Czytaj książkę: «Das Gorbatschow Vermächtnis»

Czcionka:

Über dieses Buch

Der Agententhriller ,Das Gorbatschow Vermächtnis‘ webt virtuos ein atemlos spannendes Geflecht aus Intrige, Macht und Skrupellosigkeit, Vergangenheit und Gegenwart – explosiver Lesestoff bis zur letzten Seite.

Achim Albrecht

DAS

GORBATSCHOW

VERMÄCHTNIS

© 2016


1. Auflage September 2016

©2016 OCM GmbH, Dortmund

Gestaltung, Satz und Herstellung:

OCM GmbH, Dortmund

Verlag:

OCM GmbH, Dortmund, www.ocm-verlag.de

Produced in Germany

ISBN 978-3-942672-50-4

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes bedarf der vorherigen Zustimmung des Verlages. Dies gilt auch für die fotomechanische Vervielfältigung (Fotokopie/Mikrokopie) und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Inhalt

Zitat

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Über den Autor

Und ich hörte eine große Stimme aus dem Tempel,

die sprach zu den sieben Engeln:

Gehet hin und gießet aus die sieben

Schalen des Zornes Gottes auf die Erde!

Offenbarung 16:1.

Kapitel 1

Rose fühlte sich von ihrer Küche eingeengt. Sie fühlte sich von ihrem Leben eingeengt. Ein bedrängendes Gefühl, das sich nicht abweisen lassen wollte. Alles in ihrem Leben war schäbig und abgegriffen. Es war, als seien die unmodernen Tapeten mit den einfallslosen Blumenmustern, die billigen Holzfurniere der Möbel und die abgetretenen Teppiche, die nicht zueinanderpassen wollten, Relikte einer vertanen Vergangenheit, die die Gegenwart eingeholt hatte.

Rose sah sich um, als hätte sie die kleine Wohnung in London zum ersten Mal mit klarem Verstand gesehen. Sie wischte mit einer ärgerlichen Handbewegung über das fleckige Metall der Dunstabzugshaube. ,Edelstahl‘ hatte der Verkäufer des Küchenstudios in Knightsbridge damals geraunt und genießerisch mit der Zunge geschnalzt, als garantiere die Haube lebenslänglichen Genuss. Damals konnten normale Menschen wie Edgar und Rose Stadtviertel wie Knightsbridge betreten, ohne über Banker, Schauspieler und reiche Ausländer zu stolpern.

Lange vorbei. Alles war lange vorbei. Auch Edgar war Vergangenheit und der Edelstahl hatte, wie zum Trotz, Flecken angesetzt, die durch nichts zu beseitigen waren.

Rose rührte in dem Topf, der auf dem Herd stand. Dampfschwaden schlugen sich auf dem Fenster zum Innenhof nieder und milderten die Fleckenlandschaft auf der Abzugshaube. Risotto. Rose kochte ein Risotto, von dem sie nicht wusste, wer es essen würde. Kochen beruhigte Rose. Sie atmete tief ein und aus, wie sie es in dem Meditationskurs gelernt hatte.

Früher hatte sich Edgar um ihre kleinen Ängste gekümmert aber Edgar war gegangen, als ihre beiden Töchter erwachsen geworden waren. Er hatte keine Erklärung angeboten und Rose hatte keine gefordert. Sie war müde. Das Leben hatte sie müde gemacht. Sie war eine alte Frau von 47 Jahren, die sich ihr Spiegelbild von einer welligen, fleckigen Dunstabzugshaube verzerren ließ, bis es grotesk zerlief und Rose ihren Blick abwenden musste.

Es geschah ihr recht, dachte Rose. Alles war ihr entglitten. Edgar, Eileen und Monica. Sie hatte sich andere Namen für die Kinder ausgesucht, aber Edgar hatte sich durchgesetzt. Edgar hatte sich immer durchgesetzt und Rose hatte geschwiegen. Jetzt schauten sie drei gerahmte Fotos aus besseren Zeiten von der Kommode im Wohnzimmer an. Sie schienen sie ständig anzuschauen, wo immer Rose auch saß.

Rose hatte Phasen, in denen sie zu viel trank und unsinnige Mengen Essen zubereitete. Sie hatte Phasen, in denen sie tagträumte und wieder ,Barbie‘ war, eine fast blonde Frau mit Erwartungen und einem Mann, den sie ,Ken‘ nennen durfte, wenn sie herumalberten. Später bezogen sie die Kinder in ihre harmlosen Albernheiten ein und beschlossen, ihr Leben ,glücklich‘ zu nennen. Die kleine Wohnung war Stückwerk, aber das störte nicht. Sie hatten Pläne. Gemeinsame Pläne. Nichts Großes. Vielleicht ein oder zwei Zimmer mehr und Teppiche, die zueinanderpassten. Dazu ein Urlaub auf dem Kontinent.

Frankreich.

Paris.

Sehnsuchtsorte für glückliche Familien mit kleinem Budget.

Dann hatte sich das Leben aufgemacht und war an ihr vorbeigehuscht, ohne dass sie es merkte.

Jetzt kochte Rose ein Risotto mit Parmesan und Kräutern, das niemand haben wollte und starrte auf Fotos aus ihrer Vergangenheit. Alles war so plötzlich passiert.

Rose schaltete den Herd aus und goss das Glas Weißwein, das sie unberührt gelassen hatte, in den Topf. Dampf wallte auf, als wolle er die bitteren Erinnerungen auslöschen. Rose kontrollierte noch einmal die Uhrzeit. Sie musste über sich selbst lächeln. Sie verhielt sich ordentlich wie immer. Am Nachmittag hatte sie sogar frische Bettwäsche aufgezogen und ihre Blusen gebügelt, bevor sie sie in den Schrank hängte. Man konnte nicht aus seiner Haut. Ein Satz, den sie von ihrem Pflegevater übernommen hatte.

Prüfend ging Rose durch ihr kleines Reich. Diele, zwei Schlafzimmer, Wohnzimmer, Küche und ein Bad, das seinen Namen nicht verdiente. Für Londoner Verhältnisse eine gute Wohnung, auch wenn der Stadtteil Brixton in Verruf geraten war. Rose hatte nie Probleme gehabt, weil sie sich nicht in die Angelegenheit anderer einmischte. So hatte sie es gelernt und so war es gut.

Die gepackten Segeltuchtaschen standen bei der Ausgangstür. Gerade einmal zwei Taschen, die nach Urlaub und Fernweh aussahen. Mehr war aus Roses Leben nicht herauszuholen. Zwei Taschen und der Volvo, der noch immer zuverlässig fuhr, obwohl er längst seine besten Zeiten hinter sich hatte.

Der Geruch nach würzigem Risotto hing schwer in den Räumen, als Rose die Zeitschaltuhren prüfte. Es war wichtig, dass kein Fehler passierte. Fehler gehörten zu der alten Rose, die alles Edgar überließ und schon einmal die Schulzeiten der Töchter vertauschte. Die neue Rose war eine ganz andere. Niemand konnte das wissen. Noch steckte die neue Rose in dem gleichen unförmigen Overall der Reinigungsfirma, die die Transportmaschinen in Stansted säuberte. Das Logo mit dem geschwungenen roten Pfeil auf der weißen Erdkugel war aufdringlich und passte zu der eintönigen Arbeit, die im Akkord erledigt werden musste. Einen gesamten Frachtraum fegen und, wenn erforderlich, feucht wischen in nicht einmal einer halben Stunde. Nur die Kollegen im Personenbeförderungsbereich hatten noch engere Vorgaben.

Rose mochte ihre Arbeit. Sie mochte die weiten und hohen Flächen, den Hall und das Gefühl, sicher aufgehoben zu sein, wie in einem Mutterschoß. Manchmal summte sie ein Lied. Ein Lied für die Frachtmaschine, ein Lied für World Cargo, ihren Arbeitgeber und ein Lied für Rose, die sich in solchen Augenblicken seltsam lebendig vorkam.

Rose befestigte den Sicherheitsausweis an einem der Träger des Overalls. Das Bild auf der eingeschweißten Plastikkarte zeigte eine Rose, die unsicher lächelte, als wüsste sie nicht, wer sie in Wirklichkeit war. Sorgsam beendete sie ihre Vorbereitungen. Die nächtlichen Geräusche drangen von der Straße herauf in das Appartement. Wie immer schien der Lärm nachts zuzunehmen. Rose schaute sich um und nickte.

Wenig später trat sie hinaus in den rötlichen Schein der Straßenlaternen. Noch zwei Stunden bis zum Beginn ihrer Schicht. Der graue Volvo reihte sich in den Verkehr ein, der fast nur aus Taxen zu bestehen schien. Findige Unternehmer hatten Brixton nach den Rassenkrawallen als neues In-Viertel entdeckt und begannen mit Diskotheken und Clubs junge Leute anzuziehen. Bald würden Boutiquen und Künstler folgen und nach ihnen kämen die Immobilienspekulanten.

Rose warf einen Seitenblick auf die Karte auf dem Beifahrersitz. Sie war die ungewohnte Strecke mehrfach in Gedanken durchgegangen und hatte sich das verlassene Gebäude auf Google Street View angesehen.

,Sei wie immer‘, hatte die Stimme am Telefon gesagt.

Rose hatte das unförmige Satellitentelefon auf dem Kaminsims platziert und eine Schmuckdose darüber gestülpt. Streng nach Anweisung hatte sie von Zeit zu Zeit die Frequenzen justiert und die Akkus getauscht. Sie hatte es vermieden, das Telefon mehr als nötig zu berühren und behandelte es wie ein fremdartiges Wesen. Gerne hätte sie ihm die Schuld an ihrem verpfuschten Leben gegeben. Niemals hatte es Lebenszeichen von sich gegeben. Bis jetzt.

Es war eine überraschend weiche Stimme gewesen, eine Stimme, die nicht nach Befehlsgewalt klang, sondern eine gebildete, beinahe zögerliche Note hatte. Wahrscheinlich ein alter Mann hatte sich Rose gedacht, den Gedanken aber nicht weiterverfolgt, weil sie sich zu äußerster Disziplin zwang. Auch diese Stimme gehörte zur Vergangenheit und Rose hatte nicht mehr damit gerechnet, sie jemals zu hören.

,Leg nicht auf‘, hatte die Stimme gemahnt.

Der Mann hatte die Verwirrung von Rose bemerkt, als er sie mit dem anderen Namen ansprach, so als sei Rose niemals jemand anderer gewesen, so als sei die Identität der letzten Jahrzehnte nur eine Wucherung, die man ohne Gefahr wegschneiden könne.

Rose hatte nicht aufgelegt. Allerdings war es mehr ihr Instinkt als ihr Verstand gewesen, der ihr befahl nicht mit einem knappen ,falsch verbunden‘ die Leitung zu unterbrechen. Stattdessen hatte Rose atemlos gelauscht, als eine Stimme eine Stelle aus Gogols ,Die toten Seelen‘ vortrug. Es war eine alte Aufnahme. Rose wusste nur zu gut, wann diese Aufnahme erfolgt war. Sie sah das alte Tonbandgerät vor sich. Sie sah, wie sich die Spulen drehten und ihre eigene Stimme, die sie immer wegen ihrer Farblosigkeit gehasst hatte, ihre Lieblingsstelle vortrug. Sie konnte das Atemholen, das Bemühen um Festigkeit im Ausdruck und das Verhaspeln kurz vor Beendigung der Aufnahme hören.

Der Geruch des Verwaltungsgebäudes, das Gluckern der riesigen Heizkörper und die abgewetzte Schreibunterlage, auf der die monströse Schreibmaschine thronte. Alles war wieder präsent.

,Mach dir keine Notizen‘, hatte die Stimme gesagt. Es war notwendig gewesen mit den Anweisungen sorgfältig umzugehen und die selbstverständlichsten Dinge zu betonen. Der Anrufer wusste das. Er war geduldig. Geduld und Beharrungsvermögen waren seine Haupttugenden. Er hatte fast ebenso lange gewartet wie die Angerufenen. Große Dinge brauchten Zeit, um zu reifen. Die Leitung war sicher. Sie konnten sich Zeit lassen.

Rose beschränkte sich aufs Zuhören. Sie war zu klug, um Fragen zu stellen. ,Wende die Technik an‘, hatte die Stimme geraten. Rose wusste, dass der Rat gut war. Sie übersetzte die knappen Informationen in eine Bilderfolge, die sich leicht einprägen ließ und memorierte die Abfolge der Bilder, bis sie automatisch vor ihrem geistigen Auge aufstieg, sobald sie an ihren Auftrag dachte.

Es war wie damals. Sie hatte eine Begabung für Physik und Mathematik. Die anderen Kinder im Waisenhaus nannten sie einen ,Zahlenkopf‘. Die Leiterin der Anstalt stellte sie einer Gruppe von Herren in schweren Mänteln vor. Es wurden ihr Aufgaben gestellt, die sie mit Leichtigkeit löste. Das Mädchen konnte den zufriedenen Gesichtsausdruck der Männer sehen. Dann hieß man sie, ihre Sachen zu packen. Eine schwarze Limousine verschluckte sie und brachte sie zu einem Ort, an dem alle Bewohner Zahlenköpfe waren.

Rose war damals nicht Rose. Sie war ein Rohdiamant, der geschliffen und in Form gebracht werden musste. So sagte man es ihr und so handelte man. Nach ihrer Ausbildung wurde sie zugeteilt. Kurz vor ihrer Abreise bat man sie noch, ein Tonband mit ein paar Sätzen aus ihrem Lieblingsbuch zu besprechen.

