist, wo wir vereinigt sein müssen, werde ich Sie abholen.
– Tristan ging in sein Zimmer und schrieb einen langen Brief. Auf den Umschlag setzte er die Adresse:
»An Herrn Mametin.«
Während dieser Zeit war die Nacht eingebrochen, unser Held nahm seinen Platz am Fenster und erwartete den Mann vom verflossenen Abend.
Es währte nicht lange, so sah er den Schatten desselben, der sich auf der Mauer bildete, dem Hause des Doctors zu schweben.
Tristan ergriff eilig einen Hut, verließ sein Zimmer, öffnete Wilhelm’s Thür, indem er sprach: »Erwarten Sie mich,« und ging zum Hause hinaus.
In dem Augenblicke, als er über die Straße ging, hatte der Unbekannte Louise’s Haus erreicht. Tristan stellte sich zwischen ihn und die Thür.
– Wohin, mein Herr?" fragte Tristan.
– Dahin, wohin ich gehe, antwortete der Mann im Mantel.
Tristan bebte zusammen bei dem Tone dieser Stimme, denn ihm war, als ob er sie schon gehört hätte.
– Sie werden aber nicht dahin gehen, mein Herr, sprach Tristan, indem er sich beugte, um die Züge dieses Mannes unterscheiden zu können.
– Das wollen wir sehen, rief dieser, und entledigte sich seines Mantels, indem er ihn hinter sich warf In diesem Augenblicke trat der Mond hinter einer Wolke hervor und beleuchtete die Gesichter der beiden Männer.
– Tristan! rief der eine zurücktaumelnd.
– Henry von Saint-Ile! der andere, indem er wie Lott’s Salzsäule dastand.
– Wie, Sie sind es?
– Ich selbst!
– Zürnen Sie mir nicht mehr, lieber Tristan?
– Weshalb?
– Wegen Henriettes und des Degenstichs.
– Nein; Sie müssen mir aber sagen, was Sie hier zu thun haben.
– Sehr gern.
– Eins muß ich indes vorausschicken.
– Reden Sie.
– Sollten Sie der Liebhaber der Madame Mametin sein, so werden wir abermals beginnen, uns die Hälse zu brechen.
– Beruhigen Sie sich, ich bin es nicht. Aber welches Interesse können Sie an der Tugend dieser Dame nehmen? Ich muß Ihnen auch etwas vorausschicken: sollten Sie der Liebhaber der Madame Mametin sein, so werden wir uns ebenfalls die Hälse brechen.
– Ich bin es um nichts mehr, als Sie.
– Ihr Angriff muß aber doch einen Grund haben?
– So gut wie Ihre Besuche einen Grund haben.
– Ganz gewiß. Sagen Sie mir Ihren Grund, ich werde Ihnen den meinigen sagen.
– Werden Sie verschwiegen sein?
– Wie das Grab.
Henry raffte seinen Mantel wieder auf, Tristan ergriff Henry’s Arm und beide Männer gingen in der Straße auf und ab.
Louise, die sich zitternd an das Fenster gesetzt, als sie die beiden Stimmen gehört hatte, konnte sich den Ausgang dieser Scene nicht erklären.
– Sie wissen, sprach Tristan, wie ich den armen Karl am Tage unseres ersten Zusammentreffens getödtet habe?
– Ja.
– Sie könnten selbst, wenn es sein müßte, meine Unschuld bezeugen.
– Vollkommen.
– Sie wissen, daß ich eine Frau zurückließ?
– Sie haben es mir gesagt.
– Karl ist unter meinem Namen beerdigt.
– Durch wen?
– Durch den Doctor Mametin.
– Weiter.
– Meine Frau war Witwe.
– Recht.
– Und der Doctor hat sie geheirathet.
– Himmlisch!
– Demnach wache ich über sie, ohne weder ihr Mann, noch ihr Liebhaber zu sein. Da ich in Ihnen meinen Stellvertreter erblickte, wollte ich Sie tödten; verstehen Sie?
– Ich verstehe.
– Ich fragte Louise, was Sie hier machten.
– Hat sie es Ihnen gesagt?
– Nein.
– Herr Mametin hat es ihr verboten.
– Gehen Sie denn zu Herrn Mametin?
– Nur zu ihm.
– Erzählen Sie.
– Die Sache ist sehr einfach. Sie erinnern sich, daß ich Ihnen an dem Tage, wo wir uns das erste Mal sahen, sagte, ich habe meine Eltern nie gesehen.
– Ich erinnere mich.
– Dies war das größte Unglück meines Lebens. Nun zur Sache: Vor einigen Tagen erhalte ich also einen Brief von einem Notar aus Amsterdam, worin er mir schreibt, er sei beauftragt, mir meine Pension auszuzahlen und ich möge sie sobald als möglich abholen. Ich eile hierher. Der Notar sagt mir, daß ein gewisser Mametin, der mich schon seit langer Zeit suche, etwas von der größten Wichtigkeit mir mitzutheilen habe. Es war spät, deshalb wollte ich am nächsten Morgen dem Doctor meinen ersten Besuch abstatten; der Notar aber sagt mir, daß Herr Mametin wünsche, ich möge mich gleich bei meiner Ankunft ihm vorstellen. Ich ging also gestern Abend noch zu dem Doctor, und fand ihn im Bette. Er reichte mir die Hand, fragte mich über mein Leben, weinte bei meinen Leiden und schloß mit dem Geständnisse, daß ich der Sohn einer vornehmen Dame sei, die vor Kurzem gestorben und ihn im Sterben von dem Eide entbunden habe, den er ihrer Ehre wegen geschworen und wonach er mir nicht früher den Vater nennen solle, als bis sie todt sei. Dann schloß er mich in seine Arme, weinte und nannte mich einen Sohn.
