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Die Schülerrepublik im Schloss Reichenau
Inhalt
EINLEITUNG
Die Bedeutung des Seminars Reichenau aus heutiger Sicht
Die Herrschaft Reichenau und ihr Schloss
Quellenlage und Literatur
GESCHICHTE DER HERRSCHAFT UND DES SCHLOSSES REICHENAU
Das Schloss Reichenau im Lauf der Jahrhunderte
Akteure beim Kauf der Herrschaft Reichenau
Einteilung der Aufgaben unter den Eigentümern
Inventur
DAS SEMINAR REICHENAU
Tscharner, die Gründerpersönlichkeit
Vorläufer des Seminars
Der Pädagoge Nesemann und das Seminar Haldenstein
Vorkehrungen für die Aufnahme des Schulbetriebs in Reichenau
Zurückhaltende Propaganda
Eröffnung ohne Pomp
Lehrer und Schüler
Ein geheimnisvoller Fremder
Schüleralltag
SCHLECHTE ZEITEN FÜR EINE SCHULE
Pädagogik in Kriegszeiten
Spielerischer Unterricht
Eine Schulgründung nach der Französischen Revolution
Probleme im Seminar Reichenau
Vorläufige Schliessung des Schulbetriebs
Idee einer Landesschule
DER NEUBEGINN VON 1795
Umbruchphase
Sommerreise ins Engadin
Intervention des Fürstbischofs
Austausch der Lehrer
Reichenau und der Stäfner Handel
Zögerliche Eltern
Der Basler Unternehmer Johann Lukas Legrand
ERZIEHUNG ZUM BÜRGER
Pädagogische Pläne
Traum einer nationalen Erziehung
Geschichtsunterricht und politische Bildung
Ein Kranz von Fächern
Selbstauferlegte Disziplin
EIN NEUER DIREKTOR
Das Jahr 1796
Heinrich Zschokke
Neuerungen im Seminar
Das Schülertribunal
Tätigkeit des Sittengerichts
Zschokke wird hingehalten
Übernahme des Seminars
DIE BEIDEN LETZTEN JAHRE
Aufblühen des Seminars
Zschokke richtet sich ein
Geselligkeit in Reichenau
Projekt eines theologischen Instituts
Lehrmittel für Schulen
Die drei ewigen Bünde im hohen Rätien
SCHLIESSUNG DES SEMINARS
Ökonomische Sorgen
Politische Ereignisse
Liquidation
Auf der Flucht
EPILOG
Zukunft der Herrschaft Reichenau
Tscharners Träumereien
ANHANG
Einleitung
DIE BEDEUTUNG DES SEMINARS REICHENAU AUS HEUTIGER SICHT
Vor 250 Jahren richteten sich die Augen vieler gebildeter, fortschrittlich gesinnter Eidgenossen auf den kleinen Freistaat Gemeiner Drei Bünde an der südöstlichen Grenze der Eidgenossenschaft, genauer nach Haldenstein, wo ein Wunsch in Erfüllung zu gehen schien, den die Helvetische Gesellschaft seit ihrer Gründung im Jahr 1762 gehegt hatte: die Förderung des Bürgersinns unter jungen Schweizern. Vielen Mitgliedern dieses patriotischen Vereins war bewusst, dass das künftige Staatswohl in der Hand der Jugend lag, dass diese Jugend aber zuerst selber staatsmännisch erzogen werden musste, bevor sie die Schweiz im Sinne der Reformer umgestalten konnte.
Die Eidgenossenschaft der dreizehn Orte blickte auf eine ruhmreiche Vergangenheit zurück, die bei jeder Gelegenheit aufs Neue beschworen wurde, aber sie war innerlich erstarrt und zu keiner grundlegenden politischen Veränderung mehr fähig. Zerrissen im Kampf rivalisierender Kräfte und Konfessionen wachten Altgesinnte und Ewiggestrige darüber, dass kein Neuerer die bewährte Politik und ihre Institutionen kritisierte oder die Vormachtstellung herrschender Familien angriff. Die Verfolgung und Bestrafung solcher Ruhestörer blockierte während des 18. Jahrhunderts dringend notwendige Veränderungen und hätte beinahe die Helvetische Gesellschaft in den Abgrund gerissen, die an ihren jährlichen Tagungen in Schinznach Bad das Bild einer erneuerten Schweiz entwarf.
Überraschend trat im Mai 1766 der Bündner Pfarrer Martin Planta vor die Versammlung und schilderte ein Experiment im Schloss Haldenstein, das weitherum seinesgleichen suchte. Die Mitglieder und Gäste lauschten gebannt seinen Ausführungen zu einer Privatschule, in der Bürgertugenden, Gemeinschaftsgeist und Gerechtigkeitssinn gelehrt und praktisch geübt wurden. Nicht zufällig konnte eine solche Schule gerade in Bünden entstehen, wo die (männliche) Jugend von alters her, im Elternhaus, bei dörflichen Veranstaltungen und in Knabenschaften, ans Politisieren gewöhnt war. Im Seminar Haldenstein erhielten die Schüler politische Aufgaben und Führungsfunktionen übertragen, die man der antiken römischen Republik entnahm. Die Wahl in diese Ämter erfolgte auf demokratischem Wege, und die Inaugurations- und Abtrittsreden wurden, wie es in Bünden Brauch war, ebenfalls von den Amtsträgern gehalten. Zahlreiche Staatsmänner erhielten hier ihr Rüstzeug für ihre politische Laufbahn. Wenige Jahre darauf starb Martin Planta; das Seminar zog ins Schloss Marschlins und wurde nach dem Willen des Schlossherrn Ulysses von Salis-Marschlins auf die philanthropischen Ideen Joachim Basedows ausgerichtet, eines damals viel beachteten deutschen Pädagogen, geriet bald ins Trudeln und stürzte 1776 ganz ab.
Nach der Französischen Revolution, in einer politisch hochbrisanten Zeit, wurde in Reichenau die Schule wieder eröffnet, interkonfessionell, vielsprachig und mit Schülern aus dem In- und Ausland. Man erteilte Unterricht in modernen Sprachen, theoretischen und praktischen Fächern, erzog ganzheitlich, zu Toleranz und demokratischem Verhalten und erklärte sich zur Schülerrepublik.
Der Politiker Johann Baptista von Tscharner, Gründer und Kurator des Seminars Reichenau, verpflichtete Johann Peter Nesemann, einen der beiden ehemaligen Direktoren von Haldenstein, zum Schulleiter und richtete die Ausbildung auf künftige Gutsbesitzer, Kaufleute, Politiker und Akademiker aus. Er hoffte, mit dem Schulinternat einflussreichen Bündner Familien eine Alternative zu den damals üblichen Privatlehrern zu bieten. Leider fand auch das Seminar Reichenau nach einigen Jahren ein Ende, als der Zweite Koalitionskrieg der europäischen Grossmächte über die Schweiz und Bünden hereinbrach und die Bevölkerung in zwei feindliche Lager spaltete.
Wenn ich mir nur vorgenommen hätte, eine Studie zum Seminar Reichenau zu schreiben, würde das eine Publikation dieses Umfangs kaum rechtfertigen. Erstens ist es aber mein Anliegen, auch die Vorgänger des Seminars in Haldenstein, Marschlins und Jenins vorzustellen und pädagogikgeschichtlich zu verorten, zweitens möchte ich die politische Geschichte und die Kulturgeschichte Graubündens jener Zeit darstellen und drittens die besondere Situation Reichenaus in historischer, politischer, verkehrstechnischer und ökonomischer Hinsicht aufzeigen. Das Schloss Reichenau stand durch seine Position immer wieder im Brennpunkt politischer Ereignisse und spielte zugleich eine wichtige Rolle im Transportwesen und Handel über die Bündner Pässe.
Johann Baptista von Tscharner – Initiator des Seminars, Miteigentümer der Herrschaft und des Schlosses – machte immer wieder Pläne für Reichenau: Bald sah er es als eine eigenständige Republik, einen Idealstaat, bald als ein wirtschaftliches und kulturelles Zentrum mit Fabriken, Werkstätten und Künsten, ein anderes Mal erträumte er sich Reichenau als Hafenstadt an einer europäischen Wasserstrasse, die von der Nordsee bis nach Italien reichte. Im Tscharner-Archiv, das sich im Staatsarchiv des Kantons Graubünden befindet, schlummert eine Fülle von Material mit allerlei Notizen, Entwürfen und Träumen Tscharners, das nach verschiedenen Richtungen zu durchschiffen und zu durchkreuzen sich lohnt.
DIE HERRSCHAFT REICHENAU UND IHR SCHLOSS
Für unser Thema von Bedeutung ist die Lage von Reichenau am Zusammenfluss des Vorder- und Hinterrheins, am Kreuzungspunkt der Transitwege von Uri über den Oberalppass und von Italien über den San Bernardino- und Splügenpass nordwärts. In Reichenau war es seit dem Mittelalter möglich, auf zwei soliden Brücken die beiden Rheine zu überqueren und Güter und Menschen auf der Strasse nach Chur oder mit Holzflössen bis zum Bodensee zu transportieren. Dadurch wurde Reichenau zu einem bedeutenden Handels-, Zoll- und Warenumschlagsplatz mit Gast- und Zollhaus, Schreibstube, einem Laden, Metzger, Bäcker und Handwerksbetrieben, wo man das Notwendige für eine Reise einkaufen, herrichten und reparieren lassen konnte. Die Gewerbebetriebe waren, anders als in Chur, keinem Zunftzwang unterworfen, was eine grössere Flexibilität bei der Ansiedlung erlaubte, soweit nicht Rechte der umliegenden Gemeinden Tamins und Bonaduz sie einschränkten.
Darüber hinaus war Reichenau eine Herrschaft, das heisst ein ursprünglich sich selbst verwaltender Adelssitz mit Untertanen (sogenannten Herrschaftsleuten), mit politischen und juristischen Privilegien, ja sogar mit dem Recht, Münzen zu schlagen, was dem Weiler mit dem Schloss und der Gemeinde Tamins eine gewisse Eigenständigkeit verlieh. Im Prinzip konnte Reichenau somit seine eigene Politik bestimmen. Das ist auch deshalb wichtig, weil auf Schloss Reichenau, zwei Gehstunden von Chur entfernt, Unterhandlungen stattfanden und Entscheidungen getroffen wurden, von denen man anderswo nichts wusste oder wissen durfte. Während zweieinhalb Jahren, seit April 1796, residierte ein französischer Botschafter auf Schloss Reichenau und ging dort seinen Geschäften nach, während sein österreichischer Kollege traditionsgemäss den Bischofssitz Chur als Standort benutzte. Dass dies nicht ohne Einfluss auf das Seminar Reichenau blieb, wird anhand von Beispielen sichtbar werden.
QUELLENLAGE UND LITERATUR
Über das Seminar Reichenau existiert noch keine eigenständige Schrift, welche die ganze Zeit seines Bestehens abdeckt. Man findet Beschreibungen in den Biografien über Johann Baptista von Tscharner (Alfred Rufer), Johann Peter Nesemann (Benedikt Hartmann) und Heinrich Zschokke (Carl Günther, Werner Ort). Alle Autoren stützen sich hauptsächlich auf den Nachlass Tscharner im Staatsarchiv Graubünden, der aber in dieser Hinsicht unvollständig ist und nur teilweise als objektiv betrachtet werden kann. Das liegt einmal an den Eigentumsverhältnissen der Herrschaft Reichenau, die 1792 von der Speditions- und Handelsfirma S. und J. B. Bavier in Chur und einer Privatperson gekauft worden war. Tscharner war seit 1788 Teilhaber dieser Firma. Als solcher, mit einem Anteil von einem Drittel, musste er sich den Beschlüssen der Mehrheit fügen. 1806 zog er sich daraus zurück und verkaufte seinen Anteil, was zur Folge hatte, dass die meisten Akten bei der Firma blieben, soweit sie nicht schon in den Kriegswirren verloren gegangen waren.
1808 wurde die Herrschaft an eine Bergbaugesellschaft veräussert, die von Reichenau aus den Abbau von Erzen betrieb, aber mangels Erfolg 1815 in Liquidation ging. 1819 gelangte das Schloss Reichenau in die Hand von Hauptmann Ulrich von Planta-Samaden, der es umfassend renovierte. Durch diese Transaktionen gingen ebenfalls Dokumente verloren; im Besitz von Tscharner blieben Abschriften, Entwürfe und Notizen, die oft nachträglich entstanden und subjektiv gefärbt sind. Gleichwohl erlauben manche von ihnen dank ihrer Unmittelbarkeit wertvolle Einblicke in Abläufe, Geschehnisse, Entscheidungsfindungen, in Schwierigkeiten und Streitfälle. Dies muss uns für die Lückenhaftigkeit der uns zur Verfügung stehenden Dokumente entschädigen.
Wir hätten gerne die Verträge und Sitzungsprotokolle der Eigentümer der Herrschaft Reichenau gekannt, die Abmachungen mit Lehrern und Angestellten, die Aufzeichnungen über Schüler, Stundenpläne, Korrespondenzen mit Eltern und Behörden, ökonomische Verzeichnisse, Haushalts- und Rechnungsbücher, Menüpläne, Auskünfte über die Benutzung und Herrichtung von Räumlichkeiten, über Vorfälle usw. Einiges lässt sich aus Briefen an Tscharner, aus dessen Notizen und aus verstreuten anderen Dokumenten rekonstruieren. Wir müssen uns aber stets bewusst werden, dass uns für wichtige Sachverhalte kaum gesicherte und eindeutige Dokumente vorliegen.
Es ist der Wunsch des Autors, das Schicksal des Seminars Reichenau möglichst farbig und anschaulich darzustellen, ohne Kompromisse bei der wissenschaftlichen Genauigkeit einzugehen. Ich werde mich eng an die Fakten halten und nach Möglichkeit die Quellen sprechen lassen, um dem Buch die notwendige Glaubwürdigkeit und Authentizität zu verleihen. Auf Spekulationen und einseitige Deutungen wird verzichtet und Interpretationen werden als solche gekennzeichnet. Um die Lesbarkeit zu verbessern, werden die Zitate zwar im Wortlaut, aber in modernisierter Orthografie und mit bereinigter Interpunktion wiedergegeben. Die Herkunft von Textstellen und Aussagen, die nicht vom Autor stammen, ist in den Endnoten vermerkt; Belege und Abschriften liegen in Kopie und/oder in elektronischer Form vor und werden dem Staatsarchiv des Kantons Graubünden übergeben.
Mein besonderer Dank gilt Thomas Pfisterer, Christian Rathgeb und Gian-Batista von Tscharner in Reichenau für die Ermutigung, dieses Projekt in Angriff zu nehmen, Marius Risi und Cordula Seger vom Institut für Kulturforschung Graubünden für die vorzügliche Betreuung, Peter Jäger, Cordula Seger und Bruno Meier für ihr Lektorat, dem Verlag Hier und Jetzt, dass er diesem Buch eine Heimat geboten hat, nicht zuletzt aber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Staatsarchive der Kantone Aargau und Graubünden, der entsprechenden Kantonsbibliotheken, dem Rätischen Museum in Chur und der Zentralbibliothek Zürich für die stets freundliche und kompetente Hilfe.
Geschichte der Herrschaft und des Schlosses Reichenau
DAS SCHLOSS REICHENAU IM LAUF DER JAHRHUNDERTE
Wendet man sich vom Bahnhof Reichenau-Tamins, der sich auf dem ehemaligen Zollboden befindet, nach Norden, so ist eine Autobahn zu überqueren, die sich hier ans Ufer des Rheins schmiegt, bevor man in die ältere Geschichte Reichenaus eintauchen kann. Links und rechts überqueren Brücken aus Stahlbeton und Eisen die beiden Rheinarme oder den bei Reichenau vereinten Rhein und zeugen noch heute von der Bedeutung dieses Ortes als Verkehrsknotenpunkt: zu den Bündner Pässen im Süden und Westen, den Strassen und Eisenbahnlinien in Richtung Chur und von dort nach Vorarlberg, ins schweizerische Mittelland und an den Bodensee.
Schon vor Jahrhunderten gab es in Reichenau Verbindungslinien in alle Himmelsrichtungen, die den Ort zur Drehscheibe machten, auch wenn es damals weniger eilig zu- und herging als heute. Eine Urkunde von 1399 erwähnt eine «Zollbrugg» über den Vorderrhein, 1 und 1424 taucht in einem Dokument eine «Brugg zu Rychenow» auf, die den früheren Übergang über den vereinigten Rhein, die Puntarsa bei Ems, ersetzte.2 Wann genau die Brücken erbaut wurden, wissen wir nicht, wohl aber, dass sie eine wichtige Rolle für den Verkehr der Ortschaften rechts und links des Rheins und des Bündner Oberlands mit Chur spielten und dass sie dem Import von Wein, Getreide oder Südfrüchten aus Italien und dem Veltlin nach Bünden und dem Transitverkehr zwischen der Eidgenossenschaft und dem deutschen Reich mit Italien dienten.
Tag und Nacht trafen damals Reiter, Saumpferde, Kutschen und Transportwägen in Reichenau ein, klapperten oder polterten über die beiden Holzbrücken und hielten beim Schloss an, um ihre Ware begutachten und verzollen zu lassen. Die einen fuhren gleich weiter, andere nutzten das Zollhaus, das zugleich Gasthaus und Herberge war, um sich auszuruhen. In der Schreinerei und der Schmiede, die seit dem 18. Jahrhundert hier angesiedelt waren, wurden Reparaturen an den Transportmitteln vorgenommen und im Schlossladen Vorräte oder sonstige für die Reise notwendige Gegenstände erworben. Zudem bestand Gelegenheit, Güter wie Wein, Reis und Tierfelle auf Flösse umzuladen und auf dem Rhein bis zum Bodensee zu verschiffen, ohne den schlecht erhaltenen, holprigen Strassen ausgeliefert zu sein.

1 — Friedrich Salathés romantische Sicht von der Farsch auf Reichenau und das Rheintal Richtung Chur, in Aquatinta gebracht von J. L. Bleuler. Erschien in der «Sammlung von Schweizer Ansichten in verschiedenen Zusammenstellungen» bei Locher in Zürich (um 1845).
Sämtliche Passanten mussten den Brückenzoll entrichten, sogar wenn sie weiter oben, bei Fürstenau, den Rhein passierten, die Reichenauer Brücken anderswo umgingen oder mit Flössen, die in Bonaduz beladen wurden, an Reichenau vorbeizogen. Der Zoll war ein Privileg der Herrschaft, die für den Bau und die Instandhaltung der Brücken und Wuhren (Dämme) verantwortlich war. Noch 1796 musste ein Zöllner, der zugleich Gastwirt und Güterverwalter war, die Abgabe, die auf einem ausgeklügelten Tarif beruhte, überwachen.3 Er geriet mehr als einmal in Bedrängnis, weil viele Reisende sich weigerten, den vollen Betrag oder auch nur einen Teil zu entrichten, und sich auf Ausnahmeregelungen beriefen.4 Dennoch soll der Brückenzoll damals jährlich gegen 1000 Gulden eingebracht haben, 5 die alle Kosten reichlich deckten, zumal die umliegenden Gemeinden für den Brückenbau gratis Holz liefern mussten.6 Erst 1849 wurde dieser Zoll abgeschafft, aber noch 1879 musste der Eigentümer des Schlosses für den Unterhalt sorgen, gegen eine kleine Entschädigung des Kantons, obwohl die Brücken längst schon Teil des öffentlichen Strassennetzes waren. 1880 verschwand dieser alte Zopf und damit das letzte der feudalen Herrschaftsrechte, das auch die Bürger der Nachbargemeinde Tamins einbezogen hatte.