Rose sah in der Ferne das schimmernde Band der Themse und die Hochhäuser des Bankendistrikts. Am Piccadilly Circus würde Touristentrauben überteuertes Bier trinken und über die Leuchtreklamen staunen. Rose verlangsamte die Fahrt und bog in rascher Folge in immer enger werdende Seitenstraßen ein.

Das Gebäude war ein Schandfleck. Rose hatte in Erfahrung gebracht, dass es ein Hotel, danach ein Einkaufscenter und nach der Insolvenz einer dubiosen Investorengruppe ein Parkhaus hätte werden sollen. Die letzten sieben Jahre war das Gerippe aus Beton und Stahl mit den leeren Fensterhöhlen dem Zerfall preisgegeben und wartete vergeblich auf seine Rettung. Auf Rettung hoffte das gesamte triste Stadtviertel, das sich so grundlegend von den prächtigen neuen Bauwerken der Inner City unterschied.

Rose parkte den Volvo auf einem Grasstreifen, der mit Schutt und Abfall übersät war. Das Gebäude war mit Metallzäunen gesichert aber Obdachlose, Drogenabhängige und Sprayer hatten die Eingeweide des Baus längst für sich entdeckt. Selten ließen sich Polizei und Wachdienste sehen, um für einige Stunden eine Art Normalzustand herbeizuführen. Kaum waren die barschen Stimmen und die Sirenen verklungen, sickerten die Hoffnungslosen in die Ruine zurück, wo ihr angestammter Platz war. Graffitis bedeckten jeden Zentimeter des Mauerwerks.

Rose zögerte keinen Augenblick. Sie vertraute der Stimme am Telefon. So hatte sie es gelernt.

,Sei unbesorgt. Wir haben ein Auge auf dich‘, hatte die Stimme gesagt, als ob sie Gedanken lesen könnte. ,Wir haben uns der Sache angenommen‘. Rose richtete den Strahl der Taschenlampe auf einen Verhau aus Brettern, der einen klaffenden Eingang notdürftig abdeckte. Es schien kein Mensch in der gottverlassenen Gegend unterwegs zu sein. Ein leichter Wind trug Brandgeruch und das schläfrige Gebell eines Hundes heran. Das war alles. Rose arbeitete mit dem Brecheisen, so wie es ihr befohlen worden war. Wie ein Schatten schlüpfte sie in das Gebäude und wandte sich nach rechts. ,Bob Rules‘ schrie ein neongelbes Graffiti.

Der Lichtkegel der Taschenlampe tanzte über Schlafsäcke und verstreuten Müll. Es war, wie die Stimme versprochen hatte. Der Bau gehörte ihr. Rose blieb stehen. Sie musste sich orientieren. Sickerwasser tropfte auf den Boden. Rose rief die memorierte Bildfolge ab. Sie würde weit in die Eingeweide des Gebäudes vordringen. Betontreppen führten nach unten, wo die Dunkelheit modrig und schwer brütete. Rose ließ einen Brocken Beton in die Tiefe fallen. Wasser spritzte auf. Es würde nicht einfach werden, das Paket zu bergen.

Für einen Augenblick war Rose in Sorge. Was, wenn sie das Paket nicht bergen konnte? Was, wenn der Mechanismus nicht funktionierte? Was würde dann mit ihr passieren? Sie hielt inne, atmete tief und regelmäßig und folgte dem Licht. Sie war sicher, dass man sie beobachtete. Die Mission musste zu Ende geführt werden. Von ihr. Die Stimme hatte sie ausgesucht. Von anderen wusste sie nichts, aber es gab sie. Irgendwo.

Der Schacht war in ein Becken eingelassen, das verhindern sollte, dass Grundwasser nach oben stieß. Eine trübe Brühe schwappte bei jedem Schritt gegen das Gemäuer. Der faulige Gestank war überwältigend. Rose schwenkte die Taschenlampe. Eine Ratte ließ sich vorbeitreiben. Rose machte sich an die Arbeit.

Das Brecheisen hatte gute Dienste geleistet. Rose war vollkommen erschöpft. Das Paket war sperrig und schwer. Rose achtete darauf, es möglichst sanft zu behandeln, als sie es nach oben wuchtete. Sie hatte die Taschenlampe verloren. Rose folgte ihrem Instinkt und dem Fetzen Grau, der wie eine Verheißung durch den Bretterverhau des Eingangs schimmerte. Sie hatte noch 50 Minuten bis zu ihrem Schichtbeginn. In dieser Nacht würde es eine Boeing 747 – 8F Frachtmaschine von Atlas Air sein. Ein Routinejob.

Rose rüstete sich für eine letzte Anstrengung. Der Volvo erwartete wie ein urzeitliches Reptil aus Blech seinen Besitzer. Rose öffnete den Kofferraum. Sie sah sich um. Zerknüllte Zeitungsblätter wirbelten über das verwahrloste Gelände. Die toten Augen des Gebäudes starrten zurück. Es hatte zu regnen begonnen. Rose nickte zufrieden. Sie schien die Nässe und Kälte nicht zu spüren.

„Na, da wollen wir doch mal schauen, wen wir hier haben“.

Die Stimme klang aufsässig mit einem Unterton von Schadenfreude. Rose saß kerzengerade hinter dem Lenkrad. Sie bewegte keinen Muskel und atmete flach.

„Hände ans Lenkrad und eine viertel Drehung nach links!“, befahl die Stimme. Ein gebündelter Lichtstrahl tastete unsicher über das Wageninnere und verharrte einen Augenblick zu lange auf dem Firmenschild ,Global Supply Systems Ltd.‘, das am Overall von Rose festgemacht war.

Rose machte keine Anstalten die Schmutzspuren ihres nächtlichen Ausflugs zu verbergen.

„Schon ein paar Einsätze gehabt, was?“, bemerkte die Stimme. „Schwarzarbeit vermute ich.“ Die Stimme klang, als habe sie fette Beute entdeckt. „Mal was nebenbei, oder?“ „Kofferraum“. Das Licht erlosch. Rose blinzelte und nahm die Hände vom Lenkrad.

„Kannst du dir nicht mal einen anderen Spruch einfallen lassen, Fred?“, rief sie dem fülligen Mann zu, der in der grauen Uniform eines Sicherheitsdienstes an der Fahrertür des Volvos lehnte. Früher war Fred Polizist gewesen und besserte seine Pension als Kaufhausdetektiv und Wachmann auf. Die Scheinwerfer des Volvos warfen Lichtflecke auf einen Flugzeughangar und zwei Pisten, die sich im Nirgendwo verloren. Die Scheibenwischer schaufelten den stärker werdenden Regen von Seite zu Seite. Fred lachte gutmütig. In dem durchsichtigen Plastiküberzug sah er aus wie die Karikatur eines Superhelden.

,Kofferraum‘. Rose konnte über den Triebwerkslärm das Wort erahnen, das der Wachmann aussprach.

„Moment, Sir.“ Rose griff hinter sich und präsentierte eine Schachtel Donuts. Schoko mit Cremefüllung und Mandelsplittern. Eine derbe Männerhand griff ins Wageninnere nach dem Karton.

„In Ordnung. Sie können passieren.“ Freds Bauch hüpfte unter dem Plastik. Seine Stimme klang zufrieden und dankbar.

„Dann bis morgen, Fred“, rief Rose, als sich das Rolltor langsam öffnete. Das kleine Ritual war beendet. ,Verstaue das Paket so, dass es nicht gefunden werden kann‘, hatte die Stimme befohlen. Rose hatte sofort gewusst, was zu tun war. „Lass es dir schmecken, Fred“, murmelte Rose und fuhr quer zum Rollfeld über eine markierte Strecke. Die Verwaltungsgebäude duckten sich in den Regen. Der Tower sah aus wie ein verwaschenes Gemälde.

,Mach alles wie immer‘. Rose rief sich die Mahnung ins Gedächtnis zurück, als sie darüber nachdachte, ob sie die Stechuhr betätigen sollte, die ihren Dienstbeginn markierte. Fred würde wie immer mit seinem Feldstecher in seiner unbeheizten Wachhütte kauern und ihren Weg verfolgen. Dabei würde sein Blick immer wieder auf ihrem Hinterteil verweilen. Es war ein Risiko, mit dem Volvo zu nahe an das Flugzeug heranzufahren. Der Sicherheitsdienst könnte Alarm schlagen.

,Improvisiere‘, hatte ihr die Stimme geraten und Rose improvisierte. Sie hatte die Sackkarre aus dem Hausmeisterfundus mit Reinigungsutensilien und Putzlappen beladen. Das kompakte Paket ruhte unter dem aufgetürmten Kram. Rose zog die Karre mit einem sichtbaren Hinken über den Asphalt. Einer flüchtigen Überprüfung würde die Tarnung standhalten.

Die Cargo Maschine wartete im Regen wie ein riesiges Insekt. Rose hatte den Technikern, die das Flugzeug gewartet hatten, zugenickt. Die Männer vertrieben ihre Müdigkeit mit einem Kartenspiel. Die Halle war grell beleuchtet. Jedes Geräusch klang hohl und verursachte ein Echo. Kaum jemand nahm Notiz von der müde dahin schlurfenden Putzkraft. Sie war auf dem Gelände, also gehörte sie dazu. Rose war zusammen mit Gwendolyn, einer Asylbewerberin aus Gabun eingeteilt. Asylbewerber hatten keine Arbeitserlaubnis. Das wusste auch die Reinigungsfirma. Frauen wie Gwendolyn waren erpressbar und arbeiteten für einen Hungerlohn, ohne sich zu beschweren. Gwendolyn war dankbar, dass Rose ihre Schicht mit übernahm. Gerade gewartete Maschinen waren immer sauber und man konnte mit ein paar Handgriffen den Eindruck erwecken, man habe geschuftet wie ein Sklave. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen.

Gwendolyn würde jetzt neben ihrem kleinen Jungen schlafen und trotzdem Geld verdienen, weil Rose, die gutherzige Rose ihr gesagt hatte, sie solle einfach zu Hause bleiben und sich um ihren Jungen kümmern.

Rose wusste, dass sie den Aufseher der Putzkolonne nicht antreffen würde. Zu schlechtes Wetter, um im Freien auszuharren und zu leckerer Gin im Aufenthaltsraum der Servicekräfte. Rose hatte mit Ben telefoniert, nachdem sie auf dem Gelände war. Ben war ein großmäuliger Tunichtgut, der jede Gelegenheit nutzte, um nicht arbeiten zu müssen. Er hatte nach dem Anruf die Transportluke des Flugzeugs geöffnet und für Rose offenstehen lassen. Sollte sich die Putze bei dem Sauwetter den Tod holen. Dieses Frauenzimmer musste nicht überwacht werden. Was sollte sie schon Schlimmes anstellen. Einen terroristischen Anschlag ausführen? Lächerlich. Ben gestikulierte in Richtung seines Glases und nahm noch einen Doppelten.

Rose schloss die Transportluke, die ihr riesiges Maul mit einem metallischen Mahlen zuklappte. Rose horchte in die Stille. Sie war allein.

Die 747-8 F Triebwerke von General Electric waren durch einen Wartungstunnel zu erreichen. Rose hatte die komplexen Verkabelungspläne der Maschine genau studiert und wusste, wo sie ansetzen musste. ,Es ist wichtig, dass alles funktioniert‘, hatte ihr die Stimme eingeschärft und Rose setzte alles daran, keinen Fehler zu machen. Nach dem Auftrennen der Verpackung hatte sie die notwendigen Tests mit dem Impulsgeber durchgeführt. Die hoch energetische Ladung war einsatzbereit. Rose verstand sehr genau, wie sie das Gerät in die seitliche Bordwand unter der Verkleidung einsetzen musste. Sie studierte noch einmal prüfend die Anweisungen, die sie im Paket vorgefunden hatte. Eine LED-Anzeige zeigte eine Abfolge roter Punkte, die in rascher Folge aufleuchteten, bis sie grün zeigten. Eine Schrift erschien auf einem Display: ,Active‘. Rose wischte sich über die Stirn. Sie würde noch ein paar Kabelklemmen setzen und dann die Innenwand wieder einsetzen.

,Überprüfe alles noch einmal und verlasse dann den Flughafen‘, hatte die Stimme gesagt.

„Kofferraum“ hatte Fred am Rolltor geblafft und dabei nicht komisch gewirkt. „Was habt ihr da laufen? Zigaretten, Gold oder was?“ „Ich habe mit dem Fernglas gesehen, dass du etwas ins Flugzeug hineingeschmuggelt hast. Für wie blöd hältst du mich eigentlich?“ Rose überlegte fieberhaft. „Wie willst du das gut machen? Was willst du mir anbieten, damit ich vergesse, was ich gesehen habe und nichts davon in meinen Bericht schreibe?“

Rose beugte sich im Sitz nach vorne und sah Fred in die Augen. Ihr Blick war fest. Fest wie ein Versprechen. Sie schob den Ärmel ihres Pullovers nach oben und reichte Fred einen Kugelschreiber.

„Schreib einfach deine Handynummer auf meinen Unterarm. Du hast doch ein Handy, oder?“ Rose pausierte und befeuchtete ihre Lippen. Sie hatte Freds volle Aufmerksamkeit. „Ich ruf dich an und wir lassen uns etwas einfallen, was du sehr mögen wirst. Versprochen.‘

Fred schrieb. „Du weißt, was passiert, wenn du mich auflaufen lässt“, sagte er.

„Keine Sorge“, erwiderte Rose und legte einen Gang ein. „Du bist schneller an der Reihe als du denkst.“

Kapitel 2

Fred fühlte sich nach seiner Doppelschicht frischer als üblich. Er gratulierte sich zu seiner Spürnase.

