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Achim Albrecht

Der Engelmacher

Thriller

1. Auflage August 2012

©2012 OCM GmbH, Dortmund

Handlungen und Personen dieses Romans sind frei erfunden.

Gestaltung, Satz und Herstellung:

OCM GmbH, Dortmund

Verlag:

OCM GmbH, Dortmund, www.ocm-verlag.de

ISBN 978-3-942672-13-9

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

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‚Die Rache ist mein; ich will vergelten. Zu seiner Zeit soll ihr Fuß gleiten; denn die Zeit ihres Unglücks ist nahe, und was über sie kommen soll, eilt herzu.‘

5. Mose 32:35

I.

Die Verfassung der Stadt passte zu dem alten Mann. Sie hatten sich aneinander gewöhnt und zu einem gemeinsamen Rhythmus gefunden. Es war nicht leicht gewesen. Mit zunehmendem Alter wird man störrischer und beharrt auf den eingefahrenen Gleisen. Gewohnheiten geben Sicherheit. Das gilt für Städte und für alte Männer in gleicher Weise.

Jetzt schmiegte sich die Stadt an den nächtlichen Spaziergänger heran. Die einsetzende Dunkelheit machte es ihr leicht. Die länger werdenden Schatten wischten über die Unzulänglichkeiten des rissigen Gesichtes der Stadt und bald würden sie eine Decke aus kühler Schwärze über die Unkrautnester und die kahlen Hinterhöfe gelegt haben. Die Stadt hatte bessere Zeiten gesehen. Das Gleiche galt für den Mann.

Als er vor einigen Tagen ankam, konsultierte er seine Aufzeichnungen und prägte sich jedes Detail ein. Das tat er immer. Seit wie vielen Jahren konnte er selbst nicht mehr sagen. Sorgfalt und Vorsicht waren zu seiner zweiten Natur geworden. „Hast macht das Leben zu einer verderblichen Ware“, hatte ein Lehrer einmal zu ihm gesagt, als er sich als Junge auf dem Schulhof beim Herumtollen das Schienbein an einer Eisenstange prellte. Eine bleiche, gezackte Narbe unterhalb des Knies erinnerte den alten Mann an den Schmerz, der unter dem gleichgültigen Blick des Lehrers ins Unermessliche zu wachsen schien. Immer, wenn er in seinem Kastenwagen unterwegs war und die zur Routine gewordenen Anweisungen seiner Checkliste durchging, fuhr er mit dem rechten Zeigefinger über die Narbe und frischte die Erinnerung auf: „Hast macht das Leben zu einer verderblichen Ware“.

Andere mochten auf ihr Improvisationstalent, ihre Kräfte und ihren Elan setzen. Der alte Mann setzte auf Kontinuität, Sorgfalt und Erfahrung. Er konnte es sich nicht erlauben, seinen Broterwerb für einen Moment der Unachtsamkeit aufs Spiel zu setzen. Nicht in seinem fortgeschrittenen Alter. Nicht in seinem Beruf und nicht bei seiner mühsam erworbenen Reputation.

Die Jungen hielten nichts von seinem stoischen Planen. Sie vertrauten auf ihren Instinkt und ihre Kreativität. Sie lebten mit Adrenalin und Aggression – und sie lebten gut. Er wusste von ihnen. Natürlich hatte er sie nie zu Gesicht bekommen. Das war die Grundregel seines Berufs. Man blieb unsichtbar.

Der Wind hatte aufgefrischt. Die abschüssige Straße würde bald in einen spärlich bebauten Vorort abbiegen. Der alte Mann ging wie alte Männer gehen. Er war rüstig, aber man sah ihm seine Jahre an. Sein Schritt wirkte tastend, als ob er die Vorwärtsbewegung für einen Moment aussetzen würde, bevor er den Fuß aufsetzte. Das steife und vorsichtige Gehen war ein Wegbegleiter älterer Menschen. Der körperliche Verfall befiel zuerst die Gelenke und raubte ihnen ihre Biegsamkeit. Dann kam alles andere.

Der Mann konnte sich darum keine Gedanken machen. Er hatte Dinge zu tun. Dinge, die nach der Wegbiegung auf ihn warteten. Er hatte sich darauf vorbereitet. Seine Hüfte ließ ihn heute in Ruhe. Die Luftfeuchtigkeit musste niedrig liegen. Er war dankbar dafür. Das Alter lehrt einen, dankbar für Kleinigkeiten zu sein.

Er hatte die Hände in den Manteltaschen vergraben. Wenn er beruflich unterwegs war, verzichtete er auf den Gehstock. Er tat es nicht aus Eitelkeit. Wäre er eitel gewesen, hätte er vielleicht auch auf die Brille verzichtet. Der Gehstock wäre ihm mehr hinderlich als nützlich gewesen. Außerdem hatte er andere Hilfsmittel. Hilfsmittel, die mit ihm durch dick und dünn gegangen war. Hilfsmittel, deren Gebrauch ihm in Fleisch und Blut übergegangen war. Dinge, die in Manteltaschen Platz hatten und ihm Zuversicht gaben.

Er schritt schneller aus. Sein Schatten streifte an einer Hauswand mit einer hochnäsigen Fensterfront vorbei. Die Gardinen hatten die Außenwelt ausgesperrt. So liebte es der Alte. Sein Atem ging regelmäßig. Er war noch immer gut in Form. Erstaunlich gut, wenn es darauf ankam. Heute kam es darauf an.

Er sah auf die Uhr, ohne seinen Schritt zu verlangsamen. In exakt zwölf Sekunden würden die Straßenlampen mit einer milchig weißen Aura dem schwindenden Tag die Herrschaft streitig machen. In Gedanken zählte er die Sekunden herunter. Autoverkehr tröpfelte an ihm vorbei und verlor sich hinter der Straßenbiegung. Der alte Mann wusste, was er zu Gesicht bekäme, wenn er den Schuhladen zu seiner Rechten passierte und dem welligen Trottoir folgte. Schlagartig würde sich die Szenerie ändern. Das bucklige Altstadtviertel würde sich zu einem weiten Areal ausweiten, dessen Bebauung schon seit Jahren beschlossen war. Die Stadt hatte in der Zwischenzeit einen notdürftig bepflanzten Park angelegt, der mit seinem kümmerlichen Bewuchs öde und zerzaust wirkte. Eine knallbunte Wippe langweilte sich neben einer ebenso grellen Rutsche. Die Kinder schenkten ihnen nur selten Beachtung. Im Hintergrund würde der Güterbahnhof sein übliches dissonantes Konzert aus metallischen Klängen zum Besten geben. Weit rechts, geduckt, mit einem breiten, weithin beleuchteten Maul der Supermarkt, der mit Plakatwänden und Leuchtschriften seine Sonderangebote anpries.

Der Alte hielt den Blick auf den Supermarkt gerichtet. Er ging langsam weiter. Wieder sah er auf die Uhr. Die einzige Variable in seiner Kalkulation war die Frau. Wie alle Frauen war sie keine Konstante. Frauen waren niemals Konstanten. Sie waren von der Natur dazu ausersehen, niemals berechenbar zu sein. Der alte Mann wusste, dass sein Blick auf die Uhr ein Akt der Hilflosigkeit und eine Bitte um Erlösung war. Manchmal half ein solcher Blick.

In seinen Notizen hatte er vermerkt, dass die Frau festen Gewohnheiten folgte. Übersetzt in die Alltagssprache hieß die Bemerkung, dass er an bestimmten Orten zu kalkulierbaren Zeiten auf die Frau treffen würde. Der Supermarkt war einer dieser Orte. Der Zeitrahmen von 18.40 Uhr bis 18.50 Uhr war eine der Zeiten. Seinen Beobachtungen zufolge war es die beste aller Zeiten am besten aller Orte.

Dem Mann halfen die wenigen Vorteile, die das Alter mit sich bringt: Erfahrung und Geduld. Erstere, weil ein über die Jahre geübter Instinkt eine schlafwandlerische Untrüglichkeit entwickelte und Letztere, weil die Unzulänglichkeiten des Alters eine zunehmende öffentliche Demütigung bedeuteten, die nur mit einer resignierenden Langmut zu ertragen war.

Der Mann konnte es sich erlauben, offen nach der Frau Ausschau zu halten. Er würde neben den anderen Passanten nicht auffallen. Niemand achtete auf einen hageren Alten, der sich linkisch seinen Weg zu einem Supermarktparkplatz bahnte. Es war die Zeit der größten Geschäftigkeit, die Zeit voluminöser Einkaufstüten und quengelnder Kinder, die Zeit, in der man mit sich selbst genug zu tun hatte. Selbst ein aufmerksamer Beobachter hätte ihn mit nicht mehr als der Beschreibung „rüstiger Rentner“ versehen.

Der alte Mann war kein Rentner. Er war weit entfernt davon.

Die Frau trug ihren leuchtend orangen Anorak. Sie war leicht auszumachen. Sie war nur leicht verspätet. Der alte Mann nickte zufrieden. Seine Beine fühlten sich kalt an, aber er fror nicht. Wenn er bei der Arbeit war, waren die äußeren Umstände von minderem Interesse.

Er wusste, dass die Frau ihre Einkaufstüten quer über den belebten Parkplatz zur Rückseite des klobigen Gebäudes tragen würde, wo sie auf einem unbefestigten Gelände ihren Kombi parkte. Sie scheute Menschenansammlungen. Das hatte sie mit dem alten Mann gemeinsam. Beide hatten ihre Gründe dafür. Ein Autoradio plärrte einen Schlager über die Wagendächer. Die trotzige Stimme eines Jungen schrie nach seiner Mutter. Der anschwellende Heulton begleitete den alten Mann, der mit gesenktem Kopf das Gebäude umrundete. Er würde schneller sein als die Frau.

Die Nacht hatte das Brachland eher erreicht als den Rest der Stadt. Sie verschluckte Licht und Geräusche und ersetzte sie durch die Sprache der Dunkelheit. Der alte Mann war vorbereitet. Der massige Leib eines Lastwagens bot ihm Flankenschutz. Der Mann lehnte sich gegen das Führerhaus. Der Kombi der Frau bildete mit wenigen anderen Wagen eine zahnlückige Formation.

Der alte Mann rückte seine Brille zurecht. Seine Aufmerksamkeit galt einem Unterschlupf unter einer Laderampe. Er nahm nichts Außergewöhnliches wahr, aber seine Ahnungen trogen ihn nie. Das Jucken in der Armbeuge verhieß nichts Gutes. Es sei eine nervöse Reaktion, bescheinigte ihm ein Hautarzt, der ihm eine Salbe aufschrieb. Der Mann benutzte die Salbe nie. Er begriff das Jucken als Lebensversicherung. In seinem Beruf konnte man nicht genug Lebensversicherungen haben.

Er erkannte die Frau an ihrem Schritt. Sie ging schnell und verlangsamte ihr Tempo auch in der Dunkelheit nicht. Der Kombi reagierte auf das Signal des Schlüssels mit einem Aufblenden der Scheinwerfer, die zwei breit streuende Lichtkegel in die Dunkelheit stanzten.

Der alte Mann sah den Jugendlichen zuerst. Das Jucken in seiner Armbeuge hatte an Intensität zugenommen. Die Frau stieß einen kleinen Schrei aus und blieb stehen. Die Scheinwerfer des Autos trafen auf zwei breitbeinig dastehende Männerbeine. Eine körperlose Stimme sagte: „Lass uns mal sehen, was du eingekauft hast.“ Die Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Es war eine junge, kraftvolle Stimme. Die Frau drehte Hilfe suchend ihren Oberkörper, aber ihre Beine bewegten sich nicht. Der alte Mann konnte ihren Atem hören. Es war der Atem eines verängstigten Vogels.

Eine Hand wischte durch die Lichtbarriere und krallte sich in eine der Plastiktüten. Die Frau würde schreien. Gleich würde sie schreien. Schreien war schlecht fürs Geschäft. Ein Schrei war der Tod jeder Diskretion. In seinem Beruf konnte der alte Mann keine Schreie gebrauchen. Irgendwo, weit oben auf seiner Checkliste war verzeichnet, dass Schreie zu unterbinden waren. Der alte Mann unterband. Es war eine seiner einfachsten Übungen.

Die Frau schrak zusammen, als er sich von der Seite näherte. Sein Gang war fast unbekümmert, so als wolle er sich eine lohnenswerte Vorführung aus der Nähe besehen. Mit heiterer Stimme fragte er: „Darf ich den Herrschaften beim Tragen helfen?“ Der alte Mann hatte ein Lächeln aufgesetzt und wandte sich den gut ausgeleuchteten Männerbeinen zu. Entschuldigend hob er eine Hand und sagte: „Keine Sorge. Ich möchte nicht lange stören. Natürlich weiß ich, dass ich ein nerviger Alter bin, der am besten zum Teufel gehen sollte“. Er machte eine kurze Pause und fügte hinzu: „Vielleicht mache ich das. Nur nicht hier und nicht heute. Iucundi acti labores“. Seine Stimme hatte einen anderen Tonfall angenommen. Sie klang belustigt und hob und senkte sich in perfektem Übereinklang mit der Stahlrute, die einen Halbkreis beschrieb und das Handgelenk des Jugendlichen zertrümmerte, der noch immer die Einkaufstüte der Frau umklammert hielt.

Der alte Mann beherrschte die Choreografie, die sich Stahlruten wünschen, in Perfektion. Mit spielerischer Leichtigkeit schnellte er ihr verdicktes Ende gegen die Schläfe des ziegenbärtigen Gesichtes, das mit hervorquellenden Augen und einem ungesund roten Teint in die Lichtkegel fiel. Das Geräusch war kaum nennenswert. Ein ersticktes Gurgeln, ein trockenes Knacken und ein Körper stürzte einem zertrümmerten Handgelenk hinterher. Kein Schrei. Eine saubere Operation. Der alte Mann erlaubte sich ein Lächeln.

„Angenehm sind getane Arbeiten“, sagte er sanft, als er sich der Frau zuwandte. Er streckte seine Hand aus. Die Stahlrute war verschwunden. Mit der Hand vollführte er eine bittende Geste. Er verstand sich auf bittende Gesten. Er war eine vielschichtige, gereifte Persönlichkeit mit großer Menschenkenntnis. Menschenkenntnis war sein großes Kapital.

Der Mund der Frau stand offen. Ihre weit geöffneten Augen starrten auf das Bündel Mensch zu ihren Füßen. Sie würde nicht schreien. Der Schrei war in ihrem Hals erstickt und würde sich nicht neu formieren. Der Schock hatte das Adrenalin verdrängt. Ohne Adrenalin kein Schrei. Der alte Mann wusste das. Er wusste auch, wie er weiter vorzugehen hatte.

„Angenehm sind getane Arbeiten“, wiederholte er. Seine Stimmlage war warm und einladend. „Cicero, aus De finibus“, vollendete er. Die Frau drehte ihm ihren Kopf zu. Trotz ihrer Blässe sah sie attraktiv aus. Das ungebärdige Kurzhaar ertrank in Strähnchen und die aufgeworfene Oberlippe zeugte davon, dass sie über einen starken Willen verfügte. Ein apartes, fein geschnittenes Gesicht, in das sich die gelebten Jahre eingegraben hatten.

Der alte Mann kannte das Gesicht. Er hatte sich in den letzten Wochen mit nichts anderem beschäftigt. Mit dem Gesicht, mit der Frau und den Aufzeichnungen, die die Frau sezierten wie einen kostbaren Gegenstand. Er konnte nicht arbeiten, wenn er nicht ausreichend vorbereitet war.

Er berührte den Arm der Frau. Sie schrak zusammen. Ihre Augen blickten verständnislos. „Der lateinische Satz“, sagte der alte Mann geduldig. „Es ist die Übersetzung eines Ausspruchs von Cicero“. Was er nicht sagte, war alles andere, was mit dem Satz zusammenhing. Es waren die alten Wahrheiten aus dem Handbuch für die Berufspraxis, die er in all den Jahren seiner beruflichen Tätigkeit zusammengetragen, geprüft und für gut befunden hatte. Er hatte damit begonnen, sie zu ordnen und in eine Reihenfolge zu bringen. Es war sein Privatvergnügen. Das harmlose Vergnügen eines Menschen, der mit seinem Einzug in ein städtisches Projekt „Betreutes Wohnen“ einen Lebensabschnitt begann, der Zeit und Hoffnungslosigkeit freisetzte.

Der lateinische Satz gehörte zu der Kategorie „Ablenkung“: „Ist man körperlich unterlegen und reicht der Überraschungseffekt nicht aus, ist es angebracht zu reden und das Gegenüber abzulenken, um mit einer gezielten Aktion in Vorteil zu kommen.“

Der alte Mann hatte mehr als einmal den praktischen Wert dieses Merksatzes testen können. Latein erbrachte die beste Wirkung. Es erzeugte eine unerwartete Wendung von sperriger Exotik und fiel wie eine Barriere in die Situation. Dem geübten Verwender verschaffte es wertvolle Sekunden. Der alte Mann war geübt. Er hatte den Effekt perfektioniert. Er und die Stahlrute, die vertraut und beruhigend in seiner Hand lag. Mehr brauchte es nicht. Nur sie beide und Cicero.

Behutsam führte er die Frau zu ihrem Wagen. Er hatte ihr die Einkaufstüten abgenommen. Er redete noch immer beruhigend auf sie ein. Die Stadt ließ sie alleine. Der alte Mann schaute sich um. Es war, wie es sein sollte.

Die Frau war ein leichtes Gewicht in seinem Arm. Sie kam ihm kleiner und schutzloser vor als er sie in Erinnerung hatte. Dieses Phänomen hatte er schon öfter erlebt. Menschen, die in Aufzeichnungen auferstanden und durch Beobachtung fixiert wurden, schienen aus der Nähe anders und fremd. Er hatte gelernt damit umzugehen. Er konnte keine Zeit mit ihnen verbringen. Nicht genug Zeit, um sie kennenzulernen.

Er wollte sich nicht beschweren. Jeder Beruf brachte Probleme mit sich.

„Sind Sie ein Schutzengel?“ Die Frage kam zögerlich. Eine verwischte, atemlose Frauenstimme, der man die Autorität abgeschliffen hatte. Er öffnete die Wagentür und setzte die Frau behutsam auf den Beifahrersitz. Er lächelte und rückte seine Brille zurecht. Er liebte den Augenblick des Erkennens.

Es war, als habe er eine Bühne betreten und das Scheinwerferlicht richte sich auf ihn vor einem Auditorium, das aus einer Person bestand. Einer Person, deren volle Aufmerksamkeit nur ihm gehörte.

„Ellen“, sagte er und streckte die Hand nach dem Wagenschlüssel aus. „Ellen, wir sollten fahren“. Mehr sagte er nicht. Mehr brauchte er nicht zu sagen. Die Frau verstand. Sie umschlang ihren Oberkörper mit den Armen und begann zu weinen. Der alte Mann beobachtete sie mitfühlend. Er war sicher, dass seit vielen Jahren niemand Ellen mit ihrem richtigen Namen angesprochen hatte. Ellen gehörte der Vergangenheit an. Die Erinnerung an sie war verschüttet. Nur Schutzengel kannten den richtigen Namen von Personen wie Ellen. Man hatte ihnen versichert, dass dieser Schutzengel existierte, bevor man sie in das Zeugenschutzprogramm aufnahm und ihre frühere Existenz auslöschte. Man hatte ihnen so vieles versichert.

