Czytaj książkę: «Schattenblüten»

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Foto Ayşe Yavaş

Alberto Nessi, geboren 1940 in Mendrisio, studierte an der Universität Freiburg Literaturwissenschaft und Philosophie. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter. Er unterrichtete italienische Literatur in Mendrisio, schrieb für Zeitungen und verfasste Hörspiele. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Schweizer Grand Prix Literatur für sein Lebenswerk. Alberto Nessi lebt in Bruzella. Im Limmat Verlag sind von ihm lieferbar: «Nächste Woche, vielleicht», «Terra matta», «Schattenblüten», «Die Wohnwagenfrau», «Mit zärtlichem Wahnsinn / Con tenera follia» und «Abendzug».

Die Übersetzerin

Maja Pflug, geboren in Bad Kissingen, Übersetzerausbildung in München, Florenz und London, übersetzt seit über dreißig Jahren italienische Literatur ins Deutsche, u. a. P. P. Pasolini, Cesare Pavese, Natalia Ginzburg. Sie lebt in München und Rom und wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Deutsch-Italienischen Übersetzerpreis für ihr Lebenswerk. Im Limmat Verlag sind von ihr Übersetzungen von Anna Felder, Alberto Nessi, Giovanni Orelli und Anna Ruchat lieferbar.

Alberto Nessi

Schattenblüten

Erzählungen

Aus dem Italienischen von Maja Pflug

Limmat Verlag

Zürich

Sich wiedersehen

«Wenn ich mich im Spiegel betrachte, sage ich mir: ‹Es ist aus, Nick.› Oben alles dritte», gesteht er und berührt seine Zähne.

Wir gehen über den Kies des Friedhofs, und ich wüsste gern die Geschichten aller Toten. Ein Raunen dringt aus den Grabkammern herauf.

«Der Gedanke, nicht dazusein, hat auch seinen Reiz», erklärt er.

Tja. Wer weiss, was sie über uns sagen werden, denke ich, während ich die steinernen Engel am Wegrand betrachte. «Ich kannte ihn vom Sehen», werden sie sagen. Oder: «Ich traf ihn immer Sonntag früh, wenn ich die Zeitung holen ging.»

«Glaubst du an Gott?», fragt er mich unvermittelt, während unsere Schritte das Raunen im Hintergrund übertönen.

«Wirklich an Gott … Jetzt stellst du mir eine zu schwierige Frage. Früher mochtest du Nick La Rocca. Trugst eine Schleuder aus Kornellkirschenholz in der Tasche. Da hast du mir nicht solche Fragen gestellt.»

«Ja, aber bleibt was von uns, danach?»

«Ich weiss es nicht. Meine Mutter sagte immer: ‹Man macht so lange weiter, bis man unter die Erde kommt.› Wichtig ist das Weitermachen.»

Wir sind etwas zu früh da, und so sehen wir uns noch das Blätterballett auf dem Platz mit den Karussells vor dem Friedhof an. Der Oktobersturm rüttelt an den Holzpferden. Erinnerungen tauchen auf.

«Als Junge putzte ich oft die Fahrbahn des Autoscooters, dafür bekam ich dann einen Jeton», sagt er.

Wir haben uns aus den Augen verloren, Nick und ich. In unserer Jugend strolchten wir immer durch die Bars und suchten irgendwas. Bis eines Tages Remo mit dem Kolpak aus Mailand kam: Er hatte es geschafft wegzugehen, in einem Untermietzimmer in Brera zu leben, zu malen wie Van Gogh und stolz die exotische Kopfbedeckung zu tragen. Wir … wir hatten die Instrumente unserer Kunst in einem Felsenkeller verstaut, in dem vorher Formaggini gelagert wurden, aber keiner von uns konnte spielen: nur Elia, der, der den Mädchen gefiel, stümperte ein bisschen auf Trommel und Becken des Schlagzeugs herum. Ich besass eine Posaune vom Anfang des Jahrhunderts, die ich unter dem Schutt auf dem Speicher ausgegraben und repariert hatte, indem ich eine Taste, die nicht mehr auf Fingerdruck reagierte, mit einem Gummiband befestigte, und Nick blies auf einem mit Seidenpapier bedeckten Kamm, einem Instrument aus den Anfängen der Jazz-Ära, das vermutlich auch Nick La Rocca auf den Dampfern in New Orleans gespielt hatte.

Jetzt treffen wir uns nur noch bei Beerdigungen. Und da kommt uns die Lust an, über letzte Dinge zu sprechen.

«Hast du schon jemanden sterben sehen?»

Es gelingt uns einfach nicht, uns auf das Leben zu konzentrieren, das muss das Alter sein. Nick hat noch nie im Leben etwas zustande gebracht. Das einzige: die dritten Zähne oben. Er ist ein Alternativer, aber nur potenziell. Ein schüchterner Alternativer, der sich nicht verwirklichen konnte. Einer, der die Reisen der anderen liebt. Er liebt es, Reiseerzählungen zu lauschen. Am Sonntagmorgen geht er mit einem Päckchen Marlboro in eine Bar und setzt sich vor den Fernseher. Er weiss nicht, was er tun soll. Ein Pessimist. Er sagt, wir leben in einer bürgerlichen Militärdiktatur.

Es kommen weitere Freunde, die ich lange nicht gesehen habe.

«Der Mauro ist angezogen wie Gianni Agnelli», sagt Nick. «Schau, eine Goldkette hängt ihm aus der Tasche.»

Alle erinnern sich noch, wie Mauro in den Nightclub ging und unter den Tisch pinkelte. Jetzt ist er Bankdirektor.

Der Tita kommt, Gepäckträger mit Zigarette im Mund, einer aus der proletarischen Schicht, die sich vor dem Krieg entlang der Grenze angesiedelt hat. Wenn du ihm ein Glas Weissen spendierst, erzählt Tita dir, dass er das Laster des Rauchens als Kleinkind angenommen hat: In San Fermo geboren, trug ihn sein Vater in eine Jacke gewickelt heim, und ihm wurde schwummerig – so sagt er, schwummerig –, dann hat er sich mit einer Prise Tabak erholt und ist für immer klein geblieben.

Aber die Lella erkenne ich fast nicht wieder. Lella, die ich eines Dezemberabends nach einem Lauf durch den Schnee geliebt hatte. Geliebt ist nicht ganz der richtige Ausdruck: gegen das Mäuerchen bei der Schule gedrückt.