Üblicherweise ertappte sein Fernglas Mitarbeiter von Fremdfirmen, die sich heimlich Rauchpausen gönnten oder heimlich ausgetauschte Zärtlichkeiten. An besonders aufregenden Tagen schlichen sich Jugendliche auf das Gelände, um ihre Parolen und Logos auf alles zu sprayen, was in ihre Reichweite kam. Fred alarmierte dann mit präzisen Angaben die Kollegen der Hundestaffel und beobachtete, wie die Schäferhunde an ihren Leinen rissen. Ansonsten war der Dienst eintönig und schlecht für die Gelenke. Einmal hatte Fred im Wachhäuschen Sudokus gelöst und war prompt erwischt worden. Sein Vorgesetzter, ein junger Schnösel, hatte ihm einen langen Vortrag über Pflichterfüllung, Stolz und Kündigungsgründe gehalten. Fred hatte genickt und ein reuevolles Gesicht aufgesetzt. Zwei Monate und viele Stunden am Fernglas später, hatte er bei dem Mann eine Fahrzeugkontrolle vorgenommen und ein Bündel Elektronikersatzteile im Kofferraum gefunden. Trotz aller Drohungen und Proteste hatte er die Flughafenleitung informiert und den Mann solange festgehalten, bis die Polizei eintraf. In der Wartezeit hatte Fred seinem Vorgesetzten einen gut vorbereiteten Vortrag über Pflichterfüllung, Stolz und Kündigungsgründe gehalten.

Und jetzt die gute alte Rose. Fred schob sein Fahrrad an und machte sich auf den Heimweg zu seiner kleinen Wohnung. Mit Rose war das so eine Sache. Sie war eigentlich immer nett und machte die kleinen Scherze mit, die Fred sich ausdachte, um sich die Zeit zu verkürzen. Beileibe nicht jeder hatte so einen Sinn für Humor.

Fred verfluchte den Verkehr, der immer dichter wurde und die unverschämten Fußgänger, die den Fahrradweg besetzten.

Außerdem brachte ihm Rose immer eine Kleinigkeit mit. Fred hatte so eine Ahnung, dass die Donuts und Zigarillos eine Kompensation dafür waren, dass er an solchen Tagen nicht den Kofferraum öffnete. Er selbst hatte das Gerücht gestreut, dass er auf eine Kontrolle verzichten würde, wenn eine kleine Aufmerksamkeit angeboten würde. Was war schon dabei. Es lag in seinem Ermessen, was er wann kontrollierte. Schon als Polizist hatte er das System begriffen und zur Zufriedenheit aller angewandt. Leben und leben lassen. So lief das. Und es lief gut. Jedenfalls bis diese gelackten Affen von den internen Ermittlungen auftauchten und ihm heimlich aufgenommene Videos vorspielten. Das war das Ende seiner Karriere und die Verstoßung aus dem Paradies.

Fred trat kräftiger in die Pedale. Touristen dachten immer, London sei flach wie eine Scheibe. Dabei war die Stadt eine Berg- und-Tal-Bahn. Eine dunkle Limousine raste durch eine Pfütze. Fred fluchte und machte eine obszöne Geste. Verdammte Stadt, verdammtes Wetter, verdammter Job!

Aber vielleicht konnte man aus der Sache mit Rose mehr herausholen als gedacht. Die stille, unscheinbare Rose. Immer so fleißig und folgsam. Ja, folgsam. Was würde sie ihm anbieten, wenn er sie unter Druck setzen und dann lieb zu ihr sein würde? Eintrittskarten für Arsenal? Eine kleine Jagd durch die Betten?

Fred hörte auf zu treten. Er hatte eine brillante Idee. Er würde Rose in väterlichem Ton anbieten, bei der Sache mitzumachen. Er würde bluffen. Rose hatte etwas laufen. Vielleicht etwas Großes. Sie hatte etwas geschleppt und war danach nur mit ihrem Putzzeug aufgetaucht. Schmuggel, vermutete Fred. Ein Netzwerk. Es war ihm egal. Leben und leben lassen. Es war alles viel einfacher, wenn man einen verlässlichen Mann am Eingangstor hatte. Einen Mann, der wusste, wann er wegschauen musste. Dafür sollte ein kleiner Anteil drin sein.

Fred fühlte wie seine Stimmung stieg. Beschwingt bog er in die Straße ein, die ihn aus dem Verkehr befreien und zu seiner Wohnung führen würde.

Fred begann ein Lied zu pfeifen. Das hatte er seit einer Ewigkeit nicht mehr getan. In seiner Vorstellung wurde der Anteil größer und größer. Er würde sich endlich wieder ein Auto leisten können und auch die Reise nach Frankreich, die seit Jahren fertig geplant auf seinem Wohnzimmertisch lag.

Der Zusammenstoß kam wie aus heiterem Himmel. Fred stürzte über den Bordstein und versuchte sich mit den Händen abzufangen. Seine Hüfte protestierte. Noch bevor sich Fred orientieren konnte, beugte sich die junge Frau in der papageienhaft farbigen Kluft eines Fahrradkuriers über ihn.

„Oh mein Gott, haben Sie sich verletzt?“ Die Stimme war hoch und ohne erkennbaren Akzent. Fred fühlte einen neuen Schmerz dicht über seinem Knöchel. Er ächzte. Eine weiche Hand strich ihm über das Gesicht. „Bleiben Sie liegen. Ich hole Hilfe. Es war meine Schuld. Ich bin zu schnell eingebogen und konnte die Spur nicht halten.“ Fred drehte seinen Kopf. Er sah eine schmale Schulter, die mit grünem Stoff bespannt war und ein Stück Fahrradhelm. Übelkeit wusch über ihn hinweg. Noch einmal zwang er sich, hinzusehen. Braune Augen mit Goldtupfen, dachte Fred verwundert, bevor sich das Gesicht wegdrehte. Freds Herz stolperte und es fiel ihm schwer Atem zu holen. Er würde unbedingt einen Arzt aufsuchen müssen, bevor er die Reise nach Frankreich unternahm, war Freds letzter Gedanke, bevor er starb.

Der Fahrradkurier war verschwunden. Niemand hatte den Vorfall beobachtet. London hatte andere Probleme.

Das Internet transportierte die verschlüsselte Nachricht über Freds Exekution nur wenige Minuten später.

Kapitel 3

Moskau – drei Jahre nach dem Augustputsch 1991

Generalleutnant Ostrowski stemmte sich gegen den Wind, der Moskau den nahenden Winter verkündete. Die Choroschowskoje Chaussee war von fast kahlen Bäumen gesäumt, die erst im nächsten Jahr wieder zaghaftes Grün tragen würden. Jetzt schienen sie Vorboten einer kargen Zeit zu sein, einer Zeit vergangenen Glanzes. Die wuchtigen Bauten an den Straßenrändern waren noch immer beeindruckend, aber man merkte den prächtigen Fassaden an, dass sie schon bessere Zeiten gesehen hatten.

Ostrowski machte den Zerfall der Sowjetunion an den Fahrzeugen fest, die die Straßen Moskaus verstopften. Westimporte. BMW und Mercedes waren Statussymbole. Immer öfter sah man auch die riesigen SUVs, die ohne Respekt und Rücksichtnahme vorwärts pflügten. Die Verkehrspolizisten mit ihren unverkennbaren schwarz-weißen Stöcken hielten sich respektvoll zurück, wenn sich Fahrer mit blau und rot flackernden Lichtern und Sirenen näherten. Auch das ein Phänomen der neuen Zeit, in der Privatleute staatliche Hoheitssignale gebrauchten, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. ,Businessman‘ war das neue Schlagwort und ,Neue Russen‘, die sich mit einem über Nacht erworbenen sagenhaften Reichtum alles kauften – Landsitze, Flugzeuge, Politiker und Beamte. Die russische Seele war vergiftet worden und gierte nach Konsum und billigem Glück. Die Autos waren ein Gradmesser für den Werteverfall. In den Seitenstraßen und Vierteln mit den riesigen Wohnblocks, deren Balkone bröckelten, regierte die Hoffnungslosigkeit. Die Renten reichten nicht für das Existenzminimum, Familien zerfielen, Wodka übernahm die Rolle des Trösters. Die Neue Russische Föderation war ihrer Kornkammern, ihrer Häfen und Bodenschätze beraubt. Die industrielle Produktion strebte einem Nullpunkt entgegen, während Spekulanten und Finanzhaie Banken gründeten, Gewinne mit Immobiliengeschäften machten und sich Schlüsselindustrien für lächerlich kleine Summen unter den Nagel rissen. Das Land lag im Koma und wurde von westlichen Konsumgütern überflutet. Das Vaterland war besiegt. Besiegt von den Flüchen ,Glasnost‘ und ,Perestroika‘, die als russische Errungenschaften vermarktet wurden und doch Ausgeburten des Niedergangs waren. Die Gesundung würde einen radikalen Kurswechsel erfordern, wenn überhaupt noch eine Gesundung möglich war.

Die KPdSU hatte ihren Auftrag verraten, das Politbüro war vor Reformern in die Knie gegangen, die Institutionen und Stützen der großen Sowjetunion hatten kapituliert, die Armee war ein armseliger Haufen mit einer veralteten Ausrüstung und ohne Moral. Dies war die Stunde des Gorbatschow Vermächtnisses. Mit Jelzin war es noch schlimmer gekommen. Russland blutete aus und verkaufte nach seiner Seele auch seinen Reichtum.

Der Generalleutnant sah sich nach dem Verwaltungsblock um, aus dem er gekommen war. Russlandtreue Kräfte, Patrioten hatten sich getroffen, um eine vaterländische Rettungsidee zu entwickeln. Aber Ostrowski erschien die Initiative schwach und unkoordiniert. Alle hatten darin übereingestimmt, dass die letzten zehn Jahre rückgängig gemacht werden mussten. Ein Provinzpolitiker schwadronierte von einem Umsturz und dem Wiederaufleben der Atommacht Sowjetunion. Andere forderten die Rückkehr hinter den Eisernen Vorhang, um Kräfte zu schöpfen und den westlichen Einfluss zurückzudrängen. Für Ostrowski, der mit jedem einige ermunternde Worte wechselte, und sich im Übrigen zurückhielt, bot die Versammlung einen erbärmlichen Anblick. Die Netzwerke der Macht waren längst in andere Hände gelangt. Die Entscheidungen lagen bei jungen Technokraten, die an den Eliteuniversitäten der USA studiert hatten und ohne Loyalität zu ihrem Land aufgewachsen waren. Die alten Haudegen des Warschauer Paktes, die Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges gegen die Nazihorden, die Protagonisten einer Systemalternative zu dem marktwirtschaftlichen Chaos, das die Demokratisierung Russlands mit sich gebracht hatte, hatten aufgegeben. In Scharen waren sie zu jedem übergelaufen, der sie bezahlte. Sie waren zu Wissenschafts- und Waffensöldnern geworden, weil das Vaterland sie ausgespuckt und vernachlässigt hatte.

Ostrowski beugte sich hinunter zu einem Mütterchen, das auf dem Gehsteig kauerte und bittend eine Tasse mit Sonnenblumenkernen feilbot. Alte Frauen wie diese sah man häufig wie Kehrichtbündel an den Ecken und vor den prächtigen Auslagen der Kaufhäuser sitzen. Ihre Augen waren leer und ihre Pose erstarrt. Die Fußgängerströme zogen vorbei, ohne die Ausgestoßenen zu beachten. Nur hier und da regte sich Mitleid und eine barmherzige Hand warf einer Hockenden ein paar Rubel zu. Das waren russische Rentnerinnen, Witwen, die die neue Zeit zu Bettlerinnen gemacht hatte. Einige von ihnen trugen Medaillen und Ehrenzeichen an ihren zerschlissenen Mänteln. Sie hatten ihre Männer und Söhne im Krieg verloren und selbst mit der Waffe gekämpft, bevor sie das Land wieder aufbauten.

Ostrowski streichelte die faltigen Wangen des Mütterchens und steckte ihr gefaltete Geldscheine zu. Ihren gemurmelten Dank konnte er nicht mehr verstehen. Er war in Gedanken. Er musste eine Entscheidung treffen.

Das letzte Mal, als er eine Entscheidung traf, hatte sich sein Leben zum Schlechten gewendet. Sein Vater, ein harter Mann mit ehernen Prinzipien, hatte seinen Sohn frühzeitig auf eine Karriere im Militär vorbereitet. Die Atmosphäre im Elternhaus des Jungen war kalt und distanziert gewesen. Der Vater hielt nichts von dem, was er ,Verzärtelung‘ nannte und erst viel später, als der Junge zum Mann geworden war, dämmerte es ihm, dass ihn sein Vater dafür verantwortlich gemacht hatte, dass die Mutter die Familie verließ, nachdem sie den Knaben auf die Welt gebracht hatte. Die Militärakademie hatte ihn geschliffen und geprägt, hatte ihn Verantwortung und Entbehrung, Ehre und Pflichterfüllung gelehrt. Viele seiner Kameraden gliederten sich in die Ränge der Armee ein, aber der junge Ostrowski zeigte mehr Ehrgeiz. Als der Militär-Nachrichtendienst GRU auf ihn aufmerksam wurde, zögerte der Kadett keinen Augenblick. Er absolvierte das harte Training der Kommandoeinheit für unkonventionelle Kriegsführung und Terrorismusbekämpfung, Speznas, klaglos und glaubte mit Hingabe an den Wahlspruch: ,In Euren ruhmreichen Taten liegt die Größe des Vaterlandes‘. So wurde der junge Ostrowski Teil der Hauptverwaltung für Aufklärung und ein Rad im ,Alles sehenden Auge‘. Schon bald machte er in der Verwaltungsebene Europa von sich reden.