Ehedem bildete Reichenau einen Teil der Herrschaft Hohentrins. Die Herren von Hohentrins waren nach dem Brückenschlag bestrebt, sich durch Gebühren für ihre Auslagen zu entschädigen, und errichteten eine Zollstätte. Als die Burg Trins 1470 abbrannte, zogen Herrschaft und Verwaltung nach Reichenau um.7 1583 wurde die Herrschaft von Rudolf von Schauenstein erworben und 1616 kaufte sich die Gemeinde Trin von ihr frei. Das Restgebilde, zu dem neben Reichenau noch die Gemeinde Tamins gehörte, erhielt jetzt den Namen Herrschaft Reichenau oder Reichenau-Tamins.
Vermutlich bestand vor 1570 in Reichenau nur ein Zollhaus, das, wie schon erwähnt, später zugleich als Gasthaus diente; ein herrschaftliches Schloss wurde wohl erst nach 1616 gebaut.8 1742 ging Reichenau an Johann Anton Buol (1710–1771) über, der sich fortan Buol-Schauenstein nannte. Nach seinem Tod erbte sein Neffe Johann Anton Baptista von Buol-Schauenstein (1729–1797) den Besitz. Am 5. März 1792 verkaufte er Schloss und Herrschaft dem bereits erwähnten Handelskonsortium Bavier in Chur.
Über das Motiv dieses Verkaufs gibt es verschiedene Vermutungen. Geldknappheit könnte eine Rolle gespielt haben. Es wird auch gesagt, Buol-Schauenstein habe befürchtet, «einer blinden Volkswut zum Opfer zu fallen, denn die Gedanken der französischen Revolution hatten auch schon in Graubünden Anklang gefunden».9 Solche Behauptungen sind mit Vorsicht aufzunehmen. Gegen eine akute Verschuldung des Schlossherrn spricht der Umstand, dass die Kaufsumme nicht auf einmal bezahlt, sondern, nach einer grösseren Anzahlung, in jährlichen Raten, auf zehn Jahre verteilt, fällig wurde.
Mit ebenso guter Berechtigung lässt sich auf die berufliche und familiäre Situation hinweisen: Buol-Schauenstein, ein Bündner aus Sumvitg, war Churer Domherr und wurde nach Aufgabe des geistlichen Standes österreichischer Gesandter im Freistaat Gemeiner Drei Bünde, ein Amt, das er von seinem Vater übernommen hatte. 1791 verlor er das Vertrauen der Habsburger, wurde im Juli entlassen und sollte durch den österreichischen Beamten Baron Anton von Cronthal ersetzt werden, 10 der aber noch nicht abkömmlich war. Also wurde Buol-Schauenstein Ende 1791 ad interim wieder mit seinem Amt betraut.11 Es ist einleuchtend, dass Wien angesichts des sich abzeichnenden Kriegs mit dem revolutionären Frankreich auf dem geografisch und politisch wichtigen Posten in Bünden einen Diplomaten ohne Loyalitätskonflikte und Eigeninteressen haben wollte.
Buol-Schauenstein, der im Kaufvertrag vom März 1792 noch als «Freiherr von Riet- und Strassberg, Herr von Reichenau und Tamins, kaiserlich-königlicher Kämmerer, wirklicher Geheimer Rat, ausserordentlicher Abgesandter und bevollmächtigter Minister bei der Republik der Drei Bünde» bezeichnet wurde, stand nun ohne Aufgabe und, was für ihn entscheidender war, ohne Macht da. Da er sich im 63. Lebensjahr befand, wollte er sich wohl der Verantwortung als Schloss-, Herrschafts- und Gutsbesitzer entledigen und anderswo ein Rentnerdasein führen. Dazu sollte ihm der Verkauf der Herrschaft verhelfen.
Zu seinem Entschluss, Reichenau zu verlassen, mochte auch der Umstand beigetragen haben, dass seine Ehefrau, eine geborene Gräfin von Sarntheim, und ihre gemeinsame Tochter Anna Maria beide 1791 in Reichenau gestorben waren. Die beiden Söhne – der eine hatte eine geistliche Laufbahn eingeschlagen, der andere stand als Beamter in österreichischen Diensten – waren gewiss nicht gewillt, im Elternhaus zu bleiben und Schuldner ihres Vaters zu werden oder um des Titels willen ein kostspieliges Schloss zu unterhalten, sich mit Verwaltungsaufgaben herumzuschlagen und in dauernden Reibereien mit den Taminsern zu leben, die zwar gern Forderungen stellten, aber ihre Pflichten als Untertanen nur widerwillig erfüllten.
Wie anderswo kam es auch in den Drei Bünden zu wachsenden Spannungen zwischen der adligen Herrschaft und den Gemeinden, die zwar ihre früheren Untertanengebiete waren, aber auf politischer Ebene grosse Macht ausübten, zu Entscheidungen im Gesamtstaat befragt werden mussten und neben dem Referendums- auch ein Initiativrecht besassen. Schon der Begriff Untertanen war für sie eine Beleidigung; er entsprach nicht ihrem Selbstverständnis als Bürger mit einem Mitspracherecht in Bundesfragen und auf höchster politischer Ebene. Dass das Verhältnis zwischen Schloss und Tamins kein einfaches war, zeigt folgendes Beispiel: Für die Inauguration des Thomas Franz Schauenstein im Jahr 1720 einigte man sich darauf, dass die Taminser ihren neuen Herrn als «hochwohledelgeborenen gnädigen Herrn» anzureden hatten und dieser die Obrigkeit von Tamins mit «wohlgeachtete, ehrenfeste, fürsichtige, insonders vielgeehrte Herren, meine lieben Freunde und getreuen Gemeindeleute».12 Es wollte also jeder als Herr bezeichnet werden, auch wenn es nur einen einzigen «Hochwohl-Edelgeborenen» gab.
Die Gemeinden konnten einem ortsansässigen Adligen das Bürgerrecht verwehren, wodurch er nicht einmal in lokalen Angelegenheiten mitbestimmen konnte, und in Gemeindeversammlungen zählte seine Stimme nicht mehr als die jedes einfachen Bürgers, Bauern, Hirten oder Knechts. Wollte der Herr die Unterstützung einer Gemeinde in Anspruch nehmen, etwa für die Wahl in ein Amt, so musste er den Bewohnern einen Zuber, Saum oder gar ein Fuder Wein ausgeben und die Gemeindeoberen mit einem Festessen und grosszügigen Geschenken günstig stimmen. Ohne solche Erkenntlichkeiten verlief kaum eine wichtige Wahl. Die landauf, landab geläufige aktive und passive Bestechung von Gemeindeoberen, Amtsträgern, Richtern und Syndikatoren, die Manipulation der öffentlichen Meinung, Rechtsbeugung, das Frisieren von Zahlen, Ausstreuen falscher Gerüchte, um den politischen Gegner zu schädigen, die geheimen Abkommen, um sich einen Vorteil zu verschaffen, die Entgegennahme und Weiterverteilung von Pensionen einer ausländischen Regierung und anderes mehr bezeichneten die Bündner schlicht als «Praktiken».
Wie begrenzt die Macht einer Herrschaft war, lässt sich anhand der Urkunden der Gemeinde Tamins zeigen: Bei jedem Herrschaftswechsel musste der neue Inhaber, wenn er den Huldigungseid entgegengenommen hatte, der Gemeinde versprechen, sie in ihren Rechten zu schützen. Beide Parteien stützten sich auf einen 1670 vereinbarten Vertrag (Spruchbrief), der unter anderem vorsah, dass auf Gemeindegebiet ohne Einwilligung von Tamins keine neuen Gebäude errichtet werden durften. Den Rechten der Gemeindemitglieder, etwa ihr Vieh im Frühling und Herbst zum Weiden auf Reichenauer Boden zu treiben, standen kaum noch Rechte der Herrschaft gegenüber. So konnte die Herrschaft zwar Vorschläge für die Bestallung eines Beamten oder Pfarrers machen. Ihn zu wählen, oblag aber der Gemeinde. Bei Uneinigkeit wurde ein unparteiisches Schiedsgericht angerufen, dessen Urteil sich beide Seiten beugen mussten.13
Der Rechtshistoriker Peter Liver beurteilt in seinem Aufsatz «Die staatliche Entwicklung im alten Graubünden» das Verhältnis von Herr und Untertanen so: «Die den Untertanen eingeräumten Rechte waren so umfassend, dass man mit Recht gesagt hat, als Privilegien müssten eigentlich nicht diese Rechte der Untertanen, sondern die wenigen Befugnisse der Herrschaft betrachtet werden.»14
Wie wenig Buol-Schauenstein die weitgehend erodierten Herrschaftsrechte noch bedeuteten, zeigt seine einzige Bedingung beim Verkauf der Herrschaft: dass der katholische Gottesdienst im Schloss weiterhin gewährleistet sein müsse. Bei der ausgehandelten Verkaufssumme wird er von dem Churer Speditions- und Handelshaus kaum einen Zuschlag für die einst prestigeträchtige Herrschaft – immerhin durfte man sich als Eigentümer mit einem Adelstitel schmücken – verlangt und erwartet haben. Es waren schwierige Zeiten für adlige Gutsbesitzer, deren Einkünfte hauptsächlich aus der Organisation von Söldnerdiensten und aus Bestechungsgeldern (Pensionen) fremder Mächte geflossen waren: Beide Quellen sprudelten nicht mehr so reichlich wie früher, und so wurde das Geld unter den führenden Bündner Familien knapp, die gern in einem bescheidenen Luxus lebten, ihr Vermögen aber zum grössten Teil in Grundbesitz investiert hatten.
AKTEURE BEIM KAUF DER HERRSCHAFT REICHENAU
Wenn Buol-Schauenstein 1792 mit 133 000 Gulden einen sehr hohen – manche behaupteten: übertrieben hohen – Preis erzielen konnte, so hatten die Käufer ökonomische und allenfalls politische Gründe dafür, die noch erläutert werden müssen. Es muss dem österreichischen Gesandten aber schwer gefallen sein, überhaupt einen Käufer für Schloss und Herrschaft zu finden, denn sonst hätte er sie nicht ausgerechnet an politische Gegner Habsburgs verkauft, an die mit der französischen Revolution offen sympathisierende Familie Bavier in Chur, deren Mitglieder zumeist der fortschrittlichen «Patriotenpartei» angehörten.15
Womöglich hätte Buol-Schauenstein vermögende Interessenten ausserhalb Bündens gefunden; der Verkauf wurde indes nicht öffentlich ausgeschrieben, und vielleicht fürchtete man schon damals einen «Ausverkauf der Heimat» mit unabsehbaren Folgen für das komplizierte Gleichgewicht des politischen und konfessionellen Gefüges. Graubünden – oder eben der Freistaat Gemeiner Drei Bünde – war bis 1803 noch kein Bestandteil, sondern ein zugewandter Ort der Eidgenossenschaft; einzig mit Zürich und Bern gab es einen Staatsvertrag, wobei hauptsächlich zum Stand Zürich starke persönliche und politische Bande bestanden. Leidvolle Erfahrung hatte man im Verlauf der Geschichte mit der Einmischung europäischer Grossmächte – namentlich Österreichs und Frankreichs – in die Bündner Politik gemacht, was aber ehrgeizige und auf reiche Pensionen spekulierende Bündner nicht daran hinderte, sich auf die eine oder andere Seite zu stellen.
Als Vermittler des Verkaufs diente offenbar der Oberländer Arzt und Politiker Georg Anton Vieli (1745–1830) aus Cumbel, 16 ein Katholik und seit 1777 österreichischer Gesandtschaftssekretär und Verwalter der Herrschaft Rhäzüns. Diese war seit 1696 direkt dem Kaiserhaus unterstellt und galt als wichtiger Stützpunkt Österreichs in den Drei Bünden. Vielis Vermittlerrolle liegt auf der Hand, war Buol-Schauenstein doch sein Vorgesetzter und Förderer; zudem beteiligte er sich am Kauf, indem er ein Viertel der Kaufsumme übernahm. Das Churer Speditions- und Handelshaus Simeon und Johann Baptist Bavier übernahm die anderen drei Viertel, wodurch Tscharner, seit 1787 stiller Teilhaber der Firma Bavier, wie Vieli Eigentümer eines Viertels wurde. Für die Abwicklung des Kaufs wurde Ende 1791 die Reichenauer Gesellschaft gegründet.17
Die Firma Bavier oder vielmehr ihre Vorgängerin taucht in der Geschichte des Handelsplatzes Chur im Jahr 1693 als schärfste Konkurrentin des damals bedeutendsten Handelshauses Massner auf, das sie 1701 erstmals überflügelte.18 Simeon Bavier (1664–1726) und sein Bruder Johann (1665–1713), die damaligen Direktoren, können nicht die Gründer der Firma gewesen sein, da sie für den Aufbau eines derartigen Handelshauses noch zu jung gewesen wären. Da solche Firmen in der Regel vom Vater auf den Sohn oder die Söhne übergingen, müssen wir noch mindestens eine Generation zurückgehen, um den eigentlichen Gründer zu finden: Ragett Bavier (1635–1691), Zunftmeister und Kirchenpfleger der Kirche St. Regula, war Vater der beiden Genannten und sechster Sohn des politisch einflussreichen Churer Bürgermeisters Johann Bavier.19 Auf diesen Ragett Bavier weist denn auch die Bezeichnung der Churer Handelshäuser und ihrer Direktoren in der Fronfastenrechnung von Chur zwischen 1692 und 1717 hin.20
Alle Abkömmlinge von Bürgermeister Johann Bavier durften ihrem Nachnamen ein «von» voranstellen, weil der deutsche Kaiser einem ihrer Vorfahren für seine Verdienste 1610 den Adels- und Wappenbrief verliehen hatte. Es war durchaus üblich, dass Bündner Politiker, auch solche, die dem Dienstadel entstammten, sich als Unternehmer oder Teilhaber im wichtigen und lukrativen Transithandel oder beim Erwerb von Ämtern in den Untertanengebieten betätigten. Dank ihres Status und Einflusses waren sie in der Lage, ihre Kontakte spielen zu lassen und die für das Geschäft benötigten Finanzen aufzubringen.
Mit den Söhnen von Simeon Bavier – wieder ein Simeon (1704–1777) und ein Johann Baptista (1695–1771) – erhielt die Firma ihren definitiven Namen. Im März 1792, bei Vertragsabschluss mit Buol-Schauenstein, leiteten ein Sohn und ein Enkel dieses Johann Baptista Bavier, beide gleichen Namens, das Speditions- und Handelshaus Simeon und Johann Baptist Bavier: Johann Baptista Bavier (1730–1802), genannt der Alte oder Älteste, und Johann Baptista Bavier (1749–1814), genannt der Lange oder Jüngere. Die Söhne des alten Johann Baptista standen bereit, die Firma zu übernehmen, so dass diese noch bis 1868 Bestand hatte, dann aber ging sie in Konkurs.21 Spätestens jetzt verschwanden neben den Firmen- auch die Originalakten zur Herrschaft Reichenau, falls sie überhaupt so lange aufbewahrt worden waren. Im Tscharner-Nachlass im Staatsarchiv Graubünden finden sich allein handschriftliche Kopien und Entwürfe.
Das Churer Speditions- und Handelshaus S. und J. B. Bavier trat 1787 ins politische Rampenlicht, als es sich in Konkurrenz zum Handelshaus A. und D. Salis (Nachfolger der Firma Massner) um die Pacht der Landeszölle bewarb. Diese Zölle dienten als eine der wichtigsten Einnahmequellen des Freistaats der Drei Bünde dazu, den Gesamtstaat zu finanzieren. Ursprünglich waren sie in eigener Regie über bezahlte Beamte eingetrieben worden, doch im 18. Jahrhundert ging man dazu über, sie dem Meistbietenden für eine begrenzte Zeit in Pacht zu geben und dann neu auszuschreiben. 1728 gelangte die Zollpacht an das Haus Massner, das durch Heirat an die Familie Salis fiel. Die Firma Bavier machte ihr bereits 1754 die Pacht streitig, die noch aus einem anderen Grund von Bedeutung war: Der Zollpächter war zugleich Bankier des Gesamtstaats, verwaltete das Finanzvermögen, legte es an und zog die Zinsen ein.22
1754 gelang es den Bavier noch nicht, Massner-Salis aus dem Geschäft zu verdrängen, aber 1778 versuchten sie es erneut. Peter von Salis schloss mit den Bavier einen Vertrag, wonach sie die Zollpacht zwar ersteigern, ihm jedoch abtreten sollten. Er werde im Gegenzug darauf hinwirken, dass niemand sie bei der Steigerung überbiete, und ihnen für ihr Engagement eine jährliche Summe entrichten.23 Dass eine solche Bietabsprache die Einkünfte des Staats schädigte, bekümmerte keinen der Beteiligten.
1788 trat die Firma Bavier erneut als Konkurrent auf. In der Person von Ulysses von Salis-Marschlins erhielt sie einen mächtigen Verbündeten. Er grollte seinem Vetter Peter von Salis, weil dieser sich von anderen Männern leiten liess und ihm einen Anteil an den Zolleinnahmen verweigerte. Salis-Marschlins empfahl den Bavier, Tscharner in ihre Interessengemeinschaft um die Zollpacht aufzunehmen, um auf diese Weise die Zustimmung weiterer Hochgerichte und wichtiger Personen zu gewinnen. Je mehr einflussreiche Stimmen ein Bewerber hinter sich hatte, desto grösser war die Chance, die anderen auszustechen. Ausserdem riet Salis-Marschlins, das Gebot für die Pacht zu erhöhen, sei es, um das eigene Gewissen zu beruhigen, sei es, um das abgekartete Spiel nicht auffliegen zu lassen.24 Selbstverständlich fanden derartige Übereinkünfte im Geheimen statt; da aber zahlreiche Männer beteiligt waren und die Abläufe 1794 gerichtlich untersucht wurden, sind wir recht gut darüber informiert.
Für seine Bereitschaft, sich mit dem Speditions- und Handelshaus Bavier auf ein solches Geschäft einzulassen, nannte Tscharner, der Gründer des Seminars Reichenau, im Nachhinein politische Gründe: Er habe gehofft, die Macht der politisch und wirtschaftlich einflussreichsten Familie von Salis durch ein internes Zerwürfnis zu schmälern, Peter von Salis «eine unrechtmässige Bereicherungsquelle zu entreissen» und dem Land einige tausend Gulden zusätzlich zu verschaffen.25 Dass er sich selber habe bereichern wollen, wies er entschieden von sich.
Nachdem er den Handel vorbereitet hatte, war der mächtige Ulysses von Salis-Marschlins klug genug, sich nicht selber an dem Geschäft zu beteiligen. Wegen seines Rufs als ränkereicher Taktiker und Beutemacher hätte die Transaktion Misstrauen erregt, zudem wollte er sein falsches Spiel gegen Peter von Salis nicht an die grosse Glocke hängen. Auch Tscharner glaubte, es sei ein besonders schlauer Schachzug, wenn er sein Interesse nicht auf die Zollpacht beschränkte, sondern sich im September 1788 mit 18 000 Gulden in das Speditions- und Handelshaus S. und J. B. Bavier einkaufte.26 Das schien ein günstiger Einstandspreis zu sein, wenn auch für seine Verhältnisse ein hoher Betrag; dass die beiden Direktoren Johann Baptista Bavier senior und junior ihn bereitwillig als Partner aufnahmen und ihm einen Drittel des Gewinns und der Stimmen versprachen, hätte ihm allerdings zu denken geben müssen.
