Czytaj książkę: «Von A bis Z»

Czcionka:

Ägidius Zsifkovics

Von A bis Z

Gott begegnen

in der Welt von heute

Herausgegeben von Dominik Orieschnig

mit Bildern von Heinz Ebner

Tyrolia-Verlag • Innsbruck-Wien

Mitglied der Verlagsgruppe „engagement“

© 2015 Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck

Umschlaggestaltung: Dominik Orieschnig

Layout und digitale Gestaltung: Tyrolia-Verlag, Innsbruck

ISBN 978-3-7022-3474-4 (gedrucktes Buch)

ISBN 978-3-7022-3475-1 (E-Book)

E-Mail: buchverlag@tyrolia.at Internet: www.tyrolia-verlag.at

Inhaltsverzeichnis

Vorwort des Herausgebers

O my God, take this alphabet,

and put it together how you will.

(William S. Walsh, Handy-Book

of Literary Curiosities, 1892)

Die christliche Verkündigung ist in die Jahre gekommen. Nachdem das Christentum mit seiner zivilisatorischen Kraft jahrhundertelang die Sphären des Denkens und Fühlens in Europa versorgt hat, empfindet der Durchschnittskatholik heute viele kirchliche Erscheinungsformen als weltfremd und kann mit dem Glaubensvokabular aus dem Sprachmuseum nichts mehr anfangen. Das Alphabet des christlichen Glaubens, das in Stein gehauen an und in den großen Kathedralen jährlich von Millionen Touristen fotografiert wird, wird von den meisten Menschen nicht mehr verstanden. Es wird nicht mehr als lebendiger Teil ihres Lebens gefühlt, ist verschüttet von kulturellem Vergessen und überlagert von Schichten aus Halbwissen und Vorurteil, die nicht so problemlos mit Sandstrahldüsen zu entfernen sind wie die Ablagerungen an der Fassade des Wiener Stephansdomes.

Und trotzdem: Der Mensch mit seinen Wünschen, Sehnsüchten und Begierden, seinen Problemen, Beschwerden und Leiden ist immer noch der Gleiche wie vor 2000 Jahren. Es ist noch immer der Mensch, dem sich der Gott der Christen zuwenden will, denn das Zentralereignis des christlichen Glaubens besteht genau darin, dass der unendlich ferne Gott die Nähe zum Menschen sucht und sich verständlich macht. Er wird im Weihnachtsereignis selbst Mensch und spricht als Jesus von Nazareth in lebendiger Sprache, in Bildern von Schafen und Weinbergen, zu seinen Artgenossen. Die Institution Kirche, die sich als das Andenken Gottes in der Welt versteht, läuft Gefahr, diese Mutter aller Metamorphosen zu verraten, wenn sie ihre Botschaft in blutleeren Worten zu einem zwar faszinierenden, die Menschen aber kalt lassenden Theoriengebäude werden lässt.

Das Titelbild des vorliegenden Buches zeigt den Eisenstädter Bischof Ägidius Zsifkovics an den Kolonnaden des Petersplatzes in Rom – vor dem mobilen Getränkeladen eines immigrierten Straßenhändlers. Von hier aus fällt der Blick des Porträtierten auf die gigantische Kuppel über den Gräbern der Apostelfürsten Petrus und Paulus – die Spiegelung in der Brille des Bischofs verrät es. Was im November 2014 als Schnappschuss am geografischen Übergang des Kirchenstaates zum Staat Italien entstand, erweist sich retrospektiv als Positionsbeschreibung nicht nur einer Person, sondern auch einer in Bewegung befindlichen Kirche. Inmitten einer im Umbruch begriffenen Welt der Krisen, Kriege und Konflikte ist dieser Übergang der herausfordernde Ort einer Institution und ihrer Vertreter, die immer mehr zu fühlen beginnen, dass es heute nicht mehr darum geht, in einem herkömmlichen Sinn „Heiden“ zum Christentum zu bekehren. Es geht vielmehr darum, Christen wie Nichtchristen vom Götzendienst wegzubringen. Die Götzen der Gegenwart sind die Gier nach Geld, Macht, Erfolg, Prestige, Genuss, Lust, nach Business und Konsum. Es werden Götter angebetet, die nicht befreien, falsche Götter, vor denen Christus warnte und die in einer globalisierten Welt zur Bedrohung aller Menschen und des Planeten Erde werden. Die Frage ist nicht, ob Gott tot ist, sondern ob der Mensch tot ist in seiner auf einen „Konsumenten“ reduzierten Rolle.

Doch wo, frei nach Hölderlin, das Bedrohliche wächst, wächst auch das Rettende: Unter dem Druck der Weltereignisse erhält die Katholische Kirche nun die Chance, sich kulturell zu entschlacken und den Kern ihrer Botschaft in den Mittelpunkt zu rücken, das Wort Christi von der Liebe, Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit. „Neuevangelisierung“ nennt sich das Programm, mit dem die Kirche sich dem Ernst der Lage in den traditionellen christlichen Ländern, den industriellen Brutstätten der neuen Götzen, stellen will. Inhaltlich initiiert von Papst Johannes Paul II. und wirksam nach außen getragen vom charismatischen Papst Franziskus soll die Gesellschaft das Evangelium der Urkirche neu für sich entdecken.

„Das Evangelium ist keine Sitzordnung, sondern Wegweisung! Es muss im wechselnden Alphabet sich stets verändernder kultureller Kontexte stets neu buchstabiert werden“ – das ist einer der am öftesten zitierten Sätze von Ägidius Zsifkovics. Offenheit der Menschen für die Transzendenz könne in seinen Augen nur erwartet werden, wenn die Kirche zur Unbefangenheit gegenüber allen Zonen des Menschlichen fähig ist und dies auch in ihrer Sprache zeigt. Diese Unbefangenheit ist eine hohe menschliche Kunst: Sie hat nichts Verurteilendes, blendet keine Bereiche menschlicher Lebenswirklichkeit aus. Gleichzeitig schafft sie es, diese Bereiche nicht uneingeschränkt zu bejahen und dem prophetischen Widerspruch des Christentums treu zu bleiben. Der Anspruch des Evangeliums an den Menschen ist zu allen Zeiten die Umkehr, nicht der Beifall der Massen.

Dementsprechend ist die Sprache des Bischofs in einer Welt der vielen Lebenswirklichkeiten situationsadäquat und bildhaft. Sie kennt den guten alten jesuitischen Predigtstil – „drei prägnante Punkte sind immer gut, das merken sich die Leute!“ (Zsifkovics) –, setzt auf den erbaulichen Ton christlicher Lebenshilfe und kennt die einfache Sprache des Volkes ebenso wie das akademisch-professorale Idiom und die nüchtern-kritische Analyse gesellschaftlicher wie kirchlicher Zustände. Und sie scheut sich nicht vor zeitgemäßen „Gleichnissen“, von James Bond über Sushi und Fußball bis zu Dating-Plattform und Update.

Sie entspricht einem Bischof, der den unkompliziert-niederschwelligen Umgang mit den Menschen liebt, der auf Pfarrvisitationen mit den Leuten Karten spielt und der die besten Witze über den katholischen Klerus zu erzählen weiß. Dabei trägt Ägidius Zsifkovics das Heilige nie demonstrativ vor sich her, hat es aber stets griffbereit in der Jackentasche, um es bei Bedarf den Menschen anzubieten. Unaufdringlich, unmissionarisch – wie in seiner Buchstabierung des Alphabets in diesem Buch.

Indem es das christliche A bis Z auf der Horizontlinie zeitgemäßer Begrifflichkeiten durchbuchstabiert, will es einen Beitrag leisten zur Verständigung zwischen Kirche und Welt, zum gigantischen Übersetzungsprojekt „Welt-Kirche“ bzw. „Kirche-Welt“. Es will beitragen zur immer wieder notwendigen Erneuerung der Kirche aus sich selbst – zu einer möglichst ungetrübten, unverzerrten Spiegelung der Apostel und des Urchristentums im Auge und im Weltzugang heutiger Menschen – und dabei den überzeitlichen Grundgedanken des Christentums aktualisieren, dass es göttliche Präsenz in der Welt gibt.

Um Glauben, Hoffnung und Liebe in unserer Zeit lebendig zu erhalten, hilft nicht zuletzt die Begegnung mit Kunstwerken. Die Bilder in diesem Buch entstammen dem Zyklus „Wandlung“, den der Künstler Heinz Ebner 2014 als Digitalprojektion für die Pfarre Hernals-Kalvarienbergkirche in Wien geschaffen hat. In den Farben des Regenbogens, der wie das Alphabet ein Synonym für die Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit ist, verwebt der Künstler, der mit Bischof Zsifkovics seit gemeinsamen Jugendtagen in Güssing verbunden ist, weltliche und religiöse Bildelemente und lässt – ganz der Intention der Texte folgend – die Präsenz des Göttlichen in der Welt erahnen.

Dominik Orieschnig, im Sommer 2015

A wie ANGST

Oder: Es gibt einen, der dich hört – auch wenn du noch gar nicht um Hilfe schreist.

Versteckt hinter glänzenden Fassaden von Erfolg und Wohlstand ist Angst ein bestimmender Faktor der Lebensgestaltung in der modernen Gesellschaft, für den Versicherungswirtschaft und Psychopharmakologie ein reichhaltiges Angebot bereithalten. Eine Pastoralreise des Bischofs von Eisenstadt zu den Auslandsburgenländern in Kanada veranlasste Ägidius Zsifkovics zu einer Meditation über dieses zentrale menschliche Thema.

