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Die Besucher
Achim Albrecht

1. Auflage April 2019
© 2019 OCM GmbH, Dortmund
Gestaltung, Satz und Herstellung: OCM Verlag, Dortmund
Verlag: OCM Verlag, Dortmund, www.ocm-verlag.de
ISBN 978-3-942672-66-5
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Contents
1 Kapitel I
2 Kapitel II
3 Kapitel III
4 Kapitel IV
5 Kapitel V
6 Kapitel VI
7 Kapitel VII
8 Kapitel VIII
9 Kapitel IX
10 Kapitel X
11 Kapitel XI
12 Kapitel XII
13 Kapitel XIII
14 Kapitel XIV
15 Kapitel XV
16 Kapitel XVI
17 Kapitel XVII
18 Kapitel XVIII
19 Kapitel XIX
20 Kapitel XX
21 Kapitel XXI
22 Kapitel XXII
23 Kapitel XXIII
24 Kapitel XXIV
25 Kapitel XXV
26 Kapitel XXVI
27 Kapitel XXVII
28 Kapitel XXVIII
29 Kapitel XXIX
30 Kapitel XXX
31 Kapitel XXXI
32 Über den Autor
I.
Angefangen hatte es mit der Frau im blauen Mantel.
Im Rückblick erschien ihm seine amateurhafte Vorgehensweise fast lächerlich. Wie verängstigte Vögel hüpften seine Augen von Detail zu Detail, saugten sich für Augenblicke an dem Saum des Mantels fest und stießen sich unzufrieden davon ab, um die Umgebung zu kontrollieren. Gesichter flogen vorbei und Gesprächsfetzen verwehten. Der Platz mit dem Marktbrunnen verengte sich zu einer Gasse, vor der der Autoverkehr nach links wich, weil rotbäuchige Schilder mit weißen Balken die Einfahrt verweigerten.
Pflastersteine wetteiferten darum, es den modischen Absätzen der krampfhaft um Haltung bemühten Damenschuhe schwer zu machen und bildeten eine strenge Grenze zu der willfährigen Kolonie schmuckloser grauer Platten, die sich den Tritten der Fußgänger ohne Widerstand ergaben.
Er war sich nicht sicher, was seine besondere Aufmerksamkeit erregt hatte, glaubte aber, dass es das Blau des Mantels war, der sich um die Waden der Frau bauschte. Selbst an Tagen, die er in selbstzufriedener Gelassenheit verbrachte, war blau nicht seine Farbe. Am ehesten zu ertragen gewesen wäre ein gedecktes Dunkelblau, das bescheiden und seriös daherkam. Für Kinder mochte auch ein unschuldiges Hellblau angemessen sein, das ihre Unvoreingenommenheit kundtat. Was sich allerdings vor ihm seinen Weg bahnte, war ein stechendes Stahlblau, kompromisslos und Übelkeit erregend, weder fröhlich und unbekümmert wie ein flatterhaftes Gelb noch beruhigend und matronenhaft wie ein Tannengrün.
Er scherte im Strom der Flanierenden nach rechts aus, was ihn einige Anstrengung kostete, da er sich unbewusst gerne nach links hielt. In einem Kneipengespräch hatte ihn ein flüchtiger Bekannter darüber belehrt, dass wissenschaftliche Experimente den Beweis erbracht hatten, dass die Anhänger von Verschwörungstheorien immer einen Hang zur Abweichung nach links verspürten, während nüchterne Charaktere auch mit verbundenen Augen eine gerade Linie zu halten vermochten. Seltsamerweise hatte ihn die Bemerkung stärker getroffen, als er sich zugestehen wollte und so stellte er sich bei jeder Gelegenheit auf die Probe.
Er redete sich ein, dass seine inzwischen beträchtlichen Kenntnisse über Beschattungstechniken danach verlangten, von Zeit zu Zeit Stellungswechsel vorzunehmen, um nicht die Aufmerksamkeit des Objektes zu erregen. Er beschleunigte seinen Schritt und klopfte mit der Hand zum wiederholten Mal auf seine Jackentasche. Sein wichtigstes Werkzeug für diesen Tag war an seinem Platz und mit einem Griff sicher zu erreichen. Wenn es soweit war, musste es schnell gehen. Es musste natürlich aussehen und durfte keinen Verdacht erregen.
Die Frau im blauen Mantel fädelte mit kurzen energischen Schritten in eine Gruppe müßig tratschender Hausfrauen mit prall gefüllten Einkaufstaschen ein und drehte sich ruckartig um. Seine Augen hafteten gerade an den unmodischen Keilabsätzen ihrer Schuhe, die den militärisch präzisen Schwenk mit vollzogen. Die richtige Reaktion wäre gewesen, mit gesenktem Kopf im gleichen Rhythmus wie bisher an dem Objekt vorbeizuschlendern, ohne es eines Blickes zu würdigen oder aber die fortgeschrittene Version zu bemühen und den Blick über den Scheitel ihres dunklen Haares zu heben und angelegentlich suchend in die Ferne zu schauen, während man den Gesamtausdruck ihres Gesichtes auf sich wirken ließ, um zu entschlüsseln, welche Motivation hinter ihrem plötzlichen Manöver stand.
Seine Gedanken beschäftigten sich noch mit den formlosen Waden unter den cremefarbenen Strümpfen, die beim Gehen nicht die Teilung in separate Muskelbündel aufwiesen, aus denen man auf die sportliche Betätigung des Objektes schließen konnte. Er blieb mit der gleichen unnatürlichen Heftigkeit stehen wie die Verfolgte und verkrampfte sich augenblicklich, als ihm klar wurde, dass er sich mit der Bewegungslosigkeit entblößte und preisgab, bar jeder natürlichen Deckung. Im Widerstreit mit seinem Fluchtinstinkt schlenkerte er hilflos mit den Armen und brachte schließlich einen hilflosen Vertuschungsversuch zustande, der darin bestand, dass er umständlich nach einem Taschentusch kramte und sich ohne ersichtlichen Grund die Oberlippe abwischte, während er den Blick von dem Objekt abwandte.
Ihm war nicht entgangen, dass ihn die Frau forschend musterte, ihn taxierte und wieder losließ, um ihre hellbraune Handtasche zu durchsuchen, die sie beim Gehen unnatürlich weit von ihrem Körper weg hielt, als habe sie der Tasche die Zusage gemacht, dass diese keinesfalls mit dem Mantel in Berührung kommen müsse.
Tief Luft holend wandte er sich um und ging einige unschlüssige Schritte, bis er ein Schaufenster fand, das es ihm erlaubte, das Spiegelbild des Objektes in Augenschein zu nehmen. Die Frau fingerte eine Zigarette aus einer Schachtel und steckte sie unangezündet zwischen ihre Lippen. Ihr Gesicht war ein bleiches Oval ohne besondere Ausdruckskraft bis auf die entschlossen zusammengepressten Lippen, die die schlanke Zigarette malträtierten. Dem Verfolger fiel auf, dass er die Frau nur mit Mühe identifizieren könnte, wenn sie sich des Mantels entledigte, dessen marktschreierische Präsenz wie ein Leuchtturm hervorragte.
Seine Versäumnisse wogen nicht weniger schwer, wenn man zu seinen Gunsten in Betracht zog, dass er das Objekt schon eine geraume Zeit verfolgt und niemals aus den Augen verloren hatte. Es war ihm auch gelungen, die Handtasche als hochpreisige Ware zu identifizieren, die sich in ihrer gediegenen Langweiligkeit an das graue Kostüm anpasste, das der monströse Mantel bei jedem Schritt für kurze Augenblicke freigab.
Sie hatten gemeinsam Boutiquen besucht und Kaufhäuser durchwandert, wobei er stets eine respektvolle Entfernung einhielt. Nur ein einziges Mal war er weniger zaghaft gewesen und hatte die Distanz zwischen ihnen rasch verringert, um noch die Duftwolke zu erreichen, die sie aus einem umständlich ausgewählten Probefläschchen in Richtung ihres Halses gesprüht hatte, bevor sie zwischen den Werbewänden ihren Zickzacklauf fortsetzte. Jede Vorsicht außer Acht lassend hatte er unter dem missbilligenden Blick einer maskenhaft geschminkten Verkäuferin genießerisch die sich verflüchtigenden Reste von Nelke und Johannisbeere erschnuppert. Die Frau hatte ihn nicht enttäuscht. Sie hatte weder zu einer unpassenden sportlichen Note gegriffen, die einen jugendlich sehnigen Typus vorzuspiegeln versuchte, noch zu einer blumig unbeschwerten oder gar betäubend vulgären Mischung Zuflucht gesucht, wie es Frauen taten, die im Verblühen begriffen waren und sich eine Ausdünstung schufen, die vorspiegelte, dass auch sie noch vom Leben zum Tanz aufgefordert würden.
Abgesehen von dem unkleidsamen Mantel und der Tatsache, dass sie im Begriff stand, einen erneuten Selbstmordversuch zu unternehmen, verhielt sie sich in der Einkaufsumgebung instinktsicher wie jede andere Frau und blieb von Zeit zu Zeit stehen, um Waren prüfend zu betrachten oder zu betasten. Vielleicht erlahmte ihr Interesse ein wenig zu schnell, vielleicht verrieten ihre Gesten die tiefe Resignation, die sich in ihrem Inneren eingenistet hatte – er hätte es nicht mit Gewissheit sagen können.
Es war mehr eine Ahnung, die aus dem Wissen entsprang, dass die Frau mit dem unpassend zusammengestellten Ensemble aus Kostüm, Mantel und Tasche vor wenigen Tagen ihren Sohn verloren hatte, der sich in einem Moment der Unachtsamkeit von ihrer Hand losgerissen hatte und vor eine Straßenbahn gelaufen war. Eine Zeitung hatte ein Bild von der zusammengesunken Dasitzenden veröffentlicht. Sie hatte ein gelbes Minikleid getragen, das zu dem Anlass, einen Einkaufsbummel zu machen und ihren Sohn in den Tod zu schicken, schlecht gewählt war.
Dieses Mal hatte er die aufsteigende Erregung nicht ignoriert und den Fotografen kontaktiert, der ihm nach anfänglichem Sträuben gegen eine großzügige Vergütung eine Adresse nannte. Für die Welt war der Vorfall eine Momentaufnahme gewesen, die alsbald dem Strudel des Vergessens anheimgefallen war. Anders war es für die Frau im blauen Mantel und ihren Schatten, der getreulich in der Nähe des Reihenhauses mit dem unfertigen Garten wartete. Sie war die einzige Bewohnerin und er hatte keine Sorge, dass er sie nicht erkennen würde.
Er wusste, dass er lange warten würde, denn die Frau hatte sich noch am Unfallort mit einer Nagelfeile die Pulsadern aufgeschnitten, ohne sich um die Überreste ihres Kindes zu kümmern. In ihrer Betäubung war sie handlungsfähig geblieben und hatte die Konsequenz gezogen, bevor man sie versorgte und am Abend in die Obhut ihres geschiedenen Mannes übergab, der sein überhebliches Lächeln gegen eine Miene feindseliger Besorgnis eintauschte. Ein zweites Bild zeigte sie schweigend gegeneinander gelehnt wie erschöpfte feindliche Kämpfer, die sich auf eine Waffenruhe geeinigt hatten. Schon am nächsten Tag fuhr ein Krankenwagen vor dem Haus vor und entführte die von Beileidsbesuchen und einem Medikamentencocktail zu Tode Geschwächte auf die Intensivstation eines Krankenhauses, wo man die zum Selbstmord Entschlossene reanimierte.
Was ihn fesselte, war die Geduld, mit der die Frau ihre systematische Selbstzerstörung betrieb. Sie war erfüllt von einer zähen Sturheit, die ihre Handlungen diktierte und ein Aufweichen der bürgerlichen Konventionen nur an den Rändern der Existenz zuließ, wo es um passende Kleidung oder gesellschaftlich akzeptierte Verhaltensmuster ging. Er sah den blauen Mantel und die unangezündete Zigarette als Indizien an. Ganz sicher war er sich seiner Sache, als keine der Stationen, die sie bei ihrer Stadtbegehung gestreift hatten, Kaufinteresse auslöste. Natürlich hätte es geholfen, wenn sich die Frau im blauen Mantel auffällig verhalten hätte, wie jene es tun, die ihren Verstand auf eine publikumswirksame Art verlieren und sich laut klagend in Fußgängerzonen ihrer Kleidung entledigen, sich die Haut zerkratzen oder sinnlos alkoholisiert vor sich hin brabbeln.
Die äußerlich Funktionalen jedoch, die mit einer stupiden Effizienz zerbrachen, ohne eine Scherbe zu verlieren, waren schwer aufzuhalten, denn sie verhielten sich allenfalls ein wenig sonderbar wie vorübergehende Randexistenzen, denen man zutrauen konnte, dass sie sich bald wieder fangen würden.
Die Frau im blauen Mantel hatte ihren Weg fortgesetzt und strebte einer Stichstraße zu, die sie an einigen Antiquitätenläden vorbei zur lärmenden Betriebsamkeit der Hauptstraße bringen würde. Er konnte sich nur schwer aus seinen Gedankengebäuden lösen und war froh, dass er ihr wegen der beinahe erfolgten Enttarnung ohnehin einen Vorsprung gewähren musste. Aus den Augenwinkeln verfolgte er den Mantel. Er drehte sich einmal um die Achse wie ein Tourist, der sich nicht sicher ist, auf welchem Weg er seinen Müßiggang fortsetzen soll und schaute wieder in ihre Richtung. Die Gasse lag wie ausgestorben da. Er verfiel in einen hektischen Trab und stieß gegen einen Stapel Bücher, die ihre fleckigen Einbände präsentierten wie Wundmale. Er fluchte. Der ältliche Ladenbesitzer schüttelte hinter seinem Rücken mit geübter Geste eine Faust und stimmte ein undefinierbares Gezeter an, als seine Schätze auf die Erde polterten. Hektisch blickte er um sich. Er hatte sie verloren.
Frustriert stocherte er mit einer Hand hinter sich herum, bis er mit dem wackligen Büchertisch Kontakt hatte, der ihn daran zu hindern wagte, die Früchte seiner mühevollen Arbeit zu genießen. Ohne seinen Blick von den reglosen Schatten der Gasse abzuwenden, stieß er in den verbliebenen Bücherstapel hinein, der sich in schiefer Formation auf der Sperrholzplatte festkrallte. Zwölf Bände einer bei Touristen beliebten Esoterikreihe von zweifelhaftem intellektuellem Niveau rutschten über die Kante des provisorischen Tisches. Mit einem Wehlaut raffte der Antiquar, der seine zur Verkaufsförderung zur Schau getragene gelassene Bohemien Attitüde verlor, die Druckwerke an sich, kaum dass sie den Boden berührten. Er strich über ihre gekrümmten Rücken und inspizierte ihre Seiten, nicht ohne giftige Blicke in den Rücken des rücksichtslosen Fremden zu senden und halbherzig Verwünschungen zu murmeln, die aus merkantilen Gesichtspunkten die naheliegende Forderung nach Schadensersatz beinhalteten.
Die Wut des Verfolgers war noch nicht verraucht. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen, ohne sich um den Alten zu kümmern oder daran zu denken, dass die ersten Gaffer in die Gasse schauten, um sich das Schauspiel nicht entgehen zu lassen. Die Frau musste den Augenblick der Unaufmerksamkeit genutzt und sich im Laufschritt entfernt haben, als er sich noch gockelhaft drehte. Ein Windstoß fegte an den unscheinbaren Läden entlang und trieb Papier und Laub vor sich her wie eine Lumpenarmada. Der Verkehrslärm der nahen Hauptstraße schwoll in unregelmäßigen Abständen zu einem dissonanten Klangbrei an und zerfiel wieder in gut unterscheidbare Melodien aus Rattern, Klingeln und Hupen.
Der Verfolger schaute im Vorwärtsgehen nach oben, als könnte der schmale Ausschnitt aus jagenden Wolkenformationen eine Quelle der Inspiration sein. Er fühlte, wie die Niedergeschlagenheit in seinen Körper kroch, und spürte die tiefe Müdigkeit, die die Reste von Adrenalin verdrängten.
Die Hand war ansatzlos aus dem Halbdunkel eines Treppenabsatzes geschnellt und hatte ihm eine schallende Ohrfeige versetzt. Er hielt sich sein Gesicht und rieb sein Ohr, während sich Taubheitsgefühl und Scham ein Stelldichein gaben. Die energische Hand holte erneut aus und hielt inne, als sie gewahr wurde, dass sich der Gezüchtigte in einem Reflex ängstlich duckte und hinter seinem angewinkelten Ellenbogen unzureichenden Schutz suchte. Die Hand sank herab und der blaue Mantel löste sich aus dem Hauseingang. Das ovale blasse Gesicht der Frau schwebte die ausgetretene Sandsteintreppe herab und beugte sich zu dem Gesicht des Mannes. Die Zigarette war verschwunden.
Die Augen der Frau waren grau und intensiv. „Perverser“, sagte der Mund und betonte jede Silbe mit schneidender Schärfe. Er sagte es noch einmal, dieses Mal lauter und bestimmter. Das böse Wort prallte gegen eine gelbliche Hauswand und füllte die Gasse mit seinem Klang. Der Ladenbesitzer griff es eilfertig auf, ohne der Frau zu Hilfe zu eilen. Mit in die Hüften gestemmten Ärmchen wiederholte er eifrig nickend „So ein Perverser“, als ob die plakative Anschuldigung die Erklärung für vieles wäre, was jemandem an einem solchen Tag widerfahren könne. Neugierige Passanten kamen vorsichtig näher, um die Szenerie in Augenschein zu nehmen. Jemand rief nach der Polizei. Erste Andeutungen von einer versuchten Vergewaltigung machten die Runde. Der Antiquar hob den näher Tretenden eine Auswahl Bücher entgegen. Mit Perversen verkaufte man Bücher.
„Tun Sie es nicht!“
Es war mehr ein Flüstern, tonlos und brüchig. Noch immer seine Wange massierend wiederholte er sich in bittendem Tonfall, als müsse er in der Anzahl der Äußerungen mit ihr gleichziehen.
Ihre Haltung änderte sich und das Leben in ihren Augen erlosch. Ohne ein Wort wehte ihr Duft an ihm vorbei, der Mantel streifte seinen Kopf. Er wagte es nicht sie festzuhalten. Seine linke Hand hatte sein Mobiltelefon ertastet, aber es war zu spät, das Foto zu machen. Es wäre ein annehmbares Foto gewesen, en passant aus der Hüfte geschossen, mit ihren zu Eis erstarrten Gesichtszügen und einem Teil des Mantelkragens als Motiv. So aber blieb ihm nichts weiter als die öffentliche Demütigung und das Gefühl des Versagens. Die Frau im blauen Mantel gehörte ihm nicht mehr. Er würde nicht zu einem neuen Versuch ansetzen, denn er hatte das unsichtbare Band zwischen ihnen zerstört. Die Zeit verrann ungenutzt.
Das Kreischen der Straßenbahn übertönte die gellenden Rufe, die die Hauptstraße in Aufruhr versetzten. Verwirrt erhob er sich und schüttelte seine Benommenheit ab. Martinshörner mischten sich mit ihrer penetranten Zweitonmelodie in die Geräuschkulisse ein und übernahmen die Vorherrschaft. Er stürzte vorwärts. Eine schwache Sonne wetteiferte mit pulsierenden blauen Lichtern, die Notfallmedizinern und Polizei ihre Autorität verliehen.
Mit groben Armbewegungen zerteilte er eine reglose Menschenmenge, die beständig zunahm und einen Halbkreis um ein Knäuel von Schienensträngen bildete. Hände überdeckten zum Zeichen des Entsetzens die Münder und ein gut gekleideter Mann besaß den Anstand, aus Ehrerbietung seinen Hut zu ziehen. Sein dünnes graues Haar zauste im auffrischenden Wind.
Ein Notarzt nahte von der anderen Seite. Die grell orangefarbenen Streifen auf seiner Jacke leuchteten voller Hoffnung, während sein Gesicht ausdruckslos und professionell war. Einige Polizisten versuchten die Menge zurückzudrängen. Ohne Murren folgten sie mit einiger Verzögerung den lauten Anweisungen der Ordnungshüter, um an anderer Stelle wieder in die Gafferstellungen zu drängen wie ein gärender Teig.
Der Verfolger aber trat mit gemessener Autorität an den blauen Mantel heran, der von den stählernen Radreifen der Bahn mit tonnenschwerer Zärtlichkeit festgehalten wurde. Er schwenkte mit geistesabwesender Geste seinen Bibliotheksausweis, um den Eindruck zu verfestigen, dass er in offizieller Ermittlungsfunktion und nicht als sensationsgieriger Leichenfledderer am Ort sei. Niemand würde dies in einem solchen Moment infrage stellen. Und mehr als einen Moment würde er nicht brauchen.
Die Frau im blauen Mantel lag in der Pose einer Gekreuzigten unter der Straßenbahn, die sie noch ein Stück mitgeschleift haben musste. Der Notarzt sah sich nach seinen Helfern um, denen er rasche Befehle zubellte. Infusionsbeutel und dickbäuchige Plastikkoffer wurden herbeigeschleppt. Der Verfolger beugt sich nach vorn. Er hatte keinen Blick für den abgetrennten Fuß, der noch im unversehrten Schuh stak. Er interessierte sich nicht für die unnatürlich verkrümmte Haltung der Schwerverletzten. Er war immun gegen die hastige Stimme der Marktfrau in seinem Rücken, die ihrer schockierten Nachbarin zum wiederholten Mal versicherte:
„Sie ist mit ausgebreiteten Armen vor die Straßenbahn gelaufen. Mit ausgebreiteten Armen, als wolle sie sie umarmen.“
Er interessierte sich nur für das Gesicht der vom Tod Gezeichneten, bevor ihre Züge hinter einer Sauerstoffmaske verschwinden würden.
Mit geschäftsmäßiger Routine und ohne den Kopf zu heben, blaffte ihn der Arzt an, er behindere die Rettungsmaßnahmen, wenn er hier herumlungere. Es gäbe noch nichts zu ermitteln. Er zeigte alle Anzeichen einer in vielen Einsätzen geübten Empörung, die keine weiteren Konsequenzen haben würde.
Mit einem Seitenblick vergewisserte sich der Verfolger, dass die Aufmerksamkeit der Menge auf eine lärmend heranrückende Journalistenmeute gerichtet war. Der Verkehr war vollkommen zum Erliegen gekommen. Die weiter hinten eingekeilten Autofahrer hupten ihren Zorn quer über die breite Straße. Eine bleigraue Wetterwand hatte sich vor die Sonne geschoben und es begann unaufgeregt zu nieseln. Dünne Regenfäden luden ein Heer verschiedenartiger Schirme dazu ein, sich wie ein Flickenbaldachin über die wartende Menge zu schieben.