Tscharner war ein ausgezeichneter Politiker und Diplomat, umfassend gebildet, mit einer Affinität zur Landwirtschaft und Pädagogik, stark an politischen und sozialen Reformen interessiert, mit Landbesitz in Jenins (aus Erbschaft) und Liegenschaften in Chur, aber nur geringen Finanzen versehen.27 Er war zu ehrlich, um sich bestechen zu lassen oder sich unter jene zu reihen, die ihre Stimme und ihren Einfluss ausländischen Mächten verkauften. Er dachte gar nicht daran, sich als Mitdirektor im Handelsgeschäft einzubringen und an den Geschäften teilzunehmen, sondern begnügte sich mit der Position des stillen Teilhabers. Er vertraute auf die Redlichkeit der beiden Bavier, von denen der jüngere mit ihm in Chur die Schule besucht hatte, und hoffte, es werde ihm gelingen, seinen ältesten Sohn Johann Baptista Tscharner, damals neun Jahre alt, fürs Geschäft zu interessieren, «damit er früh in der Schreibstube placiert werde, teils um früh ein eigen Salarium zu ziehen, teils um die Vorteile unsres Hauses allda zu besorgen».28
Im Nachhinein war der Eintritt in die Firma Bavier für Tscharner «wohl der unglücklichste Tag meines Lebens», 29 der ihm nur Ärger gebracht habe. Aber vorerst erhoffte er sich aufgrund der guten Zahlen der Vorjahre eine Verzinsung seiner Investition von fünf Prozent, so dass er seinen Einsatz spätestens in 14 Jahren amortisiert haben würde. Es kam ganz anders.
Damit sind alle Mitglieder der Reichenauer Gesellschaft genannt, bis auf Aloys Jost aus Zizers (1759–1827), der 1791 als Leutnant in einer französischen Gardekompanie diente und 1792 in den Generalstab der revolutionären französischen Südarmee unter General Montesquiou wechselte.30 Er war wie Georg Anton Vieli katholisch und übernahm 1793 von ihm die Hälfte seines Anteils, also einen Achtel der Kaufsumme an der Herrschaft Reichenau.31 Da Buol der Zahlungsfähigkeit von Jost und Vieli misstraute, hafteten die Bavier und Tscharner für die beiden.32 Drei Viertel der Kaufsumme brachte also das Speditions- und Handelshaus Bavier auf, zu gleichen Teilen die beiden Direktoren und Tscharner, das letzte Viertel Georg Anton Vieli und später Aloys Jost. Unterschrieben wurde der Vertrag ausser vom Verkäufer nur von Simeon und J. B. Bavier als Firma und von Vieli.33
Die Herrschaft Reichenau wurde am 5. März 1792 für 131 000 Gulden Churer Valuta gekauft, «mit allen Hoch- und Freiheitsrechten und Rechtsamen über die Gemeinde Tamins und über Reichenau», dem Recht, Münzen zu schlagen, Zölle zu erheben, mit sämtlichem Landbesitz, der sich teils auf Reichenauer, teils auf Taminser und Bonaduzer Boden befand, mit allen Gebäuden und Gärten, Anbauten, den Besitzungen im Farsch, der Kapelle samt Glocke und liturgischen Gegenständen, ferner allem, was zum Garten und zur Landwirtschaft gehörte, dem Hornvieh, Schweinen, Gerätschaften der Meierei und der Viehhaltung, allen Wagen, der Waschküche samt Zubehör und allen Gegenständen ausserhalb des Schlosses für weitere 2000 Gulden. Das Schlossmobiliar bildete eine Ausnahme; Buol-Schauenstein behielt sich vor, es in einem gesonderten Vertrag teilweise oder gesamthaft zu veräussern. Übergabetermin war der 1. Juli.
In einer zweiten Schrift vom gleichen Tag wurde in einem Obligo (einer Schuldschrift) die Bezahlung der Kaufsumme geregelt, für welche die Käufer solidarisch mit ihrem Vermögen hafteten: Vorgesehen war eine erste Zahlung von 18 000 Gulden im Mai 1792 und von 15 000 Gulden Ende Jahr, die übrigen 100 000 Gulden, die zu vier Prozent verzinst werden sollten, waren, verteilt auf zehn Raten, jeweils am 1. Juli, erstmals 1793 und letztmals 1802, fällig. Dieses Dokument unterschrieben neben dem Vertreter der Firma Bavier auch Tscharner als Teilhaber und Vieli als Mitschuldner.34
Wir besitzen von den beiden Verträgen nur Abschriften aus dem Nachlass Tscharners, die er für seinen privaten Gebrauch anfertigte. Man kann aber davon ausgehen, dass diese Kopien vollständig und wortgetreu sind, da es Tscharner bei einer juristischen Angelegenheit auf die Einzelheiten ankommen musste. Allerdings fehlt in der Abschrift des Kaufvertrags eine am Schluss erwähnte nachträgliche Änderung, die sich vielleicht mit dem Einbezug von Aloys Jost als Miteigentümer befasste.
EINTEILUNG DER AUFGABEN UNTER DEN EIGENTÜMERN
Zunächst war man sich nicht schlüssig, wie man die Herrschaft und das Schloss nutzen wollte. Tscharner wollte von Anfang an ein gemischt konfessionelles Schulinternat errichten, 35 und so war es naheliegend, dass man ihn mit dessen Planung, Durchführung und Aufsicht betraute. Damit hatte er in der Firma Bavier, die er in seinen Notizen stets als «Schreibstube» bezeichnete, endlich eine Aufgabe und seinen Platz gefunden. Verwandte und Freunde beglückwünschten ihn zum Kauf der Herrschaft und zu seinem Plan, eine Schule einzurichten, wenn auch zuweilen Skepsis über den zu hohen Preis erkennbar und die Warnung ausgesprochen wurde, dass eine solche Schule kaum Gewinn abwerfen und nur eine kluge Nutzung der anderen Teile der Herrschaft die Ausgaben decken könne.36
Tscharner jedoch, beflügelt von seiner Idee, hatte überall herumerzählt und seine beiden Kompagnons und sich selber davon überzeugt, wie vorteilhaft der Kauf der Herrschaft sei, 37 und dass man von der Schule Einnahmen von 3000 Gulden zu erwarten habe, ganz abgesehen von ihrem sonstigen Nutzen.38 Auch seine Familie beruhigte er, dass er mit seiner Beteiligung an Reichenau kein Risiko eingehe: «Das Effect ist vortrefflich und kann sicher auf einen Ertrag von 8–10 procento gebracht werden, wenn die Geschäfte richtig abgeteilt, mit Eifer betrieben, und in der Societät Einigkeit und Wahrsamkeit beibehalten wird. Die Convenienz unseres Hauses könnte darin bestehen, in Folge der Zeit dieses Effect ganz oder grösstenteils an sich zu ziehen. Mehrere Kinder könnten da ihr sicheres Brod finden.»39
Johann Baptista Bavier der Ältere, der die Spedition in Chur führte, also das Transportgeschäft, und sich nach Aussagen Tscharners um nichts sonst kümmerte, hatte keine Einwände gegen die Schule, ja er unterstützte die Idee sogar und platzierte im Laufe der Zeit zwei Söhne darin. Das Schloss mit seinen drei Stockwerken und dem ausgedehnten Seitenflügel bot reichlich Platz für ein Internat, selbst wenn man das Erdgeschoss für die Firma und den Warenbetrieb benötigte. Der jüngere Bavier dachte nüchterner, sprach sich aber nicht dagegen aus, insofern und solange die Schule ihre Kosten deckte und man der Reichenauer Gesellschaft Miete für die Räumlichkeiten bezahlte.
Am 3. Juli 1792, zwei Tage nach Übergabe des Objekts, regelten die vier neuen Eigentümer die Organisation und Pflichten in einem detaillierten Dokument, das sie als Fundamentalsatzung und Erbvertrag bezeichneten, weil es auch nach dem Tod oder Austritt eines Gesellschafters seine Gültigkeit behalten sollte.40 Die vier bildeten einen Herrschaftsrat, der sich einmal im Monat in der Ratsstube des Schlosses treffen sollte, um die anstehenden Geschäfte zu beraten und Entschlüsse zu fassen, die gültig wurden, wenn eine Mehrheit zustimmte. Bei Gleichstand der Stimmen entschied das Los. Johann Baptista Bavier der Ältere hatte den Vorsitz; Tscharner als der Jüngste führte das Protokoll.
Für die Aufgaben wurden drei Departemente gebildet, die von den Eigentümern unentgeltlich geleitet werden sollten. Johann Baptista der Ältere wurde davon ausgenommen, weil er weder Lust noch Interesse verspürte, sich mit Reichenau zu befassen. Dem ersten Departement oblag die Verwaltung der Herrschaft, des Schlosses, der Landwirtschaft und des Gasthauses. Der Verwalter war auch zuständig für die Ausübung der Herrschaft und für juristische Fragen, wozu er Instruktionen und eine Beglaubigung mit einem noch zu kreierenden Siegel erhielt. Dieses Amt übernahm zunächst Vieli, der es schon in der Herrschaft Rhäzüns ausgeübt hatte. Als er im Juni 1792 von Baron Cronthal wieder als Verwalter von Rhäzüns eingesetzt wurde, folgte auf ihn Aloys Jost.
Das zweite Departement war jenes des Handelsdirektors, der den Brückenzoll, die Spedition, das Fuhrwesen und den Handel leitete. Eigentlich hätte Johann Baptista Bavier der Jüngere diese Funktion wahrnehmen sollen, aber da er als Chef die Firma in Chur leitete, konnte er nur selten in Reichenau anwesend sein und schickte einen Beauftragten (Kommis) in die dortige Schreibstube. Als Angestellter erhielt dieser, anders als die Direktoren, ein Gehalt. Er war sicherlich nicht im gleichen Mass am Erfolg interessiert wie die vier Eigentümer und konnte seine Entscheidungen nur mit Anweisungen aus Chur treffen. Das warf verschiedene Probleme auf, etwa in der Frage, ob ihm die Direktoren der beiden anderen Departemente Weisungen erteilen dürften oder nicht. Zunächst war Johann Jakob Castelli in dieser Tätigkeit; im Mai 1796 übernahm Simeon Bavier, ein Sohn von Johann Baptista dem Älteren, das Amt.41 Schon früher hatte Simeon Bavier vertretungsweise die Verwaltung der Herrschaft geführt und Instruktionen für die Wirtschaft und die Aufsicht des Seminars erhalten.42
Das auf seine Person zugeschnittene dritte Departement leitete Tscharner.43 Er war zugleich Finanzinspektor der Reichenauer Gesellschaft und Kurator der Schule, hatte Bilanz zu führen, die Verträge mit Angestellten auszufertigen und war zuständig für die Schlosskapelle, für die Fisch- und Jagdrechte und führte die verschiedenen Geschäftsbücher der Herrschaft, die leider allesamt fehlen: das Goldene und Geschlechterbuch mit den Namen der Eigentümer und ihrer männlichen Nachfolger, das Urbar aller Liegenschaften und das Archiv, in dem die Akten und Verträge aufbewahrt wurden, in einem feuerfesten Gewölbe, das nur von jeweils zwei Eigentümern mit ihren Schlüsseln gleichzeitig geöffnet werden konnte.
Man kann sich die von Tscharner vorgeschlagenen Aktenbände nicht prachtvoll genug vorstellen, wie überhaupt viel Wert auf zeremonielle Aspekte gelegt wurde. Tscharner entwarf ein grosses und ein kleines Herrschaftssiegel und die Ausstattung des Goldenen Buches: «Kann in Folio in rotem Saffian mit göldenem Schnitt, von feinem hellen dicken Schreibpapier sein […]. Titel in generali:
Göldenes Buch
der Gesammtherrschafft von
Reichenau und Damins
errichtet 1793 d. …»44
Zum Einstieg in seine Tätigkeit vertiefte sich Tscharner in die alten Urkunden seit 1472, um die verbrieften Rechte und Pflichten der Herrschaft festzuhalten und daraus ein neues Urbar zu erstellen.45 Wichtig war es, die räumliche Ausdehnung der Herrschaftsrechte zu erfassen: dem Kunkelserbach nach aufwärts bis zum mittleren schwarzen grossen Stein unter der Vättiserbrücke, der Höhe nach hinauf bis zum Calandagrat, dem höchsten Grat nach hinein bis zur Felsberger Alp, dem Rosstobel nach hinunter und von der Vättiserbrücke einwärts bis zum Calfeisengletscher Sardona, «so dass, was diesseits durch inner dem Bach [liegt], unser ist».46 Genauer liess sich das Gebiet offenbar nicht beschreiben.
Eine Skizze, in der Tscharner die aktuellen Grundstücke und Gebäude von Reichenau eintrug, sollte den Überblick erleichtern.

2 — Nach der Übernahme der Herrschaft Reichenau machte Tscharner eine Bestandesaufnahme aller Besitzungen und Rechte. Hier eine erste Skizze der Grundstücke und Gebäude mit ihrem ungefähren Schätzwert.
Als Leiter des Finanzwesens hatte sich Tscharner mit der Erschliessung neuer Tätigkeitsbereiche zu befassen, die für die Herrschaft «von einigem neuen Vorteil» sein und als Geldquelle dienen konnten. Erwähnt wurden neben der Erziehungsanstalt die Inbetriebnahme stillgelegter Bergwerke oder das Münzregal, das immer noch ein verbrieftes Recht der Herrschaft war, obwohl es schon lange nicht mehr genutzt wurde.47 Der Kreativität Tscharners waren keine Grenzen gesetzt, und noch Jahrzehnte später, als er seinen Anteil an der Firma Bavier und der Herrschaft Reichenau längst verkauft hatte, entwarf er Pläne, was daraus hätte werden oder was man aus ihr noch hätte machen können, um einen grösseren Vorteil aus ihrem Besitz zu ziehen.48
Wie alle anderen Direktoren hatte auch Tscharner nur ein Vorschlagsrecht und musste die Treffen des Herrschaftsrats abwarten oder eine ausserordentliche Sitzung einberufen, wenn eine Entscheidung anstand. Das war ein schwerfälliges Prozedere, wenn Entschlüsse rasch gefällt werden mussten. Wenn die beiden Bavier, die sich fast nur in Chur aufhielten, in einer Sache miteinander übereinstimmten, Tscharner aber nicht damit einverstanden war, so kam im besten Fall ein Patt zustande, falls Tscharner Vieli oder später Jost auf seine Seite ziehen konnte. Eine Mehrheit war nicht zu erwarten, solange die Kosten den kommerziellen Nutzen überwogen, und einen Losentscheid zu erzwingen schuf eine unmögliche Situation: Man konnte doch einen Entscheid von grösserer Tragweite nicht dem Zufall überlassen.
Da die Bavier hauptsächlich ein geschäftliches Interesse an der Unternehmung oder «Entreprise» hatten, wie sie die Investition Reichenau auch nannten, gab es für Tscharner letztlich nur die Alternative, in der Opposition zu verharren oder sich das Einverständnis der beiden Bavier durch Einlenken in anderen Punkten zu erkaufen, falls er sie nicht von den Gewinnaussichten seiner Idee zu überzeugen vermochte. Auf keinen Fall durfte er die beiden Kaufleute verstimmen, wenn er etwas erreichen wollte.
Wie schon als stiller Teilhaber der Speditions- und Handelsunternehmung war Tscharner auch in Reichenau in einer unterlegenen Position, und es ist ihm hoch anzurechnen, dass er sich mit so grossem Eifer und Engagement an die Errichtung des Seminars machte, die Leitung übernahm und sie trotz wachsendem Druck der Bavier und politischer Feinde beibehielt. In seinen «Reichenauer Notanda», die eine Hauptquelle für unsere Kenntnis des Seminars sind, hielt er in Stichworten seine hauptsächlichsten Ziele als Direktor des dritten Departements fest. Daraus geht hervor, dass er sich viele Überlegungen über die zukünftige Gestaltung der Herrschaft machte, so etwa über die Einrichtung einer Grundschule für Taminser und Reichenauer Kinder, sofern sie nicht das Seminar besuchten oder noch zu jung dafür waren, oder die Errichtung einer Armen- und einer Kreditanstalt.49
Tscharner verband mit der Herrschaft Reichenau vorab ideelle Absichten, wollte Bildungs-, soziale und kulturelle Institutionen errichten, wie er sie auch für Chur gefordert und teilweise umgesetzt hatte.50 In Chur war er Mitglied des Schulrats und bis 1786 Schulpräsident gewesen, 1786 Gründer der Armenanstalt und bis 1794 deren Präsident. Freilich hatten solche Pläne in Reichenau und Tamins wenig Aussicht auf Erfolg. Aber Tscharner war Sozialreformer aus Leidenschaft, und wenn er soziale Not oder schlechte Schulen sah, so machte er sich prinzipielle Gedanken, wie dem abzuhelfen sei. Schon in Jenins, wo er einen grösseren Landbesitz besass und für seine Söhne und Bekannte eine Familienschule gegründet hatte, stellte er Überlegungen an, sie auch Kindern aus dem Dorf zugänglich zu machen, falls die Gemeinde sich daran finanziell beteiligen würde.
INVENTUR
Tscharner, als Mann vor Ort, zuständig für Urbar und Archiv, Herr über alle Urkunden mit Verträgen mit dem Oberen (oder Grauen) Bund und den Gemeinden Tamins, Ems, Bonaduz und Felsberg, den Angestellten, Lehrern und anderen, 51 nahm sich vor, die Dokumente, die mit der Herrschaft, ihrem Eigentum, ihren Rechten und Pflichten zu tun hatten, zu sammeln, zu systematisieren und gründlich zu erforschen und alle künftigen Belange aufzuzeichnen und festzuhalten.52 Er gab sich gewissermassen selbst die Instruktion, was in den auf Dutzende Bände angelegten Archivbestand aufzunehmen sei.
So sollte der erste Teil eines Urbars – auf feinem Regalpapier in Folio, in Leder gebunden – genau vermessene Landkarten, Pläne und Grundrisse, Kopien sämtlicher Kaufbriefe, Konventionen, Sentenzen (Rechtsurteile), Reverse (Verpflichtungen), Rödel (Aktenverzeichnisse), Briefe und Missiven umfassen. Ein zweiter Teil sollte eine Sammlung aller Bestandteile und Rechte enthalten, so die vom Bund verbrieften

3 — Tscharners Federskizze der Schlossfassade Reichenau, um 1793.
1. Souveränitätsrechte;
2. Landeshoheitlichen Rechte; das Münzrecht;
3. die hohe Gerichtsbarkeit;
4. die niedere Gerichtsbarkeit;
5. alte und neue Domänen;
6. den Privatbesitz, «wo dann bei jedem Stück, abteilungsweise, alle Teile abzuhandeln, und bei den Gütern alle iura und Servituten zu erzählen [= aufzuführen] sind».53
Vorbild für dieses Urbar des Privatbesitzes war ein anderes, das Tscharner für sein Landgut in Jenins erstellt hatte. Wiederum ist zu bedauern, dass wir weder die Urkunden noch Kopien kennen. Andererseits ist noch lange nicht gesagt, dass Tscharner in der projektierten Breite und Tiefe vorging, da sich die politischen Ereignisse bald überstürzten und dem ruhigen Aufbau und der Pflege der Herrschaft in die Quere kamen. Immerhin besitzen wir am Anfang seiner privaten «Reichenauer Notanda» seine mit Reissblei skizzierten und mit Tusche nachgezeichneten Grund- und Aufrisse der Gebäude mit Angabe der bisherigen und geplanten Nutzung. Wir werden uns daran zu halten haben, sind uns aber bewusst, dass es sich um eine Momentaufnahme handelt, zu der sich im Laufe der Zeit Veränderungen ergaben, von denen wir nur zum Teil Kenntnis haben.
Den Auftakt der «Reichenauer Notanda» bilden Grundrisse des Schlosses, der verschiedenen Stockwerke vom Keller bis zur Mansarde und des Galerieflügels, alles sehr roh und ungefähr gezeichnet, so dass die Skizzen höchstens dem Herrschaftsrat und Tscharner als Bestandsaufnahme und Grundlage für die Einteilung dienten, nicht aber einem Baumeister oder Handwerker für die erforderlichen Umbauten. Es folgt eine ebenso rohe, für uns jedoch aufschlussreiche Zeichnung der Schlossfassade von der Strassenseite (im Westen) aus, die uns die Anordnung der Gebäudeteile vor dem Umbau zu dem heute noch bestehenden «klassizistischen Denkmal» von 1820 zeigt.54 Manche Details dieser groben Skizze waren bisher unbekannt, da die künstlerischen Darstellungen Schloss und Umgebung aus einiger Entfernung zeigen, meist vom gegenüberliegenden Rheinufer aus.
