Czytaj książkę: «Amerikanische Satiren»
Albrecht Classen
Amerikanische Satiren
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2018
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Copyright (2018) Engelsdorfer Verlag Leipzig
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Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018
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INHALT
Cover
Titel
Impressum
Prolog
Amerikanische Kutschen
Amerikanische Politik
Amerikanische Schulen
Amerikanische Verkehrsordnung
Angst vor der Dunkelheit
Armut, wirklich?
Beim Besuch im Kunstmuseum
Buddhistische Erleuchtung
Des Amerikaners liebstes Kind
Wie die Deutschen so Amerika lieben!
Eine Bombe hier, eine Bombe dort
Fettsucht, mein Dickerchen!
Fliegen – auf amerikanische Weise
Flughafenrennen
Meine Nachbarn bauen ein Haus
Heuchler, Schleimer, Lügner, Schauspieler!
Liebe, auf amerikanisch
In Donald Trumps Ohr
Ein neuer Konzertabend
Schluck – der amerikanische Kühlschrank ist da!
Kunst, amerikanisch
Staubbläser
Mein Mitreisender
Meine Bibliothek
Messer und Gabel, eine amerikanische Herausforderung
Die besten Nachrichten, amerikanisch
Nadel und Faden
Die neue Technologie macht’s möglich
Orientierungslosigkeit
Paranoia – amerikanische Version
Parteigründung
Politische Schlammbeseitigung
Pullover und Schal im Sommer
Auf dem Schulhof
Sorority
Tucson Straßenlegenden! Hinab ins Kaninchenloch!
Trumpiade
Und dann war es auf einmal duster.
Verkehrsberuhigende Maßnahmen
Heil dir Amerika – du älteste Demokratie der Welt!
Wer’s glaubt, wird gesund.
Epilog
PROLOG
Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man durchaus darüber lachen, was sich so alles in der Neuen Welt abspielt. Ich bin selbst dort seit vielen Jahren Staatsbürger und kann immer weniger meinen Augen und Ohren trauen, aber so ist es nun mal eben in Amerika heutzutage. Ich bin zwar generell ziemlich politisch involviert, aber viel erreicht man damit nicht, wenn man etwa Leserbriefe an die Zeitung schickt. Dort wo ich lebe, also in Tucson im südlichen Arizona, denkt man sowieso meistens anders als im Mittleren Westen oder im Rostgürtel des Mittleren Ostens. Die Gegenwart einer größeren Universität bringt es einfach mit sich, dass viel mehr liberalere Einstellungen verbreitet sind. Aber wie sieht denn das Leben in den USA überhaupt aus, und nun mal aus der Sicht eines Deutsch-Amerikaners? Auch in Tucson, genauso wie in Miami oder Seattle, in Chicago oder Kansas City, treffen wir auf viele liebe Mitbürger, und so manche von ihnen, wie könnte es denn anders sein, haben so ihre Schrullen, ihre Schwachheiten, Torheiten, Fehler, und dann auch wieder ihre guten, lieben Seiten. Aber irgendwann platzt mir doch der Kragen, obwohl ich schon vor 24 Jahren eingebürgert wurde. Was soll denn das, möchte man fragen! Wie kann der gute Mann oder die gute Frau sich nur so verhalten? Haben sie denn noch gar nichts dazugelernt?
Man könnte darüber lachen, was sich da jeden Tag vor den eigenen Augen abspielt, und genau dies hat sich bei mir ergeben, als ich damit begann, mir einzelne Situationen im alltäglichen Leben genauer vorzuknöpfen und zu fragen, was sie eigentlich für die globale Welt in den USA auszusagen vermögen. Die nachfolgenden Satiren wollen etwas provokativ wirken, spießen gewiss Extrembedingungen auf, die in Wirklichkeit vielleicht doch nicht ganz so schlimm sein werden. Aber vieles muss doch mal gesagt werden. Natürlich habe ich auf Deutsch geschrieben, denn ich komme aus Deutschland und lehre Deutsch, schreibe auf Deutsch, denke auf Deutsch, und dies auch nach Jahrzehnten dort drüben. Trotz meines amerikanischen Passes sehe ich Amerika weiterhin aus deutscher Perspektive, und so konnte ich mir nicht anders helfen, als endlich mal meine satirische Brille aufzusetzen.
Ich habe mich hier sowohl politisch als auch sozialkritisch geäußert, will aber eigentlich niemandem auf die Füße treten. Wenn es mir aber gelingen sollte, einige Leser zum Schmunzeln oder sogar zum Lachen zu bringen, eventuell sogar meine amerikanischen Mitbürger, würde es mich schon sehr freuen. Klar habe ich oftmals übertrieben, aber ich hoffe, dass man es mir verzeihen wird als Satiriker, denn böse habe ich es eigentlich nicht gemeint. Ich gestehe auch gerne, dass ich es manchmal mit meinen Satiren wohl zuweitgetrieben habe, und bitte daher bereits hier im tiefsten Brustton des Bedauerns, man möge meine Entschuldigung akzeptieren. Sollte ich aber wunde Punkte getroffen habe, dann lacht gerne frei heraus; es lohnt sich wahrlich. Was ich beschreibe, sind große politische Aspekte und sehr kleine alltägliche Phänomene. Mein bewundertes Vorbild war Ephraim Kishon, aber so subtil wie er vermochte ich doch kaum zu schreiben. Bei mir kommt mehr die Holzhammer-Methode zur Geltung. Aber bei so vielen Holzköpfen mag dies eventuell gar nicht so schlecht sein. Viel Spaß, also, liebe Leserin und lieber Leser.
AMERIKANISCHE KUTSCHEN
Wir lachten früher schon regelmäßig über die amerikanische Großmannssucht bei ihren Autos. Viele Deutsche träumen bis heute von den ungeheuren Schlitten, die noch in den 60er Jahren den Glanz und die Glorie Amerikas darstellten. Dann kam der große Ölschock, und die Autoindustrie durchlief eine grundlegende Reform. Mittlerweile ist diese aber in die Jahre gekommen, der Benzinpreis hat sich praktisch halbiert, und so braucht sich keiner mehr wirklich Gedanken darüber zu machen, was für ein Auto man fährt. Die Grünen sind natürlich darauf bedacht, ein Elektroauto oder ein Hybrid-Fahrzeug zu erstehen, alle Hochachtung, aber der Durchschnittsamerikaner sieht das alles ganz anders.