Viele Menschen haben Angst. Angst vor Schmerz, Verletzung und Krankheit; Angst vor dem Altwerden und dem Tod; Angst vor Verlust, vor Enttäuschung und Zurückweisung, Angst, nicht dazuzugehören, aber auch Angst vor der großen Liebe, die einen verletzlich machen könnte. Wir haben Angst, dass uns das Geld ausgehen könnte, dass wir unseren Beruf und unsere Ehre verlieren könnten und dass unsere Freunde, wenn es uns so richtig schlecht geht, sich verabschieden könnten. Angst ist eine Farbe unseres Lebens. Schlimmer als der Schmerz ist die Angst davor – das gilt für eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt ebenso wie für die Wechselfälle des Lebens, vor denen die diversen Lebens-, Unfall- und Rechtsschutzversicherungen uns schützen wollen und daher auf unsere wohlwollenden Beitragszahlungen vertrauen dürfen. Doch seien wir ehrlich: „Leben ist immer lebensgefährlich“ (Erich Kästner).

Die große Aufgabe, der sich der Mensch angesichts dieses weitverbreiteten Gefühls stellen muss, ist nicht, sich in Scheinsicherheiten zu flüchten, sondern zu lernen, die grundlegende Unsicherheit seiner Existenz ohne Panik zu ertragen. Menschen, die von einer christlichen Grundhaltung des Glaubens und der Zuversicht getragen sind – und das sind beileibe nicht alle, die einen Taufschein besitzen! –, können zu furchtlosen Menschen werden, die in sich ruhen und das Leben lieben. Solche Menschen haben nicht den weitverbreiteten Mangel an Selbst, der in unserer Gesellschaft so viel Angst erzeugt. Es sind selbstbewusste Menschen, die sogar die Angst, zum Außenseiter zu werden, nicht kennen – eine Angst, die in einer Gesellschaft, die von herrschenden Meinungen und vorgegebenen Trends geprägt ist, bei vielen noch größer ist als die Angst vor dem Tode.

Als ich im Jahr 2013 als Bischof meine burgenländischen Landsleute in den USA und in Kanada besuchte, stießen wir auf einem Parkplatz in Niagara, kurz vor den großen Fällen, auf einen „Inukshuk“ – eine jener überdimensionalen steinernen Figuren der kanadischen Indianer. Solche Figuren, deren Name übersetzt soviel wie „Jener, der einem Menschen gleicht“ bedeutet, erfüllten für die als Nomaden lebenden Inuit lebenswichtige Aufgaben. Diese „Inukshuiit“ (so der Plural) wurden aus herumliegenden, grob behauenen Steinblöcken zusammengesetzt und kennzeichneten für die indianischen Jäger und Sammler besondere Stellen: Orte, an denen ein Inuit etwa seine Waffen zurückgelassen hatte; Verstecke von Lebensmitteln für Frau und Kinder, die dem jagenden Familienoberhaupt in sicherem Abstand folgten; oder auch eine Warnung für andere Stammesmitglieder vor drohender Gefahr. Entlang der Küste markierten die steinernen Giganten oft einen vom Meer her nur schwer zu erkennenden Anlegeplatz für die Kajaks. Oft aber zeigten die Inukshuiit einfach nur die richtige Richtung an. Blickte man durch ihre steinernen Beine hindurch, ergab sich die Blickachse, in deren Verlängerung sich selbst bei Schnee und Nebel die nächste riesige Figur zeigte und so den Weg durch die Einöde wies. Noch heute markieren hunderte solcher Figuren in der kanadischen Wildnis Rucksacktouristen den Weg. Wer ihrer Route folgt, verirrt sich nicht. Der Inukshuk sagt dem Wanderer also „Jemand war schon hier“ oder „Du bist auf dem richtigen Weg“.

Das Faszinosum dieser teils aus vorchristlicher Zeit stammenden Figuren erschließt sich auch dem christlichen Welt- und Menschenbild. Nur das Christentum kennt einen Gott, der nicht in entfernten Sphären bleibt, sondern der sich auf den Weg in die Elementarwelt gemacht hat, nicht nur um den Menschen zu suchen, sondern auch um bei ihm zu sein, den Weg mit ihm zu gehen. Alle Wege, die der Mensch geht oder jemals gehen kann, hat er, der menschgewordene Gott, Jesus Christus, schon durchschritten. Er ist den Menschen – als „jener, der einem Menschen gleicht“ – bereits vorausgegangen, selbst durch die Wirrnisse und Schrecken des Lebens. Niemals sind wir alleine, weder in schönen noch in dunklen Tagen unserer Existenz. Er ist immer schon überall da gewesen, wo der Mensch hinkommt oder hinkommen könnte, um alle Wege zu sich zu führen, damit am Ende alles gut wird. Und dieser menschgewordene Gott ruft uns zu, keine Angst zu haben. Wohl niemand hat dies radikaler auf den Punkt gebracht als der heilige Papst Johannes Paul II. in einer Ansprache im Jahr 1978, am Beginn seines Pontifikats:

„Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus! Öffnet die Grenzen der Staaten, die wirtschaftlichen und politischen Systeme, die weiten Bereiche der Kultur, der Zivilisation und des Fortschritts seiner rettenden Macht! Habt keine Angst! Christus weiß, was im Innern des Menschen ist. Er allein weiß es!“

Wer den Mut hat, sich diesem „Inukshuk“ anzuvertrauen, wer der Blickachse des menschgewordenen Gottes folgt, verirrt sich nicht. Er ist und bleibt auf dem richtigen Weg. Einem Weg, der zum Ziel führt.

A wie ANTI-AGING

Oder: Was macht ein König in der Midlife-Crisis?

Anti-Aging, Botox und Chemisches Peeling sind das ABC, aus dem die postmodernen Heilserwartungen derer buchstabiert sind, die sich’s leisten können. Sie sind die Signatur einer Gesellschaft, die ihre Kinder zu kleinen Erwachsenen stilisiert und Erwachsene als dauervitale Berufsjugendliche zeigt. Von diesem Phänomen ausgehend lenkt Ägidius Zsifkovics den Blick auf die Heiligen Drei Könige als Sinnbild der Vergänglichkeit des Menschen und seiner Suche nach dem Sinn.

Man muss nicht unbedingt die Kirche als moralische Instanz bemühen, um die Verirrungen des modernen Menschen zu benennen. Selbst die Popkultur übt Kritik am grassierenden Jugendwahn. Beispiel einer solchen Kritik, wie sie die biblischen Propheten nicht schärfer hätten formulieren können, ist der Song „Warum sind wir hier?“ der Popgruppe Ganz Schön Feist. Die jungen Musiker stellen darin folgende Fragen:

„Sind wir hier, um in einer Wohnung zu wohnen,

Die Schuhe auszuziehn‘ und den Teppich zu schonen?

Sind wir hier, um zum Erhalt der Menschheit beizutragen,

Kinder zu zeugen und sie dann zu schlagen?

Sind wir hier, um mit Sägespänen Tiere auszustopfen,

Tiere mit ´nem Hammer an die Wand zu klopfen?

Sind wir hier, um uns Fett in die Lippen zu spritzen,

Das Fett aus dem Arsch, auf dem wir sitzen?

Warum sind wir hier? Warum sind wir hier?“

Die titelgebende Frage – „Warum sind wir hier?“ – wird in diesem Song ganze 24 Mal wiederholt. Sie wird zwischendurch sogar als „Mutter aller Fragen“ bezeichnet, und sie ist es wirklich. Dass sie mit gesellschaftlichen Praktiken des Präparierens und Konservierens – von Tieren wie von Menschen – in Verbindung gebracht wird, ist ebenso wenig ein Zufall wie ihr Konnex zum untätigen „Auf dem Arsch“-Sitzen. Denn wo die menschliche Sinnfrage nicht ausreichend beantwortet wird, beginnt der Mensch und mit ihm die ganze Gesellschaft krank zu werden und auch in seinem Vermögen zu gesunder, weltverbessernder Aktion zu stagnieren.

Warum also sind wir hier?

Die Kirche feiert am 6. Januar, dem Dreikönigsfest, das Fest der Erscheinung (Epiphanie) des Herrn. Christus, der als Sohn Gottes das Menschsein angenommen hat, offenbart im Evangelium an drei Stellen seine Herrlichkeit: Einmal in der Huldigung der Weisen vor dem Kind in der Krippe, dann in der Stimme des Vaters bei der Taufe Christi im Jordan und zuletzt durch das Weinwunder auf der Hochzeit zu Kana. In der Kunstgeschichte wird aber gerade die Huldigung der Weisen bzw. Könige auf oft sehr interessante Weise dargestellt. Auf spätmittelalterlichen Tafelgemälden fällt auf, dass die drei Weisen in drei unterschiedlichen Lebensaltern gezeigt werden.

Dabei ist der junge König am weitesten von der Krippe entfernt platziert; meist exotisch-prachtvoll gekleidet, ist er in der Krippenszenerie noch mit den Reittieren beschäftigt. Er ist anpackend dargestellt, widmet sich den praktischen Dingen des Lebens, lebt ganz für das Tun. Das ist der junge, wilde und ungestüme Macher-König.

