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Tuareg
Alberto Vázquez–Figueroa

Kategorie: Romane | Bibliothek: Alberto Vázquez-Figueroa
Originaltitel: Tuareg
Erstausgabe: 1980
Aktualisierte und erweiterte Neuauflage: Oktober 2020
© 2020 Redaktion Kolima, Madrid
www.editorialkolima.com
Autor: Alberto Vázquez-Figueroa
Titelbild: Silvia Vázquez-Figueroa
ISBN: 978-84-18811-42-5
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Zu meinem Vater
Allah ist groß. Er sei gepriesen!
Vor vielen Jahren, als ich jung war und meine Beine mich tagelang über Sand und Gestein hinweg zu tragen vermochten, ohne Müdigkeit zu verspüren, erfuhr ich irgendwann, mein jüngerer Bruder sei krank geworden. Obwohl drei Tagesmärsche seine khaima von meiner trennten, war die Liebe stärker als die Trägheit. Ohne Furcht machte ich mich auf den Weg, denn wie gesagt: ich war jung und stark, und ich ließ mich durch nichts entmutigen. Am zweiten Tag erreichte ich in der Abenddämmerung ein Gebiet mit sehr hohen Dünen, eine halbe Tagesreise vom Grab des Heiligen Omar Ibrahim entfernt. Ich erkletterte eine der Dünen mit der Absicht, nach menschlichen Behausungen Ausschau zu halten und dort um Gastfreundschaft zu bitten. Da ich jedoch nichts entdeckte, beschloß ich, die Nacht im Windschatten der Düne zu verbringen.
Der Mond hätte schon hoch am Himmel stehen müssen - hätte es Allah nicht gefallen, ihn in jener Nacht zu verbergen -, als ich von einem so unmenschlichen Schrei geweckt wurde, daß ich fast den Verstand verlor und mich, von panischer Angst gepackt, zusammenkauerte. So verharrte ich, und der gräßliche Schrei ertönte ein zweites Mal, gefolgt von so zahlreichen Klagelauten, daß ich unwillkürlich an die Seele eines Verdammten denken mußte, die mit ihrem Geheul die Erde zu durchdringen vermochte. Plötzlich hörte ich, wie jemand im Sand scharrte,und dann verstummte das Geräusch, um gleich darauf an anderer Stelle erneut hörbar zu werden. Dies wiederholte sich an fünf oder sechs Orten, und die ganze Zeit nahm das herzzerreißende Klagen kein Ende. Vor Angst hätte ich mich am liebsten verkrochen, und ich zitterte am ganzen Körper.
Doch das war noch nicht alles, was ich zu erdulden hatte, denn unversehens vernahm ich ein mühseliges Keuchen - und dann warf mir jemand eine Handvoll Sand nach der anderen ins Gesicht. Meine Vorfahren mögen mir verzeihen, aber ich gestehe, daß ich, von wahnwitziger Furcht gepackt, aufsprang und davonrannte, als wäre mir der leibhaftige saitan, der gesteinigte Unhold, auf den Fersen. Meine Schritte verlangsamten sich erst, als die Sonne mir den Weg erhellte und die großen Dünen hinter mir am Horizont verschwunden waren.
Bald darauf gelangte ich zur khaima meines Bruders, dessen Zustand sich nach dem Willen Allahs so sehr gebessert hatte, daß er sich meine Schilderung der Schreckensnacht anhören konnte. Als ich die Geschichte genauso erzählt hatte, wie ich sie euch gerade erzählt habe, lieferte mir ein Nachbar die Erklärung für jenen Vorfall, indem er an mich weitergab, was er einst von seinem Vater erfahren hatte.
Und dies waren seine Worte:
>Allah ist groß. Er sei gepriesen!
Vor vielen Jahren gab es zwei mächtige Familien, die Zayed und die Atman. Sie haßten sich, und sie hatten schon soviel Blut vergossen, daß sie damit für alle Zeiten ihr Vieh hätten rot färben können. Das bislang letzte Opfer war ein junger Atman gewesen, und deshalb sann seine Familie auf Rache. Eines Tages geschah es, daß die Zayed in den Dünen, wo du geschlafen hast,unweit des Grabes des Heiligen Omar Ibrahim, ihre khaima aufschlugen. Alle
Männer waren umgekommen, und so lebte in dem Zelt nur noch eine Mutter mit ihrem Sohn. Die beiden wähnten sich in Sicherheit, denn sogar bei Familien, die sich sehr haßten, galt es als unwürdig, sich an einer Frau und an einem Kind zu vergreifen.
Eines Nachts erschienen jedoch die Feinde. Sie fesselten die arme Mutter, die stöhnte und weinte. Ihren kleinen Sohn nahmen sie mit, denn sie hatten vor, ihn lebendig in einer der Dünen zu begraben.
Die Fesseln waren stark, aber bekanntlich gibt es nichts Stärkeres als die Liebe einer Mutter. Es gelang der Frau, sich zu befreien, doch als sie ins Freie trat, hatten sich schon alle davongemacht. Sie erblickte lediglich eine Unzahl hoher Dünen, und sie lief von einer zur anderen, scharrte im Sand und rief nach ihrem Sohn, wissend, daß er innerhalb kürzester Zeit ersticken würde und daß sie die einzige war, die ihn retten konnte.
Als der Morgen graute, suchte sie noch immer. Sie suchte auch noch am nächsten Tag und am übernächsten, denn Allah hatte ihr in seiner Milde die Wohltat des Wahnsinns erwiesen, damit sie weniger litte und nicht verstünde, wieviel Bosheit in den Menschen wohnt.
Die unglückliche Frau wurde nie wieder gesehen, aber es heißt, daß sich ihr Geist nachts in den Dünen unweit des Grabes des Heiligen Ibrahim herumtreibt,jammernd und unablässig suchend. So scheint es tatsächlich zu sein, denn du selbst hast dort ahnungslos geschlafen und bist ihr begegnete«
»Gelobt sei Allah, der Barmherzige, der dir gestattet hat, wohlbehalten zu entkommen, deine Reise fortzusetzen und hier in unserem Kreise am Feuer zu sitzen.«
»Er sei gelobt!«
Der Alte seufzte laut und vernehmlich. Dann wandte er sich an die jüngeren seiner Zuhörer, die die alte Geschichte heute zum ersten Mal vernommen hatten, und sagte: »Ihr seht also, daß Haß und Streit zwischen Familien zu nichts führen, es sei denn zu Angst, Wahnsinn und Tod. Glaubt mir, in den vielen Jahren, die ich an der Seite der Meinigen im Kampf gegen die Ibn-Aziz, unsere Erzfeinde aus dem Norden, verbraucht habe, vermochte ich darin nie etwas Gutes zu sehen, das als Rechtfertigung hätte dienen können, denn die Räubereien der einen werden mit den Raubzügen der anderen bezahlt und die Toten auf beiden Seiten haben keinen
Preis, sondern sie führen nur dazu, daß es noch mehr Tote gibt, bis es in den khaimas an starken Armen mangelt und die Söhne ohne die Stimme des Vaters aufwachsen.«
Minutenlang schwiegen alle, denn sie mußten über die Lehren nachdenken, die die Geschichte des alten Suilem enthielt. Sie sofort zu vergessen, wäre ungehörig gewesen, denn dann hätte ein so geachteter Mann vergeblich Stunden seines Schlafes geopfert und um seiner Zuhörer willen seine Kräfte verausgabt.
Schließlich gab Gacel, der jene alte Geschichte schon viele Dutzend Male gehört hatte, mit einer Handbewegung das Zeichen, daß es nun Zeit war, sich zur Ruhe zu begeben. Dann ging er allein fort, wie er es jeden Abend tat, um zu prüfen, ob das Vieh zusammengetrieben worden war, ob die Sklaven seine Befehle ausgeführt hatten, ob seine Familie friedlich schlief und ob in seinem kleinen »Reich«
Ordnung herrschte. Dieses Reich bestand aus vier Kamelhaarzelten, einem halben Dutzend seribas aus miteinander verflochtenem Schilfrohr, einem Brunnen, neun Palmen und ein paar Ziegen und Kamelen. Danach erkletterte er ohne Hast - auch dies tat er jeden Abend - die hohe, feste Düne, die sein Lager gegen die Ostwinde schützte. Im Mondschein betrachtete er von dort oben den Rest seines Reiches: die sich endlos erstreckende Wüste, ungezählte Tagesmärsche durch Sand, über Gestein, Berge und Geröllhalden hinweg. Hier herrschte er, Gacel Sayah, mit absoluter Macht, denn er war der einzige amahar, der sich in dieser Gegend niedergelassen hatte - und außerdem gehörte ihm der einzige Brunnen weit und breit.
Er saß gern auf jenem Gipfel und dankte Allah für die tausendfachen Segnungen, mit denen er überschüttet worden war: eine wohlgeratene Familie, gesunde Sklaven, gutes Vieh, fruchtbringende Palmen und das höchste Geschenk, nämlich aufgrund seiner Geburt zu den Edlen der kel-tagelmust, zu den »Männern mit dem Schleier« zu gehören, also zu den unbezähmbaren imohar, die bei anderen Sterblichen unter dem Namen tuareg bekannt waren.
Nach Süden, Osten, Norden und Westen gab es nichts - nichts, das die Macht von Gacel, dem »Jäger«, hätte einschränken können. Nach und nach hatte er sich immer weiter von den bewohnten Gegenden entfernt, um sich weitab in der Wüste niederzulassen. Dort konnte er ganz allein sein mit seinen wilden Tieren: den scheuen Mendesantilopen, denen er tagelang unten in der Ebene auflauerte; den Mähnenscharen auf den hohen, sich vereinzelt aus dem Sandmeer erhebenden Bergen; den Wildeseln, Wildschweinen, Gazellen und den riesigen Schwärmen der Zugvögel. Gacel war vor der stetig vorrückenden Zivilisation geflohen, hatte sich der Macht der Eindringlinge und der wahllosen Ausrottung der Wüstentiere zu entziehen versucht. Überall in der Sahara, von Timbuktu bis zu den Ufern des Nils, galt seine Gastfreundschaft als beispiellos, aber er stürzte sich auch voller Wut auf die Karawanen der Sklavenhändler, die unbesonnen genug waren, sich auf sein Territorium vorzuwagen.
»Mein Vater hat mich gelehrt«, sagte er, »immer nur eine einzige Gazelle zu töten,auch wenn die Herde dann flieht und es drei Tage kostet, sie wieder einzuholen. Ich kann mich von drei Tagesmärschen erholen, aber niemand kann eine unnötig getötete Gazelle wieder zum eben erwecken.«
Gacel wurde Zeuge, wie die Franzosen im Norden des Landes die Antilopen und fast überall im Atlasgebirge die Mähnenschafe ausrotteten. In der hammada, auf der anderen Seite der großen seguia, die vor Tausenden von Jahren ein wasserreicher Fluß gewesen war, verschwanden nach und nach die schönen Mendesantilopen. Deshalb hatte er sich für diese entlegene Gegend hier entschieden, die aus Geröllhalden, endlosen, sandigen Ebenen und schroffen Bergen bestand, vierzehn Tagesmärsche von El-Akab entfernt. Niemand außer ihm, Gacel, erhob Anspruch auf diesen unwirtlichsten Teil der unwirtlichsten aller Wüsten.
Für immer waren die glorreichen Zeiten vorbei, in denen die Tuareg Karawanen überfielen oder mit lautem Geheul französische Truppen angriffen. Auch die Tage der Raubzüge voller Kampf und Tod gehörten der Vergangenheit an. Damals hatten die Tuareg frei wie der Wind die Wüste durchstreift. Stolz hatten sie sich »Freibeuter der Wüste« und »Herren der Sahara« nennen lassen, vom südlichen Atlas bis zu den Ufern des Tschad-Sees. Vergessen waren die Bruderkriege von einst und die Gefechte, an die sich die Alten noch immer gern erinnerten. Damals hatte der Niedergang der imohar, der »Freien«, begonnen. Einige der tapfersten Krieger wurden bei den Franzosen Lastwagenfahrer, andere wurden Soldaten bei der regulären Truppe oder verkauften Stoffe und Sandalen an Touristen in grellbunten emden.
An dem Tag, als sein Vetter Suleiman der Wüste den Rücken kehrte, um in der Stadt zu leben und für Geld stundenlang Ziegelsteine zu schleppen, schmutzig und von Zementstaub bedeckt - an jenem Tag begriff Gacel, daß er fliehen mußte, um der letzte, ganz auf sich gestellte targi zu werden.
Und so war er nun hier, und mit ihm war seine Familie. Tausendmal hatte er Allah schon dafür gedankt, denn in all den Jahren - es waren so viele, daß er sie nicht mehr zu zählen vermochte - hatte er seinen Entschluß nicht ein einziges Mal bereut, wenn er allein des Nachts auf dem Gipfel der Düne saß und nachdachte.
In der Welt hatten sich während dieser Zeit seltsame Dinge zugetragen, die als wilde Gerüchte bis zu Gacel ‘ drangen, wenn er einem der wenigen Reisenden begegnete. Er freute sich, daß er all dies nicht aus nächster Nähe miterlebt hatte, denn die längst überholten Nachrichten sprachen von Tod und Krieg, von Haß und Hunger, von großen Umwälzungen, die sich immer mehr beschleunigten, von Veränderungen, auf die niemand stolz sein konnte und die auch für niemanden Gutes verhießen.
Eines Nachts, als er dort oben saß und die Sterne betrachtete, die ihm schon so oft den Weg durch die Wüste gewiesen hatten, entdeckte er plötzlich ein neues, strahlend helles Gestirn, das mit großer Geschwindigkeit eine Bahn über den Himmel zog, zielstrebig und unaufhaltsam, jedoch ohne die wahnwitzige Hast der flüchtigen Sternschnuppen, die unversehens aufleuchteten, um sofort wieder im Nichts zu verschwinden. Zum erstenmal hatte
Gacel das Gefühl, daß ihm das Blut in den Adern erstarrte, denn weder in seinem eigenen Gedächtnis noch in der Überlieferung seiner Vorfahren oder in den alten Legenden war die Rede von einem Himmelskörper, der Nacht für Nacht erschien und immer denselben Kurs über den Himmel verfolgte.
Im Lauf der Jahre kamen dann viele andere hinzu, bis sie eine rastlose Meute bildeten, die den uralten Frieden des Firmaments störte. Welche Bewandtnis es mit ihnen hatte, vermochte er nicht in Erfahrung zu bringen - er nicht und auch nicht der alte Senegalese Suilem, der Vater von fast all seinen Sklaven. »Noch nie sind die Sterne so verrückt über den Himmel gehuscht, Herr«, meinte Suilem. »Niemals zuvor war es so, und das kann bedeuten, daß sich das Ende der Zeiten nähert.«Gacel befragte einen Reisenden, der ihm jedoch keine Antwort zu geben vermochte. Er fragte noch einen zweiten, und dieser meinte zögernd und voller Zweifel: »Ich glaube, daß die Franzosen dahinterstecken.«Daran mochte Gacel jedoch nicht glauben. Er hatte zwar viel von den Erfindungen der Franzosen gehört, doch hielt er sie nicht für so verrückt, daß sie ihre Zeit damit verschwenden könnten, den Himmel mit noch mehr Sternen zu füllen. »Es muß sich um ein göttliches Zeichen handeln«, sagte er sich. »Es ist wohl ein Hinweis,daß Allah uns etwas mitteilen will - aber was?«Er mühte sich, im Koran eine Antwort zu finden, aber im Koran stand nichts über Sternschnuppen von mathematischer Präzision. So fand er sich denn im Lauf der Zeit mit ihnen ab und gewöhnte sich an ihren Anblick, was nicht heißen soll, daß er sie fraglos hinnahm.
In der klaren, reinen Luft der Wüste, in der finsteren Nacht dieses Landes, in dem in einem Umkreis von Hunderten von Kilometern kein anderes Licht zu sehen wa,hätte man glauben mögen, daß das gestirnte Firmament so weit herabreichte, daß es fast den Wüstensand streifte. Oft streckte Gacel die Hand aus, als könnte er mit den Fingerspitzen jene funkelnden Lichter berühren. Lange saß er so da, allein mit seinen Gedanken. Später stieg er dann ohne Eile hinab, um einen letzten Blick aufdas Zeltlager und das Vieh zu werfen. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß keine hungrigen Hyänen und schlauen Schakale seine kleine Welt bedrohten, war es auch für ihn Zeit, sich schlafen zu legen.
Am Eingang seines Zeltes, dem größten und bequemsten von allen, blieb er kurz stehen und lauschte. Sofern das Klagen des Windes noch nicht zu vernehmen war, verdichtete sich die tiefe Stille so sehr, daß sie sogar dem Gehör eines Menschen schädlich sein konnte.
Gacel liebte diese Stille.
Jeden Morgen sattelte der alte Suilem oder einer seiner Enkel das Lieblingskamel seines Herrn, des amahar Gacel, und wartete damit vor dem Eingang des Zeltes.
Jeden Morgen ergriff der Targi sein Gewehr, kletterte auf den Rücken des langbeinigen mehari und ritt in eine der vier Himmelsrichtungen davon, um nach
Wild Ausschau zu halten.
Gacel liebte sein Kamel, wie nur ein Mann der Wüste ein Tier zu lieben vermag,von dem oft sein Leben abhängt. Heimlich, wenn ihn niemand hören konnte, redete er mit dem Kamel, als könnte es ihn verstehen. Er nannte es r’orab, den Raben, und spottete auf diese Weise über das besonders helle Fell, das oftmals kaum vom Wüstensand zu unterscheiden war, so daß das Tier vor dem Hintergrund einer hohen Düne fast unsichtbar war.
Diesseits von Tamanrasset gab es kein schnelleres und ausdauernderes Mehari. Ein reicher Kaufmann, Herr über eine Karawane von mehr als dreihundert Tieren, hatte Gacel einmal fünf Kamele für das Mehari geboten, aber Gacel war nicht darauf eingegangen. Er wußte, daß R’Orab das einzige Kamel der Welt war, das ihn in der sogar finstersten Nacht zu seinem Zeltlager zurückbringen konnte, falls ihm eines Tages bei einem seiner einsamen Streifzüge etwas zustoßen sollte. Häufig schlief er ein, vom schaukelnden Gang des Tieres gewiegt und von Müdigkeit übermannt, und mehr als einmal geschah es, daß seine Familie ihm am Eingang seiner khaima aus dem Sattel half und ihn zu seinem Schlaflager geleitete.
Die Franzosen behaupteten, Kamele seien dumme, grausame und rachsüchtige Tiere, deren Gehorsam man durch Schreie und Schläge erzwingen müsse, doch ein echter amahar wußte, daß ein gutes Wüstenkamel, besonders ein reinrassiges, bestens gepflegtes und abgerichtetes Mehari, so treu und klug wie ein Hund sein konnte, aber natürlich tausendmal nützlicher in dieser Landschaft aus Sand und Wind.