Ich muss gestehen, ich bin überwiegend Fahrradfahrer. Meistens kann ich ohne große Probleme morgens zu Arbeit fahren und abends wieder sicher nach Hause kommen. Manchmal aber gibt es die Notwendigkeit, kurz die Hauptverkehrsstraße zu benutzen. Auch nur für hundert Meter, aber da bleibt mir doch die Spucke weg. Auf drei Spuren donnern die großen Pick-Ups oder die Vans an mir vorbei, oder ähnliche Ungetüme. Der richtige Amerikaner, der etwas auf sich hält, hat schon lange Abstand davon genommen, einen normalen Personenwagen zu fahren. Wer sind wir denn, so sagen sie sich alle. Wer nicht durch Volumen zu dominieren vermag, hat auf der Straße gar nichts zu suchen. Darum geht es vor allem. Es muss groß, mächtig, beeindruckend, dominierend, selbstherrlich sein. Das ist schon fantastisch, diese Armada von amerikanischen Personenwagen, die wie eine Herde wildgewordener Pferde daherkommen und alles vor sich dahinwalzen, was sich ihnen in den Weg zu stellen wagen sollte. Ein Fahrrad würde überhaupt nicht wahrgenommen werden. Man fährt heute selbstherrlich, sitzt sozusagen im zweiten Stock, überschaut die Welt vor sich und denkt an nichts.
Aber halt, ganz so ist das nicht. Da klingelt ja immer wieder das Handy, und da die amerikanischen Politiker weiß Gott nicht daran denken, Telefongespräche bei der Autofahrt zu verbieten, gibt es halt immer wieder so ein paar Unschuldsknaben, die es gewagt hatten, den Zebrastreifen zu benutzen, um die Straße zu überqueren. Meine Güte, einfach platt fahren, das Gewicht hält das schon aus, wird sowieso ein Obdachloser gewesen sein, oder so ein Linksintellektueller. Der stolze Amerikaner fährt einfach weiter, merkt noch nicht einmal, dass es da ein Problem gegeben haben könnte, und außerdem war der Anruf auf dem Smartphone sowieso wichtiger gewesen.
In Texas fährt man auf jeden Fall mit den größten Autos. Dort ist alles immer am größten, man würde sich geradezu schämen, wenn es anders sein sollte. Das Land ist groß, die Regierung ist fern, der Weg ist weit, also bitte einen inneren Wohnraum auch im Auto. Da sollte zumindest ein Kühlschrank installiert sein, und ein Fernseher gehört sowieso dazu, damit die Kinder mit etwas Beruhigendem berieselt werden können. Ich finde das wirklich wunderbar, da fahren die Leute von Arizona oder die lieben Texaner-Touristen z. B. durch die Bergwelt von Sedona und dann weiter oben vom Gran Canyon, aber im Auto ist man auf den Videofilm fixiert; was soll denn die Welt da draußen?
In Arizona wagen es ein paar verrückte liberale Politiker, ein Gesetz durchzusetzen, wonach Teenager für die ersten sechs Monate nicht beim Autofahren Telefongespräche führen oder eine Sims schicken dürfen. Zum Glück haben die Republicans die völlige Mehrheit und werden schon sicherstellen, dass keine solche Regelungen durchgesetzt werden könnten. Seltsamerweise gilt aber, dass man einen Sicherheitsgurt tragen muss, und dies sogar bei uns im Südwesten. Das ist ja ungeheuerlich, die Regierung will uns zwingen, solch einen einengenden Gurt vor der Abfahrt anzuschnallen, wo bleibt denn da unsere Freiheit? Gut, im Flugzeug macht man das schon, aber dort zwingt uns ja die Stewardess dazu. Wenn ich aber mit dem Auto fahre, sollte ich da nicht machen dürfen, was mir gerade so recht wäre? Ach, Gesetze, Regelungen, Vorschriften – all das ist ja so lästig, und wir Amerikaner wollen wirklich nichts damit zu tun haben. Hurra, Freiheit ist das Stichwort, und wenn auch die anderen darunter leiden könnten, was soll’s, jeder darf machen, was er oder sie will. Nun, sagen wir mal, was er will; die lieben Frauen sollten doch ein wenig kuschen und sich unterordnen. Sie reden sowieso zuviel am Telefon, während Männer, ganz gleich welchen Alters, nur wichtige Dinge zu sagen haben. Also, liebe Polizei, wenn ich dann wieder einmal bei der großen Kreuzung nach links abbiege und mehrere Spuren überqueren muss, dann sollte ich wirklich das Recht haben, gleichzeitig mit der Schwiegermutter über die Auswahl für das nächste Abendessen zu streiten oder darüber zu diskutieren, ob der neueste Kinofilm wirklich sein Versprechen eingelöst haben könnte oder nicht. Hoppla, und da kommt so ein blöder Verkehrsteilnehmer von der rechten Seite und beansprucht das gleiche Recht wie ich! Nun gut, es kam zu keiner Karambolage, aber das muss ich gleich der Schwiegermutter haarklein berichten, auch wenn ich nicht so ganz begreife, was bei der nächsten Ampel passiert.
Was soll ich mich auch besorgen, um mich herum ist so viel Blech und Stahl, da könnte selbst eine Handgranate Schwierigkeiten haben, sich durch die Außenwand zu kämpfen. Der Krieg ist der Vater aller Dinge, nicht wahr, und so auch im normalen Straßenverkehr. Wer würde daher darauf verzichten wollen, eine rollende Festung zu besitzen, mit der man alle Sorgen wegen eines Staus oder anderer Probleme ignorieren kann. Da sitze ich ganz hoch oben, überblicke den Verkehr, und wenn man mir keinen Platz einräumt, fahre ich einfach los und überrolle die kleinen Autos, die diesen Namen noch nicht einmal verdienen. Ja, ich weiß, da war auch ein Fahrer drin, aber bei diesem Stau muss man sich einfach durchsetzen. Je höher man sitzt, desto mehr Vorrang besitzt man. Und wenn die Ampel weit voraus auf Rot springt, drücke ich erst recht aufs Gas, um dann kurz vor den wartenden Autos eine Vollbremsung hinzulegen, bei der meine mächtigen Reifen kräftig Spuren auf dem Asphalt hinterlassen. Gerade noch mal so geschafft, aber wen soll das denn stören? Die Straße gehört mir, sitze ich ja am höchsten. He, he, das sind die neuen amerikanischen Verkehrsregeln!
