Czytaj książkę: «Capitän Richard»
Erster Theil
I.
Der spanische Katechismus
Etwa fünfzehn Stunden von München, das in den Reisehandbüchern eine der höchstgelegenen Städte nicht nur Baierns, sondern Europa’s genannt wird, fünf Stunden von Augsburg, der altberühmten Reichsstadt, wo 1530 das lutherische Glaubensbekenntnis von Melanchthon entworfen wurde, zwanzig Stunden von Regensburg, wo von 1662 bis 1806 die deutschen Reichsstände versammelt waren, erhebt sich die kleine Stadt Donauwörth, wie ein vorgeschobener Posten die Donau überragend.
Vier Landstraßen vereinigen sich in dem uralten Städtchen, wo Herzog Ludwig der Strenge auf einen ungegründeten Verdacht hin die unglückliche Maria von Brabant enthaupten ließ. Zwei dieser Straßen führen über Nördlingen und Dillingen nach Stuttgart und Frankreich, die beiden andern vermitteln den Verkehr mit Oesterreich. Die beiden ersten laufen am linken Donauufer bin; die beiden andern, am rechten Ufer, vereinigen sich bei Donauwörth zu einer einfachen hölzernen Brücke.
Jetzt hat das Städtchen durch die Eisenbahn und die Dampfschifffahrt eine gewisse Wichtigkeit erlangt und es herrscht ein ziemlich reges Leben, aber im Anfange dieses Jahrhunderts war es noch nicht so.
Der alte Ort, der in gewöhnlichen Zeiten von der Göttin der Einsamkeit und von dem Gott des Schweigens zur Residenz erkoren schien, bot indeß am 17. April 1809 ein für die zweitausendfünfhundert Einwohner so ungewohntes Schauspiel, daß mit Ausnahme der Wiegenkinder und der lahmen Greise die ganze Bevölkerung auf den Beinen war und insbesondere die Gasse, bei der sich die von Stuttgart kommenden Landstraßen vereinigten, und den Schloßplatz anfüllten.
Am 13. April Abends hatten drei Postchaisen, von Packwagen begleitet, vor dem Gasthofe »zum Krebs« angehalten. Aus dem ersten Reisewagen war ein General gestiegen, der, wie der Kaiser, einen kleinen Hut, und über seiner Uniform einen grauen Rock trug; aus dem andern war ein ganzer Generalstab hervorgekommen Es hatte sich das Gerücht verbreitet, der Sieger von Marengo und Austerlitz habe in dem bevorstehenden Feldzuge gegen Oesterreich das Städtchen Donauwörth zum Mittelpunkt seiner Operationen erkoren.
Dieser General, der von Neugierigen am Gasthofsfenster als ein Mann von sechs- bis siebenundfünfzig Jahren erkannt wurde, war nach der Behauptung Wohlunterrichteter der alte Kronmarschall Berthier, Fürst von Neuchâtel, und man versicherte, der Kaiser werde in zwei bis drei Tagen nachfolgen. Er hatte in der Nacht nach seiner Ankunft nach allen Richtungen Couriere abgeschickt und eine Zusammenziehung von Truppen angeordnet, die schon am folgenden Tage begann. Man hörte in und um Donauwörth nur Trommelwirbel und Trompetenstöße, und von allen vier Himmelsgegenden rückten baierische, würtembergische und französische Regimenter an.
Vor Allem ein Wort über die beiden alten Feinde Frankreich und Oesterreich, und über die Umstände, die den zwischen Napoleon und dem Kaiser Franz II. geschlossenen Pressburger Frieden gebrochen hatten und nun das sonst so stille Städtchen mit Kriegslärm erfüllten.
Der Kaiser Napoleon war mit Spanien im Kriege. Der Vertrag von Amiens war nemlich nur ein Jahr in Wirksamkeit gewesen; England hatte den König Johann VI. Von Portugal bewogen, seine gegen den Kaiser der Franzosen übernommenen Verpflichtungen zu brechen. Als Napoleon die Nachricht erhielt, schrieb er nur folgende mit seinem Namen unterzeichnete Zeile: »Das Haus Braganza hat aufgehört zu regieren.« Johann VI. aus Europa vertrieben, mußte sich über den atlantischen Ocean flüchten und in den portugiesischen Colonien eine Zuflucht suchen.
Camoëns hatte bei dem Schiffbruch, den er an der Küste von Cochinchina litt, sein unsterbliches Gedicht gerettet, das er mit der einen Hand hielt, während er mit der andern schwamm. Johann VI. war gezwungen, in dem Sturme, der ihn nach Rio-Janeiro trieb, seine Krone loszulassen. Er fand jenseits des Oceans freilich eine andere und ließ sich zum Ersatz für sein europäisches Königreich zum Kaiser von Brasilien ausrufen.
Die französischen Heere marschirten durch Spanien und nahmen Portugal in Besitz. Junot wurde zum Gouverneur ernannt. Portugal war so unbedeutend, daß man nur einen Gouverneur an die Spitze der Verwaltung stellte.
Aber die Pläne des Kaisers beschränkten sich keineswegs auf den Besitz des Ländchens. Der Preßburger Friede, der Oesterreich nach der Schlacht bei Austerlitz aufgenöthigt worden war, hatte Eugen Beauharnais zum Vicekönig von Italien gemacht; der Tilsiter Vertrag, der Preußen und Rußland nach der Schlacht bei Friedland aufgenöthigt worden war, hatte Hieronymus Bonaparte zum Könige von Westphalen gemacht: es handelte sich darum, Joseph zu entfernen und Murat an seine Stelle zu setzen.
Die Vorkehrungen waren getroffen. Ein geheimer Artikel des Vertrages von Tilsit ermächtigte den russischen Kaiser, Finnland in Besitz zu nehmen, und den französischen Kaiser, sich Spaniens zu bemächtigen. Man mußte nur eine günstige Gelegenheit abwarten. Diese fand sich bald. Murat war mit geheimen Instructionen in Madrid geblieben. König Carl IV. beklagte sich sehr über die Zerwürfnisse mit seinem Sohne, der ihn zur Abdankung gezwungen hatte und unter dem Namen Ferdinand VII. sein Nachfolger geworden war.
Murat rieth Carl IV., sich an seinen Bundesgenossen Napoleon zu wenden. Carl IV., der nichts mehr zu verlieren hatte, nahm den Schiedsspruch mit Dank an; Ferdinand VII., »der nicht der Stärkere war, willigte ungern und mit banger Besorgniß ein.
Murat überredete Vater und Sohn, sich nach Bayonne zu begeben, wo Napoleon sie erwartete. Sobald sie in der Höhle des Löwen waren, wurde die streitige Angelegenheit rasch entschieden. Carl IV. legte zu Gunsten Josephs die Krone nieder, da Ferdinand VII. derselben nicht würdig sey. Napoleon ergriff nun mit der rechten Hand den Vater, mit der linken den Sohn, und schickte den Ersten in das Schloß zu Compiègne, den Zweiten in das Schloß zu Valancay.
Joseph verließ Neapel, und Murat, der die ganze spanische Angelegenheit geleitet hatte, erhielt den Thron beider Sicilien zum Geschenk.
Rußland war ganz damit einverstanden, denn dieses Manöver war ja mit seinem Wissen ausgeführt worden und es bekam überdies seine Entschädigung; aber England, das nur das Continentalsystem gewann, war keineswegs zufrieden;es richtete seine gierigen Blicke auf Spanien und hielt sich bereit, den ersten Aufstand zu benutzen.
Dieser Ausstand ließ nicht lange auf sich warten. Am 27. Mai 1808 brach der Aufruhr an zehn verschiedenen Punkten aus, namentlich in Cadiz, wo die französische Flotte, die sich nach der Niederlage bei Trafalgar dahin geflüchtet hatte, von den Insurgenten in Besitz genommen wurde.
In wenigen Wochen verbreitete sich nun durch ganz Spanien der folgende Katechismus:
Wer bist Du, mein Sohn?
Spanier von Gottes Gnaden.
Was meinst Du damit?
Ich meine damit, daß ich ein Ehrenmann bin.
Wer ist der Feind unserer Glückseligkeit?
Der Kaiser der Franzosen.
Was ist der Kaiser der Franzosen?
Ein Unhold, der Urheber alles Bösen, der Zerstörer aller Güter, der Sitz aller Laster.
Wie viele Naturen hat er?
Zwei: die menschliche und die teuflische Natur.
Wie viele Kaiser der Franzosen gibt es?
Einen wirklichen in drei trügerischen Personen.
Wie heißen sie?
Napoleon, Murat und Manuel Godoy.
Welcher von den dreien ist der böseste?
Sie sind alle drei gleich schlecht.
Wovon stammt Napoleon ab?
Von der Sünde.
Und Murat?
Von Napoleon.
Und Godoy?
Von der unreinen Vermischung Beider?
Wie heißt der Geist des Ersten?
Hoffart und Despotismus.
Und des Zweiten?
Raubsucht und Grausamkeit.
Und des Dritten?
Habgier, Verrath und Unwissenheit.
Was sind die Franzosen?
Vormalige Christen, die Ketzer geworden sind.
Welche Strafe verdient der Spanier, der seine Pflichten verletzt?
Den Tod und die Schmach der Verräther.
Wie müssen sich die Spanier aufführen?
Nach den Vorschriften unsern Herrn Jesus Christus.
Wer wird uns von unsern Feinden befreien?
Das gegenseitige Vertrauen und die Waffen
Ist es Sünde, einen Franzosen umzubringen?
Nein; im Gegentheil, man verdient den Himmel, wenn man einen dieser ketzerischen Hunde todtschlägt.
Das waren sonderbare Grundsätze, aber sie standen im Einklange mit der Rohheit und Unwissenheit des Volkes, das dieselben in Anwendung brachte. Die Folge davon war eine allgemeine Erhebung und das Resultat der letzteren war die Capitulation von Baylen, das ist die erste Schmach, die unsere Heere seit 1792 erlitten.
Die Capitulation war am 22. Juli geschlossen worden. Am 31. landete eine englische Armee in Portugal. Am 21. August wurde die Schlacht von Vimeiro geliefert, wo die Franzosen zwölf Geschütze und fünfzehnhundert Todte und Verwundete verloren. Endlich am 30. folgte der Vertrag von Cintra, der Junot und seine Armee nach Frankreich heimschickte.
Diese Nachrichten brachten in Paris eine furchtbare Wirkung hervor Napoleon wußte dem Unglück nicht anders abzuhelfen als durch seine Gegenwart. Er hatte Recht; Gott war noch mit ihm und sein Glücksstern noch nicht untergegangen; die Wunder von Rivoli, von den Pyramiden, von Marengo, Austerlitz, Jena, Friedland sollten sich auf spanischem Boden wiederholen. Er drückt dem Kaiser Alexander die Hand, versichert sich der Freundschaft Preußens und Oesterreichs, die der neue König von Sachsen von Dresden und der neue König von Westphalen von Cassel aus überwachten, bringt achtzigtausend alte Soldaten aus Deutschland mit, hält auf dem Durchmarsch in Paris an, um dem gesetzgebenden Körper anzuzeigen, daß die Adler bald auf den Thürmen von Lissabon flattern werden, und setzt seinen Marsch nach Spanien fort.
Am 4. überschreitet er die spanische Grenze; am 10. nehmen die Marschälle Soult und Bessières die Festung Burgos, erobern zwanzig Kanonen, metzeln dreitausend Spanier nieder und machen eben so viele Gefangene. Am 12. vernichtet der Marschall Victor das Heer La Romana’s und Black’s bei Espinosa, tödtet ihnen achttausend Mann und zehn Generale, macht zwölftausend Gefangene und nimmt ihnen fünfzig Kanonen. Am 20. vernichtet der Marschall Lannes bei Tutela die unter Palafor und Castasios stehenden Armeen, nimmt ihnen dreißig Kanonen, macht dreitausend Gefangene und tödtet viertausend Mann
Die Straße nach Madrid war frei. Dem Einzuge in die Residenz Philipps V. stand kein Hinderniß mehr im Wege; der Erbe Ludwigs XIV. wußte den Weg nach allen Hauptstädten zu finden. Ueberdies kam ihm eine Deputation der Stadt Madrid entgegen, um ihm ihre Huldigungen darzubringen und ihn demüthigst um Gnade zu bitten.
Treten Sie auf die Plattform des Escorial, Sire, und lauschen Sie: auf allen Seiten werden Sie nichts als Siegesecho vernehmen. Hören Sie nur: Der Ostwind bringt das Getöse der Kämpfe bei Cardeden, Elinas, Lobregat, San Felice und Molino del Rey – fünf neue Namen in unsere Jahrbücher zu schreiben, und in Catalonien kein Feind mehr. – Auch der Westwind, Sire, wird Ihren Ohren gar lieblich schmeicheln; er weht von Galicien herüber und meldet Ihnen, daß Soult die Nachhut Moore’s geschlagen und eine spanische Division entwaffnet hat; noch mehr, er hat die:Engländer auf ihre Schiffe zurück getrieben, die ihre Segel aufgespannt haben und verschwunden sind; ihr Oberbefehlshaber und zwei Generale liegen todt auf der Wahlstatt. Und der Nordwind bringt Ihnen die Kunde von der Einnahme Saragossa’s; man hat achtundzwanzig Tage gekämpft, ehe man in die Stadt drang, und achtundzwanzig Tage noch kämpfte man von Haus zu Haus, wie in Sagunt, wie in Numantia und Calahorra. Männer, Weiber, Kinder, Greise, Priester haben gekämpft; Jetzt sind die Franzosen Herren von Saragossa, oder vielmehr der Trümmer der vormaligen Stadt. Und der Südwind, Sire, bringt Ihnen die Kunde von der Einnahme von Oporto; der Ausstand ist in Spanien gedämpft, wenn nicht unterdrückt; Portugal ist besetzt, wenn nicht wieder erobert. Sie haben Wort gehalten, Sire, Ihre Adler flattern auf den Thürmen von Lissabon .
Aber wo sind Sie denn, Sire, und warum sind Sie so schnell wieder fortgeeilt? – Ja, richtig, die Engländer, Ihre Erbfeinde, haben Oesterreich durch trügerische Vorspiegelungen verführt: Sie wären fünfhundert Meilen entfernt, Sie könnten Ihre Streitkräfte nicht entbehren, der Augenblick sey günstig; der Papst Pius Vll. hat Sie in den Bann gethan, wie einst Heinrich IV. von Deutschland und Philipp August von Frankreich; man müsse diesen Augenblick benützen, um Ihnen Italien zu nehmen, und Sie aus Deutschland zu vertreiben.
Und Oesterreich hat es geglaubt, es hat hunderttausend Mann unter die Waffen gerufen und unter den Befehl der Erzherzoge Carl, Ludwig und Johann gestellt. Ziehet hin,meine schwarzen Adler, hat es ihnen zugerufen, und zerreißet die rothen Adler Frankreichs
Am 17. Jänner reiste Napoleon zu Pferde von Vallavolid ab; am 18. kam er nach Burgos, am 19. nach Bayonne. Dort nahm er einen Wagen, und als ihn Jedermann noch in Altcastilien glaubte, klopfte er am 22. um Mitternacht an das Thor der Tuilerien und begehrte Einlaß. Man staunte, den künftigen Sieger von Eckmühl und Wagram zu sehen.
Der künftige Sieger von Eckmühl und Wagram war übrigens in sehr übler Laune, als er nach Paris kam. Er hatte wohl Ursache dazu. Der spanische Krieg, den er für ersprießlich gehalten hatte, war ihm zuwider, aber einmal begonnen hatte er wenigstens den Vortheil, die Engländer auf den Continent zu locken.
Wie der afrikanische Riese, fühlte sich Napoleon wirklich stark, wenn er die Erde berührte. Wäre er Themistokles gewesen, würde er die Perser in Athen erwartet und Athen nicht in den Golf von Salamis verlegt haben. Die Glücksgöttin, die ihm stets treu gewesen war, die ihn von der Etsch bis zum Nil, vorn Niemen bis zum Manzanares begleitet, hatte ihn bei Abukir verlassen, bei Trafalgar verrathen.
Und in dem Augenblicke, als er drei Siege über die Engländer errungen, als er ihnen zwei Generale getödtet, den dritten verwundet, als er sie übers Meer zurückgetrieben, wie es einst Hektor in Achills Abwesenheit mit den Griechen gemacht hatte, – in einem solchen Moment sah er sich auf einmal gezwungen, die Halbinsel zu verlassen.
Es war zwei Uhr nach Mitternacht, als er die Tuilerien betrat, aber er warf kaum einen Blick auf sein Bett und ging aus seinem Schlafgemach in sein Arbeitszimmer.
»Man wecke den Großkanzler,« sagte er, »und benachrichtige den Polizeiminister, den Oberkämmerer, daß ich sie erwarte – den Ersteren um vier, den Andern um fünf Uhr.«
»Soll Ihre Majestät die Kaiserin von Höchstdero Ankunft in Kenntniß gesetzt werden?« fragte der Thürsteher, dem dieser Befehl ertheilt wurde.
Napoleon sann einen Augenblick nach.
»Nein,« sagte er, »ich wünsche zuvor den Polizeiminister zu sprechen. Bis zu seiner Ankunft soll mich Niemand stören, ich will schlafen.«
Der Thürsteher entfernte sich und Napoleon blieb allein.
»Ein Viertel auf drei,« sagte er auf die Tischuhr blickend, »nur halb drei Uhr will ich aufmachen.«
Er warf sich in einen Lehnstuhl, ließ die linke Hand auf der Seitenlehne ruhen, steckte die rechte in die Weste, schloß die Augen, seufzte leise und schlief ein.
Napoleon besaß wie Cäsar die seltene Gabe, einzuschlafen wo er konnte und wann er wollte, und so lange zu schlummern, wie es seine Zeit erlaubte. Wenn er gesagt hatte: ich will eine Viertelstunde schlafen, so war er gemeiniglich schon wach, wenn der Adjutant, der Thürsteher oder Secretär, der ihn wecken sollte, zu der bestimmten Stunde erschien. Ein anderer seltener Vorzug war, daß er, ohne in einen Zwischenzustand zwischen Schlaf und Wachen zu treten, augenblicklich vollkommen wach war; sobald er seine Augen aufschlug, waren seine Gedanken so klar und bestimmt wie vor dem Entschlafen.
Kaum hatte sich daher die Thür hinter dem Palastdiener, der die drei Staatsmänner rufen sollte, geschlossen, so schlief Napoleon schon, und sonderbar! keine Spur der Leidenschaften, die an ihm nagten, war auf seinem Gesichte zu sehen.
Eine einzige Wachskerze brannte im Zimmer. Als der Kaiser den Wunsch geäußert, einige Minuten zu schlafen, hatte der Thürsteher die beiden Armleuchter fortgetragen, deren zu helles Licht den kurzen Schlummer Napoleons hätte stören können. Er hatte nur den Handleuchter, mit welchem er die Kerzen angezündet, da gelassen.
Das Zimmer war daher nur matt erhellt, und die Gegenstände hatten in diesem Halbdunkel ein phantastisches Aussehen. Ein solches Halbdunkel suchen die Traumgötter die den Schlummer stören, oder die Gespenster, welche die Reue wecken.
Ein solcher Traumgott schien dieses helle Dunkel oder diese dunkle Helle erwartet zu haben, denn kaum hatte Napoleon die Augen geschlossen, so hob sich der Tapetenvorhang, der eine kleine geheime Thür verbarg, und es erschien eine weiße Gestalt, die in ihrem leichten Gewande und mit ihren schwebenden geräuschlosen Bewegungen einer überirdischen Erscheinung glich.
Die weiße Gestalt verweilte einen Augenblick in der dunklen Thür, dann ging sie leise auf den Schläfer zu, streckte aus ihrem leichten Gewande die schöne weiße Hand hervor und legte sie auf die Rücklehne des Sessels, dicht neben das Haupt, das einem römischen Imperator anzugehören schien.
Dann betrachtete sie das schöne ruhige Antlitz eine Weile mit unaussprechlicher Zärtlichkeit, seufzte leise, legte die linke Hand auf ihr Herz, um die ungestümen Schläge desselben zu dämpfen, neigte sich langsam und den Athem anhaltend und berührte die Stirne des schlafenden Kaisers mehr mit ihrem Hauch als mit ihren Lippen. Bei dieser Berührung, wie leicht sie auch war, zuckten die Muskeln dieses Gesichtes, das bis dahin so unbeweglich gewesen war wie ein Wachsbild. Die weiße Gestalt wich schnell zurück.
Diese Bewegung war übrigens kaum bemerkbar und dauerte nur einen Augenblick. Das ruhige Antlitz; das durch diesen Hauch der Liebe leicht bewegt worden war, wie das spiegelglatte Wasser eines Sees durch die säuselnde Abendluft, nahm seine vorige Heiterkeit und Unbeweglichkeit wieder an; die Gestalt trat an den Schreibtisch, schrieb einige Worte auf ein Blatt Papier, wandte sich wieder zu dem Schläfer, schob das Papier in die Weste, dicht neben seine Hand, die fast eben so weiß und so zart war wie die ihrige und verschwand eben so geräuschlos wie sie gekommen war.
Einige Secunden nach dem Verschwinden dieser Erscheinung und als die Tischuhr eben halb drei schlagen wollte, erwachte der Kaiser und zog die Hand aus der Weste.
Die Uhr schlug. – Napoleon lächelte, wie Augustus gelächelt haben würde, als er sah, daß er sich im Schlafe wie im Wachen zu beherrschen wußte, und nahm ein Papier auf, das er aus der Weste gerissen und zu Boden geworfen hatte.
Auf dem Papiere bemerkte er einige geschriebene Worte und näherte sich dem Lichte; aber er hatte die Schriftzüge erkannt, bevor er sie entziffern konnte. Er seufzte und las:
»Du bist da. Ich habe Dich geküßt, das ist mir genug. Deine Dich über Alles Liebende.«
»Josephine!« sagte er gerührt, und sah sich um, als hätte er erwartet, sie im Hintergrunde des Zimmers erscheinen zu sehen. Aber er war allein.
In diesem Augenblicke ging die Thür auf, der Thürsteher trat mit den beiden Armleuchtern ein und meldete:
»Se. Excellenz der Herr Erzkanzler.«
Napoleon stand auf, lehnte sich an das Camin und wartete.
Hinter dem Thürsteher erschien die eben gemeldete hohe Person.
II.
Drei Staatsmänner
Regis de Cambacérès war damals ein Mann von sechsundvierzig bis siebenundvierzig Jahren, also vier bis fünf Jahre älter als Napoleon. Er war sanft und wohlwollend von Charakter und ein gelehrter Jurist. Er war anfangs Steuerrath gewesen und 1792 Mitglied des Convents geworden. Am 19. Jänner 1793 hatte er für den Aufschub der Hinrichtung des Königs gestimmt, und 1794 war er Präsident des Wohlfahrtsausschusses geworden. Im Jahre1795 hatte er das Portefeuille der Justiz erhalten; 1799 hatte ihn Bonaparte zum zweiten Consul gewählt, und endlich im Jahre 1804 war er zum Erzkanzler ernannt, zum Reichsfürsten erhoben und mit dem Titel eines Herzogs von Parma beschenkt worden.«
Cambacérès war von mittler Größe und zur Beleibtheit geneigt; dabei ein Feinschmecker, elegant, vornehm in Haltung und Benehmen. Er hatte sich die Hofmanieren mit ungemeiner Schnelligkeit und Leichtigkeit angeeignet und sich dadurch beidem großen Erneuerer des socialen Gebäudes sehr beliebt gemacht.
Ueberdies hatte er in den Augen Napoleons noch ein anderes Verdienst. Cambacérès hatte wohl eingesehen, daß der große Mann, dereinst sein vertrauter Freund gewesen und nun sein Monarch geworden war, Anspruch auf seine Ehrerbietung hatte. Ohne gerade unterwürfig zu seyn, ohne sich zum Schmeichler herabzuwürdigen, beobachtete er gegenüber dem Erwählten des Schicksals, der damals in ganz Europa gefürchtet wurde, die Haltung eines aufrichtigen Bewunderers.
Eine Viertelstunde hatte ihm genügt, um eine Toilette zu machen, die in einem Kreise von Hofleuten tadellos gewesen wäre, und obgleich mitten im Schlafe geweckt, erschien er um halb drei Uhr Früh eben so heiter und munter, als ob ihn der Kaiser um sieben Uhr Abends, nach dem Diner hätte rufen lassen.
Aber das Gesicht des Kaisers war keineswegs so freundlich wie das seinige. Der Erzkanzler, etwas betroffen, machte eine Bewegung, die einem Rückzuge nicht unähnlich war.
Napoleon, dessen Adlerblick, die größten und die kleinsten Dinge nicht entgingen, errieth die Ursache dieser plötzlichen Betroffenheit und sagte mit herzgewinnender Freundlichkeit:
»O, kommen Sie, kommen Sie, Herr Erzkanzler, Ihnen zürne ich nicht.«
»Und ich hoffe, daß Ew. Majestät mir nie zürnen werden,« antwortete Cambacérès, »denn Ihre Ungnade würde mich sehr unglücklich machen.«
Der Kammerdiener entfernte sieh, die Armleuchter zurücklassend.
»Constant,« sagte der Kaiser zu ihm, »schließen Sie die Thür, bleiben Sie im Vorzimmer und führen Sie die Person, die ich erwarte, in den grünen Salon.«
Dann wandte er sieh wieder zu Cambacérès und sagte tief aufathmend: »Ach! da bin ich wieder in Frankreich, inden Tuilerien! Wir sind allein, Herr Erzkanzler, und können ganz offen reden.«
»Sire,« sagte der Erzkanzler, »abgesehen von der Ehrerbietung, die meinen Worten Schranken setzt, spreche ich nie anders mit Ew. Majestät.«
Der Kaiser sah ihn scharf an.
»Sie mühen sich ab, Cambacérès; Andere suchen sich geltend zu machen und an dasselbe Tageslicht zu treten, Sie hingegen treten immer weiter in den Schatten. Das gefällt mir nicht. Bedenken Sie, daß Sie nach mir der erste Mann im Staate sind.«
»Ich weiß, daß Ew. Majestät mich nach Ihrer Güte und nicht nach meinen Verdiensten behandelt haben.«
»Sie irren sich, ich habe Sie nach Ihrem Werthe behandelt, und deshalb habe ich Ihnen die Einrichtung der Gesetzpflege übertragen. Aber das Criminalgesetzbuch wird nicht gefördert; ich hatte Ihnen gesagt, daß es im Jahre 1808 beendet werden sollte, und heute haben wir den 22. Jänner1809. Der gesetzgebende Körper ist während meiner Abwesenheit versammelt geblieben, aber das Gesetzbuch ist nicht fertig, und wird vielleicht noch nicht in drei Monaten beendet. «
»Erlauben mir Ew. Majestät, über diese Angelegenheit offen zu reden?« fragte der Erzkanzler.
»Das versteht sich, Cambacérès sagte der Kaiser.
»Sire, ich bemerke nicht mit Besorgniß – denn so,lange Ew. Majestät das Scepter oder Schwert halten, fürchte ich nichts – aber mit Bedauern, daß sich überall ein Geist der Unruhe und Zügellosigkeit zu zeigen beginnt . . .«
»Ich weiß es,s erwiederte Napoleon, »und bin hierher geeilt, um zugleich diesen Geist und die Oesterreicher zu bekämpfen.«
»Zum Beispiel der gesetzgebende Körper, Sire . . .«
»Der gesetzgebende Körper!« wiederholte Napoleon, die Achseln zuckend.
»Der gesetzgebende Körper,« fuhr Cambacérès fort, ohne sich irr machen zu lassen,« brachte früher nur eine schwache Opposition von zwölf bis fünfzehn Stimmen zusammen; jetzt bietet er uns die Spitze, zweimal waren bei der Abstimmung achtzig, und einmal hundert schwarze Kugeln . . .«
»Ich bebe die gesetzgebende Versammlung auf!«
»Nein, Sire, wählen Sie, wählen Sie einen Moment wo sie günstiger gestimmt ist. Aber Ew. Majestät müssen in Paris bleiben; wenn Sie hier sind, geht Alles gut.«
»Ich weiß es, aber leider kann ich nicht hier bleiben.«
»Das ist nicht gut.«
»Sie haben Recht, Cambacérès . . . Ich werde daran denken; wenn ich’s vergessen sollte, so erinnern Sie mich daran.«
»Ew. Majestät sagten, daß Sie nicht in Paris bleiben können . . .«
»Glauben Sie denn, ich sey in vier Tagen von Valladolid gekommen, um hier zu bleiben? Nein, in drei Monaten muß ich in Wien seyn.«
»O! Sire,« sagte Cambacérès mit einem Seufzer, »immer Krieg?«
»Diese Sprache hätte ich von Ihnen nicht erwartet, Cambacérès. . . mache ich denn den Krieg
»Sire, der Krieg in Spanien . . .«
»Ja, den vielleicht. Aber warum hatte ich ihn unternommen? weil ich des Friedens in Norden versichert zu seyn glaubte, Mit Rußland verbündet, mit Westphalen und Holland verbrüdert, mit Baiern befreundet, von Preußen, dessen Armee auf 40,000 Mann zusammengeschmolzen ist, nichts befürchtend, konnte ich ahnen, daß Oesterreich, dessen Adler nach dem Verlust Italiens nur noch einen Kopf hat, im Stande seyn werde, 500,000 Mann gegen mich zu bewaffnen? Es scheint wahrlich der Lethe, und nicht die Donau bei Wien zu fließen; denn man hat die frühern Erfahrungen vergessen, aber die neuen Erfahrungen, die man machen wird, sollen nicht so leicht vergessen werden, dafür stehe ich. Ich will den Krieg nicht, ich habe kein Interesse dabei, und Europa ist mein Zeuge, daß mein ganzes Streben, meine ganze Aufmerksamkeit auf das von den Engländern gewählte Schlachtfeld, nemlich auf Spanien, gerichtet war. Oesterreich, das die Engländer schon einmal im Jahre1805 rettete,. als ich über die Meerenge von Calais gehen wollte, rettet sie wieder, indem es mich in dem Augenblick aufhält,wo ich im Begriffe war, sie ins Meer zu werfen. Ich weiß wohl, daß sie an einem andern Orte wieder zum Vorscheinkommen, wenn sie verschwinden; aber England ist nicht wie Frankreich, eine kriegerische Nation, es ist ein Handelsvolk – Karthago ohne Hannibal. Ich würde es endlich geschwächt oder zur Herbeiziehung seiner Truppen aus Indien gezwungen haben, und wenn nur der Kaiser Alexander Wort hält, o! dann soll Oesterreich diese Seitenwendung theuer bezahlen! Es muß entweder auf der Stelle seine Truppen entlassen, oder einen Vernichtungskrieg gewärtigen. Wenn es mich über seine künftigen Absichten beruhigt, so stecke ich selbst das Schwert in die Scheide; denn freiwillig ziehe ich es nur in Spanien, und gegen die Engländer. Wenn nicht, so lasse ich 400,000 Mann gegen Wien rücken, und in Zukunft wird England keine Bundesgenossen mehr auf dem Continent haben.«
»400,000 Mann?« fragte Cambacérès.
»Sie möchten gern wissen, wo sie sind, nicht wahr?«
»Ja, Sire, ich sehe kaum 100,000 über die Sie jetzt verfügen könnten.«
»So! man fängt an, meine Soldaten zu zählen, und Sie, Herr Erzkanzler, sind der erste Zweifler!«
»Sire! . . .«
»Man sagt, es sind nur 200,000, nur 150,000, nur 1000 Mann da. Der Feldherr wird schwach, er hat nur noch zwei Armeen; jetzt ist der günstige Zeitpunkt, den wir benützen müssen . . . Die Leute irren sich.« – Napoleon berührte die Stirne mit der Hand, »hier ist meine Kraft,« er streckte beide Arme aus, – »und dies sind meine Kriegsheere . . . Sie wollen wissen, wie ich 400,000 Mann zusammen bringen werde? Ich will’s Ihnen sagen. . . nicht um Ihretwillen, Cambacérès, Sie vertrauen vielleicht noch meinem Glücksstern, ich will’s Ihnen sagen, damit Sie es Anderen wieder sagen. Meine Rheinarmee besteht aus einundzwanzig Infanterieregimentern von je vier Bataillonen; sie sollten je fünf Bataillone stark seyn, aber eine Täuschung wäre hier nicht am rechten Ort. Es sind also 84 Bataillone, das ist 70,000 Mann Infanterie. Außerdem habe ich meine drei Divisionen St. Cyre, Legrand, Bouvet; diese sind nur drei Bataillone oder 30,000 Mann stark. Es sind also 100,000 ohne die 5000 Mann der Division Dupas. Ich habe vierzehn Regimenter Kürassiere, welche 12,000 Reiter in ihren Reihen zählen, und sich mit den in den Depots befindlichen auf 14,000 bringen lassen. Ich habe 17,000Mann leichte Infanterie; außerdem kann ich aus dem Süden leicht 5 bis 6000 Dragoner kommen lassen. Wir haben also schon 100,000 Mann Infanterie und mehr als 30,000 Reiter.«
»Sire, das macht zusammen erst 130,000 Mann, Ew. Majestät sagten 400,000.«
»Warten Sie nur, dazu kommen 20,000 Mann Artillerie, 20,000 Mann Garde, 100,000 Deutsche.«
»Alles dies, Sire, macht erst 270,000 Mann«
»50.000 nehme ich von meiner italienischen Armee, sie marschiren durch Steiermark und vereinigen sich in Baiern mit mir. Rechnen Sie dazu 10,000 Italiener und 10,000 Franzosen, die ich aus Dalmatien herbeiziehe und wir haben70,000 Mann mehr.«
»Zusammen also 340,000 Mann«
»New Geduld, Sie werden sehen, daß wir mehr zusammen bringen, als wir brauchen.«
»Ich weiß nicht, Sire, woher Sie die übrigen nehmen werden.«
»Sie vergessen meine Conscribirten, Herr Erzkanzler; Sie vergessen, daß Ihr Senat im September vorigen Jahres zwei Aushebungen bewilligt hat.«
»Ja wohl, Sire: die eine von 1809 ist schon unter den Waffen, und die von 1810 darf nach dem Gesetz im ersten Jahre nur im Innern des Landes dienen.«
»Ganz recht, aber glauben Sie, daß 80,000 Mann für 115 Departements genügen? Nein, ich bringe die Aufhebung auf 100,000, und lasse je 20,000 aus den Classen von 1809, 1808, 1807 und 1806 einberufen: das macht 20,000 Mann von 20 bis 23 Jahren, während die von 1810 erst 18 Jahre alt sind, und ich habe Zeit, diese heranwachsen zu lassen.«
»Sire, die 115 Departements liefern jährlich nur 337,000 Mann im dienstfähigen Alters 100,000 Mann wären mehr als der vierte Theil dieses Contingents, und es gibt keine Bevölkerung, die nicht bald zu Grunde geht, wenn man ihr jedes Jahr den vierten Theil der jungen Männer nimmt . . .«
»Wer sagt Ihnen denn, daß man sie ihr jedes Jahr nehmen wird? Ich nehme sie von vier Jahren, und befreie die früheren Classen; einmal ist nicht immer. Diese 80,000 Mann lasse ich durch meine Garde einüben und ausbilden; sie versteht sich darauf, es ist für sie eine Arbeit von drei Monaten. Im April werde ich mit 400,000 Mann an der Donau stehen, dann wird Oesterreich wie heute meine Legionen zählen, und wenn es mich zwingt loszuschlagen, so wird Europa erschrecken vor den Streichen, die ich führen werde.«
Cambacérès seufzte und fragte: »Haben Ew. Majestät sonst nichts zu befehlen?«
»Der gesetzgebende Körper soll sich morgen versammeln.«
»Sire, er hält seit Ihrer Abreise Sitzung.«
»Es ist wahr; morgen werde ich mich einfinden und ihm meinen Willen kundgeben.«
Cambacérès entfernte sich. Aber er kehrte wieder um und sagte: »Ich sollte Ew. Majestät an einen gewissen General Mallet erinnern.«
»Ja, es ist wahr, aber ich will erst mit Herrn Fouché reden Sagen Sie, wenn Sie durch das Vorzimmer gehen, daß ich Herrn Fouché zu sprechen wünsche; er muß im grünen Salon seyn.«
Cambacérès verneigte sich; als er an der Thür war, rief ihm Napoleon sehr freundlich nach: »Adieu, lieber Erzkanzler!«
Cambacérès entfernte sich beruhigter für sich selbst, aber in großer Besorgniß für Frankreich
Als er fort war, ging Napoleon mit starken Schritten im Zimmer auf und ab. Seit neun Jahren der Regierung— denn das Consulat hatte sich von einer monarchischen Regierung kaum unterschieden – hatte er trotz der Bewunderung, die er einflößte, zuweilen offenen Tadel, sogar Anfeindungen erfahren, aber nie war ein Zweifel laut geworden. Jetzt zweifelte man an seinem Glücksstern, und dieser Zweifel war zuerst in seiner Armee, in seiner Garde, bei seinen alten Kriegern laut geworden. Die verhängnißvolle Capitulation von Baylen hatte seinem Ruhm den ersten furchtbaren Stoß gegeben. Varus hatte sich wenigstens mit seinen drei Legionen, die Augustus von ihm zurückverlangte, niederhauen lassen. Varus hatte sich nicht ergeben. Schon in Valladolid wußte Napoleon alles was Cambacérès soeben gesagt hatte, und noch andere Dinge. Tags vor seiner Abreise hatte er Musterung über seine Grenadiere gehalten; er wußte daß diese Prätorianer gemurrt hatten, daß sie in Spanien bleiben sollten, und wollte diese von der Sonne Italiens und Egyptens gebräunten Gesichter in der Nähe sehen, um zu wissen, ob sie die Vermessenheit haben würden, unzufrieden zu seyn. Er stieg vom Pferde und ging zu Fuß durch ihre Reihen. Die Grenadiere präsentirten düster und schweigend das Gewehr, nicht ein einziger Ruf: »Es lebe der Kaiser!« wurde gehört; ein einziger Soldat sagte leise: »Sire, nach Frankreich!«
Das hatte Napoleon erwartet. Er riß ihm das Gewehr aus den Händen und schleppte ihn vor die Fronte.
»Taugenichts!« sagte er zu ihm. »Du verdientest, daß ich Dich erschießen ließe! – Ich weiß wohl,« sagte er laut zu dem ganzen Corps, »Ihr wollt nach Paris zurück, um daselbst euer Schlaraffenleben und eure Dirnen wiederzufinden. Doch daraus wird nichts, Ihr bleibt unter den Waffen bis eure Zöpfe schneeweiß sind« ’
Er warf dem Grenadier das Gewehr wieder in die Arme. Der Soldat ließ es vor Schmerz fallen.
In diesem Augenblicke der Erbitterung bemerkte er den General Legendre, der die Capitulation von Baylen mit unterzeichnet hatte. Er ging mit zornglühenden Blicken auf ihn zu. Der General blieb stehen, als ob seine Füße in der Erde Wurzel geschlagen hätten.«
»Ihre Hand, General,« sagte er.
Der General streckte zagend die Hand aus. »Ich begreife nicht,« sagte Napoleon, indem er sie betrachtete, »daß diese Hand, als sie die Capitulation von Baylen unterzeichnete, nicht verdorrt ist!«
Und er wandte sich mit dem Ausdrucke der Verachtung ab, wie von einem Verräther.
Der General, der die Capitulation nur auf höhern Befehl unterzeichnet hatte, war wie vernichtet.
Napoleon stieg wieder zu Pferde und ritt nach Valladolid zurück, von wo er, wie erwähnt, am folgenden Tage nach Frankreich abreiste.
Er war in dieser Stimmung, als sich die Thür wiederaufthat und der Thürsteher meldete:
»Se. Excellenz der Polizeiminister.«
Das blasse Gesicht Fouché’s erschien zögernd und furchtsam in der Thür.
»Ja, Herr Fouché,« sagte Napoleon, »ich begreife wohl, daß Sie zögern, vor mir zu erscheinen.«
Fouché gehörte zu den Charakteren, die vor der unbekannten Gefahr zurückbeben, aber darauf losgehen oder sie erwarten, sobald sie eine Gestalt angenommen hat.
»Ich, Sire?« erwiederte er, seinen Kopf mit den gelblichen Haaren, mit der blassen Gesichtsfarbe, mit den Vergißmeinnichtaugen und dem großen Munde aufwerfend; »warum sollte ich, der Kartätschenmann von Lyon, Bedenkentragen, mich vor Ew. Majestät zu zeigen?«
»Weil ich kein Ludwig XVI. bin!«
»Ew. Majestät geruhen – und es ist nicht das erste Mal – auf mein Votum vom 19. Jänner anzuspielen.«
»Nun, wenn ich’s thäte?«
»Dann würde ich antworten, daß ich als Mitglied des Convents nicht dem Könige, sondern der Nation den Eid geleistet hatte, und diesen Eid habe ich gehalten.«
»Und wem haben Sie am 13. Thermidor des Jahres VII den Eid geleistet? etwa mir?«
»Nein, Sir.«
»Warum haben Sie mir denn am 18. Brumaire so gute Dienste geleistet?«
»Ew. Majestät wollen sich huldreichst erinnern, daß Ludwig XIV. Sagte: der Staat bin ich! . . . Am 18. Brimaire waren Sie die Nation, und deshalb diente ich Ihnen.«
»Aber das hinderte mich nicht, Ihnen 1802 das Portefeuille der Polizei zu entziehen.«
»Ew. Majestät hofften einen geschicktern, wenn nicht treuern Polizeiminister zu finden; Sie gaben mir das Portefeuille 1804 zurück.«
Napoleon ging einige Schritte vor dem Camin hin und her; er blickte starr vor sich nieder und zerdrückte das Papier, das die wenigen Worte Josephinens enthielt. Plötzlich blieb er stehen, sah seinen Polizeiminister scharf an und sagte:
»Wer hat Sie ermächtigt, mit der Kaiserin von Scheidung zu sprechen?«
Wäre Fouché nicht so weit von dem Lichte entfernt gewesen, so hätte man sehen können, daß sein Gesicht noch blässer wurde als zuvor.
»Sire,« sagte er, »ich glaube zu wissen, daß Ew. Majestät die Scheidung sehnlich wünschen.«
»Habe ich diesen Wunsch gegen Sie geäußert?«
»Ich habe gesagt: ich glaube zu wissen, und glaubte Ew. Majestät einen Dienst zu erweisen, wenn ich die Kaiserin auf dieses Opfer vorbereitete.«
»Ja, schonungslos, wie Alles was Sie thun.«
»Sire, Niemand kann sein Naturell ändern: ich habe meine Laufbahn als Lehrer bei den Vätern des Oratoriums begonnen, und hatte in dieser Eigenschaft unbändige Knaben im Zaum zu halten, später ist mir etwas von der Ungeduld aus meiner Jugendzeit geblieben; ich bin ein Obstbaum, man darf keine Blumen bei mir erwarten.«
»Herr Fouché, Ihr Freund,« und Napoleon betonte diese beiden Worte absichtlich stark, »Ihr Freund Talleyrand empfiehlt seinen Untergebenen immer: nur keinen Eifer. Ich will diesen Grundsatz von ihm borgen, um ihn auf Sie anzuwenden. Dieses Mal haben Sie wirklich zu viel Eifer gezeigt; ich will nicht, daß man in Staatssachen oder Familienangelegenheiten die ersten Schritte thue.«
Fouché schwieg.
»Weder kommt es,« fuhr Napoleon fort, »daß Sie jetzt wieder der beste Freund Talleyrand’s sind, nachdem Sie sein erbitterter Feind waren? Zehn Jahre lang haben Sie sich gegenseitig gehaßt und angeschwärzt: Sie nannten ihn einen frivolen Diplomaten, und er nannte Sie einen plumpen Intriganten; Sie verachteten eine Diplomatie, welche, wie Sie sagten, von der Siegesgöttin ins Schlepptau genommen wurde; er verspottete den eitlen Prunk mit einer Polizei, die bei der allgemeinen Unterwerfung leichtes Spiel habe und sogar überflüssig sey. Sind denn die Verhältnisse wirklich so bedenklich, daß Sie sich, wie Sie behaupten, für die Nation opfern und Beide Ihre alte Feindschaft vergessen? Sie haben die Vermittlung dienstfertiger Personen angenommen und haben sich öffentlich ausgesöhnt. öffentlich besucht; Sie haben einander zugeflüstert, es sey möglich, daß mich in Spanien das Messer eines Fanatikers, in Oesterreich eine Kanonenkugel treffe; nicht wahr, das Haben Sie gesagt?«
»Sire,« antwortete Fouché, »die spanischen Dolche wissen die großen Monarchen zu finden, das hat man bei Heinrich IV. gesehen; die österreichischen Kanonenkugeln wissen die großen Feldherren zu treffen, das hat man bei Turenne und dem Marschall Berwiek gesehen.«
»Sie beantworten eine Thatsache mit einer Schmeichelei,« erwiederte Napoleon; »ich bin nicht todt, und will nicht, daß mein Nachlaß schon bei meinen Lebzeiten getheilt werde.«
»Sire, daran denkt Niemand, am allerwenigsten wir.«
»Sie dachten so wenig daran, daß Sie meinen Nachfolger schon erkoren hatten. Warum lassen Sie ihn nicht im voraus krönen? Der Augenblick ist günstig, der Papst hat mich in den Bann gethan . . . Glauben Sie denn, die französische Krone passe nicht aus jeden Kopf? Aus einem Churfürsten von Sachsen kann man wohl einen König von Sachsen machen, aber aus einem Herzog von Berry macht man nicht so leicht einen König von Frankreich oder einen Kaiser der Franzosen. Um das Eine zu werden, muß man ein Nachkomme Ludwig des Heiligen seyn; um das Andere zu werden, muß man von meinem Geblüt seyn. Sie haben freilich ein Mittel, um den Moment, wo ich nicht mehr seyn werde, zu beschleunigen . . .«
»Sire,« antwortete Fouché, »ich bitte Ew. Majestät, mir dieses Mittel zu nennen.«
»Morbleu! Sie dürfen nur die Verschwörer unbestraft lassen.«
»Verschwörer gegen Ew. Majestät sollten unbestraft geblieben seyn? Haben Sie die Gnade, sie zu nennen.«
»O! das ist nicht sehr schwer: ich will Ihnen sogleich drei nennen.«
»Ew. Majestät meinen die angebliche Verschwörung, die der Polizeipräfect Dubois entdeckt haben will.«
»Mein Polizeipräfect Dubois ist nicht, wie Sie, der Nation, sondern mir ergeben.«
Fouché zuckte die Achseln; diese Bewegung entging dem Scharfblick Napoleons nicht.
»Sie zucken die Achseln, weil Sie nichts zu erwiedern wissen,« sagte Napoleon, auf dessen Stirn sich ein Ungewitter zusammenzog; »wo es sich um Verschwörungen handelt, kann ich die Zweifler nicht leiden.«
»Kennen Ew. Majestät die Personen, um die es sich handelt?«
»Ich kenne zwei von den dreien; ich kenne den General Mallet, der ein unverbesserlicher Verschwörer ist.«
»Ew Majestät glauben, daß der General Mallet conspirire?«
»Ich weißes gewiß.«
»Und Ew. Majestät fürchten eine Verschwörung, anderen Spitze ein Tollhauscandidat steht?«
»Sie sind in einem doppelten Irrthum befangen, Herr Fouché: erstens fürchte ich nichts, und zweitens ist der General Mallet kein Tollhauscandidat.«
»Er hat wenigstens eine fixe Idee.«
»Ja wohl, aber Sie werden zugeben, daß er kein Narr ist, denn seine fixe Idee besteht darin, daß er einst, wenn ich dreihundert, vierhundert Meilen entfernt bin, meine Abwesenheit benutzen wird, um die Nachricht von meinem Tode auszusprechen und einen Aufstand hervorzurufen.«
»Halten Ew. Majestät die Sache für möglich?«
»So lange als ich keinen Erben habe, ja.«
»Eben deshalb habe ich es gewagt, mit der Kaiserin von Scheidung zu sprechen.«
»Auf diese Angelegenheit wollen wir nicht zurückkommen. Sie verachten Mallet, Sie haben ihn wieder in Freiheit gesetzt. Ich will Ihnen etwas sagen, was mein Polizeiminister mir hätte sagen sollen: Mallet ist nur einer der Fäden einer unsichtbaren Verschwörung, die sich im Heere anspinnt.«
»Ach ja, die Philadelphen . . . Glauben Ew. Majestät an die Magie des Obersten Oudet?«
»Ich glaube an Arena,« antwortete Napoleon, »ich glaube an Cadoudal, ich glaube an Moreau. Mallet ist einer von diesen Träumern, von diesen Illuminaten, von diesen Narren, wenn Sie wollen; aber für den gefährlichen Narren gehört die einsame Zelle und die Zwangsjacke; Sie haben den Ihrigen in Freiheit gesetzt . . Der zweite ist Servan; ist der ein Narr, ein Königsmörder?«
»Wie ich, Sire.«
»Ja, aber ein Königsmörder aus der Schule der Gironde, ein vormaliger Verehrer der Madame Roland, ein Mann, der als Minister Ludwigs XVI. zum Verräther an ihm wurde und aus Rache für seinen Sturz am 10. August eine Hauptrolle spielte.«
»Er handelte gemeinschaftlich mit dem Volke.«
»O! das Volk thut nur das, wozu es verleitet, getrieben wird. Die Vorstädte Saint-Marcau und Saint-Antonin, die unter der Führung Alexandre’s und Santerre’s so unruhig waren, sie rühren sich nicht mehr, seitdem ich ihnen den Daumen aufs Auge halte . . . Ihren Florent Guyot kenne ich nicht, aber ich kenne Mallet und Servan. Diesen Beiden trauen Sie nicht! Ueberdies ist der eine General, der andere Oberst, und es gibt unter einer militärischen Regierung ein schlechtes Beispiel, wenn zwei Offiziere conspiriren.«
»Sire, man wird ein wachsames Auge auf sie haben.«
»Jetzt, Herr Fouché, habe ich Ihnen noch den schwersten Vorwurf zu machen.«
Der Polizeiminister verneigte sich.
»Was haben Sie mit der öffentlichen Meinung gemacht, Herr Fouché?«
Ein anderer Minister hätte die Frage noch einmal wiederholen lassen. Fouché verstand sehr gut was der Kaisersagen wollte; allein um sich Zeit zur Antwort zu nehmen, gab er sich das Ansehen, als ob er nicht recht wüßte was Napoleon meinte.
»Die öffentliche Meinung?« wiederholte er; »ich weiß nicht was Ew. Majestät damit sagen wollen.«
»Ich will damit sagen,« erwiederte Napoleon, »daß Sie die öffentliche Meinung über die Tagesbegebenheiten irregeleitet, getäuscht, daß Sie Deuteleien und vorwitzige Bemerkungen über meinen letzten Feldzug gestattet, daß man, weil Sie es ruhig geschehen ließen, von Kriegsunglück sprach, während meine Heere von Sieg zu Sieg eilten. Das Geschwätz der Pariser macht das Ausland übermüthig. Wissen Sie wohl, auf welchem Wege ich’s erfahren habe? Ueber Sanct-Petersburg! Ich habe Feinde, ich rühme mich dessen; aber daß meine Feinde unter Ihren Augen, Herr Minister, von Verminderung meines Ansehens, von Mißstimmung, von Widerstreben gegen meine Politik, von meiner Schwäche und Ohnmacht faseln, das ist zu arg! Die Folge davon ist, daß Oesterreich, an diese Albernheiten glaubend, meine vermeintliche Schwäche benützen und mich angreifen will; aber ich werde sie Alle demüthigen, die innern wie die äußern Feinde!. . . Apropos, Sie haben doch meinen Brief vom 31. December erhalten?«
»Welchen’, Sire?«
»Den von Benevento datirten.«
»Worin von den Söhnen der Ausgewanderten die Rede war?«
»Sie scheinen ein kurzes Gedächtniß zu haben, Herr Fouché!«
»Befehlen Ew. Majestät, daß ich den Brief Wort für Wort wiederhole?«
»Ja, beweisen Sie mit, daß Sie ein gutes Gedächtniß haben.«
»Sire,« erwiederte Fouché, eine Brieftasche hervorziehend, »hier ist das Schreiben . . .«
»So! Sie haben es bei sich?«
»Die eigenhändigen Briefe Ew. Majestät trage ich immer bei mir. Als ich Schulmeister bei den Vätern des Oratoriums war, las ich jeden Morgen mein Brevier; seitdem ich Polizeiminister bin, lese ich jeden Morgen die Briefe Ew. Majestät . . . Diese Depesche,« setzte Fouché hinzu, ohne den Brief aufzumachen, »lautet folgendermaßen . . .«
»Ich verlange nicht den Wortlaut, sondern den Inhalt,« unterbrach ihn Napoleon.
»Ew. Majestät schrieben mir, mehre Emigrantenfamilien hätten ihre Söhne der Conscription entzogen und ließen sie in sträflicher Unthätigkeit; Sie beauftragten mich zugleich, ein Verzeichniß dieser Familien anfertigen zu lassen, um alle jungen Männer derselben, die das achtzehnte Jahr überschritten, in die Militärschule nach Saint-Cyr zu schicken. Zu dieser Liste sollte jedes Departement mindestens zehn, die Stadt Paris mindestens fünfzig Namen liefern, und auf etwaige Beschwerden sollte ich kurzweg antworten, es sey der Wille Ew. Majestät.«
»Es ist gut; ich will nicht, daß sich ein Theil der Nation den Anstrengungen entziehe, welche die jetzige Generation für den Ruhm der künftigen macht . . Jetzt gehen Sie dies ist Alles was ich Ihnen zu sagen hatte!«
Fouché verneigte sich; aber da er sich nicht schnell genug entfernte, fragte Napoleon:
»Wünschen Sie noch etwas?«
»Sire,« erwiederte der Minister, »Ew. Majestät haben viele Dinge zur Sprache gebracht, um mir zu beweisen, daß meint Polizei schlecht sey; ich will nur eine Thatsache erwähnen, um Ihnen das Gegentheil zu beweisen . . . In Bavonne haben Ew. Majestät zwei Stunden verweilt . . .«
»Ja.«
»Ew Maiestät haben sich einen Bericht abstatten lassen . . .«
»Einen Bericht?«
»Ja, über die Beschwerden, die gegen mich vorliegen sollen. Der Bericht schloß mit dem Antrage, mich von meinem Posten abzuberufen und durch Herrn Savary zu ersetzen.«
»Und ist dieser Bericht unterzeichnet?«
»Ja, Sire, er ist unterzeichnet, und Ew. Majestät haben ihn bei sich . . . in der linken Rocktasche.«
Fouché deutete mit dem Finger auf die Stelle der Uniform, wo die Tasche war.«
»Sie sehen, Sire,« setzte er hinzu, »daß meine Polizei wenigstens in gewissen Richtungen eben so gut ist wie jene des Herrn Lenoir und des Herrn von Sartines.«
Und ohne die Antwort des Kaisers abzuwarten, verschwand Forsche, der schon nahe an der Thür gestanden.
Napoleon griff in die Tasche, zog eine in Depeschenform zusammengelegte Schrift heraus, faltete sie auseinander, warf einen flüchtigen Blick darauf, schaute noch einmal nach der Thür hin und sagte lächelnd:
»Ja, Du hast Recht: Du bist noch der geschickteste . . . wenn Du nur auch der rechtlichste wärest!«
Er zerriß das Papier und warf es ins Feuer. Während die Schrift von den Flammen verzehrt wurde, meldete der Thürsteher:
»Se. Excellenz der Oberkämmerer.«
Das lächelnde Gesicht des Fürsten von Benevent erschien hinter dem Thürsteher.
Die Poeten erfinden nichts. Als Goethe, der große Zweifler, seinen »Faust« schrieb, ahnte er nicht, daß Gott,sowohl seinen menschlichen Helden als seinen Mephistopheles bereits geschaffen hatte, und daß beide in kürzester Frist, der Eine mit seiner ernsten, geistvollen Stirn, der Andere mit seinem Pferdefuß, auf dem Welttheater erscheinen sollten.
Der von Gott geschaffene Faust hieß Napoleon; der Mephistopheles – Talleyrand. Wie Faust die Tiefen der Wissenschaft ergründet, bat Napoleon alle Labyrinthe der Politik durchwunden, – und wie Mephistopheles den Faust ins Verderben stürzt, war Talleyrand Napoleons böser Genius. Eben so wie sich Faust in seinen Momenten des Abscheues von Mephistopheles loszumachen sucht, suchte sich Napoleon in seinen Stunden des Zweifels von Talleyrand loszumachen. Aber sie schienen durch einen Höllenpact aneinander gekettet zu seyn, und wurden erst getrennt, als die Seele des Denkers, des Poeten, des Eroberers in den Abgrund fiel.
Unter den Dreien war Talleyrand vielleicht am bangsten zu Muth, aber er erschien gewiß mit dem heitersten Antlitz.
Napoleon konnte sich eines unheimlichen Gefühls nicht erwehren, als er ihn erblickte, und ohne seine Anrede abzuwarten, streckte er die Hand aus, um ihn weiter vortreten zu lassen, und sagte:
»Fürst von Benevent, ich habe Ihnen nur ein paar Worte zu sagen. Wer mich verläugnet, ist mein Gegner, und ich achte ihn als solchen, aber wer sich, um mich zu verläugnen, sich selbst verläugnet, ist der Gegenstand meines größten Abscheues. Sie behaupten überall, daß Sie an dem Tode des Herzogs von Enghien keinen Theil gehabt; Sie versichern, daß Sie dem spanischen Kriege fremd seyen. Sie haben mir den Tod des Herzogs von Enghien schriftlich gerathen, und ich habe Briefe, in denen Sie mir die Politik Ludwigs XVI. dringend anempfehlen. Herr von Talleyrand,wer ein so kurzes Gedächtniß hat, kann mein Freund nicht seyn; schicken Sie mir morgen Ihren Kammerherrnschlüssel zurück, der dem Herrn von Montesguiou nicht nur bestimmt sondern bereits zugesichert worden ist.«
Ohne den Fürsten von Benevent zu entlassen, ohne ein Wort hinzuzusetzen entfernte sich Napoleon durch die in Josephinens Gemächer führende Thür.
Talleyrand wankte wie an dem Tage, wo ihn Maubreuil auf den Stufen der Kirche St. Denis mit einer Ohrfeige zu Boden warf. Aber dieses Mal traf der Schlag nur seine äußeren Verhältnisse, und der Oberkämmerer zählte, wie Mephistopheles, auf Satans Beistand, um mehr wieder zu bekommen, als er verloren hatte.
Die Leser erinnern sich, daß Napoleon in derselben Nacht zu Cambacérès gesagt hatte, er werde im April mit 400,000 Mann an der Donau stehen. Er hielt Wort: die Bevölkerung von Donauwörth, die am 17 April 1809 auf den Straßen und Plätzen des Städtchens wogte, erwartete den Kaiser der Franzosen.
III.
Die Zwillinge
Gegen neun Uhr Morgens entstand eine große Bewegung unter der Volksmenge, und ein lautes Gemurmel, das sich wie ein Lauffeuer vom äußersten Ende der Dillinger-Straße bis in den Mittelpunkt der Stadt verbreitete, war der Verbote eines ungewöhnlichen Ereignisses.
Dieses Ereigniß war die Ankunft eines Couriers in grüner, goldbetreßter Uniform, der dem Wagen des Kaisers um eine halbe Stunde voraus eilte.
Er sprengte im Galopp durch die auf beiden Seiten zurückweichende Menge der oberen Stadt zu, und hielt am Thore des vormaligen Klosters zum heiligen Kreuz an, wo Gemächer für den Kaiser eingerichtet worden waren.
Der Generalmajor Berthier, der den Kaiser in dem alterthümlichen stattlichen Gebäude erwartete, wurde durch die Ankunft des Couriers keineswegs überrascht Der Prinz von Neuchâtel, der auf der Plattform des Schlosses durch ein Fernrohr schaute, hatte schon seit zehn Minuten den kaiserlichen Wagenzug auf der Landstraße bemerkt.
Am 9. April hatte Erzherzog Carl ein Schreiben »an den Obergeneral der französischen Armee« nach München abgehen lassen. Mit einer andern Adresse war das Schreiben nicht versehen. Meinte der Erzherzog den Kaiser Napoleon damit und war für ihn, wie für den Abbé Loriquet, der Marquis von Bonaparte damals nur noch der Obergeneral Seiner Majestät Ludwig XVIII. Wenn dies der Fall war, so zeigte Erzherzog Carl überaus viel Starrsinn.
Wir wollen dahingestellt seyn lassen, wer der Obergeneral, Marschall, Prinz, König oder Kaiser war, den der Erzherzog meinte; das kurze Schreiben lautete folgendermaßen:
»Nach der Erklärung Sr. Majestät des Kaisers von Oesterreich zeige ich dein Herrn Obergeneral der französischen Armee an, daß ich die Weisung habe, mit den unter meinem Befehle stehenden Truppen vorzurücken und Jedermann, der mir Widerstand leisten wird, als Feind zu behandeln.«
Dieser Brief war vom 9. April. Am 12. Abends hatte der Kaiser Napoleon in den Tuilerien durch eine telegraphische Depesche die Nachricht von diesem Beginne der Feindseligkeiten erhalten. Er war am 13. Morgens abgereist, und am 16. hatte er zu Dillingen den König von Baiern angetroffen, der seine Hauptstadt verlassen und sich gegen zwanzig Stunden zurückgezogen hatte.
Durch die dreitägige ununterbrochene Reife ermüdet,verweilte Napoleon zu Dillingen, um daselbst zu übernachten, und gab dem Könige sein Wort, ihn binnen vierzehn Tagen in seine Hauptstadt zurückzuführen.
Am andern Morgen um sieben Uhr setzte er seine Reisefort, und um den Zeitverlust wieder einzudringen, legte er dennoch übrigen Weg in der größten Eile zurück. Er fuhr im sausenden Galopp durch die engen Gassen von Donauwörth, und selbst die Anhöhe hinauf ging’s im Galopp, bis er endlich im Hofe des vormaligen Klosters anhielt und von dem Generalstabschef Berthier empfangen wurde.
Die Förmlichkeiten waren kurz mit Napoleon. Er begrüßte den Fürsten von Neuchâtel mit einem kurzen: »Guten Tag, Berthier,« und dieser erwiederte den Gruß, wie gewöhnlich, murrend und an den Nägeln kauend. Dann winkte er dem übrigen Generalstabe mit der Hand zu und eilte, von einem Dutzend Diener geleitet, in die für ihn eingerichteten Gemächer.
Auf einem großen Tische lag eine Specialkarte von Baiern ausgebreitet, auf welcher jeder Baum, jeder Bach, jedes Thal, jedes Dorf, sogar jedes Haus angegeben war.
Napoleon trat sogleich an den Tisch, während ein Adjutant das Reiseportefeuille offen auf einen Säulentisch legte und der Kammerdiener das Bett auf dem ledernen Sack zog und in einem Winkel des Salons bereitete.