– Ein sonderbares Abenteuer!
– Denken Sie sich meine Ueberraschung! Heute war ich nun bei dem Notar, wie mein Vater mir gesagt, und habe eine Acte von ihm anfertigen lassen, wonach er mich als einen Sohn anerkennt und mit seiner Frau zu seinem Erben einsetzt. Das ist meine Geschichte, mein Freund.
– Ihre Geschichte ist fröhlicher als die meinige.
– Heute Abend wird die Acte unterzeichnet. Die ganze Sache kommt mir um so gelegener, als ich in ein
reizendes junges Mädchen verliebt bin, um dessen Hand ich deswegen mich nicht bewarb, weil ich nicht wußte, wo meine Familie war. Jetzt aber kann ich meine Geliebte heirathen, sobald ich zurückkehre.
– Nun, mein Freund, so möge Ihnen der Himmel Glück verleihen, das ist alles, was ich Ihnen wünsche.
– Da fällt mir etwas ein, sprach Henry plötzlich, indem er sich an die Stirne schlug.
– und was?
– Mein Vater hat mir die Umstände nicht mitgetheilt, unter denen er sich verheirathet hat; er hat meine
Abenteuer angehört, ohne mir die seinigen zu erzählen.
– Nun?
– Ich erzählte ihm meinen Mordversuch im Walde von Boulogne und folglich auch unser Begegnen.
– Natürlich.
– Dann fragte er mich um Ihr Schicksal, und als ich ihm sagte, daß Sie nicht todt wären, schien er sehr
bewegt zu sein, so viel ich mich erinnere.
– War Louise gegenwärtig?
– Nein, sie hatte das Zimmer verlassen.
– Was sagte er hierauf?
– Nichts, das mir in jenem Augenblicke aufgefallen wäre. Ich besinne mich jedoch, daß er mich fragte, ob Sie in Mailand gewesen wären. Ich antwortete ihm, was ich erfahren, daß Sie der Tenor seien, der als Othello debütiert und dessen Verschwinden so viel Aufsehen erregt habe.
– Schien er nicht meine Anwesenheit in Amsterdam zu argwöhnen?
– Nein. Im ersten Augenblicke glaubte ich, daß die bloße Neugierde ihn veranlaßte, mich um Ihre Abenteuer zu fragen; nach dem aber, was Sie mir gesagt, fürchte ich, eine meiner gewöhnlichen Ungeschicklichkeiten verübt zu haben.
– Ich habe Herrn Mametin den ganzen Tag nicht besuchen können. Louise muß diesen Umstand nicht wissen, denn wäre er ihr bekannt, hätte sie ihn jedenfalls mir schon mitgetheilt. Und was war der Schluß aller dieser Fragen?
– Der ausdrückliche Auftrag, dem Notar zu sagen, daß er diesen Abend komme. Er wird mich wahrscheinlich schon erwarten.
– Bester Freund, sollten Sie etwas erfahren, so haben Sie wohl die Güte und theilen es mir mit.
– Auf der einen Seite klärt sich die Sache auf, auf der andern verwickelt sie sich wieder.
– Vor allen Dingen suchen Sie zu erfahren, ob Herr Mametin den Argwohn hegt, daß ich Louise’s Mann bin, und weiß er es, so sagen Sie ihm offen, daß wir deshalb geschwiegen, weil wir fürchteten, ihm Kummer zu bereiten.
– Tragen Sie keine Sorge, antwortete Henry, ich bin glücklich und werde alles aufbieten, um Ihnen nützlich zu werden. Das Glück macht überhaupt diejenigen gut, welche, wie ich, nicht gewohnt sind, glücklich zu sein.
Mit einem freundschaftlichen Handschlage trennten sich die beiden Männer.
Tristan ging zu Wilhelm, der so in seinen Schmerz vertieft war, daß er den Eintritt seines Freundes nicht hörte.
– Der ist nicht zu heilen, dachte Tristan, als er seinen Freund erblickte.
Henry zog die Glocke an der Thür des Doctors.
Louise öffnete wie Abends zuvor.
– Guten Abend, meine beste Mutter, sprach Henry.
– Guten Abend, antwortete Louise lächelnd.
– Ist der Notar da?
– Ja.
– Ist etwas Neues vorgefallen?
– Nichts, das ich wüßte.
12
Als Henry in das Zimmer seines Vaters trat, fand er ihn mit dem Notar allein.
– Mein Vater, Sie haben eine Unklugheit begangen, sprach er, indem er näher trat.
– Nein, mein Sohn, so ist es recht, ganz recht, antwortete der Doctor, indem er Henry die Hand reichte. Ist alles in Ordnung, mein Herr? wandte er sich zu dem Notar.
– Ja, antwortete dieser.
– Gut; so legen Sie meinem Sohne das Papier vor.