Das ganze Jahr über behandelten die Franzosen alle Kamele gleich, ohne zu begreifen, daß die Tiere in den Monaten der Brunft reizbar und gefährlich werden konnten, besonders wenn die Hitze mit den Ostwinden zunahm. Deshalb wurden die Franzosen in der Wüste nie gute Reiter, und deshalb gelang es ihnen nie, die Tuareg zu beherrschen, sondern sie wurden von diesen in den Jahren der Kämpfe und Fehden immer wieder besiegt, obwohl sie in der Überzahl und besser bewaffnet waren.
Später gelang es dann den Franzosen, die Oasen und Brunnen unter ihre Kontrolle zu bringen. Sie verschanzten sich mit ihren Kanonen und Maschinengewehren an den wenigen Wasserstellen im flachen Land. Die »Söhne des Windes«, jene freien, unbezähmbaren Reiter, mußten sich vor etwas beugen, das seit Anbeginn der Zeiten ihr ärgster Feind gewesen war: der Durst. Aber die Franzosen empfanden keinen Stolz, die »Männer mit dem Schleier«besiegt zu haben, denn in Wirklichkeit gelang es ihnen nicht, sie in einem offenen Krieg niederzuzwingen. Weder Schwarze aus dem Senegal noch Lastwagen oder gar Panzer vermochten etwas in einer Wüste auszurichten, die von einem Ende bis zum anderen von den Tuareg mit ihren Meharis beherrscht wurde.
Die Tuareg waren nicht sehr zahlreich und lebten zudem weit verstreut,wohingegen die Soldaten aus der Hauptstadt oder aus anderen Kolonien wie Heuschreckenschwärme einfielen. Eines Tages war es soweit, daß in der Sahara kein Kamel, kein Mann, keine Frau und kein Kind an einem Brunnen trinken konnte, ohne die Franzosen um Erlaubnis zu fragen.
An jenem Tag legten die imohar die Waffen nieder, weil sie nicht mitansehen konnten, wie ihre Familien zugrunde gingen. Von da an waren sie dazu verurteilt, in Vergessenheit zu geraten. Sie waren nun ein Volk ohne Daseinsberechtigung, denn man hatte ihnen die Grundlagen ihrer Existenz entzogen: Freiheit und Kampf.
Aber noch lebten hier und dort einzelne Familien wie diejenige von Gacel. Sie hausten irgendwo in den Weiten der Wüste, doch ihnen gehörten nicht mehr Scharen von stolzen, hochmütigen Kriegern an, sondern es gab nur noch Männer, die in ihrem Inneren aufbegehrten und im übrigen die Gewißheit hatten, daß sie nie wieder die gefürchteten Männer des Schleiers, des Schwertes und der Lanze sein würden.
Dennoch waren die imohar auch weiterhin die Herren der Wüste, von der hammada bis zum erg oder zu den windgepeitschten, hohen Bergen. Die echte Wüste bestand nämlich nicht aus den spärlichen Oasen und Brunnen, sondern aus Tausenden von Quadratkilometern in ihrem Umkreis. Fernab der Wasserstellen gab es keine Franzosen, keine senegalesischen Askaris, ja nicht einmal Beduinen, denn da diese die Sandwüsten und steinigen Ebenen nicht kannten, hielten sie sich an die Karawanenwege, die von Oase zu Oase, von einer menschlichen Siedlung zur nächsten führten. Die Beduinen fürchteten die unermeßliche Weite dieses Landes.
Einzig die Tuareg, und ganz besonders die Einzelgänger unter ihnen, wagten sich ohne Furcht ins »Land der Leere«, das auf den Landkarten als weißer Fleck verzeichnet war. An heißen Tagen herrschte dort mittags eine Temperatur, die das Blut zum Kochen brachte. Hier gediehen nicht einmal die zähesten aller Dornenbüsche, und sogar die Zugvögel flogen in großer Höhe über dieses Gebiet hinweg.
Gacel hatte in seinem Leben schon zweimal einen solchen weißen Fleck, ein »Land der Leere« durchquert. Das erste Mal war es ein Tapferkeitsbeweis gewesen. Er wollte zeigen, daß er ein würdiger Nachfahre des legendären Turki war. Das zweite Mal - er war inzwischen ein erwachsener Mann - ging es ihm darum, sich selbst zu beweisen, daß er noch immer derselbe Gacel war, der in jungen Jahren sein Leben riskiert hatte.
Die Wüste aus Sand, Sonne und Hitze, dieser trostlose, den Geist verwirrende Ofen, übte auf Gacel eine seltsame Faszination aus. Ihrem Zauber war er eines Abends vor vielen Jahren erlegen, als er im Schein des Feuers zum ersten Mal von der Großen Karawane hatte reden hören: Siebenhundert Männer und zweitausend Kamele waren von einem »weißen Fleck« verschluckt worden, und nie wieder hatte man eine Spur von Mensch und Tier gefunden.
Diese Karawane, die als die größte galt, die jemals von den reichen haussa- Kaufleuten zusammengestellt worden war, hatte sich auf dem Weg von Gao nach Tripoli befunden. Sie wurde geführt von den erfahrensten Kennern der Wüste.
Ausgewählte Meharis trugen auf ihren Rücken ein wahres Vermögen an Elfenbein, Ebenholz, Gold und Edelsteinen.
Ein Onkel zweiten Grades, nach dem Gacel benannt worden war, bewachte damals mit seinen Männern die Karawane. Auch er verschwand für immer, als hätte er nie existiert oder als wäre er nur eine Erscheinung in einem Traum gewesen.
In den Jahren danach wagten viele Männer das unsinnige Abenteuer, nach der verschollenen Karawane zu suchen, getrieben von der eitlen Hoffnung, in den Besitz von Reichtümern zu gelangen, die nach dem Buchstaben des Gesetzes dem gehörten, der sie dem Wüstensand entreißen konnte. Doch der Sand wahrte sein Geheimnis; er konnte alles zudecken und Städte, Festungen, Oasen, Männer und Kamele unter sich begraben. Von den Armen seines Verbündeten, des Windes,getragen, kam er mit unerwarteter Wucht daher und senkte sich über die Reisenden
in der Wüste, deckte sie zu und verwandelte sie in eine der zahllosen Dünen des erg.
Wie viele Männer an dem Traum zugrunde gingen, die sagenumwobene Karawane zu finden, das wußte niemand zu sagen, und die Alten warnten die jüngeren Männer immer wieder vor solch einem aberwitzigen Unternehmen.
»Was die Wüste haben will, das gehört ihr«, pflegten sie zu sagen.
»Allah schütze den, der versucht, ihr eine Beute zu entreißen ...«
Gacel hatte nur einen Wunsch: Er wollte hinter das Geheimnis kommen und den Grund erfahren, warum so viele Männer und Tiere spurlos verschwunden waren.
Als er sich zum ersten Mal bis ins Herz des »Landes der Leere« vorwagte, begriff er. Er konnte sich jetzt vorstellen, daß nicht nur siebenhundert, sondern auch sieben Millionen Menschen von dieser tischebenen Öde verschlungen werden könnten.
Verwunderlich wäre höchstens gewesen, wenn es überhaupt jemandem gelungen wäre, hier lebendig herauszukommen.
Gacel kam durch - zweimal! Aber es gab nicht viele imohar wie ihn, und deshalb achteten die »Männer des Schleiers« ihn, Gacel, den »Jäger«, den einsamen amahar, der sich in einem Land behauptete, das zu beherrschen sich noch nie ein anderer angemaßt hatte.
Eines Morgens standen sie plötzlich vor seiner khaima. Der alte Mann hatte schon fast die Schwelle des Todes überschritten, und der junge, der ihn während der letzten Tage auf der Schulter getragen hatte, konnte nur noch ein paar Worte flüstern, bevor er ohnmächtig zu Boden sank.
Gacel befahl, das beste Zelt für die beiden herzurichten. Seine Sklaven und seine Söhne kümmerten sich Tag und Nacht um sie. Es war ein verzweifelter Kampf, mit dem Ziel, die beiden Männer - aller Erfahrung zum Trotz - in der Welt der Lebenden zurückzuhalten. Ohne Kamele, ohne Wasser, ohne Führer und ohne selbst zu den Wüstenbewohnern zu zählen, mußte es als ein himmlisches Wunder erscheinen, daß es den beiden gelungen war, den heftigen, dichten Schirokko der letzten Tage zu überleben.
Allem Anschein nach waren sie länger als eine Woche ziellos zwischen den Dünen und der Steinwüste umhergeirrt. Sie wußten selbst nicht zu sagen, woher sie kamen, wie sie hießen und wohin sie unterwegs waren. Man hätte glauben können, sie seien unversehens mit einer der Sternschnuppen zur Erde gestürzt; Gacel besuchte sie jeden Morgen und dann noch einmal am Nachmittag. Ihr städtisches Aussehen und ihre Kleidung, die sich so schlecht für die Wüste eignete, bereiteten ihm ebenso Kopfzerbrechen wie die unverständlichen Sätze, die sie im Schlaf sagten - in einem so reinen, gebildeten Arabisch, daß der Targi mit ihnen kaum
etwas anfangen konnte.
Endlich, in der Abenddämmerung des dritten Tages,stellte er fest, daß der Jüngere der beiden zu sich gekommen war. Seine erste Frage lautete, ob sie noch weit von der Grenze entfernt seien.
Gacel blickte ihn überrascht an. »Grenze?« wiederholte er.
»Welche Grenze? Die Wüste hat keine Grenzen - jedenfalls kenne ich keine.«
»Trotzdem muß es eine geben«, beharrte der andere. »Sie verläuft irgendwo hier in dieser Gegend ...«
»Die Franzosen brauchen keine Grenzen«, wandte Gacel ein. »Sie beherrschen die Sahara von einem Ende zum anderen.«
Der Unbekannte stützte sich auf den Ellbogen und betrachtete ihn verwundert.
»Franzosen?« sagte er. »Die Franzosen sind schon seit Jahren fort... Wir sind jetzt
unabhängig«, fügte er hinzu. »Die Wüste gehört nun freien, unabhängigen
Nationen. Wußtest du das nicht?«
Gacel dachte kurz darüber nach. Jemand hatte ihm irgendwann einmal gesagt, daß ganz weit oben im Norden ein Krieg tobte und daß die Araber versuchten, das Joch der roumis abzuschütteln. Aber er, Gacel, hatte dem keine Bedeutung beigemessen, denn die Anfänge jenes Krieges reichten in eine Zeit zurück, an die sich nicht einmal sein Großvater hatte erinnern können. Für ihn, Gacel, bedeutete Unabhängigkeit die Möglichkeit, allein durch das Land zu streifen. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, ihn aufzusuchen und ihm mitzuteilen, daß er einer neuen Nation angehörte.
Er schüttelte den Kopf und sagte: »Nein, das wußte ich nicht.« Und ein wenig verwirrt fügte er hinzu: »Ich wußte auch nicht, daß es eine Grenze gibt. Wer könnte schon eine Grenze durch die Wüste ziehen? Wer will verhindern, daß der Wind den Sand von einer Seite auf die andere trägt? Wer könnte den Menschen untersagen, diese Grenze zu überschreiten?«
»Die Soldaten.«
Gacel blickte den anderen verblüfft an. »Soldaten? In der ganzen Welt gibt es nicht genug Soldaten, um eine Grenze in der Wüste zu bewachen! Außerdem haben die Soldaten Angst vor der -Wüste.« Er lächelte leise unter dem Schleier, der sein Gesicht bedeckte und den er in Gegenwart von Fremden nie ablegte. »Nur wir, die imohar, fürchten die Wüste nicht. Soldaten ergeht es hier wie verschüttetem Wasser: der Wüstensand verschluckt sie.«
Der junge Mann wollte etwas sagen, aber der Targi sah ihm an, wie müde er war,und drückte ihn zurück in die weichen Kissen.
»Du mußt dich schonen«, mahnte er. »Du bist noch sehr schwach. Morgen reden wir miteinander. Vielleicht geht es dann auch deinem Freund besser.« Er wandte sich um und warf einen Blick auf den Alten. Zum ersten Mal begriff er, daß der Mann wohl nicht so alt war, wie er zunächst geglaubt hatte, obwohl er weißes, schütteres Haar und ein zerfurchtes Gesicht mit tiefen Falten hatte. »Wer ist das?«fragte er.
Der andere zögerte sekundenlang. Dann schloß er die Augen und sagte langsam mit leiser Stimme: »Ein Weiser. Er erforscht die Geschichte unserer Ahnen. Wir waren unterwegs nach Dajbadel, aber dann hatte unser Lastwagen eine Panne.«
»Bis Dajbadel ist es sehr weit«, bemerkte Gacel, aber der junge Mann hörte ihn nicht mehr. Er war in tiefen Schlaf gefallen. »Sehr, sehr weit, Richtung Süden ...
Soweit bin ich noch nie gekommen.«
Lautlos verließ er das Zelt. Draußen im Freien hatte er plötzlich ein flaues Gefühl in der Magengegend. Es war wie eine Vorahnung, und er hatte bisher noch nie so empfunden. An diesen beiden so harmlos wirkenden Männern war etwas, das ihn beunruhigte. Sie trugen keine Waffen, und ihr Äußeres deutete auf keine Gefahr hin, aber sie waren umgeben von einer unsichtbaren Aura der Furcht - und genau diese Furcht spürte Gacel.
»... erforscht die Geschichte unserer Ahnen ...«, hatte der Jüngere der beiden gesagt. Aber das Gesicht des anderen trug die Spuren von soviel Leid, wie sie sich auch während der Woche des Durstes und des Hungers in der Wüste nicht in seine Züge hätten graben können.
Gacel blickte sich in der Abenddämmerung um, als könnte er dort die Antwort auf seine Fragen finden. Der Geist, von dem er als Targi beseelt war, und die tausendjährigen Überlieferungen der Wüste sagten ihm unüberhörbar, daß er richtig gehandelt hatte, als er die beiden Fremdlinge unter seinem Dach aufnahm, denn Gastfreundschaft war das erste Gebot des ungeschriebenen Gesetzes, dem alle imohar gehorchten. Doch der Instinkt eines Menschen, der gewohnt ist, sich von seinen Vorahnungen leiten zu lassen, und der sechste Sinn, der ihn so viele Male vor dem Tod bewahrt hatte, flüsterten ihm ein, daß er ein großes Risiko eingegangen war und daß die beiden Männer den Frieden bedrohten, den er sich mit soviel Mühe erkämpft hatte.
Plötzlich stand Laila neben ihm, und seine Augen freuten sich an der süßen Gegenwart und der erblühenden Schönheit des Mädchens. Sie war halb Kind, halb Frau und hatte dunkle Haut. Den älteren Männern zum Trotz, die meinten, ein amahar dürfe nicht die Ehe mit einer Frau aus den Reihen der verachteten iklan- Sklaven eingehen, hatte er sie zu seiner Frau gemacht.
Sie setzte sich neben ihn, schaute ihn unverwandt aus ihren riesigen schwarzen Augen an, die stets voller Leben und geheimnisvoller Spiegelungen waren, und fragte mit leiser Stimme: »Du machst dir Sorgen wegen dieser Männer, nicht wahr?«
»Nein, nicht ihretwegen«, antwortete er nachdenklich, »sondern wegen etwas, das sie wie ein Schatten oder ein Geruch umgibt.«
»Sie kommen von weit her, und alles, was von weit her kommt, beunruhigt dich, weil meine Großmutter vorausgesagt hat, daß du nicht in der Wüste sterben wirst.«
Mit einer scheuen Gebärde streckte sie ihre Hand aus und berührte leicht die seine.
»Meine Großmutter hat sich oft getäuscht«, fuhr sie fort. »Bei meiner Geburt prophezeite sie mir eine düstere Zukunft, aber dann wurde ich die Frau eines Edlen, fast eines Fürsten.«
Gacel lächelte sie zärtlich an. »Ich erinnere mich an deine Geburt«, sagte er. »Es kann nicht viel länger als fünfzehn Jahre her sein ... Deine Zukunft hat kaum begonnen ...«
Es schmerzte ihn, sie traurig gemacht zu haben, denn er liebte sie. Als amahar durfte er sich zwar Frauen gegenüber nicht allzu weich zeigen, aber immerhin war sie die Mutter des letzten seiner Söhne. Deshalb öffnete er jetzt die Faust und umschloß ihre Hand mit der seinen.
»Vielleicht hast du recht, und die alte Khaltoum hat sich geirrt«, meinte er.
»Niemand kann mich zwingen, die Wüste zu verlassen und in der Ferne zu sterben.«
Sie schwiegen lange und ließen die Stille der Nacht auf sich wirken. Gacel fühlte, wie ihn erneut ein Gefühl des Friedens durchströmte.
Gewiß, die dunkelhäutige Khaltoum hatte ein Jahr im voraus die Krankheit prophezeit, die dann seinen Vater unter die Erde brachte. Sie hatte auch die große Dürre vorausgesagt, die die Brunnen versiegen und jeden Grashalm in der Wüste verdorren ließ, so daß Hunderte von Tieren starben, obwohl sie von Anbeginn an Durst und Trockenheit gewöhnt waren. Die alte Sklavin redete aber auch oftmals um des Redens willen, und ihre Visionen schienen häufig eher die Ausgeburt eines greisen Gehirns als echte Vorahnungen zu sein.
»Wer lebt am anderen Ende der Wüste?« brach Laila schließlich das lange Schweigen. »Ich bin noch nie über die Berge von Huaila hinausgekommen.«
»Menschen, viele Menschen«, antwortete Gacel. Er dachte über seine Erlebnisse in El-Akab und in den Oasen des Nordens nach. Kopfschüttelnd fuhr er fort: »Dort gefällt es den Menschen, sich auf engstem Raum zusammenzuscharen oder in engen, übelriechenden Häusern zu wohnen. Sie machen viel Lärm und schreien sich grundlos an, sie bestehlen und betrügen sich und sind wie Tiere, die nur in einer Herde leben können.«
»Warum?«
Gern hätte er eine Antwort darauf gegeben, denn Lailas Bewunderung für ihn erfüllte ihn mit Stolz. Aber er wußte keine. Er war ein amahar, geboren und aufgewachsen in der Einsamkeit dieses großen, leeren Landes. Mochte er sich noch so sehr den Kopf zerbrechen, so konnte er dennoch nicht begreifen, was die vielen Menschen zueinandertrieb und was es mit jenem Herdentrieb auf sich hatte, dem die Männer und Frauen anderer Stämme offenbar so bereitwillig nachgaben.
Gacel bewirtete mit Freuden alle seine Besucher und liebte es, mit anderen Menschen rund um ein Feuer zu sitzen, alte Geschichten zu erzählen und die kleinen Vorkommnisse des Alltags zu besprechen. Doch später, wenn die Glut langsam erlosch und das schwarze Kamel, das auf seinem Rücken den Schlaf herbeibrachte, lautlos und unsichtbar durch das Zeltlager schritt, begab sich ein jeder zu seinem abseits gelegenen Zelt, um mit sich allein zu sein, in tiefen Zügen zu atmen und sich an der Stille zu erfreuen.