»Gut,« sagte er, den Finger auf Donauwörth haltend, »sind Sie mit Davoust in Verbindung?«
»Ja, Sire,« antwortete Berthier.
»Mit Massena?«
»Ja, Sire.«
»Mit Oudinot?«
»Ja, Sire.«
»Dann geht Alles gut. Wo stehen die Generale?«
»Der Marschall Davoust ist in Regensburg, der Marschall Massena und der General Oudinot sind in Augsburg;einige von ihnen abgeschickte Offiziere erwarten Ew. Majestät, um Bericht abzustatten.«
»Haben Sie Spione ausgeschickt?«
»Zwei sind schon zurückgekommen, ich erwarte den dritten und gewandtesten.«
»Was haben Sie gethan?«
»Ich habe mich so viel als möglich an den Plan Ew. Majestät gehalten, nemlich auf der großen Heerstraße gerade nach Regensburg zu marschiren und von da gegen Wien vorzurücken, zu Wasser aber nur die Kranken und Verwundeten sammt einem Theil der Munition und des Gepäcks der Armee fortzuschaffen.«
»Gut, an Fahrzeugen wird es uns nicht fehlen; ich habe auf allen Nebenflüssen der Donau Alles ankaufen lassen, was zu finden war, und zwölfhundert meiner besten Seeleute von Boulogne genommen, falls wir auf den Inseln Widerstand finden. Sie haben Hacken und Schaufeln ankaufen lassen?«
»Fünfzigtausend, ist das genug?«
»Es ist gerade nicht zu viel . . . Sie sind am 13. Abends hier angekommen; was haben Sie seitdem angeordnet?«
»Ich ertheilte zuerst Befehl, alle Truppen gegen Regensburg ausrücken zu lassen«
»Haben Sie denn meinen Brief nicht erhalten, der Ihnen befahl, alle in Augsburg zusammenzuziehen?«
»Ja wohl, und ich schickte sogleich Gegenbefehl an Oudinot, der mit seinem Armeecorps schon auf dem Marsche war; aber ich glaubte Davoust in Regensburg lassen zu müssen.«
»Dann ist aber die Armee in zwei Massen getheilt: die eine steht in Regensburg, die andere in Augsburg . . .«
»Und die Baiern stehen dazwischen.«
»Hat irgendwo schon ein Zusammenstoß stattgefunden?«
»Ja, Sire, bei Landshut, zwischen den Oesterreichern und Baiern.«
»Welche Division?«
»Die Division Duroc.«
»Haben sich die Baiern gut gehalten?«
»Seht gut, Sire; aber sie mußten der vierfachen Uebermacht weichen.«
»Wo stehen sie jetzt?«
»Dort, Sire, im Walde bei Dürnbach.«
»Wie stark sind sie?«
»Etwa 27,000 Mann.«
»Und wo steht der Erzherzog?«
»Zwischen der Isar und Regensburg; aber bis jetzt war es unmöglich, genaue Erkundigungen einzuziehen.«
»Lassen Sie den vom Marschall Davoust abgeschickten Offizier hereinkommen.«
Berthier gab einen Wink, ein Adjutant öffnete eine Thür und führte einen jungen Jägeroffizier herein.
Der Kaiser sah ihn flüchtig, aber mit sichtlichem Wohlgefallen an: es war unmöglich, einen schöneren stattlicheren Cavalier zu sehen.«
»Sie kommen von Regensburg, Herr Lieutenant?« fragte der Kaiser.
»Ja, Sire,« antwortete der junge Offizier.
»Zu welcher Stunde sind Sie fortgeritten?«
»Um ein Uhr Nachts.«
»Der Marschall Davoust bat Sie abgeschickt?«
»Ja, Sire.«
»Wie stark war sein Corps, als Sie Regensburg verließen?«
»Vier Divisionen Infanterie, eine Division Kürassiere und eine Division leichte Cavallerie.«
»Im Ganzen?«
»Etwa 50,000 Mann. Die Generale Nansouty und Espagne mit der schweren und einem Theile der leichten Cavallerie, und der General Demont mit dem vierten Bataillon und dem Artilleriepark stehen am linken Donauufer.«
»Hat die Zusammenziehung der Truppen um Regensburg ohne Schwierigkeiten stattgefunden?«
»Sire, die Divisionen Gudin, Morand und Saint-Hilaire haben ihre Stellungen eingenommen, ohne einen Schuß abzufeuern; aber die Division Friant, welche sie deckte, hatte beständig mit dem Feinde zu kämpfen, und obgleich sie hinter sich alle Brücken zerstört hat, wird der Marschall Davoust doch wahrscheinlich in Regensburg angegriffen werden«
»Wie viele Stunden sind Sie unterwegs gewesen?«
»Sieben Stunden, Sire.«
»Und wie weit ist Regensburg von hier?«
»Zweiundzwanzig Wegstunden.«
»Sind Sie zu ermüdet, um in zwei Stunden wieder zurückzureiten?«
»Ew. Majestät wissen wohl, daß man im Dienste nie müde wird. Man gebe mir ein frisches Pferd, und ich reite fort, wann Ew. Majestät es befehlen.«
»Ihr Name?«
»Lieutenant Richard.«
»Ruhen Sie zwei Stunden, Herr Lieutenant, aber in zwei Stunden müssen Sie zur Reise gerüstet seyn.«
Der Lieutenant Richard salutirte und ging.
In diesem Augenblicke kam ein Adjutant und sprach mit Berthier.
»Lassen Sie den Abgesandten des Marschalls Massena kommen,« sagte der Kaiser.
»Sire,« antwortete Berthier, »ich halte es für überflüssig, ich habe ihn befragt und Alles erfahren was zu wissen nothwendig ist. Massena ist mit Qudinot, Molitor und Boudet in Augsburg. Sein Corps zählt mit Einschluß der Baiern und Würtemberger etwa 80,000 Manns aber ich glaube Ew. Majestät etwas Besseres bieten zu können.«
»Was denn?«
»Der Spion ist zurückgekommen.«
»Wirklich?«
»Er hat sich durch die österreichischen Reihen geschlichen.«
»Lassen Sie ihn hereinkommen.«
»Ew. Majestät wissen, daß diese Leute sich oft weigern,in Gegenwart mehrerer Personen zu reden.«
»Lassen Sie mich mit ihm allein.«
»Fürchten Ew. Majestät nicht . . .«
»Was soll ich denn fürchten?«
»Man spricht von Illuminaten, von Fanatikern . . .«
»Lassen Sie ihn nur hereinkommen, ich werde es ihm schon in den Augen ansehen, ob Sie mich mit ihm allein lassen können.«
Berthier öffnete eine kleine Thür, die in ein Cabinet führte, und holte einen etwa dreißigjährigen wie ein Schwarzwälder Holzhauer gekleideten Mann heraus.
Der Mann trat einige Schritte vor, hielt die Hand an die Stirn und salutirte militärisch.
»Gott bewahre Ew. Majestät vor jedem Unglück,« sagte er.
Der Kaiser sah ihn an.
»Oho!« sagte er, »wir sind ja alte Bekannten.«
»Sire, am Tage vor der Schlacht bei Austerlitz gab ich Ihnen im Vivonac Auskunft über die Stellung der Russen und Oesterreicher.«
»Die Auskunft war ganz genau, Meister Schlick.«
»O, Donner und Wetter!« erwiederte der falsche Schwarzwälder mit einem echt deutschen Fluch, »Ein Majestät erkennen mich also? das freut mich!«
»Ja,« sagte der Kaiser; »Alles gebt gut,« – Dann gab er dem Generalstabschef einen Wink und setzte hinzu: »Ich glaube, daß Sie mich ohne Bedenken mit ihm allein lassen können.«
Der Fürst von Neuchâtel schien diese Meinung zu theilen, denn er entfernte sich mit seinen Adjutanten, ohne die mindeste Einwendung zu machen.«
»Zuerst das Dringendste,« sagte der Kaiser; »kannst Du mir über den Erzherzog etwas mittheilen?«
»Ueber ihn oder seine Armee, Sire?«
»Ueber Beides.«
»O, ich kann über Beide Auskunft geben: ein Vetter von mir dient in seiner Armee und mein Schwager ist sein Kammerdiener.«
»Wo ist er oder das Gros seiner Armee?«
»Außer den 50,000 Mann, die unter Bellegarde und Kolowrat aus Böhmen gegen die Donau anrücken und in Regensburg mit dem Marschall Davoust zusammenstoßen sollen, bat der Erzherzog selbst etwa 150,000 Mann. Am 10. April ist der Prinz mit beiläufig 60,000 Mann über den Inn gegangen.«
»Kannst Du alle Bewegungen, die Du mir angibst, auf einer Karte verfolgen?«
»Warum nicht? Unsereins ist ja in die Schule gegangen.«
Der Kaiser zeigte dem Spion die aus dem Tische ausgebreitete Karte.
»Suche den Inn auf dieser Karte.«
Der Spion brauchte nur einen Blick darauf zu werfen,und hielt den Finger auf den Inn.
»Sehen Sie, Sire, sagte er, »hier bei Braunau ist der Erzherzog über den Fluß gegangen, während der General Hohenzollern unterhalb Mühlheim mit etwa 30,000 Mann den Uebergang bewerkstelligte; ein viertes Corps von 40,000 Mann endlich, dessen Befehlshaber mir nicht bekannt, ist bei Schärding in Baiern eingerückt.«
»Also nahe an der Donau?«
»Ganz recht, Sire.«
»Aber da sie schon am 10. über den Inn gegangen sind, sollten sie schon weiter vorgerückt seyn.«
»Sie saßen zwischen Inn und Isar fest, erst gestern sind sie bei Landshut über die Isar gegangen, und es ging ziemlich heiß her.«
»Mit den Baiern?«
»Ja, Sire; aber die Baiern konnten sich mit ihren 27- bis 28,000 Mann nicht halten, und haben sich in den Dürnbacher Wald zurückgezogen.«
»Dann sind wir nur noch etwa zwölf Stunden von dem Feinde entfernt?«
»Nicht einmal so weit, Sire; denn seit heute Früh muß er vorgerückt seyn. Es geht freilich langsam, weil viele kleine Flüsse zu überschreiten sind und das Land sumpfig und waldig ist. Es sind nur zwei Heerstraßem von Landshut nach Neustadt und nach Kelheim.«
»Es blieb ihm noch die Straße, die von Eckmühl in gerader Richtung nach Regensburg führt.«
»Sire ich habe gesehen, daß die österreichischen Truppen auf den beiden anderen Straßen verrückten, und da ich wußte, daß Ew. Majestät heute in Donauwörth eintreffen würden, eilte ich fort – und hier bin ich.«
»Es ist gut. Du meldest mir zwar nichts von Bedeutung, aber Du berichtest nun doch was Du weißt.«
»Sire, haben Sie die Gnade, mir andere Fragen vorzulegen.«
»Ueber was?«
»Ueber die Stimmung des Landes zum Beispiel, über die geheimen Gesellschaften . . .«
»Wie! Du beschäftigst Dich auch mit diesen Angelegenheiten?«
»Ich richte mein Augenmerk auf Alles was zu meinem Geschäft gehört.«
»Nun, so laß hören; ich bin begierig zu erfahren was Deutschland von uns denkt.«
»Es ist höchst erbittert gegen die Franzosen, die es nicht nur besiegen und demüthigen, sondern auch in Besitz nehmen und zu Grunde richtend.«
»Deine Deutschen kennen also nicht das Sprichwort des Marschalls von Sachsen: der Krieg muß den Krieg ernähren.«
»O ja, sie kennen es, aber sie möchten lieber ernährt werden, als ernähren. Es ist so weit gekommen, daß man damit umgeht, sich der Fürsten zu entledigen, die sich der Franzosen nicht zu entledigen wissen.«
»So! und wie will man das anfangen?«
»Auf zweierlei Art: erstens durch einen allgemeinen Aufstand . . .«
Napoleon warf den Mund aus. »Das könnte wohl geschehen, wenn ich vom Erzherzog geschlagen würde . . . aber ich werde ihn schlagen, und folglich wird es nicht geschehen. Laß daher das zweite Befreiungsmittel hören.«
»Zweitens, durch einen Dolchstich.«
»Bah; einen Mann, wie ich bin, erdolcht man nicht.«
»Cäsar ist doch erdolcht worden . . .«
»O, die Verhältnisse waren ganz anders; es war auch ein großes Glück für Cäsar, erdolcht zu werden, er war dreiundfünfzig Jahre alt, er kam in die Jahre, wo der menschliche Geist abnimmt. Er war immer glücklich gewesen, die Glücksgöttin ist der Jugend hold, wie Ludwig XVI. Zu Herrn von Villeroy sagte, sie war vielleicht im Begriffe ihm den Rücken zu kehren; eine einzige Niederlage, und Cäsar war nicht mehr ein Alexander, sondern ein Pyrrhus oder Hannibal. Er hatte das Glück, ein paar Dutzend Gimpel zu finden, die nicht einsahen, daß Cäsar nicht eigentlich ein Römer, sondern die Seele Roms war; sie mordeten den Kaiser, aber aus dem Blute des Kaisers ging das Kaiserreich hervor. Sey nur ruhig, ich habe das Alter Cäsars noch nicht erreicht. Frankreich ist im Jahre 1809 keineswegs da, wo Rom 44 Jahre vor Christus war; nein, Meister Schlick, man wird mich nicht ermorden.«
Napoleon lachte über diese historische Vorlesung, die er einem badischen Bauer hielt. Er antwortete freilich nicht dem Bauer, sondern seinen eigenen Gedanken.
»Das ist wohl möglich,« antwortete Schlick, »aber ich rathe Ew. Majestät gleichwohl, denen, die Ihnen zu nahe kommen, auf die Finger zu schauen, zumal wenn die Finger einem Mitgliede des Tugendbundes angehören.«
»Ich glaubte, alle diese Verbindungen wären aufgelöst.«
»Sire die deutschen Fürsten, und insbesondere die Königin Louise haben sie wieder in Kraft gesetzt, und es gibt zu dieser Stunde in Deutschland vielleicht zweitausend junge Männer, die das Gelübde gethan haben, Sie zu ermorden.«
»So! diese Sekte hat also ihre Vereinigungspunkte?«
»Allerdings, nicht nur ihre Vereinigungspunkte, sondern auch ihre Formeln, ihren Wahlspruch, ihre Erkennungsszeichen . . .«
»Woher weißt Du das?«
»Ich gehöre selbst dazu.«
Napoleon trat unwillkürlich einen Schritt zurück.
»Fürchten Sie nichts, Sire. Ich gehöre dazu, aber wie der Schild zur Rüstung gehört, um die Streiche abzuwehren.
»Wo kommen denn die Verschworenen zusammen?«
»Ueberall wo ein unterirdischer Raum oder eine Burgruine ist. Ew. Majestät wissen, daß die Deutschen sehr poetische Naturen sind. Bei Abensberg auf der Anhöhe steht eine alte Burg, dort wurde ich vor acht Tagen in den Bund aufgenommen.«
»Es ist gut,« sagte Napoleon, »ohne dieser Warnung mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als sie verdient, will ich sie doch nicht unbeachtet lassen. Geh, ich werde Befehl geben, daß es Dir an nichts fehle.«
Schlick verneigte sich und ging aus der kleinen Seitenthür, aus der er gekommen war.
Napoleon wurde nachdenkend. »Er hat Recht,« sagte er für sich: »einen Dolchstoß kann man leicht bekommen. Heinrich IV. rüstete sich ebenfalls zu einem Kriegszuge gegen Oesterreich; aber er war siebenundfünfzig Jahre alt, wie Cäsar; er hatte sein Werk vollbracht, aber ich habe das meinige noch lange nicht vollbracht, und großes Unglück kommt immer erst nach dem fünfzigsten Jahre, das hat sich bei Cäsar, Hannibal, Mithridates, Heinrich IV. Gezeigt . . . Alexander ist freilich im Alter von dreiunddreißig Jahren gestorben, aber wie Alexander zu sterben ist kein Unglück.«
Ein Adjutant trat ein.
»Was gibt’s?« fragte Napoleon.
»Sire,« sagte der Adjutant, »ein Offizier von der italienischen Armee ist als Abgesandter des Vicekönigs angekommen; wollen Ew. Majestät ihn sehen?«
»Ja wohl,« erwiederte Napoleon, »führen Sie ihn sogleich herein.«
»Kommen Sie herein,« sagte der Adjutant.
Der Offizier erschien in der Thür und hielt seinen dreieckigen Hut in der Hand. Er war ein junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren und an der blauen, mit Silber gestickten Uniform als ein Offizier aus dem Generalstabe des Vicekönigs zu erkennen. Seine äußere Erscheinung wohl etwas Eigenthümliches, Auffallendes haben, denn Napoleon, der eben das Wort nehmen wollte, hielt plötzlich inne und betrachtete den jungen Offizier vom Kopf bis zu den Füßen.
»Was soll die Maskerade?« sagte er:
Der junge Offizier sah sich um, weil er glaubte, diese seltsame Anrede gelte einem Andern; aber als er sah, daß er mit dem Kaiser allein war, erwiederte er:
»Damit zu Gnaden, ich weiß nicht was Ew. Majestät meinen.«
»Warum haben Sie die grüne Uniform, die Sie so eben trugen, mit der blauen vertauscht?«
»Sire, seit zwei Jahren trage ich keine andere Uniform als die des Generalstabes Sr. Hoheit des Vicekönigs . . .«
»Wann sind Sie hier angekommen?«
»Ich steige soeben vom Pferde, Sire.«
»Woher kommen Sie?«
»Von Pordenone.«
»Wie heißen Sie?«
»Lieutenant Richard.«
Napoleon sah den jungen Offizier noch aufmerksamer an;
»Haben Sie von Eugen ein Schreiben, das Sie bei mir accreditirt?«
»Ja, Sire.«
Der Offizier überreichte dem Kaiser einen Brief mit dem Wappen des Vicekönigs von Italien.
»Wenn Ihnen dieser Brief abgenommen worden wäre?« fragte Napoleon, »oder wenn Sie ihn verloren hätten?«
»Se. Hoheit hatte mir befohlen, ihn auswendig zu lernen.«
»Aber wie kommt es,« setzte der Kaiser hinzu, »daß Sie vor einer Stunde in Gardejägeruniform von Regensburg, und vor zehn Minuten in Eugens Generalstabsuniform von Pordenone kommen? Erklären Sie mir, wie Sie zugleich beauftragt seyn können, mir Nachrichten von dem Marschall Davoust und dem Vicekönig zu bringen?«
»Halten zu Gnaden: Ew. Majestät sagen, es sey vor einer Stunde ein Gardejägeroffizier von dem Marschall Davoust gekommen?«
»Ja, vor einer Stunde.«
»Ein Mann von fünfundzwanzig Jahren?«
»Ja, von Ihrem Alter.«
»Der mir ähnlich sieht?«
»Wie ein Wassertropfen dem andern.«
»Und er heißt? . . . Ew. Majestät verzeihen, aber ich bin so freudig überrascht.«
»Lieutenant Richard.«
»Er ist mein Bruder, Sire, mein Zwillingsbruder; wir haben uns seit fünf Jahren nicht gesehen.«
»Jetzt ist das Räthsel gelöst . . . Sie sollen Ihren Bruder sogleich sehen.
»O, Sire, wenn ich nur meinen lieben Paul umarmen kann, so will ich gern auf der Stelle wieder fort.«
»Sind Sie im Stande wieder abzureisen?«
»Sire, ich hoffe mit Ihren Befehlen beehrt zu werden.«
»Nun, dann begrüßen Sie Ihren Bruder und halten Sie sich zur Abreise bereit.«
Der junge Offizier salutirte und entfernte sich.
Napoleon, der allein blieb, erbrach den Brief. Kaum hatte er einige Zeilen gelesen, so verfinsterte sich seine Stirne.
»O! Eugen, Eugen!« sagte er, »meine Liebe zu Dir hat mich verblendet: Du bist ein recht guter Oberst, aber ein schlechter General, und als Obergeneral gar nicht zu brauchen . . . Die italienische Armee auf dem Rückzuge gegen Sicilien, die ganze Nachhut durch die Schuld eines Generals geworfen! . . . Schon wieder Einer, der des Krieges überdrüssig ist! Zum Glück brauche ich die italienische Armee nicht . . . Berthier! Berthier!«
Der Chef des Generalstabes erschien.
»Mein Entschluß ist gefaßt,« sagte Napoleon; »zehn Couriere sollen sich bereit halten, meine Befehle zu überbringen; jeder Befehl soll dreifach ausgefertigt und auf drei verschiedenen Wegen an seine Bestimmung abgeschickt werden.«
IV.
Friedrich Staps
Während Napoleon zehn verschiedenen Courieren die Befehle ertheilte, deren Resultat wir bald sehen werden; während die beiden Brüder Paul und Ludwig, die sich seit mehren Jahren nicht gesehen hatten und deren auffallende Aehnlichkeit die eben geschilderte, sonderbare Verwechselung herbeigeführt, einander mit inniger Freude und Zärtlichkeit in die Arme sanken, wollen wir dem Leser erzählen was in dem Städtchen Abensberg vorging.
Vier Studenten aus Heidelberg, Tübingen Leipzig und Göttingen zogen Arm in Arm und den Schill’schen Marsch singend, durch die Straßen. Dieser Gesang erregte die Aufmerksamkeit eines etwa zwanzigjährigen Jünglings, der neben einem sechzehnjährigen, mit einer Stickerei beschäftigten Mädchen saß, während die jüngere Schwester, ein neunjähriges Kind, in einem Winkel des Zimmers mit der Puppe spielte. Der junge Mann stand auf und trat ans Fenster.
Die vier vorübergehenden Studenten bemerkten ihn und gaben ihm einen kaum bemerkbaren Wink, den er eben so verstohlen erwiederte.
Das junge Mädchen hatte ihm ängstlich nach geschaut und das geheimnisvolle Zeichen bemerkt.
»Was fehlt Dir, Friedrich?« fragte sie.
»Nichts, liebe Margarethe,« antwortete der junge Mann, der wieder an ihrer Seite Platz nahm.
Margarethe war in der That ihres Namens würdig, wenn wir ihr die poetische Schöpfung Göthe’s, die damals ungemeines Aufsehen in Deutschland machte, zur Patronin geben wollen. Sie war blond und blauäugig wie eine wahre Tochter Armins; ihr langes, üppiges Haar wallte, wenn es aufgelöst war, bis auf die Erde hinab, und wenn sie sich über das krystallhelle Wasser der hinter dem Garten fließenden Abens neigte, um sich wie eine Wassernixe zu betrachten, so schienen die klaren Wogen vor Bewunderung zu murmeln,als hätten sie das Bild eines Mädchens, das in eine Blume, oder einer Blume, die in ein Mädchen verwandelt worden,in sich aufgenommen.
Das Schwesterchen war noch ein liebliches rosiges Kind, das heiter und sorglos spielte auf dem Goldsande, den das Schicksal mit vollen Händen auf dem Anfange des Lebenspfades ausstreut.
Der Student, den der Schill’sche Marsch ans Fenster gelockt und der Ruf Margarethens wieder an ihre Seite geführt hatte, war von mittler Größe und etwas mager, vielleicht in Folge anhaltenden Studirens, vielleicht durch Nachtschwärmerei, oder auch durch einen schrecklichen Gedanken, wie er in den Zügen eines Cassius oder Jacques Element zu lesen war. Lange blonde Locken wallten über seinen Nacken bis auf die Schultern herab. Sein Mund war klein, aber ausdrucksvoll und ließ, wenn er sich aufthat, perlenweiße Zähne sehen; das ganze Gesicht hatte einen Ausdruck tiefer Schwermuth.
»Nichts,« hatte er geantwortet, als er sich wieder an Margarethens Seite setzte.
Aber Margarethe ward durch diese Antwort keineswegs beruhigt. Sie antwortete nicht, sie schien sogar noch emsiger zu arbeiten, aber Friedrich, der sie forschend betrachtete, sah zwei Thränen an ihren Augenwimpern zittern und auf die Stickerei fallen.
Die Kleine, die aus ihrem Winkel kam, um Margarethe über ein Puppenkleid um Rath zu sagen, sah die Thränen auch und fragte mit ihrer naiven kindischen Neugier:
»Warum weinst Du denn, Schwester Margarethe? hat Dich der Fritz schon wieder betrübt?«
Diese Worte trafen den Studenten tief ins Herz. Er sank dem schönen Mädchen zu Füßen und sagte:
»Margarethe, verzeihe mir!«
»Was denn?« fragte sie und sah den Geliebten mit ihren schönen Augen an, die noch feucht waren von dem Herzensthau, den man Thränen nennt.«
»Verzeihe mir meine Verstimmung, meinen Trübsinn. . . ich möchte sagen, meine Narrheit!«
Margarethe schüttelte den Kopf, aber antwortete nicht.
»Höre,« sagte er, »es gibt vielleicht noch ein Mittel, das uns glücklich machen kann.«
»O! sprich, nenne mir das Mittel!« antwortete Margarethe, »und wenn es in meiner Macht steht, Dir zu dem Werke der Engel, das man Glück nennt, behilflich zu seyn, so sollst Du glücklich werden, und sollte ich mein Leben opfern!«
»Wir wollen deinen Vater um seine Einwilligung zu unserer Heirath bitten und sobald wir vereinigt sind, wollen wir Deutschland verlassen, und in einen einsamen Winkel der Welt fliehen, wohin der Name des Unholdes nicht gedrungen ist!«
»Du verlangst zwei unmögliche Dinge, Friedrich,«,antwortete das schöne Mädchen; »ich soll meinen Vater verlassen! Du weißt, daß ich Dich liebe, ich habe es Dir in der Einfalt meines Herzens gestanden, als Du mir zum ersten Male deine Liebe erklärtest; aber Du weißt auch, unter welcher Bedingung ich Dir meine Hand zugesagt habe.«
»Ja,« erwiederte Fritz, indem er aufstand, beide Hände aufs Gesicht drückte und in einen am Fenster stehenden Armsessel sank, »ja ich weiß es, Du willst deinen Vater nicht verlassen.«
Margarethe stand ebenfalls auf und kniete vor ihrem Verlobten nieder.«
»Sey vernünftig, Friedrich,« sagte sie, »Du kennst ja unsere Verhältnisse und weißt, daß mein Vater wenig Vermögen hat. Meine Mutter starb, war meine kleine Schwester noch in der Wiege lag; ich besorge statt meiner Mutter das Hauswesen und die Erziehung Lieschens . . .«
»Ich weiß, daß Du ein Engel bist, Margarethe, und Alles, was Du mir erzählst, ist mir bekannt.«
»Du scheinst es aber vergessen zu haben, Friedrich; wie könntest Du mir sonst zumuthen, mit Dir zu fliehen und meinen Vater zu verlassen!«
»Aber wenn dein Vater einwilligt?. . .«
»O, Du selbstsüchtiger Mensch!« sagte Margarethe; »er wird gewiß einwilligen, weil er mir jedes Opfer zu bringen bereit ist; er wird gewiß lieber allein und verlassen seyn, als dem Glücke seines Kindes im Wege stehen.«
»Er wird ja nicht allein leben, Margarethe; er wird Lieschen bei sich haben.«
»Und was wird ihm ein achtjähriges Kind nützen?« entgegnete Margarethe. »Das Leben würde ihm schlechterdings unmöglich werden. Die Pfarre trägt meinem Vater vierhundert Thaler ein; bei meiner Sparsamkeit kommen wir damit aus; aber wenn eine Andere dem Hauswesen vorstünde, würde dieses Einkommen nicht mehr genügen.«
»Meine Eltern haben einiges Vermögen, Margarethe; sie werden ein Opfer bringen und es soll deinem Vater an Nichts fehlen.«
»Nur seine undankbare Tochter würde ihm fehlen – seine Tochter, die Du ihm genommen hättest! . . . Als Du eines Abends in dieses Haus kamst und uns mit den Worten begrüßtest: Unter Euch wohnet das Glück, das Gott den Reinen und Genügsamen nie versagt, – wolltest Du damit sagen: Herr Pastor Blum, Sie nehmen in Ihr Haus einen Mann auf, der die Liebe Ihrer Tochter Margarethe gewinnen und zum Lohn für Ihre Gastfreundschaft Alles aufbieten wird, um Ihnen Ihre Tochter zu rauben, weil er nur glücklich seyn kann wo der Name Napoleons nie genannt wurde!«
»Ja, Margarethe, ich kann nur unter dieser Bedingung glücklich seyn, ich schwöre es Dir, und um glücklich zu seyn,« setzte er kaum verständlich hinzu, »würde ich die heiligsten Schwüre brechen.«
Margarethe schien diese letzten Worte nicht gehört oder nicht verstanden zu haben, denn sie beantwortete nur die ersten Worte.«
»Du kannst nur in einem Lande glücklich seyn, wo der Name des furchtbaren Franzosenkaisers nie genannt worden ist? Wo ist ein solches Land? In welchem Welttheile liegt es? Du lieber Schwärmer hast gewiß ein Mittel entdeckt, zu einem der über uns schwebenden Sterne aufzusteigen! Und wer bürgt Dir dafür, daß die Bewohner jenes Planeten nicht sehen können was auf unserer Erde vorgeht?«
»Du hast Recht,« sagte Friedrich Staps mit gezwungenem Lächeln; »ich bin ein Thor.«
»Nein, Fritz,« erwiederte Margarethe sehr traurig, »Du bist kein Thor; ich will Dir sagen was Du bist . . . Du bist ein Verschwörer!«
»Wer sein Vaterland befreien will, ist kein Verschwörer!« antwortete der Student mit funkelnden Augen.
»Ein Verschwörer,« entgegnete Margarethe, »ist Jeder, der einer geheimen Gesellschaft, einem geheimen Bunde angehört . . . Sieh mich an, Fritz, und sage: gehörst Du nicht zur Burschenschaft!«
»Warum sollte ich’s leugnen, Margarethe! Alle treuen, biederen Herzen Deutschlands sind ja auf unserer Seite. . .«
»Die Hand auf’s Herz, Friedrich, und sage: ist das Schill’sche Lied, das Du vor einer Weile hörtest und das Dich ans Fenster lockte, nicht ein Zeichen?«
»Margarethe,« erwiederte Fritz, »ich will Dir beweisen wie unendlich ich Dich liebe, und wie leicht ich mich durch diese Liebe zu Geständnissen verleiten lasse, die mir sonst keine Drohung, keine Marter würden entlocken können. Ja, ich bin Mitglied des Tugendbundes, ich bin ein »Wissender«; Du hast vollkommen Recht: das Lied vom Major Schill ist ein verabredetes Zeichen . . . Du weißt, daß der Feind unserer Freiheit, der Mörder unseres Nationalgefühls zehn Meilen von hier steht; wenn Du zu mir sagtest: Fritz, wir wollen fort, um für einander zu leben und glücklich zu seyn, – dann würde ich Freunde und Vaterland vergessen und mit Dir in die weite Welt gehen – wenn auch mein Name an den Schandpfahl geschlagen würde . . . Sagst Du jetzt noch, daß ich Dich nicht liebe?«
»Auch ich will Dir beweisen, daß ich Dich liebe, mein Fritz. Warum nimmst Du kein Gewehr? warum trittst Du nicht in die Reihen der deutschen Streiter? warum kämpfst Du nicht für Deutschlands Ehre und Freiheit? Du würdest freilich dein Leben aufs Spiel setzen; aber jeder wahre Deutsche muß bereit seyn, dem Vaterlande das Leben zu opfern.«
»Es thut mir weh, Margarethe, aber dieser Mann ist verzaubert, wie die alten Ritter unserer Märchen; er geht unverletzt mitten durch Feuer und Kugelregen, das Feuer erlischt, die Kugeln weichen ihm aus.«
»Ja, nicht wahr, ein Stahl würde ihn sicherer treffen?«
»Margarethe! . . .«
»Still, Fritz! da kommt mein Vater. Ich bitte Dich, verschweig ihm, was Du mir nicht verschweigen konntest, er würde Dich verwünschen und Dir sein Haus verbieten.«
»Ist er denn ein so schlechter Deutscher und ein so guter Franzose?« sagte Fritz mit bitterem Lächeln.
»Er ist weder ein Deutscher noch ein Franzose: er ist ein Christ, er verabscheut alle diese Kriege, welche von den Souveränen ruhmvolle Thaten, von ihm hingegen grausame Metzeleien genannt werden, und er hält es in seiner Herzensgüte für möglich, daß alle Menschen einander lieben und in Frieden leben können.«
Während Lieschen, ihre Puppe und ihr Spielzeug verlassend, dem Pastor Blum entgegeneilte, setzte sich Margarethe wieder an ihre Stickerei, aus welche wieder zwei Thränen fielen.
Der Pastor war sehr traurig und niedergeschlagen. Er küßte seine beiden Töchter und reichte Friedrich Staps die Hand.
»Nun, was gibt es Neues?« fragte Staps.
»Hört, Kinder!« sagte der Pastor.
Alle lauschten und man hörte die österreichischen Trompeten, welche den Lützow’schen Marsch spielten.
»Ha! da sind sie endlich, die Rächer!« rief Friedrich erfreut und eilte aus dem Hause, um einer der Ersten zu seyn, welche die Soldaten des Erzherzog Carl begrüßten.
Es war das Armeecorps des österreichischen Generals Thierry, welches zu Arnhofen Position nehmen wollte. Auf der Straße nach Regensburg wurden sogleich Plänkler abgeschickt.
Das Resultat der eingesogenen Erkundigungen war, daß Napoleon an demselben Morgen in Donauwörth angekommen sey. Diese Kunde machte einen unbeschreiblichen Eindruck auf die österreichischen Soldaten, aber sicherlich steigerte sie den Haß der von verschiedenen Universitäten gekommenen Studenten, welche sich, man wußte nicht warum, seit einiger Zeit in dem Städtchen Abensberg befanden. Zum zweiten Male durchzogen viele Studenten Arm in Arm die Straßen und sangen das Lied vom Major Schill, als ob sie gefürchtet hätten, daß der Gesang das erste Mal nicht von Jedermann gehört worden sey.
Außer der Ankunft Napoleons zu Donauwörth wußte man nichts Bestimmtes. Die österreichischen Offiziere und selbst der Obergeneral hatten keine zuverlässige Kunde über die Stellung der französischen Armee, sie wußten nur, daß die Hauptmasse der Truppen in Regensburg und Augsburg stand. Es wurde Halt gemacht, man wollte ohne bestimmte Nachrichten in dem stark bewaldeten und von vielen Bächen durchschnittenen Lande nicht vorrücken.
Die Nacht kam, die Posten wurden aufgestellt, das Losungswort gegeben und alle vor dem Feinde üblichen Vorsichtsmaßregeln ergriffen. Ueberall standen Schildwachen, sogar an der Zugbrücke der alten Burg Abensberg. Die Schildwachen wurden jede Stunde abgelöst. Der von Mitternacht bis ein Uhr an dieser Zugbrücke stehende Posten sah zwei in Mäntel gehüllte Männer kommen; er rief: »Wer da?«
»Gut Freund,« antwortete einer der Beiden in deutscher Sprache.
Dann trat er aus die Schildwache zu, schlug seinen Mantel auseinander, um zu zeigen, daß er keine Waffen trug,und gab das Losungswort mit solcher Genauigkeit, daß der Soldat ihn mit seinem Begleiter ungehindert durchließ.
Die beiden Männer gingen über die Zugbrücke und verloren sich in den Trümmern der alten Burg.
Fünf Minuten nachher erschien ein Anderer. Er wurde ebenfalls angerufen und gab das Losungswort.
So kamen in einer Viertelstunde vierzehn Personen in braunen Mänteln, theils einzeln, theils zwei oder drei zusammen, aber nie mehr.
Auf der Zugbrücke zog jeder der geheimnißvollen Adepten eine schwarze Maske unter dem Mantel hervor und nahm sie vor’s Gesicht.
Es schlug ein Viertel auf eins, als die beiden Letzten erschienen, so daß es im Ganzen sechzehn waren.
Diesen wollen wir folgen. Sie gingen wie die Andern über die Zugbrücke und verschwanden in den Burgruinen; aber als sie an eine riesige Säule kamen, die ein ganzes Gewölbe zu tragen schienen, blieb der Eine, der den Andern zuführen schien, plötzlich stehen.
»Herr Lieutenant,« sagte er leise und in französischer Sprache, »bedenken Sie, daß wir hier kein Kinderspiel treiben; wenn wir erkannt werden, sind wir verloren.«
»Ich weiß es,« antwortete der Andere, »aber glauben Sie denn, man werde mich an meiner Sprache erkennen?«
»Nein, Sie sprechen deutsch, wie ein geborener Deutscher; an der Sprache wird man Sie gewiß nicht erkennen.«
»Wenn denn sonst? An meinem Gesicht wird man mich nicht erkennen, denn wir sind ja maskirt.«
»Es wird ein Augenblick kommen, wo Sie Ihre Maske abnehmen müssen.«
»Ich bin heute zum ersten Male in Abensberg, und kam erst gestern in Regensburg an.«
»Besinnen Sie sich wohl!«
»Ich habe mich besonnen«
»Es ist keineswegs ein Kinderspiel da drinnen, obgleich es von Kindern aufgeführt wird. Das Leben steht auf dem Spiel; wenn Sie nur den leisesten Verdacht erregen, werden Sie erdolcht.«
»Du sprichst von dem Leben wie von einer wichtigen Sache mit einem Manne, der.das seinige täglich auf einem Schlachtfelde einsetzt. . .«
»Ja, auf einem Schlachtfelde hat man das helle Tageslicht, um die zweite Epaulette und ein Ehrenzeichen zu verdienen, aber hier in dunkler Nacht, in einem unterirdischen Gewölbe mag man doch nicht gern von einem Dolch getroffen oder zwischen zwei Thüren erdrückt werden, wie ein russischer Czar oder ein ottomanischer Vezier.«
»Meister Schlick,« erwiederte der Andere mit fester Stimme, »ich habe einen wichtigen Auftrag zu vollziehen.«
»Es war meine Pflicht Sie zu warnen,« sagte der Spion, »ich habe es gethan, jetzt thun Sie was Sie wollen. Im Fall einer Gefahr dürfen Sie auf meine Hilfe nicht zählen, ich würde mich nur mit Ihnen ins Verderben stürzen, ohne Sie retten zu können. Die blanken Napoleons Sr. Majestät des Kaisers der Franzosen sind mir sehr lieb, aber mein Kopf ist mir noch lieber.«
»Du hast Dich nur verpflichtet, mich den Brüdern des Tugendbundes als einen Adepten vorzustellen, und mehr verlange ich nicht von Dir.«
»Merken Sie wohl, bei der geringsten Gefahr verläugne ich Sie, und lieber dreimal als einmal, wie Petrus.«
»Ich erlaube es Dir.«
»Sie beharren also bei Ihrem Entschlusse?«
»Ja.«
»Dann reden wir nicht mehr davon.
Schlick drückte auf eine in dem Schnitzwerk der Säule verborgene Feder, die Säule drehte sich und es kam eine kleine Oeffnung zum Vorschein, die eben groß genug war, um einen Mann durchzulassen. Eine Treppe, deren oberste Stufe mit dem Boden gleich war und in einen unterirdischen Raum zu führen schien, war durch eine Lampe erleuchtet, die in der hohlen, etwa zwölf Fuß im Umfange messenden Säule hing. Der Führer warf durch seine schwarze Maske noch einen Blick auf seinen Begleiter, als ob er ihm sagen wollte: »Noch ist’s Zeit!«
Man war wirklich außer dem Gesichtskreise der Schildwache, man hörte kein Geräusch in der alten Burg und ein bewölkter, sternenloser Himmel schien auf dem alten Gemäuer zu lasten.
»Vorwärts!« sagte der uns noch unbekannte Begleiter des Spions.
Der Letztere, der diese Aufforderung erwartet zu haben schien, betrat die schmale Wendeltreppe. Der Unbekannte folgte ihm. Hinter ihnen schloß sich die Thür.
Unten an der Treppe blieb der Führer vor einer metallenen Thür stehen und klopfte dreimal in gleichen Zwischenräumen, und jeder Schlag hallte dumpf, wie auf einer großen Trommel.
»Geben Sie Acht,« sagte Schlick leise, »die Thür wird sogleich aufgehen und der Wächter erwartet uns.«
Die Thür that sich wirklich auf, und ein verlarvter Mann kam zum Vorschein.
»Welche Zeit ist es?« fragte der Wächter.
»Die Stunde, wo der Tag anbricht,« antwortete Schlick.
»Was machst Du so früh?«
»Ich stehe auf sobald der Tag graut.«
»Warum?«
»Um zu treffen.«
»Woher kommst Du?«
»Von Westen«
»Wer hat Dich geschickt?«
»Der Rächer.«
»Beweise mir’s.«
»Hier ist der Beweis,« erwiederte Schlick, und wies dem Wächter ein kleines, achteckiges Brettchen, ähnlich denen, die man in den deutschen Wirthshäusern an die Schlüssel zu hängen pflegt. Auf diesem Bretchen stand das Wort: Baden.
Der Wächter betrachtete dieses Erkennungszeichen und warf es in eine Urne, in welchem schon die Zeichen der früher Angekommenen lagen.
»Und der Andere?« fragte der Wächter auf den Unbekannten deutend.
»Ein Blinder,« antwortete dieser im reinsten Deutsch.
»Was suchst Du hier?« fragte der Wächter.
»Das Licht.«
»Hast Du einen Pathen?«
»Ja, mein Begleiter ist mein Pathe.«
»Bürgt er für Dich?«
»Frage ihn selbst.«
»Bürgst Du für ihn, Bruder?«
»Ja, ich bürge für ihn.«
»Gut,« sagte der Wächter, »er trete in das stille Gemach; man wird ihn rufen, wenn die Stunde seiner Aufnahme da ist.«
Er öffnete eine in der Mauer befindliche Thür und führte den Begleiter Schlick’s in eine Art Verließ, das von einer Lampe erleuchtet war. In der Mitte stand ein steinerner Tisch und eine kleine Steinbank, ähnlich denen, auf welchen der Sage zufolge der Kaiser Friedrich der Rothbart sitzt und schlummert, bis zu dem großen Tage, wo er erwachen wird, um Deutschlands Einheit zu verkünden.
Schlick überließ seinen jungen Cameraden seinen Betrachtungen und ging auf ein Gitterthor zu, durch welches man in den Hauptsaal gelangte.
Der Wächter drehte den Schlüssel und das Gitterthor that sich auf.
V.
Der Tugendbund
Durch dieses Gitterthor gelangte man, wie schon erwähnt, in einen unterirdischen Saal, der ganz schwarz ausgeschlagen und von einer einzigen, an der Decke hängenden Lampe erleuchtet war.
Unter der Lampe waren eine Menge Gewehre, Schwerter und Pistolen aufgethürmt, so daß Jeder im Falle einer Ueberraschung augenblicklich mehre Waffen ergreifen konnte. Die Gewehrläufe und Klingen funkelten drohend in dem trüben Lampenlichte.
Jenseits dieses Waffenhaufens, dem Eingange gegenüber, stand auf einer Erhöhung ein für den Vorsitzenden bestimmter Tisch von schwarzem Marmor, und über dem Präsidentenstuhl glänzte der aus Metall getriebene deutsche Adler.
Sechzehn mit Pulver gefüllte Fässer, die zu beiden Seiten des Tisches im Halbkreise aufgestellt waren, dienten den Affiliirten als Sessel. Diese Pulverfässer deuteten an, daß die Mitglieder des Bandes die Pflicht hatten, sich lieber in die Luft zu sprengen als zu ergeben.
In diesen Saal führte nur eine einzige Thür. Vielleicht waren hinter den erwähnten schwarzen Vorhängen noch andere Thüren, aber sie waren nicht sichtbar und wenn sie wirklich vorhanden, nur den »Wissenden« bekannt.
Eine unsichtbare Uhr schlug halb eins, als sich das Gitterthor hinter dem Spion Schlick schloß. Aus den Gruppen, welche die Affiliirten bildeten, trat ein verlarvter Mann hervor und stieg auf die Erhöhung
»Brüder,« sagte er, »höret mich an.«
Alle schwiegen und wendeten sich zu dem, der das Wort verlangte.
»Brüder,« wiederholte er, »die Nacht rückt vor, die Zeit vergeht . . . Wächter, wie viele Sehende sind hier?«
»Sechzehn, mich inbegriffen,« antwortete der Wächter.
»Dann ist der siebzehnte ein Verräther, gefangen oder todt,« sagte der Sprecher; »denn wer würde in der Versammlung fehlen, welche die Befreiung Deutschlands vom Joch der Franzosen zum Zweck hat!«
»Bruder, antwortete der Wächter, »der Siebzehnte ist weder ein Verräther, noch gefangen oder todt, er steht in der Uniform eines österreichischen Soldaten vor der Thür auf dem Posten.«
»Dann kann die Sitzung eröffnet werden.«
Alle Anwesenden nickten.
»Bruder,« fuhr der Sprecher fort, »wir dürfen nicht vergessen, daß, wie auf dem Congreß jeder Minister einen König vertritt, jeder von uns im Namen eines Volkes hier ist.Wächter, rufe die Namen auf!«
Der Wächter rief folgende Namen: Baden, Nassau, Hessen, Würtemberg, Westphalen, Oesterreich, Italien, Ungarn, Böhmen, Spanien, Tirol, Sachsen, Luxemburg, Hannover, Holstein, Mecklenburg, Baiern.
Bei jedem Namen, mit Ausnahme von Hannover, antwortete einer der Anwesenden: hier! Der Vertreter von Hannover bewachte die Thür.
»Ziehet einen dieser Namen aus der Urne,« fuhr der Sprecher fort, »und der durch diesen Namen Bezeichnete, wird den Vorsitz führen.«
Der Wächter griff in die Urne und nahm ein Hölzchen heraus.
»Hessen,« sagte er.
»Das bin ich,« sagte einer der Affiliirten.
Während der bisherige Sprecher die Stufen herabstieg, ging der eben ernannte Vorsitzer hinauf und setzte sich.
»Brüder, nehmet Platz,« sagte er.
Die fünfzehn Affiliirten setzten sich, ein Platz blieb leer; es war der Platz des Vertreters von Hannover.
»Brüder,« sagte der Wortführer, »es handelt sich um die Aufnahme eines neuen Affiliirten und um die Wahl des Rächers. Wir wollen zuerst unsern neuen Bruder wählen und sodann losen.«
»Wer ist der Pathe des neuen Bruders?« fragte eine Stimme.
»Ich,« sagte Schlick aufstehend.
»Wer bist Du?«
»Baden.«
»Gut; die beiden jüngsten Brüder mögen aufstehen und den Novizen holen.«
Jeder gab sein Alter an, die beiden jüngsten, die Vertreter von Baiern und von Tirol, von denen der eine zwanzig, der andere einundzwanzig Jahre zählte, standen auf und holten den Novizen, der gleich darauf am Gitterthor erschien,wo ihn sein Pathe erwartete. Die Augen waren ihm verbunden. Seine Führer nahmen ihre Plätze wieder ein und nur sein Pathe blieb bei ihm.
Tiefe Stille folgte, alle Augen waren auf den Novizen gerichtet. Endlich fragte der Vorsitzende laut und gebieterisch:
»Bruder, welche Stunde ist es?«
»Die Stunde, wo der Herr wacht und der Sclave schläft,« antwortete der Novize.
»Zähle sie.«
»Ich höre sie nicht mehr, seitdem sie für den Herrn schlägt.«
»Wann wirst Du sie hören?«
»Wenn sie den Sclaven geweckt hat.«
»Wo ist der Herr?«
»Bei Tische.«
»Wo ist der Sclave?«
»Auf der Erde.«
»Was trinkt der Herr?«
»Blut.«
»Was trinkt der Sclave?«
»Seine Thränen.«
»Was willst Du mit beiden machen?«
»Ich will den Sclaven an den Tisch setzen und den Herrn zu Boden werfen.«
»Bist Du Herr oder Sclave?«
»Keins von beiden.«
»Wer bist Du denn?«
»Ich bin noch nichts, aber ich gedenke etwas zu werden.«
»Was denn?«
»Ein Sehender.«
»Weißt Du was Du als solcher zu thun hast?«
»Ich lerne es.«
»Wer lehrt es Dich?«
»Gott.«
»Hast Du Waffen?«
»Ich habe diesen Strick und diesen Dolch.«
»Was ist dieser Strick?«
»Das Sinnbild unserer Kraft und Vereinigung.«
»Was bist Du nach diesem Sinnbild?«
»Ich bin einer dieser Hanffäden, den die Eintracht zusammengefügt, die Kraft gedreht hat.«
»Warum hast Du diesen Strick genommen?«
»Um zu binden und zusammenzuhalten.«
»Warum den Dolch?«
»Um zu zerschneiden und zu trennen.«
»Bist Du bereit zu schwören, dass Du Strick und Dolch gebrauchen willst gegen jeden Verurtheilten, dessen Name in das rothe Buch geschrieben wird?«
»Ja.«
»Schwöre es.«
»Ich schwöre.«
»Widmest Du Dich selbst dem Strick und dem Dolch, wenn Du den Schwur, den Du auf Schwert und Kreuz geleistet, brechen solltest?«
»Ja.«1
»Gut, Du bist unter die Freunde des Tugendbundes aufgenommen. Es steht Dir frei, je nachdem dein Herz vertrauensvoll oder argwöhnisch ist, verlarvt zu bleiben oder dein Gesicht zu zeigen; unsere Statuten geben Dir das Recht, zuthun was Du willst.«
Der Novize nahm ohne Zögern zugleich die Binde und die Maske ab, und ließ seinen Mantel fallen.
»Wer nichts fürchtet,« sagte er, »kann mit offenem Antlitz sehen und gesehen werden.«
Man sah nun einen schönen jungen Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren; seine Haltung war militärisch, er hatte blaue Augen, kastanienbraunes Haar und Schnurrbart und trug Studentenkleider, obgleich er aller Wahrscheinlichkeit nach schon seit einigen Jahren die Universität verlassen hatte.
Aber während alle Augen auf ihn gerichtet waren, that sich die metallene Thür an der Wendeltreppe plötzlich auf, und der siebzehnte Tugendbündler, der in der Uniform eines österreichischen Soldaten Wache stand, trat ganz bestürzt ein.
»Brüder,« sagte er, »wir sind Alle verloren!«
»Was gibt’s?« fragte der Vorsitzende.
»Mehr als hundert Personen sind in die Ruinen gekommen; sie gaben das Losungswort, und ich hielt sie folglich für Brüder, aber es sind wahrscheinlich Feinde, die uns umzingeln wollen.«
»Woraus schließest Du das?«
»Erstens weil Ihr hier nur Sechzehn seyd; dann ging ich, als ich abgelöst war, ebenfalls in die Ruinen, weil ich einen Verrath vermuthete. Ich versteckte mich hinter einer Mauer und belauschte meinen Nachfolger, der keineswegs einer der Unsrigen ist. Bald erschien eine Schaar von etwa fünfzig Bewaffneten; der Führer dieser Schaar gab das Losungswort, und die Schildwache ließ sie durch. Da eilte ich herunter, um Euch zu warnen, und ich hoffe zeitig genug gekommen zu seyn, wenn nicht um Euch zu retten, doch wenigstens um mit Euch zu sterben . . . Zu den Waffen, Brüder! Zu den Waffen!«
Alle Anwesenden stürzten nun auf den Waffenhaufen zu, und Jeder nahm sich ein Gewehr oder ein Schwert. Der Spion Schlick benutzte die Verwirrung, näherte sich rasch dem Novizen und flüsterte ihm zu:
»Nehmen Sie Ihre Maske vor und fliehen Sie mit mir . . Es sind mehre Ausgänge . . .«
»Ich nehme meine Maske vor, aber ich fliehe nicht,« erwiederte der junge Mann.
»Dann nehmen Sie Waffen und kämpfen Sie!«
Der junge Mann eilte auf den Waffenhaufen zu; aber während des kurzen Gesprächs mit Schlick hatten sich die Anderen aller Flinten und Pistolen bemächtigt, so daß ihm nur ein Schwert blieb.
Unterdessen hatte man oberhalb der Treppe Waffengeklirr gehört; plötzlich wurde die in der Eile schlecht geschlossene metallene Thür ausgerissen und mehre Bajonnete blitzten im Halbdunkel.
»Feuer!« rief der Vorsitzende
Zehn Studenten gehorchten, aber man hörte nur das Ratschen des Feuersteins auf dem Pfaundeckel und sah nur die Funken.
»Wir sind verrathen!« riefen die Studenten: »Die Ladung ist aus den Gewehren gezogen . . . Zu den geheimen Thüren!«
Die Tugendbündler zerstreuten sich in verschiedenen Richtungen; man sah, daß sie auf alle möglichen Gefahren vorbereitet waren. Aber die schwarzen Vorhänge zerrissen an fünf verschiedenen Stellen, und an jeder Oeffnung sah man Waffen blitzen.
Die Studenten blieben stehen und sahen sich nach allen Seiten um: sie waren von Bajonneten umgeben. Hundert-fünfzig Soldaten in bairischer Uniform umringten sie.
»Brüder,« sagte der Vorsitzende, »es bleibt uns nichts übrig, als zu sterben!« – Und leise setzte er hinzu: »Feuer an die Pulverfässer!«
Der Befehl machte in den Reihen die Runde; die Verschwörer schienen vor den Bajonneten zurückzuweichen und zogen sich mit tactischer Gewandtheit in die Mitte des Saales zurück. Die bairischen Soldaten rückten ihnen immer näher.
Mit Blitzesschnelle ergriff nun Jeder eine für diesen Fall bereitliegende Lunte, zündete den Brander an und stürzte auf das ihm als Sitz angewiesene Pulverfaß zu.
Aber statt der erwarteten Explosion hörte man ein lautes Wuthgeschrei; statt des mit Pulver bestreuten Schwefelfadens waren die Fässer mit einem gewöhnlichen dünnen Docht verbunden, der nicht brennen wollte.
»Verrathen! verkauft!« riefen die Studenten, die Waffen wegwerfend.
»Die Sache scheint bedenklich zu werden,« flüsterte Schlick seinem Begleiter ins Ohr; »wir haben freilich immer den Ausweg, daß wir uns nennen können, denn die Baiern sind ja die Verbündeten Ihres Kaisers.«
Der junge Mann durchlief den Kreis der Soldaten mit einem Blicke, dessen Blitze man sogar durch die Oeffnungen seiner Maske sehen konnte und sagte, seinen Degen zerbrechend:
»Ich hätte wahrlich lieber gekämpft, wär’s auch gegen Verbündete gewesen.«
Dann trat er unter die Studenten.
Der Kreis, den die bairischen Soldaten bildeten, war inzwischen so klein geworden, daß sie nur noch fünf bis sechs Schritte zu machen hatten, um die achtzehn Verschwörer mit ihren Bajonneten zu treffen.
»Meine Herren,« sagte der Hauptmann, der die Schaar führte, »im Namen des Königs Maximilian verhafte ich Sie. . . Sie sind meine Gefangenen!«
»Das ist möglichst erwiederte der Vorsitzende, »denn wir sind in Ihrer Gewalt, aber wir haben uns nicht ergeben, wir sind verrathen.«
»Das ist mir gleichgültig,« antwortete der Offizier; »ich bin nicht hierher gekommen, um mit Worten zu spielen, sondern um meine Pflicht zu thun und meine Befehle zu vollziehen.
»Freunde,« sagte der Vorsitzende, »wir sind in der Gewalt der Baiern und bereit unser Leben hinzugeben; welches Urtheil fället Ihr über die Abtrünnigen?«
»Sie sind nicht werth, ein deutsches Volk zu heißen.«
»Sie mögen sich künftig Franzosen nennen,« setzte ein Anderer hinzu.
»Sie sind Verräther am Vaterlande!«
»Jedes Mitglied des Tugendbundes soll das Recht haben . . .«
»Still!« rief der Offizier mit einer Donnerstimme.
»Es lebe Deutschland!« riefen die Studenten einstimmig. »Deutschland hoch!«
»Still,« wiederholte der Offizier. »Stellen Sie sich ohne Widerstand in einer Reihe auf.«
»Gut,« antwortete der Vorsitzende; »wir fürchten die französischen Kugeln nicht, wir werden zu sterben wissen. . . Ihr echten deutschen Streiter, stellt Euch auf.«
Alle Tugendbündler stellten sich mit trotziger Haltung und drohenden Blicken in einer Reihe auf. Der Offizier zog ein Papier aus der Tasche und las:
»Der Hauptmann Ernst von Mühldorf soll hundertfünfzig Mann nehmen und die Burgruinen von Abensberg, die einer Bande von Verschwörern als Versammlungsort dienen, umzingeln und durchsuchen. Alle, die in dem sogenannten Berathungssaale, dem dermaligen Sitzungssaale des Vehmgerichts, betreten werden, soll er verhaften und in einer Reihe aufstellen; sind es zehn, soll er einen von ihnen, sind es zwanzig, zwei erschießen lassen, und so fort; die Uebrigen sollen in Freiheit gesetzt werden.
»München, 16. April1809.»Maximilian.«
»Es lebe Deutschland!« riefen die Gefangenen einstimmig.
»Herr Lieutenant,« flüsterte Schlick seinem Begleiter zu, »suchen Sie doch einen andern Platz, ich glaube, Sie sind der Zehnte.«
Der junge Mann gab keine Antwort und ging nicht von der Stelle.
»Meine Herren,« fuhr der Hauptmann fort, »ich weiß nicht was Sie sind; aber ich bin Soldat, und ein Soldat muß sich an seinen Befehl halten, die militärische Justiz ist schnell . . .«
»Nur zu,« antwortete eine Stimme.
»Nur zu,« antworteten Alle einstimmig.
Der Hauptmann zählte von der Rechten zur Linken bis zehn.
Schlick hatte Recht gehabt: der neue Sehende war der Zehnte.
»Treten Sie heraus,« sagte der Hauptmann.
Der junge Mann gehorchte.
»Sie haben den Blutzehnten zu entrichten,« sagte der Hauptmann.
»Gut,« antwortete der neue Tugendbündler gelassen.
»Sind Sie bereit?«
»Ja.«
»Haben Sie etwa noch Anordnungen zu treffen?«
»Nein«
»Haben Sie keine Freunde . . . keine Eltern oder Angehörige?«
»Ich habe einen Bruder; der Freund, der mein Pathe war und nach dem Buchstaben der uns vorgelesenen Verordnung frei ist, kennt meinen Bruder und wird ihm sagen, wie ich gestorben bin.«
»Sind Sie Katholik oder Protestant?«
»Ich bin Katholik.«
»Sie wünschen vielleicht einen Priester?«
»Ich bin täglich in Todesgefahr und Gott, der in meinem Herzen liest, weiß, daß ich mir nichts vorzuwerfen habe.«
»Sie bitten also weder um Gnade noch um Aufschub?«
»Ich bin mit den Waffen in der Hand, als Verschwörer ergriffen worden . . . machen Sie mit mir was Sie wollen.«
»Dann bereiten Sie sich zum Tode . . .«
»Ich habe Ihnen gesagt, daß ich bereit bin.«
»Es sieht Ihnen frei, Ihre Maske zu behalten oder abzunehmen; wenn Sie sie nicht abnehmen, werden Sie mit ihr begraben, und Niemand wird erfahren, wer Sie sind.«
»Aber wenn ich sie nicht abnehme, könnte man glauben, ich wolle meine Blässe verbergen . . . ich nehme sie ab.«
Der junge Mann nahm seine Maske ab und zeigte ein heiteres Gesicht
Ein Gemurmel der Verwunderung wurde unter den Studenten laut. Ein baierischer Soldat trat mit einem zusammengelegten Schnupftuch auf den Gefangenen zu: aber der Letztere wehrte ihn mit der Hand ab.
»Sie fragten mich, ob ich einen Wunsch habe,« setzte er mit derselben Ruhe und Festigkeit hinzu »Ich bin Soldat, ich bin Offizier wie Sie, Herr Hauptmann . . . ich wünsche die Augen nicht verbunden zu haben und Feuer zu commandiren.«
»Zugestanden.«
»Nun, dann thun Sie Ihre Pflicht.«
Ein Tugendbündler trat aus der Reihe heraus »Bruder,« sagte er, ihm die Hand reichend, »in Namen Baierns begrüße ich Dich als Märtyrer.«
Die siebzehn Anderen folgten seinem Beispiel, Jeder im Namen eines Volksstammes.
Der Hauptmann hinderte es nicht; er ehrte den Muth, der auf jedes Soldatenherz einen tiefen Eindruck macht.
Der Gefangene stellte sich an die Mauer.
»Stehe ich hier gut, Herr Hauptmann?« fragte er.
Der Hauptmann nickte bejahend.
»Acht Mann!« sagte er.
Acht Mann traten vor.
»Stellt Euch zehn Schritte von dem Verurtheilten in zwei Reihen auf und leistet dem Commando Folge.«
Die acht Mann stellten sich in einer Entfernung von zehn Schritten auf.
»Sind die Gen-ehre geladen?« fragte der Verurtheilte.
»Ja.« antwortete der Hauptmann.
»Dann geht’s geschwinder,« sagte der junge Offizier lächelnd. Dann commandirte er: »Achtung, Cameraden!«
Die Augen der acht Soldaten waren auf ihn gerichtet.
»Gewehr in Arm!«
Die Soldaten gehorchten dem Commando.
»Präsentirt das Gewehr!«
Die Bewegung folgte dem Commando mit militärischer Genauigkeit.
»Legt an!« sagte der Verurtheilte.
Die acht Gewehrläufe wurden auf ihn gerichtet.
»Mein Pathe,« sagte der Verurtheilte mit unerschütterlicher Ruhe, »halte ein Licht an mein Gesicht, damit Du bezeugen kannst, daß ich Dir Ehre mache.«
»Das ist nicht nöthig,« sagte der Hauptmann; »wir Alle erkennen, daß Sie ein muthiger Mann sind.«
»Gut . . . Feuer!«
Die acht Schüsse krachten, aber zu seinem größten Erstaunen fühlte sich der Verurtheilte nicht getroffen.
»Deutschland hoch!« riefen Studenten und Soldaten einstimmig.
»Was gibt’s denn?« fragte der Verurtheilte, der sich betastete und zu zweifeln schien, ob er noch lebe.
»Es war nur eine Probe,« sagte Schlick, »und Du hast sie rühmlich bestanden.«
»Deutschland hoch!« wiederholten alle Stimmen.
»Jetzt, Bruder,« sagte derselbe junge Mann, der ihm zuerst die Hand gereicht und ihn als Märtyrer begrüßt hatte, »jetzt steht es Dir frei, zu erblassen und zu zittern so viel es Dir beliebt.«
Der junge Offizier trat vor, nahm die Hand des Sprechers und drückte sie auf sein Herz.
»Ich beuge mich vor Dir,« setzte der letztere hinzu, »denn mein Herz pocht stärker als das deine.