Der Notar legte Henry eine Acte vor, worin ihn sein Vater anerkannte und zu Louise’s Adoptiv-Sohn machte.
– Danke, danke, mein Vater rief Henry, indem er sich in die Arme des Doctors warf.
– Jetzt, sprach Herr Mametin, geh zu Louise, um ihr zu danken. Ich möchte mit diesem Herrn noch einen Augenblick allein sein. Der junge Mann ging zu Louise und dankte ihr, indem er ihr ehrfurchtsvoll die Hand küßte.
Als Henry sich entfernt hatte, fuhr Herr Mametin fort zu schreiben. Von Zeit zu Zeit fragte er den Notar um die üblichen Formen bei dergleichen Sachen.
– Auf diese Weise, sprach er, nachdem er dem Notar sein Testament vorgelesen, wird mein Sohn sein Vermögen und meine Frau das ihrige besitzen. Im Fall ich sterben sollte, wird sie sich wieder verheirathen und ihrem neuen Gatten dieses Vermögen ohne Streit zubringen können, nicht wahr?
– Ja, mein Herr.
– Gut. Herr Mametin versiegelte den Brief, den er geschrieben hatte, stand auf, und übergab ihn dem Notar mit den Worten:
– Ich danke Ihnen, mein Herr, für Ihren guten Rath, der, so hoffe ich, meinen Erben noch lange nützlich sein wird.
Der Doctor lächelte dem ernsten Manne zu; dieser aber hielt es seiner würdig, sich ohne zu lächeln zurückzuziehen.
Sobald Herr Mametin allein war, stand er still, indem er die Hand an seine Stirn legte, als ob ein schwankender Gedanke sich zur Gewißheit in seinem Geiste gestaltet habe, und als ob er diesen Gedanken wieder ändern wollte.
– Es muß geschehen, sprach er. Dann zog er ein Fläschchen aus seiner Tasche, goß den Inhalt desselben in eine mit Wasser gefüllte Caraffe, die auf einem Tische stand und zog die Glocke.
Ein Diener erschien.
– Man sage meinem Sohne, daß ich ihn zu sprechen wünsche. Als der Diener das Zimmer verlassen, öffnete der Doctor das Fenster, warf das Fläschchen, das er geleert hatte, in den Garten und sog mit großen Zügen die frische Luft ein. Ein leichtes Frösteln durchbebte seine Glieder. Henry erschien und traf Herrn Mametin am Fenster.
– Noch eine Unklugheit, mein Vater, sprach der junge Mann; Sie haben Fieber und setzen sich der kalten Luft aus, die leicht gefährlich für Sie werden kann.
– Fürchte nichts, mein Kind, das Glück ist ein Universalheilmittel; seit gestern bin ich geheilt.
– Sie haben mich rufen lassen, lieber Vater.
– Ja, mein Sohn, sprach der Greis, indem er seine Hand auf Henry’s Arm legte und sich auf das Fensterbrett setzte; ich wünschte, daß Du mir noch einmal Deine Verzeihung ausspricht.
– Mein Gott, was habe ich Ihnen zu verzeihen?
– Das Schweigen, das ich so lange beobachtet und das Unglück, welches ich Dir während so langer Zeit bereitet. Es war nicht meine Schuld, wie ich Dir bereits gesagt, mein Kind. Deine Mutter hatte mich schwören lassen, daß Du, so lange sie am Leben sei, weder ihren noch meinen Namen erfahren solltest. Jetzt ist sie todt, und bevor sie starb, sandte sie mir einen Brief für Dich. Ich habe Dir den Brief gegeben, Du hast ihn mir vorgelesen und beide haben wir meine Entschuldigung darin gefunden. Ich weiß, daß Du Dich verheirathen willst, ich weiß aber auch, daß diese Heirath von dem abhängt, was sich hier ereignet; darum meine ich, Du reisest morgen in aller Frühe, denn ich will Dein Glück nicht halb begründet haben. Ich habe deshalb diese Unterredung mit Dir gewünscht, weil der Tod wacht an der Thür der Leute meines Alters, und weil, wenn ich sterbe ehe Du reisest, mein Tod Dein Glück verzögern und das Vergehen meines Lebens fortsetzen würde. Auch bin ich seit zu kurzer Zeit. Dein Vater, um Dich jetzt schon zur Trauer zu verurtheilen; ich will, daß Du reisest, und daß Du sobald als möglich mir Deine Frau zuführt. Auf Wiedersehen denn, mein Kind. Schreibe mir von Paris aus und sei glücklich als Lohn für Deine unglückliche Vergangenheit. Mit Thränen in den Augen umarmte der Greis seinen Sohn.
– Jetzt sende mir Louise.
In diesem Augenblicke erinnerte sich Henry Tristan’s Auftrages.
– Mein Vater, sprach er, die Gewißheit, daß ich eine treu ergebene Frau bei Ihnen zurücklasse, bestimmt mich zu reifen.
– Du hast Recht, mein Freund, Louise ist ein Engel.
– Der viel gelitten hat, wie Sie mir gesagt haben.
– Es ist wahr; das arme Kind!
– Sie haben mir aber noch nicht gesagt, mein Vater, wie Sie Louise kennen gelernt?