In der Sahara hatte jeder Mensch die Zeit, den Frieden und die geeigneten Lebensumstände, um zu sich selbst finden zu können. Er konnte den Blick auf die Ferne, aber auch auf sein Inneres richten, die ihn umgebende Natur betrachten und über all die Dinge nachdenken, die er nur aus den heiligen Büchern kannte. In den fernen Städten hingegen, in den Dörfern und sogar in den winzigen Berbersiedlungen gab es keinen Frieden, keine Zeit und keine Weite. Dort betäubten sich die Menschen mit Lärm und unnötigen Problemen, sie zankten sich untereinander und stritten mit Fremden, so daß man immer den Eindruck hatte, daß es im Leben jener Menschen viel bedeutsamere Dinge gab als alles, was einem selbst wichtig war.
»Ich weiß es nicht«, gab Gacel schließlich widerwillig zu. »Ich habe nie herausgefunden, warum sich die Menschen so verhalten, warum sie so eng beieinander leben und voneinander abhängig sind ... Ich weiß es nicht...«, sagte er noch einmal. »Und ich habe auch noch niemanden getroffen, der es mir genau erklären konnte.«
Das Mädchen betrachtete ihn lange. Vielleicht staunte sie darüber, daß der Mann, der ihr ganzes Leben bestimmte und von dem sie alles gelernt hatte, was sich im Leben zu wissen lohnte, auf eine ihrer Fragen keine Antwort wußte. Soweit sie zurückdenken konnte, war Gacel immer alles für sie gewesen: zuerst der Herr, der für sie, das Kind von iklan-Sklaven, fast so etwas wie ein Gott war, und dem nicht nur sie mit Leib und Leben gehörte, sondern auch ihre Eltern, ihre Brüder, deren Vieh und alles andere, woraus ihre Welt bestand. Später, als sie heranwuchs und zum ersten Mal ihre Regel hatte, war er es gewesen, der sie eines Tages zur Frau machte. Er hatte sie zu sich in sein Zelt gerufen und sie genommen, bis sie vor Lust stöhnte, ähnlich wie die anderen Sklavinnen, wenn nachts der Ostwind wehte. Bald war er ihr Geliebter geworden, der ihr wie im Flug das Paradies eröffnete. Nun war er wirklich ihr Herr, dem sie nicht nur als Sklavin gehörte, denn jetzt besaß er auch ihre Seele und wohnte in ihren Gedanken. Er erweckte in ihr geheime Wünsche und nie gekannte Instinkte.
Sie sagte lange nichts, aber als sie gerade sprechen wollte, wurde sie durch das Erscheinen des ältesten Sohnes ihres Gatten daran gehindert. Er kam von der am weitest entfernten seriba auf sie zugelaufen.
»Die Kamelstute wird bald werfen, Vater!« rief er. »Und die Schakale machen die Runde ...«
Er begriff sofort, daß das Gespenst seiner Furcht greifbare Formen annahm, als er am Horizont eine Staubwolke erblickte, die wie eine Säule in den Himmel ragte und dort lange reglos verharrte, denn um diese mittägliche Stunde strich nicht der leiseste Windhauch über die endlose Ebene. Die Fahrzeuge - denn um mechanische Fahrzeuge mußte es sich handeln, sonst wären sie nicht so schnell näher gekommen - zogen in der glasklaren Luft der Wüste einen schmutzigen Schweif aus Qualm und Staub hinter sich her.
Bald wurde aus dem entfernten Brummen der Motoren ein lautes Dröhnen, das die Skorpione, die Wüstenfüchse und die Schlangen erschreckte. Schließlich war auch das Kreischen von Bremsen zu hören, und wütende Stimmen bellten Befehle, nachdem die Fahrzeuge fünfzehn Schritte vom Zeltlager entfernt in einer Wolke aus Schmutz und Staub zum Stehen gekommen waren. Bei ihrem Anblick erstarrte alles, was lebte und sich bewegte, zur Reglosigkeit. Die Augen des Targi, seiner Frau, seiner Söhne, seiner Sklaven und sogar seiner Tiere waren unverwandt auf die Säule aus Staub und auf die mechanischen, dunkelbraunen Monster gerichtet.
Furchtsam wichen die Kinder und die Tiere davor zurück, während die Sklavinnen sich eilig im hintersten Winkel ihrer Zelte verkrochen, um sich den Blicken der Fremdlinge zu entziehen.
Gacel trat ohne Hast vor. Er zog den Schleier vors Gesicht, wie es ihm als edlem Targi, der die Überlieferungen achtete, geziemte. Auf halbem Weg zwischen den Ankömmlingen und der größten khaima blieb er stehen und machte dadurch wortlos klar, daß die Fremdlinge erst näher treten durften, wenn er es ihnen gestattete und sie als seine Gäste aufnahm.
Als erstes fiel ihm das schmutzige Grau der staubigen, verschwitzten Umformen auf, dann die stählerne Feindseligkeit der Karabiner und Maschinengewehre und schließlich der widerwärtige Geruch, der den Stiefeln und Lederriemen entströmte.
Am Ende blieb sein Blick voller Verwunderung auf einem hochgewachsenen Mann ruhen, der einen blauen Gesichtsschleier und einen gewickelten Turban trug.
Er erkannte ihn als Mubarrak-ben-Sad, einen amahar aus dem »Volk der Lanze«,der einer der geschicktesten und verläßlichsten Fährtensucher der Wüste war. Er genoß weithin einen Ruhm, der fast dem von Gacel Sayah, dem »Jäger«, gleichkam.
»Assalamu aleikum«, sagte Gacel zur Begrüßung.
»Metulem metulem«, erwiderte Mubarrak. »Wir suchen zwei Männer, zwei Fremdlinge ...«
»Sie sind meine Gäste«, sagte Gacel ruhig. »Und sie sind krank.«
Der Offizier, der offenbar den kleinen Trupp befehligte, trat ein paar Schritte vor.
Die Sterne am Ärmel seiner Uniform blitzten, als er den Targi mit einer Handbewegung beiseite schieben wollte, doch Gacel machte eine rasche Bewegung und versperrte ihm den Weg ins Zeltlager.
»Diese Männer sind meine Gäste«, betonte er noch einmal.
Der Offizier blickte ihn verständnislos an, als wüßte er nicht, was die Worte des Targi bedeuteten. Gacel begriff augenblicklich, daß er keinem Mann aus der Wüste gegenüberstand. Seine Art sich zu bewegen und der Ausdruck seiner Augen sprachen von einer fremden Welt und fernen Städten. Gacel wandte sich Mubarrak zu, der ihn sofort verstand und dem Offizier erklärte:
»Die Gastfreundschaft ist bei uns heilig. Sie ist Gesetz und älter als der Koran.«
Der Uniformierte mit den Sternen am Ärmel zögerte sekundenlang; er reagierte fast ungläubig auf die scheinbar absurde Erklärung und schickte sich an weiterzugehen.
»An diesem Ort vertrete ich das Gesetz«, sagte Gacel mit scharfer Stimme, »und hier gilt nur ein Gesetz!«
Der andere war schon an ihm vorbei, aber Gacel packte ihn mit ganzer Kraft am Unterarm, drehte ihn herum und zwang ihn, ihm in die Augen zu sehen.
»Unsere Überlieferungen sind tausend Jahre alt, aber du zählst kaum fünfzig«, sagte er leise und mit gepreßter Stimme. »Laß meine Gäste in Frieden!«
Der Offizier machte nur eine Handbewegung: mit metallischem Klicken wurden zehn Karabiner entsichert. Der Targi sah, daß die Mündungen der Waffen auf seine Brust gerichtet waren, und er begriff, daß jeder Widerstand vergeblich wäre. Mit einer herrischen Geste schüttelte der Uniformierte die Hand ab, die ihn noch immer umklammert hielt, zog die Pistole, die in seinem Gürtel steckte, und ging geradewegs auf das größte der Zelte zu.
Er verschwand im Eingang, und ein paar Sekunden später ertönte ein trockener, harter Knall. Der Uniformierte kam wieder heraus und gab zweien seiner Soldaten einen Wink. Sie liefen zu ihm hin, gingen hinter ihm her ins Zelt und schleppten den alten Mann ins Freie. Er warf den Kopf hin und her und weinte leise vor sich hin, als wäre er aus einem langen, süßen Traum in die bittere Wirklichkeit zurückgekehrt.
Die Männer gingen an Gacel vorbei und kletterten auf einen der Lastwagen. Der Offizier nahm vorne in der Fahrerkabine Platz. Er starrte Gacel feindselig an und schien um einen Entschluß zu ringen. Schon befürchtete Gacel, daß die Prophezeiung der alten Khaltoum sich nicht bewahrheiten, sondern daß man ihn hier an Ort und Stelle erschießen würde, tief im Herzen der Wüste, doch dann gab der Offizier dem Fahrer des Lastwagens ein Zeichen, und die Fahrzeuge fuhren in der Richtung davon, aus der sie gekommen waren.
Mubarrak, der amahar aus dem »Volk der Lanze«, sprang auf den letzten Lastwagen. Seine Augen waren starr auf den Targi gerichtet, bis er von der Staubwolke verschluckt wurde. Aber in diesen wenigen Augenblicken begriff Mubarrak, was in Gacels Seele vorging. Angst stieg in ihm auf. Es war nicht ratsam, einen amahar vom »Volk des Schleiers« zu demütigen, das war Mubarrak klar. Es war nicht ratsam, ihn zu demütigen und ihn dann am Leben zu lassen. Aber genausowenig wäre es ratsam gewesen, ihn umzubringen und so einen Krieg zwischen Brudervölkern zu entfachen. Gacel Sayah hatte Freunde und Verwandte, die nicht umhingekommen wären, in den Kampf zu ziehen. Das Blut dessen, der nur versucht hatte, den alten Gesetzen der Wüste Geltung zu verschaffen, hätten sie mit noch mehr Blut gerächt.
Gacel selbst blieb äußerlich ganz ruhig. Er blickte dem sich entfernenden Konvoi nach, bis sich Staub und Lärm gänzlich in der Ferne verloren hatten. Erst dann begab er sich ohne Hast zu dem großen Zelt, vor dem sich schon seine Söhne, seine Frau und seine Sklaven drängten. Er hätte das Zelt nicht betreten müssen, denn er wußte bereits, was ihn erwartete. Der junge Mann lag noch genauso da wie bei ihrem letzten Gespräch. Seine Augen waren geschlossen. Der Tod hatte ihn im Schlaf überrascht. Ein kleines, rotes, kreisrundes Loch in der Stirn war die einzige Veränderung, die an ihm festzustellen war. Gacel betrachtete ihn lange mit einer Mischung aus Schmerz und Wut. Dann rief er Suilem zu sich.
»Begrabt ihn!« befahl er. »Und sattelt danach mein Kamel!«
Zum ersten Mal in seinem Leben widersetzte sich der alte Suilem dem Willen seines Herrn: Nach einer Stunde trat er wieder ins Zelt, warf sich Gacel zu Füßen und wollte ihm die Sandalen küssen. »Tu es nicht!« bettelte er. »Du wirst nichts damit erreichen!«
Angewidert trat Gacel einen Schritt zurück. »Glaubst du etwa, ich könnte eine solche Kränkung einfach hinnehmen?« fragte er mit heiserer Stimme. »Glaubst du,ich könnte in Frieden weiterleben, nachdem ich zugelassen habe, daß man einen meiner Gäste ermordet und den anderen fortschleppt?«
»Aber was konntest du dagegen tun?« wandte der alte Suilem ein. »Sie hätten dich auch umgebracht!«
»Ich weiß, doch ich werde mich für diese Beleidigung rächen!«
»Aber was bringt dir das ein?« beharrte der dunkelhäutige Suilem. »Kannst du damit etwa einen Toten zum Leben erwecken?«
»Nein, aber ich werde diesen Leuten beweisen, daß man nicht unbestraft einen amahar beleidigen kann. Das ist der Unterschied zwischen deiner Rasse und meiner, Suilem! Die iklan nehmen Kränkungen und Knechtschaft hin. Ihr seid damit zufrieden, Sklaven zu sein. Das habt ihr im Blut und vererbt es vom Vater auf den Sohn, von Generation zu Generation. Ihr werdet immer Sklaven sein!« Er unterbrach sich und strich gedankenverloren mit den Fingern über die Klinge des langen Schwertes, das er der Truhe entnommen hatte, in der er die wertvollsten seiner Habseligkeiten verwahrte. »Aber wir, die Tuareg«, fuhr er fort, »sind ein freies Volk von Kriegern, und das sind wir immer gewesen, weil wir nie eine
Beleidigung oder Erniedrigung hingenommen haben.« Er schüttelte den Kopf und schloß: »Dabei soll es auch bleiben.«
»Aber die anderen sind in der Überzahl!« widersprach Suilem. »Und sie sind sehr mächtig.«
»Das stimmt«, pflichtete ihm der Targi bei. »Doch es ist gut so. Nur ein Feigling tritt gegen jemanden an, von dem er weiß, daß er schwächer ist als er selbst. Ein solcher Sieg würde ihn nicht edler machen. Und nur ein Dummkopf kämpft gegen einen Gleichstarken, weil dann das Glück den Kampf entscheiden müßte. Ein amahar, ein echter Krieger meines Volkes, sucht sich immer einen stärkeren Gegner. Denn wenn ihm der Sieg lacht, hat sich seine Anstrengung tausendmal gelohnt. Stolz auf sich selbst, wird er dann seinen Weg fortsetzen.«
»Und wenn sie dich töten? Was wird aus uns?«
»Wenn sie mich töten, wird mein Kamel geradewegs ins Paradies galoppieren, wie es uns Allah verheißen hat. Es steht nämlich geschrieben, daß dem die Ewigkeit sicher ist, der im Kampf für eine gerechte Sache fällt.«
»Aber du hast meine Frage nicht beantwortet«, beharrte der Sklave. »Was wird dann aus uns? Aus deinen Söhnen, deiner Frau, deinen Herden und deinen Dienern?«
Gacel zuckte schicksalsergeben mit den Achseln. »Habe ich jemals den Beweis geliefert, daß ich euch alle schützen kann?« fragte er. »Wenn ich zulasse, daß sie einen meiner Gäste umbringen - muß ich dann nicht auch fürchten, daß sie meine Familie vergewaltigen und ermorden?«
Er beugte sich ein wenig vor und forderte den alten Suilem mit einer entschlossenen Handbewegung auf, sich zu erheben. »Geh nun! Sattle mein Kamel und lege meine Waffen bereit!« befahl er. »Ich reite im Morgengrauen los. Du wirst dich darum kümmern, daß unser Zeltlager abgebaut wird, und dann sollst du meine Familie weit fort führen, zum guelta in den Huaila-Bergen, an die Stelle, wo meine erste Frau gestorben ist.«
Schon vor dem Morgengrauen kam Wind auf. Jeder neue Tag wurde von diesem Wind angekündigt. Sein nächtliches Heulen verwandelte sich in bitteres Klagen, bevor eine Stunde später jenseits der felsigen Hänge des Huaila-Gebirges der erste Lichtstrahl den Himmel erhellte.
Gacel lauschte mit offenen Augen. Er betrachtete das Dach seiner khaima mit den altvertrauten Stützpfosten. Im Geist sah er kugelige Dornenbüsche, die vom Wind über Sand und Geröll getrieben wurden, immer unterwegs, immer auf der Suche nach einem Ort, an dem sie sich festkrallen könnten, nach einer endgültigen Heimat, in der sie zur Ruhe kommen könnten und vom ewigen Herumirren quer durch Afrika erlöst wären. Im milchigen Licht des frühen Morgens, das von unzähligen winzigen, in der Luft schwebenden Staubpartikeln gefiltert wurde, tauchten diese Büsche wie Geister aus dem Nichts auf, stürzten sich auf Menschen und Tiere, um sich ebenso schnell, wie sie gekommen waren, in der unendlichen, grenzenlosen Leere wieder zu verlieren.
»Irgendwo muß es eine Grenze geben, das weiß ich genau«, hatte der junge Mann voller Angst und Verzweiflung gesagt. Und jetzt war er tot! Noch nie zuvor hatte jemand zu Gacel von Grenzen gesprochen, denn Grenzen hatte es in der Sahara nie gegeben.
»Welche Grenze könnte auch den Sand und den Wind aufhalten?« dachte er.
Er wandte sein Gesicht wieder der Nacht zu und versuchte zu verstehen, aber es gelang ihm nicht. Jene Männer waren bestimmt keine Verbrecher gewesen, doch einen von ihnen hatte man umgebracht und den anderen wer weiß wohin verschleppt. Kein Mensch durfte so kaltblütig ermordet werden, mochte er auch noch soviel Schuld auf sich geladen haben. Vor allem durfte dies nicht geschehen, während er unter dem schützenden Dach eines amahar schlief.
Mit dieser Angelegenheit mußte es eine seltsame Bewandtnis haben, aber Gacel kam nicht dahinter. Nur eines war klar: Das älteste Gesetz der Wüste war gebrochen worden. Und das konnte kein amahar hinnehmen.
Die alte Khaltoum kam Gacel in den Sinn, und er spürte, wie sich die Furcht gleich einer kalten Hand um sein Herz legte. Er beugte sich über Laila und blickte in ihre glänzenden, wachen Augen, in denen sich der Schein des ersterbenden Feuers spiegelte. Sie tat ihm leid, denn sie war kaum fünfzehn Jahre alt. Ihre Nächte würden leer sein ohne ihn. Auch sich selbst bedauerte er. Denn auch seine Nächte würden leer sein, wenn sie nicht mehr an seiner Seite ruhte.
Er strich ihr übers Haar und spürte, wie sie ihm diese Geste dankte, denn sie öffnete ihre großen, scheuen Gazellenaugen noch weiter.
»Wann wirst du zurückkommen?« flüsterte sie, und es war mehr ein Flehen als
eine Frage.
»Ich weiß es nicht«, antwortete er kopfschüttelnd. »Sobald ich die Gerechtigkeit
wieder hergestellt habe.«
»Was bedeuten denn die beiden Männer für dich?«
»Nichts«, gestand er ein. »Nichts - bis gestern. Aber es geht eigentlich nicht um
sie. Es geht um mich, doch das verstehst du wohl nicht.«
Laila verstand genau, aber sie sagte nichts. Sie drückte sich noch enger an ihn, als erhoffte sie von ihm Kraft oder Wärme. In einem letzten Versuch, ihn zurückzuhalten, streckte sie die Arme nach ihm aus, aber er erhob sich und trat ins Freie.
Draußen sang der Wind noch immer sein sanftes Klagelied. Es war kalt. Gacel hüllte sich enger in seine gandura. Unwillkürlich erschauerte er, und er wußte nicht, ob es die Kälte war oder die furchtbare Leere der Nacht, die vor ihm lag, wie ein Meer von schwarzer Tinte, das ihn verschlingen wollte. Doch da tauchte Suilem mit R’Orab aus der Finsternis auf und reichte ihm die Zügel.
»Ich wünsche dir Glück, Herr«, sagte er und verschwand, als hätte ihn der Erdboden verschluckt.
Gacel zwang das Kamel in die Knie, kletterte auf seinen Rücken und gab ihm mit dem Hacken einen leichten Stoß gegen den Hals.