Scheren hatten die Liegende von der blauen Mantelhülle befreit. Das blasse Oval ihres Gesichtes war nicht in Mitleidenschaft gezogen. Sie stöhnte. Infusionsnadeln bissen sich in ihre Arme. Der Beschatter hatte die Kamera seines Mobiltelefons mit steifem Arm auf sie gerichtet und drückte ab. Ihre Augen trafen sich und er sagte so laut er es wagte:
„Tun Sie es nicht … ohne mich.“ Er wiederholte sanft: „Ohne mich, hatte ich vorhin gemeint.“ Sie schloss die grauen Augen. Sie schien keinen Schmerz zu verspüren. Auch der Ausdruck von Trauer und Bitterkeit war aus ihrem Gesicht gewichen. Als sie die Augen öffnete, lächelte sie.
Es war ein denkbar ungeeigneter Moment für eine Erektion, aber es gelang ihm sie zu ignorieren. Es war ein Moment der Zwiesprache mit einer fußlosen sterbenden Frau, die jeglicher Würde beraubt in einem besudelten grauen Kostüm inmitten zerschnittener Streifen eines geschmacklosen blauen Mantels in einem schmutzigen Gleisbett lag und Buße tat für den Tod ihres kleinen Jungen. Der Mann mit dem Mobiltelefon griff nach seinem Werkzeug. Das handliche Teppichmesser in der Hand, trat er rasch einige kleine Schritte näher und bückte sich. Die Sanitäter hielten irritiert inne, als er ein herrenloses Stück Saum des Mantels an sich zog und mit einem kräftigen Schnitt einen Teil davon abtrennte.
Das Unfallopfer war zum Abtransport bereit. Sie hatte viel Blut verloren. Der Mann mit dem Teppichmesser hatte eine letzte Aufgabe zu erfüllen. Ohne sich um die ärgerlichen Zwischenrufe der Sanitäter zu kümmern, tastete er nach dem Probefläschchen des Parfums, das die Frau im blauen Mantel im Kaufhaus ausprobiert hatte. Er hatte es unbemerkt eingesteckt, ohne zu wissen, wofür er es brauchen würde. Jetzt wusste er es. Der Nieselregen und der Tod hatten den angenehmen Geruch der Frau weggewischt. Es roch feucht und erdig und nach Vergänglichkeit. Der Mann wischte sich die Regenspuren aus der Stirn.
Er lief dicht neben der Trage her und es gelang ihm, das kleine Gefäß über ihren Oberkörper zu halten. Der Sprühstoß blieb fast unbemerkt, zumal es einigen Journalisten gelungen war, die löchrige Absperrung zu überwinden und mit Kameras und Mikrofonen bewaffnet am Maul des Krankenwagens zu ihnen zu gelangen. Befriedigt ließ sich der Mann aus der Phalanx der Nachrichtenhändler herausfallen. Es roch nach Nelken und Johannisbeere. Lediglich einer der Sanitäter, der mehrfach versucht hatte den Arm des Mannes zur Seite zu drücken, glaubte zu wissen, was geschehen war und rief wütend über seine Schulter hinweg:
„Du Perverser!“
Der Mann lächelte und drehte das Stück blauen Stoff zwischen seinen Fingern, während er mit weit ausholenden Schritten davonlief. In Zukunft würde er seine Sache besser machen.
II.
Sie sah auf ihre Hände. Sie lagen vor ihr wie zwei Fremdkörper, rot aufgedunsen und knotig, als ob sie sich in harter Fron Erfrierungen, rheumatische Verformungen und eine schorfige Haut erarbeitet hätten und jetzt ihren Ruhestand genössen. Die eingekerbten Fingernägel waren kurz geschnitten und hatten schon lange keine Feile mehr gesehen. Sie waren bäuerlich breit, aber die Nagelbette präsentierten sich sauber geschrubbt hinter milchigen Halbmonden.
Die Finger trommelten nervös auf die graue Tischplatte. Bläuliche Venen rollten auf den Handrücken. Die Hände waren erst Mitte dreißig, genau wie die Frau, die steif auf einem Stuhl saß und auf ihre unruhigen Finger herabsah, die keinem bestimmten Rhythmus folgten. Die Frau und ihre Hände hielten sich in einem kleinen Raum auf, einer spärlich eingerichteten Zelle, nur mit dem Nötigsten ausgestattet. Es war nicht klar, ob es ihnen bewusst war, dass sie sich im Gefängnis befanden, denn sie waren in ihre eigenen Welten versunken, die Hände in eine Welt leichter Erschütterungen, die sich beruhigend fühlbar über ihre Haut fortpflanzten und die Frau in eine Welt, die im Wesentlichen aus zwei Briefen bestand, die sie von einer Aufseherin erhalten hatte.
Selbstverständlich hatte sie nach der Dokumentation, die in einem anspruchsvollen Nachtprogramm eines überregionalen Fernsehsenders ausgestrahlt wurde, körbeweise Post bekommen, die von der Gefängnisleitung mit zähem Missvergnügen zensiert und missbilligend weitergegeben wurde, bis das Interesse an ihrer Person auströpfelte und nur noch die Straffälligenhilfe ihren zweifelhaften Prominentenstatus durch vermehrte Hilfsangebote anerkannte.
Man hatte die Bilder mit erigierten Schwänzen, die emotional gestörten Elegien spät pubertierender Männer, die kommerziellen Angebote dubioser Verlage und Filmgesellschaften zur Vermarktung ihrer Lebensgeschichte und viele andere außergewöhnliche Ergüsse sorgfältig gefiltert, geschwärzt und entfernt, bis die Zensur einen leicht verdaulichen Einheitsbrei fabriziert hatte, der ohne Schaden an die Inhaftierte zur weiteren Verdauung weitergereicht werden konnte.
Sie hatte sich Zeit genommen und die Umschläge studiert, denen ein automatischer Öffner Gewalt angetan hatte. Manche der Umschläge waren cremefarbig und schwer. Zumeist trugen sie Sondermarken in Form farbenprächtiger Vögel, imposanter Schiffe oder ernst blickender Persönlichkeiten, von denen sie keine erkannte.
Missfallend ballten sich die Hände, wenn sie auf plakative Unterstreichungen oder fett gedruckte Worte fielen, die das besonders betonte Attribut vollkommen unglaubwürdig machten und ein verächtliches Fingerschnippen ernteten Streichungen, die den Autor der Zeilen als wankelmütigen Wortklauber ohne Verve entlarvten.
Schließlich hatte sich der Postberg auf ein kleines Häuflein versprengter Briefe reduziert, die wieder in ihren Hüllen staken und ungeduldig warteten, dass sie mit einer Antwort gewürdigt wurden. Die Frau allerdings wartete mit akkurat nebeneinander abgelegten Händen. Sie hatte das Warten perfektioniert, denn es war alles, was ihr vom Leben verblieben war. Ihre Leidensgenossinnen im Trakt gingen an ihrer offenen Zellentür vorbei, ohne ihre Neugier offen zur Schau zu tragen, denn sie wussten um ihre Verfassung und ihre Fähigkeit das in sich gekehrte Brüten in ein aggressives Zischen zu verwandeln, das von einem bösartigen Starren begleitet wurde.
Ansonsten war die Frau ein Geist in Anstaltskleidung, die sich in das Unvermeidliche fügte und die unbeugsamen Regeln einhielt, die den Alltag beherrschten. Sie zeigte wenig Regung und antwortete einsilbig und nichtssagend, wenn jemand das Wort an sie richtete. Nach ihrer Inhaftierung war sie von einer schlanken Frau zu einer hageren mutiert, die außer einer unparfümierten Fettcreme keine Kosmetika benötigte. Dennoch war sie von einer unterschwelligen Schönheit, die sich erst auf den zweiten Blick erschloss, wenn ihre schwarzen Haare einen langen Hals freigaben oder ihr abgewandtes Gesicht ein Profil offenbarte, das man bei vielen Mannequins schon einmal gesehen zu haben glaubte.
Wäre ihre Beckenpartie nicht eine Spur zu breit gewesen, um den knabenhaften Modelmaßen zu entsprechen, wäre sie geradezu perfekt gewesen. Eine Vorsehung hatte für die Frau einen solchen Weg nicht im Sinn und so kam es, dass sie vor einigen Jahren nach einer großen Tasse Kakao ihre erste alte Frau umbrachte.
Als der zweite Brief des gleichen Absenders eintraf, erwartete sie ihn mit einer scheinbar ruhigen Gelassenheit. Lediglich ihre Hände, die für den gesamten Rest des Körpers Strafarbeit zu verrichten schienen, verknoteten sich ineinander und straften ihre stoische Ruhe Lügen. Aus der kargen Auswahl potenzieller Brieffreundschaften war niemand verblieben, der ihr Schweigen als Aufforderung zu einem erneuten Versuch begriff. Alle hatten kapituliert bis auf den einen, der sein erstes Anschreiben mit einer selbst gemalten, unbeholfen wirkenden Lakritzschnecke verziert hatte. Neben wohlgesetzten höflichen Worten, die weder in ihren Intimbereich drängten, noch abgedroschen oder mitleidig wirkten, teilte er nur mit, dass er seine demenzkranke Mutter pflege und seine wahre Berufung nach frustrierenden Studien- und Berufsjahren in der Süßwarenindustrie gefunden habe.
Die Lakritzschnecke verbarg sich am oberen Rand des Briefes unter einem Passbild, das einen gutmütigen Blonden mit Nickelbrille und wachen Augen zeigte. Die vollen Wangen lächelten gehorsam dem Objektiv der Kamera entgegen und gehörten sicher zu einem wohlgenährten Körper, der eher vordergründigen Vergnügungen nachging als sich asketisch zu kasteien. In einer ersten Reaktion schlug die Frau eine Hand vor ihren Mund und verzog das Gesicht zu einem Grinsen, als sie die Zeichnung unter dem Bild entdeckte. Ihre hohen Wangen glühten und die dunklen Augen flogen über die Zeilen des Briefes bis zu der Stelle, an der der Mann schrieb, die Schnecke sei ein Ersatz, falls das Bild abhanden gekommen sei. Er offerierte keine weitere Erklärung für seine sonderbare Auswahl und Handlungsweise, sondern schilderte mit viel Enthusiasmus seine Hingabe an die immense Vielfalt von Süßigkeiten und deren segensreiche Gabe, das Glück in die Gesichter von Kindern und Erwachsenen gleichermaßen zu zaubern.
Ohne sie wie die meisten anderen aufzufordern, bestimmte weitere morbide Details über ihre Karriere als Mörderin preiszugeben oder stark verfrühte Hingabegelübde vor ihr auszubreiten, ihren straffen Körper betreffend, schloss er seinen Brief lediglich mit dem Satz: „Ich kann Sie verstehen. Meine Mutter leidet an Alzheimer. Bestimmt verstehen Sie auch mich.“
Sie hatte dem Impuls widerstanden, über die Herstellung von Lakritz nachzudenken oder dem Geheimnis des bittersüßen und auch salzig herben Geschmacks der schwarzen Delikatesse mithilfe der beschränkten Mittel der Leihbücherei nachzugehen. So war sie schon immer gewesen und sie hatte bereits als Kind gelernt, diesen Hang zur Besserwisserei zu bedauern.
„Das Mädchen ist verrückt“, seufzte die Mutter, wenn sie Fragen über den Inhalt der Höcker der Kamele stellte. „Das Kind ist verrückt“, zuckte der Vater mit den Achseln und bediente sich aus einer Flasche Korn, die so unweigerlich zu ihm gehörte wie seine übrigen Gliedmaßen. Auf die eindringliche Frage, wie wohl der Mond rieche, wusste er keine Antwort. „Da kommt die Verrückte“, unkten die Schulkameraden, wenn das hoch aufgeschossene Mädchen mit Zahnspange im Biologieunterricht zu dem Thema referierte: „Das partnerschaftliche, instinktgelenkte Jagdverhalten von Zackenbarsch und Muräne am Rande der Korallenriffe.“ „Du kannst einen wirklich verrückt machen“, stöhnte ihr Mann, wenn er nach ihr griff, um seinen Anspruch auf den Vollzug der ehelichen Pflichten zu demonstrieren und sie sich mit einem geübten Manöver entwand, auf seine brennende Zigarette wies und ihn mit ernstem Unterton fragte, ob er dem Forschungsergebnis glaube, dass 221 Gene den Unterschied zwischen Rauchern, die aufhören können und solchen, die scheitern, ausmachen.
Und so war es mit ihr geblieben. Alles, was sie hörte und las, musste sie auf Waagschalen legen, in einen Fragenkokon einspinnen, drehen und wenden wie einen wertvollen Stein, der durch das Schleifen mit Wissbegierde und das Polieren mit Wahrheit erst den richtigen Glanz erhielt.
Fast hätte sie diese Prozedur auch der Lakritzschnecke angedeihen lassen. Vielleicht hätte sie es noch getan, weil sie es gewohnt war, keine Antworten von anderen zu erhalten. Und dann kam der zweite Brief.
Er war im gleichen vertraulichen Plauderton gehalten, als hätte sich die Frau nicht in Schweigen gehüllt, das leicht als Ablehnung verstanden werden konnte. Ohne belehrend zu wirken, ließ der Schreiber einige Ideen zur Lakritzherstellung folgen und reicherte die bekannten Tatsachen zur Verwendung der Süßholzwurzeln mit kleinen Anekdoten an, die sich um die Zugabe von Salmiak in nordischen Ländern bis zur Befürchtung, die Nascherei rufe wegen ihrer hormonähnlichen Struktur Impotenz hervor, rankten. Zwischen zwei Abschnitte des Briefes hatte sich die Zeichnung einer Nase geschmuggelt, die bei der Leserin einen Heiterkeitsausbruch auslöste, den sie erst unterdrückte, als sie sich beobachtet fühlte. Sie kramte das Passbild des Mannes hervor und konnte genau erahnen, wie seine Augen schalkhaft blitzten, als er die Nase als Symbol des überragend wichtigen Geruchssinns für die Süßwarenherstellung einfügte. Sein Name war Mark und der Vertrieb von Süßigkeiten passte zu ihm.
Sie glaubte nicht, dass sich der Schreiber tief greifende Gedanken über ihre Gefühlswelt und Befindlichkeiten gemacht hatte. Er schien von einem Mittelungsbedürfnis beseelt zu sein, das sich mit ihren Informationsinteressen deckte, denn er fabulierte in lockerem Ton und ohne Angst, die Angeschriebene zu langweilen oder abzustoßen. Ernster wurde sein Stil, als er erneut auf die Motivation zu sprechen kam, die ihn dazu gebracht hatte, sie anzuschreiben.
Schnörkellos verzichtete er auf die üblichen Beteuerungen, dass er kein verschrobener Sonderling sei, der den Kontakt mit einer Gefangenen als besonderen Kick erlebte. Er wies auch kein Helfersyndrom auf, das viele Gutmenschen auszeichnete, die sich gesellschaftlich engagieren wollten und sich heute für die Rettung der Flussauen, morgen für den in seiner Existenz bedrohten Feldhamster und später für die Resozialisierung von Strafgefangenen einsetzten. Solche Menschen waren edel und sie wollten, dass dieses Prädikat öffentlich bekannt wurde, um sich in aller Bescheidenheit damit schmücken zu können.
Mark dagegen war erfrischend anders. Er erwähnte die Dokumentation des Fernsehsenders und schilderte die Schlüsselszene, die ihn dazu gebracht hatte, ihr zu glauben. Die Einstellung war eine Halbtotale, die die Frau in der Wäscherei zeigte. Ihre Hände hantierten ungeschützt mit einer Lauge und schweren Bottichen. Ihr Gesicht war friedlich und die Schatten des Verlustes ihrer Existenz umgaben sie wie Gespenster der Vergangenheit. In den feuchten Dunst hinein kommentierte ein Sprecher die Geschehnisse in dem Altenheim in kirchlicher Trägerschaft, das die bürgerliche Gesellschaft erschauern ließ und die Sensationsgier vieler befriedigte.
Wochenlang zeigten die Nachrichtensender die gleiche Verhaftungsszene. Zwei Polizisten und mehrere wichtig aussehende Männer in Zivil führten die Altenpflegerin in Handschellen ab. Ihr Kopf war gesenkt, aber man konnte erahnen, dass sie eine Schönheit war. Aus ihren leicht erhobenen Händen, die noch schwanenweiß und jungfräulich wirkten, machten die Gazetten die bittende Geste einer Verzweifelten, obwohl sie nur nach einer Zigarette gefragt hatte und dabei war, diese entgegenzunehmen. So wurde sie in ständiger Wiederholung bis zu ihrem Prozess in einer Endlosschleife derselben Aufnahmen verhaftet. Ihre Hände hoben sich immer aufs Neue der Zigarette entgegen. Die Verhaftete wurde dieser Sequenz bald überdrüssig, die sie zu einer öffentlichen Person und dem ‚Todesengel‘ machte, bildlich reduziert auf zwei gefesselte Hände, die sich wie Komplizen der Presse in das Bild schoben, das für sich in Anspruch nahm, die ganze Wahrheit zu erzählen. In der Haft würde sie die vorwitzigen und gedankenlosen Hände mit harter Arbeit und Nichtachtung strafen, denn sie warf ihnen Verrat und Illoyalität vor.
Acht Heimbewohner waren während der Schichten des Todesengels ums Leben gekommen. Es waren allesamt Frauen, schwere Pflegefälle mit leeren Augen und verwirrten Gesichtern. Man schätzte, dass die Pflegerin Dutzende alter Menschen umgebracht haben könnte und nahm umfangreiche Exhumierungen vor. Eine Überprüfung ergab, dass erhöhte Mengen an Insulinen, Neuroleptika und Tranquillantien aus den Beständen des Altenheims angefordert wurden, wenn der Todesengel Schicht hatte, ohne dass medizinische Notwendigkeiten vorlagen. Eilig herbeizitierte Experten überschlugen sich in Wertungen und Kalkulationen, stellten für die Kameras tödlich wirkende Medikamentencocktails zusammen und schwelgten in der Motivsuche, nur um zu dem Schluss zu kommen, dass man es mit einem Monster in Engelsgestalt zu tun habe.
Der Todesengel stritt nicht ab, die Demenzkranken, die Hinfälligen und Bettlägerigen besonders intensiv betreut zu haben. Gefasst schilderte sie ihre Zuneigung zu ihren Schutzbefohlenen, die umso mehr zunahm als sie hilfloser und schwächer wurden.
Was blieb ihr anderes übrig als die körperlich agile Alzheimer Patientin mit Gummischläuchen an ihr Bett zu fesseln, die beständig auf der Wanderschaft war, medizinische Geräte mit der immer gleichen Bemerkung „Geht nicht, geht nicht!“, ausschaltete, auf Notknöpfe drückte und sich in fremde Flure verlief, bevor sie mit einem markerschütternden „Geht nicht, geht nicht!“, schluchzend in ihr Zimmer abgeführt wurde.
Wer konnte eine bessere Lösung für die Gehbehinderten und durch Dekubitus Geschädigten finden als das Anlegen von Windeln, in die sie sich erleichtern konnten, so oft sie wollten, bis die richtige Zeit gekommen war, die besudelten Beweise ihrer Inkontinenz in Reichweite moderner und heller Bäder von den nörglerischen Alten zu reißen und fahlgelbe, rissige Haut und wund gescheuerte Stellen mit Schwämmen und Tüchern zu reinigen. Man hatte die Handgriffe perfektioniert, packte Gelenke, drehte Extremitäten und ignorierte das undankbare Gejammer der infantilen Alten, die zappelten und strampelten wie ungehorsame Kinder.
Wie konnte man individueller auf unbotmäßiges und aufsässiges Verhalten reagieren, als die Schnabeltasse mit Tee außerhalb der Reichweite der dehydrierten Rollstuhlfahrerin zu stellen, die mit zeternder, durchdringender Stimme zur Unzeit forderte, dass man ihr Kissen aufschüttele, das sie als Rückenstütze benutzte, dabei aber die Agilität besaß, jeden erreichbaren Gegenstand mit ihrem Kot zu beschmieren, um ihren Standpunkt zu untermauern.
Wie anders war ein geregelter Ablauf möglich, als die besonders Aufsässigen mit Medikamenten ruhig zu stellen und sie von geifernden, nach Menschenmüll stinkenden Ungeheuern zu verzückt sabbernden fügsamen Alten zu machen, denen man nicht gram war und die man frisierte, wusch und fütterte, wie es der Plan vorsah.
Was war dagegen einzuwenden, den Widerstand der fetten Cholerikerin mit der Magensonde durch das Anlegen von Bauchgurten zu brechen, die mit hervorquellenden Augen und Wahnsinn in der überschnappenden Stimme ihre Obszönitäten herausschrie und erst aufhörte, ihr Geschlecht zu stimulieren, wenn man ihr einige Ohrfeigen zur Ernüchterung verabreichte.
Der Todesengel war viel zu klug, um sich in diesem Sinne zu äußern. Eine zu große Dosis Wahrheit macht unsympathisch und nutzte niemandem. Besser war es, die in der Hauptverhandlung gezeigte Haltung zu perfektionieren und trotz offenkundiger depressiver Kraftlosigkeit die volle Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen.
All das kam in dem einen von ihr selbst geäußerten Satz in der Filmsequenz aus der Waschküche der Haftanstalt zum Ausdruck. Ihre Haltung straffte sich und ihr entschlossener Mund schloss einen Pakt mit ihren Augen, die ihre nachdenkliche Sanftheit verloren hatten. Ihre Hände verbarg sie auf dem Rücken. „Ich weiß jetzt, dass meine Art der Hilfeleistung gegen das Gesetz war, aber von einem moralischen Standpunkt aus würde ich es noch einmal tun.“ Der Todesengel trat zur Seite und wurde von der Kamera verfolgt. Noch einmal nahm die Frau Stellung. Dieses Mal schoss eine gerötete Hand nach vorne und stach mit dem Zeigefinger zu. „Wer tatenlos zusieht, wie Menschen unrettbar leiden, handelt verwerflich.“ Die Frau machte eine effektvolle Pause. „Mein Leben ist verpfuscht – wenn es aber den Sinn gehabt haben sollte, dass über die Erlösung als Akt der Barmherzigkeit ernsthaft nachgedacht wird, bin ich gerne bereit, den Preis zu zahlen.“ Der Mund schloss sich und wirkte zufrieden. Die Augen nahmen den gewohnten sanften Glanz an und über das Gesicht breitete sich Melancholie.
Genau diese Szene war es, die den Briefpartner von ihrer Aufrichtigkeit überzeugt hatte. Wie oft hatte er die Erfahrung gemacht, dass die mobilen Pflegekräfte, die er für seine Mutter engagierte, überfordert waren. Es hatten sich die Vorkommnisse gehäuft, bei denen fremde Menschen mit einem verlegenen Lächeln oder die Polizei mit einer markigen Ermahnung zu mehr Sorgfalt seine hohlwangige, gebeugte Mutter von einem ihrer Ausflüge zurückbrachten und sie ihn zitternd in die Arme schloss wie einen verloren geglaubten Schatz, um kurz darauf mit Argwohn in der Stimme zu fragen, ob er auch in diesem Haus wohne. Er ahnte wie ein Mensch an einer Aufgabe, die sich täglich vor ihm auftürmte wie ein unüberwindliches Hindernis, zerbrechen konnte.