Ostrowski entschloss sich, noch einige Stationen mit der Filjowskaja Linie der U-Bahn zu fahren. Eine Touristentraube blockierte die Treppe und bestaunte die Pracht des U-Bahn-Schachtes, der eher an ein italienisches Opernhaus als eine U-Bahn-Linie erinnerte. Die Luft war abgestanden und schmeckte auf der Zunge nach Rauch und dem Abrieb von Bremsbelägen.

Bis zum Sommer 1991 verfolgte Ostrowski einen geradlinigen Karriereplan. Er reiste viel, tat sein Möglichstes für sein Land und brachte Ordnung in sein Privatleben. Mit Anna war eine Frau an seiner Seite, die der Musik und den Künsten zugetan war. Sie hatte sich im Musikstudium dem Fagott als Hauptinstrument gewidmet und zusätzlich Kunstgeschichte an der Lomonossow-Universität belegt. Es störte sie nicht, dass sie als Lehrerin ein dürftiges Gehalt bezog. Es störte sie auch nicht, dass sie mit ihrem Mann, einem jungen Offizier des GRU, ein ehemaliges Gartenhaus im Chystye Prudy Seendistrikt Moskaus beziehen musste, weil die Appartements in den Satellitenvorstädten ihre finanziellen Möglichkeiten überschritten. Das junge Paar richtete sich ein, isolierte die Wände und heizte mit dem alten Kohleofen. Nach und nach modernisierten sie ihr Heim. Sie hielten aneinander und an ihren Idealen fest. Das genügte. Es genügte den meisten. Nur der Wunsch nach einem Kind blieb unerfüllt. Dann dämmerte die neue Zeit heran.

Ostrowski hatte eine Bilderbuchkarriere gemacht und sein privates Glück gefunden, doch der Zustand der Sowjetunion bekümmerte ihn. Die neuen Töne aus dem Politbüro schürten Erwartungen. Die Erwartungen rüttelten am stabilen Fundament der Republiken. Überall bildeten sich Risse. Vor langer Zeit geschmiedete Allianzen drohten zu zerbrechen und riefen Gegenkräfte auf den Plan.

Der Generalleutnant war wiederholt ins Verteidigungsministerium zitiert worden. Überall auf den Fluren tuschelte man. Die zweite Riege hinter Gorbatschow sah ihre Zeit gekommen. Ostrowski beschloss abzuwarten, als die Nachrichten verkündeten, Gorbatschow habe während seines Krimurlaubs beschlossen, aus gesundheitlichen Gründen zurückzutreten.

Der Putsch war halbherzig gewesen und dilettantisch vorbereitet. Das Militär und die Paramilitärischen Einheiten der Geheimdienste verweigerten den Gehorsam. Jelzin schwang sich zum Retter der Nation auf und demontierte Gorbatschow unter dem Deckmantel der Solidarität. Glasnost und Perestroika regierten das Denken und Handeln. Unabhängigkeit und Demokratisierung waren Vorläufer der Privatisierung. Das Sowjetreich war den Raubrittern zum Opfer gefallen.

Als man Ende 1991 Ostrowski erneut vorlud, ahnte er nicht, dass er entlassen werden sollte. Eine Säuberungswelle ging durchs Land. Russland hatte diese Wellen schon oft erlebt. Ostrowski hatte nicht gespürt, dass etwas gegen ihn im Gange war. Man warf ihm vor, ein enges Vertrauensverhältnis zu dem Armeegeneral Warennikow, dem ehemaligen stellvertretenden Verteidigungsminister, einem der Putschisten, unterhalten zu haben. Es gäbe Belege, dass Ostrowski Teil der Verschwörung gewesen sei. Er sei dazu ausersehen gewesen, den GRU auf der Seite der Putschisten in Stellung zu bringen. Man halte ihm zugute, dass er in letzter Sekunde gezögert habe. Deswegen werde er nicht inhaftiert und erhalte eine gekürzte Pension. Das zu unterzeichnende Schriftstück liege vor ihm auf dem Schreibtisch. Er habe 60 Sekunden, sich zu entscheiden. Danach erlösche das Angebot und man sei gezwungen, andere Mittel anzuwenden.

Ostrowski hatte den gelangweilt wirkenden Technokraten angesehen und nach dem Füller gegriffen. Er war nur zu gut mit der Maschinerie vertraut, um nicht zu wissen, dass sein Schicksal beschlossene Sache war. Man händigte ihm die bereits ausgefüllte Versetzung in den Ruhestand aus. Sein Schreibtisch sei geräumt und die persönlichen Dinge seiner Frau zugestellt worden. Alles Weitere könne er einem Schreiben entnehmen, das ihm in den nächsten Tagen zugehe. Generalleutnant Ostrowski war 56 Jahre alt, als er der Sowjetunion in den Untergang folgte.

Es folgte eine Zeit der Stille. Anna fragte nicht. Sie konnte die Wahrheit in dem Gesicht ihres Mannes lesen. Seine innere Unruhe bekämpften sie mit langen Spaziergängen und Theaterbesuchen. Freunde waren ihnen kaum geblieben, denn Männer wie Ostrowski galten als ansteckend. Anna nahm mehr Privatschüler für den Fagottunterricht an als üblich. Sie sagte, dass ihr die Arbeit Spaß mache, aber Ostrowski kannte den wahren Grund und er schämte sich, dass seine Pension für den Lebensunterhalt nicht ausreichte.

Der völlige Zusammenbruch kam, als Jelzin seinen Gefolgsmann Luschkow auf den Bürgermeisterposten für Moskau hob. Luschkow hatte Macht, Pläne und Gier im Übermaß. Und er hatte Jelena Baturina zur Frau, die innerhalb kürzester Zeit zur ungekrönten Zarin der Bauunternehmer aufstieg. Das Privatvermögen des Paares schnellte in astronomische Höhen.

Die Männer der Stadtverwaltung, die Ostrowski besuchten, machten wenig Umschweife. Man benötige das Stück Land der Ostrowskis für eine wichtige Baumaßnahme. Die Entschädigungssumme sei bereits festgesetzt. Das Ehepaar erhalte eine Ersatzwohnung im 8. Stock eines Plattenbaus außerhalb von Moskau. Bei einer Weigerung drohe die Enteignung und Räumung.

Ostrowski widersetzte sich zum ersten Mal in seinem Leben einer behördlichen Anordnung.

Als zehn Tage später der Schlägertrupp das zerstörte Haus am See verließ, griff man Ostrowski schreiend und blutüberströmt im Park auf. Er rammte seinen Schädel immer wieder gegen den Stamm einer Trauerweide, bis man ihn überwältigte und sedierte. Im Haus fand man Anna. Jedes Leben war aus ihren Augen gewichen. Man konnte nicht feststellen, wie oft sie vergewaltigt worden war.

Die Behörden kümmerten sich um alles. Ostrowski wurde in ein Militärkrankenhaus verlegt und ruhiggestellt. Anna erhielt einen Platz in einer psychiatrischen Klinik für Traumapatienten. Die Polizei beeilte sich als Ermittlungsergebnis mitzuteilen, dass eine Bande verrohter Jugendlicher für den Überfall verantwortlich sei. Sogar der Bürgermeister Luschkow erwähnte den Vorfall in einer Pressekonferenz und verlieh seiner Abscheu vor der ,barbarischen Tat‘ Ausdruck. Er kündigte an, dass seine Ehefrau Jelena Baturina aus menschlicher Anteilnahme beschlossen habe, das verwüstete Grundstück zum Doppelten des Schätzpreises zu übernehmen.

Seither war Ostrowski auf der Suche. Auf der Suche nach der großen Lösung. Die neue Wohnung in der Plattenbausiedlung war unmöbliert geblieben. Ostrowski benötigte keine Möbel. Er brauchte ein neues Leben. Ein neues Leben und Anna, die einen Stoffhasen umklammert hielt und ängstlich vor ihm zurückwich, wenn er leise mit ihr sprach.

Ostrowski verließ die U-Bahn. Er zündete sich eine Zigarette an. Die Erste seit mehr als zwanzig Jahren. Er verschluckte sich und hustete. Er würde tun, was er tun musste. Er hatte sich entschieden; entschieden für ein neues Leben. Er würde Anna nicht zurücklassen. Das war er ihr schuldig. Ostrowski drückte die Zigarette aus.

Zwanzig Minuten später gingen die ersten Fahndungsaufrufe bei den Dienststellen der Polizei ein. Gesucht wurde ein pensionierter GRU-Offizier, der soeben seine Frau erschossen hatte. Doch Ostrowski blieb verschwunden.

Kapitel 4

London lag friedlich eingebettet im Herzen Englands und lebte seine Mixtur aus der vergangenen Größe eines weltumspannenden Empires und dem pulsierenden Finanzdistrikt, der sich geschickt gegen jeden Regulierungsversuch wehrte. London war ein Sinnbild für royale Pracht, für Tradition und für das Beharren auf einem eigenen Weg. London unterschied sich wie eine geschmückte Festung vom europäischen Festland. London war anders. War es schon immer. Es verkörperte England.

Der Schock war unvorstellbar. Und er hielt an. Er verdoppelte sich von Minute zu Minute und jagte wie ein apokalyptischer Reiter um den Erdball. London hatte den Nordmännern, den Nazis und dem Euro getrotzt. Es hatte Eroberer hochmütig abgewiesen und sich jedem neuen Trend versagt. Es war ein Wahrzeichen für Stabilität und eine Trutzburg für gelebten Widerstand. Terroristische Anschläge und Finanznot hatten es nicht aus dem Gleichgewicht bringen können. London war unverwundbar. Bis jetzt.

Als die dickbäuchige Transportmaschine vom Himmel fiel, dachte man an ein tragisches technisches Versagen. Eine Gruppe Schulkinder und ihr Lehrer hatten vom Pausenhof ihrer Schule beobachtet, wie die Maschine, aus Stansted kommend, ihr Fahrwerk einzog, dann eine Kurve beschrieb, sich schüttelte und kippte, in der Luft um Kontrolle kämpfte, als habe sich eine unsichtbare Riesenfaust um den Rumpf geschlossen und dann mit einem kreischenden Geräusch aus dem Sichtfeld verschwand.

Ein Liebespaar aus Nancy, das in London seine Flitterwochen verbrachte, hätte die Szenerie mit seiner freien Sicht aus einer der Glasgondeln des ,London-Eye-Riesenrades‘ an der Themse anders dargestellt. Georgette und Karim hielten Händchen und wisperten verliebte Dinge, als das wuchtige Flugzeug abhob. Es war Georgette, die den Lichtblitz sah. Einen grellen, wabernden Blitz, als habe ein Elektrizitätswerk seine gesamte Kapazität in eine gewaltige Ladung gesteckt, die über die Stadt pulsierte. Als Karims Augen dem aufgeregten Finger Georgettes folgten, sahen sie die schräg nach unten weisende Schnauze eines Riesenflugzeugs und brennende Teile, die sich wie eine Leuchtspur über die Dächer Londons ergossen. Karim und Georgette hätten das Kreischen der Triebwerke bestätigt und die unnatürlichen Flugbewegungen, die wie Todeszuckungen eines Rieseninsektes aussahen. Doch Karim und Georgette konnten mit ihrer Aussage nicht zur Klärung des Phänomens beitragen. Eine Tragfläche und Teile des Triebwerks einer Passagiermaschine aus Singapur streiften das Riesenrad und amputierten es. Das ,London Eye‘ protestierte noch eine halbe Umdrehung lang, bevor es sich mit berstenden Metallstreben neigte und in die Themse stürzte. Georgette und Karim waren zu diesem Zeitpunkt nicht mehr am Leben. Nur ihr Peugeot stand unversehrt auf dem nahen Parkplatz und wartete. Aus dem Himmel regneten Passagiere des Singapur Airlines Fluges und durchschlugen in weitem Umkreis die Dächer von Wohnungen und Kaufhäusern.

Die japanische Reisegruppe in der ehrwürdigen National Gallery applaudierte, als in ihrem Rücken der Säulengang mit einem gewaltigen Ächzen einstürzte. Eine Staubwolke schob sich über den Trafalgar Square und hüllte die Insignien der glorreichen Vergangenheit Englands in ein undurchdringliches Grau. Die Japaner aus Osaka waren auf einem Europatrip der zehn größten Sehenswürdigkeiten und hatten zuvor einen Aufenthalt im Disneyland in Paris genossen. Sie waren erschrocken gewesen, als eine waghalsige Fahrt in einer Wasserrinne damit endete, dass eine Brücke unter ihnen kollabierte. Dann zogen sich die Wasser zurück und die Brücke richtete sich wieder auf. Erst als jetzt ein Servierwagen wie ein Geschoss durch die Decke des Museums brach und zwei Besucher unter sich begrub, brach Panik aus.

Verwackelte Handyfilme und Amateurschnappschüsse zeigten, wie sich eine weitere Maschine durch Lambeth pflügte und einen Feuersturm auslöste. Marleybone und Belgravia schienen zu brennen. Ein Flugzeug war auf freiem Feld niedergegangen. Den Piloten schien es gelungen zu sein, die Maschine in einen kontrollierten Sinkflug zu bringen und zu landen. Bei der Notlandung zerbrach die Maschine in drei Teile und fing Feuer. Ein kleines Häuflein Passagiere und Besatzungsmitglieder konnten sich retten. Wie betäubt warteten sie auf Hilfe, während aus dem Gerippe des Flugzeugs Qualm und Flammen schlugen. Ein älterer Mann mit einer klaffenden Stirnwunde durchsuchte den Berg von Koffern, der aus dem Laderaum geschleudert worden war. Laute Selbstgespräche führend, zerrte er Rollkoffer um Rollkoffer aus der deformierten Masse. Im gesamten Großraum London hallten die Sirenen. Rauchsäulen stiegen auf.