»Schiaaaa!« rief er. »Vorwärts!«
Das Kamel brüllte übellaunig, kam schwerfällig hoch und blieb völlig reglos auf seinen vier Beinen stehen, den Kopf in den Wind gereckt, als wartete es auf etwas.
Der Targi richtete das Tier nach Nordosten und gab ihm mit dem Hacken einen stärkeren Stoß als zuvor, damit es sich in Bewegung setzte.
Im Eingang von Gacels khaima zeichnete sich eine schattenhafte Gestalt ab. Lailas Augen funkelten in der Nacht. Gleich darauf waren Reiter und Kamel verschwunden, als hätte der Wind sie wie einen Dornenbusch mit sich fortgetragen.
Noch ließ das fahle Licht des Morgengrauens auf sich warten, und Gacel mußte seine Augen anstrengen, um den Kopf seines Kamels zu erkennen, aber er brauchte nicht mehr Helligkeit. Er wußte, daß es im Umkreis von mehreren hundert Kilometern kein Hindernis gab. Der Instinkt des Wüstenbewohners und die Fähigkeit, sich mit geschlossenen Augen zu orientieren, wiesen ihm sogar in der finstersten Nacht den Weg.
Dies war eine Fertigkeit, die nur Männer wie er besaßen, Männer, die in der Sahara geboren und aufgewachsen waren. Ähnlich wie eine Brieftaube, ein Zugvogel oder ein Walfisch in den Tiefen des Ozeans wußte ein Targi stets, wo er sich befand und wohin er unterwegs war. Norden, Süden, Osten und Westen: Wasserstellen, Oasen, Sandpisten, Berge, »Leeres Land«, Dünentäler, steinige Ebenen ... Die weite Sahara mit ihrer ganzen Vielfalt spiegelte sich in den Tiefen von Gacels Gehirn, erzeugte eine Art Widerhall, aber er wurde sich dessen nie ganz bewußt.
Als die Sonne aufging, saß er noch immer auf seinem Mehari. Die Sonne stieg höher, bis sie über seinem Kopf stand. Ihre Kraft nahm rasch zu. Sie ließ den Wind verstummen, und ihr Licht prallte auf die Erde. Der treibende Sand kam zur Ruhe, die Dornenbüsche rollten nicht mehr hin und her. Eidechsen krochen aus ihren Höhlen. Die Vögel blieben unten am Boden. Sie wagten nicht mehr, sich in die Luft zu schwingen, als die Sonne den Zenit erreichte.
Der Targi brachte sein Kamel zum Stehen und ließ es niederknien. Dann pflanzte er sein langes Schwert und sein altes Gewehr in den Sand, um zwischen ihnen und dem Sattelhorn eine kleine Zeltplane aus grobem Tuch aufzuspannen.
Er flüchtete sich in den Schatten, lehnte den Kopf gegen die Flanke des weißen Kamels und war gleich darauf eingeschlafen.
Ein Geruch, der in der Wüste von allen Menschen am sehnlichsten herbeigewünscht wird, weckte Gacel und ließ seine Nasenflügel erbeben. Er schlug die Augen auf, rührte sich aber nicht. Er atmete tief und traute sich kaum, zum Himmel aufzublicken, denn er fürchtete, daß alles nur ein Traum war. Als er schließlich den Kopf nach Westen wandte, erblickte er weit hinten über dem Horizont eine große, dunkle, verheißungsvolle, lebenspendende Wolke. Sie war anders als jene weißen Wolken, die manchmal in großer Höhe von Norden her über den Himmel zogen und verschwanden, ohne die eitle Hoffnung auf ein bißchen Regen erfüllt zu haben.
Jene graue, tiefhängende, prachtvolle Wolke sah so aus, als enthielte sie das gesamte segensreiche Wasser der Welt. Sie war wahrscheinlich die schönste Wolke, die Gacel in den letzten fünfzehn Jahren gesehen hatte, die schönste seit dem großen Unwetter, das Lailas Geburt vorausgegangen war. Es hatte dazu geführt, daß die Großmutter dem Mädchen eine düstere Zukunft weissagte, denn der ersehnte Regen war so stark, daß er einen reißenden Strom bildete, der Zelte und Tiere mit sich fortriß, Nutzpflanzen vernichtete und eine Kamelstute ertrinken ließ.
R’Orab bewegte sich unruhig, verdrehte den langen Hals und richtete die bebenden Nüstern auf den Vorhang aus Wasser, der das Licht des Tages zerteilte und das Gesicht der Landschaft veränderte, während er rasch näher kam. Das Kamel brüllte leise, und dann drang aus seiner Kehle eine Art Schnurren, als wäre es eine riesige, zufriedene Katze. Gacel erhob sich langsam, nahm dem Tier Sattel und Zaumzeug ab und entledigte sich selbst seiner Kleidung, die er sorgsam über die dornigen Büsche breitete, damit sie möglichst viel Regen abbekamen. Barfuß und splitternackt wartete er darauf, daß die ersten Tropfen in den Sand fielen, bevor das Wasser wie ein reißender Bach herabstürzte und seine Sinne zuerst mit einem leisen Plätschern, dann mit einem donnernden Rauschen betörte. Er würde den Regen auf der Haut fühlen wie eine Liebkosung, im Mund die Frische und Reinheit des Wassers auskosten und den köstlichen Duft der feuchten Erde einatmen, während rings um ihn ein dichter Dunst vom Boden aufstiege. Da war sie endlich, die wunderbare, fruchtbringende Vereinigung von Himmel und Erde. Noch am selben Nachmittag würde die Sonne den schlafenden Samen der achab-Sträucher wecken, so daß die Pflanzen innerhalb kürzester Zeit die weite, ebene Fläche mit ihrem Grün überziehen und diese Gegend der Wüste verzaubern würden.
Allerdings wären sie schon nach ein paar Tagen wieder verblüht und würden abermals in einen langen Schlaf fallen, bis der nächste Regenschauer sie wiederum zum Leben erwecken würde. Doch vielleicht vergingen bis dahin erneut fünfzehn Jahre.
Wie schön er war, der wilde, ungebundene achab.In beackertem Boden, in der Nähe einer Wasserstelle oder unter der sorgsamen Pflege eines Bauern, der ihn tagtäglich bewässerte, wollte er nicht gedeihen. Er war wie der Geist der Tuareg: Ähnlich wie diese Menschen hatte der achab es fertiggebracht, die Jahrhunderte in der Stein- und Sandwüste zu überdauern, in einer Gegend, die von den meisten Menschen gemieden wurde.
Der Regen durchtränkte Gacels Haar und befreite seinen Körper von einer Schorfschicht aus Schweiß und Schmutz, die Monate, vielleicht sogar Jahre alt sein mochte. Er half mit den Fingernägeln nach, und dann suchte er sich einen flachen, porösen Stein, mit dem er seine Haut abscheuerte, bis sie immer heller wurde. Das Regenwasser, das an ihm herabrann, war fast indigoblau, denn die nicht sehr beständige Färbung seiner Kleidung hatte im Lauf der Zeit jeden Quadratzentimeter seines Körpers imprägniert.
Zwei lange Stunden stand Gacel so im Regen, fröstelnd, aber glücklich. Er mußte gegen die Versuchung ankämpfen, kehrtzumachen und nach Hause zu reiten, um den Regen zu nutzen. Er wollte Gerste pflanzen, die Ernte abwarten und sich im Kreis der Seinen jener wunderbaren Gabe erfreuen, die Allah ihm zu schicken geruht hatte. Vielleicht war der Regen ein Fingerzeig dafür, daß er daheimbleiben sollte, in seiner kleinen Welt. Vielleicht sollte er jene Beleidigung vergessen, von der ihn nicht einmal alles Wasser dieser dicken Regenwolke reinzuwaschen vermocht hätte. Aber Gacel war ein Targi, und sein eigenes Unglück wollte es, daß er wohl einer der letzten echten Tuareg des Flachlandes war. Nie würde er vergessen, daß man ihm einen Gast unter seinem eigenen Dach ermordet und einen zweiten mit Gewalt verschleppt hatte.
Sobald die Wolke nach Süden weitergewandert war und die Nachmittagssonne seinen Körper und seine Kleidung getrocknet hatte, zog er sich wieder an, sattelte das Kamel und setzte seinen Weg fort. Zum ersten Mal verschmähte er Wasser und Regen, Leben und Hoffnung. Er wandte sich von etwas ab, das sein eigenes Herz und das seiner Lieben noch vor zwei Tagen mit unbändiger Freude erfüllt hätte.
Bei Anbruch der Nacht suchte er sich eine kleine Düne, scharrte mit den Händen den noch feuchten Sand beiseite, bettete sich in die Kuhle und bedeckte sich fast gänzlich mit trockenem Sand, denn er wußte, wie kalt es kurz vor Tagesanbruch sein konnte. Dann würde der Wind die Wassertropfen, die noch auf den Steinen und dem dürren Gestrüpp glänzten, zu Rauhreif gefrieren lassen.
In der Wüste konnte die Differenz zwischen Mittagshitze und Morgenkälte kurz vor Sonnenaufgang bis zu fünfzig Grad betragen. Aus eigener Erfahrung wußte Gacel, daß jene Kälte dem unvorsichtigen Reisenden in die Knochen kriechen und ihn krankmachen konnte, so daß die schmerzenden Gelenke seines Körpers tagelang steif blieben und sich weigerten, den Befehlen des Willens unverzüglich Folge zu leisten.
Drei Jäger waren vor längerer Zeit in den Ausläufern des kargen Huaila-Gebirges erfroren aufgefunden worden. Gacel erinnerte sich noch an den Anblick ihrer Leichen. Die Männer hatten sich eng aneinandergekauert und waren so im Tode miteinander verschmolzen worden. Das hatte sich in jenem kalten Winter ereignet, als die Tuberkulose auch Gacels kleinen Sohn Bisrha hinweggerafft hatte. Die Gesichter der Toten schienen zu lächeln. Später, als die Sonne ihre Körper allmählich austrocknete, boten sie mit ihrer pergamentenen Haut und ihren gebleckten Zähnen einen makabren Anblick.
Dies war ein grausames Land, denn hier konnte ein Mann innerhalb weniger Stunden an Hitze, aber auch an Kälte sterben. Manch ein Kamel hatte schon tagelang vergeblich nach Wasser gesucht, um dann eines Morgens nach einem Unwetter in einem reißenden Strom zu ersaufen. Ja, dies war ein grausames Land, aber Gacel konnte es sich nicht vorstellen, in einem anderen zu leben. Es wäre ihm nie eingefallen, den Durst, die Hitze und die Kälte in dieser grenzenlosen Weite gegen die Bequemlichkeiten einer engen Welt ohne Horizont einzutauschen. Jeden Tag dankte er Allah, das Gesicht nach Osten gen Mekka gewandt, für die Gnade, daß er dort leben durfte, wo er lebte, und daß er ein Mann aus dem gesegneten »Volk des Schleiers« war.
Vor dem Einschlafen verlangte es ihn nach Laila, und beim Erwachen stellte er fest, daß sich der straffe Frauenkörper, den er im Traum an sich gedrückt hatte, in Sand verwandelt hatte - Sand, der ihm durch die Finger rieselte.
Der Wind klagte leise. Es war die Stunde des Jägers. Gacel blickte zu den Sternen auf. Sie verrieten ihm, wie lange es noch dauern würde, bis das Licht des Tages sie am Firmament erlöschen ließe. Er rief in die Finsternis hinaus, und sein Mehari, das kauend seinen Hunger an den von Tau benetzten, struppigen Büschen stillte, antwortete ihm leise. Gacel sattelte es und setzte ohne anzuhalten seinen Weg fort, bis er am frühen Nachmittag fünf dunkle Flecken entdeckte, die sich am Horizont über der mit Steinen bedeckten Ebene abhoben. Es war das kleine Zeltlager von Mubarrak-ben-Sad, dem amahar vom »Volk der Lanze«, der die Soldaten zu Gacels khaima geführt hatte.
Gacel verrichtete seine Gebete und setzte sich dann auf einen glatten Stein, um den Sonnenuntergang zu betrachten. Er hing düsteren Gedanken nach, denn er ahnte, daß die letzte friedliche Nacht seines Lebens vor ihm lag. Im Morgengrauen würde er die elgebira des Krieges, der Rache und des Hasses öffnen müssen. Kein Mensch vermochte jemals vorauszusagen, wieviel Tod und Gewalt sie enthielt.
Er versuchte, die Beweggründe zu verstehen, die Mubarrak dazu verleitet hatten, mit der heiligsten Tuareg-Tradition zu brechen, aber es gelang ihm nicht. Mubarrak war ein Führer durch die Wüste und ohne Zweifel ein guter, aber als Targi durfte er sich nur dazu hergeben, Karawanen zu führen, Wild aufzuspüren oder ein paar Franzosen auf einer ihrer seltsamen Expeditionen zu begleiten, wenn sie nach Spuren aus der Zeit seiner Vorfahren suchten...
Als Mubarrak-ben-Sad an jenem Morgen die Augen aufschlug, lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Seit längerem schon überfiel ihn das Grauen im Schlaf, aber jetzt suchte es ihn sogar im wachen Zustand heim. Instinktiv wandte er sein Gesicht dem Eingang der seriba zu, als ahnte er, daß er dort den Menschen erblicken würde, vor dem er sich so sehr fürchtete. Und tatsächlich: Keine dreißig Schritte entfernt stand, auf den Knauf seiner langen, in die Erde gerammten takuba gestützt, Gacel Sayah, der edle amahar vom Kel-Tagelmust. Er war gekommen, um Rechenschaft zu fordern.
Mubarrak ergriff seinerseits sein Schwert und trat aufrecht, würdevoll und ohne Hast vor. Fünf Schritte von Gacel entfernt blieb er stehen.
»Assalamu aleikum!« grüßte er mit der von den Tuareg bevorzugten Formel. .
Er erhielt keine Antwort und hatte eigentlich auch keine erwartet. Auf die Frage:
»Warum hast du das getan?« hingegen war er innerlich vorbereitet.
»Der Oberst in der Garnison von Adoras hat mich gezwungen.«
»Niemand kann einen Targi zu etwas zwingen, das er nicht will...«
»Ich arbeite schon seit drei Jahren für sie. Ich stehe offiziell als Führer im Dienst
der Regierung und konnte mich nicht weigern.«
»Aber du hattest wie ich geschworen, nie für die Franzosen zu arbeiten!«
»Die Franzosen sind fort. Jetzt sind wir ein freies Land.«
Innerhalb von wenigen Tagen hatten Gacel zwei verschiedene Menschen dasselbe gesagt. Plötzlich erinnerte er sich, daß weder die Soldaten noch der Offizier die Uniformen der verhaßten Kolonialmacht getragen hatten. Unter ihnen war kein Europäer gewesen, und keiner hatte mit dem für die Franzosen typischen harten Akzent gesprochen. An ihrem Lastwagen hatte auch die sonst unvermeidliche blauweiß- rote Fahne gefehlt.
»Die Franzosen haben immer unsere Traditionen geachtet«, murmelte Gacel schließlich, als spräche er zu sich selbst. »Warum sollten sie jetzt nicht mehr respektiert werden, wo wir angeblich frei sind?«
Mubarrak zuckte mit den Achseln. »Die Zeiten ändern sich«, sagte er.
»Nicht für mich!« war die Antwort. »Erst wenn die Wüste eine einzige Oase geworden ist, erst wenn das Wasser in Strömen durch die seguias fließt und der Regen so reichlich auf unsere Köpfe fällt, wie wir es uns wünschen - erst dann werden sich die Sitten und Gebräuche der Tuareg ändern. Vorher nicht!«
Mubarrak wirkte äußerlich ruhig, als er fragte: »Soll das heißen, daß du gekommen bist, um mich zu töten?«
»Ja, deshalb bin ich hier.«
Mubarrak nickte schweigend. Er hatte verstanden. Mit einem langen Blick umfaßte er alles, was ihn umgab. Er betrachtete die noch feuchte Erde und die winzigen Knospen der achab, die zwischen Steinen und Geröll zum Licht strebten.
»Der Regen war schön«, sagte er schließlich.
»Sehr schön.«
»Bald wird die ganze Ebene blühen, aber einer von uns beiden wird es nicht mehr sehen.«
»Daran hättest du denken müssen, bevor du die Fremdlinge zu meinem Zeltlager führtest.«
Unter dem Schleier verzogen sich Mubarraks Lippen zu einem kleinen Lächeln.
»Da hatte es noch nicht geregnet«, erwiderte er. Dann griff er nach seiner takuba und zog den geschmiedeten Stahl ganz langsam aus der Lederscheide. »Ich hoffe von ganzem Herzen, daß dein Tod keinen Krieg zwischen unseren Stämmen auslöst«, fuhr er fort.« Niemand außer uns selbst soll für unsere Fehler bezahlen.«
»So sei es!« bestätigte Gacel. Er beugte sich vor und wartete auf den Angriff des anderen.
Der ließ jedoch auf sich warten, denn sowohl Mubarrak als auch Gacel waren keine Krieger mehr, die mit Schwert und Lanze fochten, sondern Männer, die sich an Feuerwaffen gewöhnt hatten. Im Lauf der Zeit waren die langen takubas zur reinen Zierde verkümmert. Sie wurden nur noch bei Feiern, an Festtagen und anläßlich von unblutigen Schaukämpfen eingesetzt. Bei solchen Kämpfen ging es mehr um den äußeren Effekt als um die Absicht, den Gegner zu verwunden: Die Schwerthiebe prallten von ledernen Schutzschilden ab wurden geschickt pariert.
Doch jetzt gab es keine Schilde und auch keine Zuschauer, die die Zweikämpfer bewunderten, welche aufeinander einschlugen, daß die Funken sprühten, zugleich jedoch darauf bedacht waren, sich gegenseitig nicht zu verletzen. Nein, diesmal standen sich zwei Feinde mit der Waffe in der Hand gegenüber, und jeder der beiden war entschlossen, den anderen zu töten, um nicht selbst getötet zu werden.
Wie konnte ein Schlag ohne Schild pariert werden? Wie konnte man aufeinander losgehen oder einen Sprung rückwärts machen, ohne sich eine Blöße zu geben, wenn der Gegner einem keine Zeit ließ, auf die eigene Deckung zu achten?
Die beiden Tuareg blickten sich in die Augen, jeder versuchte, die Absicht des anderen zu erraten. Langsam und vorsichtig umkreisten sie sich, während aus den khaimas Männer, Frauen und Kinder traten, um ihnen sprachlos vor Staunen zuzusehen. Es wollte ihnen nicht in den Kopf, daß es sich hier nicht um ein spielerisches Duell, sondern um einen Kampf auf Leben und Tod handelte.
Schließlich wagte Mubarrak den ersten Ausfall, der eher wie eine schüchterne Frage wirkte, als wollte er herausfinden, ob es bei diesem Zweikampf wirklich um Sein oder Nichtsein ging.