Wir küssen uns auf die Wangen. Dann reden wir über die Tote, die zu begleiten wir hergekommen sind. Sie lachte immer, die Tote, als wir auf dem Lehrerseminar waren. Einmal war ich mit ihr zusammen Vespa gefahren, und wir hatten ein Päckchen Parisiennes super in einer Bar geklaut. Das ist meine Erinnerung an sie.

Nach der Beerdigung sehe ich Lella wieder. Sie ist aufgedunsen. Alkohol? Medikamente?

«Dein Blick ist nicht mehr wie früher», sagt sie. «Ich habe noch das Foto von damals, als du im Mittelfeld links gespielt hast und dir der Haarschopf in die Augen hing. Ein quer gestreiftes Trikot hattest du an.»

Wir bestellen ein Bier. Was werden sie über uns sagen? «Der mit dem quer gestreiften Trikot», werden sie sagen, «Das Mädchen mit dem Mondgesicht.»

«Wenn ich ins Lehrerzimmer komme und die Gesichter der Kollegen sehe, geht es mir schlecht», sage ich. «Und was machst du? Was ist aus dir geworden?»

Sie fängt zu lachen an und hakt sich bei mir ein. Wir nehmen die Strasse bergauf, wo ich sie an jenem Abend in den Schnee gedrückt hatte. Sie unterrichtete in der Grundschule der kleinen Stadt und liebte, ausser mir, den Astronauten Yuri Gagarin. Eines Tages hängte sie im Klassenzimmer ein Poster von ihm auf, und der Schulinspektor stellte sie in einer Sitzung öffentlich bloss. Sie wollten sie erledigen, sie, Gagarin und ihre kleine Hündin. Wir lachen.

«Da, jetzt hast du wieder diesen Blick», sagt sie.

«Die Schule hat mich schwermütig gemacht. Achte nicht darauf.»

Was werden meine Schüler über mich sagen? «Er fuhr mit dem Fahrrad in die Schule», werden sie sagen, «dann hat er sich eine gebrauchte Vespa angeschafft.» Der eine oder andere besitzt vielleicht noch, in einem im Keller aufbewahrten karierten Heft, das Klassenfoto, das der hinkende Fotograf bei Jahresbeginn auf dem Platz vor der Schule von uns geknipst hatte. Damals fuhr ich mit der Vespa zur Schule. Gemma hatte in einem Aufsatz geschrieben: «Wenn ich gross bin, will ich den Lehrer heiraten.» Und im Oktober hatte sie mir ein Kistchen Trauben in die Schule mitgebracht, als Vorschuss auf die Mitgift.

«Ich stehe auf der Seite der Minderheiten», sagt Lella. «Basken, Irländer, Flüchtlinge.»

«Früher hast du davon geträumt, Juliette Gréco zu sein.»

Ich sehe sie noch auf den Strassen der Peripherie von Locarno, wir waren poetische Rebellen. Wir dachten, ein Klempner könne auch Dichter sein. «Je est un autre», sagten wir. Also war ich Zigeuner, voyou, Dichter; ich lief von zu Hause fort und hatte heimliche Liebschaften. Sie war Schauspielerin, Geliebte, Kommunistin …

«Die Ungerechtigkeiten nehmen kein Ende», sagt sie.

«Das weiss man. Du hast ganz Recht, Kommunistin zu sein. Aber die Leute sterben trotzdem», philosophiere ich.

Sie sieht mich an und sucht meinen Blick.

«Das ist kein Grund, alles aufzugeben. Du hast verraten, hast auch aufgegeben.»

«Ich? Ich bin schwermütig geworden.»

Wir bestellen noch ein Bier, und plötzlich kommt mir jener Nachmittag in der Osteria wieder in den Sinn. Die Tapete fällt mir wieder ein und Lella, die am Tisch sitzt, mit den an Haken hängenden Zeitungen in einer Ecke. Sie hatte ihr Tagebuch herausgezogen an jenem Nachmittag und die Seite vorgelesen, auf der stand: «Ich habe Angst, dass sich niemand an mich erinnert, an die Sätze, die ich gesagt habe.» Es herrschte ein besonderes Licht – unmöglich, dass es keine Spuren hinterlassen hat, jenes Licht, ein biss­chen wie damals, als ich sie in den Schnee mitgenommen hatte. An jenem Nachmittag fühlte ich, dass etwas geschehen konnte. So werde ich mich an sie erinnern: mit dem Gesicht vor den blauen Blumen der Tapete. «Das Mädchen mit den blauen Blumen.» Und während die Frau am Tresen uns beobachtete, kam mit dem Licht das Versprechen auf Glück herein. Vielleicht besteht der Trick zu leben darin, in den Augen das Licht eines Tages zu bewahren, an dem man gespürt hat, dass man glücklich sein konnte. Aber wie aufgedunsen sie jetzt ist. Und wie wird sie mich in Erinnerung behalten? In meinem quer gestreiften Fussballtrikot?

«Ich habe gelernt, nur die zu lieben, die mir nahe stehen», sage ich. «Dieses Licht, das am Himmel verlöscht und nicht wiederkehrt. Du bist noch in der Ideo­logie befangen.»

«Du bist zur anderen Seite übergelaufen», sagt sie.

«Was heisst das? Zur anderen Seite übergelaufen sind die, die so tun, als gebe es keinen Schmerz.»

Ich sehe sie wieder in der Osteria im Licht, das durch die Vorhänge hereinfällt. Warum hat sie zu trinken angefangen? Warum hat sie versucht, sich umzubringen? Da sind wir und zertrampeln die Oktoberblätter vor den erstarrten Pferden.

«Man verbringt das Leben damit, Dinge tun zu wollen», sagt sie, ihrer alten Begeisterung nachhängend.

«Ich bin zum Beobachter geworden», sage ich. «Anstatt Dinge zu tun, betrachte ich sie.»

«Ich hab es ja gesagt, du bist zur anderen Seite übergelaufen.»

«Anstatt etwas zu tun, sage ich es mir innerlich vor. Ich spreche mehr zu mir selbst als zu den anderen. Manchmal kommen die anderen mir vor wie verblasste Schilder. Damit sie wieder lebendig werden, muss ich mir innerlich von ihnen erzählen. Denkst du nie an die Gefährten von damals?»

«Sie verändern sich. Ab und zu kommt ein Maler vorbei und überstreicht das alte Schild mit Barytweiss. Aber erzähl mir von denen, die in dir leben.»

«Die, die unter den grossen Zweigen der Zeder vor der Grundschule vorbeigingen. Weisst du noch? Da muss auch Yuri Gagarin in seiner Kapsel vorbeigekommen sein, als du noch unterrichtet hast.»