Die Dokumentation des Fernsehsenders hieß „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“ und verkürzte die Tötungen zu der von Mitleid getragenen, aus einer tiefen seelischen Erschöpfung geborenen Euthanasie. ‚Burn-out‘ war das Modewort der Saison, lediglich überflügelt von ‚Stress‘. Die Dreharbeiten wurden in dem Bewusstsein genehmigt, dass man mit dem Aufdecken alltäglicher Gewalt gegen Ältere ein dringend der Lösung harrendes Problem identifiziert habe. Der Todesengel war eine bestens geeignete Person die Mischung aus emotionaler Leere, täglich neu erlebten Frustrationen und kaum kontrollierbarer Gereiztheit zu verkörpern. Natürlich konnte man die Handlungsweise nicht für Gut heißen, aber verstehen, ja verstehen konnte man sie. Wieder ein Täter, der zugleich Opfer war. Wieder ein Schlachtopfer herzloser Abläufe, diktiert von Einsatzplänen, Pflegehandbüchern, Uhren, Vorgaben und Verwaltungsarbeit.
Niemand wusste von den verschwundenen Gegenständen, die die attraktive Pflegerin mit geduldigem Lächeln oder einem verstohlen zugefügten Schmerz von den Pflegebedürftigen erpresste. Uhren, Geld und Wertpapiere. Es gab nichts, was sie verschmäht hätte, denn sie hatte Zukunftsvisionen, für die sie Geld benötigte. Niemand schenkte den weinerlichen Geschichten der Alten Glauben, die in Angstzustände verfielen, wenn sie der Pflegerin ansichtig wurden und erstarrt verstummten, wenn sie ihnen begütigend über die fahlen Wangen strich, während ihre Augen ihnen den nahen Tod verhießen.
Sie achtete sorgfältig darauf, sich vor dem Verabreichen der Todesspritzen eine Unterschrift unter vorbereitete Dokumente geben zu lassen, die Vermächtnisse für sie aussetzten. Unglücklicherweise konnte sie davon nie Gebrauch machen, da die Erben eine listige Bande raffgieriger Erbschleicher waren, die unter dem Deckmantel familiärer Fürsorge Nachtschränkchen und Schubladen durchwühlten und jeden Ring und jede Brosche beim Namen riefen.
Mehrfach erregte sie den Argwohn spitzzüngiger Verwandter, die mit immer neuen Forderungen das Personal piesackten und sich mit der verschwörerischen Übergabe einer Packung Kaffees oder einer Schachtel Pralinen der besonderen Dienstfertigkeit einer Fachkraft versichern wollten.
Neulich habe die Großmutter noch eine größere Geldsumme in ihrem Nachttisch verwahrt, äußerte eine picklige Göre mit abgeknabberten Fingernägeln und einem penetrant brombeerfarbig geschminkten Mund. Sie riss die Augen auf und ließ die unausgesprochene Anschuldigung im Raum schweben. Wo denn wohl die Brosche abgeblieben sei, fragte zögernd ein wohlerzogener Mann, der älter wirkte als seine Mutter, die zu jedem seiner Besuche ihrer Fesseln entledigt und frisiert wurde. Seine Finger beschrieben einen Halbkreis und er erläuterte umständlich die Porzellanarbeit, die seiner Mutter so viel bedeutete. In Wirklichkeit bedeutete die Brosche dem Wrack aus gelblichen Hautfalten und porösen Knochen nichts, denn sie hatte sich in bunten Träumen verloren, in Welten, die nur Psychopharmaka auslösen konnten, in weit entfernten Welten, die ein Lächeln auf ausgetrocknete Lippen zauberten. Lange nachdem sich der Sohn mit einer liebevoll hilflosen Geste verabschiedet hatte, würde die alte Frau wieder fahrig und verwirrt in die Realität eintauchen, mit welken Händen um sich tasten und kleine Schreie ausstoßen, weil sie sich erinnerte. Dann wurde es Zeit für die Gurte und die erzieherischen Mittel, um sie in den Griff zu bekommen, denn die Abläufe durften unter keinen Umständen gestört werden.
Der Todesengel hatte die Pose der hoffnungslos Überlasteten perfektioniert und schenkte den Angehörigen, die Ihre Unsicherheit hinter einer Mischung aus Aggressivität und Hilflosigkeit verbargen, achselzuckende Sympathie. Sie entkrampfte deren schlechtes Gewissen mit beruhigenden Bemerkungen, die sie mit Anteil nehmender Schwermut und einer Portion Fachbegriffe würzte. Wie ein verständiger Dozent berührte sie verspannte Arme und drehte starre Rücken in die Richtung eines Zimmers, in denen Bewohner wie mumifizierte Puppen saßen und lagen, einige geschäftig murmelnd, andere mit abwesendem Blick. Sie verstand sich auf die Erläuterung der Krankheitsbilder, die das Alter mit sich brachte und warb für Verständnis, dass die flehentlichen Bitten der Alten, ihre Wahnvorstellungen und Erpressungsversuche Teil eines normalen Ablaufes waren, dem man mit Nachsicht und einer gnädigen Ignoranz begegnete.
Sämtliche Klagen über Misshandlungen und Vernachlässigungen seien widerlegbar. Dabei pflegte sie gewichtig auf das Pflegehandbuch zu klopfen, dessen Standards peinlich genau eingehalten würden. Allein die Wahrung der Würde der ihnen Anvertrauten sei entscheidend, weshalb man den Pfleglingen so viel Freiraum gewähre wie nur irgend möglich. Mit einem peinlich berührten Gesichtsausdruck räumte sie dann ein, dass diese Zugeständnisse auch zu Gefährdungen führen können. Friedliches Spiel könne zu kreischendem Zank ausarten. Manche Bewohner nutzten unbewachte Augenblicke, um sich in fremde Zimmer zu stehlen und Gegenstände zu entwenden. Bei einem alten Mann, der seinen Bewegungsdrang auf dem kahlen Stationsflur in langen Märschen auslebte, habe man eines Tages in einem getarnten Schrankwinkel einen Vorrat an Klistieren und Nierenbecken entdeckt, die schon lange als Totalverlust abgeschrieben worden waren.
Zumeist tauchten Wertgegenstände wieder auf, beruhigte sie die Aufgebrachten mit einem Augenzwinkern. Dennoch häuften sich Nerven zehrende Beschwerden, die sie unsicher werden ließen und ihren Spielraum einengten.
Sie wollte die Brosche bei einem Juwelier in einer Nachbarstadt schätzen lassen. Selbstbewusst hatte sie das Schmuckstück als Familienerbstück deklariert und war von dem Stirnrunzeln des glattgesichtigen Juweliers überrascht worden. Mit höflicher Skepsis stellte er Fragen nach der genauen Herkunft der seltenen Preziose, ignorierte mit einem wissenden Hüsteln ihre gestammelten Erklärungen und gab die Kostbarkeit der errötenden Frau ohne weitere Erläuterung zum Wert der Brosche zurück. Mit formvollendeter Geste komplimentierte er sie aus der Enge seines Geschäftes hinaus und gab der schlanken Gestalt den unerwünschten Rat mit auf den Weg, sich doch zuerst über die Eigentumsverhältnisse klar zu werden, bevor sie zu einem Verkauf schritte. Die albernen Glöckchen des Türsignals klingelten noch lange in ihren Ohren und sie musste sich zusammenreißen, um nicht fluchtartig davon zu stürzen.
Mithilfe einer abgewandelten Medikamentengabe vermochte sie es, die Halluzinationen der Heimbewohnerin, die weder ihren umständlichen Sohn noch die Brosche vermisste, zu verstärken und die lauernden Schatten aus den Zimmerecken und Gangkrümmungen zu beschwören, sich mit der weißhaarigen Alten zu befassen, die die Schattenrissdämonen auf sich zukriechen sah und ihre gefesselten Arme vergeblich zu ihrem Schutz nach oben schlagen wollte, bis ihr Herz stehen blieb.
Der Todesengel fand für jeden Patienten die eigene ihm angemessene Behandlung und mehrte mit Disziplin und Fleiß ihre Bargeldbestände und barg herrenlosen Schmuck in einem hübschen Kästchen.
Es waren nicht die Tode der alten Menschen gewesen, die die Untersuchungen auslösten, sondern eben dieses Kästchen und ihre Hände, die sie nicht mehr von ihrem Tun abhalten konnte, nachdem sie einmal von dem Plan erfahren hatten. Ihre Erinnerung an den Vorfall war erstaunlich verschwommen. Sie war nach Hause gekommen wie immer, war übel gelaunt und erschöpft die Treppe zu der Eigentumswohnung hinauf gegangen und hatte den Geruch nach fettigem Essen gegen den Gestank nach gealtertem, lebendem Fleisch eingetauscht. Sie hatte sich unter die Dusche gestellt und sich gewünscht, dass hinter der braunen Tür am Ende des Flurs der geräuschvoll schlafende Männerkörper verschwunden sein möge, der so viel Abscheu in ihr auslöste. Wie immer zögerte sie den Augenblick des Zusammentreffens hinaus und schrie auf, als ihr der Mann, der ihr fremd geworden war, anklagend das geöffnete Kästchen entgegen hielt. Sein irritierter Blick und die fordernde Haltung warteten auf eine Erklärung für den Fund. Er hatte das Geheimfach in dem von den Großeltern vererbten Sekretär entdeckt und bei einer seiner Schnüffelaktionen den Mechanismus ausgelöst, der ihm den Schatz in die Hände spülte. Er hatte Unterschlagung vermutet und Mord gefunden.
Alles an ihm wirkte anklagend: die geschürzten Lippen, die haselnussbraunen, um den Schlaf betrogenen Augen, die unattraktive Schlafanzugshose mit dem verwaschenen Streifenmuster und die Lederpantoffeln, die seine Schritte unhörbar gemacht hatten.
Sie hatte sich sorgfältig abgetrocknet und geschminkt. Mit einem hohen Geräusch im Kopf, das von Schläfe zu Schläfe reichte und ihre Empfindungen betäubte, war sie stumm durch die Wohnung gewandert, den Kästchenmann an ihrer Seite. Ihr Zeigefinger auf den Lippen verhinderte, dass er das Wort an sie richtete. Sie würde ihm ihr Geheimnis offenbaren, aber dazu bedurfte es einiger Vorbereitung. Wie eine Schlafwandlerin regelte sie die Beleuchtung und warf Licht und Schatten über die akkurate Anordnung fantasieloser Qualitätsmöbel. Alles war an seinem Platz. Alles, bis auf das Kästchen und den stumm geschalteten Mann.
Als sie im Schlafzimmer das Kästchen seinen Händen entwand und ihn sanft auf das Laken drückte, war sie sich nicht im Klaren, was sie als Nächstes tun würde. Früher, so erinnerte sie sich mit einem Schaudern, hatte seine dichte Körperbehaarung eine wohlige Faszination bei ihr ausgeübt. Geistesabwesend fuhr sie ihm mit spitzen Nägeln über die Brust. Er hatte die Augen geschlossen.
Sie nestelte an seiner Hose. Wahrscheinlich war es sein sonnengebräunter Optimismus, sein ungestümes Verlangen und seine Leichtigkeit gewesen, die sie in seinen Bann gezogen hatten. Aber unter der Oberfläche des Eroberers hatte sich der Mann mit den markanten Gesichtszügen als flach und ambitionslos erwiesen. Er war mit seinem Leben und der Frau an seiner Seite zufrieden, aß, arbeitete und sah fern, reihte Ignoranz an Bedürfnislosigkeit und ersäufte sie in einem Meer ehelicher Gleichförmigkeit, die nur von gelegentlichen Eifersuchtsszenen unterbrochen wurde. Ihm fehlte das Streben, der Ehrgeiz etwas Besonderes erreichen zu wollen, der Antrieb zu anderen Ufern aufzubrechen. Seine Zuneigung war zunehmend erstickend wie ein Schlinggewächs, das sich auf die Sinne legte und jede Wachheit erdrosselte. Sie nahm ihn hin wie eine Last, deren man sich nicht entledigen konnte, bis er das Kästchen auf sie richtete.
Mit dem Zeigefinger auf den Lippen war sie in den Abstellraum gehuscht und hatte gefunden, was sie suchte. Schon lange hatte sie sich ihm nicht mehr genähert. Er dünstete seine Dankbarkeit förmlich aus, als sie begann ihn zu kneten. Ihre sexuellen Erfahrungen erschöpften sich in den verschiedenen Spielarten des Koitus, die man voller Erwartung ausführt, ohne die erhoffte Belohnung zu erfahren. Der gebräunte Bauch zitterte unter ihrer Berührung. Er war ihr erster und einziger Mann gewesen und hatte sie gelehrt, dass der Geschlechtsverkehr ein weit überschätzter, gänzlich unzulänglicher, roher und schwächlicher Vorgang war, bei dem sich Körper ungelenk und stets am Rande von Muskelkrämpfen aneinander rieben und in lächerlichen Posen verharrten, um verbissen fortzufahren bis zu einem fadenscheinigen Erguss, der im schlimmsten Fall zur jahrzehntelangen Alimentierung eines undankbaren Balges führte.
Sie war bei seinem Schamhaar angelangt und knetete sein pralles Glied mit der Inbrunst, von der sie hoffte, dass sie ihn von dem durchdringenden Spiritusgeruch ablenken würde. Ihre Finger arbeiteten die Paste ein, die sie sich in die Handflächen gedrückt hatte. Er hielt den Atem an. Gleich würde er einen leisen, jammernden Ton der Befriedigung von sich geben, den sie schon zu Beginn ihrer Beziehung gehasst hatte. Es wurde Zeit. Sie führte seine Hände zu seinem Glied, wo sie sofort ihre Arbeit aufnahmen. Er hatte den Kopf zur Seite geworfen. Sein Körper war angespannt. Er schwitzte.
Das Sturmfeuerzeug setzte zuerst sein Schamhaar in Brand. Zuerst züngelte es dürftig, fraß sich dann rasend weiter und erfasste die Hautpartien und den Penis wie einen Flächenbrand. Entflammte Männerhände schwenkten die brennende Männlichkeit wie ein Opfertier. Die Frau hatte sich bis zur Wand des Zimmers zurückgezogen und wischte ihre Hände an ihrem Bademantel ab. Sie fühlte sich nicht verantwortlich für das Schauspiel.
Der Mann wälzte sich, schrie mit hervortretenden Adern, schrie mit sehnigem Hals, schrie mit überschnappender Stimme, schrie mit verbranntem Unterleib, auf den er mit einem Bettlaken fortwährend einschlug. Dann hörte er auf zu schreien. Glotzend wie ein Frosch kollabierte er und beschmutzte den rohweißen Hirtenteppich. Rosa Schaum quoll aus seinem Mund. Er hatte sich in dem vergeblichen Versuch, die Schmerzen zu kontrollieren, auf die Zunge gebissen.
Mit distanziertem Interesse sah sie auf ihn herab. Der Klang in ihrem Kopf war dumpfer geworden, nicht mehr so drängend. Sie hatte den ersten Schritt unternommen. Sie hoffte, dass er die Botschaft verstanden hatte. Es war ganz alleine ihr Kästchen und ihr Leben. An der Seite des Lakens machte sie eine feuchte Stelle aus. Sie zerrieb einen Überrest Sperma zwischen ihren Fingern. Irgendwie fand sie es beruhigend, dass er auf seine Kosten gekommen war.
Noch in der gleichen Nacht entsorgte sie das Kästchen samt Inhalt und schleppte den Winselnden zur Notaufnahme des Krankenhauses. Gleichmütig bekannte sie, dass es sich um einen Unfall gehandelt habe. „Sicher ein Unfall“, pflichtete der Arzt bei, dem über die Jahre das Staunen abhandengekommen war und für den es ein beinahe alltägliches Erlebnis war, Duschköpfe aus einer Vagina oder Champagnerflaschen aus einem Männerafter zu entfernen. „Ohne Zweifel ein Unfall“, wand sich der Verletzte, dem noch zahlreiche Operationen bevorstanden und dessen Narben an der Seele erst zu verblassen begannen, als die zerstörten Schwellkörper durch ein funktionierendes Implantat ersetzt wurden. Das Kästchen ruhte in einem Abfallcontainer des Krankenhauses. Es war nie mehr aufgetaucht, aber seine Geschichte stahl sich in die Nacht hinaus.
Ein anonymer Hinweis erreichte die Polizei, die zögerlich ihre Ermittlungen aufnahm. Die Pflegerin musste geahnt haben, dass ihre Maßnahmen nicht ausreichend sein würden, um sich abzusichern. Seit dem Tag, an dem sie das Band der Ehe versengt hatte, wurde sie kummervoll und nachlässig. Sie sah zweifelnd auf ihre Hände, die Dinge vollbrachten, vor denen sie zurückschreckte. Sie meldete sich krank und verbrachte die Tage in einem Dämmerzustand. Die Wohnung wurde nicht mehr gelüftet und aufgeräumt. Zeitungen und Müll stapelten sich neben den Türen. Gebrauchte Kleidung fiel auf dem Boden übereinander her und Nahrungsmittel verdarben halb aufgegessen in der Küche.
Der Mann, dem sie das Schweigevermächtnis eingebrannt hatte, verbat sich jeglichen Besuch und setzte seine Mutter wie einen Zerberus vor sein Krankenzimmer. Offiziell blieb er bei der Unfallversion, aber er konnte schreiben und wahrscheinlich hatte er Gebrauch davon gemacht. So wartete sie auf das Unvermeidliche, kam mit strähnigen Haaren und glasigen Augen zum Dienst, während um sie herum das Getuschel zunahm und die Leitung des Pflegeheimes ihre Suspendierung verfügte. Die Festnahme erfolgte wenig später.
Man fand sie über ein halb aufgetautes Kaninchen gebeugt vor, in das sie ihre Zähne schlug. Sie hatte mit einem Kaffeelöffel Honig darüber verteilt und Estragon darauf gestreut. Sie schätzte die moderne Gourmetküche und war nur momentan nicht in der Verfassung, ihre Ideen in die Praxis umzusetzen. Um sie herum faulte der Müll. Die Polizisten forderten Atemmasken an. Sie senkte den Kopf, als man ihr Handschellen anlegte. Dann übernahmen die Kameras und die Blitzlichter.
Der Todesengel galt als Prototyp der massiv Gestörten. Die Dokumentation transportierte den Gedanken erfolgreich nach draußen und eine Entlassung auf Bewährung war bei entsprechender geistiger Gesundung durchaus denkbar. Sie war in aller Stille geschieden worden, nachdem sie eingewilligt hatte, dass ihr Mann den gesamten Erlös aus dem Verkauf der Eigentumswohnung für sich vereinnahmen konnte. Sie würde wieder auf die Beine kommen. Geduld war eine ihrer Stärken.
Die Inhaftierte drehte den Brief zwischen den Fingern. Sie hatte ein gutes Gefühl. Sie würde dem Mann schreiben. Er war der Richtige für sie. Sie freute sich über ihre gesunde Erregung.
Der Mann hatte auch eine pflegebedürftige Mutter. Sie wusste besser als jeder andere, was es bedeutete, eine Demenzkranke zuhause zu pflegen. Sie schnippte mit den Fingern. Wenn alles gut verlief, würde sie ihm bei der Betreuung seiner Mutter eine große Hilfe sein. Sie wusste, er würde sich darüber freuen.
III.
Wie immer hatte er sich ausgezeichnet vorbereitet und wie immer war er auf Überraschungen gefasst. Die Überraschungen waren die Würze seines Freizeitausgleichs. Schon oft hatte er geglaubt, darauf verzichten zu können, war aber nach den selbst auferlegten Pausen reumütig zu seiner Passion zurückgekehrt.
Es gab Gleichgesinnte, die seine Art der Akribie belustigen würde. Das waren die Schwergewichte in seinem Feld, die ihr Hobby perfektioniert und den Amateurstatus hinter sich gelassen hatten wie nach einer Häutung. Er zupfte den Blouson zurecht, den er gewählt hatte, weil er die unverzichtbaren Utensilien verdeckte, die er mitführen musste und der Wetterlage gerecht wurde, die nach einigen sonnigen Tagen wechselhaft zu werden versprach.
Und jetzt der Supermarkt. Ein lichtdurchfluteter Tempel voller einladender Gerüche und einer grandiosen Auswahl. Die lebenssatten Rentner schlurften dahin, ohne zu wissen, dass sie in der Obstabteilung eine Minute und vierundvierzig Sekunden zu verharren hatten, wenn sie dem Durchschnitt entsprechen wollten. Die rotzfrechen Jugendlichen mit den Baseballkappen und dem schlenkernden Gang, der die Coolness ihrer Markenklamotten auf die Person übertragen sollte, standen nicht die prognostizierten sechs Minuten in den stark frequentierten Außengängen mit den Frischeprodukten. Den Säufern war es einerlei, ob sie die Regalwelten von links oder rechts betraten. Sie erfüllten die Vorgaben jedoch zuverlässig in dem Punkt, dass sie niemals bis zur Mitte des Ganges vordrangen, weil die Flaschen mit dem Doppelkorn am Rande eines abseits angesiedelten Schamsortimentes in Bücktiefe aufgereiht waren.
Der Mann im Blouson hatte den Markt mehrfach durchstöbert und ihn auf wissenschaftlich fundierte Marketingstrategien abgeklopft. Er war gewissermaßen ein Insider. Es verschaffte ihm eine grimmige Befriedigung, dass er die kühle Leere der ersten Meter nach dem Einlass als ‚Landezone‘ identifizieren konnte, in die die Käufer hineingingen, bevor sie von freundlichen Gemüsehindernissen gestoppt und manipuliert wurden. Er wusste, dass sein limbisches System mit Markeninformationen angefüttert wurde, um seine Kaufentschlossenheit zu festigen. Mit einem Kopfnicken begrüßte er die Kassenschleusen, die ihre Verlockungen streng nach Planogramm feilboten.
Seine Beute, ein Mann mit Vollbart, steuerte eine dunkle Ecke an, in der sich aufgerissene Kartons stapelten und eine ramponierte Kühltruhe ihre Pensionierung angetreten hatte. Es war eine der Ecken, die ein vorübergehender Verlierer der Modernisierungswut war. Der Verfolger war einige Schritte zurückgeblieben und beschäftigte sich angelegentlich mit Spülmitteln in einem Hochregal. Er wusste, was jetzt kommen würde. Der Vollbärtige blieb stehen und warf einen Blick auf das klägliche Häuflein seiner Einkäufe. Es war das typische Sortiment aus Dauerwurst und Schmelzkäse, durchsetzt von einer Packung Industriebrot und einem Liter Milch als Hommage an die Gesundheit.
Der unschlüssig Dastehende schnäuzte sich in ein Papiertaschentuch und schnippte es auf den Haufen Papierabfall. Er bog nach links ab und kehrte mit nachdenklichem Gesicht wieder an den Ausgangspunkt zurück. Der Vollbart und der unsichere, gebückte Gang machten ihn älter als er war. Der Verfolger wusste Bescheid. Der Mann war dreiundvierzig, ein arbeitsloser Bauingenieur, der nach Jahren der Arbeitslosigkeit Frau und Kind gegen einen Straßenköter und seinen neuen besten Freund eingetauscht hatte. Soeben griff er danach. Beim Bücken wäre er fast ins Straucheln geraten. Es war eine Flasche Weinbrand.