Der Financial District der Square Mile war wie ein Wunder von der großen Zerstörung verschont geblieben. Nur brennende Kleiderfetzen und der Gestank nach Ruß und Kerosin wehten durch die Straßen. Ein Devisenhändler, der auf der Dachterrasse eines Bankgebäudes ein heimliches Telefonat mit seiner Geliebten führte, beschrieb mit fahriger Gestik, dass im Norden der Stadt zwei Flugzeuge kollidiert seien. Er habe es gesehen wie von einem Logenplatz aus. Die Bilder hätten sich in sein Gedächtnis gebrannt. Die größere Maschine sei aus den Wolken auf die kleinere herabgestürzt wie ein Raubvogel. Genau wie ein Raubvogel. Dabei hätten die Triebwerke geheult und bläulicher Qualm sei aufgestiegen. Das kleinere Flugzeug habe keine Chance gehabt. Es sei zerborsten, so wie man Eier aufschlägt. Menschen seien wie Miniaturspielzeug aus dem Gewirr von Kabeln und gerissenem Metall herausgefallen. Sie hätten mit Armen und Beinen gerudert. Zwischen ihnen Gegenstände, als habe der Teufel seine Puppenstube ausgeleert. Schlimm sei es gewesen, entsetzlich. Wie bei den Fernsehbildern von 9/11, als sich die Menschen aus den Fenstern der Zwillingstürme stürzten. Irgendwie surreal habe es gewirkt. Wie die Komposition einer höheren Macht, die eine Leinwand mit dem Tod aus dem Himmel über der Stadt ausbreitet. Ganz besonders schrecklich sei gewesen, dass man die Menschen nicht habe schreien hören. Nur das Brausen und Kreischen der Katastrophe, aber kein Laut von den Herabfallenden. Er habe nicht akzeptieren können, dass das, was sich vor seinen Augen abspielte, real war. Nicht ohne Schreie. Den Rest habe er nicht mehr gesehen. Er habe sich geduckt, habe sich die Fäuste auf die Ohren gepresst und die Augen geschlossen, so fest er konnte. Seine Beine hätten nachgegeben und später habe er die Treppe nicht mehr gefunden.

Was noch merkwürdiger war, fiel erst auf, als das brennende London nach einem langen Moment der Starre wieder Atem holte. Fast alle elektronischen Systeme waren von London bis zu den Midlands, den Bädern Südenglands und den Industrierevieren des Nordens ausgefallen. Das Internet war aufgeflackert und erloschen. Die Telekommunikation blieb gestört. Gespräche brachen ab und Notrufe waren tot. In den Finanzzentralen der Banken und der Börse herrschte Ratlosigkeit. Tausende von Notknöpfen wurden in den Fahrstühlen gedrückt, ohne ein Signal auszulösen. Das ganze Land war mit apokalyptischen Vorzeichen gebrandmarkt.

Erst als der nationale Notstand ausgerufen wurde und die Armee gegen Plünderer einschritt, ebbte auch die Massenflucht ab, die zu einem Verkehrsinfarkt im Großraum London geführt hatte. Die Wiederherstellung der Kommunikationsinfrastruktur und die Bergung und Versorgung der Opfer waren vordringlich. Bilder von zerstörten Häusern, Flugzeugteilen, rauchenden Trümmerwüsten und Leichenteilen flimmerten weltweit über die Fernsehschirme.

Die Nachrichtenlage war verworren. Nach ersten Schätzungen ging man von 10 000 bis 15 000 Toten aus. Die Zahlen variierten von Quelle zu Quelle. Nachrichtensender meldeten erste Festnahmen. Von einem terroristischen Anschlag nie gekannten Ausmaßes war die Rede. Gerüchte über eine im Luftraum über London gezündete Neutronenbombe machten die Runde. Politiker riefen die Bevölkerung dazu auf, zuhause zu bleiben, die Fenster zu schließen und Wasser nur aus Flaschen zu konsumieren. Schutzkleidung und Atemmasken kamen zur Verteilung. Zehntausende internationaler Journalisten versuchten über die gesperrten Häfen Englands ins Land zu kommen. Wer keine seriösen Nachrichten hatte, griff zu den Schlagworten ,Islamistischer Terror erreicht England‘. Verdächtigt wurden auch der Iran, Nordkorea und alle Randgruppen, die das Internet als gefährlich und skrupellos genug einstufte. Mahnende Stimmen und wissenschaftliche Analysen, die von einem seltsamen elektromagnetischen Puls großer Stärke sprachen, gingen ungehört unter.

Die Börsen kollabierten und der Flugverkehr wurde vorübergehend eingestellt. Religiöse Gruppen mahnten zu Buße und Umkehr, denn der Tag des großen Krieges Gottes sei gekommen. Niemand übernahm die Verantwortung für die Vorkommnisse.

Die Opferlisten wurden täglich um neue Namen ergänzt. Unter den ersten Namen fand sich Fred Compton, ein Flughafenwachmann. Der Totenschein stellte als Todesursache ,Herzinfarkt‘ fest.

Kapitel 5

Orest bog den Ast der Blaufichte näher zu sich heran. Er konnte die Hunde hören. Sie waren noch weit entfernt, aber sie kamen näher. Sie hatten Witterung aufgenommen. Orest wusste, dass das Hundegebell seine Moral untergraben sollte. Es wäre ein Leichtes gewesen, die Meute darauf abzurichten, lautlos auf Jagd zu gehen, aber lautlose Jagd war etwas für Scharfschützen und Hinterhalte. Hier ging es um eine andere Taktik. Das Wild sollte den Atem des Verfolgers im Nacken spüren. Es sollte mit der tödlichen Entschlossenheit der Verfolger konfrontiert werden, mit ihrer Überlegenheit.

,Ihr müsst das Panikzentrum im Hirn der Beute aktivieren‘, hatte ihr Ausbilder doziert und in rascher Folge Bilder eines Rehs auf die Leinwand geworfen. Furchtsam aufgerissene Augen, ein ängstliches Maul und der alles überlagernde Fluchtimpuls. Losrennen, kopflos, in irgendeine Richtung, Sprünge über Totholz und Gebüsche, ein wildes Davonjagen. Leichte Beute für die Jäger, die in einem losen Ring nur noch auf ihr Opfer warten mussten. Waffen im Anschlag. Die Hunde mit einem Befehl ruhiggestellt. Zu hören nur das Krachen von Gehölz und das Keuchen der gehetzten Kreatur, die bereits tot war, ohne es zu wissen.

,Eine Kriegslist‘, wiederholte Orest in seinen Gedanken. Es half ihm, Ruhe zu bewahren, wenn er zu sich selbst sprach, um sein Vorgehen auf Fehler zu prüfen. Nein, er hatte das Beste aus der Situation gemacht. Er fühlte, dass er ruhiger wurde. In der Ferne Trillerpfeifen. Dann wieder Hundegebell. Es blieben ihm noch ungefähr zehn Minuten. Mehr als genug Zeit, seine Tarnung besser zu organisieren.

Bald darauf das Knirschen des Schnees. Kein Hecheln, kein Bellen. Sie hatten die Hunde zurückgenommen. Das bedeutete, dass sie ihn entdeckt hatten. Das Geräusch vorwärts stapfender Militärstiefel im Tiefschnee brach ab. Stille. Orest widerstand der Versuchung, nach seinem Fernglas zu greifen. Sie würden die Fichtenschonung im Blick haben. Das Herabrieseln von Schnee oder die unnatürliche Bewegung einer Astspitze würde ihn verraten. Das wäre das Ende. Er spürte die Kälte kaum. Den gestrigen Tag hatte er überstanden, weil er nach seiner Flucht Körper und Gesicht dick mit Schmalz eingerieben hatte. Für das Fett und ein paar Würste war er das Risiko eingegangen, einen Bauernhof aufzusuchen. Er hatte sich gar nicht die Mühe gemacht, seine Spuren zu verwischen. Sie würden ihn ohnehin finden. Wichtiger war seine Versorgung und der Vorsprung, den er brauchte, um seinen Plan auszuführen. Wie ein Geist war er in der weißfleckigen Tarnkleidung aufgetaucht und wieder verschwunden, noch ehe die Bewohner des Bauernhofes auf ihn aufmerksam wurden.

Jetzt waren die Verfolger da. Hatten aufgeholt, weil er es ihnen erlaubte. Mit einer langsamen Kopfbewegung versuchte er die Konturen des nahen Birkenwäldchens zu erkennen. Dort würden sie sein. Er wusste nicht, mit wie vielen er es zu tun hatte. Sie hatten sich sicher in kleine Trupps aufgeteilt, um einen möglichst großen Fluchtradius abzusuchen. Sie warteten. Genau wie er. Es war ein Geduldsspiel. Ein Spiel auf Leben und Tod. Ihre Feldstecher würden ihnen nur dichten Bewuchs und dunkelgrünes Geäst zeigen. Solange er sich nicht bewegte, würde ihn seine Tarnung schützen. Orest atmete flach und regelmäßig.

Das gleißende Licht der Magnesiumfackeln riss Helligkeitsfetzen aus der Nacht. Orest hatte seit Minuten ein zögerndes, wisperndes Gleiten gehört. Schneeschuhe vielleicht oder Skier. Für einen Moment setzte sein Herzschlag aus. Er hatte die Zeit bis zu den schmalen Stunden der fortgeschrittenen Nacht damit verbracht nachzudenken und abwechselnd Muskelgruppen anzuspannen und wieder zu entspannen. So begegnete er der Kälte, die in ihn hineinkroch und dem Verspannungsschmerz, der keine Muskelkrämpfe auslösen durfte.

Aufgeschreckt durch die plötzliche Helligkeit flog eine Schar Blesshühner flügelschlagend auf. Orest drückte sein bis zur Unkenntlichkeit mit grünschwarzer Tarnfarbe bemaltes Gesicht enger an den Baumstamm. Vereiste Tannennadeln drangen durch den Stoff seiner Wollmütze. Sie waren jetzt ganz nahe. Die Fackeln würden sie in einem weiten Kreis in den Schnee gesteckt haben. Außerhalb des Kreises lauerten Schafschützen.

Schwere Schritte und ein ungeduldiges Scharren verrieten ihm, dass sie sich vergewissern wollten. Orest brauchte nur seine Ohren, um zu wissen, was geschah. Fünf Schritte links, vier Schritte nach oben bis an den Waldrand und dann fünf Schritte rechts. Im Schnee Spuren eines Wildwechsels. Unmöglich zu sagen, ob hier ein Mensch gegangen war oder nicht. Die Schritte entfernten sich und kamen wieder zurück. Orest wusste, dass der Hundeführer ein Nachtsichtgerät einsetzen würde. Das fahlgrüne Restlicht im Sucher würde dem Mann verraten, dass an dieser Stelle ein Wildwechsel war. Eine ideale Stelle für ein Versteck, das sich mit anderen Spuren tarnen konnte. Im Umkreis war der Schnee jungfräulich weiß und unberührt. Die empfindliche Hundenase würde die Witterung nicht verloren haben. Eine Magnesiumfackel nach der anderen erlosch mit einem Zischen. Der rötliche Lichtschein fiel in sich zusammen. Ein Windstoß fuhr mit eisigen Fingern über die Ebene. Schnee rieselte wie Puderzucker auf die gefrorene Erde.

Der Hund hatte sich neben den Spuren in den Schnee gesetzt. Das war das Zeichen, auf das die Jäger gewartet hatten. Die grelle Feuerkugel aus der Signalpistole löste hektische Aktivität aus. Sie hatten ihn. Sie mussten schnell sein. Er durfte nicht entkommen. Die vorrückenden Männer ließen eine Gasse frei, durch die sich ein dröhnendes Kettenfahrzeug vorwärts schob. Kurz vor dem Bereich, den die Leuchtkugel der Nacht abtrotzte, setzte die Kettenraupe eine Stahlwalze auf. Schnee und Geäst stoben auf. Sie mussten keine Rücksicht mehr nehmen. Sie wussten, wo er war.

Orest machte sich bereit. Das Motorengeräusch erfüllte den Raum um ihn herum. Der Boden vibrierte. Zu Orest war er geworden, weil er Klytämnestra erledigt hatte. Er hatte auf Befehl gehandelt, aber sie würden ihm nicht verzeihen. Für ihn würde keine Göttin Athene das Wort ergreifen. Es würde kein Plädoyer für seine Unschuld und keinen Freispruch geben. Stattdessen warteten auf ihn der Fluch der Erinnyen und die Ketten des Wahnsinns.

Die Wälder hallten wider von dem Knacken der Äste, die Orest über die getarnte Bodensenke gelegt hatte. Blätter, tote Zweige und Schnee brachen ein. Ein halbes Dutzend Gewehrmündungen war auf die Grube gerichtet. Auf ein Zeichen setzte das Kettenfahrzeug zurück. Die Walze hielt es angehoben wie eine stählerne Riesenfaust, bereit zum vernichtenden Schlag.

„Licht!“ gebot eine befehlsgewohnte Stimme. Ein Strahler flammte auf. Der Spürhund ließ ein hohes Jaulen hören und warf sich gegen seine Leine. Der Geruch, dem er gefolgt war, strömte ungehindert aus der Senke. Plastiksäcke, Teile eines Tornisters, Kleidungsstücke. Irgendwo da unten musste sich auch ein Körper verbergen. Mehr tot als lebendig. Die Beute, nach der sie alle gierten.

„Es ist zu Ende. Kommen Sie langsam und unbewaffnet heraus“, rief der Anführer der Jäger. Seiner Stimme war die tiefe Befriedigung anzumerken.