Ab und zu fallen sie mir wieder ein, die Schulkameraden. Das Leben hat sie entstellt. Rico zum Beispiel kommt mir in den Sinn: in der Turnhalle machte er im Schwung Handstand auf dem Barren und sah uns lächelnd an, dann rieb er sich die Handflächen mit Magnesium ein und setzte zur doppelten Riesenfelge am Reck an mit diesen langen weissen Hosen, die nur die «Aktiven» trugen.

«Du bist alt geworden, wie Nick. Du lebst von Erinnerungen.»

«Ich versuche zuzuhören, von den anderen zu lernen. Ich erzähle dir etwas. Kürzlich sass im Bus nach Como ein alter Mann mit gefärbten Haaren, der Selbstgespräche führte. Er murrte über das Personal, das seine Pflicht nicht ordentlich tut. Du weisst schon, diese übergeschnappten Einzelgänger, die im Alter vor sich hin schimpfen. An einem bestimmten Punkt ist der Fahrer – wer weiss, wie oft er ihn schon gesehen hat – sauer geworden und hat gedroht, ihn aus dem Bus zu werfen. Wirklich unverhältnismässig. Da hat der Alte ihm tief in die Augen geschaut und gesagt: «Danke Gott, dass ich ein Boxer in Pension bin. Ich kann dich nicht anrühren.»

Der Oktober treibt weiter Blätter auf dem Platz zusammen, Lella lacht. Alle anderen sind gegangen.

«Man muss aufhören zu beobachten, etwas nur tun zu wollen. Man muss es tun», sagt sie.

«Da gab es nichts zu tun. Es war ein einsamer alter Mann, der sich tröstete. Aber man kann etwas daraus lernen: ‹Danke Gott, dass ich dich nicht anrühren kann …›»

Ich betrachte die aufgedunsene Lella. Sie redet wie in alten Zeiten. Aber sie sammelt jetzt Nippes, nicht mehr die Fotos von Gagarin. Ein besiegter Boxer auch sie, genau wie ich und wie Nick, vom Herbstwind geschüttelt.

Die Stunde der Füchse

für Antonia

Auf dem Weg kommen mir alle diese Füchse entgegen, wenn ich meine Schicht in der Raststätte beende und allein nach Hause gehe. Es ist schon Nacht, eine kranke Helligkeit steigt von der Autobahn herauf, und von der Wiese hier in der Nähe tönt der Klang einer Glocke herüber: eine Ziege, eine verirrte Kuh, ein Engel, der sich im Septembernebel verlaufen hat, wer weiss. Dann tauchen auf der Schwelle zur Nacht die Füchse auf.

Begonnen habe ich meinen Dienst an einem schönen, azurblauen Nachmittag, einem Nachmittag mit dem Kastanienbaum vor dem Himmel, würde der Dichter sagen, den ich im Juni an der Matura behandelt habe: während die stachelige Schale auf die Wiese fiel und eine lachende Kastanie heraussprang, stand ich dort hinter der Theke. Wie ein Nachtfalter, ging es mir vor einigen Tagen durch den Kopf, ein Nachtfalter, der sinnlos um die Lampe flattert. So bewege ich mich hinter der Theke der Autobar und serviere Café crème und Cappuccini.

Der König der Autobahn ist der Café crème, hat Angelo gesagt. Und die Deutschen mögen Cappuccino so gern. Diese Deutschen mit dem Kassenbon in der Hand, die «Hallo» sagen oder mit der Faust auf den Tresen schlagen. Manchmal, wenn ganze Reisebusse kommen und man nicht mehr weiss, wo man anfangen soll, muss ich lachen.

Ich lache, um nicht zu weinen. Zum Glück ist Angelo da, der mir hilft. Er ist ein Proletarier und durchschaut die Lage immer sofort, er macht mir ein warmes Brötchen mit Nutella, und kürzlich, als wir am Abend von der Raststätte weggingen, hat er mir eine Traube gepflückt und mit den Worten überreicht, dass man von denen nehmen müsse, die haben, um denen zu geben, die nichts haben, er muss das Evangelium, das Kapital oder etwas Ähnliches gelesen haben, der Angelo. Ich habe mich gefühlt wie einer dieser Füchse, die um diese Stunde durch die Weinberge streichen.

Aber wir werden eine Revolution machen, ich und Angelo. Jetzt bleibe ich einen Monat hier, verdiene mir Geld, um nach Kuba zu fahren, und dort kaufe ich mir dann eine Baskenmütze mit dem Stern des Che und lerne Revolution machen, und wenn ich zurückkomme, werden wir den Aufstand der Tankwarte, der Verkäuferinnen, Putzfrauen und Kellner der Raststätte anführen. Die in den Schliessfächern der Banken versteckten Schmuckstücke werden wir beschlagnahmen, und auf der Autobar wird die Fahne des pueblo unido wehen.

Vor ein paar Tagen ist ein griechischer Lastwagenfahrer hereingekommen, der nur Griechisch sprach, er wollte ein Bier, aber wir verkaufen keinen Alkohol, also habe ich ihm ein alkoholfreies Bier gegeben, er war ein bisschen enttäuscht, und nur so, um ihn zu trösten, habe ich das einzige griechische Wort zu ihm gesagt, das ich kenne: ouzo. Der Grieche ist zu seinem Lastwagen gegangen, hat ein Fläschchen Ouzo geholt und es mir geschenkt, es gibt doch gute Menschen auf der Welt. Angelo dagegen sagt, dass alle böse sind.

Wenn er das sagt, wird er gute Gründe dafür haben. Er ist ein Grenzgänger, einer ohne Rechte, denn die Gewerkschaften halten zu den Unternehmern, sagt er. Hier in der Autobar, zum Beispiel, kommen die Bullen rein und trinken etwas, ohne zu bezahlen, essen ein Brötchen, ohne zu bezahlen, es besteht eine Abmachung zwischen dem Chef und den Polizisten, jedes Jahr lädt der Chef sie zum Abendessen ein, sie mögen sich. Auch die Männer, die auf der Autobahn arbeiten, die mit den orangefarbenen Anzügen, können hier umsonst essen, aber kürzlich ist ein Kroate hereingekommen und hat einen Kaffee getrunken, aber sein Brötchen wollte er bezahlen. Ich habe ihn darauf aufmerksam gemacht, dass ihm auch das Brötchen umsonst zusteht, wie den Polizisten: Aber er hat gesagt, die sind «was Besseres» als er. Auch des­halb werden ich und Angelo den Aufstand anführen.