Der Verfolger hatte genug gesehen. Es würde sein wie immer. Zu dem Weinbrand würde sich noch eine Flasche Korn gesellen und eine billige Flasche Wein, denn der Vollbärtige war bei seiner Reise noch nicht am Abgrund angekommen. Noch legte er Wert darauf, wenigstens den Anschein von Bürgerlichkeit zu wahren. Zwar trug er fast immer die gleiche abgenutzte Kleidung, aber er wusch sich und schnitt seinen Bart, wenn ihm der Alkohol Spielraum dazu ließ. Der Verfolger hatte beobachtet, dass der Mann Pfefferminzpastillen lutschte, die seinem Atem die Unschuld wieder geben sollten.
Es war noch nicht ganz schlecht um ihn bestellt. Dabei hatte er ein Problem, das um ihn herum wucherte und ihn einspann. Es war ein Problem, das er in seiner Einbahnstraßenexistenz nicht wahrnahm. Das Problem war zur Expresskasse geeilt, um die Alibieinkäufe zu verstauen und aus anderer Perspektive auf den Bärtigen zu warten. Das Problem war, dass der Trinker Besuch erhalten würde. Der Besucher tastete über die Taschen seines Blousons und fühlte die familiären Gegenstände. Alles war an seinem Platz. Er lächelte.
Die freundliche junge Frau verfehlte ihre Wirkung auf den Besucher nicht. Es war nicht seine Art, freundliche Menschen zurückzuweisen. Es war etwas anderes, wenn er sie besuchte. Dann verhielt er sich professionell. Hinter der Kasse, neben dem Zeitschriftenterminal war er fast privat. Er erwiderte den Gruß und schaute nach rechts. Seine Beute stand vor dem Süßigkeitenregal. Es würde noch einige Minuten dauern. Er war zufrieden und wandte sich dem Mädchen zu, das seine einführenden Worte virtuos herunterleierte und die Tempi mit einem Wippen auf den Zehenspitzen untermalte. Er unterbrach ihren Monolog nicht, obwohl ihm längst klar geworden war, dass es sich um die Umfrage eines Instituts handelte, von dem er glaubte, einmal gelesen zu haben. Im Wesentlichen sollte klassifiziert werden, zu welchem Typus Käufer er gehörte.
Die Fragen stiegen aus einem dezent geschminkten Mund zu ihm auf und rochen nach Erdbeere. Er antwortete spontan und ernsthaft. Seine Augen glitten an den eifrig ankreuzenden Fingern hinunter zu den Füßen der Fragerin. Ihre Zehen waren für offene Schuhe ungeeignet. Er war für einen Moment abgelenkt und blickte sich hastig um. Der Bärtige kam den Gang herunter. Der Besucher glaubte, dass er eine Tüte in die Außentasche seines Parkas gesteckt hatte. Ein anderer Kunde mit lauernden Augen und einem merkwürdigen Dauerinteresse für Tiefkühlware starrte ebenfalls auf den Trinker. Dann wandte er sich abrupt ab und verließ die Zone, ohne seinen Einkaufskorb eines Blickes zu würdigen.
Die Interviewerin schrieb das Desinteresse des Mannes ihrer Stimmlage zu und redete laut und hastig auf ihn ein. Er begriff, dass seine Kundentypologie zwischen der eines Hedonisten und eines Genießers lag. Das Ergebnis war durchaus annehmbar. Er wischte den Arm des Mädchens unwirsch beiseite, als sie versuchte seine Aufmerksamkeit durch Zupfen an seinem Ärmel zu erhöhen. Mit einem höflichen Dank und dem Hinweis, dass er es eilig hatte, versöhnte er die Frau. Er griff sich einen Werbezettel und begann ihn aufmerksam zu studieren. Wenn er richtig beobachtet hatte, konnte es zu einem unangenehmen Zwischenfall kommen. Beschwörend schaute er zur Kassenzone. Er hatte Glück. Zwischen die Männer, die von ihren Einkaufszetteln zu Sklaven degradiert worden waren, hatte sich ein Mutter-Tochter-Paar fortgeschrittenen Alters geschleust, von denen er sich eine Störung des Ablaufs erwartete, die es ihm ermöglichte, seine Notstrategie umzusetzen. Er wurde nicht enttäuscht.
Die ältere der beiden Frauen musterte die Kassenzone mit einem geschulten Blick. Mit einer herrischen Handbewegung dirigierte sie ihre Tochter zu der unwesentlich längeren Schlange, nachdem sie die Wartenden und ihre Einkäufe kritisch begutachtet hatte. Sie war ein Alphatier mit einem auftoupierten Haarschopf, signalroten Lippen und einem Kugelbauch in knallengen Leggins, die im Bereich ihrer knochigen Knie jeden Dehnungswiderstand aufgegeben hatten. Die Tochter stand optisch im Begriff, in wenigen Jahren zu einem Klon der Mutter zu mutieren. Noch war sie weicher und ansehnlicher, aber ihre gebeugte Haltung mit dem nach links gewinkelten Hals verlieh ihr die gleiche raubvogelartige Ausstrahlung. Auch sie verriet einen wenig schmeichelhaften Hang zu protzigem Modeschmuck und unpassender Kleidung.
Mit einem geschickten Manöver stach das Alphatier den gefüllten Einkaufswagen in eine Lücke und behauptete mit einer kaum verhohlenen Gebärde der Herablassung einen Raum, der es ihr ermöglichte, jederzeit auch die andere Schlange an gesicherter Position zu erreichen, falls sich ihre Überlegungen als falsch herausstellen sollten. Die Tochter folgte mit gelangweiltem Gesicht. Ihre Augen fixierten den Zigarettenspender. Der Trinker blieb in respektvoller Entfernung stehen. Er war nicht auf eine Auseinandersetzung aus. Alles, was er wünschte, war ein baldiges Rendezvous mit der ersten Flasche. Er fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund. Die freien Flächen seines Gesichtes waren aufgedunsen und bläulich.
Der Besucher drängte sich unter dem missbilligenden Blick einer alten Dame durch eine der nicht besetzten Kassen in den Verkaufsraum zurück. Inzwischen waren die Anstehenden nach vorne gerückt. Drei Jugendliche verschwanden lärmend durch die Glastür, um ihre unappetitlichen Gedanken in einer unappetitlichen Umgebung auszuleben. Die blasse Kassiererin zog verbissen Angebotsware über den Scanner. Routiniert zählte sie Geld, hantierte mit Kundenkarten und nannte Beträge, ohne jemals aufzusehen.
Mutter und Tochter hatten in schweigender Eintracht ihre Einkäufe auf das Band getürmt, als es passierte. Mit einem herrischen Klingen ihrer Armreifen wies die Mutter die gelangweilt dastehende Tochter an, noch eine Schale Speisequark zu besorgen. Die Stimme verriet den exquisit erstickten Tonfall einer langen Raucherkarriere. Die gebräunte Tochter setzte sich schlendernd in Bewegung. Die bedachten Bewegungen ließen den Rückschluss zu, dass die beiden in ein lieb gewonnenes Ritual verfallen waren, das bei einkaufenden Frauengruppen des Öfteren zu beobachten war.
Wahrend Männer mit verbissener Effizienz vorgefertigte Aufgabenzettel abarbeiteten, verstanden sich Frauen auf die Inszenierung einer nonchalanten Ablaufstörung, begegneten geplant ausgelösten Missstimmungen unter Miteinkäufern mit hochnäsiger Gleichgültigkeit und brachten Kassenaktivitäten durch immer neue Manöver zum Erliegen. Die Geübtesten unter ihnen vollzogen ein zusätzliches Abschlussritual beim Bezahlvorgang, indem sie umständlich nach einer Geldbörse kramten, mit peinlicher Gewissenhaftigkeit Fächer öffneten und mit gerunzelter Stirn Kleingeldbeträge umher schoben, bevor sie nach einem Zeitraum schier unerträglicher Spannung und einem entschuldigenden Seufzen einen größeren Geldschein hervornestelten und mit kleinlauter Boshaftigkeit bekannten, dass sie den Betrag doch nicht passend zur Hand hätten.
Ein unterdrücktes Stöhnen aus der Mitte der Wartenden zeigte, dass man die Finte der beiden Frauen erkannt hatte. Das Alphatier nahm die Würdigung hoch erhobenen Kopfes entgegen und zündete sich zum Unterstreichen ihrer Vormachtstellung direkt unter dem ‚Nicht Rauchen‘ Hinweis eine Zigarette an. Die Kassiererin hatte jede Bemühung eingestellt und starrte graugesichtig auf ihre Fingernägel.
Der Besucher hatte den Moment des Stillstandes genutzt, um sich in den Rücken des Trinkers zu begeben. Aus dem geringelten Pullover des Mannes drang ein muffiger Geruch nach Tabak und Fett. Der Pullover hatte die Form verloren und schien ohnehin für einen wesentlich korpulenteren Mann gemacht. An einem Bund war er ausgefranst und schlotterte um eine ausgediente Jogginghose, die ebenfalls bessere Tage gesehen hatte. Nur die Schuhe waren neu und ließen den gichtigen Gang des Trinkers unbeschwerter aussehen, als er war. Ihre leuchtend orangen Wangen entlarvten den gesamten Aufzug als clowneske Hommage an die Hoffnungslosigkeit, die dem Träger anhaftete wie eine Klette.
Der Trinker schlurfte einen weiteren Schritt nach vorne. Er bemerkte nicht die Hand, die in die rechte Tasche seines schweren Mantels kroch, der angesichts der milden Witterung ein unangenehmer Ballast sein musste. Der Besucher schleuderte in die aufkeimende Empörung der Wartenden ein halblautes „Unverschämtheit“ in Richtung der rauchenden Rothaarigen und zog die Packung mit Karamellbonbons aus der Tasche, die der Trinker eingesteckt hatte. Rasch entfernte er sich zur Seite und ließ das Päckchen unbemerkt zwischen zwei Stapel Pralinenpackungen gleiten. Der Kopf des Trinkers hatte sich gedreht, konnte aber die Stimme nicht ausmachen. Er verlor das Interesse und richtete seine Aufmerksamkeit auf die Flaschen. Sie alleine waren wichtig. Das waren sie gestern und das würden sie auch zukünftig sein.
Der Detektiv des Supermarktes griff den Bärtigen nach dem Passieren der Kasse auf. Er machte sich nicht die Mühe verbindlich zu sein. Er hielt den Widerstrebenden mit einem Klammergriff fest, obwohl dieser keine Anstalten machte, handfesten Widerstand leisten zu wollen. In einem bizarren Ringkampf zerrte und schob sich das ungleiche Paar bis zu einer Backwarentheke, vor der säuberlich aufgereihte Käufer ängstlich auf die Keuchenden starrten und in Unordnung gerieten, sobald die Körper eine Variante vollführten, die sie näher als bisher an die Wartenden heranbrachte. Ein Prospektständer wurde das Opfer des eigentümlichen Ringkampfes und polterte nach einer heftigen Drehbewegung zu Boden. Ein schwergewichtiger Mann, der seinen Bauch kaum bändigen konnte, schnaubte wütend wie ein erschrecktes Flusspferd und stieß die Taumelnden mit einer jähen Bewegung seiner keulenartigen Arme von sich. Sie gingen zu Boden und setzten ihre Vorführung mit unverminderter Heftigkeit fort, der eine, um sich zu befreien, der andere, um seine Trophäe nicht entkommen zu lassen.
Schließlich gelang es dem Detektiv, sich quer über den Oberkörper des Bärtigen zu legen. Mit triumphierender Stimme fuhr er in die Manteltasche: „Was haben wir denn da?“, rief er aus und wiederholte die Prozedur mit unverminderter Lautstärke an der anderen Manteltasche, die ebenso unergiebig war. Seine Rechtfertigungsgeste verhungerte in der Luft, schwankte ein wenig und zog sich unschlüssig zurück. „Wo hast du es hingetan?“, fragte er, ohne von dem Stöhnenden abzulassen, der die Arme abwehrend vor seinen Körper geschlagen hatte. „Sie tun mir weh“, protestierte der Bärtige mit klagender Stimme. „Sie tun ihm weh, Sie ungehobelter Mensch“, keifte die Rothaarige unter eifrigem Kopfnicken ihrer Tochter aus der Bäckereischlange.
Mit hochrotem Kopf drehte sich der Detektiv von dem Liegenden weg und warf die Arme in die Höhe. Mehr zu sich selbst gewandt murmelte er: „Ich bin mir sicher. Irgendwohin wird er es getan haben.“ Seine unruhigen Augen schweiften über den Boden. Seine Hände wühlten in den Einkäufen des Bärtigen. Abscheu sprach aus seiner Miene, als er die Flaschen unsanft zur Seite schob. Der Trinker robbte heran und hielt mit zitternden Fingern einen Kassenzettel wie einen Ablassbrief vor sich. „Sehen sie“, rief er kläglich, „alles bezahlt.“ Seine Augen waren gelblich verfärbt.
Unangenehm berührt wandten sich die meisten Kunden von der Szene ab. Ein erneutes „Alles bezahlt“ prallte in ihre Rücken und blieb unwidersprochen. Ein distinguiert wirkender Mann mit schütterem Haar half dem Malträtierten auf die Beine und begann, die gekauften Spirituosen in Plastiktaschen zu verpacken, während er begütigend auf ihn einredete. Der Detektiv war wortlos davon gestolpert, ohne sich zu entschuldigen. Der Zipfel einer Packung Karamellbonbons lugte aus einem Stapel Pralinenschachteln. Der Besucher hatte das Handgemenge mit ausdruckslosem Gesicht verfolgt. Niemand hatte das Recht, die Beute zu verscheuchen.
Er musste noch einmal zu dem Hund des Trinkers, der vor dem Supermarkt angeleint war. Der Hund war von Anfang an ein Unsicherheitsfaktor gewesen. Andererseits hatte er sich den Schwierigkeitsgrad selbst ausgewählt. Er drehte sich um. Er musste sich beeilen.
IV.
Die Kommune hatte den Hügel am nördlichsten Kamm der Stadt schon lange aufgegeben. Er rückte in den Fokus der Aufmerksamkeit, wenn die sommerliche Nachrichtenflaute die Pöbeleien zwischen Aussiedlern und Asylbewerbern und dem Drogenhandel jugendlicher Banden berichtenswert erscheinen ließ. Zu allen übrigen Zeiten dämmerten die ehemaligen Kasernen wie abgetakelte Relikte einer wehrhaften Vergangenheit auf den kahl geschorenen Flächen dahin. Aus ihren ockerfarbenen Flanken wuchsen Wälder von Satellitenschüsseln, die die Balkone zu futuristischen Installationen verfremdeten. Die in verwirrenden Mustern gespannten Wäscheleinen, die selbst bei winterlichen Temperaturen und in strömendem Regen mit Bettwäsche und Kinderkleidung reich bestückt waren, milderten die Trostlosigkeit des Anblicks nur vorübergehend.
Was fehlte, waren die Menschen. Die Bewohner verschanzten sich hinter ihren privaten Träumen, an denen sie mit Hilfe von Alkohol und Drogen verzweifelt festhielten. Sie öffneten ihre Türen und Fenster nicht mehr und holten sich die Welt nur noch über ihre Fernseher in die Wohnung. Nur die Jugendlichen zeigten sich mit harten Gesichtern und martialischem Gehabe auf den trostlosen betonierten Flächen. Sie zündeten Holz in Metalltonnen an und warfen den Vorbeigehenden finstere Blicke zu. Es gab nichts mehr, was sie zerstören konnten. Die Bushaltestelle war ein Haufen verbogenen Gestänges und an den umgestürzten Spielgeräten des Kinderspielplatzes hatten sie schon lange das Interesse verloren. Für kurze Zeit hatten sie sich in der Stadt zusammengerottet, aber die Stadt hatte sie mit harschen Methoden auf ihren Hügel zurückgetrieben, wo man sie gewähren ließ. Besuch erhielten sie nur von einem Abgesandten einer rechtsextremen Gruppierung, der T-Shirts mit eindeutigen Aufdrucken verteilte.
Der Mann hatte sich auf eine der Bänke gesetzt. Ein Teil der Sitzfläche war herausgerissen und der traurige Rest mit silbrigem Graffiti verunstaltet worden. Der Mann hatte die verbliebenen Bohlen sorgfältig mit einem Taschentuch abgewischt, bevor er sich setzte. Er hielt eine Einkaufstüte in seinen Händen, die er zwischen seinen Beinen pendeln ließ. Er war gerade so weit von den Jugendlichen entfernt, dass sie ihn nicht als Provokation empfanden. Sein Blick war gesenkt. Unter der blauen Baseballkappe heraus beobachtete er den rechten Bau der kleinen Siedlung, der aus dem Areal hervorstieß wie ein steinerner Rammbock. Er hatte die aufmerksamen Jugendlichen und die körperlosen Augen hinter den Fenstern allmählich an seine Anwesenheit gewöhnt. Dabei hatte er mehr Zeit investiert, als er ursprünglich veranschlagt hatte. Er zuckte mit den Achseln und griff in die Tüte. Langsam holte er eine Flasche heraus und trank.
Seinen Wagen hatte er auf einem Forstweg am Fuß des Hügels abgestellt. Die Waldpfade waren ungepflegt und selten begangen. Farne griffen beherzt nach seinen Hosenbeinen und die stachligen Ranken von Brombeersträuchern wippten unschuldig vor seinem geröteten Gesicht. Er hasste diese Aufstiege, aber seine Intuition sagte ihm, dass diese Form der Annäherung empfehlenswerter war als die Fahrt mit dem Bus, der seine Ladung, so schnell er konnte, in der Siedlung absetzte und ratternd das Weite suchte.
Früher war hinter dem verlassenen Spielplatz ein Kiosk gewesen. Er hatte seinen Betrieb wohl schon vor einiger Zeit eingestellt. Eine hellblaue Jalousie hing schief an dem Schaufenster herunter. Aus Neugierde hatte er sich nachts den ehemaligen Kiosk mit der verblassten Reklametafel genauer angesehen und bemerkt, dass hinter dem Fenster Menschen wohnten. Bläuliches Geflimmer und das Gemurmel von Stimmen drangen nach draußen. Wer immer den Kiosk aus seinem Wohnzimmer heraus betrieben hatte, tat dies nicht mehr. Die Bewohner verzichteten auch auf Tageslicht, denn der Rollladen bewegte sich nie. Er zeigte der Welt sein schiefes Grinsen und beschränkte sich auf seine neue Rolle als der Hüter von Geheimnissen.
Der Besucher konnte sich gut vorstellen, wie der Kiosk floriert haben mochte, wie Kinderlachen über die Vorhöfe schallte und die ganzen unerlässlichen süßen, salzigen und fettigen Kleinigkeiten den Besitzer wechselten. Später mochte im Sortiment der Schwerpunkt auf Bier, Spirituosen und Zigaretten gelegt worden sein und sich Männer in Unterhemden und Sandalen rauchend und räsonierend vor dem Fenster versammelt haben. Mit schwergewichtigen Gesten und erhobener Stimme hatte man sich der Weltprobleme angenommen und sie in der Vielfalt angetrunkener Meinungen gelöst, denn Alkohol machte rechthaberisch.
Der Besucher verstaute die Flasche vorsichtig in der Tüte und rückte die Kappe zurecht. Damals hätte er sich mit Leichtigkeit in die Phalanx aus Weltverbesserern und Melancholikern, Maulhelden und Schlägern einreihen können. Er hätte weit weniger Vorsicht walten lassen müssen als in der exponierten Lage, in der er sich gegenwärtig befand.
Es war später Nachmittag. Er zog ein abgenutztes Notizbuch aus einer Innentasche des Blousons und machte sich Notizen. Es war wichtig, dass er jeden seiner Schritte dokumentierte. Von der Qualität der Dokumentation hing die spätere Bewertung ab.
Er schaute auf die Uhr. Der Bus würde nicht mehr lange auf sich warten lassen. Nervös befeuchtete er die Lippen. Die Rap-Musik der Jugendlichen war lauter geworden. Die aggressive Sprachmelodie und die Bässe mischten sich zu einem Klangbrei. Der Besucher stand mühsam auf und stützte sich schwankend auf seinen Knien ab. Er durfte nicht durch unbedachte Aktionen aus seiner Rolle fallen, bevor er nicht näher an die jungen Männer herangekommen war. Mit der linken Hand griff er nach dem Werkzeug in seiner Jackentasche, das er gleich brauchen würde. Geistesabwesend streichelte er über den geriffelten Griff. Das vertraute Gefühl an seinen Fingerspitzen beruhigte ihn. Zwei der großspurigen Jungen hatten sich aus dem Kreis um den Gettoblaster gelöst und schauten ihm entgegen. Es waren die bekannten schmalen Pickelgesichter mit den langen Hälsen, um die sie Goldketten gehängt hatten.
Er bemühte sich, das Butterflymesser zu ignorieren, das der schlaksige Junge mit kunstvollen Bewegungen immer neue Figuren ausführen ließ, bevor es die nackte Klinge zeigte. Er ignorierte auch die schnoddrige Bemerkung in dem eigenartigen Jargon, der offensichtlich aus einem Jungen einen Mann machen sollte. Breitbeinig stand der Junge vor ihm. An den Fingern trug er protzige Ringe. Mit abgewandtem Gesicht kam der Mann zum Stehen und setzte klirrend seine Plastiktasche ab. Er sah kurz nach oben und betrachtete den schnell dahin ziehenden Wolkenschaum.
„Tannenzapfenechsen haben es im Unterschied zu uns außerordentlich schwer“, sagte er mit halblauter Stimme an dem Kopf des Jungen vorbei. „Sie gebären Nachwuchs, der ein Drittel ihres Körpergewichtes ausmacht und in der letzten Phase der Tragezeit das Atmen, Fressen und Laufen nahezu unmöglich macht.“
Der Jugendliche hatte das Messer sinken lassen und die Zuversicht war aus seinem Gesicht verschwunden. Er wirkte verwirrt.
Ansatzlos packte der Mann die Messerhand und bog sie mit einer schnellen Drehung im Gelenk. Mit einem überraschten Schrei ließ der Jugendliche das Messer fallen. Noch immer war die Stimme des Mannes sanft und unangestrengt. Er führte ein unscheinbares Instrument mit raschen Strichen über den Unterarm des Jungen. Blut quoll aus den Schnitten und bildete ein geometrisches Muster, bevor es an der Innenfläche des Unterarms herunterrann und in die Handfläche floss. Der Junge starrte mit vor Schreck geweiteten Augen auf seinen Arm. Er wurde bleich und seine Augenlider flackerten. Der Mann stützte ihn mit einfühlsamer Vorsorge. Mit prüfendem Blick schaute er auf die blutigen Linien, die er mit dem Teppichmesser gezeichnet hatte. Er konnte keinen Makel erkennen. Ein weißer Schmetterling taumelte vorbei. Das war ein gutes Zeichen. Er war zufrieden.