Der König in der Lebensmitte dagegen wirkt in den Darstellungen oft nachdenklicher, mehr in sich gekehrt; er schaut nach dem Sinn aus, wirkt um Orientierung und Ziel bemüht. Das ist der König in der Midlife-Crisis.

Der alte König hingegen kniet vor dem Kind in der Krippe; die Krone als Zeichen seiner irdischen Güter und Prioritäten hat er abgelegt und die Goldschatulle geöffnet. Er betet an, lässt sich selbst los und hat dadurch alles gefunden. Das ist der weise König. Und er ist auch ein „weißer“ König. Sein weißes, schütteres Haar ist Zeichen eines durchlebten Reifeprozesses, der nicht versteckt zu werden braucht. Der Faktor Zeit ist wesentlich und kostbar in seiner Biografie. Und so illustriert die nachlassende Pigmentierung seines Haares auch einen Prozess nachlassender Illusionen und gewonnener Einsichten. Haarfärbepräparate, Implantate oder operativ gestraffte Tränensäcke machen beim weisen König einfach keinen Sinn.

Dieses Krippen-Bild will verdeutlichen, dass das Leben des Menschen eine Hinreise zu Gott ist. Das ist die entscheidende Bewegung unseres Lebens. Im Grunde geht jeder Mensch, bewusst oder unbewusst, diesen Weg der Gottsuche in seinem Leben nach. Die Tiefenpsychologie und die Lebenserfahrung älterer Menschen bestätigen das.

In jungen Jahren gleichen wir dem jungen König in der Darstellung: Wir sind noch weit weg von dem Kind in der Krippe. Zu stark sind wir von unseren Lebensumständen und Lebenserwartungen geprägt. Geld, Karriere, Status und Prestige, teure Unterhaltungselektronik, exotische Reisen, gute Kleidung und schöne Autos – die Reittiere unserer Zeit! – erscheinen uns als erstrebenswerte und glückverheißende Güter im Leben. Gott als Stern und Wegweiser haben wir in dieser Lebensphase meist nicht im Auge, ja er berührt uns kaum.

Später gleichen wir dem König in der Lebensmitte: Nach oft turbulenten Jahren der Jugend, Ausbildung, Berufswahl, Familiengründung und des Hausbaues schleicht sich Unbehagen ein. Wir beginnen zu bemerken, dass all das, wofür wir hart gearbeitet haben, doch nicht ganz ausreicht für ein glückliches und erfülltes Leben. Bei vielen läutet jetzt der Midlife-Crisis-Alarm. Wir beginnen zu fragen, zu hinter-fragen, und suchen nach einem Stern, der Orientierung und Sinn im Leben gibt und uns an ein Ziel führt. Ein Prozess, der typisch ist für Menschen in den mittleren Lebensjahren.

Zuletzt gleichen wir dem alten König, der vor dem Kind in der Krippe kniet – das Leben hat ihn offener, großzügiger, bereiter gemacht, etwas von sich zu geben und anderen zu helfen. Im Kind in der Krippe betet er den Ursprung und das Ziel menschlichen Daseins an. Er hat endgültig gefunden. Diese Erfahrung ist stärker als jeder Altersgeiz und lässt den weisen König die Hände öffnen, weil er weiß, dass man mit vollen Händen nicht beten kann.

Der Volksmund sagt auf unübertrefflich kluge Weise: „Junge Sünder, alte Beter!“ und zeichnet damit dieses Bild der drei Könige vor der Krippe. Der Volksmund kennt aber auch die umgekehrte Variante: „Junge Beter, alte Sünder!“ Und er warnt damit vor jungen Fanatikern, deren Glaube und Gottesbeziehung nicht die gesunde Frucht eines Reifeprozesses sind, sondern Spiegelbild eines übersteigerten geistlichen Ehrgeizes sein können. Einem solchen Ehrgeiz fehlt oft die wahre geistliche Substanz. Junge „Himmelsstürmer“, die davon betroffen sind, entwickeln gegenüber ihren Mitmenschen eine herablassende, unbarmherzige Haltung, die sie mit zunehmenden Jahren zu „alten Sündern“ werden lässt. Und wenn sich erst die eigenen jahrzehntelang ausgeblendeten Defizite und Begierden solcher Menschen zu Wort melden, ist der Absturz in die Unerlöstheit keine Seltenheit.

Im Weg der Weisen, der drei Könige aus dem Osten, ist der natürliche Weg der Gottsuche eines jeden Menschen vorgezeichnet. Es ist auch unser Weg. Dieser Weg der Hingabe braucht Zeit, kennt Um- und Irrwege, hat aber ein sicheres Ziel. In ihm kommt unser Herz zur Ruhe.


A wie AUFERSTEHUNG

Oder: Es kommt weder auf die Stärke der Dioptrien noch auf die Körpergröße an.

Mit den modernsten optischen Geräten ist der Mensch imstande, in die schwindelerregenden Weiten des Mikro- und des Makrokosmos zu blicken. Doch weder Elektronenmikroskop noch Hubble-Teleskop ermöglichen ihm eine sinnstiftende Zusammenschau der Dinge jenseits wissenschaftlicher Einzelerkenntnis. Mit dem Verweis auf den „kleinen Mann“ Zachäus und die spielenden Kinder französischer Dörfer erinnert der Bischof mit der starken Brille die Teilnehmer einer Krankenwallfahrt nach Lourdes daran, dass das Gefühl und die Perspektive der Christen viel feinfühliger sein können als der Verstand scharfsinnig sein kann. Nur mit den Augen des Herzens sieht man gut. Und nur, wer gut sieht, bewegt sich auf sicherem, angstfreiem Pfad.

Ein kleiner Mann auf einem Baum: Zachäus, der Zöllner, von dem uns die Bibel erzählt. Der Tag, an dem er Jesus begegnet, verändert sein ganzes Leben, lässt ihn im wahrsten Sinne des Wortes neu geboren werden – als neuer Mensch feiert er einen neuen Geburtstag. Dazu erzählt uns der Evangelist Lukas, dass Zachäus, der von kleiner Gestalt war, zwei äußere Bewegungen vollzogen hat, die entscheidend für dieses neue innere Leben waren und die auch uns nach 2000 Jahren zeigen, worauf es bei der Nachfolge Jesu ankommt.

Der erste Schritt: Hinaufsteigen, um besser sehen zu können. Zachäus löst sich aus der Alltagsperspektive, wo er als kleiner Mann mit einem verpönten Beruf seelisch unterzugehen droht, und wechselt hinauf in eine neue Perspektive. Er sehnt sich nach einem neuen Blickwinkel, er will diesen Jesus sehen, von dem alle reden, und er findet ihn schließlich auch.

Der zweite Schritt: Heruntersteigen, um gemeinsam mit Jesus gehen zu können. Erst indem Zachäus nicht in der Beobachtung und im sicheren Abstand von der Welt verweilt, sondern wieder vom Baum heruntersteigt, kann er sich gemeinsam mit Jesus auf den Weg durchs Leben machen. Üben auch wir in unserem Leben diese beiden Schritte ein! Suchen wir Orte, die es uns erlauben, ungestört auf Jesus zu schauen, und lassen wir uns immer wieder auf den Weg in die Gemeinschaft ein! Suchen wir die Kontemplation, aber pflegen wir stets auch die konkrete Aktion!

In einigen französischen Dörfern wird bis heute folgender Osterbrauch gepflegt: Wenn am Ostersonntag in der Früh zum ersten Mal die Kirchenglocken läuten, laufen Kinder und Erwachsene schnell zum Brunnen in der Mitte des Dorfes. Dort waschen sie sich mit dem kühlen, klaren Brunnenwasser die Augen aus. Sie wollen „Osteraugen“ bekommen: Osteraugen, aus denen alle misstrauischen, alle verachtenden, alle neidischen und berechnenden Blicke verschwunden sind; Osteraugen, aus denen der Schleier der Angst, der Resignation und der Hoffnungslosigkeit weggespült ist; Osteraugen, aus denen Trägheit, Desinteresse und Gleichgültigkeit gegenüber Gott und den Menschen herausgewaschen sind.

Die Osterevangelien und dieser alte Brauch sagen uns: Auferstehung kann man nicht mit Worten erklären, sondern man kann die Wahrheit, dass Jesus Christus nicht im Tod geblieben ist, nur durch österliche Menschen erfahren. Menschen, denen man es an ihren Augen ansieht, dass sie aus dieser Wahrheit leben, dass sie mit Jesus zu einem neuen Leben auferstanden sind. Es sind also – von den ersten Jüngern bis in unsere Zeit – immer konkrete Menschen, die ohne große Worte Auferstehung bezeugen. Es sind Menschen, denen die Osterfreude aus den Augen schaut, die im wahrsten Sinn des Wortes in ihrem Leben Jesus „im Blick“ haben: Menschen mit Osteraugen.

Osteraugen können entdecken, dass im Menschen Jesus von Nazareth das Leben endgültig zum Durchbruch gekommen ist; ein – trotz Leid und Tod am Kreuz – erfülltes und gelungenes Leben, so wie Gott sich wahres Leben vorstellt. Osteraugen verschließen sich nicht vor der Not. Sie nehmen die vielen Todessignale in unserer Welt wahr, sie haben einen Blick dafür, wo das Leben zu kurz kommt oder auf der Strecke bleibt, wo einer mundtot gemacht wird, wo einer unter die Räder kommt. Sie erkennen, wo wir aufstehen müssen gegen Ungerechtes, Eingefahrenes und Erstarrtes.