»Mich dünkt, Bruder,« erwiederte der nun freie Gefangene, »mich dünkt, wir hatten ein Werk zu vollbringen.«
»Brüder,« sagte der Vorsitzende zu dem Hauptmann und seinen Soldaten, »entfernt Euch; lasset uns allein und bewachet uns.«
Der Hauptmann und die Soldaten gehorchten
Unterdessen trat Schlick aus den jungen Offizier zu und sagte leise: »Donner und Wetter, Sie haben sich tapfer gehalten; von heute an haben Sie das Recht, sich Richard Löwenherz zu nennen.«
Der Vorsitzende schaute den Affiliirten nach, welche die Rolle der baierischen Soldaten gespielt hatten, bis der letzte verschwunden war. Dann sagte er zu den Wissendem »Brüder, wir wollen unsere Plätze wieder einnehmen.«
Er setzte sich in den Armsessel, die Uebrigen setzten sich wieder auf die Pulverfässer.
»Still!« sagte der Vorsitzende.
Jedes Geräusch hörte auf, und alles Leben schien indem Kreise der Verschworenen plötzlich erstorben.
»Rächer,« sagte der Vorsitzende, »welche Stunde ist es?«
Einer der Anwesenden stand auf.
»Wer ist der Aufstehende?« fragte Richard Löwenherz seinen Pathen.
»Der Ankläger,« antwortete Schlick.
Der Ankläger antwortete ans die Frage des Vorsitzenden: »Es ist die Stunde der Erhebung gegen das fremde Joch.«
»Was für Wetter ists?«
»Der Donner grollt.«
»In wessen Hand ist der Blitzstrahl?«
»In Gottes Hand und in unseren Händen.«
»Wo ist die heilige Vehme?«
»in Westphalen gestorben, in Baiern wieder auferstanden.«
»Womit beweisest Du das?«
»Mit unserer Versammlung.«
»Bruder, Du hast das Wort um anzuklagen . . . wir werden das Urtheil sprechen«
»Ich klage den Kaiser Napoleon an, er beabsichtigt das größte Verbrechen, das nach dem Urtheil eines Deutschen begangen werden kann: die Vernichtung der deutschen Nationalität. Um diesen ruchlosen Zweck zu erreichen, hat er seinen Schwager Murat zum Großherzoge von Berg, seinen Bruder Hieronymus zum Könige von Westphalen ernannt. Um die deutsche Nationalität zu vernichten, will er den Kaiser Franz II. entthronen und seinen Bruder Joseph, den die Spanier nicht mögen, an dessen Stelle setzen. Um die deutsche Nationalität zu vernichten, führt er jetzt Baiern gegen Oesterreich, den Rheinbund gegen das deutsche Reich. Freunde gegen Freunde, Deutsche gegen Deutsche, Brüder gegen Brüder in den Kampf.«
»Brüder,« sagte der Vorsitzende, »seyd Ihr für den Ankläger oder gegen ihn?«
»Wir sind für ihn; wir stimmen ihm bei; wir klagenden Feind unserer Nationalität an . . . Deutschland hoch!«
»Der Kaiser Napoleon ist also in euren Augen schuldig?«
»Ja,« antworteten Alle einstimmig.
»Und welche Strafe hat er nach eurer Meinung verdient?«
»Den Tod!«
»Wer soll ihm den Tod geben?«
»Wir.«
»Wer unter Euch?«
»Der, den das Loos trifft.«
»Wächter, bringe die Urne her.«
Der Wächter gehorchte.
»Bruder,« sagte der Vorsitzende, »wir werfen in die Urne so viele weiße Kugeln, wie hier Völkerstämme vertreten sind, und außerdem eine schwarze Kugel. Wenn die schwarze Kugel heute in der Urne bleibt, so ist es ein Zeichen, daß Gott unser Vorhaben mißbilligt und selbst die Rache üben will; denn die letzte wird die Kugel Gottes seyn . . . Nehmt Ihr meinen Vorschlag an?«
»Ja,« antworteten alle Stimmen.
»Soll der, welcher die schwarze Kugel zieht, der Ausführung unseres patriotischen Vorhabens sein Leben widmen?«
»Ja,« antworteten alle Stimmen.
»Soll er schwören, zu sterben, ohne seine Brüder anzugeben? zu sterben, als ob seine That aus seinem eigenen Entschlusse hervorgegangen wäre? zu sterben, wie unser neuer Bruder soeben sterben wollte, ohne eine Klage laut werden zu lassen?«
»Ja,« antworteten alle Stimmen.
»Also die weißen Kugeln und die schwarze,« sagte der Vorsitzende und kehrte die Urne um. Achtzehn weiße Kugeln und eine schwarze rollten auf den Tisch. Er zählte alle Kugeln, warf sie nach einander in die Urne und schüttelte sie.
»Jetzt,« sagte er, »werden die Vertreter der Volksstämme in alphabetischer Ordnung ziehen . . . Welches Land vertritt unser neuer Bruder?«
»Alsatia!« antwortete der Novize.
»Alsatia!« riefen alle Tugendbündler; »Du bist ja ein Franzose!«
»Franzose oder Deutscher, wie Ihr wollt.«
»Du hast Recht,« sagten zwei oder drei Stimmen, »die Elsasser sind Deutsche. sie gehören zu der großen germanischen Völkerfamilie . . . Deutschland hoch!«
»Was beschließet Ihr über unsern neuen Bruder?«
»Er ist aufgenommen, er hat die Probe muthig bestanden. Holland, Spanien und Italien sind ja hier vertreten,warum sollten wir Frankreich zurückweisen?«
»Gut,« sagte der Vorsitzende; »wer Alsatia zulassen will, hebe die Hand auf!«
Alle Hände wurden aufgehoben Der Vorsitzende warf noch eine weiße Kugel in die Urne. – »Alsatia zieht zuerst.«
Der Novize trat an die Urne, und als er hineingriff, konnte man in seinen Gesichtszügen eine Unschlüssigkeit bemerken, von der er nicht die mindeste Spur gezeigt, als er Feuer commandirt hatte.
Er zog eine weiße Kugel.
»Weiß!« sagte er, ohne seine Freude verbergen zu können.
»Weiß!« wiederholten alle Stimmen.
»Baden!« fuhr der Vorsitzende fort.
Schlick trat vor, griff entschlossen in die Urne und zog eine weiße Kugel
»Weiß!« sagten alle Stimmen.
»Bavaria!« sagte der Vorsitzende.
Der Vertreter Baierns trat vor, griff entschlossen in die Urne und zog eine schwarze Kugel.
»Schwarz!« sagte er mit ruhiger und fast freudiger Stimme.
»Schwarz!« wiederholten Alle.
»Gut,« sagte der Vertreter Baierns, »in drei Monaten ist Napoleon todt, oder ich erschossen!«
»Deutschland hoch!« wiederholten alle Stimmen im Chor.
Der Zweck der Sitzung war erfüllt, und die Tugendbündler trennten sich.
VI.
Sechs Zoll tiefer, und der König von Frankreich hieß Ludwig XVIII
Im kaiserlichen Schlosse Schönbrunn plauderte eines Abends der junge Herzog von Reichstadt mit den Söhnen des Erzherzogs Carl, und die Kinder lachten so laut, daß der Letztere, der am andern Ende des Salons im ernsten Gespräch mit dem Kaiser und anderen Mitgliedern des kaiserlichen Hauses war, dieser etwas geräuschvollen Heiterkeit Schranken setzen zu müssen glaubte und die jungen Prinzen fragte, worüber Sie so lachten.
»O, Papa,« antwortete einer der jungen Prinzen, »achten Sie nicht darauf: Reichstadt erzählt uns, wie sein Vater Sie so oft besiegt hat, und das macht uns viel Spaß.«
Der Erzherzog Carl, der keineswegs engherzig war, lachte noch mehr als die jungen Prinzen, und der Kaiser lachte sammt den übrigen hohen Personen herzlich mit.
Der junge Prinz dachte wohl nicht an Aspern.
Die Anekdote ist wahr, sie ist mir im Jahre 1832 einige Tage nach dem Tode des Königs von Rom, als ich im Schlosse Arenenberg eine gastliche Aufnahme gefunden, von der Königin Hortensia erzählt worden.
Diesem merkwürdigen Feldzuge Napoleons wollen wir ein Capitel widmen.
Am 17. April Mittags war der Kaiser in Donauwörth bereit, an seine Generale die nöthigen Befehle zu senden. Am entferntesten unter den Corpscommandanten war der Marschall Davoust, der in Regensburg stand und an den vor Allem ein Courier abgeschickt werden mußte. Der erste Offizier, den er verlangte, um ihm die eben dictirten Depeschen,zu übergeben, war daher der Lieutenant Paul Richard. Aber der Fürst von Neuchâtel kaute verlegen an den Nägeln und zeigte dem Kaiser an, daß er diesem Offizier bereits einen andern Auftrag gegeben. Für den Fall jedoch, daß Napoleon seine Depesche durchaus durch einen Courier Namens Richard abschicken wollte, stellte ihm der Fürst von Neuchâtel den aus Italien gekommenen Lieutenant Ludwig Richard zur Verfügung. Aber der Kaiser erwiederte, an dem Namen liege ihm nichts, er brauche nur einen muthigen und klugen Courier.
Ein Offizier erschien. Napoleon übergab ihm die Depeschen an den Marschall Davoust.
Berthier ließ von dieser Depesche zwei Abschriften nehmen und schickte letztere durch zwei Couriere auf verschiedenen Wegen ab. Es hätte sehr unglücklich gehen müssen, wenn von den zwei Courieren nicht wenigstens einer angekommen wäre.
Der Befehl des Kaisers an den Marschall Davoust lautete folgendermaßen: »Sie brechen aus der Stelle von Regensburg auf und lassen zum Schutze der Stadt ein Regiment zurück; Sie rücken vorsichtig, aber entschlossen mit einem Armeecorps zwischen der Donau und den österreichischen Truppen stromaufwärts vor; endlich wenden Sie sich über Abach und Obersaal gegen den Strom und stellen sich in der Gegend von Abensberg, bei der Einmündung der Abend in die Donau auf«.
Nachdem dieser Befehl an Davoust abgegangen war, mußte Massena benachrichtigt werden Man fand drei neue Couriere und schickte folgenden Befehl in dreifacher Abschrift ab: »Der Kaiser befiehlt dem Marschall Massena, am 18. Morgens Augsburg zu verlassen und über Pfaffenhofen gegen die Abends zu marschiren, wo der linke Flügel der Oesterreicher steht. Der Kaiser behält sich vor, zu bestimmen, ob der Marschall nachher gegen die Donau, gegen die Isar, gegen Neustadt oder Landshut vorrücken soll. Bei dem Abmarsch von Augsburg ist das Gerücht zu verbreiten, der Marschall wolle in Tyrol einrücken; in Augsburg soll er einen guten Commandanten, zwei deutsche Regimenter, alle kranken und maroden Leute und so viel Lebensmittel und Munition zurücklassen, daß der Platz vierzehn Tage behauptet werden kann. Der Kaiser empfiehlt dem Marschall die größte Eile, denn er hat seiner aufopfernden Ergebenheit noch nie dringender bedurft.«
Die Depesche schloß mit folgenden eigenhändig geschriebenen Worten und der abgekürzten Unterschrift des Kaisers:
»Thätigkeit und SchnelligkeitNap.«
Als diese beiden Depeschen abgeschickt waren, ließ Napoleon den Lieutenant Ludwig Richard kommen. Dieser war ganz erfreut, daß er seinen Bruder wieder gesehen, und durch zweistündige Ruhe gestärkt, jeden Augenblick bereit seine Rückreise nach Italien einzutreten. Der Kaiser übergab ihm folgendes Schreiben an den Prinzen Eugen:
»Prinz! Sie haben durch die Schlappe, die Sie zu Pordenone bekommen, jede Hoffnung verloren, mit uns in Wien einzuziehen, wo wir wahrscheinlich am 15. des nächsten Monats eintreffen werden. Vereinigen Sie sich so schnell als möglich mit uns und marschiren Sie gerade auf die Hauptstadt Oesterreichs los. An den ursprünglichen Befehlen, die ich Ihnen ertheilt, wird nichts geändert.
»Mehr habe ich Ihnen nicht mitzutheilen. Gott nehme Sie in seinen heiligen Schutz.
Napoleon.«
»P. S. General Macdonald erhält Befehl, sich zur italienischen Armee zu begeben. Ich gebe ihm besondere Weisungen, die er nur ihnen mittheilen wird.«
Der junge Offizier empfing das Schreiben aus der Hand des Kaisers, verneigte sich, verließ das Zimmer und stieg sogleich zu Pferde.
Als diese Depeschen abgeschickt waren, begab sich der Kaiser von Donauwörth nach Ingolstadt. Hier kam er zwischen Regensburg und Augsburg, d. i. in den Mittelpunkt der Bewegung Wir haben die verschiedenen Entfernungen zwischen Donauwörth, Regensburg und Augsburg angegeben.
Massena erhielt seine Befehle gegen fünf Uhr und konnte die nöthigen Vorkehrungen treffen, um am 18. bei Tagesanbruch abzumarschiren; Davoust hingegen erhielt die für ihn bestimmte Depesche erst am späten Abend. Der Letztere brauchte den ganzen folgenden Tag (18.), um seine fünfzigtausend Mann zusammenzuziehen und sich mit der Division Friant zu vereinigen, die auf dem Marsche von Baireuth nach Amberg mit dem österreichischen Armeecorps des Generals Bellegarde zusammengestoßen war und durch seine gute Haltung den Marsch des Corps, zu welchem sie gehörte, gedeckt hatte. Dieses Bellegarde’sche Corps, welches etwa fünfzigtausend Mann stark war, mußte von dem bevorstehenden Kampfe womöglich fern gehalten werden: es war das böhmische Armeecorps,das der Erzherzog Carl in seinem Concentrationssystem herbeizog.
Der Marschall Davoust hatte daher am 18. vollauf zuthun, um die Divisionen Saint-Hilaire und Gudin sammt der schweren Cavallerie des Generals Saint-Sulpice von dem rechten auf das linke Donauufer rücken zu lassen, während die leichte Cavallerie des Generals Montbrun, die sich fächerförmig ausbreitete, bis gegen Straubing, Eckmühl und Abach vordrang, um die wirkliche Stellung des Erzherzogs Carl kennen zu lernen, denn der Marschall Davoust fühlte sich, als ob ihm die Luft drückend geworden wäre, instinktmäßig aus zwei Seiten bedroht: auf der einen von der ungarischen Armee, auf der andern von der Hauptmasse des österreichischen Heeres.
Der allgemeine Sammelplatz war, wie wir gesehen, auf der Hochebene um Abensberg.
Am l9. Früh setzte sich der Marschall Davoust in Marsch. Wir schreiben keine Geschichte dieses berühmten Feldzuges und schildern daher auch nicht den meisterhaften Marsch des Marschalls auf dem rechten Donauufer. Mitten in diesen furchtbaren Ereignissen verfolgen wir nur den dunkeln Faden einer Verschwörung, deren Zweck war, mit einem Dolchstoß zu vollbringen, was die Glücksgöttin nicht mit Schwert, Gewehr und Kanonen vollbringen wollte. Wir begleiten Napoleon auf seiner gefahrvollen Bahn, denn er zumal wurde von den im vorigen Capitel erzählten Ereignissen bedroht.
In der Nacht vom 19. zum 20. war er von Ingolstadt«stromabwärts gegangen und hatte erfahren, daß die Oesterreicher, die bis Abensberg vorgedrungen waren, nach einem »kleinen Gefecht den Rückzug angetreten hatten, und daß die Hochebene, wo die Truppen darauf erscheinen sollten, frei war.«
Am 19. hatte man den ganzen Tag Kanonendonner gehört. Am 20. war eine kleine Reiterschaar, aus dem Kaiser, dem ganzen Generalstabe des Fürsten von Neuchâtel und einer Abtheilung Garde bestehend, auf dem Plateau von Abensberg angekommen und hatte auf dem höchsten Punkte, etwa hundert Schritte von dem Hause des Pastor Blum, angehalten.
Man hatte Napoleon angeboten, in einem Hause zu verweilen, aber er wollte lieber im Freien bleiben. Auf der Stelle, wo er anhielt, konnte er die ganze Gegend übersehen. Ueberdies hatte der Fürst von Neuchâtel, in Folge einer Unterredung mit seinem Spion Schlick, ganz ungewöhnliche Vorsichtsmaßregeln getroffen. Schon Abends vorher hatte das ganze in Abensberg liegende Regiment Befehl erhalten, sich in den Häusern, die der Anhöhe zunächst standen, und in den Burgruinen einzuquartieren; auch die Zwischenräume zwischen jenen Häusern wurden mit lagernden Soldaten besetzt.
Napoleon war daher, ohne daß er’s bemerkte, von einem Kreise wachsamer Soldaten umgeben. Er dachte übrigens auch nie an derlei Vorsichtsmaßregeln, er ließ seine Umgebungen dafür sorgen: ob er nun wie ein Christ an die Vorsehung, wie ein Muselmann an eine Vorherbestimmung, oder wie ein Römer an ein unabwendbares Geschick glaubte, genug, er bot seine Brust den Kugeln des Feindes, wie dem Dolche des Meuchlers, sein Leben war in der Hand Gottes, der seine Absichten mit ihm hatte.
Wie gewöhnlich brachte man ihm einen Tisch, breitete Karten auf demselben aus und stattete ihm Berichte ab.
Tags zuvor hatte sich Folgendes ereignet: Der Marschall Davoust war mit Tagesanbruch von Regensburg abmarschirt. Sein Corps war in vier Colonnen getheilt. Die Vorhut, welche die äußerste Linke bildete, rückte auf der großen Heerstraße über Eckmühl nach Landshut vor und zwei Colonnen marschirten im Centrum auf Feldwegen; der äußersten Rechten, die aus den Gepäck- und Munitionskarren bestand, war die an der Donau nach Mainburg führende Straße angewiesen.
Der Erzherzog Carl stand bei Rohr, auf einem Plateau, das jenem bei Abensberg ähnlich ist, und zugleich das Donauthal und das Thal der großen Laber beherrscht; er glaubte den Marschall Davoust noch in Regensburg zu finden und faßte daher an demselben Tage, wo der Marschall seinen denkwürdigen Marsch unternahm, den Entschluß, ihn zugleich mit den 80,000 Mann, die er bei sich hatte, und den 50,000 Mann Bellegarde’s von zwei Seiten anzugreifen. Das letztere Corps war, wie wir gesehen, von Böhmen her in Anmarsch uns hatte das erwähnte Gefecht mit der Division Friant bestanden.
Die Folge dieser doppelten Truppenbewegungen war, daß Napoleon die Umgegend von Abensberg leer fand, und daß in Regensburg nur das von Davoust zurückgebliebene Regiment geblieben war. Aber die beiden Armeen mußten auf der Diagonallinie, die sie eingeschlagen, endlich zusammentreffen. Erzherzog Carl marschirte am östlichen Abhange der Hügelkette, die das Donauthal von dem Thale der großen Laber trennt, während der Marschall Davoust am westlichen Abhange marschirte.
Um neun Uhr Morgens überschritten zwei französische Colonnen die Hügelkette und kamen von dem westlichen Abhange auf den östlichen. Die Division Gudin, welche die äußerste Linke bildete, hatte die Tirailleurs des 7. leichten Regiments weit vorausgeschickt. Letztere trafen mit den österreichischen Tirailleurs des Generals von Rosenberg zusammen und wechselten mit denselben einige Schüsse. Aber der Marschall Davoust, der sogleich erkannte, daß es nur ein unbedeutendes Scharmützel war, sprengte im Galopp herbei und gab den beiden Colonnen persönlich den Befehl ihren Marsch fortzusetzen; den Tirailleurs hingegen befahl er sich zurückzuziehen und das Dorf Schneidau zu räumen. Dieses wurde sofort von den österreichischen Tirailleurs besetzt, und das Rosenberg’sche Corps, zu welchem sie gehörten, rückte gegen Dingling, während das Corps des Generals Hohenzollern den ebenfalls von den Franzosen geräumten Ort Hausen besetzte. Die leichte Infanterie Davoust’s besetzte einen großen Wald, der sich dem Dorfe Tengen gegenüber in Form eines Hufeisens ausbreitete
Hier mußte ein Zusammenstoß zwischen dem linken Flügel der Franzosen und der Oesterreicher erfolgen. Und dieser Zusammenstoß war furchtbar: bei Dingling entbrannte der Kampf zwischen Montbrun und Rosenberg; bei Tengen kämpften St. Hilaire und Friant gegen Hohenzollern und die Prinzen Ludwig und Moriz Liechtenstein. Außerdem wurde auf allen Zwischenpunkten gekämpft.
Der Erzherzog Carl hatte sich indeß geirrt: er hielt unsere äußere Linke für unsere äußerste Rechte; er glaubte Napoleon und die Hauptmasse des französischen Heeres vor sich zu haben, während letztere zwischen der Donau und seiner äußersten Linken vorrückte. Die Folge dieses Irrthums war, daß der Erzherzog mit zwölf Grenadierbataillonen dem Kampfe von einer Anhöhe ruhig zusah, denn er wollte keine entscheidende Schlacht wagen, bevor er sich nicht mit dem Corps des Erzherzogs Ludwig vereinigt. Er schickte daher dem Letztern seine Befehle und rüstete sich für den folgenden Tag zum Angriff.
Ueber diesen Kampf erfuhr Napoleon Folgendes: die Vorhut des Generals Montbrun hatte zweihundert Mann die Division Friant dreihundert, die Division St. Hilaire siebzehn hundert, die Division Morand fünfundzwanzig, das bairische Corps hundert bis hundertfünfzig Mann verloren. Der ganze Verlust belief sich auf etwa zweitausendfünfhundert Mann. Der Feind hatte bei Dingling fünfhundert, bei Tengen viertausendfünfhundert, bei Buch und Arnhofen sieben- bis achthundert im Ganzen gegen sechstausend Mann verloren.
Was dem Erzherzog Carl, dem bewährten Feldherrn, entgangen war, sah Napoleon, wie der Adler, den er in seinem Banner führte; er schwebte mit den Flügeln seines Genies über den Ereignissen.
Fast zugleich mit ihm traf der Marschall Davoust zu Abensberg ein. Das Corps des Letzteren rückte von Neustadt an, und die Division Wrede hielt sich bereit die Abens zu überschreiten.
Napoleon entwarf schnell seinen Plan: die französischen Truppen sollten Tengen umgehen, die Posten des österreichischen Centrums angreifen, die Operationslinie des Erzherzogs Carl in zwei Theile scheiden, seine Nachhut in die Donau treiben und sich dann wenden, um den feindlichen Feldherrn, falls er nicht in dem zerstreuten Theile der Armee wäre, mit aller Gewalt von zwei Seiten anzugreifen. Er befahl daher dem Marschall Davoust mit 24,000 Mann in Tengen zu bleiben, unterdessen sollte Lannes mit 25,000 Mann gerade vorrücken und Rohr um jeden Preis nehmen, und der Marschall Lefèbvre erhielt den Befehl mit seinen 40,000 Baiern und Würtembergern Arnhofen und Offenstein zu nehmen.
Da er endlich voraussah, daß die österreichische Nachhut auf dem Rückzuge den Versuch machen würde, bei Landshut über die Donau zu gehen, befahl er dem Marschall Massena, der ihm bei dem ohnehin 90,000 Mann starken Hauptcorps nichts nützen konnte, über Freisingen und Moosburg gegen Landshut zu rücken.
Dann musterte er die Baiern und Würtemberger, die auf den Feinden die Bundesgenossen der Franzosen geworden waren; jede vorübermarschirende Truppenabtheilung redete er an, und die Offiziere wiederholten seine Worte in deutscher Sprache.
»Völker des großen deutschen Stammes,« sagte er zu ihnen, »heute kämpft Ihr nicht für mich, sondern für eure Nationalität Bald werde ich Euch dauernden Frieden wiedergeben, und eure Macht wird dergestalt wachsen, daß Ihr Euch selbst werdet vertheidigen können gegen die Anmaßungen eurer früheren Bedrücker Uebrigens,« setzte er hinzu, indem er zu Pferde stieg und in ihre Reihen ritt, »werde ich heute mit Euch kämpfen; ich lege das Geschick Frankreichs und mein Leben in eure treuen Hände.«
Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so krachte ein Schuß, und dem Kaiser wurde der Hut vom Kopf gerissen.
Dieser Schuß wurde jedoch mitten in dem Tumult kaum gehört, und der Fall des Hutes wurde einer etwas ungestümen Bewegung des Pferdes zugeschrieben.
Ein bairischer Offizier trat aus den Reihen, hob den Hut auf und reichte ihn dem Kaiser.
Napoleon warf einen flüchtigen Blick auf den Hut und setzte ihn wieder auf.
Dann setzte sich die Truppenmasse in Bewegung und rückte gegen Arnhofen vor.
Unten im Thale näherte sich Berthier dem Kaiser, um seine legten Befehle zu empfangen. Napoleon gab sie ihm, dann nahm er seinen Hut ab und zeigte dem Chef des Generalstabes das von einer Kugel geschlagene Loch.
»Sechs Zoll tiefer,« sagte er mit der größten Ruhe, »und der König von Frankreich hieß Ludwig XVIII.«
Berthier erblaßte, als er sah, in welcher Gefahr der Kaiser geschwebt hatte; er wandte sich zu einem Adjutanten und sagte:
»Rufen Sie aus der Stelle den Lieutenant Paul Richard!«
VII.
Fünf Siege in fünf Tagen
Napoleons Erwartungen gingen in Erfüllung Lannes, der mit 20,000 Mann Linieninfanterie, 1500 reitenden Jägern und 3500 Kürassieren den linken Flügel bildete, marschirte gegen Rohr, das er, wie schon erwähnt, um jeden Preis nehmen sollte. Der Weg führte durch ein stark bewaldetes und von vielen Schluchten durchschnittenes Land. So stieß er auf die Flanke der Infanterie des österreichischen Generals Thierry, dessen Cavallerie schon voraus war. Er ließ dieses Fußvolk mit seinen 1500 reitenden Jägern im stärksten Galopp angreifen. Statt ein Quarré zu formieren und den Angriff abzuwarten, zog sich die Infanterie, die nicht wußte, daß die Reiterschaar so klein war, gegen den Wald zurück; aber ehe sie diesen erreichte, wurde sie vollends auseinandergetrieben. Der General Thierry zog sich nach Rohr zurück, wo er seine Streitkräfte mit den dort stehenden vereinigte. Aber Lannes gedachte des erhaltenen Befehls: Rohr um jeden Preis zu nehmen, und verfolgte den sich zurückziehenden Feind. 3000 österreichische Husaren wurden den französischen Chasseurs entgegengeschickt, aber Lannes sah diese Bewegung und ließ die Husaren durch ein schnell herbeigezogenes Kürassierregiment, welches sich mit den Chasseurs vereinigte, mit solchem Ungestüm angreifen, daß sich die Husaren in das Dorf zurückziehen mußten.
Nun rückte auch die Infanterie des Marschalls Lannes an. Das dreißigste Regiment, durch die Kürassiere unterstützt, griff das Dorf von vorn an, während das dreizehnte und siebzehnte dasselbe von beiden Seiten umzingelten. Nach einem halbstündigen Kampfe zog sich der Feind von Rohr nach Rothenburg zurück.
Lonnes schickte einen reitenden Boten ab, um dem Kaiser die Einnahme von Rohr zu melden, und erklärte, er werde den Feind verfolgen, so lange als er sehen und feuern könne«
Napoleon erhielt die Nachricht in dem Augenblicke als seine Würtemberger und Baiern den Feind von Neustadt nach Landshut zurücktrieben. Die Verfolgung dauerte den ganzen Tag, erst in Pfaffenhausen rasteten die österreichischen Truppen.
Auf die Kunde von der Einnahme Rohrs eilte Napoleon dem Lannes’schen Corps nach. Abends traf er in Rothenburg ein, wo Lannes, seinem Versprechen gemäß, erst mit Einbruch der Nacht angehalten hatte. Das Kriegsglück war ihm überaus günstig gewesen: er hatte kaum 200, der Feind hingegen an 4000 Mann an Todten und Gefangenen verloren. Unter den Gefangenen war der General Thierry – Die Baiern und Würtemberger unter Lefèbvre hatten1000 Mann verloren, dem über die Isar zurückgeworfenen Feinde aber einen Verlust von 3000 Mann beigebracht.
Der wichtigste Vortheil, den Napoleon erlangte, war nicht der Verlust von 13- bis 14,000 Mann, den der Feind erlitt, sondern die Trennung des Erzherzogs Carl von seinem linken Flügel. Die österreichische Armee war durch das von Napoleon selbst befehligte 100,000 Mann starke französische Hauptcorps in zwei Hälften zerrissen worden, deren jede vereinzelt einen Eingriff schwerlich auszuhalten vermochte. Napoleon wußte freilich nicht genau, wo das Corps des Erzherzogs stand; er vermuthete es an der Isar und beschloß dasselbe mit seiner ganzen Truppenmacht beim Uebergange über diesen Fluß, der sich etwa acht Meilen von Landshut in die Donau ergießt, zu überfallen, Dieser Übergang mußte aller Wahrscheinlichkeit nach bei Landshut stattfinden. Wenn Massena auf seinem Marsche kein Hinderniß gefunden hatte, so waren alle zwischen Napoleons Hauptmacht und der Isar stehenden Oesterreicher verloren.
Der Marschall Davoust, der sich in Tengen festgesetzt, erhielt daher Befehl, der Bewegung des Heeres gegen die Isar zu folgen und sich um die wenigen Truppen, die er vor sich hatte, nicht weiter zu kümmern. Napoleon glaubte nemlich, er verfolge das Corps des Erzherzogs Carl, und daß die »wenigen Truppen,« die der Marschall Davoust vor sich hatte, die Hauptmasse der österreichischen Armee bildeten. Wie konnte er auch denken, daß der beinahe 60,000 Mann starke Feind seit sechsunddreißig Stunden kein Lebenszeichen gegeben hatte! Der Erzherzog, der nicht wußte, daß die französische Armee zwischen ihm und der Donau vorgerückt war, erwartete nemlich am 20. einen Angriff Napoleons; er selbst wollte vor seiner Vereinigung mit dem 50,000 Mann starken Corps des Erzherzogs Ludwig nicht angreifen. Aber der Kanonendonner, den er hinter sich vernahm, bewog ihn zur Umkehr; er wandte sich wieder gegen Regensburg, wo er die böhmische Armee finden sollte, und stellte sich unweit Eckmühl auf der nach Landshut führenden Straße auf.
Napoleon legte seine Kleider nicht ab, denn die Verfolgung seines Planes ließ ihm keine Ruhe; aber das österreichische Heer war auf zwei verschiedenen Straßen, über Rothenburg und Pfaffenhausen in der Nacht nach Landshut gekommen. Napoleon wußte freilich noch nicht, ob es das Hauptheer oder nur ein verhältnismäßig kleiner Theil desselben war; er wußte nicht, ob nicht Davoust, den er hinter sich zurückließ, mit seinen 24,000 Mann durch einen kühnen Handstreich des Feindes überrumpelt werden konnte. Ein Blitz seines Genies erleuchtete ihn in jener Nacht, die zwei Tage des Sieges trennte. Er schickte dem Marschall die Division des General Demont, die Kürassiere des General Nansouty, die bairischen Divisionen des General Deroy und des Kronprinzen zu Hilfe, während er selbst mit den 25,000Mann des Marschall Lannes und den Baiern unter Wrede vorrückte, um die Oesterreicher gegen Landshut zu drängen, wo er überdies auch Massena mit etwa 30,000 Mann zu finden hoffte.
Gegen neun Uhr Morgens war Napoleon mit der Infanterie des General Moreau, mit den Cuirassieren und der leichten Cavallerie zu Altdorf. Auf dem ganzen Wege hatte man Verwundete, Gepäck und Geschütze gefunden. Hier, am Eingange eines Waldes, auf einer Anhöhe, welches die fruchtbare, von der Isar durchströmte Ebene beherrscht, im Angesicht der Stadt Landshut hielt er an.
Es war ein schöner Anblick für einen Sieger. Der Feind war auf dem Rückzuge; Cavallerie, Infanterie, Artillerie zog über die Brücken; es herrschte eine entsetzliche Verwirrung. Napoleon hätte die Armee mit einem Schlage vernichten können. Er hatte freilich nur 8- bis 10,000 Mann bei sich; die übrigen Truppen waren noch zurück. Bessières und Lannes griffen diese ihnen weit überlegene, aber auf einen Kampf nicht vorbereitete Truppenmasse mit Kürrassieren, Chasseurs und leichter Infanterie an, Die Cavallerie kam aus dieser Verwirrung hervor und suchte den den Angreifern Widerstand zu leisten; aber Kürassiere, Chasseurs und Fußvolk, durch den bisherigen glücklichen Erfolg ermuthigt und durch die Anwesenheit Napoleons angeeifert, durchbrachen die Cavallerie, und auch die in der Eile zusammengezogene feindliche Infanterie wurde von der inzwischen eingetroffenen Division Morand geworfen und gegen die Brücken gedrängt. Unglücklicherweise hatte die Artillerie nicht folgen können; man hätte mit zehn Kanonen die dichtgedrängten Massen, die mit Säbel und Bajonnet angegriffen werden mußten, vernichten können.
Inzwischen erbeutete man in der Ebene viele Geschützt, Gepäckwagen und sogar eine vortreffliche Brückenequipage; viele Flüchtlinge, welche die Brücke nicht erreicht hatten, ergaben sich.
Die Heeresabtheilungen, die über die Brücken gegangen waren, zogen sich theils nach Neumark und Mühldorf, theils in die Stadt Landshut zurück. Massena’s Truppen kamen zu spät, um ihnen den Rückzug abzuschneiden
Plötzlich stieg in der Richtung der Hauptbrücke ein dichter Rauch auf; die Oesterreicher hatten die Brücke angezündet.
Napoleon wandte sich zu einem seiner Adjutanten und sprach nur das eine Wort: »Vorwärts« Der General verstand ihn, stellte sich an die Spitze des siebzehnten Regiments und führte es mit den Worten: »Der-Kaiser sieht Euch . . . folget mir!« gerade auf die brennende Brücke zu. Das Regiment ging, von Wasser, Feuer und Kugeln bedroht, im Sturmschritt über die Brücke und drang in die abschüssigen Straßen von Landshut.
Von allen-Seiten rückten nun französische Truppen nach. Napoleon mit 25,000, Werde mit 20,000, Massena mit 20,000 Mann. Gegen diese Uebermacht, zumal unter den obwaltenden Verhältnissen, war kein Widerstand mehr möglich; Der Feind verlor wenig an Todten und Verwundeten, vielleicht 2- bis 3000 Mann; aber Napoleon machte 7- bis 8,000 Gefangene und erbeutete viele Geschütze und anderes Kriegsmaterial. Der größte Schade aber, den der Feind erlitt, war das Durchbrechen der Operationslinie und die Unmöglichkeit, dieselbe wieder herzustellen.
Plötzlich hielt Napoleon an und lauschte. Hinter ihm, zwischen der großen und kleinen Laber vernahm man Kanonendonner. Sein geübtes Ohr erkannte, daß in einer Entfernung von etwa acht Stunden gekämpft wurde. Ohne Zweifel hatte Davoust auf seinem Marsche den Feind getroffen; aber welchen Feind? War’s das von Böhmen anrückende Armeecorps Bellegarde’s, oder war’s das vom Prinzen Carl befehligte Heer? Denn er begann zu glauben und zu hoffen, daß er das letztere hinter sich gelassen. Oder hatte es Davoust mit beiden, d. i. mit einer Truppenmasse von etwa 110,000 Mann zu thun? Für die 40,000 Mann, über die Davoust zu verfügen hatte, wäre eine dieser beiden Armen schon Zuviel gewesen. Napoleon konnte seine Stellung nicht verlassen; würde dem Feinde dadurch ein Mittel an die Hand gegeben haben, seine Streitkräfte wieder zusammenzuziehen und ihm in den Rücken zu fallen. Er mußte warten und sich auf den Muth und die Klugheit des Marschalls Davoust verlassen; aber er war sehr unruhig.
Inzwischen dauerte der Kanonendonner mit gleicher Heftigkeit fort und zog sich gegen Eckmühl. Erst bei Einbruch der Nacht wurde das Feuer eingestellt. In der vorigen Nacht hatte sich Napoleon in vollen Kleidern auf sein Feldbett geworfen; dieses Mal legte er sieh gar nicht nieder.
Um elf Uhr Abends wurde der General Piré als Abgesandter des Marschall Davoust gemeldet. Napoleon eilte dem General entgegen.
»Nun, wie steht’s?« fragte er, ehe der General Zeit hatte den Mund aufzuthun.
»Alles geht gut, Sire,« antwortete der General.
»Ah! Sie sind’s, Piré? Das freut mich . . . Erzählen Sie mit, was drüben vorgegangen ist.«
Piré erzählte nun dem eisenfesten Manne, der am Tage kämpfte und in der Nacht wachte, was sich im Laufe des Tages zugetragen hatte. Davoust hatte auf seinem Marsche die Generale Hohenzollern und Rosenberg angegriffen und gegen Eckmühl zurück geworfen Während dieses Rückzugs der Feinde hatte man die beiden Dörfer Paring und Schirling mit dem Bajonnete genommen, und bereits drei Stunden gekämpft, als die von Napoleon abgeschickte Verstärkung ankam.
Davoust hatte nun eingesehen, daß ihn der Kaiser nicht mehr brauchte, denn er schickte ihm ja 20,000 Mann zu Hilfe, er hatte daher nichts zu thun, als ihm den Feind im Schach zu halten.
Der Feind hatte sich in Eckmühl festgesetzt und schien sich hartnäckig vertheidigen zu wollen. Davoust ließ nur die Geschütze gegen den Ort spielen; dies war überdies auch das einfachste Mittel, dem Kaiser Nachricht zu geben. Napoleon verstand keine Sprache besser als den Kanonendonner.
Davoust hatte 1400, der Feind gegen 3000 Mann verloren. Bei Landshut hatten die Oesterreicher 7000 Mann, größtentheils an Gefangenen, eingebüßt, so daß sich ihr Gesammtverlust an diesem Tage auf etwa 10,000 Mann belief, Napoleon hatte nur 300 Mann verloren.
Während der General noch Bericht abstattete, wurde ein von Regensburg kommender Courier gemeldet Er hatte den Weg über Abensberg, Pfaffenhausen und Altdorf genommen, und dies war dieselbe Straße, auf welcher Napoleon vorgerückt war.
Davoust hatte, wie früher erwähnt, Befehl erhalten, ein Regiment in Regensburg zu lassen. Ein Regiment war freilich sehr wenig, aber Napoleon brauchte alle seine Streitkräfte und wollte nicht mehr zurücklassen. Davoust hatte das unter dem Befehl des Obersten Coutard stehende 65. Regiment gewählt; er wußte, daß er sich auf das Regiment und auf dessen Befehlshaber verlassen konnte. Der Oberst Coutard sollte die Stadtthore verrammeln, die Straßen mit Barrikaden absperren und sich aufs Aeußerste vertheidigen.
Am 19 April, wo bei Abensberg gekämpft wurde, war das 50,000 Mann starke böhmische Armeecorps vor Regensburg erschienen. Das Regiment hatte aus der Stadt gefeuert und dem Feinde 800 Mann todtgeschossen. Aber am folgenden Tage war das Corps des Prinzen Carl, von Landshut kommend, auf dem andern Donauufer erschienen. Das Regiment hatte gegen dieses neue Heer den Rest seiner Patronen verschossen. Eine Stadt wie Regensburg, mit zweitausend Bajonneten gegen eine Armee von mehr als hunderttausend Mann zu vertheidigen, war unmöglich; Oberst Coutard hatte die Unterhandlungen wegen der Uebergabe wenigstens in die Länge gezogen, und endlich gegen fünf Uhr Nachmittags hatte er sich ergeben, zugleich aber freien Abzug für seinen Courier verlangt. Der Courier war sogleich im Galopp fortgeritten und traf um ein Uhr Nachts in Landshut ein. Die Nachricht, welche er überbrachte, war höchst wichtig. Oberst Coutard befand sich mit seinem Regiment zwar in der Gewalt des Feindes, aber Napoleon erhielt doch zuverlässige Kunde über die Stellung des letzteren. Die böhmische Armee hatte sich mit der österreichischen vereinigt und Erzherzog Carl hielt das Land von Eckmühl bis Regensburg besetzt. Der Feind, den Davoust in Schach halten sollte, war also der Prinz Carl mit seinem Heere; der Marschall brauchte nur mit seinen 40,000 Mann von der einen Seite, Napoleon mit seinen 80,000 von der andern gegen Eckmühl anzurücken, und der Gegner konnte nicht entrinnen. Es war indeß keine Zeit zu verlieren, der General Piré stieg wieder zu Pferde und sprengte nach Eckmühl zurück, um dem Marschall Davoust anzuzeigen, daß der Kaiser mit allen seinen Streitkräften zwischen zwölf und ein Uhr eintreffen werde. Seine Anwesenheit sollte durch einen Donnerschlag kundgegeben werden. Man wollte fünfzig Kanonen zugleich abfeuern, dann sollte Davoust angreifen.
Als der General Piré fort war, schickte Napoleon ein Regiment leichter Cavallerie, eine Abtheilung deutscher Reiterei, die bairische Division Werde und die Division Molitor über die Isar, um den Erzherzog Ludwig zu verfolgen, und außerdem wurden 20,000 Mann in kleinen Abtheilungen zwischen der Donau und Isar so aufgestellt, daß sich die äußersten Flügel an Neustadt und Landshut lehnten. Dann schickte er in entgegengesetzter Richtung durch das Thal der großen Laber den General St. Sulpice mit vier Kürassierregimentern, den General Bandamme mit seinen Würtembergern, den Marschall Lannes mit den sechs Kürassierregimentern des General Nansouty und den zwei Divisionen Morand und Gudin.
Es ward Befehl gegeben die ganze Nacht zu marschiren, um Mittag in der Nähe von Eckmühl Halt zu machen, eine Stunde zu rasten und dann anzugreifen.
Napoleon selbst führte die drei Divisionen Massena’s und die Kürassierdivision des General Espagne.
Davoust hatte etwa 35,000 Mann; die Generale Vandamme und St. Sulpice führten ihm 13- bis 14,000, Lannes 25,000, Napoleon 10- bis 12,000 Mann zu; es war also eine Truppenmasse von etwa 75,000 Mann, die der Erzherzog Carl zu bekämpfen hatte. Der österreichische Oberfeldherr faßte nach viertägigem Zögern den Entschluß, auf der französischen Operationslinie dasselbe Manöver zu versuchen, das Napoleon auf der seinigen ausgeführt hatte. Vor Allem sollte Abach angegriffen werden. Da die Kürassiere des General Montbrun, nachdem sie am 19. bei Dingling gekämpft, in Abach geblieben waren und mit den leichten österreichischen Truppen fortwährend scharmützirten, so glaubte der Prinz Carl eine beträchtliche Truppenmacht vor sich zuhaben, obgleich er es nur mit dem Pivot der Armee zu thun hatte, der erst die äußerste Rechte gewesen, nun aber die äußerste Linke geworden war, so wie die französische Nachhut während der ganzen Zeit, wo Napoleon von Abensberg nach Landshut marschirte, die Vorhut wurde, sobald er sich von Landshut gegen Eckmühl wandte.
Um dem General Kolowrat mit dem Rest des böhmischen Armeecorps Zeit zu lassen, über die Donau zu gehen, sollte der Angriff erst zwischen zwölf und ein Uhr Mittags stattfinden, und dies war, wie erwähnt, gerade die Zeit, wo sich Napoleon auf Eckmühl werfen wollte.
Zu dieser Bewegung sollten zwei Colonnen verwendet werden: eine von 24,000, die andere von 12,000 Mann, die von verschiedenen Seiten anrücken sollten, während die dritte, 40,000 Mann starke, aus dem Corps des General Rosenberg, dem Hohenzollernschen Corps und der Reserve bestehend, Befehl erhielt, während des Vorrückens der beiden andern unbeweglich zu bleiben.
Die Streitkräfte, über die der Prinz Carl am 22. April hätte verfügen können, und die er von dem wahren Kampfplatze entfernte, um ein anderes Schlachtfeld zu suchen, das er nicht fand, waren also die 24,000 Mann des General Kolowrat und die 12,000 Mann des Fürsten Johann von Liechtenstein.
Der 36,000 Mann starke rechte Flügel des Erzherzogs sollte also angreifen. der linke, 40,000 Mann stark, sollte sich auf die Defensive beschränken.
Unter diesen Vorbereitungen verging die Nacht. Am andern Morgen war das Wetter trübe, ein dichter Nebel bedeckte die ganze Ebene und verschwand erst gegen neun Uhr.
Dem General Kolowrat mußte, wie oben erwähnt, Zeit gelassen werden, über die Donau zu gehen. Dieser Uebergang wurde erst gegen Mittag vollendet. Bis dahin hatte man nicht einen einzigen Musketenschuß gehört. Die beiden Armeecorps wollten sich eben, das eine gegen Abach, das andere gegen Paising in Marsch setzen, als man plötzlich einen fürchterlichen Kanonendonner in der Richtung von Burghausen hörte.
Die ganze von Napoleon geführte französische Armee rückte nun gegen Eckmühl. Napoleon hatte nicht nöthig gehabt, das verabredete Zeichen zu geben, denn der Feind empfing ihn mit einem furchtbaren Kartätschenhagel Die Würtemberger, welche die Vorhut bildeten, wurden anfangs durch dieses Geschützfeuer und den damit verbundenen Cavallerieangriff zum Weichen gebracht. Aber Vandamme stellte sich an ihre Spitze und die Divisionen Morand griffen im Sturmschritt an; das Dorf Lintach und die neuen Ankömmlinge vereinigten ihren linken Flügel mit der Division Demont und mit den Tags vorher vorausgeschickten Baiern.
Als der Kanonendonner begann, schob Davoust seine beiden Divisionen vor, die das Zeichen seit einer Stunde mit Ungeduld erwartet hatten. Unter dem furchtbaren Kartätschenfeuer derselben zogen sich die Oesterreicher zurück und empfingen die sie verfolgende Division St. Hilaire mit einem überaus lebhaften Gewehrfeuer; aber sie hatten es mit alten Soldaten zu thun, die an das Feuer gewöhnt waren, und es entbrannte ein höchst hartnäckiger Kampf das zehnte leichte Infanterieregiment verlor in fünf Minuten 500 Mann. Dieser Kampf fand auf einem Plateau unweit eines Waldes statt; in diesen Wald schickte der General Friant seine Division, welche den Feind mit dem Bajonnet auf die nach Eckmühl führende Straße zurückwarf.
Der Kampf wurde nun allgemein. Das Corps des General Rosenberg suchte sich auf der Landstraße gegen den ungestümen Angriff dreier Regimenter zu behaupten; aber die von den französischen Kürassieren unterstützte baierische Reiterei stürmte über die Wiesen heran, und die würtembergische Infanterie, die nach dem zweiten Angriff das Dorf Eckmühl genommen hatte, drang mit solcher Gewalt vor, daß die ganze feindliche Infanterie die Landstraße aufgeben und die Höhen ersteigen mußte.
Aber auch hier wurden sie auf Napoleons Befehl von Lannot, der schnell über die große Laber ging, in der linken Flanke angegriffen. Aus ihrer Stellung vertrieben, zogen sich die österreichischen Generale auf ein anderes Plateau zurück und schickten ihre leichte Reiterei gegen die bairische und würtembergische Reiterei, die vollständig geworfen wurde. Der glänzende Erfolg dieses ungestümen Cavallerieangriffs schien der Sache eine ganz neue Wendung geben zu wollen; aber kaum waren die Bundesgenossen der Franzosen auseinandergesprengt, so griffen die französischen Kürassiere an, durchbrachen die feindliche leichte Cavallerie und erreichten die Höhe der Landstraße in dem Augenblicke, als die Infanterie Gudin’s ebenfalls die Anhöhe erreichte. Das Fußvolk, welches den herrlichen Cavallerieangriff gesehen hatte, klatschte in die Hände und ließ die Kürassiere hoch leben.
Zugleich warf der General St. Hilaire eine andere feindliche Truppenabtheilung von der bewaldeten Anhöhe auf die schon überfüllte Landstraße. Die Verwirrung war unbeschreiblich; die Oesterreicher zogen sich rasch hinter ihre Kürassiere zurück, die bei Egloffsheim, etwa eine Meile von dem eigentlichen Kampfplatz, in Schlachtordnung aufgestellt waren.
Nun rückten auch die französischen Truppenmassen in die Ebene, die Cavallerie in der Mitte, die Infanterie an den Flügeln. Die Cavallerie bestand aus den bairischen und würtembergischen Regimentern und aus den Kürassierregimentern Nansouty und St. Sulpice. Die Erde erzitterte unter den Hufschlägen dieser fünfzehntausend Pferde. Die Divisionen Friant und St. Hilaire durch den bereits erkämpften Sieg begeistert, drangen fast eben so schnell wie die Cavallerie vor.
Der Zusammenstoß dieser Masse mit der ihr entgegen stürmenden österreichischen Cavallerie war furchtbar. Es war schon sieben Uhr Abends, im April die Stunde der Dämmerung.
Es war ein erbitterter, unerhörter Kampf, Mann focht gegen Mann, und jeden Augenblick fanden sich neue Gegner zusammen. Husaren, Chevaulegers, Kürassiere, Baiern, Würtemberger, Oesterreicher, Franzosen schlugen in der Dunkelheit fast aufs Gerathewohl darauf los, nur die aus den Säbeln und Panzern sprühenden Funken erhellten eine Stunde lang die Nacht.
Plötzlich wogte die ganze Reitermasse, wie ein See, der seinen Damm durchbrechen hat, in der Richtung von Regensburg fort. – Der letzte Wall war durchbrochen, der letzte Widerstand besiegt.
Die österreichischen Kürassiere, die den Harnisch nur vorn tragen, waren verloren, als sie den Feind hinter sich hatten. Mehr als 2000 lagen von hinten getroffen, todt auf der Landstraße.
Napoleon gab Befehl, den Kampf zu beendigen; man konnte leicht auf die zweite, noch frische und in Schlachtordnung aufgestellte Armee des Erzherzogs stoßen, und das wäre zu viel gewagt gewesen.
Der Kaiser hatte seinen Plan schon entworfen: setzte sich der Feind vor Regensburg fest, so sollte am folgenden Tage eine zweite Schlacht geliefert werden; ging er über die Donau, so sollte ihn eine beträchtliche Truppenmasse verfolgen.
Auf dem Schlachtfelde sollte bivouaquirt werden. Die Soldaten waren todmüde; die von Landshut gekommenen waren von Tagesanbruch bis Mittag marschirt und hatten von Mittag bis acht Uhr Abends gekämpft. Die drei Divisionen Massena waren erst um drei Uhr Nachmittags angekommen und hatten keinen Theil an dem Kampfe genommen.
Es war ein heißer Tag gewesen, der Sieg, obschon nur etwa 28,000 Oesterreicher gegen 65,000 Franzosen ins Gefecht gekommen waren, theuer erkauft worden. Napoleons Verlust betrug 2500 Mann, der Feind verlor 6000 Mann an Todten und Verwundeten, 3000 Gefangene und 25 bis 30 Kanonen.
Davoust erwarb sich in dieser Schlacht den Titel eines Fürsten von Eckmühl, und Napoleon das Recht einige Stunden zu schlafen.
Es war übrigens zu vermuthen, daß Erzherzog Carl keine neue Schlacht anbieten, sondern über die Donau gehen werde, und dieser Uebergang sollte ihm möglichst erschwert werden. Napoleon hatte richtig vermuthet; der Erzherzog traf in der Nacht seine Vorkehrungen. Auf seinem Marsche gegen Paising überfallen, war er zeitig genug gekommen, um Zeuge der Einnahme des Dorfes Eckmühl zu seyn, aber zu spät, um die rückgängige Bewegung seiner Truppen aufzuhalten. Es hatte nur ein Theil der Armee an dem Kampfe theilgenommen, aber die Soldaten waren so entmuthigt, daß eine Schlacht mit der Donau im Rücken ein zu großes Wagniß gewesen wäre, zumal da die österreichische Cavallerie nicht zahlreich genug war, um die Ebene zwischen Egloffsheim und Regensburg mit Erfolg zu vertheidigen.
Es war also mit Sicherheit zu vermuthen, daß der Erzherzog wieder über die Donau gehen werde. Es waren zwei Uebergangspunkte: die steinerne Brücke bei Regensburg und die von der böhmischen Armee mitgebrachte Schiffbrücke.Den Rückzug deckte dann natürlich das Armeecorps des General Kolowrat, dessen Strapazen sich auf den Marsch nach Abach beschränkt hatten.
Um drei Uhr Morgens begann die Armee des Erzherzogs zu defilieren und über die beiden Brücken zu geben. Das ganze Kolowrat’sche Corps stand vor der Stadt, um diese Bewegung zu maskiren und zu decken, vorn die Cavallerie, hinten die Infanterie und Artillerie.
Man war bei Tagesanbruch auf einen Angriff gefaß, und man täuschte sich nicht: um vier Uhr war Napoleon zu Pferde. Sobald der Tag graute, rückte die leichte Cavallerie vor, um zu ermitteln, ob man eine Schlacht zu liefern oder einen Rückzug zu verfolgen habe. Die österreichische Cavallerie ließ ihr nicht Zeit zu Beobachtungen, sie griff die französische Reiterei mit der Erbitterung braver Soldaten an, welche die gestrige Scharte auswetzen wollten.
Es begann nun wieder ein Reitergefecht, wie das von der Nacht unterbrochene. Die österreichischen Reiter zogen sich kämpfend gegen die Stadt zurück; sie lenkten die Aufmerksamkeit der Franzosen auf sich, um den Grenadieren und der übrigen Infanterie Zeit zu lassen, über die Schiffbrücke zugehen und das andere Ufer zu erreichen. Endlich merkten einige Husaren was vorging; sie eilten zum Marschall Lannes und zeigten ihm das Hauptheer, welches unterhalb Regensburg über die Donau ging.
Lannes zog sogleich seine ganze Artillerie herbei, errichtete eine Batterie und beschoß die Schiffbrücke mit Vollkugeln und die Stadt mit Haubitzen Nach einer Stunde war die Brücke zerstört, gegen 1000 Mann waren gefallen oder im Wasser umgekommen, und die brennenden Fahrzeuge wurden die Donau hinunter getrieben.
Kolowrat hielt sich indeß in seiner imposanten Stellung vor der Stadt, er ließ der Armee des Prinzen Carl Zeit zum Defiliren und warf die französischen Voltigeurs zurück. Die Stadt hatte nur eine Mauer und einen Graben. Napoleon befahl die Mauern zu ersteigen, er wollte dem Prinzen Carl nicht Zeit lassen, die steinerne Brücke in die Luft zu sprengen; er brauchte sie, um den Erzherzog zu verfolgen.
Vierzig Kanonen wurden in einer Viertelstunde zu Batterien vereinigt, und sofort wurden die Mauern mit Vollkugeln, die Stadt mit Haubitzen beschossen.
Napoleon näherte sich auf halbe Büchsenschußweite der Stadtmauer, die mit österreichischen Tirailleurs besetzt war. Vergebens baten ihn seine Adjutanten sich zurückzuziehen, er wollte keinen Schritt zurückgehen. Plötzlich sagte er so gelassen wie ein Fechtmeister, der von einem Rapierstoß spricht:
»Genossen!«
Berthier, der ihm nicht von der Seite ging und immer für eine zahlreiche Umgebung sorgte, eilte erschrocken auf ihn zu.
»Ich hatte es Ihnen ja gesagt, Sire!« rief er; »es ist das Seitenstück zu Abensberg . . .«
»Ja,« erwiederte Napoleon; »nur mit dem Unterschiede, daß er in Abensberg zu hoch, in Regensburg hingegen zu tief gezielt hat.«
Am 13. Mai hielt Napoleon seinen Einzug in Wien.
Ein Trommler der Garde betrachtete, den Schnurrbart drehend, die Hofburg und sagte:
»Dies ist also das alte Haus Oesterreich, von dem uns der Kaiser so viel erzählt hat?«
VIII.
Der Student und der Bevollmächtigte
Mittwochs den 11. October 1809, das ist gerade fünf Monate nach der Einnahme Wiens durch den Kaiser Napoleon, ritt ein Offizier von etwa vierzig Jahren, mit freien, offenen Gesichtszügen auf der Landstraße von Altenburg nach Wien. Er trug österreichische Generalsuniform. Zwei Adjutanten und ein Reitknecht folgten ihm.
Aus der edlen Offenheit seines Gesichtes und aus der Klarheit seines Blickes konnte man schließen, daß nach Gall’s phränologischem System List und Schlauheit unter seinen Vorzügen oder Mängeln – nachdem man die Sache vom diplomatischen oder vom moralischen Standpunkte betrachtet – eine sehr untergeordnete Stelle einnahm. Dessen ungeachtet war in seinen Zügen tiefer Unmuth zu lesen.
Die beiden Adjutanten, welche anfangs zu beiden Seiten des Generals ritten, bemerkten seine Verstimmung und blieben etwas zurück, um ihn nicht zu stören und ungehindert mit einander plaudern zu können. Der Reitknecht, der ein Pferd am Zügel führte, folgte ihnen etwa in gleicher Entfernung.
Es war gegen vier Uhr Nachmittags, und die Sonne begann sich zu neigen. Als die Reiter sich näherten, stand ein junger Mann, der vermuthlich an der Landstraße ausgeruht, plötzlich auf und trat vor, um den General sammt Gefolge nahe an sich vorüberreiten zu lassen.
Der junge Mann war von mittlerer Größe, hatte langes blondes Haar, blaue Augen und einen noch schwachen, flaumartigen Schnurrbart. Sein Blick hatte einen düstern Ausdruck, der nicht die Folge einer besonderen Veranlassung, sondern Gewohnheit zu seyn schien. Er trug eine schwarze Kappe, kurzen Ueberrock knappe graue Beinkleider und hohe schlaffe Stiefel, wie sie damals unter den Studenten Mode waren.
Die Bewegung, die er bei der Annäherung des Generals machte, schien anzudeuten, daß er ihn um etwas zu bitten oder zu fragen hatte. Er sah den General mit einem flüchtigen Blick an und sagte zu ihm:
»Herr Graf . . . haben Ew. Excellenz; die Gewogenheit mir zu sagen, ob ich noch weit von Wien bin?«
Der General war so in Gedanken vertieft, daß er den Unbekannten nicht verstand. Der Letztere wiederholte seine Frage.
»Drei Meilen,« antwortete der General sehr freundlich. .
»Herr Graf,« setzte der junge Mann mit fester Stimme hinzu, als ob er eine abschlägige Antwort gar nicht für möglich gehalten hatte, »ich bin am Ziele einer langen Reise und sehr ermüdet. Ich muß diesen Abend in Wien seyn; würden mir Ew. Excellenz gütigst erlauben, das Pferd zu besteigen, das Ihr Reitknecht am Zügel führt?«
Der General sah den jungen Mann aufmerksamer an, als das erste Mal und erkannte in ihm wahrscheinlich einen Mann von feiner Bildung, denn er erwiederte:
»Sehr gern, mein Herr . . . Johann,« rief er seinem Diener zu, »gib das Handpferd . . . Ihr Name?«
»Einem ermüdeten Reisenden, Herr Graf,« antwortete der junge Mann
»Einem ermüdeten Reisenden,« wiederholte der General mit einem Lächeln, welches bewies, daß er das Incognito, das sein Reisegefährte bewahren zu wollen schien, nicht verletzen wollte.
Johann gehorchte, und der junge Mann bestieg unbekümmert um die etwas spöttischen Blicke der beiden Adjutanten das Pferd mit einer Leichtigkeit, welche bewies, daß er der Reitkunst keineswegs fremd war.
Er schien es auch nicht für schicklich zu halten neben einem Bedienten zu reiten, denn er ritt dem letzteren voraus und war mit den beiden Adjutanten bald in einer Reihe.
Der Graf hatte Alles gesehen.
»Herr Musensohn!« rief er ihm nach einer Weile in heiterer Laune zu.
»Herr Graf,« antwortete der junge Mann sein Pferd antreibend.
»Geht Ihr Wunsch, im tiefsten Incognito zu reisen, soweit, daß Sie nicht neben mir reiten wollen.«
»Nein, Excellenz,« antwortete der blinde Passagier; »aber ich habe kein Recht zu einer solchen Vertraulichkeit und überdies würde ich fürchten, Ew. Excellenz in Ihren ernsten Betrachtungen zu stören.«
Der General sah den jungen Mann mit noch größerer Neugier an, als zuvor.
»Sie nennen mich: Herr Graf,« sagte er; »Sie wissen also meinen Namen?«
»Ich glaube,« antwortete der Student, »daß ich die Ehre habe, zur Seite des Herrn Generals Grafen von Bubna zu reiten.«
Der General nickte, um anzudeuten, daß der junge Reisende sich nicht irrte, und erwiederte:
»Sie sprachen von ernsten Betrachtungen . . . Sie wissen also weshalb ich nach Wien gehe?«
»Wenn ich nicht irre, gehen Ew. Excellenz nach Wien, um mit dem Kaiser der Franzosen directe Friedensuntershandlungen anzuknüpfen . . .«
»Entschuldigen Sie, mein lieber Herr,« sagte der Graf von Bubna lachend, »Sie haben sich von meiner Disceretion überzeugt, als es sich um Ihr Incognito handelte; aber Sie werden zugeben, daß wir nicht mehr auf dem Fuße der Gleichheit sind: ich weiß nicht wer Sie sind und was Sie in Wien zu thun haben, Sie hingegen wissen nicht nur wer ich bin, sondern auch weshalb ich nach Wien gehe.«
»Ew. Excellenz,« erwiederte der Student, »dürfen nur einen Blick auf meinen Anzug werfen und sich meiner gehorsamsten Bitte erinnern, sich zu überzeugen, daß ich tief unter Ihnen stehe.«
»Aber Sie kennen mich doch,« entgegnete der Graf von Bubna; »Sie wissen was ich in Wien zu thun habe?«
»Ich kenne Ew. Excellenz, weil ich Sie zu Abensberg und Regensburg, wo ich mich als Dilettant befand, mitten im Feuer gesehen habe. Ich weiß, was Ew. Excellenz in Wien zu thun haben, weil ich von Altenburg komme, wo die Conferenzen zwischen den österreichischen und französischen Bevollmächtigten gehalten worden und weil das Gerücht geht, der Kaiser, des langen Zögerns müde, lasse Sie zu sich in das Schloß Dotis kommen, um Sie zum Bevollmächtigten zu ernennen.«
»Ich muß gestehen, Herr Musensohn, daß Sie sehr gut unterrichtet sind; aber erlauben Sie mir, daß ich in Ermanglung Ihres Vertrauens meinen Scharfblick geltend mache: an Ihrer Aussprache errathe ich, daß Sie ein Baier sind.«
»Ja, Herr Graf; ich ein von Eckmühl.«
»Wir sind also Feinde?«
»Feinde!« erwiederte der Student erstaunt, »darf ich fragen, was Ew. Excellenz meinen?«
»Wir haben ja gegen einander gekämpft.«
»Als ich Ew. Excellenz in Abensberg und Regensburg sah,« entgegnete der Student, »kämpfte ich keineswegs gegen Sie, so lange Sie Krieg führen, sind wir keine Feinde, aber wir können’s werden, wenn Sie Frieden schließen.«
Der Graf sah seinen Reisegefährten scharf und forschend an.