Die Erwiderung - sie zwang ihn, einen Satz rückwärts zu machen, um der wütenden Klinge seines Gegners um Haaresbreite zu entgehen - ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Gacel Sayah, amahar des gefürchteten Volkes vom Kel- Tagelmust, trachtete ihm nach dem Leben, daran war nicht zu zweifeln. In dem beidhändig geführten Schlag, den er soeben ausgeteilt hatte, hatte soviel Rachsucht und Haß gelegen, als wären jene beiden Unbekannten, denen er vor nicht allzulanger Zeit Schutz gewährt hatte, seine Lieblingssöhne gewesen und als hätte Mubar-rak-ben-Sad die beiden eigenhändig ermordet.
Gacel empfand jedoch keinen echten Haß. Er war nur darauf aus, die Gerechtigkeit wiederherzustellen, und es wäre ihm nicht edelmütig erschienen, einen anderen Targi zu hassen, nur weil er seine Arbeit verrichtet hatte, mochte diese Arbeit auch falsch und verächtlich sein. Außerdem wußte Gacel, daß Haß genau wie Angst, Unbesonnenheit, Liebe oder jedes andere tief empfundene Gefühl ein schlechter Begleiter für einen Mann der Wüste war. Um in diesem Land, das das Schicksal ihm zur Heimat bestimmt hatte, zu überleben, bedurfte es großer Ruhe und Gelassenheit. Hier brauchte man Kaltblütigkeit und Selbstbeherrschung. Diese Eigenschaften mußten stets stärker sein als jedes Gefühl, das einen Mann dazu verleiten konnte, Fehler zu machen, denn die meisten Fehler waren nicht wieder gutzumachen.
Gacel fühlte sich in diesem Augenblick als Richter, vielleicht auch als Scharfrichter, aber weder der eine noch der andere hatte Veranlassung, sein Opferzu hassen. Die Wucht des doppelhändigen Schwerthiebes und der Ingrimm, mit dem er geführt worden war, stellten in Wirklichkeit nur eine Warnung dar. Er war eine klare Antwort auf eine unzweideutige Frage des Gegners gewesen. Wieder griff Gacel an, und dabei wurde ihm schlagartig bewußt, wie unangemessen sein langes Gewand, der voluminöse Turban und der breite Schleier für einen solchen Kampf waren. Die gandura wickelte sich um Arme und Beine, die nails mit ihrer dicken Sohle und den dünnen Riemen aus Antilopenleder rutschten auf dem von scharfkantigen Steinen übersäten Boden, und der litham hinderte ihn daran, die Lage deutlich zu überblicken und seine Lungen mit soviel Sauerstoff zu füllen, wie er ihn gerade jetzt benötigte.
Mubarrak war jedoch genauso gekleidet, und folglich bewegte er sich ebenso unsicher.
Die stählernen Klingen teilten die Luft, ihr böses Zischen erfüllte die Stille des Morgens. Eine zahnlose Alte schrie entsetzt auf und flehte die Umstehenden an, jemand möge doch diesen räudigen Schakal umbringen, der im Begriff sei, ihren Sohn zu ermorden.
Mubarrak hob mit einer gebieterischen Geste den Arm. Niemand rührte sich. Der Ehrbegriff der »Söhne des Windes«, der sich so sehr von dem der Beduinen unterschied -diese waren »Söhne der Wolken« und lebten in einer Welt aus Niedrigkeit und Verrat -, dieser Ehrbegriff forderte, daß ein Kampf zwischen zwei Kriegern mit Würde und Edelmut ausgetragen wurde, mochte er auch für einen der beiden den Tod bringen.
Gacel war auf unverzeihliche Weise beleidigt worden. Deshalb mußte er den Beleidiger töten. Er vergewisserte sich, daß er einen festen Stand hatte, holte tief Luft, stieß einen Schrei aus und stürzte vor. Seine Waffe zielte auf die Brust des Gegners, doch dieser schlug sie mit einem harten, trockenen Schlag seines eigenen Schwertes beiseite.
Wieder standen sie sich reglos gegenüber und blickten sich an. Dann hob Gacel seine takuba hoch über den Kopf, als wäre sie ein großer Hammer. Mit beiden Händen führte er den Schlag von oben nach unten und drehte sich dabei einmal um die eigene Achse. Jeder Anfänger in der Kunst des Fechtens hätte diese Unvorsichtigkeit ausgenutzt, um ihn mit einem gerade geführten Stoß zu erledigen, doch Mubarrak begnügte sich damit, rasch auszuweichen und abzuwarten. Er verließ sich mehr auf seine Kraft als auf seine Geschicklichkeit. Er packte seine Waffe mit beiden Händen und führte einen seitlichen Schlag, der so wuchtig war, daß er die Taille eines stärkeren Mannes als Gacel durchtrennt hätte, doch Gacel stand nicht mehr an der Stelle, an der er soeben noch gestanden hatte. Schon brannte die Sonne heiß vom Himmel herab. Die beiden Kämpfer waren schweißüberströmt, ihre feuchten Hände umschlossen mit unsicherem Griff die metallenen Knäufe der Schwerter, die sie erneut gegeneinander erhoben. Sie betrachteten sich abschätzend, und dann gingen sie wie auf Kommando aufeinander los. Im letzten Augenblick wich Gacel jedoch zurück. Es kümmerte ihn nicht, daß die Spitze von Mubarraks Waffe den Stoff seiner gandura durchtrennte und die Haut seiner Brust ritzte. Blitzschnell stach er zu und durchbohrte den Bauch seines Gegners, so daß das Schwert am Rücken herausragte.
Mubarrak hielt sich noch einige Augenblicke lang auf den Beinen, aber es waren Gacels Schwert und dessen stützender Arm, die ihn am Fallen hinderten. Als Gacel die Waffe herauszog und dabei das Gedärm des Gegners zerfetzte, brach jener zusammen und blieb zusammengekrümmt im Sand liegen. Schweigend, ohne ein Wort der Klage wollte er das langsame Sterben erdulden, das ihm vom Schicksal zugedacht war.
Wenige Augenblicke später, als der Rächer ohne ein Gefühl des Stolzes und des Glücks zu seinem wartenden Kamel schritt, ging die zahnlose Alte in die größte der khaimas, packte ein Gewehr, lud es und ging zu der Stelle zurück, wo sich ihr Sohn lautlos im Staub krümmte. Die Alte zielte auf seinen Kopf.
Mubarrak öffnete die Augen, und die alte Frau las in seinem Blick die grenzenlose Dankbarkeit eines Mannes, der wußte, daß sie gekommen war, um ihn vor langen Stunden hoffnungslosen Leidens zu bewahren.
Gacel hörte den Knall des Schusses im selben Augenblick, als sich sein Kamel in Bewegung setzte. Er blickte sich nicht um..
Es war, als hätte er die Antilopenherde schon von weitem gespürt, lange bevor er sie sah. Plötzlich wurde er sich seines Hungers bewußt. Die beiden letzten Tage hatte er sich von ein paar Handvoll Hirsemehl und Datteln ernährt, während er sorgenvoll der Auseinandersetzung mit Mubarrak entgegensah. Aber jetzt knurrte ihm allein schon beim Gedanken an ein gutes Stück Fleisch der Magen.
Langsam näherte sich Gacel dem Rand der gam, einem niedrigen Tafelberg. Sein Kamel führte er am Zügel und achtete darauf, daß der Wind immer gegen ihn stand, damit die Antilopen keine Witterung aufnehmen konnten. Die Herde graste in der von kurzem, spärlichem Gestrüpp bewachsenen Niederung, die in grauer Vorzeit einmal eine Art Lagune oder die besonders breite Stelle eines Flußbettes gewesen sein mußte. Hier hatte der Schoß der Erde noch immer ein wenig Feuchtigkeit bewahrt. Vereinzelte Tamarisken und ein halbes Dutzend Zwergakazien ragten in den Himmel. Gacel stellte zufrieden fest, daß sein Jagdinstinkt ihn auch diesmal nicht im Stich gelassen hatte. Dort hinten nämlich, im Licht der Nachmittagssonne, grasten oder schliefen die Mitglieder einer großen Familie jener schönen Tiere, deren langes Gehörn und rötliches Fell ihn, Gacel, geradezu aufzufordern schienen, eines von ihnen zu erlegen.
Er lud sein Gewehr mit einer einzigen Kugel, denn so konnte er der Versuchung widerstehen, für den Fall, daß der erste Schuß danebenging, ein zweites Mal aufs Geratewohl zu feuern, während das scheue Wild schon mit langen Sätzen die Flucht ergriff. Gacel wußte aus Erfahrung, daß ein zweiter, fast auf gut Glück abgefeuerter Schuß selten ins Schwarze traf und nur eine Verschwendung dargestellt hätte, zumal Munition in der Wüste so selten war wie Wasser. Er ließ sein Mehari frei, das sich unverzüglich ans Grasen machte, wobei es mit sicherem Instinkt nur die nahrhaftesten und saftigsten der Pflanzen fraß, die nach dem Regen überall zu sprießen begonnen hatten. Gacel bewegte sich lautlos vorwärts; geduckt huschte er von einem großen Stein zu einem vom Wind zerzausten Busch, von einer kleinen Düne zu einem Strauch, bis er schließlich an einer geeigneten Stelle innehielt. Von einem niedrigen, steinigen Hügel aus erblickte er in dreihundert Schritt Entfernung deutlich die schlanke Silhouette eines großen Bockes, der die Herde anführte. »Wenn du ein Männchen erlegst, tritt bald ein anderes, jüngeres an seine Stelle und deckt die Weibchen«, hatte ihm einst sein Vater erklärt. »Aber wenn du ein Weibchen tötest, dann tötest du auch die Jungtiere und die Kinder dieser Jungtiere, von denen sich deine Söhne und die Söhne deiner Söhne hätten ernähren können.«
Gacel legte an und zielte sorgfältig, um den Bock mit einem Blattschuß ins Herz zu treffen. Aus dieser Entfernung wäre ein Kopfschuß zweifellos wirksamer gewesen, aber als gläubiger Moslem konnte Gacel nicht das Fleisch eines Tieres essen, dem er nicht selbst die Kehle durchschnitten hatte, betend und das Gesicht nach Mekka gerichtet, wie der Prophet es befohlen hatte. Durch einen sofortigen Tod wäre die Antilope für ihn ungenießbar geworden. Deshalb ging er lieber das Risiko ein, daß das verletzte Tier zu fliehen versuchte. Er wußte, daß es mit einer Kugel in der Lunge nicht weit kommen würde.
Plötzlich hob der Bock den Kopf und witterte, wobei er sich scheu umblickte.
Dann, nach einer kleinen Ewigkeit, die in Wahrheit wohl nur ein paar Minuten dauerte, ließ er den Blick über die Herde schweifen, um sich zu vergewissern, daß keine Gefahr drohte. Schließlich machte er sich wieder daran, an einer Tamariske zu knabbern.
Erst als Gacel ganz sicher war, daß der Schuß nicht danebengehen würde und daß das Wild nicht unvermutet einen Sprung oder sonst eine unerwartete Bewegung machen würde, zog er ganz langsam den Abzug durch. Zischend zerteilte die Kugel die Luft, und gleich darauf brach der Bock in die Knie, als wären ihm mit einem einzigen Sensenhieb alle vier Beine abgesäbelt worden oder als hätte sich unter ihm urplötzlich wie durch Zauberei der Wüstenboden aufgetan.
Die weiblichen Tiere schauten ungerührt und ohne Angst zu ihrem Anführer hinüber, denn der Knall des Schusses hatte in der Stille zwar wie ein Donnerschlag geklungen, war für sie jedoch nicht mit dem Bild von Gefahr und Tod verbunden. Erst als sie einen Mann mit wehenden Gewändern und einem Dolch in der Faust auf sich zulaufen sahen, rannten sie davon und verloren sich bald in den Weiten des flachen Landes.
Gacel trat zu dem sterbenden Bock, der eine letzte Anstrengung machte, sich zu erheben und seiner Herde zu folgen. Doch etwas in ihm war zerbrochen. Nichts gehorchte mehr seinem Willen. Nur seine großen, unschuldigen Augen spiegelten das Ausmaß seiner Angst, als der Targi ihn am Gehörn packte, seinen Kopf nach Mekka drehte und ihm mit einem raschen Schnitt seines rasiermesserscharfen Dolches die Kehle durchschnitt. Das Blut schoß pulsierend aus der Wunde, es bespritzte die Sandalen und den Saum der gandura, aber Gacel achtete nicht darauf. Er war zufrieden, daß er wieder einmal seine Schießkunst unter Beweis gestellt und das Wild genau an der richtigen Stelle getroffen hatte. Als sich die Nacht herabsenkte, saß er noch immer da und aß. Die ersten Sternbilder waren noch nicht am Himmel erschienen, da schlief er schon, von einem Strauch gegen den Wind geschützt und vom erlöschenden Feuer gewärmt.
Das Lachen der Hyänen weckte ihn. Der Geruch der Antilope hatte sie herbeigelockt. Auch die Schakale trieben sich in der Nähe herum. Deshalb schürte Gacel das Feuer und scheuchte die Aasfresser möglichst weit in die Finsternis zurück. Er legte sich auf den Rücken, blickte zum Himmel auf, lauschte dem Rauschen des Windes und dachte darüber nach, daß er am Tag zuvor einen Mann getötet hatte. Zum ersten Mal im Leben hatte er einen anderen Menschen umgebracht, und das bedeutete, daß sein Leben künftig nie wieder so sein würde wie früher. Er fühlte sich nicht schuldig, denn er hielt seine Sache für gerecht, doch war er besorgt über die Möglichkeit, daß er einen jener Stammeskriege ausgelöst hatte, von denen die Alten soviel erzählten. Bei diesen Fehden kam immer irgendwann der Augenblick, an dem niemand mehr so recht zu sagen wußte, aus welchem Grund all das Blut vergossen wurde und wer damit angefangen hatte.
Dabei konnten es sich gerade die Tuareg, die wenigen imohar, die noch durch die Wüste zogen und die ihren Traditionen und Gesetzen treu waren, überhaupt nicht leisten, sich gegenseitig auszurotten, denn sie hatten schon alle Hände voll damit zu tun, sich gegen das Vordringen der Zivilisation zu behaupten.
Gacel rief sich die seltsame Empfindung ins Gedächtnis zurück, die seinen ganzen Körper durchzuckt hatte, als er fast ohne Anstrengung das weiche Fleisch von Mubarraks Unterleib mit dem Schwert durchbohrt hatte. Fast glaubte er noch einmal den heiseren Laut zu vernehmen, der sich in jenem Augenblick der Kehle seines Gegners entrungen hatte. Beim Herausziehen der Klinge war es Gacel vorgekommen, als hafte an der Spitze seiner takuba das Leben des besiegten Feindes. Beklommen dachte er an die Möglichkeit, daß er die Waffe vielleicht wieder eines Tages gegen einen Menschen richten müßte. Aber dann erinnerte er sich an den trockenen Knall des Schusses, der seinen schlafenden Gast das Leben gekostet hatte, und er tröstete sich damit, daß die Schuldigen eines solchen Verbrechens nicht auf Vergebung hoffen konnten.
Gacel hatte erfahren, wie bitter Ungerechtigkeit schmeckte, und genauso bitter war es, Unrecht zu sühnen. Mubarrak zu töten hatte ihm nicht das geringste Vergnügen bedeutet, sondern nur ein Gefühl tiefer Niedergeschlagenheit und Leere in ihm zurückgelassen. Der alte Suilem hatte recht: Rache konnte die Toten nicht zum Leben erwecken.
Irgendwann stellte sich Gacel die Frage, warum das ungeschriebene Gesetz der Gastfreundschaft für die Tuareg schon immer so wichtig gewesen war, daß es vor allen anderen Gesetzen, sogar denen des Koran, Vorrang hatte. Er versuchte sich vorzustellen, wie das Leben in der Wüste wäre, wenn ein Reisender nicht mehr die unerschütterliche Gewißheit
haben konnte, daß man ihn jederzeit in einer menschlichen Siedlung willkommen hieß, ihm Hilfe zukommen ließ und Achtung entgegenbrachte.
In einer der alten Geschichten war die Rede von zwei Männern, die sich einst so sehr haßten, daß einer der beiden - es war der Schwächere - sich eines Tages vor der khaima seines Feindes einfand und diesen um Gastfreundschaft ersuchte. Auf die Wahrung der Überlieferung bedacht, nahm der Targi den Gast auf und bot ihm seinen Schutz, doch nach zwei Monaten hatte er es derartig satt, die Gesellschaft des anderen ertragen und ihn durchfüttern zu müssen, daß er ihm versprach, ihn in Frieden ziehen zu lassen und ihm nie wieder nach dem Leben zu trachten. Das mußte sich vor vielen, vielen Jahren zugetragen haben, aber seither hatte sich aus jener Begebenheit bei den Tuareg ein Brauch entwickelt, mittels dessen sie ihre Streitigkeiten und Fehden beilegten.
Wie hätte er, Gacel, reagiert, wenn Mubarrak in seinem Zeltlager erschienen wäre, um ihn um Gastfreundschaft und Vergebung für seine Verfehlung zu bitten? Er wußte es nicht zu sagen, aber wahrscheinlich hätte er sich wie jener Targi in der alten Legende verhalten. Es wäre ihm widersinnig erschienen, eine schlimme Tat zu begehen, um jemanden zu bestrafen, der sich derselben Tat schuldig gemacht hatte.
Damals, als die Düsenflugzeuge anfingen, in großer Höhe die Wüste zu überqueren, und als Lastwagen begannen, die bekannteren Pisten zu befahren, so daß sich Ga-cels Volk immer weiter in die schwer zugänglichen Einöden der Wüste zurückziehen mußte, hätte niemand vorhersagen können, wie lange dieses Volk noch im Flachland sein Leben würde befristen können. Für Gacel jedoch stand fest, daß das Gesetz der Gastfreundschaft so lange als heilig betrachtet werden mußte, wie noch einer der Seinen in der Endlosigkeit der menschenleeren, von Sand und Geröll bedeckten hammada lebte, denn andernfalls würde kein Reisender mehr das Wagnis eingehen, die Wüste zu durchqueren.
Nein, Mubarraks Verfehlung war durch nichts zu rechtfertigen. Er, Gacel Sayah, wollte anderen Menschen, die keine Tuareg waren, vor Augen führen, daß die Gesetze und Bräuche seines Volkes in der Sahara auch künftig respektiert werden mußten, denn diese Gesetze und Bräuche gehörten untrennbar zu seiner Welt.
Ohne sie gab es keine Hoffnung auf ein Überleben.
Der Wind frischte auf, und mit ihm kam der Tag. Die Hyänen und Schakale begriffen, daß die Hoffnung auf ein Stück Antilopenfleisch sich zerschlagen hatte. Knurrend und jaulend machten sie sich davon, um, wie alle Tiere der Nacht, ihren dunklen Bau unter der Erde aufzusuchen. Da gab es den fennek, den Wüstenfuchs mit seinen langen Ohren, aber auch die Wüstenratte, die Schlange, den Hasen und den gewöhnlichen Fuchs. Sie alle würden schon schlafen, wenn die Sonne auf die Wüste herabzubrennen begann. Sie schonten ihre Kräfte, bis die Schatten der Nacht das Leben wiederum erträglich machten in dieser trostlosesten Gegend des Planeten Erde. Anders als in anderen Teilen der Welt entfaltete sich hier nachts die regste Tätigkeit, und der Tag diente der Ruhe.