Osteraugen lassen sich aber auch leichter zudrücken. Sie sehen die eigenen Fehler und können deshalb über die Schwächen der Anderen gelassen hinwegsehen. Osteraugen sehen weiter. Sie bleiben nicht auf das Schwierige und Unsympathische fixiert, das uns an unseren Mitmenschen immer zuerst auffällt; sie bleiben nicht an Krankheit, Leid, Tod haften, sondern schauen hinter die Fassade des vordergründig Abstoßenden und entdecken den Anderen, so wie Gott ihn sich gedacht hat. Sie sehen einen Weg, wo vorher keiner war, und sie sehen im Ende schon wieder einen neuen Anfang. „Erlöster müssten die Christen aussehen, damit man an ihren Welterlöser glauben kann.“ Vielleicht hätte Friedrich Nietzsche diesen Vorwurf nicht formuliert, wenn er mehr Christen mit Osteraugen begegnet wäre.

Vielleicht könnten wir als Kirche gelassener sein, wenn immer mehr Christen – Geweihte und Laien – den Auferstandenen wirklich „im Blick“ hätten. Denn diese Perspektive wäre die heute so notwendige Neuevangelisierung! Die Mitte unseres Glaubens und unserer Kirche ist und bleibt dieser Auferstandene und unsere lebendige Beziehung zu ihm durch Gebet, Gottesdienst und tätige Nächstenliebe.

B wie BEICHTE

Oder: Was macht ein ausgedienter Kühlschrank im Wald?

Die Beichte ist in einer Gesellschaft der Selbstoptimierer sicher das unpopulärste aller Sakramente, aber angesichts des von Papst Franziskus für 2016 ausgerufenen „Jahres der Barmherzigkeit“ von großer Aktualität. Bischof Zsifkovics wird nicht müde, das „Sakrament der Versöhnung“ aus der Vergessenheit zu holen und es als befreienden Bestandteil menschlichen Lebensstils ins Bewusstsein zu rufen. Dass der Bischof den Beichtstuhl einmal als „Duschkabine für die Seele“ bezeichnet hat, zeigt sein praktisch-elementares Verständnis von Beichte, die er in einer Reihe mit gesellschaftlichen Praktiken wie Umweltschutz und Recycling sieht:

Jesus lädt uns Menschen zum Glauben an das Evangelium ein, sagt aber gleichzeitig: „Kehrt um!“ Glaube und persönliche Umkehr sind also aufeinander bezogene Forderungen Gottes an den Menschen. Die Beichte als das Sakrament der Versöhnung ist ein großartiges Geschenk des Auferstandenen an uns. Dennoch erweckt allein das Wort „Beichte“ in vielen Menschen unangenehme Gefühle. Sie reichen von totaler Ablehnung bis hin zu völliger Gleichgültigkeit. Von den einen abgelehnt, weil sie den Beichtstuhl vielleicht als Ort der Demütigung oder der Indiskretion erlebt haben, und von den anderen ahnungslos belächelt, weil sie nie erfahren durften, was für ein Geschenk die Beichte für den Menschen eigentlich ist. So ist dieses Sakrament zunehmend nicht nur zum ungeliebten und vergessenen, sondern auch zum unbekannten Sakrament geworden. Doch gerade darin liegt für unsere heutige, an Geist und Geistlichkeit so arme Zeit die große Chance, die befreiende und belebende Wirkung der Beichte neu zu entdecken.

Als Beichtvater wie als Sünder, der selbst zur Beichte geht und genau weiß, wie schwer dieser Schritt sein kann, bin ich überzeugt: der Beichtstuhl ist der Ort, an dem nicht nur der Einzelne, sondern die ganze Welt ihre größte Reparatur erfahren kann. Wie viele politische und soziale Programme, Expertentreffen, Arbeitsgruppen und Gesetzesbeschlüsse könnte eine gute Beichtpraxis überflüssig machen? Denn die Beichte verändert die Welt im Kern: beim Einzelnen selbst. Umkehr, Reue und die versöhnende, verzeihende Liebe, die Gott selbst dem Beichtenden schenkt, machen die Beichte zum Sakrament der Heilung. Hier erfährt der Mensch die Wiederherstellung zerbrochener Beziehungen: zu sich selbst, zu seinen Mitmenschen und dadurch letztlich zu Gott, der den innersten Kern unseres Menschseins darstellt. Ein Mensch, der sagt, dass er ohne Sünde sei, die Beichte nicht brauche und alles mit und für sich selbst regeln könne, belügt sich selbst – das sagte schon der Apostel Johannes.

Dieser Selbstbetrug kommt in der heutigen Zeit dennoch häufig vor. Wir alle trennen und entsorgen zwar unseren Haushaltsmüll und kennen die Bedeutung von Recycling für uns und unsere Umwelt, weil wir wissen, dass wir Menschen in einer sensiblen Beziehung zur Natur stehen, die unaufbereiteten Abfall auf uns selbst zurückfallen lässt. Die meisten von uns hätten zurecht ein schlechtes Gewissen, einen alten Kühlschrank im Wald zu entsorgen oder Frittierfett in den Ausguss zu schütten. Doch wie sieht es mit der seelischen Müllentsorgung aus?

Der Akt seelischer Versöhnung mit sich selbst wird offensichtlich weit zurückhaltender praktiziert als jener der Versöhnung mit der Umwelt. Wäre es anders, bräuchten wir mehr Beichtstühle in unseren Kirchen. Dabei ist Gott der Meister des wahren „Recyclings“: Er, der sich in den Kreislauf des Lebens hineinbegeben hat, indem er selbst Mensch wurde und in Leiden, Tod und Auferstehung alle Tiefen und Höhen des menschlichen Lebens durchgemacht hat; er, der in der Eucharistie Teil von uns selbst wird, kann sogar unsere schwersten Sünden in Gutes verwandeln. Aus dem Misthaufen unserer Fehler können Rosen wachsen, wenn wir unsere Schwächen erkennen und sie bewusst in Gottes gütige Hände legen.

Papst Franziskus sagt es ganz klar: „Es gibt keine Situation, die Gott nicht ändern kann, es gibt keine Sünde, die er nicht vergeben kann, wenn wir uns ihm öffnen.“ Gott will nicht, dass unsere Seele zu einer Deponie für Sondermüll verkommt. Er will nicht, dass unsere fehlerhaften Haltungen wie ranziges Öl unseren Zugang zur Welt und zu ihm verkleben und uns an unserer freien Entfaltung behindern! Gott ist unser Freund, er will unser Bestes, unser Heil und unsere Heilung.

Das führt zur entscheidenden Frage: Wie kann ich so beichten, dass es mir echte innere Heilung ermöglicht? Der bekannte Mailänder Kardinal Carlo Maria Martini hat drei Schritte aufgezeigt, wie das Sakrament der Versöhnung als echtes Geschenk erfahren werden kann, das dem Menschen Frieden, Befreiung und Lebensfreude bringt. Diese drei Schritte helfen auch mir persönlich bei der Beichte jedes Mal sehr und ich praktiziere sie als drei einfache Bekenntnisse. Diese Bekenntnisse sind Teil der Weisheit, die die Kirche über Jahrhunderte hinweg angesammelt hat und dem Menschen heute als Arznei für die Seele anbietet:

Erstens: Das Bekenntnis des Lobes (confessio laudis). Ich beginne die Beichte mit Positivem, nämlich mit einem Bekenntnis der Dinge, für die ich Gott loben und danken möchte. Ich nenne das viele Gute beim Namen, das Gott in meinem Leben gewirkt hat: Ereignisse, die mir viel bedeuten; Menschen, die ich liebe; Situationen, in denen mir geholfen wurde. Es wird wohl niemanden geben, dem nichts einfällt, wofür er dankbar sein müsste. Und indem ich dankbar Rückschau halte, wird mir umso mehr bewusst, dass ich mich des vielen Guten durch mein Verhalten nicht immer würdig gezeigt habe. Diese Einsicht kann einen Menschen tief bewegen und echte Reue bewirken. Denn oft sind, wie Papst Franziskus sagt, „in unserem Leben die Tränen die Brille, durch die wir Jesus sehen“.

Zweitens: Diese Reue führt mich zum Bekenntnis des Lebens (confessio vitae) – zum ehrlichen Bekenntnis der Dinge in meinem Leben, von denen ich vor Gott wünschte, dass sie besser nicht da wären. Das ist der Moment, die „alten Kühlschränke“ und anderen Sondermüll, den wir versteckt halten, offen anzuschauen. Es kommt hier nicht darauf an, nur seine Fehlhandlungen zu berichten bzw. sie anhand der Zehn Gebote abzuarbeiten. Ein solcher Automatismus führt meist nicht zu einer tiefgreifenden Veränderung in uns. Das Sakrament ist kein Zauberding, das uns von außen verwandelt wie der Zauberstab des Harry Potter. Graben wir daher tief hinein in unser Inneres und blicken wir – wenn es sein muss durch die Brille unserer Tränen! – auf die wunden Punkte, die Tiefenströmungen und negativen Haltungen, die uns immer wieder der Sünde ausliefern und die nicht gut sind für uns und unser Leben.