Orest hatte auf das Stichwort gewartet. Trotz des jahrelangen Trainings fiel das Warten immer noch schwer. Noch einmal schossen ihm alle Optionen durch den Kopf. Dann sprang er.

Die 5.56 mm Munition der M 16 erledigte ihren Auftrag zuverlässig. Die Waffe war auf Dauerfeuer gestellt. Orest machte gar nicht erst den Versuch, präzise Feuerstöße abzugeben. Er wusste aus Erfahrung, dass er in seinem geschwächten Zustand und nach dem stundenlangen Hocken in einer Baumkrone, kein sicherer Schütze mehr war. Er hatte kalkuliert, dass Dauerfeuer beim Sprung seine Chancen zu überleben am meisten erhöhte.

Flüche und Schreie mischten sich mit Hundegebell. Orest hatte den Sprung gut angesetzt. Er brach neben der Grube durch die Schneedecke und versuchte, sich abzurollen. Seine Fußknöchel wurden durch den Aufprall auf dem gefrorenen Boden zusammengestaucht. Er hatte aufgehört zu feuern und brachte sich mit einem Hechtsprung aus der Reichweite des Scheinwerfers und der hoch aufgerichteten Stahlwalze. Hinter ihm hatte sich der zertrampelte Schnee rot gefärbt. Irgendjemand erwiderte das Feuer. Eine Salve strich über seinen Kopf hinweg. Orest wälzte sich herum und hielt den Atem an. Der Schmerz in seiner Schulter war intensiver als der in seinen Beinen. Wahrscheinlich hatte er sich das Schlüsselbein gebrochen. Er benötigte drei Feuerstöße, um den Scheinwerfer, der am Aufbau des Kettenfahrzeugs befestigt war, zu zerstören. Glas splitterte. Die Dunkelheit war überwältigend. Vereinzelte Gewehrsalven bellten auf.

„Feuer einstellen!“. Die Stimme hielt inne. „Lasst die Hunde los. Hierher mit den Hunden!“.

Orest wusste, dass er nicht mehr viel Zeit haben würde. Die Hunde würden ihn unschädlich machen. Sie brauchten kein Licht und keine Waffen. Orest hatte sein Möglichstes getan, um die Hunde irrezuführen. Seine verschwitzte Kleidung hatte er in Plastiksäcken in die Grube geworfen und sich selbst auf dem Bauernhof mit Jauche abgerieben und darüber Kleidung des Bauern angezogen. Er war sich ziemlich sicher gewesen, dass diese Maßnahmen ausreichen würden, die Hunde zur Grube zu führen, ohne dass sie auf den Menschen im Baumwipfel aufmerksam wurden. Sein Plan hatte funktioniert, aber jetzt half ihm nur noch Schnelligkeit.

Sein Körper protestierte, als er sich an der stählernen Flanke der Raupe entlang tastete. Es war ein gewagtes Spiel, aber er hatte nichts zu verlieren. Mit erhobener Waffe positionierte er sich dort, wo er über sich das Führerhaus des Fahrzeugs vermutete. Er atmete zwischen zusammengebissenen Zähnen ein und aus und versuchte den Schmerz in seiner Schulter zu verdrängen. Dann ließ er das Sturmfeuerzeug aufflammen. Die gelbe Flamme tanzte einen Augenblick im Wind wie ein Derwisch, bevor Orest mit dem Kolben seiner Waffe zustieß. Mit einem Aufschrei stürzte ein schwerer Körper an Orest vorbei in die Dunkelheit. Orest konnte fühlen, wie sich Hundekörper durch die Nacht katapultierten. Er setzte das Fahrzeug mit einem gewaltigen Satz in Bewegung. Das Getriebe kreischte auf und die Ketten begannen zu mahlen.

„Schießt auf das Führerhaus!“, schrie eine überschnappende Stimme. „Hoch zielen!“.

Orest hatte sich nicht die Mühe gemacht, die Raupe zu rangieren. Krachend zermalmte er junge Fichten in seinem Weg. Das Kettenfahrzeug nahm Fahrt auf. Um ihn herum explodierte die Nacht in rote Leuchtspuren. Orest duckte sich instinktiv. Hunde jaulten getroffen auf.

„Nicht die Hunde. Mein Gott, nicht die Hunde verletzen!“. Die Stimme klang entnervt.

Orest prüfte die Leuchtnadel seines Kompasses, während sich die Raupe mit höchster Geschwindigkeit einen Weg durch den immer tiefer werdenden Schnee ebnete. Noch eine letzte Kurskorrektur und er würde bald zu der Stelle kommen, an der er den Durchbruch wagen konnte.

Auf der anderen Seite würde ihm niemand mehr etwas anhaben können. Nur noch wenige Hundert Meter und er würde seine Knöchel und die Schulter behandeln lassen können.

Orest ahnte die Anwesenheit des Stacheldrahtverhaus eher, als er ihn sah. Er stellte die Maschine ab. Noch würde niemand von den Suchmannschaften wieder am Platz sein. Sie suchten nach dem Entflohenen und Flüchtige rannten stets nur in eine Richtung – weg vom Zaun. Orest griff in den Pulverschnee und ging nahe, ganz nahe an den Zaun heran. Dann blies er vorsichtig den Schnee wie eine Fahne aus Kristallen über den Stacheldraht. Er hatte richtig vermutet. In Höhe seines Kopfes und seiner Hüfte verliefen zwei Reihen kaum wahrnehmbarer Signaldrähte. Orest wusste, dass sie bei Berührung Selbstschussanlagen auslösen würden, die perfekt getarnt auf Opfer harrten. Sie waren mit Schrot geladen, der eine verheerende Wirkung hatte.

Zufrieden ging Orest zu seinem Fahrzeug zurück. Der Ausleger mit der Walze würde das Problem für ihn lösen.

Er suchte das Führerhaus nach einem schweren Gegenstand ab, mit dem er das Gaspedal beschweren konnte, um mit der Raupe den Todeszaun zu durchbrechen, als ein Pistolenlauf gegen seine Schläfe gedrückt wurde. Einer der Jäger hatte Orests Pläne durchschaut und sich die ganze Zeit hinter der Fahrerkabine versteckt gehalten.

„Und tot bis du …“, zitierte eine belustigte Stimme einen bekannten Reim. Überall auf dem Gelände wurde das Licht eingeschaltet. „Übung nicht bestanden“, konstatierte die Stimme hinter der Pistole nüchtern. „Noch einmal von vorne.“

Orest warf seine Paintball M 16 in den Schnee und bedeckte sein Gesicht mit den Händen.

„Und waschen Sie sich um Gottes willen, Mann“, fügte sein Ausbilder hinzu. „Sie stinken, als seien Sie in eine Jauchegrube gefallen.“

Kapitel 6

Der alte Mann war sorgfältig gekleidet. Alles an ihm war unauffällig und nur wer einen zweiten Blick wagte, bemerkte, dass der Mantel aus bestem britischen Tweed und die Schuhe maßgefertigte Rahmenschuhe waren. Das Besondere an der Kleidung war, dass sämtliche Hinweise auf ihre Herkunft sorgfältig aus dem Innenfutter herausgetrennt waren. Ebenso verhielt es sich mit den Koffern, der rindsledernen Aktentasche und der edlen Handaufzuguhr aus deutscher Manufaktur.

In der Aktentasche befanden sich sämtliche Ausweispapiere, die ein Reisender brauchte und eine Auswahl von Bonus- und Kreditkarten, die ein unabhängiges Leben ermöglichte. Karten und Ausweise lauteten auf den Namen Hans Rudy. Es waren exzellente Fälschungen, die man nicht auf der Straße kaufen konnte. Hans Rudy war in Montevideo beerdigt, nachdem er als Auswanderer in seinem Gastland ein erhebliches Vermögen mit deutschen Backwaren gemacht hatte. Deutsches Handwerk war im Südamerika der späten vierziger Jahre geschätzt. Viele Volksdeutsche, die eine Entnazifizierung wegen ihrer Verstrickungen in das nationalsozialistische System nicht unbeschadet überstanden hätten, galten als wertvolle Zuträger für die Alliierten, die nichts mehr fürchteten, als einen Einbruch der stalinistischen Horden in die westliche Hemisphäre. Die Verfolgung von Kriegsverbrechern in Kreisen außerhalb der Galionsfiguren des Dritten Reiches, die in den Nürnberger Prozessen vor Gericht standen, hatte keine Priorität. Wer wollte, konnte sich mit einer neuen Identität in Südamerika und den USA ein neues Leben einrichten. Der Preis, den man zu zahlen hatte, war der Verlust einer zerbombten Heimat und die unbedingte Loyalität zu den neuen Verbündeten.

Hans Rudy war nur zu bereit, diesen Preis zu zahlen. Er war im Dritten Reich mit Sonderaufgaben betraut gewesen. Als Kunsthistoriker und Kurator mehrerer Museen in den besetzten Gebieten des Reichsprotektorats Böhmen und Mähren bestand seine Aufgabe darin, Kunstwerke aller Art zu requirieren, zu katalogisieren und ihren Wert zu schätzen. Rudy war kein glühender Nationalsozialist, sondern ein opportunistischer Emporkömmling, der sich in der trüben Suppe nationaler Aufwallung nach oben treiben ließ. Als man ihn mit der Aufgabe der ,Bergung und Sicherung von Kunstschätzen für das Deutsche Reich‘ betraute, wehrte er sich nicht dagegen. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, seine Arbeit als Kunstraub und ungerechtfertigte Enteignung anzusehen. Er handelte auf Anordnung, die wiederum auf Gesetzen beruhte, den Gesetzen der neuen Zeit, die die ganze Welt zu überrollen drohten. So kam es, dass Kunstgegenstände im Wert von Milliarden durch die Hände eines Mitläufers des Regimes ohne militärischen Rang gingen. Es war ein risikoloses und einträgliches Geschäft. Manchmal musste Gewalt angewendet werden, aber das taten andere, die dafür besser ausgebildet waren als Hans Rudy.

Später, als zwei Fronten auf das Deutsche Reich zurasten und das Ende absehbar war, übernahm Rudy auch die Beschaffung von Devisen über verschwiegene Kanäle im arabischen Raum. Immer häufiger wurden die Kunstschätze in Eisenbahnwaggons aus den neuen Kriegszonen gebracht und in Bergwerken und Stollen versteckt.

Rudy war einer der Ersten gewesen, der sich bei den Alliierten meldete und seine Dienste anbot. Er konnte genaue Listen und Fundorte vorweisen. Außerdem hatte er sich notiert, welche Familien, Banken und Geschäfte enteignet worden waren. Er wollte keine Bezahlung für seine Arbeit, die General Brolin vom alliierten Oberkommando als ,Restitution‘, bezeichnete. Er wollte lediglich für seine Arbeit eine Provision, die sich vom Wert der wiederbeschafften Kunst ableitete. Rudy bat auch darum, man möge seine Akten, die im Reichssicherungshauptamt in Berlin lagerten, vernichten und ihn als ,minderschwer belastet‘ einstufen, damit er seiner Arbeit als Kunsthändler nachgehen konnte. Dass er über Jahre von der Kostenstelle ,Beschaffung‘ des Dritten Reiches große Geldbeträge als Provision für die Requirierung der Kunstschätze erhalten hatte, verschwieg Rudy.

Als seine Dienste nach drei Jahren nicht mehr benötigt wurden, konnte Hans Rudy als reicher Mann nach Südamerika ausreisen. Dank seines Vermögens, das von einer UBS-Filiale in Genf verwaltet wurde, baute Rudy mehrere Großbäckereien auf, die bestens florierten. Er hielt den Kontakt zu den alten Kameraden über ein engmaschiges Ehemaligen-Netzwerk, bis er betagt in Montevideo im Kreis seiner Großfamilie starb.

Jetzt war Rudy nach Genf zurückgekehrt. Ein anderer Mann war in seine Identität geschlüpft. Ein Mann mit besten Verbindungen und einem erlesenen Geschmack. Unterhalb des ,Le Richemond‘ mit seinem diskreten Charme und dem zurückhaltend exklusiven Interieur in Gold, Creme und Karmesinrot funkelte die Südwestspitze des Genfer Sees, einer riesigen Sichel aus Wasser, die mehrere Schweizer Kantone mit Frankreich verband. Genf war anders als das geschäftige Lausanne am Nordufer des Sees, eine Enklave der schönen Künste, ein Rückzugsbereich für altes Geld und royales Understatement. Die alteingesessenen Manufakturen hochfeiner Chronometer, die Tuchmacher und Juweliere, die ihre Tradition unerschütterlich fortschrieben, auch wenn die Welt um sie herum in Krieg und Chaos versank, präsentierten ihr Angebot für die solvente Kundschaft in pittoresken Gebäuden mit bunten Läden und restauriertem Mauerwerk, das noch keine Zerstörung erlebt hatte. Es war die Zeit der großen Segelregatta Bol d’Or, die besonders zahlungskräftiges Publikum in die Stadt schwemmte. Hotelzimmer waren rar und kaum bezahlbar. Für Hans Rudy hielt das ,Richemond‘ stets eine Suite reserviert. Er war ein gern gesehener Gast.

Der alte Mann wirkte erschöpft. Er hatte keinen Blick für die sattblaue Weite des Sees, die getrimmte Gartenanlage des Hotels oder die exquisite Einrichtung seiner Suite. Fahrig sah er sich um und erkundigte sich nach seinen Koffern. Der Concierge nahm die weiteren Wünsche des Gastes diensteifrig zur Kenntnis. Er verzog keine Miene. Das Trinkgeld würde entsprechend ausfallen.