Das neue Leben konnte mit den Versprechungen nicht Schritt halten. Die Versprechen eilten voraus wie junge Fohlen und galoppierten davon, sobald die Zeugenaussagen erfolgt waren. Ein neuer Ausweis, eine neue Stadt, eine veränderte Biografie. Das war alles. Dann war man alleine mit der Welt, die mit feindlichen Augen zurückstarrte. Die Augen verrieten, dass man ausgeliefert war. Die letzte Zuflucht blieb der Schutzengel.

„Wenn Sie sich unsicher fühlen, wenn Sie sich bedroht fühlen, wenn Sie in eine ausweglose Situation geraten – dann werden Sie den Schutzengel sehen. Er wird anders aussehen, als Sie glauben. Normaler. Unauffälliger. Vielleicht die Frau mit dem Kinderwagen, vielleicht der junge Mann mit den Rastalocken und der Strickmütze auf dem Kopf. Vielleicht ein alter Mann, der die Tauben füttert“. „Vielleicht ein alter Mann …“, hatte der Polizeipsychologe gesagt und dabei seine Stirn in Falten gelegt.

„Sie werden ab einem bestimmten Zeitpunkt daran zweifeln, dass der Schutzengel wirklich existiert. Zweifeln Sie nicht daran. Er wird im richtigen Zeitpunkt eingreifen und einen untrüglichen Beweis seiner Existenz liefern. Sie werden sehen“. Der Psychologe breitete die Hände aus und ließ ein gewinnendes Lächeln darauf fallen. Er hatte seine Arbeit getan.

Die Frau bemühte sich, tief zu atmen. „Ellen“, hatte der alte Mann gesagt. Nur der Schutzengel konnte ihren wirklichen Namen wissen. Wie behände und professionell der Mann gewesen war. Wie seltsam sein Auftreten und wie sorgsam er sich um sie kümmerte. Ellen fuhr sich über die Augen.

Der Schutzengel hatte sie diskret ihren Tränen überlassen und war zu dem reglos auf der Erde liegenden Mann gegangen. Er beugte sich über ihn und schien ihn zu untersuchen. Sein weißes, dichtes Haar war in der Dunkelheit gut sichtbar. Mit einer Handbewegung bedeutete er Ellen die Scheinwerfer zu löschen. Mit einem Schlag rückte die Dunkelheit an den Wagen heran. Die Fassade des Kaufhauses verschwand, der am Boden Liegende verschwand und die Besorgnisse der Frau verschwanden. Heute Nacht würde sie keine Albträume haben. Sie würde nicht hinter den Gardinen auf die Straße hinausspähen auf der Suche nach Augenpaaren, die auf sie gerichtet waren. Sie würde ein Stück ihres Lebens zurückerhalten. Ein Stück von Ellen. Und sie hoffte, dass mit dem unerwarteten Auftauchen des Schutzengels ein neuer Lebensabschnitt für sie beginnen könnte.

Als sich die Fahrertür öffnete und der alte Mann umständlich seine Kleidung abklopfte, war Ellen ganz in Gedanken versunken. Ihr Tagtraum war kurz und intensiv. Er handelte von banalen Dingen. Einem geregelten Familienleben und Kindern. Ja, Kinder wären gut. Und ein nettes Haus. Nichts Luxuriöses. Nur vier Wände Sicherheit und ein Ende der Flucht. Mit einem Schutzengel in der Nähe würde das möglich sein.

„Er wird bald wieder auf den Beinen sein“, sagte der Mann und wies in die ungefähre Richtung des Liegenden. „Bevor wir fahren, muss ich Sie jedoch bitten, noch einige Formalien mit mir durchzugehen“. Entschuldigend zuckte er die Achseln. „Sie wissen, wie es bei Behörden zugeht. Auch Schutzengel haben übergeordnete Behörden. Auch sie müssen Formulare ausfüllen und Berichte schreiben“. Der Alte lächelte wehmütig. Früher musste er ein attraktiver Mann gewesen sein, dachte Ellen. Jetzt war sein Gesicht faltig und pigmentiert um eine eingefallene Mundpartie. Wenn er lächelte, konnte man sehen, dass er ein Gebiss trug.

Die Augen des alten Mannes ruhten auf der Frau. Es waren forschende Augen. „Schutzengel gehen nicht in Pension“, sagte der Mann, als ob er die Gedanken der Frau erraten hätte. „Wir können es uns nicht erlauben. Es gibt zu wenige von uns und zu viele von euch“. Er tätschelte die Hand der Frau. „Wollen wir mit den Personalien anfangen?“

Ellen beantwortete die Fragen zu ihrer Person wahrheitsgemäß. Es erstaunte sie, wie gelassen und souverän der alte Mann seine Arbeit tat. Nichts verriet, dass ihn die Routinebefragung langweilte. Immer wieder nickte er bekräftigend, wenn Ellen seine Vermutungen bestätigte. Mit einem leichten Seufzen lehnte er sich zurück und schloss die Augen. „Kein Zweifel“, sagte er. „Ellen ist Sophie und Sophie ist Ellen.“ Mit seinen Worten klang diese Feststellung endgültig.

„Kein Zweifel“, sagte er noch einmal und beugte sich zu der Frau hinüber. Er umfasste die Rückenlehne des Beifahrersitzes und näherte seinen Mund dem Ohr der Frau. Mit kaum hörbarer Stimme sagte er: „Als im ausgehenden 18. Jahrhundert die Franzosen aus Kanada die amerikanischen Pelztiergegenden betraten, kam anfänglich, so wird erzählt, jeden Sommer ein Priester, um die Händler und ihre Männer in ihren religiösen Pflichten zu unterweisen und zu ihnen und den Eingeborenen in lateinischer Sprache zu predigen. Denn Latein war die einzige Sprache, welche der Teufel nicht verstand und auch nicht zu erlernen vermochte.“

Die Gesichter des alten Mannes und der Frau, die früher einmal Ellen gewesen war, berührten sich fast, als er sie erschoss. Er hatte die Kleinkaliberpistole hinter ihrem Ohr angesetzt. Er wusste, dass die Kugel nicht austreten würde. Er beherrschte seinen Beruf, auch wenn er seine dunklen Seiten hatte.

Sein Beruf war der eines Todesengels.

II.

Es war mehr als sechzig Jahre her und es herrschte Krieg, als der Todesengel seine ersten Schritte machte, die in Richtung seines späteren Berufs wiesen. Es sollte eine Berufung werden, aber das wusste damals noch keiner. Noch nicht einmal der Todesengel selbst. Und als er es wusste, durfte er das Wissen mit niemandem mehr teilen. Nicht mit den Lebenden jedenfalls.

Damals war er acht Jahre alt, ein hoch aufgeschossener Junge mit schmalem Gesicht und verschorften Knien, der auf den Namen Viktor hörte. „Viktor“ war ein beinahe revolutionärer Name, anmaßend und ganz aus der Zeit gefallen. Andere Eltern nannten ihre Kinder Ernst, Adolf oder Rudolf. Sie entschieden sich für zukunftssichere, deutschtreue Namen, die einen goldenen Glanz ausstrahlten. „Viktor“ war ein rückwärts gerichteter Name, im besten Falle römisch, eine Bezeichnung für „Sieger“, obwohl jedes Kind wusste, dass die Römer ihre Siegeszüge einer bodenlosen Dekadenz opferten und jetzt die Zeit der Arier angebrochen war. „Viktor“ war eine Hypothek von Namen, nicht gerade entartet, aber antiquiert und für einen Jungen mit Ambitionen unbrauchbar.

Es war jedermann in dem kleinen Dorf klar, dass aus Viktor einmal ein Ingenieur werden würde. Ingenieure betrieben geadelte Handwerkskunst. Sie waren Arbeiter der Faust und des Kopfes, Zwillingsgeburten, die Deutschland zu neuer Größe erheben würden. Viktor hatte einen flinken Verstand, den er fest in seinem Kopf einschloss. Wenn er bastelte und Zeichnungen anfertigte, sah er verdrießlich aus. Er war kein unbeschwerter Junge, sondern ein Erwachsener in der Kutte eines Kindes, wie sein Vater zu bemerken pflegte.

Dieser Viktor also war ein wesentlicher Bestandteil des dörflichen Kinderlebens. Blanke Beine rannten über staubige, ungeteerte Straßen. Der Verkehr bestand aus Pferdefuhrwerken und Traktoren, die tiefe Furchen in die unbefestigten Feldwege drückten. Der Krieg kam über die Volksempfänger in die Wohnzimmer. Er berichtete von Heldentaten, von Eroberungen und der Überlegenheit der germanischen Rasse. Er eilte von Deutschland weg, entfernte sich in riesigen Sprüngen und verklärte sich zu einem stolz glühenden Epos, bevor er mit Macht zurückkehrte und das Vaterland mit unerwünschter Aufmerksamkeit überschüttete.

Viktor war zu dieser idyllischen Zeit der Spieleerfinder der Kinderschar. Man spielte Soldat, man spielte Autorennen, man spielte Verstecken. Viktor aber stand mit einem Ast in der Hand vor einer Sandkuhle und zeichnete den Ablauf eines namenlosen Spiels, das er alsbald in die Gemüter der anderen Kinder verpflanzte. Es gab Rollenspiele und komplizierte Anweisungen. Es gab Würfelspiele nach ausgefeilten Regeln und alles funktionierte. Nicht ein einziges Mal wurde Viktors Kompetenz infrage gestellt. Die älteren Jungen standen um ihn herum und studierten sein verdrossenes Gesicht während der Zeichenphase. Immer wenn Viktor mit einem Aufseufzen sein Aststück weglegte und ein Hauch von Zufriedenheit seine jugendlichen Züge glättete, kam Bewegung in die übrigen Kinder. Sie tuschelten und mutmaßten, traten unruhig von einem Bein auf das andere und waren begierig, das neue Spiel aus dem Sand in die Realität zu katapultieren. Viktor enttäuschte sie nie. Er hatte nur eine Bedingung. Alle mussten mitspielen dürfen. Das brachte ihm die Zuneigung der Mädchen ein.

Eines der Mädchen war Hedwig. Sie entstammte einem Bauernhof, der zu den größeren der Gegend gehörte. Hedwig roch nach dicken, gewachsten Zöpfen, nach Milchwirtschaft und Kartoffeln und nach Kernseife. Sie war ein rotbackiges, blitzblankes Ding, das noch nicht zur Schule ging. Hedwig verehrte Viktor und sie tat es nicht heimlich, sondern mit erstaunten Augen und perfekt aufgefädelten Milchzähnen.

Hedwig hatte ein Kaninchen, an dem sie ebenso sehr hing wie an Viktor. Sie transportierte es in einem Flechtkorb, den sie mit einem roten Tuch abdeckte, das mit weißen Herzen übersät war. Hedwig schleifte den Korb mehr als sie ihn trug. Er schlug gegen ihre stämmigen Beinchen und sorgte für spöttische Bemerkungen der anderen Kinder. Er brachte ihr den Rufnamen „Rotkäppchen“ ein. Hedwig blieb unbeirrt. Für sie zählte nur, was Viktor sagte, Viktor mit seinem Zauberast, mit dessen Hilfe er magische Spielanleitungen in den Sand malte. Und Viktor war ein vollendeter Kavalier. Im Normalfall reagierte er unwirsch, wenn ihn eines der Kinder beim Komponieren neuer Spielideen störte. Wenn die kleine Hedwig allerdings mit ihrem vorwitzigen Zeigefinger auf eine seiner unvollendeten Zeichnungen wies und aufgeregt herausplapperte, legte er sorgsam seinen Schreibast beiseite und ging in die Hocke. Er nahm sich immer die Zeit, das schlappohrige Kaninchen im Korb zu begutachten und Hedwig ermunternd zuzunicken. Dann fasste er das Mädchen an den Oberarmen und erklärte in ernstem, geduldigem Ton, was er gerade tat. Er erklärte es nur für Hedwig. Anschließend nahm er seine Tätigkeit wieder auf, ohne die anderen eines Blickes zu würdigen.

Die ungewöhnliche Freundschaft der beiden Kinder überdauerte auch die unglückliche Phase mit Frau Schneider. Frau Schneider war eine Naturerscheinung. Sie verfügte über eine imposante, ausladende Figur und eine durchdringende Stimme mit schrillen Ansätzen zur Hysterie. Viktor hörte einmal seinen Vater sagen, Frau Schneider sei eine „fette Aster“. Viktor rätselte, was an diesen langstieligen Blumen mit ihren eleganten Strahlenkränzen „fett“ sein mochte. Ein Lexikon verriet ihm, dass Astern zu der Gattung der Korbblütler gehörten. Das war alles.

Einer der älteren Jungen, dem er die rätselhafte Bemerkung seines Vaters zutrug, war sich sicher, dass der Vater „fette Atzel“ gesagt haben musste. Was eine „Atzel“ war, konnte allerdings auch er nicht erklären. Erst der Naturkundelehrer schaffte Abhilfe. Auf die Frage, was eine „Atzel“ sei, antwortete er, dies sei ein umgangssprachlicher Ausdruck für einen heimischen Vogel, die Elster. Viktor gab sich einstweilen zufrieden. Er hatte bislang nur von diebischen Elstern gehört. In seinen Augen waren Elstern auch nicht wirklich fett. Es waren nach seinem Dafürhalten pralle, lackschwarze Vögel mit prachtvoll dekorierten Schwanzfedern und aufmüpfigen Knopfaugen. Sie hatten auch keine Ähnlichkeit mit Frau Schneider, denn Frau Schneider war fett. Daran bestand kein Zweifel.

Zu dem Sandsteinhaus der Schneiders gehörte ein Rasen. Nicht viele Dorfbewohner konnten sich einen Rasen leisten. „Zierrasen“ war ein Wort, das noch erfunden werden musste. Die Schneiders konnten sich diesen Rasen, der nichts als Rasen sein durfte, nur leisten, weil ihnen der einzige Steinbruch der Gegend gehörte. Damit gehörten sie zu den Neureichen und Neureiche brauchten Rasen. Kaninchen liebten Rasen, der mit Löwenzahn bewachsen war und Hedwig liebte ihr Kaninchen. Es war nur folgerichtig, dass Hedwig ihr Kaninchen aus dem Korb hob und auf die saftige Löwenzahnwiese setzte.

Frau Schneider hatte einen ausgeprägten Sinn für Eigentum. Weitaus weniger Sinn hatte sie für Kaninchen und impertinente, kleine Mädchen. Sie stapfte mit vorgereckter Leibesfülle aus dem Haus, aus voller Kehle zeternd und richtete ihren Medusenblick auf Kind und Haustier. Mit biblischem Zorn sprach sie Verbote aus und belegte jede weitere Zuwiderhandlung mit den drakonischsten Strafen.

Es kam, wie es kommen musste. Kleinen Mädchen war damals wie heute eine Art angeborener Trotz zu eigen. Sie hatten ihre eigene Vorstellung von Gerechtigkeit und den Grundbedürfnissen von Kaninchen.

Ein Bauer, der sein nahe gelegenes Feld pflügte, erzählte bei einem Bier in der Dorfkneipe, dass er das Mädchen mit den braunen Zöpfen mit untergeschlagenen Beinen auf der Wiese vor dem Haus der Schneiders sitzen sah. „Sie hatte einen Korb dabei und sprach mit ihrem Kaninchen“, sagte er und nahm noch einen Schluck Bier. Man kannte Hedwig im Dorf. Sie war ein Kind, das man gerne haben musste. Nach den Erinnerungen des Bauern kam Frau Schneider wie eine Furie aus dem Haus gestürzt. Verstehen konnte er nichts, aber er glaubte gesehen zu haben, dass Frau Schneider auf das Kaninchen eintrat, bis es sich nicht mehr bewegte. Anschließend habe sie das leblose Tier gepackt und in den Korb des Mädchens gestopft, bevor sie die Kleine an ihren Zöpfen vom Grundstück schleifte und wie einen Sack Abfall auf den Weg warf. Anfangs habe sich das Mädchen noch gesträubt, dann habe es aber ganz stillgelegen. Viel zu still.

Eine alte Frau war die Erste, die an Hedwig vorbeikam. Sie sagte, das Mädchen habe überall Abschürfungen gehabt. Man habe unter all dem Dreck und dem Blut nicht erkennen können, was der Kleinen genau fehle. Das Kind sei bereitwillig aufgestanden. Es habe ein totes Kaninchen in den Armen gehalten. Gesprochen habe es nicht. Nur gestarrt. Mit einem unheimlichen Gesichtsausdruck gestarrt. Hedwig habe nur ein einziges Mal einen Laut von sich gegeben. Sie habe es getan, als die alte Frau versuchte ihr behutsam das Kaninchen aus den Fäusten zu entwinden. Da habe sie geschrien. Einen schrecklichen Schrei. Lang gezogen und voller Verzweiflung. Dann sei sie wieder in ihr starrendes Schweigen zurück verfallen.

Hedwig redete nie wieder. Viktor wurde ihr Sprachrohr.

Er wurde es Frau Schneider gegenüber. Für die Schilderung des Ablaufs der Ereignisse sollte man besser von Elfriede sprechen. Das war der Vorname von Frau Schneider. Wenn man sich so nahe kommt wie der Knabe Viktor und Frau Schneider, ist es angebracht, die besondere Nähe, die beide zueinander entwickelten, dadurch zu betonen, dass man Vornamen benutzt.

Die Zwiesprache der beiden begann mit kleineren Ärgernissen rund um das Anwesen der Schneiders. Begonien und Stiefmütterchen gingen über Nacht ein, ein Unbekannter schoss mit einer Steinschleuder auf die Scheiben des Hauses und Elfriede Schneider litt unter rätselhaften Anfällen von Brechdurchfall. Kurz bevor die Krankheit ausbrach, glaubte sie bemerkt zu haben, dass sich jemand an den Lebensmitteln in ihrem Vorratsschrank zu schaffen gemacht hatte. Wahrscheinlich hatte sie sich jedoch getäuscht. Ebenso getäuscht wie mit ihrer Vermutung, der gleiche Jemand habe das Vorhängeschloss der rückwärtigen Tür ausgehebelt und nur notdürftig wieder eingehängt. Ihren eigenen Angaben zufolge hatte Elfriede Schneider nur einen leichten Schlaf. In einer der Wachphasen habe sie einen Schatten am Fußende ihres Bettes wahrgenommen. Es sei der Schemen eines kleinen, schmalen Menschen gewesen. Sie habe gerufen, nachdem sie sich von ihrem Schock erholt hatte, aber der Schatten habe keine Antwort gegeben. Er habe nur da gestanden Sie habe den Eindruck gehabt, der Schatten beobachte sie. Ihr sei der Angstschweiß ausgebrochen und ihr Herz habe so wild geschlagen, dass sie es mit ihrer Hand umklammern musste. Ansonsten sei sie vollkommen bewegungsunfähig gewesen. Schließlich sei es ihr gelungen tief Luft zu holen und für einen Augenblick die Augen zu schließen. Als sie die Augen wieder aufgeschlagen und um sich gespäht habe, sei der Schatten verschwunden gewesen. Danach habe sie endlich das Licht anschalten können. Niemand sei im Haus gewesen. Nur das Schloss zur rückwärtigen Tür habe sie beschädigt vorgefunden.