Klar, wenn man dann eine Parklücke sucht, erweist sich das als recht schwierig, denn wie passt so ein Panzer zwischen zwei kleine Personenwagen? Na, das soll dann die Versicherung klären. Und der Spritverbrauch? Mensch, damit solltest du mich aber wirklich nicht belästigen. Dafür gibt es Kreditkarten, und wie viele Meilen ich pro Gallone fahren kann, geht wirklich niemanden an. Hauptsache, der Motor brummt so richtig kräftig und demonstriert meine eigene Männlichkeit. Ja, in Amerika macht es noch Spaß, sich auf der Straße motorisiert zu bewegen. Da brauche ich gar keine Viagra-Pillen mehr und fühle mich wie ein Cowboy aus den alten Tagen.
AMERIKANISCHE POLITIK
Wir können schon stolz darauf sein, einen Präsidenten zu haben, der laut eigener Aussage der genialste, begabteste, intelligenteste und fähigste Führer unseres Landes sei. Mir ist zwar nicht ganz klar, wer ihn gewählt haben könnte, aber die Neuentwicklung Amerikas als großartigstes Land der Welt kann nun endlich ohne jegliche Einschränkungen vonstatten gehen. Umweltschutz und Hilfe für die Einwanderer, was für törichte Vorstellungen! Sozialwesen und Energieeinsparungspläne können wir nun in die Mottenkiste der Vergangenheit stecken. Dazu kommen natürlich sofort die Frauen, die allesamt zurück in die Küche geschickt werden, oder einfach ins Ehebett. Wenn unser Präsident einmal an die Muschi packt, dann ist das ja aus männlicher Sicht ganz in Ordnung, selbst die Evangelikalen stecken das einfach weg. Von den Homosexuellen wollen wir mal gar nicht reden, die werden sowieso an der Wand plattgedrückt.
Lieber Präsident, wie wahr, wir sind eine weiße, christliche Nation. Wer das nicht anerkennt, braucht sich gar nicht erst anzustellen, um Hilfe vom Staat zu erhalten. Es geht alles nur um Golf, auf höchster Ebene, und wer nicht mitspielen will, und auch nicht seine Millionen Dollar Mitgliedsgebühr zu bezahlen bereit ist, soll sich gleich verkrümeln. Heil Donald, so heißt es heute im Weißen Haus. Woher aber diese weiße Weste kommen mag, ist mir schleierhaft. Vielleicht hat man sie in Moskau gestrickt? Überhaupt, wir sollten alle Russisch lernen, um die von dort ausgesandten Befehle besser verstehen zu können. Da, da, da.
Leider gibt es Millionen von Latinos, die hier im Lande geboren sind, von den anderen Nicht-Weißen mal ganz zu schweigen. Aber der gute Donald hat natürlich so seine eigenen Vorstellungen und wird sie alle ganz schnell jenseits seiner Mauer katapultieren, wenn sie denn mal gebaut sein sollte. Auf Biegen und Brechen soll da so ein Bauwerk entstehen, das eigentlich niemand will, das in Wirklichkeit gar nicht möglich sein wird, das aber höchst publikumswirksam die Vorherrschaft der weißen Rasse betonen wird, die schon längst zur Minderheit gehört und immer noch auf die weiße Bibel pocht, die stets schon völlig vielfarbig gewesen ist. Oh mein Gott, welche üblen Früchte wachsen da heran?
Früher hatten wir noch eine Regierung, die so halbwegs erwachsen wirkte, Ich weiß zwar nicht, was ich über den George Bush Junior oder Ronald Reagan sagen soll, aber Schwamm darüber, Verfehlungen hat es schon immer gegeben. Wir wollen einmal gutwillig annehmen, dass es auch in der Vergangenheit einen demokratischen Prozess gegeben haben mag, aus dem tatsächlich der in Mehrheit gewählte Präsident herausgekommen sein könnte. Wie gut nur, dass wir uns im Konjunktiv auszudrücken vermögen. Immerhin, es gab eine Wahl, und bisher entschied man sich, wie man so dachte, für den besseren Kandidaten, oder die bessere Kandidatin. Inzwischen aber hat sich der grüne Kerl, der Dollarschein, ganz frech zwischen die Menschen und die Politiker gestellt, und dies massenhaft. Man mag es nun glauben oder nicht, es könnte einmal ein demokratisches System gegeben haben, in dem ehrlich gewählt wurde. Dies war zwar niemals in den USA der Fall, und auch nicht in der Schweiz, aber träumen ist ja immer noch gestattet.
Was sollte ich denn z. B. von den Schwarzen sagen? Sind sowieso nur ehemalige Sklaven, und da wollen sich die guten christlichen Amerikaner auf gar nichts einlassen. Wer also wählen will, in den USA, muss ganz einfach weiß, christlich und männlich sein, und sowieso nur republikanisch denken. Wer keinen Kleinlaster fährt, wer kein Munitionslager oder eine Galerie an Schnellfeuerwaffen besitzt, kann sich gleich verkriechen, denn heute bedeutet Demokratie eben etwas anderes. Wir sind endlich wer, aber halt nicht mehr Gastfreunde für die Flüchtlinge aus der ganzen Welt. Dort soll man ruhig unsere Waffen kaufen, schön Krieg führen, ohne Bedenken die Natur ausbeuten, die Frauen vergewohltätigen oder die Schulen zerstören. Solange der Rubel, ich meine, der Dollar, rollt, sind wir doch mit allem zufrieden. Na, so ganz sicher bin ich mir vielleicht doch nicht.
AMERIKANISCHE SCHULEN
Nun ja, es kostet eine Stange Geld, eine ordentliche Schule zu betreiben. Wir brauchen Schuldgebäude, Klassenzimmer, Bücher und Computer, und dann sogar noch Lehrer. Wirklich, wir brauchen Lehrer? Wer sagt denn so was? Klar, in Deutschland und eigentlich im Rest der ganzen Welt ist das selbstverständlich. Schule und Unterricht bedeuten eben, dass Kinder von Lehrern unterrichtet werden. Und die Lehrer kommen mit einer soliden Ausbildung. Auch selbstverständlich. Je besser die Lehrer, desto besser also der Unterricht, und desto größer der Lernerfolg. Dafür haben wir Schulen, und jeder weiß, dass ein Staat oder ein Land nur dann einen guten Standard erreicht, wenn auch die Schulen ein gutes Niveau besitzen. Was rede ich also, was soll dieses Gelaber, das weiß doch jedes Kind; das pfeifen die Spatzen vom Dach?