Einzig der Mensch hatte es in all den Jahrhunderten nicht vollbracht, sich gänzlich an die Nacht anzupassen: Bei Anbruch des Tages machte sich Gacel also auf die Suche nach seinem Kamel, das in einer Entfernung von etwas mehr als einem Kilometer auf dem Boden lag und wiederkäute. Er ergriff die Zügel und setzte ohne Hast seine Reise nach Westen fort.
Der militärische Außenposten von Adoras umfaßte eine Oase, die fast die Form eines Dreiecks hatte. Dort gab es ungefähr hundert Palmen und vier Brunnen. Die Oase lag mitten in einem riesigen, von Dünen bedeckten Gebiet und war ständig vom Wüstensand bedroht, der sie völlig umzingelt hatte.
Tatsächlich war es ein Wunder, daß es sie überhaupt noch gab, denn der Sand schützte sie zwar einerseits vor dem Wind, verwandelte sie aber andererseits in einen Backofen, in dem das Thermometer um die Mittagszeit nicht selten auf siebzig Grad kletterte.
Die drei Dutzend Soldaten, aus denen die Garnison bestand, verbrachten die Hälfte ihrer Zeit damit, im Schatten der Palmen ihr Schicksal zu verfluchen. Ansonsten waren sie damit beschäftigt, Sand zu schaufeln - ein verzweifelter Versuch, die Wüste zurückzudrängen und den schmalen, ungepflasterten Weg freizuhalten, der die einzige Verbindung zur Außenwelt darstellte. Über ihn wurde die Garnison alle zwei Monate mit Proviant und Post beliefert. Seit vor dreißig Jahren ein halbirrer Oberst auf die absurde Idee gekommen war, die Armee müsse unbedingt jene vier Brunnen unter ihre Kontrolle bringen, galt Adoras zuerst bei den Kolonialtruppen und später, nach der Unabhängigkeit, bei den eigenen Streitkräften des Landes als eine Art »Himmelfahrtskommando«. Von den Männern, die am Rand des Palmenhaines begraben lagen, waren neun eines »natürlichen« Todes gestorben, und sechs hatten sich selbst das Leben genommen, weil sie sich nicht damit abfinden konnten, in dieser Hölle ihr Dasein fristen zu müssen.
Wenn ein Richter einen zum Galgen oder zu lebenslänglicher Haft verurteilten Verbrecher zu fünfzehn Jahren Zwangsarbeit in Adoras begnadigte, dann wußte er genau, was er tat, mochte der »Begnadigte« anfänglich auch glauben, man habe ihm tatsächlich eine Gunst erweisen wollen.
Kommandant der Garnison und zugleich Oberbefehlshaber über ein Gebiet von der halben Größe Italiens, in dem allerdings höchstens achthundert Menschen lebten, war ein Hauptmann namens Kaleb-el-Fasi. Er war seit sieben Jahren in Adoras und büßte hier dafür, daß er einen jungen Leutnant umgebracht hatte, nachdem jener damit gedroht hatte, gewisse Unregelmäßigkeiten bei der Verwaltung der Regimentskasse aufzudecken. Kaleb-el-Fasi war zum Tod verurteilt worden, aber sein Onkel, der berühmte General Obeid-el-Fasi, ein Held des Unabhängigkeitskrieges, hatte durchgesetzt, daß sein Neffe, der während des Freiheitskampfes sein Adjutant und Vertrauter gewesen war, zur Bewährung auf einen Außenposten versetzt wurde, den kein anderer Berufsoffizier freiwillig übernommen hätte, es sei denn, er hätte sich in einer ähnlichen Lage wie Kaleb-el-Fasi befunden.
Vor drei Jahren hatte Hauptmann Kaleb einmal anhand der Personalakten ausgerechnet, daß die Soldaten seines Regimentes den Tod von insgesamt zwanzig Menschen, fünfzehn Vergewaltigungen, sechzig bewaffnete Raubüberfälle sowie eine Unzahl von Diebstählen, Betrügereien und geringeren Vergehen auf dem Gewissen hatten. Um eine solche »Streitmacht« zu befehligen, hatte Kaleb deshalb all seine Erfahrung, Schlauheit und Brutalität aufbieten müssen. Nur ein Mann wurde noch mehr gefürchtet als er: seine rechte Hand Malik-el-Haideri, ein dünner, ziemlich kleiner Kerl, der irgendwie schwächlich und krank wirkte, jedoch so grausam, hinterlistig und tollkühn war, daß er es geschafft hatte, diesen Haufen wilder Tiere unter seine Kontrolle zu bringen. Er hatte schon fünf Mordanschläge und zwei Messerstechereien überlebt. Malik war die natürlichste aller »natürlichen Todesursachen« in Adoras: Zwei der Selbstmörder hatten sich eine Kugel in den Kopf geschossen, weil sie es nicht ertrugen, wie er mit ihnen umsprang.
Jetzt saß Malik gerade auf dem Kamm der höchsten Düne, die sich im Osten der Oase auftürmte. Es war eine alte ghourds von mehr als hundert Metern Höhe.
Außen hatte sie im Lauf der Zeit eine goldgelbe Färbung angenommen, und im Inneren war sie so hart geworden, als bestünde sie nicht aus Sand, sondern aus Stein. Sergeant Malik beobachtete gleichgültig, wie seine Männer den Sand »junger« Dünen fortschaufelten, die den Brunnen am Rand der Oase zu verschütten drohten. Plötzlich richtete er sein Fernglas auf einen einzelnen Reiter, der unversehens aufgetaucht war, auf einem weißen Mehari saß und ohne Eile geradewegs auf die Oase zuritt. Malik fragte sich verwundert, was wohl ein Targi in dieser Gegend zu suchen hatte. Schon seit sechs Jahren kamen die Tuareg nicht mehr zu den Brunnen von Adoras, sondern machten einen weiten Bogen um die Garnison und deren Besatzung. Auch die Karawanen der Beduinen machten hier immer seltener Rast, um ihre Wasservorräte aufzufüllen und ein paar Tage auszuruhen. Sie hielten sich dann stets so weit abseits wie möglich, versteckten ihre Frauen und vermieden jeden Kontakt mit den Soldaten. Beim Aufbruch zeigten sie sich jedesmal erleichtert, wenn es zu keinen Zwischenfällen gekommen war. Die Tuareg hingegen verhielten sich ganz anders. Früher, als sie noch an den Wasserstellen haltmachten, taten sie dies erhobenen Hauptes, wirkten stolz und trotzig, und sie erlaubten ihren Frauen sogar, unverschleiert, mit nackten Armen und Beinen zwischen den Palmen herumzulaufen. Es kümmerte sie nicht, daß die Soldaten seit Jahren keine Frau gehabt hatten. Wenn sich einer der Kerle eine Frechheit herausnahm, griffen die Tuareg sofort zu ihrem scharfen Dolch oder zum Gewehr.
Seitdem vor Jahren bei einer Auseinandersetzung zwei Tuaregkrieger und drei Soldaten umgekommen waren, zogen die »Söhne des Windes« es vor, einen Bogen um die Garnison zu machen. Doch nun kam jener einsame Reiter unbeirrt näher. Gerade überquerte er den Kamm der letzten Düne und hob sich deutlich mit seinen flatternden Gewändern vom Abendhimmel ab. Wenig später verschwand er zwischen den Palmen. Am nördlichen Brunnen hielt er an, kaum hundert Meter von den ersten Baracken entfernt.
Malik hatte es nicht eilig. Er rutschte den Abhang der Düne hinab, ging quer durch das Lager und trat zu dem Targi, der gerade sein Mehari tränkte. Manche dieser Tiere konnten bis zu hundert Liter Wasser auf einmal zu sich nehmen.
»Assalamu aleikum!« grüßte Malik. »Assalam!« erwiderte Gacel.
»Ein schönes Kamel hast du da - und ein sehr durstiges.«
»Wir kommen von weit her.« »Woher?« »Von Norden.«
Sergeant Malik-el-Haideri haßte den Gesichtsschleier der Tuareg, denn er wollte immer wissen, mit wem er es zu tun hatte, und versuchte stets, vom Gesichtsausdruck anderer Menschen abzulesen, ob sie die Wahrheit sagten oder schwindelten. Bei den Tuareg war dies jedoch nie möglich, denn ihr Gesichtsschleier hatte nur einen schmalen Spalt für die Augen - und diese Augen kniffen sie außerdem beim Reden zusammen oder schlössen sie sogar ganz. Auch der Klang ihrer Stimme wurde durch den Schleier entstellt. Malik mußte sich deshalb mit der Antwort zufriedengeben, zumal er selbst gesehen hatte, daß der Targi von Norden her gekommen war. Wie hätte er auch ahnen können, daß Gacel in einem großen Bogen um die Oase herumgeritten und in Wirklichkeit aus Süden gekommen war?
»Wohin willst du?«
»Nach Süden.« Gacels Mehari hatte sich inzwischen zufrieden und mit prall gefülltem Bauch hingelegt. Er selbst machte sich daran, ein wenig Reisig für ein kleines Lagerfeuer zu sammeln.
»Du kannst mit den Soldaten essen«, meinte Malik. Gacel schlug eine Decke zurück, und eine halbe Antilope kam zum Vorschein. Sie war mit geronnenem Blut überkrustet, aber das Fleisch war noch saftig. »Wenn du willst, kannst du mit mir essen - als Gegenleistung für dein Wasser.«
Sergeant Malik spürte, wie ihm das Wasser im Mund zusammenlief. Seit zwei Wochen hatten seine Männer kein einziges Stück Wild erlegt, denn im Lauf der Jahre waren die wilden Tiere immer weiter in die Wüste zurückgedrängt worden, und unter den Soldaten gab es keinen einzigen echten Beduinen, der mit der Wüste und deren Bewohnern vertraut war.
»Das Wasser gehört allen«, erwiderte Malik. »Aber deine Einladung nehme ich gerne an. Wo hast du die Antilope geschossen?«
Gacel lächelte innerlich über die plumpe Falle. »Im Norden«, antwortete er.
Als er genügend Zweige gesammelt hatte, setzte er sich auf die Decke. Er nahm Feuerstein und Lunte zur Hand, aber Malik hielt ihm eine Schachtel Streichhölzer hin.
»Nimm die hier«, sagte er. »Damit geht es viel leichter.«
Wenig später, als Gacel ihm die Streichhölzer zurückgeben wollte, wies er sie zurück: »Behalte sie! Im Lagerschuppen gibt es jede Menge davon.«
Malik hatte sich Gacel gegenüber niedergelassen und schaute zu, wie dieser die Keulen der Antilope auf den Ladestock seines alten Gewehres spießte, um sie langsam über dem kleinen Feuer zu braten.
»Suchst du im Süden Arbeit?«
»Nein, ich suche eine Karawane.«
»Um diese Zeit kommen hier keine Karawanen durch. Die letzte hat vor einem Monat bei uns haltgemacht.«
»Meine Karawane wartet auf mich«, war die rätselhafte Antwort. Und da der Sergeant ihn verständnislos anstarrte, fügte Gacel im selben Tonfall hinzu: »Sie wartet schon seit fünfzig Jahren auf mich.«
Jetzt schien Malik zu begreifen. Er betrachtete den Targi eingehender. »Die Große Karawane!« rief er schließlich aus. »Suchst du etwa nach der sagenumwobenen Großen Karawane? Du bist verrückt!«
»Es ist keine Sage. Mein Onkel war mit dabei. Außerdem bin ich nicht verrückt!
Mein Vetter Suleiman, der für einen Hungerlohn Ziegelsteine schleppt - der ist verrückt!«
»Viele haben schon nach der Karawane gesucht, aber kein einziger ist lebend zurückgekehrt.«
Gacel wies mit einer Kopfbewegung auf die mit Steinen bedeckten Gräber, die zwischen den spärlichen Palmen hindurch am anderen Ende der Oase zu erkennen waren. »Sie sind bestimmt nicht toter als die dort drüben, aber wenn sie die Karawane gefunden hätten, wären sie steinreich geworden.«
»Das >Land der Leere< kennt keine Gnade, dort gibt es kein Wasser und keine einzige Pflanze, von der sich dein Kamel ernähren könnte. Nirgends findest du Schatten oder einen Orientierungspunkt, an den du dich halten könntest. Es ist die Hölle!«
»Das weiß ich«, bestätigte der Targi. »Ich war schon zweimal dort.«
»Du warst im >Land der Leere<?« fragte Malik ungläubig.
»Ja, zweimal.«
Der Sergeant brauchte Gacels Gesicht nicht zu sehen, um zu begreifen, daß er die Wahrheit gesagt hatte. Maliks Interesse war erwacht, denn er lebte schon lange genug in der Sahara, um vor einem Mann Hochachtung zu empfinden, der sich ins »Land der Leere« begeben hatte und heil zurückgekehrt war. Solche Männer konnte man zwischen Marokko und Ägypten an den Fingern einer einzigen Hand abzählen. Nicht einmal Mubarrak-ben-Sad, der der Garnison offiziell als Führer in der Wüste diente und der als einer der besten Kenner dieses von Geröll und Sand bedeckten Landes galt, konnte sich einer solchen Leistung rühmen.
»Aber ich kenne einen, der es geschafft hat«, hatte Mu-barrak dem Sergeanten irgendwann einmal während einer ausgedehnten Expedition zum Huaila-Massiv versichert. »Ich kenne einen amahar vom Kel-Tagelmust, der war dort und ist sogar wieder zurückgekehrt...«
»Was fühlt man, wenn man mittendrin ist?« wollte Malik wissen.
Gacel warf ihm einen langen Blick zu, dann antwortete er achselzuckend: »Nichts.
Man muß alle Gefühle draußen lassen. Auch alle Ideen und Vorstellungen muß man draußen lassen. Es kommt darauf an, wie ein Stein zu leben, und man darf keine einzige überflüssige Bewegung machen, die den Wasserverbrauch erhöht.
Sogar nachts muß man sich so langsam bewegen wie ein Chamäleon. Nur wenn es dir gelingt, dich gegen Hitze und Durst unempfindlich zu machen, hast du eine winzige Überlebenschance. Aber vor allem muß man die Todesangst überwinden und ruhig bleiben.«
»Warum hast du das getan? Warst du auf der Suche nach der Großen Karawane?«
»Nein, ich suchte in mir nach den Spuren meiner Vorfahren. Sie haben das >Land der Leere< besiegt.«
Malik schüttelte abwehrend den Kopf. »Niemand besiegt das >Land der Leere<«, sagte er voller Überzeugung. »Der Beweis dafür ist, daß alle deine Vorfahren tot sind, aber das >Land der Leere< ist noch genauso unerforscht wie an dem Tag, als Allah es schuf.« Er machte eine Pause, schüttelte erneut den Kopf und stellte sich wie im Selbstgespräch die Frage: »Warum hat Allah das wohl getan? Warum hat er, der so große Wunder vollbringen konnte, auch diese Wüste geschaffen?«
Die Antwort klang ebenso vermessen wie die Frage selbst: »Damit er hinterher die imohar schaffen konnte.«
Malik lächelte belustigt. »So wird es wohl sein«, meinte er. Und mit einem Blick auf die Antilopenkeule fuhr er fort: »Ich mag es nicht, wenn das Fleisch zu stark gebraten ist.« Gacel zog den Ladestock aus dem Fleisch, reichte Malik eines der beiden Stücke und machte sich daran, mit seinem scharfen Dolch dicke Scheiben von dem anderen abzuschneiden. »Falls du jemals in Not gerätst, koche oder brate das Fleisch nicht, sondern iß es roh. Verzehre jedes Tier, das dir in die Quere kommt, und trinke sein Blut! Aber beweg dich dabei nicht, bewege dich überhaupt nicht!«
»Ich werde daran denken«, meinte der Sergeant. »Ich werde daran denken, aber ich bete zu Allah, daß er mich vor einer solchen Notlage behütet.«
Schweigend beendeten sie die Mahlzeit. Sie tranken einen Schluck frisches Wasser aus dem Brunnen, dann erhob sich Malik und reckte sich zufrieden. »Ich muß jetzt gehen«, sagte er. »Der Hauptmann erwartet meinen Bericht, und ich muß noch meinen Kontrollgang machen. Wie lange wirst du hierbleiben?«
Gacel hob die Schultern zum Zeichen, daß er es nicht wußte.
»Ich verstehe. Bleib, solange du willst, aber halte dich von den Baracken fern! Die Wachen haben Befehl, ohne Vorwarnung zu schießen.«
»Warum?«
Sergeant Malik-el-Haideri lächelte vielsagend, dann wies er mit einer Kopfbewegung auf ein Holzhäuschen, das abseits der anderen stand. »Der Hauptmann hat keine Freunde«, erläuterte er. »Er hat keine, und ich habe auch keine, aber ich kann mich um mich selbst kümmern.« Mit diesen Worten ließ er Gacel stehen.
Schon vertieften sich die Schatten zwischen den Palmen der Oase. Die Stimmen der Soldaten, die mit geschulterten Schaufeln müde und verschwitzt zurückkehrten, waren klar und deutlich zu vernehmen. Die Männer sehnten sich nach einer Mahlzeit und dem Strohsack, auf dem sie sich für ein paar Stunden ins Reich der Träume flüchten konnten, weit fort von Adoras, dieser Hölle auf Erden.
Fast ohne Abenddämmerung färbte sich der Himmel zuerst rot und wurde dann schwarz. Überall in den Hütten wurden Karbidlampen angezündet. Einzig das Häuschen des Hauptmanns hatte Fensterläden, so daß niemand sehen konnte, was im Inneren vor sich ging. Bei Anbrach der Dunkelheit bezog ein Wachtposten keine zwanzig Schritte von der Haustür entfernt Stellung, das Gewehr im Anschlag.
Eine halbe Stunde später ging die Tür auf, und eine hochgewachsene, schlanke Gestalt zeichnete sich im Türrahmen ab. Auch ohne die Sterne an der Uniform hätte Gacel den Mann wiedererkannt, der seinen Gast getötet hatte. Der Mann blieb ein paar Augenblicke lang ruhig stehen, atmete in vollen Zügen die Nachtluft ein und zündete sich eine Zigarette an. Im Schein der kleinen Flamme sah Gacel wieder in allen Einzelheiten dieses Gesicht und die stahlharten Augen, die so verächtlich geblitzt hatten, als jener Mann behauptet hatte, sei das Gesetz. Gacel fühlte sich versucht, zum Gewehr zu greifen und den Kerl mit einem einzigen Schuß zu erledigen, tat jedoch nichts dergleichen, sondern beschränkte sich darauf, den Mann zu beobachten. Dabei malte er sich aus, wie sich der Hauptmann wohl fühlen würde, wenn er wüßte, daß der von ihm erniedrigte und beleidigte Targi neben einem erlöschenden Lagerfeuer an einer Palme lehnte und darüber nachsann, ob er ihn, den Hauptmann, sofort umbringen oder ob er die Tat auf später verschieben sollte.