Elfriede Schneider vertraute sich in dieser Angelegenheit einer Freundin unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit an. Elfriede hatte nicht viele Freundinnen. Eigentlich nur eine Einzige. Sie war zugleich ihre beste Freundin und arbeitete im Dorfbäckerladen, der auch Butter, Fahrradschläuche und Wäscheklammern führte. Diese Freundin nun hatte sich als solche qualifiziert, weil sie über ein ängstliches Frettchengemüt verfügte und die Führungsrolle von Elfriede bedingungslos anerkannte. Elfriede warf voluminöse Schatten und die Verkäuferin war zufrieden mit ihrem Schattenplatz und den herablassenden Brosamen, die Elfriede ihr zukommen ließ. Manchmal wandte sich Elfriede Rat suchend an sie. Das geschah nicht oft, aber wenn es geschah, schien für die Verkäuferin die Sonne des Schneider’schen Wohlwollens und sie suhlte sich bereitwillig darin.

Es geschah das, was der stocksteife Dorflehrer noch jahrelang bedeutsam eine „Katharsis“ nannte. Die Chronistenpflicht der krisenhaften Zuspitzung der Ereignisse übernahm unfreiwillig die Backwarenverkäuferin, denn der engwinklige Kramladen war zugleich auch der Umschlagplatz für Klatsch und Tratsch jeder Art, den die Verkäuferin aus den Mündern ihrer Kunden sog, in ihrem Kopf verwirbelte und als angereichertes Konstrukt in die Hirne der nächsten Käufer hineinblies. Die Geschichte Elfriedes war ein über Monate unangefochten an der Spitze des Dorfklatsches waberndes Gespinst von Ungeheuerlichkeiten, das man nach Belieben blähen und dehnen konnte, bis es Ausmaße annahm, die jede Form von Sensationsgier befriedigte.

Dank der Verkäuferin mit dem schnüffelnden, alle Ecken ausforschenden Frettchengemüt war allenthalben bekannt, dass Elfriede Schneider ihren Mann, einen braven Frontsoldaten mit Namen Joseph, so sehr vermisste, dass sie ihr Heil in der Nahrungsaufnahme suchte und alsbald an dem gewachsenen Umfang ihrer Oberschenkel und der lappigen Bauchschürze, die gleich unterhalb des Halses zu beginnen schien, ihre Sehnsucht in Zentimetern und Fettgehalt ihres weißen Fleisches messbar wurde. Der örtliche Bäcker, der zugleich der Vorsteher des Bahnstellwerkes war, ein Mann mit buschigen Augenbrauen und kräftigen Unterarmen, nahm sich Elfriedes an. Er war aus fadenscheinigen Gründen vom Wehrdienst befreit und leistete seinen Solidaritätsbeitrag an der Heimatfront. Am liebsten leistete er ihn zwischen den feisten Schenkeln von Elfriede, bis ihr Doppelkinn unter ihrem Kreischen erbebte und sich zwei Fleischmassen, eine männliche und eine weibliche, wieder voneinander trennten. An solchen Tagen buk der Bäcker, der auch eine Konditorenlehre abgeschlossen hatte, ein krapfenähnliches Fettgebäck, das er mit einer Zitronenglasur und Liebesperlen überzog. Die Krapfen waren eine Vollzugsmeldung für das gesamte Dorf. Man freute sich auf den Verzehr als Folge des nebenehelichen Verkehrs und auch der Frontsoldat Joseph erhielt sein Scherflein in Form eines liebevoll gepackten Paketes von seiner geliebten Elfriede.

Es hätte alles gut sein können, wenn die frettchengemütige beste Freundin von Elfriede nicht darauf bestanden hätte, das Schemengeschöpf am Bettpfosten von Elfriede sei der gramgebeugte, vielleicht aber auch rachedurstige Geist des gehörnten Ehemannes Joseph, der seit einiger Zeit als in Russland verschollen galt. Mit blanken Augen und gespitztem Mund führte die Verkäuferin als Beweis an, dass der beobachtende Schatten bewegungslos, dünn und schmächtig von Statur gewesen war. Man wisse doch, führte sie raunend aus, wie sich die russische Kälte auf den menschlichen Leib auswirke, wenn man kein Bolschewik war. Glied um Glied fror ein, der Körper schrumpfte. Väterchen Frost sog das Mark aus den Knochen. Das Rückgrat beugte sich. Die Fettreserven schmolzen. Musste sie noch mehr sagen?

Elfriede orderte eine Buttercremetorte und gab sich mit einer Kanne Kaffee-Ersatz einer einsamen Vergangenheitsbewältigung hin, die damit endete, dass sie den veritablen Bäckermeister nicht mehr in die Nähe ihres Ehebettes vordringen ließ. Tatsächlich hatte sie sich schweren Herzens und dem Ruf der Pietät folgend dazu entschlossen, ihn überhaupt nicht mehr vordringen zu lassen.

Das ganze Dorf nahm auf seine Art Anteil an dem kummervollen Schicksal von Elfriede Schneider, der Ehebrecherin und Kaninchenmörderin. Manche mit Spott, andere mit einer grimmigen Genugtuung und wenige aus echter Sorge um Elfriede. Das Mitgefühl war in jenen Kriegsjahren nur noch eine dünne Krume, unter der der blanke Stahl des eigenen Überlebens hervorschimmerte. Jede Familie hatte Verluste zu beklagen, viele Söhne waren von der Front verschlungen worden. Der Tod schickte seine Gehilfen von Haus zu Haus.

Was die Episode mit Elfriede davon unterschied, waren die Zutaten der Geschichte. Saftige, pralle Zutaten in einer Zeit, die zwischen Propaganda und Dürre schwankte. Nach den wenigen gesicherten Aussagen des Dorflehrers, bereinigt um die Übertreibungen der besten Freundin Elfriedes, muss sich in einer ruhigen Nacht ohne Fliegeralarm eine Tragödie abgespielt haben.

Elfriede schien mit dem Verzehr der Buttercremetorte, zu deren Erwerb sie wegen ihrer Beziehungen keine Lebensmittelkarten verwenden musste, wieder stabilisiert zu sein. Auf schweren Beinen begab sie sich in einer mondlosen Nacht zu Bett. Wahrscheinlich betete sie noch für das Seelenheil ihres Mannes und ihre Witwenrente, die ihr den Weg in ein gesichertes Buttercremetortenparadies ebnen sollte. Mitten in der Nacht weckte ein Scharren und Schaben sie aus dem Schlaf. Fremdartige Laute krochen die Holztreppe empor und ein flackerndes Licht warf unruhige Schatten.

Elfriede glaubte nicht an übernatürliche Mächte. Sie glaubte an die heilende Macht der Nahrung, an den beruhigenden Einfluss von Eigentum und ein wenig auch an die Liebe, wenn sie zu allen anderen guten Dingen hinzukam. Sie glaubte, was sie sah. Und sie hatte den Schatten ihres im Russlandfeldzug erfrorenen Mannes gesehen, wie er sie forschend vom Fußende ihres Ehebettes aus betrachtete. Eine elende, geschrumpfte Männergestalt, die die Befleckung seiner Ehre nicht ertragen konnte, die sich zum Erfrieren nicht auch noch Hörner aufsetzen lassen wollte. Elfriede hatte es gesehen und es hatte sie zutiefst erschreckt. Sie hatte ihre Konsequenzen daraus gezogen und Abbitte geleistet. Sie war zum ersten Mal seit Jahren mit aufrichtig bereuender Seele in die Kirche gegangen und hatte Kerzen angezündet. Mehr Kerzen als nötig gewesen wären, um die Heiligen zu besänftigen. Mehr Kerzen als notwendig, um den Heiligen abzuhandeln, sie vor dem umhergetriebenen Geist ihres verschollenen Mannes zu schützen. Für Heilige war das weiß Gott keine schwierige Aufgabe. Heilige taten den lieben langen Tag nichts anderes.

Außerdem hatte Elfriede noch Geld in den Opferstock gelegt. Zugegebenermaßen nicht viel Geld, aber sie hatte in ihrem Herzen beschlossen, weit mehr zu opfern, wenn die erste Gabe nicht ausreichen würde, weil die an den Himmel gerichteten Wünsche in Zeiten des Krieges inflationär waren und einer deftigeren finanziellen Grundlage bedurften, um zu den richtigen Himmelshelfern vorzudringen. Wer wusste das schon. Im Krieg war alles anders. Elfriede war sich sicher, dass der Himmel ihre guten Beweggründe erkennen und honorieren würde. Zu guter Letzt hatte sie noch die Manneskraft des Bäckers gegen die zart schmelzende, aber seitensprungneutrale Buttercremetorte eingetauscht. Elfriede war moralisch gerüstet.

Und dann rief eine schwache, gedehnte Stimme ihren Namen. Es war ein zitternder Laut, vorwurfsvoll und sehnsüchtig. Er schlang sich die hölzerne Stiege empor, tastete an den Wänden entlang und brach sich in den Winkeln des oberen Stockwerks. Nichts anderes war zu hören. Elfriede erschauerte und tastete nach dem Beil, das sie aus Vorsicht nach der Nacht der ersten Erscheinung neben ihrem Bett deponierte hatte, falls die Heiligen überarbeitet und zu ihren Gebeten noch nicht vorgedrungen waren.

Dann wieder dieses Scharren, das das Rufen vor sich hertrieb. Elfriede glaubte sich an den Schritt zu erinnern. Es war der Tritt des Steinbruchbesitzers, der Schritt ihres Josephs, verhalten und schlurfend zwar, wie es sich für einen in Russland erfrorenen und ausgemergelten Leichnam gehörte, aber unverwechselbar. Elfriede presste das Beil gegen ihren Busen. Man hatte so manches von Geistern gehört. Man hatte gehört, dass sie an den Ort kamen, der ihnen am meisten vertraut war. Man hatte gehört, dass sie arme Seelen waren, die nur ihren Frieden fanden, wenn man ihrem Willen entsprach. Man hatte so vieles gehört. Elfriede gelang es nicht, das Rauschen ihres Blutes zu besänftigen und zu einem klaren Gedanken zu kommen. Sie hörte das Rufen, das beständig näher kam. Sie spürte die Seelenlosigkeit in der zitternden Stimme, die für einen lebendigen Mann zu hoch, für ein Gespenst jedoch gerade richtig zu sein schien.

Elfriede war eine temperamentvolle Frau von aufbrausendem Gemüt. Sie hatte für Joseph getan, was möglich war. Sie hatte ihn sogar den Himmelsmächten anempfohlen. Er gehörte nicht mehr in dieses Haus. Nicht in diesem Zustand. Elfriede hob das Beil.

Was weiter geschah, kann nur bruchstückhaft rekonstruiert werden. Am wahrscheinlichsten stand der Besucher auf den untersten Treppenstufen. Ein alter Armeemantel war um seine zwergenhaft kleine Gestalt geschlungen. Die genagelten Stiefel schlurften über den Boden. Ein unförmig ballonartiger Kopf ruhte auf schmalen Schultern. Er war eine krude ockerfarbene Maske mit geschnitzten Gesichtszügen. Aus dem Kopf loderte eine Flamme. Die Hirnschale war abgehoben. Der Besucher grinste.„Elfriede“, rief eine zittrige Stimme. Arme ohne Hände tasteten das Geländer entlang.

Wir müssen annehmen, dass es um Elfriede zu diesem Zeitpunkt bereits geschehen war. Ihre geistige Gesundheit war in jenen Momenten auf dem Weg, sich von ihr zu verabschieden. Es muss der Zeitpunkt gewesen sein, in dem Elfriede mit einer berserkerhaften Anstrengung ihr Nachtgewand zerriss und ihrer Fleischesfülle die volle Freiheit gewährte, bevor sie sich auf das Wesen stürzte, das einmal ihr geliebter Mann gewesen war. Wir wissen nicht, was sie rief, aber wir können sicher sein, dass sie nicht lautlos über den gespannten Draht stürzte und dabei mit einem unabsichtlichen Hieb den Kopf des Besuchers spaltete.

Was wir wissen, ist, dass sich eine zähe orange Masse aus dem Schädel löste und auf den aufgedunsenen Leib der Gestürzten fiel. Dann schrie Elfriede. Sie schrie, während der Besucher mit dem zerstörten Schädel weiter nach ihr rief. Sie schrie wegen des Schmerzes, den ihre gebrochene Hüfte ihr verursachte. Sie schrie, als das Wesen den Stolperdraht löste und sie betastete, um sich zu vergewissern, wo sich ihre Ohren befanden. Sie schrie wegen der Botschaft, die ihr der Besucher in die Ohren flüsterte.

Als man sie fand, schrie sie noch immer, doch ihre Augen waren erloschen. Wie Glasmurmeln irrten sie in ihren Höhlen herum. Die Nackte war mit Kürbisfleisch besudelt. Ein Beil lag in der Nähe. Den Kürbis konnte man nicht finden. Alles war rätselhaft und skandalös. Man versuchte noch den Verstand von Elfriede zurückzuholen, als man ihr den Feldpostbrief ihres Mannes vorlas, in dem er ankündigte, überlebt zu haben und bald auf Fronturlaub zurückzukommen. Elfriede stierte nur mit ihren Glasmurmelaugen und leierte Unzusammenhängendes heraus. Dann lieferte man sie in eine Anstalt ein.

Viktor besuchte Elfriede. Er war nicht nachtragend, nachdem er seine Arbeit gemacht hatte. Einmal brachte er Elfriede ein aus Pappe gestanztes Quartett mit. Es war ein Häschenquartett. Die Schwestern fanden, dass dies eine nette Geste sei. Elfriede aber schrie. Vielleicht hatten sie die Karten an etwas erinnert.

Viktor zuckte die Schultern. Er wollte noch nach Hedwig sehen. Für sie hatte er ein lebendes Kaninchen ausgesucht.

III.

Das Wohnstift hatte eine Eigenwahrnehmung, die sich von der Zeit der Planung bis zur Fertigstellung immer mehr von der Wirklichkeit entfernte. Bei der Ausschachtung des Fundaments wäre es noch damit einverstanden gewesen, als konfessionelles Altenheim bezeichnet zu werden. Das Gießen von Fundamenten war keine glamouröse Tätigkeit. Nackter Beton und rostige Eisenfinger in einem schmierigen Erdloch berechtigten nicht zu hochfliegenden Plänen. Noch konnte es sich nicht vorstellen, dass sich zu den kahlen Wänden und den roh verlegten Kabelschächten ein dauerhafter Glanz gesellen könnte.

Eine erste Sinnesänderung erfuhr das Wohnstift mit der Fertigstellung des Rohbaus. Nicht, dass die über sechs Etagen nach oben verlängerte Tristesse Anlass zu einem beginnenden Standesdünkel gegeben hätte. Leer klaffende Fensterhöhlen, nachlässig eingepasste Bautüren und ungeschlachter Putz ließen keine unmittelbare Besserung der Situation erwarten.

Was die Erwartungshaltung des Wohnstiftes änderte, war die sachte einsetzende Werbekampagne. In der Lokalpresse erschienen Anzeigen. Es war von der Fertigstellung erstklassiger Altersruhesitze die Rede. „Erstklassig“ klang vielversprechend. Es war eine Vokabel, die sich nicht gut mit „Altersheim“ kombinieren ließ. „Ruhesitz“ hingegen war die geadelte Variante. Sie bürgte für glattgesichtige, frisch frisierte und vitale Bewohner, für aktive Senioren in der Blüte der Zerfallsphase. Sie ließ den Bodensatz der Desorientierten und Gramgebeugten hinter sich zurück. „Ruhesitz“ war der Aufstieg in die gehobene Liga. „Leben mit Genuss“ war das Motto. Krankheit und Sterben rückten aus dem Fokus. Das Stift begann freier zu atmen.

Im nächsten Schritt streifte man die alten Gewänder vollends ab. Die konfessionelle Ausprägung des Stiftes wurde zugunsten einer kantenlosen, zukunftsorientierten Betreibergesellschaft aufgegeben und dem Stift übergestülpt. Soziale und kirchliche Verantwortung für den Nächsten wichen einer Managementidee vom renditestarken Wohnen in der genussorientierten zweiten Lebenshälfte. Aus dem immer noch schlichten „Altersruhesitz“ wurde eine in großen Lettern angepriesene „Seniorenresidenz am Stadtpark“.

Das Stift war an der Spitze angekommen. Der Stadtpark war einige Blocks entfernt und hatte seinen Namen nicht verdient. Aus den oberen Stockwerken des Stiftes konnte man vereinzelte Blicke auf dichte Baumkronen erhaschen, aber die Magie der Werbetrommeln tat ein Übriges und machte die Erwartung auf verschlungene Spazierpfade, auf Vogelgezwitscher und eine zahme Eichhörnchenpopulation lebendig. Der Stadtpark selbst war eine eher überschaubare und blasse Angelegenheit. Ebereschen und Eichen verteilten sich über ein buckliges Areal. Drei Pfade wanden sich an Parkbänken vorbei und die aufgestellten Mülleimer quollen zu jeder Zeit vor Verpackungsmüll über, ehe sich die Stadtreinigung nach langem Zögern dazu bequemte, ihnen vorübergehende Erleichterung zu verschaffen.

Die Realität änderte nichts an dem Hochgefühl des Stiftes. Neu eingekleidet und auf Wirkung gebürstet, lebte es sein Leben als Residenz. Die Zeichnungen des Bauträgers bewiesen, dass es zu Recht stolz war auf seine neue Identität. Man hatte die Zeichnungen von einem Künstler kolorieren lassen. Sie waren frisch und optimistisch. Der Park schien dichter und einladender zu sein, als man ihn in Erinnerung hatte. Er grenzte mit seinem Saum direkt an das gläserne Eingangsportal der Residenz. Holz, Chrom und Glas gaben sich ein Stelldichein und verwandelten den Neubau in glänzende Fluchten. Prächtig ausgeleuchtete Wohnungen mit erlesenen Möbeln lockten. Man plante Shops, Sportmöglichkeiten und ein Casino. Kein Kasino mit „K“, sondern ein solches mit „C“. Zerstreuung auf höchster Ebene. Bestnoten bis zum letzten Buchstaben. Gestyltes Alter und dienstbare Geister in einem verborgen liegenden Versorgungs- und Pflegetrakt. Dafür suchte man Investoren. Man nannte die Klientel Investoren.

Viktor war einer von ihnen. Viktor war nicht beunruhigt, weil er seine Kräfte schwinden sah. Er ließ sich auch nicht von der Fassade der Einrichtung blenden. Er war als nüchterner Pragmatiker in schwierigen Zeiten aufgewachsen und würde als solcher von der Bühne abtreten. Er hatte seinen Weg gewählt. Wo andere sich bemühten, tiefe Fußstapfen zu hinterlassen, die nur schwer zu verwischen waren, bemühte sich Viktor darum, seine Abdrücke zu tilgen, so gut er es vermochte. Er war gut darin, sich am Rand des Geschehens aufzuhalten und keinerlei Aufmerksamkeit zu erregen. Deshalb war er erfolgreich in seinem Beruf und seine Arbeitsethik färbte auf sein Privatleben ab.

Natürlich hatte sich Viktor verschiedene Objekte angeschaut. Wenn man ihre vollmundigen Versprechen und aufwendigen Fassaden auf das Wesentliche reduzierte, waren sie alle Sterbehilfeeinrichtungen mit geschulten Lächelgesichtern und einem medizinischen Apparat, der reibungslos funktionierte. Je nach Einrichtung erkaufte man sich Obdach und Nahrung, man erkaufte sich professionelle Herzlichkeit und geschultes Mitgefühl. Man konnte kaufen, was immer man sich leisten konnte, bis man sich seine individuelle Illusion von Familie zusammengestellt hatte.