Tja, meine Lieben, das denkt Ihr nur so, denn es geht auch ganz anders. Bei uns in Arizona versucht man, einen anderen Weg einzuschlagen, um erstens viel Geld zu sparen, und zweitens um die zukünftigen politischen Wähler schön im Unwissen zu halten und ein braves Wahlvolk heranzuzüchten. Oder, noch perfider, um allein den Reichen gute Schulen zur Verfügung zu stellen, während die Mittelklasse und die Armen einfach wegfallen können. Brillantes Konzept, und es breitet sich überall in den USA aus. Da ist Arizona gar nicht so einzigartig, vielmehr nehmen wir eine Vorreiterrolle ein.
Man stelle sich das mal vor, da hat der Gouverneur jüngst ein Gesetz unterschrieben, dass es Schulen erlaubt, als Lehrer eine x-beliebige Person einzustellen, ohne Ausbildung, Zertifikat oder nachgewiesene Qualifizierung. So macht man das, um konservative Politik zu betreiben! Was sollen überhaupt öffentliche Schulen? Die jungen Leute dort sind sowieso viel zu aufmüpfig und lernen alle möglichen verdächtige Dinge, die sie kritisch werden lassen könnten. Man stelle sich bloß vor, wenn sie dann mit achtzehn die Schule verlassen und tatsächlich mündig wären? Dann bestände ja die Gefahr, dass sie Zeitungen oder Blogs lesen, sich online kundig machen und darauf anders wählen, als es die Regierung will! Nur keine geistige Selbständigkeit! Die jungen Leute sollen Geld verdienen, ein Haus und ein Auto auf Raten kaufen, für den Rest ihres Lebens sich verschulden, nicht wählen, Kinder kriegen, und Schluss damit.
Lehrer ohne Ausbildung! Ach ja, das ist ja genauso wie mit dem Fremdsprachenunterricht. Wieso braucht man Fachlehrer dafür? Nehmen wir mal Deutsch, das tatsächlich immer noch an relativ vielen Schulen in Arizona unterrichtet wird. Ein Deutschlehrer, der mit einem M.A. daherkommt und schon Jahre auf der Uni Lehrerfahrung gesammelt hat, kostet doch viel zu viel. Nehmen wir einfach einen ehemaligen US-Soldaten, der einige Jahre in Deutschland verbracht hat und gerade mal sagen kann, ‘ein Bier bitte’, oder, ‘Fräulein, Essen bitte’. Für den ist sowieso alles bloß Bahnhof. Als Lehrer erhält er dann ein Minimalgehalt, keine Sozial- oder Altersversicherung und kann jederzeit gefeuert werden, wenn das Interesse der Kinder an Deutsch sinkt. Die würden in dem Fall sich sowieso nicht mehr in eine Deutschklasse einschreiben, weil dieser Lehrer unfähig wäre, auch nur irgendeine grammatische Konstruktion zu erklären oder die richtige Aussprache zu vermitteln. Wir haben das hier ja immer wieder, dass Deutsche sich an uns auf der Universität wenden, sie würden gerne bei uns unterrichten, sie seien sowieso Muttersprachler und könnten gut etwas Geld gebrauchen. Als ob solche Leute Ahnung von ihrer eigenen Sprache hätten! Wie erklärt man Adjektivendungen, die Rolle von ‘ein’ vor Artikeln, doppelten Infinitiv bei Modalverben im Plusquamperfekt, Passivkonstruktionen bei ‘bleiben’ und ‘lassen’ etc.?
Unser Gouverneur scheint aber genau von der gleichen Vorstellung beherrscht zu sein, Ausbildung sei nicht vonnöten. Vielleicht hat er ja recht, wenn ich mir seinen eigenen Lebensweg ansehe. Finanzwesen hat er studiert, dann krumme Geschäfte gemacht, ein lautstarker Mann, Republican, ja, ein wahrer Führer in unserem freien Staate.
Arizona ist wirklich ein Vorbild, so geht man verantwortlich und effektiv mit den Steuergeldern um, indem man sie aus dem Schulsystem rauszieht und sie in Gefängnisse steckt. Das lohnt sich jedenfalls. Je mehr Gefängnisse man hat, desto mehr muss die US-Regierung dafür bezahlen. Die Arizona-Regierung erlässt daher immer mehr Gesetze, um immer mehr Menschen auch nur wegen kleinster Vergehen gefangen zu nehmen, und schon floriert das Geschäft. Wem gehören aber diese Privat-Gefängnisse? Ja, es sind Gefängnisse in privater Hand, die die Regierung erheblich für jedes Gefangenenbett belangen. Je mehr Menschen in eine Zelle gepfercht werden können, desto mehr Geld für das Unternehmen! Ganz einfach, und die konservativen Parlamentarier haben das schon längst spitz bekommen und arbeiten daher kräftig darauf hin, immer härtere Gesetze erlassen. Ich fürchte, die haben alle klammheimlich ihre eigenen Finger im Spiel. Aber bitte, zitiert mich hierbei nicht. Ich werde alles ableugnen und mich als guten Staatsbürger beweisen, der gar nichts von Schulen hält und jubelt, wenn die Regierung weniger dafür ausgibt. Nur, ich lehre an der Universität, und wie soll das denn bei uns laufen, wenn diese jungen Menschen sich einschreiben und völlig unbedarft sind. O tempora o mores!
Zurück aber zum Schulsystem, das einen immer geringeren Prozentanteil im Gesamtbudget der Regierung einnimmt als die Gefängnisse. Je schlechter die Schulen sind, desto weniger lernen die Schüler. Wenn sie dann den Abschluss machen, finden sie keine guten Arbeitsstellen, und dann verdienen sie auch wenig. Viele wenden sich daher dem Drogenhandel zu oder begehen Verbrechen, und schon schlägt die Falle zu. Willkommen im Privatgefängnis!
Schule und Abschluss habe ich gerade gesagt. Das ist hier wirklich ein Witz, und schon immer so gewesen. Amerikanische Schüler gehen zur Schule und verbringen dort gemütlich ihre Zeit, denn Hausaufgaben müssen sie ja sowieso nicht machen. Prüfungen gibt es wenige, und wenn, dann nur Standardtests in den Naturwissenschaften und Mathematik. Eigentlich kommen die meisten Studenten mit Null-Wissen an die Universität, weil sie die meiste Zeit mit Geldverdienen verbracht haben. Gut, diejenigen, die Deutsch an der High Scholl belegen, sind meistens höher qualifiziert, aber ansonsten hat man von Tuten und Blasen keine Ahnung, ehrlich.