Die Bullen im Dienst der Unternehmer. Manchmal tun sie mir allerdings auch Leid, wie der, der vor ein paar Tagen hereinkam, mit einem halb traurigen, halb gleichgültigen Gesicht und stark vorstehenden Augen. Ich habe mit ihm zu reden angefangen, und er gab mir sogar Recht und er tat mir ein bisschen Leid, auch sie haben mörderische Dienstzeiten. Dann hat er den Kaffeerahm-Deckel genommen und ihn sorgsam in seinem Portemonnaie verstaut, für seine Tochter, die so was sammelt.

Der Chef der Bar und der Tankstelle ist einer, der frühmorgens herkommt, einen Café crème trinkt und die Autos zählt, die auf der Autobahn vorbeifahren, er betet zum Herrgott, dass er ihm eine schöne Menge dröhnender Autos vorbeischickte. Die Autos sind sein Leben. Insgeheim jedoch ist er in Züge verliebt. Er hat eine tolle Spielzeugeisenbahn in seiner Villa «Mio sogno» oben auf dem Hügel, Miniaturlokomotiven, die einen Haufen Geld kosten, und wenn er nicht hier ist, um die Autos zu zählen, sitzt er ganz brav in seinem Wohnzimmer und schaut den Zügen zu, die am Bahnübergang halten, in die Tunnels einfahren, an den Weichen die Gleise wechseln und glücklich zwischen kleinen Seen und Bäumchen dahinfahren wie im Swissminiatur. Aber wenn ich aus Kuba zurückkomme, wird die Villa des Chefs in eine öffentliche Anlage mit Enten im Teich verwandelt, der Chef macht seine Schichten an der Tankstelle wie die anderen, und alle Kinder dürfen mit der Eisenbahn spielen, auch Angelos Tochter.

Keine Rechte. «Wenn du willst, ist es so, sonst kannst du ja gehen.» Und die Gewerkschaften schweigen, gehen mit dem Besitzer Eisenbahn spielen. Hier gibt es einen Haufen Arbeislose, die Angelos Stelle sofort nehmen würden. Aber er hat eine zehnjährige Tochter zu Hause, ein scheues Mädchen, die Mutter ist auf und davon, und er lebt jetzt allein mit dieser Tochter, die Silvana heisst, und in der Schule sagen sie Silvana, die Nutte, zu ihr, weil die Welt böse ist. Es gab zwar eine Nachbarin, eine Sechzigjährige, die kam und half Angelo und Silvana ein bisschen im Haushalt, aber jetzt hat sie einen Kerl gefunden, und plötzlich ist die Alte wieder jung geworden, hat angefangen sich zu schminken wie meine Mathelehrerin und lässt sich nicht mehr blicken. Silvanas Onkel ist gestorben, ihr Freund ist an einem Tumor gestorben, der Grossvater ist gestorben, die Grossmutter ist gestorben, sogar der Hund ist gestorben, Silvana ist allein geblieben und geht am Samstagabend mit ihrem Vater Angelo Walzer und Tango tanzen, um all diese Toten zu vergessen.

Er erzählt mir alles, der Angelo. Einmal ist er zum Chef gegangen, um zu fragen, ob er in der Zeit, in der auch seine Tochter Ferien hat, Urlaub nehmen kann, um ein bisschen mit ihr zusammen zu sein, aber der Chef hat zu ihm gesagt, wenn es ihm so passt, wie es ist, gut, sonst kann er ja gehen. Kurzum, die Unternehmerphilosophie. Aber auch die anderen im Dorf sind böse, sagt Angelo. Sie schauen ihn schief an, weil er getrennt lebt.

Wenn ich mit meinem Nachtfaltergeflatter um den Tresen fertig bin, kommen mir die Füchse entgegen hier auf dem Weg, der mich nach Hause führt: Da ist die Frau – die ehrbare Signora nennt Angelo sie –, die sich morgens im Motel mit ihrem Liebsten trifft; da ist die Kassiererin, die meiner Tante ähnlich sieht und nie lächelt, da ist diese gemeine Ziege, die sich als Chefin aufspielt und heute Mariangela zum Weinen gebracht hat, da ist der Typ im blauen Anzug, der einen Café crème bestellt und dann zu dir sagt, du sollst seinen draussen geparkten Mercedes anschauen, und dich fragt, ob du mit ihm abendessen gehst; da ist der schweigsame Taxifahrer, der am Spielautomaten sein Glück versucht, da ist die Putzfrau, die die Zimmer im Motel sauber macht und Gretel heisst. Gretel ist eine grosse, dicke Frau, die einen Haufen Unglück gehabt hat, aber sie erzählt es mit einem Akzent, der mich zum Lachen bringt. Erst hat sie mit dem Auto ihren Sohn angefahren, so eine Schnittwunde am Kopf. Dann ist sie beinahe in Flammen aufgegangen: sie stand mit der verdammten Alkoholflasche da neben dem Kamin, und plötzlich hat sie Feuer gefangen, Verbrennung dritten Grades, ihr Sohn nur zweiten Grades, zum Glück ist sie dick, und ihr Fettpolster am Bauch hat sie gerettet, sie hat mir die Katastrophe gezeigt, sie würde schon gern noch mit einem Mann gehen, aber sie schämt sich, so verbrannt, wie sie ist.

Dann gibt es noch die, die stehlen. Sie kommen rein, womöglich distinguierte Herren in Jacke und Krawatte, gehen an den Regalen mit den Waren entlang und lassen stangenweise Zigaretten im Regenmantel verschwinden. Und es gibt die, die dich beim Wechseln betrügen und dir falsche Schecks unterschieben, und dann musst du zahlen, die, die volltanken und dann abhauen, und einmal ist der Tankwart aus seiner Kabine gelaufen, um die Nummer des davonrasenden Autos zu sehen, aber in dem Augenblick ist einer zur Kasse gegangen und hat ihm sechstausend Franken geklaut: sobald du dich hier aus dem Käfig wegrührst, wird dir übel mitgespielt.

Wenn die Schicht zu Ende ist und ich dieses dunkle Strässchen entlanggehe, wo ich allein auch Angst habe und es mir immer so scheint, als wäre einer im Gebüsch versteckt und wartete auf mich, dann kommen mich die Füchse besuchen, die Nachtgedanken.

Einer sagt, man muss eine Revolution machen, um die Menschen zu verändern. Aber wie kann man das Böse auf der Erde zum Verschwinden bringen? Und die Narbe auf Gretels Bauch? Und die Tränen des kleinen Mädchens, zu dem die Schulkameraden Nutte sagen? Und die Deutschen, die Cappuccino bestellen nach dem «Hallo» und dich hinter dem Tresen anstarren, während du ihnen nicht ausweichen kannst, weil du dort eingesperrt bist wie in einem Schaufenster?