Viktor wusste all das. Das Stift mit seiner neu gewonnenen Selbsteinschätzung konnte ihn nicht täuschen. Er machte sich keine Illusionen. Sein Beruf war es, andere von ihren Illusionen zu befreien.

Die Seniorenresidenz am Stadtpark sollte es sein, weil Hedwig es wollte. Viktor konnte Hedwig keinen Wunsch abschlagen. Sie hatte noch immer das Gemüt eines kleinen Mädchens, dessen Zöpfe dünner geworden und ergraut waren. Sie trug noch immer den gleichen Flechtkorb bei sich, der mit den Wunden des Alltags übersät war und sich von seinem Griff zu lösen drohte. Viktor hatte mehrfach versucht, Hedwig einen anderen Korb schmackhaft zu machen. Er hatte ihr geduldig erklärt, dass man verdiente Veteranen ruhen lassen musste, wenn ihre Zeit gekommen war. Er hatte ihr Körbe präsentiert, die raffiniert ausgestattet und mit erlesener Handwerkskunst gefertigt waren. Hedwig hatte genickt und die Körbe beiseite gestellt. Ihre braunen Augen und die aufgeworfenen Lippen sprachen ihre eigene Sprache.

Als Hedwig mehrere Dutzend Körbe besaß und die Ansammlung lästig zu werden begann, kapitulierte Viktor. Er kapitulierte immer vor Hedwig. Hedwig wusste das. Im entscheidenden Moment setzte sie ihr strahlendes Lächeln auf und sah Viktor mit einem schwärmerischen Gesichtsausdruck an. Er war ihr Held, ihr Spieleerfinder, ihr Schutzengel. Er war gut zu ihr und sie schenkte ihm ihre ganze Zuneigung. Sie gab sich damit zufrieden, dass Viktor in ihrer Nähe war. Sie verstand, warum er sie nicht zu sich holen konnte. Er hatte einen fordernden Beruf. Für die Zeiten ohne Viktor hatte Hedwig ihre Kaninchen. Sie waren ein guter Zeitvertreib.

Viktor dachte an das Jahr, als er der Kommission gegenübersaß. Es war ihm lästig, sich für einen Platz in der Seniorenresidenz bewerben zu müssen, aber so waren die Regeln. Das Alter brachte eine Fülle von Regelwerken mit sich. Das selbstbestimmte Leben verkroch sich allmählich in wenige Winkel. Der Rest wurde in Verhaltensvorschriften verpackt, wie sie nur für Kinder und Alte galten.

Eine grauhaarige Dame mit strengem Blick und schmalen Lippen, die selbst nur einen Gänseschritt vom Alter entfernt war, fragte Viktor, was ihn nach seiner Ansicht qualifiziere, in der Residenz wohnen zu dürfen. Der wie ein Theologe wirkende Mittvierziger trommelte nervös mit den Fingern auf dem Tisch. Er studierte seine Papiere und fragte Viktor nach dessen sozialem Engagement. Er machte den Eindruck, dass er jeden Bewerber nach dem sozialen Engagement fragte. Der Leiter der Residenz, ein löwenmähniger Mensch mit einer dröhnend jovialen Stimme wies darauf hin, dass das Haus bei allen Freiheiten, die man den Bewohnern zu gewähren bereit sei, Regeln habe. Er dehnte die Vokale, als wolle er das letzte Quäntchen Bedeutungsgehalt aus ihnen herausquetschen.

Viktor hatte sich vorbereitet. Er war immer vorbereitet. Sorgfältig hatte er die Dokumente für die Bonitätsprüfung zusammengestellt. Er hatte sich Antworten zu seinem Gesundheitszustand, seiner Motivation und seinen Vorstellungen von der Zukunft zurechtgelegt. Die Antworten waren wohlfeil und auf Wirkung poliert. Sie entsprachen nicht der vollen Wahrheit. Nichts, was man von Viktor zu wissen glaubte, entsprach der vollen Wahrheit.

Die größte Hürde war die Unterbringung von Hedwig. Als die ersten Prospekte von der Residenz eintrafen, klatschte Hedwig in die Hände. Das tat sie, wenn sie einen Entschluss gefasst hatte. War sie sich unsicher, fächelte sie mit geöffneten Händen. Lehnte sie etwas ab, schob sie es entrüstet, mit angeekelter Miene und geballten Fäusten von sich weg. Hedwig war eine charakterfeste Persönlichkeit.

Viktor hatte einen großen Stapel Werbematerial vor sich liegen, als Hedwig ihre Entscheidung traf. Er beobachtete sie genau. Die Tatsache, dass sie nicht sprach und nie ohne die Begleitung eines Kaninchens gesehen wurde, verführte dazu, sie als zurückgeblieben einzuschätzen. Nichts war unzutreffender als dieser Eindruck. Hedwig war eine alte Frau geworden. Sie war mit Würde gealtert und konnte wie jeder ältere Mensch Hilfestellungen und Rücksichtnahme gebrauchen. Ansonsten aber wohnte in dem gedrungenen Körper der alten Frau ein scharfer Verstand, der sich lediglich weigerte, die Schranke von der Kindheit zur Erwachsenenwelt zu durchschreiten. Der traumatische Vorfall in jenen Kriegstagen hatte diese Entwicklung ausgelöst und Viktor verstand.

„Sie hat im Krieg Schreckliches durchgemacht und Heilung in der Kapsel ihrer bis dahin unbeschwerten Kindheit gefunden“, zitierte Viktor das ärztliche Bulletin, das den Allgemeinzustand von Hedwig charakterisierte. Nie hatte jemand danach gefragt, was der Frau im Kindesalter widerfahren sein mochte. Man konnte es sich vorstellen. Der Krieg ist ein grausamer Geselle, der auch vor Kinderseelen nicht haltmacht. Die verrohte Soldateska und das kleine Mädchen. Unvorstellbar. Unaussprechlich. Viktor nickte zu den betroffenen Mienen und beließ es dabei.

Dennoch bedauerte die Kommission. Man könne Hedwig nicht in die Residenz aufnehmen. Sie sei zu betreuungsintensiv. Auch könne man die Anwesenheit eines Kaninchens aus hygienischen Gründen auf keinen Fall dulden. Man müsse sich im Fall von Hedwig überlegen, ob eine Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung nicht sehr viel angemessener sei. Eine geballte Ansammlung Fachkompetenz bemühte sich um die freundliche Überredungskraft, die nötig sein würde, um den störrischen Alten, der sich als Viktor vorgestellt hatte, zu überzeugen.

Viktor war auf diesen Ausgang des Gesprächs gefasst. Er war vorbereitet, so wie er immer vorbereitet war. Hedwig hatte bei der Durchsicht der Unterlagen in die Hände geklatscht. Sie hatte es nicht unbedacht getan. Hedwig wollte eine Wohnung in der Residenz und sie sollte sie bekommen.

Viktor besaß nur wenige Leidenschaften. Er trieb Sport und las, ernährte sich gesund und unternahm kurze Bildungsreisen, wann immer ihn sein Beruf in fremde Städte führte. Er führte ein kleinbürgerliches Leben, das neben den vereinzelt erforderlichen Tötungsdelikten flach und unaufgeregt verlief. Seine Tage versandeten in Routine und Gleichförmigkeit.

Eines aber weckte alle seine Instinkte. Dann war er wach und aufmerksam. Dieses Eine waren seine Dossiers. Dossiers waren die Leidenschaft von Viktor. Zwischen zwei harmlos wirkende gelbliche Aktendeckel pferchte er Schicksale. Eng beschriebene Karteikarten skizzierten Personen und ihre Gewohnheiten, ihre Stärken und Schwächen. Die Karteikarten waren in einem komplizierten System mit Kordel aneinandergefädelt. Manchmal gesellten sich Fotos hinzu. Aussagekräftige Fotos. Beschriftete Fotos mit Namen und Ortsangaben. Dann wieder große Bögen mit Anmerkungen in verschiedenen Farben und Pfeilen. Viktor glaubte nicht an Computer und die Segnungen von Speichermedien. Für ihn war das sinnliche Erleben wichtig. Sein Beruf war nicht digitaler Natur. Sein Beruf hatte mit Fleisch und Blut zu tun. Mit viel Fleisch und viel Blut. Also beschriftete er mit Sorgfalt seine Karteikarten, fädelte sie auf, wo sie zusammengehörten und legte den Rest lose in die Akte, alle an den ihnen zukommenden Platz, bis er ein lückenloses, chronologisches Profil seiner Klienten erstellt hatte. Das war er seinen Klienten schuldig.

Die Dossiers, die er erfolgreich abgeschlossen hatte, trug er in einem langen Spaziergang in den Wald, schlug sich ins Unterholz und verbrannte sie dort Stück für Stück. Wälder waren ideale Verschwörer. Sie galten als verschwiegen und leidenschaftslos. Viktor liebte Wälder. Sie hatten ihn noch nie enttäuscht.

Er nannte sein kleines Ritual „Rauchopfer“. Es war seine Art Abschied zu nehmen und loszulassen. Das Rauchopfer war mehr als die Beseitigung von Spuren. Es war eine Respektsbekundung und ein Selbstheilungsprozess.

Für das Rauchopfer wählte er stets neue Plätze, die er in Augenschein nahm und auf ihre Tauglichkeit untersuchte.

Dann wartete er auf einen Tag, der unangenehm feucht oder kalt zu werden versprach. Niemand sollte ihn stören. Er badete ausgiebig und rasierte den ganzen Körper. Er kleidete sich in Schwarz und nahm das Dossier zur Hand. Ein letztes Mal blätterte er und verweilte bei einzelnen Karten. Schließlich klappte er das Dossier mit einer energischen Bewegung zu und kreuzte den Aktendeckel mit einem roten Stift.

Das rote Zeichen war immer das letzte Merkmal, das sich in den Flammen des Feuers einrollte und verging. Mit einem abgebrochenen Aststück stand der alte Mann im Unterholz und starrte auf die rußige Masse zu seinen Füßen, die noch glühte und bald erlöschen würde. Er begann mit der Spitze des Astes die verkohlten Blätter zu zerstoßen und zu verreiben, bis ihre Struktur nicht mehr erkennbar war und die Informationen endgültig ausgetilgt waren, davongetragen von einer flimmernden Hitzezunge. Dann füllte der alte Mann die Überreste des Brandopfers in eine Aluschale und tilgte die Spuren des Feuers. Die Aluschale würde er in einen Müllcontainer entsorgen, zusammengeknüllt und erkaltet. Die richtige Stelle dafür hatte er bereits ausgesucht. Bald würde der Wald wieder unberührt daliegen.

Zum Abschluss des Rituals gönnte sich Viktor eine kleine Extravaganz. Nicht dass er betete oder andere komplizierte Verrichtungen vollzog. Er war ein praktischer Mensch, der nicht zur Esoterik neigte.

Viktor fotografierte. Es war eine unbedeutende Geste. Eine Feuerstelle im Gewirr von Brombeerranken. Verbranntes Gras in der Nachbarschaft eines umgestürzten Baumstammes. Angekohltes Geäst in einer Fichtenschonung. Stillleben eines Abschiedes, anonym und endgültig. Die Schnappschüsse druckte Viktor aus. Mit der gleichen Kordel, mit der er die Karteikarten aneinander fädelte, befestigte er eine schlanke Phiole mit ein wenig Asche an dem Foto. Keine Beschriftung, keine Hinweise. Nichts, was auf die Herkunft oder den Sinn der Sammlung hindeuten könnte. Der alte Mann war kein Serienkiller. Er benötigte keine Fetische, um seine Taten rauschhaft nachzuvollziehen, bis der Trieb erneut machtvoll einsetzte und ihn über den Rand der Selbstbeherrschung trieb. Er war ein Handwerker. Er arbeitete auf Bestellung. Emotionslos, gründlich und leise. Ein Handwerker, wie man ihn gerne in sein Haus lässt, außer man ist die Person auf dem Foto.

Wegen Hedwig brach Viktor mit seinen Gewohnheiten. In dem von ihm verfassten Handbuch hieß es: „Vermeide eine offene Konfrontation, wenn du sie nicht unverzüglich und endgültig beenden kannst. Lass niemals Spuren zurück“.

Viktor gedachte die Konfrontation zu suchen und alles in der Schwebe zu lassen. Die Spuren sollten deutlich sichtbar zurückbleiben. Es war ein Risiko, aber eines, das er einzugehen gedachte. Immerhin konnte er sich dabei auf eine andere Regel berufen: „Wenn unvorhersehbare Umstände eintreten, sei flexibel und improvisiere.“ Das gedachte er zu tun. Hedwig war es ihm wert.

Das Dossier war unversehrt, als er es vorlegte. Viktor fühlte sich unwohl. Noch nie hatte er eines seiner wertvollen Stücke aus der Hand gegeben. Dieses Mal musste es sein. Er tröstete sich damit, dass es eine Ausnahme war. Eine Privatangelegenheit, die seine beruflichen Interessen nicht berührte. Er hatte viel Sorgfalt auf die Zusammenstellung der Informationen verwendet und mehr Bilder gemacht als gewöhnlich. Die Bilder waren am überzeugendsten.

Es war einfach gewesen. Behörden und Schulen steckten voller Gerüchte. Das Gleiche galt für Heime, auch wenn sie sich Residenz nannten. Man musste sich nur in die Cafeteria setzen und sie zu sich einladen. Aus allen Ecken wisperten sie. Die Betreiberin der Cafeteria, eine stämmige Frau mit einem losen Mundwerk, steuerte einige Bruchstücke bei. Bewohner ergingen sich in Spekulationen. Man zwinkerte und flüsterte. Auch Viktor zwinkerte und flüsterte. Er hatte Verständnis für die Mitteilungsbedürftigkeit seiner Mitmenschen. Er hatte auch Verständnis für ihre Bitten um Diskretion. Schließlich ging es nicht um Missstände, die man laut und öffentlich anprangern musste, sondern um Skandale, die unter der Decke gehalten werden wollten.

Viktor griff die saftigsten Stücke heraus und machte sich daran zu recherchieren. Schon bald beschriftete er die ersten Karteikarten. Er sah Register ein, besuchte Gerichte, klopfte bei Notaren an und verbrachte zahllose Nächte mit seiner Kamera.

Immer wirkte er unscheinbar. Immer hatte er eine plausible Erklärung parat. Man vergaß ihn, sobald er gegangen war. Nur ein alter Mann, höflich und zerstreut. Vielleicht ein bisschen naseweis und ganz entschieden hilflos. Ein alter Mann wie tausend andere alte Männer.

So dachten auch die Mitglieder der Aufnahmekommission der Residenz, als er ihnen gegenübersaß. Für sie war er ein potenzieller Kunde und ein ausreichender Kontostand in menschlicher Gestalt. Da hatte Viktor seine Arbeit schon gemacht.

Er verabschiedete sich von der Kommission mit einer steifen Verbeugung. Der Höflichkeit musste Genüge getan werden. So hatte er es gelernt. So hatte er es praktiziert. Den Rest übernahm das Dossier im gelben Umschlag. Viktor zögerte den Raum zu verlassen.

Die Metamorphose der grauhaarigen Dame mit den schmalen Lippen war erstaunlich, als sie die ersten Bilder sah. Der silberne Stift entglitt ihrer Hand, ihre blassgrauen Augen drehten sich in den Höhlen nach oben, als suchten sie verzweifelt nach Halt und ihr Mund verzerrte sich zu einer grotesken Grimasse. Der löwenmähnige Geschäftsführer der Residenz beeilte sich, seine Verwaltungsleiterin aufzufangen. Er hatte Übung darin. Man konnte es auf den Bildern sehen. Auch wenn sie nicht gestochen scharf waren, wirkten sie auf den Betrachter sehr erhellend. Die Posen, die der Geschäftsführer und seine Verwaltungsleiterin in dem Geräteraum der Residenz einnahmen, waren interessant und vielseitig. Für eine ältere Dame besaß die Frau erstaunlich feste Brüste und ein diabolisches Temperament, das weit über ihre fade Alltagsmaske hinausreichte. Der Löwenmähnige trug fest eingerammte Pfauenfedern an einer Stelle, an die Viktor keine Fremdmaterie an sich herangelassen hätte. Managementaufgaben beflügelten offenbar zu erstaunlichen Taten.

Viktor erinnerte sich an die Schreie, die Bisse, das infantile Gegurre und an seine unbequeme Position hinter einem Hochregal. Die Pfauenfedern ragten hoch auf, als der Geschäftsführer mit einem gutturalen Hecheln zustieß und die Verwaltungsleiterin unter dem Ansturm seines Körpers kapitulierte. Einer ihrer mageren Arme fuchtelte in Rodeomanier durch die Luft. Immer wenn die flache Hand auf den Rücken ihres Reiters klatschte, schrie sie: „Hoppa, Hoppa.“

Es war jammerschade, dass die Bilder das Ausmaß der Lust zwischen Staubsaugerbeuteln und Flüssigseife nicht ausreichend wiedergeben konnten. Es fehlte die Tonspur zur Vollkommenheit. Das schien auch der Löwenmähnige zu bemängeln, denn er brüllte mit hochrotem Kopf, als er der Bilder ansichtig wurde. Unsanft legte er die noch immer nach Luft und Fassung ringende Verwaltungsleiterin beiseite und griff nach dem alten Mann. „Unverschämtheit, Erpressung und Polizei“, bellte er in immer neuen Variationen heraus und beruhigte sich erst, als eine Stahlrute friedensstiftend mit seiner Schläfe kollidierte. „Hoppa“, sagte die Stimme des alten Mannes sanft. Die Verwaltungsleiterin stöhnte auf. Der Löwenmähnige kollabierte und lag halb auf seiner Geliebten. Zur Vervollständigung des Ensembles hätte man nur noch Pfauenfedern an der richtigen Stelle in den Mann hineinstecken müssen und alles hätte wieder seinen Anfang nehmen können.

Viktor sprach mit großem Ernst. Nicht umsonst hatte er die beiden zu einem Gespräch unter sechs Augen in einen Nebenraum gebeten. Viktor redete nicht von den Bildern. Er redete nicht von Ehebruch und Perversion. Das waren unappetitliche Dinge, die den Boden bereiten sollten. Den Boden für die wichtigen Fakten.

Fakt war, dass in der Residenz Gelder veruntreut wurden. Es waren Schmiergelder eines Baulöwen geflossen. Ein Wäschereiunternehmen und eine Reinigungsfirma hatten sich in langfristige Verträge eingekauft. Testamente verstorbener Bewohner bedachten Personen mit Vermächtnissen, die zum Pflegepersonal gehörten. Ein Anteil davon floss auf Konten des Geschäftsführers. Viktor ließ Papier um Papier zu Boden fallen. Die Papiere fielen wie Urteilssprüche.

Es war still geworden im Raum. Jemand hämmerte gegen die verschlossene Tür und fragte, ob alles in Ordnung sei. Die Stahlrute wippte in Viktors Hand. Der Löwenmähnige lag über der Grauhaarigen. Es war alles in bester Ordnung. Drei Augenpaare trafen sich nach einem Moment der Unsicherheit. Sie forschten sich aus. Noch immer war alles in bester Ordnung.