»Herr Student,« sagte er nach einer Pause, »Sie wissen, daß Alles in dieser Welt Glück und Unglück ist: der Zufall hat uns zusammengeführt, der Zufall wollte, daß mein Diener ein Pferd am Zügel führte, der Zufall hat es gefügt,daß Sie ermüdet waren und das leere Pferd zu besteigen wünschten. Ein Anderer würde es Ihnen, als einem Unbekannten, abgeschlagen haben; ich habe Ihnen die Bitte gewährt, wie einem Freunde.
Der Student verneigte sich.
»Sie sind traurig und niedergeschlagen,« fuhr der Graf fort; »ist Ihre Betrübniß von der Art, daß ich Sie trösten kann? Ist Ihr Unglück von der Art, daß Ihnen zu helfen ist?«
»Ew. Excellenz sehen wohl,« erwiederte der junge Mann mit tiefer Schwermuth, »daß ich nichts vor Ihnen voraus habe und daß Sie mich eben so gut kennen wie ich Sie kenne. Sie haben nichts mehr zu fragen: Sie kennen meine Heimat, meine Gesinnung, mein Herz . . .«
»O ja, ich habe noch etwas zu fragen, denn ich wiederhole meine Frage: Kann ich Sie trösten? kann ich Ihnen helfen?«
Der junge Mann schüttelte den Kopf.
»Nein, Herr Graf, mein Schmerz ist nicht zu heilen, meinem Unglück nicht abzuhelfen.«
»Ich merke schon, junger Manns erwiederte der Graf, »Sie haben eine Herzensangelegenheit . . .«
»Ja, Herr Graf, aber diese Herzensangelegenheit ist nicht mein einziger Kummer.«
»Das ist möglich: aber ich antworte, daß dies Ihr größtes Unglück ist.«
»Ein. Excellenz haben vollkommen Recht.«
»Ist Ihre Geliebte treulos?«
»Nein.«
»Oder todt.«
»Wollte Gott, daß sie todt wäre!«
»Also ist Ihre Geliebte . . .?«
»Sie ist von einem französischen Offizier entehrt worden.«
»Ach! das arme Kind!« sagte der Graf von Bubna und reichte seinem Reisegefährten die Hand zum Zeichen seiner doppelten Theilnahme, die er ihm und dem unglücklichen Mädchen widmete.
»Und was ist aus ihr geworden?« fuhr er weniger aus Neugier als aus wahrer Theilnahme fort.
»Sie hat mit ihrem Vater und ihrer jüngeren Schwester, einem neunjährigen Kinde, die Heimat verlassen; ich habe die Familie in das Badische begleitet, wo sie ihren Namen und ihre Schmach zu verbergen hofft; ich komme soeben von dort her.«
»Ja Fuß?«
»Ja. Ew. Excellenz werden sieh nun nicht mehr wundern, daß ich ermüdet bin, daß ich, nach Wien eilend, Ihre Güte in Anspruch genommen habe.«
»Ich verstehe,« erwiederte der Graf; »der Mann, der Ihre Geliebte entehrt hat, ist in Wien?«
»Und auch der Mann, der mein Vaterland entehrt hat,« sagte der Student, aber so leise, daß ihn der General nicht verstehen konnte.
»Zu meiner Zeit wurden auf den deutschen Universitäten derlei Angelegenheiten mit dem Degen ausgefochten,« sagte der Graf, auf die muthmaßliche Absicht seines jungen Reisegefährten anspielend.
Aber der Student antwortete nicht.
»Sie sprechen mit einem Soldaten,« fuhr der Graf fort, »mit einem Manne, der wohl weiß, daß jede Beleidigung Genugthuung fordert und daß man einen Mann, wie Sie sind, nicht ungestraft beleidigt . . . Sie gestehen, daß Sie nach Wien gehen, um dem Mann, der Ihre Geliebte entehrt hat, das Leben zu nehmen . . .«
»Um ihm das Leben . . .«
»Es versteht sich, als Ehrenmann,« unterbrach ihn der Graf, »im ehrlichen Zweikampf auf Degen oder Pistolen.«
»Ich kenne den Mann nicht, ich habe ihn nie gesehen. . . ich weiß nicht wie er heißt.«
»So! dann gehen Sie also nicht um seinetwillen nach Wien?«
»Ich glaube Ew. Excellenz gesagt zu haben, daß meine Herzensangelegenheit mich nicht allein beschäftigt.«.
»Nach der andern Angelegenheit will ich nicht fragen,« sagte der Graf.
»Ew. Excellenz haben Recht, denn ich würde sie Ihnen nicht sagen.«
»Sie wollen mir also nichts weiter mittheilen?«
»Worüber?«
»Ueber Sie, über Ihre Absichten, Ihre Hoffnungen. . .«
»Meine Hoffnungen? ich habe keine mehr; meine Absichten sind die Ihrigen, nur mit dem Unterschiede, daß Sie Oesterreich den Frieden bereiten wollen, ich hingegen den Frieden der Welt will. Ich bin ein armer Student, der nichts vermag, von dem die Welt nichts weiß, obgleich sein Name vielleicht einst bekannt werden wird.«
»Und diesen Namen wollen Sie mir nicht sagen?«
»Herr Graf, ich möchte so früh als möglich in Wien;eintreffen; wollen Sie gütigst erlauben, daß ich vorausreite? »In diesem Falle bitte ich Ew. Excellenz mir zu sagen, in welchem Hotel Sie absteigen, und der Diener, der Ihnen das Pferd bringen wird, soll Ihnen auch meinen verbindlichsten Dank und meinen Namen sagen.«
»Das Pferd, das Sie reiten, gehört Ihnen, Herr Musensohn,« erwiederte der Graf, »ich wohne im *** Hotel; wenn Sie mir etwas mitzutheilen haben, so werden Sie mich daselbst finden.«
»Dann behüte Sie Gott, Herr Graf,« sagte der Student und ritt im Galopp voraus.
Er erreichte bald die Vorstadt, dann das Glacis und er blickte die alterthümliche befestigte Stadt. Auf dem Gacis wandte er sich links und hielt vor einem kleinen Hause der Vorstadt Mariahilf an. Er klopfte dreimal an die verschlossene Hausthür, die sich aufthat, und sich sogleich wieder hinter ihm schloß, als er sich mit seinem Pferde im Hofe befand.
Aber in dem Augenblicke, als der Graf von Bubna ebenfalls die Vorstadt erreichte und von seinen beiden Adjutanten und dem Reitknecht gefolgt, den Weg zu dem Hotel nahm, that sich die Thür des kleinen Hauses in Mariahilf wieder auf, der Student, der eine halbe Stunde zuvor hineingeritten war, kam zu Fuß heraus, ging, alle Kaufläden aufmerksam beobachtend, eine Weile an den Häusern fort und trat endlich in den Laden eines Messerschmiedes.
Hier ließ er sich Messer von verschiedenen Formen zeigen und kaufte endlich ein langes Messer mit schwarzem Griff.
Dann begab er sich wieder in das kleine Haus, wo er, eingekehrt war, und während ein Diener das Pferd des Grafen von Bubna mit Stroh rieb, schliff der junge Mann, das Messer auf einem Schleifstein, und wahrscheinlich um sich zu überzeugen, ob die Klinge spitz und scharf genug sey,»l. schnitt er einen Bleistift, trennte ein Blatt Papier aus seiner Schreibtafel los und schrieb darauf:
»Sr. Excellenz dem Herrn Grafen von Bubna, im *** Hotel,
Sein dankbarer und ergebenster DienerFriedrich Staps.«
Zehn Minuten nachher war das Pferd im Stalle des Hotels und das Billet in den Händen des Grafen.
IX.
Schönbrunn
Eine Stunde von Wien, außerhalb der Vorstadt Mariahilf, liegt das von Joseph l. angelegte und von Maria Theresia vollendete kaiserliche Schloß Schönbrunn. Es war das gewöhnliche Hauptquartier Napoleon; hier hatte er 1805 nach der Schlacht bei Austerlitz gewohnt; hier wohnte er 1809 nach der Schlacht bei Wagram; hier wohnte später, nach der Schlacht bei Waterloo, sein Sohn, der Herzog von Reichstadt.
Die backsteinernen Mauern und spitzen Dächer abgerechnet, ist Schönbrunn ziemlich nach dem Plane von Fontaineblau gebaut; es ist ein großes Corps de logis mit zwei wenig vorstehenden Seitenflügeln und einer doppelten Treppe, die über dem Haupteingange in den ersten Stock führt. An die beiden Flügel lehnen sich die niedrigen Seitengebäude, die größtentheils als Stallungen benützt werden und bis auf das mit zwei Obelisken geschmückte Hauptthor den ganzen Schloßplatz umgeben.
Zu diesem Hauptthor gelangt man über eine Brücke, unter welcher einer der sich in die Donau ergießenden zahlreichen Bäche hindurchfließt. Jenseits des Schlosses erhebt sich amphitheatralisch der prächtige Garten mit der berühmten Gloriette.
In einem Salon des Schlosses ging Donnerstag den 12. October der Sieger von Wagram ungeduldig, fast verdrießlich auf und ab. Warum verdrießlich? Weil er, ungeachtet des Sieges, den sein Genie errungen, ungeachtet des Glückes, das ihn auf diesem Kriegszuge begleitet hatte, einen Anfang von Mißgeschick erfahren; weil er nach dem erfolgreichen Kampfe gegen die Menschen die Naturkräfte bekämpfen mußte, und weil er ahnte, daß die Natur, die ihm durch das Austreten der Donau eine so furchtbare Warnung gegeben, wohl verderblich werden könnte, wenn er sich’s einfallen ließe, zum zweiten Male Gott zu versuchen.
Warum ungeduldig? Weil Oesterreich, trotz der sieben so rasch auf einander folgenden Niederlagen sich nicht ergeben hat. Napoleon hatte sich anfangs der Hoffnung hingegeben; das Haus Habsburg aus der Zahl der Regentenfamilien zustreichen, wie er das Haus Braganza in Portugal und das Haus Bourbon in Spanien daraus gestrichen hatte; aber er hatte sich überzeugt, daß die Krallen des zweiköpfigen Adlers sich fester an das Reich klammerten, als er geglaubt hatte. Es wäre indeß sehr schön gewesen, die drei Kronen Oesterreich, Böhmen und Ungarn zu trennen und auf drei verschiedene österreichische oder deutsche Häupter zu setzen; aber er hatte gesehen, daß dieser Wonnetraum seines Hochmuths unmöglich verwirklicht werden konnte, ja daß er kaum die verlangten vier bis fünf Millionen Seelen und die sechs bis sieben Provinzen bekommen konnte.
Die ersten.Unterhandlungen hatten freilich bereits am Ende des Augusts zwischen dem Fürsten von Metternich, dem Grafen von Nugent und dem Herrn de Champagny, Herzog von Cadore, stattgefunden, und es war nun der, 12. October, ohne daß man von den beiden österreichischen Diplomaten eine entscheidende Antwort erhalten konnte. Die von dem französischen Unterhändler gestellten Bedingungen waren freilich hart. Kaiser Napoleon verlangte von dem Kaiser von Oesterreich die Abtretung eines den besetzten Landestheilen entsprechenden Gebietes an Frankreich. Das französische Heer hatte Znaim, Wien, Brünn, Preßburg, Oedenburg, Gratz 2c. besetzt. Napoleon hatte anfangs ein Drittel der österreichischen Unterthanen und etwa den vierten Theil des Flächeninhaltes verlangt, aber nach und nach hatte er seine Forderungen herabgestimmt und nur vier bis fünf Millionen Seelen und eine entsprechende Zahl von Quadratmeilen verlangt. Der Kaiser Franz II. fand auch dies noch zu viel; er wußte, wie leicht man von dem gewaltigen Sieger Zugeständnisse erlangte, wenn man sich unmittelbar an gewisse Eigenschaften seines Charakters wandte. Statt daher die Sache länger in den Händen der Diplomaten zu lassen, beschloß der Kaiser Franz, den General Grafen von Bubna, seinen Adjutanten, einen gewandten, geistreichen und ehrenhaften Mann, an Napoleon abzusenden.
Diesen Bevollmächtigten erwartete Napoleon, der gern bald nach Frankreich zurückkehren wollte, mit solcher Ungeduld, daß er von Zeit zu Zeit an der Thür stillstand und lauschte. Endlich erschien der General. Napoleon wußte seine Ungeduld nicht zu bezähmen. Die Etikette verlangte, daß der Graf von Bubna mit gewissen Förmlichkeiten vorgestellt wurde, aber Napoleon öffnete ihm selbst die Thür.
»Kommen Sie, Herr Graf,« sagte er zu ihm, als er ihn bemerkte. »Se. Majestät der Kaiser von Oesterreich hat vollkommen Recht sich über unsere Unterhändler zu beklagen; alle diese Diplomaten sind Wortkrämer, und jeder will von seiner Waare so viel wie möglich an den Mann bringen, wie man in der Handelswelt sagt. Friedensunterhandlungen sollten immer von Soldaten geführt werden; wir wollen nicht viel Federlesens dabei machen, wir wollen’s machen, als ob wir eine Schlacht liefern wollten.«
»Wenn das ist, Sire,« antwortete der Graf, »so erkläre ich mich im voraus für besiegt; machen Sie Ihre Bedingungen, ich übergehe Ihnen meinen Degen.«
»Aber Sie müssen doch Ihre Meinung sagen,« erwiederte Napoleon; »ich werde Ihnen mit aller Aufrichtigkeit, antworten, die für Unbesonnenheit gehalten werden könnte, wenn ich nicht in einer Lage wäre, die alle diplomatischen: Winkelzüge überflüssig macht. Reden Sie also, Sie wissen. was ich verlange. Wozu sind Sie ermächtigt? was dürfen Sie mir bewilligen?«
»Ew. Majestät wollen Sachsen vergrößern, Baiern mächtiger machen und sich unsere Häfen am adriatischen Meere: zueignen: wäre es nicht besser, das neue Polen zu vergrößern? . . .««
Napoleon unterbrach den Grafen durch eine Handbewegung und erwiederte lächelnd:
»Und mich mit Rußland zu entzweien! Ja wohl, für Oesterreich wäre es besser, obgleich mir Rußland keinen Beweis von warmer Freundschaft gegeben hat, es hat mich im; Stich gelassen, als ich gegen Oesterreich, seinen wahren Feind, zu Felde zog.«
»Ew. Maiestät geruhen das Gespräch auf einen Gegenstand zu lenken . . .«
»Der uns von der Hauptsache entfernt? das ist möglich. Wir können in einem Tage, in einer Stunde Alles abthun, wenn Sie im Namen Ihres Kaisers eben so aufrichtig: mit mir reden wollen, wie ich in meinem Namen mit Ihnen reden will. . . Sie haben Recht, ich habe kein Interesse, Sachsen oder Baiern um einige Millionen Einwohner zu vergrößern; mein wahres Interesse ist die Politik meiner Vorgänger zu verfolgen, das von Heinrich IV., Richelieu und Ludwig XIV. begonnene Werk zu vollenden, nemlich durch die Trennung der drei Kronen Oesterreich, Böhmen und Ungarn die Monarchie aufzulösen. Um diese drei Kronen würden wir noch Krieg führen müssen; es wird wahrscheinlich dahin kommen, aber ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich es nicht wünsche.«
»Warum wollen Ew. Majestät nicht lieber ein enges Bündniß mit Oesterreich schließen?«
»Geben Sie mir ein Mittel an, ein solches Bündniß vorzubereiten.«
»Sire, man kann sich zwei Vorstellungen vom Frieden machen . . .«
»Erklären Sie sich deutlicher, Herr Graf.«
»Die eine Art des Friedens, Sire, ist weit umfassend, großmüthig, Ew. Majestät würdig: Sie geben alle besetzten Provinzen zurück, machen Oesterreich wieder so mächtig wie es vor dem Kriege war, und verlassen sich auf seine Ehrlichkeit und Dankbarkeit Die andere Art, Frieden zu schließen – erlauben Sie mir, daß ich mich offen ausspreche – die andere Art des Friedens ist kleinlich, gefährlich, verletzend, wenig ersprießlich für die beraubte, noch weniger vielleicht für die vom Glück begünstigte Macht.«
»Entschuldigen Sie, Herr Graf,« sagte Napoleon, »ich muß Sie unterbrechen. Das erste System des Friedens habe ich versucht, als Se. Majestät Ihr Kaiser nach dem Tage von Austerlitz mich im Lager besuchte. Auf sein Versprechen, keinen Krieg mehr gegen mich zu führen, stellte ich seine ganze Monarchie, bis auf einige leise Erinnerungen an jenen Feldzug, in dem frühern Umfange wieder her. Ich konnte damals, wie es mir wenigstens schien, auf einen dauernden Frieden zählen, aber kaum hatte ich den Krieg gegen die Engländer und Spanier begonnen, waren alle Versprechungen vergessen, alle Rücksichten bei Seite gesetzt; wie können Sie daher jetzt ein freundliches Entgegenkommen, wie können Sie Vertrauen von mir erwarten? Ich will Ihnen beweisen, daß ich nicht gegen Oesterreich persönlich Krieg führen will; hören Sie nur: Se. Majestät Ihr Kaiser spricht unaufhörlich von seinem Wunsche, die Regierung niederzulegen: er lege sie nieder, er danke zu Gunsten seines Bruders ab, der mein guter Freund ist und selbstständig handeln wird, ohne sich von den Engländern gängeln zu lassen. Er lege die Regierung nieder und ich verlasse Wien. Ich gebe seinem Nachfolger alle Provinzen zurück, die ich ihm genommen habe. Weit entfernt, die von den zweihundert Millionen Kriegssteuer noch rückständigen hundertfünfzig Millionen einzutreiben, gebe ich ihm die bereits bezahlten fünfzig Millionen zurück und leihe ihm noch hundert Millionen auf sein Wort, wenn er Geld braucht . . . noch mehr, ich gebe ihm Tyrol zurück.«
»Sire,« antwortete der Graf etwas verlegen, »ich zweifle nicht, daß der Kaiser, mein allergnädigster Herr, sich zur Niederlegung der Regierung entschließen wird, wenn er die von Ew. Majestät gestellten äußersten Friedensbedingungen erfährt, denn er wird lieber seinen Nachfolger an der Spitze des Gesammtreiches sehen, als auf seinem eigenen Haupte eine verstümmelte Krone tragen.«
»Verstehen Sie mich recht,« sagte Napoleon; »dies sind keineswegs meine unbedingten Forderungen oder äußersten Friedensbedingungen, sondern nur ein Vorschlag; Souveräne sind einander Rücksichten schuldig, und ich will so etwas durchaus nicht fordern: ich sage nur, daß ich diese Zugeständnisse machen will, wenn Ihr Kaiser sich nach Ruhe sehnt . . . Aber ich sage Ihnen aufrichtig, daß ich an ein solches Resultat nicht glaube, und muß daher auf meinen ersten Vorschlag zurückkommen.«
»Den Ew. Majestät doch mildern werden?«
»Nun ja, ich will von meiner ersten Forderung etwas nachlassen. Ich hatte drei Kreise von Böhmen verlangt, es soll keine Rede mehr davon seyn; ich hatte Oberösterreich bis an die Enns verlangt, ich will daraus verzichten; ich will auf einen Theil von Kärnten verzichten und nur Villach behalten; ich gebe Ihnen Klagenfurt zurück, aber ich behalte Krain und das rechte Ufer der Save bis Bosnien. Ich hatte 2,600,000 Seelen in Deutschland verlangt, jetzt verlange ich nicht mehr als 1,600,000. Es bleibt noch Galizien. Bedenken Sie, daß ich doch etwas für einen Verbündeten thun muß, der mich freilich nicht unterstütze, aber auch nicht verrathen hat; ich muß ihm das Geoßherzogthum arrondiren. In diesem Punkte müssen wir Beide nachgiebig seyn, denn an diesem Gebiete liegt uns nicht viel. Mit Italien verhält sich’s freilich anders: ich muß nach der Türkei einen Weg für 7300,000 Mann und 300 Kanonen offen behalten; denn mein Einfluß im Mittelmeere wird durch meinen Einfluß auf die ottomanische Pforte bedingt und diesen Einfluß kann ich nur als Grenznachbar des türkischen Reiches bekommen.Ich muß Besitzungen auf dem Festlande haben, denn so oft als ich den Engländern den Ocean oder das Mittelmeer nehmen will, reißt mir Ihr Kaiser England aus den Händen. . . Geben Sie mit, was ich am adriatischen Meere und in Illyrien verlange, über das Uebrige werden wir uns leicht verständigen; aber merken Sie wohl, Herr Graf, dies ist mein Ultimatum. Wenn Oesterreich nicht einwilligt, so gebe ich auf der Stelle meine Befehle, um die Feindseligkeiten wieder anzufangen. Seit der Schlacht bei Wagram ist meine Armee täglich gewachsen, meine Infanterie ist vollzählig und so schön wie noch nie; meine Cavallerie hat in Deutschland frische Remonten bekommen; ich habe 500 Feldkanonen und 300 Festungsgeschütze an den von mir besetzten Plätzen. Junot, Massena und Lefèbvre haben 80,000 Mann in Sachsen und Böhmen; Davoust, Oudinot und meine Garden bilden eine Masse von 150,000 Mann. Mit dieser Masse rücke ich gegen Preßburg, und in vierzehn Tagen werde ich bis tief in Ungarn vordringen. Mit dem Material der Insel Lobau habe ich vier Brückenequipagen zusammengestellt und im Herzen der österreichischen Monarchie habe ich die Hauptstadt meines Gegners und acht andere Städte in Vertheidigungsstand gesetzt . . .«
»Sire,« unterbrach ihn der General, »Ew. Majestät sind mir mit dem Beispiele der Offenheit vorangegangen. Wir wünschen ebenfalls einen Krieg zu vermeiden, der uns Alles nehmen kann, aber wir ziehen ihn einem Frieden vor, der fast eben so verderblich seyn würde, wie der Krieg. Ew. Majestät sprechen von 220,000 Mann; wir werden 300,000 ins Feld stellen; dieser Kriegsmacht fehlt ein Feldherr, der Ew. Majestät vollkommen gewachsen ist. . . geben Sie daher einen Beweis Ihrer Großmuth und sagen Sie Ihr letztes Wort.«
»Nehmen Sie eine Feder, Herr Graf, und schreiben Sie,« sagte Napoleon.
Der Graf von Bubna feste sich, nahm eine Feder und schrieb folgendes von Napoleon dictirte Ultimatum:
»In den an Italien grenzenden Ländern: der Kreis Villach, ohne den Klagenfurter Kreis, das ist der Schlüssel zu den norischen Alpen; – ferner Laibach und das rechte Ufer der Save, bis an die Grenze von Bosnien.
»Ja den an Baiern grenzenden Ländern: ein Landstrich, zwischen Passau und Linz, an der Donau in der Gegend von Efferding beginnend und sich über Schwanenstadt und Gmunden bis gegen Salzburg erstreckend.
»An der böhmischen Grenze: einige unbedeutende, künftig zu bezeichnende Gebietstheile, deren Bevölkerung nicht über 50,000 Seelen betragen soll.
»An der Grenze von Galizien: Neugalizien von der Weichsel bis an die Biala einerseits und bis an den Bug andererseits; der Zamoscer Kreis, mit Ausnahme des an Krakau grenzenden Landstriches, aber mit dem Salzwerke von Wieliczka.«
»Sie sehen also,« fuhr Napoleon fort, »ich begnüge mich in Italien und Oesterreich mit 1,400,000 Seelen statt der anfangs verlangten l,600,000 und in Galizien mit 2,000,000 statt der geforderten 3,000,000.«
»Und die übrigen Ansprüche geben Ew. Majestät auf? —fragte der Graf von Bubna lebhaft.
»O nein,« erwiederte Napoleon; »es sind noch zwei wichtige Punkte zu ordnen: erstens . . .
Der Graf nahm die Feder wieder, um zu schreiben.
»Nein, schreiben Sie nicht,« sagte der Kaiser, »über diese beiden Punkte werde ich Sr. Majestät ausführlich schreiben. Was ich Ihnen mitzutheilen habe, ist ziemlich einfach und Ihr Gedächtniß wird vollkommen ausreichen. Ich will – merken Sie wohl, daß ich nicht wünsche, sondern will – ich will, daß Oesterreich seine Armee auf 150,000 Mann reducire und mir 100 Millionen zur Ausgleichung der Kriegssteuer bezahle.«
»Sire, diese Bedingung ist hart,« sagte der Graf.
»Es ist so,« sagte Napoleon.
»Aber diese Abhängigkeit muß ein Ende nehmen . . .«
»Hören Sie,« erwiederte Napoleon, »ich will Ihrem Kaiser auf halbem Wege entgegenkommen. Das Ende dieser Abhängigkeit, wie Sie es nennen, ist das Ende des Seekrieges. England gebe uns den Frieden, aber einen sichern, dauernden Frieden, und ich ermächtige Sie, die 500,000 Mann, die Sie im Anfange des Feldzugs hatten, wieder unter die Waffen zu rufen.«
»Sire,« fragte der General aufstehend, wann soll ich wieder kommen?«
»Herr Graf,« erwiederte Napoleon, einen plötzlichen Entschluß fassend, »es ist nicht nöthig, daß Sie wieder kommen; Sie würden mich nicht mehr hier finden.«
»Ew. Majestät wollen abreisen?«
»Ja, nach Steiermark.«
»Wann?«
»Morgen. Sie haben mein Ultimatum. Herr von Champagny hat unbeschränkte Vollmacht; wenn wieder gekämpft werden soll, so komme ich wieder; aber ich sage Ihnen, Herr Graf, wehe denen, die mich zwingen, wieder hierher zu kommen!«
»Ew. Majestät wollen abreisen! wiederholte der Graf ganz bestürzt.
»Mein Gott! ja. . . Kommen Sie mit mit, Herr Graf, ich halte im Schloßhofe meine Abschiedsmusterung.«
Der General sah wohl, daß es das letzte Wort Napoleons war. Er stand auf, steckte die Note, die er geschrieben hatte, in die Tasche und folgte dem Kaiser.
Napoleon trat auf den Balkon. Der Schloßhof war mit Neugierigen angefüllt. Zur Rechten des Kaisers stand der Graf von Bubna, zu seiner Linken der Fürst von Neuchâtel. Rapp- sein Adjutant, blieb seitwärts stehen.«
Die Soldaten marschirten unter dem Balkon vorüber und bildeten auf dem Schloßhofe ein Quarré. Jede Abtheilung rief beim Defiliren: »Vive l’Empereur!«
Napoleon gab dem Grafen von Bubna einen Wink, ihm zu folgen, und ging die Außentreppe hinab, um in die Mitte des Vierecks zu gehen, Rapp ging voran, als ob er für den Kaiser eine Gefahr geahnt hätte.
Dies war übrigens schon seit vier bis fünf Monaten der Fall gewesen, und das wachsame Auge Berthier’s suchte überall den in der alten Burg Abensberg versprochenen Mörder.
Plötzlich, als die Zuschauer vor Napoleon zurückwichen, trat ein junger Mann vor.
Rapp sah einen glänzenden Gegenstand blitzen, er griff rasch zu und faßte eine Hand, die mit einem Messer bewaffnet war.
»Staps!« rief der Graf von Bubna. »O, Sire! . . .Sire!«
»Was gibt’s denn?« fragte Napoleon lächelnd.
»Dieser junge Mann wollte Ew. Majestät ermorden. Haben Sie es nicht gesehen?«
»Derlei Dinge sehe ich nie, »Herr Graf. Entweder bedarf Frankreich meiner, und dann bin ich durch meine Sendung gepanzert, oder es bedarf meiner nicht, und dann verfügt Gott über mich.«
Dann trat er, ohne sich um den Meuchler, den Rappt den Gendarmen zuführte, weiter zu kümmern, in das Quarré, eben so ruhig wie zu Abensberg, wo ihm eine Kugel den Hut vom Kopf gerissen, wie zu Regensburg, wo ihn eine Kugel am Fuße verwundet hatte.
Aber er wandte sich zu Berthier und sagte leise: »Der Graf von Bubna kennt den Mörder!«
»Woher wissen Sie das, Sire?«
»Er nannte seinen Namen, als er ihn sah.«
»Wie nannte er ihn?«
»Staps.«
X.
Friedrich Staps
Zwei Stunden nach der Truppenmusterung und eine Stunde nach der Abreise des Grafen von Bubna befand sich Napoleon wieder in demselben Salon, wo wir ihn Vormittags gesehen. Dieses Mal war er nicht allein, sondern ging im vertraulichen Gespräch mit seinem Leibarzt Corvisart, einem etwa fünfzigjährigen, geistreich aussehenden Manne auf und ab.
»Ich bekam einen furchtbaren Schrecken,« sagte der Doctor, »als ich zu Ew. Majestät gerufen wurde: es hatte sich das Gerücht eines Mordversuchs verbreitet, und ich fürchtete, Sie wären verwundet.«
»Ich danke Ihnen für Ihre Pünktlichkeit, lieber Doctor; aber es ist mir nichts geschehen, wie Sie sehen, und ich habe .Sie nicht um meinetwillen rufen lassen . . .O«
»Warum denn?«
»Wegen des Meuchlers.«
»Ist er etwa im Handgemenge verwundet worden oder hat er versucht sich zu entleiben?«
»Nein, Doktor, ich glaube im Gegentheil, daß er bei der Verhaftung nicht die kleinste Verletzung erhalten hat, und von einem Selbstmordversuch habe ich auch nichts gehört.«
»Nun, warum haben mich denn Ew. Majestät rufen lassen?«
»Der Graf von Bubna, der gestern auf der Reise zufällig mit dem jungen Menschen zusammengetroffen ist und ihm sogar ein Pferd geliehen hat, sagte mir Einiges über ihn, das mich für ihn einnimmt.«
»Für Ihren Mörder?«
»Warum nicht? Ich weiß Beharrlichkeit und Ausdauer zu schützen, und ich habe alle Ursache zu glauben, daß Friedrich Staps diese Eigenschaft in hohem Grade besitzt. Ich möchte wissen, ob diese Ausdauer bei ihm eine glänzende Eigenthümlichkeit oder eine fixe Idee, mit anderen Worten: ob er ein Patriot oder ein verrückter Mensch ist . . . Wollen Sie dies ermitteln?«
»Ich will’s versuchen, Sire.«
»Es steckt eine Liebesgeschichte dahinter, die, so viel mir bekannt geworden, ziemlich interessant ist, die Sie aber nicht kümmert.«
»Ew. Majestät wollen also einen Verwand, ihn zu retten?« fragte Corvisard.
»Vielleicht,« sagte Napoleon.
»Dann lassen Sie ihn kommen, Sire,« erwiederte der Doctor, »ich will ihn examiniren.«
Napoleon rief den General Rapp und fragte, ob sein Befehl vollzogen sey.
»Ja, Sire,« antwortete der General.
»Dann lassen Sie den Gefangenen hereinkommen.«
Rapp entfernte sich. Bald darauf erschien der Gefangene, dessen Hände gefesselt waren, zwischen zwei Gendarmen Rapp folgte ihm.
»Nehmen Sie ihm die Handschellen ab,« sagte Napoleon.
Man gehorchte.
»General,« sagte er zu Rapp, »lassen Sie ihn mit mir und Corvisart alleine.«
Rapp zögerte. Napoleon machte, wie Jupiter, eine Kopfbewegung. Rapp entfernte sich nun mit den beiden Gendarmen, warf noch einen Blick auf die drei Personen, die er verließ und entfernte sich mit dem Vorsatz, an der Thür stehen zu bleiben und die Hand an den Säbelgriff zuhalten.
Der Kaiser saß an einem ovalen Tische. Corvisart stand neben ihm.
»Sprechen Sie französisch?« fragte der Kaiser den Gefangenen.
»Etwas,« antwortete Staps.
»Wollen Sie sich eines Dolmetschers bedienen oder direct antworten?«
»Ich will lieber direct antworten.«
»Sie heißen wirklich Friedrich Staps?«
»Ja.«
»Woher sind Sie?«
»Von Erfurt.« .
»Seit wann sind Sie in Wien?«
»Seit gestern«
»In welcher Absicht sind Sie hierher gekommen?«
»Um Frieden von Ihnen zu erlangen, und Ihnen zu beweisen, daß er nothwendig ist.«
»Glauben Sie denn, ich würde einen Mann ohne bestimmten Auftrag, ohne Legitimation angehört haben?«
»Meine Sendung ist weit wichtiger und bedeutungsvoller, als die des Grafen von Bubna.«
»Der Graf kam im Auftrage seines Kaisers zu mir.«
»Und ich komme im Auftrage Gottes.«
Napoleon sah den Doctor Corvisart fragend an. Dieser gab ihm einen Wink, womit er sagen wollte: »Fahren Sie fort.«
»Was wollten Sie thun, falls ich Sie nicht anhörte?«
»Ich wollte Sie umbringen.«
»Was habe ich Ihnen denn gethan?«
»Sie unterdrücken mein Vaterland.«
»Ihr Vaterland hat sich gegen mich erhoben; ich habe es besiegt, im Kriege geht es einmal nicht anders. Alexander hat die Perser besiegt und unterdrückt; Cäsar die Gallier; Carl der Große die Sachsen.«
»Wäre ich ein Perser gewesen, so würde ich Alexander erdolcht haben; als Gallier würde ich Cäsar, als Sachse Carl den Großen erdolcht haben.«
»Haben Sie sich durch religiösen Fanatismus leiten lassen?«
»Nein, durch nationale Begeisterung.«
»Haben Sie Mitschuldige?« .
»Nein, nicht einmal mein Vater weiß um meinen Entschluß.«
»Haben Sie mich schon gesehen?«
»Ja, schon dreimal, und jetzt zum vierten Male; das erste Mal in Abensberg, das zweite Mal in Regensburg, das dritte Mal in Schönbrunn.«
»Sind Sie Freimaurer?«
»Nein.«
»Illuminat?«
»Nein.«
»Geh Treu Sie einer geheimen Gesellschaft an?«
»Ich habe schon gesagt, daß ich keine Mitschuldigen habe.«
»Kennen Sie den Major Schill?«
»Nein.«
»Kennen Sie Brutus?«
»Welchen? es gibt deren zwei.«
»Ja wohl,« erwiederte Napoleon mit ausdrucksvollem Lächeln, »der eine mordete seinen Vater und der andere seine Söhne. Haben Sie Kenntniß von den Verschwörungen Moreau’s und Pichegru’s?«
»Ich weiß davon nur was die Zeitungen berichtet haben.«
»Was denken Sie von den beiden Männern?«
»Daß sie nur für sich selbst thätig waren und den Tod fürchteten.«
»Man hat ein weibliches Porträt bei Ihnen gefunden?«
»Ich habe gebeten, mir das Porträt zu lassen, und man hat mir die Bitte gewährt,«
»Wer ist das Frauenzimmer?«
»Was liegt Ihnen daran?s
»Ich wünsche zu wissen wer sie ist.«
»Es ist ein junges Mädchen, meine Braut.«
»Wie! Sie haben einen Vater, eine Braut, und sind zum Meuchelmörder geworden?«
»Ich bin der innern Stimme gefolgt, die mir gebot, den Streich zu führen.«
»Glaubten Sie denn zu entkommen, nachdem Sie den Streich geführt?«
»Ich habe es nicht einmal gewünscht.«
»Woher kommt dieser Lebensüberdruß?«
»Weil das Verhängniß mir das Leben unmöglich gemacht hat.«
»Wenn ich Sie begnadigte, welchen Gebrauch würden Sie dann von Ihrer Freiheit machen?«
»Da ich überzeugt bin, daß Sie Deutschlands Untergang wollen, so würde ich eine andere Gelegenheit abwarten und meine Zeit besser wählen . . . und dann würde es mir vielleicht gelingen.«
Napoleon zuckte die Achseln.
»Das Uebrige geht Sie an, Corvisart,« sagte er. »Examiniren Sie ihn und sagen Sie mir Ihre Meinung.«
Corvisart untersuchte den Puls des Gefangenen, legte das Ohr an seine Brust und sah ihm forschend in die Augen,
»Er ist ein Fanatiker von der Familie des Mucius Scävola und des Jacques Clément,« sagte er.
»Und er ist nicht wahnsinnig?«
»Nein.«
»Und er hat kein Fieber?«
»Mir vier Pulsschläge mehr als im gewöhnlichen Zustande.«
»Dann ist er also ruhig?«
»Vollkommen ruhig.«
Der Kaiser trat auf den jungen Mann zu und sah ihn scharf an.
»Sprich,« sagte er nach einer Pause, »willst Du leben?«
»Warum sollte ich leben?«
»Um glücklich zu seyn.«
»Ich kann’s nicht mehr seyn««
»Versprich mir, wieder zu deinem Vater, zu deiner Braut zu gehen, dort ruhig und harmlos zu bleiben, und ich begnadige Dich.«
Der Gefangene sah Napoleon erstaunt an, dann antwortete er:
»Das Versprechen würde nichts nützen.«
»Warum nicht?«
»Weil ich es nicht halten würde.«
»Du weißt, daß Du vor ein Kriegsgericht gestellt wirst und daß folglich in drei Tagen alles aus ist.«
»Ich bin bereit zu sterben.«
»Höre, ich reise morgen ab, Du wirst also in meiner Abwesenheit verurtheilt und erschossen werden.«
»So, ich werde erschossen?« fragte Staps erfreut.
»Ja, wenn Du mir dein Wort nicht gibst.«
»Ich gebe mein Wort nicht, weil ich es nicht halten könnte,« antwortete der Gefangene.
»Aber vielleicht wirst Du es bereuen, wenn deine letzte Stunde kommt?«
»Das glaube ich nicht.«
»Es ist aber doch möglich . . .«
»Das ist wahr, der Mensch ist schwach.«
»Und wenn Du deine That bereuest, würdest Du dann das verlangte Versprechen geben?«
»Wem sollte ich’s geben?«
»Gott.«
»Und dann?«
»Dann würdest Du dem Präsidenten der Militärercommission dieses Papier vorzeigen.«
»Napoleon schrieb einige Worte auf ein Blatt Papier, faltete es zusammen und gab es dem Gefangenen.
Staps nahm das Papier, ohne es zu lesen, und steckte es in die Westentasche.
»Noch einmal, Corvisart,« sagte Napoleon, »wissen Sie gewiß, daß er nicht wahnsinnig ist?«
»Nein, Sire! er hat seinen vollen Verstand.«
»Rapp!«
General Rapp erschien.
»Führen Sie den Gefangenen weg,« sagte der Kaiser, »ernennen Sie eine Militärcommission, die über sein Verbrechen aburtheilen wird.«
Dann wandte er sich wieder zu dem Doktor, ohne an den Vorfall, der ihn soeben beschäftigt hatte, weiter zu denken.
»Sagen Sie, Doctor, kann ein Mann von vierzig Jahren noch auf Nachkommenschaft rechnen?«
»Warum nicht?« erwiederte Corvisart etwas verwundert.»Und ein Mann von fünfzig Jahren?«
»Auch noch.«
»Und ein Sechziger?«
»Zuweilen.«
»Und ein Siebziger?«
»Immer.«
Der Kaiser lächelte. »Das siebzigste Jahr werde ich nicht erreichen.«
»Daran thun Sie sehr wohl, Sire.«
»Schönen Dank . . . Verlassen Sie mich.«
Corvisart verneigte sich und ging.«
»Ich muß einen Sohn, einen Erben haben!« sagte Napoleon, als er allein war. »Wenn der unsinnige Mensch mich erdolcht hätte, wer wäre dann auf den französischen Thron gekommen? . . .«
Er versank in tiefe Gedanken – »Eins beunruhiget mich,« fuhr er in seinem Selbstgespräch fort: »man haßt nicht mehr die französische Revolution, sondern mich . . . man verfolgt mich als den Urheber alles Uebels, als den Hebel der unaufhörlichen, furchtbaren Erschütterung, welche die Welt aus ihren Angeln zu heben droht . . . aber Gott ist mein Zeuge, daß ich den Krieg nicht suche. Was haben sie denn vor mir voraus die Könige, die sich mit Fanatikern umgeben, von denen immer einige bereit sind, mich aus dem Wege zu räumen . . . Was sie vor mir voraus haben! Sie sind auf dem Thron geboren . . . Ach! wenn ich nur mein Enkel wäre!«
Er warf sich in einen Armsessel, stützte den Kopf in die Hand und sann einige Minuten schweigend nach.
Was während dieser wenigen Minuten in diesem geistvollen Haupte vorging? welche Gedankenflut gegen diesen felsenfesten Geist schlug? Es ist Geheimniß für Jedermann geblieben.
Endlich zog er langsam einen Bogen Papier an sich, nahm eine Feder, tauchte sie ein, drehte sie einige Male zwischen den Fingern und schrieb:
»An den Polizeiminister
»Schönbrunn, den 12. October 1809.
»Ein junger Mensch von siebzehn Jahren, 2 der Sohn eines lutherischen Predigers zu Erfurt, suchte sich mir auf der heutigen Parade zu nähern; er wurde von den Offizieren verhaftet. Der kleine Mensch schien verlegen zu seyn, dies erregte Verdacht; man durchsuchte ihn und fand einen kleinen Dolch bei ihm.
»Ich ließ ihn holen, und der verrückte Mensch, der übrigens gar nicht ungebildet schien, sagte: er habe mich ermorden wollen um Oesterreich von den Franzosen zu befreien. Ich konnte bei ihm weder religiösen noch politischen Fanatismus entdecken, er schien wohl zu wissen wer Brutus war. Mehr war in der ersten Verwirrung nicht aus ihm herauszubringen; man wird ihn schärfer ins Verhör nehmen, sobald er etwas kühler und nüchterner geworden ist. Es muß etwas dahinter stecken. Er soll vor eine Militärcommission gestellt werden.
»Ich setze Sie von diesem Vorfall in Kenntniß, um allen übertriebenen Gerüchten und unnöthigen Besorgnissen vorzubeugen. Wenn viel darüber gesprochen wird, muß der Mensch für wahnsinnig ausgegeben werden. Behalten Sie dies für sich und machen Sie keinen Gebrauch davon. Bei der Parade hat es kein Aufsehen gemacht; ich selbst bemerkte es gar nicht.
»Ich empfehle Ihnen noch einmal, von diesem Vorfall nichts zu erwähnen.
»Napoleon«
Der Kaiser klingelte und sagte zu dem eintretenden Thürsteher:
»Rufen Sie Rapp.«
»Sire, der General ist da.«
»Dann lassen Sie ihn hereinkommen.«
Rapp erschien.
»Schicken Sie sogleich einen Courier ab,« sagte Napoleon; »dieser Brief ist an Herrn Fouché zu übergeben.«
Rapp nahm den Brief und entfernte sich.
»Der Brief soll ihm eigenhändig übergeben werden!« rief ihm der Kaiser nach.
XI.
Die Hinrichtung
Am folgenden Tage gegen Abend verbreitete sich das Gerücht, der Marschall Berthier habe in Abwesenheit des inzwischen abgereisten Kaisers ein Kriegsgericht eingesetzt, und Friedrich Staps sey zum Tode verurtheilt worden.
Der Angeklagte hatte Alles gestanden und nicht den mindesten Versuch gemacht, die Anklage zu entkräften. Als er seine Verurtheilung vernommen, hatte er weder um Gnade noch um Aufschub gebeten. Er hatte nur, als er wieder in seinem Gefängniß war, den Wunsch ausgesprochen, den rapportirenden Lieutenant, einen jungen Jägeroffizier Namens Paul Richard, vor der Hinrichtung zu sprechen.
Dann hatte er gebetet und seinen Hüter ersucht, ihn eine Stunde vor der Hinrichtung zu wecken, und als Belohnung für die Mühe, die er ihm machte, hatte er ihm seine ganze aus vier Friedrichsdor bestehende Baarschaft geschenkt.
Darauf hatte er sich zur Ruhe begeben, ein Miniaturbild aus der Brusttasche gezogen, dasselbe zu wiederholten Malen zärtlich geküßt und war endlich eingeschlafen.
Um sechs Uhr Früh trat der Schließer in sein Zimmer und weckte ihn. Staps schlug lächelnd die Augen auf, dankte dem Manne für seine Pünktlichkeit, kleidete sich so nett an, wie es sein Reiseanzug erlaubte, und kämmte zumal sein schönes Haar mit ungemeiner Sorgfalt. Als man ihn fragte, was er zum Frühstück wünsche, antwortete er:;»Ich glaube, eine Tasse Milch wird genug seyn.«
Als er die Tasse eben geleert hatte, erschien der junge Offizier, den er Abends zuvor um einen Besuch hatte bitten lassen.
Der Jägerlieutenant war gerade nicht befangen, aber es schien ihm keineswegs angenehm zu seyn, daß die Wahl des Verurtheilten auf ihn gefallen war.
»Ich danke Ihnen,« sagte Staps, »daß Sie so gütig sind, meiner Einladung Folge zu leisten; ich habe Sie um eine Gefälligkeit zu bitten.«
»Ich bin bereit, sie Ihnen zu erweisen,« antwortete der junge Offizier.»Herr Lieutenant, es ist nicht das erste Mal. daß wir uns sehen.«
»Es ist wahr, und ich bedaure, daß mich der Zufall zum Berichterstatter in Ihrer Angelegenheit gemacht hat.«
»Ich meine nicht blos die drei Sitzungen des Kriegsgerichts, in denen ich erschienen bin . . . wir haben uns schon früher gesehen . . .«
»Das ist möglich, aber ich habe ganz vergessen, wann und wo.«
»Die Sache ist ganz einfach: ich war maskirt und Sie nicht.«
»Wie!« sagte Paul Richard stutzend: »es war also in den Ruinen von Abensberg!«
»Ja wohl, und Sie glaubten damals in derselben Lage zu seyn, in der ich mich jetzt befinde.«
»Leider ist hier Wirklichkeit, was dort nur Blendwerk war,« erwiederte der Lieutenant.
»Aber Sie wußten nicht, daß es ein Blendwerk war, und Sie haben sich brav gehalten, Capitän Richard, und man hatte vollkommen Recht, Ihnen an jenem Abende den Namen Richard Löwenherz zu geben.«
Der junge Offizier erblaßte. »Wissen Sie warum ich dort war?« fragte er.
»Nein, Herr Lieutenant; aber ich weiß, daß ein Soldat an seinen Befehl gebunden ist, wie ein Ehrenmann an sein Wort. Das Uebrige ist mir ziemlich gleichgültig . . . Ich erkannte Ihr Gesicht und dachte: alle kühnen und muthigen Männer sind Brüder; Du hast hier einen Bruder gefunden, Staps, und kannst ihn ohne Bedenken um einen letzten Dienst bitten.«
»Sie haben sich nicht getäuscht, ich bin bereit Alles für Sie zu thun, was sich mit meiner Dienstpflicht verträgt.«
»O, fürchten Sie nichts,« antwortete der Gefangene, »ich habe Sie um nichts zu bitten was Ihre Stellung gefährden könnte.«
»Reden Sie,« sagte der Offizier.
»Ich liebte ein Mädchen,« fuhr der Gefangene fort; »ohne die Ereignisse, die in jüngster Zeit stattgefunden, würde ich die Braut heimgeführt haben; ihr Vater und der meinige waren Freunde, unsere Heirath war beschlossen. . .«
»Aber da traten Sie in den Tugendbund,« erwiederte der junge Offizier; »Sie wurden durch’s Loos gewählt, den Kaiser zu ermorden, und seitdem waren alle Ihre Liebeshoffnungen verschwunden . . . Fahren Sie fort.«
»Ja, ich weiß, die Minuten sind gezählt . . . Fürchten Sie nichts, ich werde nicht auf mich warten lassen.«
Der Offizier nickte, um zu erkennen zu geben, daß er davon überzeugt sey.
»Sie wissen,« fuhr Staps fort, »daß man ein Porträt bei mir gefunden hat.«
»Ja, ich weiß es.«
»Ich habe gebeten, mir dieses Porträt bis zum Tode zu lassen.«
»Und man hat Ihnen diese Bitte ohne Bedenken gewährt.«
»Dieses Porträt,« setzte der Gefangene hinzu, »wird auf meinem Herzen ruhen, wenn ich sterbe.«
»Wünschen Sie mit dem Porträt begraben zu werden?«
»Nein, ich wünsche, daß ein Freund es nach meinem Tode zu sich nehme; nachdem er mir versprochen, es einst meiner Braut zu übergeben und ihr zu sagen, wie ich gestorben bin, und vor Allem, daß sie mein letzter Gedanke gewesen.«
»Sie wohnt in Baiern?«
»Nein, in Folge eines schrecklichen Ereignisses hat sie mit ihrem Vater ihre Heimat verlassen und wohnt jetzt im Badischen, in dem Dorfe Hensberg. Dort werden Sie sie finden.«
»Gut; Sie werden mir also vor Ihrem Ende das Porträt übergeben?«
»Ich habe Ihnen gesagt, daß ich es bis nach meinem Tode auf dem Herzen zu tragen wünsche. Nehmen Sie es daher zu sich, wenn ich todt bin.«
»Wie heißt Ihre Braut?«
»Der Name steht hinter dem Porträt.«
»Ist dies Alles?«
»Nein . . . ich habe Sie noch um einen Freundschaftsdienst zu bitten. Ich wünsche nicht mit einem gemeinen Mörder verwechselt zu werden. Wenn Sie das Porträt von meiner Brust genommen haben, machen Sie meine rechte Hand auf, Sie werden darin ein Papier finden, und dieses Papier theilen Sie den Offizieren mit, die mich als Mitglieder des Kriegsraths verurtheilt haben.«
»Auch dieser Wunsch soll erfüllt werden . . . Ist dies Alles?«
»Ja . . .«
»Dann bleibt mir nichts übrig, als Ihnen die Hand zureichen und guten Muth zu wünschen.«
»Ich nehme Hand und Wunsch an, obschon der Wunsch, wie Sie bald sehen werden, mindestens überflüssig ist . . .Wo werde ich Sie wieder finden?«
»Auf dem Hinrichtungsplatz.«
»Also auf der Esplanade?«
»Ja.«
Der junge Offizier und der Gefangene drückten einander noch einmal die Hand, und der Offizier entfernte sich.
Das Militärgefängniß in welchem Staps saß, war auf der Esplanade. Die Hinrichtung sollte um acht Uhr stattfinden; es war sieben Uhr, und die Esplanade war mit Neugierigen angefüllt.
Diese Menschenmenge bestand theils aus Franzosen, theils aus Wienern.
Als Paul Richard aus dem Arresthause kam, wurde er umringt und mit Fragen bestürmt. Paul antwortete, der Gefangene habe ihn wieder erkannt, weil er ihn schon in Abensberg gesehen, und habe ihn rufen lassen, um ihm seinen letzten Willen mitzutheilen.
»Er soll also wirklich diesen Morgen erschossen werden?« fragte ein Capitän, der in dem Kriegsgericht gesessen hatte.
»Ja, Herr Capitän; Sie wissen ja, daß die Urtheile der Kriegsgerichte ohne Aufschub vollzogen werden.«
»Ja, aber ich weiß auch, daß der Oberst dem Gefangenen sagen ließ, er könne an den Marschall Berthier ein Gnadengesuch richten, und der Oberst sagte mir nach der Ablesung des Urtheils, daß der Fürst von Neuchâtel für diesen Fall die ausgedehnteste Vollmacht vom Kaiser erhalten habe.«
»Er hat von der ihm zugestandenen Begünstigung keinen Gebrauch gemacht,« erwiederte Paul Richard.
»Und wird auch keinen Gebrauch davon machen?« fragten mehre Stimmen.
»Nein, ich glaube, daß der Unglückliche aus einem Grunde, den nur Gott kennt, den Tod wünscht.«
Es schlug acht. – Die Thür that sich auf. Ein Sergent erschien mit vier Mann, hinter ihnen der Verurtheilte.
Er hatte Rock und Weste im Gefängniß gelassen; seine ganze Bekleidung bestand aus Hemd, Beinkleid und Stiefeln. Sein Gesicht war blaß, aber ruhig; er zeigte weder geckenhafte Prahlerei noch Zaghaftigkeit. Man sah, es war ein Mann, der zum Tode geführt wurde. Er wußte wohin erging und gab gelassen sein junges Leben hin. Das Verbrechen, das ihn zum Tode führte, hatte er vielleicht aus Schwärmerei begangen; aber im Angesicht des Todes war dieses fieberische, überspannte Gefühl einem unerschütterlichen Entschlusse gewichen, den man in den leichten Stirnfalten zwischen den Augenbraunen und in dem Ausdruck seines schönen, fast lächelnden Mundes sehen konnte.
Hinter ihm kamen sechs Mann.
Kaum war er aus dem Hause getreten, so schaute er sich nach allen Seiten um, und er bemerkte den Lieutenant Paul Richard, dessen Blick ihm zu sagen schien: »Hier bin ich,Sie sehen, daß ich Wort halte.«
Dann nickte er ihm zu, und die leichte Spur von Unruhe, die eine Secunde auf seinem Gesicht zu sehen war, verschwand gänzlich. Er ging weiter.
Plötzlich hörte man Kanonendonner.
»Was ist das?« fragte der Verurtheilte.
»Der Friede ist diese Nacht unterzeichnet worden, und die Kanonen verkünden es.«
»Der Friede?« fragte der Gefangene. »Ist das wirklich wahr?«
»Allerdings,« antwortete man ihm.
»Dann,« sagte er, lassen Sie mich Gott danken.«
»Wofür?«
»Daß er Deutschland die Ruhe wieder gibt.«
Der junge Mann ließ sich auf ein Knie nieder und sprach zwischen den Soldaten ein kurzes Gebet.
Als er wieder aufstand, eilte Richard herbei und drang durch die Bajonnete, die den Verurtheilten umgaben.
»Aendert diese Kunde etwas an Ihren Anordnungen?«fragte er ihn.
»Wozu diese Frage, Herr Lieutenant?«
»Wenn Sie etwa ein Gnadengesuch . . .«
Staps unterbrach ihn.
»Sie wissen,« sagte er, »welchen Freundschaftsdienst ich von Ihnen erwarte?«
»Ja . . .«!
»Sind Sie noch bereit, Ihr Versprechen zu halten?«
»Allerdings.«
»Dann reichen Sie mir die Hand.«
Richard reichte ihm die Hand.
Staps nahm einen Gegenstand; den er in der rechten Hand hielt, in die linke, und drückte dem jungen Offizier herzlich die Hand.
Alles dies geschah ohne die mindeste Prahlerei und mit derselben Ruhe, die Richard bis dahin an ihm bemerkt hatte.
Dann gings weiter. – Von dem Arresthause bis zu der Stelle, wo die Hinrichtung stattfinden sollte, waren etwa dreihundert Schritte. Dieser Weg wurde in zehn Minuten zurückgelegt Während dieser Zeit fiel jede Minute ein Kanonenschuß. Staps konnte sich überzeugen, daß man ihn nicht getäuscht hatte, die Regelmäßigkeit der Kanonenschüsse zeigte an, daß eine große Feier begangen wurde. .
Endlich machte die Escorte Halt.
»Ist es hier?« fragte Staps.
»Ja,« antwortete der Sergent
»Steht es mir frei, mich zu wenden nach welcher Seite ich will?«
Der Sergent verstand ihn nicht recht. Richard näherte sich wieder. Staps wiederholte seine Frage, die Richard dem Sergenten erklärte. Der Verurtheilte wünschte mit dem Gesicht nach Westen, d. i. nach Bensberg gewendet, zu sterben.
Die Bitte wurde ihm gewährt.
»Herr Lieutenant,« sagte Staps zu Richard, »ich weiß, daß ich viel verlange; ich bin nicht Soldat und will nicht selbst Feuer commandiren, aber ich wünsche, daß die einzige befreundete Stimme, die ich hier vernehmen kann, das Todeswort ausspreche.«
Richard sah den Sergenten an.
»Thun Sie es, Capitän,« sagte dieser.
Richard nickte dem Verurtheilten zu.
»Jetzt bin ich bereit,« sagte Staps.
Ein Soldat trat mit einem Tuch auf ihn zu.
»O, Herr Lieutenant,« sagte Staps, »halten Sie es für nöthig?«
Der Lieutenant Richard gab dem Soldaten einen Wink; der Mann mit dem Schnupftuch trat zurück.
Dann commandirte Richard mit derselben festen Stimme,wie früher in den Burgruinen von Abensberg:
»Achtung!«
Man hörte mitten in der tiefen Stille, die auf dem Glacis herrschte, das Rasseln der Gewehre.«
»Gewehr in Arm!«
In der Ferne fiel ein Kanonenschuß.
»Präsentirt das Gewehr!«
»Legt an!«.
Der Lieutenant schien zu zögern, und Staps selbst rief mit fester Stimme: »Feuer!«
Die Soldaten gehorchten . . . Die Schüsse trachten, und Friedrich Staps sank, von acht Kugeln getroffen, zu Boden.
Der Lieutenant Richard hatte sich abgewandt. Als er den vor einer Minute noch lebenden und nun zur Leiche gewordenen Jüngling ansah, hielt dieser die linke Hand auf die Brust gedrückt und die rechte fest geschlossen.
Er trat auf den Leichnam zu und sagte zu der Mannschaft: »Dieser Unglückliche hat mich beauftragt, seinen letzten Willen zu vollziehen . . . er trägt auf der Brust ein Porträt, in der Hand ein Papier.«
Die Soldaten traten ehrerbietig zurück.
Richard hob den Todten auf, knöpfte das Hemd auf, bemerkte eine dünne Haarkette und zog sie hervor. An dieser Haarkette hing ein Medaillon.
Der Lieutenant suchte etwas zögernd das Porträt.,
»Margarethe Blum!« rief er, wie vom Donner gerührt. »O, ich ahnte es wohl!«
Dann riß er hastig die rechte Hand des Todten auf und nahm ein Papier heraus.
Dieses Papier enthielt nur die vier Worte:
»Ich begnadige ihn.
»Napoleon.«
»Ach! der unglückliche!« sagte Paul Richard; »er wollte sterben . . . Und ich,« setzte er mit tiefem Schmerz hinzu, »ich bin die Ursache seines Todes! . . .«
XII.
1812. Der Rückzug
Am 14. September 1812 sah Napoleon auf der Höhe des Heilsberges die Kuppeln der alten moskowitischen Metropole im hellsten Sonnenschein glänzen, und die ganze Armee, die in der Schlacht an der Moskwa sehr beträchtlich gelitten hatte, aber immer noch 90,000 Mann stark war, klatschte jubelnd in die Hände und rief: Moskau! Moskau! – wie sie vierzehn Jahre zuvor in Egypten gerufen hatte: Die Pyramiden! die Pyramiden!
An demselben Abende war Napoleon in dem verödeten Moskau. Als die Gallier unter ihrem tapfern Führer. Dem die lateinischen Geschichtschreiber den Namen Brennus beilegten, das Capitol eroberten, fanden sie wenigstens die Senatoren auf ihren curulischen Stühlen sitzend; sie fanden doch wenigstens einige Menschen, an denen sie ihren Muth kühlen konnten. Anders war’s in Moskau; man fand nur die französischen Kaufleute, die den Siegern ganz erschrocken die sonderbare Kunde brachten: Moskau ist menschenleer!
In derselben Nacht wurde Napoleon durch Feuerlärm nicht geweckt, denn er schlief nicht, sondern überrascht. Er trat an ein Fenster des Kreml, welches die Aussicht auf die Stadt darbot. Der Palast Trubetzkoi stand in Flammen.
Anfangs schrieb er die Feuersbrunst einer Unvorsichtigkeit zu; er glaubte, Mortier halte schlechte Mannszucht im Heere; er wähnte, ein betrunkener Soldat habe aus Fahrlässigkeit den Palast angezündet, und befahl den Thäter aufzusuchen und aus der Stelle zu erschießen; aber man erwiederte, die Sache sey ganz anders zugegangen: um Mitternacht habe sich eine feurige Kugel auf den Palast niedergelassen,und daher komme nicht nur die Feuersbrunst, sondern auch das Signal.
Es war wirklich ein verabredetes Zeichen, denn fast zu gleicher Zeit brach das Feuer an drei anderen Punkten der Stadt aus.
Napoleon zweifelte noch; aber es gingen rasch nach einander die bedenklichsten Berichte ein, das Feuer brach im Börsengebäude aus und man hatte Polizeileute gesehen, die es mit überteerten Stangen schürten.
In zwanzig, dreißig, hundert Häusern, die in verschiedenen Stadttheilen standen, flogen Bomben und Granaten auf, die in Oefen versteckt waren und beim Heizen der letzteren die französischen Soldaten tödteten oder verwundeten und die Feuersbrunst immer weiter verbreiteten.
Noch mehr; Schaaren von Randgesindel zogen mit brennenden Fackeln durch die Straßen der Stadt und verbreiteten den Brand mit trunkener Wuth, oder vielleicht mit der höchsten patriotischen Begeisterung. Der Anblick der Franzosen machte sie nur noch wüthender, die Drohungen steigerten nur ihre Erbitterung: es war unmöglich, ihnen die Fackeln zu entreißen, man mußte sie niederhauen.
Napoleon hörte alle diese Berichte mit dem größten Erstaunen an, er mochte noch nicht daran glauben, er leugnete die Wirklichkeit, er zweifelte wo kein Zweifel mehr möglich war, et ging in den Prunkgemächern auf und ab und sagte mit Ingrimm:
»Die Elenden! die Barbaren! . . .«
Der anbrechende Tag war minder hell als die Nacht; denn die Nacht war durch die Flammen erhellt, der Tag durch den Rauch verdunkelt.
Napoleon konnte sich an dem Schauspiel nicht satt sehen, er ging von einem Fenster zum andern und rief: »Löschet das Feuer! . . . Mein Gott! so löschet doch!«
Zum zweiten Male war seine Stimme, die über Menschen so viel vermochte, machtlos, als er den Elementen gebieten wollte. Am Tage der Schlacht bei Esling hatte er, auf seine Gewalt trotzend, einen ähnlichen Ruf vernehmen lassen, als die schwellende Donau seine Brücken fortriß. Endlich hatte er den reißenden Strom bewältigt: ob er auch das Feuer bezwingen würde?
Nein, der Brand schien durch eine unsichtbare Kraft geschürt zu werden, und der große Flammenkreis zog sich immer enger und enger zusammen. Napoleon wurde von einem Feuermeer buchstäblich belagert; jedes Haus ist eine glühende Woge, und die furchtbare Flut wälzt sich immer näher heran und beginnt an die Mauern des Kreml zu schlagen.