Für all die Männer aus der Stadt, die es in die Wüste verschlagen hatte, eine Wüste, die zu lieben sie nie lernen würden, sondern die sie haßten und aus der sie gern um jeden Preis geflohen wären - für diese Leute waren die Tuareg nichts weiter als ein Bestandteil der Landschaft. Sie konnten nicht nur keinen Targi vom anderen unterscheiden, sondern waren auch nicht in der Lage, zwei langgestreckte Dünen mit ihren Wellenkämmen aus Sand voneinander zu unterscheiden, selbst wenn eine halbe Tagesreise zwischen diesen Dünen lag.
Als Stadtmenschen hatten sie keinen Sinn für die Zeit, den Raum, die Gerüche und die Farben der Wüste. Genausowenig begriffen sie den Unterschied zwischen einem Krieger aus dem »Volk des Schleiers« und einem amahar vom »Volk des Schwertes«, oder den Unterschied zwischen einem amahar und einem Sklaven, oder den Unterschied zwischen einer echten, freien und starken targia und einer armen beduinischen Haremsklavin.
Gacel hätte zu dem Hauptmann gehen und sich mit ihm eine halbe Stunde lang über die Nacht, die Sterne, den Wind und die Tiere der Wüste unterhalten können, ohne daß der Mann in ihm den »verfluchten, stinkenden Bettler« wiedererkannt hätte, der vor fünf Tagen versucht hatte, sich ihm zu widersetzen. Viele Jahre lang hatten die Franzosen vergeblich versucht, die Tuareg zum Ablegen des Gesichtsschleiers zu bewegen. Am Ende hatten sie sich eingestehen müssen, daß sie gescheitert waren und daß es ihnen nie gelingen würde, einen Targi vom anderen allein aufgrund der Stimme und der Gesten zu unterscheiden.
Weder Malik noch der Hauptmann oder all die zum Sandschaufeln verurteilten Soldaten waren Franzosen, aber eines hatten sie gemeinsam: Sie kannten die Wüste nicht und verachteten ihre Bewohner.
Als der Hauptmann seine Zigarette zu Ende geraucht hatte, ließ er den Stummel in den Sand fallen, grüßte lustlos den Wachtposten und schloß die Tür. Geräuschvoll schob er den schweren Riegel vor. Im Lager gingen nach und nach die Lichter aus.
Bald lag die Oase in tiefem Schweigen da. Nur das Rauschen der Palmwedel in der leichten Brise war zu vernehmen; dann und wann heulte in der Ferne ein hungriger Schakal. Gacel wickelte sich in seine Decke, legte den Kopf auf den Sattel und warf einen letzten Blick auf die Baracken und die unter einem roh zusammengezimmerten Sonnendach aufgereihten Militärfahrzeuge. Wenig später war er eingeschlafen.
Im Morgengrauen erkletterte er die fruchtbarste der Palmen und warf von oben büschelweise reife Datteln hinab. Er verstaute sie in einem Sack, füllte seine gerbas mit Wasser und sattelte sein Mehari, das geräuschvoll protestierte, denn gern wäre es noch länger am schattigen Brunnen geblieben.
Die Soldaten kamen aus den Baracken, gingen in die Dünen, um zu pinkeln, oder wuschen sich im Wassertrog neben dem größten der Brunnen das Gesicht. Auch Sergeant Malik-el-Haideri trat aus seiner Behausung. Mit raschen, zielstrebigen Schritten ging er auf Gacel zu.
»Du reitest fort?« erkundigte er sich, obwohl diese Frage in jeder Hinsicht überflüssig war. »Ich dachte, du wolltest dich hier ein paar Tage ausruhen.« »Ich bin nicht müde.«
»Das sehe ich - und ich spüre es auch. Es tut manchmal gut, mit einem Fremden zu reden. Dieser Abschaum hier denkt nur ans Klauen und an Weiber.«
Gacel antwortete nicht. Er war vollauf damit beschäftigt, alle Bündel so festzuzurren, daß er sie beim schaukelnden Gang des Kamels nicht schon nach fünfhundert Metern verlor. Malik stellte sich auf die andere Seite des Tieres und legte mit Hand an. »Vorausgesetzt, der Hauptmann gibt mir Urlaub - würdest du mich dann mitnehmen auf die Suche nach der Großen Karawane?«
Der Targi machte eine abwehrende Geste. »Nein, das >Land der Leere< ist nichts für dich. Nur Männer wie wir, die imohar, können uns hineinwagen.«
»Aber ich würde drei Kamele beisteuern! Wir könnten mehr Wasser und Proviant mitnehmen. Wenn wir die Karawane finden, reicht es für uns beide. Ich würde dem Hauptmann einen Teil abgeben, außerdem könnte ich mir meine Versetzung erkaufen, und es würde trotzdem noch genügend übrigbleiben für den Rest meines Lebens. Nimm mich mit!« »Nein.«
Sergeant Malik resignierte scheinbar. Sein Blick schweifte langsam über die Palmen, die Baracken und schließlich über die Sanddünen, die den Militärstützpunkt in alle vier Himmelsrichtungen umschlossen. Ständig drohten sie, die Oase endgültig unter sich zu begraben. Sie machten aus der Garnison ein Gefängnis, das keine Gitter brauchte.
»Noch elf Jahre!« sagte Malik leise vor sich hin. »Falls ich hier jemals rauskomme, werde ich ein alter Mann sein, aber man hat mir sogar meine Pensionsberechtigung abgesprochen. Was soll dann aus mir werden?« Zu Gacel gewandt fuhr er fort:
»Wäre es nicht besser, tapfer zu sein und notfalls in der Wüste zu sterben, wenn man dafür die Chance erhält, daß sich alles schlagartig ändert?« »Vielleicht.«
»Das ist doch genau das, was du vorhast, nicht wahr? Du setzt lieber alles auf eine Karte, statt dein Leben lang Ziegelsteine zu schleppen.« »Ich bin ein Targi, aber du ...«
»Ach, geh zum Teufel mit deinem Stolz!« rief Malik wütend. »Glaubst du etwa, du bist etwas Besseres, nur weil du von klein auf daran gewöhnt bist, die Hitze und den Durst auszuhalten? Ich habe mich die ganze Zeit mit diesen Schweinehunden da drüben herumschlagen müssen, und ich weiß nicht, was schlimmer ist, das schwöre ich dir! Na mach schon, hau ab! Wenn ich mich eines Tages auf die Suche nach der Großen Karawane mache, dann ganz allein. Ich brauche dich nicht dazu!«
Hinter dem Schleier verzogen sich Gacels Lippen zu einem Lächeln, aber das konnte der andere nicht sehen. Er befahl seinem Kamel aufzustehen, ergriff die Zügel und ritt langsam in südlicher Richtung davon.
Sergeant Malik-el-Haideri folgte Gacel mit den Blicken, bis der Targi im Labyrinth der Dünentäler verschwunden war. Denn drehte er sich um und kehrte nachdenklich zur größten der Baracken zurück.
Hauptmann Kaleb-el-Fasi schlief immer so lange, bis das Dach seiner Hütte in der Sonne glühend heiß wurde, und das geschah Tag für Tag gegen neun Uhr morgens, obwohl Kaleb-el-Fasi seine Behausung an der geschütztesten Stelle der Oase hatte bauen lassen, im Schatten der Palmen. Nicht selten fuhr er nachts erschrocken aus dem Schlaf hoch, wenn Datteln auf das Blechdach prasselten.
Seine morgendlichen Gebete pflegte der Hauptmann zwei Schritte vor der Tür seiner Hütte zu verrichten. Dann setzte er sich in den Trog neben dem großen Brunnen, wusch sich mit lautem Planschen und ließ sich gleich an Ort und Stelle von Sergeant Malik über alle Vorfälle Bericht erstatten. Meist gab es jedoch so gut wie nichts zu melden.
An diesem Morgen allerdings schien Kaleb-el-Fasis Untergebener etwas auf dem Herzen zu haben. Er war von einem Eifer beseelt, den man bei ihm nicht gewohnt war.
»Dieser Targi - der will nach der Großen Karawane suchen«, sagte er.
»Na und?«
»Ich hab ihn gefragt, ob er mich mitnehmen will, aber er hat nein gesagt.«
»Er ist eben nicht so dumm, wie du glaubst! Aber seit wann interessierst du dich für die Große Karawane?«
»Seit ich zum ersten Mal von ihr gehört habe. Angeblich war sie mit Waren im Wert von zehn Millionen Francs unterwegs. Heutzutage wären das viele Elfenbein und all die Edelsteine das Dreifache wert.«
»Davon haben schon viele geträumt, und viele haben dafür mit dem Leben bezahlt.«
»Lauter Abenteurer, die ihre Expedition nicht gewissenhaft vorbereitet haben, mit gesichertem Nachschub und geeigneter Ausrüstung.«
Hauptmann Kaleb-el-Fasi warf dem Sergeanten Malik einen langen Blick zu, in den er besonders viel Tadel und Strenge zu legen versuchte. »Willst du damit sagen, ich soll Männer und Material der Streitkräfte für die Suche nach dieser Karawane bereitstellen?« fragte er mit vorgetäuschter Entrüstung.
»Warum nicht?« war die unverblümte Antwort. »Die ganze Zeit befiehlt man uns, sinnlose Expeditionen durchzuführen, um nach neuen Brunnen zu suchen oder um nachzuzählen, ob noch alle Nomaden da sind. Einmal haben uns ein paar Ingenieure sechs Monate lang durch die Gegend gescheucht, weil sie glaubten, es gebe hier irgendwo Erdöl.«
»Ja, und sie haben es tatsächlich gefunden.«
»Richtig, aber was hat es uns gebracht? Strapazen, Scherereien, Unzufriedenheit in der Truppe - und drei Männer, die mit einem Jeep voll Dynamit in die Luft geflogen sind!«
»Wir hatten Befehl von oben.«
»Ich weiß, aber es liegt bei Ihnen, mich mit irgendeiner Mission zu betrauen, zum Beispiel >Überlebenstraining im Land der Leere<. Stellen Sie sich vor, wir würden mit einem Riesenvermögen zurückkehren! Die Hälfte für das Heer, die andere Hälfte für uns beide und die Truppe. Glauben Sie nicht, daß man mit dem Geld ein paar Generäle milder stimmen könnte, wenn man es geschickt anstellt?«
Der Hauptmann antwortete nicht gleich. Er tauchte bis über den Kopf in den Wassertrog und verharrte so ein paar Sekunden lang, vielleicht um nachzudenken.
Nachdem er wieder aufgetaucht war, meinte er, ohne Malik anzublicken. »Für das, was du mir da eben vorgeschlagen hast, könnte ich dich einlochen lassen!«
»Und was hätten Sie davon? Macht es etwa einen Unterschied, ob man im Bau sitzt oder hier draußen? Noch ein bißchen mehr Hitze, weiter nichts! Immerhin wäre es im Bau längst nicht so heiß wie im >Land der Leere<.«
»Bist du wirklich so verzweifelt?«
»Genauso sehr wie Sie! Wenn wir nicht irgend etwas unternehmen, kommen wir hier nie raus, das wissen Sie! Irgendwann kriegt einer von den Scheißkerlen den Koller und knallt uns einfach ab.«
»Bis jetzt sind wir mit ihnen immer fertig geworden.«
»Ja, aber wir haben viel Glück gehabt«, gab Malik zu bedenken. »Wie lange soll das noch so weitergehen? Wir werden älter, unsere Kräfte lassen nach, und früher oder später machen uns die Kerle kalt.«
Hauptmann Kaleb-el-Fasi, Oberkommandierender des gottverlassenen Militärpostens von Adoras, legte den Kopf in den Nacken und betrachtete lange die Wipfel der Palmen, deren Wedel nicht der leiseste Lufthauch bewegte. Durch sie schimmerte ein so hellblauer Himmel hindurch, daß er fast schon weiß wirkte. Die Augen schmerzten, wenn man zu lange hinaufschaute.
Der Hauptmann dachte an seine Familie: Nach seiner Verurteilung hatte seine Frau die Scheidung erwirkt, seine Söhne hatten ihm nie eine einzige Zeile geschrieben, seine Freunde und Bekannten hatten seinen Namen aus ihrem Gedächtnis getilgt, nachdem sie ihn jahrelang wegen seiner angeblich glänzenden Fähigkeiten umschmeichelt hatten. Und nun war er hier, mitten unter Dieben, Mördern und Rauschgiftsüchtigen, die einen mörderischen Haß auf ihn hatten. Ohne zu zögern würden sie ihm von hinten ein Bajonett in den Leib stoßen oder eine Bombe unter sein Feldbett legen.
»Was brauchtest du denn dafür?« erkundigte sich der Hauptmann schließlich, ohne sich umzudrehen. Er bemühte sich, seine Stimme möglichst uninteressiert klingen zu lassen.
»Einen Lastwagen, einen Jeep und fünf Männer. Ich nehme auch Mubarrak-ben-Sad, den Targi, mit. Er soll uns führen. Außerdem brauche ich Kamele.«
»Wie lange soll das Unternehmen dauern?«
»Vier Monate. Aber einmal wöchentlich könnten wir über Funk Kontakt aufnehmen.«
Jetzt blickte der Hauptmann Malik doch an. »Ich kann niemanden dazu zwingen, dich zu begleiten. Angenommen, du kommst nicht zurück und die Sache sickert durch - dann werde ich an die Wand gestellt.«
»Ich weiß, wer von den Männern gern mitmachen würde und wer schweigen kann.
Die anderen dürfen nichts erfahren.«
Der Hauptmann stieg bedächtig aus dem Wassertrog, schlüpfte in eine kurze weiße Hose und fuhr mit den Füßen in die nails. Er überließ es der warmen Luft, seine nasse Haut zu trocknen.
»Ich glaube, du bist so verrückt wie dieser Targi«, meinte er und schüttelte ungläubig den Kopf. »Aber vielleicht hast du recht, und dein Plan ist besser, als hier rum-zusitzen und auf den Tod zu warten.« Er machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: »Wir müßten natürlich einen triftigen Grund für ein so zeitraubendes Unternehmen finden - auch für den Fall, daß du nicht zurückkehrst.«
Seine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen.
Auch Malik grinste. Er freute sich, daß er sich durchgesetzt hatte, aber im Grunde war er sich von Anfang an sicher gewesen. Seit der Targi sich in aller Frühe davongemacht hatte, hatte Malik pausenlos darüber nachgegrübelt, wie er dem Hauptmann sein Vorhaben am überzeugendsten darlegen könnte. Und je gründlicher er die Angelegenheit in allen Details durchdacht hatte, desto größer war seine Gewißheit geworden, daß sein Vorgesetzter ihm die Erlaubnis erteilen würde.
Die beiden Männer gingen nebeneinander auf die große Baracke zu, in der sich die Schreibstube befand.
»Ich habe mir schon einen Grund zurechtgelegt«, sagte Malik.
Der Hauptmann blieb stehen und blickte ihn fragend an.
»Sklaven«, fuhr Malik fort.
»Sklaven?«
»Ja. Es könnte doch sein, daß der Targi, der heute früh weitergeritten ist, mir von Sklavenhändlern erzählt hat, die mit einer Karawane durch unser Gebiet ziehen.
Der Sklavenhandel hat ja tatsächlich wieder auf alarmierende Weise zugenommen.«
»Das weiß ich. Aber die Sklavenhändler ziehen in Richtung Rotes Meer und versorgen die Länder, in denen Sklaverei noch nicht verboten ist.«
»Richtig«, stimmte ihm Malik bei. »Aber was hindert uns daran, einer Meldung nachzugehen und später zu behaupten, es sei eine Falschmeldung gewesen?« Er lächelte spöttisch. »Wir könnten dann sogar erwarten, daß man uns für unseren Eifer und unsere Einsatzbereitschaft lobt.«
Sie betraten die Schreibstube, einen großen Raum, in dem es nur zwei Schreibtische gab. Schon zu dieser morgendlichen Stunde war es in der Baracke drückend heiß. Der Hauptmann ging geradewegs auf eine große Landkarte des Militärbezirks zu, die die ganze hintere Wand bedeckte.
»Manchmal frage ich mich, wie sie dich überhaupt schnappen und in diese gottverlassene Gegend versetzen konnten, wo du doch so schlau bist... Wo willst du mit der Suche anfangen?«
Malik wies ohne Zögern auf einen großen, gelblichen Fleck, in dessen Mitte sich eine schneeweiße Fläche befand. Dort gab es nicht die geringste Spur von einem Weg, einem Kamelpfad, einem Brunnen oder gar einer menschlichen Siedlung.
»Hier, genau in der Mitte von Tikdabra. Logischerweise hätte die Karawane südlich an Tikdabra vorbei gemußt, aber falls sie vom Weg abgekommen ist und sich weiter im Norden zwischen den Dünen verirrt hat, muß sie zwangsläufig irgendwann auf dieses >Land der Leere< gestoßen sein - und dann war es zum Umkehren zu spät. Die Anführer der Karawane konnten nur noch versuchen, die Brunnen von Moulay-el-Akbar zu erreichen. Aber sie haben es nicht geschafft.«
»Das ist nichts weiter als eine Theorie. Genausogut könnte sich die Karawane woanders befinden.«
»Mag sein, aber sie ist nicht woanders! Jahrelang ist die Gegend südlich von Tikdabra durchkämmt worden, und danach hat man sogar im Osten und schließlich im Westen gesucht. An Tikdabra selbst hat sich noch niemand herangetraut. Das heißt:
Niemand von denen, die es versucht haben, ist zurückgekehrt.«
Der Hauptmann stellte eine überschlägige Rechnung auf: »Das Gebiet ist über fünfhundert Kilometer lang und dreihundert Kilometer breit. Es besteht aus Dünen und tischebenen Landstrichen. Es wäre wohl leichter, einen Floh in einer ganzen Herde von Reitkamelen zu finden!«
Maliks Antwort konnte nicht deutlicher sein: »Ich habe elf Jahre Zeit zum Suchen.«
Der Hauptmann ließ sich in einen wackeligen, mit Gazellenleder bezogenen Sessel fallen, kramte nach einer Zigarette, zündete sie in aller Ruhe an und starrte auf die Landkarte, die er längst auswendig kannte, denn sie hatte schon an jenem Tag dort gehangen, an dem er hier eintraf. Er kannte die Wüste und wußte deshalb, was es bedeutete, sich in einen erg wie Tikdabra hineinzuwagen. Ein solches Gebiet bestand aus einer ununterbrochenen Folge sehr hoher und langgestreckter Wanderdünen, die den gigantischen Wellen eines stürmischen Meeres ähnelten.
Ständig mußten Männer und Kamele darauf gefaßt sein, bis zur Brust in trügerischem Treibsand zu versinken. Diese Dünen bildeten jedoch nur eine Art Schutzwall um ein scheinbar grenzenloses, tischebenes Land, das Tag für Tag in der sengenden Sonne flimmerte. Ein Mensch konnte dort im grellen Licht kaum etwas sehen. Die Hitze war so groß, daß das Atmen schwerfiel und das Blut von Mensch und Tier fast zu kochen begann.