„Die Belohnung für die Qual der Echse ist es, dass sie sich um die Jungen nicht mehr kümmern muss. Sie sind voll lebensfähig und für sich alleine verantwortlich.“ Nach einer kurzen Pause fügte er an den nach Fassung ringenden Jungen gerichtet hinzu: „Hast du das verstanden?“ Der Junge nickte schwach. Der Mann wusste, dass er nicht verstanden worden war, aber es musste genügen. „Verschwindet von hier“, sagte er und beugte sich nach seiner Tasche. Mit einem Ächzen fischte er nach dem Butterflymesser und überreichte es dem Blutenden mit einer formvollendeten Verbeugung. Der Junge schrak vor der Bewegung zurück und schaute mit wilden Augen auf das Messer. Er hielt sich den Arm. Von der Hand lösten sich Blutstropfen und sprenkelten die vernachlässigte Grasnarbe.
„Wenn ich wiederkomme, muss ich dir wehtun.“ Der Mann schickte seinen Lieblingssatz hinter dem Davonstolpernden her. Er entfernte sich rasch, ohne sich um die Gruppe Jugendlicher zu scheren, die den Verletzten verschluckt hatte. Sie würden sich zerstreuen, denn er hatte sich mit seiner unbegreiflichen Aktion außerhalb ihres Begriffsradius begeben und bedrohte ihre Welt aus Männlichkeitsritualen und kalkulierbaren Abläufen. Er war ein Perverser, den man mit verächtlichen Ausdrücken belegte, um das eigene Selbstwertgefühl zu päppeln und dann zufriedenließ.
Die Haltung des Mannes hatte sich merklich gestrafft. Er strich mit weit ausholenden Schritten an einer dicht ineinander verwachsenen Gruppe Sträucher vorbei, die ohne den Beistand eines Gärtners konturlos wucherten. Sie trugen gelbe Dolden und lappiges Blattwerk. Insekten tanzten in aufgeregten Wolken. Der betäubend schwere Blütenduft war ebenso undefinierbar wie die Gattung der Pflanzen. Ein festgetretener Trampelpfad führte wie eine braune Wunde über die Böschung zu dem nächsten Wohnblock. Bröckelnder Hundekot und zerfetzter Müll häuften sich an den Stellen, wo verbrannte Flächen die bevorzugten Grillplätze der Bewohner kennzeichneten. Ohne innezuhalten, kickte der Mann gegen eine grüne Plastikflasche. Er war sich sicher, dass neugierige Augen ihn verfolgten und widerstand dem Impuls sich umzuschauen. Die Balkone hatten Augen und die Augen hatten Langeweile. Er packte die Tüte fester und überschritt den Kamm der Böschung.
Zwei feiste Frauen in langen Mänteln verließen einen der Blocks. Sie hatten bunt gemusterte Kopftücher straff um ihre Haare gebunden. Ihre braunen Gesichter waren mondförmig und lebhaft. Ihre kugeligen Leiber zeichneten sich mit praller Fülle unter den Stoffmänteln ab. Es war unmöglich, das Alter der Frauen zu schätzen. Auch sie trugen Tüten, die ihre Arme merklich nach unten zogen. Eine der Frauen trug zusätzlich einen Kanister mit Speiseöl, der schwer gegen ihre Beine schlug. Der mühsam watschelnde Gang hatte etwas Ansteckendes, sodass auch der Besucher seinen Schritt zügelte und bei dem Anblick der Frauen eine gewisse Kurzatmigkeit zu spüren glaubte.
Als sie ihn entdeckten, brach das hell zwitschernde Gespräch der Frauen ab. Er nickte in ihre Richtung und ging mit gesenktem Kopf weiter. Das Geräusch des Busses wehte den Hügel hinauf und brach sich zwischen den Häusern. Es war ein Lärm, der störend wirkte. Hinter einem der Fenster plärrte ein Radio los, als ob es durch den Bus aufgeweckt worden sei. Die Frauen beschleunigten ihre Schritte zu einem wogenden und prustenden Walzen. Sie wollten den Bus erreichen, der sie in die Stadt bringen sollte.
Der Besucher wusste genau, was zu tun war. Er steuerte auf einen Haufen Bauschutt zu, der mit beständiger Regelmäßigkeit um zerborstene Plastikeimer, gierig greinende Toilettenschüsseln und ausgediente Geschirrleichen bereichert wurde. Hartnäckige Quecken und Löwenzahn begannen bereits, den Müll zu überwuchern und zarte Florfliegen wiegten sich über keck aufragendem Rittersporn. Der Mann bog nach links ab. Ein Hund bellte mit überschnappender Stimme und warf sich krachend gegen die Plastikumrandung des Balkons. Der Besucher lächelte. Er tastete nach der Schnauze des Hundes, die sich seiner Hand entgegen schob. Eine schwere Kette rasselte und spannte sich. Die Hundeschnauze schnüffelte und erkannte mit einem zufriedenen Winseln die Hand. Es war die Hand eines Freundes. Er beleckte sie. Sein Besitzer würde ihn am Abend losketten und ihn auf der Wiese laufen lassen, wenn es ein guter Tag war. Vielleicht würde er ihn aber auch beschimpfen und treten, wenn es ein normaler Tag war. Das Jahr hatte für alle Bewohner der Siedlung mehr normale als gute Tage.
Der Besucher glitt an der rissigen Fassade des Wohnblocks vorbei. Kinderstimmen hallten über die Fläche. Ein betrunkener Mann blökte heiser von einem Balkon. Die kleine Prozession der Busfahrer näherte sich den Behausungen. Nach wenigen Schritten sah er sie in einiger Entfernung auf die Bauten zugehen. Die meisten von ihnen waren Frauen, die sich mit Tragetüten plagten und Kinder, die die Ruhe störten. Der Bärtige schlurfte als einer der Letzten über den Asphalt. Er folgte dem mageren Hund, der ungeduldig an der Leine zog. Sein Gang hatte sich verändert. Er schien weiter geschrumpft zu sein. Was er an Länge eingebüßt hatte, machte er mit einer ballerinahaften Gestik wett. Seine Arme beschrieben unvollendete konzentrische Kreise und rissen den Hund aus seinem Vorwärtsdrang. Das Tier quittierte die unangemessene Behandlung mit dem Gleichmut der Gewohnheit.
Der Besucher setzte den Feldstecher an. Der Mund des Trinkers bewegte sich unablässig und die scharfen Schatten von Mann und Hund mühten sich, die Pantomime in der schräg stehenden Sonne nachzuvollziehen. Wiederholt sackte der Bärtige in die Knie, ohne sein Gespräch zu unterbrechen. Er hielt die Tüte mit den Flaschen wie einen Schatz unsicher in die Höhe und starrte ungläubig auf die Hand, mit der er sich abfing. Der Besucher seufzte. Alles war, wie er es erwartet hatte. Er suchte die Flächen zwischen den Häusern nach herumlungernden Jugendlichen ab. Sie waren verschwunden.
Obwohl er die Augen des Trinkers nicht deutlich erkennen konnte, war er sich doch sicher, dass dieser ein ordentliches Quantum Alkohol zu sich genommen hatte. Der Besucher hatte ihm den Weg freigemacht, sodass es nicht zu einer dieser unschönen Begegnungen mit den Jugendlichen kommen würde, wie er sie vor einigen Tagen beobachtet hatte. Mit aufreizender Lässigkeit hatten sie den Alkoholisierten eingekreist, den wütend kläffenden Hund mit Fußtritten verscheucht und ihren Tribut gefordert. Der Trinker hatte stieren Blickes eine Tüte Süßigkeiten aus seiner Manteltasche gefingert und sie übergeben. Die Tüte war unter Hohnlachen von Hand zu Hand gewandert und unter Stiefeln zertreten worden. Dann hatte man dem hilflos Heulenden die Flaschen aus der Hand gewunden. Wankend hatte sich der Angetrunkene auf scharfen Befehl mit ungelenken Bewegungen ausgezogen, den Blick auf die Flaschen geheftet, deren wertvoller Inhalt sich aufreizend langsam auf den Boden ergoss. Schmalbrüstig und weißhäutig war er vor den Jungen auf und ab gegangen, so gut er es vermochte. Er hatte gegackert und auf Kommando uriniert, was ihm spöttischen Beifall einbrachte. Schließlich waren sie ihres Spielzeugs überdrüssig geworden und hatten ihm die Flaschen zugeworfen. Brabbelnd und schwankend hatte er mit heruntergelassener Hose die Flaschen untersucht und an sich gedrückt wie lange vermisste Kinder.
Der Besucher zog sich von seiner Position zurück und schlüpfte in den Hauseingang, dessen einladend offen stehende Tür kein Zeichen besonderer Gastfreundschaft, sondern ein Signal gleichgültiger Vernachlässigung war. Er hatte die Erfahrung gemacht, dass jedes Haus einen anderen Geruch besaß. Gleich war allen Bauten der Übelkeit erregende Gestank nach Urin, der in den Ecken eintrocknete und sich an die Schuhsohlen klebte, wenn man nicht stur geradeaus ging. Der Besucher ging die drei Stockwerke nach oben, ohne nach rechts oder links zu sehen. Er kannte die vertrockneten Topfpflanzen und den verstaubten Puppenwagen und er war nicht mehr neugierig, wem die wechselnden Männerschuhe vor der Tür der Frau gehörten, die eine farbenfrohe Auswahl offenherziger Nachthemden ihr Eigen nannte. In einem der Obergeschosse hallten streitende Stimmen in das Treppenhaus. Eine Tür wurde aufgerissen und ins Schloss geworfen. Dann war Ruhe. Der Besucher beeilte sich. Er konnte den Vorsprung gut nutzen.
Die unattraktive braune Wohnungstür begrüßte ihn wie einen guten Freund. Sie würde der Plastikscheibe in seiner Hand keinen ungebührlichen Widerstand entgegensetzen. Das hatte sie auch vorher nie getan. Mit einem leisen Klicken schob er die Tür nach innen. Er hatte sich Handschuhe übergestreift und wappnete sich gegen die beißende Geruchsattacke, die im Flur auf ihn wartete.
Der muffige Kohlgestank des Treppenhauses befehdete sich für einen kurzen Schritt mit der Geruchswelt im Inneren der Wohnung und kollabierte bedingungslos vor dem Ansturm einer schimmeligen Fäulnis, die von einer Lage künstlichen Fichtennadeldufts überlagert wurde. Der Besucher hielt sich ein Taschentuch vor die Nase, das er mit einer Pfefferminzlösung tränkte. Er war schon zweimal in der Wohnung gewesen und die intensive Minzausdünstung hatte die schlimmsten Übelkeitsanfälle verhindert. Mit einem Fuß schob er die Reklameblätter und ungeöffneten Briefe vieler Tage zurück zur Tür, wo sie einen losen Haufen bildeten, der bald mächtig genug sein dürfte, um ein Öffnen der Tür völlig unmöglich zu machen.
Der schmale, dunkle Flur war kärglich möbliert. Die wacklige Kommode, deren verstopfte Schubladen eine erstaunliche Ansammlung von Krimskrams bis hin zu vergilbten Tüten voller Kressesaat enthielten, trug den gleichen griesgrämigen Ausdruck zur Schau wie immer. Unter den Haken der schmiedeeisernen Garderobe hatten sich Flaschenbatterien versammelt, die ein gelbliches Schaffell fast verdrängten. Der Alkoholgeruch, der aus den Flaschenhälsen entwich, mischte sich mit dem hartnäckigen Aroma von nassem Hund. Der Besucher wandte sich ab. Die Rezeptionszone seiner Nase war der sensorischen Invasion schlechter Gerüche bereits mit der bekannten Abstumpfungsreaktion begegnet. Nach dem Passieren der Badezimmertür würde es erträglicher werden. Er hatte nicht vor, die Nasszelle mit ihren verschimmelten Gummierungen erneut zu betreten.
Der Wohnbereich des winzigen Appartements wirkte trist und unwirklich. Die klapprige Küchenzeile führte einen verzweifelten Abwehrkampf gegen noch mehr Flaschen und einige Stapel Wäsche in verschiedenen Verschmutzungsgraden. Ein Tisch auf rachitischen Zahnstocherbeinen und einer Gefolgschaft sperriger Stühle spreizte sich neben einem Schränklein, das mit seinem unschuldigen Buchengesicht mehr als unpraktisch wirkte. Die Schlafcouch war ein Monstrum an gequollenen Kissen und Lehnen, aufgetrieben von altmodischen Sprungfedern und aus voller Seele ächzend, wenn jemand es wagte, sich auf ihr niederzulassen. Sie nahm die gesamte Fensterfront ein und lehnte ihren fleischigen Rücken gegen die Fensterbank. Ein dichter Kattunvorhang in einem einstmals mutigen Design aus braunen und orangen Würfeln schlug dichte Falten und wies das Sonnenlicht zurück. Auf der Fensterbank ruhte ein Stapel Bücher und etwas Geschirr, das den Weg nicht zu der Küchenzeile zurückgefunden hatte. Der Besucher war sicher, dass sich die Titel und Sortierung der Bücher seit seiner letzten Anwesenheit nicht verändert hatten.
Die ingenieurwissenschaftlichen Werke waren Schatten der Vergangenheit, ebenso wie das mit Filzstift durchkreuzte Bild einer jungen Frau, die mit gespannter Miene in die Kamera blinzelte. Sie war gegangen, eine junge Frau mit Sommersprossen und Pagenkopf und jetzt war sie durchkreuzt, weil der Bärtige ihr im Rausch nichts weiter antun konnte als ihre Präsenz mit fahrigen schwarzen Strichen auszutilgen. Das Bild hatte der Besucher in einem der Bücher gefunden und es still zurückgelegt. Es war unerträglich stickig in dem Raum, der weniger heruntergekommen war, als man befürchten musste. Selbst die abgetretene Teppichware war den Umständen entsprechend reinlich. Der Besucher öffnet die Balkontür. Der Hebel quietschte unerträglich. Vorsorglich hatte der Besucher ein kleines Fläschchen Kriechöl eingesteckt. Auch bei einem Betrunkenen konnte er sich ein solches Geräusch nicht leisten. Er tröpfelte das Öl in das Scharnier und drückte den Hebel mehrfach nach unten, bis er mit dem Ergebnis zufrieden war.
Geduckt trat er auf den Balkon hinaus. Es war ein rohes Betonrechteck mit einem verschrammten Eisengitter, an dem Wellblechmatten als Sichtschutz verdrahtet waren. Ein dichter Kiefernwald rann in der Ferne zur Stadt hinab. Die Brise war beinahe unerträglich frisch und spülte die Klumpen abgestandener Luft mit jedem Atemzug aus den Lungen. Der Besucher wählte aus einem Sortiment Bonbons sorgfältig den passenden Geschmack und begann gedankenverloren zu lutschen. Von hier aus konnte er die Annäherung des Bärtigen nicht verfolgen. Er war zur Untätigkeit verdammt. Damit hatte er noch nie richtig umgehen können.
Über ihm wurde die Balkontür mit einem vernehmlichen Knarren geöffnet. Schwere Schritte gingen zur Balkonbrüstung, dann rann Wasser in dünnen Fäden herab und tropfte auf die moosigen Verfärbungen des Betons. Der Rauch einer Zigarette wurde von einer plötzlichen Böe nach unten gedrückt und kitzelte die Nase des Wartenden. Der Besucher hatte sich unter das Fenster gehockt und die Beine angewinkelt. Er umfasste seine Knie mit gefalteten Händen. Vor ihm thronte auf dem schäbigen Campingstuhl sein wichtigstes Beweismittel. Zur Besänftigung der stetig nagenden Nervosität und als Ausdruck der Vorfreude hatte er die Klarsichthülle mit den Zipp Lock Verschluss bereits zurechtgelegt. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Das Bonbon schmeckte wohltuend nach Salbei und Honig.
Um nicht gegen die Spielregeln zu verstoßen, hatte er sich auf seine Hände gesetzt, die langsam abstarben. Er durfte das Usambaraveilchen nicht berühren, bevor die Aufgabe begonnen hatte. Sicher gab es Wettbewerber, die mit den Aufnahmen und Schnappschüssen schon begannen, bevor das Kräftemessen angefangen hatte. Sie stellten ihre Dokumentationen mit aufgeblasenem Stolz vor und meinten, dass ihre Manipulationen unentdeckt blieben. Ihre Performance ähnelte reibungslosen Choreografien, in die man mit künstlichen Effekten Spannung hineinlegen musste. Die wirklichen Könner bedachten diese glatten Versuche mit mitleidiger Herablassung. Sie wussten, dass man wahre Meisterschaft nicht mit unlauteren Mitteln erreichen konnte. Gestohlene Triumphe waren schal und unmaßgeblich.
Er sah auf die Uhr und veränderte seine Sitzposition. Der Blouson raschelte. Er hielt den Atem an und biss sich auf die Lippen. Man konnte nicht sagen, dass er es sich leicht gemacht hatte. Als er das Foto der Beute in seinem Mail Account fand, war er skeptisch gewesen. Die angegebenen fünf Kilometer im Umkreis um den in seiner Eingabe definierten Ausgangsort schienen ihn in einen aussichtslosen Suchmarathon zu katapultieren, der ihn in konzentrischen Kreisen von Irrtum zu Irrtum führen würde, bevor er in der blamablen Frustration einer offiziellen Aufgabe endete. Doch es war anders gekommen. Es war ihm gelungen, das Subjekt korrekt zu kategorisieren. Er hatte von Anfang an auf die richtigen Plätze gesetzt und die Reihenhaussiedlung, den Gewerbebereich und die Sportanlagen ausgenommen, sodass sich das Gebiet dramatisch verkleinerte. Seine Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf die verstreut dahin vegetierenden Parkbänke, die Kioske und Supermärkte und den Penner-Treffpunkt in der Unterführung.
Man konnte den Initiatoren vorwerfen, dass sie nicht redlich mit ihm umgegangen waren, denn das Gesicht des Gesuchten auf dem Foto war noch ein gutes Stück von dem Stadium des Verfalls entfernt, das sich jetzt auf ihm abzeichnete. Andererseits hatte er sich um eine Höchstbewertung von 8 – 9 beworben und musste mit hohen Hürden rechnen. Letztlich hatten sich seine Analysetechnik und seine Menschenkenntnis ausgezahlt. Es waren die toten Augen und die aufgeschwemmten Wangen über dem struppigen Bart gewesen, die ihn auf die richtige Fährte setzten.
Besonders stolz war er auf die Strategie, die er sich für den Erschwernisfaktor ‚Hund‘ hatte einfallen lassen. Als er die beiden auf der Parkbank neben dem Kreditinstitut entdeckte, war ihm sofort klar gewesen, wie er den Hund ausschalten konnte. Das Tier war offensichtlich ein harmloser Krawallmacher, ein Angstkläffer mit einem hohen Störpotenzial, das jede unbemerkte Annäherung zunichtemachen würde. Nur einmal hatte er nach dem Teppichmesser getastet und in Betracht gezogen, den Hund mit einem gezielten Schnitt mundtot zu machen. Stattdessen hatte er sich in einem Spezialmarkt mit einer Auswahl an Trockennahrung, Snacks und Leckereien bewaffnet und das Tier vor dem Supermarkt angefüttert, wenn es vor Erregung zitternd an der Leine zog und schwanzwedelnd seinen Besitzer herbeisehnte.
Es waren unscheinbare Malzdrops, die die Wende zum Guten brachten und aus einem bellenden Köter einen zutraulichen Schoßhund machten, der sein Vertrauen an den verschenkte, der mit den Drops daherkam. So geschah es, dass die beiden eine heimliche Symbiose bildeten, die sich in einem verstohlenen Fütterungsritual und einem hechelnden Stillhalten erschöpfte, bevor man sich wieder trennte. Der Besucher hatte damit begonnen, seine Kleidung und das Liegefell des Hundes in der Wohnung mit den Malzdrops einzureiben. Der Geruch wirkte unmittelbar befriedend und besänftigte den Argwohn des Tieres.
Alles würde davon abhängen, ob der akribisch zu Recht gelegte Fahrplan funktionierte. Das Eindringen bei Tage brachte wichtige Bewertungspunkte, die relative Ausgesetztheit seiner Position einen Abwägungsbonus und die Eleganz der Ausführung eine Aufwertung. Er holte tief Luft und lauschte. Als er das gedämpfte Hundegekläff hörte, fröstelte es ihn. Er zog den Blouson enger um den Oberkörper und richtete die Augen nach oben. Die Dämmerung würde noch auf sich warten lassen. Er hatte keinen anderen Verbündeten als seine Zuversicht.
Die Eingangstür flog mit brachialer Gewalt auf. Das Winseln des Hundes und das Klirren von Flaschen übertönten einen dumpfen Fall. Unverständliche Worte, guttural und abgeschliffen wie Kieselsteine quollen in das Zimmer. Wieder ein Rutschen, dann ein zorniges Murmeln. Aus der unteren Etage eine keifende Frauenstimme, die eine Serie jugendgefährdender Flüche nach oben schleuderte. Das eifrige Scharren von Krallen. Ein anschwellendes Jaulen. Ein Zustoßen der Tür in mühsamen Etappen. Die Balkontür klapperte. Nur ein Teppichwulst hinderte sie am Aufspringen. Eine Hand näherte sich sachte und krallte ihre Finger in den unteren Rahmen. Wenn jemand die Tür verriegelte oder den Balkon betrat, war es aus.
Das Adrenalin verdrängte die Vernunft aus den Gedanken des Besuchers. Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn. Seine Hände fühlten sich eiskalt an. Er atmete mühsam. Der Hund an der Balkontür. Seine sich aufbäumende Silhouette hinter den fleischigen Blättern und dem tiefen Blau des Usambaraveilchens. Ein kurzes Jaulen, aber kein Bellen. Ein Schnüffeln, intensiver jetzt. Erneut ein Jaulen, voller Verlangen. Kein fletschendes Knurren, als die Hand die Malzdrops durch den Schlitz schob, den die Balkontür ließ. Eifriges Schwanzwedeln, das die Scheibe malträtierte. Ein kurzes Abwarten, dann ein zufriedenes Abwenden. Es waren immer genau fünf Drops gewesen. Fünf waren es auch heute.
Das taumelnde Vorrücken eines Körpers. Ein schwerer Fall, ohne das Sofa zu erreichen. Das Geschepper der Flaschen. Ein mühseliges Aufschrauben eines Verschlusses. Knirschgeräusche. Ein unflätiges Rülpsen. Gestank, der sich durch die Ritzen den Weg auf den Balkon bahnte. Geschäftiges Brabbeln. Das Quietschen von Möbeln. Trappelnde Pfoten. Dann Stille.
Eine Krähe ließ sich lässig auf dem Geländer nieder. Ihre flinken, ölig schwarzen Augen huschten über den kauernden Mann. Sie schlug mit den Flügeln und krächzte heiser.
Als der Vorhang unvermittelt zur Seite gerissen wurde, fuhr der Sitzende mit einem Ruck hoch und stieß sich den Kopf an der überstehenden Fensterbank. Benommen stöhnend sank er zurück. Das Wellblech schepperte. Der Hund begann mit überschnappendem Eifer zu bellen. Das Gesicht im Fenster war stark gerötet, die Augen stier auf den Vogel gerichtet. Speichelfäden verklebten sich mit dem Bart. Eine geballte Faust hämmerte gegen das Fenster und wurde drohend geschüttelt. Der Vogel wandte sich gelangweilt ab, als erlebte er dieses Schauspiel nicht zum ersten Mal. Aufreizend wippend wanderte er zur anderen Balkonecke und hob ab.