So vergeht der Tag mit der Betrachtung des entsetzlichen Schauspieles; man drängt sich in die Gemächer des Kaisers, man bittet ihn, den Kreml zu verlassen; aber er hält sich an den Fensterstangen fest,. als ob er fürchtete, man werde ihn mit Gewalt fortschleppen. Die Nacht kommt, und der Brand ist so nahe gerückt, daß der Widerschein der Flammen auf dem Antlitz dieses von den Titanen belagerten Jupiter zusehen ist.
Alle, die einigen Einfluß auf ihn zu haben glauben, sind herbeigeeilt: der Fürst von Neuchâtel, sein Schwager Murat, sein Stiefsohn Eugen Beauharnais – Alle bitten, beschwören sie ihn. Er scheint taub, unempfindlich, stumm, alle seine Geistes- und Körperkräfte haben sich in den Augen vereinigt, der Gesichtssinn scheint allein noch thätig zu seyn. Mit verschränkten Armen, entblößtem Haupte, das Gesicht mit einer röthlichen Glut übergossen, steht er am Fenster und betrachtet die brennende Stadt. Ein Gemurmel geht von Mund zu Mund; jeder der Anwesenden schickt es weiter, damit es endlich den Kaiser erreiche.
»Der Kreml brennt!«
Diese Schreckenskunde genügt noch nicht. »Löschet das Feuer!« sagte der Kaiser.
Man gehorcht, das Feuer wird gelöscht. – Zehn Minuten nachher wogt dasselbe Gemurmel, noch drohender als zuvor, durch die Gemächer.
»Löschet das Feuer!« wiederholte Napoleon.
Aber zum dritten Male bricht es im Arsenal aus. Dieses Mal wird der Mordbrenner auf der That ergriffen und vor Napoleon geführt. Er ist ein Polizeisoldat.
Man nimmt ihn ins Verhör. Er hat seinen Befehlen gemäß gehandelt.
Von wem hat er diese Befehle erhalten?
Von seinem Vorgesetzten.
Von wem hat sein Vorgesetzter seine Befehle erhalten?
Von einem höhern Vorgesetzten.
Der Befehl ist also von oben gekommen, es ist also nicht der Fanatismus einiger Unholde, der die alte Metropole angezündet hat, sondern es wird ein höherer Befehl vollzogen, ein mit Umsicht entworfener Plan ausgeführt.
Napoleon zuckt die Achseln und schickt den Mordbrenner mit einer Geberde des Abscheues fort. Man führt ihn in einen Hof und ersticht ihn mit Bajonneten. Er stirbt lachend und in russischer Sprache furchtbare Drohungen ausstoßend.
Ein Pole, der diese Drohungen verstanden hat, eilt ganz bestürzt die Treppe hinauf und dringt bis in das Zimmer, wo sich Napoleon befindet.
»Der Kreml ist unterminirt,« sagt et; »die Russen hoffen den Kaiser und seinen ganzen Generalstab in die Luft zu sprengen!«
»Sire,« sagt Eugen Beauharnais, »man kämpft wohl gegen die Menschen, wie Cäsar und Alexander, man kämpft wohl gegen die Götter, wie Diomedes und Achill, aber gegen das Feuer kann man nicht kämpfen!«
»Gut, wir wollen aufbrechen,« sagt Napoleon, der sich endlich entschließt; »wo ist die nördliche Treppe?«
Die Thüren thun sich rasch auf; die Guiden, welche den Ordonnanzdienst hatten, eilen voraus, um den Weg zu zeigen, und der ganze Zug verläßt die alte Czarenburg auf der durch die Niedermetzelung der Strelitzen berühmt gewordenen nördlichen Treppe.
»Wohin wollen Sie Ihr Hauptquartier verlegen,« Sire?« fragte Berthier.
»Auf die Petersburger Landstraße,« antwortete Napoleon, »in das kaiserliche Schloß Petrowski.«
Er will also den Rückzug nicht antreten, trotz der entsetzlichen Feuersbrunst, trotz der drohenden Mine, trotz dem Vulkane, der sich zu seinen Füßen aufgethan! – er will nicht nach Frankreich, sondern noch eine Meile weiter auf der Petersburger Straße marschiren!
Es fragte sich nur, ob Petrowski zu erreichen war. Man hatte sehr lange gewartet; gestern war man noch von dem immer näher rückenden Brande belagert, heute wird man vom Feuer blockiert.
Durch einen in Felsen gehauenen schmalen Gang erreicht man eine Seitenpforte und verläßt endlich den Kreml.
Aber außerhalb des Kreml ist man den Flammen nur noch näher; man befindet sich mitten in einem unabsehbaren Feuermeer, aus welchem dichte Rauchwolken aufsteigen; die Straßen sind kaum noch sichtbar, die glühende Luft ist erstickend.
Man stürzte sich aufs Gerathewohl in einen offenen Raum, der einer Straße noch am meisten ähnlich war. Zum Glück war’s wirklich eine Straße, aber sie war eng, krumm, auf beiden Seiten brennend.:
Der Kaiser ging zu Fuß, von etwa zwanzig Personen umgeben, rasch fort. Seine Begleiter schwenkten unablässig die Hüte, um die Luft etwas abzukühlen. Er ging zwischen Murat und Eugen Beauharnais. Berthier folgte ihm, wie überall, als der treue Vollstrecker seines Willens, aber ohne eigene Gedanken, ohne selbstständigen Willen.«
Man ging zwischen zwei brennenden Mauern, unter einem Flammendach, auf glühender Erde. Brennende Balken fielen rechts und links von den Häusern herab, das geschmolzene Blei floß, wie das Regenwasser im Gewitter, von den Dächern. Die im Winde wogenden Flammen versengten die Federbüsche der Offiziere und wirbelten dann wieder hoch zum Himmel empor.«
Man mußte einen Ausweg finden, oder ersticken . . . Noch fünf Minuten, und kein Mensch kam mehr lebend aus dieser Hölle. Man wollte umkehren, aber die Häuser stürzten ein, und der Rückzug wurde durch eine brennende Barricade abgeschnitten
»Vorwärts! . . . Vorwärts!« rief Murat.
»Vorwärts!« rief der Prinz Eugen.
»Vorwärts!« sagte Napoleon selbst.
Aber die Vorangehenden hielten die Hände vors Gesicht und riefen:
»Es ist unmöglich, wir sehen nichts mehr . . . das Feuer versperrt uns den Weg.«
»Hierher, Sire . . . kommen Sie hierher!« rief eine Stimme mitten in einer Rauchwolke.
Ein junger Offizier von etwa dreißig Jahren, auf dessen bleichem Gesicht ein noch nicht geheilter Säbelhieb zu sehen war, erschien zur Linken des Kaisers.
»Führen Sie uns,« sagte Napoleon.
»Hierher, Sire,« wiederholte der junge Offizier.
Dann stürzte er sich wieder in den dicken Rauch und rief: »Folgen Sie mir, Sire . . . ich stehe für Alles!«
Napoleon hielt sein Schnupftuch auf den Mund, denn die Luft war glühend heiß geworden, man konnte kaum noch athmen.
»Hierher, Sire!« rief dieselbe Stimme.
Als man einige Schritte weiter vorgedrungen war, wurde die Hitze gelinder, der Rauch durchsichtig Man befand sich in einem schon Morgens niedergebrannten Stadttheile.
Ein General, der auf einer Sänfte getragen wurde, begegnete dem Kaiser. Es war der Marschall Davoust, der an der Moskwa verwundet worden war; er wollte sich in den Kreml tragen lassen, um Napoleon zum Fortgehen aus der verhängnißvollen Burg zu bewegen.
Der Marschall sank dem Kaiser in die Arme. Napoleon empfing ihn mit Dank, aber so ruhig, als ob er auf einem Spazirgange gewesen wäre.
Bald darauf begegnete man einer Reihe von Pulverkarren, die rasch durch die brennenden Straßen fuhren.
»Laßt den Kaiser durch!« rief der junge Offizier.
»Lassen Sie die Pulverwagen durch!« sagte der Kaiser; »bei einer Feuersbrunst,« setzte er lächelnd hinzu, »muß man vor Allem das Pulver in Sicherheit bringen.«
Ein Pulverwagen flog in die Luft. Die Begleiter des Kaisers drängten sich um ihn. Dann flog noch ein Pulverwagen, und wieder einer auf. Die Trümmer fielen wie ein Feuerregen nieder.
Es waren fünfzig Pulverwagen; man wartete bis sie vorbei waren und ging dann weiter.
Am Stadtthore fragte Napoleon den Marschall Davoust: »Ist unser Führer, der uns aus den Flammen gerettet, nicht der Lieutenant Richard, den Sie mir nach Donauwörth geschickt hatten?«
»Ja, Sire,« antwortete der Marschall, »aber er ist,jetzt Capitän.«
»Er muß noch höher steigen,« erwiederte Napoleon; »bei der nächsten Gelegenheit machen Sie ihn zum Bataillonschef, für jetzt ernenne ich ihn zum Offizier der Ehrenlegion . . . Geben Sie ihm Ihr Kreuz, Davoust.«
Der Marschall rief den jungen Offizier, nahm sein goldenes Kreuz ab und sagte zu ihm:
»Capitän Richard, dies habe ich Ihnen im Namen des Kaisers zu übergeben.«
Der Capitän Richard verneigte sich und Napoleon winkte ihm im Vorübergehen mit der Hand, womit er sagen wollte: Ich habe Dich erkannt, ich werde Dich nicht vergessen.
Der junge Offizier trat zurück, bereit, für den Kaiser ohne Murren das Leben zu lassen.
Am folgenden Morgen eilte Napoleon – er hatte in drei Nächten nichts geschlafen – ans Fenster, das die Aussicht auf die Stadt Moskau darbot.
Er hoffte das Feuer gelöscht, oder wenigstens einigermaßen beruhigt zu sehen; aber die ganze Stadt war ein Feuermeer, eine Rauchwolke.
Die alte Czarenstadt, zu der man aus so weiter Ferne und mit so vielen Gefahren sich den Weg gebahnt hatte, das große prächtige Moskau, das sich vor den Franzosen lange zurückzuziehen schien, wie die Luftspiegelungen der Wüste, was war es nun, als man es endlich erreicht hatte? Ein Schutthaufen! Nicht nur die Kriegsheere des Czaren, sondern auch seine Städte waren für den Feind unerreichbar geworden.
Was wird nun der Held von 1805, 1806 und 1809, der Mann des raschen Entschlusses thun? Wozu wird er sich entschließen der kühne Heerführer, der das Lager von Boulogne verließ, um die Schlacht von Austerlitz zu gewinnen; der die Tuilerien verließ und im Voraus den Tag bestimmte, an welchem er in Berlin einziehen wollte; der Spanien verließ, im raschen Lauf durch Frankreich eilte und erst in Wien rastete? Was will er thun? Er will gegen Petersburg marschiren. Er sagt es wenigstens.
Auf einem Tische ist die Landkarte ausgebreitet, die den Weg zu der zweiten Hauptstadt des Czarenreiches zeigt; aber auf einem andern Tische liegt eine andere Karte, auf welcher der Weg nach Paris zu sehen ist.
Napoleon will acht Tage warten, bevor er einen Entschluß faßt; sein Schreiben an den Kaiser Alexander ist soeben erst nach Petersburg abgegangen, und die Antwort kann erst in einer Woche eintreffen. Es ist erst der 19. September. das Wetter ist schön, man hat Zeit, einen Entschluß zu fassen.
Nach drei Tagen war die Stadt freilich in einen Schutthaufen verwandelt, aber die Feuersbrunst war gelöscht. Der Kreml war gerettet und wieder bewohnbar geworden. Napoleon begab sich in den Kreml zurück, und es schien ihm, als ob er Moskau zum zweiten Male eroberte. Von dort aus sah er das furchtbare Schauspiel einer hungernden Armee, welche die Trümmer einer niedergebrannten Stadt durchwühlte.
Während des dreitägigen Brandes von Moskau hatte Murat die Spur des General Kutusow, den er verfolgte, verloren, aber man sollte bald von ihm hören. Kutusow, der sich anfangs nach Osten zurück gezogen, hatte sich auf einmal nach Süden gewendet, und stand bereits zwischen Moskau und Kaluga. Napoleon gab Murat den Befehl, ihn zu verfolgen. Murat gehorchte; er traf mit dem Feinde am 29. September, und wieder am 11. October zusammen.
Die Kunde von zwei neuen Schlachten drohte Napoleons Hoffnungen zu vernichten. Diese Kunde kam unerwartet, wie man an einem heitern Sommertage zuweilen den Donner grollen hört, ohne am Himmel eine Wolke zu sehen. Abgesehen von seinem letzten österreichischen Feldzuge, hatte der Kaiser nach der Einnahme der Hauptstadt immer den Krieg beendet gesehen; warum sollte es in diesem Feldzuge anders seyn? warum sollte Moskau einen Vorzug haben vor anderen Hauptstädten?
Napoleon hatte in Russland ein noch nie dagewesenes furchtbares Hinderniß, oder vielmehr drei Hindernisse zu bekämpfen; ein dreifaches unheildrohendes Stillschweigen trat dem sieggewohnten Eroberer entgegen: das Stillschweigender Stadt Moskau, das Stillschweigen der umliegenden Wüstenei, das Stillschweigen Alexanders, der sich um Moskau gar nicht zu kümmern schien.
Napoleon zählt die Tage. Dieses Stillschweigen dauert schon elf ewig lange Tage; der Eroberer wird dadurch noch hartnäckiger, er will in Moskau überwintern. Er ernennt einen Gouverneur für die Hauptstadt des Czarenreichs, setzt Gemeindebehörden ein, ordnet die Herbeischaffung von Lebensmitteln an, Die Stadt soll ein großes verschanztes Lager werden; an Brot und Salz, den Hauptnahrungsmitteln,wird’s nicht fehlen; die Pferde, die man nicht ernähren kann, sollen geschlachtet und eingesalzen werden. Wenn’s an Wohnungen fehlt, sollen die Keller bezogen werden. Die ersten handelnden Personen sollen in Moskau dieselbe Rolle spielen, die sie einst in Dresden spielten. Fünf Monate verstreichen bald; im Frühjahr werden Verstärkungen kommen, ganz Lithauen wird sich den Franzosen anschließen und die Eroberung vollenden.
Aber was wird Paris sagen, das von seinem Kaiser und von dem 150,000 Mann starken Kriegsheere seit fünf Monaten keine Nachricht erhalten hat? Was werden die Preußen und Oesterreicher thun, die unzuverlässigen Verbündetem die jeden Augenblick wieder Feinde werden können? Nein, der Plan muß aufgegeben werden.
Ueberdies erwartet matt stündlich die Antwort des Kaisers Alexander; aber Alexander antwortet nicht.«
Am 3. October wird ein neuer Entschluß gefaßt: man will die noch stehenden Trümmer von Moskau vollends niederbrennen und über Twer nach Petersburg marschiren. Dort soll sich Macdonald mit dem Kaiser vereinigen; Davoust und Murat sollen die Nachhut bilden.
Eugen Beauharnais liest diesen neuen Plan vor. Die Generale, Marschälle, Prinzen, Könige sehen einander an, in ihren Blicken liegt die Frage, ob Napoleon wahnsinnig geworden sey.
Nein, sein Geist ist so klar, so gewaltig wie immer, aber die Glücksgöttin fängt an ihn zu verlassen. Vormals, wenn er einen Schritt zurückweichen mußte, sah er sie bei sich die launische Göttin, und stützte sich auf sie. Jetzt ist sie fort und sein Arm findet keine Stütze mehr.
Napoleon muß Frieden machen, der Friede ist unter den obwaltenden Umständen das dringendste Bedürfniß für ihn. Er läßt Caulaincourt kommen. Caulaincourt ist drei Jahre Gesandter am russischen Hofe gewesen und vom Kaiser Alexander als Freund behandelt worden, er wird gewiß günstige Bedingungen bei ihm erwirken.
Caulaincourt lehnt den Antrag ab: er kennt den Kaiser Alexander, er weiß, daß Napoleon von seinem Feinde keine Antwort erhalten wird, bevor er dessen Gebiet geräumt hat.
Der Marschall Lauriston soll nun nach Petersburg gehen. Lauriston geht zuerst in das Lager Kutusow’s, um von dem alten General einen Paß zu erhalten. Seine Vollmacht ist jedoch nicht so ausgedehnt, man will den Grafen Wolsonicki nach Petersburg schicken, und Kutusow meint, es komme aufs Gleiche heraus.
Er hat vollkommen Recht, denn weder Wolsonicki, noch Lauriston noch Caulaincourt werden eine Antwort bringen. Der Winter brachte sie; er traf am 14. October ein. Der erste Schnee ist eine Warnung, die Napoleon endlich versteht: er gibt Befehl, alle Zierrathen, die dem französischen Heere als Trophäen dienen können, aus den Kirchen zu nehmen. Das Invalidenhotel wird auch bedacht: auf seinem Dome soll das goldene Kreuz prangen, das auf der Hauptkuppel des Kreml glänzt.
Ohne das verhängnißvolle, die Treulosigkeit der Glücksgöttin anzeigende Wort Rückzug zu nennen, wird die Division Claparède sammt den Trophäen des Feldzugs und allen transportablen Verwundeten und Kranken nach Moschaisk »abgeschickt.« Die Kranken und Verwundeten, welche die Anstrengungen der Reise nicht ertragen können, werden im Findelhause zurückgelassen. In diesem Hause der Schmerzen liegen übrigens eben so viele Russen als Franzosen. Die Wundärzte, welche sie alle, ohne Unterschied der Nation, gepflegt haben, sollen bei ihnen bleiben.
Plötzlich hört man den Kanonendonner, der übrigens gar nicht aufgehört hat, in geringerer Entfernung von Moskau. Napoleon, der eben im Hofe des Kreml die unter Ney’s Befehl stehenden Truppen mustert, stellt sich, als ob er gar nichts hörte. Niemand wagte es, ihm die Schreckenskunde zu bringen. Abends endlich begibt sich Duroc in das Gemach des Kaisers und meidet ihm, daß Kutusow den König von Neapel zu Winkowo angegriffen, das Murat’sche Corps umgangen und ihm den Rückzug abgeschnitten, zwölf Kanonen, zwanzig Pulverkarren und dreißig Gepäckwagen genommen habe. Viertausend Mann sind theils todt theils verwundet. Zwei Generale sind geblieben. Murat selbst ist verwundet, und nur den größten Anstrengungen Poniatowski’s, Claparède’s und Latour-Maubourg’s ist es gelungen, eine völlige Niederlage zu verhüten.
Dies hatte Napoleon erwartet; er brauchte einen Vorwand, um Moskau zu verlassen, und diesen Vorwand hat er gefunden: die Scharte mußte ausgewetzt, Kutusow gezüchtigt werden.
In der Nacht des 18. rückt das Heer aus, und am 19. verläßt Napoleon selbst die heilige Stadt, indem er die Hand gegen Kaluga ausstreckt und sagt: »Wehe denen, die mir in den Weg kommen!«
Die Franzosen waren 35 Tage in Moskau geblieben; als sie die Stadt verließen, zählten sie l40,000 Mann, 50,000 Pferde, 500 Kanonen, 2000 Artilleriefuhrwerke, 4000 Pulverwagen, Kaleschen und Gepäckwagen aller Art.
Vier Tage später, in der Nacht vom 22. zum 23. October, gegen ein Uhr erzitterte der Boden von einer heftigen Explosion wie bei einem Erdbeben, und ein dumpfer Knall erfüllte die Luft. Die in der Umgebung des Kaisers wachenden Offiziere sprangen erschrocken auf, die Ursache dieser gewaltigen Erschütterung war ihnen im ersten Augenblicke unbegreiflich, man war ja schon drei Tagemärsche von Moskau.
Duroc trat in das Zimmer Napoleons, der sich in vollen Kleidern aufs Bett geworfen hatte. Der Kaiser schlief nicht; er sah sich um, als er Duroc kommen hörte.
»Haben Sie gehört, Sire?« fragte Duroc.
»Ja,« antwortete Napoleon.
»Was sagen Ew. Majestät dazu?«
»Es ist nichts . . . der Kreml fliegt in die Luft.«
Dann wandte er sich mit dem Gesicht wieder gegen die Wand. Duroc entfernte sich.
XIII.
Im gewöhnlichen Schritt
Am 19. November, gerade einen Monat nachdem Napoleon Moskau verlassen hatte, marschirte eine vier- bis fünftausend Mann starke französische Colonne mit etwa zwölf Kanonen zwischen Korinthya und Kalowa, eine Tagereise diesseits Smolensk
Dreihundert Reiter marschirten zu beiden Seiten der langen dunkeln Heersäule. Sie hatten sich zu Smolensk mit unerhörten Anstrengungen den übrigen Truppen zugesellt; sie gehörten verschiedenen Waffengattungen an, und was aus den Regimentern, selbst aus den Armeecorps, zu denen sie gehörten, geworden war, wußte Niemand. Man hätte antworten können: was im nächsten Frühjahr aus dem Schnee werden wird, auf welchem die Truppen setzt marschiren.
Napoleon, der diesem Truppencorps um drei Tagemärsche voraus war, kam in dem Augenblicke, wo wir auf diese elenden Ueberreste der herrlichen Armee einen Blick werfen, nach Orscha an der Spitze von 6000 Mann der alten Garbe, die früher 35,000 Mann stark gewesen war. Der Prinz Eugen hatte von seinen 42,000 Mann nur noch 1800 und die 4000 Soldaten, die Davoust bei sich hatte, waren der Ueberrest von 70,000.
Dies waren die Truppen, die Napoleon, mit einem Stock in der Hand vorangehend, um selbst ein Beispiel von Muth und Ausdauer zu geben, noch immer die »große Armee« nannte.
Als Napoleon am 14. November Smolensk verließ, beschloß er, daß Eugen, Davoust und Ney nicht zugleich, sondern einer nach dem andern abmarschiren sollten: – er selbst zuerst, dann Eugen, der Dritte sollte Davoust und Ney der Letzte seyn. Ueberdies sollte zwischen jedem Abmarsch ein Tag verfließen. Napoleon marschirte daher am 14., Eugen:am 15., Davoust am 16., Ney am l7.
Ney hatte überdies den Befehl, die Zapfen der zurückzulassenden Kanonen absägen und die Munition vernichten zu lassen, alle Nachzügler vor sich her zu treiben und die Stadtwälle an vier Stellen zu sprengen.
Ney hatte diese Befehle pünktlich vollzogen und rückte nun auf der Straße vor, die von drei Truppenkörpern schon ruinirt worden war. Die 6000 Gardisten Napoleons, die 1800 Soldaten Eugens, die 4000 Streiter Davoust’s waren freilich keine Armeen; aber es waren Leute, die dreißig Tage auf dem Rückzuge durch die Schneewüste mit Noth und Mangel gekämpft hatten, und von denen jeder nur so viel Mannszucht beobachtete, wie er mit seiner Selbsterhaltung verwendbar hielt.
Diese Ueberreste der vier Divisionen, welche Ney im Anfange des Feldzugs befehligt hatte, marschirten nun, auf 4- bis 5000 Bajonnete und etwa 300 Reiter zusammengeschmolzen, zwischen Korinthya und Kalowa.
Plötzlich halten die voranmarschirenden Reiter an und betrachten den Erdboden. Ney eilt zuerst herbei und erkennt sogleich was ihre Aufmerksamkeit fesselt: es sind die noch frischen Spuren eines Schlachtfeldes. Der Schnee ist mit Blut bedeckt, mit zerbrochenen Waffen und verstümmelten Leichen übersät. Die Todten, die in langen Reihen liegen, zeigen dadurch an, daß Sie in Reihe und Glied gestanden, bevor die mörderischen Kugeln sie ereilt hatten.
Einer der Reiter, der unter einem schwarzen Bärenfell die Ueberreste einer Jägeroffiziersuniform verbirgt, springt vom Pferde.
»Hier hat das Armeecorps des Prinzen Eugen gekämpft,« sagt er; »hier sieht man auf den zertrümmerten Czakos noch die Nummern der Regimenter.«
Er geht mit angstvoller Spannung an den Reihen der Gefallenen hin, die wie abgemähte Aehren auf einem Kornfelde liegen. Aber er sucht vergebens, die Todten liegen zu Tausenden da. Die Nacht bricht an, man kann sich nicht länger aufhalten.
Der Kampf hat wahrscheinlich den vorigen Tag in den Morgenstunden stattgefunden, denn kein Verwundeter antwortet auf den Ruf der Ankommenden. Die Nacht ist über das Schlachtfeld dahingezogen, und bei dreißig Grad Kälte bringt eine Nacht ohne Feuer den Tod. Es ist daher Alles still und regungslos auf dem weiten Leichenfelde.
Die Armee ist hier vorübergezogen, es war also der rechte Weg. Man marschirte noch zwei Stunden, dann wurde Halt gemacht. Es mußte Feuer gemacht werden, denn die Soldaten mußten unter freiem Himmel übernachten. Ein solcher Bivouac auf der unabsehbaren Schneewüste war etwas Furchtbares. Viele Soldaten zerstreuten sich in verschiedenen Richtungen, um Brennmaterial und Lebensmittel herbeizuholen, und man wunderte sich jeden Abend, daß so Wenige zurückkamen: Einige waren erfroren, Andere unter den Lanzen der Kosaken gefallen oder als Gefangene fortgeschleppt worden.«
Diesen Abend brauchte man nicht weit zu suchen: ein Tannenwald lieferte Brennholz, die gefallenen Pferde lieferten Fleisch. Man hatte Smolensk erst Tags zuvor verlassen,und der Brotvorrath war noch nicht erschöpft
Der Offizier, der vom Pferde gestiegen war und unter den Todten gesucht hatte, war einer der Ersten, die sich wieder auf das Schlachtfeld begaben. Aber mit Einbruch der Nacht war eine Schaar Wölfe herbeigekommen, und man mußte sie vertreiben. Glücklicherweise fressen die Raubthiere am liebsten Menschenfleisch, die Pferde waren daher ziemlich unberührt geblieben und lieferten den vorbeimarschirenden Truppen eine reichliche Mahlzeit.
Man zündete die Feuer an und stellte die Schildwachen auf; bis auf das Geheul der Wölfe hatte man eine ziemlich ruhige Nacht.
Am andern Morgen bei Tagesanbruch gab der Marschall das Zeichen zum Abmarsch. Er war ein Feuergeist in einem eisernen Körper und immer der Letzte, der sich niederlegte, der Erste, der wieder wach war.
Wie gewöhnlich waren einige hundert Mann an den halb erloschenen und rauchenden Feuern liegen geblieben; sie waren im Schlafe in eine todesähnliche Erstarrung versunken, und beim Erwachen schien es ihnen kürzer und minder schmerzhaft, vollends zu sterben, als wieder ins Leben zurückzukehren.
Die Colonne marschirte weiter. Es hatte in der Nacht geschneit und schneite noch; man ging aufs Gerathewohl fort über die Schneewüste. An der Spitze der Colonne ritten Ney, der General Ricard und zwei oder drei Generale. Eine kleine Schaar eilt ihnen voraus; es ist keine Vorhut, sondern eine aus verschiedenen Waffengattungen zusammengelaufene Truppe, die ungeduldiger ist, als die übrigen.
Plötzlich bemerkt der Marschall Ney eine sonderbare Bewegung. Die voraneilende Schaar hält an, die Vordersten weichen zurück und nöthigen dadurch auch die Andern zum Stillstehen.
Ney setzt sein Pferd in Galopp und fragt sie was vorgeht. Die Soldaten zeigen ihrem General durch eine lichte Stelle des Tannenwaldes, in welchem sie sich befinden, die ganz mit Russen bedeckten nahen Berge. Man war gerade auf die Flanke der Kutusow’schen Armee losmarschirt, und diese achtzig-tausend Mann starke Armee verfolgte das Truppencorps, welches Napoleon bei sich führte. Man hatte sie nicht gesehen, weil es schneite und weil man mit gesenktem Kopf marschirte; aber die Rassen beobachten von den Höhen, auf denen sie sich befinden, seit einer Stunde den Marsch der kleinen Colonne, die sich unbesonnener Weise selbst überliefert und die man nur zu erwarten braucht. Denn der große Halbkreis, den die russische Armee bildet, braucht nur seine beiden äußersten Enden zusammen zu ziehen, und Ney’s fünf-bis sechstausend Mann werden gefangen, wie in einem ungeheueren Amphitheater.
Der Marschall Ney gibt Befehl, die Waffen schußfertig zu machen.
In demselben Augenblick sieht man einen Offizier gerade auf die Franzosen zukommen. Er ist in einen Mantel gehüllt und daher in der Ferne an seiner Uniform nicht zuerkennen. Es ist aller Wahrscheinlichkeit nach ein Parlamentär.
Man wartet. Fünfzig Schritte von den vordersten Reihen schwenkt er seinen Hut . . . es ist nicht nur ein Parlamentär, sondern ein Franzose.
Während das Wort: »ein Franzose! . . . ein Franzose!« schnell die Reihen durchläuft, treibt der Jägeroffizier, der die auf dem gestern berührten Schlachtfelde Gefallenen als Soldaten des Prinzen Eugen erkannt hat, sein Pferd an, steigt rasch ab und sinkt dem Parlamentär in die Arme.
Die beiden Offiziere wechseln einige Worte.
»Paul! . . . Ludwig! . . . Lieber Bruder!«
Beide haben einander unter den Todten gesucht, umso größer ist nun ihre Freude, daß sie sich lebend wiederfinden.
Unterdessen haben sich die voranreitenden Generale genähert, und der Parlamentär wird mit Fragen bestürmt. Der junge Offizier, der von den Höhen herabgekommen ist, erklärt nun den Zweck seiner Sendung. Er ist Capitän und Ordonnanzoffizier des Prinzen Eugen und vor zwei Tagen in derselben Schlacht, deren Schauplatz die letzte Colonne berührt hat, in Gefangenschaft gerathen. Der alte russische Feldmarschall hat den Marschall Ney erkannt und läßt ihn nun auffordern sich zu ergeben.
»Und Sie, ein Franzose, haben diese Botschaft übernommen?« sagte Ney zu dem jungen Offizier.
»Lassen Sie mich ausreden, Herr Marschall,« erwiederte der letztere. »Ich will zuerst die Worte des russischen Feldmarschalls wiederholen und dann die meinigen hinzufügen. Er würde es nicht wagen, sagte er, einem so großen Heerführer und berühmten Krieger einen so verletzenden Antrag zu machen, wenn ihm noch ein Rettungsmittel übrigbliebe; aber es stehen achtzigtausend Russen mit hundert Kanonen vor ihm, und er hat einen französischen Offizier an ihn abgeschickt, weil er in dessen Wort vielleicht mehr Vertrauen setzt als in das Wort eines russischen Offiziers.«
»Es ist gut,« erwiederte Ney; »Sie haben die Bestellung ausgerichtet, jetzt sagen Sie was Sie selbst hinzuzusetzen haben.«
»Ich setze hinzu, »Herr Marschall, daß dem Prinzen Eugen vorgestern derselbe Antrag gemacht wurde, und der Prinz antwortete mit einem Bajonnetangriff seiner sechstausend Mann gegen achtzigtausend Russen.«
»Das läßt sich hören,« sagte Ney; »jetzt fangen Sie an französisch zu sprechen.«
»Wenn wir mit Miloradowitsch zu thun hätten, so würde ich sagen: wir sind verloren, wir wollen mit einander sterben; aber wir haben gegen Kutusow zu kämpfen, wir werden ein Drittheil, vielleicht die Hälfte unserer Leute verlieren, aber wir werden entkommen.«
»Es ist gut,« erwiderte Ney; »gehen Sie wieder hinüber und sagen Sie dem Feldmarschall, was Sie ihm gleich hätten sagen sollen: ein Marschall von Frankreich weiß zu sterben, aber nicht sich zu ergeben!«
»Ich habe es ihm gesagt,« antwortete der junge Offizier gelassen. – Dann wandte er sich zu seinem Bruder:«
»Paul gib mir irgend eine Waffe, womit ich mich mitten im Getümmel meiner Hüter entledigen und den Weg zur Flucht bahnen kann.«
Der Jägeroffizier zog unter seinem Bärenfell einen langen damascirten Dolch hervor und reichte ihn seinem Bruder.
»Hier, nimm diesen Dolch,« sagte er, »ich erwarte Dich.«
Der junge Ordonnanzoffizier salutirte und begab sich wieder zu den Russen.
Der Marschall Ney benutzte diese kurze Frist, um alle seine Leute zu versammeln. Auf der einen Seite standen achtzigtausend Russen in vollzähligen Reihen, mit prächtiger Reiterei, mit furchtbarer Artillerie und in einer höchst vortheilhaften Stellung; – auf der andern sechstausend Soldaten von allen Waffengattungen, von Kälte und Hunger ermattet in der Schneewüste umherirrend . . . Und diese sechstausend Mann sollen jene achtzigtausend angreifen!
Ney gibt das Zeichen. – Das Vordertreffen bilden fünfzehnhundert Soldaten, die von der Division Ricard übriggeblieben sind. Der General Ricard soll mit seiner Handvoll Leute angreifen und den Menschenwall durchbrechen. In diese Bresche will Ney mit den übrigen Trümmern seines Armeecorps dringen.
Sobald Ricard gegen die Russen verrückt, beginnen die zuvor kalten und lautlosen Hügel zu donnern und Feuer zu speien, wie Vulkane. Der General erklimmt mit seinen fünfzehnhundert Mann den Hügel, den er vor sich hat. Die kleine Schaar findet einen Hohlweg, arbeitet sich durch den tiefen Schnee, und wird von den russischen Linientruppen zurückgeworfen. Aber Ney ist schon mitten unter ihnen, er sammelt sie wieder und dringt an ihrer Spitze vor, nachdem er vierhundert Illyriern, unter denen sich der Jägeroffizier befindet, den Befehl gegeben der feindlichen Armee in die Flanke zu fallen.
Das scheint Tollkühnheit, fast Wahnsinn! Vierhundert Mann fallen einem Heere von achtzigtausend in die Flanke, ein Mann gegen zweihundertfünfzig! . . . Es war wirklich so, und es war nicht beispiellos in jenen abenteuerlichen Kriegen. Mit seinen dreitausend Mann erstürmt Ney die lebende Citadelle, und mit seinen vierhundert Illyriern fällt der Capitän Paul Richard der russischen Armee in die Flanke.
Ney hat seine Soldaten nicht angesprochen, er hat kein Wort gesagt; er hat sich an ihre Spitze gestellt und ist vorgedrungen. Alle sind ihm gefolgt.
Die erste Linie wird mit dem Bajonnet angegriffen und zurückgeworfen; die zweite steht zweihundert Schritte zurück.
»Vorwärts!« ruft Ney.
Aber bevor man diese zweite Linie erreichen kann,schleudern dreißig Kanonen von beiden Seiten den Tod in die Reihen der Anstürmenden; die Colonne, in drei Stücke zerrissen, wie eine Schlange, wankt und weicht, ihren Marschall mit sich fortreißend, gegen den Hohlweg zurück. Man hatte das Unmögliche versucht.
»Zurück, im gewöhnlichen Schritt!« ruft der Marschall.
»Hört Ihr wohl, Soldaten: im gewöhnlichen Schritt!« ruft der General Ricard; »der Marschall sagt: im gewöhnlichen Schritt!«
Die Soldaten ziehen sich im gewöhnlichen Schritt zurück, marschiren durch den mit Schnee gefüllten Hohlweg, und kommen wieder an die Stelle, wo sie ursprünglich gestanden. Aber von den fünftausend Mann, die den Angriff gemacht, sind nur zweitausend zurückgekommen. Die vierhundert Illyrier hingegen kommen zahlreicher, als sie fortgezogen waren, den Hügel wieder herab; sie haben eine fünftausend Mann starke russische Colonne mit dreihundert Gefangenen – Franzosen, Deutschen, Polen – auf der Höhe angetroffen. Das Häuflein hat die Colonne angegriffen; jeder Gefangene hat einen Russen ergriffen, und nach seinem Kampfe von wenigen Minuten ist die Colonne zurückgewichen, die Gefangenen sind befreit worden, und die beiden Brüder haben sich wieder gefunden.
Die kleine Schaar sieht nun, wie sich die zweitausend Mann des Marschalls unter dem Feuer der Geschütze zurückziehen und wieder in Reihe und Glied stellen. Der Capitän Richard gibt Befehl, sich mit der Colonne zu vereinigen. – Was wollen die braven Krieger thun? Quarré formieren und sterben!
Aber die Gefangenen kommen an. Sie kennen den alten Feldmarschall Kutusow. Er hat Napoleon und Eugen durchgelassen, und wird auch Ney durchlassen. Man braucht nur einen Umweg zu machen. Kutusow wird den Feind nicht verfolgen; er verläßt sich auf den russischen Winter. Der Winter ist nach seiner Meinung ein rascherer, gefährlicherer Feind als die Kanonenkugel. Der Winter, sagt er, ist mein Obergeneral, ich bin nur sein Unterbefehlshaber.
In diesem Augenblicke fängt es wieder an zu schneien der Rückzug ist im Schneegestöber leichter auszuführen.
Ney besinnt sich eine kleine Weile und gibt Befehl, sich wieder gegen Smolensk zurückzuziehen.
Alle hören den Befehl schweigend an. Man soll also wieder gegen Norden marschiren und Napoleon den Rücken kehren!
»Gegen Smolensk, und im gewöhnlichen Schritt!« wiederholt Ney.
Seine Soldaten merken nun, daß der Marschall einen Plan hat; wahrscheinlich will er die Colonne retten.
Man setzt sich unter dem Kartätschenhagel von fünfzig Geschützen in Marsch; aber der Feind schickt ihnen nur Kartätschen nach. Die Prophezeiung der Gefangenen geht in Erfüllung. Kutusow, der nordische Fabius, ist auf dem Hügel geblieben Ein einziges russisches Corps durfte nur in die Ebene rücken und angreifen, und Ney war mit seiner kleinen Schaar verloren. Aber der Obergeneral gab keinen Befehl dazu, und die ganze Armee blieb in ihrer Stellung.
Inzwischen donnerten die Geschütze immer fort; der Kartätschenhagel fiel fast eben so dicht wie der Schnee, der die Artilleristen zwang, aufs Gerathewohl zu zielen. Die zum Tode Getroffenen fielen und blieben im Schnee liegen; die Verwundeten fielen auch, standen wieder auf, schleppten sich eine Weile fort, sanken von Neuem nieder, machten wieder einen Versuch sich aufzurichten, aber nach und nach machte es der Schnee mit ihnen wie er es mit den Todten gemacht hatte: er bedeckte sie mit dem unermeßlich großen Leichentuche, das der russische Winter wob, um den Hochmuth Frankreichs zu begraben.
Hier und da entstanden auf der Landstraße kleine Erhöhungen, die anfangs stark geröthet, nach und nach ganz weiß wurden. Diese Erhöhungen waren die Todten, welche die Armee zurückließ.
So gings im dichten Schneegestöber weiter. Plötzlich stieß man auf eine dichte, dunkle Masse. Es war eine russissche Colonne.
»Halt! wer sevd Ihr?« rief der General, der diese Colonne befehligte.
»Feuer!« sagte der Marschall.,
»Still!« sagte ein Pole, den man eben aus der Gefangenschaft befreit hatte.
Dann trat er vor und sagte in russischer Sprache: »Erkennet Ihr uns denn nicht? Wir sind von Uwarow’s Corps; wir umgehen die Franzosen, die in der Schlucht gefangen sind.«
Der russische General begnügte sich mit dieser Antwort und ließ die französische Colonne durch; so dicht war das Schneegestöber und so groß die durch den Kartätschenhagel verursachte Verwirrung. Die Franzosen machten erst zwei Meilen von da auf dem Schlachtfelde des Prinzen Eugen Halt.
Sie waren nun außer der Schußweite der russischen Kanonen und außer dem Gesichtskreise des Feldmarschalls.
XIV.
Das Bekenntnis
Unter den zurückgebliebenen Verwundeten war der Capitän Paul Richard. Eine Kartätschenkugel hatte ihm den Oberschenkel zerschmettert und zugleich sein Pferd getödtet.
Mitten in der heillosen Verwirrung war er gefallen, ohne daß es sein Bruder bemerkte; aber eben so wie Paul sich von Minute zu Minute nach Ludwig umsah, suchten Ludwigs Blicke Paul.
Ludwig bemerkte, daß sein Bruder nicht mehr da war. Er erkundigte sich, ein Deutscher hatte ihn mit seinem Pferdefallen sehen.
Ludwig Richard war zu Fuß; er eilte zurück und rief Paul.
Eine Stimme antwortete ihm mitten in dem dichten Schneegestöber. Er ging der Stimme nach; es begann sich bereits eine Erhöhung zu bilden, Roß und Reiter waren mit Schnee bedeckt.
Paul lag mit einem Bein unter dem Pferde, und da er sich mit dem andern zerschmetterten Beine nicht helfen konnte, so erwartete er ruhig den Tod, als er plötzlich die Stimme seines Bruders hörte.
Ludwig hob mit unerhörter Anstrengung das todte Pferd auf und machte das Bein seines Bruders los. Dann zog er den Verwundeten an sich, nahm ihn in seine Arme wie ein Kind und versuchte ihn fortzutragen. Aber sein Bruder machte ihm begreiflich, daß es unmöglich sey, der Colonne in dieser Weise zu folgen.
Er lehnte den Verwundeten mit dem Rücken an das todte Pferd und eilte wieder zu seinen Cameraden
Paul zog seine Pistolen aus den Sattelholftern und machte sich bereit, die ersten beiden Kosaken, die sich ihm nähern würden, niederzuschießen.
Ludwig erreichte die Colonne, welche von der russischen Artillerie immer noch mit Kartätschen beschossen wurde, und mischte sieh unter die Reiter, deren noch etwa hundertfünfzig waren. Sobald einer getroffen wurde und die Zügel losließ, sprang Ludwig Richard, der darauf gewartet hatte, rasch herbei, ergriff die Zügel des nunmehr herrenlosen Pferdes, warf den Todten herunter, schwang sich in den Sattel und kehrte zum zweiten Male um.
Es schneite so stark, daß die Gefallenen schon ganz mit Schnee bedeckt waren. Ludwig hielt von Zeit zu Zeit an und rief; er hatte sich einen hohen Fichtenbaum gemerkt, um denselben als Wegweiser zu benutzen, aber die Schneeflocken bildeten vor seinen Augen ein so dichtes Netz, daß man auf zehn Schritte Entfernung nichts mehr unterscheiden konnte. Er rief so laut als er konnte. Zum zweiten Male antwortete ihm eine Stimme.
Er ritt der Stimme nach. Die russische Artillerie feuerte noch, aber das Elend war so entsetzlich, die Kälte so stark, daß man die Kartätschen gar nicht mehr beachtete. Wer auf der Stelle todt blieb, war am glücklichsten. Man fürchtete nur den Schnee, die Kälte und die Wölfe, die aus den Wäldern hervorkamen und die halbtodten Verwundeten fraßen.
Die beiden Brüder, die einander beständig zuriefen,fanden sich endlich wieder. Ludwig nahm Paul wieder auf den Arm und setzte ihn aufs Pferd.
Der Capitän ließ keine Klage laut werden; er fühlte vielleicht seine Wunde nicht, oder er wußte sich zu bezwingen.
Ludwig Richard nahm das Pferd am Zügel, Paul hielt sich am Sattelknopf, und so gings fort, der Colonne nach.
Wie in dem Feenmärchen die Kieselsteine armen Kindern den Weg zeigen, so war die Spur der Colonne etwa noch eine halbe Stunde an den zurückgebliebenen Todten, oder vielmehr an den mit Schnee bedeckten und vom Blut gerötheten Erhöhungen zu erkennen. Nach der ersten halben Stunde waren nur noch Blutspuren zu sehen; diese kamen von den Verwundeten, die noch Kraft genug hatten, der Colonne zu folgen. – Endlich verschwand auch das Blut unter der Schneedecke.
Man war nun außer dem Bereich der russischen Kanonen, und mußte auf’s Gerathewohl durch die Schneewüste ziehen. Nach zwei Stunden begann das Pferd, das seit Smolensk nichts gefressen hatte, bei jedem Schritte zu wanken. Dann sank es nieder. Ludwig trieb es mit Schlägen zwei- oder dreimal wieder an; aber am Ende halfen die Schläge nichts mehr, das erschöpfte Thier sank zum letzten Male nieder, um nicht wieder aufzustehen.
Paul Richard bat nun seinen Bruder inständig, ihn zu verlassen. Ludwig war nicht verwundet, er war in einen guten Mantel gehüllt und konnte auch noch den Bärenpelz seines Bruders nehmen; er konnte die Colonne bald einholen und sich mit ihr retten, vorausgesetzt, daß es ihr gelang aus dieser Schneewüste zu entkommen.
Aber Ludwig Richard zuckte die Achseln. »Bruder,« sagte er, »Du siehst wohl, daß der Marschall einen falschen Marsch macht: er will der Armee Kutusow’s Zeit zum Abmarsch lassen, dann kehrt er um, wendet sich gegen den Dnieper und vereinigt sich zu Lida oder Orscha mit der französischen Armee.«
Paul schüttelte nun ebenfalls den Kopf. »Wann wird die Colonne umkehren?« fragte er.
»In dieser Nacht oder spätestens morgen Früh,« antwortete Ludwig, der seiner Sache vollkommen gewiß zu seyn schien.
»Dann wollen wir einen Vertrag abschließen . . .«
»Was meinst Du?s
»Gibst Du mir dein Ehrenwort, daß Du ihn halten willst?«
»Rede.«
»Ich will deine Hilfe bis morgen Früh annehmen . . .« aber wenn der Tag anbricht und die Colonne nicht hier ist, mußt Du mich verlassen . . .«
»Das wird sich finden.«
»Morgen Früh, sobald der Tag anbricht, mußt Du mich verlassen!«
»Gut, ich will Dir den Willen thun,« antwortete Ludwig, um seinen Bruder zu beschwichtigen. »Es bleibt bei der Abrede.«
»Deine Hand!«
»Hier ist sie.«
»Bis morgen Früh kannst Du mit mir machen was Du willst.«
Ludwig Richard sah sich nach allen Seiten um. Das Corps des Prinzen Eugen hatte hier aller Wahrscheinlichkeit nach bivouaquirt; eine einzige Hütte stand noch in dieser Schneewüste. wahrscheinlich hatte der Vicekönig darin übernachtet.
Ludwig trug seinen Bruder in die Hütte, lehnte ihn an die Wand und entfernte sich wieder, um Holz zu holen.
Hier und da ragten einzelne Tannen, Gespenstern gleich, aus der öden Schneefläche hervor. Einige dieser Bäume waren von den Kanonenkugeln zersplittert. Ludwig sammelte einen tüchtigen Arm voll Holz und trug es in die Hütte. In einem Winkel fand sich etwas Stroh, das er aufraffte.
Paul Richard errieth seine Absicht und reichte ihm eine seiner Pistolen, um Feuer zu machen. Aber Ludwig rieth ihm, sie zu behalten: es war im äußersten Nothfall ein Schutzmittel gegen die Wölfe, die ihnen vielleicht einen Nachtbesuch machen würden, und gegen die Kosaken, die am folgenden Tage zu erwarten waren.
Er ging zu dem im Schnee liegenden Pferde, durchsuchte die Sattelhalfter und fand darin nicht nur ein Paar Pistolen, sondern auch einen Beutel mit Pulver und Kugeln. Er erschien ganz erfreut wieder in der Hütte. Der Verwundete sah ihn mit inniger Zärtlichkeit an. Um seinen Bruder zu beruhigen, stellte sich Ludwig heiter.
Er schüttelte den Schnee von den harzigen Aesten, schichtete diese mitten in der Hütte, den Rest in einem Winkel auf, schob alles Stroh, das er zusammenraffen konnte, unter das Holz, suchte in allen seinen Taschen, fand ein Stück Papier, wickelte in dasselbe eine Ladung Pulver, zog mit dem Kugelzieher den Schuß aus einer Pistole, hielt den Lauf an das in dem Papiere befindliche Pulver, drückte ab und entzündete das Pulver. Das Papier fing an zu brennen. Ludwig blies, und bald entzündete sich auch das Stroh mit den Tannenzweigen.
Fünf Minuten nachher stand der ganze Holzhaufen in hellen Flammen; man brauchte das Feuer nur zu unterhalten.:
»Was werden wir jetzt essen?« fragte Paul.
»Warte nur,« sagte Ludwig.
Er ging wieder zu dem gefallenen Pferde, um mit dem Dolche, den ihm sein Bruder gegeben und dessen er sich zu seiner Befreiung mit so gutem Erfolge bedient hatte, ein Stück Pferdefleisch abzuschneiden. Aber das arme Thier war noch nicht todt; es schien zu ahnen was ihm bevorstand, stand mit großer Anstrengung auf, schleppte sich in die Hütte und begann an den Tannenzweigen zu nagen.
Ludwig hatte nicht den Muth das Pferd zu tödten; Paul wollte es auch nicht zugeben, denn es konnte am andern Morgen nützliche Dienste leisten, wenn es wieder einige Kraft bekam. Ludwig ließ seinem Bruder eine Feldflasche, in der noch einige Tropfen Branntwein waren, und ging auf Entdeckungen aus.
Er fand einen kleinen Lärchenbaum, dessen Zweige nicht so bitter sind. wie die der Tanne, hieb den ganzen Baum ab und schleppte ihn zu der Hütte. Die dünnen Reiser wurden als Pferdefutter benützt, die Aeste und der Stamm bei Seite gelegt, um das Feuer zu unterhalten.
Die Nacht brach an.
»Was werden wir essen?« fragte Paul noch einmal.
»Warte nur,« erwiederte Ludwig, »ich habe meinen Plan.«
Plötzlich hörte man auf mehren Seiten die Wölfe heulen.
»Höre!« sagte Ludwig, »unser Abendessen kommt schon, wir brauchen es nicht zu holen.«
Bald zeigten sich dunkle Gegenstände auf der Schneefläche, und wer sie genauer betrachtete, konnte an jedem dieser bald still stehenden, bald sich bewegenden Schatten in der Dunkelheit ein paar glühende Augen bemerken.
»Ich weiß was Du meinst,« sagte Paul: »Du wirst den ersten erlegen, der in die Nähe der Hütte kommt.«
»Du hast Recht, Bruder.«
»Nimm meine Pistolen . . . es sind Pistolen von Versailles, sie sind besser als die deinigen.«
»Nein, die Kosaken sind vielleicht in der Nähe; sie würden den Schuß hören und hierher kommen.«
»Was willst Du denn thun?«
Ludwig hüllte seinen linken Arm in die Schabrake des Pferdes, welches sich, nachdem es die zarten Reiser des Lärchenbaumes abgefressen, in einem Winkel der Hütte niedergelegt hatte; dann nahm er den langen Dolch in die rechte Hand, ließ sich sein Schnupftuch um das Handgelenk binden und stellte sich an einen nahen Baum.
Er stand kaum fünf Minuten auf seinem Posten, so schlich ein Wolf, der ihn gewittert hatte, heran, blieb einige Schritte von ihm stehen und glotzte ihn mit seinen glühenden Augen an.
Ludwig Richard ging gerade auf ihn los. Der Wolf wich zurück, aber nur langsam, ohne zu fliehen und jeden Augenblick bereit, ihn anzufallen, sobald er einen Fehltritt machen würde.
Ludwig ging immer vorwärts, der Wolf wich immer zurück. Plötzlich sank der junge Offizier in den Schnee, den der leichte Fuß des Wolfes nicht eingedrückt hatte. Zugleich fühlte er eine schwere Last auf dem Kopfe und den Biß scharfer Zähne in der Schulter. Er hob instinctmäßig die mit dem Dolch bewaffnete Hand, und augenblicklich fühlte er warmes Blut über sein Gesicht stießen: er hatte dem Wolf den langen Dolch bis an den Griff in die Brust gestoßen.Der Wolf ließ ihn sogleich los und wollte fliehen, aber er hatte sich kaum zehn Schritte entfernt, so fiel er nieder.
Ludwig Richard war in einen mit Windeis bedeckten Bach gefallen und stand bis an die Knie im Wasser. Mit einiger Mühe gelang es ihm, die Böschung zu erklimmen. Er sah sich nach allen Seiten um: der Wolf rang zehn Schritte von ihm mit dem Tode. Er ging auf die wilde Bestie zu, faßte sie bei den Hinterfüßen und schleppte sie zur Hütte.
»Hier,« sagte er zu seinem harrenden Bruder, »hier ist ein Braten, wie ihn mehr als ein Prinz, wie ihn mehr als ein Marschall von Frankreich nicht zum Abendessen hat.«
»Aber Du bist ja ganz mit Blut bedeckt. . .«
»Es hat nichts zu bedeuten, es ist Wolfsblut.«
Es war auch etwas von seinem Blute dabei, aber er sagte nichts davon.
Er weidete den Wolf aus und zerlegte ihn; zum Glück waren die Wölfe seit dem Rückzuge der Armee sehr fett geworden.
Er zog eine Schicht Kohlen aus dem Feuer, legte das blutige Fleisch darauf und sagte frohlockend:
»Nun was sagst Du zu dem Braten?«
»Ich sage,« antwortete der Verwundete, »daß mir ein Glas Wasser lieber wäre.«
»Du sollst nach Wunsch bedient werden, Bruder,« sagte Ludwig.
Er machte aus dem Sattel des Pferdes einen Pistolenholfter los, warf einige bleierne Kugeln hinein, faßte sie beiden Riemen, ging nach dem Bach und schöpfte Wasser heraus.
Eine Schaar Wölfe verfolgte ihn; er wäre verloren gewesen, wenn er einen Fehltritt gemacht hätte. Der Rostbraten, dessen Duft sich weit verbreitete, hatte die Bestien herbeigelockt.
Ludwig kam glücklich wieder in die Hütte und reichte seinem Bruder den Labetrunk. Der Verwundete leerte den Pistolenholfter auf einen Zug, wie ein gewöhnliches Glas.
Ludwig ging noch einmal zu dem Bach, aber dieses Mal nahm er ein brennendes Stück Holz in die linke Hand; einige der heulenden Räuber waren ihm auf dem Rückwege so nahe gekommen, daß er diese Vorsicht anwenden zu müssen glaubte. Der Feuerbrand hielt sie in gehöriger Entfernung.
Wie das erste Mal kam Ludwig Richard unversehrt in die Hütte zurück. Die Wölfe waren nicht zu fürchten, solange das Feuer brannte, und Ludwig Richard hatte genug Holz aufgehäuft, um das Feuer bis zum andern Morgen zu unterhalten.
Nachdem der Sattelholfter wieder mit Wasser gefüllt und das Brennmaterial wieder herbeigeschafft war, legte er sich neben seinem Bruder nieder, und stach mit der Dolchspitze in den Wolfsbraten. Das Fleisch schien ihm weich genug, und er begann es mit demselben Appetit zu verschlingen, als ob es Beefsteak, in dem ersten Londoner Hotel bereitet, gewesen wäre.
Paul sah ihm mit traurigen Blicken zu.
»Willst Du nicht essen?« fragte ihn Ludwig.
»Nein,« antwortete er, »ich habe nur Durst.«
»So trink,« sagte der junge Offizier, und reichte ihm den Sattelholfter.
Der Verwundete nahm das Trinkgesäß und trank begierig einige Züge.
»Trink nur aus,« sagte sein Bruder; »die Quelle ist nicht weit von hier.«
»Nein, ich danke,« antwortete Paul; »ich habe überdies mit Dir zu reden.«
Ludwig sah seinen Bruder an.
»Ja, Bruder,« setzte der Verwundete hinzu, »und etwas Wichtiges . . .«
»So rede.« sagte Ludwig.
»Es ist möglich, Bruder, daß Du Dich in deiner Hoffnung, die Colonne morgen hier vorüberziehen zu sehen, getäuscht hast . . .«
»Sie kann nicht anders,« entgegnete Ludwig, »sie muß umkehren!«
»Aber angenommen, sie kehre nicht um . . .«
»Das ist ganz unmöglich,« erwiederte Ludwig.
»Aber ich halte es für möglich,« sagte Paul, »oder vielmehr . . . um Dir nicht geradezu zu widersprechen, ich will den Fall setzen. . .«
»Was willst Du damit sagen?« erwiederte Ludwig, der seinen Bruder besorgt ansah.
»Wenn die Colonne morgen Früh nicht zurück ist, so wirst Du sie aufsuchen?«
»Hm!« sagte Ludwig mit einer Miene, welche bedeutete: das weiß ich noch nicht.
»Es bleibt dabei, Bruder,« fuhr der Verwundete fort; »wir werden überdies morgen Früh darüber reden.«
»Gut.«
»Du hast mehr Hoffnung, Frankreich wieder zu sehen, als ich . . . ich will Dir daher ein Bekenntniß ablegen.«
»Ein Bekenntniß?«
»Ja . . .höre nur, Bruder,« Ich habe eine schlechte That auf dem Gewissen.«
»Du? das ist nicht möglich!«
»Aber es ist doch so. . . und ich will vor meinem Ende wenigstens . . .«
»Vor deinem Ende!« unterbrach ihn Ludwig.
»Nun ja, wenn ich sterben muß, will ich wenigstens mit ruhigem Gewissen scheiden . . . Du mußt mir versprechen, diese schlechte That wieder gut zu machen.«
»Rede, Bruder was ein Mann für den andern thun kann, werde ich thun.«
»Höre mich an, Bruder. Ja Deutschland lebt ein junges Mädchen, die Tochter eines protestantischen Geistlichen; er war Pastor in Abensberg . . . Du weißt, in dem Dorfe, wo auf den Kaiser geschossen wurde?«
»Ja, nur weiter.«
»Sie heißt Margarethe Blum. . . ich habe sie entehrt!«
»Du . . .«
»Ich habe es Dir gesagt, Bruder, es ist mehr als eine schlechte That, es ist ein Verbrechen . . . Ich weiß nicht wie es kommt, ich denke oft an sie; ich dachte an sie, als ich von der Kartätschenkugel getroffen wurde. Es ist eine Strafe des Himmels, dachte ich, als ich niedersank . . .«
»Bruder! . . .«
»Ich hätte Dich gern gerufen, um Dir mit wenigen Worten zu sagen, was ich Dir jetzt ausführlich erzähle; aber ich dachte, Du könntest deinen Untergang bei mir finden, und schwieg.«
»Aber ich vermißte Dich sogleich . . .«
»Und Du kehrtest um, lieber Bruder, um mir beizustehen . . . Ich danke Dir nicht, Ludwig; was Du für mich gethan hast, ich würde es auch für Dich gethan haben. Aber ich betrachtete deine Rückkehr als eine Gnade des Himmels, der mir vielleicht gestattet, mein Unrecht wieder gut zu machen. Dieses Mädchen, das ich, trunken von Pulverrauch und Zorn, entehrte, dessen Ohnmacht ich zur Befriedigung meiner ungestümen Leidenschaft benutzte, war verlobt! Denke Dir, mit wem? mit Friedrich Staps, der den Kaiser in Schönbrunn ermorden wollte!«
»Mit Staps!«
»Die Sache gleicht einem Roman. Höre nur weiter. Dieser Friedrich Staps hatte mich in einer Illuminatenversammlung gesehen. Ich habe nicht Zeit, Dir zu erzählen, wie er mich ersuchen ließ, ihn vor seiner Hinrichtung im Gefängniß zu besuchen. Ich begab mich zu ihm; er bat mich, ihn auf seinem Todesgange zu begleiten, und sobald er gefallen,ein Medallion von seiner Brust zu nehmen und ein Papier zu lesen, daß er in seine rechte Hand nehmen würde. Dieses Papier sollte ich dem Obersten übergeben, der in dem Kriegsgericht, welches Staps zum Tode verurtheilt, den Vorsitz geführt hatte. Ich versprach Alles: ich begleitete ihn zum Hinrichtungsplatz, er sank von sechs oder acht Kugeln getroffen zu Boden.«
»Und Du nahmst das Porträt?«
»Ja, ich nahm das Porträt und las den Zettel . . . das Porträt erkannte ich auf den ersten Blick, es war Margarethe Blum!«
»O, mein Gott!«
»Warte nur; auf dem Papier standen vier Worte: »Ich begnadige ihn. Napoleon.«
»Bruder! . . .«
»Es wird Dir jetzt Alles klar seyn: er wollte von der Begnadigung keinen Gebrauch machen. Was hätte sie ihm auch genützt? Seine Braut war von einem Elenden entehrt worden . . . und dieser Elende bin ich!«
»Paul! . . .«
»Ja, Bruder, ich bin’s,« wiederholte Paul. »Jetzt wirst Du mich verstehen. Wenn ich sterbe, bist Du mein Erbe. Wir haben jeder ein Vermögen von etwa zweihunderttausend Franken; ich sage also: Bruder, ich habe es nicht gewagt, das Mädchen wiederzusehen, aber Du wirst, wenn Du glücklich in die Heimat kommst, nach Deutschland reisen, nicht wahr?«
»Ja, Bruder.«
»Du wirst Margarethe Blum aufsuchen . . Merke Dir, ihr Vater war Pastor in Abensberg . . . Wenn Du sie gefunden hast, so sage ihr was geschehen ist, wie Gott mich gestraft hat . . . wie ich Dir in einer entlegenen Hütte unter dem Geheul der Wölfe und dem Hurrahruf der Kosaken dieses schmachvolle Abenteuer erzählt; wie Du mir versprochen, mein Unrecht wieder gut zu machen, so weit es nemlich wieder gut zu machen ist. Mit einem Worte: Du schenkst ihr mein ganzes Vermögen . . »Hier ist ihr Porträt, an welchem Du sie erkennen kannst.«
Er zog das Medaillon, das er, wie vormals Staps, an einer Haarkette auf der Brust trug.
Ludwig Richard wand sich die Haarkette um den Hals und erneuerte sein Versprechen, den Wunsch seines Bruders zu erfüllen.
»Jetzt schlafe, wenn Du kannst,« setzte er hinzu; »Du brauchst morgen deine Kräfte.
»Wie kann ich schlafen?« erwiederte der Verwundete.
»Versuch’s wenigstens . . . ich will’s auch versuchen.«
Ludwig stand auf und warf einen Arm voll Tannen- und Lärchenholz auf das beinahe erloschene Feuer. Dann ergriff er einen Feuerbrand und schleuderte ihn mitten unter die Wölfe, die durch den Geruch des Rostbratens herbeigelockt, aber durch das Feuer zurückgeschreckt, einen Halbkreis um die Hütte bildeten, während andere sogar bis an die Bretterwand gekommen waren.
Die durch den Feuerbrand erschreckten Wölfe liefen heulend davon.
Das Feuer brannte lichterloh. Ludwig Richard hüllte sich in seinen Mantel und legte sich in der Absicht, nicht einzuschlafen, neben seinem Bruder nieder. Aber nach einer Viertelstunde machte sich das in der Jugend so dringende Bedürfniß des Schlafes geltend; die ihn umgebenden Gegenstände wurden so undeutlich und verworren wie seine Gedanken Alles begann zu verschwimmen und bald sah und dachte er gar nichts mehr; – er schlief.