– Als ich sie das erste Mal sah, sprach Herr Mametin, der anfangs zu antworten zauderte, lag sie ohnmächtig auf der Straße. Ich hob sie auf. Wie ich erfuhr, suchte sie ihren Mann, der sie verlassen hatte, um sich zu tödten. Die Nachricht von seinem Tode war die Ursache ihrer Ohnmacht.
– Das ist seltsam.
– Wie? sprach zitternd Herr Mametin.
– Wie nannte sich ihr Mann?
– Tristan.
– Dieser Tristan ist derselbe, mit dem ich mich zu gleicher Zeit tödten wollte, und den ich später in Italien wieder angetroffen habe.
– Du irrst, mein Freund, antwortete der Doctor und versuchte einer Stimme Festigkeit zu geben; es ist derselbe Name, dieselbe Geschichte, aber nicht dieselbe Person.
– Sind Sie dessen gewiß?
– Ganz gewiß. Als Du mir von diesem Tristan erzähltest, stiegen in mir ebenfalls Zweifel empor; aber da ich selbst ihn habe beerdigen lassen, bin ich von seinem Tode überzeugt.
»Er hat Tristan gesehen, dachte der Doctor, und er fragt mich.«
»Er zweifelt nicht, dachte Henry; um so besser!«
– Nun, mein Vater, so werde ich Ihnen Louise senden.
– Doch zuvor, sprach Herr Mametin mit einer leichten Bewegung, die sein Sohn nicht bemerken konnte, gieb mir ein Glas Wasser, mich dürstet.
Henry gab seinem Vater, was er verlangte. Dieser ergriff das Glas und trank den Inhalt desselben in einem Zuge.
– Lebe wohl, mein Kind, sprach er dann, indem er den jungen Mann noch einmal umarmte; auf baldiges Wiedersehen.
Henry ging und einige Augenblicke später trat Louise ein.
– Da bin ich, mein Freund, sprach die junge Frau.
Während dieser Zeit wollte Henry zu Tristan gehen; dieser aber, der ihn erwartete, hatte ihn aus dem Hause kommen gesehen und war ihm bis an die Thür entgegen gegangen.
– Nun? fragte er.
– Er weiß nichts, antwortete Henry.
– So muß ich reisen, denn meine Lage ist nicht mehr zu ertragen.
– Auch ich rathe Ihnen dazu, meines Vaters und Ihrer eigenen Ruhe wegen.
– - Und Sie?
– Ich reise morgen.
– Wohin?
– Nach Paris.
– So sehen wir uns dort.
– Gedenken Sie nach Paris zu gehen?
– Ja. Ich habe einen Freund, der nichts sehnlicher wünscht, als Frankreich zu sehen.
– Auf Wiedersehen, bester Freund!
– Leben. Sie wohl!
Tristan kehrte in sein Zimmer zurück und Henry verschwand.
– Mein liebes Kind, sprach Herr Mametin zu Louise, ich glaube, daß ich ein wenig Fieber habe. Henry hatte Recht, als er sprach, die Abendluft könnte mir schaden. Laß Herrn Tristan rufen. Doch zuvor schließe das Fenster und gieb mir ein Glas Wasser.
Louise that, was er verlangte.
Herr Mametin trank dieses zweite Glas wie das erste.
– Dieses Wasser hat einen schlechten Geschmack, sprach er; schütte es in den Garten und bringe mir diese Caraffe voll frischen Wassers.
Louise verließ das Zimmer. In dem Augenblicke, als sie durch den Speisesaal ging, hörte sie den Papagei schreien. Sie trat zu dem Käfig, um zu sehen, was ihm fehle.
– Armer Jacob, sprach sie, Du hast Durst!
Bei diesen Worten füllte sie das Trinkgeschirr des Thieres mit dem Wasser, das sie im Begriffe fand auszuschütten, den Rest goß sie an einen Rosenstock im Garten. Dann gab die Befehl, Herrn Tristan zu holen, und kehrte endlich zu ihrem Manne zurück, den sie im Bett antraf.
Einige Augenblicke später trat Tristan in das Zimmer des Greises.
– Befinden Sie sich schlechter? fragte unser Held, als er Herrn Mametin in einem Bette sah.
– Ja, antwortete dieser, mich friert.
– Decken Sie sich fest zu, Sie haben Fieber. Sie sind wahrscheinlich unvorsichtig gewesen?
– Ich hatte mich an das Fenster gesetzt; es wird hoffentlich keine üblen Folgen haben, auch habe ich Sie deshalb nicht rufen lassen. Setzt Euch Beide an mein Bett, meine Kinder, und hört mich an.
– Unwillkührlich begegneten sich Tristan’s und Louises Blicke.
– Gebt mir Eure Hände, Kinder, fuhr der Greis fort. Ihr besitzt. Beide edle und gute Herzen, und Gott hat wohlgethan, mich Euch entgegen zusenden, damit ich Euch vereinigen könne, mich, den er gewählt zu haben schien, Euch zu trennen. Ich weiß alles, meine Kinder, ich kenne Eure Ergebenheit und kenne das Opfer, das Ihr dem Glücke eines Greises bringt, der nur noch kurze Zeit zu leben hofft, der aber, bevor er stirbt, dieses Opfer dankbar anerkennen will.