Da sind diese hungrigen Füchse, die mir entgegenkommen, wenn ich durch die dunklen Weinberge nach Hause gehe, ich höre eine vergessene Glocke auf der Wiese, und aus der Tiefe weht der gelbliche Atem der Autobahn herauf, alle Trauben haben die Farbe der Nacht, und auch ich bin ein Fuchs, pflücke eine Traube und nehme sie mit nach Hause: Denn man muss denen nehmen, die haben, um denen zu geben, die nichts haben.

Skorpionschritt

Heute Morgen dachte ich: der Herbst, die violetten Büschel des Tausendgüldenkrauts, die mir auf meinem Weg ins Büro entgegenkommen, die Wiesen, plötzlich konkreter, nicht mehr verloren im metaphysischen Gesumm des Sommers, in seiner Illusion von Ewigkeit. Die Grüntöne, aufmerksamer und ausgeprägter geworden: lauschend. Die Aster, die sich am Schuppen eines Gemüsegartens vorbeugt, die Glockenblumen auf den sonnenbeschienenen Tischchen der Bar, Apollinaires giftige Herbstzeitlose, «et souviens-toi que je tʼattends» … Und die vier Kühe, vergessen in der Grasmulde zu Füssen der «schlüsselfertigen» Häuschen, scheinen unsicher zu sein, was sie tun sollen, während ihre Glocken ein unmögliches Heimweh beschwören.

Die violette Atmosphäre am Morgen; «Besser vorübergehend hier sein als ständig dort», sagt Tobia, der mit seinem Herzschrittmacher in der Brust in Richtung Mendrisio wandert, auf demselben Feldweg wie ich. Er hat den breitbeinigen Gang dessen, der früher den Pflug auf den Feldern gelenkt hat, und wenn du ihn etwas länger ansiehst, fängt er an, dir von damals zu erzählen, als er aus der Bergamasker Gegend aufbrach …

Besser vorübergehend hier, gewiss. In diesem Licht einer reifenden Frucht. Aber irgendwo verbirgt sich ein staubfarbener Skorpion zwischen den Grashalmen. Das fühle ich. Er ist immer da, auch am schönsten Morgen, ein Gedanke, der seinen Widerhaken ausstreckt, ein Gewissensbiss, der hochkommt, ein Schatten, der unter den Steinen versteckt lauert wie jenes Tier, bereit, den Stachel zu zücken, wenn die Kraft der Sonne nachlässt und den Wirren der Nacht Platz macht.

Ich warte auf den Ölwechsel. Jedesmal, wenn ich in diese Werkstatt komme, sagt der Vendeur, dass meine Haltung schwachsinnig sei, das Auto müsse ich wechseln, denn der Kilometerzähler zeigt hunderttau­send an, und die Karosserie weist mehr als eine Delle auf. Er preist die Grossartigkeit des neuen Modells an, zahlt mir ein Glas Weissen mit Campari. Sein Chef beklagt sich, dass heute alle auf den Verkehr schimpfen:

«Es wächst doch noch Gras auf den Wiesen, nicht wahr? Nie so viel Grün gesehen wie um meine Werkstatt herum.»

Hier, in der Bar, in der ich die Zeitungen durchblättere, spricht ein Privatsender über Induno Olona, über Kinderwägen, Buggies, Bonbonnieren, elektrische Insekten-Killer, Ausverkauf an der Autobahn-Ausfahrt, während draussen das Ozon über der Ebene lastet, die Benzinpumpen arbeiten und unablässig die Lastwagen rollen.

Ein Mann im Unterhemd kommt herein. Er setzt sich an einen Tisch und kommentiert das Rennen vom Sonntag, die «Gazzetta dello Sport» vor sich aufgeschlagen.

«Siebenunddreissig Sekunden», murmelt er kopfschüttelnd und bezieht sich, glaube ich, auf die Verspätung eines bestimmten Boliden, «siebenunddreissig Sekunden …».

Im Hintergrund zeigt ein grossformatiges Plakat einen sezierten menschlichen Körper, dessen verschiedene Teile mit Pfeilen und astro-mikro-kosmo­logischen Erklärungen versehen sind. Von den Scheren des Skorpions geht ein drohender Pfeil aus, der in den Genitalien des aufgeschnittenen Mannes endet.

Den Trainingsanzug über der schlaffen Brust halb geöffnet, erschöpft und fast stolpernd, aber mit noch schwarzem Haarschopf über dem aufgedunsenen Gesicht, tritt nun ein weiterer Mann mittleren Alters herein und bestellt stockend einen Espresso mit Milch, vorbei die Zeiten der Gläschen vom Roten … Dieses Gesicht habe ich schon gesehen. Ein Gesicht wie auf ländlichen Festen, das nun gläsern geworden ist. An welcher Krankheit mag er leiden?

Hinten geht die Kellnerin mit bläulich flammenden Augen in ihren engen Jeans vorbei, wie ein berauschendes Gas. Derweil wünscht die Stimme aus Induno Olona immer noch allen einen schönen Tag, und ich phantasiere ein bisschen über dieses Mädchen vom See, sie ist nicht zur Kellnerin berufen, das sieht man, macht das Spiel mit dem Klaps auf den Hintern nicht mit, vielleicht hat sie ihr Studium abgebrochen und hegt eine Art Groll in diesen zu hellen Augen, sie weckt Schuldgefühle in mir, schaut, als suchte sie etwas in dieser an die Tankstelle angebauten Vorstadtbar, als wäre ich ihr eine Antwort schuldig; aber vielleicht ist sie glücklich in ihrem Dorf, auf meinem geistigen Bildschirm sehe ich sie unter den Bogengängen eines Seedorfs, eng umschlungen mit einem jungen Mann, einem Bäcker oder Dreher oder Arbeiter in einer Plastikfabrik …

Ich blicke sie an, als wollte ich sagen: «Deine Geschichte interessiert mich», aber dann wandern meine Augen zu dem Ficus, der neben Novella 2000 auf dem Bord vor dem Schaufenster aus braunen Kügelchen herauswächst. Ich betrachte die Blätter des immergrünen Baums, und mir scheint, dass auch die Kellnerin ein bisschen von ihrer Aufmerksamkeit diesen glänzenden Schwertern widmet, die keine schmutzigen Witze erzählen, keine nutzlosen Gesten machen, nicht enttäuschen, nicht betrügen, nicht vergessen: Sie sind da und wachsen jeden Tag ein wenig, nehmen direkt unter dem astro-mikro-kosmologischen Plakat das kranke Licht des Schaufensters auf und bauen nachts die Gifte ab, verdauen die Sätze, die von den Männern im Unterhemd auf den Barhockern im Lokal gesagt wurden. Sie reinigen die Luft.