Der Kunst- und Architekturhistoriker Erwin Poeschel beschreibt das Schloss, wie es sich vor Mitte des 18.Jahrhunderts präsentierte: «Das Herrenhaus ist hier ein breiter Bau mit Krüppelwalmdach, im Umriss ähnlich dem alten Westtrakt von St. Margarethen in Chur, wie wir ihn aus Abbildungen kennen. […] Der ganze, zwanglos aneinandergewachsene Komplex wird zusammengehalten von einem dem Herrenhaus zugehörigen, beherrschenden Turm mit Zwiebelhaube.» Und kurz nach 1755: «Der Turm bleibt noch; das Schloss aber bekommt eine regelmässig gegliederte Fassade und ein gebrochenes, französisches Dach.»55
Äusserlich fehlte dem Schloss, bis auf den Turm, 1792 noch weitgehend herrschaftlicher Glanz und Gepräge. Es war, asymmetrisch und unharmonisch proportioniert, ein längliches Gebäude von 39 auf 13 ½ Metern, bis unter das Dach 9 Meter hoch, wenn wir uns auf Tscharners Angaben stützen.56 Es lag in der Verlängerung der grossen gedeckten Brücke über den vereinigten Rhein an dem Strässchen, welches das Schloss vom annähernd quadratischen Schlossgarten trennte. An der Nordseite des Schlosses kreuzte dieses Strässchen ein zweites, das von der Brücke über den Hinterrhein, auch Bonaduzerbrücke genannt, weiter gegen Osten führte und am Ufer des Rheins endete. Südlich der Kreuzung, gegenüber dem Schloss, befand sich das Zollhaus mit Sust (Warenlager), Küche und Wirtsstube im Erdgeschoss, Letztere im Anbau, darüber der Speisesaal und mehrere Gästezimmer. Zwischen Zollhaus und Schloss versperrte ein Tor die Strasse, so dass niemand die gedeckte Brücke passieren konnte, ohne anzuhalten und vom Schloss und der Zollstube her gesehen zu werden.
Falls man Tscharners Zeichnung trauen kann, hatte das Schloss auf der Frontseite im Westen zehn Fensterachsen auf drei Stockwerken. Beim Erdgeschoss ist der obere Teil von fünf Bogenfenstern sichtbar, die auf Gewölbe des teils unter die Erde versetzten «plein-pied» deuten. Dort befanden sich Bäcker, Metzger, ein Gemischtwarenladen und die Schreibstube. Der Rundturm – für den Tscharner eine Höhe von 59 Bündner Schuh oder annähernd 18 Meter bis zur Kuppel angab, 57 der also das Schloss deutlich überragte, und einen Durchmesser von 4, 5 Meter besass – barg das Treppenhaus und befand sich zwischen der dritten und vierten Fensterachse, zur Hälfte ausserhalb der Schlossmauer, neben dem grossen Tor. Den oberen Teil des sechseckigen Turms mit seinen zweistöckigen Fenstern bildete ein Blechdach, überwölbt von einer zwiebelförmigen Haube, die eine eiserne Spitze vermutlich als Blitzableiter trug.
Der einzige andere Schmuck in der Hauptfassade war ein kleiner Balkon mit geschwungenem schmiedeeisernem Geländer über dem gewölbten zweiflügligen Hauptportal, das über eine Diele quer durchs Haus in den Hof führte. Nach Tscharners Skizze gehörte dieser Balkon ursprünglich zum Vorzimmer der grossen Visitenstube im ersten Obergeschoss. Dass der Balkon zeremoniellen Zwecken diente, um Huldigungen der Untertanen entgegenzunehmen, ist nicht anzunehmen. Eher war es ein Ausguck für den Schlossherrn oder die Damen, wenn Gäste erwartet wurden oder man sehen wollte, wer über die Brücke kam oder vor dem Zollhaus hielt. Allerdings musste man frühzeitig nach aussen treten, wenn man etwas erkennen wollte, oder dann abwarten, bis der Staub sich gelegt hatte, der vorab in der trockenen Jahreszeit unter den Rädern und Hufen aufwirbelte. So berichtet jedenfalls der jetzige Schlossherr Gian-Batista von Tscharner.
Weiter befanden sich im ersten Obergeschoss ein beheizbarer Raum mit Freskomalereien und Stuckaturdecke, wo nach dem Auszug von Buol-Schauenstein vorläufig der Bäcker wohnte, eine tapezierte Kammer und ein geheizter Speisesaal. Gegen den Hof hin, mit einer hölzernen Galerie versehen, befanden sich zwei Küchen, eine Dispense und im südlichsten Teil, mit Zugang von aussen, zwei weitere Stuben, worunter Tscharner stets geheizte Räume verstand, deren eine Buol-Schauenstein als Gesandtenstübchen genutzt hatte, die andere dem Gärtner zur Verfügung stand.
Einen Stock höher befanden sich die Fürstenstube und ein Vorzimmer, Zimmer des Fräuleins genannt, einige Schlafkammern, weitere Stuben und ein Kabinett – offenbar der Arbeitsplatz des Barons, ebenfalls mit Zugang von aussen –, also die Privatgemächer Buol-Schauensteins und seiner Familie, deren einstigen Zweck und vormalige Benutzung Tscharner nur teilweise erraten konnte. Die privaten Möbel wurden ja geräumt, bevor die Firma Bavier die Herrschaft antrat.
Ebenso leer war auch die sich über das ganze Schloss erstreckende Mansarde, bei welcher Tscharner mit einzelnen Strichen antönte, es könnten sich hier einige Zwischenwände und Verschläge befunden haben. Dort war im Turm auch die Uhr untergebracht, offenbar mit einem Schlagwerk, denn im Reglement der Sitzungen des Herrschaftsrats heisst es, dass die monatlichen Versammlungen um neun Uhr begännen und Mitglieder mit einer Geldbusse belegt würden, falls sie erst nach Schlag zehn Uhr der Schlossuhr die Ratsstube beträten.58 Die Uhr ist aber weder auf den bekannten Abbildungen noch auf Tscharners Skizze sichtbar, so dass man annehmen muss, dass sie im Inneren des Turms, über dem Treppenhaus lag. Seit dem Umbau um 1820 durch Ulrich von Planta, als der Treppenturm ins Innere des Schlosses versetzt wurde, ist die Uhr an der Frontseite angebracht, und vom Durchgang zum Balkon, der sich im Westen und Norden um den Turm zieht, kann eine wohltönende und weitreichende Glocke mittels Seilzug zum Klingen gebracht werden.
Für das Seminar sollten in der Mansarde zwei Schlafsäle hergerichtet werden, einen grossen für bis zu 50 reformierte Schüler, den kleineren für höchstens 14 Katholiken; beide Säle sollten von je einem Lehrer überwacht werden, für die ebenfalls dort oben Schlafkammern zugewiesen wurden. Da die Mansarde vermutlich nicht geheizt wurde, schon der Feuergefahr wegen, und das Dach mit in Eisen gefassten Schindeln bedeckt war, kann man sich leicht vorstellen, wie kalt im Winter und wie zugig es bei windigem Wetter dort oben gewesen sein muss. Tscharner wollte die Mansarde bis zum First anheben, um sie luftiger zu machen, was die Gefahr von Erkältungen noch erhöht hätte, selbst wenn die Kinder damals deutlich abgehärteter waren als heute. Für solche Fälle stand ein Stockwerk tiefer ein geheiztes Krankenzimmer zur Verfügung. Nach Tscharners Plan waren die Einzelbetten in gehörigem Abstand voneinander aufzustellen, peinlich genau ausgerichtet und von den nächtlicherweile im Mittelgang mit einer Laterne patrouillierenden Lehrern auf einen Blick zu überschauen.
Wenn man heute das Schloss betritt, zeigt sich der Estrich kahl und fast fensterlos, ohne Unterteilung in kleinere und grössere Räume, also so, wie er schon zur Zeit von Buol-Schauenstein war. Nichts erinnert an diese Schlafsäle, auch nicht an die von Tscharner skizzierten zwei Dutzend Dachfenster im Walmdach, so dass man bezweifeln muss, dass dieser Plan realisiert wurde. Das war, wenigstens die ersten drei Jahre, auch gar nicht nötig, da nie mehr als 18 oder 19 Zöglinge im Schloss lebten, die man auch woanders unterbringen konnte, verteilt auf zwei oder drei Räume. Erst 1797, als Heinrich Zschokke die Leitung des Seminars übernahm, gab es mehr als dreissig Schüler, und sofort entstand ein eklatantes Platzproblem, das man nun nicht mehr durch Einbezug der Mansarde lösen konnte oder wollte.
Ein imposanter Teil des Schlosses war der daran anschliessende Ostflügel, von Tscharner Galerie genannt, der im hinteren Bereich lag, am Strässchen nach Bonaduz. Ursprünglich bestand er aus einzelnen Gebäuden, nach 1755 – die Jahreszahl leitet sich daraus ab, dass um diese Zeit Johann Heinrich Grubenmann die markante Holzbrücke über den vereinigten Rhein schlug – wurde er zu einem in sich geschlossenen Ensemble zusammengefasst, dessen Abschluss und Kontrapunkt zum Schlossturm eine ebenfalls mit Zwiebelhelm und Aufsatz versehene Kapelle bildete, wo die katholische Messe gehalten wurde.
Erwin Poeschel beschreibt diesen Flügel und seinen Zustand vor 1755 nach einem Gemälde im Schlösschen Flims:59 «Im rechten Winkel [zum Schloss] schliesst sich daran eine lose Reihe von Wirtschaftsgebäuden, regellos nach Höhe und Tiefe, an der Hofseite durch eine Holzgalerie verbunden und endend in der Kapelle, die auch damals schon den östlichen Pfeiler der ganzen Bauanlage bildete. Der ganze, zwanglos aneinandergewachsene Komplex wird zusammengehalten von einem dem Herrenhaus zugehörigen, beherrschenden Turm mit Zwiebelhaube.»
Daran anknüpfend meint Poeschel, auf ein weiteres Aquarell verweisend, das nach 1799 entstand und sich im Schloss Reichenau befindet: «Die Galerie verschwindet als Korridor in das Innere des Gebäudes, und die Kapelle wird als Eckpfosten fest in den Bautrakt einbezogen. Die Wirtschaftsräume bleiben nun auf das Erdgeschoss dieses neuen Gartenflügels beschränkt, oben aber liegt eine Flucht von Wohnzimmern und Salons, deren Mitte ein kleines, mit sehr graziösem Stuck heiter-geziertes Sälchen bildet. Diese Räume sind, was auffallen mag, nach Norden orientiert, da man den Blick auf die Strasse haben wollte, die damals, den Rhein weiter unten überschreitend, hier vorbeizog.»60
Das Erdgeschoss dieses Flügels, dessen Masse Tscharner mit einer Länge von 24, 9, einer Breite von 6, 3 und einer Höhe von 6, 8 Metern angab, entsprach seiner Zeichnung zufolge noch immer der früheren landwirtschaftlich-ökonomischen Nutzung mit Holzschopf, Wäscheraum, Hühnerstall und Obstlager, aber auch einem Münzmagazin und Laboratorium. Einen dieser Räume wollte Tscharner dem Metzger zur Verfügung stellen. Im oberen Stock befand sich der von Poeschel erwähnte Wohntrakt mit herrschaftlichen Räumen, al fresco bemalt, oder mit seidenen Tapisserien und üppigen Stukkaturen versehen. Der prachtvolle Saal in der Mitte des Flügels wird im dritten Teil des «Bürgerhauses im Kanton Graubünden» in mehreren Abbildungen dargestellt61 und zeugt vom Geschmack und Luxusbedarf der Buol-Schauenstein.
Es würde einen nicht wundern, wenn derartige Prunkentfaltung, wie sie auch in anderen, nach aussen unscheinbaren Häusern vornehmer Bündner Familien zu finden ist, dazu beigetragen hätte, die Vermögenslage ihrer Besitzer in Krisenzeiten zu erschüttern und die Buol-Schauenstein zur Preisgabe ihres Schlosses zu bewegen, als sie einsahen, dass ein solcher Luxus zu kostspielig wurde und nicht mehr zeitgemäss war. Wir werden noch sehen, was die Handelsfirma Bavier mit den feudalen Räumlichkeiten im Sinn hatte. Der vordere Teil im zweiten Obergeschoss des Schlosses wurde schon einmal für die Eigentümer reserviert; in der roten Audienzstube im ersten Stock tagte der Herrschaftsrat.
Der Ostflügel verfügte auf jedem Stockwerk über einen Durchgang mit Treppe zu der dem Schloss vorgelagerten Galerie, so vom Estrich des Flügels in das zweite Obergeschoss und zur Mansarde. In diesem Estrich befanden sich ein Bibliothekszimmer und einige Kammern; den mittleren Teil nahmen Kamine und ein Lastenaufzug in Anspruch und im entlegenen Teil, gegen die Kapelle hin, waren der Getreidespeicher und ein weiteres Treppenhaus untergebracht.
Die mit einer Glocke ausgerüstete Kapelle war durch den Ostflügel über einen langen Korridor mit dem Schloss verbunden, so dass man den Gottesdienst auch bei Regen oder Schnee trockenen Fusses besuchen konnte. Für die Liturgie wurde ein Priester und Messdiener gehalten. Nachdem der neue Fürstbischof von Chur – notabene ein Sohn von Buol-Schauenstein – der Herrschaft im Winter 1793 das Placet zur Messe entzogen hatte, stand die Kapelle leer, bis 1795 Pfarrer Nikolaus Leonhardi als Lehrer nach Reichenau kam und die Kapelle für den reformierten Gottesdienst nutzte. Im Winter 1793 ist in Tscharners «Reichenauer Notanda» noch von einem künftigen «doppelten Gebrauch der Capelle und benediction» die Rede.62 Der geweihte Kelch wurde zum Ärger des Fürstbischofs nicht herausgegeben.63
Zum Besitz der Herrschaft Reichenau-Tamins gehörten Wiesen, Äcker, ein Obstbaumgarten und ein kleines Rebgelände, die Tscharner sich Mühe gab, genau zu erfassen und ihren Geldwert zu bestimmen. Ferner lagen im Farsch – einem Landstreifen entlang des rechten Ufers des Vorderrheins, der zur Gemeinde Bonaduz gehörte – eine Mühle, eine Sägerei und Wuhranlagen. Tscharner erwog, einzelne Teile des Besitzes zu arrondieren oder gegen andere einzutauschen.64 Einige Jahre später, als er von einer Erneuerung Reichenaus träumte und sich die Herrschaft als ein kulturelles und wirtschaftliches Zentrum in einer lieblichen Landschaft wünschte, malte er sich eine Promenade vom Farsch bis zur Ruine Wackenau aus, mit einem antiken Tempelchen und einer Statue, um den Spaziergang romantisch und noch reizvoller zu gestalten.65 1792 lagen ihm solche Ideen noch fern; zu dieser Zeit hatte er dafür zu sorgen, die Herrschaft möglichst bald gewinnbringend werden zu lassen.

4 — Das Schloss Reichenau heute, mit seinem schönen Park. Linkerhand das Hotel Adler, das ehemalige Zollhaus. Um 1820 erfuhr das Schloss durch Ulrich von Planta eine Umgestaltung in klassizistischem Stil. Seitdem blieb es vom Aussehen her unverändert.
Unmöglich schien Tscharner dies nicht. Zur Herrschaft gehörten eine Schmiede, Sägerei, Küferei, Tischlerei, Schusterei, Färberei und Gerberei, eine Mühle, Metzgerei, Bäckerei, Apotheke und der Spezereiladen. Später kam ein Tuch- und Kleiderladen dazu. Einiges davon war im Schloss oder im grossen Haus an der gedeckten Brücke untergebracht; der Schmied und der Färber, der Küfer und der Kupferschmied hatten eigene Häuser
Die Handwerker und Krämer könnten ihren Umsatz beträchtlich steigern, meinte Tscharner, wenn man Reichenau und die Zufahrt von Chur her attraktiver gestalte, den Durchgangsverkehr anrege und im Schulinternat mit bis zu 60 Schülern den Bedarf an Lebensmitteln ausschliesslich aus der eigenen Produktion beziehe. Ausserdem gab es einen landwirtschaftlichen Betrieb mit Ställen und Vieh, der einem Meier unterstand. Weniger bedeutend, wenn auch nicht vernachlässigbar, war ein langgestrecktes Gewächshaus, das vermutlich der Alimentation des Schlossgartens mit Blumen und der Überwinterung exotischer Pflanzen gedient hatte, vielleicht auch der Bereicherung des herrschaftlichen Speisezettels mit Gemüsen und Früchten, die nicht im Freien gezogen werden konnten. Was mit dem Gewächshaus weiter geschah, geht aus den Unterlagen nicht hervor. Die Gärtnerei und das Handelskontor der Firma Bavier dienten den Schülern dazu, für den Beruf als Landwirt oder Kaufmann praktische Kenntnisse zu erwerben. Die Organisation der Landwirtschaft war indessen nicht Tscharners Aufgabe, sondern der Herrschaftsverwaltung unterstellt, auch wenn er von seinem Landsitz in Jenins her genügend Erfahrung zur Verfügung gehabt hätte.
Das Seminar Reichenau
TSCHARNER, DIE GRÜNDERPERSÖNLICHKEIT
Wie einst beim Seminar Haldenstein, das von 1761 bis 1771 bestand, können wir auch bei seinem Nachfolger in Reichenau von zwei Gründerpersönlichkeiten sprechen. Damals waren es Martin Planta und Johann Peter Nesemann, hier Nesemann und Tscharner. Der Haldenstein-Zögling Tscharner war Initiator und treibende Kraft hinter dem Seminar Reichenau, entwickelte das Konzept und arbeitete den Plan dafür aus, überzeugte die beiden Direktoren der Handlungs- und Speditionsfirma Bavier von seiner Realisierbarkeit, organisierte und leitete den Umbau, suchte nach Schülern, wählte die Lehrer aus – vielleicht in Absprache mit Nesemann – und wurde Kurator der Schule.
Inwieweit auch der Lehrplan auf ihn zurückging, wissen wir nicht, aber der Umstand, dass Tscharner auf seinem Landgut in Jenins während sechs Jahren eine kleine Privatschule für seine Söhne und Kinder von Bekannten unterhielt und dazu ausführliche pädagogische Überlegungen anstellte, weist darauf hin, dass er auch für Reichenaus pädagogisches Konzept verantwortlich gewesen sein dürfte, das der Öffentlichkeit in einem Prospekt vom Mai 1793 zur Kenntnis gebracht wurde.66 In die Gestaltung des Stundenplans, die Fächerbesetzung und den Schulbetrieb mischte er sich dagegen nicht ein; das überliess er dem erfahrenen Nesemann, den er auch sonst und in den unterschiedlichsten Fragen zu Rate zog.
Bemerkenswert ist, wie viel Zeit Tscharner neben seinen vielen anderen Verpflichtungen der Organisation der Herrschaft Reichenau-Tamins, der Errichtung des Schulinternats und später seiner Aufgabe als Kurator des Seminars widmete. Im Oktober 1792 schätzte er, dass ihn seine Tätigkeit für Reichenau zwei bis drei Tage wöchentlich in Anspruch nehmen werde.67 Das war nicht zu hoch veranschlagt. Immer wieder pendelte er zwischen Chur, Jenins und Reichenau und liess es sich auch nicht nehmen, sich an wichtigen Anlässen wie Schulausflügen und den halbjährlichen öffentlichen Schulexamen im Mai und Ende November (vor den beiden grossen Märkten in Chur) zu beteiligen.