Das kann jetzt also nur noch besser werden. Die Schüler besitzen keinerlei Wissen. Die neuen Lehrer kommen von irgendwoher, verstehen zwar eventuell etwas von der Sache, können sie aber nicht erklären. Die Schüler merken das schnell und wählen dann das jeweilige Fach mit ihren Füßen ab. Herrlich, herrlich, die staatlichen Ersparungen werden immer besser. Aber mein Vorschlag geht natürlich noch viel weiter. Wäre es nicht insgesamt viel vernünftiger, alle öffentlichen Schulen abzuschaffen und allein private Schulen zu fördern, denn die Trennung von Staat und Kirche ist schon lange unterlaufen. Die Reichen verdienen es bestimmt, vom Staat extra Geld für ihre Kinder zu bekommen. Die Armen brauchen all das unnötige Wissen gar nicht mehr, denn sie lesen sowieso keine Zeitungen, keine Gebrauchsanleitungen, keine Bücher. Bei McDonald muss man ja nur auf Knöpfe mit Bildern drücken. Wozu also Schulen?
Ach, ich lebe wirklich in einem glücklichen Bundesland! Wir haben so viel Sand in unserer Wüste, was bestimmt für all unsere Politiker ausreichen dürfte, die so gerne den Kopf in den Sand stecken. Nach mir die Sintflut, eh, ich meine, nach mir die totale Dürre, auch an den Schulen!
AMERIKANISCHE VERKEHRSORDNUNG
Autofahrer in Europa würden diese amerikanische Verkehrsregelung schätzen und darauf pochen, dass sie auch bei ihnen eingeführt werden sollte. In Europa ist alles so furchtbar hierarchisch geordnet, mit Vorfahrtsstraße und Nebenstraße. Die einen haben halt Vorfahrt, die anderen müssen warten. Wenn kein Schild zu sehen ist, gilt einfach, dass derjenige, der von rechts kommt, zuerst fahren darf.
Aber in Amerika ist man viel freundlicher und demokratischer. Der Verkehr muss ja nicht so strikt reglementiert sein, und so kommt es zu der verblüffenden Situation, dass in zahllosen Nachbarschaften die Autofahrer an Kreuzungen gelangen, wo nicht zwei, sondern vier Stoppschilder stehen. Schön eins für jede Straße. Das ist super gut, denn somit muss zunächst einmal jeder stehen bleiben, muss sich umschauen, dem anderen zunicken, ein paar Zeichen austauschen, dann kurz nachdenken, schließlich vorsichtig losfahren, und schon, rums, haben sich alle vier Autos schön in der Mitte getroffen, ein kräftiger Materialschaden. Hm, wer hatte also Vorfahrt? Wer hätte die Lage bestimmen sollen? Macht doch alles nichts, denn nun kommen die Rechtsanwälte zum Zuge und werden gut an den Verhandlungen verdienen. Die Autoversicherungen sind auch nicht die Gedeppten, denn sie versuchen natürlich, jeden einzelnen Fahrer für fehlerhaftes Fahrverhalten schuldig zu erklären. So dreht sich das Karussell.
Aber was soll man denn machen an dieser Kreuzung? Natürlich bleibt man stehen, wartet, versucht dann, sich zu orientieren, fragt sich, wie man sich entscheiden soll, und genau dann, wenn man sich endlich entschieden hat und losfährt, machen die anderes das ebenfalls. Das Resultat ist dann so wie oben beschrieben. Ich aber bin Fahrradfahrer, und weiß wirklich nicht, wie ich mich verhalten soll. Da stehe ich also an der Kreuzung, der Autofahrer auf der anderen Seite rührt sich nicht, ich winke heftig, er solle fahren, aber weil seine Autoscheiben dunkel gefärbt sind, kann ich ihn nicht sehen. Also entscheide ich mich endlich, die Vorfahrt zu nehmen, nur hat er wohl meine Zeichen missverstanden und fährt ebenfalls los. Meine Güte, wieviele Fast-Unfälle habe ich da schon erlebt.
So kann man also Demokratie auch praktizieren; am Ende fährt dann am besten wohl keiner mehr. Man sollte aussteigen, sich kennenlernen, ein wenig plaudern, dann einfach umdrehen und eine andere Kreuzung suchen, wo niemand mich gefährden könnte. Vielleicht sollte man in der Zukunft kleine eingepackte Geschenke mit sich führen, um den Verkehrspartner, der bei der Kreuzung sich auch nicht weiterzufahren getraut, etwas bei der Begegnung zu überreichen und ihn oder sie freundlich zu stimmen. Man könnte ja dadurch das Recht eingeräumt bekommen, als erster zu fahren. Nur, nach all den Bemühungen, an der Kreuzung das soziale Geflecht auseinander zu wirren, ist dann so viel Zeit verstrichen, dass ich dann sowieso nicht mehr weiterfahren muss, habe ich ja meinen Termin schon längst verpasst. Es geht also gleich wieder nach Hause, wo ich mir über einen Kaffee Gedanken darüber machen kann, warum amerikanische Kreuzungen solch ein Problem darstellen. Ein Philosoph sollte sich dieser Aufgabe mal annehmen.
ANGST VOR DER DUNKELHEIT
Ohne Zweifel, in Amerika hat man Angst vor der Dunkelheit. Nachts darf es nicht richtig dunkel werden. Vielleicht steckt dies ganz tief in der amerikanischen Psyche, Flucht aus der alten, dunklen Welt? Ich bin mir da nicht so ganz sicher, ich weiß nur, dass es überall das gleiche Phänomen ist: Fußballstadien schalten ihre Flutlichter irgendwann mal früh morgens aus, nur nicht nachts. Stromkosten – ignorieren wir mal. Shopping Malls sind ein Lichtermeer, und man kann richtig darin baden, so viele Lampen scheinen überall. Interessant ist aber für mich insbesondere, wie die Situation bei der Arbeit aussieht. Abends, wenn ich noch einmal zum Büro zurückkehre und wirklich genau sagen kann, dass kein anderer mehr da ist, begrüßen mich freundlich lächelnd alle Rechner-Monitoren, hell strahlend; die Flurlampen werden nie gelöscht, manche Büros sind herrlich ausgeleuchtet, die ganze Nacht. Was soll’s aber auch? Stromrechnungen werden erst später bezahlt, und der Strom kommt sowieso aus der Steckdose, da braucht man nicht weiter nachzudenken.