Hedwig klatschte in die Hände, als Viktor ihr die gute Nachricht überbrachte. Er hatte eine Kopie des Dossiers angefertigt. Dieses würde er nicht vernichten. Der Fall war noch nicht abgeschlossen.

Der Wald musste warten.

IV.

Der Hund übte sich in Geduld.

Er hatte das Warten gelernt und den Gehorsam. Er lebte von seinen Instinkten. Sie hatten ihm in den letzten Jahren das Leben gerettet. Es waren chaotische und entbehrungsreiche Jahre gewesen. Als Welpe wurde er in eine Welt hineingeboren, die ihm zusagte. Es machte ihm nichts aus, dass die spielerischen Monate schnell vergingen und man ihn mit knappen Kommandos an seine Aufgabe heranführte. An die Kette um seinen Hals gewöhnte er sich. Es gehörte dazu. Er sah es bei seiner Mutter, die ihn mit mahnenden Augen ansah. Er hörte es am Geheul der anderen Hofhunde, die mit dem Mond wetteiferten und er konnte die Moleküle des Pulsschlages des Dorfes auf seiner Zunge schmecken, wenn er die Winde an seiner Nase vorbeistreichen ließ und sie häppchenweise einatmete, bis sich die Bilder verfestigten.

Er schmeckte den fauligen Gestank der Misthaufen, das scharfe Aroma von Düngemitteln und die krautigen Ausdünstungen der Rübenernte. Dazwischen Tabakfetzen und dahindriftende Spuren ungewaschener Leiber. Selten einmal der sämige Geruch von Bier und Spritzer einer eigenartigen Komposition, die den Frauen anhaftete, wenn sie im Sonntagsstaat zur Kirche spazierten. Der unverbrauchte Duft von Kindern kapitulierte vor der dumpfen Aura der Kühe. Köstliche Fahnen von Bratkartoffelaromen und gebratenem Speck waberten zu festgesetzten Zeiten durch das Dorf. Der Hund erwartete sie ungeduldig. Er war wie alle anderen Hunde. Ihr sehnsuchtsvolles Heulen erfüllte die Gassen. Im Gleichklang leckten sie ihre Lefzen. Die Bratkartoffelzeit kündigte ihre Fütterung an.

Trotz der barschen Worte und der harten Stiefel der Bauern war die Welt des Hütehundes in Ordnung. Er kannte keine andere.

Dann geriet seine Welt aus den Fugen. Zuerst kamen die Flugzeuge. Ein durchdringender Heulton vom Dach des Schulhauses kündigte sie an. Der Hund konnte ihr mahlendes Dröhnen hören, noch bevor die Sirene ihr Kommen signalisierte. Nur die Katzen reagierten früher als die Hunde. Mit am Boden schleifenden Bäuchen krochen sie in ihre Verstecke. Die Hunde zerrten an ihren Ketten und ließen ein wütendes Gebell hören. Es klang wissend und ohnmächtig. Und dann setzte die Sirene ein.

Die Bomben waren das Schlimmste. Der Hund konnte ihr Heulen von dem Dröhnen der Flugzeugmotoren unterscheiden. Er hatte gelernt, sie zu fürchten. Sie rissen seine Welt in Stücke, so wie sie Fetzen aus Häusern rissen. Anfänglich kam er noch hinter den Heuballen hervor, wenn die Wucht der Detonationen verblasste und ein anderer Heulton Entwarnung gab. Er schüttelte seine ertaubten Ohren und sah sich nach den Feuersbrünsten um. Wäre er kein Hund gewesen, hätte er dankbar dafür sein müssen, dass sein Farbspektrum bei den Gelb-Rezeptoren endete und er den feuerroten Schein nur als ultraviolettes und grünliches Wabern wahrnahm. Für den Hund reichte aus, was er sah. Den Rest schmeckte er in seinem Gaumen. Er schmeckte beißenden Rauch und verbranntes Fleisch. Viel verbranntes Fleisch.

Noch war die Zeit nicht gekommen, da ihn dieses Fleisch hungrig machen würde. Noch war es nicht soweit, aber wir wissen, dass das Aufplatzen und Garen der zerrissenen Kadaver bei dem Hund einen Abdruck im Gehirn hinterließ. Der Abdruck war für die Entstehung von Gefühlen, die Bildung von Hormonen und die Steuerung des Triebverhaltens verantwortlich. Der Hund winselte ängstlich und strich mit den Vorderpfoten über die Schnauze, als wolle er die Eindrücke verwischen, die sich in sein Bewusstsein eingruben. Später würde er das nicht mehr tun. Später empfand er etwas völlig anderes. Er empfand Fresslust.

Mit den Bomben kam das Mädchen. Der Hund mochte sie. Sie war klein und tapsig, aber sie hatte keine Angst vor ihm. Er probierte sein heiseres Kläffen und ein wenig Zähnefletschen an ihr aus, aber sie blieb ruhig und sah ihn an, wie er an seiner Kette zerrte. Anders als die anderen sprach sie nicht mit ihm. Sie stemmte die Hände in die Hüften und stand breitbeinig da. Dann holte sie ein Kaninchen aus dem Korb, den sie mit sich trug. Mit großen Augen und um den Kopf gewundenen Zöpfen setzte sie sich neben den Hund, der mit zitternden Flanken auf dem gepflasterten Hof stand. Mit einem tiefen Grollen kam er näher und blieb in respektvoller Entfernung stehen. Das Mädchen wandte sich von ihm ab und streichelte gedankenverloren das Kaninchen.

Der Hund witterte. Er roch etwas Milchiges, das im Vergehen begriffen war und die Robustheit des kleinen Wesens. Der Geruch hatte nichts Beunruhigendes, anders als der Gestank des Bauern nach Urin, saurem Schweiß und selbst gebranntem Fusel. Es war kein erwachsener Geruch. Kein Geruch nach Menschen, die Fußtritte austeilten und mit Steinen nach ihm warfen. Anscheinend hatte das Wesen keine Sprechstimme, auch wenn es über den Kopf des Kaninchens hinweg eine Melodie summte, die sich immerwährend wiederholte. Der Hund hörte das Summen und es machte ihn schläfrig. Er schmeckte den Geruch des Mädchens, das ihm den Rücken zudrehte. Er beobachtete angestrengt, was die Hand des kleinen Wesens mit dem Kaninchen machte. Die streichelnde Bewegung beruhigte ihn.

Der Hund kam näher. Er war nicht gut genährt und sein Fell hatte noch nie eine Bürste gesehen. Er war ein Nutztier, das eine Aufgabe zu erfüllen hatte. Mit den Bomben hatte sich die Lage verändert. Er war nutzlos geworden. Ein zusätzlicher Fresser, der keine Sicherheit garantieren konnte. Man hatte ihn an der Kette vergessen. Vergessen wie so viele andere.

Das Mädchen würde ihn nicht vergessen. Der Hund stupste das Mädchen mit der Schnauze an und wich zurück. Eine kleine Hand suchte nach seinem Fell und begann ihn zu kraulen. Das Mädchen sah den Hund nicht an, als er sich mit einem Aufstöhnen neben sie legte. Sie brauchte ihn nicht anzusehen. Sie waren beide Kreaturen, denen das Leben nichts schenkte. Sie hatten sich gefunden.

Die Kriegsgefangenen rochen anders. Sie bewegten sich auf unsicheren Beinen und immer im Laufschritt an dem Hund vorbei. Der Bauer sorgte mit einer Knute und seinem cholerischen Temperament dafür, dass sich die ausgemergelten Gestalten nicht ausruhten. Die unrasierten Gesichter trugen ihr Schicksal eingekerbt in ihrer Haut. Sie verrichteten ihr Tagwerk mit stumpfen Augen. Nachts schliefen sie im Stall. Dann tuschelten sie miteinander. Der Hund verstand nicht, aber er konnte die Sehnsucht in ihrem schlechten Atem riechen und ihre Resignation, wenn sie auf die Hakenkreuzfahne blickten, die der Bauer an jedem Morgen hisste, nachdem man ihn zum Ortsbauernführer gewählt hatte.

Die Aufgabe des Hundes war es, nach den Fersen der Zwangsarbeiter zu schnappen, sein Fell zu sträuben und zu geifern, bis es der Bauer vor Erheiterung nicht mehr aushielt und er damit herausplatzte, dass sein Hund besser sei als zehn Russen. Dann bekam der Hund zur Belohnung einen Brocken hingeworfen, um den ihn die Russen beneideten. Er schlang ihn hinunter und machte sich wieder an seine Aufgabe. Die Russen taten es ihm gleich. Gemeinsam zitterten sie vor dem Bauern, der ihre Seelen versklavt hatte.

Das Mädchen war frei. Der Hund wusste nichts von ihrem Schicksal. Er wusste nicht, dass ihre Eltern bei dem Brand ihres Hofes ums Leben gekommen waren.

In aller Eile suchte man eine Pflegestelle für das Kind. Die Ämter und die Partei kümmerten sich darum. Es hieß, das Mädchen sei wegen eines Vorfalls, als es fünf Jahre alt gewesen war, geistig zurückgeblieben. Das war nichts Besonderes im Dorf. Es passierte und die Dörfler lebten damit. Der kleine Ralf war mit dem Arm in einer Häckselmaschine stecken geblieben und hatte seinen linken Unterarm verloren. Seitdem ging er mit wiegendem Schritt die Dorfstraßen entlang und grüßte mit militärischer Präzision Mensch und Tier, bis sie außer Sicht gerieten. Jeder kannte den kleinen Kerl mit dem ernsten Gesicht und dem Stummelarm, wie er mit durchgedrückten Knien und angestrengter Miene in Habachtstellung am Straßenrand stand, erstarrt zu einem Denkmal, den rechten Arm an die Stirn hochgerissen.

Dann war da Jörg, über dessen Mutter man sich das Maul zerriss. Sie benutzte Lippenstift, bis ihr Mund eine klaffende rote Wunde war und führte einen unkeuschen Lebenswandel. Die Gerüchte besagten, sie habe sich bei einem entfernten Verwandten die französische Krankheit eingehandelt. Die Frucht der ungehörigen Beziehung war Jörg, der zu einem großen, aber einfältigen Burschen mit einem unmännlichen Stimmchen heranwuchs. Er plapperte unaufhörlich vor sich hin, sang und gestikulierte. Immer wenn ein wohlmeinender Dorfbewohner mit roter Farbe „Hure“ an das Häuschen von Jörgs Mutter schmierte, sah man den Burschen die Buchstaben mit Hingabe ablaugen.

Auch Gisela war einer der Fälle, die sich im Laufe der Jahre ereigneten. Man sagte, das Mädchen habe eine Zinkwanne mit kochendem Wasser von der Feuerstelle gezogen und über sich gegossen. Teile der Haut und das Leben des Mädchens waren noch zu retten gewesen. Ihr Verstand aber hatte sich unwiederbringlich eingetrübt und sie hockte da und schrieb Buchstaben in ein Heft. Das „d“ war ihr Lieblingsbuchstabe. Manchmal zerriss sie die Hefte und stieß kleine Schreie aus. Dann musste man sie festbinden, denn sie schäumte und schlug um sich, bevor sie in einen ohnmachtsähnlichen Schlaf verfiel und erst Stunden später desorientiert wieder aufwachte.

Hedwig war der neue Pflegling des Ortsbauernführers. Sie schien ein unkompliziertes Kind zu sein, wenn man ihr das Kaninchen beließ. Der Bauer schätzte an ihr, dass sie eine ansehnliche Erbschaft mit auf den Hof brachte, die er für sie verwaltete. In den Augen des Bauern benötigte das Mädchen, außer regelmäßigen Mahlzeiten und einem Satz Sommer- und Winterwäsche, nichts weiter. Für den Rest des Geldes hatte er gute Verwendung. Manchmal hatte er das Gefühl, dass die forschenden Augen des Mädchens, das nicht sprach, auf seinem Gesicht ruhten. Wenn er allerdings mit strenger Miene zu ihr hinübersah, spielte sie angelegentlich mit ihrem Kaninchen. Später, wenn aus der Kleinen eine junge Frau würde, würde er mit seinen Erziehungsmaßnahmen beginnen, dachte sich der Bauer und tastete nach dem Ochsenziemer, der im Stiefelschaft steckte. Das Mädchen hatte etwas Aufsässiges. Aufsässigkeit war ein Charaktermerkmal, das in der Volksgemeinschaft von Schaden war. Aufsässigkeit musste gebrochen werden.

Die einfältige Frau des Bauern, deren Attraktivität durch ihre Mitgift bestimmt wurde, war eine gefügige Person mit unwissenden Kuhaugen und nimmermüden Händen. Sie hielt Hedwig zu kleinen Handreichungen an und sprach mit ihr. Eigene Kinder hatte sie nie bekommen. Sie hatte sich diesen Umstand nie verziehen und der Bauer erinnerte sie stets an dieses Manko, wenn er nach Dorffesten mit geschwollenem Selbstbewusstsein und schwerer Zunge nach Hause wankte und mit der flachen Hand zuschlug, bis der Bäuerin das Blut aus der Nase rann und sie auf Knien Abbitte leistete.

Der Hund kannte die Zusammenhänge nicht, aber er hatte Ahnungen. Fremde Menschen aus den Städten suchten das Dorf auf. Sie waren mit Teppichen, Silberleuchtern und Bildern beladen, die sie gegen Lebensmittel tauschen wollten. „Ausgebombt“ war ein Wort, dessen Klang sich der Hund einprägte, ohne den Sinn zu erfassen. Er roch die Trauer und die Ausweglosigkeit, die den gebeugten Gestalten folgte, wenn sie ihre Karren zogen und ihre Bündel schleppten. Sie sahen anders aus als der rotwangige Bauer, der breitbeinig auf seinem Land stand und markige Parolen von sich gab, während sich seine Scheune und der Stall mit Wertgegenständen füllten.

Gerüchte zogen ihre Silberfäden durch das Dorf. Gerüchte, die von Tag zu Tag mehr Wahrheit enthielten und bleiern schwer auf den Gemütern der Dörfler lasteten. Die Ostfront hatte sich in das Deutsche Reich hineinverlagert. Die Westalliierten pflügten sich rheinwärts. Wehrmachtssoldaten und Volkssturmmänner kamen in versprengten Gruppen durch das Dorf. Sie hatten verschlossene Gesichter ohne Zuversicht. Die Volksempfänger wüteten und geiferten. In den Kinos balgten sich Komödien und Kostümfilme um den Optimismus der Zuschauer. Man sagte, dass Panzer auf der Anhöhe hinter den Pferdekoppeln gesehen wurden. Amerikanische Panzer mit Stoßrichtung Dorf. Die Dörfler hielten gestärkte, weiße Bettlaken bereit, um sie bei Bedarf aus den Fenstern zu hängen. Die Erwartung nach Kaugummis, Lucky Strikes und Nylonstrümpfen lag in der Luft.

Auch der Hund witterte die Veränderung. Der ältere Junge, der Hedwig regelmäßig auf dem Hof besuchte, ein dünner Knabe mit hellen Augen und einem abwesenden Gesichtsausdruck, steckte dem Kettenhund Leckerbissen zu. Er vergaß es kein einziges Mal. Anfangs fletschte und geiferte der Hund ihn an, aber der Knabe hockte sich selbstvergessen vor ihn hin und sah ihn an. Er murmelte etwas. Der Hund verstummte und spitzte die Ohren. Bei einem der nächsten Besuche verrieb der Knabe eine Ringelblumenpaste auf den räudigen Stellen an den Hinterläufen des Hundes. Das Tier leckte ihm die Hand. Die Hand schmeckte nach Vertrauen und Freundschaft. Der Hund speicherte das Gefühl ab. Es war kostbar und selten.

Einzig der Bauer wollte den Anbruch der neuen Zeit nicht wahrhaben. Er fluchte, schnaubte und trank. Er drosch mit dem Ochsenziemer auf die russischen Zwangsarbeiter ein und zwang sie, Abfälle aus den Schweinetrögen zu essen. Ihr Getuschel und ihre Verachtung brannten sich in seinen Rücken und brandmarkten ihn. Eigenhändig schleppte er Sandsäcke und Gerümpel auf die Straße, um den Vormarsch der Amerikaner aufzuhalten und sie mit einer heroischen Anstrengung zurückzuwerfen. Er stand auf den Tischen in der Kneipe und faselte von der Wut der Gegenoffensive des deutschen Volkes und dem Endsieg. Mit verlegenen Gesichtern hörte man sich seine Tiraden an, um dann schweigend in die Häuser zurückzukehren. Die Unheil verkündende Geräuschkulisse der Front begleitete die Männer auf ihrem Heimweg und trieb Frauen und Kinder in die Keller. Nur der Bauer und einige wenige Gefolgsleute sangen das Hohelied auf Führer, Volk und Vaterland. Ihre Stimmen verhallten wirkungslos im Wind.

Nichts kündigte die verhängnisvollen Ereignisse an. Das Dorf duckte sich vor der heranrückenden Front. Es war von seinen Verteidigern aufgegeben worden. Ihm kam keine strategische Bedeutung zu. Die ersten weißen Laken hingen wie zufällig aus den Fenstern. Durchhalteparolen verschwanden von Wänden und Ehrenzeichen von Kleidungsstücken. Eine Brise blähte die Hakenkreuzfahne am Haus des Bauern. Der Hund beobachtete aus seinem Versteck das Mädchen, das mit einem schweren Paket über den Hof ging. Er roch das Brot, den Käse und den Speck. Ein Panzerungetüm hatte sich vor wenigen Minuten rasselnd in das Herz des Dorfes geschoben und mit einem Drehen des Geschützturmes Sichtkontakt aufgenommen. Dann hatte es sich mit schleifenden Ketten zurückgezogen. Kein Schuss war gefallen. Es herrschte gespenstische Ruhe.

Die Sehschärfe des Hundes war auf Bewegung optimiert. Stillstehende Dinge wurden von seinem Gehirn unterdrückt. So gehörte es sich für einen Wachhund. Der Tag dämmerte der Dunkelheit entgegen. Das war die beste Zeit der Hunde. In ihrem verspiegelten Augenhintergrund wurde einfallendes Licht reflektiert. Ein Mensch hätte die vier russischen Kriegsgefangenen, die sich eng an die Scheune gedrückt davon machten, nur als verschwommene graue Schatten wahrgenommen. Die Umstände wollten es, dass das Dorf menschenleer war. Es schien den Atem anzuhalten.

Der Hund erhob sich. Er sah, dass die Flüchtenden neue Kleidung trugen. Teure Kleidung, die von den ausgebombten Städtern gegen Milch und Brot eingetauscht worden war. Die Sachen rochen nach Wohlstand und biederer Anständigkeit. Sie verdeckten für Momente den Gestank nach Unterernährung, Qual und ungewaschenen Leibern. Der Hund riss an der Kette und bellte. Er hatte Pflichten zu erfüllen.

Das kleine Mädchen kam geradewegs auf ihn zu. Mit einer bittenden Handbewegung und einem Finger über den Lippen näherte es sich dem Hund. Die grauen Schatten der Flüchtenden verschmolzen mit einem Ginstergebüsch. Ein unförmiger weißer Fleck bewegte sich mit ihnen. Dann war auch er verschwunden. Zurück blieb eine für den Hund schmeckbare Spur nach Proviant. Er reckte ein letztes Mal mit einem geräuschvollen Schnüffeln die Nase in die Luft. Dann konzentrierte er sich auf das Mädchen, das seinen zottigen Kopf in beide Arme genommen hatte und ihn wiegte. Er mochte es, wenn sie die Melodie summte. Die Melodie war für Kaninchen und für Hunde. Heute Nacht war sie nur für ihn.