Zum Schluss der Beichte sollen wir ein drittes und letztes Bekenntnis, das Bekenntnis unseres christlichen Glaubens (professio fidei) sprechen. Wir bringen darin unseren Glauben zum Ausdruck, dass Gott die Macht und die Barmherzigkeit besitzt, all unsere Sünden zu vergeben und uns von Neid- und Rachegefühlen, von Verbitterung, Eifersucht, Machtstreben, Geltungssucht und anderen Ersatzgöttern zu befreien. Ihn bitten wir um Lossprechung. Danach sind wir mit Gott versöhnt und können im alltäglichen Leben auch Zeugen für die Aussöhnung mit unserem Nächsten sein.

Gönnen wir uns ab und zu die Zeit, um das eigene Leben etwas intensiver zu reflektieren, es in seinen dunklen Bereichen aufzuhellen, um ein Stück mehr mit sich selbst, mit den Mitmenschen und mit Gott ins Reine zu kommen! Jeder von uns weiß ziemlich genau, wo die unterbelichteten Stellen in der eigenen Biografie zu finden sind. Jenen, die regelmäßig beichten, wünsche ich dabei, dass das Sakrament nicht zur oberflächlichen Routine wird, sondern dass es immer wieder den Weg ins Innere finden kann. Und jenen, die schon längere Zeit nicht mehr beichten waren oder überhaupt noch nie einen Beichtstuhl von innen gesehen haben, möchte ich Mut machen: Nehmen Sie sich selbst so wichtig, wie Gott es tut! Verweigern Sie sich nicht dem wunderbaren Heilmittel der Versöhnung, das er für Sie bereithält! „Legt den alten Menschen ab und lebt als neue Menschen“, formulierte es der Apostel Paulus.

Dabei kommt den Priestern eine kaum zu überschätzende Rolle zu. Sie sind nicht nur gefordert, selbst zur Beichte zu gehen, sondern den Gläubigen eine gute Beichte zu ermöglichen und sie auf eine gute Beichte vorzubereiten – etwa durch geeignete Bußfeiern oder Abende der Barmherzigkeit. Solche Formen der Vorbereitung sind wichtig, sie ersetzen aber nicht die persönliche Beichte und dürfen auch nicht gegen die Beichte ausgespielt werden! Denn anders als in der pharmazeutischen Industrie ist das Sakrament der Buße und der Versöhnung ein Heilmittel, für das es keine billige Ersatzmedizin, kein Generikum und kein Placebo gibt.

B wie BILDUNG

Oder: „Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Und wo, verdammt, sind meine Schlüssel?“ (Billy Cristal)

Was ist Bildung? Dieser Frage ist Bischof Zsifkovics in einem offenen Gespräch mit Studierenden der Pädagogischen Hochschule Burgenland nachgegangen. In einer Zeit, in der Bildung vielfach mit Ausbildung gleichgesetzt wird, jungen Menschen vorgefertigte Antworten aufgepfropft und sie für das herrschende Wirtschaftssystem „gestreamt“ werden, während ihre Individualität und ihre Talente allzu oft nivelliert werden, plädiert er für eine Bildung hin zur Freiheit. Das Ziel: Zurechtzukommen mit den großen und kleinen Fragen des Lebens.

Die verschiedensten Bildungsinstitutionen verwenden gerne ein Wort, um das keiner von uns herumkommt: „Zukunft“ – und bieten „Zukunftsforen“, „Zukunftswerkstätten“ an, wollen „fit für die Zukunft“ machen und ähnliches. Dies nicht ganz zu Unrecht, denn das bedeutungsschwere Wort „Zukunft“ ist untrennbar gekoppelt an ein zweites Wort: „Bildung“. Ein gebildeter Mensch hat immer eine Zukunft – das ist meine tiefe Überzeugung. Aber wird die Zukunft unseres Landes, unseres Kontinents, unseres Kulturkreises auch über genügend gebildete Menschen verfügen? Ich habe hier manchmal meine Zweifel.

Was ist Bildung überhaupt? Das Wort ist ein sprachlich, kulturell und historisch bedingter Begriff. Seine Bedeutung ist mehr als komplex. Je nach persönlicher Ausrichtung, je nach individuellem Standpunkt und Interessenlage variieren die Ansichten darüber, was unter „Bildung“ verstanden werden sollte, erheblich. Dazu kommt, dass jede Aussage über den Begriff „Bildung“ unweigerlich vom Bildungsgrad dessen abhängt, der darüber spricht. Frei nach dem großen Monsignore Otto Mauer: „Kunst ist das, was gebildete Menschen dafür halten!“ So könnte man auch für die Bildung sagen: „Bildung ist das, was gebildete Leute dafür halten!“

Als Theologe und Kirchenmann möchte ich keinem vorenthalten, dass der schöne Begriff „Bildung“ von dem mittelalterlichen Denker und Mystiker Meister Eckhart in die deutsche Sprache eingeführt wurde. Bildung bedeutete für ihn das „Erlernen von Gelassenheit“; es war für ihn etwas, das den ganzen Menschen betrifft, und es wurde von ihm als „Gottessache“ angesehen, „damit der Mensch Gott ähnlich werde“ – so schrieb er wörtlich. Das nenne ich eine anspruchsvolle Bildungspolitik und einen anspruchsvollen Begriff von Bildung – nämlich ein Arbeiten an sich selbst, „damit der Mensch“, damit unsere Kinder, unsere Jugendlichen und wir selbst „Gott ähnlich“ werden.

Doch kommen wir zunächst wieder auf die Normalebene. Bildung ist ein Menschenrecht und die Grundlage für ein geglücktes Leben. Sie hilft uns Menschen, uns in einer sich ständig verändernden Welt zurechtzufinden und unseren Platz in der Gesellschaft zu finden. Aus der Perspektive eines christlichen Welt- und Menschenbildes geht es im Bereich Bildung und Schule um die Weitergabe von wesentlichem Wissen für eine erfüllte Lebensgestaltung und um die Entfaltung des ganzen Menschen. Die katholische Kirche investiert daher schon von ihrem Welt- und Menschenbild her in ganzheitliche Bildung der Menschen aller Altersstufen – und im Speziellen in die religiöse Bildung im Rahmen des Religionsunterrichts.

Die vielfältigen kirchlichen Formen dieses ganzheitlichen Bildungsinputs in die Gesellschaft allein in Österreich sind beachtlich: Etwa 70.000 Schülerinnen und Schüler besuchen in unserem Land eine konfessionelle Schule, 770.000 besuchen den katholischen Religionsunterricht und rund 900.000 Erwachsene nehmen jährlich die Angebote der Katholischen Erwachsenenbildung wahr. Rund 70 Prozent der konfessionellen Privatschulen sind Ordensschulen, die von knapp 50.000 Schülerinnen und Schülern besucht werden. Dazu kommen vier pädagogische Hochschulen der Kirche in Österreich, an denen insgesamt etwa 2100 Studierende ihre Erstausbildung absolvieren; weiters trägt die Kirche Mitverantwortung für die vier katholisch-theologischen Fakultäten in Wien, Graz, Innsbruck und Salzburg sowie für private theologische Universitäten und Hochschulen, an denen etwas mehr als 3000 Studierende inskribiert sind. Eine theologische „Breitenbildung“ wollen darüber hinaus österreichweit tätige Einrichtungen wie die „Theologischen Kurse“ vermitteln. In Kooperation mit dem „Forum katholischer Erwachsenenbildung“ und dem Unterrichtsministerium haben die „Theologischen Kurse“ etwa das äußerst erfolgreiche Programm „Basisinfo Christentum“ ins Leben gerufen, das für Christen, aber auch für Andersglaubende einen idealen Einstiegspunkt in die christliche Glaubenswelt bietet.

Man könnte nun vielleicht sagen, da würden überall spezifisch kirchliche Inhalte vermittelt, da werde sozusagen das eigene religiöse Propaganda-Programm gesendet. Doch das ist ein Irrtum. Zum Konzept allgemeiner Bildung gehört das Nachdenken über die Ziele und Zwecke individuellen und gesellschaftlichen Handelns, das Nachdenken über den Sinn des eigenen Lebens und über die Einheit der Wirklichkeit. Schon Kinder und Jugendliche stellen die großen Fragen der Menschheit wie „Was ist der Mensch?“, „Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens?“, „Was ist gut und was ist böse?“, „Woher kommt das Leid?“, „Was ist der Weg zum wahren Glück?“, „Was kommt nach dem Tod?“ oder „Existiert Gott?“. In unserer pluralistischen Gesellschaft treffen unsere Kinder und Jugendlichen auf unterschiedlichste Antworten, auf religiöse und auf säkulare. Diese letzten Fragen, die zum Menschsein gehören, und die religiöse Pluralität der Antworten bilden eine pädagogische Herausforderung, der sich die Schule im Ganzen und auch die Kirche stellen müssen. Die Bedeutung religiöser Bildung wird ja gerade deshalb auch in der andauernden Debatte zur Schulreform allgemein und ohne ernstzunehmenden Widerspruch anerkannt. Denn die Religion eröffnet einen Zugang zur Wirklichkeit, der durch keinen anderen Modus der Welterfahrung ersetzt werden kann.