Der Besucher drückt sein Gesicht an den rauen Beton und zieht den Blouson über sein Gesicht. Der Bärtige lässt die Faust sinken und betrachtet sie verständnislos. Die Gardine hat sich aus der Schiene gelöst und hängt schräg herunter. Ein trunkenes Grinsen zieht den Mund des Bärtigen auseinander. Seine Empfindungen sind betäubt. Er bleibt eine Weile hocken und balanciert den schwankenden Oberkörper aus. Das Veilchen winkt ihm zu. Er weiß, dass er es gießen muss. Er wird es morgen tun. Bestimmt wird er es morgen tun, wenn er nicht mehr so müde ist. Er führt einen Zeigefinger in Richtung seines Mundes und spitzt die tauben Lippen an. Der Oberkörper sackt nach hinten. Bald wird es dunkel werden. Der Hund bellt in weiter Entfernung. Bald wird auch er sich beruhigen. Alles in allem war es ein guter Tag. Jeder Tag mit der Flasche war ein guter Tag.
Ersticktes Schnarchen bohrt sich in die Nacht, als die Gestalt auf dem Balkon sich regt. Vereinzelt flimmern Fernseher hinter den Gardinen. Die Jugendlichen sind zurückgekommen. Der Beat des Gettoblasters wummert blechern. Ein Lichtfunke glimmt in den Händen des Besuchers auf. Sein Kopf schmerzt, aber seine Gedanken sind klar. Er führt ein abgetrenntes Stück eines blauen Mantels an seine Lippen wie ein gutes Omen. Es würde ihm Glück bringen.
Seine Hand tastet nach der Hundeschnauze, die jede Regung verfolgt. Er hat alles bereitgelegt. Selbst die kleinsten Geräusche explodieren in die Weite hinaus. Der Besucher konzentriert sich auf die winzige Handkamera. Der Lichtstrahl weist ihr den Weg. Murmelnd dokumentiert er die Kameraschwenks. Er schnippt nach dem Hund, als er die Balkontür sachte nach innen drückt. Das Usambaraveilchen ruht in seiner Tütengruft. Ein halbes Hundegesicht schaut aufmerksam in das Kameraauge und hechelt. Er fingert nach dem Werkzeug und stabilisiert den Lichtstrahl. Der Trinker ist ein schnarchendes Bündel. Der Besucher arbeitet präzise und ohne Hast. Seine Hand vollführt die gleichen Bewegungen wie bei dem Jugendlichen. Er hat die Kamera auf dem Tisch platziert. Das Schnarchen erstirbt. Ein leises Zischen. Dann nichts mehr.
Die Hand stopft die Werkzeuge zurück in den Blouson und greift nach der Kamera. Einige abschließende Schwenks, kommentiert mit gemurmelten Worten. Abschied von der Hundeschnauze. Ein letzter Check. Er verriegelt die Balkontür. Der Trinker ein lebloses Wrack. Das ernste Gesicht des Besuchers in der Kamera. Er bemüht sich um nüchterne Ernsthaftigkeit. Seine Erektion ignorierte er wie eine lästige Angewohnheit. Jede Kleinigkeit konnte die Wertung beeinflussen.
Die Wohnungstür schließt die Schwärze der Nacht in den Bauch des Zimmers ein. Die Geräusche und Stimmen in den Bauten beruhigen den Besucher. Er ist dankbar. Von Kindesbeinen an hat er die Stille gefürchtet. Die Plastiktüte war an ihrem Platz. Er wusste eine Abkürzung, die ihn sicher zu seinem Wagen geleiten würde. Mit weit ausholenden Schritten ging er auf den Saum der Nadelbäume zu, bis sie ihn verschluckten. Nur die Plastiktüte war noch einige Schritte weit schemenhaft zu erkennen.
Dann war der Besucher gegangen.
V.
Er wusste nicht, wovon er erwacht war, aber er war sich sicher, dass es nichts Erfreuliches war. Orientierungslos starrte er auf die Leuchtzeiger des Weckers, die den frühen Morgen in fluoreszierende Portionen schnitten und es mit kühler Zurückhaltung ablehnten, an den Schicksalen derer teilzuhaben, denen sie ihren Anteil Zeit zumaßen.
Endlich hatten seine tastenden Finger die Brille gefunden. Da war ein Ticken in seinem Kopf, das nicht von dem Uhrwerk stammte. Es war ein kleines, beunruhigendes, seltsam quietschendes Geräusch, das ihn hatte erwachen lassen. Lange war es ihm gelungen, die Störquelle in seinen Traum einzubeziehen. Wie immer nach einer außergewöhnlichen Anstrengung war er in einen tiefen Schlaf gefallen. Wie immer hatte er ein Gefühl bodenlosen Stürzens aushalten müssen, das ihn Klafter von seinem Bewusstsein trennte und ihm Träume bescherte, auf die er gerne verzichtet hätte.
Mit einem leichten Ekelgefühl rollte er den Kopf von dem feuchten Kissen. Ohne es zu prüfen, wusste er, dass auch sein Schlafanzug verschwitzt war und einen unangenehmen Gestank absonderte. Es war der Gestank von Angst und Reue, durchwoben von einem Hauch Erleichterung. Die allzu vertrauten Bilder seiner Träume schwammen in sein Bewusstsein und forderten seine ganze Aufmerksamkeit. Der Skorpion reckte seinen Stachel der Hand entgegen, die immer tiefer herabsank, bleischwer und unerbittlich. Die Gabel mit ihren grotesk vergrößerten Zinken wandte sich mit zeitlupenhafter Grazie von einem rasch aus dem Blickfeld verschwindenden Teller ab und nahm an Fahrt auf, sobald sie des nackten Beines ansichtig wurde. Sie stach darauf zu, riss die Hand mit sich, die sich der wilden Jagd nicht erwehren konnte, blinkte bösartig mit spitzer Metallwehr. Alles in dem Träumer wehrte sich gegen die Selbstverletzung. Er kämpfte und keuchte, zerwühlte Laken in dem vergeblichen Abwehrkampf und tat das erneut in seinem halb wachen Zustand.
Der abrupte Szenenwechsel verschlug ihm den Atem. Er japste, rang nach Luft und spannte die Muskeln an. Sein Schultergürtel verkrampfte im Schlaf. Kopfschmerzen kündigten sich mit einem dumpfen Pochen an. Für Augenblicke fühlte er sich erleichtert, ohne wirklich beruhigt zu sein. Der Aufstieg über den schmalen, steilen Waldpfad war anstrengend. Er war den Weg in seinen Träumen schon oft gestiegen. Seine Füße versanken mit jedem Schritt in moderndem Blattwerk. Er stemmte sich mit den Hacken in den weichen Boden, bis sich seine Fersen in den Wanderstiefeln an dem Leder unangenehm rieben. Nur noch eine Rechtsbiegung und ein giftiger felsiger Anstieg und er würde auf die prächtige Blumenwiese hinaustreten, deren Blüten sich einer Insekteninvasion entgegenstreckten und die den Blick auf die nahe Hütte freigab. Der Träumer mobilisierte die letzten Reserven, um der feuchten, dunklen Kühle zu entkommen, die nach Pilzverstecken und Tannennadeln roch. Die Zunge klebte an seinem Gaumen. Seine Lungen waren beschwerlich arbeitende Blasebalge. Er haderte mit seiner Kondition. Die Kopfschmerzen hatten sich Paukenschläge als neue Begleitmusik gewählt. Dann die letzten Schritte mit vorgebeugtem Oberkörper und halb geöffnetem Mund. Die Wiese hatte eine Schar Butterblumen als Vorhut an den Waldrand geschickt. Er blieb mit rasselndem Atem stehen und stützte die Hände auf die Knie. Mit zusammengekniffenen Augen suchte er die Hütte.
Die Erinnerung an das folgende Geschehen ließ den gerade Erwachten die Zähne zusammenbeißen. Er wälzte sich auf die Seite und schüttelte den Kopf, ohne die Bilder aus seinem Gedächtnis bannen zu könne. Wie in einer modernistischen Parodie auf das antike Drama des Sisyphus rollte die Wiese unter den Füßen des Wanderers weg wie eine Kulisse. Er berührte nicht einmal mehr den Boden, strampelte kläglich in seiner Hilflosigkeit, reckte die Arme nach der sich von rechts in rasendem Tempo aufwickelnden Hütte mit den rastenden Spaziergängern. Er vernahm kein Geräusch und keinen Windzug. Alles war unwirklich, voller rasender Farbtupfer, bis der Wald herannahte, in dem er jeden Flecken kannte.
Der Traum setzte ihn auf dem Pfad ab, der in den dunklen Tann hineinführte, steil zwar, aber nur eine kurze Strecke, bis man nach einer gewaltigen Kraftanstrengung an einer lieblichen Blumenwiese auf eine Lichtung trat und die Erfrischungen der Wanderhütte wittern konnte. Nichts war mit der Niedergeschlagenheit vergleichbar, die den Träumer ergriff, wenn er die Qual des Aufstiegs ohne Hoffnung auf Absolution in Angriff nahm, denn der Traum entließ ihn nicht aus der unerbittlichen Schleife, bis sich die Route nach endlosen Anläufen nicht mehr aufrollte, weil sich der Träumer das Erwachen mit knirschenden Zähnen und einem Tribut an Angstschweiß in den Morgenstunden erkämpft hatte.
Es machte den Mann missmutig, dass er sich selbst nach dem Erwachen von diesen Schimären der Nacht den Atem rauben ließ. Hastig fuhr er in seine Pantoffeln, denn mit einem Mal war ihm klar, was das Geräusch zu bedeuten hatte, das er mit dem Aufrollen des Bergpanoramas in Verbindung brachte. Er seufzte und fuhr sich durch die Haare. Vom Treppenabsatz aus spähte er vorsichtig auf die zerbrechliche Gestalt hinunter, die mit monotoner Gleichmäßigkeit die Klinke der Eingangstür herunterdrückte, losließ, einen Trippelschritt zurückwich und mit irritierender Präzision wieder die Klinke ergriff, die klickte und quietschte, so wie es ihrer Natur entsprach.
Das zwergenhafte Wesen stak in einem überdimensionierten Morgenmantel, der die Konturen zu einem buckligen Etwas bauschte, das ständig in Bewegung war. Am linken Arm hing ein Flechtkorb von immensen Ausmaßen, dessen signalrotes Futter eine Reihe deplatziert wirkender Gegenstände präsentierte. Am auffälligsten war die lange Reihe von Buntstiften, sorgfältig angespitzt und einsatzbereit nach Farben und Härtegraden sortiert. Ihre geschlossene Reihe hatte etwas soldatisch Arrogantes. Wahrscheinlich war das der Grund, dass sich eine altehrwürdige Kaffeemühle mit Drehkurbel in die Ecke gedrückt hatte, als wolle sie sich jeder Aufmerksamkeit entziehen. Ein Satz Damenunterwäsche schmiegte sich entschlossen an ein braun und gelb marmoriertes Kuchenviertel, dessen Flanken unorthodox geplündert waren. Man konnte deutlich erkennen, wo die Fingerkuppen gegraben hatten und fündig geworden waren. Es waren die Finger, die die Kuchenkrümel auf den Fliesen und Teppichen des Hauses in gewundenen Ameisenpfaden fallen ließen. Aus dem ersten Stock betrachtet erschienen die Kuchenspuren wie schmale Narben auf dem Gewebe des Hauses. Sie verwandelten eine ordinäre Eingangshalle in ein futuristisches Stillleben, das sich jede Einmischung verbat.
Mit vorsichtigem Tritt ging der Mann die Treppe hinunter. Es wäre zu einfach gewesen, seinen Traum für die Szene verantwortlich zu machen. Unleugbar aber waren die Träume ein Spiegelbild für die Mühsale, die er sich mit der Pflege seiner Mutter aufgeladen hatte. Die Demenz war eine anfänglich zart knospende Abweichung vom gewohnten Verhalten gewesen und verschlang sie beide nach kurzer Zeit mit ihrem unersättlichen Hunger nach Orientierungslosigkeit, Depression und Vergessen.
Noch bevor er sie erreichte, hörte er ihr aufgeregtes Gemurmel, das in dem Quietschen der Türklinke untergegangen war. Auf die marmorweißen Haare, deren sorgfältig gekämmte Lockenpracht mit einem Stirnband gezähmt war, hatte die alte Frau einen Hut gesetzt. Es war ein keckes lila Teil, das sich mit schiefer Nonchalance in den Hinterkopf der Greisin krallte, das Designerstück einer Putzmacherin aus den Hochzeiten des Swing, des schwarz-weiß Fernsehens und der Erdbeerbowle. Sein sinnlicher Schnitt wippte im Takt der Trippelschritte. Es war ein Hut für eine junge Frau in einem eng anliegenden Kostüm mit provozierenden Netzstrümpfen und schimmernden braunen Augen über einem karmesinrot geschminkten Mund. Der Hut verlangte nach einer unbändigen Fülle brauner Locken und einem verschmitzten Lachen, das unschuldig und zugleich sexy war. Das Modell ‚Summer in the Town‘ zog die Aufmerksamkeit der Männer mit den weißen Hemden und den schmalen Krawatten auf die herzförmigen Gesichter ihrer Trägerinnen und befeuerte das Interesse füreinander.
Es war das Lieblingsmodell der Alten geblieben, die nie ohne den Hut angetroffen wurde, der die Erinnerungen an die Vergangenheit lebendig erhielt und über dem greisen Gesicht mit den verstörten Augen anrührend und lächerlich zugleich wirkte. „Ich muss doch dem Jungen das Frühstück machen“, flüsterte die Frau in einem fort und gab auch die Versuche, die Tür zu öffnen, nicht auf, als der Mann sie an sich zog. Sie flatterte in seinen Armen wie ein verängstigter Vogel, bevor sie zur Ruhe kam.
„Kennen Sie meinen Sohn“, fragte sie mit kläglicher Stimme und stemmte sich mit kleiner Kraft aus seiner Umarmung. Aus dem runzligen Gesicht blickten ihn zwei braune Augen an, die desorientiert hin und her sprangen. Sie formte den eingefallenen Mund zu einem Trichter und nickte in Richtung Korb. „Ich war einkaufen und jetzt muss ich dem Jungen Frühstück machen – aber ich habe den Schlüssel vergessen und komme nicht ins Haus. Nicht ins Haus …“ wiederholte sie mit resigniertem Flüstern und lehnte den Kopf an die Schulter ihres Sohnes. Er strich ihr begütigend über die Haare.
Noch immer hatte er in solchen Situationen einen Kloß im Hals. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn sie gewütet und getobt hätte, wie sie es manchmal tat, wenn der Nugatbrotaufstrich unauffindbar war oder sie das Licht in der Toilette nicht finden konnte. Dann warf sie ihm und den wechselnden Betreuerinnen Verschwörung und Mordabsichten vor, schäumte vor Wut und Abscheu und kritzelte mit den Stiften ihre Zahlenkolonnen nicht mehr auf Papierblöcke, sondern auf die Tapeten, die bald über und über mit der Magie der alten Frau bedeckt waren. Ihre Ausbrüche weckten seinen Widerstandswillen und stählten ihn gegen die Angriffswellen der Krankheit, die von seiner Mutter Besitz ergriffen hatte. Er stemmte sich mit Autorität gegen die ungerechtfertigten Vorwürfe und aktivierte die in zahlreichen Schulungen gelernten Gegenstrategien.
Die Momente stiller Verzweiflung allerdings überwältigten ihn noch immer und barscher, als er es geplant hatte, drehte er sie herum und sagte: „Du bist zuhause.“ Ohne auf ihr Sträuben zu reagieren, ging er an der Krümelspur entlang, die zur Küche führte. Er setzte sich auf die Kante der Eckbank und platzierte den Korb auf dem Tisch. Mit beiden Händen wies er theatralisch auf die Küchengeräte. „Das ist deine Küche,“ intonierte er in einem beschwörenden Tonfall, der dazu dienen sollte, ihren Geist wieder an die Gegenwart zu binden.
Die Augen der alten Frau nahmen einen anderen Ausdruck an. Sie lächelte und rückte ihren Hut zurecht. In ihrem geschrumpften Gesicht kam die tatentschlossene Frau von früher zum Vorschein, die ihren Nonkonformismus in jeder Lebenssituation kultiviert hatte. Ein magerer Finger berührte die Nase und kleine Füße tasteten sich begreifend in das Zimmer vor. Der Kopf nickte wissend und belustigt, während die alte Frau ihren Sohn musterte.
„Mark, so habe ich dich nicht erzogen“, sagte sie mit gespielter Strenge. „Dass du erst jetzt nach Hause kommst – und dazu noch in einem solchen Aufzug. Glaubst du nicht, dass du für Pyjama Partys ein wenig zu alt bist?“
Die Konzentration auf sein Tagesgeschäft erkaufte sich Mark mithilfe geschulter Pflegekräfte, denen er in gleichem Maße dankbar war, wie er ihnen misstraute. Es war eine kostspielige Angelegenheit, sich ein gutes Gewissen zu leisten und die Arrangements funktionierten niemals, wenn man detailorientiert war, wie der Bewohner des adretten Einfamilienhauses an der Peripherie der Stadt. Die beängstigenden Träume und der Selbstbetrug, der darin lag, dass er sich mit peinlicher Sorgfalt ankleidete wie ein geckenhafter Stutzer, nur um bis zum Verlassen des Hauses Zeit zu schinden, hätten ein Warnsignal sein müssen. Mit etwas Courage wären die immer länger werdenden Verweilzeiten vor dem Computer nicht als wertvolle Umstrukturierungsmaßnahmen in der geschäftlichen Kommunikation gewertet worden, sondern als Resignation vor der krankhaften Erfindungsgabe der Mutter, die in immer neuen Kombinationen gefährliche Situationen mithilfe heißen Wassers, Gas und Bestecken heraufbeschwören konnte.
Das Haus war mittlerweile zu einem raffinierten Demenz-Abwehrbollwerk ausgebaut, in dem abschließbare Schubladen und Fenster dominierten, Küchengeräte ihren eigenen Zahlencode besaßen und die Toilettentür nach einer genau bemessenen Zeit aufsprang, um einen Blick auf den zu lange verweilenden Insassen zu erlauben. Türspione blickten mit staunender Vergrößerung in Zimmer hinein und Rauchmelder paarten sich mit roten Warnlampen, die unter Sirenengeheul blinkten, wenn ein Sicherheitsmechanismus überwunden wurde.
Trotz alledem war der Mann nicht davon abzuhalten unter dem Vorwand, wichtige Unterlagen vergessen zu haben, überfallartig nach Hause zurückzukehren, um nach seiner Mutter zu sehen, denn er bestand darauf, dass die Pflegekraft ihr die Menschenwürde zurückgab, die ihr die Krankheit stückweise entriss. Immer aufs Neue bestätigten sich seine Verdachtsmomente und er fand die alte Frau eingepfercht in einem verschlossenen Zimmer ohne Ansprache oder alleine gelassen mit einer Ansammlung von Essen, in das sie mit gekrümmtem Finger ihre Zahlen schrieb. Die Pflegedienste wechselten häufig und hinter seinem Rücken wurde über den unmöglichen Mann gelästert, der sich standhaft weigerte, seine Mutter einem professionell geführten Pflegeheim anzuvertrauen. Die mildeste Vokabel war ‚unverantwortlich‘, während man dem Mann bei jedem neuen Versuch, die Anforderungen an eine adäquate Pflege seiner Mutter zu definieren, treuherzig in die Augen blickte und ihm versicherte, man empfinde nichts als Hochachtung für seine nimmermüde Hinwendung.
Erst vor wenigen Wochen hatte er bei einem seiner unangekündigten Kontrollbesuche die schnippische, dünne Pflegekraft mit den ungepflegten Fingernägeln bei einem schockierenden Vorgang gestellt. Auch wenn es nicht um heimliches unerlaubtes Rauchen ging oder um die Bestätigung des Verdachts, dass sie die alte Frau zwang, auf der Toilette zu verharren, weil sie es leid war, die Windeln zu wechseln. Alles hätte er toleriert, jeden noch so widersinnigen Rechtsfertigungsversuch über sich ergehen lassen, wenn es um einen Akt gedankenloser Vernachlässigung gegangen wäre. Aber es ging um etwas anderes.
Im Grunde genommen war er frohen Mutes gewesen, als er bei einem Abstecher von seiner Route den Kastenwagen des mobilen Essendienstes in der Einfahrt sah. Es schien noch etwas früh für die Auslieferung zu sein, aber es keimte kein Verdacht in ihm auf. Das Gras und die Sträucher benötigten einen Schnitt. Er wollte das am Wochenende nachholen.
Ohne Argwohn war er über die Terrassentür ins Haus gelangt. Der Lieferant bemerkt ihn als Erster. Er versuchte eine beschwichtigende Handbewegung, die gänzlich missglückte, nachdem er die blonden Haare der schmalbrüstigen Pflegerin losließ. Diese stieß ihr knabenhaft kleines Gesäß mit einem routinierten Aufstöhnen zurück und weigerte sich wahrzunehmen, dass das geschrumpfte Glied des Mannes den Pfad der körperlichen Vereinigung verlassen hatte. Der weiße Körper der Frau wies hektische rote Flecken auf. Die rechte Hand des Lieferanten verharrte in der Luft und schielte noch immer begehrlich auf die sich vergeblich windende Pobacke der Pflegerin, die sie zuvor mit schnalzenden Schlägen stimuliert hatte. Der Penis des Mannes hatte beschlossen, sich unter dem fassungslosen Blick des Neuankömmlings vollständig in die Schambehaarung zurückzuziehen.
Mit einiger Verzögerung drangen die unerwünschten Veränderungen auch zu der engagierten Blondine durch. Ihr abgespreiztes Bein rutschte von der Küchenanrichte und eine verzerrte Mimik aus Trotz und Verlegenheit starrte den Beobachter über spitzen Brüsten an. Der Lieferant zerrte hektisch an seinem grünen Overall, der sich um die Fußknöchel schlang. Er wich dem Blick des Hausherrn aus und widmete sich verbissen dem Ankleidevorgang, als ob ein korrektes Aussehen mit der Absolution von seiner Verfehlung verbunden sei.
Die Pflegerin hatte ihr Bündel vom Boden gerafft und hielt die Textilien schützend vor ihren mageren Körper. Ihre Rippenbögen waren unter der Haut deutlich erkennbar. Mit vorwurfsvoller Stimme sagte sie: „Können Sie nicht anklopfen?“ Der Mann ignorierte sie. Nur sein Arm blieb ausgestreckt auf sie gerichtet, als wolle er ihr bedeuten, sich ruhig zu verhalten, während er sich zu seiner Mutter umwandte, die mit eifrigen Augen am Küchentisch saß und mehrfach schallend in die Hände klatschte. Sanft strich er ihr über die Wangen.
„Das Essen steht auf der Anrichte“, stammelte der Lieferant und fuchtelte mit den Armen, um den bedeutungsschweren Satz zu unterstreichen. Mit polternden Schritten nahm er seinen Abschied, ohne das Subjekt seiner Begierde eines Blickes zu würdigen.