5 — Johann Baptista von Tscharner (1751–1835) in seiner Staatstracht, nach einer Fotografie aus dem Staatsarchiv Graubünden. Das Originalgemälde befindet sich in Privatbesitz.

6 — Standbild des Politikers und Pädagogen Tscharner auf dem Arcas genannten Platz in Chur. Links davon an der Mauer befindet sich ein Zitat aus einer Rede Tscharners vor Schülern der Stadtschule. Die Steinbank und das Brunnenbecken, die ebenfalls zum Ensemble gehören, laden zum Niederlassen ein.
Sein Vertrauter in Reichenau war Aloys Jost, der als Verwalter der Herrschaft und des Seminars im Schloss wohnte und ihm häufig, zuweilen sogar täglich, schriftlich die neusten Vorfälle berichtete. Begünstigt wurde dies dadurch, dass auf der Strecke Chur-Reichenau die Postboten immer in der einen oder anderen Richtung unterwegs waren. Auch von Nesemann, der nicht gerne und viel schrieb, wurde Tscharner über wichtige Vorkommnisse unterrichtet, meistens mündlich. Seinen beiden Kompagnons Johann Baptist Bavier dem Älteren und dem Jüngeren begegnete er dagegen nur an den monatlichen Sitzungen des Herrschaftsrats in Reichenau, falls sie ihm in Chur nicht zufällig über den Weg liefen oder in Briefen die Zustände im Seminar oder Josts Verhalten und Entscheidungen bemängelten.
Während die Herrschaftsratssitzungen offenbar nach strengen Regeln abliefen – wir kennen die Reglemente68 und die Sitzungsprotokolle jedoch nicht –, fielen die Briefe der beiden Bavier meist geharnischt und unfreundlich aus. Sie hatten ihre eigenen Zuträger und Vertrauten in Reichenau, ihre Mitarbeiter der Schreibstube, die wenig erfreut von Josts Aktivitäten und dem Lärm und den Umtrieben der Kinder waren, weil ihrer Ansicht nach mit dem Einzug des Seminars die geschäftige Ruhe der Firma und ihr Profit erheblich gestört wurden.
Reichenau war nur eines von vielen Projekten, denen sich Tscharner mit Leib und Seele verschrieb. Zwischen 1775 und 1777 leitete er die Landvogtei in Tirano und von 1783 bis 1785 jene der Herrschaft Maienfeld. Es spielte für ihn keine Rolle, dass er diese beiden Ämter für viel Geld ersteigern musste; er setzte alles daran, seine Aufgaben gewissenhaft zu erfüllen, auch von 1781 bis 1785, als er mit dem Ausbau der Reichsstrasse zwischen der St. Luzisteig und Chur betraut war.69 Von seiner Tätigkeit im Churer Schulrat, wo er bis 1786 als Schulpräsident waltete und jährlich zum Schulexamen väterlich-belehrende Reden der Tugendhaftigkeit an Schüler und Lehrer richtete, 70 war schon die Rede. Ein Denkmal auf dem Arcas-Platz in der Churer Altstadt erinnert an Tscharner als Kinder- und Schulfreund. Zur linken Seite ist ein Zitat in die Mauer eingelassen: «Denn wisset, Kinder, kein Mensch ist einiger Hochachtung wert, und keiner wird auch von seinen Mitbürgern geliebt, der nicht trachtet, sich selbst zu verbessern und seinen Nebenmenschen wohl zu tun. Beides muss nebeneinander bestehen, Wissenschaft und Redlichkeit.»
1786 ergriff Tscharner die Initiative zur Gründung der Churer Armenanstalt, die noch im gleichen Jahr realisiert wurde und deren Präsident er bis 1794 war. Erst nachdem er Bürgermeister der Stadt wurde, gab er dieses Amt auf und musste auch sonst kürzertreten, vor allem, als er im September 1794 als Bürgermeister auch das Präsidium des Gotteshausbundes und damit eines der verantwortungsvollsten Ämter der Drei Bünde übernahm.71
Diese Häufung von Ämtern mit- oder nacheinander war für ein führendes Mitglied der politisch mächtigen Bündner Geschlechter der Salis, Planta, Sprecher, Albertini, Buol oder Tscharner nichts Aussergewöhnliches, aber Tscharner zeichnete sich dadurch aus, dass er sich, einmal ernannt, tatsächlich für das Wohl des Volks einsetzte und verantwortungsvolles Handeln und Reformen über die alten Herrenrechte stellte. Nur beim Machterhalt blieb er der herkömmlichen Politik verhaftet, die sich machiavellistischer Werkzeuge der Bestechung und des Schacherns, des Ausbootens von Gegnern, der Beeinflussung der Wähler durch Intrigen, Stimmungsmache und Polemik bediente, wenn auch bei Tscharner in innerlicher Distanz. Als hauptsächlichen Widersacher und Bedrohung für den Staat sah er die Familie der Salis und ihren Hauptexponenten Ulysses von Salis-Marschlins an, den einflussreichsten Mann Bündens. Um dessen Vormachtstellung zu brechen, gründete Tscharner mit Gesinnungsgenossen den Patriotenbund, scharte Gegner der Salis um sich und übernahm 1787 die Führung.72 Das war jene verhängnisvolle Bündner Politik, die sich von der Fehde zwischen Familien bestimmen liess und dabei die eigentliche Aufgabe, eine konsistente und kluge Innen- und Aussenpolitik zu verfolgen, allzu oft aus den Augen verlor. Tscharner stand im Übergang des traditionellen Bündner Machtpolitikers und Chefs eines Familienclans zum modernen, aufgeklärten Staatsbeamten mit sozialreformerischen Zielen. Erst die Kantonsgründung 1803 beendete dieses Dilemma, aber da war Tscharner schon nicht mehr politisch aktiv.
VORLÄUFER DES SEMINARS
Seine Sicht auf die Welt hatte Tscharner wesentlich jener Schule zu verdanken, die zur Vorgängerin und zum Vorbild Reichenaus wurde: dem Seminar Haldenstein. Mit zwölf Jahren trat Tscharner dort ein, nachdem er zunächst die Stadtschule Churs besucht hatte und auch privat unterrichtet worden war.
Das Seminar Haldenstein war 1761 von zwei ehemaligen Hauslehrern, dem Unterengadiner Pfarrer Martin Planta (1727–1772) und dem etwa gleichaltrigen Johann Peter Nesemann (geboren vermutlich 1726 in Bahrendorf bei Magdeburg, gestorben 1802 in Chur), begründet worden; Tscharner blieb von 1763 bis nach Neujahr 1768 dort. In seinen Kindheitserinnerungen schrieb er: «Frühe schon äusserte sich bei mir Freiheitssinn und Vaterlandsliebe, frühe der Sinn für Gerechtigkeit und bürgerliche Ordnung, frühe der Hass gegen Anmassungen, Liebe zu öffentlichen Verträgen, Trieb zum Verbessern und Vervollkommnen alles dessen, was zu meiner Kenntnis kam. […] Auf der Schule zu Haldenstein hatte man die Zöglinge zu einer römischen Republik konstituiert. Ich war immer mit irgend einer Würde bekleidet.»73
Ähnlich äusserten sich später auch andere Schüler Haldensteins, die in der Politik eine Rolle spielten, so der Waadtländer Politiker Frédéric César de Laharpe (1754–1838), Erzieher von Zar Alexander I. und 1798, in einer Umbruchzeit der Schweiz, Präsident der helvetischen Direktorialregierung. Er war ein Förderer und Freund Heinrich Zschokkes, dem er seine autobiografischen Notizen anvertraute. Laharpe kam kurze Zeit nach Tscharners Austritt nach Haldenstein und blieb bis 1771, als Ulysses von Salis-Marschlins das Seminar unter seine Fittiche nahm und in sein Schloss Marschlins verlegte.
In Haldenstein sei sein erster Entwurf für eine moderne Schweizer Verfassung entstanden, die das alte Ständewesen ersetzen sollte, schrieb Laharpe.74 Gefördert wurden diese Ideen durch den Geschichts- und Philosophieunterricht Nesemanns, der die Schüler in allgemeines Naturrecht und im Geschichtsunterricht in die Welt des antiken, vorkaiserlichen Roms einführte. Die Schüler übernahmen verschiedene altrömische Ämter wie die eines Konsuls, Prätors, Volkstribuns, Quästors oder Senators, hielten Reden, in denen sie «die Pflichten der obrigkeitlichen Personen und der Untergebenen, die Tugenden und Laster der Jugend» und «andere nützliche Wahrheiten» darstellten. Jeden Samstag wurde in einer Art Tribunal das Verhalten der Mitschüler beurteilt, wobei stets auf Unparteilichkeit, Fairness und die Einhaltung juristischer Formen Wert gelegt wurde.75
Von Tscharner hat sich im Nachlass eine Rede aus Haldenstein über den politischen Ehrgeiz und über die Pflichten der Oberen und Untertanen erhalten.76 Gerne erinnerte er sich an die sechs Jahre im Seminar.77
«Den grössten Nutzen schöpfte ich zu Haldenstein im Seminario. Hr. Nesemann lehrte uns denken, das Gedachte ordnen und in gewählten Ausdrücken schriftlich und mündlich vortragen, in Logik, Redekunst, Geschichts-Einleitung p.78 Hr. Planta gab uns Richtung, Festigkeit und Gründlichkeit durch die reine und angewandte Mathematik und durch die Experimental-Physik. Beide beaufsichtigten die Unterlehrer und unsre Conduite.79 Wir waren wohlgenährt, reinlich besorgt, unter steter Aufsicht, hatten zwar täglich 8 Lehrstunden; und herrschte darin aber eine solche Abwechslung, ein solches Interesse, so zweckmässige Zwischenbewegung, so zeitige Unterbrechung und Erholung durch Spaziergänge, Spiel, Arbeiten (z. B. von Papparbeit, Glasschleifen), dass unsre Gesundheit dadurch so wenig litt als unser Frohmut. Und ob wir schon keinen Augenblick ohne Aufsicht waren, so nahmen nicht nur die Unterlehrer, sondern die Professoren selbst jugendlichen Anteil an unsern Spielen, dass uns kein Unterricht ermüdete. Wir wurden dabei durch Aufführung von Schauspielen und Bildung einer Republik zum bürgerlichen Leben und zur Welt angewöhnt. Kurz ich verehre die 2 Stifter und Direktoren, deren der eine unsre Liebe und der andre unsre Hochachtung im hohen Grad zu fesseln verdiente und verstand, noch unter der Erde, und danke ihnen nächst Gott und meinem lieben Vater alles, was ich bin. Diesen Dank sind ihnen auch bald alle verdienstvollen Bündner meiner Zeit schuldig, wenn schon einige durch nachherige politische Verhältnis dem republikanisch gesinnten Nesemann nicht gewogen blieben.»80
Für seine eigenen und einige Söhne von Freunden liess Tscharner die republikanische Erziehung von Haldenstein 1786 auf seinem Landgut in Jenins wieder auferstehen, dachte aber bereits 1790 an eine Schule für ganz Bünden, eine Nationalschule, die den Gegebenheiten und Erfordernissen des Landes gerecht werden sollte. Als Schüler wurden Jünglinge aus dem Adel und anderen vermögenden Familien ins Auge gefasst, denen später Stellen im Staat in Aussicht standen. Seine weitgesteckten Ziele hielt Tscharner in einem langen Memorandum fest, das er «Plan der von Tscharnerischen Familien-Schule zu Jenins» nannte.81 In einer Eingabe vom September 1789 an den Bundstag versuchte er die Abgeordneten der Drei Bünde zu überzeugen, wie nützlich eine solche Schule dem Staat werden müsse. Hier ein Auszug:82
«Mancherlei sind die auswärtigen und inländischen Schulen und Privatunterrichte, welche bündnerische Jünglinge zu besuchen pflegen. Die Sprache, die Rechenkunst, die allgemeine Geschichte und Geographie nebst mehreren Schulkentnissen werden in diesen Schulen gelehrt und die Knaben zu guten Mitbürgern gebildet.
Aber nirgends werden unsere Söhne insbesondere zu Bündnern gebildet und recht eigentlich für unser Vaterland erzogen.
Nirgends werden sie in der Spezialgeschichte von Graubünden lehrreich unterrichtet, welche doch vorzüglich jeden freien Bündner in den Stand setzen würde, aus der Erfahrung des Vergangenen auch die gegenwärtigen und zukünftigen Standesangelegenheiten, ohne fremde Leitung, gründlich zu beurteilen.»
Daneben studierte Tscharner die wichtigsten pädagogischen Werke und arbeitete Unterrichtskonzepte aus. Mangels Nachfrage und finanzieller Mittel liess sich davon nicht viel realisieren. Die Zahl der Schüler in Jenins, die von einem Hauptlehrer und, wie es scheint, meist von nur einem bis zwei wechselnden Unterlehrern betreut wurden, schwankte zwischen acht und zwölf.83 Lehrreich waren mehrtägige sommerliche Fussreisen durch verschiedene Gegenden des Landes, 84 bei denen Tscharner seinen Schülern die Geschichte der bereisten Orte erzählte, ihnen die Verfassung der Gemeinden auseinandersetzte und sie auf die Mängel in der Kultur des Landes aufmerksam machte. «Wohl selten dürften Schüler von ihren Reisen eine so grosse geistige Bereicherung heimgetragen haben, wie die der Jeninser Anstalt.»85
Im Mai 1794 sah Tscharner eine Gelegenheit, seinen Vorschlag einer höheren allgemeinen Landesschule der in Chur tagenden Standesversammlung der Delegierten aller Drei Bünde und im August auch dem Volk erneut vorzulegen. Von der Standesversammlung wurde diese Initiative begrüsst, von den Gemeinden aber, wie nicht anders zu erwarten, verworfen.86 Nach ihrer Auffassung war es zweckmässiger, für eine Verbesserung der Dorfschulen zu sorgen, statt eine Mittelschule zu schaffen. Um die höhere Ausbildung sollten sich die Herren, die für ihre Söhne eine Karriere bestimmten, selber kümmern. Tatsächlich entstand in Graubünden erst 1804 ein öffentliches Gymnasium. Zuvor mussten die Jünglinge ins Ausland gehen oder eine der wenigen Privatschulen besuchen.
Die Nationalschule von Jenins, die eine Familienschule für die Söhne Tscharners und einige wenige Freunde blieb, war stark defizitär. Tscharner hätte sie Ende 1791 am liebsten aufgegeben oder dem Hauptlehrer Jakob Valentin (1760–1841) überlassen, einem reformierten Theologen aus dem Prättigau, der sie seit 1786 leitete. Aber Valentin scheute, der ungewissen Zukunft der Schule wegen, davor zurück.
Mit dem Kauf von Reichenau eröffnete sich Tscharner eine neue Perspektive. Die Herrschaft unterstand weder der Jurisdiktion noch den Behörden der Stadt Chur oder einer anderen Gemeinde, die befugt gewesen wären, sich in die Schulgestaltung einzumischen und Abgaben zu verlangen. Auch konnte sie von keiner Zunft oder Bürgerschaft gegängelt werden, die darüber wachte, wer ansässig sein und ein Gewerbe ausüben durfte, und es war keine Instanz da, welche eine Schule hätte ablehnen können, wenn ihre Ziele allfälligen Satzungen oder Privilegien zuwiderliefen.
Schon lange vor Heinrich Pestalozzi war es üblich, in Privatschulen auf Kopf, Herz und Hand einzuwirken und die Schüler neben dem Unterricht auch noch mit einem Gewerbe zu beschäftigen. Das Gefühl sprach man schon in Haldenstein mit religiöser Hingabe und der Vermittlung eines gelebten Christentums an, indem – vor einem pietistischen Hintergrund – auf Liebe zum Nächsten, Toleranz und Friedfertigkeit hingewirkt wurde.87 Die Erziehung zur Vernunft wurde in Haldenstein durch den eigentlichen, wissenschaftlichen Unterricht abgedeckt, der im Zeichen der Aufklärung stand, und für die handwerkliche Komponente wurde gesorgt, indem die Knaben im Drechseln, Glasschleifen, in Papierarbeiten und im Frühjahr und Sommer im Gärtnern, Pflanzen und Pfropfen unterwiesen wurden.88
Handwerkliche Tätigkeiten waren auch für Jenins vorgesehen gewesen89 und finden sich in den Prospekten des Seminars Reichenau; sie wurden jedoch, abgesehen von der Gartenpflege, nicht ausgeübt. Im Unterschied zu Pestalozzi, der die Kinder arbeiten liess, um sie ihren Lebensunterhalt bestreiten zu lassen, ging es in den Bündner Seminarien darum, ihnen einen körperlichen Ausgleich zu bieten und sie sinnvoll zu beschäftigen.90
Auf politisch und konfessionell neutralem Grund wie Reichenau konnte eine Schule eher gedeihen, in welcher künftige Staatsmänner und Weltbürger, Bündner und Ausländer, gleich welcher Sprache und Religion, erzogen wurden. Vielleicht liessen sich Eltern, die davor zurückscheuten, ihre Kinder einem Privatlehrer anzuvertrauen, verlocken, sie in ein Internat zu schicken. In erster Linie aber mussten sie davon überzeugt werden, dass sich ihre Kinder in einem gesunden Klima aufhielten, vor allen Gefahren beschützt und gründlich unterrichtet wurden. Marschlins nämlich, wohin das Seminar Haldenstein 1771 verlegt worden war, war seines schattigen Sumpfgeländes wegen91 mit dort grassierenden Epidemien in Zusammenhang gebracht worden: Die Schüler wurden von Faul- oder Nervenfieber, einer Ruhrepidemie und dem Tertianfieber (Malaria) befallen, 92 Infektionen, für die man damals aus dem Boden aufsteigende Miasmen verantwortlich machte. Von der reinen Luft und dem sauberen Wasser in Reichenau war dies nicht zu befürchten, dafür war mit Erkältungskrankheiten zu rechnen.
Eines der wichtigsten Argumente für die Aufnahme des Schulbetriebs im Schloss Reichenau war, dass Tscharner Johann Peter Nesemann dafür gewinnen konnte, seine Privatschule in Chur aufzugeben und die Schulleitung in Reichenau zu übernehmen. Nach dem Tod von Martin Planta war Nesemann, der im Verlauf seiner 14-jährigen Tätigkeit in Haldenstein und Marschlins gegen 300 Knaben und Jünglinge aus Bünden und der Schweiz erfolgreich unterrichtet hatte, die mittlerweile selber Väter von Kindern waren, der wohl geachtetste Pädagoge weit und breit. Nach Tscharners Vorstellungen sollte das Seminar Reichenau gemäss den neusten pädagogischen Prinzipien, aber nach bewährten Methoden geführt werden, und dies war durch seinen alten Lehrer, Mentor und Freund Nesemann am besten gewährleistet.