Als der Tag anbrach, wurde er durch den Druck einer Hand geweckt. Paul rüttelte ihn aus dem Schlafe.
»Bruder,« sagte der Verwundete, »ich habe Durst.«
Ludwig rieb sich die Augen, besann sich einige Augenblicke, nahm den Pistolenholfter, der ihm als Trinkgeschirr diente, und ging zur Quelle.
Kaum war er aus der Hütte getreten, so hörte er hinter sich einen Knall.
Er eilte, von einer trüben Ahnung ergriffen, in die Hütte zurück . . . Paul hatte sich erschossen!
Er hatte für sich keinen Ausweg, keine Rettung gesehen und wollte der Flucht seines Bruders wenigstens kein Hinderniß in den Weg legen.
Zweiter Theil
I.
Der Dniepr
Ludwig Richard hatte sich in seinen Vermuthungen nicht getäuscht: Ney hatte sich nordwärts gewendet, um den Russen zu entschlüpfen. Ohne die oben erzählten Vorgänge zu beachten, den Kopf abwendend, um die zum Tode Getroffenen nicht fallen zu sehen, die Ohren zuhaltend, um das Wehklagen der Verwundeten nicht zu hören, marschirte der Marschall gerade fort; er kümmern sich weniger um den Kartätschenhagel als um das Schneegestöber, welches ihm die Spuren entzog, an denen er den Weg hätte erkennen können.
Er marschirte drei Stunden, dann machte er Halt. – Man rastete in einem verlassenen Dorfe; alle Dörfer waren verödet, denn es waren schon zwei, vielleicht drei Armeen vorübergezogen. In den Häusern waren weder Thüren noch Fenster, Alles was zu verbrennen war, hatten die ersten Heerhaufen verbrannt.
Dort läßt er seine Feuer anzünden; aber vor Tagesanbruch und während die Feuer noch brennen, will er abmarschiren. Der Dniepr muß vor ihm fließen, aber vor ihm stehen die Russen; er will sich rechts nach Osten wenden und dann eine Schwenkung nach Süden machen; er wird dann den Fluß finden.
Gegen neun Uhr hört man Kanonendonner; ist es ein Armeecorps, das ihn auf Napoleons Befehl sucht? Nein, die Geschützsalven folgen zu regelmäßig, es müssen die Russen seyn, die ihre Triumphe im Lager feiern.
Ohne Fahrzeuge, ohne Brückenequipagen, muß der Marschall Ney mit den Trümmern seines Heeres aus der Landstraße fortmarschiren und diese Landstraße ist von 80,000 Mann gesperrt. Er kann ihnen also nicht entwischen. Die Geschützsalven verkünden die Gefangennahme Ney’s.
Der Marschall erklärt dies seinen Soldaten. – »Wir müssen die Russen zu Lügnern machen,« setzte er hinzu; »morgen vor Tagesanbruch marschiren wir und morgen vor Einbruch der Nacht werden wir uns mit der Armee vereinigen.«
Die Nacht war leidlicher als unter freiem Himmel, obgleich Fenster und Thüren zerschlagen waren; die verödete zerstörten Bauernhütten boten wenigstens ein Obdach.
Um vier Uhr Morgens erhielten die Schildwachen Befehl, die Feuer wieder anzuzünden. Um fünf Uhr wurden die Soldaten von den Offizieren geweckt; es war streng verboten, die Trommeln zu rühren oder die Trompeten zu blasen.
Es dauerte beinahe eine Stunde, ehe die armen abgehetzten Soldaten völlig erwachten und marschfertig wurden. Drei- bis vierhundert waren weder durch Bitten noch durch Drohungen zum Aufstehen zu bewegen.
Das kleine Heer marschirte auf dem gestrigen Wege ab, »und hielt sich nur etwas links. Nach drei Stunden blieben die vorausmarschierenden Soldaten stehen und schienen sich zu berathen. Der Marschall eilte herbei.
»Was gibt’s?« fragte er; »was beunruhigt Euch?«
Die Soldaten deuteten auf einen nicht mehr weit entfernten rothen Punkt, von welchem eine schwarze Rauchsäule aufstieg. – War’s nicht ein Kosakenvorposten?
Ein Soldat näherte sich dein Feuer, und kam mit der Nachricht zurück, die Hütte stehe ganz allein und werde wahrscheinlich von einem Mutschik bewohnt gewesen seyn; von Rossen oder Kosaken sey in der Umgegend keine Spur zu sehen.
Man marschirte gerade aus die Hütte zu. Als die ersten Soldaten der Colonne bis auf zwanzig Schritte nahe gekommen waren, sahen sie einen Mann mit einer Pistole in jeder Hand herauskommen.
»Qui vive!« er ihnen zu.
»Ein Franzose! ein Franzose!« riefen auf einmal fünfhundert Stimmen.
Der Mann ging wieder in die Hütte.
Diese Gleichgültigkeit wußte sich keiner zu erklären. Der Franzose mußte sich verirrt haben, wie konnte er seine Landsleute, seine Brüder so kalt empfangen.
Man ging weiter und trat in die Hütte; der Bewaffnete, der herausgetreten und sogleich wieder hinein gegangen war, kniete vor einem Todten.
»Der Capitän Ludwig Richard,« sagten einige Stimmen.
»Der Verwundete, der seinen Bruder rief,« sagte der Deutsche, der Paul Richard hatte fallen sehen.
Der Marschall Ney ging in die Hütte. – Ludwig Richard erkannte ihn.
»Herr Marschall.« sagte er, »Sie suchen den Dniepr, nicht wahr?«
»Ja,« antwortete Ney.
»Ich will Sie führen,« erwiederte der junge Offizier; »lassen Sie nur meinen Bruder begraben.«
»Eben so brave Soldaten,« sagte der Marschall, »sind ohne Begräbniß geblieben; es würde zu viel Zeit kosten, indem harten Boden ein Grab zu machen, und die Zeit ist kostbar.«
»Herr Marschall, ich habe diese Nacht gesehen, wie die Todten von den Wölfen gefressen wurden, und ich will nicht, daß mein Bruder eine Beute der Wölfe werde. Ich verspreche Ihnen, daß Sie die verlorene Zeit wieder einbringen werden.«
»Man erkundige sich,« sagte der Marschall, »ob noch Pioniere mit Hacken und Schaufeln da sind.«
Man fand vier bis fünf Mann, die ihre Werkzeuge noch hatten.
»Die Leute, die das Grab für meinen Bruder machen, sollen ein Bärenfell und meinen Mantel haben,« sagte Ludwig Richard.
Zwei Mann legten sogleich Hand ans Werk und machten eine Art Grab. Die Leiche des Capitän Paul Richard wurde hineingelegt und mit Erde bedeckt. Vier Mann schosssen in das Grab. – Seit dem Ausmarsch aus Moskau war diese Ehre nicht einmal einem General erwiesen worden.
»Jetzt vorwärts! sagte Ludwig Richard.
Er führte den Marschall zu der Schlucht, in die er während der Nacht gefallen war und die von dem Blute des erlegten Wolfes und von dem seinigen noch ganz roth war.
»Sehen Sie, Herr Marschall,« sagte der Capitän, indem er das nach Osten fließende Wasser zeigte, »dieser Bach fließt ohne allen Zweifel dem Dniepr zu; wenn wir seinem Laufe folgen, müssen wir an den Fluß kommen.«
Dies war so wahrscheinlich, daß Niemand etwas dagegen einzuwenden hatte. Die Colonne marschirte an der Schlucht hin. – Bald erreichten sie ein Dorf, das ganz verödet war, wie alle anderen. Hinter dem Dorfe ward der Fluß sichtbar.
»Jetzt,« sagte Ludwig Richard, »fragt es sich, ob der Fluß zugefroren ist.«
»Er wird zugefroren seyn,« antwortete Ney.
Man näherte sich in aller Stille dem Ufer. – War der Dniepr zugefroren oder nicht? das war eine Lebensfrage für zweitausend Mann.
Der Fluß war zugefroren. Bis dahin war er mit Treibeis bedeckt gewesen; aber die Eisschollen hatten sich an einer starken Krümmung des Flußbettes zusammen geschoben und waren vielleicht erst in der letzten Nacht fest gefroren. Ober- und unterhalb dieser Stelle sah man noch Treibeis.
»Jetzt kommt es darauf an, ob es trägt,« sagte der Marschall. »Wer will für die Rettung von zweitausend Franzosen das Leben wagen?«
Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so lief ein Offizier an das Ufer hinab und sprang auf das Eis.
Es war der Capitän Ludwig Richard. Der tiefe Schmerz über den Tod seines Bruders hatte ihn unempfindlich gegen alle Gefahr gemacht. Er würde sein Leben auf eine Karte gesetzt haben, er hielt es daher keineswegs für ein Verdienst,es für einen solchen Zweck aufs Spiel zu setzen.
Das ganze Truppencorps hatte die Augen auf ihn gerichtet, alle schauten ihm in athemloser Spannung nach. Er gab sich nicht einmal die Mühe, einen Umweg zu machen,um die sichersten Stellen zu wählen; aber trotz seiner Sorglosigkeit erreichte er glücklich das andere Ufer. Damit noch nicht zufrieden, betrat er wieder das Eis und kehrte wieder zu der Colonne zurück.
»Herr Marschall,« sagte er, »die Infanteristen können glücklich hinüber kommen, vorausgesetzt, daß sie vorsichtig und einer nach dem andern gehen. Vielleicht werden auch einige Pferde das andere Ufer erreichen, die übrigen aber müssen zurückgelassen werden. Vor Allem aber ist die größte Eile nothwendig, denn das Eis fängt an sich aufzulösen.«
Ney sah sich um: er hatte kaum tausend Mann bei sich; die aus abgematteten, verwundeten, kranken Soldaten bestehende, von Weibern und Kindern begleitete Colonne hatte sich ausgelöst, um Lebensmittel zu suchen.
»Ich bewillige drei Stunden Rast, damit sich die Nachzügler sammeln können,« sagte Ney.
»Gehen Sie hinüber, Herr Marschall,« sagte der General Ricard; »ich werde den Uebergang leiten.«
»Ich bleibe, bis der letzte Mann hinüber ist,« antwortete der Marschall. »Aber ich will diese drei Stunden schlafen, denn ich habe in der vorigen Nacht kein Auge zugethan. Man wecke mich, wenn es Zeit ist hinüberzugehen.«
Er hüllte sich in seinen Mantel, legte sich auf den Schnee und schlief ein, wie Cäsar, Hannibal oder Alexander geschlafen haben würden, denn er hatte das starke, eiserne Temperament, die unverwüstliche Gesundheit großer Kriegshelden.
Nach drei Stunden wurde er geweckt. Alle Soldaten, die sich eingefunden hatten, waren am Ufer; aber;es war nur noch zwei Stunden Tag, um vier Uhr wurde es Nacht.
Ludwig Richard ging zuerst über das Eis und erreichte das andere Ufer eben so glücklich wie das erste Mal; aber die Ersten, die ihm folgten, erklärten, daß sie das Eis unter sich schwanken fühlten. Etwas weiterhin riefen sie, das Eis breche und sie gingen bis an die Knie im Wasser; mehr brauchten sie nicht zu sagen, denn man hörte das Eis krachen.
»Es muß Einer nach dem Andern hinüber!« rief der Marschall.
Das Gefühl der Selbsterhaltung trieb sie an, zu gehorchen. Eine lange Reihe weit von einander entfernter Soldaten ging nun über das unter ihren Füßen schwankende Eis.
Die Ersten erreichten das andere Ufer. Aber dort fanden sie eine steile, mit Glatteis bedeckte Böschung, welche sie in den Fluß zurückzutreiben schien. Man war im Begriff Altrußland zu verlassen, und Altrußland schien die Lebenden zugleich mit den Todten behalten zu wollen.
Viele glitten an dem steilen Ufer aus, fielen auf das Eis zurück und verschwanden unter der starren, halbdurchsichtigen Decke.
Der langsame, gefährliche Uebergang über den Dniepr dauerte fünf Stunden. Gegen elf Uhr Abends kam die Reihe an die Kranken, Verwundeten, Weiber und Kinder, die bis dahin in Fuhrwerken fortgeschafft worden waren. Diese Unglücklichen wollten sich nicht trennen von den Wagen, in denen sich ihre ganze Habe befand und die als Fortschaffungsmittel ihre einzige Rettung waren.
Man hatte eine etwas haltbarere Stelle gefunden, wo einige Pferde hinübergegangen waren. Der Marschall gab die Erlaubniß, daß die Fuhrwerke an dieser Stelle ebenfalls den Uebergang versuchten.
Zwei oder drei Wagen machten den Versuch. Alles ging gut, bis etwa zwei Drittheile des Flusses überschritten waren. Das Eis begann nun zu wanken und zu krachen, und lautes Geschrei erfüllte die Luft. Aber man konnte nicht umkehren; Rettung war nur bei raschem Fortschreiten möglich.
Man trieb die Pferde an. Die Pferde überwanden ihre instinctmäßige Furcht vor der schwankenden Eisdecke und gingen schnaubend weiter. Alle sahen vom Ufer mit angstvoller Spannung zu.
Plötzlich sahen sie wie die in der Dunkelheit kaum bemerkbaren Massen unschlüssig stillstanden; sie hörten ein lautes Angstgeschrei, dann leisere, abgebrochene, allmälig ersterbende Klagetöne. Endlich war Alles still.
Die Blicke, die sich erschrocken abgewandt hatten, wandten sich wieder dem Eise zu: das Eis war leer. . . Alles war verschwunden, in den Abgrund versunken! An zwei oder drei Stellen rauschte das Wasser, das war Alles!
Man mußte die kostbaren Fuhrwerke im Stich lassen und die Gegenstände wählen, die man retten wollte. Die Wahl dauerte lange das Entsetzen verlängerte sie.
Dann begannen die Weiber mit ihren Kindern, die Verwundeten und Kranken, die sich aneinander stützten, über das Eis zu ziehen wie schweigende Gespenster.
Ein Drittheil blieb im Wasser, zwei Drittheile erreichten das andere Ufer. Es war im Kleinen eine Wiederholung des entsetzlichen Uebergangs über die Beresina.
Endlich, um Mitternacht war Alles hinüber oder untergesunken. Es waren etwa noch fünfzehnhundert Mann, die im Stande waren, die Waffen zu tragen, und drei- bis viertausend Verwundete, Kranke, Weiber und Kinder. Mit den Kanonen machte man gar keinen Versuch, man warf sie ohne weiteres ins Wasser.
Der Marschall hielt Wort: er war der Letzte, der über den Dniepr ging. Auf dem andern Ufer trieb er die ganze klägliche Schaar vor sich her. Ludwig Richard eröffnete den Zug: sein tiefes Seelenleiden schien ihn gegen Ermüdung und Gefahr unempfindlich zu machen.
Als er etwa eine Viertelmeile zurückgelegt hatte, bückte er sich und untersuchte den Weg. Man hatte eine gebahnte Straße erreicht. Tiefe Geleise zeigten an, daß Kanonen und Artilleriefuhrwerke vorbeigekommen waren. Man war also einer Armee ausgewichen; man hatte mit Menschen und Elementen gekämpft, um noch zu kämpfen! . . .
Das Häuflein war erschöpft. die Hoffnung war schon weit früher verschwunden, als die Kräfte. Ney rief: »Vorwärts!« und die Truppe marschirte.
Die Fahrstraße führte zu einem Dorfe, das man überfiel. Die umherirrende Horde jubelte: man hatte Alles gefunden, was seit Moskau gefehlt hatte, Lebensmittel, warme Wohnungen, lebende Wesen.
Diese lebenden Wesen waren freilich Feinde, aber daran lag wenig, die unermeßliche Schneewüste, die Kälte, der Tod waren noch weit gefährlichere Feinde.
In dem Dorfe wurde zwei Stunden gerastet, dann setzte die Truppe, neu gestärkt, ihren abenteuerlichen Marsch fort. Sie war mitten unter Platow’s Kosaken Orscha, wo man die französische Armee wieder zu finden hoffte, war noch etwa zwanzig Meilen entfernt.
Um zehn Uhr Morgens, während in einem Dorfe – es war das dritte seit dem Uebergange über den Dniepr –gerastet wurde, sah man dunkle Tannenwälder, die mit der Truppe zu marschiren schienen, sehr lebhaft und geräuschvoll werden. Es waren Platow’s Kosaken, welche die Armee oder vielmehr die 1500 Soldaten und die 3- bis 4000 kampfunfähigen Nachzügler gewittert hatten
Ein anderes Dorf liegt am Dniepr. und in dieses zieht man sich zurück; so hat man wenigstens die linke Seite durch den Fluß gedeckt.
Mit Tagesanbruch ist die Colonne von 6 bis 8000 Mann und 25 Kanonen verfolgt worden. Warum sie nicht angegriffen hatten? Der Anführer war betrunken und nicht im Stande, seine Leute zu Commandiren, und ohne Befehl wagten sie nicht anzugreifen. Dieses Mal war das Glück den Trunkenbolden nicht günstig.
Doch der Augenblick war gekommen, man mußte kämpfen; man glaubte es wenigstens. Aber Ney kannte die Kosaken. Die Truppe war gerade beim Essen. »Soldaten,« sagte er, »beendet ruhig eure Mahlzeit, 200 wohl bewaffnete Leute sind genug.«
200 Mann, von Ludwig Richard zusammen gebracht, scharrten sich um den Marschall. Ney hatte sich nicht geirrt; mit diesen 200 Mann hielt er die 6000 Kosaken im Schach. Der Anführer hatte freilich seinen Rausch noch nicht ausgeschlafen.
Zugleich wird Befehl gegeben, unmittelbar nach beendeter Mahlzeit aufzubrechen.
Nach einer Stunde setzt sich die Colonne wieder in Bewegung. – Die Kosaken hatten vielleicht die Absicht gehabt das Dorf zu schonen, denn sobald der letzte Nachzügler die letzte Hütte hinter sich bat, werden alle Lanzen gesenkt, alle Kanonen gewendet.
Die von Kosaken umschwärmte Colonne wird auf allen Seiten angegriffen. Die Nachzügler, die Verwundeten, die Weiber und Kinder werden von Schrecken ergriffen und suchen Schutz an der Seite der Colonne, die sie beinahe in den Fluß werfen. Der Marschall Ney gibt Befehl, sie mit den Bajonneten abzuwehren. Vor den Bajonneten müssen sie anhalten; sie werden nun aus einem Hinderniß ein Schutzwall für die kampffähige Mannschaft. Die Lanzen und Geschützkugeln dringen in diese regellose, dicht gedrängte Masse, aber das Herz treffen sie nicht, ums Leben kommen sie nicht, die Feigen schützen die Muthigen.
Die auf der einen Seite durch den Fluß, auf der andern durch die Menschenmasse gedeckte Colonne marschirt inzwischen rasch weiter. Zuweilen wird sie durch Schwierigkeiten des Bodens genöthigt, sich vom Dniepr etwas zu entfernen, dann zeigt sich ein Kosakenschwarm am Ufer des Flusses; aber ein tüchtiges Gewehrfeuer treibt ihn zurück; oder der Marschall läßt 5- bis 600 Mann mit dem Bajonnet angreifen. Die Kosaken werden dann in den Fluß gedrängt.
So marschirt die Colonne zwei Tage sie legt zwanzig Wegstunden zurück, wie eine belagerte, aber sich fort bewegende Bevölkerung. So flieht manchmal ein von Bremsen umschwärmter und gepeinigter Stier.
Endlich kam die dritte Nacht, in der man einige Ruhe zu finden hoffte. Aber man konnte nicht anhalten, man mußte die Ermüdeten zurück lassen. Einige hatten den Muth, einem Freunde auf dessen dringende Bitten eine Kugel durch den Kopf zu jagen.
Ney sah das Elend, drückte beide Hände auf das Herz, das zu zerspringen drohte, und wendete die thränenfeuchten Augen ab.
Die Nacht war gekommen, die Colonne marschirte aufs Gerathewohl durch einen Tannenwald. Jeden Augenblick stieß ein Soldat gegen einen Baum und schüttelte den Schnee ab.
Plötzlich wird der dunkle Wald erhellt, eine Geschützsalve kracht, die Kartätschenkugeln pfeifen, Menschen und Bäume niederwerfend. Die Colonne weicht zurück, wankt, geräth in Unordnung.
»Ha! endlich haben wir sie!« ruft der Marschall, »vorwärts, Freunde . . . vorwärts!«
Und mit fünfzig Soldaten dringt dieser Titane unaufhaltsam vorwärts, statt zu fliehen, jagt er die Angreifenden in die Flucht.
Der Graf Ségur hat eine hochpoetische Schilderung von allen diesen Thaten gegeben. Warum hat er nichts weiter darüber geschrieben? Ob es ihm die Akademie verbietet? – Nein, er war Augenzeuge gewesen, und wollte die Gefühle wiedergeben, die das furchtbare Schauspiel in ihm weckte. »Er hatte Alles mit erlebt, und er konnte wie Aeneas sagen:
»Et quorum pars magna fui.«3
Als der Tag anbrach, fand man die Lanzen und Kanonenkugeln der Kosaken wieder. Der Wald gewährte freilich einigen Schutz; aber mit den Musketen und Büchsen konnte man die Angreifenden nicht zurücktreiben. Die Kosaken zogen auf halbe Kanonenschußweite neben der Colonne bin und feuerten; die Franzosen mußten warten und den Tod empfangen, ohne ihn geben zu können. Sie marschirten, rasteten, aßen unter dem feindlichen Feuer; viele wurden marschirend, rastend, essend von den mörderischen Kugeln getroffen; der Tod allein schien nicht müde zu werden.
Die Nacht kam . . . die vierte Nacht. Man beschloß, in dieser Nacht nicht zu rasten, sondern immer zu marschiren.
Die Franzosen mußten nahe seyn, es waren noch etwa zwanzig Soldaten beritten. Ludwig Richard, der in tausend Todesgefahren nicht die leichteste Verwundung erhalten hatte, stellte sich an die Spitze dieser Reiter und eilte in der Richtung voraus, wo aller Wahrscheinlichkeit nach Orscha liegen mußte.
In Orscha stand das französische Heer.
II.
»Meine Krone für ein Pferd!«
Richard III
»Dreihundert Millionen für Ney!«
Napoleon.
Napoleon hatte Smolensk, wie oben erwähnt, am 14. verlassen. Am ersten Tage hatte man keinen andern Feind gesehen, als den feindlichen Boden, der freilich allein stark und erbittert genug war, um eine Armee zu vernichten.
Man war mitten in der Nacht in aller Stille abmarschirt. Diese Stille wurde indeß immerfort unterbrochen durch die Flüche der Trainsoldaten, durch die Schläge, die sie ihren Pferden gaben, durch das Rasseln der Kanonen und Pulverkarren auf dem unebenen, hartgefrornen Boden. Die Gardeartillerie brauchte zweiundzwanzig Stunden, um fünf Meilen zurückzulegen.
Zwei Meilen rechts floß der Dniepr. Der ganze Zug hatte eine Länge von etwa zehn Wegstunden, nemlich von Smolensk nach Krasnoje. Die Vorhut war bereits in der Nähe des letzten Orts, als die Nachzügler kaum aus den Thoren von Smolensk marschieren. Korinthya liegt auf dem halben Wege, d. i. fünf Stunden von Smolensk und ebenso weit von Krasnoje.
Napoleon beabsichtigte in Korinthya Halt zu machen; aber die Landstraße war von einer andern der nach Elma führenden, durchkreuzt, und auf dieser Straße rückte eine andere zahlreiche, gut verpflegte Armee an, die den verwundeten, arg mitgenommenen französischen Truppen sehr gefährlich werden konnte.
Diese Armee bestand aus 90,000 Mann unter dem Befehle des alten Feldmarschalls Kutusow. Die von Ostermann befehligte Vorhut traf früher als Napoleon in Korinthya ein. Es wurde dem Kaiser gemeldet.
»Ich mache in Korinthya Halt,« sagte er; »die Russen müssen hinausgejagt werden.«
Ein General – man weiß nicht welcher, die großen Namen allein schwimmen oben in diesem furchtbaren Drama, wie bei einem Schiffbruch nur die großen Trümmer die Aufmerksamkeit auf sich lenken – ein General stellte sich an die Spitze von etwa 1000 Mann und vertrieb die Russen aus Korinthya. Die Verzweiflung oder vielmehr die Todesverachtung hatte die Kräfte verzehnfacht; was man sonst kaum mit 10,000 Mann vermochte, wurde jetzt mit 500 durchgesetzt.
Als Napoleon in die kaum von den Rassen geräumte Stadt einzog, meldete man ihm, ein anderes 20,000 Mann starkes Corps habe eine drei Stunden entfernte Schlucht besetzt, um den Franzosen den Weg abzuschneiden, während ein anderer Theil dieses Corps anrücke. Napoleon mußte sich daher durch 110,000 Mann durchschlagen, um wieder nach Frankreich zu kommen.
Napoleon hörte diesen Bericht in dem einzigen noch unversehrt gebliebenen Hause des Städtchens. Man hatte gefürchtet, dieses Haus sey vielleicht eine Falle, in die man ihn locken wollte, es sey vielleicht unterminirt; ein Mutschik, der sich dem Tode geweiht, werde die Mine anzünden, und der Donnergott, der mehr Ungewitter über die Erde ausgeschüttet hatte, als Jupiter am Himmel, würde, wie Romulus, plötzlich von der Erde verschwinden
Napoleon hörte kaum was gesprochen wurde, er setzte sich auf einen Tisch, auf welchem eine sehr ungenaue, mangelhafte Karte des vor ihm liegenden unbekannten Landes ausgebreitet war.
Bald darauf erschien ein Adjutant des Generals Sebastiani, der zu Krasnoje die Vorhut eines dritten Heerhaufens gefunden hatte. Der General ließ dem Kaiser sagen, daß er dieses Corps zurückwerfen wolle, um den Weg frei zu machen. Er hatte außerdem gehört und ließ durch denselben Adiutanten sagen, daß ein viertes Streifcorps, wahrscheinlich aus Kosaken bestehend, einige zerstreut marschirende Soldaten, darunter zwei Generale, gefangen genommen habe.
Man erwartete. Napoleon werde auf die Kunde von diesen Feindseligkeiten an die in Smolensk gebliebenen Truppen Eugen’s, Davoust’s und Ney’s den Befehl schicken, ihm rasch zu folgen, um den 200,000 Feinden wenigstens 20,000 Mann entgegenführen zu können. Aber Napoleon blieb in tiefen Gedanken und gab keinen Befehl.
Am andern Morgen wurde abmarschirt, als ob der Weg frei gewesen wäre. Die Colonne, in der sich Napoleon befand, setzte, ohne die mindeste Vorsicht anzuwenden, ihren Weg fort, als ob der Stern, der diesem kühnen Eroberer bei Marengo und Austerlitz geleuchtet, an dem trüben Himmel Rußlands noch geglänzt hätte.
Die Marodeurs und Flüchtlinge bildeten die Vorhut; die Verwundeten und Kranken die Nachhut. Nur wo Napeleon war, schlugen die Pulse des Herzens.
Plötzlich befindet sich die kleine Schaar vor einer unbeweglichen Linie, vor einem Wall von Menschen und Pferden, der auf der weiten Schneefläche steht.
Die Vorhut stutzt und weicht zurück. Napoleon selbst muß still halten; er richtet sein Fernrohr auf die schwarze Linie und sagt gelassen:
»Es sind die Kosaken . . . Ein Dutzend Tirailleurs voran! Sobald ein Loch gemacht ist, marschiren wir hindurch.«
Ein Offizier dringt mit einem Dutzend Scharfschützen vor, und sobald die ersten Kugeln pfeifen, nimmt der ganze Kosakenschwarm die Flucht, wie eine verscheuchte Vögelschaar. Der Weg ist frei.
Plötzlich wird zur Linken ein starkes Geschützfeuer eröffnet; die Kanonenkugeln schlagen in die Flanke der Colonne und wühlen die Erde auf. Alle Blicke sind auf Napoleon gerichtet.
»Nun, was gibt’s?« fragt er.
»Sehen Sie, Sire!«
Man zeigte ihm drei Mann, die zehn Schritte vor ihm von einer Kanonenkugel niedergeworfen waren.
»Die Batterie muß genommen werden,« sagt er.
Der verwundete General Excelmann stellt sich an die Spitze von 7—800 Westphalen und greift die Batterie an, während sich die Ueberreste der alten Garde um Napoleon drängen, um ihn gegen die Kugeln zu schützen.
So wird ganz ruhig und sorglos, mit klingendem Spiel weiter marschirt. Der Ueberrest des Musikcorps der Garde spielt die heitere. gemüthliche Melodie: Où peut- on être mieux qu’au sein de sa famille?
Aber der Kaiser streckt die Hand aus, die Musik schweigt.«
»Mes enfants,« ruft er ihnen zu, »spielet: Veillons au salut de 1’Empire!«
Während dieser Kanonade, die man nur durch kalte, stolze Todesverachtung beantworten kann, spielt das Musikcorps die von Napoleon verlangte Melodie so ruhig wie auf einer Parade.
Der Kanonendonner hörte früher auf als die Musik. Excelmann hatte mit seiner muthigen Schaar den Hügel erstiegen und die Batterie erstürmt
»Seht,« sagte Napoleon, »mit solchen Feinden haben wir zu thun!«
An diesem Tage war der Boden schwerer zu besiegen als der Feind. Die Franzosen verloren kaum hundert Mann, aber die Wege waren so schlecht, daß sie eine Kanone nach der andern, einen Pulverwagen und Gepäckwagen nach dem andern im Stiche lassen mußten.
Zum Unglück hatten die Nachzügler wohl Zeit die Gepäckwagen zu plündern, aber sie fanden keine Zeit die Kanonen zu vernageln, und jedes zurückgelassene Geschütz konnte eine Stunde nachher gegen die Marschcolonnen gerichtet werden.
Napoleon kam in Krasnoje an. Aber hinter ihm kam die Armee, die der kleinen Schaar zugesehen, von den Höhen herunter, und diese 20,000 Mann befanden sich zwischen Napoleon und den drei zurückgelassenen Armeecorps. Am andern Morgen, als die Colonne eben abmarschiren wollte, begann der Kanonendonner etwa fünf Stunden im Rücken. Es war der Angriff auf Eugens Colonne an der Stelle, die der Marschall Ney einen Tag später mit Todten und Waffentrümmern bedeckt fand, und wo Paul Richard, jetzt selbst eine Leiche, seinen Bruder unter den Todten gesucht hatte.
Napoleon gab Befehl zum Aufhalten der Colonnen. Sein Stiefsohn Eugen, der die Niederlage, die er bei Pordenone erlitten, längst wieder gut gemacht hatte, sollte nicht in den Händen der Feinde bleiben.
Napoleon wartete den ganzen Tag. Eugen erschien nicht. Gegen Abend hörte der Kanonendonner auf. Napeleon hatte eine Hoffnung, und er äußerte sie laut, um das Vertrauen der Uebrigen zu vermehren: Eugen meinte er, habe sich zurückgezogen, um sich mit Davoust und Ney zu vereinigen, und am andern Tage werde man die drei Heerschaaren die russische Operationslinie durchbrechen sehen.
Die Nacht verging, der Tag brach an . . . nichts erschien. »Es war Kutusow, der nun von denselben Höhen, wo er Tags zuvor auf Eugen gefeuert, das Truppencorps Ney’s beschoß.
Napoleon ruft die drei Marschälle, die er in seiner Nähe hat: Bessières, Mortier und Lefèbvre. Berthier brauchte er nicht zu rufen, Berthier geht ihm nicht von der Seite, er ist Nadoleons Schatten.
Es ist nicht zu bezweifeln, daß die ganze russische Armee den Franzosen im Rücken steht; sie glaubte Napoleon zu umzingeln, aber er kam glücklich durch; sie glaubte Cäsar in ihrer Gewalt zu haben, hielt aber nur seine Generale in Schach.
Wenn Napoleon fortmarschirte, während die Rassen Davoust und Ney angriffen, konnte er einen Vorsprung von zwei bis drei Tagen gewinnen und Lithauen, das befreundete Land, erreichen.
Aber man würde dann die braven Waffenbrüder im Stich lassen, man würde den Kopf retten und die Glieder preisgeben. War’s nicht besser, daß alle zusammen umkamen oder sich retteten?
Napoleon befiehlt nicht mehr, er fragt; er sagt nicht mehr: ich will, sondern: wollt Ihr? Ein einziger Ruf antwortet ihm: Vorwärts!
Der Eber mit den eisernen Hauern wendet sich nun um. Aber in demselben Augenblicke geht die Nachricht ein, daß die russische Vorhut den Vorsprung gewonnen. Eine Umkehr ist daher nicht möglich.
Napoleon ruft den General Rapp.
»Marschire gerade auf die feindliche Vorhut los,« sagt er zu ihm, »und greife sie, ohne eine Minute zu verlieren, in der Dunkelheit an. Aber merke Dir, kein Schuß darf abgefeuert werden, nur die Bajonnete! Sie müssen für ihre Keckheit gezüchtiget werden.«
Wenn Napoleon befahl, wurde unbedingt gehorcht; ohne ein Wort zu antworten eilte Rapp fort. Aber kaum hatte er sich zehn Schritte entfernt, so rief ihn Napoleon zurück. Eine ganze Welt von Gedanken war in zehn Minuten durch sein Haupt gezogen.
»Nein, bleibe hier, Rapp,« sagte er, »Du sollst in einem solchen Scharmützel den Tod nicht finden, ich brauche Dich nächstes Jahr vor Danzig, Roguet soll Dich ersetzen.«
Rapp entfernte sich ebenfalls in tiefen Gedanken, um dem General Roguet diesen Befehl zu überbringen; während die kleine Schaar von 150,000 Russen umzingelt ist, wird ihm ein Jahr im Voraus sein Posten angewiesen, bei der Vertheidigung einer Stadt, die hundert Meilen entfernt ist von dem Orte, wo er sich selbst vielleicht nicht vertheidigen kann
Roguet griff den Feind mit dem Bajonnete an und warf ihn mit solcher Gewalt, daß die russische Armee mehr als fünf Meilen zurückwich und vierundzwanzig Stunden unthätig blieb.
In der Nacht wurde Eugens Truppencorps signalisirt. Der Prinz kam allein, er hatte sich durch die Russen geschlagen, aber er wußte nicht was aus Davoust und Ney geworden war. Sie kämpften, denn er hatte zur Rechten den Kanonendonner gehört.
Kutusow war der Retter der französischen Armee zu nennen; der alte Feldherr, der so weiß war wie der Winter mit seinem Schnee, begnügte sich, mit seinen Kanonen zu zerstören, wie der Winter mit Schnee und Wind. Napoleon kann die Unthätigkeit Kutusow’s und den glänzenden Sieg Roguet’s zum Vorrücken benützen, und drei Tagemärsche von dort sieht Victor mit 30,000 Mann, und Schwarzenberg mit seinem Armeecorps. Aber er will Davoust und Ney sowenig im Stich lassen, wie den Prinzen Eugen. Es war freilich nicht mehr, wie bei Eckmühl, ein großer Sieg zu erkämpfen, es handelte sich nun um die Rettung zweier Marschälle und der Trümmer zweier Armeen.
Am 17. gibt er Befehl, um sieben Uhr Früh bereit zu seyn, und als die ganze Armee – oder vielmehr der Ueberrest derselben – der Meinung ist, man werde nach Polen marschiren, kehrt Napoleon dem Polenlande den Rücken und marschirt gegen Norden.
»Wohin geht es?« fragen alle Stimmen, »und welchen Weg nehmen wir?«
»Wir wollen Davoust und Ney retten und gehen auf dem Wege der Pflicht.«
Alle Stimmen schweigen, man findet die Sache ganz natürlich und gehorcht. Napoleon wird seine beiden Feldherrn aus Rußland holen oder dort mit ihnen sein Grab finden.
Eugens kleine Schaar soll weiter marschiren; nach den unerhörten Anstrengungen, die sie gemacht, kann sie wohl noch marschiren, aber nicht mehr kämpfen. Der General Claparède soll mit den Kranken und Verwundeten das Städtchen Krasnoje vertheidigen. Die Kranken und Verwundeten sind stark genug gegen einen Feind, der bei der kleinsten Berührung über den Haufen geworfen wird.
Bei Tagesanbruch befand sich Napoleon zwischen drei Armeen; eine stand rechts, eine links und eine vor ihm. Diese Armeen brauchten nur vorzurücken und sich zusammenzuziehen, um Napoleon mit seinen 11,000 Mann zu erdrücken. Sie brauchten nur ihre Batterien aufzufahren und einige Stunden zu feuern, um das ganze Häuflein zu vernichten. Es wäre nicht einer davongekommen. Aber die Truppenmassen blieben ruhig stehen, die Kanonen schwiegen; es mußte wohl unsichtbare Schutzgeister geben für die französischen Soldaten. Es war wie bei Rivoli, wie bei den Pyramiden, wie bei Marengo, Austerlitz, Jena, Friedland, Eckmühl und Wagram. Es bedurfte eines dreijährigen Kriegsunglücks, bevor man einsah, daß dieser zweite Achill verwundbar war, und erst als England, der unversöhnliche Feind, das Messer seiner Horse-Guards dem sterbenden Löwen ins Herz stieß, war er völlig besiegt mit seiner alten Garbe, die bei Waterloo ihr Grab fand.
Endlich fing der Kanonendonner wieder an; es war in der Richtung von Krasnoje. Der Feind, der Napoleon verschonte, griff den General Claparède an. Man war nun auf vier Seiten eingeschlossen. Der erste Geschützdonner war ohne Zweifel ein Zeichen, denn die drei andern Seiten begannen ebenfalls Feuer zu speien.
Das französische Corps marschirte unaufhaltsam vorwärts. Es war im Großen eine Wiederholung des Abmarsches aus dem Kreml: man marschirte gegen das Feuer und zwischen zwei feuersprühenden Wänden.
Plötzlich that sich diese feuerspeiende Menschenwand aus. Sie war von Davoust und seinen Leuten durchbrochen.
Eugen und Davoust hatten sich nun mit Napoleon vereinigt, es war nur noch Ney zurück. Davoust hatte nichts von ihm gehört, er wußte nur, daß er einen Tag nach ihm Smolensk verlassen hatte. Er mußte daher um einen Tagemarsch zurück seyn. Es wäre aber durchaus unmöglich, in diesem mörderischen Feuer zu warten, die ganze Armee wäre darin zusammengeschmolzen wie Metall in einem Glühofen.
Napoleon ruft Mortier und gibt ihm den Befehl, Krasnoje zu vertheidigen, um daselbst den Marschall Ney so lange als möglich zu erwarten; er selbst will der Armee über Orscha und Liady den Weg bahnen. Mit ihm ist die Kraft, das hat er oft und neuerdings wieder auf seinem abenteuerlichen Rückzüge durch Rußland gezeigt, denn es bedurfte einer furchtbaren Kriegsmaschine um den Wall von 40,000 Rassen, der ihm den Weg nach Polen versperrte, zu durchbrechen.
Napoleon nimmt mit den Ueberresten der alten Garde den Weg gegen Krasnoje, Mortier, Davoust und Roguet decken den Rückzug.
Napoleon traf Abends in Liady und am folgenden Tagein Orscha ein. In Smolensk hatte er noch 25,000 Mann 150 Kanonen, eine beträchtliche Kriegscasse reiche Beute und Lebensmittel; in Orscha hatte er nur noch 10,000 Mann 25 Kanonen und einen geplünderten Schatz. Es war kein Rückzug mehr, es war eine Flucht, von geordnetem Zurückweichen konnte keine Rede mehr seyn, man mußte fliehen.
Der General Eble wurde mit acht Kompagnien Sappeurs und Pionieren abgeschickt, um für den Uebergang dieser 10,000 Mann über die Beresina die nöthigen Vorkehrungen zu treffen. Der Führer dieses Corps war der General Jomini, der noch lebt und nur einen Kummer hat, nemlich die Ungewißheit, ob die Schmach des Verräthers an seinem Namen haftet.
Vielleicht hätte Napoleon Orscha verlassen sollen, aber dann würde er den tapfern Ney im Stich gelassen haben. Noch unglücklicher als Augustus, der wenigstens den Varus hatte, von welchem er seine Legionen zurückfordern konnte, muß Napoleon seinen Feldherrn von sich selbst fordern.
Zu jeder Stunde der Nacht öffnet er seine Thür und fragt: »Sind Nachrichten von Ney angekommen?« Bei jedem Geräusch, das er auf der Straße hört, öffnet er das Fenster und fragt: »Ist Ney da?« Alle Blicke waren gegen Norden gerichtet, aber man sah nichts als die immer näher rückenden russischen Bataillone; man lauschte, aber man hörte nicht einmal Kanonendonner; ringsum herrschte Grabesstille. Ney war gewiß todt, er würde kämpfen, wenn erlebte, und als ob der Verlust des tapfern Marschalls schon erwiesen gewesen wäre, sagte Napoleon in wehmüthiger Stimmung: »Mein braver Ney! alle Millionen, die in den Kellergewölben der Tuilerien sind, würde ich für meinen Herzog von Elchingen, für meinen Fürsten von der Moskwa hingeben!«
Plötzlich hört man mitten in der Nacht die Hufschläge eines im Galopp ankommenden Pferdes, dann laute Stimmen, unter die sich der Name Ney mischt.
»Ney!« ruft Napoleon zum Fenster hinaus; »wer bringt mir Nachrichten von Ney?«
Man führt einen jungen Offizier, der die zerlumpten Ueberreste einer blauen mit Silber gestickten Uniform trägt, vor den Kaiser.
Napoleon erkennt in ihm einen Ordonnanzoffizier des Prinzen Eugen.
»Ah! Sie sind’s, Capitän Paul Richard,« sagt Napoleon.
»Nein, Sire, ich bin Ludwig Richard, mein Bruder Paul ist todt . . . Aber der Marschall lebt.«
»Wo ist er?«
»Drei Stunden von hier; er verlangt Hilfe.«
»Davoust, Eugen, Mortier, wir müssen Ney zu Hilfe. . . Kommen Sie, meine Marschälle, ich habe Nachrichten von Ney erhalten; alle unsere Verluste sind zu ersetzen . . .Ney ist gerettet!«
Eugen Beauharnais erscheint zuerst.
»Eugen, diesen Glücksboten ernenne ich zum Offizier der Ehrenlegion.«
»Hier ist der Orden meines Bruders, Sire,« sagte der junge Offizier, indem er das goldene Kreuz, das er von Pauls Brust losgemacht, aus der Brusttasche nimmt.
»Ah, Sie sind es, mein braver Richard,« sagt der Prinz Eugen. »Die Nachricht ist gut, aber der Bote macht sie noch besser.«
»Da bin ich, Sire,« sagte der Marschall Mortier eintretend, »ich bin marschfertig.«
»Ich auch,« sagte Eugen.
»Sire,« sagte Mortier, »ich bin älter als der Prinz.«
»Und ich bin König,« entgegnete Eugen; »ich nehme das Vorrecht meiner Würde in Anspruch; ich will der Erstes seyn, der Ney die Hand reicht.«
Mortier trat einen Schritt zurück.
»Gib mir die Hand,« sagte der Kaiser.
Mortier faßte Napoleons Hand und zog sie mit einem Seufzer an seine Lippen.
»Mortier,« sagte der Kaiser, »Du sollst einst König werden, und dann kannst auch Du sagen: ich will.«
Zwei Stunden nachher trat Ney in Napoleons Zimmer. Der Kaiser ging ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen und sagte:
»Ich habe meine Adler gerettet . . . denn Du lebst ja, mein braver Ney!«
Dann sagte er zu den Umstehenden:
»Meine Herren, vor drei Stunden würde ich dreihundert Millionen gegeben haben für diese Minute der Freude, die mir Gott umsonst beschert-«
III.
Die Rückkehr
Es sind gerade drei Jahre, daß wir die Leser in ein zu den inneren Gemächern der Tuilerien gehörendes Cabinet führten. Wir bitten sie jetzt, in dem dunkeln, stillen, verödeten Palaste ein Weilchen zu warten; wir versprechen ihnen, daß sie nicht lange in der Dunkelheit allein bleiben sollen.
Es ist der 18. December 1812. Ein alter, nichts weniger als eleganter Reisewagen hält vor der Seitenpforte, die sich am Ende der Rue-de-l’Echelle befindet; seit zehn Minuten wird vergebens geklopft. Endlich entschließt sich der Pförtner, nachdem ihn eine Schildwache geweckt, sich nach der Ursache des Lärms zu erkundigen. Er ist ganz verblüfft, »als er die egyptische Uniform des Mameluken Rustan erblickt, der ihm durch das Eisengitter ungeduldig zuruft:
»Geschwind, beeilen Sie sich . . es ist der Kaiser.«
Der Pförtner öffnet rasch das Gitterthor, der Wagen fährt in schräger Richtung über den Hof und heilt in der Vorhalle.
Zwei Männer, der eine von hohem Wuchs, der andere von mittler Größe, beide in Pelze gehüllt, steigen aus und gehen sehr schnell die Treppe hinauf.« Der Mameluk Rustan eilt voran und ruft unaufhörlich: »Der Kaiser! der Kaiser!«
Ein Lakei, der zugleich mit dem erlauchten Reisenden ankommt, nimmt einem seiner Cameraden, der durch das Geräusch herbeigelockt wird, einen Armleuchter aus der Hand und geht gerade auf das Arbeitszimmer zu. Er weiß, daß der Schlaf für den eisenfesten Mann, dem man gehorcht, nur ein untergeordnetes Bedürfniß ist.«
Der Kaiser geht durch dasselbe Zimmer, wo er drei Jahre zuvor eine Nacht verweilte und eine Viertelstunde schlief, wo die arme Josephine leicht und geräuschlos wie ein Schatten erschien und ihm einen Kuß auf die Stirn drückte.
Dieses Mal verweilt er nicht, um zu schlafen, er gebt nur durch das Zimmer und fragt nach dem Erzkanzler.
Der Erste, den er kommen läßt, ist wieder Cambacériè, aber dieses Mal muß der Erzkanzler allein kommen.
Dann geht Napoleon, von dem großen Manne gefolgt,durch den Gang, der zu den Gemächern der Kaiserin führt.
Die Kaiserin wollte sich eben zur Ruhe begeben. In trüber Stimmung und leidend, hatte sie eben ihre Kammerfrau., Madame Durand, entlassen. Die Letztere war im Nebenzimmer; sie hört plötzlich Stimmen im Salon, öffnet die Thür und stößt einen Schrei aus, als sie zwei Männer eintreten sieht.
Die Kammerfrau begreift nicht, wie zwei Männer so spät in der Nacht bis in die Gemächer der Kaiserin gelangen konnten. In ihrer Besorgniß über die Absichten dieser beiden räthselhaften Personen, welche, wie Verschwörer, in weite Mäntel gehüllt waren, eilt sie an die Thür des Schlafzimmers der Kaiserin, um dasselbe zu vertheidigen; aber einer der. Beiden Männer, die von ihrem Schrecken gar keine Notiz nahmen, wirft seinen Mantel auf einen Sessel – sie erkennt Napoleon.
»Der Kaiser!« ruft sie, »der Kaiser!« Und sie tritt ehrerbietig auf die Seite.
Der Kaiser läßt nun seinen Begleiter im Salon und geht in das Schlafzimmer mit den Worten:
»Ich bin’s, Louise!«
»Denn die gutmüthige, sanfte, liebenswürdige Creolin, deren Wuchs, trotz ihrer vierzig Jahre, noch so schlank und anmuthig ist, die allgemein verehrte, populäre Josephine ist, nicht mehr Kaiserin. Napoleons Gemahlin, welche die Stelle der seelenvollen, schwarzäugigen Josephine eingenommen, ist eine Dame von dreiundzwanzig Jahren, blond und blauäugig, kalt und gleichgültig; es ist die Tochter des Kaisers Franz, die Nichte der unglücklichen Marie Antoinette, die Napoleon zum Neffen Ludwigs XVI. gemacht hat; es ist die in Frankreich sehr unpopuläre Marie Louise.«
»Der Kaiser!« rief Marie Louise erstaunt, als Napoleon eintrat.
»Bonaparte!« würde Josephine ihm entgegengejauchzt haben.
Sie hat recht, die blonde deutsche Prinzessin: es war nicht mehr »Bonaparte,« sondern »der Kaiser.«
Wie hat er den weiten Weg von Orscha nach Paris zurückgelegt? Wie ist er entkommen aus der russischen Schneewüste, wo er seinen Waffenbruder Ney, den er schon verloren gegeben, so freudig begrüßt? Wir wollen es mit wenigen Worten sagen.
Während der Kaiser in Korinthya rastete, kam ein französischer Courier, der ihm ein Schreiben von dem Grafen Frochot brachte.
Zum ersten Male seit dem Ausmarsch aus Moskau erblaßte Napoleon, als er das Schreiben las. Dann nahm er eine Feder und schrieb einen langen Brief; aber er mochte wohl fürchten, sein Bote könne überfallen werden, denn er steckte den Brief, sobald er ihn geschrieben, in sein Portefeuille, und zu Orscha verbrannte er ihn nebst seinen übrigen Papieren. Der Inhalt dieses Briefes ist nie bekannt geworden.
Der Eindruck jenes Schreibens erlosch nie ganz in seinem Gemüthe, aber sein Gesicht wurde nach einigen Stunden wieder so ruhig wie gewöhnlich.
Napoleon beschloß seinen Weg über Borisow zu nehmen. Er hatte, wie schon erwähnt, den General Eble mit einem Pioniercorps vorausgeschickt, und unter Jomini’s Leitung sollten Brücken über die Beresina geschlagen werden.
Am 22. November wurde abmarschirt. Auf beiden Seiten der Landstraße waren öde, entlaubte Birkenwälder. Die Wege waren abscheulich; viele Soldaten waren so schwach daß sie in dem tiefen Koth liegen blieben.
Auf dem ganzen Wege gingen Schreckensnachrichten ein. Gegen Abend sprengte ein Offizier heran und fragte nach dem Kaiser. Man zeigte ihm Napoleon, der, um seinen Soldaten Muth zu machen, zu Fuß in dem tiefen Koth watete.
Der Offizier brachte eine neue Hiobspost: Borisow war in der Gewalt Tschitschakow’s.
Napoleon hörte den Bericht ganz ruhig an; aber als die Erzählung beendet war, stampfte er mit seinem Stock auf den Boden und rief zornig:
»Hat sich denn Alles gegen uns verschworen!«
Napoleon ließ nun Halt machen und gab Befehl, die Hälfte der Gepäckwagen zu verbrennen, um die Geschütze vollständiger bespannen zu können. Außerdem sollten alle Zugthiere, deren man habhaft werden könne, selbst seine eigenen Pferde, zur Vorspann benützt werden, um nur den Russen keine Kanonen und Pulverwagen zu lassen.
Dann wurde weiter marschirt; er selbst ging voran 15,000 Mann, die kaum erkennbaren Ueberreste der großen Armee, betraten schweigend und düster den unabsehbaren Wald von Minsk; sie folgten Napoleon in der dunklen Nacht, wie einst die flüchtigen Hebräer der Feuersäule folgten. Sie fürchteten nicht mehr den Feind, sondern nur den Winter. Was lag ihnen an den Russen? sie waren gewohnt sich durchzuschlagen; Kälte, Schnee, Eis, Hunger, Durst, Koth – das waren die eigentlichen Hindernisse.
Man kam an die Beresina, und man ging hinüber trotz den Russen. Das Ungethüm, welches die Armee bei den Füßen packte und an sich zog, der Abgrund, der einen Theil derselben verschlang, war der Fluß.
Die Franzosen ließen 12,000 Mann in der Beresina zurück, denn sie hatten sich mit den Armeecorps Victor’s und Oudinot’s vereinigt; aber man kam hinüber.
Am 29. verließ Napoleon das Ufer des verhängnißsvollen Flusses.
Drei Flüsse versperrten ihm zu verschiedenen Zeiten in furchtbarer Weise den Weg: die Donau bei Esling, die Beresina bei Borisow, die Elster bei Leipzig.
Am 30. November kam er nach Pleßnitz; am 4. December nach Bienitza, am 5. December nach Smorgow.
Dort ließ er alle seine Generale zusammenkommen, zollte jedem das ihm gebührende Lob und schrieb sich selbst die Schuld des Unglücks zu, dass seine Soldaten getroffen.
»Wenn ich ein Bourbon wäre,« setzte er hinzu, »so wäre es mir ein Leichtes gewesen, keinen Fehler zu machen.«
Dann ließ er ihnen durch Eugen Beauharnais das 29. Bulletin vorlesen und kündigte ihnen officiell seine Abreise an.
In derselben Nacht wollte er nach Paris abreisen, wo seine Anwesenheit unerläßlich war. Denn nur von Paris aus konnte er der Armee zu Hilfe kommen, gegen Oesterreich und Preußen wirksame Maßregeln ergreifen und in drei Monaten mit 500,000 Mann an die Weichsel rücken.
Den Oberbefehl übertrug er dem Könige von Neapel.
Es war zehn Uhr Abends; er stand auf, umarmte seine Generale und reiste in einem Schlitten ab. Neben ihm saß Caulaincourt, auf dem Rücksitz der Dolmetscher Wonzowitsch. In einem zweiten Schlitten saßen Rapp und Lobau. Der Mameluk Rustan und ein Lakei waren seine ganze Dienerschaft.
In Wilna gab ihm der Herzog von Bassano die beruhigende Versicherung, daß er Lebensmittel für 100,000 Mann zusammengebracht habe und daß die Armee acht Tage rasten könne.
Auf einigen Stationen schickte er während des Pferdewechsels Couriere ab. IN Warschau besprach er sich mit den polnischen Ministern, verlangte von ihnen die Aushebung von 10,000 Recruten, bewilligte ihnen einige Hilfsgelder, versprach ihnen, mit 300,000 Mann wieder zu kommen und setzte seine Reise fort.
In Dresden sprach er den König von Sachsen und schrieb an den Kaiser von Oesterreich. Seinem Gesandten am weimarischen Hofe, de Saint Aignan, der sich zufällig in Dresden befand, dictirte er Briefe an alle seine Collegen des Rheinbundes und an die in Deutschland befindlichen Militärcommandanten
In Dresden ließ er seinen Schlitten, und de Saint-Aignan gab ihm einen Wagen.
Am 18. December, um elf Uhr Abends war er, wie schon erwähnt, in den Tulierien.
Von Moskau bis Lithauen war sein Marsch mit dem berühmten Rückzuge Xenophon’s zu vergleichen; von Lithauen bis an die französische Grenze reiste er, wie Richard Löwenherz auf der Rückkehr von Palästina: jeder deutsche Herzog konnte ihm anhalten und festsetzen. In Paris war er, für den Augenblick wenigstens, wieder Herr von Europa.
Wir haben gesehen, wie er durch seine Arbeitszimmer eilte und in das Schlafgemach der Kaiserin Marie Louise ging. Er war noch da, als ihm gemeldet wurde, daß Cambacérès ihn erwarte.
Als er wieder durch den Salon ging, fand er Caulaincourt, der inzwischen eingeschlafen war: für ihn allein war der Schlaf kein Bedürfniß.
»Sie sind also wirklich da, Sire!« rief der Erzkanzler.
»Ja wohl, lieber Cambacérès,« antwortete Napoleon. »Wie vor vierzehn Jahren, als ich aus Egypten kam, erscheine ich jetzt als als Flüchtling, nachdem ich versucht habe im Norden mir den Weg nach Indien zu bahnen, wie ich es vormals durch den Orient versuche hatte.«
Napoleon sagte freilich nicht, daß sein Glücksstern in Egypten erst aufgegangen war, durch den kalten Nebelhimmel Rußlands hingegen verdunkelt wurde.
Cambacérès wartete, er wußte daß Napoleon bei solchen Gelegenheiten viel zu sagen hatte und das Bedürfniß fühlte sich auszusprechen.
Napoleon ging, die Hände auf dem Rücken haltend, eine kleine Weile im Zimmer auf und ab. Plötzlich stand er still und sagte zu Cambacérès, als ob dieser seinen Gedanken hätte folgen können, wie ein Wanderer, der am Ufer eines Flusses steht, den Lauf des Wassers mit den Blicken verfolgt.
»Der Krieg, den ich führe, ist ein politischer Krieg, ich hätte Rußland gern die Drangsale erspart, die es sich selbst bereitet hat. Ich hätte den größten Theil der Bevölkerung durch Befreiung der Leibeigenen gegen die Regierung bewaffnen können, aber ich habe es unterlassen, denn diese Maßregeln würde vielen Familien entsetzliches Unglück bereitet haben . . .«
Eine kurze Pause folgte. Cambacérès schwieg noch immer. Endlich fuhr Napoleon fort:
»Frankreich hat sein Unglück selbst verschuldet; die Folgen seiner Verirrungen waren unausbleiblich. Der Aufruhr ward von den Schreckensmännern als eine Pflicht erklärt, und um dem Volke zu schmeicheln, legte man in seine Hände eine Gewalt, zu deren Ausübung es nicht befähigt war. Die Lenker großer Reiche sollten sich diese Mißgriffe zur Warnung dienen lassen, sie sollten nach dem Beispiele der Präsidenten Harlay und Molé jederzeit bereit seyn, den Souverän, den Thron, die Gesetze zu vertheidigen. Der schönste Tod wäre der Tod eines Soldaten auf dem Felde der Ehre, wenn der Tod eines Staatsdieners bei der Vertheidigung des Thrones und der Gesetze nicht noch ruhmvoller wäre. . . Aber,« setzte er mit Heftigkeit hinzu, »es gibt leider viele Staatsbeamte, die kleinmüthig sind und ihre Pflicht nicht erfüllen . . . Sie sind mein Freund, Cambacérès,« sagte er sich plötzlich zu dem Erzkanzler wendend, »sagen Sie, wie die Sache gekommen ist.«
Cambacérès hatte wohl gemerkt, wohin diese steigende Wortflut zielte, er wußte, daß der Kaiser an die Verschwörung des General Mallet dachte, deren Kunde ihn in Rußland so tief erschüttert hatte.
»Ew. Majestät wünschen die näheren Umstände zu erfahren?« fragte Cambacérès.
»Ja,« sagte Napoleon, sich sehend; »sagen Sie mir Alles.«
»Kennen Ew. Majestät Mallet!«
»Nein, nur von Ansehen . . . einmal bemerkte ich ihn und man sagte mir: das ist der General Mallet. Ich wußte, daß er zu der Gesellschaft der Philadelphen gehörte. Er war ein vertrauter Freund Oudet’s, der bei Wagram fiel und dessen Tod man mir zur Last gelegt hat. Schon 1808, als ich in Spanien war, conspirirte er gegen mich. Ich hätte ihn können erschießen lassen, es lagen Beweise genug vor; aber ich habe einen Abscheu vor dem Blutvergießen, ich hatte Staps begnadigt, aber er wollte sterben. Die unsinnigen Menschen wähnen, man könne mich nur ohne weiteres aus der Welt schaffen . . . Doch um wieder auf Mallet zu kommen: er war in einem Spital, wohin ich ihn aus besonderer Nachsicht hatte bringen lassen . . . Sie sehen, Cambacérès, daß ich nicht rachsüchtig, sondern zur Milde geneigt bin, und trotzdem nennt man mich einen grausamen Tyrannen . . . Wo ist das Spital?«
»An der Thronbarriere.«
»Wie heißt der Eigenthümer?«
»Doctor Dubuisson.«
»Freund oder Feind?«
»Der Doctor?«
»Ich meine, ob er um die Verschwörung wußte.«
»Nein, er hatte keine Ahnung davon.«
»Aber er hat Mallet doch entschlüpfen lassen . . .«
»Nein, Sire, der Arrestant ist über die Mauer gestiegen.«
»Allein?«
»Mit einem gewissen Abbé Lafon, der aus Bordeaux gebürtig ist; sie nahmen ein mit Proklamationen gefülltes Portefeuille mit. Zwei Mitverschworene erwarteten sie auf der Straße: der Eine ist ein Lehrer, Namens Boutreux, der Andere ein Corporal und heißt Rateau.
»Und einer dieser Unsinnigen hatte die Rolle des Seinepräfecten, ein anderer die eines Adiutanten übernommen?«
»Ja, Sire.«
»Wenn ich nicht irre, steckte noch ein anderer Abbé darunter. Das ist also der Dank der Geistlichkeit, für die ich so viel gethan habe!«
»Der Andere ist ein Spanien.«
»Nun, dann wundert es mich nicht. Wie heißt er?«
»Cormagno, eine Bekanntschaft aus dem Gefängniß. Er wohnte an der Place-Royale, bei ihm hat man Mallet’s Waffen und Uniform, die Feldbinde für einen Adjutanten und die Schärpe für einen Polizeicommissär gefunden.«
»Es waren also alle Vorkehrungen getroffen!« sagte Napoleon aufgebracht. »Weiter!«
»Mallet legte seine Uniform an, nahm seine Waffen, begab sich in eine Caserne und ließ sich als General Lamotte bei dem Obersten melden . . .«
»Es ist unerhört!« unterbrach ihn Napoleon; »unter einem angenommenen, unbekannten Namen kann man so etwas unternehmen! . . . Und was that der Oberst?«
»Sire, der Oberst lag krank im Bett. Der General Mallet redete ihn mit den Worten an: »Wissen Sie etwas Neues, »Herr Oberst? Bonaparte ist todt!«
»Für gewisse Leute bin ich also noch immer Bonaparte!« eiferte Napoleon. »Wozu nützen mir alle Siege, die ich seit vierzehn Jahren errungen, wozu der 18. Brumaire, wozu die Krönung, wozu meine Bundesverwandtschaft mit dem ältesten europäischen Fürstenhause? Soll denn Alles aus seyn, wenn ein Schwindelkopf auftritt und sagt: Bonaparte ist todt! Aber was wollte man mit Napoleon II. machen? Napoleon II. ist doch am Leben . . .
»Sire,« erwiederte Cambacérès, »Sie wissen, der Soldat hält sich an seinen Befehl, er gehorcht ohne zu erörtern.«
»Aber wenn der Befehl falsch ist?«
»Der Oberst hielt ihn für wahr. Er ließ seinen Major rufen; der Befehl wurde von dem angeblichen General Lamotte noch einmal vorgelesen; die Truppen wurden alarmiert und dem General Mallet zur Verfügung gestellt, und mit diesen Truppen, die keine Patronen hatten, begab sich Mallet vor das Gefängniß Laforce, ließ sich die Thüren öffnen und rief einen Corsen . . .«
»Einen Corsen! unterbrach ihn Napoleon; »der hat sich gewiß nicht bethören lassen . . . Und was weiter?«
»Und rief die Generale Lahorie, und Guidal.«
»Auch Einer, den ich nach Toulon schicken und vor ein Kriegsgericht stellen könnte; seine Verbindungen mit den Engländern waren erwiesen.«
»Ja wohl; aber statt dessen machte man ihn zum Senator. Lahorie sollte Polizeipräfect werden und erhielt zugleich den Befehl, seinen Vorgänger Rovigo zu verhaften.«
»Der konnte sich irren,« erwiederte Napoleon mit jenem Gerechtigkeitsgefühle, das in seinem Charakter lag, wenn es auch zuweilen in den Hintergrund gedrängt wurde; »er ward um vier Uhr Früh von der bewaffneten Macht geweckt und in Freiheit gesetzt, er ist zu unschuldigen. Erzählen Sie weiter, Cambacérès, was aus der Geschichte geworden ist.«
»Nun, von jetzt an theilen sich die Aeste der Verschwörung. Während der neue Polizeipräfect seinen Vorgänger verhaften wollte, schickte Mallet eine Ordonnanz in eine andere Kaserne mit einem an die daselbst einquartierten Unteroffiziere adressierten Packet. Dieses enthielt den Befehl die Posten an der Börse, an der Bank, an der Staatstasse und an den Barrieren abzulösen.