Ich in meiner sturen deutschen Art gehe dann von Rechner zu Rechner, von Lichtschalter zu Lichtschalter und schalte alles systematisch, ordnungsliebend, aus. Spare ich nicht damit auch etwas Strom? Ich glaube schon, aber keiner achtet darauf. Amerika, du hast es wirklich besser, bei dir geht das Licht nie aus.
ARMUT, WIRKLICH?
Tagtäglich beobachte ich mit großen Sorgen, wie die Armut in den USA um sich greift. Mir war schon immer bewusst gewesen, dass es viele arme Menschen auch in dem superreichen Amerika gibt, aber dass sie sich so offen auf der Straße zeigen würde, wie es heute immer mehr der Fall ist, war mir bislang nicht bewusst. Ich meine noch nicht einmal die vielen Obdachlosen, die Bedürftigen oder verarmte Frauen, die dringend einen Unterschlupf brauchen. Davon gibt es genügend in jeder Stadt, an vielen Straßenecken, an Bushaltestellen, an Bahnhöfen usw. Das ist alles schlimm und sehr traurig, aber heutzutage fällt mir die Armut sogar im Alltag auf, in Geschäften, auf Banken, in den Schulen, auf der Universität, überall. Was aber meine ich damit, woran denke ich? Nun, die Situation macht sich gerade bei jungen Menschen erschreckend bemerkbar. Immer mehr Jugendliche haben offensichtlich noch nicht einmal Geld genug, um sich anständige Kleidung zu kaufen. Verlumpt und zerrissen sehen sie aus, so als ob sie gerade einen Kampf mit einer wilden Katze ausgestanden hätten. Ausgebleichte Hosen mit riesigen Löchern, Rissen, Flicken – nein, selbst in den ärmsten Ländern Afrikas würde man nicht auf ein solches Elend stoßen. Ich bin aber trotzdem auf meine jungen Mitbürgerinnen und Mitbürger stolz, denn obwohl sie so jämmerlich einherschreiten, schaut ihre Armut ihnen nicht aus den Augen. Erstaunlich selbstbewusst bewegen sie sich in der Öffentlichkeit, missachten ihr eigenes Aussehen und kümmern sich nicht um die mitleidigen Blicke oder die Verachtung derjenigen, die noch anständige Kleidung tragen. Tja, es geht bergab mit den USA, ganz rapide. Oder sollte es sich um eine neue Mode handeln?
Nie im Leben, die Situation bei uns ist schrecklich erbärmlich geworden. Die armen Frauen können es sich offensichtlich nicht mehr leisten, ordentliche Hosen zu kaufen und müssen sich mit den zerlumpten Jeans zufrieden geben. Nur, wieso fahren sie dann so teure Autos? Wieso gehen sie in die eleganten Restaurants, obwohl sie doch offensichtlich kein Geld mehr dafür haben, um sich anständig zu kleiden? Lebe ich denn auf dem Mond, oder sind sie alle verrückt geworden?
BEIM BESUCH IM KUNSTMUSEUM
Neulich überredete mich meine Frau, an einem freien Samstag mal wieder das Kunstmuseum aufzusuchen und sich die neuesten Werke anzuschauen. Wir sind kunstbeflissen, wir wissen die Bemühungen der modernen Künstler zu schätzen, nach neuen Medien, Ausdrucksformen, Statements, Klangbildern und theoretischen Reflexionen zu suchen. Daher passt es natürlich, dass das Museum in der ehemaligen Garage einer Feuerwehr eingerichtet ist. Hoher Raum, riesige Fenster, man fühlt sich fast klein, aber eben postmodern. Es war heiß draußen, mehr als 40 Grad Celsius, Kühlung gab es nur im Museum, also nichts wie rein, und der Eintritt war sogar kostenlos. Für Intellektuelle wie uns gehört es einfach dazu, ein öffentliches Bekenntnis zu den Bemühungen der heutigen Künstler abzulegen, die die Welt der sinnlichen Wahrnehmung mittels ihrer provokativ-abstrakten Gestalt-Figurationen innovativ zu durchdringen versuchen und den Menschen unserer Zeit katalysatorisch-epistemologische Erfahrungen vermitteln, wenn man auf unglaublich eindrucksvoll monochrome Farbflächen starrt und sich dabei selbst zu begreifen beginnt. Der Prozess dieses Austausches zwischen Kunst und der menschlichen Ratio, diese transformative Revolution bei der Betrachtung der großen, wie unberührt wirkenden Leinwände ist immer noch ungemein erfrischend für den Geist, für die eigene Suche nach Sinnkonstruktion und für das durstig-ästhetische Empfinden.
Geschickt hatte man riesige Werke in den Museumsraum verfrachtet, die uns wegen ihrer Größe davon abhielten, unbedacht und viel zu rasch durch diese bedeutungsstiftende Landschaft zu eilen, ohne in tiefer Betrachtung die rationalistische und aufklärerische Botschaft solcher Happenings in ihrer postmodernen Version zu verarbeiten und zu internalisieren. Wir gehören ja genauso zu diesen monumentalen Schöpfungen wie diese uns eine existentielle Grundlage bieten, die mit dem heutigen Leben korrespondiert. Ja, so etwas ist ein ästhetisches und intellektuelles Erlebnis sondergleichen. Zehn Minuten hielt uns die graue Fläche auf der rechten Seite des Betonbaus gefesselt, bevor wir uns davon zögerlich lösten und uns dem blau-schwarzen Monument aus Gipsmasse zuwandten, das aus der genialen Hand seines Schöpfers geflossen war, der sich damit einwandfrei auf der Höhe der Zeit befand und eigentlich schon futuristische Signale vermittelte. Ein unberührter Holzklotz daneben rief durchdringend die Erinnerung an die Vorformen der modernen Kunst wach, in seiner Rauheit und seinem Widerstand eine Herausforderung sondergleichen. Die Natur selbst als ästhetisches Erleben.