Der Bauer war betrunken, als er Hedwig an sich riss. In den letzten Tagen war er ständig betrunken, weil ihn in nüchternem Zustand die Realität deprimierte und weil sich mit jedem Ticken des Sekundenzeigers seiner Taschenuhr zu der Depression die Angst gesellte. Angst vor namenlosen Dingen, die ihn zu verschlingen drohten, wie sie das Deutsche Reich verschlungen hatten. Dinge, die die Ostwinde und die Westwinde aus Russland und Amerika unaufhaltsam heranwehten.

Er war nicht zu betrunken, um seine schwielige Rechte in die Zöpfe des Mädchens zu graben und sie über die Pflastersteine zu schleifen. Den Hund bedachte er mit einem Tritt. Das Mädchen hob die Arme und klammerte sich an den Arm des Bauern. Ihr Gesicht war ein heller Fleck. Sie gab keinen Laut von sich.

Der Bauer wankte durch das Stallgebäude. Mit ungelenker Zunge fluchte er. Es waren gotteslästerliche Flüche. Er polterte in die Scheune. Das Kind schleifte er achtlos neben sich her, als habe er seine Existenz vergessen. Stieren Blickes sah sich der Bauer um. Er hätte sich die Mühe sparen können. Er konnte sich denken, was passiert war. Man hatte ihn bestohlen, ihn ausgenutzt, ihn an der Nase herumgeführt. Das Balg und die russischen Hungerleider. Zu allen war er gut gewesen, viel zu gut. So hatte man ihm seine Fürsorge gedankt. Jetzt, da der Feind vor den Toren stand, zeigte das Pack sein wahres Gesicht. Schwer ließ er sich auf einen Hocker fallen.

Als er sich aus seiner Erstarrung löste, fiel sein Blick auf seine rechte Faust, die sich in die Zöpfe des Mädchens krallte. Er schien sich ihrer erst jetzt wieder bewusst zu werden. Mit dem schwerfälligen Blick des Betrunkenen sah er sich um. Die Gerätschaften waren ordentlich an der Scheunenwand aufgereiht.

Warum er die Schafschermaschine gekauft hatte, wusste der Bauer nicht mehr. Sein Mund fühlte sich trocken und geschwollen an. Er hatte Durst. Viel Durst. Doch er hatte noch etwas zu erledigen. Etwas, das mit Respekt und Abschreckung zu tun hatte. Respekt und Abschreckung. Zwei Seiten einer Medaille. Zwei Begriffe, die in seinem Haus nicht nur Worte bleiben sollten. Jeder sollte es sehen. Vielleicht war es dann noch nicht zu spät für das Dorf. Nicht zu spät für Deutschland. Für die Zöpfe würde eine Heckenschere genügen. Das Gesicht des Mädchens verschwamm vor seinen Augen. Eine Heckenschere. Das würde der erste Schritt sein.

Die Frau des Bauern fand die Kleine blutend und mit kahl geschorenem Schädel in der Scheune. Der Hund war verschwunden. Sein abgewetztes Halsband schlang sich um den Hals des Mädchens. Die Laufkette verlor sich im Hof. Der Bauer hielt eine Heckenschere in der Hand und stach mit ihr in die Luft, als wolle er sich eines unsichtbaren Gegners entledigen. Mit blutunterlaufenen Augen stierte er auf seine Frau. Er grinste und stach, grinste und stach. Dabei brabbelte er von Anstand und Respekt, von Lektionen und Werten. Mit tückischen Augen fixierte er das wimmernde Bündel an seiner Seite und spuckte verächtlich aus. Er gestattete es seiner Frau, ihn hochzuwuchten und in die Wohnstube zu stützen. Er gestattete ihr nicht, sich des Mädchens anzunehmen. Die Lektion war noch nicht zu Ende. Das Ende würde dann erreicht sein, wenn er es befahl. Jawohl, befahl. Der Hof war sein Hof und das Mädchen sein Mädchen und er würde sich nicht nachsagen lassen, dass er in der Erziehung seines Mündels versagt habe. Nein, das würde nicht geschehen, solange sie noch an seinem Tisch saß. Das würde noch lange Zeit so sein. Zeit genug zu lernen.

Der Hund konnte warten.

Die Kette hatte ihm der Bauer abgenommen. Der Hund verließ nach seiner Suspendierung den Hof. Er roch das Mädchen. Ihr Duft war intensiver als sonst. Der Hund beschloss abzuwarten. Der ältere Junge kam im Morgengrauen. Kam und ging. Er hatte Instinkte wie der Hund. Seine Augen fanden das Versteck des Tieres ohne Mühe. Eine schmutzige Tränenspur zog sich über seine Wange, als er die Scheune verließ. Leise rief er nach dem Hund. Er hatte einen Leckerbissen für ihn. Seine Hand zitterte, als er dem Hund durch das Fell fuhr. Es war nicht die Angst, die ihn zittern ließ. Der Hund konnte es spüren. Es war etwas ganz anderes. So anders, dass sich der Hund wieder in sein Versteck zurückzog.

Vereinzelt ließen sich Vögel hören und der Geschützlärm würde bald wieder einsetzen, als der Junge den Bauern über den Hof brachte. Der Bauer schrie. Er brüllte vor Schmerz. Eine Eisenstange hatte seine Kniescheiben zertrümmert. Jetzt lag er zusammengekrümmt auf einer Schubkarre. Der Junge war kräftig für sein Alter. Kräftig und entschlossen. Sein Ziel war der Stall.

Der Hund hörte, wie Metall auf Metall rieb. Sein Geruchssinn unterschied den hervorstechenden Gestank des Ammoniaks von tausend anderen Duftnoten. Er wusste von der Jauchegrube, wusste, dass er diesen Geruch schon lange Zeit nicht mehr in der Nase hatte, weil die Felder wegen des Krieges nicht mehr gedüngt und bestellt werden konnten. Das Brüllen des Bauern nahm an Lautstärke zu, dann ein nasses Geräusch und ein letzter erstickter Ruf. Es wurde still. Metall schabte auf Metall. Eine Granate schlug weit hinter dem Dorf ein. Der Krieg war zurück.

Die einrückenden Amerikaner suchten nach dem Ortsbauernführer, aber er blieb verschwunden. Nach offiziellen Angaben war er auf der Flucht. Die Bäuerin hatte ein kahl geschorenes Mädchen im Arm, das ein Kaninchen streichelte und immer wieder Hilfe suchend nach einem älteren Jungen griff, der beruhigend auf es einredete.

Niemand im Dorf hatte etwas Ungewöhnliches bemerkt. Niemand befragte den Hund.

Kopfschüttelnd stellte ein amerikanischer Soldat fest, dass die Jauchegrube mit einer Hakenkreuzfahne abgedeckt war. Er machte ein Foto für seine Angehörigen.

Seltsam, was der Krieg aus Menschen machte.

V.

Der Mann konnte sich nicht daran erinnern, wann er mit dem Nasenbohren angefangen hatte. Meist vergaß er, dass er diese lästige Angewohnheit pflegte. Nur in Augenblicken wie diesem, wenn ihn leicht belustigte und im Unterton angeekelte Blicke seiner Mitmenschen trafen, gefroren seine Bewegungen zu einem schuldbewussten Stillleben.

Noch immer war er nicht selbstbewusst genug, seine Zeigefinger, die in den Nasenlöchern ein Eigenleben zu führen schienen, im Moment der Entdeckung wie selbstverständlich an ihrem Platz zu belassen, als seien sie gerade erst nach langer Irrfahrt an ihrem anatomisch korrekten Bestimmungsort angekommen.

Er erinnerte sich an eine Skifreizeit, die er mit Freunden vor Jahren unternahm, damals als die Welt noch in Ordnung war und er noch nicht zum Nasenbohren Zuflucht nehmen musste. Damals hatte er noch eine Zukunft vor sich, eine, die es wirklich wert war so genannt zu werden. Damals gehörte er auch noch zu jenen, die die Nasenbohrer geflissentlich übersahen. Zu jenen, die peinlich berührt in die andere Richtung sahen, wenn klobige Fingerkuppen auf der Erkundung des Unsäglichen die Nasenbesitzer in ihren Gesichtern heimsuchten.

Er erinnerte sich nur zu gut daran, wie ihm der ungeschlachte Mensch in dem grell gemusterten Pullover imponierte. Er imponierte ihm mit seinem extrovertierten Gehabe, seiner aufreizenden Lässigkeit, mit der er schwere Goldkettchen, eine fettige Langhaarfrisur und längst vernarbte Aknemale zur Schau trug. Ihm imponierte der ständig seine Form wechselnde Schmerbauch, der unter dem Pullover rollte und quoll und kurz davor schien, die Gürtelsperre der optimistisch eng geschnittenen Lederhose zu überwältigen, was freilich nie gelang. Ihm imponierte auch die zartgliedrige Brünette, die mit einem leeren Lächeln und fein ziseliertem Äußeren an jeder Äußerung ihres bis an die Brüllgrenze amüsierten Begleiters hing. Am meisten jedoch imponierte ihm die öffentliche Vorführung eines Rituals, das dieser Gast bis zur Perfektion kultiviert hatte.

Er war Nasenbohrer. Nicht irgendein Nasenbohrer, Gott bewahre. Obwohl den Beobachtern die heimliche Hierarchie der Nasenbohrer nicht bekannt war, obwohl sie nicht wussten, dass sich die Welt in Nasenbohrerligen einteilte. Eines aber ahnten sie instinktiv, als sie des Trumms von Zeigefinger ansichtig wurden, der sich in einen Abgrund schob, dessen Öffnung für seine Maße nicht gemacht war. Hier hatten sie es nicht mit einem verschämten Amateur, nicht mit einem Aussetzer in der täglichen Etikette, nicht mit einer gründlich missglückten Hygieneaktion zu tun, sondern mit einem genussreich und exhibitionistisch zelebrierten Profiauftritt. Und sie behielten recht.

Ein haariges Handgelenk drehte sich mit überraschender Präzision und brachte das klobige Werkzeug mit winzigen Korrekturen in eine aussichtsreiche Stellung. Der Nasenflügel blähte sich, die Fingerkuppe schien für einen Augenblick festzustecken, um sich dann mit einer Drehbewegung wieder zu befreien und das Grabungswerk fortzusetzen. Das alles ohne die mindeste Veränderung des begeisterten Gesichtsausdrucks des zu Zeigefinger und Nase gehörenden Mannes. Seine Stimme geriet etwas nasaler. Der volle Mund sprach um die hochgereckte Hand herum. Der Zeigefinger führte mit langsamer Präzision die vielfach einstudierten Bewegungen aus und vom Alkohol eingetrübte Augen erfassten das Halbrund der Zuhörer.

Das Erstaunliche war, dass es niemanden gab, der auch nur den geringsten Anstoß an dem Anblick zu nehmen schien. Die Gesichter glänzten vor Zufriedenheit. Sie zeigten Spannung, Amüsement und eine aus der Aufregung geborene Hautfarbe. Die Mienen passten sich in ihrem Spiel der ausgelassenen Stimmung an. Zahnreihen bleckten und Augenbrauen hoben sich. Alles war wie immer. Alles war so, wie man es erwarten konnte, wenn man sich um einen mächtigen Platzhirsch scharte. Alles arrangierte sich, als ob es den heftig anstürmenden Zeigefinger im Nasenloch nicht gäbe oder vielmehr, als ob der sich bietende krude Anblick das Attribut „normal“ für sich in Anspruch nehmen durfte.

Kein angeekeltes Wegschauen, kein heimliches Kopfschütteln, keine herablassenden Blicke. Nichts dergleichen.

Damals in der Skifreizeit hatte diese Begebenheit unseren Mann wegen ihrer Ungewöhnlichkeit fasziniert. Er konnte sich dem Anblick des in der Nase steckenden Zeigefingers nicht entziehen. Er konnte sich nicht erklären, wie ein öffentlich vollführter Tabubruch derart ungesühnt blieb. Er konnte seine eigene Faszination nicht nachvollziehen und er beließ es dabei. Das Erlebnis verblasste, aber es verschwand nie aus den Kammern seines Gedächtnisses. Dann war er selbst zum Nasenbohrer geworden und die Erinnerung wurde lebendig. Er verstand besser. Verstand nur zu gut.

Wenn er es recht bedachte, war wohl die Nachricht vom Tod seiner Bekannten der Auslöser gewesen. Es war ein Schock. Schocks lösten Reaktionen aus. Reaktionen körperlicher und psychischer Natur. Fast erwachsene Kinder wurden Bettnässer und Daumenlutscher. Erwachsene wurden zu Rauchern und Trinkern oder drifteten der Tablettensucht entgegen. Ganz selten wurden Betroffene zu Nasenbohrern. Er war eine der Ausnahmen.

Schocknasenbohrer unterschieden sich erheblich von den Genussbohrern. Letztere standen zu ihrer Gewohnheit. Sie verteidigten ihre Freiheit auf Individualität. Sie trafen sich online in Chaträumen und erzählten sich Neuigkeiten über Rhinotillexomanie, wie man das Phänomen des Nasenbohrens in Fachkreisen nannte. Man erging sich in den jüngsten Forschungsergebnissen eines österreichischen Arztes, der das Nasenbohren als gesunde und schöne Angelegenheit deklarierte, als verkannte Hygieneverrichtung, die den Filter der Lunge reinigte und die Nase funktionsfähig erhielt. Selbst die unappetitlich erweiterte Abart des Nasenbohrens, die Fraktion der Nasenpopelesser, erhielt ihre Absolution. Die häufig zu klebrigen Kügelchen gerollten Rotzpartikel enthielten Keime und Bakterien, die durch ihre Aufnahme in den Darm ein wirksames Medikament darstellten. Soweit die Theorie.

Die Schocknasenbohrer hingegen wussten mit solchen Wahrheiten nichts anzufangen. Sie bedienten sich des Instruments des Nasenbohrens als Übersprunghandlung. Sie waren es, die von der Ächtung der Gesellschaft getroffen wurden. Sie waren es, die dies am allerwenigsten verdient hatten.

Der Mann wusste nicht, was aus Ellen geworden war. Er wusste noch nicht einmal, dass sie Sophie genannt wurde, als sie beide in das Zeugenschutzprogramm flüchteten. Für ihn war das gut so. Anders als Ellen hatte er Erfahrung. Erfahrung mit allen möglichen Dingen. Erfahrung mit Dingen, die sie in Schwierigkeiten gebracht hatten.

Man hatte sie festgenommen, kurz nachdem frische Containerware eingetroffen war. Wie immer war nicht die gesamte Ladung heil geblieben. Einige Stücke waren verdorben. Um die Leichen kümmerten sich die Aufräumer. Er war ein „Runner“. Seine Aufgabe war es, die Mädchen in den Unterkünften abzuliefern. Ellen war der „Boarder“. Sie wies den verängstigten Bündeln Mensch ihre Matratzen zu.

Was dann geschah, spielte sich außerhalb ihres Einflussbereichs ab. So sahen sie es, Ellen und er. Es war eine Geschäftsentscheidung, nichts Persönliches. Natürlich sträubten sich die Mädchen. Man musste sie an den Pritschen festketten. Es waren zu viele von ihnen. Sie waren krank, dehydriert und verwirrt. Sie schlugen um sich und schrien. Es war kein einfacher Job, aber er war gut bezahlt. Es ging nicht ohne Disziplin. Ohne Disziplin wären sie alle gefährdet gewesen. Die Tabletten und die Spritzen sorgten für Disziplin. In der Drogendämmerung unternahm man keine Fluchtversuche und plante keine Selbstmorde. Drogen machten friedlich und fügsam. Die Kunden liebten friedliche und fügsame Mädchen, frisch herausgeputzt und wohlunterrichtet.

Die Unterrichtung unternahmen andere, die mit amerikanischen Limousinen vorfuhren und mit Kennerblicken taxierten, was sie vorfanden. Sie machten ihre Späße mit den Mädchen. Man nannte sie „Zureiter“. Das Schreien war längst in ein Wimmern übergegangen. Wimmern war ein gutes Zeichen. Erhobene Arme über gesenkten Köpfen waren ein gutes Zeichen. Die Männer in den amerikanischen Limousinen liebten gute Zeichen. Ihren toten Augen entging keine Regung, während sich ihre Körper auf den Mädchen abarbeiteten.

Ellen und er nahmen an den Abrichtungssitzungen nicht teil. Es war nicht ihre Aufgabe und sie hatten kein Interesse daran. Zu viel Fleisch, zu viel Tragik, zu viele gebrochene Wesen. An solchen Tagen hatten sie noch mehr zu tun als sonst. Die Mädchen mussten hergerichtet und verköstigt werden. Die Zureiter machten alles komplizierter als nötig. Oft weigerten sie sich, die vereinbarten Summen auszuzahlen. Sie bemängelten den Zustand der Ware, wiesen auf Hautunreinheiten und ausgeschlagene Zähne hin, mäkelten über Ausschläge und Verschorfungen. Es war nicht immer einfach, aber schließlich kam man immer überein. Einige der Mädchen überlebten die Prozedur nicht. Man hatte diesen Schwund von Anfang an eingepreist. Die Zureiter besaßen einen unbestechlichen Blick für untaugliches Material und sie hatten Waffen. Sie waren es, die aussortierten, nicht Ellen oder er.

Ellen und er befanden sich ganz unten in der Befehlskette. Jeder konnte ihnen Befehle erteilen. Ohne sie wäre es den Mädchen noch viel schlimmer ergangen. Durch sie war kein einziges der Mädchen zu Schaden gekommen. Das war ein Fakt.

So sah es zum Glück auch die Staatsanwaltschaft, die ihnen für ihre volle Kooperationsbereitschaft als Kronzeugen einen Handel vorschlug. Nicht dass man sie mit Samthandschuhen anfasste. Im Gegenteil. Man traktierte sie mit Fotos misshandelter und geschändeter Mädchen, als ob sich Ellen und er an jedes Gesicht erinnern würden, das durch ihre Hände gegangen war. Es war nicht fair. Sie hatten eine bessere Behandlung verdient. Man stellte ihnen immer die gleichen Fragen und beschuldigte sie, als ob sie Verbrecher seien. Man drohte ihnen lange Haftstrafen an und schüchterte sie ein. Dann ließ man sie reden. Wochenlang redeten sie, bis man alles aus ihnen herausgequetscht hatte. Sie wurden in unterschiedlichen Haftanstalten untergebracht. Vor Gericht mussten sie nicht erscheinen.

Er hatte lange in seiner Zelle auf Nachricht gewartet. Minuten wurden zu Stunden und Stunden zu Tagen. Als man ihn abholte und auf seine neue Identität vorbereitete, war eine lange Zeit vergangen. Zu lange. Er hatte verlernt glücklich zu sein. Von Ellen hatte er nichts mehr gehört. Das musste so sein. Es gehört zum Programm. Nicht dass er traurig darüber gewesen wäre. Was ihn mit Ellen verband, war die Routine einer entspannten Arbeitsbeziehung. Mit Kollegen war es immer schön.

Dann erfuhr er von ihrer Hinrichtung. Noch am gleichen Tag begann er mit dem Nasenbohren.