»Nicht einmal eine Eidechse kann dort überleben«, murmelte der Hauptmann schließlich. »Jeder, der bereit ist, dir dorthin zu folgen, hat eindeutig den Wüstenkoller! Mir kann es nur recht sein, wenn du mir solche Leute vom Hals schaffst.« Er öffnete einen kleinen Panzerschrank, der unmittelbar neben dem Schreibtisch im Fußboden eingemauert und normalerweise unter ein paar losen Brettern verborgen war, griff hinein, zog ein Bündel Geldscheine heraus und zählte sie. Dann sagte er kopfschüttelnd: »Die Kamele wirst du wohl bei den Beduinen beschlagnahmen müssen. Es ist nicht genug Geld da, und unsere Kamele kann ich dir nicht geben.«
»Mubarrak wird mir helfen, welche zu beschaffen«, erwiderte Malik und wandte sich zur Tür. »Wenn Sie nichts dagegen haben, rede ich jetzt mit den Männern.«
Der Hauptmann erwiderte Maliks Gruß mit einer lässigen Handbewegung. Er schloß den Safe, legte die Füße auf den Tisch, betrachtete lange stumm die Landkarte und lächelte kaum merklich. Offenbar freute er sich, daß er auf Maliks Vorschlag eingegangen war. Schlimmstenfalls würde er sechs Männer und einen Targi-Führer verlieren, von den Fahrzeugen einmal abgesehen. Aber niemand würde darüber von ihm Rechenschaft fordern, denn dergleichen galt in diesen Breitengraden fast als normal. Viele Patrouillen waren schon auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Ein Fehler des Anführers, eine Motorpanne oder eine gebrochene Achse reichten aus, um aus einer Routinefahrt eine heillose Tragödie zu machen. Damit rechnete man wohl sogar, denn warum sonst hätte man aus den Garnisonen und Gefängnissen des Landes den schlimmsten Abschaum ausgerechnet nach Adoras geschickt? Eigentlich hätte keiner dieser Männer lebend in die Zivilisation zurückkehren dürfen, denn die Gesellschaft hatte sie für immer verstoßen und war nicht bereit, sie wieder in ihren Schoß aufzunehmen. Es störte deshalb niemanden, daß diese Verbrecher sich gegenseitig bei Messerstechereien umbrachten, an Fieber starben, bei routinemäßigen Patrouillen umkamen oder auf der Jagd nach einem sagenumwobenen Schatz für immer verschwanden. Die Große Karawane gab es wirklich, irgendwo dort unten im Süden - darin waren sich alle einig. Sie konnte sich ja nicht einfach in Luft aufgelöst haben. Der kostbarste Teil ihrer Ladung würde sicher unbeschadet viele Jahre, nein, Jahrhunderte überdauern. Mit nur einem winzigen Teil dieses Schatzes könnte er, Hauptmann Kaleb-el-Fasi, Adoras für alle Zeiten den Rücken kehren und sich wieder in Frankreich niederlassen, beispielsweise in Cannes, wo er im Hotel Majestic mit einer hübschen Verkäuferin aus einer Boutique in der Rue d’Antibes ein so schönes Leben geführt hatte. Am Ende hatte er der Kleinen versprochen, daß er eines Tages kommen und sie holen würde, aber seitdem waren Jahre vergangen.
Damals hatten sie am frühen Nachmittag immer die großen Fenster geöffnet, von denen aus man den Swimmingpool, die Croisette und den Strand überblicken konnte. Sie hatten sich geliebt, bis es dunkel wurde, und waren dann irgendwo essen gegangen, ins Moulin de Mougens, El Oasis oder Chez Felix. Die Krönung des Abends war stets ein Casinobesuch gewesen, bei dem sie immer nur auf die Zahl Acht setzten.
Der Preis, den er für jene Tage bezahlen mußte, war hoch, seiner Meinung nach zu hoch. Das Schlimmste waren wohl nicht die Wüste, die Hitze und die Eintönigkeit, sondern die Erinnerungen und die Gewißheit, daß er, sofern er überhaupt lebend aus Adoras herauskäme, nicht mehr in der Lage sein würde, die Hotels, Restaurants und Mädchen von Cannes wie damals zu genießen.
In seine Erinnerungen versunken, saß er da. Es machte ihm nichts aus, daß ihm der Schweiß über den ganzen Körper lief, während sich die Temperatur in der Baracke zur Backofenhitze steigerte. Bald würde eine Ordonnanz mit einer Schüssel viel zu fetten Kuskus’ kommen. Tag für Tag verzehrte er diese Mahlzeit ohne Appetit und spülte jeden Bissen mit lauwarmem, trübem und leicht brackigem Wasser hinunter.
An dieses Wasser hatte er sich auch nach so langer Zeit noch nicht gewöhnt. Noch immer bekam er davon Durchfall, obwohl er es schon seit Jahren trank... Später, als die Sonne schon senkrecht am Himmel stand und so gnadenlos herabbrannte, daß keine Fliege mehr einen Flügel bewegte, durchquerte der Hauptmann langsam den verlassen daliegenden Palmenhain und suchte dann wieder Zuflucht in seiner Baracke; tagsüber ließ er die Tür und alle Fenster weit offenstehen, damit ihm auch nicht der leiseste Lufthauch entging. Dies war die Stunde der gaila, der geheiligten Siesta in der Wüste. Während der vier heißesten Stunden des Tages nämlich waren die Menschen - und auch die Tiere - gezwungen, sich reglos im Schatten aufzuhalten, sonst liefen sie Gefahr, zuviel Wasser auszuschwitzen oder von einem Hitzschlag niedergestreckt zu werden. Die Soldaten schliefen schon in ihren Unterkünften.
Nur ein einziger Wachtposten hielt sich unter einem Sonnendach aus Zweigen mühsam auf den Beinen. Um nicht gänzlich einzuschlafen, strengte der Mann sich an, die Augen einen Spaltbreit offen zu halten, gerade weit genug, damit das von den weißen Dünen zurückgeworfene Sonnenlicht ihn nicht vorübergehend erblinden ließ.
Eine Stunde später hätte man glauben können, die Garnison von Adoras sei ausgestorben. Die Quecksilbersäule des Thermometers, das in der Sonne gewiß geplatzt wäre, blieb gefährlich dicht unter dem 50-Grad-Strich stehen. Da sich kein Lüftchen regte, wirkten die Palmwedel so leblos und starr, als wären sie nicht echt, sondern an den Himmel gemalt.
Mit weit aufgerissenen Mündern, die Gesichter von Schweiß bedeckt, lagen die Soldaten in verrenkten, unnatürlichen Posen wie zerbrochene Gliederpuppen in dieser höllischen Bruthitze und schnarchten. Sie hatten nicht einmal die Kraft, die Fliegen zu verscheuchen, die sich auf der Suche nach ein wenig Feuchtigkeit sogar auf ihre Zungen setzten. Jemand sagte etwas mit lauter Stimme im Schlaf. Es klang fast wie eine Klage. Ein Korporal wachte auf und fuhr mit vor Schreck geweiteten Augen hoch. Sekundenlang hatte er das furchtbare Gefühl, ersticken zu müssen, denn seine Lungen weigerten sich, die heiße Luft einzuatmen.
Ein spindeldürrer Schwarzer, der schlaflos in einer Ecke kauerte, glotzte den Korporal starr an, bis der sich wieder beruhigt hatte. Dann schloß auch der Schwarze die Augen, aber er schlief nicht. In seinem Kopf überstürzten sich die Gedanken, seit der Sergeant ihn in das große Geheimnis eingeweiht hatte: In vier Tagen sollte das verrückte Abenteuer beginnen, das darin bestand, sich auf der Suche nach einer verschollenen Karawane in das unwirtlichste Gebiet der Welt vorzuwagen. Wahrscheinlich würde niemand mit dem Leben davonkommen, aber war das nicht besser, als ein Leben lang Sand zu schaufeln, bis man eines Tages selbst von den anderen im Sand verscharrt wurde?
Auch Hauptmann Kaleb-el-Fasi schnarchte leise in seiner Baracke. Vielleicht träumte er von der verirrten Karawane und ihrem Schatz. Jedenfalls schlief er so fest, daß er nicht aufwachte, als sich sekundenlang die Gestalt eines hochgewachsenen Menschen in der offenen Tür abhob, um gleich darauf ohne das leiseste Geräusch zu dem Feldbett zu huschen. Der Unbekannte lehnte sein altes, schweres Gewehr, ein Erinnerungsstück aus der Zeit des se-nottssf-Aufstandes gegen die Franzosen und Italiener, an die Wand und zog eine lange, scharfe gumia aus dem Gürtel. Als die Spitze des Dolches die Kehle des Hauptmanns berührte, ließ sich Gacel Sayah auf den Rand der Strohmatratze sinken, hielt dem Schlafenden mit einer Hand den Mund zu und verstärkte zugleich den Druck der Waffe.
Die rechte Hand des Hauptmanns griff reflexartig nach dem Revolver, der immer neben dem Bett auf dem Fußboden lag, doch der Targi schob ihn in aller Ruhe mit dem Fuß fort. Dann beugte er sich über den Liegenden und flüsterte mit heiserer Stimme:
»Wenn du schreist, schneide ich dir die Kehle durch! Hast du verstanden?«
Er wartete ab, bis der andere ihm zu verstehen gab, daß er begriffen hatte. Gacel sah, wie der Hauptmann tief Luft holte, aber er dachte nicht daran, den Druck des Dolches zu verringern. Ein dünnes Rinnsal aus Blut lief über den Hals des zu Tode erschrockenen Offiziers und vermischte sich mit dem Schweiß, der in Strömen floß.
»Weißt du, wer ich bin?«
Der Hauptmann nickte kaum merklich.
»Warum hast du meinen Gast umgebracht?«
Der Hauptmann schluckte, dann riß er sich zusammen und flüsterte tonlos: »Ich hatte meine Befehle, strenge Befehle! Den Jüngeren der beiden sollten wir umbringen, aber den Alten nicht.«
»Warum?«
»Ich weiß es nicht.«
Die Spitze des Dolches drang ein Stück tiefer in die Kehle ein.
»Warum?« fragte der Targi noch einmal.
»Ich weiß es nicht, das schwöre ich!« antwortete der Hauptmann fast schluchzend.
»Man erteilt mir Befehle, und ich muß sie befolgen. Es bleibt mir nichts anderes
übrig, als zu gehorchen!«
»Wer gab dir den Befehl?«
»Der Gouverneur der Provinz.«
»Wie heißt er?«
»Hassan-ben-Koufra.«
»Wo wohnt er?«
»In El-Akab.«
»Und der andere, der Alte? Wo ist er jetzt?«
»Wie soll ich das wissen? Sie haben ihn mitgenommen, das ist alles.«
»Warum?«
Hauptmann Kaleb-el-Fasi antwortete nicht. Vielleicht begriff er, daß er schon zuviel gesagt hatte, vielleicht gab er das Spiel schon verloren, oder vielleicht kannte er die Antwort wirklich nicht. Verzweifelt überlegte er, wie er den Eindringling, aus dessen Augen unerbittliche Härte sprach, loswerden könnte. Wo zum Teufel bleiben meine Männer? Warum kommt mir niemand zu Hilfe? fragte sich der Hauptmann.
Der Targi verlor die Geduld. Er verstärkte den Druck seines Dolches. Mit der anderen Hand drückte er dem Offizier die Kehle zu, bevor dieser vor Schmerz laut aufschreien konnte.
»Wer ist der alte Mann?« fragte Gacel flüsternd. »Und warum haben sie ihn mitgenommen?«
»Er heißt Abdul-el-Kebir.« Dies sagte der Hauptmann mit einer Stimme, als wäre nun alles gesagt, aber er wußte, daß der Name dem Targi nichts bedeutete. Gacel blickte ihn fragend an. Er wartete offenbar auf eine Erklärung.
»Du weißt nicht, wer Abdul-el-Kebir ist?«
»Ich habe noch nie von ihm gehört.«
»Er ist ein Mörder, ein schmutziger Verbrecher! Und du setzt für ihn dein Leben aufs Spiel!«
»Er war mein Gast.«
»Das ändert nichts daran, daß er ein Mörder ist.«
»Ein Mörder, der bei mir zu Gast war!« Gacel machte eine rasche Bewegung mit dem Handgelenk und trennte die Halsschlagader mit einem sauberen Schnitt durch.
Er sah zu, wie der Hauptmann sich im Todeskampf aufbäumte. Dann wischte er sich die Hände an dem schmutzigen Laken ab, ergriff den Revolver und das Gewehr, ging zur Tür und spähte ins Freie.
Der Wachtposten stand noch immer an derselben Stelle und kämpfte mit dem Schlaf. Kein Lüftchen regte sich in der Oase. Alles wirkte wie ausgestorben.
Gacel schlich von Palme zu Palme, erreichte die vorderste Düne und kletterte rasch den sandigen Abhang hinauf. Fünf Minuten später war er verschwunden, als hätte ihn der Erdboden verschluckt.
Es war schon spät am Nachmittag, als Sergeant Malik-el-Haideri die Leiche des
Hauptmanns entdeckte.
Sein fast hysterisches Geschrei war überall in der Oase zu hören und bewirkte, daß die Männer ihre Schaufeln fallen ließen und zu der kleinen Baracke rannten, aber Malik machte dem Gedränge ein Ende, indem er die Soldaten mit Fußtritten ins Freie beförderte.
Als er endlich allein war, setzte er sich neben der Leiche und der von Fliegen bedeckten Blutlache auf einen Hocker und verfluchte sein Pech. Hätte der Hundesohn, der das getan hatte, nicht noch vier Tage warten können!
Er empfand keine Trauer und auch nicht den leisesten Anflug von Mitgefühl für den Hauptmann, den - seiner Meinung nach - schlimmsten aller Hundesöhne.
Daran änderte auch die Tatsache nichts, daß sie beide Seite an Seite so viele Jahre
in dieser Hölle verbracht und von Zeit zu Zeit sogar fast so etwas wie ein zusammenhängendes Gespräch geführt hatten. Malik war felsenfest davon überzeugt, daß Hauptmann Kaleb-el-Fasi den Tod verdient hatte, und es wäre ihm egal gewesen, wo ihn dieser Tod ereilte, nur nicht hier und ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt. Jetzt würde man ihm einen neuen Kommandanten vor die Nase setzen, einen, der nicht besser oder schlechter war, sondern einfach nur anders. Sicher dauerte es wieder Jahre, bis er den Neuen gründlich durchschaute, seine schwachen Punkte erkannte und so zu seinen eigenen Zwecken einsetzen konnte, wie es ihm bei Kaleb-el-Fasi schließlich gelungen war.
Malik dachte besorgt an die Ermittlungen der Mordkommission, die sicherlich sehr langwierig sein würden. Nicht einmal er selbst hätte zu sagen gewußt, wer der Mörder war, obwohl er die wilden Gesellen, die sich jetzt keine fünf Schritte von der Tür der Baracke entfernt die Köpfe heißredeten, besser kannte als jeder andere.
Jeder von ihnen konnte der Mörder sein. Vielleicht wird man sogar mich selbst verdächtigen, sagte sich Malik. Schließlich hatte er nicht weniger Grund gehabt als die anderen, dem Menschen den Tod zu wünschen, der seinen Untergebenen das Leben so schwergemacht hatte.
Er mußte unbedingt den Täter finden, bevor sich jemand in die Angelegenheit einschaltete. Ja, es kam darauf an, den Fall schleunigst zu lösen, wenn er Scherereien vermeiden wollte! Malik schloß die Augen und ging im Geiste den Kreis der Verdächtigen durch. Als er damit fertig war, ergriff ihn ein Gefühl tiefster Niedergeschlagenheit. Die Zahl derjenigen, die mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit unschuldig waren, betrug nicht einmal ein Dutzend. Jeder andere hätte dem Hauptmann mit dem größten Vergnügen die Kehle durchgeschnitten.
»Moulay!« brüllte Malik.
Ein riesiger, grobschlächtiger Kerl trat ins Zimmer. Er wirkte blaß, unbeholfen und furchtsam. Dicht bei der Tür blieb er stehen und rührte sich nicht. »Zu Be-befehl, Sersergeant!« stammelte er.
»Du hattest Wache, als es passierte?«
»Ja-jawohl, Sergeant!«
»Und du hast niemanden gesehen?«
»Ich muß wohl für ein paar Augenblicke im Stehen eingeschlafen sein.« Die Stimme des riesigen Kerls wurde fast zu einem Schluchzen. »Wer hätte auch gedacht, daß jemand mitten am Tag ...?«
»Du bestimmt nicht! Wahrscheinlich wirst du dafür an die Wand gestellt! Wenn du nicht den Täter findest, wird man dich verantwortlich machen!«
Moulay schluckte, holte tief Luft und hob flehend die Arme. »Aber ich war es nicht! Warum hätte ich so etwas tun sollen? Wir wollten doch in vier Tagen aufbrechen und nach dieser Karawane suchen!«
»Wenn du noch einmal die Karawane erwähnst, werde ich persönlich dafür sorgen, daß du an die Wand gestellt wirst! Und ich würde abstreiten, jemals mit dir darüber gesprochen zu haben. Wem wird man wohl mehr glauben -dir oder mir?«
»Verstehe«, gab Moulay klein bei. »Es soll nicht wieder vorkommen. Ich wollte ja nur sagen, daß ich einer von den wenigen bin, die ein Interesse daran hatten, daß dem Hauptmann nichts passierte.«
Sergeant Malik-el-Haideri stand auf, nahm ein Päckchen Zigaretten vom Tisch, das dem Toten gehört hatte, und zündete sich eine an. Das schwere silberne Feuerzeug steckte er seelenruhig in die Tasche.
»Was du sagst, ist richtig«, meinte er. »Sogar sehr richtig, aber es stimmt auch, daß du Wache hattest. Es war deine Pflicht, auf jeden zu schießen, der sich dieser Baracke näherte. Verdammt! Wenn ich den Kerl erwische, ziehe ich ihm das Fell bei lebendigem Leib über die Ohren, das schwöre ich dir!«
Malik warf einen letzten Blick auf die Leiche. Dann wandte er sich um und ging hinaus. Vor der Tür blieb er im Schatten stehen und ließ seinen Blick über die Gesichter der Soldaten wandern. Keiner fehlte.
»Hört zu!« sagte Malik. »Wir müssen diese Angelegenheit unter uns ausmachen, sonst schickt man uns ein paar Offiziere, die uns das Leben noch schwerer machen.
Moulay hatte Wache, aber ich glaube nicht, daß er es war. Alle anderen schliefen angeblich in der großen Baracke. Oder war einer von euch draußen?«
Die Soldaten blickten sich an, als verdächtigten sie sich gegenseitig. Ihnen war klar, was hier auf dem Spiel stand, und die Möglichkeit, daß man eine Untersuchungskommission schicken könnte, machte ihnen Angst.
Darmowy fragment się skończył.