Natürlich tritt sogar bei uns irgendwann einmal etwas Ermüdung ein, weswegen unsere Blicke auch in andere Richtungen zu schweifen begannen. Ich wechselte daher meine Perspektive, konzentrierte mich auf die dezent im Hintergrund entwickelte konstruktive Raumgestaltung und entdeckte bei diesem Prozess sukzessiv faszinierende Alternativformulierungen. Die geometrische Ausprägung eines Türrahmens in seiner herausfordernden Normalität beeindruckte mich ungemein, waren ja sogar die Winkel exakt bemessen, das Holz sauber geschnitten und das Werk präzise gemäß der Anweisungen des Künstlers ausgeführt worden. Die weiße, ganz ungetrübte Patina, die den Rahmen fast in die Wand versinken ließ, determinierte zusätzlich die sinnstiftende Manifestation des künstlerischen Willens, ganz eingebunden in Sein und Zeit. Heidegger hätte hier freundlich gelächelt.
Noch beeindruckender wirkte auf mich eine rote, ebenfalls geometrisch gestaltete Schalterkonstruktion aus Plastik oder Metall daneben, die in ihrer Schlichtheit ein großes innovatives Reflexionsvermögen spiegelte. Fein ziseliert waren programmatisch die Worte darauf angebracht: fire alarm. Bewusst hatte der Künstler Abstand davon genommen, einen internen Reim einzuflechten, um uns nicht in einen trügerischen Wohlklang davontrudeln zu lassen. Der triumphale Ausklang ergab sich aber schließlich, als sich mein Blicke in die Tiefe verlor, wo ein flurähnlicher Gang, der sicherlich als Metapher für den Geburtskanal dienen sollte, in einer anderen Tür zum Abschluss kam, auf der in großen Lettern aufgezeichnet war: TOILETTE.
Verwunderlich fand ich nur, dass bei diesen letzteren Kunstwerken die Etikettierung fehlte; selbst ein Preisschild war nicht angebracht worden. Wahrscheinlich bestand die Absicht darin anzuzeigen, dass abstrakte Kunst eben nicht mehr kommerziell vertrieben, sondern existentiell zum Einsatz gelangen sollte. Ja, das war ein Erlebnis, ein Happening feinster Art, Kunstwerke bewundern zu dürfen, die sich von ihrer längst überholten, traditionellen Funktion, ästhetisch oder epistemologisch Welt-Verständnis zu offerieren, befreit und endlich zur reinen Materialität zurückgefunden hatten.
Ich fand es aber etwas konsternierend, dass ich später ganz ähnliche Ausgüsse höchsten Kunstempfindens abstrakt-transformativer Art auch beim örtlichen Baumarkt entdeckte, völlig zweckentfremdet zwar, dort aber in einer satirischen Gestaltung mit einem Preisschild versehen und ohne Identifizierung des Künstlers. Wie entsetzlich, der Name des kreativ Schaffenden war durch einen Firmennamen ersetzt worden! Trotzdem, die Freude war groß bei mir, denn die Maserung des Holzes war noch genau sichtbar geblieben, und so strich ich versonnen mit dem Finger über die glatte Fläche, die auf sich selbst verwies und keine Ansprüche mehr an uns hegte, weil sie selbstgenügsam geworden das Schöne an sich im sozialen Geflecht widerspiegelte. Selbst im Bauhof gibt es jetzt also Kunst – faszinierend, dass diese sich nun sogar im kommerziellen Bereich verbreitet. Vielleicht sollten wir größere Museen errichten und von dort jegliche Farben verbannen. Am besten käme mir jedoch vor, eine nackte Betonmauer zu errichten, in die sich meine Augen endgültig verlieren würden, wobei die Transformation des Identitätskorpus initiiert werden könnte. Man müsste nur Eintrittsgeld zum Baumarkt fordern, und schon hätten wir eine elegante Lösung für unser uralten Fragen gefunden.
BUDDHISTISCHE ERLEUCHTUNG
Zu meiner eigenen Belehrung nahm ich an einer buddhistischen Veranstaltung teil. Man zeigte uns einen Film über die tibetanischen Jogis und ihre innere Kraft, sich mittels Meditation ganz auf ihre Spiritualität zu konzentrieren und eine höhere Daseinsstufe zu erreichen. Mir ist erst anschließend bewusst geworden, wie viel an Erleuchtung ich dabei selbst gewonnen hatte, mitten in der Nacht. Zunächst, kaum war ich in den Raum eingetreten, wurde ich davor gewarnt, Wertsachen im Vorraum zurückzulassen. Gut, ich nahm meinen Rucksack sowieso mit mir rein, aber wegen meiner Winterjacke machte ich mir doch fast ein wenig Sorgen. Aber sie hing später immer noch am Haken, und so konnte ich beruhigt anschließend mit dem Rad nach Hause fahren.
Es war freilich schon etwas spät geworden, es war also dunkel draußen, und die Sterne funkelten über mir. Machte ja nichts, denn ich brauchte ja nur mein Licht anzustellen. Wie gewohnt suchte ich, während ich schon losfuhr, nach dem Scheinwerfer, auf den ich bloß zu drücken brauchte. Ich suchte und suchte, mein Finger entdeckte aber nichts. In der Tat, das Licht war nicht mehr da. Vielleicht war es abgefallen, als ich das Rad geparkt hatte? Zurück also, die Parkstelle abgesucht – war ja nur ein Geländer gewesen -, doch dort war nichts zu sehen. Und dann bemerkte ich, dass auch mein Rücklicht fehlte. Jemand hatte also einfach alles abgeräumt, während ich den Film über diese alten Meister aus Tibet genossen hatte und ihre Lehren zu verinnerlichen suchte. Jetzt aber war ich gezwungen, in der Dunkelheit den Weg nach Hause zu finden. Wunderbar, und vielen Dank an Unbekannt.
So also hatte ich meine Erleuchtung gefunden, indem ich jemandem unfreiwillig meine beiden Scheinwerfer opfern musste. Hoffentlich ist er damit glücklich geworden; sie waren sowieso schon alt, aber mir fehlen sie jetzt doch empfindlich. Ob der Dieb lange diese Lichter benutzen kann, ist fraglich. Welche Lehre also habe ich daraus ziehen müssen? Ganz einfach, indem es bei mir dunkel wurde, ging bei mir zugleich ein Licht auf. Es wäre zwar sehr zu empfehlen, mit Scheinwerfern in der Nacht zu fahren, aber ich kam auch so gut nach Hause. Ärgerlich alles, aber verzeihen will ich dem Halunken doch. Wer so erbärmlich ist und einem Radfahrer die Lichter klaut, dem ist kaum noch zu helfen. Ich aber muss mich jetzt im Dunklen selber zurecht finden, eine Lektion für das Leben. Wie wurde uns im Film gesagt, unsere größten Feinde sind unsere besten Lehrer. Am nächsten Tag besorgte ich mir neue Fahrradlampen.