Der alte Mann machte sich nicht die Mühe zu überprüfen, ob die Suite verwanzt war. Er wusste, dass ein Expertenteam wenige Stunden vor seiner Ankunft die Räume gescannt hatte. Noch einmal ging er die Fakten in Gedanken durch. Alles hing davon ab, dass er überzeugend war. Die ersten Kopfschmerzen kündigten sich mit einem Ziehen im Nacken an. Die abhörsichere Anlage war genau in den Metallkoffer eingepasst. Er trug ihn nie bei sich, sondern ließ ihn von einem zuverlässigen Versender befördern, der keine Fragen stellte. Der elektronische Passworttresor in Form eines rechteckigen Kästchens verwaltete eine schier endlose Reihe an Ziffernfolgen. Der alte Mann drückte auf das Display, das rund um die gewählten Ziffern grün aufleuchtete. Die Telefonanlage im Koffer startete einen Selbstwählmechanismus. Ein Freizeichen ertönte. Als weitere Sicherheitsmaßnahme würde ein Scrambler die Stimmen der Telefonierenden für Dritte unverständlich machen.

„Ja“, sagte die Stimme in englischer Sprache. Die Verbindung war zustande gekommen. Der Puls des alten Mannes beschleunigte sich. Er hatte die Stimme sofort wiedererkannt, nach so vielen Jahren wiedererkannt. Bilder drohten seinen Kopf zu fluten. Mit eiserner Disziplin zwang er sich zur Ruhe. Langsam begann er zu sprechen.

„Bayard sighed with exasperation but maintained a fragile hold on his temper. A difficult discussion followed during which Bayard was slowly forced to accept that it was Pastor Knoedler who was in overall charge of the service and not he.“

Der Beginn des letzten Absatzes von Seite 195 des Romanes von Reggie Oliver ,Virtue in Danger‘ in der Ausgabe der Ex Occidente Press.

Ohne zu zögern nahm die Stimme am Telefon die zitierte Stelle auf und führte sie weiter. Die Stimme war tief und mit einem kaum merklichen Akzent behaftet.

Nach einem Moment des Schweigens nahm der alte Mann das Gespräch wieder auf. „Juri“, sagte er. Seine Stimme wurde weicher. „Juri, mein Lieber. Es wird Zeit“. Dann brach das Gespräch ab.

In den Abendstunden klingelte der Concierge bei dem hoch geschätzten Monsieur Rudy an, um den Besuch anzukündigen. Das Hotel hatte sich genau an die Vorgaben gehalten. Die Dame war hochgewachsen und mittleren Alters. Ihre Haut schimmerte weiß, als habe sie noch nie die Sonne gesehen. Das halblange, gewellte Blondhaar würde eine hochwertige Perücke sein, vermutete der alte Mann. Es war nicht so wichtig.

Er legte den Kopf in den Schoß der Frau und begann zu erzählen, während sie mit geübten Fingern seine Schläfen massierte.

Kapitel 7

Harlan Bale zog sich die grellrote Socke über die linke Faust. Mit den aufgeklebten Glotzaugen, den gelben Fäden, die wie vergilbtes Unkraut aus der Wolle sprossen und dem kobaltblauen Schlund, der sich jedes Mal auftat, sobald der Daumen die Socke nach unten zog, machte das Sockengesicht einen unwiderstehlich komischen Eindruck.

Harlan schaute in die andere Richtung, als die Socke loslegte. „Hör mal zu, du. Du willst Arzt sein und hast noch nicht einmal Smaaaarties für Peter?“ Die Socke hatte eine schwer verständliche Quengelstimme. Sie erinnerte an eine Mischung der Figuren aus den Simpsons, den Muppets und American Dad. „Noch nicht einmal ein kleines Smaaartie für den braven Peter?“ Der Patient des Kinderarztes Harlan Bale schaute fasziniert auf das Sockengesicht, das mit blauer Zunge und auf und ab hüpfenden Haaren immer wieder auffordernd in das linke Ohr des Kinderarztes hinein blökte. „Du kaust ja noch“, beschuldigte ihn die Socke.

Harlan blickte schuldbewusst nach unten. Er war entlarvt. Seine eigene Sprechsocke hatte ihn entlarvt. Harlan legte das Stethoskop beiseite, das bei seinem kleinen Patienten Ängste und einen Schreikrampf ausgelöst hatte. Er hatte völlig vergessen, dass er Peter untersuchen wollte. „Los, entschuldige dich!“ Die Socke hüpfte aufgeregt vor seinem Gesicht auf und ab. „Entschuldigen, entschuldigen“. Die Socke verfiel in einen Singsang und schmiegte sich eng an Peters Wange. Vor der Socke hatte Peter keine Angst. Socken waren keine Stethoskope, die sich eiskalt auf der Haut anfühlten und verlangten, dass man einatmete, bis alles wehtat und dann ganz lange nicht mehr ausatmete.

Harlan entschuldigte sich in kleinlautem Ton und mit rotem Gesicht. Peter nickte gnädig. Fast hätte er vergessen, sich von den bunten Smarties zu nehmen, die plötzlich in der geöffneten rechten Hand des Arztes lagen.

Das Sockengesicht und Peter begannen ein kleines Ritual. Es war ein Freundschaftsritual. Blutsbrüderschaft, nur ohne Blut. Dafür fütterte Peter das Sockengesicht mit Smarties. Die Socke brachte Peter den geheimen Spruch bei. Der Spruch war so geheim, dass sich Peter ganz nach unten beugen musste, dorthin, wo Sockengesicht auf ihn wartete. Das ganze Ritual war natürlich sehr kompliziert. Es bestand aus viel mehr als dem Spruch. Man musste klopfen, riechen, schmecken und große Augen machen. Dann kam die entscheidende Stelle. Man musste die Augen schließen und ganz langsam atmen. Ein und aus, so wie Socke es sagte. Manchmal musste man die Luft anhalten und dann ging es weiter. Man musste auch ein Held sein, versteht sich. Es würde auf dem Rücken kalt werden, verriet Socke und mahnte, dass nur Männer mit Mumm diesen Teil unbeschadet überstanden und auch nur dann, wenn sie die ganze Zeit eisern schwiegen. Ein Quieken, ein Zucken, eine falsche Bewegung und alles war vorbei. Der Einlass zum Geheimbund wäre geschlossen bis zum nächsten Mal.

Peter nickte eifrig. Den Kinderarzt hatte er vollkommen vergessen. Er war ein Patient wie aus dem Bilderbuch. Tapfer, zäh und hart zu sich selbst. Harlan Bale rief Socke nach der Untersuchung des Kleinen zu sich. Socke verabschiedete sich artig von Peter, nicht ohne ihm die Plakette des geheimsten Geheimbundes aller Geheimbünde an sein T-Shirt zu heften. Peters Wangen waren vor Aufregung gerötet. Er zappelte herum und konnte es nicht abwarten, seiner Mutter all die überstandenen Abenteuer zu erzählen, die sich in dem Zimmer voller Plüschtiere, Kinderzeichnungen und Spielzeuge ereignet hatten.

Harlan lächelte zufrieden, als er Socke in seinem Kittel verstaute. Er schrieb einen Sirup gegen den Husten auf und machte sich auf den Weg zum Wartezimmer.

Edith Bale wog den Baseball prüfend in der Hand. Sie war sich nicht sicher, ob sie eine Kostbarkeit in der Hand hielt oder ein ganz normales Spielgerät. Hätte der Ball zwischen den wulstigen roten Nähten Unterschriften von Spielern der Brewers getragen, wäre die Sache klar gewesen. Baseballausrüstungen mit Unterschriften waren verehrungswürdige Reliquien. Vitrinenware. Sie würde später Harlan fragen, ob der Ball bei ihrem Privatflohmarkt zum Einsatz kommen durfte.

Edith fuhr sich über die verschwitzte Stirn. Sie war schon mehr als fünf Stunden mit dem Aussortieren beschäftigt und noch war kein Ende in Sicht. Zeit für einen Kaffee. Wie immer hatte Harlan versprochen, all die Dinge, die er im Verlauf eines Jahres angeschleppt hatte, auch selbst für den Garage Sale zu sortieren. Wie immer war im letzten Moment Edith eingesprungen, weil Harlan sich nicht von seinen kleinen Patienten trennen konnte. Harlan war selbst ein kleiner Junge geblieben, für den Bauklötzchen zu Autos wurden und Federbälle zu Raumkapseln, sobald er seinen Arztkittel anzog und sich mit den Kindern kurzschloss. Das machte Harlan zu einem beliebten Kinderarzt. Er kommunizierte auf eine geheimnisvolle Weise mit den Kleinen und leitete schon damit den Gesundungsprozess ein.

Auf der anderen Seite brauchte eine Ehefrau viel Geduld mit einem Mann wie Harlan, der sich Projekte und Patienten auflud und den Rest Edith überließ, die dafür sorgte, dass das Backsteinhaus am Milwaukee River nicht im Chaos versank.

Für den Garage Sale hatte Edith alle Kuriositäten, Kostbarkeiten und Gebrauchsgegenstände, die Harlan auf seinen Beutefahrten zusammengetragen hatte, sortiert, mit Preisschildern versehen und den unbrauchbaren Rest abholen lassen. Sie hatte Brownies gebacken und Limonade angesetzte, dieses Jahr mit einem Schuss Ingwer, weil die Luft im Osten Wisconsins schon rau und kühl wurde. Edith war eine praktische Frau, die in all den Jahren nie ihre Frisur oder ihre Überzeugungen gewechselt hatte. Manchmal, wenn Harlan nach Hause kam, umarmte er Edith und ließ seinen besten Freund Sockengesicht sagen, dass es ihnen unerträglich gut ging – ihm mit ihr und ihr mit ihm. Sockengesicht lenkte dabei Edith mit seinen Faxen ab und Harlan zauberte eine kleine Überraschung auf den Küchentisch. Wenn Edith verblüfft und gerührt fragte, wie er denn erraten habe, dass sie von genau diesem Ring mit dem australischen Opal geträumt habe, blies Harlan bedeutsam die Wangen auf und deutete verstohlen auf Sockengesicht, das feixend in der Luft hing. Solche Momente festigten das Band zwischen den beiden und gaben Edith die Energie für den Alltag. ,Vorwärts‘ war der Wahlspruch von Wisconsin und ,Vorwärts‘ war auch das Motto von Edith, die ihr Leben an der Seite von Harlan Bale, dem Kinderarzt, noch keinen Moment bereut hatte.

Die Bales waren überall zu finden, wo es um Nachbarschaftshilfe und ehrenamtliches Engagement ging. Sie wollten es so. Beim ,Irish Fest‘ mit seinen keltischen Bands und artistischen Tanzvorführungen, stand Edith hinter ihrem Stand und buk Apfelringe mit Zimt für den guten Zweck. Harlan schüttelte Hände und verkaufte Lose der Kirchengemeinde. Die Tombola war beliebt und wenn Kassensturz gemacht wurde, stellte sich immer heraus, dass Harlan und Sockengesicht das beste Verkaufsteam waren, das man haben konnte.

Der Badger State Wisconsin hatte einen unnachahmlichen Charme, der von den Flüssen und Seen, dem Hochland und den Wäldern nach Milwaukee hineingetragen wurde. Die Menschen waren authentisch und optimistisch. Milwaukee war eine Stadt für Biertrinker und Arbeiter, die ein gutes und ehrliches Leben zu schätzen wussten. Die Basketball Arena der Bucks war eine Pilgerstätte und ebenso die Baseball Grounds der Brewers. Die Footballfreaks machten sich auf ins nahe Green Bay, um den Packers beizustehen. Milwaukee vertraute auf seine eigene Kraft und eine tief verwurzelte Tradition aus Initiative, Glaube und Mitgefühl.

Edith hatte recht behalten. Harlan war mit gebackenen Hähnchen und Süßkartoffelauflauf nach Hause gekommen, ein entschuldigendes Lächeln auf seinem Gesicht.

„Wenn ich dich nicht hätte“, flüsterte er Edith ins Ohr, als er die Armada von Flohmarktartikeln inspizierte, die am nächsten Morgen der Initiative ,Kinderhilfe‘ mindestens 500 Dollar einbringen sollte. Harlan schnappte sich noch eine Handvoll Brownies und machte sich auf in seine ,Giftküche‘ im Keller des Hauses. Hier bastelte und werkelte Harlan an neuen Handpuppen, reparierte Spielzeuge für Kinder und arbeitete Möbel für Wohltätigkeitsbasare auf.

Edith wusste, dass sie ihn nicht stören durfte. Harlan hatte ein Geheimprojekt für den morgigen Nachmittag geplant. Den Nachmittag im Cathedral Park. Der große Drachenflugwettbewerb stand bevor. Es würde eine neue Kategorie geben – unbemannte Drohnen. Im Keller wartete ein nagelneuer Funk Quadrocopter H 107 mit 6-Achsen-Flugsteuerung samt Kamera.

,Eine Kunstflugmaschine‘ hatte Harlan geraunt und dabei ein Gesicht gemacht, das selbst die Mimik der Sprechsocke in den Schatten stellte. „Natürlich habe ich mir eine Reihe Modifikationen ausgedacht und einen tollen Plan dazu“. Harlan sprudelte geradezu über vor Enthusiasmus. Edith wäre es nie in den Sinn gekommen, den kleinen Jungen in dem großen Jungen zu bremsen. Sie hörte belustigt zu. Der Plan war, dass der Copter auf ein elektronisches Signal hin Hunderte goldener Flitterherzen, die in Säckchen angehängt waren, dem Wind überantworten würde. Zehn der Flitter hatte Harlan mit einem QR-Code bedrucken lassen. Sie waren der Hauptgewinn und berechtigten zum freien Eintritt zu einem Heimspiel der Brewers. Der Baseballclub hatte zusätzlich eine hübsche Summe für die Stiftung ,Kinder in Not‘ gespendet. Die Werbung für eine Aktion der Brewers im Cathedral Park war angelaufen. Niemand wusste etwas Genaues, aber die Stadt schätzte, dass sich Zehntausende das Event nicht entgehen lassen wollten.