In der Schweiz fühlte er sich gut aufgehoben. Er war den Empfehlungen der Experten gefolgt und brachte in rascher Folge mehrere Umzüge hinter sich. Seine Spur erkaltete. Niemand war eingeweiht. Er handelte auf eigene Gefahr. Sein Äußeres glich sich den Fotos in den neuen Pässen an. Seine finanziellen Rücklagen aus besseren Tagen hatten noch nicht besorgniserregend gelitten. Er nahm sich Zeit zum Nachdenken und konnte keinen Fehler entdecken. Die Spur erkaltete immer mehr. Bald würde ihn niemand mehr aufspüren können und dann würde er sich neuen Aktivitäten widmen. Eine Zukunft wartete auf ihn. Eine Zukunft, in der seine Talente gebraucht wurden.

Bewacht wurde seine Zukunft von einem buckligen Berghang, der im Frühling ein Polster aus Blüten trug und voller Zuversicht zu einem Gebirgsmassiv schaute, das mit gezackten Schatten talwärts griff. Die Hütte mit Käserei war zu vermieten. Es war ein einfaches Quartier ohne Bequemlichkeiten. Die Wanderwege und eine Seilbahn führten in respektvoller Entfernung vorbei und der Senn war ein kauziger Mensch unbestimmten Alters, der seine Kühe mit einem breiten Singsang rief und seinem Logiergast keine Fragen stellte. In seiner Welt gab es die Jahreszeiten, das Vieh und den Käse und nicht viel Anderes von Bedeutung. Der Gast schätzte diese angeborene Diskretion. Nur manchmal saßen die beiden auf der roh gezimmerten Bank vor der Hütte und schauten, wie die blauen Schatten des Gebirges Besitz von der Landschaft ergriffen. Meist schwiegen sie zu Buttermilch und Moosbrot. Der Senn war einer der letzten Dörfler, der sich darauf verstand, Moosbrot herzustellen. Wenn es um Käse und Brot ging, fand er seine Stimme unter den Flechten seines Bartes und erzählte in langsamen, weichen Sätzen. Den Ausführungen waren die Schwermut anzuhören und das Unverständnis für die neue Zeit, die sich aus dem Rhythmus des Lebens hinausbeschleunigte.

Die schwarzen Fladen aus gestampftem, gebackenem Moos, das man an der Rinde einer harzhaltigen, grobborkigen Tanne und auch an der Lärchenrinde fand, schmeckten ein wenig bitter und nach entbehrungsreicher Vergangenheit. Es war gut so.

Zum Herbst hin wurden die Schatten schon am frühen Nachmittag besitzergreifend. Kalte Winde fegten die Wolkendecke beiseite und der klare Geruch nach Schnee lag in der Luft. Dorf um Dorf spaltete Holz und fuhr die letzten Vorräte ein.

Bald würde man mit den Kühen talwärts ziehen. Für den Gast wurde es Zeit. Er hatte genug von der Stille. Er hatte Insekten in ihrem Flug beobachtet. Er hatte gelernt, die Gerüche der Herdfeuer voneinander zu unterscheiden. Lange war er wachsam geblieben, hatte gelauscht und gespäht. Jeder Wanderer und jeder Drachenflieger erschien ihm verdächtig. Sein Herzschlag beschleunigte sich bei jedem Geräusch, das sich an sein Ohr stahl. Er schlief mit einer entsicherten Waffe unter dem Kopfkissen, als sei er ein Darsteller aus einem schlechten Roman. Nach Monaten konnte er sicher sein, dass seine Bemühungen erfolgreich waren. Seine Spur war endgültig verwischt. Niemand suchte ihn, denn es gab ihn nicht mehr.

Sein Gastgeber bestätigte ihn in seinen Vermutungen. Vorsichtige Nachfragen nach Neuankömmlingen und Ausländern in den Dörfern beantwortete der Senn mit einem Kopfschütteln. Von solchen Leuten hätte man gehört. Nachrichten verbreiteten sich rasch in den Bergen. Die Berge hatten Platz dafür. Neue Gesichter waren immer eine Nachricht. Auch der Gast des Senns war eine gewesen. Ein geschiedener, verbitterter Mann in den besten Jahren. Ein Journalist, der zur Ruhe kommen und ein Selbsterfahrungsbuch schreiben wollte. Nicht einer, der den Lauf der Berge störte, sondern einer, der sich in ihren Schutz begab. Ein zahlender, stiller Gast. Ein Gast, wie ihn die Dörfler mochten.

Er fröstelte, obwohl der Kohleofen eingeheizt war. Es roch nach getrockneten Kräutern und nach Winter. Er suchte mit dem Fernglas den Weg ab, der sich wie ein braunes Band über die Bergrücken legte. Seit dem Almabtrieb ruhte die Käserei. Ihre gereinigten Bottiche, Siebe und Kessel hatten den Winterschlaf bereits begonnen. Er fuhr mit den Händen über die gehobelten Flächen der einfachen Möbel. Einfach und zweckmäßig. Die innere Unruhe hatte sich mit den langsam verklingenden Kuhglocken verstärkt. Vereinzelt waren noch die Rufe der Tiere zu vernehmen gewesen, dann überfiel eine betäubende Stille, die bei ihm Beklemmung auslöste, die Hochalm.

Er sehnte sich den Jeep herbei, der ihn und seine wenigen Habseligkeiten abholen sollte. Er sehnte sich in gewisser Weise auch nach dem wortkargen Senn, von dem er sich mit einem kräftigen Händedruck verabschiedet hatte. Der graubärtige Mann hatte ihm versprochen, einen Wagen zu schicken, um ihn aufzusammeln und in die nächste Stadt zu bringen. Der Jeep ließ auf sich warten.

Als zwei Scheinwerferkegel über den Hügel rollten, sah er sich noch einmal um. Er hatte versprochen, das Feuer zu löschen und die Tür zu versperren. Daran würde er sich halten. Einen Augenblick lang dachte er daran, alle Flächen, mit denen seine Finger in Berührung gekommen waren, abzuwischen. Er schüttelte den Kopf und musste über seine eigene Einfältigkeit lächeln. Niemand würde sich die Mühe machen, eine einsam gelegene Hochalm in den Schweizer Bergen nach Fingerabdrücken zu untersuchen. Niemand von denen, die ihm nach dem Leben trachteten. Sie hatten andere Methoden. Weniger raffiniert, aber wirkungsvoll.

Sprengstoff war eine der Methoden, Feuer eine andere oder eine schnelle Kugel. Aufspüren und erledigen. Endgültig erledigen. Nicht leise und unbemerkt, sondern aufsehenerregend und abschreckend. So waren die Regeln des Gewerbes.

Die Scheinwerfer des Jeeps streiften die Hütte und wanderten bis zum Rand einer steil abfallenden Wiese, ehe sie sich verloren. Der Wagen würde noch eine Weile brauchen. Es war eine Eigenschaft der Berge, dass sie alles nahe zu sich heranholten und dann eine rasche Ankunft verhinderten. Manche schrieben dieses Phänomen den besonderen Luftschichten zu, die zu optischen Täuschungen führten und geringe Entfernungen vorgaukelten, wo noch stundenlange Märsche vonnöten waren. Die Erfahrenen jedoch und die Einheimischen wussten es besser. Sie wussten, dass Berge lebendige Wesen waren, die ihre eigenen Gesetze hatten. Sie reagierten mit Wetterstürzen und verhüllten ihre Gipfel, wenn man den Respekt vermissen ließ. Man musste sie besänftigen.

Der demütige Kletterer legte einen Stein auf eine wartende Pyramide von Steinen, bevor er sich an den Aufstieg machte. Das war das Zeichen für den Berg. Dann führte er den Gast mit sanfter Hand seinen Rücken hinauf und bewahrte ihn vor Unheil. Die anderen aber konnten ihre Geschichte nicht mehr erzählen, denn sie traten fehl, stürzten ab, erfroren im Eisnebel in Rufweite von Schutzhütten. Berge machten keine Kompromisse. Sie hatten viele Ewigkeiten Übung darin.

Der Gast hatte sein schmales Gepäck neben die Tür gestellt. Der angestrengte Motor des Jeeps war jetzt deutlich zu hören. Das Fahrzeug holperte über die unebenen Grassoden des Hügels.

Der Fahrer war ein bärtiger, weißhaariger Mann, der sich kerzengerade hielt. Er hatte einen kräftigen Händedruck und Augen, die ihn um einiges jünger erscheinen ließen. Der Hüttengast stellte sich als „Tonio“ vor. „Tonio“ war der Name in dem Pass, den er gerade verwendete. In der Einsamkeit der Berge hatte er sich mit dem Namen angefreundet. Vielleicht würde er ihn behalten. Den Namen „Tonio“ umgab der Klang weltoffener Fröhlichkeit.

Der Fahrer bemühte sich um das Gepäck. Mit einer entschiedenen Handbewegung lehnte er das Hilfeangebot seines Gastes ab. Das Alter hatte auch bei ihm seine Spuren hinterlassen. Bei ihm und seinem Jeep, dessen bullige Kühlerhaube wie ein Urwelttier aufragte.

Tonio war überrascht, als er den Stich spürte. Es war ein Brennen über dem Handgelenk, das sich wellenförmig ausbreitete. Er tastete nach der Stelle. Der plötzlich einsetzende Schmerz raubte ihm den Atem. Seine Arme sanken kraftlos herab. Die Holzbohlen der Terrasse schlugen nach seinem Gesicht, als sein Körper nach vorn kippte. Ein klar konturierter Mond, kraftvoll und pockennarbig glitt über den Gebirgsrand. Er verschenkte ein silbriges Licht. Mondlicht zum Abschied, dachte Tonio. Der Schmerz begann zu verschwinden und machte einer Taubheit Platz.

Ein Gesicht schob sich vor das seine. Geübte Arme machten sich an ihm zu schaffen. Die Augen hinter der Brille wirkten groß und ruhig. Sie schwammen im Mondlicht. Die Augen des Fahrers ruhten auf ihm. Tonio rang nach Luft. Er keuchte mit geöffnetem Mund. Er machte Anstalten zu sprechen. Der Fahrer schüttelte den Kopf. Es war eine kleine Geste. Tonio legte den Kopf in den Nacken. Er fühlte, wie sein Körper erkaltete. Der Winter war gekommen. Der Winter und der Fahrer. Beide wussten, was zu tun war.

Tonio hörte die Stimme und spürte die Hand, die seinen Kopf stützte, bis der Mond und das Gesicht wieder in seine Welt rückten. Das Gesicht war jetzt bartlos und hager, die Stimme kultiviert und ohne jeden Akzent. Bartlose Gesichter brauchten keinen Akzent.

„Die Chippewa sind von Natur aus tapfer und rachsüchtig“, begann die Stimme. Die Sätze rauschten an Tonio vorbei. Es waren Sätze, die der Fahrer für die Richtigen hielt. Die richtigen Sätze für einen Mann kurz vor dem Atemstillstand. „Manchmal züchtigt der Ehemann seine Frau, indem er ihr den fleischigen Teil der Nase wegbeißt. Die Frauen erachten dies für schlimmer als den Tod, bedeutet es doch den Verlust ihrer Schönheit und ein sichtbares Maß für Vergehen und Strafe.“

Die Stimme beendete ihren Monolog. Das bartlose Gesicht lächelte. Der Mond hatte sich zu seiner vollen Größe erhoben. Das Haar des Fahrers glänzte silbern. Es war perfekt gescheitelt. Tonios Welt war matt und schwarz geworden, nur noch ein Wispern und ein Haufen durcheinandergewirbelter Seiten. Er bemerkte nicht mehr, wie ihn zwei Arme mühsam in den Jeep wuchteten. Er hatte abgeschlossen. Abgeschlossen mit seiner Vergangenheit und seiner Zukunft.

Minuten später rumpelte das Fahrzeug mit abgeblendeten Scheinwerfern talwärts. Tastend suchte es nach der Baumgrenze. Sein Ziel war eine Fichtenschonung, deren Ruhe selten gestört wurde. Die Bäume erkannten den Fahrer des Wagens und verhielten sich ruhig. Er hatte ihnen in den vergangenen Wochen mehrere Besuche abgestattet. Heute Nacht würde er eine ausgehobene Grube füllen.

Anschließend hatte er noch einen weiteren Termin in einem anderen Wald. Er hatte ihn schon ausgesucht.

Ein kleines Feuer würde seinen Frieden nicht stören.

VI.

Das Nachkriegsdeutschland war eine Wundertüte. Eine Wundertüte mit Scharten und Mängeln. Unter dem Schutt, den Entbehrungen und den Hungerwintern machte sich der Aufschwung bereit. Er sickerte in die Ortschaften, swingte in den Radios, begleitete die alliierten Hilfslieferungen.

Viktor war einer von denen, die es verstanden zu organisieren. Er nutzte die Schwarzmärkte, um sich Zigaretten zu erflüstern, Damenstrümpfe mit Naht und andere Dinge, die er sofort wieder in Lebensmittel und Stoffe umsetzte. Er hatte verstanden, dass die Waren niemals ruhen durften, wenn man an das Wunder der Geldvermehrung glaubte.

Mehr noch als Lucky Strikes und Nylons war eine andere Ware begehrt. Man sprach nicht über sie, ja man wagte es noch nicht einmal an sie zu denken, so unerhört war ihr Auftreten. Schwarze Musik, wollüstige Verrenkungen beim Tanz, grell bemalte Münder und Alkohol in langstieligen Gläsern begleiteten die Zeit des Aufbruchs. Die Jahre des Wirtschaftswunders begannen sich schwach am Horizont abzuzeichnen. Eine Zeit der Sittenlosigkeit und der Amerikanisierung, die zu vollenden suchte, was die 20er Jahre nicht zu Ende bringen konnten. Für Viktor war diese Welt wie gemacht. Er bewegte sich in ihren Reihen mit traumwandlerischer Sicherheit, ein junger Mann, aufrecht, bedächtig und mit flinken Augen, denen nichts entging.

Als er das erste Mal die neue Ware anbot, brannte sie in seiner Jackentasche. Er war nervös, viel nervöser als der dunkelhäutige GI, der ihm mit einem breiten Lachen das Heft in die Hände drückte. Viktor war sich bewusst, dass er errötete, während er prüfend die Seiten umblätterte. Die Scham hielt ihn davon ab, mehr als einen kurzen Blick auf die Ungeheuerlichkeiten zu werfen, die in dem Magazin abgebildet waren. Manchmal handelte es sich um Zeichnungen, oft aber um Fotografien. Die Frauen auf den Bildern starrten mit stark geschminkten Augen aus den Blättern heraus. Ihre Blicke waren lasziv und schuldig. Es waren Sünderinnen in Unterwäsche mit Spitzen und Farben, die dazu gemacht waren, den Blutdruck von Männern in die Höhe zu treiben und ihre Moral zu untergraben. Schwarze Strümpfe unter rosa Korsagen. Beine, die sich in hochhackigen Schuhen himmelwärts reckten, feuchte Lippen und Fleisch. Viel Fleisch. Nicht das Fleisch, das man sah, wenn die Frauen mit umgebundenen Kopftüchern und gebräunten Gesichtern die Feldarbeit verrichteten. Nicht das Fleisch, das die Bürokräfte in weiten Pullovern und züchtigen Röcken zeigten. Nein, es war das Fleisch hochgereckter Pobacken und entblößter Brüste. Manikürte und gelackte Nägel vergruben sich in behaarten Spalten, wo sie Dinge taten, die das Bild aussparte.

Die Bilder wollten, dass der Beobachter selbst etwas tat. Sie luden ein. Trieben. Verlangten. Viktor konnte es fühlen. Er krümmte sich und wandte sich von dem GI ab, der ihn mit einem wissenden Augenzwinkern bedachte.

Viktor nannte seine Dienstleistung „Kunstkalender“. Sorgfältig trennte er die Seiten der Magazine auseinander und legte sie in seinem engen Mansardenzimmer aus. Auf einen Zeigestock gestützt betrachtete er sein Werk und begann mit der Zusammenstellung.

Für den Eintritt in die Erwachsenenwelt hatte auch er Opfer bringen müssen. Seine Stimme war rau und tief geworden. Akne spross an seinem Kinn und verunzierte seine Stirn. Er hatte einen Kampf mit seinen Eltern ausgefochten und sich dazu entschieden, seinen eigenen Weg zu gehen.

Was ihm blieb, war der Instinkt zum Spieleerfinden. Und so erfand er Erwachsenenspiele. Der Kunstkalender hatte Monate und die Monate hatten Themen. Die abgebildeten Frauen verkörperten die Themen. Manchmal hatten die Frauen Gesellschaft. Das waren die besonders wertvollen Bilder. Für sie suchte Viktor schöne Monate aus. Monate, wie den März, den Juli oder den Oktober. Bald kombinierte er mit verwegenem Mut und wachsender Zuversicht. Der Nachschub war gesichert. Amerika war das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und das Land der unbegrenzten Ressourcen. Viktor hörte auf mit anderen Waren zu handeln. Er beschränkte sich auf die Körperkunst und lebte. Zum ersten Mal seit langer Zeit lebte er.

Einer seiner zuverlässigsten Kunden war ein gedrungener Mensch im grauen Mantel und tief in den Taschen vergrabenen Händen. Seine Augen waren immer starr auf die vor ihm ausgebreiteten Blätter gerichtet. Viktor nahm sich Zeit für seinen besten Kunden. Er wusste, dass der Mann kaufen würde. Dass er alles kaufen würde, denn der Mann hatte flinke Hände. Hände, die schneller waren als das Gehirn. Hände, die von den Manteltaschen zu den intimeren Bereichen wanderten und zu kneten begannen. Wenn die Zähne des Mannes seine Unterlippe erfassten und sein prüfender Blick immer schneller über die Bilder glitt, verabschiedete sich Viktor. Er hatte das Geschäft gemacht. Alles, was sein Kunde jetzt benötigte, war die Kabine einer Toilette und etwas Platz. Viktor hatte keine Angst um seine Entlohnung. Der Mann war zuverlässig und er betete die Kunst an.

Das Beste an dem Kunden war jedoch seine Tochter. Viktor war vielen Mädchen begegnet. Anderen Mädchen als Hedwig, die seine Schutzbefohlene war. Mädchen mit langen, seidigen Haaren und hochnäsigen Gesichtern. Mädchen mit blassem Teint und Zahnspangen. Und Mädchen mit drallen Gliedern und puppenhaftem Gehabe. Allen war gemeinsam, dass sie Viktors Aufmerksamkeit nur kurz zu fesseln vermochten. Viktor besah sich ihre Aufmachung, tauchte für kurze Zeit in ihre Gespräche ein und befand, dass sie alberne Geschöpfe ohne Tiefgang waren. Vielleicht, dachte er bei sich, müsse er sein Glück bei älteren Frauen suchen. Solche gab es in den Nachkriegsjahren zuhauf. Die meisten von ihnen warteten nicht mehr auf ihre Männer. Man konnte ihren Hunger nach Leben spüren. Sie waren leichte Beute.

Aber auch bei den jungen Witwen wurde Viktor nicht fündig. Entweder kamen sie zu ungelenk und sauertöpfisch daher oder sie umgaben sich mit einer schrillen Frivolität, die jede Natürlichkeit wegspülte.