Für einen stabilen Menschen braucht es religiöse Bildung und der Ort religiöser Bildung an der Schule ist primär der Religionsunterricht. Die Antworten auf die letzten Fragen des Menschen kann und soll der säkulare und weltanschaulich neutrale Staat nicht selbst geben. Deshalb kooperiert er mit den Kirchen und Religionsgemeinschaften, die für die Ziele und Inhalte des Religionsunterrichts verantwortlich sind. Und er beschränkt sich darauf, für den Religionsunterricht wie für jedes andere ordentliche Lehrfach die erforderlichen rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen zu gewährleisten. So soll ein konfessionell-profilierter Religionsunterricht junge Menschen zu verantwortlichem Denken und Verhalten im Hinblick auf Religion und Glaube befähigen und ihnen die Entwicklung einer gesprächsfähigen Identität ermöglichen. Das schließt die Hinführung zu einer konkret erfahrbaren und anschaulichen religiösen Lebenswelt ebenso ein wie die Erziehung zu Kommunikationsfähigkeit über die eigene regionale Kultur hinaus und zu Anerkennung der Andersheit des anderen. Der konfessionelle Religionsunterricht will zur freien Entscheidung und Herausbildung eines eigenen Standpunktes befähigen und leistet damit etwas Essentielles für die ganze Gesellschaft: Er fördert automatisch auch die Anerkennung des Anderen. Denn tolerant kann nur sein, wer einen eigenen Standpunkt hat. Etwas, das von manchen gesellschaftlichen Gruppierungen gerne übersehen oder bewusst verschwiegen wird, wenn sie in meinungsterroristischer Weise „Toleranz“ für alles und jeden, aber in erster Linie für sich selbst einfordern. Die Weitergabe des christlichen Glaubens kann also wirkungsvoll nur im Dialog mit der vorherrschenden Kultur und in Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen und Problemen erfolgen. Deshalb ist der Religionsunterricht in der Schule für die Kirche und für die Zukunft des christlichen Glaubens in unserer Gesellschaft von großer Bedeutung.

So wie ich mich aber in meinen Gedanken nicht darauf beschränkt habe, vom Wert des Religionsunterrichts für die Kirche selbst zu sprechen, sondern auf seine brennende Gesellschaftsrelevanz hingewiesen habe, lässt sich auch der jesuanische Auftrag keinesfalls auf pädagogisch Auszubildende und auf die Schule beschränken. Im Prinzip sind wir alle „Auszubildende“ in der Botschaft Jesu und ist unser ganzes Leben ein lebenslanges Lernen in Sachen Nächstenliebe. Wenn ich also von Schule, von Schülerinnen und Schülern und vom Religionsunterricht spreche, meine ich im Letzten uns alle, die wir noch zu lernen haben.


B wie BISCHOF

Oder: „Wonach es einen vorher gelüstet, davor darf es einem danach auch nicht grausen!“ (Gertrude Zsifkovics)

Bischöfe sind im Idealfall wie ein „Leatherman“ oder ein Schweizer Messer: multifunktionale Tools ihrer Kirche, die in einem Rund-umdie-Uhr-Job als Oberhirten, Seelsorger, Prediger, Lehrer, Gesetzgeber und Richter, Ombudsmänner und Mediatoren die ihnen überantworteten Diözesen leiten und damit das Gesicht der Kirche vor Ort darstellen. Am Vorbild des pannonischen Heiligen und Bischofs Martin von Tours erläutert Ägidius Zsifkovics die Rolle des Bischofs zwischen geistlichem Anspruch, kirchlicher Karriere und nüchternem Alltag – mit erstaunlichen Einblicken in die traditionelle Grundausstattung und Garderobe eines Oberhirten.

Der heilige Martin ist eine Gestalt, die viel über das Bischofsamt verrät. Das beginnt bereits bei seiner Bestellung zum Bischof. Der Legende nach haben ihn schnatternde Gänse verraten, als er sich in einem Stall versteckte, um der drohenden Ernennung zum Bischof von Tours zu entgehen. Eingedenk dieser Episode landen die Federtiere alljährlich zum Martinsfest gut gebraten auf den Festtafeln. Die Legende verweist auf zwei christliche Eigenschaften, die gerade einem Bischof nicht schlecht zu Gesicht stehen: Bescheidenheit und Demut. Wer weiß, vielleicht hätten andere in dieser Situation die Gänse getreten oder zumindest an den Schwanzfedern gezogen, damit sie ja ordentlich Lärm machen und das Volk Gottes auch ganz verlässlich zum „Besten aller Kandidaten“ führen. So wenig der kirchliche Leitungsdienst ohne Gestaltungswillen und ohne gesunden Ehrgeiz zu bewerkstelligen ist: Karrierismus ist im kirchlichen Bereich eine besonders problematische Erscheinungsform, die von Papst Franziskus zu Recht stark kritisiert wird. Der heilige Martin steht für eine andere Haltung!

Wie das bei mir war? Wenn ich mich als Kind überessen habe, hat meine Mutter immer gesagt: „Wonach’s dich zuerst gelüstet hat, davor braucht’s dir jetzt auch nicht zu grausen!“ Den Ruf in das Bischofsamt anzunehmen, entsprang ehrlich gesagt keiner „Lust“, aber er ging einher mit einem tief empfundenen Gefühl der Freude und der Dankbarkeit, dem eine schlaflose Nacht mit allen nur erdenklichen gedanklichen Anfechtungen vorausgegangen war. Ich hatte als bischöflicher Sekretär, als Ordinariatskanzler und als Generalsekretär der österreichischen Bischofskonferenz zu lange mit Bischöfen und ihren Amts- und Lebenswegen zu tun gehabt, um nicht zu wissen, dass sich unter der Mitra auch eine unsichtbare Dornenkrone befinden kann. Dass man als Bischof – noch mehr als der Priester – für den Rest seines Lebens einer Gemeinschaft gehört, mit der man in Gott verbunden ist und in der man für jeden Einzelnen sowie für alle zusammen persönliche Verantwortung trägt. Ein nach menschlichen Maßstäben unmöglich zu erfüllendes Unterfangen! Und doch habe ich diesen Dienst, den ich nie angestrebt habe, am Tag der Weihe mit großer innerer Zuversicht angenommen und mein Schicksal in Gottes Hände gelegt. Er hatte mich stets geführt und würde es wohl auch weiterhin tun, so mein Gebet und meine Hoffnung am Tag meiner Bischofsweihe, an dem mir auch meine Mutter ihren Segen gab. Bis jetzt habe ich mich nicht überessen.

Ein Bischof braucht Vorbilder – und das sollten keine Eintagsfliegen sein. Martinus, der pannonische Heilige und Bischof von Tours, der Mann der Aktion und der Kontemplation, ist ein Vorbild, das einen ein Leben lang begleiten kann. Ich mache mich selbst, aber auch meine Mitchristen immer wieder auf die Insignien des Heiligen aufmerksam: den Hirtenstab, den geteilten Mantel in der Hand und die Mitra auf dem Haupt – Attribute, Zeichen, die uns alle an diesen großen Europäer, Mann des Glaubens und der konkreten Tat erinnern. Und noch mehr daran, dass wir als Christen die Verbindung mit Jesus suchen und pflegen sowie das Evangelium im Alltag in die Tat umsetzen.

Der Hirtenstab ist ein Zeichen, dass jeder Bischof durch seine Weihe mit dem apostolischen Ursprung, mit Jesus Christus verbunden ist. Der Hirtenstab ist kein Spazierstock für den Alpintouristen, sondern ein Instrument, das dem Volk Gottes anzeigt, in welche Richtung es in der Nachfolge Jesu zu gehen hat. Der Hirtenstab ist ein Zeichen, die zerstreute Herde zu sammeln und zu verteidigen, Mutlose und Hilflose zu stärken, Suchenden, Irrenden den Weg zu weisen. Martinus mit dem Hirtenstab in der Hand tat dies damals in stürmischen Zeiten der Völkerwanderung, am Übergang von der Antike zum Mittelalter. Er erinnert uns daran, es ihm in den Herausforderungen unserer Tage nachzumachen und uns auf die richtige Richtung unseres Lebens zu besinnen.

Als ich mich nach meiner Ernennung zum Bischof mit den entsprechenden Insignien ausstatten musste, suchte ich in Rom einen traditionellen Anbieter für den geistlichen Berufsstand auf. Keine Sonderanfertigungen, sondern solide Konfektionsware, liturgisches „Pret à porter“. Der Seniorchef des Ausstattungshauses, ein gestandener Römer mit jahrzehntelanger Erfahrung und Menschenkenntnis, die er sich im Umgang mit Priestern und Bischöfen von Wladiwostok bis Tahiti, von Hammerfest bis Kapstadt erworben hatte, stand persönlich im Geschäft und beriet mich. Als wir in die Abteilung für Bischofsstäbe kamen, steuerte er auf ein bestimmtes, etwas massiv wirkendes Modell zu, zog es heraus und stellte es vor mir mit einem dumpfen Geräusch fest auf den Boden. „Eccellenza“, sagte er, „prenda un modello come questo – la curvatura piú grossa fa piú effetto nei casi difficili!“ – „Nehmen Sie ein Modell mit etwas breiterer Krumme – die zeigt bei den schweren Fällen mehr Wirkung!“ Und er schwang, mitten im Laden, den Bischofsstab mit einer Vierteldrehung nach unten, so als ob er jemandem damit eines über den Kopf geben wollte. Ein paar junge Priesterkandidaten hinter dem nächsten Regal, die sich gerade ihre ersten Kollarhemden kauften und die Szene beobachtet hatten, machten große Augen. Nachdem ich aus dem ersten Staunen herausgekommen war, wurde mir klar, dass der Mann eine schlichte Wahrheit – wenn auch etwas brachial – auf den Punkt gebracht hatte: Dass der Bischof jemand ist, der sich wie ein Hirte schützend vor die Herde stellen muss, wenn sie angegriffen wird. Unter allen Umständen. Egal gegen wen. Egal mit welchen Konsequenzen für den Hirten, seine Gesundheit und sein gesellschaftliches Ansehen. Aber der Bischof ist auch jemand, der den gekrümmten Hirtenstab benötigt, um die verlorengegangenen Schafe sanft einzufangen und in die Gemeinschaft zurückzuholen. Wenn das nicht auch die Bedeutung eines Bischofsstabes ist, dann verkommt er zum bloßen Fetisch kirchlich-religiöser Macht – ähnlich den prächtigen Stöcken und Wedeln von Schamanen ausgestorbener Kulte, die man im ethnologischen Museum besichtigen kann.