Die Baumgruppen trugen die Farbpalette des Herbstes zur Schau. Von zartgelb bis flammendrot wölbten sich die Blätterdächer. Ein frischer Wind aus dem Norden war aufgekommen. Das Drachensteigen konnte beginnen. Edith war nervös, als sie die anmutig rasanten Tänze der Lenkdrachen beobachtete. Tausende Augenpaare starrten zum Himmel und Applaus brach los, wenn ein waghalsiges Manöver nach dem anderen glückte. Ediths Nervosität war leicht zu verstehen. Harlan hatte sich beim häuslichen Flohmarkt mehr als üblich engagiert. Er hatte sogar darauf bestanden, kurz nach dem Frühstück Flyer in der Nachbarschaft zu verteilen. Viele Freunde hatten ihr Kommen zugesagt und Wort gehalten. Harlan hatte agiert wie ein Marktschreier. Socke pries an, Harlan verkaufte. Für jedes Ding hatte er eine Geschichte parat. Socke versprach Wunderdinge und Harlan kassierte. Die Menschentraube vor der Garage der Bales wurde erst kleiner, als die Mittagszeit näher rückte. Sie hatten fast alles verkauft.

Der Anruf kam zur Unzeit. Harlan war nicht in Bereitschaft, aber ein Kollege hatte sich bei der Gartenarbeit so schwer verletzt, dass er ein Kind mit einer Verätzung nicht behandeln konnte. Harlan war der letzte Ausweg.

„Es ist ganz einfach. Rechts, links, oben und unten. Und dann den roten Knopf drücken. Der Rest geht automatisch“. Behutsam erklärte Harlan Edith, wie sie den futuristisch aussehenden Copter zu steuern hatte. Er war voll bestückt und funktionsfähig. „Wenn der Sprecher der Brewers über das Mikrofon das Zeichen gibt, dann den roten Knopf drücken“, schärfte Harlan Edith ein, bevor er zu seinem Patienten fuhr. Mehr Zeit blieb nicht.

Edith hätte sich keine Sorgen machen müssen. Mit angehaltenem Atem brachte sie das Fluggerät schwankend in die Höhe, bis es über allen Köpfen schwebte. Harlan hatte nicht übertrieben. Jedes Kind konnte das Gerät bedienen. „Viel Glück“, wünschte die Mikrofonstimme der andächtig schweigenden Menge. Dann brach Jubel los, als eine lange Spur goldener Herzen im Wind zu Boden taumelte. Die Sprühvorrichtung hatte ebenfalls ihre Pflicht getan. Sie war von Harlan akribisch unter Laborbedingungen präpariert worden. Milzbrandsporen wirbelten unsichtbar durch die Luft. Der Tod verbreitete sich schnell.

Schon am nächsten Tag zeigten sich erste Symptome. Später wurden die Arztpraxen und Kliniken mit Patienten überflutet, die unter Starkhusten, Fieber und Atembeschwerden litten. Die ersten Todesfälle traten nach drei Tagen ein. Edith war unter den ersten Opfern. Zuvor hatte sie verzweifelt nach Harlan gesucht. Niemand schien ihn gesehen zu haben. Er war wie vom Erdboden verschluckt.

Kapitel 8

Die Welt schien aus den Fugen geraten zu sein.

,Anthrax‘ titelten die Gazetten. Kurz nach dem verheerenden Anschlag auf London, der die Finanzmärkte mit in den Abgrund gerissen hatte, ein bioterroristischer Angriff in den USA.

Die Börsen reagierten mit erneuter Panik. Hunderte Milliarden Dollar an Buchwerten wurden in Sekunden vernichtet. Die Börsen in Hongkong, Frankfurt und New York setzten den Handel auf unbestimmte Zeit aus. Unternehmen kollabierten wie Kartenhäuser. Die Zentralbanken verständigten sich in einer konzertierten Aktion darauf, für einen Zeitraum von drei Monaten Anleihen und Aktien aufzukaufen, um die Lage zu stabilisieren. Das Menetekel einer globalen Bedrohung hing über der zivilisierten Welt und die Welt reagierte kopflos.

Erste Ermittlungsergebnisse in London sprachen von einem großflächigen Blackout als Ursache für die Flugzeugabstürze, die weite Teile Londons verwüstet hatten. Experten erläuterten in Sondersendungen des Fernsehens, dass Störfelder mit enormen Feldstärken nötig wären, um einen derartigen elektromagnetischen Puls zu erzeugen. Immer wieder wurden die Bilder der aus dem Himmel stürzenden Flugzeuge zusammengeschnitten, die Amateurfilmer zur Verfügung gestellt hatten. Brennende Schneisen der Verwüstung in friedlichen Vororten, schwarze Rauchsäulen und überall Körper, die notdürftig verpixelt waren. Weitere Informationen wurden zurückgehalten, um die Ermittlungen nicht zu gefährden. So erklärte es ein sichtlich schockierter Premierminister in einer Ansprache die Briten.

Auch in den USA wandte sich der amerikanische Präsident zur besten Nachrichtenzeit an die Nation. Er machte einen entschlossenen Eindruck. Entschlossen wie die ganze Nation. Niemals würden sich die USA beugen. Man werde den hinterhältigen Angriff mit Milzbranderregern auf die unschuldige Stadtbevölkerung Milwaukees mit aller Härte beantworten. Niemand dürfe die Stärke der USA unterschätzen.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen kam zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen. Wirtschafts- und Militärbündnisse rangen um eine Antwort auf die ungeheuerlichen Vorgänge. Rechtspopulistische Kreise forderten die Bildung von Bürgerwehren und die Wiedereinführung der Todesstrafe. Medien ohne Wahrheitsanspruch verbreiteten Meldungen, die von Angriffen durch Aliens, von Vertuschungen durch höchste Regierungskreise und von islamistischen Terrorzellen im Herzen der westlichen Demokratie berichteten. Russland und China boten Hilfe an. Es war ihnen daran gelegen, nicht in ernsthaften Verdacht zu geraten. Die arabischen Staaten protestierten. Sie sahen sich an den Pranger gestellt und fürchteten um die Zukunft ihres Wohlstandes, der durch die globalen Turbulenzen ohnehin gefährdet war.

Wirtschaftsweise beklagten das Versagen der Politik in einem Jahrhundert, das der Menschheit so viele Chancen präsentiert hatte wie nie zuvor. Die Politik habe keine glaubwürdigen Antworten auf die Herausforderungen der Gegenwart, dozierte ein resigniert wirkender Forscher. Man brauche dringend neue Lösungen. Die Gesellschaften seien in sich tief gespalten. Diese Risse gelte es zu kitten. Die Anschläge zeigten, dass keine Zeit mehr für Debatten sei. Die Uhr sei auf eine Minute vor zwölf vorgerückt.

In Genf schaltete ein unauffälliger älterer Herr im ,Le Richemond‘ den Nachrichtenkanal aus. Er hatte in den letzten Tagen viel zu tun gehabt. Die Mühe hatte sich ausgezahlt. Sie tappten im Dunkeln. Zufrieden sah er auf den Bildschirm seines Laptops, auf dem die Analysen dechiffriert wurden. Die Geheimdienste schwärmten aus wie Ameisen und sammelten ein, was als verdächtig gelten konnte. Niemand hatte etwas kommen sehen. Das würde sie erschrecken. Noch erschrockener würden sie sein, wenn sie sich durch den Wust von Festnahmen und Informationen gekämpft hatten und die Analytiker keine Strategie präsentieren konnten.

Hans Rudy sah auf die Uhr. Die Stichworte waren gegeben, die Kontakte erneuert. Er hatte Anweisungen erhalten. Der Zug nach Wien ging in zwei Stunden.

Kapitel 9

Der Fährbetrieb war fast zum Erliegen gekommen. Überall flimmerten die Ereignisse aus London über die Bildschirme. Hunderte Passagiere schoben sich in quälend langsamem Tempo vorwärts. Die Fahrt bis Le Havre war ereignislos geblieben, aber jetzt hatte das Weltgeschehen die Reisenden nach Irland eingeholt.

,London brennt‘ war die rote Balkenüberschrift des Livetickers. Darunter Bilderfolgen, die nicht real wirkten. Susanne konnte die murrenden Familien verstehen, die erschöpfte Kinder vertrösteten und hätte sich selbst gerne über die mangelnde Kommunikation der Behörden beschwert. Wie ein undurchdringlicher Kordon standen Grenzpolizisten im Abfertigungsbereich des Fährhafens von Le Havre und durchsuchten mit unbewegten Mienen das Gepäck der Passagiere. Auf Fragen reagierten sie mit einem unwilligen Kopfschütteln. Sie schienen klare Anweisungen erhalten zu haben. Schwenkbare Kameras erfassten jede Einzelheit.

„Und das mitten in Europa. Einem Europa ohne Grenzen“, echauffierte sich eine Frau, die ein weinendes Mädchen auf ihrem Arm trug.

Es war Susanne nicht klar, was sie suchten. Gefälschte Papiere vielleicht oder gefährliche Gegenstände. Sie machte sich bereit, ihre Segeltuschtasche zu öffnen. Wortlos hielt sie dem Beamten ihre Papiere entgegen, als sie an der Reihe war.

„Susanne Leqlerc?“ Der Beamte hatte ein freundliches Gesicht und neugierige Augen. „Aus Brüssel?“ Sie bejahte. Der Grenzer senkte den Blick und tippte eine Personenabfrage in seinen Laptop. „Und sie kommen jetzt direkt aus Brüssel?“ Susanne nickte. Das war ihre erste Lüge. Der Mann schaute auf den Bildschirm. Ein kleines Geräusch ertönte. „Was ist in dieser Kartonrolle?“ Der Beamte hielt ihr Ausweis und Ticket hin. „Die Kopie eines Landschaftsgemäldes von Turner“ antwortete Susanne und machte sich auf weitere Fragen gefasst. Von hinten drängelte eine Familie mit übergewichtigen Kindern heran. Aus der rechten Warteschlange wurde ein Jugendlicher im Polizeigriff abgeführt, weil er eine Wasserpistole gezogen hatte. Die Fernseher an der Stirnwand der Halle zeigten verstörende Bilder von brennenden Gebäuden. „Sind Sie Malerin?“ Der Beamte hatte mit routinierten Griffen ihre Habseligkeiten durchsucht. Abermals bejahte Susanne und fügte erklärend hinzu, dass sie in Irland eine Reihe Zeichnungen im Stil Turners anfertigen wolle. Das war ihre zweite Lüge.

Auf der Fähre schloss Susanne die Augen. Es war alles so gekommen, wie es angekündigt war. Die Papiere hielten einer Überprüfung stand. Es war eine kluge Idee gewesen, den Weg von England nach Frankreich über den Eurotunnel zu wählen, bevor die Ereignisse ihren Lauf nahmen und in Paris das Auto und das Gepäck zu wechseln. Für alles war vorgesorgt gewesen. Susanne atmete tief durch. Ein Kaffee würde guttun.

Auf dem Weg zur Cafeteria spiegelte ein blank gewienerter Stahltresen das Konterfei der Kunstmalerin Susanne Leqlerc zurück. Susanne erkannte in der modebewussten Dame mit der sportlichen blonden Pferdeschwanzfrisur die hausbackene, schwerhüftige Rose nicht wieder. Make-up, Perücke und Accessoires hatten aus ihr eine andere Person gemacht.

Man hatte ihr versichert, dass nicht nach ihr gesucht werden würde. Die Auswertung der Videoaufzeichnungen vom Flughafen werde erfolglos bleiben, weil die Aufnahmen der fraglichen Nacht aus unerfindlichen Gründen unbrauchbar seien. Susanne trank ihren Kaffee an Deck und genoss den Fahrtwind. In einigen Stunden würde sie die Lichter von Dun Laoghaire sehen. Ihre alte Wohnung würde dank der Zeitschaltuhren und des deponierten Kerosins fast zeitgleich mit den ersten Flugzeugabstürzen in Flammen aufgegangen sein. Mit der Wohnung war auch ihre Vergangenheit verbrannt und Susanne war auferstanden. Der Wohnungsbrand würde im allgemeinen Chaos den Abstürzen zugerechnet werden und Rose auf die Vermisstenliste kommen, die fast so lang war, wie die Liste der Opfer. Ihre Familie würde den Verlust verschmerzen. Sie waren schon lange selbstständige Planeten in einem weit entfernten Universum.

Susanne tastete nach dem Satellitentelefon neuester Machart. Sie hatte es für den Grenzbeamten an und wieder ausmachen müssen. Selbst im ausgeschalteten Zustand sandte es Signale, die aufmerksam registriert wurden. Susanne machte sich darum keine Gedanken. Sie wollte noch ein wenig Schlaf finden, bevor sie die Fahrt über Wexford und Waterford nach Tramore mit dem Mietwagen fortsetzte. Von Tramore hatte sie bislang nur Bilder gesehen. Ein endlos langer Strand und das gewaltige Meer vor einer Kulisse aus Grün und geduckten Häuserreihen. Ein Paradies für Landschaftsmaler. Vielleicht würde sie wirklich malen, bevor sie neue Instruktionen erhielt. Susanne gähnte.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
281 str. 3 ilustracji
ISBN:
9783942672504
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

Podobne książki