Ich habe den Mann besucht, der den Frühling ankündigte: Schon im April lehnte er sich im T-Shirt aus dem Fenster, eine Zigarette zwischen den verstümmelten Fingern, und aus seinem Trichtergrammofon schwappten Wellen von Tango und Foxtrott in die Weite hinaus, die die Gasse überfluteten, während er, Aldo, mit leicht getrübtem Auge die Gemüsegärten gegenüber betrachtete.

Es war nicht ganz leicht, die richtige Türe zu finden. Im Erdgeschoss, neben seiner EHEMALIGEN WERKSTATT, wie ein am Eingang befestigtes Schild noch anzeigt, empfängt mich eine Pappfigur, so gross wie ich selbst, eine Art Minnie, gezeichnet von Walt Disney. Dann gehe ich hinauf, und vor mir erscheint eine grosse Frau in Farbe, die mir ihre Brüste entgegenstreckt: das ist die richtige Tür. Diese riesige nackte Frau stammt von der Eisenbahn, wo er viele Jahre lang gearbeitet hat: Die Waggons machen am internationalen Bahnhof von Chiasso zur Zollkontrolle Halt, und dann werden Stichproben entnommen zur Untersuchung: Zitrusfrüchte, Lacke, Girls, verschiedene Waren. Man bedient sich. Dort in Bern öffnen sie sowieso die vierte Schublade. Denn Helvetia ist eine freigebige Mutter, die einen grossen Schrank mit Schubladen hat: Die erste ist die Schublade für den Zoll, dann kommt die der Post, dann die der Telefongesellschaft, und die vierte ist die Eisenbahnschublade.

Aldo sitzt im Halbdunkel mitten im Zimmer hinter einem glänzenden Resopaltisch und sieht sich im Fernsehen eine Zirkussendung an. Seine Arme sind auch an Silvester unbedeckt. Ich stelle meine Flasche Rotwein ab, und stockend unterhalten wir uns ein bisschen. In den Pausen hört man die Stimme des Clowns im Fernsehen und die Knaller, die von draussen hereindringen, wo ein paar Jugendliche den letzten Tag des Jahres feiern. Im Käfig, der von der Decke hängt, hockt ein Kanarienvogel, aber er singt nie.

Mir fallen die Geschichten ein, die Aldo im Sommer erzählte, als er mit den Nachbarn auf der Steinbank sass. Geschichten von Wein und Unfällen: zwei Finger vom Strom verbrannt auf einem Hochspannungsmast an der Linie Zug–Cham, wo die Züge durchbrausen und einen Feuerschweif hinter sich lassen; die Geschichte des dritten Fingers, den er bei der Eisenbahn unter einem Kran verlor.

Aldo war ein jähzorniger Trinker. Eines Abends hat er mit seinem Flobertgewehr auf den Nachbarn geschossen, weil dieser nie die Eingangstüre zumachte und ihm kalt war in der Küche im Erdgeschoss: nur einer der grossen Streits unter Nachbarn, die sich hassen wegen eines überhängenden Zweigs, eines Autos, eines Müllsacks. Ein andermal hat er sich damit begnügt, auf einen Holzstoss zu zielen, um den Rausch auszutoben.

Er zeigt mir ein Foto, auf dem man ihn im Sattel eines Motorrads sieht, mit einem Freund auf dem Rücksitz: Er trägt eine Soldatenuniform und blickt voller Stolz ins Objektiv. Gut sieht er aus, strahlend. Mit diesem Motorrad hat Aldo in Balerno ein Schaufenster zertrümmert, ist in Castello in die Schächte der Kanalisation eingedrungen, ist am Rand der Brücke gelandet … Er stürzte sich betrunken in nächtliche Streifzüge, als suchte er das Massaker, die Verstümmelung.

Seine Geschichte reicht zurück in finstere Vergangenheit. Er stammt aus einer aristokratischen, später heruntergekommenen Familie – es gibt Leute, die sich noch an die Kutsche des Vaters erinnern. Aldo war wenige Monate verheiratet: er hegte den Verdacht, seine Frau bestehle ihn, und schickte sie nach kurzer Zeit in ihr Dorf zurück. So sitzt er nun in diesem Raum allein im Halbdunkel vor dem Fernseher.

Ich weiss, dass er eben erst aus dem Krankenhaus heimgekommen ist, und frage ihn, wie es geht, ohne Bein.

«Nachts spüre ich es», sagt er.

Bis ich es sehe, in der Ecke unter dem Fenster. Es lehnt da, als wäre es ein Spazierstock. Ich hatte mir eine gerade Holzprothese ohne Einzelheiten erwartet; aber es ist ein über dem Knie abgeschnittenes, anatomisch geformtes Bein, überzogen mit einem hautfarbenen Strumpf, einem Nylonstrumpf von der Sorte, wie sie die in den Schaufenstern der grossen Kaufhäuser ausgestellten Modepuppen an den Beinen tragen.

Ich stehe da und betrachte das künstliche Bein, während Aldo umschaltet und sich nun einen Dokumentarfilm über Schlangen anschaut, während das Glockenläuten zum Jahresende über die Gemüsegärten jenseits der Gasse hallt; und im Flimmern des Fern­sehers ist mir, als sähe ich in einem Winkel des Raums etwas davonkrabbeln und sich unter dem Schrank verstecken.

Begegnungen am Ende des Sommers

Am Nachmittag, wenn die Engel auf der Fassade der Pfarrkirche den Kopf aus den Wolken aus rissigem Putz hervorstrecken, gibt es Momente, in denen man nur Alte auf den Strassen sieht. Eine Taube flattert von der Traufe auf, streift den musizierenden Engel. Wenn die Totenglocke läutet, zögert der Fuss des alten Mannes, der gerade aus dem Portikus tritt, wem gilt wohl dieser Glockenschlag? Er ist einer, der mit niemandem spricht, allein mit seiner Zigarre, und er betrachtet den Asphalt, als suchte er das Licht, das er in seinem Dorf am See sah, bevor er es für diese Pfützen verliess. Auch die hinter dem Küchenvorhang stehende Frau hat das Läuten gehört.