»Wie heißt der Oberst dieses Regiments?« fragte Napoleon.
»Oberst Rabbe.«
»Er hat sich doch widersetzt?«
»Nein, Sire, er leistete dem Befehl Folge, et ließ sich täuschen, wie der Oberst Saulie.«
Napoleon schlug die Hände zusammen.
»Weiter, weiter!« sagte er ungeduldig.
»Unterdessen marschirte Lahorie gegen das Polizeiministerium, nachdem er den neuen Präfecten Boutreux nach der Präfectur geschickt. Der Präfect wurde verhaftet und in das Gefängniß Laforce gebracht . . .«
»In das Zimmer Guidal’s? Es ist ihm Recht geschehen; warum ließ er sich verhaften!«
»Mitten in dem Tumult,« fuhr Cambacérès fort, »hatte der Baron Pasquier Zeit gehabt, an den Herzog von Novigo einen Eilboten abzusenden; aber der Bote konnte nicht zu ihm gelangen, die Horde marschirte rasch und schlug sofort die Thüren ein; sie hatte schon die Thür des Schreibzimmers erbrochen, als der Minister in der gegenüber befindlichen Thür erschien.«
»Aber Lahorie und Novigo waren ja Freunde, wenn ich nicht irre,« unterbrach ihn Napoleon; »Novigo hatte mir ihn empfohlen.«
»Sie waren sogar Dutzbrüder Sire. Lahorie machte sogar bei dieser Gelegenheit von dem brüderlichen Du Gebrauch und rief dem Minister zu: »Ergib Dich, Savary! Du bist mein Gefangener; es soll Dir kein Leid geschehen.«
»Und was that Savary?«
»Er wollte Widerstand leisten, Sire. Sie wissen, daß Savary sich nicht leicht ergibt; aber Lahorie rief: »Ergreifet ihn!« Zehn Soldaten fielen über ihn her; er war unbewaffnet. Guidal führte ihn nach Laforce.«
»Wenn . . . weiter!«
»Unterdessen hatte Mallet den Platzcommandanten Hullin auf Befehl des Polizeiministers verhaftet, und auf die erste Gegenvorstellung Hallin’s schoß er eine Pistole auf ihn ab und zerschmetterte ihm die Kinnlade. Von da begab er sich zu dem General Doucet, Chef des Generalstabes, zeigte ihm an, daß ihn die neue Regierung in seiner Stellung lasse und ertheilte ihm Verhaftungsbefehle. Da trat plötzlich der Adjutant Laborde vor und fiel dem Redner ins Wort: »Sie sind nicht der General Lamotte, sondern der General Mallet; gestern, vielleicht noch diese Nacht waren Sie Staatsgefangener!«
»Das läßt sich hören,« sagte Napoleon; »es war doch wenigstens Einer, der sich nicht täuschen ließ!«
»Mallet zog seine zweite Pistole hervor,« fuhr Cambacérès fort, »und wollte Laborde niederschießen; aber der General Doucet faßte seinen Arm und schickte Laborde hinaus. Draußen begegnete Laborde dem Generalinspector Pâques, der sich mit dem Platzcommandanten über die Fortschaffung Guidal’s nach Toulon verständigen wollte. Pâques erfuhr zu seinem größten Erstaunen, daß Guidal Senator, Lahorie Polizeiminister, der Corse Boccheciampi Präfect des Seinedepartements, der General Mallet das Oberhaupt der provisorischen Regierung und daß der General Hullin von Letzterem tödtlich verwundet worden sey . . . Fünf Minuten nachher war Mallet verhaftet, und bald darauf kam die Reihe an Lahorie, der so vollständig getäuscht worden war, daß er nicht begreifen konnte, warum man ihn ins Gefängniß abführte . . . Guidal wurde erst gegen Abend verhaftet. Boutreux hielt sich noch acht Tage versteckt.
»Und wer ist jetzt von den Verschwörern noch übrig?« fragte Napoleon.
»Der Oberst Rabbe, dem ein Aufschub bewilligt wurde, und der Corporal Rateau dessen Oheim Generalprocurator in Bordeaux ist.«
»Und die Anderen?«
»Die drei Generale, der Oberst Soulin, der Major Piqueret und vier andere Offiziere sind am 28. October erschossen worden.«
Napoleon blieb eine Weile in Gedanken, dann fragte er zögernd, indem er den Erzkanzler scharf ansah:
»Und wie sind die Verschwörer gestorben?«
»Muthig, Sire, wie es sich für Soldaten geziemt: Mallet mit Ironie, aber mit Ueberzeugung, die Anderen ruhig und entschlossen, aber voll Verwunderung, daß sie mit einem ihnen ganz unbekannten Manne und wegen einer Verschwörung von der sie nichts wußten, in den Tod gehen sollten.«
»Sie glaubten also diese Hinrichtungen gestatten zu müssen, Herr Erzkanzler?«
»Ja, Sire, ich hielt es für meine Pflicht, strenge Gerechtigkeit zu üben, denn das Verbrechen war groß.«
»Von Ihrem Gesichtspunkte hatten Sie vielleicht Recht.«
»Von meinem Gesichtspunkte?«
»Ja, als erste Justizperson des Landes, aber von meinem Gesichtspunkte . . .«
Napoleon hielt inne.
Cambacérès sah den Kaiser fragend an.
»Von meinem Gesichtspunkte,« fuhr Napoleon fort, »das ist vom politischen Gesichtspunkte würde ich anders gehandelt haben.«
»Sire . . .«
»Ich sage: ich würde anders gehandelt haben; ich sage nicht, daß Sie hätten anders handeln sollen.«
»Ew. Majestät würden also die Verschwörer begnadigt haben?«
»Ja, wenigstens die Bethörten, die auf höhern Befehl zu handeln glaubten.«
»Und Mallet?«
»Mallet hätte ich in das Irrenhaus zu Charenton geschickt.
»Was verfügen Ew. Majestät über den Obersten Rabbe und den Corporal Rateau?«
»Morgen Früh sollen sie in Freiheit gesetzt werden,« erwiederte Napoleon, »und merken Sie wohl, lieber Cambacérès: es muß bekannt werden, daß ich wieder in Paris bin . . . Jetzt, gute Nacht, lieber Erzkanzler,« sagte der Kaiser mit einer Vertraulichkeit, deren sich nur seine Günstlinge rühmen konnten; »morgen im Staatsrathe sehe ich Sie wieder.«
Er ging in sein Zimmer und sagte für sich:
»Lahorie . . . ein vormaliger Adjutant Moreau’s! Es würde mich nicht wundern, wenn Moreau mit der englischen Flotte vor dem Havre kreuzte.«
Er hatte sich aber um ein Jahr geirrt; denn im folgenden Jahre kam Moreau von Amerika herüber, um sich am 27. August 1813 bei Räcknitz von einer französischen Kanonenkugel beide Beine abschießen zu lassen.
Napoleon hielt das Versprechen, das er am 5. December seinen Generalen an der russischen Grenze gegeben hatte: am 1Mai stand er mit 300,000 Mann in der Ebene von Lützen. Er würde ein Heer von 500,000 Mann gehabt haben, wenn ihn Preußen nicht verlassen und Oesterreich seine Hand nicht zurückgezogen hätte. Es war daher weder seine noch Frankreichs Schuld, daß er 200,000 Mann weniger hatte.
Am 29. April 1813 waren die ersten Kanonenschüsse gefallen; am 2. Mai machte ihn der Sieg bei Lützen zum Herrn des ganzen linken Elbufers von Böhmen bis Hamburg.
IV.
1815
Sonnabends den 23. September passirte ein großes Kriegsschiff unter englischer Flagge die Linie. Oben am Hauptmast flatterte die Admiralsflagge. Die schwimmende Festung kam von Europa und schien nach Südamerika oder Indien zu segeln.
Am Bord ging’s sehr lustig her. Die Mannschaft feierte ein Fest, das bei dieser Gelegenheit auf den Schiffen aller civilisirten Nationen begangen wird. Die Ceremonie der »Linientaufe« ist im Wesentlichen immer gleich, nur die äußeren Formen sind verschieden.
Am Bord des englischen Kriegsschiffes schien das Commando eingestellt und der Mannschaft übertragen zu seyn. Diese hatte zu ihrem Oberhaupt einstimmig den ältesten Matrosen gewählt und am Fuße des Hauptmastes einen Thron erbaut, aus welchem der Senior der Theerjacken, mit einem Dreizack bewaffnet, mit langem Bart und goldpapierner Krone geschmückt, bereits Platz genommen hatte.
Hier mußte Jeder, der zum ersten Male die Linie passirte, erscheinen und sich vor den Meeresgott hinstellen. Dann wurde ihm das Gesicht mit Theer bestrichen, und nachdem er von den alten Theerjacken weidlich ausgelacht worden, trat einer der Letztern mit einem riesenhaften blechernen Rasiermesser auf ihn zu, und sobald er ihn rasirt hatte, gab er ein Zeichen, und aus einem ungeheuren Bierfaß, das dem berühmten Heidelberger Faß nicht viel nachgab, strömte ein armdicker Strahl von Meerwasser auf das Haupt des Dulders.
Wenn der Passagier, Offizier oder Matrose, in dieser Weise rasirt und »getauft« war, konnte er sich in der Sonne des Erdgleichers trocknen, und der Geheimschreiber des Neptun gab ihm ein Zeugniß, worin die vollzogene Linientaufe bescheinigt wurde. – So kam Einer nach dem Andern an die Reihe.
Mitten in der Ceremonie erschien plötzlich ein französischer Offizier auf dem Verdeck und trat auf den Gott Neptun zu.
»Majestät,« sagte er zu ihm in ziemlich gutem Englisch,»hier sind hundert Goldstücke, die Ihnen der Kaiser Napoleon schickt.«
»Der Kaiser Napoleon?« erwiederte Neptun; »den kenne ich nicht, ich kenne nur den General Bonaparte.«
»Es ist wahr,« versetzte der Offizier lächelnd, »ich kann gar nicht vergessen, daß der General Bonaparte zehn Jahre Kaiser gewesen ist; ich mache nun meinen Fehler wieder gut und sage: Hier sind hundert Napoleons, die der General Bonaparte schickt.«
»Das ist etwas Anderes,« sagte der Meergott, indem er seine breite Hand hinhielt.
Aber eine weiße, feine, aristokrarische Hand fuhr plötzlich zwischen die Hand des französischen Offiziers und die des englischen Matrosen und nahm die hundert Napoleons in Empfang.
»Gehst Sie mir die Börse, Herr General,« sagte der Inhaber dieser aristokratischen Hand; »ich halte es für angemessener, das Geld erst diesen Abend zu vertheilen.«
Der Gott Neptun brummte in den Bart, aber er fügte sich, und die Linientaufe sollte eben fortgesetzt werden, als ein Matrose rief:
»Oh! ein Haifisch unter dem Hinterdeck!«
»Auf den Haifisch!« rufen alle Stimmen.
Der Gott Neptun, der sich aus einmal ganz allein sah, erhob sich von seinem Throne und ging zu den Uebrigen aus das Hinterdeck.
Mit Erlaubniß des Admirals – dessen Anwesenheit durch die am Hauptmast flatternde Flagge angezeigt wurde – bemächtigten sich die Matrosen des Hinterwerks, welches in der Regel bekanntlich nur den Oberoffizieren zugänglich ist.«
Einer von ihnen befestigte ein Stück Speck an einem großen Angelhaken, der an einer eisernen Kette hing, und warf diese ins Wasser.
Der gewaltige Hai, dessen Flossen auf der Oberfläche des Wassers zu sehen waren, tauchte rasch unter. Gleich darauf fühlten die Matrosen, welche die Kette am Steuer befestigt hatten, einen furchtbaren Ruck, und die Kette spannte sich rasch nach einander in drei bis vier verschiedenen Richtungen.
Die Heftigkeit der Bewegungen ließ indeß allmälig nach; man bemerkte etwas Weißes am Ende der noch immer stark gespannten Kette: es war der Bauch des verendenden Haifisches.
Die ganze Schiffsmannschaft brach nun in lauten Jubel aus – noch lauter als in den fröhlichsten Momenten der Linientaufe. Der Lärm lockte einen Mann, der noch nicht erschienen war, auf das Verdeck.
Dieser Mann trug den historisch gewordenen kleinen Hut und die grüne Gardejägeruniform, an welcher der große Stern der Ehrenlegion neben dem Orden der eisernen Krone glänzte. An letzterem war das einfache Ritterkreuz befestigt. Sein Gefolge bestand aus dem General, der die hundert Goldstücke gebracht hatte, und aus einem französischen Seeoffizier.
Der Mann in der grünen Uniform war Napoleon; der General, der ihm folgte, war Montholon, der französische Seeoffizier Las Cases.
Man befand sich am Bord des »Northumberland,« auf welchem der Admiral Cockburn persönlich den Befehl führte. St. Helena war das Ziel der Seereise. Die Matrosen und Offiziere hatten vor der Abfahrt die Weisung erhalten, Napoleon nie anders als »General Bonaparte« zu nennen.
Das Schiss war am 7. August unter Segel gegangen, die Fahrt hatte daher schon 47 Tage gedauert.
Man hatte eben die Linie passirt, aber auf Befehl des Admirals war der »General Bonaparte nebst seinen Begleitern mit der lächerlichen und lästigen Ceremonie der Linientaufe verschont geblieben.
Als indeß der Lärm größer wurde, kam Napoleon auf das Verdeck, um zu sehen was es gab.
Aus einer langen Seereise ist jede Zerstreuung willkommen. Als Napoleon erfuhr, daß man einen Hai gefangen, setzte er sich auf die Kanone, die sein gewöhnlicher Sitz war, und wartete.
Bald darauf verkündete das wiederholte Schreien der Matrosen, daß man den Hai auszog. Dann erschien oberhalb der Schiffswand der mit drei Reihen scharfer Zähne bewaffnete Rachen des Ungethüms, welches endlich vollends auf das Verdeck gezogen wurde. Aber als der Hai niederfiel, wichen die Matrosen schnell zurück, denn keiner wollte dem noch mit dem Tode ringenden Raubfisch zu nahe kommen.
Diese Vorsicht war keineswegs überflüssig. Kaum fand der Hai auf dem Verdeck einen Stützpunkt, so machte er einen Sprung bis zum Fockmast hinaus und biß mit solcher Gewalt in die Laffete einer Kanone, daß seine Zähne in dem Holz stecken blieben. Der Schiffszimmermann benutzte diesen Augenblick, eilte auf ihn zu und gab ihm mit der Art einen furchtbaren Hieb auf den Kopf.
Der Hai riß seine Zähne gewaltsam aus der Laffete los und schwang sich mit einem Sprunge vom Backbord zum Steuerbord. Drei bis vier Matrosen wurden zu Boden geworfen, und einer von ihnen blieb besinnungslos liegen. Die Anderen sprangen auf die Schanzverkleidung oder kletterten wie eine Schaar Affen auf die Wandtaue.
Ein schallendes Gelächter begleitete diese Evolutionen, denen der Mummenschanz der Matrosen ein überaus malerisches Aussehen gab.
Napoleon fand dieses Schauspiel, das mit einem Kampfe Aehnlichkeit hatte, anfangs ganz unterhaltend, aber bald versank er mitten unter dem Lärm und Gelächter in tiefes Nachdenken.
Als er wieder bemerkte, was um ihn vorging, hatte man dem Hai den Kopf abgehauen und den Leib aufgeschnitten. Ein Matrose hielt das Herz des Ungethüms in der Hand, und der Schiffsarzt machte die Umstehenden auf das zähe Leben des Raubfisches aufmerksam, denn das Herz zog sich noch zusammen und der kopflose, aufgeschlitzte Rumpf wand und krümmte sich immerfort.
Napoleon fühlte Mitleid mit diesen gewaltigen Todesqualen, er wandte sich ab und seine Augen begegneten dem Blicke des Grafen Las Cases.
»Kommen Sie,« sagte er, »ich will Ihnen ein Capitel meines italienischen Feldzuges dictieren.«
Las Cases folgte dem Kaiser. Als er eben die Treppe betrat, näherte sich ihm der Capitän Roß und fragte ihn:
»Warum geht denn der General Bonaparte fort?«
»Der Kaiser geht fort,« antwortete Las Cases, »weil er die Todesqualen des Haifisches nicht sehen mag.«
Die Engländer sahen einander erstaunt an. Man hatte ihnen erzählt, Napoleon sey nach jeder Schlacht auf der Wahlstatt umhergegangen, um seine Augen an dem Anblick der Todten und seine Ohren an dem Jammern der Verwundeten zu weiden.
Als das Erstaunen vorüber war, wurde das mit Blutbeschmutzte Verdeck gewaschen und die durch das Erscheinen des Haifisches unterbrochene Linientaufe nahm ihren Fortgang.
Unterdessen dictirte Napoleon das Capitel, wo er die Beschuldigung, er habe die Pestkranken in Jaffa vergiften lassen, ausführlich widerlegt. Dies that Napoleon aus Langweile. Die Hitze war groß, die Seefahrt ohne alle Abwechslung, und im Anfange der Reise kam er selten aufs Verdeck, nie vor dem Frühstück, und wie im Felde. frühstückte er zu unregelmäßigen Stunden. Die Engländer frühstückten immer um acht Uhr, die Franzosen um zehn.
Nach dem Frühstück pflegte Napoleon zu lesen oder sich mit Montholon, Bertrand und Las Cases zu unterhalten. Um vier Uhr kleidete er sich an, ging in den gemeinschaftlichen Salon und spielte eine Partie Schach.
Um fünf Uhr pflegte ihm der Admiral persönlich anzuzeigen, daß das Diner bereit sey. Dann setzte man sich zu Tische. Das Diner des Admirals dauerte gemeiniglich zwei Stunden, also eine Stunde und fünfzig Minuten länger, als Napoleons Diner zu dauern pflegte.
Napoleon stand schon am ersten Tage auf, sobald der Kaffee servirt war; der Großmarschall und Las Cases, die ebenfalls vom Admiral zur Tafel gezogen wurden, standen sogleich auf und folgten dem Kaiser.
Die Verwunderung war groß; der Admiral schien es übel zu nehmen und beklagte sich in englischer Sprache über unartiges Benehmen. Aber Madame Bertrand, die noch in der Thür war, kehrte um und erwiederte ebenfalls in englischer Sprache:
»Herr Admiral, Sie scheinen zu vergessen, daß Ihr Tischgast einst halb Europa beherrscht hat. Wenn er in Paris, Berlin oder Wien vom Tische aufstand, so standest die Könige die bei ihm zu Gaste waren, ebenfalls auf und folgten ihm.«
»Das ist wahr, Madame,« antwortete der Admiral; »aber da wir keine Könige sind und nicht in Paris, Wien oder Berlin speisen, so werden wir’s nicht übel nehmen, wenn der General Bonaparte vom Tische aufsteht; er wird es indeß auch nicht übel nehmen, wenn wir sitzen bleiben«
Seit jenem Tage wurde unbeschränkte Freiheit genommen und gewährt.
Während dieser langen Unterredungen am Bord des »Northumberland« hörte Las Cases aus dem Munde des Kaisers alle in seinen Memoiren erzählten Anekdoten über die Kindheit und Jugend des großen Mannes. Endlich wurde Napoleon des Erzählens überdrüssig, obschon ihm seine Begleiter noch gern zugehört hätten.
Sonnabends den 9. September hatte demnach Napoleon angefangen, die Geschichte seiner italienischen Feldzüge zu dictiren.
Bis auf diese Zerstreuung, die anfangs eine Stande, später zwei bis drei Stunden dauerte, verstrichen die Tage sehr einförmig vom 7. August bis zum 13. October. An diesem Tage sagte der Admiral bei Tische, er hoffe am folgenden Abende um sechs oder sieben Uhr die Insel St. Helena zu sehen.
Diese Nachricht war begreiflich für alle am Bord befindlichen Personen höchst interessant, denn die Seereise hatte bereits siebenundsechzig Tage gedauert.
Am folgenden Tage, als die Gesellschaft bei Tische saß, rief der Matrose im Mastkorbe: »Land!«
Man war schon beim Dessert, man stand auf und ging auf’s Verdeck.
Napoleon trat auf das Vorderdeck und suchte das Land. Ein am Horizont schwebender Nebel war Alles was er bemerken konnte; nur das Auge eines Seemannes konnte in diesem Nebel einen festen Körper erkennen.
Am andern Morgen, als der Tag anbrach, war Jedermann auf dem Verdeck. Das Wetter war heiter, die Insel sehr deutlich sichtbar, denn obgleich man in der Nacht einige Stunden »beigelegt« hatte, war eine bedeutende Strecke zurückgelegt worden.
Gegen Mittag wurden die Anker ausgeworfen; das Schiff war etwa noch eine halbe Seemeile von der Insel entfernt. Es waren hundert und zehn Tage, daß Napoleon Paris verlassen hatte. Die Reise ins Exil hatte also länger als die zwischen Elba und St. Helena liegende zweite Regierung gedauert.
Napoleon, der früher als gewöhnlich aus seiner Cajüte gekommen war, trat auf das Verdeck und nahm die Insel in Augenschein. Keine Ueberraschung, kein Schmerz war in seinem Auge zu lesen, keine Muskel seines Gesichts zuckte: seine Züge schienen aus Erz gegossen, nur in den Mundwinkeln war einige Bewegung wahrzunehmen.
Das Auge wurde indeß keineswegs befriedigt. Man bemerkte eine lange schmale Häuserreihe zwischen hohen, kahlen Felsen. Wie in Gibraltar, war jeder einigermaßen geeignete Platz mit Kanonen besetzt.
Als Napoleon etwa zehn Minuten geschaut hatte, sagte er zu Las Cases:
»Kommen Sie, wir wollen arbeiten.«
Er ging wieder hinunter und begann zu dictiren, ohne daß seine Stimme die mindeste Unsicherheit verrieth.
Als die Anker ausgeworfen waren, fuhr der Admiral sogleich in einer Schaluppe zu der Insel hinüber. Um sechs Uhr kam er sehr ermüdet zurück.
Er hatte die ganze Insel durchwandert, bis er einen passenden Ort gefunden. Unglücklicher Weise mußten Reparaturen, die wohl zwei Monate dauern konnten, vorgenommen werden. Die englischen Minister hatten gemessenen Befehl gegeben, Napoleon erst landen zu lassen, wenn seine, Wohnung bereit seyn würde; allein der Admiral erklärte, er wolle ihn auf seine Verantwortung ausschiffen, da der General Bonaparte durch die lange Seereise wohl ermüdet seyn werde. Abends konnte die Ausschiffung freilich nicht mehr: stattfinden. Der Admiral kündigte daher an, daß am folgenden Tage eine Stunde früher als gewöhnlich gespeist werden solle, um nach dem Diner ans Land gehen zu können.
Als Napoleon am folgenden Tage aus dem Speisesaale kam, fand er alle Offiziere auf dem Verdeck versammelt; auch der größte Theil der Schiffsmannschaft war in Reih und Glied aufgestellt.
Eine Schaluppe war bereit. Napoleon stieg mit dem Admiral und dem Großmarschall ein. Eine Viertelstunde nachher – Montags den 16. October 1815 – betrat erden Boden von St. Helena.
Das Uebrige ist in dem »gefesselten Prometheus« von Aeschylus zu lesen.
V.
Lieschen Waldeck
Zu derselben Stunde, wo Napoleon den Boden des fernen Eilandes betrat, saß in einem Hause unweit des so stark besuchten Städtchens Baden, dessen Heilquellen schon unter Alexander Severus bekannt waren, ein sechzehnjähriges Mädchen, ein Ebenbild von Göthe’s Margarethe, vor ihrem stillstehenden Spinnrade. Das holde Kind lehnte das Köpfchen an die Wand, die Hände ruhten im Schooß, die blauen Augen blickten zum Himmel aus, und der kleine rosige Mund sang leise und mit Wehmuth das in Deutschland so bekannte Lied:
Meine Ruh ist hin,
Mein Herz ist schwer;
Ich finde sie nimmer
Und nimmermehr.
Wo ich ihn nicht hab,
Ist mir das Grab,
Die ganze Welt
Ist mir vergällt.
Mein armer Kopf
Ist mir verrückt,
Mein armer Sinn
Ist mir zerstückt.
Nach ihm nur schau ich
Zum Fenster hinaus.
Nach ihm nur geh’ ich
Aus dem Haus.
Sein hoher Gang,
Sein’ edle Gestalt,
Seines Mundes Lächeln
Seiner Augen Gewalt,
Und seiner Rede
Zauberfluß,
Sein Händedruck,
Und ach sein Kuß!
Sie war so in Gedanken vertieft, daß sie nicht merkte wie die Thür ausging und ein junger Mann von etwa neunundzwanzig Jahren ins Zimmer schaute.
Der Besucher war in der Tracht eines westphälischen Landmanns, aber wer ihn näher beobachtete, bemerkte eine militärische Haltung, die er ungeachtet aller Mühe nicht zu verbergen vermochte: für diesen zugleich schlanken und kräftigen Wuchs paßte nur die Offiziersuniform, und aus den dunkelblauen feurigen Augen sprach kriegerischer Muth.
Das holde Kind sang weiter:
Meine Ruh’ ist hin,
Mein Herz ist schwer;
Ich finde sie nimmer
Und nimmermehr.
Bei dieser Stelle des Liedes war ihre Stimme so wehmüthig, so traurig geworden, daß der Lauscher nicht den Muth hatte, die noch übrigen zwei oder drei Strophen anzuhören. Er trat näher und sagte: »Lieschen!«
Die Sängerin sah sich erschrocken um und erkannte den jungen Mann trotz der Dunkelheit, die sie hatte kommen lassen, ohne die auf der eichenen Truhe bereit stehende Lampe anzuzünden.
»Sie sind’s?« sagte sie mit etwas zitternder Stimme.
»Ja wohl, Lieschen . . . aber was für ein trübseliges Lied singen Sie da?«
»Kennen Sie es denn nicht?«
»Nein,« antwortete er.
»Man sieht wohl, daß Sie ein Franzose sind.«
»Woran denn? etwa an meiner deutschen Aussprache? Sie erschrecken mich fast, Lieschen!«
»O nein, Sie sprechen so gut deutsch wie ein Sachse. Ich meine, man sieht, daß Sie ein Franzose sind, weil dieses Lied in ganz Deutschland bekannt ist; vom Rhein bis zur Oder gibt’s wohl wenige Mädchen, die es nicht singen. Es ist Margarethens Lied von unserm großen Dichter Göthe.«
»Ja, ich weiß es wohl,« erwiederte er lächelnd, und zum Beweise, daß er die Wahrheit sagte, wiederholte er die ersten vier Verse des Liedes. – Dann trat er auf sie zu, reichte ihr die Hand und sagte: »Adieu, Lieschen«
»Wie, adieu?« sagte sie erschrocken.
»Ja, ich muß fort, ich kann nicht länger in Baden bleiben . . . ich muß weiter in das Innere von Deutschland . . .«
»Sind Sie wieder in einer neuen Gefahr?«
»Ich bin, wie jeder Geächtete, in Gefahr, verhaftet, zum Tode verurtheilt, erschossen zu werden . . . sonst habe ich nichts zu fürchten,« setzte er lächelnd hinzu.
»O, mein Gott,« sagte das junge Mädchen, die Hände faltend, »das kann ich mir gar nicht denken.«
»Haben Sie denn vergessen, was ich vor drei Tagen sagte, als ich in diese Thür trat, die mir der Zufall . . . oder vielmehr die Vorsehung aufthat? meine ersten Worte waren: »Mich hungert und dürstet . . . ich bin ein Geächteter!«
»Aber vorgestern sagten Sie mir doch, Sie hätten einen sichern Zufluchtsort gefunden . . .«
»Lieschen, jetzt muß ich’s Ihnen gestehen: mit dem Zufluchtsorte meinte ich dieses Haus.«
Lieschen sah den Geächteten erschrocken an.
»Dieses Haus?« erwiederte sie. »Sie haben sich ohne Erlaubniß meines Vaters hier im Hause versteckt?«
»Beruhigen Sie sich, Lieschen; ich will dieses Haus jetzt verlassen . . . aber zuvor will ich Ihnen sagen, wie ich hereingekommen bin und wen Sie aufgenommen haben.«
Lieschen schob ihr Spinnrad mit dem Fuße zurück, legte die Hände in den Schooß und sah den Gast zugleich freundlich und unruhig an.
»Ich war mit Napoleon auf der Insel Elba. Er schickte mich nach Frankreich, um Vorbereitungen für seine Rückkehr zu treffen. Ich setzte mich mit dem Obersten Labedoyère und mit dem Marschall Ney in Verbindung. Beide sind erschossen worden; ich bin ebenfalls verurtheilt, aber ich ward bei Zeiten gewarnt, und um der Verhaftung zu entgehen, entfloh ich nach meiner Vaterstadt Straßburg, wo ich beinahe einen Monat bei einem Freunde verborgen blieb. Vor vier Tagen indeß erfuhr ich, daß mein Aufenthalt entdeckt sey; ich flüchtete mich in dieser Verkleidung aus der Stadt und über den Rhein.
So kam ich auf Umwegen nach Baden. Meine Absicht war, weiter zu gehen, denn ich habe in Deutschland eine sehr wichtige Angelegenheit; aber ich sah Sie, Lieschen . . . und blieb hier, ohne an die möglichen Folgen meines Verweilens zu denken . . .«
»Ich glaubte, Sie wären fort; aber ich freute mich Sie am andern Tage wieder zu sehen . . . ich fragte Sie nicht, warum Sie geblieben waren . . .«
»Warum ich geblieben war?« erwiederte der Flüchtling und sah das holde Kind, das ihm so aufrichtig gestand, wie sie sich gefreut ihn wieder zu sehen, mit feurigen Blicken an. »Ich will’s Ihnen sagen. Ich hatte mich auf den Boden des Stallgebäudes geflüchtet, Niemand hatte mich gesehen. Inder Nacht wollte ich fort; aber während ich hinausschaute und in Gedanken von Ihnen Abschied nahm, erschienen Sie am Fenster, Lieschen . . Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß Sie schön sind; aber als Sie am offenen Fenster im Mondschein standen, bezauberten Sie mich.«
Lieschen erröthete, trotz der Dunkelheit, und schlug die Augen nieder.
Der Flüchtling fuhr fort: »Sie hielten einen Rosenstrauß in der Hand; ich weiß nicht was Sie dachten, aber Sie glaubten, ich sey längst fort; Sie schauten nach dem Wege hin, den ich hätte gehen müssen, wenn ich nicht geblieben wäre; Sie pflückten die Rosenblätter ab und warfen sie weg . . . nach dem Schwarzwalde hin, wo ich nach Ihrer Meinung schon seyn mußte.«
»Da haben Sie sich geirrt,« erwiederte Lieschen; »ich pflückte die Rosenblätter ab, und der Wind trieb sie fort.«
»Nun, dann hat der Wind die Rosenblätter dem Schwarzwalde zugetrieben, denn es war Westwind . . . Sie blieben lange am Fenster, und ich sah Sie an. Als sich endlich Ihr Fenster schloß, fühlte ich meine Füße gefesselt, ich hatte nicht mehr den Muth fortzugehen.«
»Aber heute wollen Sie doch fort . . .« sagte Lieschen mit einem Seufzer.
»Hören Sie,« erwiederte der Flüchtling »Heute sah ich französische Gendarmen in der Nähe der Stadt und zweifle nicht, daß sie mir auf der Spur sind.«
»Mein Gott! was ist zu thun?« sagte Lieschen.
»An mir liegt wenig,« versetzte der Flüchtling; »aber die Entdeckung eines vermeinten Verschwörers in Ihrem Hause würde Ihren Vater und zumal Sie in Gefahr bringen, denn Sie haben meine Anwesenheit geheim gehalten.«
»Ich war um so lieber bereit dazu, da mein Vater, der sonst so gut, so mitleidig ist, aus einem mir unbekannten Grunde einen unversöhnlichen Haß gegen die Franzosen hegt; ich habe oft gesehen, daß ihn der Anblick Ihrer Landsleute in den größten Zorn versetzte. Wenn Sie indeß hier sicherer zu seyn glauben als anderswo, so bleiben Sie.«
»Lieschen, Sie sind ein Engel! . . .«
»Ein Menschenleben ist in den Augen Gottes so kostbar, daß er mir gewiß verzeihen wird.«
»Gutes Mädchens . . . Aber es ist nicht nur die Gefahr, die mich von Ihnen entfernt, sondern auch die erwähnte wichtige Angelegenheit Ich gehe nach Baiern.«
»Nach Baiern?« wiederholte Lieschen, die aufmerksamer wurde.
»Ja . . . ich suche ein junges Mädchen, schön wie Sie, aber minder glücklich. Sobald ich diesen Auftrag erfüllt habe, bin ich frei. . . und wie sehr ich auch an der französischen Grenze in Gefahr bin, so werde ich doch wieder kommen, das schwöre ich Ihnen.«
»Wann?« fragte Lieschen.
»Wann? das weiß ich noch nicht; aber ich hoffe, in drei Monaten . . .«
»Ja drei Monaten?« erwiederte Lieschen erfreut.
»Ja, Lieschen, versprechen Sie mir, daß Sie mich dann wieder erkennen wollen?«
»Sie stellen mein Gedächtniß auf keine schwere Probe; ich pflegt mich meiner Freunde länger als drei Monate zu erinnern.«
Es schlug sieben. Der junge Offizier zählte die Glockenschläge.
»Sieben Uhr!« sagte Lieschen; »mein Vater ist heute nach Carlsruhe gereist, und wird nicht lange mehr ausbleiben.«
»Ja,« erwiederte der Flüchtling; »ich muß ohnehin fort.«
Er trat an das offene Fenster, von welchem man die Aussicht auf die nahe Gebirgskette hatte.
»Sie kennen den Weg, den Sie nehmen müssen?« fragte Lieschen schüchtern.
»Ja,« antwortete der junge Offizier; »aber ich betrachte nicht den Weg, den ich gehen muß, um fortzugehen, sondern den Weg, auf welchem ich gekommen bin.«
»Armer Verbannter! ich weiß wohl, Baden ist beinahe noch Frankreich, Ihr Vaterland, und jeder Schritt, den Sie machen werden . . .«
»Wird mich von Frankreich und von Ihnen entfernen; ja, Sie haben Recht, Lieschen . . . Es ist sonderbar,« setzte er mit tiefer Wehmuth hinzu; »ich habe fast immer außerhalb meines Heimatlandes gelebt, und ich habe es nur von Zeit zu Zeit wieder gesehen, wie der Matrose, dessen Leben zwischen Himmel und Wasser verstreicht, von Zeit zu Zeit eine Insel betritt, vor welcher das Schiff ankert. Vom zwölften bis zum fünfzehnten Jahre war ich in Italien, vom fünfzehnten bis zum zwanzigsten in Tirol und Deutschland,vom zwanzigsten bis zum fünfundzwanzigsten in Illyrien, Oesterreich und Böhmen, vom fünfundzwanzigsten bis zum siebenundzwanzigsten in Polen und Rußland. Ich habe mich noch nie zuvor mit Bedauern von der französischen Grenze entfernt, ich folgte meiner Fahne und meine Augen waren nur auf die Schwingen des Adlers gerichtet; aber heute fühle ich, wie theuer mir Frankreich ist, das ich verlassen muß . . . Es ist eine Thorheit, aber ich würde ein Jahr von meinem Leben mit Ihrer Liebe, ja zehn Jahre ohne Ihre Liebe hingeben, um noch einmal die Spitze des Straßburger Münsters zu sehen!«
»Ja, ich verstehe, es wäre Ihr Vaterland.«
»Sie können sich keinen Begriff machen von dem Bewußtsein: ich stehe allein in der Welt, Vater, Mutter, Bruder, Alle, die mir im Leben theuer waren, sind todt! Alle meine Zuneigung, alle meine Liebe und Verehrung hatte ich einem Manne gewidmet. Dieser Mann ist gestürzt, von solcher Höhe herab gestürzt, daß er mich in seinem Sturz nicht sah. Ich wollte ihm nach St. Helena folgen, wie ich ihm auf die Insel Elba gefolgt war, aber die Engländer wiesen mich ab. Ich kehrte nach Frankreich zurück. . . und wurde als Verschwörer zum Tode verurtheilt. Ich war des Lebens überdrüssig, und würde mich, trotz meiner größeren Vermögensverhältnisse, vielleicht freiwillig ausgeliefert haben, wenn ich den Trost gehabt hätte, von einem befreundeten Herzen bedauert zu werden.«
»Sie hatten gar keinen Freund?«
»Meine Freunde waren meine Waffenbrüder; ich sah sie auf allen Schlachtfeldern Europas fallen, die Ueberlebenden sind geächtet, wie ich, umherirrend in den Ländern, die sie erobert hatten.«
»Keine Geliebte?« fragte Lieschen schüchtern.
»Eine Geliebte? Wie hätten wir bewaffneten Wanderer an Liebe denken können? Wir marschirten im Sturmschritt durch Europa, und eine Stimme, die stets unbedingten Gehorsam fand, wiederholte unablässig: Vorwärts! Marsch!Es ist unglaublich aber wahr; ich bin bald dreißig Jahre alt, und mein in den Schrecknissen des Krieges abgehärtetes – Herz ist noch für sanfte Gefühle empfänglich . . . nachdem ich gelitten wie ein Mann, fühle ich mich noch fähig zu lieben wie ein Kind.«
»Mein Gott!« rief Lieschen, ihn unterbrechend, »hören Sie . . . auf der Landstraße ein Wagen! . . . Es ist, mein Vater, der von Carlsruhe kommt.«
»Das heißt: ich muß fort.«
Sie reichte dem jungen Offizier die Hand.
»Freund,« sagte sie, »wie gern würde ich Ihnen sagen: bleiben Sie!«
Der Flüchtling hielt die dargebotene Hand fest »Lieschen,« sagte er, »ich will fort, ich muß . . . aber bevor ich gehe, habe ich Sie noch um etwas zu bitten: lassen Sie mich nicht fortgehen, ohne ein Andenken an Ihr Mitleid, das mir so wohl thut. Vor drei Tagen würde ich für jedes Rosenblatt, das Sie ausstreuten, ein Jahr meines Lebens gegeben haben. Sie tragen Veilchen bei sich, ihr Duft erfüllt das ganze Zimmer . . . geben Sie mir die Blumen,und ich gehe.«
»Veilchen!« sagte Lieschen traurig.
»Ja, sie sollen ein Talisman seyn, der mich auf der Flucht beschützen wird.«
»Ein trauriger Talisman! Wissen Sie, wo diese Veilchen, wo die Rosen, von denen Sie so eben sprachen, gepflückt sind?«
»Dann liegt mir wenig; genug, daß Sie sie berührt haben.«
»Sie sind auf dem Friedhofe gepflückt,« fuhr Lieschen traurig fort, »auf dem Grabe meiner Schwester, die vor drei Jahren gestorben ist. Ich pflücke dort jeden Morgen, solange der Frost sie verschont, einige Blumen, deren Duft mich den ganzen Tag umgibt, und ich glaube dann von dem Geiste meiner armen Schwester umschwebt zu seyn.«
»Ich nehme meine Bitte zurück.«
»Nein, hier sind die Veilchen . . . Jetzt gehen Sie.«
»Tausend Dank, Lieschen! . . . Ich gehe in eine neue Verbannung: aus Frankreich war ich schon längst verbannt, und nun trennt mich das Schicksal auch von Ihnen . . . aber ich werde wiederkommen; vergessen Sie nicht für mich zu beten!«
»Ach! für wen soll ich beten? . . ich weiß ja Ihren Namen nicht«
»Beten Sie für den Capitän Richard.«
»Gehen Sie . . . gehen Sie! Mein Vater kommt!«
Der junge Offizier faßte Lieschens Hand, drückte einen feurigen Kuß darauf und eilte aus einer Thür, während sich die andere aufthat.
»Auf Wiedersehen!« sagte er, »es würde mir zu weh thun, Ihnen Lebewohl zu sagen.«
VI.
Der Pastor Waldeck
Lieschen blieb allein, und vielleicht zum ersten Male in ihrem Leben eilte sie ihrem Vater nicht entgegen, als sie ihn kommen hörte. In dein Augenblicke, als sich der junge Offizier entfernt hatte, waren ihre Kräfte geschwunden, sie war neben der Thür, aus welcher sich der Flüchtling entfernt hatte, auf einen Sessel gesunken.
Der alte Mann fand es auffallend, daß ihm seine Tochter nicht entgegenkam oder ihn wenigstens erwartete; er ging einige Schritte im Dunkeln vorwärts und stand dann lauschend still.
»Lieschen!« sagte er nach einer Weile, als er nichts hörte, halb rufend halb fragend.
Durch die Stimme ihres Vaters aus ihren Träumen geweckt, sprang sie auf und eilte auf ihn zu.
»Hier bin ich, Vater.«
»Komm hierher,« sagte der Pastor etwas erstaunt, und streckte die Hand aus. »Komm hierher, mein Kind, und küsse mich: erst für Dich und dann für deine Schwester, die nicht mehr da ist.«
Das junge Mädchen schlang die Arme um den Nacken des Greises.
»O ja . . . ja, Vater!« sagte sie unter dem Eindruck des doppelten Gefühls, das ihr Herz erfüllte. »O ja-Vater, ich will Alles thun, um Dir die Verblichene zu ersetzen!«
Sie nahm ihm Mantel und Stock ab, warf den erstern auf einen Sessel und stellte den letzteren in einen Winkel. Der Alte folgte ihr mit den Augen, als hätte er sie sehen können.
»Warum hast Du denn kein Licht, Lieschen?« fragte er.
»Ich hatte vergessen, die Lampe anzuzünden,« antwortete sie mit etwas unsicherer Stimme.
»Und Du bist so allein im Dunkeln geblieben?«
»Ich träumte,« stammelte sie.
Der Pastor seufzte; zum ersten Male glaubte er in der Stimme seiner Tochter eine gewisse Verlegenheit zu bemerken.
Sie machte Licht und zündete die Lampe an. Das schöne,ernste Gesicht des etwa sechzigjährigen Greises ward nun sichtbar. Man sah es ihm auf den ersten Blick an, daß er viel gelitten hatte; aber der Ausdruck des Gesichts war sanft und wohlwollend, die Herzensgüte vereinigte sich in feinen Zügen mit dem Ausdruck der Trauer, den die überstandenen Leiden zurückgelassen hatten.
Seine Tochter machte nicht dieselben Bemerkungen wie wir, sie war an den wehmüthig ernsten Ausdruck seines Gesichts gewöhnt; sie glaubte ihren Vater sogar heiterer als gewöhnlich zu finden. Sie bemerkte, daß er einen kleinen, aber dem Anschein nach schweren Sack in der Hand hielt und fragte mit naiver Neugier:
»Was hast Du da mitgebracht, Vater?«
Der Pastor sah sie noch heiterer an.
»Was ich mitgebracht habe?« fragte er lächelnd.
»Ja.«
Er hob den Sack auf-
»Deine Mitgift. mein Kind.«
»Meine Mitgift?« sagte Lieschen erstaunt.
Der Pastor reichte ihr den Sack.
»Heb ihn auf,« sagte er.
Lieschen hätte den Sack, den ihr Vater losließ, beinahe fallen lassen.
»O, wie schwer!« sagte sie
»Nicht wahr?« sagte der alte Mann frohlockend; »es sind zweitausend Thaler darin.«
»Zweitausend Thaler!« wiederholte das holde Kind traurig. »Darum also legst Du Dir so viele Entbehrungen auf!«
»Was für Entbehrungen?« fragte der Pastor.
»Darum also arbeitest Du über deine Kräfte? . . .«
»Du bist nicht bei Trost! wo siehst Du denn, daß ich so viel arbeite?«
»Du besorgst ja unsern Weingarten ganz allein . . .«
»Mein Kind,« erwiederte der Greis lächelnd, »der Weinberg ist ein Gleichniß aus dem Evangelium, und schon deshalb kann ich in dem meinigen nicht zu viel arbeiten.«
»Aber Du opferst Dich für mich auf, Väterchen, und darüber mache ich Dir einen Vorwurf,« sagte Lieschen beinahe ernst.
»Mir . . .«
»Ja, Du hast mich zu lieb.«
»Sage das nicht, mein Kind,« erwiederte der Greis, indem er sie auf seinen Schooß zog; »ich will Dir das Gegentheil beweisen.«
»O! das möchte ich doch hören.«
»Erinnerst Du Dich denn nicht, daß ich schon vor drei Jahren eine gleiche Summe erspart hatte?«
»O ja, aber . . .«
»Ich hatte damals wie jetzt eine Summe von zweitausend Thalern; aber es kam der furchtbare Winter von 1812 und 1813 Du warst damals erst vierzehn Jahre alt, ich dachte, die Armen sind auch meine Kinder und Du könntest wohl noch warten, denn der liebe Gott gab Dir ja das tägliche Brot, die Armen hingegen darbten in dem kalten Winter . . .«
»Lieber, guter Vater!«
»Erinnerst Du Dich noch?« fuhr der alte Mann fort, indem er sein Kind zärtlicher an sich zog: »es war an einem Novemberabende, der Wind heulte, der Regen schlug an die Fenster, und wir saßen in guten behaglichen Kleidern am warmen Ofen . . . Du saßest dort, ich hier; erinnerst Du Dich noch, Lieschen?«
»O ja, Vater.«
»Ich war in Gedanken versunken,« fuhr der Pastor fort: »Du hieltest dein Spinnrad an und fragtest mich: Woran denkst Du denn, Väterchen? – Ich denke an die Nothleidenden, antwortete ich, an die Armen, die weder Brot noch Feuer haben . . . Da standest Du auf und gingst an den Schrank, nahmst den Sack mit den zweitausend Thalern heraus und brachtest mir ihn. Wir verstanden uns, Du liebes Herzenskind! Ich nahm Dir den Geldsack aus der Hand und ging fort. Am andern Morgen hatte schön Lieschen keine Mitgift mehr, aber sechzig Arme hatten Holz, Brot und Kleider für den ganzen Winter.«
»Ja wohl,« sagte das holde Kind, »Du wurdest mit Segenswünschen überhäuft, an denen der liebe Gott gewiß ein Wohlgefallen fand.«
»Ja, mein Kind, denn nach zwei Jahren war ich wieder im Besitz einer gleichen Summe; aber jetzt bist Du nicht mehr vierzehn, sondern siebzehn Jahre alt, und ich verspreche Dir, daß dieses Geld seiner Bestimmung nicht entzogen werden soll. . Du müßtest denn einen reichen Cavalier oder einen schmücken Junker erobern, wie es in den Märchen und Romanen zuweilen vorkommt.«
»Hältst Du das für möglich?« fragte Lieschen hastig.
»Warum nicht? Du bist ja verständig, sittsam und schön wie Griseldis . . . und Griseldis wurde die Gemalin des Grafen Percival.«
»O, so weit brauchen wir die Freier nicht zu suchen, Väterchen! Meine arme Schwester Margarethe hat ja mehr als Einen abgewiesen: zuerst den Heidelberger Studenten, dann den Sohn des Frankfurter Banquiers . . . und endlich gar einen Baron . . . den Baron von Offenburg . . .«
Der alte Mann seufzte.
»O, ich verspreche Dir, Väterchen,« fuhr das naive Mädchen fort, ohne die Betrübniß ihres Vaters zu bemerken, »ich verspreche Dir, daß ich nicht so große Ansprüche machen werde.«
»Ja, ja,« antwortete der alte Mann mit Wehmuth, »Du wirst mit Gottes Hilfe einen Mann finden, der Deiner würdig . . . Einstweilen nimm den Sack, wie schwer er auch ist, und trage ihn in den Schrank, der neben meinem Bett steht. »Hier ist der Schlüssel.«
»Und dies soll meine Mitgift seyn?« erwiederte Lieschen lachend; »es müßte denn, wie Sie so eben sagten . . .«
»Es müßte sich denn ein Freier mit deinen klaren, freundlichen Augen und deinen rosigen Wangen begnügen. In diesem Falle würdest Du deine Mitgift nicht von mir, sondern von dem lieben Gott erhalten.«
Lieschen zündete einen Wachsstock an der Lampe an und trug den schweren Sack fort.
Der Pastor schaute ihr mit zärtlichen, gerührten Blicken nach.
»Ich habe ihr nicht gesagt,« sprach er zu sich selbst, »daß mir drei Thaler an den zweitausend fehlen . . . einen Thaler habe ich einer armen alten Frau und zwei einem armen Gichtbrüchigen gegeben. Der Heiland wandelt nicht mehr auf Erden, um einem solchen Unglücklichen sagen zu können: Stehe auf, wirf deine Krücke weg und geh . . . Aber ehe die Woche zu Ende ist, hoffe ich die drei Thaler ersetzen zu können; die Mitgift ist dann wieder vollständig, und mein armes Lieschen mag glücklich werden, wenn sich ein Mann findet, der dieses Engels würdig ist . . . Der Himmel ist mir diesen Ersatz wohl schuldig,« setzte er mit wehmüthigem Lächeln hinzu, als ob er noch zweifelte, daß so vielem Kummer, wie er gehabt, noch ein ungetrübtes Glück folgen könne.
Während er gedankenvoll vor sich hinblickte, kam sein Töchterlein wieder.
»Lieber Vater,« sagte Lieschen, »ich habe das Geld in den Schrank gelegt, und hier ist der Schlüssel.«
»Gut, mein Kind . . Jetzt glaube ich, daß es Zeit ist, an das Abendessen zu denken. Was meinst Du?«
»Ja, Vater,« antwortete Lieschen zerstreut.
Sie ging der Thür zu, stand aber still und schien tief in Gedanken. Der alte Mann blickte ihr nach.
»Nun, was fehlt Dir?« fragte er.
»Mir? nichts,« antwortete sie.
Sie begann den Tisch zu decken; aber plötzlich hielt sie inne, stützte beide Hände auf den Tisch und sah ihren Vater an.
»Komm her, Lieschen,« sagte er, mit der Hand winkend.
Lieschen hüpfte sogleich auf ihn zu, als ob dieser Befehl einem Wunsche ihres Herzens entsprochen hätte.
»Hier bin ich, Vater.«
»Bist Du krank?« fragte er.
»Nein,« sagte sie, den Kopf schüttelnd.
»Aber Du bist nachdenkend, zerstreut . . .«
»Ja, Vater, ich habe Dir etwas zu sagen . . . aber zum ersten Male in meinem Leben bin ich verlegen . . . ich getraue mich nicht. . .«
»Sprich, mein Kind,« sagte der Pastor unruhig; »ich bin ja derselbe gütige, nachsichtige Vater, der ich immer war. . . Du hast mir gewiß nichts vorzuwerfen.«
»Wer weiß? Vielleicht eine gute Handlung, die man aber leicht übel deuten kann.«
»Eure gute Handlung? Wie kannst Du Dir denn einen Vorwurf daraus machen?«
»Nicht aus der guten Handlung an sich,« erwiederte Lieschen, »aber aus dem Geheimniß, das ich daraus gemacht habe, und . . . und wegen der Person, der ich gefällig gewesen bin.«
»Laß hören; was ist’s?«
»Du sagtest mir oft, Väterchen, daß unsere Vorfahren lange und grausame Verfolgungen wegen ihres Glaubens erduldet haben . . .«
»Ja wohl zu Luther’s Zeiten und im dreißigjährigen Kriege.«
»Und oft hast Du mir mit Thränen erzählt, wie Manche ihre Freiheit, ihr Vermögen, selbst ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, um Verfolgten eine Zuflucht zu bieten.«
»Ja, aber zum Lohn für das was sie auf Erden gewagt hatten, wird Gott sie im Himmel belohnt haben-
»Du würdest mir also nicht zürnen, lieber Vater, wenn ich Mitleid gehabt hätte mit einem Menschen, der in ähnlicher Weise verfolgt, aus seiner Heimat vertrieben worden wäre?«
»Mit einem Geächteten?«
»Ja, Vater.«
»Und wo ist der Geächtete?«
»Vor einer kleinen Weile war er hier. . . jetzt ist er hoffentlich schon weit von hier.«
»Und um von dem Unglücklichen zu sprechen, hast Du gewartet bis er fort ist?««
»Verzeihe mir, Vater,« sagte Lieschen zögernd; »aber der Unglückliche war. . .«
»Ich errathe, erwiederte der Pastor; »er war ein Franzose, nicht wahr?«
»Ja Vater. . . ein Franzose, der unter dem Kaiser Napoleon gedient hat und ihm bei der Rückkehr von der Insel Elba behilflich gewesen ist; er wird nebst vielen Anderen verfolgt, und ist über die Grenze entflohen.«
»Du hast recht gethan, ihm eine Zuflucht zu bieten; aber es war nicht recht von Dir, an meinem Mitleid zu zweifeln.
»Nicht wahr, Vater, Du würdest ihn aufgenommen haben?«
»Allerdings; das Haus eines Dieners der Religion ist ja der natürliche Zufluchtsort der Unglücklichen und Verlassenen . . . Wie alt war der Franzose?«
»Wie alt?«
»Ja.«
»Neunundzwanzig bis dreißig Jahre.«
»Also ein junger Mann.«
»Hätte ich ihn denn fortweisen sollen, weil er jung war?« fragte Lieschen
»O nein,« sagte der Pastor, indem er seine Tochter unruhig ansah.
»Warum siehst Du mich so an, lieber Vater?« fragte Lieschen
»Ich suche etwas,« antwortete er.
»Was denn?«
»Was hast Du mit den Veilchen gemacht, die Du diesen Morgen auf dem Grabe deiner Schwester gepflückt hast?«
»Ich könnte Dir sagen, Vater, ich hätte sie verloren, antwortete das holde Kind, »aber Gott behüte mich, daß ich meinen guten Vater belüge . . . der Fremde bat mich um die Blumen, und ich gab sie ihm.«
»Lieschen! Lieschen!« sagte der Greis kopfschüttelnd, »bis jetzt habe ich meine Tochter ein Muster aller Mädchen der Stadt genannt!«
»Ich errathe was Du meinst, lieber Vater, und ich antworte Dir ohne Erröthen, der Fremde bat mich um die Blumen, und ich gab sie ihm als ein Andenken meiner Freundschaft.«
»Wirst Du ihn nicht wiedersehen?« fragte der Pastor Waldeck.
»Wahrscheinlich nicht. . . er sagte freilich er werde in drei Monaten wieder kommen.«
»Sey auf deiner Hut, mein Kind!« warnte der Vater.
»Vor ihm? O nein, Vater!«
»Seine Landsleute haben uns viel Unglück gebracht!«
»Was meinst Du, lieber Vater?« -
»Ich meine, es ist heute der 16. October, der Todestag unserer armen Margarethe . . . Wir tragen zwar keine Trauerkleider mehr, aber die Hand der Zeit, wie rauh und schonungslos sie auch war, hat die Trauer noch nicht aus unseren Herzen verwischt.«
»Nein, Vater, und Gretchens Zimmer ist noch so, wie es bei ihrem Tode war.«
»Sie ist nun im Himmel, ihrer wahren Heimat,« setzte der Greis hinzu. »Du fragtest mich soeben um die Ursache meines Franzosenhasses; ich will Dir’s an dem heutigen Trauertage sagen; ich will Dir erzählen wie uns Margarethe entrissen wurde und auf welchem Schmerzenswege sie zum Himmel eingegangen ist.«
»Was ist denn meiner Schwester so Schreckliches geschehen, das Dich noch drei Jahre nach ihrem Tode so tief ergreift?«
»Was ihr geschehen ist, liebes Kind? Ich wollte Dir ein ewiges Geheimniß daraus machen; aber was Du mir von dem französischen Flüchtling, von seiner versprochenen und vielleicht erwarteten Rückkehr erzählt hast, macht mir zur Pflicht, Dir nichts zu verschweigen. Du sollst daher Alles wissen, mein Kind. Wenn der Franzose wieder kommt, werde ich Dir sagen: Erinnere Dich! —wenn er nicht wieder kommt,werde ich sagen: Vergiß!«
»O, sprich, Vater! Erzähle mir Alles.«
Der Pastor Waldeck stützte eine Weile den Kopf in die Hand, als ob er in die Vergangenheit zurückblickte; dann begann er:
VII.
Rückblick
»Wir müssen sieben Jahre in die Vergangenheit zurückgehen, liebes Kind,« sagte der Greis. »Du warst damals ein kleines Mädchen, das mit der Puppe spielte; da hieß es auf einmal, die Franzosen rückten von Regensburg und die Oesterreicher von München an . . .«
»O, ich erinnere mich recht gut, Vater. . .ich sehen doch auf der Höhe von Abensberg, neben den Burgruinen das kleine freundliche Haus mit den Weinreben über der Thür und den Apfelbäumen im Garten.«
»Erinnerst Du Dich auch noch des Tages, wo die Oesterreicher einzogen?«
»O ja, sehr gut. . . ich war mit meinem Freunde Staps und mit meiner Schwester Margarethe im Wohnzimmer als auf einmal die Trommeln wirbelten. . . Zugleich zogen Studenten singend vorüber. Staps, der bei meiner Schwester saß, stand auf, und gab den Sängern ein Zeichen. . .Vater, was ist denn aus unserem Freund Staps geworden?«
»Er ist erschossen worden.«
»Erschossen!« rief Lieschen erblassend.
»Ja, erschossen.«
»Wo denn?«
»In Wien.«
»Warum denn?«
»Weil er dem Kaiser Napoleon nach dem Leben getrachtet hatte.«
»O mein Gott!« sagte Lieschen den Kopf in die Hand stützend. »Der arme Staps! Aber es war auch ein großes Verbrechen. Warum wollte er denn den Kaiser Napoleon ermorden?«
»Napoleon war in seinen Augen der Unterdrücker Deutschlands. Ueberdies war er Mitglied einer geheimen Gesellschaft, deren Geboten er unbedingt gehorchen mußte.«
»Dann bat er wahrscheinlich in Abensberg auf den Kaiser geschossen? nicht wahr, Vater?«
»Ich will ihn nicht verdammen, mein Kind . . . obgleich unser Unglück mit jenem Tage begann, wo Abensberg geplündert und in Brand gesteckt wurde.«
»Ja, Du wurdest verwundet, Vater; man fand Dich unter den Todten . . . und von jenem Tage an bis an ihr Ende sah man Margarethe fast immer weinen. Was war denn geschehen? Wenn ich davon sprechen wollte, sagtest Du später, mein Kind . . . später sollst Du Alles erfahren.«
»So höre, mein Kind. Napoleon dachte vielleicht kaum an die Kugel, die ihm durch den Hut gedrungen war; aber der General Berthier sah ein Verbrechen darin, das eine exemplarische Bestrafung verdiene: er befahl einem Regiment, das bereits geräumte Dorf wieder zu besetzen, den Thäter zu ermitteln und alle Einwohner für den Mordversuch verantwortlich zu machen.«
»Das Regiment rückte ein, um den furchtbaren Befehl zu vollziehen; aber die Oesterreicher hatten inzwischen das Dorf schon wieder besetzt. Abensberg scheint ein sehr wichtiger Punkt gewesen zu seyn. Die Franzosen griffen das Dorf mit Ungestüm an, die Oesterreicher vertheidigten es hartnäckig. Es war ein furchtbarer Kampf . . .«
»O, ich erinnere mich, Vater. Du brachtest meine Schwester und mich in den Keller. Margarethe weinte und wollte Dich nicht verlassen. In den Straßen wurde gekämpft, wir hörten das Schießen und das Aechzen der Sterbenden, das Jammern der Verwundeten. . . Ja, Du hast Recht,Vater, es war ein Schreckenstag.«
»Unser Haus zumal war verrammelt wie eine Festung, und ich war da . . . mitten unter den Kämpfendem die ihre Pflicht thaten . . . nur ich, der Mann des Friedens, der alle Menschen für Brüder, für Kinder Eines Vaterlandes hält, ich schüttelte den Kopf und betete für Freund und Feind, für Oesterreicher und Franzosen. Sie verstanden mich nicht, die armen Verblendeten: sie glaubten, da ich nicht auf ihrer Seite war, müsse ich ihr Gegner seyn. Sie drangen mir ein Gewehr auf und trieben mich ins Feuer.«
»O, mein Gott!« sagte Lieschen erblassend; »und Alles dies geschah über unsern Köpfen!«
»Ja, mein Kind; aber mitten im Kugelregen sagte ich: »Herr, Du bist groß, Du bist allmächtig und barmherzig! Gib, daß die Menschen, die sich das Leben nehmen, sich einst den Bruderkuß geben! Gib, daß man Dich nicht mehr den Gott des Krieges, sondern den Gott des Friedens nenne. . .« Plötzlich wankte ich mitten in meinem Gebet; die Stimme versagte mir, es ward mir dunkel vor den Augen, und ich sank blutend zu Boden: ich war von einer Kugel in die Brust getroffen.«
»Lieber Vater!« sagte Lieschen, dem Greise um den Hals fallend und mit so herzzerreißendem Tone, als ob er erst eben verwundet worden wäre.
»Ehe sich meine Augen schlossen,« fuhr der Pastor Waldeck fort, »sah ich deine Schwester, die ihren Schlupfwinkel verlassen hatte und mir in ihrer Verzweiflung zu Füßen sank . . . O, ich kann nicht beschreiben was ich in jener Minute litt, die das Leben von der Ohnmacht, den Tag von der Nacht trennt! Ich glaubte, es sey aus mit meinem Leben und die Hand des Todes berühre mich. Ich streckte die Hände nach meiner Tochter aus, die ich noch wie durch einen blutigen Schleier bemerkte; ich versuchte ihren Namen zu stammeln, sie zu berühren, zu segnen, aber die Kraft fehlte mir; Alles verschwand und ich verlor die Besinnung.«
»Mein Gott!« stammelte Lieschen.