»Hier ist Ihre Gattin, Tristan. Danken Sie dem Himmel, der, als er sie von Ihnen trennte, mich ihr sandte, wie ich ihm dafür danke, daß er sie mir anvertraut. Seitdem Louise Sie in Mailand wiedergefunden, hat sie viel gelitten, doch nie hat ein Wort die Neigung geschwächt, die sie mir geschworen, nie der geringste Anflug von Traurigkeit das Glück getrübt, das sie mir versprochen hatte. Ich habe durch meinen Sohn erfahren, als ich mich dessen am wenigsten versah, daß die Vorsehung Euch wieder vereinigt hat; ich wollte aber, daß dieses Geheimniß nur von uns Dreien gekannt sei, und deshalb ließ ich ihn bei dem Glauben, als er mich fragte, ich wisse von nichts.
Obgleich mein Tod Euer Glück begründet hätte, so hat mich Tristan dennoch mit kindlicher Ergebenheit in meiner Krankheit behandelt. Nun hört mich an. Ich bin alt. Ich habe nur noch wenige Jahre, vielleicht nur wenige Tage zu leben. Mein Sohn, den ich seit einigen Tagen wiedergefunden, geht nach Paris, um sich dort zu verheirathen; es ist vorauszusehen, daß er sich ganz seiner neuen Familie widmen wird. Ich habe nur noch eine Freude, eine Stütze, die ist Louise; deshalb, mein Freund, bitte ich Sie, bringen Sie mir das letzte Opfer und gestatten Sie, daß sie mich bei den letzten Schritten meines Lebens begleite.
Sie lieben aber Ihre Frau, und es ist vorauszusehen, daß Sie früher oder später unter dem Opfer, welches Sie sich aufgebürdet, erliegen werden, daß Sie vielleicht jetzt schon, dieses seltsamen Lebens müde, ein Mittel ersonnen, es zu ändern, oder wohl gar zu brechen – antworten Sie mir, habe ich Recht?
– Es ist wahr, antwortete Tristan, den diese unerwartete Scene tief ergriffen hatte.
– Und was haben Sie beschlossen?
– Ich habe beschlossen, abzureisen.
– Dieses war das beste Mittel, mein Freund, ohne Vorwurf das abzuwarten, was Sie, im Grunde genommen, wünschen müssen. So reisen Sie denn, reisen Sie morgen, ein Greis, ein Freund fordert es von Ihnen. Gehen Sie nach Frankreich und seien Sie der Freund meines Sohnes, dessen Unerfahrenheit eines Leiters bedarf. Sorgen Sie für ihn, und an demselben Tage, wo Sie sehen, daß er Trauer anlegt, kehren Sie hierher zurück, und Sie werden Louise vorfinden, die dann keine andere Pflichten mehr zu erfüllen hat, als Ihnen zu folgen, Werden Sie nur nicht ungeduldig, fuhr der Doctor fort, indem er die Hand des jungen Mannes drückte, es wird nicht lange mehr dauern.
Louise weinte und unserm Tristan selbst traten die Thränen in die Augen.
– Mein Vater, rief er, erlauben Sie mir, daß ich Sie so nenne, ich bin zu allem bereit, was Sie von mir fordern; aber ich schäme mich, Sie jetzt zu verlassen, jetzt, da Sie krank sind. Ich schwöre Ihnen, daß niemand, und wäre es Ihr leiblicher Sohn, mit mehr Liebe für Sie sorgen würde, als ich.
– Die Aufregung dieses Tages hat mich ein wenig angegriffen, sprach der Greis mit zitternder Stimme, ich
bedarf der Ruhe; darum zieht Euch zurück, meine Kinder. Du, Louise, bete zu Gott, so lange Du kannst, und Sie, Tristan, mögen sich zur Abreise rüsten. Morgen Mittag erwarte ich Euch Beide, vielleicht habe ich Euch noch etwas zu sagen.
Nachdem Louise und Tristan die Stirn des kranken Greises geküßt, zogen sie sich zurück. Schweigend reichten sich die beiden jungen Leute die Hände, dann trennten sie sich mit einem Gefühle, das die menschliche Sprache nicht bezeichnen kann.
Als Tristan in ein Zimmer trat, saß Wilhelm und betrachtete die Sterne.
Er klopfte ihn auf die Achsel.
– Packen Sie Ihre Koffer, sprach er.
– Meine Koffer?
– Ja.
– Soll ich reisen?
– Ja, wir reisen.
– Wann?
– Morgen.
– Und wohin?
– Nach Paris.
Wilhelm sprang Tristan an den Hals und drückte ihn so fest in seine Arme, als ob er ihn ersticken wollte.
Einige Minuten später hörte Tristan einen Freund Stühle und Tische über einander werfen: er packte seine Koffer.
13
Schon früh am nächsten Morgen war Tristan bei Louise. Sie weinte, als er eintrat.
– Was fehlt Ihnen? fragte er.
– Es ist vielleicht eine Thorheit, daß ich weine, antwortete sie; aber ein kleines Unglück scheint immer ein größeres anzukündigen. Ich bin ein wenig abergläubisch, mein Freund, kommen Sie, Sie sollen sehen, worüber ich weine.
– Louise nahm Tristan bei der Hand, führte ihn in den Garten und zeigte ihm den todten Papagei, dessen Körper man auf eine Bank gelegt hatte
– Armes Thier! sprach Tristan mit Thränen in den Augen.