Eine weisse Taube. Oder eine gewöhnliche Taube? Für den Strassenarbeiter ist es eine gewöhnliche Taube, eine piviún. Er und der Elektriker – ein vorzüglicher Schütze, der sein Gesicht immer zu einer Grimasse verzieht, als weinte er, und zu Hause auf der Truhe und in den Schubläden der Anrichte Medaillen, Diplome, Bänder und Pokale aufbewahrt, den ganzen Plunder, den er bei kantonalen und bundesweiten Wettschiessen gewonnen hat –, sie beide stiegen nachts auf den Kirchturm hinauf: Dort oben gibt es ein Treppchen, das direkt zu den Glocken führt, und da kann man die Tauben leicht packen, noch besser, wenn der Mond scheint, man spürt ihre laue Wärme in der Hand, dreht ihnen den Hals um und wirft sie auf das Pflaster des Kirchplatzes. Ihr letzter Flug. So leistet man der Gemeinde einen Dienst, denn die Tauben verschmutzen alles, das ist bekannt, habt ihr nie die Dreckkrusten auf den Dachrinnen gesehen?

Der Alte mit der Mütze dagegen betritt die funkelnde Bar und setzt sich unter den umgedrehten Lampenkranz mit dem Spotlight darin. Er trägt die Mütze eines Kapitäns zur See, ein Stück aus seiner Sammlung. Er hat eine Leidenschaft für Militärisches: Helme, Orden, Gasmasken, Bajonette, gekreuzte goldene Schwerter auf Achselklappen. Krieg und Wein in Korbflaschen. Er liebt Soldatenfriedhöfe. Kürzlich hat er einen schönen Helm verkauft an den Jungen mit Nieten und Eisenzeug an der Jacke, den man um die Bar herumlungern sieht, nachdem er sein Monster mit niedrigem Lenker geparkt hat.

«Weisst du noch, wie wir einmal mit Nazi-Helm auf dem Kopf zum Klassentreffen gegangen sind?» fragt der am Tisch sitzende Kapitän zur See seinen Nachbarn, der ihm beim Barbera Gesellschaft leistet.

Auch Battista, einer aus der Diaspora der Bergamasker Sägewerker, kam hierher, um auf den Abend zu warten. Er trug immer Hosen, die etwas zu kurz waren über den Schuhen, und schritt leichtfüssig wie ein Walzertänzer über das Trottoir. In der Bar erzähl­te er von damals, als er die Vogelfallen, mit denen er sich in seiner Kindheit vergnügte, beiseite geräumt und den Schnellzug in die Schweiz bestiegen hatte, eine Flanellhose, drei Hemden und drei Paar Unter­hosen im Bündel. Es war ein Sonntag im Juni, St.-Ludwigs-Tag. Im Gepäcknetz lag, mit dem Strick um­wickelt, die Sense, aber der Kontrolleur wollte ihn nicht weiterreisen lassen, denn der Krieg war kaum zu Ende, und er – er war noch nicht sechzehn, auch wenn ihm allmählich ein Schnurrbärtchen wuchs, und aufs Mähen verstand er sich wirklich gut, weil er das Handwerk schon als Kind erlernt hatte, mit einer kleinen Sense, die sein Vater für ihn gemacht hatte.

Jetzt ist Battista nicht mehr da, zum letzten Mal haben wir ihn mit wächsernem, schon abwesendem Gesicht den Kirchplatz überqueren sehen. Geblieben ist Fredo, immer die Zunge zwischen den Lippen wie eine Drohung oder eine schmerzliche Erinnerung oder ein Zeichen der Begierde beim Anblick der Frauenbeine, die an seiner Bank vorübergehen auf dem Weg in die Cooperativa–Comperativa sagte seine Mama. Sein Lieblingsthema ist das Bordell von Como: fünf Lire für acht Minuten, dann läutete die Klingel. Beim ersten Mal hat­te Fredo den Ausweis gefälscht, weil er noch nicht achtzehn war, und als er das Zimmer betrat, hat er eine Frau von hundertzwanzig Kilo vor sich gesehen, mit einem Geschlecht wie ein Hechtmaul, zum Hineinfallen.

Die Frau, die nicht altern will.

Sie zieht sich rot an, weil Rot die Schmerzen lindert, trägt hochhackige Schuhe und geht oft zum Friseur, um sich Dauerwellen machen zu lassen. Am Sonntagnachmittag erliegt sie der Verführung des Tanztees im «Delizie», auch wenn die Leute sagen: «Hinten Lyzeum, vorne Museum.» Begleitet wird sie von einer Freundin, einer mit auffallenden Haaren, die nie geheiratet hat und in zweieinhalb Zimmern über dem kleinen Lebensmittelladen wohnt, manchmal sehe ich ihr geschminktes Gesicht auf der Terrasse zwischen den Geranientöpfen schweben, mit Augen, die gern sündigen würden.

Vor dem Mietshaus hackt die Pförtnerin, die kürzlich ihren Mann verloren hat, im kleinen Beet. So lebt die Vergangenheit wieder auf in Form von Strandkiefer, Rhododendron, Stachelbeerstrauch. Man braucht nur zu giessen, zu hacken, das Unkraut zu jäten. Nachts behält die Pförtnerin ihre Pflanzen im Auge, denn eines Morgens hat sie, darin verfangen, einen Nylonstrumpf gefunden. In ihrem Zimmer im Erdgeschoss hört sie sie wachsen, wenn der Verkehr schweigt. Und in windigen Nächten, in ihrem Witwenbett ausgestreckt, hört sie sie miteinander sprechen. An einem Julimorgen hat sie anstelle ihrer windgezausten Bäumchen Stimmen gehört, die von den Grünanlagen vor dem Mietshaus kommen mussten. Worte, trocken wie abgebrochene Äste, und auch eine Frauenstimme, so schien ihr. Sie hat durch den Fens­terladen gespäht. «Sag mir, wer dich rübergebracht hat, sag mir, wer dir geholfen hat …», sagte der Polizist zu einem Schatten unter den Linden, vielleicht eine Türkin, eine Flüchtlingsfrau. Sie hat gelauscht, bis die erste Helligkeit die Turteltauben geweckt hat.