Anders war es bei Sabine. Sie war hochgewachsen und blond und sie hatte einen Vater, der Viktors bester Kunde war. Sabine war die Sorte Frau, die einen festen Händedruck hatte und französisch sprach. Wenn sie sich des Deutschen bediente, fädelten sich ihre Sätze zu kleinen Wortungetümen auf, die nie einen Zweifel an ihren Absichten zuließen. „Du trägst kragenlose Hemden über der Hose und das Jackett über dem Arm. Außerdem verzichtest du auf diese schreckliche Pomade. Das gefällt mir. Du gefällst mir“. Mit diesen Worten legte Sabine ihren Kopf ein wenig schief und lächelte schelmisch, was ihr zwei Grübchen in die Wangen trieb.

Sätze wie diese und ein zerzauster Blondschopf waren dazu angetan, Männer zu überwältigen. Sie überwältigten Viktor. Sabine überfuhr seine Zurückhaltung, zertrümmerte seine Vorsätze, torpedierte seine Zukunftspläne. Sie versetzte Enzyme, Botenstoffe und Hormone in einen ungeordneten Aufruhr, sodass die einfachsten Körperfunktionen Kapriolen schlugen und dort aussetzten, wo es am peinlichsten war. Viktor jonglierte mit Schweißausbrüchen, Darmwinden und Rülpsern, errötete und stammelte, bis sich alles um ihn drehte und er halb ohnmächtig nach Luft rang, während ihn das Wesen vor ihm noch immer anlächelte. Viktor war verliebt.

Der Vater von Sabine hieß Ernst. Sein Name war Programm. Ernst war ein Kirchenmann. Die Seelsorge betrieb er mit der gleichen Akribie, mit der er während der Kriegszeit für die Reinerhaltung der deutschen Rasse eingetreten war. Eifer konnte man ihm nicht absprechen.

Ein amerikanisches Entnazifizierungsgremium hatte ihn als „minder belastet“ eingestuft. Ein paar Schreibmaschinenzeilen auf gelblichem Papier hatten ihn reingewaschen. Ernst glaubte an Papiere. Er glaubte an Autoritäten und er glaubte an Gott. Alles hatte seine Ordnung. Alles hatte seinen Platz. Sein Platz war im Schoß der Mutter Kirche, die er niemals wirklich verlassen hatte. So sagte es das Papier. Ernst hatte eine unbefleckte Seele.

Sein Fleisch war nicht unbefleckt, aber wer war schon vollkommen. Niemand konnte ihn verurteilen. Gott alleine wusste, wie schwierig es war, eine halb erwachsene Tochter alleine großzuziehen. Gott alleine wusste, wie schwer das Leben eines Mannes ohne eine Frau an seiner Seite war. Gott war verständnisvoll und barmherzig. Auch Gott war ein Mann.

Natürlich hatte Ernst Versuche unternommen, sich nach dem Tod seiner Frau neu zu verheiraten. Die Kirche sah es gerne, wenn ihre Pfarrer in geordneten Verhältnissen aufwuchsen. Es stellte sich allerdings heraus, dass es kein einfaches Unterfangen war, sich einer neuen Partnerin zu öffnen. Ernst hatte seine Eigenheiten. Eigenheiten, wie sie nur Kunstliebhaber hatten.

Ernst war Liebhaber nicht sehr weit verbreiteter Praktiken, die sich in seiner Fantasie abspielten, wenn er die Kunstkalender verschlang. Und Ernst war vorsichtig.

Nur ein einziges Mal gab er der Versuchung nach und offenbarte sich einer neuen Bekannten. Sie war ein stets übernächtigt aussehendes Geschöpf mit welken Brüsten und einem großen Verlangen nach familiärer Sicherheit und sozialem Status. Dafür war sie bereit Opfer zu bringen. Opfer, wie sie Männer von einer gehorsamen Frau erwarten durften. Daher schluckte sie ihren Abscheu herunter und ermunterte Ernst ganz ehrlich zu ihr zu sein. Sie wolle seine Wünsche erfüllen. Nur dazu sei sie geboren worden. Um seine Wünsche zu erfüllen. Und Ernst fasste Vertrauen. Er flüsterte ihr mit sichtlicher Erregung einige Sätze ins Ohr. Nachdem sich seine Auserwählte aus ihrem Starrezustand herausgeschält hatte und ihr Schreikrampf abebbte, ohrfeigte sie ihn voller Ekel, versprach ihm einen Termin bei der Polizei und stolzierte aus dem Haus, nicht ohne den Ausdruck „Sau“ mindestens fünf Mal in ihrem Abschiedsgruß zu verwenden.

Danach machte Ernst keinen ernsthaften Versuch mehr, eine Frau für sich zu gewinnen. Er nahm intensive Zuflucht zu den Kunstkalendern und diente seiner Kirche. Niemand wusste von seinen kleinen Besonderheiten. Niemand, außer Viktor.

Viktor sprach bei Ernst vor. Sabine hatte ihn gewarnt, ja sie hatte ihn angefleht. Viktor sah nur die Grübchen in ihren Wangen und dachte an den Flaum, den er über ihrem Gesäß spüren konnte, wenn er mit der Hand über ihre Haut strich. Sabine war immer kühl und sie roch wie ein Frühlingsmorgen. Sie wusste nichts von seinen Geschäften, nichts über ihn, aber sie hatte sich in den pickligen, ernsten Jüngling verliebt. Daran bestand kein Zweifel. Sie hatte es ihm auf ihre unnachahmliche Weise gesagt. Sie sagte: „Ich liebe dich“, in dem ihr eigenen bestimmten Ton, der keinen Widerspruch duldete. Sie fügte dem Satz nichts hinzu. Der Satz war perfekt, so wie er war.

Viktor sagte zu Ernst: „Ich liebe Ihre Tochter.“ Er bemühte sich um ein aufrichtiges Lächeln und Zuversicht.

Ernst wusste, dass er geschlagen war. Seine Hände krampften und ballten sich zu Fäusten. Sie hielten sich aneinander fest, bis die Fingerknöchel weiß hervortraten. Dann zeigte der Mund des Geistlichen ein resigniertes Lächeln, das rasiermesserscharf und freudlos war. Es war das Lächeln geschlagener Kunstkalenderliebhaber. Das Lächeln hatte etwas Wölfisches. Es verbarg die Zähne hinter blutleeren Lippen.

Viktor war zufrieden. Sabine konnte ihr Glück nicht fassen. Sie heirateten. Es war kitschig und romantisch. Ein Pärchen, das nichts hatte als die eigene Existenz, ein wenig Aussteuer und ein Mansardenzimmer. Es war perfekt.

Ernst konnte die Trauung nicht vollziehen. Kurz vor der Hochzeit begann er das Bett zu hüten. Sein Leiden war unbestimmter, aber gravierender Natur. Nach dem Termin erholte er sich rasch. Die Eltern Viktors schickten eine Glückwunschkarte mit einer dürren Gratulation und einem fetten Geldschein.

Es wurde eine innige Feier. Der Regen, die in den kahlen Bäumen versammelten Krähen, die schlammigen Straßen und die düstere Kälte der Kirche – nichts konnte das Glück des jungen Paares trüben. Wenn sie sich ansahen, hing der Himmel voller Geigen. Ihre Herzen klopften den gleichen Takt und die Zukunft glänzte golden, überstrahlt von dem eigenen unfassbaren Glück.

Soweit reichten Kitsch und Romantik und es war gut so.

Als Sabine schwanger wurde, war das Glück für Viktor vollkommen. Bei Sabine konnte man Zweifel haben. Je voller ihr Bauch wurde, desto hagerer wurde ihr Gesicht. Wenn man genau hinschaute, sah man die strengen Gesichtszüge ihres Vaters hinter ihren Grübchen hervorschimmern. Sabine wirkte unzufrieden. Viktor verdoppelte seine Anstrengungen. Jetzt, da er für eine ganze Familie zu sorgen hatte, gab er das Geschäft mit den Kunstkalendern auf. Er hatte das Gefühl, er müsse ein ehrbarer Geschäftsmann werden. Jemand, dem man Respekt entgegenbrachte. Jemand, der sich den Respekt seiner Ehefrau verdiente. Sabine schien in letzter Zeit mit seinem Lebenswandel nicht mehr einverstanden zu sein. Sie beklagte sich darüber, dass Viktor wie ein Straßenköter an den Ecken stand und mit seinen Kunden die Köpfe zusammensteckte, wie es lichtscheues Gesindel tat. Jawohl, genau so drückte sie sich mit weinerlicher Stimme und um den geblähten Leib geschlossenen Armen aus.

Natürlich hatte sie recht. Sie hatte nur zu Recht. Viktor suchte eine Anstellung und fand sie als Buchhalter in einer Briketthandlung. Zahlen waren Viktors Freunde. Er konnte gut mit ihnen umgehen und sie dankten es ihm damit, dass seine Berechnungen und Aufzeichnungen immer auf den Pfennig genau stimmten. Alles war gut. Alles, bis auf die Bezahlung. Sabine nörgelte. Sie wies mit aufgeworfenen Lippen und geschwollenen Händen auf die schäbige Ausstattung ihrer Wohnung. Die Vorhänge mussten erneuert wurden. Und die Tapeten. Oh Gott, diese Tapeten. Man konnte noch nicht einmal Bekannte einladen, ohne sich schämen zu müssen, klagte Sabine. Wenn sie klagte, erschienen keine Grübchen in ihren Wangen.

Natürlich hatte sie recht. Viktor hätte erwidern können, dass sie keine Bekannten hatten, die man hätte einladen können. Er hätte darauf verweisen können, dass Sabine mit jedem Tag mehr von dem unleidlichen Naturell ihres Vaters an den Tag legte, der mit sichtbarer Genugtuung den Kummer seiner Tochter zur Kenntnis nahm. Viktor tat nichts dergleichen. Es kam ihm nicht in den Sinn, weil er verliebt war. Liebe erträgt alles und Viktor hielt sich an die Buchstaben dieser Weisheit.

Viktor sah sich nach einer Nebentätigkeit um. Rings um die beiden wuchsen das Bürgertum und die Spießigkeit. Die ersten fetten Bäuche signalisierten ein nahes Ende der schlechten Zeit. Wirtshäuser trauten sich aus ihrer Bier- und Zigarrenstumpentristesse und servierten russische Eier mit Lachsersatzschnitzeln in Öl und viel Mayonnaise.

Schüler aus gutem Haus benötigten Nachhilfestunden, um sie durch die Gymnasien zu schleusen. Das war die Chance für Viktor. Er suchte nach Beendigung seiner Arbeit Bürgerhäuser auf, um Mathematik in widerspenstige Jungenhirne zu pauken. Bald zahlte sich seine Tätigkeit aus. Der Haushalt von Sabine und Viktor stabilisierte sich. Viktor träumte von neuen Tapeten und einem Kinderzimmer. Er träumte von einem kleinen, bescheidenen Glück, dessen Mittelpunkt Sabine sein sollte. So hatten sie es sich geschworen unter dem sternenbesetzten Geigenhimmel.

Sabine träumte andere Träume. Kurz vor der Niederkunft klagte sie über die Abwesenheitszeiten ihres Mannes. Sie tat es mit nach vorne gerecktem Bauch und einer hysterischen Stimme. Andere Männer sorgten sich um ihre Familie. Sie ließen ihre Ehefrauen nicht alleine mit dem Abendessen zuhause sitzen, um sich mit mathematischen Spitzfindigkeiten zu vergnügen. Andere Männer verdienten ausreichendes Geld und boten ihren Frauen Unterstützung, Wohlstand und Zerstreuung. Andere Männer entzogen ihren Frauen nicht das Wertvollste, was eine Ehe ausmachte: ihre Zeit. Ganz Deutschland war voller anderer Männer.

Natürlich hatte sie recht. Viktor akzeptierte das. Es fiel ihm nicht schwer. Viktor war verliebt.

Immer öfter suchte er Rat bei Hedwig. Sie war zu einer jungen Frau herangewachsen. Einer jungen Frau mit ausdrucksstarken braunen Augen und einem Kaninchen als Begleitung. Viktor hatte sich dafür eingesetzt, dass sie nach dem Besuch der Sonderschule weiter gefördert wurde. Sie galt als intelligent und künstlerisch begabt. Ein kinderloses Lehrerehepaar nahm Hedwig auf. Hedwig ging es gut. Ihre Stärke lag im Zuhören. Sie hatte weiche Hände. Noch immer lag in ihren Augen derselbe schwärmerische Gesichtsausdruck, den sie hatten, als ein kleines Mädchen mit dicken Zöpfen einem schlaksigen Jungen beim Spieleerfinden zusah.

Hedwig war traurig. Sie gönnte Viktor alles Glück der Erde, aber Viktor war nicht glücklich. Er wirkte niedergeschlagen und gehetzt. Wenn die Sprache auf Sabine kam, schlug er die Augen nieder. Seine Erzählweise war fahrig. Er benötigte Rat und Hilfe.

Das Kind, das Sabine an einem stürmischen Samstagabend zur Welt brachte, war ein Mädchen. Ernst hatte seine Tochter einen Tag zuvor mit steinerner Miene abgeholt und in das Pfarrhaus gebracht. Er hinterließ für Viktor eine Mitteilung, die in knappen Worten besagte, dass Sabine ihr Kind in geordneten Verhältnissen zur Welt bringen wolle. Man werde ihm Mitteilung machen, nachdem das Kind geboren war. Alles Weitere werde man dann entscheiden.

Viktor verstand nicht. Er wollte nicht verstehen. Bestimmt hatten die Ereignisse der letzten Monate bei allen Beteiligten Spuren hinterlassen. Doch da war nichts, was man nicht mit ein wenig gutem Willen wieder ins Lot bringen konnte. Schließlich waren Sabine und er ein Ehepaar. Sie hatten sich ewige Liebe und Treue geschworen. Sie würden sich nicht von den kleinen Beschwernissen des Alltags irritieren lassen. Der Geigenhimmel und die Engelschöre waren Zeuge gewesen. Sie würden niemals auseinandergehen.

Man nahm Viktor fest, als er versuchte, mit Gewalt zu seiner Frau vorzudringen. Ein wohlbeleibter Polizist gab ihm den Rat, sich zu mäßigen. Die Klinik ließ ihm mitteilen, dass er Hausverbot habe. Ernst sprach ein Hausverbot für die Kirche aus und in dem Brief von Sabine stand in wohlgeordneten Buchstabenreihen, dass sie sich endgültig von ihm getrennt habe.

Der Geigenhimmel stürzte ein und die goldenen Strahlen erloschen. Viktor war wie betäubt. Er lief hinaus in die Nacht und kam erst zwei Tage später wieder zurück. Seine Kleidung war beschmutzt, als wäre er durch Ackerfurchen gekrochen. Er konnte es nicht mehr sagen. Er wusste nur noch, dass es dunkel, hell und wieder dunkel war und dass er fror. Entsetzlich fror. Manche hatten ihn gesehen und behauptet, er habe in hohen Tönen mit sich selbst gestritten und Spiegelfechtereien ausgeführt. Dann habe er gelacht und sei auf die Knie gefallen. Als er wieder bei klarem Verstand war, stellte er fest, dass der einzige Brief in seinem Briefkasten die Kündigung seines Arbeitsverhältnisses war.

Sabine fühlte sich in der Obhut ihres Vaters geborgen. Sie würde ihre Tochter „Leandra“ nennen. Sie war sich sicher, dass Viktor nicht auf sein Erziehungsrecht pochen würde. Dazu war er zu schwach. Ein schwacher Charakter. So hatte ihn ihr Vater bezeichnet und damit recht behalten. Eine Gouvernante kümmerte sich um das Kind. Ihr Vater wollte, dass Sabine entlastet war. Mit ausdruckslosem Gesicht erforschte er die Gesichtszüge des kleinen Wesens nach Hinweisen dafür, ob sich die Gene seines nichtsnutzigen Schwiegersohnes Einlass in einen unschuldigen Babykörper verschafft hatten, um das Menschenkind dauerhaft zu entstellen. Pornografie. Dieser unverschämte Kerl handelte mit Pornografie. Der Schwiegervater schüttelte voller Abscheu den Kopf.

Zum Glück war da noch ein Bauunternehmer aus der Kreisstadt. Ein älterer, stattlicher Mann. Studiert und verwitwet, ehrbar und wohlhabend. Dieser Mann interessierte sich für schlanke, blonde Damen. Er war ein Lebemann mit ausgezeichneten Manieren und einem bleistiftdünnen Schnurrbart. Er nahm keinen Anstoß daran, dass Sabine verheiratet war und ein Kind von einem anderen hatte. Es gefiel ihm sogar. Frauen wie diese konnten es sich nicht erlauben, überzogene Ansprüche zu stellen. Der Bauunternehmer fuhr einen Mercedes und rauchte Zigarre. Ernst rieb sich die Hände. Mit ein wenig Geduld würde sich alles fügen.

Sabine besah sich den Wagen, der sie abholte. Seine Bleche glänzten aristokratisch, obwohl es ein trüber Tag war. Der Bauunternehmer wollte zu einem Aussichtspunkt mit ihr fahren. Er lag hoch über der Stadt. Sie waren schon einmal dort gewesen. Der Bauunternehmer, sein fettes Lachen, das massiv goldene Feuerzeug und Sabine. Dieses Mal würde sie ihm vielleicht erlauben sie zu küssen. Es war eine völlig andere Sache als mit Viktor. Viktor und sie, das war ein Anfall von Wahnsinn gewesen. Der Unternehmer würde eine bewusste Entscheidung sein, frei von Leidenschaft, eine Investition in die Zukunft. Sicher, sie würde Opfer bringen müssen, aber welche Frau musste das nicht, wenn ihre Männer nach ihnen griffen.

Sabine hing ihren Gedanken nach, als der Wagen auf das abschüssige Gelände einbog, das über bewaldete Abhänge steil abfiel. Der Motor des Wagens tickte. Es war angenehm warm. Der Bauunternehmer beugte sich zu ihr hinüber. Sein Vollmondgesicht lächelte sie an. Er fuhr mit seinen Händen an ihrer Hochsteckfrisur entlang. Sabine schloss die Augen und öffnete den Mund.

Sie wurde erst aufmerksam, als der Bauunternehmer in einen Schwall von Kühle hinein rief: „Bitte nicht.“ Es war kaum zu glauben, dass die junge Frau neben der Fahrertür die große Waffe in ihren Armen überhaupt halten konnte. Es musste Kriegsgut sein. Sie trug Zöpfe und sprach nicht.

Sabine hatte einen guten Blick auf den Korb, in dem sich etwas bewegte und das Fahrrad, das an einer Tanne lehnte, als sich das Fahrzeug in Bewegung setzte. Die junge Frau war beiseite gesprungen, nachdem sie die Handbremse gelöst hatte. Der Bauunternehmer schrie etwas, Sabine warf sich gegen die Beifahrertür. Die junge Frau verfolgte mit dem Lauf der Waffe den Wagen, der eine Schneise in den Hang pflügte, dann abhob und sich überschlug, immer wieder überschlug, bis er weit unten im Tal von einer mächtigen Eiche aufgehalten wurde.

Ein tragischer Unfall, sagten die Rettungskräfte. Tragisch war der richtige Ausdruck, fand jedermann. Jeder, außer einer jungen Frau, die trotz der Kälte mit einem schwer bepackten Flechtkorb über Waldwege zu Tal radelte. Manchmal, wenn sie das rauchende Autowrack an Wegbiegungen zu Gesicht bekam, stieg sie kurz ab und hielt inne.

In solchen Augenblicken lachte sie und klatschte in die Hände.

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Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
391 str. 2 ilustracji
ISBN:
9783942672139
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
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