Dann näherte er sich dem Thiere, nahm es, betrachtete es, und küßte mit einer Rührung, die leicht erklärlich ist, den noch warmen Kadaver.
– Woran ist er gestorben? fragte Tristan, indem er Louise ansah.
– Ich weiß es nicht; als ich ihm diesen Morgen sein Futter bringen wollte, lag er auf dem Boden seines Käfigs.
– Sonderbar; er war doch gestern nicht krank. Tristan öffnete das geschlossene Auge des Thieres.
– Das Auge ist verglast, sprach er, man sollte glauben, dieser Papagei sei vergiftet.
– Vergiftet! antwortete Louise; von wem?
– Das möchte ich auch wissen. Wo ist ein Käfig?
– In dem Speisesaale. Tristan ging nach dem von Louise bezeichneten Orte und untersuchte die Gefäße, worin sich die Futterkörner und das Wasser befanden. Er tauchte seinen Finger in das Wasser und brachte ihn an die Lippen.
– Dieses Wasser ist vergiftet! sprach er.
– Dieses Wasser? rief Louise erbleichend.
– Ja, dieses Wasser!
– Sind Sie davon überzeugt?
Tristan erneuerte die Probe.
– Ganz gewiß! rief er.
– Das ist nicht möglich rief Louise und sank in die Knie.
– Warum?
– Ich habe dieses Wasser in das Gefäß gegossen.
– Woher haben Sie es genommen?
– Herr Mametin gab es mir, um es auszuschütten, es sei bitter, sagte er.
Tristan ward bleich.
– Haben Sie Herrn Mametin diesen Morgen schon gesehen?" fragte er Louise.
– Nein.
– Hat er noch nicht gerufen?
– Nein.
– Auch in der Nacht nicht?
– Nein.
– Hat er von diesem Wasser getrunken?
– Ein großes Glas.
– Gehen Sie schnell in sein Zimmer, sprach Tristan.
– Mit Ihnen?
– Nein, allein. Ich werde hier warten.
– Louise wagte nicht, ihren Platz zu verlassen.
– Eilen Sie, eilen Sie, mahnte Tristan, er hat vielleicht noch Zeit, Ihnen etwas zu sagen.
Louise ging. Eine Sekunde später klopfte sie mit gepreßtem Herzen an die Thür des Doctors; es erfolgte aber keine Antwort. Hierauf öffnete sie die Thür, und Tristan, der einige Stufen der Treppe erstiegen hatte, hörte plötzlich einen Schrei und das Geräusch, das ein Körper verursacht, wenn er zu Boden fällt. Hastig eilte er in das Zimmer, in das Louise gegangen war.
Diese lag ohnmächtig am Boden und hielt in der Hand ein Papier, das sie auf Herrn Mametin’s Bette gefunden hatte und folgende Worte, von der Hand des Doctors geschrieben, enthielt:
»Es ist besser, daß Tristan nicht reist.«
Herr Mametin war todt.
Schluß
Seit den Ereignissen, die wir dem Leser mitgetheilt haben, waren drei Monate verflossen, als Louise und Tristan, schwarz gekleidet, in einem Zimmer des Hotel Maurice zu Paris das Mittagessen eingenommen hatten. Ein Diener trat ein und meldete:
– Herr Wilhelm.
– Willkommen, besten Freund! rief Tristan. Es ist lange her, daß wir uns nicht gesehen haben.
Wilhelm, blässer und viel besser gekleidet, als wir ihn früher gekannt, küßte mit großem Anstande die Hand, welche ihm Louise reichte, und ließ sich an Tristan’s Seite nieder.
– Ich habe gehört, daß Sie morgen abreisen, sprach er.
– Es ist wahr.
– Würden Sie diese Reise wohl um einige Tage aufschieben?
– Wenn Ihnen ein Dienst damit geleistet wird, gern.
– Das ist es eben.
– So bin ich der Ihrige, bester Freund. Was kann ich thun?
– Sie sollen mir als Zeuge dienen.
– Wollen Sie sich schlagen?
– Nein, ich verheirathe mich.
– Ah! Und mit wem?
– Mit einem reizenden jungen Mädchen, das ich liebe und das mich ein wenig wieder liebt, wie ich glaube.
– Und die frühere Liebe?
– Ich werde Ihnen später alles erzählen; für jetzt theile ich Ihnen nur mit, daß ich davon geheilt bin.
– Dann bin ich zufrieden.
– Aber dies ist noch nicht alles. Ich muß Sie meiner künftigen Schwiegermutter vorstellen.
– Wann?
– Ich komme, um Sie zu holen.
– Sogleich?
– Ja.
– Ich kleide mich an und bin der Ihrige.
Tristan ging in sein Zimmer und ließ Wilhelm und Louise allein.
– Sie zürnen mir doch nicht, daß ich eine Verzögerung Ihrer Reise herbeiführe, Madame?
– Durchaus nicht, mein Herr; ich kenne und theile die Freundschaft meines Mannes für Sie.
– Tausend Dank, Madame! Wohin gehen Sie?
– Nach Italien. Eine Caprice veranlaßt mich, das Land, welches jeder von uns allein bereist hat, in Gesellschaft meines Mannes noch einmal zu besuchen, um die verschiedenen Eindrücke, die wir dort gehabt, gemeinschaftlich zu empfinden.