„Essen wir jetzt Suppe?“, sagte die alte Frau. Sie tastete nach dem Hut und zupfte ihn zurecht. „Grießklößchensuppe“, präzisierte sie und die Erinnerung an längst vergangene Zeiten kehrte zu ihr zurück. Voller Erwartung ließ sie ihren Blick zwischen der nackten Frau und ihrem Sohn hin und her wandern. Sie konnte beide nicht zuordnen, aber der Geschmack nach buttrig weichem, geröstetem Grieß und dem unerwartet kräftigen Nachgeschmack nach Muskatnuss war ein mehr als genügender Ausgleich für diese Gedächtnislücke.
Die Hand des Mannes arbeitete schnell und präzise. Er war enttäuscht, aber dennoch erlaubte er sich keinen Zorn. „Wissen Sie eigentlich, dass es der Forschung gelungen ist, Bierhefe so zu konditionieren, dass sie bei der Entdeckung von Sprengstoff grün leuchtet?“ Seine Stimme war einschmeichelnd und verständnisvoll. Die Nackte war bis zur Wand zurückgewichen und hatte ihr Bündel fallen lassen. Ihr Schamhaar bildete die Form eines Pfeils, der sich auf ihre Vagina richtete. Trotz ihrer abwehrend nach vorne gestreckten Arme und einer Serie schriller Schreie, die die alte Frau mit einem begeisterten Klatschen quittierte, tat das Teppichmesser seine Arbeit. Zwischen den unscheinbaren Brüsten erschienen blutige Striemen, dünn und präzise wie Menetekel.
„Machen Sie jetzt bitte meiner Mutter die Suppe“, bat der Mann mit ausgesuchter Höflichkeit. Die Nackte wischte sich über den Brustkorb. Ihre Hand war blutbesudelt. Sie sank stöhnend in sich zusammen.
Er wusste, dass er Probleme bekommen würde, aber das war ihm einerlei. Schwerer wog für die Betroffenen, dass sie mit ihm ein Problem hatten.
VI.
Einige Geldscheine und eine hastig verfasste Notiz an den Pflegedienst, dass man für die schwierige Arbeit mit der Pflegebedürftigen eine erfahrenere Person benötige, glättete die Situation notdürftig. Aus der schnippischen jungen Frau war ein ängstliches Bündel geworden, die bei jeder seiner Bewegungen aufschrie und voller Panik aus dem Haus hetzte, sobald er es ihr erlaubte. Er war von alledem unbeeindruckt geblieben und hatte ihr in eindringlichen Worten geschildert, wie sehr ihm an einer harmonischen Lösung gelegen war. Fühlte er, dass ihre Aufmerksamkeit nachließ, genügte ein Griff in seine Jackentasche, um sie vollständig für seine Ausführungen einzunehmen.
Zur Sicherheit engagierte er anschließend eine kurzatmige, übergewichtige Polin mit einem veritablen Damenschnurrbart, deren strenger Gesichtsausdruck sich nur milderte, wenn sie seine Mutter betreute. Dann umsorgte sie die alte Frau mit Umsicht und engelhafter Geduld, die nicht gespielt war, sondern ihrem Wesen entsprach.
Sorge bereitete ihm die ungewöhnliche Fixierung der breitschultrigen Frau auf alles, was mit menschlichen Ausscheidungen zu tun hatte. In gedehntem Akzent kommentierte sie mit deutlicher Unzufriedenheit ihre Inspektionen von Toiletten und Bädern, erwähnte die neuesten Erkenntnisse von Proktologen, die von der Mehrheit der Toilettenpapiernutzer nicht gewürdigt wurden und bewirkte, dass ihr Auftraggeber das erste Mal seit vielen Jahren ein Fremdwörterlexikon in die Hand nahm, um mit Erstaunen zur Kenntnis zu nehmen, dass sich auf die Krankheiten des Mastdarms spezialisierte Ärzte ‚Proktologen‘ nannten und sich auch mit Analhygiene befassten.
Ohne Umschweife verlangte die ungewöhnliche Fachkraft ein neues Toilettenpapier, das keiner der üblichen unappetitlichen Zellhaufen sein dürfe, dessen Prägestruktur bei der Benutzung auf die abgewischte Rosette einen Einfluss wie Sandpapier ausübe. Ideal sei ein sanfter Wasserstrahl oder wenigstens ein hochwertiges Produkt mit einer weichen und reißfesten Struktur.
An dem eifrigen Leuchten ihres sonst eher ausdruckslosen Gesichtes war abzulesen, dass sie diesen Kampf mit glühendem Eifer und aus innerer Überzeugung verfocht. Ihre sonst so kargen Hauptsätze mit den verzeihlichen grammatikalischen Verstümmelungen wucherten und blühten bei jeder Berührung mit der Thematik und sie dirigierte Argumente und Lesefrüchte, dass es dem Gesprächspartner peinlich sein musste, bisher nicht gewusst zu haben, welchen Wert kleine runde Kiesel für arabische Stämme haben und warum Amerikaner keine Papierfalternation sind, sondern eine solche von Papierknüllern.
Erst als die stämmige Frau eine mattgelbe Toilettenrolle aus ihrem Umhängebeutel holte und die geriffelte Oberfläche mit einem verzückten Gesichtsausdruck streichelte, war bei ihrem Gegenüber das Maß der Irritation erreicht, das ihn daran zweifeln ließ, ob die neue Pflegekraft nicht möglicherweise ein tief verwurzeltes Problem hatte, das sich leistungsmindernd auf ihren Auftrag auswirkte. Die Obsession der Polin war anstrengend und bizarr, aber beherrschbar, wenn man ihre Ausführungen ernst nahm und die Vorschläge im zumutbaren Rahmen in die Tat umsetzte.
So wechselte man in dem Haushalt unter dem zufriedenen Schnaufen der neuen Pflegekraft die Toilettenrollen, gesellte neben das trockene Vlies feuchte Tücher einer genau vorgegebenen Marke und bestellte zwei Bidets.
Es war der ins ungewohnt zärtliche abgleitende Gesichtsausdruck der sonst so geschäftsmäßig distanzierten Pflegekraft und ihr versponnenes Lächeln, das sie fast sympathisch erscheinen ließ, wenn sie das favorisierte Toilettenpapier durch ihre Hände gleiten ließ und dabei genießerisch die Augen schloss, was ihn beunruhigte. Er machte sich eine mentale Notiz, sich alsbald nach einer besseren Lösung umzusehen.
Die Müdigkeit holte ihn ein wie eine vernachlässigte Geliebte, die energisch ihr Recht einforderte. Vom Rausch der vergangenen Nacht blieben nur ein wattig gedämpfter Nachhall und ein Frösteln, das ihn immer überkam, wenn eine nicht genau zu bestimmende Unzufriedenheit in ihm nagte. Es war eine Art Zweckpessimismus, den er pflegte wie einen willkommenen Gast und der ihn vor künftigen Enttäuschungen bewahren sollte. Bei seiner Rückkehr hatte er noch immer beschwingt einige Minuten über den Schlaf seiner Mutter gewacht und ihr leises Schnarchen verfolgt, wie eine vertraute Melodie. Bevor er die aufgenommenen Sequenzen ins Netz stellte, fotografierte er das Usambaraveilchen auf exakt der Stelle seines Schreibtisches, die immer zur Präsentation der Trophäen diente. Anders als andere strebte er nicht nach sperrigen Gütern oder verräterischen Artefakten, die ihn in Schwierigkeiten bringen konnten, denn die Schwierigkeit des Wegschaffens oder der Marktwert der Stücke zählte nicht mehr für die Wertung. Es ging lediglich um die Verifizierung der Aktion durch ein Beweisstück, nicht um eine narzisstische Selbstdarstellung oder einen artistischen Schlussakkord.
Die meisten ihres kleinen Zirkels verstanden das und alle waren mit den Spielregeln einverstanden gewesen, als die letzte Revision anstand. Einige jedoch stellten die Geduld der Wertenden auf eine harte Probe, indem sie halsbrecherische Manöver wagten, bei Tageslicht an Hauswänden emporkletterten, sich in aberwitzigen Verkleidungen und mit versteckter Kamera Zutritt zu Wohnungen verschafften oder Spuren legten, die weit über die gesiegelten individuellen Zeichen hinausgingen.
Erst vor einer Woche hatte ein Südamerikaner, der nahe daran war, die Höchstschwierigkeit zu bewältigen, mithilfe eines als ahnungsloses Werkzeug eingesetzten Speditionsunternehmens ein Klavier aus dem Zielbereich schaffen lassen und die Hausbesitzer mit der Nachricht überrascht, sie hätten in der nationalen Lotterie gewonnen, die außer einem stattlichen Geldbetrag auch das Musikinstrument und das bejahrte Auto des Paares gegen neue Stücke tauschte. Bedenken mochten den Geschmeichelten erst gekommen sein, als sie der falsche Sendbote des Glücks mit seinem Zeichen konfrontierte. Es war zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen, als die Jury die Aktion als nicht regelkonform ansah und wegen der offensichtlichen Gefährdung der gesamten Mitwirkenden eine Rüge aussprach.
Was er in dieser Nacht zu sehen bekam, nachdem er sich mit seinem Passwort eingeloggt hatte, beruhigte ihn ein wenig. In zwei Fällen war er selbst dazu bestimmt, eine Wertung abzugeben. Das tat er gewissenhaft und ohne Parteilichkeit. Knapp zwei Drittel der Besucher hatten die kurzen Videobotschaften korrekt entschlüsselt und ihr Ziel identifiziert. Das war ein annehmbarer Wert, wobei es einem der Engländer gelungen zu sein schien, die lückenlose Videoüberwachung der Städte anzuzapfen und Gesichter mit einem biometrischen Abgleich zu scannen. Die Kehrseite war natürlich, dass man sich selbst ständig im Fokus der Kameras befand und höchste Vorsicht walten lassen musste, um nicht aufzufallen.
Die weitaus höchste Wertung erzielte ein Beitrag aus Schweden, in dem es einer noch jungen Besucherin gelungen war, ihre Zielperson in einem Kaufhaus zu stellen und ihr zu den Umkleidekabinen zu folgen. Ihre Flüsterstimme erzählte in mühsamem Schulenglisch die Vorgehensweise. Die Handkamera zoomte auf die Rückwände der Kabinen und verharrte auf einem Schraubenzieher mit buntem Griff, der sich unter eine dünne Holzplatte bohrte. Ein Mädchen mit sonderbar abstehenden blonden Zöpfen kam aus einem steilen Winkel ins Bild. Der automatische Zoom hatte Mühe das Wackeln der Filmenden auszugleichen. Immer wieder huschte das Auge der Kamera hinter das öde Braun der Abdeckung, wenn sie eine vorzeitige Entdeckung befürchten musste. Das erläuternde Raunen setzte kurzzeitig aus. Die Tonspur füllte sich mit dem metallischen Scharren von Kleiderbügeln. Dann richtete sich die Linse steil nach oben. Angestrengtes Atmen. Bilder von Deckenplatten und grelles Licht, bevor die Aufnahme nach unten stieß und die Zöpfe einfing.
Die Aufnahme glitt über kleine, unregelmäßige Brüste und einen von Schwangerschaftsstreifen übersäten Bauch. Der erste oberflächliche Eindruck hatte getäuscht. Die Zöpfe wippten über einem faltigen Hals, der das wahre Alter der Frau erahnen ließ. Ein MP3-Player jagte undefinierbare Beats durch die Kopfhörer. Das hochgeraffte seidene Unterkleid reichte bis zum Ansatz der Beinprothese. Das linke Bein war am Oberschenkel amputiert. Die Kamera machte den Farbunterschied deutlich. Das echte Bein war blasser und unregelmäßiger im Muskeltonus. Zarte blonde Härchen am rechten Unterschenkel bewegten sich im Rhythmus des Turnschuhs.
Der Ankleideprozess war ein mühsamer Vorgang. Die Kamera zog sich vorübergehend hinter den Rand der Kabine zurück und tastete sich durch dunkel erscheinende Stoffe und eine winzige Aussparung, in der zwei abgewetzte Sessel und ein Wasserkocher standen. Die Sequenz endete mit einer Nahaufnahme eines satt roten Textilstreifens. Die Stimme erläuterte mit merklicher Aufregung, dass es sich um den Trennvorhang zu der Umkleidekabine handele. Eine Hand schoss nahe an der Kamera vorbei. Ein leichtes Klirren und die undefinierbare Nahaufnahme einer Metallstange wurde sichtbar. Schritte und Stimmen nahten. Die Aufnahme fing ein Stück grauen Boden ein und zeichnete die hektischen Geräusche einer Flucht auf. Der fragende Ruf einer Frau. Dann Stille und ein unterdrücktes Keuchen. Noch einmal ein Ruf, dieses Mal weniger überzeugt. Der Bildausschnitt brav auf den Boden gerichtet. Wartend.
Erneut der Schraubenzieher. Ein verräterisches Knacken, aber kein Innehalten. Die Stimme jetzt kühl und selbstbewusst. Ein Spalt neben dem Rücken der Zopfträgerin. Die Kamera dokumentiert die letzten Handgriffe vor dem Verlassen der Kabine. Zwei sommersprossige Hände schließen einen Reißverschluss. Ein Fuß in einem flachen Schuh schiebt eine bauchige Handtasche mit bunten Applikationen zur Seite. Es ist eine flüssige, geschickte Bewegung, die die Prothese ausführt. Sie verrät Übung und die Versöhnung mit einem harten Schicksal. Die Stimme hatte in der üblichen Kurzbiografie erwähnt, dass es sich um einen Unfall gehandelt hatte, war aber nicht näher auf die Umstände eingegangen.
Zwei Schritte und der Griff zum Vorhang. Ein Straffen des Oberkörpers und das Ratschen der Messingringe. Der Aufschrei paarte sich mit dem Vornüberfallen der Frau, als der schwere Stoff über die Schiene hinausfuhr und zu Boden glitt. Die Prothese machte eine steife Verbeugung und zog eine abgeknickte Hüfte mit sich. Eine Hand schlug mit einem hohlen Geräusch gegen die Trennwand. Die Frau fiel nach links und kollidierte mit dem Hocker, der nach vorn geschleudert wurde. Das rechte Bein hatte die Situation nicht mehr retten können und ragte angewinkelt in die Luft. Die Arme der Gestürzten tasteten nach ihrem Kopf.
Der Schraubenzieher hatte die Rückwand aufgerissen. Die Prothese hatte sich von dem Beinstumpf gelockert und war durch das Hosenbein nach vorn geschlüpft. Der Winkel des Beines war bizarr und der Anblick unerträglich. Aufgeregte Stimmen und ein trockenes Schluchzen der Frau.
Ein Arm wand sich durch den Spalt und führte aus dem Handgelenk präzise Bewegungen aus. Der längliche Gegenstand in der Hand setzte die Bewegungen in Muster um, die im Rücken der Liegenden in Rot erblühten. Der Körper der Frau erschauerte. Geschminkte Münder herbeigeeilter Verkäuferinnen kreischten im Quartett. Eine kräftige Frau im himmelblauen Kostüm hatte die Prothese in dem Versuch, die Gestürzte aus der Enge der Kabinen zu zerren vom Beinstumpf gerissen und hielt das Bein mit weit aufgerissenen Augen auf Armeslänge von sich. Selbst als sie in Ohnmacht fiel, hielt sie das Bein umklammert, als sei sie für dessen Wohlergehen persönlich verantwortlich.
Die Rückwand war in ihre ursprüngliche Position zurück geschnappt. Die Kamera entfernte sich rasch und umkurvte ungeduldig Kleiderstangen, um hoch aufgerichtet in der quer zum Tatort liegenden Herrensektion aufzutauchen. Noch einmal flüsterte die Stimme. Man konnte ihr die Mischung aus Triumph und Erleichterung anhören. Das Auge der Kamera war schräg nach unten gekippt. Die Aufnahmen konnten sich nicht zwischen den vorbeilaufenden Schuhpaaren entscheiden. Kurz vor der Rolltreppe wagte die Kamera einen letzten verstohlenen Blick. Er verharrte auf einem zierlichen silbernen Entenkopf, der als Knauf eines eleganten Gehstocks diente. Die Frau in der Kabine würde ihre Gehhilfe nicht vermissen.
Wie jeder ambitionierte Mitbewerber verglich auch Mark das Gesehene mit den Früchten seiner eigenen Anstrengung. Er bemühte sich um Fairness und eine Abwägung nach objektiven Gesichtspunkten. Der Schwierigkeitsgrad und die Originalität des Projekts waren unleugbar hoch, die Umsetzung etwas unelegant, aber immer spannend und von einer atmosphärischen Dichte, die der Improvisiertheit der Situation entsprang. Schweren Herzens wertete er den schwedischen Beitrag höher als er seine eigene Performance einschätzte und sandte das verschlüsselte Raster an den Server der Gemeinschaft.
Um den vor ihm liegenden Arbeitstag zu erleichtern, nahm er noch einmal die Briefe zur Hand. Es waren schnörkellose Zeugnisse einer gepflegten Gesprächskultur, zurückhaltend, aber mit genügend Persönlichkeit versehen, sodass die Zeilen eine gewisse Wärme ausstrahlten. Bislang war es immer so gekommen, dass seine Mutter recht behalten hatte, wenn sie ihn vor der Raffinesse der Frauen warnte, deren Hauptanliegen es nach den Gesetzen der Natur war, sich um ihre Brut zu sorgen und mit ihren Attributen Männer zu locken und an sich zu binden, die die Gewähr für erstklassiges Erbgut und eine lebenslange Versorgung boten.
Wie alle Söhne hatte er die weitschweifigen Ausführungen nicht ernst genommen und war mit bitteren persönlichen Niederlagen in seine Karriere als sexuelles Wesen gestartet. Er hatte es nie vermocht, es gekonnt nach außen zu transportieren, dass große, schwingende Brüste ihn ängstigten, ausladende Hintern eine zu grobe Botschaft aussandten und fleischige Schenkel bedrohlich wirkten wie mächtige Zangen, die unter madonnenhaft gerundeten Mädchengesichtern Knechtschaft für den Mann bewirkten, der sich in ihre Obhut begab. Nicht anders war es mit den rachitischen Geschöpfen und ihren flachen Bäuchen, den dürren Beinen in engen Röhrenjeans und den spitzen Brustansätzen auf den schmalen Brustkörben. Sie waren Imitate von Frauen, eifrig flanierende Modeständer, die ihre Magerkeit in die Waagschale im Kampf um die Aufmerksamkeit paarungswilliger Männer warfen und sich ein hohes Maß an Arroganz leisteten, das von dem gängigen Geschmacksdiktat der Frauenzeitschriften herrührte.
Als persönliche Niederlage empfand er es allerdings, dass er auch bei dem Anblick unspektakulärer Normfrauen keine sexuelle Regung empfand. In einem Alter, in dem sich seine Mutter entschlossen hatte, die Familienplanung ihres Sohnes auf den Weg zu bringen, suchte er noch immer nach dem Auslöser jener adoleszenten Erregung, die bei seinen Altersgenossen zu einem lächerlichen Balzverhalten, zu öffentlich ausgefochtenen Prahlritualen und einem unseligen Hang zu möglichst eng geschnittenen Hosen führte.
Er wusste es zu schätzen, dass seine besorgte Mutter ihm eine schreiend gelbe Badehose bereitlegte, die mit optimistischem Tangaschnitt seine Geschlechtsorgane hob und nach vorne presste und einen gockelhaft stolzierenden Gang erzwang, der in der Badeanstalt eine gewisse Unruhe unter den weiblichen Gästen hervorrief. Sie schien unter dem Eindruck zu stehen, dass das offenkundige Defizit in der Entwicklung eines gesunden jungen Mannes von Erziehungsfehlern herrührte. In vorsichtigen Gesprächsansätzen versuchte sie herauszufinden, ob die mütterliche Besorgtheit als übermäßige Strenge wahrgenommen worden war, sodass für den Sohn eine Annäherung an das weibliche Geschlecht als eine Art Vergehen gewertet würde. Ziemlich direkt, so wie es ihre Art war, sprach sie das Problem der Homosexualität an und erntete nach ungläubigen Blicken ein prustendes Lachen, das sie mehr erleichterte als sie zugeben wollte.
Als Ergebnis blieb nur die Vermutung, dass der weitgehend vaterlos aufgewachsene Junge ein wie auch immer geartetes Defizit mit sich herumschleppte, das sich mit zunehmendem Alter selbst regulieren würde. Der Sohn hatte es stets vermieden, den Kummer der Mutter dadurch zu verstärken, dass er sein Wissen um den Tod des Vaters preisgab. Der verständnisvolle Blick des Hausarztes sprach Bände, als er nach flüchtigem Betasten einen Herzstillstand attestierte und so den Vergiftungstod des Haustyrannen kaschierte. Er war es, der die Verletzungen der Mutter nach den Prügelorgien des Vaters mit finsterer Miene versorgte und die Ausbrüche häuslicher Gewalt unter der Decke hielt, weil ihn ein bittendes Gesicht darum bat. Er war es, der sich nach einer angemessenen Trauerphase mit der Mutter in das elterliche Schlafzimmer zurückzog.
Der Sohn konnte nur spekulieren, glaubte aber dem Kern der Wahrheit nahe gekommen zu sein, wenn er den Arzt als Lieferanten der vielen kleinen Dosen Arsen ausmachte, die den Kaffee des Vaters bereicherten, wenn er nach seinen Seitensprüngen mit Damen zweifelhaften Rufs in den Schoß der Familie zurückkehrte und seinem schlechten Gewissen in gewalttätigen Eruptionen Platz verschaffte. Er pflegte mit der offenen Hand zuzuschlagen, denn als religiöser Mensch unterschied er zwischen gerechter und gottgefälliger Züchtigung und nicht zu rechtfertigenden Prügeln, zu denen nur die unbeherrschten Seelen griffen, deren Platz im Himmel schon zu Lebzeiten verwirkt war. Seine Arme drehten sich wie Dreschflegel im immer gleichen Takt und verwandelten die Mutter in ein wimmerndes Bündel. Das Arsen hatte die erhoffte besänftigende Wirkung auf ihn, und er verlangte nicht mehr den ersehnten Respekt, den er in seine Frau einzubläuen versuchte.
Der Sohn war vor jeder dieser ‚Sitzungen‘ der Eltern auf sein Zimmer geschickt worden, wo er mit untergeschlagenen Beinen tränenüberströmt auf dem Bett saß und sich große, eingespeichelte Stücke von Papiertaschentüchern in die Ohren stopfte, um den Geräuschen zu entgehen, die sich in sein Herz krallten und ihn folterten. Mehrere Male war der Vater nach Sitzungsende in sein Zimmer gekommen und hatte ihn schweigend angesehen, als suche er Bestätigung. Der Junge konnte dem Blick des sehnigen Mannes mit dem erstaunlich vollen Gesicht nicht standhalten. Mit zittrigen Fingern hielt er ein Teppichmesser in den Händen und schob die schiefe Klinge aus dem Futteral. Es war mehr eine Geste der Hilflosigkeit als eine Drohung, aber sie genügte, um dem Vater die gewünschte Botschaft zukommen zu lassen.