Zum heiligen Martin gehört aber auch der Mantel, den er mit dem frierenden Bettler teilte. Martinus wurden – im Traum, wie es heißt – die Augen dafür geöffnet, dass er nicht nur mit einem hilflosen Menschen, sondern mit Christus selbst seinen wärmenden Mantel geteilt hat, gemäß dessen Wort: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Der Mantel des Martinus ist daher zum Symbol der Gegenwart Christi in seiner Kirche geworden, nämlich durch den Dienst an den Mühseligen und Beladenen. Christen sind aufgerufen, ja verpflichtet, sich aus dem Glauben heraus liebevoll den Mitmenschen – den Armen, Kleinen und Schwachen – zuzuwenden, sich herabzubeugen, ihnen zu dienen und zu helfen. Denn Christus selbst wird gegenwärtig im Liebesdienst! Der heilige Martin mit dem halbierten Mantel ist ein Tatzeuge des Evangeliums – jede Zeit und jede Gesellschaft muss Platz haben für Arme, Alte und Kranke. Martinus mit dem geteilten Mantel erinnert die Bischöfe und alle Christen daran, das Evangelium in die Tat umzusetzen.

Der heilige Martin trägt darüber hinaus als Bischof die Mitra. Die Bischofsmütze ist nicht nur eine Zierde, sondern ein Signal. Ein Bischof hat gerade in Zeiten der Verfolgung, des Widerspruchs und der Feindschaft gegenüber dem christlichen Glauben nicht den Kopf einzuziehen, ganz im Gegenteil: Er hat seinen Kopf hinzuhalten, um für die Wahrheit Zeugnis zu geben, komme es ihm gelegen oder ungelegen. Das ist heute ein wichtiger, aber auch schwieriger Dienst. Gerade in unserem modernen Europa möchte man Christus ausbürgern, die Kirche in die Sakristei verbannen, den christlichen Glauben privatisieren und die christlichen Werte als nicht zeitgemäß und nicht mehr lebbar erklären. Hat es das alles nicht schon einmal in den Zeiten des Nationalsozialismus und des Kommunismus gegeben? Martinus als Bischof mit der Mitra auf dem Haupt erinnert uns Bischöfe, aber auch jeden anderen Christen daran, Zeugnis für Jesus und seine Kirche zu geben, sich nicht zu ducken, sondern im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf für Jesus Christus hinzuhalten.

C wie CASH

Oder: Schon mal mit vollen Händen gebetet, geküsst, gesungen, gestreichelt oder getröstet?

Wenn Ägidius Zsifkovics als langjähriger Pfarrer von Wulkaprodersdorf für die Sanierung des Kirchendaches oder für andere pfarrliche Projekte die Leute um Spenden bat, pflegte er zu sagen: „Keine Angst! Geld für das Projekt ist ausreichend vorhanden. Es befindet sich derzeit allerdings noch in euren Taschen.“ Geburtsheilkunde und Palliativmedizin berichten, dass der Mensch ganz am Anfang und ganz am Ende seines Lebens die Arme in einer gebenden Geste weit ausstreckt – als ob er nichts für sich wolle. Dazwischen hat er eine Existenz zu bewältigen, in der es ohne Besitz und „Cash“ nicht zu gehen scheint. Der Bischof von Eisenstadt erinnert daran, dass der Reichtumsbegriff des Evangeliums nicht am Haben orientiert ist.

In unserer globalisierten Welt kommt es täglich vor, dass Unternehmen expandieren und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in andere Städte und Länder schicken, um dort neue Märkte zu erschließen. Stellen Sie sich vor, Sie würden dort hingeschickt; was würde sich Ihr Chef von Ihnen erwarten? Wohl alles das, was der kaufmännischen Logik von Konzernen entspricht: sicheres Auftreten, Verhandlungsgeschick, Führungsqualitäten, Menschenkenntnis, Durchsetzungsvermögen, exzellente Verkaufsstrategien, ein Netzwerk einflussreicher Leute, erfolgsorientierte Öffentlichkeitsarbeit usw. Auf diese Fähigkeiten wird gesetzt, wenn man Erfolg haben will. Sie entsprechen der Logik und Taktik einer Welt, die auf das Haben, auf Geld und Gewinn ausgerichtet ist.

Doch es gibt und gab zu allen Zeiten Menschen, die auf ein anderes Pferd setzten. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein schrieb den einleuchtenden Satz, dass Reichtum eine Frage der inneren Einstellung sei. Und die Cree-Indianer hinterließen uns die Prophezeiung: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“ Eine alte Weissagung, die auf unserer vom globalen Raubbau so existentiell bedrohten Erde heute zum möglichen Szenario für die Gattung Mensch geworden ist.

Auch das Evangelium zeigt uns eine ganz andere Taktik als die des vollen Geldbeutels – es zeigt uns die Taktik Jesu. Jesus rief die Zwölf zu sich und gab ihnen die Kraft und die Vollmacht, „Dämonen auszutreiben und Kranke gesund zu machen“. Jesus sendet seine Jünger zu zweit voraus in die Dörfer und Städte der Umgebung. Sie sollen die Menschen mit seiner Botschaft in Berührung bringen, das Reich Gottes verkünden und Kranke heilen. „Sagt allen Menschen deutlich, dass Gott sie ohne Vorbedingung liebt!“, ist die Grundaussage des Auftrags. „Aber sagt es nur, wenn ihr gleichzeitig durch euer konkretes Handeln und Helfen zeigt, dass es wahr ist!“ Jesu Auftrag ist also herausfordernd und ganz konkret zugleich:

Wenn Menschen sich freuen, dann freue dich mit!

Wenn Menschen Sorgen haben, dann stehe ihnen bei!

Wenn Menschen es schwer haben, dann teile mit ihnen die Last!

Wenn Menschen in Not sind und Hilfe brauchen, dann sei zur Stelle!

Wenn Menschen allein sind, dann bleibe bei ihnen!

Wenn Menschen traurig sind, dann lass sie nicht allein in ihrer Trauer, sondern tröste sie!

Wenn Menschen den Glauben, die Hoffnung und die Liebe verloren haben, dann hilf ihnen, Wege zu Gott zu finden, und bete für sie!

Das ist die Taktik, die seelische Dämonen austreibt und Frieden schafft, die Krankes heilt, die Menschen verbindet, die auf Liebe setzt. Es ist eine Taktik, die etwas kostet – nämlich Einsatzbereitschaft, Opfer und Verzicht – und die manchmal etwas Ungewolltes hervorruft – nämlich Unverständnis, Spott und Ablehnung. Die Frage des abgebrühten Zeitgenossen lautet dazu: Was bringt diese Taktik mir persönlich, was bekomme ich dafür?

Die Lebensschule Jesu ist zugleich der Weg wahren inneren Reichtums. Es ist der im Menschen angelegte Weg, der ihn seine Isolierung überwinden lässt, indem er sich auf sein menschliches Gegenüber bezieht. Die Bereitschaft zu teilen, zu geben, Opfer zu bringen, ist eine in uns allen vorhandene Anlage, die jedoch auf mannigfache Weise verschüttet sein kann. Auf diesen Lebensweg der Zuwendung sendet Jesus seine Jünger aus, wohlwissend, dass sein Auftrag nicht leicht ist. Jesus beschönigt nichts, er sagt deutlich, worauf sich die Jünger einstellen müssen, wenn sie sein Kommen vorbereiten. Anders als die Gesandten multinationaler Konzerne sollen sie keine Businesspläne, Titel und Statussymbole, keinen Besitz, kein Geld, keinen Vorrat mit sich führen. Das Gottvertrauen, das sie anderen predigen, sollen sie selbst leben, glaubwürdig und ohne doppelten Boden. Mit ihren leeren Händen sollen sie das, was sie selbst von Gott empfangen haben, an andere weitergeben, großzügig und vorbehaltlos. Sie sind schutz- und mittellos auf die Güte und Großzügigkeit der Menschen angewiesen. Neben dem Gottvertrauen gilt es also auch, den Mitmenschen Gutes zuzutrauen – eine Herausforderung, die Mut abverlangt, aber von der Gottesbeziehung nicht zu trennen ist, wie Papst Franziskus uns unmissverständlich ins Gedächtnis ruft.