Dass sich Nesemann im hohen Alter von 66 Jahren überreden liess, nach Reichenau zu kommen, noch einmal von Neuem zu beginnen oder vielmehr an Haldenstein anzuknüpfen, muss mit der Freundschaft in Zusammenhang gebracht werden, die ihn mit Tscharner verband, aber auch, da er ein kluger Geschäftsmann war, mit Vorteilen, die ihm versprochen wurden. Tscharner vereinbarte mit ihm ein für damalige Verhältnisse hohes Jahresgehalt von 800 Gulden. Ausserdem durfte er ein Drittel der Geschenke behalten, welche die Schule von den Eltern erhielt. Laut einem nicht datierten Entwurf zu einem «Akkord» (Vertrag), der nach seinem Umfeld in den «Reichenauer Notanda» zu urteilen auf Ende 1793 oder Anfang 1794 zu datieren ist, hatte Nesemann statt wie die anderen Lehrer sieben Stunden Unterricht oder Aufsicht pro Tag nur vier «in jedem erforderlichen Fache» zu geben und eine Stunde Aufsicht zu führen, damit er die Leitung und weitere administrative Arbeiten wahrnehmen, also den Stundenplan koordinieren, die Lehrer überwachen, die Rechnungen führen und Korrespondenz erledigen konnte. Er sollte zwei Zimmer und eine Küche zur Verfügung haben, und es war ihm freigestellt, ob er sich privat verpflegen oder gegen einen Betrag von 150 Gulden jährlich mit den anderen essen wollte. Ausserdem durfte er, was sonst keinem Lehrer erlaubt war, das Wochenende mit seiner Frau und den beiden Töchtern in Chur verbringen. Er war direkt Tscharner unterstellt, dem Kurator und Verbindungsmann zur Herrschaft.93
Nachdem sich Nesemann bereit erklärt hatte, die Leitung des Seminars zu übernehmen, bemühte sich Tscharner, einen zweiten Direktor zu finden, und bat Jakob Valentin, diese Stelle einzunehmen. Bis alle Abklärungen getroffen und die Räume für die neuen Bedürfnisse instand gestellt waren, sollte die Familienschule in Jenins weitergeführt werden. Danach sollte die Schülerschar geschlossen nach Reichenau kommen: die drei ältesten Söhne Tscharners, ein Planta von Zuoz, Alexander Sulzer oder Sulser von Azmoos, Jan Corv von Ramosch und Peter Ludwig Donatz, Sohn des Marschalls Conradin von Donatz und der Baronesse von Saint-Six.94
DER PÄDAGOGE NESEMANN UND DAS SEMINAR HALDENSTEIN
Über Johann Peter Nesemanns Herkunft und Werdegang sind wir leider nur unzureichend unterrichtet, obwohl ihm gleich zwei Autoren – der Tscharner-Biograf Alfred Rufer und der Bündner Theologe und Historiker Benedikt Hartmann – eine biografische Skizze widmeten.95 Nicht einmal über sein Geburtsjahr sind wir im Bild; in der Literatur differiert es zwischen 1720 und 1726.96 Die sichersten Angaben finden wir im Archiv der Franckeschen Stiftungen in Halle. Johann Peter Nesemann war Bauernsohn und offenbar sehr aufgeweckt, denn er trat am 13. April 1739 als Schüler in die Lateinische Schule in Halle an der Saale ein (eine Stiftung des pietistischen Theologen und Pädagogen August Hermann Francke). In diesem Archiv wird das Geburtsjahr 1726 angegeben, als Geburtsort Bahrendorf in der Magdeburger Börde.97 Sein Vater hatte dort einen eigenen Bauernhof. Der Name Nesemann (auch Neesemann oder Naesemann) war in Bahrendorf damals verbreitet.
1747 wurde Nesemann Informator (Lehramtskandidat), dann Lehrer, zunächst an der Mädchenschule, später an der Lateinischen und der Deutschen Schule des Waisenhauses in Halle. Für seine Tätigkeit an der Mädchenschule wurde ihm folgendes Zeugnis ausgestellt: «Er scheint nicht übel zu sein, hat mittelmässige studia, ziemlichen Vortrag und regimen.»98 Theologie an der Universität Halle, wie oft behauptet wird, studierte er nicht, 99 jedenfalls fehlt er in den Universitätsmatrikeln.100
Mit diesem Rüstzeug versehen, das ihm als Sprungbrett und Empfehlung für eine künftige Tätigkeit als Hauslehrer diente, wurde Nesemann im November 1750 an den Bündner Offizier Salomon Sprecher von Bernegg vermittelt, der früher selber das Pädagogium in Halle besucht hatte, zur Unterweisung von dessen zehnjährigem Neffen Anton Herkules Sprecher (1741–1827).101 Nesemann unterrichtete und betreute den Knaben zehn Jahre lang an wechselnden Aufenthaltsorten wie Davos, Chur und Como und begleitete ihn schliesslich zum Studium nach Genf und Basel.
Es war in vornehmeren Kreisen Bündens damals üblich, die Erziehung der Söhne einem Hauslehrer anzuvertrauen, 102 teils der abgelegenen Landsitze und des schlechten Rufs der Volksschulen wegen, teils wegen der Mobilität der Väter, die in verschiedenen Stellungen tätig waren und ihre Söhne unter ihrer Obhut behalten wollten, auch um ihnen die spezifischen Kenntnisse ihres Standes beizubringen. Man suchte die Lehrer mit Vorliebe auf Empfehlung unter jungen Universitätsabsolventen in Deutschland, die, je nach Anspruch der Eltern, vielsprachig und theologisch oder technisch-naturwissenschaftlich-praktisch ausgerichtet waren. Die Beherrschung des Lateinischen war dabei selbstverständlich. Zur preussischen Universitätsstadt Halle und den dortigen Schulen bestanden in den Drei Bünden ausgezeichnete Verbindungen, nicht nur in pietistischen Kreisen.103
Als sein Zögling nach Graubünden zurückkehrte, um eine Bildungsreise durch Italien und Frankreich zu unternehmen und dann sein erstes politisches Amt in einem Untertanengebiet anzutreten, war Nesemann seines Auftrags entledigt. Er hatte den Basler Aufenthalt gut genutzt und eigene Studien betrieben, obwohl er auch hier nicht an der Universität eingeschrieben war. So hatte er sich vermutlich ausgiebig mit Philosophie und Naturrecht befasst, das damals ein Modefach und unter fortschrittlich denkenden Dozenten und Studenten sehr beliebt war.104 Philosophie, Naturrecht und Universalgeschichte waren die Fächer, die Nesemann später seinen Schülern in den höheren Klassen am liebsten vermittelte, und wenn man dem jungen Lehrer noch vorgehalten hatte, er verfüge nur über «mittelmässige studia», konnte ihm das später nicht mehr nachgesagt werden; dass er sich bei den Schülern durchsetzen konnte, hatte man ja damals in seinem Zeugnis schon bemerkt.
Auch eine andere, von Benedikt Hartmann in die Welt gesetzte Zuschreibung, Nesemann und Martin Planta, die beiden Gründer des Seminars Haldenstein, seien ausgeprägte Pietisten gewesen, ist nach allem, was wir wissen, falsch.105 Zu Planta brauchen wir uns hier nicht zu äussern, aber Nesemann war ganz der aufklärerischen Philosophie Kants zugewandt, vertrat republikanische Ideen, die im grössten Teil Europas als politische Ketzerei abgetan wurden, und war bestimmt weder ein orthodoxer Asket noch ein bibelgläubiger Frömmler. Wie aus dem Tagebuch des ungarischen Grafen Joseph Teleki über seinen Aufenthalt in Basel hervorgeht, war Nesemann sinnlichen Freuden zugetan. Mit Gelehrten und den Mitstudenten seines Zöglings pflegte er geselligen Umgang, unternahm Ausflüge, spielte Karten und Schach und bewegte sich in einem Lesekränzchen, wo er auch Vorträge hielt, einmal über den preussischen König, ein andermal «über die Vorteile, welche den Männern aus dem Umgang mit dem weiblichen Geschlecht erwachsen».106 Nebenbei bahnte sich im Haus von Dr. Johann Thellusson eine Beziehung zur jüngeren Tochter Dorothea an, die er später ehelichte. Vorderhand konnte er allerdings an eine Heirat nicht denken, war er doch nach dem Weggang seines Schülers ohne Brotberuf.
Er reiste nach Bünden zurück, um sich nach einer neuen Stelle umzusehen, und besuchte in Zizers Martin Planta, den er 1751 oder kurz danach kennengelernt hatte, als die beiden Hauslehrer in Chur waren.107 Damals hatten sie sich schon überlegt, gemeinsam eine Schule zu gründen, aber es fehlte ihnen an Erfahrung, finanziellen Mitteln und Einfluss.
Der Beruf eines Hauslehrers oder Hofmeisters war für die meisten Theologen eine vorübergehende Tätigkeit. Wenn sie Glück hatten wie der geniale Mathematiker und Physiker Johann Heinrich Lambert (1728–1777), der zur selben Zeit wie Nesemann in Chur war und drei Knaben unterrichtete, bekamen sie es mit einem grosszügigen Auftraggeber zu tun, der sie förderte, ihnen eine gut ausgestattete Bibliothek sowie ein Studierzimmer zur Verfügung stellte und genügend Freizeit gewährte.108 Mit Pech gerieten sie an einen despotischen, knausrigen Hausherrn, eine zänkische Hausdame und ungeratene, lernunwillige Kinder, erkrankten vor Kummer oder Ärger und wurden vor die Türe gesetzt, wenn sie es nicht vorzogen, selber den Hut zu nehmen. Auf keinen Fall war es ihnen möglich, eine Familie zu gründen. Und auch die Verfolgung einer akademischen Karriere konnten sie auf einem Landsitz in einem abgelegenen Bündner Seitental vergessen. Umgekehrt nahmen auch die Eltern erhebliche Risiken in Kauf, wenn sie einen jungen Mann für ihre Kinder anstellten, frisch von der Universität, der seiner Erziehungsaufgabe charakterlich, wissenschaftlich oder pädagogisch vielleicht nicht gewachsen war. Es konnte also beiden Seiten zum Vorteil gereichen und eine Entlastung bedeuten, wenn der private Hofmeister durch ein Internat mit guter Schulleitung und bewährten Lehrkräften ersetzt wurde.
Es wird angenommen, dass Martin Planta, der sich bei einem längeren Aufenthalt in London verschiedene Privatschulen angesehen hatte, 1751 als Erster die Idee einer Privatschule einbrachte und Nesemann diesen Gedanken mit ihm weiterspann.109 Aber da sie beide noch in einem Anstellungsverhältnis standen, wurde die Ausführung vertagt. Beide waren sich indes einig, dass ein guter Unterricht die Verstandeskräfte anregen und nicht bloss das Gedächtnis der Kinder quälen sollte, denn, so Planta 1766 vor der Helvetischen Gesellschaft,
«den Verstand und die Denkungskraft in den jungen Leuten unbeschäftigt zu lassen, ist eine Marter, der sich Jünglinge nicht ganz mit Unrecht zu entziehen trachten. Sobald man ihnen aber was zum Denken gibt und durch die Annehmlichkeit und Leichtigkeit des Vortrages die Aufmerksamkeit ablocket, so entstehet eine Lust zum Lernen. Sie gehen gern in die Lektionen, sie hören mit Vergnügen zu, und weil sie das Angehörte begreifen und oft selbst zu erfinden glauben, so behalten sie es desto gewisser.»110
Diese Vorstellung war neu für Graubünden, auch wenn sie im Ausland schon längst zahlreiche Anhänger hatte. Bereits August Hermann Francke hatte in Halle Wert auf Anschaulichkeit und Verständlichkeit des Vortrags gelegt, ebenso der Ahnherr der europäischen Pädagogik der Neuzeit Johann Amos Comenius (1592–1670) in seiner «Grossen Didaktik» und mit dem bebilderten Schulbuch «Orbis sensualium Pictus».
Gewöhnlich war der Lehrerberuf für einen jungen Theologen eine Zwischenstufe, bis sich die Anwartschaft auf eine Pfarrstelle erfüllte. Aus den Biografien Martin Plantas wird nicht ersichtlich, was diesen, der seit 1753 Pfarrer in der Gemeinde Zizers war, 1761 bewog, den umgekehrten Weg zu gehen und mit Nesemann eine Schule zu leiten. Zwar hatte Planta eigenen Aussagen zufolge seit seinem 18. Lebensjahr und später immer wieder mit dem Gedanken einer Privatschule gespielt, aber mindestens ebenso wahrscheinlich ist es, dass Nesemann ihn bei ihrer erneuten Begegnung im Oktober 1760 darin bestärkte, den Plan jetzt zu realisieren.
Nesemann, zu diesem Zeitpunkt arbeitslos, konnte oder wollte während des Siebenjährigen Kriegs zwischen Preussen und Österreich (1756–1763), in den auch andere europäische Mächte verwickelt waren, nicht in seine Heimat zurück. Ausserdem drängte es ihn, eine Familie zu gründen. Ferner strebte er mehr Unabhängigkeit von einem Arbeitgeber an. Andererseits war es für ihn als Ausländer illusorisch, in Bünden eine Schule errichten und die erforderliche Anzahl Schüler finden zu wollen. Er war auf einen Bündner angewiesen, der nach aussen als Schulleiter auftreten konnte. Wer auch immer von beiden der Initiator des Seminars Haldenstein gewesen sein mochte: Nesemann brachte seine Erfahrung als Schullehrer ein, Planta seine Bündner Bekanntschaften und seinen Ruf als Mathematiker und experimenteller Physiker, der den Geisteswissenschaftler Nesemann hervorragend ergänzte. Es war ein gutes Team, das sich 1761 zusammenfand und das Seminar Haldenstein binnen zehn Jahren zu einer ungeahnten Blüte brachte.
Plantas Entschluss, seine Pfarrstelle im Februar 1761 zu kündigen, um sich ganz der Schule zu widmen, wurde dadurch erleichtert, dass in Bünden eine gehässige Kampagne gegen reformierte Pfarrer lief, die zum Herrnhutertum – einer protestantisch-pietistischen Glaubensrichtung – hinneigten. Falls man sie nicht aus dem Pfarrdienst entfernte, so verlangte man einen Offenbarungseid auf das orthodoxe Bekenntnis.111 Zweitens bot sich ihm die Gelegenheit, wie Nesemann den Neuanfang in einer Position anzutreten, die ihm mehr Freiheit gewährte, als wenn er sich als Pfarrer der Willkür der Gemeindegunst und -wahl aussetzte. Drittens mag er sich – ermutigt von Adligen wie Ulysses von Salis-Marschlins und Thomas von Salis-Maienfeld, dem Haldensteiner Freiherrn – vom Nutzen und den finanziellen Vorteilen einer Privatschule überzeugt haben. Vor allem Salis-Marschlins bestärkte Planta in seinen Plänen und war bereit, ihn über sein Beziehungsnetz zu unterstützen. Zudem konnte Planta sich ausrechnen, dass für ihn als Lehrer eine bessere Gelegenheit bestand, seiner Leidenschaft für Naturwissenschaften zu frönen denn als Dorfpfarrer. In Haldenstein richtete er sich ein physikalisches Laboratorium ein und in Marschlins plante er ein Observatorium.
Diese Angaben sollen vorderhand genügen. Zur Ergänzung noch so viel: Planta war bis zu seinem Tod (1772) Co-Direktor des Seminars Haldenstein und unterrichtete hauptsächlich Naturwissenschaften, Nesemann blieb bis 1775 in Marschlins und war für Sprachen, Philosophie und Geschichte zuständig. Sie vermochten die Schülerzahl bis gegen 70 zu steigern und mit ihrer Schule in der ganzen Schweiz, ja sogar im südlichen Deutschland Beachtung zu finden. Legendär wurde der Vortrag, den Planta an der Jahresversammlung der Helvetischen Gesellschaft im Frühjahr 1766 hielt.112 Im Rahmen des pädagogikgeschichtlichen Teils werde ich mich noch etwas ausführlicher mit den pädagogischen und kulturgeschichtlichen Implikationen der Seminare Haldenstein, Marschlins, Jenins und Reichenau befassen.
VORKEHRUNGEN FÜR DIE AUFNAHME DES SCHULBETRIEBS IN REICHENAU
Wir kehren ins Jahr 1792 zurück. Tscharner einigte sich mit seinen Teilhabern, die sich weiter nicht um das Seminar kümmern wollten, dass für die Herrschaft das gräfliche Audienzzimmer im ersten, das ehemalige Fürstenzimmer im zweiten Stock und einige Räumlichkeiten im Seitenflügel des Schlosses reserviert blieben, während die Speditionsfirma Bavier mit ihrer Schreibstube, die Handwerker und die Ladenbesitzer das Erdgeschoss des Schlosses und Räume in den Nebenhäusern belegen sollten.
Danach begann Tscharner mit seiner Bestandsaufnahme und plante die Nutzung der Räume. Er sah für sein Seminar einen Direktor, zwei Professoren oder Hauptlehrer – einer katholisch, der andere reformiert – und zwei Unterlehrer vor, ebenfalls aus beiden Konfessionen, wobei der katholische in der schlosseigenen Kapelle die Messe lesen sollte. Ferner rechnete er mit einer noch unbekannten Anzahl von Schülern, die in der Mansarde in zwei Schlafsälen untergebracht werden sollten. Dazu kamen eine ökonomische Leitung, eine Wirtschafterin und Köchin (eine Frau Bavier, später eine Frau Abys) sowie einiges Dienstpersonal. Für den Direktor und die Lehrer mussten Unterkünfte im Schloss und für den Schulbetrieb Unterrichtszimmer bereitgestellt werden, ferner eine Küche, Esssäle, Vorratskammern, eine Bibliothek, ein Naturalienkabinett, ein Krankenzimmer und im Keller Platz für Vorräte und Wein.
Tscharner fertigte Skizzen der Räumlichkeiten und mehrere Listen an, geordnet nach den Bedürfnissen, der Art der Räume und der Einteilung in den Stockwerken im Schloss und im Seitenflügel. Dabei unterschied er unbeheizte Kammern von den Stuben, in denen sich ein Ofen befand. Bei einigen Räumen empfahl er, eine Wand herauszubrechen, bei anderen, eine Trennwand einzuziehen. Zu den benötigten Räumen notierte er: für jeden der beiden Hauptlehrer oder Professoren eine Stube, zwei Kammern, eine Küche, ein Kellergewölbe, für die drei Unterlehrer zusammen drei kleine Stuben, des Weiteren vier Stuben zum Schulegeben, zwei Speisezimmer, eine Bibliothek und ein Kabinett, für die Seminarhaushaltung eine Stube, zwei Kammern und zwei Kellergewölbe, sodann Räume für die Dienstmägde und den Aufwärter (Diener).113
Vermutlich folgte der Herrschaftsrat Tscharners Überlegungen, die dieser in seinen «Reichenauer Notanda» skizzierte, 114 da man ihn ja mit der Organisation und Leitung des Seminars betraut hatte und er darauf achtete, dass für die Teilhaber genügend Platz reserviert blieb. Mit seiner grosszügigen Raumeinteilung ergaben sich erst Schwierigkeiten, als Anfang 1797 viele neue Schüler eintraten, der Platzbedarf für Klassenzimmer und Aufenthaltsräume sich vergrösserte, die Teilhaber aber nicht einsehen wollten, weshalb sie auf ihre Stuben und Kammern verzichten sollten, auch wenn sie sie kaum benutzten.
Da Buol-Schauenstein sein privates Mobiliar mitgenommen hatte, müssen die Räume ziemlich kahl ausgesehen haben, als die neuen Eigentümer im Juli 1792 die Herrschaft antraten. Leider erfahren wir aus den Akten nichts über die Umbauten und Handwerkerarbeiten, wir können aber davon ausgehen, dass sie nur schleppend vorankamen, da Chur, wo man Arbeitskräfte am ehesten finden konnte, mit Schreiner-, Maurer und Zimmermannsbetrieben nicht gerade gesegnet war. Man pflegte auch in Chur anspruchsvollere Arbeiten gern von ausländischen Unternehmen erledigen zu lassen. Tscharner überwachte diese Arbeiten wahrscheinlich genauso penibel wie früher den Ausbau der Reichsstrasse von der St. Luzisteig nach Landquart; da alle Verträge und Abrechnungen im Kellerarchiv des Schlosses aufbewahrt worden sein müssen, sind sie mit den anderen Unterlagen der Herrschaft verlorengegangen, falls Tscharner weder Entwurf noch Kopie davon machte; in seinem Nachlass sind sie jedenfalls nicht vorhanden. Wir haben eine Berechnung der Gesamtsumme für die Renovationskosten aus dem Jahr 1796, die jedoch nur überschlagsmässig zu betrachten ist: Danach wurde die Herrschaft Reichenau 1792 für 133 000 Gulden gekauft; für An- und Umbauten des Schlosses und das Mobiliar wurden 17 000 Gulden ausgegeben. Diese Angaben benutzte Tscharner, um die Rendite des Schlosses zu errechnen.115
In einer Ankündigung vom 2. April 1793 stand, dass das Seminar seine Tore im Mai öffnen sollte. Dass sich der Beginn bis Mitte Juni 1793 verzögerte, mag den umfangreichen Arbeiten und anderen Vorkehrungen für den künftigen Schulbetrieb geschuldet gewesen sein.