Skrupel erwuchsen aus den lange zurückliegenden Vorkommnissen keine und der Junge vermisste weder eine Vaterfigur in seinem Leben, noch machte er seine Mutter für mögliche Defizite in seiner Entwicklung verantwortlich. Das Einzige, was er sich aus dieser Zeit behielt, war die Gewissheit der Nützlichkeit eines Teppichmessers.
Das Schlüsselerlebnis war die Frucht eines schwülen Herbsttages, den er mit Freunden im Schwimmbad verbracht hatte. Kichernde Mädchen in knappen Bikinis vollführten beim Minigolf unbeholfene Verrenkungen, um den Jungmännern Gelegenheit zur körperintensiven Hilfestellung zu geben. Haare wurden zurückgestrichen und Hüften kokett verdreht, während Schminkspiegel ihren Einsatz hatten, um die Wirkung der Bemühungen zu kontrollieren. Mark war von den Ritualen ermüdet. Er hatte einen weiteren Versuch unternommen sich das Feuer des Begehrens anzuerziehen, indem er sich auf ein hübsches Lippenpaar konzentrierte und Bilder heraufbeschwor, die er in einem einschlägigen Magazin gesehen hatte. Tatsächlich vermochte er eine gewisse sehnsüchtige Erwartung zu erzeugen, die halbherzig seine Lenden erreichte und sich sofort verflüchtigte, als der Mund mit breitem Dialekt nichtssagende Sätze von sich gab. Von dem Ergebnis entmutigt machte sich Mark von dannen.
Er genoss das Alleinsein, wenn er durch die Straßen streifte und beim Anblick der Häuserfronten, der Geschäfte und Fabriken an deren Innenleben dachte, das faszinierend und fremd sein musste, weil es sich vor Blicken schützte. Ohne zu zögern, war er der kleinwüchsigen Frau nachgegangen, deren Gesicht seltsam faltig und greisenhaft war. Sie mochte ihm bis knapp über die Hüfte reichen und ging mit einem militärisch zackigen, stampfenden Schritt, als wolle sie alle die warnen, die in ihr eine leicht zu überwältigende Beute sahen. Beim Gehen waren ihre gedrungenen Gliedmaßen in ständiger Bewegung und langes schwarzes Haar hing über das rote Kleid. Sie hatte keine nennenswert weibliche Figur, sondern bestand aus einer Ansammlung gedrungener Wölbungen, die durch Gelenke zusammengehalten waren. Die Zwergin wirkte wie ein ungesund geschwollenes, vorzeitig gealtertes Kind, das einer schrecklichen Krankheit zum Opfer gefallen war.
Zielstrebig war sie in einem Haus mit einem schmucken Vorgarten verschwunden. Mark hatte sich zurückfallen lassen und die Szene genossen. Er war eifersüchtig auf die braunen Fensterläden, die mehr von der Zwergin wissen mochten als er. Mit schmalen Augen musterte er die Haustür, die mit ihrem abweisenden Gehabe seine Neugierde nur noch stärker anstachelte. Ohne über die möglichen Folgen nachzudenken, umrundete er das Haus und kletterte auf einen Stapel von sauber geschichtetem Brennholz, bis er ein Fenster erreichte, das ihm einen Einblick gewährte. Es war ein verlassenes Badezimmer, schlicht und unspektakulär wie Tausende andere. Die Holzkloben hatten dünne Splitter in seinen Händen hinterlassen. Zwei Fliegen paarten sich auf seinem Handrücken und betupften ohne jede Scham nach vollbrachtem Akt den Schweißfilm auf seiner Haut. Er hatte Durst.
Als der weißhaarige Mann das Badezimmer betrat, wirkte er neben der Zwergin wie ein Riese. Mit winzigen Händen verknotete die Frau die Stricke, die sich um seine Handgelenke und Fußknöchel wanden. Beide wirkten konzentriert und wie ein eingespieltes Team, das darauf achtete, schnell und effektiv zu arbeiten. Mit einem Badetuch unter dem Arm führte die Kleinwüchsige den Gefesselten hinter sich her, wie ein willenloses schlurfendes Bündel. Die Badezimmertür blieb offen und gestattete den Blick in einen weitläufigen Raum mit einer Sitzgruppe. Die untere Hälfte des Mannes wurde durch den Türrahmen abgeschnitten. Die obere Hälfte legte sich gehorsam mit dem Rücken auf den Teppichboden. Der Weißhaarige kippte den Kopf und schloss die Augen. Zierliche Füße mit Zehennägeln in der Farbe reifer Pflaumen balancierten über den Körper. Die Füße stampften auf den Rippenbögen mit der gleichen militärischen Präzision, wie sie zuvor durch die Straßen gelaufen waren. Man konnte sehen, dass der Atem aus den Lungen des Mannes entwich. Die Füße trampelten wie auf einem Blasebalg in einem unbarmherzigen Takt. Der Weißhaarige warf den Kopf zur Seite. Eine senkrechte Ader auf der Stirn schwoll bedenklich an. Der Kopf schnellt nach vorne und der Oberkörper bäumte sich auf, ohne die routinierten Füße abschütteln zu können. Wie bei einem gefangenen Karpfen öffnete sich der Mund des Mannes und schnappte nach Luft. Seine Arme zerrten an der Fesselung. Die Augen traten aus den Höhlen und glotzten ungläubig ins Nichts. Speichelfäden hingen aus dem Mundwinkel. Keiner der beiden hatte einen Ton von sich gegeben.
Der Junge auf dem Holzstapel spürte die Holzsplitter in seinen Händen nicht mehr. Er nahm die Spinne nicht wahr, die sich in seine Haare verkroch. Er hatte keinen Durst mehr. Er war ein Gefangener der beiden Menschen in dem nahen Wohnzimmer, ein stiller Teilhaber einer unerhörten Begebenheit, ein Voyeur ohne eigenen Willen. Sein Gesicht verzerrte sich in einer Spiegelung der Verzückung des Weißhaarigen. Der Junge litt und imitierte, drückte seine Wange dicht an die Scheibe und hielt den Atem an, bis ihm schwindelte.
In einer graziösen Bewegung wie eine Zirkusartistin hatte die Zwergin ihren verwachsenen Oberkörper nach hinten gebeugt. Ihr altes Gesicht verschwand zusammen mit den Unterarmen hinter dem Türrahmen, während die Füße mit den Fersen auf das Zwerchfell des Mannes trommelten. Ihr ungestalter Körper wand sich wie eine Spirale. Der Kopf des Weißhaarigen schlug mehrfach hart auf dem Boden auf. Verzweifelt änderte der Junge seine Position, zerschrammte sich den Knöchel bei dem Versuch nach ganz rechts außen zu kriechen, um doch noch einen größeren Ausschnitt des ungleichen Paares zu Gesicht zu bekommen.
Das Brüllen des Mannes kam unerwartet und brachte den Jungen dazu, sich heftig auf die Zunge zu beißen. Es war ein pfeifendes, röchelndes Brüllen in einer erstickten Tonlage, wie es der Junge noch nie vernommen hatte. Es brach mehrfach ab, um dann mit einer heulenden Ouvertüre wieder aufgenommen zu werden, sich in einem dauerhaften Crescendo zu steigern und nach einem Fortissimo zu ersterben. Erst jetzt sah der Junge, dass die Füße mit den pflaumenfarbenen Nägeln verschwunden waren. Ein winziger Rest des roten Kleides blitzte neben der Barriere des Türrahmens auf. Es bewegte sich in typischer Manier über hart arbeitenden Zwergenhüften. Die Füße vollendeten ihr Werk an einer anderen Stelle und überließen den malträtierten Oberkörper des Mannes dem Brüllen. Als die Beinkolben der Kleinwüchsigen ihre Anstrengungen verlangsamten, ging auch das Brüllen des Mannes in ein Schluchzen und Gurgeln über, begleitet von einem Tränenstrom und einer Ladung Rotz, der ungehindert aus der Nase lief. Dann rollte sich der Körper des Mannes zur Seite.
Der Junge hockte wie in Trance auf dem Holzstapel. Er nahm nicht wahr, dass er seine rechte Hand zwischen seine Beine gekrallt hatte, wo eine pochende Erektion seine Unaufmerksamkeit schmerzhaft bedauerte. Er war nicht mehr daran interessiert, wie die Zwergin nach getaner Arbeit mit geblähten Wangen die Fesseln des Mannes löste und ihm mit einer linkischen Geste das Badetuch reichte, damit er sich reinigen konnte. Es war für ihn nichts Aufregendes an dem Gedanken, dass das Paar in Kürze das Badezimmer aufsuchen würde, um sich frisch und präsentabel zu machen. Sein einziger Gedanke war, sich kletternd und rutschend davonzumachen und so schnell zu laufen, wie es seine Füße vermochten. Blind für seine Umwelt überquerte er Straßen und Plätze, erntete missbilligende Blicke von Passanten und animierte einen bulligen Rottweiler zu einer halbherzigen Beißattacke. An einer modernen Installation, die aus rostfreien Stahlporen Wasserfontänen in ein Kiesbecken spie, hielt er schwer atmend inne und trank mit gierigen Zügen.
Was ihn verstörte, war nicht das Gesehene, sondern die Tatsache, dass er etwas über sich gelernt hatte. Ganz ohne eigenes Zutun hatte das Abnorme der Situation die Erregung bei ihm ausgelöst, nach der er seit geraumer Zeit auf der Suche war. Es war die komplexe Mischung aus Furcht, Selbstekel und der Gewissheit einem abseitigen Akt beizuwohnen, die ihn lähmte durch das unergründliche Verlangen eines geborenen Voyeurs, das ihn innerlich vibrieren ließ.
Der junge Mann hielt seinen Kopf unter den Wasserstrahl, der so kalt war, dass die Haut ertaubte und kümmerte sich nicht um die missbilligenden Blicke der Passanten. Er rubbelte sich mit den Händen durch das Haar und sah die Welt durch die verzerrende Perspektive der Wassertropfen auf seiner Brille. Er fühlte sich leicht und befreit, weil er sich über einen Teil seines Selbst klar geworden war. Jetzt war es nur noch ein kleiner Schritt bis er mit sich auch im Reinen sein würde. Er schlenkerte mit den Armen und spürte die unangenehmen Stiche der Holzsplitter. Seine Mutter würde sie mit einer Pinzette entfernen und mitfühlend seiner Geschichte lauschen, wie es zu dem Vorfall gekommen war. Natürlich würde er ihr die Wahrheit ersparen.
Er hatte ihr gegenüber auch nichts davon erwähnt, was der Auslöser war, der ihn mit nach vorne geneigtem Oberkörper und verzerrtem Gesicht am Sarg seines Vaters taumeln ließ, sodass die wenigen Trauergäste herbeistürzten, um ihm Beistand zu gewähren und die Mutter mit dem Hausarzt schuldbeladene Blicke tauschten. Niemand, der den folgsamen blonden Jungen mit den guten Manieren und dem offenen Blick kannte, hätte vermutet, dass sein Zusammenbruch mit dem Wiederkäuen der letzten Stunden des Verstorbenen zusammenhing. Die graue, klamme Haut, die seine duldsame Mutter mit einem in Franzbranntwein getränkten Schwamm abrieb. Die Koliken, die den selbstgerechten Mann zu Boden zwangen und ihn um den Tod als Erlösung flehen ließen und die Lippen, die in einem fort bebten, ohne Vergebung zu erlangen.
Unendliche Erleichterung, Genugtuung und das Wissen, an einem düsteren Geheimnis teilzuhaben, ohne sich jemals jemandem offenbaren zu können, hatten den sexuellen Höhepunkt ausgelöst. Noch Tage danach hatte sich der Junge vor seinem eigenen Spiegelbild geschämt. Doch jetzt war ihm klar geworden, dass kein Fluch auf ihm lastete. Er war frei von den fruchtlosen Versuchen, sich in eine normale Beziehung einzupassen. Er sparte sich den demütigenden Gang zu den Prostituierten in dem Viertel, das die Stadt zum Straßenstrich auserkoren hatte und von wo er mit dem Gefühl der Niederlage heimkehrte, weil es auch die mütterlich verständnisvollen Huren mit all ihrer Kunst nicht vermochten, seinen Körper dauerhaft zu erregen.
Er akzeptierte die Tatsache, dass gegen die eigene Natur nichts zu erzwingen war und machte sich auf die Suche. Er suchte in winkligen Straßen, an verschwiegenen Plätzen, in den dunklen Nischen vollgestopfter Buchhandlungen und mit den Jahren auch im Internet, das zu seinem persönlichen Messias wurde. Er goutierte Porträts ausgesucht hässlicher Menschen, las mit glühenden Ohren die Ergüsse eines Otto Weininger über das gänzliche Unvermögen der Frauen zur Wahrheit, erschauerte bei dem Gedanken an das Ausweiden der Verstorbenen durch die Geier in der zoroastrischen Religionsmythologie und tat jedes Mal freudig überrascht, wenn ihn das Schicksal mit einem orgiastischen Gefühl belohnte. So war er nach und nach von einem unbedarften Voyeur zu einem geachteten Besucher geworden.
Die Briefe der inhaftierten Frau allerdings mochten sein geordnetes Dasein in andere Bahnen lenken. Er war sich noch nicht schlüssig, welche Rolle ihr zufallen könnte.
Gedankenverloren fuhr er mit dem Zeigefinger liebkosend über den Griff des Teppichmessers. Die Klinge war dunkel und stumpf von geronnenem Blut. Er legte die Briefe aus der Hand und begann das Werkzeug zu säubern. Der nächste Einsatz war nicht fern und nur eine perfekt präparierte Schnittfläche brachte perfekte Ergebnisse.
VII.
Sie hatte die Hände brav gefaltet und korrigierte ihre Position auf der grauen Tischplatte noch einmal mit einem Seitenblick, um sicherzugehen, dass das Arrangement nicht zu künstlich wirkte. Als Beigabe versuchte sie sich an einem scheuen Lächeln, denn er war blond und blond und Lächeln passten sehr gut zusammen.
Die Korrespondenz zwischen ihnen war schnell vertraulicher geworden, überschritt aber nie das schickliche Maß an Distanz, das zwei Werbende halten sollten. Bei seinem ersten Besuch trug er eine ordentlich aufgebügelte Cordjacke und einen schüchternen Gesichtsausdruck, der gut zu seinem karierten Hemd passte. Seine hellen Augen blinzelten hinter der Lausbubenbrille und der runde Schädel mit dem blonden Haarfilz ruckte entschuldigend zur Seite als er umständlich erklärte, das Konfekt, welches er mitgebracht habe, sei von der Anstaltsleitung nicht freigegeben worden.
Sie machte ihm die Freude und fragte in der richtigen Reihenfolge nach dem Befinden seiner Mutter und der Rezeptur des Konfekts. Sie hörte seinen Ausführungen aufmerksam zu und arbeitete mit sparsamer Gestik. Als die Sprache auf die Symptome der Altersdemenz kam und er die Probleme der richtigen Auswahl passender Pflegekräfte anschnitt, erlaubte sie sich den Anflug eines Lächelns, während er seine Anekdoten ausbreitete wie eine Auswahl missglückter Manöver. Mit der Autorität einer Fachkraft, aber im Tonfall wahren Mitgefühls versicherte sie ihm, dass er die Pflege seiner Mutter ausgezeichnet organisiere und die anale Fixierung der tüchtigen Polin kein Grund zur Beunruhigung sei. Mit nach oben gedrehten Augäpfeln tat sie so, als rufe sie sich wissenschaftlich fundierte Werte ins Gedächtnis zurück und dozierte mit weicher Stimme, dass erfahrene Pflegekräfte häufig einen für andere ungesunden Hang zu Desinfektionsmitteln, Hauterkrankungen und Hygieneproblemen im weitesten Sinne hätten.
„Berufskrankheit, eine geradezu zwangsläufige Obsession bei wirklich guten Kräften“, sagte sie voller Überzeugung.
„Interessanter Aspekt – daran hatte ich noch gar nicht gedacht“, erwiderte der üppige Mund unter den blonden Haaren und wiederholte ‚Berufskrankheit‘, als wolle er sich den Begriff für alle Zukunft einprägen. Dabei saugte sich sein Blick an ihren Händen fest, die ihre madonnenhafte Erscheinung in der losen Anstaltskleidung konterkarierten und mehr von ihr preisgaben, als sie offenbaren wollte. Seine Stimme wurde leise und unsicher, obwohl er sich über die besondere Art des Eiskonfekts ausließ, das er für sie mitgebracht hatte. Sie rückte ihren Oberkörper nach vorne und brachte ihre Brüste als Ablenkung ins Spiel, aber sein Blick hing noch immer an den roten verhärmten Händen mit den prominenten Venenkanälen, die die rissige Haut mit einem bläulichen Netz unterspülten.
In drängenderem Ton forderte sie ihn auf, bei Aromen, Pulvern und Kakaomasse mehr ins Detail zu gehen, aber seine Stimme verharrte in der Tonlage relativer Interessenlosigkeit, während er Fakten herunterspulte wie in einem Schulreferat. Er geriet mehrfach ins Stocken, wenn sie ihm die Hände entzog, sie ineinanderschob und schließlich in ihrem Schoß vergrub. Erst dann klärte sich sein Blick langsam wieder auf und sein Stimmvolumen nahm an Lebendigkeit zu.
Es dauerte eine ganze Weile, bis sie begriff, dass er von ihren Händen nicht abgestoßen war, sondern ihre Gesellschaft schätzte. Veränderungen hingegen schätzte er nicht und nahm die zaghaften Versuche zur Verbesserung der Handoptik durch das Anstecken eines Bernsteinrings in der Farbe ihrer Haare mit einer Serie skeptischer Blicke zur Kenntnis. Sie benötigten keine weit ausholende Konversation, um zu einer stillen Übereinkunft zu kommen, sondern lediglich einen beiläufigen Blickkontakt, der dazu führte, dass sie ihre geröteten Hände mit Zuversicht präsentierte.
Auf ihr Betreiben hin plauderte er amüsant über sein Berufsleben als freier Handelsvertreter, der sich auf Süßigkeiten aller Art spezialisiert hatte. Es gefiel ihr, dass er die Eigenschaft geschmolzenen Zuckers beim Fertigungsprozess der verschiedensten Bonbons aus erster Hand beschreiben konnte und ehrfürchtig davon berichtete, dass entgegen seiner Prognose Erdbeerbrause mit einer Beimischung von Minze der Renner der Saison war. Er zeichnete mit lebhaften Gesten die Versuchsküchen der Hersteller in die abgestandene Luft und philosophierte über exotische Geschmäcker mit Kombinationen von Ingwer, Basilikum und Curry. Er bewies Hochachtung vor der Fähigkeit, mit einer Unzahl von Billigartikeln riesige Umsätze zu generieren und die Herzen von Menschen zu erobern, die den bunten Verpackungen und dem zarten Schmelz verfallen waren. Die Varianten waren schier unerschöpflich und malten ein Bild von einer heilen Welt. Wenn sie ihm zuhörte, drehte sie die Handflächen ihrer Hände nach oben und neigte sich nach vorne, um sein unschuldiges Lächeln genau in Augenschein zu nehmen.
Im Gegenzug offerierte sie ihm einen nüchternen Blick in ihren Alltag. Sie klagte nicht, sprach nicht über die Einsamkeit und Monotonie oder das gelegentliche Mobbing, das man als Strafgefangener zu erdulden hatte. Hinter ihrer Schilderung der strukturierten Abläufe konnte der aufmerksame Zuhörer die nutzlos verrinnende Zeit, den seelenlosen Widerhall in den Korridoren und die stupiden Beschäftigungen ausmachen. Die Vergangenheit berührte sie mit keinem Wort. Man sprach nur indirekt darüber, wenn man sich mit bekräftigendem Kopfnicken einigte, dass die Dokumentation eine gelungene Situationsanalyse war. Janina hatte den Zusammenschnitt nie zu sehen bekommen.
Für heute hatten sie sich vorgenommen, über die Zukunft zu sprechen. Natürlich war die Zukunft auch schon vorher in ihrer Korrespondenz angeklungen. Auf zwei parallel verlaufenden Schienen hatten ihre Gedanken einen intimeren Verlauf genommen, bis die Zensur dicke schwarze Balken auf das Papier schmierte und sabotierte, dass sich mehr als eine vage Kumpanei entwickelte. Sie hatten gelernt in Andeutungen zu schwelgen und hoben sich das wirklich Wichtige für ihre Blicke auf, die sie sich über den grauen Tisch zuwarfen. Die Aufsichtsperson stand mit verschränkten Armen und einer betont desinteressierten Miene abseits, um die Indiskretion als Unaufmerksamkeit zu tarnen. Bei jeder Änderung der Körperhaltung allerdings spannten sich die Muskeln der Aufsicht und strenge Blicke fixierten die ungehorsame Extremität, die es gewagt hatte, die Ordnung des Strafvollzugs zu verletzen.
Derart gemaßregelt vollzogen sich die Rituale einsilbig und von intensiven Blicken begleitet. Zigaretten der beliebtesten Tauschmarke wurden schweigend überreicht und die kurze Begrüßungsformel hing isoliert im Raum, bevor sie in die allgemeine Sprachlosigkeit tropfte. Mark wirkte wie immer nervös und überspielte die peinlichen Pausen mit einem Stakkato witzig perlender Bemerkungen, die den Gesundheitszustand seiner Mutter einschlossen wie ein angenehm verpacktes Bulletin. Er erzählte seine Anekdoten den gefalteten Händen der Frau, die ihn mit ruhigem Interesse ansah.
Die Hände amüsierten sich über sein ernsthaftes Bemühen zu erläutern, dass sich das Verkosten von Schokoladenpudding blond anhöre und ein knackiger Keks im Rachenraum eindeutig maskulin wirke. Die bei den Kiosk Kids so beliebten Apfelkracher seien schrill und verdrängten die Orangenaromen eines Weichgummis in die Seniorenecke, wo der Geschmack als wohlklingende Sinfonie wahrgenommen werde. Mithilfe besonders geschmacksbegabter Individuen sortiere man die muffig–schlammigen Untertöne aus den Neukreationen aus und lege zunehmend mehr Gewicht auf die akustische Korrektheit der Süßigkeit, die von einem Gefühl der Omnipotenz bis zu einer glucksenden Babyseligkeit eine revolutionäre Generation des Hörschmeckens entstehen lasse.
Die Frau hinter den Händen streute einige wenige Bemerkungen ein, während ihre Augen ruhelos durch den kargen Raum wanderten. Sie entschied, dass der richtige Zeitpunkt gekommen war und wandte sich zu der blassen Frau in Uniform. Unter normalen Umständen hätte sie einem solchen Experiment nie zugestimmt, aber sie hatte zu viel zu gewinnen. Sie nickte der Beamtin zu. Ein streng nach hinten gebundener Pferdeschwanz und ein freudloser Mund nickten zurück. Noch ein mahnender Blick zur Uhr, das Klirren eines Schlüsselbundes und die beiden waren allein. Die verhärmten Hände der Frau schossen nach vorne und klammerten sich an die Unterarme des Mannes.
Aus unterschiedlichen Gründen hatten sie auf diesen Moment gewartet.
Darmowy fragment się skończył.