– Ich bin bereit, sprach Tristan, der völlig angekleidet aus seinem Zimmer trat. Gehen wir weit?
– Zu den Italienern.
– Ah, ist Ihre künftige Familie dort?
– Ja.
– Giebt man eine neue Oper?
– Ja. Auch debütiert eine große Sängerin.
– Wie heißt sie?
– Ich glaube Lea. Louise sah Tristan an.
– Ich bin überzeugt, sprach sie, daß wir einen Eindruck in Mailand weniger zu erwarten haben.
Tristan lächelte bei dieser Erinnerung Louise’s, welcher der Impresario, wie sich der Leser erinnern wird, die Liaison Lea’s und Fabiano’s erzählt hatte.
Wilhelm, welcher diesen Abschnitt aus Tristan’s Leben nicht kannte, verstand nichts von diesem Gespräche.
– Sie werden doch nicht hinter die Coulissen gehen? fragte Louise Tristan, indem sie ihm ihre Stirn bot.
– Sei ohne Sorge.
– Die beiden jungen Leute fliegen die Treppen hinab.
– Nun, sprach Tristan, ist mit Madame Van-Dick alles vorbei?
– Auf immer, mein Freund! Dieses lächerliche Verhältniß wird mir ein ewiger Gewissensbiß bleiben. Sie müssen mich für sehr dumm gehalten haben.
– Ich habe Sie lieber wie sie sind, als wie Sie waren. Doch kurz und bündig, was ist aus ihr geworden?
– Sie ist nach Amsterdam zurückgekehrt und bringt dem Herrn Van-Dick einen neuen Commis mit, der schon damals engagiert war, als ich nach dem Tode des Herrn Mametin meiner Reiselust nicht widerstehen konnte und hier in Paris ankam. Uebrigens wissen Sie dieses alles eben so gut, als ich.
– Machen Sie eine gute Parthie?
– Sie werden sich überzeugen.
Einige Augenblicke später traten die beiden jungen Männer in eine der ersten Logen der italienischen Oper, und Wilhelm stellte wirklich einen Freund Tristan einer alten Dame vor, welche von ihrem Manne und von ihrer Tochter begleitet war. Die beiden Männer begrüßten sich gegenseitig.
Tristan betrachtete nun die bunte, elegante Menge, welche er seit langer Zeit nicht gesehen hatte. Da gewahrte er in einer Loge, welche sich der einigen fast gegenüber befand, eine Dame, die ihn lorgnettierte und hinter ihrer Lorgnette lächelte. Als sie nach kurzer Zeit die Lorgnette senkte, erkannte Tristan Henriette von Lindsay, welche ihm auf diese Weise zu erkennen gab, daß er sich in ihrer Loge, worin sie sich mit einer andern Dame allein befand, ihr vorstellen könne.
Nach dem Wilhelms Schwiegermutter Tristan zu der Unterzeichnung des Contractes eingeladen hatte, bat unser Freund um die Erlaubniß, sich zurückziehen zu dürfen. Kaum war diese Loge geschlossen, als er sich die Henriettes öffnen ließ.
– Zürnen Sie mir noch immer? fragte sie lächelnd.
– O nein, antwortete Tristan, indem er die dargebotene Hand küßte.
– Ich habe Sie schmerzlich vermißt.
– Wahrhaftig?
– Auf Ehre! Ihr Freund war langweilig bis zum Umkommen.
– Unser Freund, wollen Sie sagen.
– Aber warum haben Sie die ganze Sache so ernst genommen?
– Weil ich verliebt war.
– Und jetzt?
– Bin ich verheiratet.
– Ist sie wiedergefunden?
– Ja, und wenn Sie Aufträge nach Italien haben, so beehren Sie mich damit, ich reise in einigen Tagen ab.
– Soll ich Ihnen mein Haus am lago maggiore leihen? fragte Henriette lächelnd.
– Spötterin!
– Hat er Ihnen nicht einen Degenstich versetzt?
– Henry? Ja.
– Er hat es mir erzählt; ich habe herzlich darüber gelacht.
– Sehr verbunden!
– Aber Sie sind gerächt, Herr Tristan.
– Wie?
– Wissen Sie nicht, was ihm begegnet ist?
– Nein.
– Er sollte sich verheirathen.
– Ist mir bekannt.
– Wie es schien, hatte er seinen Vater wiedergefunden. Er reist also ab, um den Urheber seines Lebens zu umarmen, kommt zurück und findet eine Braut mit einem andern verheirathet.
– Armer Teufel! Er wird nur einmal in seinem Leben glücklich gewesen sein.
– Ich danke Ihnen, sprach Henriette; ich werde mich dieser Worte erinnern. Und wissen Sie, was er nun gethan hat?
– Nein.
– Er ist in der größten Verzweiflung nach seinem Schlosse von Enghera abgereist. Wenn Sie in diese Gegend kommen, können Sie ihn besuchen.
– Ich werde ausdrücklich diesen Weg einschlagen. Armer Henry!
– Und nun leben Sie wohl.
– Sie jagen mich fort?
– Ja
Dieses »Ja« sprach Henriette, indem sie die Lorgnette an ihre Augen setzte.
Tristan verfolgte die Richtung der Hand und sah einen jungen Mann, der so eben ankam und mit dem Blicke der antwortete, die er hinter dieser Lorgnette vermuthete.