»Wie lange ich bewußtlos blieb, weiß ich nicht . . .aber als ich die Augen aufschlug und wieder zum Bewußtsein kam, war ich unglücklicher und konnte mich schwerer zum Leben entschließen, als ich mich zum Sterben entschlossen hatte . . . O! es war wirklich der Krieg mit allen seinen Gräueln und Schrecknissen, mit seinem Gefolge von Verbrechen. Man hatte mich mitten unter den Todten, mit einem Gewehr in der Hand gefunden, man hatte mich verschont, weil man mich für todt gehalten. Das freundliche kleine Haus war nur noch ein rauchender Trümmerhaufen, das Dorf eine große Ruine . . . überall Blut, auf den Feldern wie in den Gassen, wie im Gotteshause. Dort fand ich deine Schwester . . . sie war bleich und in Verzweiflung; sie hatte wohl Ursache, in Verzweiflung zu seyn, denn sie war unglücklicher, als ob sie todt gewesen wäre.«
»Vater, Vater!« rief Lieschen schluchzend.
»Nachher,« fuhr der Pastor mit Bitterkeit und tiefer Betrübniß hinzu, »nachher heißt es, eine herrliche Schlacht, die sowohl den Angreifern als den Vertheidigern Ehremacht! . . . Ich ließ meine Wunde von selbst heilen, aber mit deiner Schwester kam es anders, die sorgfältigste Pflege, die freundlichste, liebevollste Behandlung vermochte nichts über sie. Ich verließ Baiern und ging nach Westphalen, und von dort nach Baden: ich nannte mich nicht mehr Blum, sondern Waldeck – aber nichts war im Stande, sie wieder mit dem Leben zu befreunden. Du hast gesehen, wie sie mit jedem Tage blässer und schwächer wurde, wie sie dahinwelkte und eine Blüthe ihrer Jugend nach der andern abgestreift wurde . . . bis sie endlich am 16. October 1812 verschied.«
»Arme Schwester!« sagte Lieschen.
»Du begreifst jetzt, warum Gretchen weder den Heidelberger Studenten noch den Sohn des Frankfurter Banquiers noch den Baron von Offenburg heirathen wollte; sie war von dem Capitän Richard entehrt worden.«
»Ach Gott!! ach Gott!« rief Gretchen erschrocken. »Von dem Capitän Richard?«
»Ja, von dem Capitän Richard. So heißt der Elende, der uns in Trauer versetzt hat. Dich für ein Jahr – denn in deinem Alter währt die Trauer nur kurze Zeit – mich für mein ganzes Leben!«
»Ach, mein Gott!« stammelte Lieschen, die der Name, den sie gehört, wie ein Donnerschlag getroffen hatte.
»Ich bin ein Verkündiger des Friedens,« fuhr der Greis fort, »mein Beruf ist, verzeihen und segnen . . . daher bete ich täglich, Gott möge in seinem Zorn jenen ruchlosen Mann nie in meine Nähe führen, denn ich könnte wähnen, daß er in seiner Gerechtigkeit ein Strafgericht über ihn verhängen wolle.«
»Um Gotteswillen, Vater! . . .« sagte das geängstigte Mädchen und faßte die Arme des alten Mannes, der, die Hände zum Himmel erhebend, gleichsam die Strafe Gottes auf den Missethäter herab beschwor.
»Ja, Du hast Recht, mein Kind,« sagte der Pastor, »wir wollen nicht mehr daran denken . . . wenigstens nicht mit rachsüchtigem Herzen . . . der Tisch ist gedeckt; wir wollen uns setzen . . . es ist nur zwischen Dir und mir ein leerer Platz, ich vermisse noch immer meine arme Margarethe.«
Der Greis setzte sich an den Tisch, aber statt zu essen, stützte er den Kopf auf die Hand.
Lieschen stand ihm gegenüber und sah ihn mit tiefer Bekümmerniß an. Plötzlich fiel ganz in der Nähe ein Schuß und gleich darauf hörte man hastige Fußtritte . . . dann wurde die Thür mit Heftigkeit aufgerissen.
Lieschen schrie laut auf. Der Pastor sah sich um und erblickte den jungen Offizier, der vor einer Weile von seiner Tochter Abschied genommen hatte.
»Vater . . . er ist’s,« stammelte sie.
»Kommen Sie herein, sagte der Greis.
»Ich werde verfolgt,« sagte der Fremde; »wollen Sie mich noch einmal retten?«
»Kommen Sie geschwind herein und setzen Sie sich an den Tisch, zwischen meine Tochter und mich . . . Lieschen, geschwind ein Besteck! . . . Sprechen Sie deutsch, mein Herr?«
»Ja,« antwortete der Flüchtling.
»Sie sind unser Gast,« fuhr der Pastor fort. »Nur Ruhe und Fassung . . . vielleicht sind Sie noch zu retten.«
Der Fremde setzte sich an den Tisch an denselben Platz, wo der Vater so eben seine Tochter so schmerzlich vermißt hatte.
Lieschen legte schnell ein Besteck vor ihn hin und nahm selbst ihren Platz ein. »O mein Gott, dachte sie, »führst Du ihn in deinem Zorn oder in deiner Barmherzigkeit zu uns?«
Zugleich erschien ein Mann, der die Uniform eines Brigadiers der Gendarmerie trug, an dem offen gebliebenen Fenster und während die untere Hälfte seiner Person nicht sichtbar wurde, schaute ein pfiffiges spöttisches Gesicht in das Zimmer und musterte die kleine Tischgesellschaft.
»O! der Brigadier Schlick!« flüsterte Lieschen; »er ist verloren!«
Aber der Brigadier, der dem armen Mädchen einen so großen Schrecken verursachte, schien durchaus keine so feindselige Absicht zu haben; er nahm höflich den Hut ab und sagte:
»Guten Appetit, Herr Waldeck und die werthe Gesellschaft!«
Richard sah den Gendarmen flüchtig an; er glaubte das Gesicht schon gesehen zu haben, er wußte nur nicht wo.
Der Pastor sah sich um und legte in sein Gesicht eine Ruhe, die in seinem Herzen nicht war.
»Wer ist da?« fragte er.
»Lassen Sie sich nicht stören, Herr Pastor . . . ich bin’s, der Brigadier Schlick.«
Dieser Name war dem Capitän so wenig fremd wie das Gesicht des Gendarmen, er konnte sich nur nicht erinnern, bei welcher Gelegenheit er ihn gehört hatte.
Der Brigadier Schlick sah den Capitän mit einer Aufmerksamkeit an, welche bewies, daß er mindestens ein ebenso gutes Gedächtniß hatte wie der französische Offizier; vielleicht war sein Gedächtniß noch besser.
Nach einer kleinen Weile machte der Gendarme eine Kopfbewegung, welche anzeigte, daß seine Zweifel, wenn er wirklich welche hegte, geschwunden waren.
»Der Bürgermeister,« sagte er, »hat mir aufgetragen, sehr höflich gegen Sie zu seyn, und Sie sehen, daß ich mich an meine Weisung halte . . . Ist es erlaubt hineinzugehen?«
Der Pastor warf dem Capitän einen Blick zu, der bedeutete: »Fassen Sie sich, oder Sie sind verloren!«
Dann antwortete er dem Brigadier:
»Allerdings, Sie können hereinkommen . . . Steh’ auf, Lieschen, und leuchte Herrn Schlick.«
Lieschen stand aus, nahm mit zitternder Hand die Lampe und ging der Thür zu. Aber der Brigadier überhob sie der Mühe.
»O, bemühen Sie sich nicht, mein schönes Fräulein,« sagte er, ins Fenster steigend, unsereins ist schon gewohnt, den Weg durchs Fenster zu finden.«
Lieschen warf einen flüchtigen Blick auf den Franzosen. Er schien ganz ruhig und den Abendbesuch gar nicht zu beachten.
»Willkommen, Herr Schlick!« sagte der Pastor, den ungebetenen Gast ganz unbefangen begrüßend.
Lieschen war so blaß, daß der Gendarme Mitleid mit ihr hatte.
»Mein Fräulein,« sagte er. »Sie sind sehr blaß und da meine Anwesenheit wahrscheinlich die Ursache Ihres Schreckens ist, so will ich Ihnen vor Allem beweisen, daß ich nicht so böse bin, wie ich aussehe.«
Da er den Fremden nicht aus den Augen ließ, so stützte dieser das Kinn mit der Hand und sah den Gendarmen ebenso neugierig, oder doch eben so ruhig an, wie er selbst angesehen wurde.
»O, Brigadier,« antwortete der Pastor, »das ist nicht nöthig, wir haben Sie lange genug gekannt . . .«
Lieschen nahm alle ihre Fassung zusammen, um sich zum Lächeln zu zwingen.
»Ich weiß nicht, Herr Schlick,« sagte sie, »ich erinnere mich, daß Sie oft einen Wortwechsel mit meinem Vater gehabt haben.«
»Wortwechsel?« entgegnete Schlick. »Da irren Sie sich, mein liebes Fräulein, wie könnte ich so unhöflich seyn, mit einem gelehrten Herrn wie Ihr Papa Streit anzufangen?«
»O ich weiß es noch recht gut, erwiederte Lieschen; »wenn Sie wollen, will ich Ihnen sogar sagen, bei welcher Gelegenheit.«
»Das möchte ich doch wissen, mein Fräulein.«
»Es war wegen der Franzosen . . .«
»Ja, das ist wohl möglich; in diesem Punkte bin ich starrköpfig . . . ich habe die Franzosen überaus gern, Herr Waldeck hingegen haßt sie . . . nicht wahr, Herr Pastor?«
»Ja, das ist wahr.«
»Ich kann mir’s wohl denken,« fuhr der Gendarme fort, »die Franzosen werden Ihnen im letzten Kriege übel mitgespielt haben . . . in Baiern zumal ging’s heiß her; ich war dabei, und weiß ein Wort davon zu erzählen.
»Sie waren dabei?« fragte der Pastor mit einiger Neugier.
»Ja wohl . . . man hat sogar über meine Anwesenheit bei der Armee Sr. Majestät des Kaisers und Königs einige Bemerkungen gemacht, die ich nicht mit Stillschweigen übergehen kann . . . Ist Ihnen von dem Geschwätz etwas zu Ohren gekommen, Herr Waldeck?«
»Nein.«
»Die bösen Zungen sagten, ich sey im Lande umhergereist, um dem Kaiser Napoleon zu berichten, was ich gesehen und gehört. Dieses Gerücht mag dadurch entstanden seyn, daß ich nicht nur französisch und deutsch – was bei einem Grenzbewohner gar nicht zu verwundern – sondern auch etwas italienisch, polnisch und ungarisch spreche. Man behauptete, ich hätte mit dem Fürsten von Neuchâtel einen Vertrag abgeschlossen, und für meine Berichte, je nach deren Wichtigkeit, eine mehr oder minder bedeutende Summe erhalten.«
»Wenn das wirklich der Fall war,« erwiederte Lieschen naiv, »so waren Sie ja ein Spion!«
»Ganz recht, mein Fräulein, das sagten die bösen Zungen. Ich dagegen behaupte, daß ich zur Befriedigung meiner Wißbegierde reiste, daß ich aus Unbesonnenheit erzählte was ich gesehen, und daß der Kaiser, der an meinem Geschwätz Gefallen fand, mich aus Freigebigkeit belohnte.«
»Wirklich?« sagte der Pastor.
»Und da Se. Majestät der Kaiser und König,« fuhr der Brigadier fort, »sehr freigebig war, so unternahm ich einst mit einem jungen Offizier von den Gardejägern ein sehr gewagtes Abenteuer. Soll ich’s Ihnen erzählen, Herr Pastor?«
»Allerdings, Herr Schlick; ich bin zwar nicht so neugierig wie der Kaiser Napoleon, aber Ihre Geschichten sind immer sehr unterhaltend.«
»Aber der Herr hier,« erwiederte Schlick, auf den Capitän deutend, »spricht vielleicht nicht deutsch . . . dann könnte ich’s französisch erzählen.«
»Thun Sie sich keinen Zwang an, Herr Brigadier,« sagte der Capitän, der noch nicht gesprochen hatte, im reinsten Deutsch; »Sie sehen, daß ich im Stande bin, Sie anzuhören.«
»Nun, ich sehe wohl, daß ich unter Landsleuten bin,« erwiederte Schlick. »Hören Sie also, Herr Waldeck. Ich sollte mich mit dem jungen Jägeroffizier in die Ruinen einer alten Burg begeben, wo eine geheime Gesellschaft ihre Versammlungen hielt.«
»In Abensberg?« fragte der Pastor.
»Ja wohl. Sind Sie in Abensberg bekannt, Herr Waldeck?«
»Ja, ich habe einige Zeit dort gewohnt,« antwortete der Pastor gleichgültig.
»Wir hatten den Auftrag,« fuhr Schlick fort, uns in die Burgruinen von Abensberg zu begeben und in die geheime Gesellschaft aufnehmen zu lassen, um deren Absichten kennen zu lernen. Es gelang uns vollkommen: ich war schon Mitglied der Nachtvögelgesellschaft, der Jägeroffizier wurde aufgenommen. Am andern Morgen hatten wir dem Fürsten von Neuchâtel eine so interessante Geschichte zu erzählen, daß er mir im Namen des Kaisers, den die Geschichte ebenfalls sehr zu unterhalten schien, hundert Napoleons schenkte.«
»Ein hübsches Sümmchen,« sagte der Pastor; »Sie müssen ein reicher Mann seyn, wenn Sie viele so interessante Geschichten erzählt haben.«
»Man ist nie reich,« erwiederte der Brigadier, »wenn man Weib und Kind hat, und wenn das Kind eine Tochter ist, die man aussteuern muß.«
»Ich verstehe, und deshalb haben Sie es mit der Nationalität nicht so genau genommen . . .«
»Wieso, Herr Pastor?«
»Sie sind doch ein Deutscher, und dienten dem Kaiser Napoleon . . .«
»Ein Deutscher? Wissen Sie das gewiß, Herr Pastor?«
»Ich habe es wenigstens geglaubt.«
»Ich bin ein Badenser. Das Großherzogthum Baden weiß ja selbst nicht recht was es ist, und ich bin nicht halsstarriger als mein Heimatland; ich machte es also wie das Großherzogthum Baden: zuerst war ich deutsch, und als es französisch wurde, machte ich’s natürlich wie das Großherzogthum Baden und wurde französisch. Aber jetzt geht’s in Europa drunter und drüber, und der Congreß gibt dem Rheinbund einen neuen Zuschnitt. Das Großherzogthum Baden, obschon von einer französischen Prinzessin regiert, wird wieder ein Stück von Deutschland, und da ich bekanntermaßen ein Stück vom Großherzogthume Baden bin, so werde ich natürlich wieder deutsch.«
»Und was weiter?« fragte der Pastor, indem er den Brigadier scharf ansah.
»Da ich eigentlich nicht recht wußte was ich war, trat ich, um vorläufig festen Fuß zu fassen, in die Gendarmerie. Jetzt bin ich weder ein Deutscher noch ein Franzose, ich bin ein Gendarme, Ihnen ergebenst aufzuwarten, Herr Pastor, pour vous servir wie meine Freunde die Franzosen zu sagen pflegen.«
»Weiter, Herr Schlick,« sagte der Pastor. »Schließen Sie.«
»Ja, ich will schließen. . . ich will ein Ende machen, erwiederte der Brigadier, indem er einen flüchtigen Blick auf den Fremden warf, um zu sehen, ob dieser derselben Meinung sey wie der Pastor.
Der Capitän blieb ganz gelassen.
»Mein Gott!« seufzte das geängstigte Mädchen, mit banger Erwartung der Entwicklung entgegensehend.
»Ich bin also durch und durch Gendarme, von den Sporen bis zum Hut,« fuhr Schlick fort, »und in dieser Eigenschaft beauftragt, einen flüchtigen Franzosen aufzusuchen und festzunehmen. Der Mann ist aus einem Soldaten des Kaisers ein Verschwörer gegen die jetzigen Machthaber geworden, und ward in dieser letzten Eigenschaft zum Tode verurtheilt; er ist ihnen aber entwischt und über den Rhein herübergekommen.«
»Wie heißt er?« fragte der Pastor
Lieschen war fast bewußtlos, denn sie erwartete den Namen aus dem Munde des Gendarmen zu hören.
»Bis jetzt,« erwiederte Schlick, »hat man mir seinen Namen nicht genannt, ich habe nur sein Signalement, und dieses,« setzte er, den Capitän ansehend, hinzu, »lautet folgendermaßen: Augen blau, Haare dunkelblond, Gesichtsfarbe blaß, Mund gewöhnlich, Zähne gesund, Größe: fünf Fuß vier Zoll, Alter: 28 bis 30 Jahre.«
Dies war genau das Signalement des Fremden, der am Tische des Pastors Waldeck saß. Der Letztere sah ungeachtet, oder vielleicht wegen seiner Besorgniß den Gast an.
Lieschen hatte gar nicht nöthig ihn anzusehen, um zu wissen, daß das Signalement vollkommen richtig war.
Der Pastor sah indeß, daß der Brigadier weder in Blick noch Wort eine feindselige Absicht kundgab; er wurde daher kühner und erwiederte:
»Aber Alles dies erklärt uns nicht . . .«
»Die Absicht meines Besuchs, nicht wahr, Herr Pastor? Hören Sie nur, Sie sollen bald erfahren, warum ich gekommen bin. . . Denken Sie sich, wir sind dem Springinsfeld schon drei Tage auf der Spur, und es ist weder mir noch meinen zwei Gendarmen gelungen, ihn festzunehmen, obgleich wir wissen, daß er sich hier in der Gegend umhertreibt. Aber diesen Abend sah einer meiner Leute einen Jemand, der sich an einer Hecke hinschlich; er glaubte den flüchtigen Franzosen zu erkennen und trat ihm in den Weg. Der Andere kehrte um und nahm Reißaus; mein Gendarme ihm nach, und war ihm schon auf den Fersen, als der Ausreißer, der ein famöser Turner zu seyn scheint, auf einen Eckstein trat und von da mit einem Satze über Ihre Gartenmauer sprang. Mein Mann schoß nach ihm, weniger in der Hoffnung, ihn zu treffen, als um uns zu benachrichtigen, daß es etwas Neues gebe. Wir eilten sogleich herbei und fanden den Gendarmen, der seinen Carabiner wieder lud; er erzählte uns was vorgefallen, und wir sind gekommen, um Sie zu fragen, Herr Pastor, ob Sie den flüchtigen Franzosen nicht gesehen haben.«
»Ich?« sagte der Pastor.
»Und ob Sie ihn nicht in Ihrem Hause versteckt halten.«
»Wie können Sie glauben, lieber Herr Schlick, daß ich bei meinem Franzosenhaß . . .«
»Das sagte ich zu meinen Cameraden,« unterbrach ihn der Brigadier.
»Nicht wahr, es ist gar nicht denkbar?« erwiederte Lieschen, die endlich wieder frei athmete.
»Ja, zu meinen Cameraden sagte ich das,« setzte Schlick hinzu, der die Absicht zu haben schien, seine Zuhörer durch alle Stadien der Hoffnung und des Schreckens zu treiben; »aber zu mir selbst sagte ich: der Herr Pastor ist ein guter, mitleidiger Mann; er hat vielleicht seinen Franzosenhaß vergessen und seinen bittersten Feind in sein Haus aufgenommen.«
»Herr Schlick, durchsuchen Sie das ganze Haus,« sagte der Pastor, »wenn Sie Ihren Mann finden, so nehmen Sie ihn, ich erlaube es.«
»O nein,« antwortete Schlick, indem er den Gast des Pastors ansah, »da er nicht hier ist, wär’s vergebliche Mühe, anderswo zu suchen.«
Er stellte sich als ob er fortgehen wollte. Aber der Pastor ließ sich nicht täuschen.
»Ehe Sie uns verlassen, sagte er, »machen Sie uns das Vergnügen, ein Glas Rheinwein mit uns zu trinkend.«
»Sehr gern, Herr Pastor,,« erwiederte Schlick; »ich habe dann Gelegenheit, meine alten Cameraden, die Franzosen, hochleben zu lassen.«
»Geh, mein Kind,« sagte der Pastor zu seiner Tochter, »und bringe uns vom besten.«
Lieschen stand wankend auf und nahm einen Wachsstock, um ihn an der Lampe anzuzünden; aber der Fremde, der ruhiger war als die Andern, nahm ihr den Wachsstock aus der Hand, zündete ihn an und gab ihn ihr zurück.
Das geängstigte Mädchen entfernte sich.
VIII.
Vetter Neumann
Der Brigadier Schlick folgte Lieschen mit den Augen, bis sie ganz verschwunden war.
»Ja,« sagte er, wie mit sich selbst redend, »das kleine Fräulein möchte zugleich bleiben und gehen; sie scheint zu ahnen, daß ich ihre Abwesenheit benutzen werde, um Ihnen Herr Waldeck, einige Fragen vorzulegen, die ich in Anwesenheit des Fräuleins nicht wagen mochte.«
»Was für Fragen haben Sie an mich zu richten, Herr Schlick?« erwiederte der Pastor, der wohl einsah, daß der entscheidende Augenblick gekommen war.
»Vor Allem,« sagte Schlick, »will ich Sie mit Ihrer Erlaubniß fragen, was dieser Herr hier macht?«
»Sie sehen ja,« antwortete der Pastor, »er speist mit uns.«
»Ja, Sie haben Recht, ich sehe es wohl . . . Ich meinte eigentlich, wer dieser Herr ist?«
»Kennen Sie ihn denn nicht?« fragte der Pastor.
»Nein,« antwortete Schlick; »aber ich wünsche seine Bekanntschaft zu machen.«
Bei diesen Worten verneigte er sich.
Der Fremde machte eine ungeduldige Bewegung, die ganz deutlich sagte: Wozu diese Komödie, die mich langweilt und demüthigt? Machen Sie es kurz und verhaften Sie mich!
Aber der Pastor, der den Charakter Schlick’s wahrscheinlich besser kannte als sein Gast, gab ihm einen Wink, sich wenigstens noch einige Augenblicke zu gedulden.
»Sie wissen, Herr Schlick,« sagte er, »daß ich nicht immer in Baden gewohnt habe . . .«
»Ja wohl, Herr Pasior. Sie haben mir gesagt, daß Sie vorher in Westphalen und Baiern wohnten.«
»Ein Theil meiner Familie ist in Baiern geblieben.«
»Ja Abensberg?«
»Ja.«
»Und dieser Herr ist Ihr Verwandter?«
»Ja, mein Schwestersohn Neumann,« antwortete der Pastor, der sich nur mit Widerstreben entschloß, die Unwahrheit zu sagen, wie ehrenwerth auch die Ursache war, die ihn dazu trieb.
»Und er will hier wohnen?« fragte der Brigadier weiter.
»Vielleicht,« antwortete der Pastor mit gezwungenem Lächeln.
»Ich verstehe,« sagte Schlick, »der Vetter Neumann ist hierher gekommen, um die Cousine Lieschen zu heirathen . . .Herr Neumann, ich wünsche Ihnen von Herzen Glück.«
Der falsche Neumann verneigte sich.
Dies schien dem Brigadier Schlick noch nicht zu genügen, denn er trat auf den Capitän Richard zu und sagte:
»Ihre Hand,« Herr Neumann.
Der junge Offizier gab ihm die Hand, aber er sah so finster dabei aus, daß es eines fast gebietenden Blickes von Seiten des Pastors bedurfte, um ihn zur Fortsetzung seiner Rolle zu bewegen.
Aber seine Hand blieb wenigstens ruhig und fest in der Hand des Gendarmen und sein Blick war frei und offen, als er dem Auge Schlick’s begegnete.
»Er hat Muth,« sagte Schlick zu sich, »und ich irrte mich nicht, als ich ihn vor sieben Jahren Richard Löwenherz nannte.«
Er sagte diese letzten Worte so laut, daß ihn der Offizier verstehen konnte; aber dieser schien nicht darauf zu achten. Die Worte weckten vielleicht keine Erinnerung, oder hatten keinen Sinn für ihn.
Ueberdies kam Lieschen zurück, und die Aufmerksamkeit des Pastors und seines Gastes wandten sich ihr wieder zu.
Sie brachte eine röthliche, schlanke Flasche, deren Form allein eine Zierde auf einem Tische seyn würde. Sie stellte die Flasche vor ihrem Vater hin und warf einen schüchternen Blick auf die Anwesenden. Dieser Blick schien zu fragen,welche Fortschritte die Komödie in ihrer Abwesenheit gemacht. Das gutmüthige Gesicht Schlick’s beruhigte sie etwas.
Der Brigadier hatte natürlich das Wort, und er sagte zuerst Lieschen und dann den Caritän ansehend:
»Fürwahr, sechzehn bis siebzehn Jahre, jung und hübsch . . . achtundzwanzig bis dreißig Jahre, blaue Augen, dunkelblondes Haar, blasse Gesichtsfarbe, gewöhnlicher Mund, gesunde Zähne . . . über die Größe kann ich nicht urtheilen; aber wenn der junge Herr nicht säße, sondern stände, so würde ich schwören, daß er beiläufig fünf Fuß vier Zoll hat. . . es wird ein prächtiges Paar werden.«
»Das Signalement, das er vorhin gab!« dachten der Pastor und Lieschen.
»Er hat mich erkannt« dachte der Capitän.
Unterdessen hatte der Pastor dem Brigadier ein Glas Wein eingeschenkt. Schlick nahm das Glas und hob es auf.
»Mein schönes Fräulein,« sagte er, »da ich einmal ein so gutes Glas Wein in der Hand habe, so kann ich nicht widerstehen Erlauben Sie mir, auf Ihre und Ihres Vetters Gesundheit zu trinken. Viel Glück in Ihrem Ehestande!«
Lieschen sah ihren Vater und den Gast fragend an: sie wußte nicht was dieser Toast bedeutete.
»Nun, thun Sie mir nicht Bescheid?« fragte Schlick. »Es ist gut gemeint.«
»Auf meine und meines Vetters Gesundheit? auf mein Glück im Ehestande? ich verstehe Sie nicht,« antwortete Lieschen, die nicht ahnen konnte was in ihrer Abwesenheit gesprochen war.
Der Pastor sah verlegen vor sich nieder.
Es war mehr als der Offizier ertragen konnte; er stand auf und sagte in französischer Sprache:
»Herr Brigadier, diese Komödie ist überflüssig, ich bin der Mann, den Sie suchen.«
Aber der Brigadier legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte leise
»Schweigen Sie doch! . . . Ich habe nicht vergessen, daß ich ein Franzose gewesen bin, und trinke auf die Gesundheit des Vetters Neumann und seiner schönen Braut . . . Also auf die Gesundheit des Vetters Neumann!« setzte er laut hinzu.
»Herr Schlick,« sagte der Pastor, »Sie sind ein braver Mann!«
»Donnerwetter! so schweigen Sie doch!« murrte der Brigadier; »man kann uns hören.«
»Das ist wahr,« sagte Lieschen.
»Ich wollte Ihnen nur beweisen, daß ein Mann, der von dem Generalstabschef des Kaisers Napoleon« – Schlick lüftete den Hut – »den Auftrag erhielt, ihm interessante Nachrichten zu bringen, kein Einfaltspinsel, kein Jobard ist, wie man drüben überm Rhein zu sagen pflegt.«
»O! Herr Schlick,« sagte Lieschen, »wie vielen Dank. . .«
»Schweigen Sie doch!« flüsterte ihr der Brigadier zu, »und ein anderes Mal verstehen Sie besser. . . eine so gute Haut, wie der Schlick ist, würden Sie nicht alle Tage finden.«
Dann sagte er laut:
»Jetzt kann ich gehen und den Cameraden sagen, daß ich statt des Verschwörers einen Bräutigam gefunden habe. . . Nur möchte ich,« setzte er wieder leise hinzu, »nur möchte ich ihm rathen, anderswo Hochzeit zu machen.«
»Lieber Herr Schlick!« sagte Lieschen, zum Zeichen des Dankes die Hände faltend.
»Still doch!« sagte der Brigadier; »verstecken Sie den Herrn wo Sie wollen, und lassen Sie ihn nicht fortgehen bis alle meine Leute schlafen . . . Jetzt, gute Nacht, Herr Pastor . . . Gute Nacht, Fräulein Lieschen . . . Gute Nacht, Vetter Neumann!«
Er gab der Gesellschaft noch einen Wink und entfernte sich.
Die Darsteller dieser halb komischen halb ergreifenden Scene schauten dem Brigadier nach, bis sich die Thür hinter ihm geschlossen hatte. Dann stand der Pastor auf und schloß die Fensterläden und das Fenster, in welches der Brigadier eingestiegen war.
Unterdessen hatte sich Lieschen dem Offizier genähert.
»O, ich Unglückliche!« sagte sie; »ich hätte Sie beinahe ins Verderben gestürzt, und mit einem Andern, als Schlick, wären Sie verloren gewesen!«
»Ja,« sagte der Pastor. »aber der brave Mann wird Sie nicht verrathen, Sie sind gerettet!«
»Tausend Dank!« sagte der junge Offizier und zog die Hand des Pastors an seine Lippen.
»Der Capitän Richard küßt dem Vater Margarethens die Hand!« sagte Lieschen für sich. »Mein Gott! Du hast ihn also nicht in deinem Zorn, sondern in deiner Barmherzigkeit hierher geführt!«
»Jetzt, mein Herr,« sagte der Pastor, »verlieren Sie keine Zeit und befolgen Sie den Rath, den Ihnen Schlick gegeben hat . . . Nehmen Sie diesen Schlüssel,« setzte er hinzu und zeigte ihm Margarethens Zimmer; »begeben Sie sich in jenes Zimmer, und betreten Sie es mit Ehrerbietung, denn es war einst von einer Dulderin bewohnt, die zu gut war für diese Welt. In diesem Zimmer bleiben Sie, bis Sie gerufen werden.«
»Ich wiederhole Ihnen meinen innigsten Dank,« sagte der junge Offizier, »und seyen Sie überzeugt, daß ich nie vergessen werde was ich Ihnen verdanke . . . Aber zuvor erlauben Sie mir ein paar Worte; ich werde vielleicht fliehen müssen, ohne Sie wieder zu sehen, ohne mit Ihnen reden zu können.«
»Reden Sie; was haben Sie mir zu sagen?« erwiederte der Pasior, dessen Franzosenhaß wieder erwachte, als die dringendste Gefahr vorüber war.
»Der Brigadier erinnerte Sie, daß Sie in Westphalen und Baiern gewohnt haben, und Sie selbst nannten das Dorf Abensberg . . .«
»Ja wohl.«
»Haben Sie wirklich in Abensberg gewohnt?«
»Mein Gott!« dachte Lieschen, »was wird er sagen?«
Sie näherte sich dem Fremden, um ihn bei Zeiten zu unterbrechen, falls er aus dem betretenen gefährlichen Wege fortgehen würde.
»Haben Sie,« fuhr der junge Offizier fort, »haben Sie unter Ihren würdigen Amtsbrüdern einen trefflichen Mann, den Pastor Blum gekannt?«
Lieschen unterdrückte nur mit Mühe einen Schrei; sie legte die Hand auf den Arm des Fremden; aber er schien nicht zu verstehen was sie damit meinte.
»Blum! . . . Blum!« wiederholte der Pastor, indem er den Offizier erstaunt ansah.
»Ja, Blum.«
»Ich habe ihn gekannt,« sagte der Pastor.
»Mein Herr,« warnte Lieschen, »vergessen Sie nicht, welcher Gefahr Sie sich aussehen, wenn Sie den Rath des Gendarmen nicht befolgen.«
»Noch ein Wort, mein Fräulein . . . ich bitte Sie!«
Dann wandte er sich wieder an den Pastor:
»Ich habe einen Auftrag an Herrn Blum; werde ich ihn noch in Abensberg finden?«
»Was wollen Sie von ihm?« fragte der Pastor mitbewegter Stimme.
»Entschuldigen Sie, Herr Pastor,« antwortete der Fremde, »es handelt sich um ein Geheimniß, das ich nicht preisgeben darf; es bleibt mir daher nichts übrig, als meine Frage zu wiederholen.« – Und ungeachtet der Warnung, die ihm Lieschens Finger verständlich zu machen suchten, fragte er noch einmal: »Werde ich ihn noch in Abensberg finden, oder ist er vielleicht an den Folgen seiner Wunde gestorben?«
»Vater,« sagte Lieschen und hielt den Finger auf den Mund.
Der Pastor nickte ihr zu und sagte leise:
»Ja, sey nur ruhig, mein Kind««
Und auf die Frage des Fremden erwiederte er:
»Der Pastor Blum ist an den Folgen seiner Wunde gestorben.«
»Todt!« sagte der Offizier mit tiefer Bekümmerniß. »Aber er hatte eine Tochter?«
Lieschen stützte sich auf eine Stuhllehne, sie glaubte die Besinnung zu verlieren.
»Er hatte zwei Töchter,« antwortete der Pastor; »welche meinen Sie?«
»Seine Tochter Margarethe.«
Lieschen hielt beide Hände auf den Mund, um einen Schrei zu unterdrücken.
Der Pastor wurde entsetzlich blaß.
»Sie wissen,« fragte er mit bebender Stimme, »Sie wissen, daß er eine Tochter hatte, die Margarethe hieß?«
»Ja, ich weiß es.«
Er stockte, denn er fühlte, daß die ganze Seele seines Bruders, den er so innig geliebt, in der auf seiner Zunge schwebenden Frage lag:
»Ist seine Tochter Margarethe glücklich?«
»O ja, sehr glücklich!« erwiederte der Pastor, »glücklicher als auf Erden . . . sie ist im Himmel!«
»Auch todt!« sagte der Fremde mit tiefem Schmerz. »Es ist gut,« sagte er nach einem kurzen Stillschweigen, indem er den Wachsstock aus Lieschens Hand nahm, »Jetzt habe ich nichts mehr zu fragen.«
Der Pastor machte eine Bewegung, um seinen Gast zurückzuhalten, aber Lieschen trat zwischen Beide.
»Vater,« sagte sie, »hast Du vergessen, daß unser Gast sich verbergen muß und daß er verloren ist, wenn er entdeckt wird? . . . Um des Himmels willen, mein Herr,« mahnte sie, indem sie den Offizier zur Treppe drängte, »bleiben Sie keine Minute länger hier, und gehen Sie in das Zimmer meiner Schwester!«
Der Capitän sah sie erstaunt an.
»Ja, gehen Sie hinauf,« sagte sie leise, »und wenn Sie oben sind, betrachten Sie ein zwischen den beiden Fenstern hängendes Porträt und fliehen Sie.«
Der Offizier sah sie an, aber ihr Gesicht sah so bestürzt aus, daß er nur den Willen hatte zu gehorchen; er ahnte, daß in dem Herzen des alten Mannes und seiner Tochter etwas vorging was ihm wenigstens in jenem Augenblicke nicht erklärt werden konnte.
Er gab daher nach, und während der Pastor, bald seine Tochter und bald seinen Gast ansehend, sich fragte, wer dieser Fremde wohl sey und was für ein Interesse er an dem Pastor Blum nehme, öffnete er die Thür und ging in sein Zimmer.
Kaum hau- sich die Thür hinter ihm geschlossen so fühlte Lieschen ihre Kräfte schwinden, und sank auf einen Sessel
Der Vater trat auf sie zu und sagte, die Augen zum Himmel erhebend:
»Gott, mit deiner Hilfe ist er gerettet . .. jetzt muß auch sie gerettet werden! Fasse Muth, mein Kind!«
»Was meinst Du, Vater?« fragte Lieschen, sich hastig aufrichtend.
»Ich meine, Du liebst den Fremden.«
»Ihn!« rief das erschrockene Mädchen.
»Ja, ihn!« wiederholte der Vater.
»O nein, nein, Vater!« erwiederte sie. »ich schwöre Dir, daß Du Dich irrst!«
»Warum versuchst Du zu lügen, mein Kind? Du weißt ja, daß es bei mir vergebens ist.«
»O, ich lüge nicht, Vater . . . oder wenigstens schwöre ich Ihnen . . .«
»Du schwörst?«
»Ja, bei dem Andenken meiner Schwester, bei Allem was heilig ist, schwöre ich, daß dieser Fremde mein Herz nie besitzen wird.«
»Du liebst ihn also nicht?«
»Nein, Vater,.wie könnte ich einen Mann lieben, der mich mit Schrecken erfüllt?«
»Er erfüllt Dich mit Schrecken?«
»Um des Himmels willen, Vater, reden wir nicht mehr von ihm!«
»Im Gegentheil, wir wollen von ihm reden. Warum fürchtest Du ihn?«
»Ich weiß es nicht. Ich bitte Dich, lieber Vater, höre nicht auf mein Geschwätz, ich weiß nicht was ich spreche . . .«
Lieschen hielt plötzlich inne, trat einen Schritt zurück und schaute erschrocken nach der Thür.
»Vater, da ist Herr Schlick!« stammelte sie. »Was will er schon wieder?«
Der Pastor sah sich um und sah wirklich den Brigadier,der eben ins Zimmer trat.
IX.
Das Blutgeld
Schlick blieb etwas verlegen in der Thür stehen. Erhielt seinen Carabiner in der Hand und dies deutete auf eine feindseligere Absicht, denn das erste Mal war er unbewaffnet erschienen.
« Der Pastor sah ihn fragend an.
»Sie glaubten meiner entledigt zu seyn, Herr Waldeck,« sagte Schlick, »ich glaubte es auch . . . aber Sie wissen ja: der Mensch denkt und Gott lenkt.«
»Ja, das weiß ich, aber ich weiß nicht . . .«
»Warum ich wieder komme? das glaube ich wohl . . . es ist auch schwer zu sagen.«
»Reden Sie, Herr Schlick.«
»Herr Pastor, im ganzen Rheinbunde ist wohl kein Mensch in größerer Verlegenheit als ich . . .«
»Sie sind in Verlegenheit? Wie so?« fragte der Pastor, während Lieschen in athemloser Spannung lauschte.
»Sie wissen,« erwiederte Schlick, »daß ich neue Nachrichten erwartete.«
»Ja, ich weiß es,« sagte der Pastor, indem er den Gendarmen forschend ansah.
»Diese Nachrichten fand ich, als ich nach Hause kam,« sagte Schlick näher tretend. »Der Mann, den wir suchen, scheint weit gefährlicher zu seyn, als ich glaubte.«
»Mein Gott!« stammelte Lieschen, »es ist also noch nicht zu Ende?«
»Gefährlicher als Sie glaubten?« fragte der Pastor.
»Ja wohl, so gefährlich, daß auf seinen Kopf ein Preis gesetzt ist.«
»Ein Preis?« wiederholte der Pastor, der die schwache Seite des Brigadiers kannte und sich auf einen neuen Wortkampf gefaßt machte.
»Ja, zweitausend Thaler.«
»Aendert dies etwas an der Sache?« fragte der Pastor, der dem Brigadier auf halbem Wege entgegenkam.
»Ja wohl, Herr Pastor; wer ihn fängt, bekommt ein gutes Prisengeld.«
Lieschen, die todtenbleich war, sah ihren Vater erschrocken an.
»Abgesehen von der Vorrückung,« setzte der Brigadier hinzu.
»Vorrückung?«
»Allerdings; ein Brigadier, der den Verschwörer einfängt, wird Wachtmeister, ein Wachtmeister wird Unterlieutenant . . . Da er nun auf keinen Fall entwischen kann . . .«
»Schlick, was sagen Sie da?« rief der Pastor.
»Ich sage, daß er nicht davonkommen wird; wenn er nicht hier aufgefunden wird, so fällt er den Gendarmen anderswo in die Hände . . . ich bin also wiedergekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich das Prisengeld verdienen will . . .«
»Was sagen Sie?«
»Ein so gelehrter Herr, wie Sie sind, wird leicht begreifen, daß ich das Geld so gut wie ein Anderer verdienen kann.«
»Und Sie wollen ihn verhaften?« fragte der Pastor.
Lieschen sagte nichts, sie streckte bittend ihre Hände gegen den Brigadier aus.
»Herr Pastor,« erwiederte Schlick, »zweitausend Thaler findet man nicht auf der Straße: es sind zwölf Jahre meiner Besoldung.«
»Sie waren so edelmüthig, so mitleidig,« sagte der Pastor, »und jetzt wollen Sie für eine erbärmliche Summe. . .«
»Herr Waldeck,« unterbrach ihn der Gendarm, »zweitausend Thaler sind keine erbärmliche Summe; vor sieben Jahren, als ich dem Fürsten von Neuchâtel interessante Geschichten erzählte, habe ich für fünfhundert Thaler mehr als einmal meinen Kopf gewagt.«
»Bedenken Sie doch,« mahnte der Pastor, »der Mann, auf dessen Kopf ein Preis gesetzt ist, war einst Ihr Waffenbruder . . .«
»Ich weiß es wohl,« erwiederte Schlick, der sich hinter dem Ohr kratzte, »und das thut mir in der Seele weh, aber . . .«
Lieschen bekam einige Hoffnung wieder.
»Bedenken Sie, Schlick,« unterbrach ihn der Pastor, »Sie wollten mit kaltem Blute einen Mann erschießen lassen, den Sie retten können?«
Das geängstigte Mädchen schauerte.
»Es thut mir unendlich leid, Herr Pastor,« erwiederte der Brigadier, »aber der Teufel führt mich in die Versuchung, die Zeiten sind schlecht, und Sie können leicht denken, daß ich mich nicht lange besinne, wenn ich nur zwölf Stufen zu steigen habe, um auf der dreizehnten einen Sack mit zweitausend Thalern zu holen.
Bei diesen Worten schaute der Brigadier auf die Stubenthür.
»Das wollten Sie thun, Herr Schlick?« stammelte Lieschen, »ein so braver Mann!«
»Mein Fräulein,« entgegnete Schlick, »ich thue meine Pflicht, wenn ich diesen Flüchtling verhafte und ausliefere.
»Aber Sie haben doch ein Herz!« sagte Lieschen außer sich.
»Ja wohl, mein Fräulein, ich habe ein Herz, aber ich habe auch eine Frau zu ernähren und eine Tochter auszustatten. Ein Mädchen ohne Mitgift findet keinen Mann . . .Das wissen Sie, Herr Pastor, Sie entbehren viel, um für Fräulein Lieschen ein Heirathsgut zu ersparen. Ich habe auch ein Vaterherz: die zweitausend Thaler habe ich zur Aussteuer meiner Tochter bestimmt.«
»Sie vergessen, Herr Schlick, daß Ihre Cameraden einen Theil dieser Summe bekommen . . .«
»Gott bewahre! In dem Rescript steht: wer ihn verhaftet, erhält die zweitausend Thaler Belohnung . . . Meine beiden Cameraden haben sich schlafen gelegt; ich habe mich wohl gehütet, sie zu wecken, ich werde den Verschwörer ohne fremde Hilfe verhaften und folglich die Belohnung bekommen.«
»Vater,« flüsterte Lieschen dem Pastor zu, »ich werde nie heirathen.«
Der Pastor sah sein Töchterlein mit inniger Zärtlichkeit an.
»Und Du sagst, daß Du ihn nicht liebst!« erwiederte er leise. »Hören Sie, Schlick,« sagte er, sich wieder zu dem Brigadier wendend.
»Ich höre, Herr Pastor, aber während ich Ihnen zuhöre, erlauben Sie mir, daß ich die Thür nicht aus den Augen lasse« . . . er trat näher an die Thür. »So höre ich sehr gut.«
»Sie thun ungern was Sie vorhaben, nicht wahr?« fuhr der Pastor fort.
»Es thut mir unendlich leid,« antwortete der Brigadier.
»Und es thut Ihnen weh, einen Mitmenschen, einen vormaligen Landsmann und Waffenbruder zum Tode zutreiben?«
»Ja wohl, Herr Pastor, mein Gewissen wird unruhig werden.«
»Wenn Sie also die zweitausend Thaler verdienen könnten, ohne den Flüchtling zu verhaften . . .«
»Das Mitleid wird nicht bezahlt, Herr Pastor.«
»Zuweilen.«
»Wer sollte das thun?s
»Jeder Mensch, für den das Mitleid nicht nur eine Tugend, sondern eine Pflicht ist.«
»Vater!« sagte Lieschen erfreut.
»Wenn ich z. B. Ihnen die zweitausend Thaler auszahlte . . .«
»Sie!«
»Ja: ich.«
»Um einem Franzosen, einem Menschen, den Sie hassen, das Leben zu retten?«
»Um ein Menschenleben zu retten.«
»Aber es wäre dann noch die Beförderung übrig.« entgegnete Schlick.
»Die Beförderung ist nicht sicher.«
»Auf Ehre, Herr Pastor, ich würde meinerseits auch ein Opfer bringen, ich würde die Beförderung opfern . . .«
»Und den Flüchtling, den Sie verfolgen, entkommen lassen?«
»Wenn es wirklich Ihr Ernst ist, Herr Pastor,« erwiederte der Brigadier lächelnd, »wenn Sie mir die zweitausend Thaler auszahlten, so würde ich so tief von Bewunderung durchdrungen werden, daß Sie mir nur sagen dürften, wohin ich das Gesicht wenden und wie lange ich die Augenschließen soll.«
»Mein Kind,« sagte der Pastor zu seiner Tochter, »nimm diesen Schlüssel. . . Du weißt wo das Geld ist«
»Vater. . . lieber Vater!« sagte Lieschen und küßte ihm die Hand.
»Ich bitte um einen Augenblick Geduld, Herr Pastor,« sagte Schlick.
»Was, Sie nehmen doch Ihr Wort nicht zurück?« fragte der Greis.
»O mein Gott!« jammerte Lieschen.
»Nein,« sagte Schlick, »ein Wort ist ein Wort, der Vertrag ist gültig . . . Aber ich will Ihnen beweisen, daß ich Ihnen die zweitausend Thaler nicht stehle; hier ist die Verordnung.«
Er legte seinen Carabiner, den er bis dahin in der Hand gehalten hatte, auf den Tisch, doch so, daß er ihn jeden Augenblick ergreifen konnte, zog ein mit dem Regierungssiegel versehenes Papier aus der Tasche und las:
»Zweitausend Thaler Belohnung werden dem Agenten der bewaffneten Macht zusichert, der den Capitän Richard verhaftet und der Behörde ausliefert.«
»O! jetzt ist Alles verloren!« rief Lieschen in Verzweiflung.
»Der Capitän Richard!« wiederholte der Pastor, der auf einmal todtenblaß wurde. »Der Capitän Richard! . . .dieser Name steht nicht da, nicht wahr?«
»Allerdings,« erwiederte Schlick, »der Name steht hier ganz deutlich geschrieben.«
»Den Capitän Richard,« wiederholte der Pastor und ergriff den Carabiner, den der Brigadier auf den Tisch gelegt hatte, ehe Schlick es hindern konnte. »Dann hat er’s nicht mit Ihnen, sondern mit mir zu thun! . . .«
Er eilte aus die Treppe zu; aber aus der untersten Stufe fand er seine Tochter, die auf den Knieen lag und ihn zurückhielt.
»Vater,« sagte sie aufstehend und ihn anfassend, »denke an deine Tochter Margarethe, die sterbend verziehen hat.«
»Was ist denn das?« fragte Schlick erstaunt.
Eine kurze Pause folgte. Der Pastor ließ den Carabiner den er in der linken Hand hielt, langsam los und mit der rechten reichte er seiner Tochter den Schlüssel.
»Hier, mein Kind,« sagte er, »folge der Stimme deines Herzens und dem Gebote des barmherzigen Gottes.
»Vater . . . guter Vater,« sagte Lieschen erfreut, »Dir soll meine ganze Liebe, mein ganzes Leben gewidmet seyn!«
Der Pastor sank nun fast besinnungslos in einen Armsessel. Der Brigadier Schlick, der sich diesen Auftritt nicht zu erklären wußte, schüttelte verwundert den Kopf.
Unterdessen wurde die Thür des oberen Zimmers, die sich rasch aufgethan, langsam wieder geschlossen.
»Herr Schlick,« sagte der Pastor nach einer Weile und wischte sich den Schweiß, der seinen innern Kampf bekundete, von der Stirn, – »Herr Schlick, Sie werden Ihr Geld sogleich bekommen . . . nur drei Thaler fehlen davon, die ich armen Leuten geschenkt habe. Dieses Almosen hat mir Glück gebracht, da es mir diesen Abend vergönnt ist, einem Mitmenschen das Leben zu retten.«
»Drei Thaler? sagte Schlick; »darauf kommt mir’s nicht an, Herr Pastor, wenn ich etwas Gutes thun kann. . . Aber was soll ich meiner Frau sagen, warum die Summe nicht Vollzählig ist? Wenn ich ein Franzose wäre, würde ich sagen, daß ich die drei Thaler verfressen; ich bin aber ein Deutscher, und am leichtesten wird man mir glauben, wenn ich sage, daß ich sie vertrunken.«
Der Brigadier schloß eben diese Bemerkung, welche seine tiefen Studien über die Eigenthümlichkeiten der beiden Völker bekundete, als Lieschen mit dem Geldsack erschien.
»Hier ist das Geld,« sagte sie, fast athemlos von dem schnellen Laufen.
»Ich danke Ihnen, mein schönes Fräulein,« sagte Schlick; »wenn Sie minder hübsch waren, würde ich mir Vorwürfe machen; aber mit einem Gesicht wie das Ihrige braucht ein Mädchen kein Heirathsgut.«
»Herr Schlick,« sagte der Pastor sehr ernst, »dieses Mal habe ich doch Ihr Wort . . .«
»O! fürchten Sie nichts, Herr Pastor. Aber rathen Sie dem Vetter Neumann, sich so schnell als möglich nach Abensberg zu begeben . . . wenn Sie ihm auch mit Ihrer Tochter nachreisen müssen, um Hochzeit zu machen.«
Mit diesem wohlgemeinten Rath endete diese sonderbare und für den Pastor und seine Tochter peinliche Unterredung. Der Brigadier entfernte sich, um nicht mehr wiederzukommen.
Kaum hatte sich die in den Hof führende Thür geschlossen, so ging die Treppenthür auf und der Capitän Richard erschien.
Aber Lieschen und ihr Vater sahen nur den Fortgehenden. Sobald der Brigadier die Thür hinter sich geschlossen hatte, sank Lieschen ihrem Vater in die Arme.
»O! wie gut, wie großmüthig bist Du, lieber Vater!« sagte sie.
Der Greis drückte seine Tochter ans Herz und sah sie mit wehmüthigem Lächeln an.
»Warte,« sagte er nach einer Weile, »Jetzt muß ich ihn rufen.«
»Aber Du wirst ihm keine Vorwürfe machen, nicht wahr, Vater?«
»Sey nur ruhig, mein Kind,« sagte der Pastor; »wo wäre denn das Verdienstliche meiner Handlung?«
Er stand aus, um den Capitän Richard zu rufen, und bemerkte ihn an der Thür.
Er vermochte sich kaum zu fassen; aber er bezwang doch den Zorn, den der Anblick dieses Mannes in ihm erregte.
»Sie waren da? fragte er.
»Ja,« erwiederte der junge Offizier, »und ich habe Alles gehört . . . ich kann nur wiederholen was Ihre Tochter so eben sagte: Wie gut, wie großmüthig sind Sie . . . Herr Pasior Blum, Sie sind ein edler Mann!«
»Wie! Sie wissen wer ich bin?«
»Das Porträt zwischen den Fenstern . . .«
»Sie haben es erkannt?«
Der Capitän zog ein Medaillon unter seiner Weste hervor.
»Ja,« sagte er, »mit Hilfe dieses Miniaturbildes, das mein Bruder aus dem Gedächtnis gemalt hat, habe ich das Porträt sogleich erkannt. Mein Bruder gab mir dieses Bild vor seinem Tode und trug mir auf, den Pastor Blum und dessen Tochter Margarethe in Baiern aufzusuchen und ihnen anzuzeigen, daß er ihnen nicht zum Ersatz, sondern als Sühne für das Unrecht, das er ihnen gethan, sein ganzes Vermögen vermacht habe.«
»Der Capitän Richard war also Ihr Bruder?« fragte Lieschen, die sich kaum zu fassen vermochte.
»Ja, mein theures Fräulein; wir waren Zwillingsbrüder, beide Offiziere, beide Capitäne, und einander so ähnlich, daß man uns nur an unseren verschiedenen Uniformen erkannte. Sie haben gesehen, daß mich der Brigadier Schlick, der meinen Bruder gekannt hat, so eben mit ihm verwechselte. Mein Bruder war der Schuldige, und mich hat er vor seinem Tode beauftragt, Sie in seinem Namen um Verzeihung zu bitten.«
»O Vater . . . Vater!« stammelte Lieschen und sank dem Greise zu Füßen.
Acht Tage nachher erhielt der Pastor Blum einen von Amsterdam datirten Brief, der nur folgende Worte enthielt:
»Kommen Sie sobald als möglich mit Lieschen hierher,mein theurer, verehrter Vater. Ich bin in Sicherheit.«
»Ludwig Richard.«
X.
August Wilhelm Schlegel
Im Jahre 1838 bereiste ich den Rhein, um daselbst die Volkssagen zu sammeln, die dem alten deutschen Flusse ein so poetisches Interesse geben. In Bonn, wo ich einige Tage verweilte, hatte ich die Ehre durch den Dichter Simrock dem bereits bejahrten Professor August Wilhelm Schlegel, dem intimen Freunde Göthes, Schiller’s und der Frau von Staël dargestellt zu werden.
Der berühmte Gelehrte war ein schöner Greis von siebzig Jahren, voll Jugendfeuer und Leben; er war vorzugsweise Kritiker und hatte sich keineswegs erschöpft, wie es bei einem Dichter oder Romanenschreiber, der immer aus sich selbst schöpfen muß, der Fall gewesen wäre.
Das Gespräch mit einem der ausgezeichnetsten Gelehrten Deutschlands führte natürlich auf den Hauptzweck meiner Reise, und ich bat ihn um Mittheilung der ihm zu Gebote stehenden Rheinsagen und Legenden.
»Was würden Sie sagen,« antwortete er, »wenn ich Ihnen statt einer deutschen eine französische Sage mittheilte?«
»Sie würde mir sehr willkommen seyn, wie Alles was Ihre gütige Hand mir spendete.«
»Ich wollte einen kleinen Roman, eine etwa fünfzig Seiten lange Novelle daraus machen; aber es kommen die Jahre, lieber Herr Dumas, wo man nicht mehr mit Gewißheit sagen kann, daß man noch Zeit bat, eine Novelle von fünfzig Seiten zu schreiben. Sie sind noch jung,« – ich war damals fünfunddreißig Jahre, also gerade halb so alt wie Schlegel – »Sie haben noch Zeit vor sich, Sie müssen aus meinen fünfzig Seiten einen zwei bis drei Bände starken Roman machen.«
»Mit Vergnügen,« erwiederte ich; »jede Mittheilung von Ihrer Hand ist mir schätzenswerth.«
»Aber unter einer Bedingung,« fuhr der jugendliche Greis fort. »Ich habe die betreffenden Personen gekannt und die beiden Hauptpersonen leben noch: Sie dürfen daher weder an ihren Charakteren, noch an den Ereignissen etwas ändern.«
»Gut, ich werde mich genau an Ihre Mittheilung halten.«
»Versprechen Sie mir’s?«
»Ja, mein Wort darauf.«
Es wurde Thee gebracht. Ich nahm mein Notizenbuch, um einige unerläßliche Notizen niederzuschreiben, falls zwischen der Erzählung und Ausführung eine lange Zeit verstriche.
August Wilhelm Schlegel begann nun die oben mitgetheilten Ereignisse zu erzählen. Er hatte alle Helden dieser Geschichte gekannt, von Napoleon bis zu dem Spion Schlick, dem einzigen, dessen Namen er ändern zu müssen glaubte.
Ich hörte dem berühmten Professor so aufmerksam zu, wie die Studenten in einem Collegium. Die Erzählung dauerte eine halbe Stunde.
»Nun, was sagen Sie zu der Geschichte,« fragte er, als die Erzählung zu Ende war.
»Vor dem ersten Kritiker der Welt,« antwortete ich, »will ich mir keine Kritik erlauben.«
»Sagen Sie mir ganz aufrichtig Ihr Urtheil,« erwiederte er; »Ihr Fabeldichter – Sie wissen ja, die Fabeldichter sind verkappte Kritiker – erzählt von einem Menschen, der in dem Auge seines Nachbars einen Strohhalm steht und den Balken in seinem eigenen Auge nicht bemerkt.«
»Nun, da Sie mein Urtheil wissen wollen,« sagte ich durch die Erlaubniß ermuthigt, »so glaube ich, daß sich aus dem ganzen militärischen Theile der Geschichte etwas machen läßt. Denn so oft der »Riese der Eroberungen,« wie ihn Hugo nennt, durch eine Erzählung schreitet, nimmt diese Erzählung den großartigen Charakter eines Epos an. Die ganze Episode mit Staps ist merkwürdig und interessant; der Tod Paul Richard’s ist dramatisch, aber . . .«
Ich zögerte.
»Nur weiter,« sagte er; »ich bin auf Alles gefaßt«
»Aber sobald der Capitän Richard bei dem Pastor Blum eine Zuflucht sucht, bekommt das französische Soldatenepos den Anstrich einer deutschen Idylle . . .«
»Gut. . . nur weiter.«
»Nach meiner Meinung,« fuhr ich fort, »besteht das Unglück der deutschen Literatur darin, daß sie keine Mittelstraße kennt: sie schwingt sich entweder zum Erhabenen auf, oder sie sinkt bis unter das Naive herab.«
»Nach Ihrer Meinung springen wir Deutsche also über das Natürliche hinweg?«
»Ja wohl«
»Nach Ihrem französischen Geschmack sind also die Scene zwischen Lieschen und Ludwig Richard . . .«
»Gezierte Poesie, die zuweilen ins Kindische ausartet.«
»Nennen Sie mir ein Beispiel.«
»O, ich brauche nicht lange zu suchen. Die auf Margarethens Grabe gepflückten Veilchen vermögen kein wahres Interesse zu wecken, sie nehmen sich sogar albern aus. Wir haben wohl zwanzig Vaudeville, die mit einem genommenen Blumenstrauß beginnen und mit dessen Zurückgabe schließen.«
»Ja Frankreich werden also keine Blumensträuße mehr genommen und zurückgegeben? Ich hielt die Blumen für ein Symbol, das nie veraltet, weil sie sich alljährlich erneuern.«
»Ich will nicht sagen,« erwiederte ich, »daß die Blumen veralten, ich würde es ganz natürlich finden, wenn ein angehender Poet, der eben sein erstes Sonett gedichtet hat, oder ein sentimentaler Schreiber, der in der Wonne seiner ersten Liebe schwimmt, ein schönes Mädchen um einen Veilchenstrauß bittet; – aber ein Offizier, ein Mann von dreißig Jahren, ein Soldat, der die Kriege unter Napoleon mitgemacht, der bei Austerlitz, Jena, Wagram und an der Moskwa gekämpft, der auf dem furchtbaren Rückzuge aus Rußland seinen geliebten Bruder verloren, der den Kaiser auf die Insel Elba begleitete und auf dem Schlachtfelde von Waterloo Betrachtungen über die Vergänglichkeit irdischer Größe angestellt hat, – glauben Sie, ein solcher Mann stelle sich ans Dachfenster, um zu sehen, wie eine Schöne Rosenblätter in den Wind streut, und bitte sie zum Abschiede um einen Veilchenstrauß, der ihm als Talisman dienen soll?«
Der berühmte Kritiker hörte mich mit der größten Aufmerksamkeit an, und als ich schwieg, fragte er:
»Haben Sie in Ihrer Jugend geliebt, Herr Dumas?«
»Ja, in meiner frühen Jugend.«
»Haben Sie geliebt wie der Capitän Richard.«
»Ja, weil ich kein Soldat, sondern ein Bauer, weil ich nicht dreißig, sondern fünfzehn Jahre alt war.«
»Jetzt hören Sie mich an, ich will Ihre philosophischen Ansichten vom realistischen Standpunkte beantworten. Das Herz hat, wie das Leben, wie die Natur, seine vier Jahreszeiten, nicht wahr?«
»Es gibt sogar Menschen, für die es nur eine Jahreszeit hat . . .«
»Sie meinen den Frühling?«
»Ja . . . wenn ich hundert Jahre alt würde, so würde mein Herz im hundertsten Jahre noch frisch und blühend seyn, wie ein Hochzeitstrauß.«
»Jetzt sind Sie gefangen, Herr Criticus,« erwiederte Schlegel: »Dieser Frühling des Herzens beginnt bei Einigen mit fünfzehn, bei Anderen mit zwanzig und bei Anderen mit dreißig Jahren. Rousseau, der mit vierzig Jahren anfing zu schreiben, schrieb mit derselben Jugendfrische, ja mit noch mehr Lebendigkeit und Gefühlsinnigkeit, als Voltaire, der mit achtzehn Jahren seine Schriftstellerlaufbahn begann.«
»Ich sehe wo Sie hinaus wollen . . .«
»Das ist auch gar nicht schwer. Für Ludwig Richard, der keine Jugend gehabt, der das große Spiel um Leben und Tod, das man den Ruhm nennt, schon als Knabe begonnen hat, beginnt der Lebensfrühling mit der Begegnung des ersten jungen Mädchens, das er kennen lernt. Die Liebe erwacht in seinem Herzen, oder mit anderen Worten: sein Lebensfrühling beginnt. Was kümmern ihn die Feldzüge, die er mitgemacht, die Länder, die er gesehen, die Schluchten, die er, der Hunderttausendste mit gewonnen oder verloren hat? Sein ganzes früheres Leben war Lärm und rastlose Bewegung, Todesverachtung und Aufopferung, aber keine Liebe. . . der Frühling bleibt Frühling, lieber Herr Dumas, er mag nun früh oder spät eintreten; die Liebe bleibt Liebe; der Frühling treibt die Blumen, die Liebe pflückt sie.«
»Warum,« entgegnete ich, »warum sind denn die Veilchen am Ende nicht wieder zum Vorscheine gekommen? Warum haben Sie es nicht gemacht wie Scribe in »Valérie?«
»Wollen Sie ganz wahr und naturgetreu seyn?« fragte er.
»Das ist mein Bestreben gewesen, seit ich angefangen habe zu schreiben,« erwiederte ich.
»Nun, so machen Sie den Schluß mit dem Veilchenstrauß.«
Ich lächelte.
»Herr Dumas,« sagte Schlegel ernst, »ich habe Ihnen gesagt, daß ich die Hauptpersonen der so eben erzählten Geschichte gekannt habe.«
»Sie haben Ludwig Richard gekannt?«
»Ja . . . zu beiden Seiten seines Camins hingen zwei Rahmen: in dem einen war das Offizierskreuz der Ehrenlegion, das er von dem Leichname seines Bruders losgemacht und dann von dem Kaiser Napoleon erhalten hatte . . . Rathen Sie, was in dem andern Rahmen war?«
»Nein.«
»Der Veilchenstrauß, den ihm Lieschen zum Abschiede gereicht hatte.«
Ich schwieg verlegen.
»Jetzt,« setzte er hinzu, »vergessen Sie Ihr Versprechen nicht.«
»Habe ich Ihnen denn ein Versprechen gegeben?«
»Ja, Sie haben mir versprochen, meine Geschichte entweder nicht zu veröffentlichen, oder die Charaktere der Personen nicht zu verändern.«
Ich habe dem berühmten Kritiker gewissenhaft Wort gehalten; jetzt hat das Publicum zwischen uns zu entscheiden.