DES AMERIKANERS LIEBSTES KIND
Nein, von Kindern soll hier nicht die Rede sein. Auch nicht von Haustieren oder Hobbys. Vielmehr geht es darum, was viele Amerikaner so begeistert, was ihnen so stark am Herzen liegt, dass sie all ihre anderen sozialen, religiösen, philosophischen oder persönlichen Anliegen beiseite lassen, um sich diesem liebsten Kind zu widmen. Jeder konservative Politiker kennt dieses nur zu gut, und jeder überschlägt sich heute geradezu dabei, als Unterstützer, Befürworter, Verteidiger oder Vorkämpfer dieses Kindes aufzutreten. Man kann noch so ein großer Schweinehund sein, Frauen, Kinder oder Männer sexuell belästigt, finanziell dem Staat geschadet, gelogen, betrogen haben, ach, was auch immer, solange man nur dieses liebste Kind hätschelt und tätschelt, sorgsam pflegt, stets im Munde führt, ein Loblied darauf singt, kräftig über die Gegner wettert, die es aus der Hand jedes braven Amerikaners zu nehmen wagen könnten, und schon wird man gewählt. Geradezu ein Zaubermittel; und da können sich die Ausländer noch so die Augen reiben und fragen, was das denn alles soll. Es bleibt dabei, das liebste Kind wird stets umhegt und als die große Ikone des freien Amerikas hingestellt. Nur nicht daran rühren.
Wie denn, könnte man sich fragen, was für ein Kind mag das denn wohl sein? Nach so vielen Umschweifen, bitte mal mit der Katze aus dem Sack! Also, ganz einfach, glänzendes Metall, locker in der Hand liegend, Schnellfeuerwaffe, oder schweres halbautomatisches Gewehr, mit dem man einen Elefanten umlegen könnte und ein Rhinozeros zugleich. Man hört diese beeindruckenden Geschichten immer wieder: tatkräftige Großmutter verteidigt ihr Haus gegen Einbrecher, zückt ihre Waffe und ballert los. Die Diebe sind heilfroh, noch lebend davongekommen zu sein. Für die Zeitungen ein gefundenes Fressen, fett gedruckte Schlagzeilen. Und was die alte Frau schafft, das steht jeder anderen Frau in Amerika auch zu. Die Männer müssen sich natürlich als die Verteidiger der Familie noch besser rüsten und dürfen ein ganzes Arsenal besitzen; es könnten ja die Russen kommen, und da muss man gewappnet sein. Die National Rifle Association (NRA) ist mittlerweile zum Staat im Staate geworden, und wenn nur irgendjemand es wagen sollte, das Recht des Amerikaners auf freien Waffenbesitz in Frage zu ziehen, tobt sogleich ein politisches Unwetter sondergleichen. Da sollen übrigens die Russen schon lange an deren Türen geklopft haben.
Schon interessant, wenn man ein Auto kaufen will, oder eine größere Maschine, wird extrem viel an bürokratischem Kram verlangt, Formulare müssen ausgefüllt werden, Versicherung muss vorliegen, vom Führerschein ganz zu schweigen. Bei Waffen handelt es sich offensichtlich um etwas ganz anderes. Überall laufen diese großen Waffenmessen, und man kann sich dort ganz einfach mit allem Möglichen versehen, was so die heutige Industrie anzubieten vermag. Ob man nun Schwerverbrecher ist oder geistig geschädigter Mensch, interessiert doch niemanden. Geld über den Tresen schieben, hier hast du deine Waffe, und das Magazin gleich dazu – haben die denn alle einen Schuss weg – pun not intended, or is it? Frei ist die Welt, und in den USA noch freier. Gut, da hat ein Verrückter wieder einmal massenweise Menschen über den Haufen geschossen, die Überlebenden sind entsetzt, klagen, trauern, kritisieren, organisieren öffentliche Veranstaltungen – dies darf nie wieder passieren, mit uns nicht! –, aber das verändert doch nichts an dem Recht des Amerikaners, eine Waffe zu besitzen. Wir als freie Menschen sind nicht geisteskrank, nicht psychisch geschädigt, nicht von Verfolgungswahn geplagt, sehen keine Gespenster, und wer sollte mich dann daran hindern, Ballermann und Söhne zu spielen.
So herrlich ist das in den USA, jeder ist dazu aufgerufen, die Freiheit zu verteidigen, sich selbst zu verteidigen, die Gesellschaft zu verteidigen, vor allem gegen all die Bösen draußen, die ja dort auf den Waffenmessen ebenfalls kräftig zulangen oder Waffen in den dunklen Gassen kaufen, Schmuggelware. Fast läuft schon Krieg auf den Straßen, und je mehr Waffen in die Hände der Verbrecher gelangen, desto mehr müssen wir uns selber welche zulegen. Kein demokratischer Politiker darf uns da das Spiel verderben, oh nein, wir sind doch nicht so schwach wie die Europäer.
Und schon wieder kommt es in einem Restaurant, in einer Grundschule, in einem Krankenhaus, in einem Geschäft zu einem Blutbad von völlig unschuldigen Menschen, oftmals Kindern, aber das gehört wohl dazu. Und was geht das denn die bewaffneten Amerikaner an? Wir verteidigen ja nur Hof und Herd, wie im alten Stil. Gell, da brüstet ihr euch alle, beruft euch auf die Second Amendment, und die hat noch niemand so richtig gelesen – “a regulated militia”, steht da, “security of a free State”, nicht aber “every American is entitled to carry a weapon”, sondern: “the right of the people to keep and bear arms”, als Konsekutivsatz, bezogen auf die “militia”. Naja, was soll’s, selbst das Höchste Gericht hat sich für das Recht auf den freien, ungezügelten Gebrauch von Waffen entschieden, weil der Nebensatz so nebulös daherkommt, und so läuft das Karussell des Blutvergießens in den USA weiter, jedes Jahr an die 39 000 Morde. Das geht mir irgendwie nicht in den Kopf, und dann kriege ich vielleicht eines Tages, unversehens, völlig unschuldig meiner Arbeit nachgehend, genau so eine Kugel in diesen empfindlichen Körperteil, und dann ist es aus mit meiner sarkastischen Stimme. Mausetot werde ich dann sein, und die NRA pfeift dann so ihr Lied darauf … Tja, diese neunmalklugen Europäer! Eine Waffe hätte er besitzen sollen zur Selbstverteidigung, und dann, und dann, na, nicht auszudenken!
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