Vor dem Mietshaus erscheint um eine bestimmte Zeit die Frau aus San Fermo. Sie führt Selbstgespräche und bewegt ständig den Mund, als kaute sie. Sie wirkt wie ein schmächtiges Mädchen, hat aber das Gesicht einer Alten und die Augen eines Menschen, der viel Elend durchgemacht hat. Jeden Tag geht sie über die Grenze und kommt in die Svissera, um Fussböden zu putzen. Die Wachen kennt sie alle. Die italienischen Wachen nennt sie die mocassina. Sie trägt einen geschenkten Mantel und hat nie heiraten wollen, obwohl sich ihr mehrere Gelegenheiten boten: Einmal hat sich sogar ein distinguierter Herr um sie bemüht, ein Helvetier mit Bankkonto. Das «a» von Bank spricht sie mit verkniffenem Mund aus, ein unzufriedenes «a», das gern ein «o» wäre.

Die Frau, die beschlossen hat, nicht zu altern, schaut vom Fenster aus der Pförtnerin beim Hacken zu, schaut der Frau aus San Fermo zu, die mit einem kartoffelschalenfarbenen Gesicht hierhin und dorthin hüpft und in einem Winkel einen grossen Karton mit Lumpen aufbewahrt, aus dem man manchmal noch etwas Nützliches herausfischen kann. Dann lässt sie den Vorhang sinken und macht sich zum Ausgehen fertig. Sie zieht die hochhackigen Schuhe an. Das Gesicht ist mit einer Schicht Make-up bedeckt. Sie erinnert sich an die Zeit, als sie noch jünger war – denn man kann nicht sagen, dass sie jetzt alt wäre – und den Tessiner Barbier kennen lernte, der ihr Mann werden sollte. Damals arbeitete sie als Verkäuferin in einem Stoffgeschäft in der Zentralschweiz, es gefiel ihr, alle Stoffe ordentlich in den Regalen gestapelt zu sehen und das gelbe Plastikmassband um den Hals zu tragen. Der Barbier begehrte sie, an der Schwelle jenes Ladens am Fuss der Berge. Er bewunderte sie in ihren eng anliegenden Kostümen. Bis er dann eines Tages seinen Mut zusammengenommen und ihr eine Puderdose mit Quaste geschenkt hatte.

Am Sonntagnachmittag geht sie mit ihrer Freundin mit den tizianroten Haaren ins Delizie, so bleibt sie jung. Es gab noch eine dritte Frau, die an Festtagen mit ihnen zum Tanztee ging, doch nun hat sie das Gesicht voller Narben: Eines Tages, als sie beim Heimkommen die Tür öffnete, ist das Gas explodiert. Sie ist schlagartig gealtert.

Der Mann, der seiner Tochter die Hand gibt.

«Machen wir grosse Springer beim Runtergehen?», fragt das Kind. Soll heissen: grosse Sprünge.

Sie kommen zu ihrem Haus, einer verlassenen Scheune mitten in den Weinbergen und Kastanienbäumen neben dem Weg, der zum Monte Generoso führt. Das Kind hat dem Papa mit ein bisschen Spucke die Haare gewaschen. Dann haben sie sich auf Chinesisch unterhalten, und das Kind hat eine kleine Bergnelke gepflückt, die chinesisch spricht.

«Da, diesen Moment habe ich schon gesehen. Du, wie du mich so anschaust», sagt das Kind.

«Wie meinst du das, hast du schon gesehen?»

«Ich weiss nicht, es sind Momente, die sich wiederholen.»

Das Kind hat ein weisses Schneckenhaus, eine Handvoll Brombeeren und die roten Früchte der Kornellkirsche gesammelt, Beeren, die Ende August reifen. Sie hat den Hühnern die noch grünen Trauben des Weinstocks hingeworfen. Jetzt versucht sie, auf einem Grashalm zu blasen, den sie zwischen die beiden Daumen gespannt an ihre Lippen hält.

Auch am letzten Sonntag, als ihr Vater sie an einem Tisch im Wirtshaus hinter der grünen Gazosaflasche betrachtete, hatte sie unter ihrem Chicco-dʼOro-Hütchen gelacht. Dann war sie nachdenklich geworden, hatte gesagt:

«Da, jetzt. Wir sind schon einmal so dagesessen. Die Dinge wiederholen sich.»

Der Vater legt sich neben der Scheune ins Gras und betrachtet die Halme, die sich am Spätnachmittag näher herunterbeugen. Er erinnert sich an einen Spaziergang, den er vor vielen Jahren auf diesem Weg gemacht hat. Er war mit Silvana und Renzo beim Beerensammeln. Die gleichen Beeren, die seine Tochter jetzt verwendet, um Halsketten zu machen.

«Was mag aus Silvana geworden sein?», denkt der Vater, im Gras ausgestreckt. Er war mit ihr in den alten, stillgelegten kleinen Bahnhof am Rand der Felder gegangen wie in einem amerikanischen Film; sie aber wollte lieber Beeren pflücken.

Und Renzo? Eine Medaille, mit grau gewordenem Gesicht und leicht verwegener Baskenmütze. Er sieht ihn weit weg und klein, im Spiegel der Bar, wo er ihm das letzte Mal begegnet war: da ist sein Bild, hinter den Aperitif-Flaschen, mit einem beschlagenen Lächeln. Er sieht das Haus im Dorf wieder, wo Renzo sich in Gesellschaft einer Ziehharmonika niedergelassen und wo er ihm die Geschichte des Sakristans aus dem letzen Dorf oben im Tal erzählt hatte, einem, der Die Verlobten seitenweise auswendig konnte: er war fasziniert von Einzelgängern, der Renzo. Einmal hatte er ihm seine Aufzeichnungen gezeigt. Ein Satz fällt ihm ein: «Die Natur ist keine gute Mutter.» Wo hatte Renzo es hergenommen, dieses Zitat? Aus einem Kalender? Aus einem Buch? Oder stammte der Satz von ihm selbst? Dieser Junge verstand von allem ein bisschen was und lehnte Spezialisierung ab. Aber um zu leben, muss man sich spezialisieren. Das ist es, Renzo konnte mit seinem Leben nichts anfangen. Bei der Beerdigung hatte der Pfarrer gesagt, dass ihn die schlechte Gesellschaft ruiniert habe. Eine dumme Pfaffenpredigt. Warum hatte Renzo sich bloss umgebracht? Und warum hatten er und Silvana sich nicht geliebt?

«Hilfe», schreit das Kind von ihrem Haus aus. Wie schön wäre es, diese Scheune mit dem Rosmarin davor zu besitzen und jeden Tag mit dem Vater auf diese Wiese zu kommen, um auf Grashalmen zu blasen!

Jetzt hat sich das Kind die Beeren um den Hals gelegt, eine Kette, die stärker leuchtet im letzen Sonnenlicht.

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130 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783038550488
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Bookwire
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