ZURÜCKHALTENDE PROPAGANDA
Anfang April 1793 liess Tscharner einen Prospekt von acht Seiten auf Deutsch, Französisch und Italienisch drucken, «nach welchem die Inhaber der Herrschaft Reichenau und Damins gesonnen sind, im Lauf des nächsteintretenden Monats Mai eine vermischte protestantische und katholische Erziehungs- und Schulanstalt in ihrem Schlosse Reichenau, in der Republik Graubünden, zu eröffnen».116 Das war zeitlich zu knapp bemessen, um auf viele Anmeldungen hoffen zu können. Der Prospekt wurde als Inserat verschiedenen Zeitungen beigelegt117 und auch in den «Intelligenzblättern der Allgemeinen Literatur-Zeitung von Jena» veröffentlicht, dort allerdings erst am 22. Mai.118 Vermutlich war dies mit ein Grund, wieso sich die Schuleröffnung bis Mitte Juni verzögerte: Man wartete ab, ob sich nicht noch mehr Schüler anmelden würden.
Der Anfang des Prospekts schilderte die Vorzüge der Lage von Reichenau, geografisch, klimatisch und kommerziell, den Schlosspark mit seinen Lusthäuschen, Statuen, Vasen und Springbrunnen, die angenehmen Promenaden, den häufigen Postverkehr, die Nachbarschaft mit der Stadt Chur, der Gemeinde Tamins und den Herrschaftssitzen von Albertini, Capol, Mont, Travers, Ortenstein, Paspels, Buol von Rietberg und Jecklin von Realta, Blumental von Rodels, der von Planta, Salis, Conradi zu Fürstenau, Sils und Baldenstein. «Besuche, welche man abteilungsweise mit den Zöglingen in angesehenen Häusern zu machen gedenkt, so wie die Besuche so mancher Fremden zu Reichenau selbst, müssen notwendig die äussere Bildung der Zöglinge um vieles befördern helfen.» Tscharner sah es als Empfehlung für das Seminar, in einem Schloss untergebracht zu sein; die Nähe zu Adelskreisen und der gesellschaftliche Umgang mit ihnen mochte sich für den Zulauf der Schule und die Laufbahn der Schüler als nützlich erweisen.

7 — Im Prospekt vom 2. April 1793 schildert Tscharner die vorteilhafte geografische Lage des Schlosses, als Empfehlung für die neue Erziehungs- und Schulanstalt.
Die Beobachtung des regen Handels mit Fuhrwägen und Saumpferden und auf Flössen den Rhein hinunter – so der Prospekt – könne jenen Knaben, «welche zu der Handlung bestimmt sind», mancherlei Kenntnisse vermitteln. «Endlich bietet auch die im Schlosse angelegte Speditions- und Handlungsschreibstube den diesem Fache gewidmeten Zöglingen die Gelegenheit dar, nach Massgabe der vorfallenden Geschäften sich praktisch zu bilden, und bei erforderlichem Fleiss und Talenten, es so weit zu bringen, dass sie nach Vollendung eines hinlänglichen Curses in dieser Anstalt sich in dem Falle befinden, zu kaufmännischen Geschäften brauchbar zu sein und sich anständig zu ernähren.»
Dieser Praxisbezug der Ausbildung, mit der man insbesondere Söhne reicher Kaufleute ködern wollte, liess sich jedoch nicht durchführen, weil es an einem geeigneten Lehrgang und der Bereitschaft der Speditions- und Handelsfirma Bavier fehlte, Schüler in ihrer Schreibstube zu betreuen. Ausserdem überlegten sich Kaufleute aus St. Gallen, Basel oder Zürich wohl, dass ihre Söhne in der Schule besser ein allgemeines Rüstzeug mitbekommen sollten, um später ins väterliche Kontor einzutreten, wo sie noch reichlich buchhalterische Kenntnisse und Erfahrung in ihrem künftigen Metier erwerben konnten.119
Tscharner, selber Vater von sechs Söhnen, versuchte sich in andere Väter zu versetzen, wenn er die gesunde und sonnige Lage des Schlosses Reichenau anpries, das gute Wasser, die reine Luft und den «geräumigen, bequemen Wohnplatz für Lehrer, Haushaltung und Zöglinge». In anderen Privatschulen war es verschiedentlich zu Epidemien gekommen, also war es für die Eltern künftiger Schüler wichtig zu wissen, dass in Reichenau alles getan wurde, um die Gesundheit der Kinder zu erhalten und zu kräftigen. «Für allfällige Kranke wird ein eigenes Krankenzimmer zugerichtet werden. Ein Arzt wird die Anstalt öfters besuchen und die nötige Vorsorge treffen, und eine Apotheke ist ohnehin bisher in Reichenau unterhalten worden.» Dazu führte Tscharner eine gesunde, reichhaltige Ernährung, Leibesübungen, Spaziergänge und luftige, grosse Schlafsäle an. «Mit Recht erwartet man die Angewöhnung zur Reinlichkeit und Ordnung von einer solchen Anstalt. Man wird mit Eifer darob halten.»
Bei den Mahlzeiten hob Tscharner hervor, dass morgens, mittags und abends Suppe und Brot gereicht werde, mittags Rindfleisch und ein bis zwei Beilagen, abends Kalbs- oder Schaffleisch und eine Beilage und zu beiden Mahlzeiten zwei Glas guten Land- oder ausländischen Wein. Dieses Getränk, das schon die zehnjährigen Knaben erhielten, galt als probates Mittel, der Gefährdung durch verunreinigtes Wasser zu entgehen.
Anders als in anderen Privatschulen wurden die Kinder in Reichenau alle gleich behandelt. Es wurde kein Unterschied zwischen den Söhnen eines Barons, Gutsherrn oder reichen Kaufmanns und jenen eines Stadtwachtmeisters aus Chur gemacht. Man fand sich nicht in der im heiligen römischen Reich deutscher Nation üblichen Zweiklassengesellschaft wieder, wo die einen Schüler ihre Angelegenheiten selber verrichteten, während andere zum Frisieren und Anziehen einen Diener zur Hand hatten. Ebenso wurden ihnen zunächst keine privaten Schlafräume oder abgesonderten Esssäle angeboten. Darin spürt man den Willen zur demokratischen Gesellschaft. In Reichenau sollte, wie schon in Haldenstein und Jenins, eine Gemeinschaft der Gleichberechtigten gelebt werden, und das wäre in Frage gestellt worden, wenn die Einen den Anderen ihrer Herkunft wegen bevorzugt worden wären.
In der Kleidung konnte ein Standesunterschied sichtbar werden, aber es gibt keine Anzeichen, dass dies Auswirkungen auf das Verhalten der Lehrer und der Schüler untereinander gehabt hätte. «Die Art der Kleider wird der Willkür der Eltern anheimgestellt; sie können solche modisch oder ländlich, kostbar oder gemein kleiden lassen; auch wird für einmal keine Uniform getragen. Nur wünscht man, dass die Knaben anständig, und mehr schön als prächtig gekleidet, besonders aber alle hinlänglich mit Weisszeug versehen würden, und wird solchen die Erinnerung gegeben, dass Kleider keine Leute machen. Man kann diesfalls in Reichenau mit allem Nötigen auf eine billige Weise versehen werden.»
Man achtete sogar darauf, dass alle Kinder annähernd gleich viel Taschengeld erhielten – ein oder zwei Taler –, das ihnen von der Schulleitung vierteljährlich ausgehändigt wurde und worüber sie genaue Rechnung abzulegen hatten. Im Kapitel «Erziehung zum Bürger» wird noch einmal darauf zurückgekommen.
Als Besonderheit des Seminars Reichenau betonte Tscharner schon am Anfang des Prospekts, dass reformierte und katholische Kinder gemeinsam erzogen würden. Dies werde dadurch begünstigt, dass die Eigentümergemeinschaft der Herrschaft und das Lehrerkollegium gemischt-konfessionell zusammengesetzt seien. Beiden Gruppen wurde Religionsunterricht in ihrer Konfession garantiert, den Katholiken eine sonntägliche Messe in der schlosseigenen Kapelle und an den Fastentagen Speisen nach Vorschriften des bischöflichen Ordinariats in Chur.
Noch bevor er den Unterricht im Einzelnen vorstellte, äusserte sich Tscharner ausführlich zum Thema «Aufsicht und Erziehung». Dabei wies er auf die grosse Erfahrung der Schulleitung hin.
«Diese Anstalt ist nicht neu, und läuft daher auch nicht die Gefahren, denen gemeiniglich jede neue Unternehmung ausgesetzt ist. Denn einerseits tritt der Herr Professor Nesemann mit Schülern in solche ein, welche bisher seinen Unterricht genossen haben. Andernteils wird die bisher zu Jenins gestandene Privaterziehungsanstalt, mit ihren Anlagen zu Bibliothek- und zu Natur-, Kunst- und Münzkabinett, so wie mit ihrer Einrichtung von Meritentafeln, Fleiss- und Tugendmarken, Ordensmedaillen, Landcharten, Kupfern etc. nach Reichenau hinübergebracht; auf diese Weise wird dieses öffentliche Kollegium nur eine Fortsetzung und Erweiterung zweier schon lange bestehender Privatanstalten sein, und schon Anfangs eine Anzahl wohlerzogener Knaben aus vornehmen und bürgerlichen Häusern aufweisen, welche den neuen Ankömmlingen zur Gesellschaft und zur Ermunterung dienen werden.»
Die «Meritentafeln, Fleiss- und Tugendmarken, Ordensmedaillen» waren Überbleibsel des philanthropinischen Erziehungsmodells von Johann Bernhard Basedow in Dessau und in Marschlins, das Tscharner in Jenins zur Ermunterung und Belohnung der Schüler wieder hatte aufleben lassen. In Reichenau wurden diese Mittel – wohl auf Nesemanns Bestreben, welcher den philanthropischen Neuerungen in Marschlins skeptisch gegenübergestanden war – nach 1795 wieder abgeschafft.120
Die Kinder sollten zu tugendhaftem Benehmen, äusserer Bildung und guter Lebensart, zur Leibesertüchtigung, Reinlichkeit und Ordnung erzogen werden und keine Stunde ohne Aufsicht bleiben. «Die Freistunden und Feiertage werden zu Spaziergängen und andern nützlichen körperlichen und Geistesergötzungen verwendet werden.» Zu den Freizeitbeschäftigungen zählten halbjährliche öffentliche Reden und die Aufführung von Schauspielen. Tscharner war es darum zu tun, zu zeigen, dass die Zeit im Seminar nicht unnütz vergeudet werde und Vielseitigkeit und Abwechslung die Eintönigkeit des Schulalltags durchbreche.
In den beiden Schlafsälen – für Katholiken und Protestanten getrennt – würden die Zöglinge in je eigenen Betten schlafen, überwacht durch einen Lehrer ihrer Konfession; es brenne in jedem Raum ein Licht. «Zu Verhütung aller Unanständigkeit wird vermittelst weiter Schlafröcken und leinerner Nachtbeinkleidern gesorgt.» Damit war auch dieser Punkt geklärt.
Abwechslung brachten auch die Unterrichtsfächer, die (im dritten Teil des Prospekts) aufgezählt wurden. «Jeder Zögling wird täglich 6 Stunden wissenschaftlichen Unterricht, und ungefähr 2 Stunden in Musik, Zeichnen etc. je nach eines jeden Bestimmung und Fähigkeit, erhalten.» Dabei würden die Eltern und das Talent des Kindes bestimmen, was es lernen solle. Angeboten wurden:
a. Die reformierte und evangelische Glaubenslehre
b. Die römisch-katholische Glaubens- und Sittenlehre
c. Die allgemeine philosophische Moral
d. Schönschreiben und richtige Orthographie, in allen zu erlernenden Sprachen
e. Die Rechenkunst – einfache und doppelte Buchhaltung
f. Theoretische Handlungswissenschaft
g. Sprachen: – Deutsch, Latein, Französisch, Italienisch, Englisch; auch auf besonderes Verlangen: Griechisch, Hebräisch, und unser rhätisches Romansch
h. Geographie und Statistik
i. Historie; die allgemeine und die besondere Staatsgeschichte von Bünden, der Schweiz, Italien, Deutschland, Frankreich etc.
k. Naturgeschichte und Naturlehre
l. Reine Mathesis, nebst praktischer Feld- und Körperausmessung
m. Wenn hinlängliche Liebhaber sich finden, auch einige Theile der angewandten Mathematik
n. Briefstyl und Redekunst
o. Haus- und Landwirtschaft
p. Logik
q. Vokal- und Instrumentalmusik
r. Zeichnen
s. Nach Umständen Tanzen und Fechten
Im vierten Teil des Prospekts wurden unter dem Titel «ökonomische Einrichtung» die übrigen Leistungen des Seminars festgehalten, damit die Eltern unbesorgt um das Wohlergehen ihrer Kinder bleiben konnten:
«6. Alle Jahre werden die bestimmten 14tägigen Sommervakanzen dazu verwendet werden, wie es schon zu Jenins geschah, 8- bis 14tägige Fussreisen mit den grössern und verdientem Zöglingen in die verschiedenen Landschaften Bündens, so wie in die nächsten Teile der Schweiz, Italiens und Deutschlands zu machen. Körper und Geist gewinnen dabei.
Die Kleinern werden sich indessen mit kleinern und kurzen Reisen in die nächstumliegenden Orte begnügen.
7. Folgender Entwurf wird für hinlängliche Bedienung bürgen. Die Verwaltung der Haushaltung wird eine verständige Person übernehmen, und genugsame Dienerschaft unter sich haben. Die Bäckerei wird durch einen eigenen Bäcker, die Metzg durch einen eigenen Schlächter, und die Gärten durch einen eigenen Gärtner versehen. Die Wäsche wird auch besonderen Personen übergeben und die mangelhafte Kleidung und Schuhe zu bestimmten Zeiten von eigenen Schneidern und Schustern abgeholt. Zur Abwart und Bedienung der Zöglinge werden nach erforderndem Verhältnis derselben zwei oder mehrere männliche Aufwärter für die nötigen Dienstleistungen bestellt werden.»
Das Schulgeld belief sich auf einen halben Louisdor wöchentlich, worin alles inbegriffen war, auch die Schulbücher, Tinte, Feder und Papier, mit Ausnahme der jährlichen grossen Reisen, der Kosten des Schneiders, des Schuhmachers und des Unterrichts in Musik, Zeichnen, Fechten oder Tanzen.121
Personen, die sich für das Seminar Reichenau interessierten, Männer von Stand und Vermögen, waren über das geringe Schulgeld erstaunt, und es wundert kaum, dass sich schon nach einem halben Jahr ein Defizit abzeichnete und Tscharner am Essen und an den Lehrergehältern zu sparen versuchte. Das Schulgeld aber wurde nicht erhöht. Es sollte auch weniger reiche Eltern nicht davor abschrecken, ihre Söhne nach Reichenau zu geben. Man spürt bei den Projekten Tscharners, dass er kein Geschäftsmann war; seine Kalkulation war mehr von Idealismus und Optimismus als von Realismus geprägt. In einem Inserat für das Seminar Reichenau schrieb er, dass die Summe von 26 Louisdor jährlich
«gewiss jedermann höchst wohlfeil finden wird, wer den Nutzen dieser Anstalt und die Unkosten derselben zu berechnen versteht. Auch würde es unmöglich sein, mit dieser kleinen Pension alles das, was im Plan versprochen worden, und gewissenhaft erfüllt werden soll, auszuführen, wenn nicht die Herrschaft mit Hintansetzung von Interessspekulationen das Schloss, den Garten, und die Gelegenheit zur edelsten aller bürgerlichen Absichten – zur Erziehung der Jugend – zu verwenden beschlossen hätte, und solches grosse Kapital dieser Anstalt so gut als unentgeltlich zu statten käme, so wie die vielen Bemühungen mehrerer der ersten hierzu wirkender Männer, fern von Eigennutz unentgeltlich geleistet werden.»122
Dies brachte Tscharner mit anderen Teilhabern der Herrschaft schon bald in Konflikt, da nicht alle Mitglieder der Familie Bavier so grosszügig dachten, sondern die Spekulation auf «Interesse», also eine angemessene Verzinsung des eingebrachten Kapitals, für die Handels- und Speditionsfirma als ausschlaggebend ansahen.
Im sechsten Abschnitt des Prospekts ging es um die «Eigenheiten dieser Anstalt»:
1. Gemeinschaftliche Erziehung katholischer und protestantischer Christen, wodurch der Geist brüderlicher Liebe und Duldung von früher Jugend an eingeflösst wird; eine für die Schweiz und andere Staaten vermischter Religion besonders zu nehmende Rücksicht.
2. Die Vereinigung des theoretischen Unterrichts mit der Praxis in allen vorgedachten Wissenschaften, wie auch in der Kaufmannschaft und dem Landbau.
3. Versorgung der Jünglinge mit allen zum Gebrauch nötigen Büchern, Kupfern, Instrumenten, Papier etc. zufolge oben bestimmter jährlichen Pension. Sie finden bei ihrer Ankunft augenblicklich und immer das Beste, was sie für ihren Unterricht brauchen und den Eltern werden dadurch grosse und meistens überflüssige Ausgaben erspart.
4. Es wird von der Mehrheit der Eltern die Verfügung abhängen, ob die Zöglinge im Winter und bei schlechtem Wetter die Freistunden zu Erlernung eines nützlichen Handwerks anwenden sollen, wie es in einigen der neuesten Anstalten geübt wird, sowohl um etwas Nützliches zu lernen, als um sich zu einer Zeit Bewegung zu geben, wenn das Wetter die gewohnten Übungen nicht gestattet.
Alle halbe Jahre, im Mai und im November, sollten öffentliche Prüfungen abgehalten und den Eltern oder Vormündern ausführliche tabellarische Zeugnisse über das Betragen und die Fortschritte ihrer Kinder zugesandt werden.
Bezeichnend ist, wie stark dieser Prospekt und die folgenden bis 1795 hervorheben, dass sich das Seminar in einem herrschaftlichen Schloss befinde, in der Nähe anderer Schlösser und Adelsgeschlechter, mit denen die Schüler bekannt gemacht würden, um von ihnen Lebensart und Umgangsformen zu lernen. Obwohl Tscharner bereitwillig Söhne von Grossbauern und Kaufleuten aufnahm, sollte Reichenau sich auch als Schule für die Bündner Aristokratie präsentieren, deren Nachwuchs all das geboten würde, was in seiner adligen Gesellschaft nützlich sein konnte: ausser den politischen Ämtern und Redeübungen auch Musik, Zeichnen, Fechten und Tanzen. Das ist kein Zufall.