– Noch ein Wort, sprach Tristan.
– Reden Sie.
– Ist diese Lea, welche heute Abend debütiert, dieselbe, die früher vor Ihrem Hotel gesungen hat?
– Ja, sie ist es.
– Und auch dieselbe, welche sich weigerte, Ihre Briefe zu befördern?
– Ganz recht. Wer hat Ihnen dieses alles erzählt?
– Sie selbst.
– So kennen Sie die Sängerin?
– Ich habe sie in Mailand kennen gelernt. Henriette warf Tristan einen Blick zu, hinter den man ein sehr bedeutungsvolles Fragezeichen hätte setzen können.
– Ja, antwortete der junge Mann.
– Gehen Sie zu ihr, um sie zu begrüßen?
– Das ist unnütz.
– Aber Sie interessieren sich doch noch für sie?
– Wie meinen Sie das?
– Für ihr Glück, meine ich damit.
– Ja.
– Nun, sie hat den ersten Act bewunderungswürdig gesungen, und jedes mal, so oft man ihr applaudierte, sah sie jenen jungen Mann an, der im Orchester den dritten Stuhl einnimmt. Und nun Adieu! Kehren Sie nach Paris zurück, so besuchen Sie mich.
– Bewohnen Sie immer noch dieselbe Wohnung?
– Noch immer. Tristan verbeugte sich und ging.
– Wer ist dieser Herr? fragte die Dame, welche mit in Henriette"s Loge war, ich kenne ihn nicht.
– Die Antwort auf diese Frage ist eine ganze Geschichte, die ich Dir später erzählen werde. In derselben Zeit gab Henriette dem jungen Manne, den sie vorhin durch die Lorgnette angesehen, ein kaum merkliches Zeichen, daß er kommen möge. Einige Minuten später sprach er zu Henriette:
– War nicht ein Herr hier in der Loge?
– Ja.
– Wer ist er?
– Obgleich ich diesen Herrn fast gar nicht kenne, so habe ich doch stets große Noth, ihn los zu werden, so oft er mir begegnet, sprach Henriette mit einer sehr gleichgültigen Miene.
Acht Tage später war Wilhelm verheirathet und Louise und Tristan befanden sich auf der Straße nach Italien.
Wie unser Held gesagt, stattete er einen Besuch auf dem Schlosse von Enghera ab. Er bestieg also mit Louise die Ruinen, die wir bereits kennen, und fand jenen greisen Diener vor, welchen Henry von Saint-Ile in sein Testament gesetzt hatte.
– Wen suchen Sie, mein Herr? fragte der gute alte Mann, der Tristan nicht wiedererkannte.
– Herrn Henry von Saint-Ile.
– Herrn Mametin, wollen Sie sagen?
– Ja, antwortete Tristan.
– Er ist todt, mein Herr.
– Todt? rief Tristan bewegt und überrascht.
– Ja.
– Erzählen Sie! —
Es scheint, daß ihn außer dem Tode seines Vaters, den er kaum wiedergefunden hatte, noch ein anderes Unglück betroffen hat. Er kam zurück, um sich hier, wie früher, einzuschließen. Eines Morgens sah ich ihn nicht, wie gewöhnlich, erscheinen, deshalb trat ich in ein Zimmer. Er war ausgegangen und sein Bett stand unberührt da. Anfangs dachte ich, er habe die Nacht im Gebirge zugebracht, wie es öfter zu geschehen pflegte; als er aber zu lange ausblieb, ging ich, um ihn zu suchen. Da fand ich denn meinen armen Herrn an einem Baumzweige aufgehängt. Hat er sich nun selbst entleibt, oder ist er gewaltsam ermordet, ich weiß es nicht. Mit Hilfe einiger guten Bauern habe ich ihn begraben. Sehen Sie, mein Herr, schloß der Greis, hier ist sein Grab.
Bei diesen Worten deutete er auf einen kleinen mit Rasen bedeckten Hügel.
Louise kniete auf dem Grabe nieder. Indem sie sich wieder erhob, pflückte sie eine Margarethenblume und verbarg sie in ihrem Busen.
– Armer Freund! sprach Tristan.
– Ach ja, mein Herr, beklagen Sie ihn, sprach der Greis. Man weiß wahrhaftig nicht, warum Gott erlaubt, daß es solche arme Geschöpfe giebt, die bei ihrer Geburt, in ihrem Leben und in ihrem Tode verflucht sind.
Der gute Mann wischte mit seinem Rockärmel eine Thräne ab, die ihm in das Auge trat.
– Wann haben Sie einen Körper aufgefunden? fragte Tristan.
– Am dreizehnten des letzten Monats, antwortete der Greis, am Morgen eines Freitags.
– Freitags? rief Tristan.
– Ja.
– Da sollte man wirklich an ein Verhängniß glauben, sprach der junge Mann.
– Und an die Vorsehung, fügte Louise hinzu, indem sie ihrem Gatten die Stirn zum Kuß reichte. Nachdem Beide noch einmal Abschied von Henry’s Grabe genommen, stiegen die Hand in Hand den Berg wieder hinab. Von Zeit zu Zeit sahen sie sich um, als ob sie das Andenken dieser Gegend und der Vergangenheit, die sie hinter sich ließen, tief ihrem Geiste einprägen wollten.