Im biblischen Bericht von der Aussendung der Jünger ist von der ganzen Menschheit die Rede, von jedem einzelnen Christen. Getaufte, Gefirmte und Geweihte sind heute die Jünger und Gesandten Jesu. Wir sollen heute die Botschaft Jesu, dass Gott alle Menschen liebt und ihnen nahe sein will, weitersagen und so leben, dass etwas davon für andere erfahrbar wird. Auf uns, unseren Beistand und unseren Trost warten traurige, einsame, notleidende, schmerzgeplagte, zweifelnde und verzweifelte, innerlich zerrissene oder überforderte Menschen – meist nicht weit weg, sondern ganz in unserer Nähe: oft in der eigenen Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz. Diesen Auftrag können wir jedoch nicht als Fachleute oder als Besserwisser erfüllen. Es gibt keinen akademischen Titel, der den innerlich freien Menschen ausweisen könnte. Frei aber muss man sein, um den von Jesus gezeigten Weg selbst gehen zu können. Dieser inneren Freiheit geht immer eine echte Selbstbekehrung voraus. Eine tiefgreifende seelische Wandlung, die bei einem selbst die Fixiertheit auf das Haben aufbricht und erleben lässt, dass es mitunter die wertvollsten und schönsten Dinge im Leben sind, die nicht mit vollen Händen zu bewerkstelligen sind – ob wir beten, jemanden umarmen, einem anderen eine Freude machen oder helfen, oder ob wir einfach nur aus freiem Herzen ein Lied singen. Immer dann bewahrheitet es sich, dass Geben seliger ist denn Nehmen, weil es Ausdruck von Liebe und höchster Produktivität ist. Es ist eine Haltung, die, wenn sie echt ist, auf andere ansteckend wirkt und die den tiefgreifenden politischen, ökonomischen und ökologischen Wandel möglich machen wird, den die Erde und unsere Welt so dringend benötigen. Es ist die Haltung, die der wahren Natur des Menschen entspricht.

D wie DINNER CANCELLING

Oder: „Vergelt’s Gott, Hochwürden, vergelt’s Gott, aber ich muss schon speiben!“

Das Angebot an Diätbüchern in den Buchläden ist auch Ausdruck einer Gesellschaft, die materiell im Überfluss lebt und ihre Sinnsuche in Gesundheits-, Schlankheits- und Schönheitskulte verlegt hat. Auch kirchliche Kost wird auf die Diätlisten der säkularisierten Gesellschaft verbannt. Was tun, wenn zum christlichen Gastmahl zwar alle eingeladen sind, aber keiner zum Essen erscheint? Ägidius Zsifkovics erinnert seine Amtskollegen bei einer Vollversammlung der Österreichischen Bischofskonferenz in Brüssel daran, dass das Evangelium nie ein Mastprogramm war, sondern die Anleitung, Salz im Teig des Lebens zu sein. Es ist das Gastmahl im größten aller Säle, der nie voll ist und in den immer irgendjemand eingeladen werden möchte. Voraussetzung: Gastgeber, die nicht nur einladen, sondern selbst einladend wirken.

Die Situation, in welcher der christliche Glaube, die Kirche, ihre Priester, Bischöfe und alle, die im Verkündigungsdienst stehen, sich heute befinden, könnte wohl kaum prägnanter auf den Punkt gebracht werden als mit dem Gleichnis vom Festmahl, das wir im Lukas-Evangelium finden. Darin ist die Rede von jemandem, der zu einem großen Festmahl einlädt und seinen Diener ausschickt, um die Einladung persönlich zu überbringen. Doch keiner der Geladenen folgt der Einladung. Alle haben eine Entschuldigung. Alle bleiben zu Hause.

Hier an diesem Ort, nahe bei den Institutionen der EU und den politischen Schaltstellen des Vereinten Europa, bekommen wir ein kontinentales Gefühl für die Enttäuschung des erfolglosen Dieners im Evangelium. Die Kirche in Österreich und in ganz Europa lädt ein – und immer mehr Menschen, auch wichtige gesellschaftliche Entscheidungsträger, folgen der Einladung nicht! Ohne Pathos und Wehleidigkeit können wir es sagen: So sehr das Christentum eine der Wurzeln Europas ist, so sehr erleben wir als Kirche täglich, wie es im politischen und gesellschaftlichen Kontext Österreichs, aber auch im europäischen Projekt zunehmend zum Fremdkörper zu werden scheint. Wir erleben eine Marginalisierung christlicher Identität, ja sogar regelrechte kirchliche Rückzugsgefechte in ethischen Fragen – seien es die skandalösen Methoden der Fortpflanzungsmedizin, die verbrauchende Embryonenforschung oder die rechtliche Gleichstellung homosexueller Partnerschaften mit der Ehe, die im christlichen Verständnis nun mal an Nachkommenschaft geknüpft ist und einen unveräußerlichen Wert als Keimzelle der Gesellschaft besitzt. Ja und es scheint sogar so, als ob nicht nur anderweitige Verpflichtungen die Geladenen abhalten würden, sondern ein kategorisches Unverständnis für das Festmahl an sich vorliege. Mehr und mehr wird den Christen in der europäischen Gesellschaft signalisiert: Eure Werte sind nicht unsere Werte!

Diese Situation erinnert mich ein wenig an den burgenländischen Mesner vom Land, dem sein Pfarrer eine echte Freude machen wollte und ihn zu einem Festschmaus in den Pfarrhof einlud. Der Pfarrer hat dem guten Mann immer wieder nachgelegt, eine Scheibe Schweinsbraten mit Krautsalat hier, eine Blunze dort, zuletzt noch die burgenländische Mehlspeis, bis sich der Mesner, der aus Gehorsam schon weit über den Hunger hinaus gegessen hatte, schließlich nicht mehr erwehren konnte und zum Pfarrer im Tonfall größter Ehrerbietung sagte: „Vergelt’s Gott, Hochwürden, vergelt’s Gott, aber ich muss schon speiben.“

Auch die Kirche will den Menschen zur Freude führen, jener Freude, die vor 2000 Jahren den Hirten auf den Feldern von Bethlehem verkündet wurde. Doch wir verkaufen kein Fast Food, sondern bieten den Menschen gewichtige Antworten auf existentielle Fragen an. Haben wir sie dabei überfordert? Sind wir mit unserem Speiseplan zu aufdringlich gewesen? Haben wir die anspruchsvolle Speise so schlecht zubereitet, dass die Menschen die hochwertige geistliche Nahrung des Evangeliums gar nicht in sich aufnehmen können? Haben wir als Institution wirklich so viel Wein getrunken, wie man uns gerne vorwirft, während wir den Menschen das Wasser gepredigt haben?

Vieles davon mag zutreffen. Und doch ist es nicht die volle Erklärung für die Ablehnung und die Gleichgültigkeit, die dem Christentum heute widerfährt. Waren nicht schon Jesus, seine Jünger, Petrus und Paulus und die ersten Gemeinden von all dem betroffen? Dass das Christentum später als Staatsreligion den Ehebund mit der weltlichen Macht eingegangen ist, die Christus zu ihrem Logo machte, hat den „Skandal“ des Christentums nur über Jahrhunderte hinweg zugedeckt. Das eigentliche Ärgernis des Christentums mit seinem „Wider die Welt!“ ist damals wie heute unverändert gegeben.

Wir kennen aber die Antwort des Hausherrn im Evangelium, die auf die Absage der Geladenen folgt: „Geh hinaus und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein!“ Der Herr selbst lehrt uns hier die Methode der Neuevangelisierung: Jesus schickt uns immer wieder aus, um zu seinem himmlischen Gastmahl einzuladen. Egal, wie ernüchternd die Absagen auch sein mögen. Die Säkularisierung verlangt von der Kirche, die eigene Präsenz in der Gesellschaft neu zu überdenken – und zu erkennen, dass die vielen und ständig neuen Formen der Armut der tätigen Nächstenliebe unbekannte Räume eröffnen! Die Authentizität der Neuevangelisierung trägt das Antlitz der Armen – auch und gerade in Europa! Darin liegt die Chance einer Entflechtung von alten gesellschaftlichen Mustern hin zum Ureigensten des Christentums: zum Evangelium!

„Es ist aber noch Raum da!“, sagt der Diener, nachdem er bereits die Armen und Kranken in den Festsaal geholt hat. Dieser sich festen Abmessungen entziehende Raum ist die Kirche selbst. Die Kirche ist, wie die Weltbischofssynode von 2012 festgehalten hat, „der Raum, den Christus in der Geschichte anbietet, um ihm begegnen zu können.“ Ihr hat er sein Wort und seine Sakramente anvertraut. In diesem Raum ist in besonderem Maße Platz auch für die, die draußen stehen, an den „Zäunen“, die Fernen, die wir wieder vermehrt zum Mahl rufen müssen – auch und gerade in Europa! Dabei soll uns bewusst sein, dass sich unser persönlicher Glaube als Christen und als Bischöfe ganz in der Beziehung entscheidet, die wir selbst mit der Person Christi aufbauen, der uns selbst als seinen Dienern als erster entgegengeht: Neuevangelisierung beginnt bei uns selber und bei der eigenen Bekehrung. Aus dieser eigenen Bekehrung heraus werden wir glaubhafte Gastgeber sein, denen die Menschen folgen und vertrauen können.

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