Tscharner, der gemeinhin als Demokrat ohne ständische Vorurteile galt, sich selber auch so sah und herkunftsmässige Privilegien und Titel tadelte, war auf seine patrizische Vergangenheit stolz, einen Amtsadel, der sich in die Mitte des 16.Jahrhunderts zurückführen liess.123 Er befasste sich gern mit seinem Stammbaum und seiner Familiengeschichte, die belegen sollte, dass seine Familie sehr wohl neben jener der Barone und Freiherren von Salis bestehen konnte.124
In einer Rückblende auf die Kindheit evozierte Tscharner seine Aversion gegen zwei seiner Mitschüler im Seminar Haldenstein, Söhne des Barons von Haldenstein, die sich besser dünkten als andere, und rechtfertigte dann, wieso er selber angefangen habe, sich «von» zu nennen, «in manchen meiner Schriften alle mögliche Titul häufte, in den Ankauf der Herrschaft Reichenau mit einstand, sogar auf ihre mithinige ganze Erwerbung dachte, mir das Prädikat von Aspermont (das vom Hause Guler zu Jenins an mich gekommen, Schlossruine ob Jenins) und von Planaterra (dem wahrscheinlichen Namen unsers Sitzes zu Chur beim untern Tor) beilegte, 125 und schon eine Zeichnung zu einem Wappen entwarf, worin alle diese Titul ausgedruckt wären». Er habe dies nicht aus Anmassung getan, sondern um den anderen Bündner Geschlechtern nicht nachstehen zu müssen und, falls Bünden von Habsburg unterworfen worden wäre, seinen Söhnen eine Laufbahn in österreichischem Dienst oder als Offizier vorzubereiten.126
ERÖFFNUNG OHNE POMP
Über die Eröffnung des Seminars Reichenau Mitte Juni 1793 besitzen wir ein Inserat, das in den bei Deutschlands Gelehrten viel beachteten «Intelligenzblättern der Allgemeinen Literatur-Zeitung von Jena» erschien:
«Ohne alle Festivität und Gepränge hat nun die neulich angekündigte Erziehungsanstalt zu Reichenau in Graubünden ihren Anfang genommen; indem bereits der Herr Direktor Nesemann nebst einem katholischen und zwei reformierten Lehrern, so wie eine Anzahl reformierter und katholischer Zöglinge aus vornehmen und bürgerlichen Geschlechtern seit acht Tagen das dasige Schloss bezogen und diese kunstlose aber nützliche Anstalt eröffnet haben. Es wird nun an treuer Ausführung des Plans gearbeitet, und bei erwartender verhältnismässiger Anzahl von Zöglingen soll auch das katholische, so wie das reformierte Professorat ohne Verzug besetzt werden.»127
Dieser unspektakuläre Auftritt des Seminars steht in krassem Gegensatz zum Zirkus um die Verlegung des Seminars Haldenstein nach Marschlins im Jahre 1771, die begleitet von «einem mächtigen Tross, mit Ross und Wagen» stattgefunden und in einem dreitägigen Fest kulminiert hatte.128 Damals waren gegen achtzig Schüler mit Mobiliar und Schulmaterial umgesiedelt worden. Baron Ulysses von Salis, Herr von Marschlins, bevollmächtigter Minister Frankreichs, der grandiose Inszenierungen zu organisieren gewohnt war, hatte prominente Gäste eingeladen und kräftig die Propagandatrommel für seine Schule gerührt, auch ein weiteres Mal, als er sie 1775 in ein Philanthropin verwandelte.129
Seit jenen gloriosen Zeiten war mehr Demut in Bünden eingekehrt; das Selbstbewusstsein der Adelsgeschlechter war geknickt und ihr Reichtum, der sich aus drei Quellen spies – Pensionswesen, Handel und Untertanenlande –, hatte durch die Französische Revolution und die Entlassung der Bündner Regimenter eine beträchtliche Einbusse erlitten. Ohne Geld schwand auch der Einfluss auf die Politik. Bescheidenheit und Zurückhaltung entsprachen eher dem neuen Zeitgeist als der barocke Luxus des Salis-Marschlins.
Tscharner und Nesemann, die Gründer des Seminars Reichenau, achteten nicht auf die Meinung des Publikums, wenn sie etwas Neues an die Hand nahmen, ja sie scheuten geradezu die Öffentlichkeit und meldeten sich kaum zu Wort, wenn es nicht unbedingt nötig war. Davon zeugt auch der Prospekt vom 22. Mai 1793, der mit minimalen Veränderungen am 1. August neu aufgelegt wurde: Die Leistungen sollten für sich sprechen. Dabei blieb es für die nächsten anderthalb Jahre.
Als der Romanautor und Dramatiker Heinrich Zschokke im August 1796 nach Reichenau kam und Anfang 1797 die Direktion übernahm, änderte sich dies; er kritisierte die bisherige Werbepraxis und schlug eine verstärkte Propaganda vor, denn nur wenn von Zeit zu Zeit über die Fortdauer und Neuerungen des Instituts berichtet werde, bleibe das Interesse geweckt.
Was aber waren die Eigentümlichkeiten des Seminars Reichenau, die es verdient hätten, dass man darüber Worte verlor? Zunächst sah alles nach einer üblichen Internatsschule aus. Die wenigen Schüler und die geringe Zahl an Lehrern erlaubten es noch nicht, den vorgesehenen Plan ganz zu entfalten. Krisen, welche das Seminar erschütterten, stellten sich dem Ausbau weiter entgegen. In einem Prospekt und einem öffentlichen Brief vom 1. Februar 1795 ist erstmals von einem Schülertribunal beziehungsweise einer Schulrepublik die Rede.130 Es ist aber anzunehmen, dass diese Institution bereits seit Sommer 1794 bestand.
LEHRER UND SCHÜLER
Es bereitete Tscharner erhebliche Mühe, sechs Lehrer zusammenzubringen, um alle vorgesehenen Fächer unterrichten zu lassen. Nesemann hatte sich zwar schnell überzeugen lassen und als künftiger Direktor einen Vertrag zu günstigen Bedingungen abgeschlossen, danach aber stockte die Anwerbung. Als reformierten Hauptlehrer hätte Tscharner gern den routinierten Jakob Valentin gewonnen, der mit Genehmigung des Bundstags seit 1789 als Leiter der Familienschule Jenins den Titel Professor tragen durfte.131 Obwohl Tscharner sein Anliegen eindringlich vorbrachte und ihn beschwor, die neue Stelle anzunehmen, weil das Seminar sonst nicht gedeihen könne, war Valentin nicht willens, seine relative Unabhängigkeit bei gesicherten Einkünften – er war 1787 an Stelle seines verstorbenen Vaters als Pfarrer in Jenins nachgerückt – mit einer ungewissen Stellung zu vertauschen, zumal er sich in der ihm angetragenen Position hinter Nesemann zurückgesetzt fühlte.132 Tscharner bot ihm ein Gehalt von 700 Gulden an, 100 weniger als Nesemann, geringere Privilegien und keinen Anteil an den Geschenken der Eltern.
Die Suche nach einem katholischen Hauptlehrer verlief ebenfalls harzig, weil kein guter Theologe, sondern ein Pädagoge gefragt war, der in mehreren weltlichen Fächern beschlagen sein musste und beispielsweise moderne Sprachen, Handelsfächer oder Naturwissenschaften auf Mittelschulniveau unterrichten konnte. Das sah das Curriculum eines Bündner Priesters nicht vor, falls er sich nicht jahrelang als Hauslehrer bei einem weitgereisten und gebildeten Kaufmann oder Politiker verdingt hatte. Tscharner wandte sich wegen eines Italienischlehrers sogar an Pfarrer Maffioli in Mailand, der ihm auch nicht weiterhelfen konnte.133
Die nächste Schwierigkeit, einen guten Mathematik- und Physiklehrer, gleich welcher Konfession, zu finden, der, wie Martin Planta in Haldenstein, den geisteswissenschaftlich orientierten Nesemann ergänzen konnte, liess sich ebenfalls nicht lösen. Die Anstellung scheiterte häufig an Gehaltsforderungen, an Bedenken, sich in eine abgeschiedene Berggegend zu begeben, und an der Anzahl Unterrichts- und Aufsichtsstunden, die von den Lehrern in Reichenau gefordert wurde. Tscharner sandte vergeblich Anfragen nach einem geeigneten «Subjekt» an Bekannte in der Schweiz134 und wandte sich an den Pädagogen Christian Gotthilf Salzmann in Schnepfenthal, den er schon auf der Suche nach Lehrern für Jenins in Anspruch genommen hatte.135
Nicht einmal ein Zeichenlehrer konnte aufgetrieben werden, obwohl sich drei Lehrer bewarben, darunter Martin Friedrich Bernigeroth aus Leipzig, der schon in Haldenstein und Marschlins Zeichenmeister gewesen war und sich auch als Tanzmeister empfahl.136 Hier lag die Sachlage anders: Ein solcher Lehrer hätte angesichts der zunächst kleinen Schülerzahl in Reichenau kein Auskommen gehabt, sondern wäre in Chur auf eine zweite Anstellung oder Privatschüler angewiesen gewesen. Tanzen, Zeichnen, Musik und Fechten waren Freifächer, die von den Eltern extra bezahlt werden mussten, wozu wenige bereit waren. Die Schule gab sich republikanisch; Tanzen, Musik und Fechten aber waren Fertigkeiten, die damals eher mit der Erziehung zum Edelmann in Zusammenhang gebracht wurden.
Nach verschiedenen Absagen hatte Tscharner zur Schuleröffnung neben Nesemann vier Lehrer gefunden, drei reformierte und einen katholischen, deren Eignung nicht in allen Fällen erprobt war: Rusterholz, Juvenal, den Katholiken Deporta und Kniesel. Von den beiden Letzteren wissen wir nicht viel; Kniesel verliess die Schule schon nach einem halben Jahr, nachdem er eines Gelddiebstahls bezichtigt worden war.137 Er fand im Anschluss eine Anstellung bei Friedrich Anton von Salis-Soglio im Bergell.
Aus einer Aufstellung Tscharners vom Mai 1793 geht hervor, dass er mit den Lehrern folgendes Jahresgehalt vereinbarte: Nesemann 800 Gulden, Rusterholz 600, Deporta 400, Juvenal 300 und Johannes Caprez, reformierter Pfarrer der Nachbargemeinde Tamins, 200.138 Diese Zahlen geben die zeitliche Belastung der Betreffenden wieder. Deporta, ein katholischer Pfarrer, blieb nicht einmal ein Jahr und nahm im Februar 1794 eine Stelle im Regiment Christ in sardinischen Diensten an. Caprez wurde schon vor Beginn durch Kniesel ersetzt, und nach dessen Entlassung blieb sein Platz vakant, so dass nur noch vier bezahlte Lehrer tätig waren. Im Dezember 1793 bezogen Nesemann und Deporta das gleiche Gehalt wie im Mai vorgesehen, während Rusterholz noch 500 Gulden erhielt und Juvenal neu 400 Gulden.139 Kurze Zeit darauf wurde Nesemanns Gehalt aus Spargründen um 100 Gulden verringert.140
Der schon ältere Anton Gubert Juvenal hatte sich am 27. Dezember 1792 von Chiavenna aus um eine Lehrerstelle für Italienisch, Rechnen und Violinspiel beworben141 und unterrichtete in Reichenau Italienisch, Französisch und Rechnen. Johann Heinrich Rusterholz (1760–1806) aus Wädenswil, bis 1790 Lehrer an der Stadtschule in Chur, hatte im gleichen Jahr das Knabeninstitut «Rietli» in Zürich Unterstrass gegründet. Schon im Juni 1787 hatte ihn Tscharner als zweiten Lehrer an die Jeninser Nationalschule holen wollen, aber erst 1793 folgte er Tscharners Ruf nach Reichenau und erteilte Rechnen, Französisch, Schreiben, Naturkunde und Geografie. Deportas Unterricht beschränkte sich auf Latein und katholische Religion, während Nesemann die übrigen Fächer und Stufen abdeckte, einsprang, wo es nötig war, und im Wintersemester 1793, das Anfang Dezember begann, reformierten Religionsunterricht, Philosophie, Rhetorik, Geschichte, Geografie und Französisch gab.
Diese Informationen entnehmen wir einem handschriftlichen Stundenplan Tscharners aus jener Zeit.142 Darin sind 16 Schüler mit ihrem Pensum aufgelistet, die meisten aus Graubünden, zwei aus Mailand und einer aus Ravensburg. Einige Namen wurden später gestrichen, andere ergänzt. Leider fehlen bei den Schülern genaue Angaben und die Daten des Zu- und Abgangs. Bei der Schuleröffnung waren es offenbar noch weniger als zwölf und einen guten Monat später vierzehn.143 In dieser Grössenordnung bewegte sich die Schülerzahl auch in den ersten Jahren.
Tscharner hatte Bekannte auf die Schule aufmerksam gemacht und sie gefragt, ob sie ihre Söhne nach Reichenau schicken möchten oder andere dafür empfehlen könnten. In seinen «Reichenauer Notanda» sind mehrere Listen mit Namen enthalten. Am 3. Mai 1793 wurden 39 Kinder «zugesagt», 144 im Herbst darauf 22 «mit Gewissheit angemeldet». Das waren teils nur Bereitschaftsbekundungen, noch kaum feste Zusagen zum sofortigen Schuleintritt. So waren zwei Söhne des Präfekten Francesco Conrado von Baldenstein (im Hochgericht Domleschg) angemeldet, die erst 1796 oder 1797 ins Seminar kamen. Der eine von ihnen, der spätere Ornithologe Thomas Conrado, war 1793 erst neun Jahre alt. Vater Conrado war selbst einst Zögling des Seminars Haldenstein, also Schüler von Nesemann gewesen, und dies war wohl entscheidend, dass er seine Söhne für Reichenau schon einmal vormerkte. Das Gleiche traf auch für den Basler Fabrikanten und späteren Politiker Johann Lukas Legrand zu, ebenfalls Schüler von Haldenstein, der mit Interesse verfolgte, wie das Seminar Reichenau sich entwickelte, seine beiden Söhne Johann und Daniel aber erst 1795 nach Reichenau schickte, als sie 13 und 12 Jahre zählten.
Nicht alle Einträge lassen sich entschlüsseln, da die Schüler in den Listen oft nur mit Nachnamen erscheinen, vielleicht noch mit Herkunftsort oder Berufsbezeichnung des Vaters. Es handelte sich ja nur um Notizen Tscharners. In der Liste vom Mai 1793 waren, wie erwähnt, 39 Anwärter eingetragen; nur rund ein Drittel kam jedoch gleich, und auch von diesen besitzen wir selten Angaben über Herkunft, Muttersprache, Alter und die Dauer ihres Aufenthalts in Reichenau.
Eine Alterslimite für die Aufnahme wird in den Prospekten für Reichenau nicht genannt, dies im Unterschied zu Tscharners Plan für die Jeninser Nationalschule vom März 1788, wo ein Höchsteintrittsalter von zwölf Jahren vorgesehen war, da «die Kinder von gewissen Lastern noch frei und da hier kein Anlass zur Verführung ist».145 Viele Eltern hatten aber offenbar Bedenken, ihre Söhne in diesem frühen Alter in die Fremde zu schicken, aus verschiedenen Gründen, vielleicht auch aus Sorge um ihre Gesundheit und ihr Wohlergehen. Immerhin war es oft das erste Mal, dass sie über längere Zeit von zu Hause abwesend waren.
Tscharner hatte im Herbst 1793 seine vier ältesten Söhne «mit Gewissheit» angemeldet: Johann Baptista (1779–1857) und Johann Friedrich (1780–1844) hatten seit 1786 die Familienschule Jenins besucht; ihretwegen hauptsächlich hatte ihr Vater diese Schule gegründet. Sie traten im Juni 1793 ins Seminar Reichenau über und blieben dort bis Ende 1796, um dann an die Universität Erlangen zu gehen. Der nächstältere Sohn Johann Georg (1782–1819), der 1789 als Siebenjähriger in die Jeninser Schule kam, trat ebenfalls zum Zeitpunkt der Eröffnung ins Seminar Reichenau ein, während bei Peter Conradin (1786–1841) bis 1796 zugewartet wurde. Es ist zu vermuten, dass das Alter der Knaben zwischen zehn (beim Eintritt) und achtzehn Jahre (beim Austritt) betrug. Das lässt sich auch aus den Fächern schliessen, in denen sie unterrichtet wurden: Die jüngeren erhielten von Nesemann Religionsunterricht, die älteren (ab 14 oder 15 Jahren) Philosophie; im Wintersemester 1793/94 traf Letzteres offenbar nur für einen einzigen Schüler zu, Ruggiero aus Mailand.
Je mehr Kinder von Anfang an das Seminar besuchten, desto tiefer konnte das Schulgeld angesetzt und desto besser das schulische Angebot werden, ohne dass sich ein erheblicher Verlust in der Gesamtrechnung ergab, was Tscharner in Rücksicht auf seine Mitgesellschafter unbedingt vermeiden wollte. Die starke Fluktuation von Semester zu Semester erforderte es, dass immer wieder neue Schüler angeworben werden mussten. Die Abgänge hingen selten oder nie mit schulischem Misserfolg zusammen, sondern, wie es scheint, mit dem Gesundheitszustand der Kinder, ihrem Alter und äusseren, nicht zu beeinflussenden, und manchmal auch politischen Faktoren, die in der Geschichte des Seminars Reichenau eine wesentliche Rolle spielten.
Das Schulgeld war mit 100 Gulden, das «Tischgeld» für Unterkunft, Essen und die anderen Auslagen mit 200 Gulden zurückhaltend kalkuliert; dies war der Betrag, den schon 1761 ein Kind im Seminar Haldenstein bezahlen musste. Einige Eltern hatten sich eine Reduktion oder Ausnahmereglung mit einem Gegengeschäft ausbedungen, was Tscharner offenbar akzeptierte, 146 so Lehrer Juvenal, der für seinen Sohn das volle Tischgeld von 200, aber nur ein Schulgeld von 81 Gulden zu bezahlen hatte. Dagegen wurde für den Schüler Pestalozzi aus Malans ein Schulgeld von 112 Gulden gefordert; vielleicht weil er Einzelunterricht benötigte oder ein Freifach wie Zeichnen, Musik, Tanzen oder Fechten belegte, wofür eigens ein Lehrer aus Chur geholt werden musste. Kurz nach der Eröffnung, am 10. Juli 1793, stellte Tscharner fest, dass die 14 Schüler im Durchschnitt 284 Gulden zahlten und sich bei Einnahmen von 224 und Ausgaben von 291.30 Gulden ein Defizit von beinahe 70 Gulden pro Kopf ergeben würde, ohne Berücksichtigung der Verzinsung des Kapitals und der Möbel, Bücher und der Naturalien- und Kupferstichsammlung im Schätzwert von 1500 Gulden, die er aus seinem Bestand aus Jenins mitgebracht hatte.147
Im Inserat vom 23.Juni 1793, das sich vorwiegend an Eltern im Ausland richtete, wurde die Gebühr mit 351 Gulden angegeben, 130 Gulden für den Unterricht und 221 Gulden für Unterkunft, Essen und anderes.148 Die Differenz zu den anderen Angaben ist nicht ganz verständlich, da mit der gleichen Währung (Churer Gulden) gearbeitet wurde. Vielleicht war eine Quersubvention beabsichtigt. Das Inserat enthält noch die Mitteilung, dass weitere Lehrer eingestellt würden, sobald die Zahl der Schüler sich erhöhe.
EIN GEHEIMNISVOLLER FREMDER
Ähnlich wie bei Lebensläufen ranken sich zuweilen auch um Institutionen Anekdoten und Legenden, die eifrig nacherzählt und blumig ausgeschmückt werden, weil sie die Merk- und Denkwürdigkeit erhöhen. Das Seminar Reichenau bildet darin keine Ausnahme. Ein Höhepunkt in der Schulgeschichte ist zweifellos die Erzählung, wie der junge preussische Dichter Heinrich Zschokke im August 1796 auf seiner Durchreise durch Bünden in Chur eintraf, dort sein vorausgeschicktes Gepäck nicht vorfand und sich vom Seminar Reichenau so begeistern liess, dass er kurzerhand die Leitung übernahm, um sie nach eigenen Vorstellungen umzugestalten und zum Erfolg zu führen.149 Was davon stimmt, werden wir erfahren.
Die zweite Erzählung handelt vom Aufenthalt von Louis-Philippe (1773–1850), der nach der Julirevolution 1830 als «Bürgerkönig» den französischen Thron bestieg. Wie der Herzog von Orléans, sein Vater, der den Übernamen Philippe Égalité erhielt, sympathisierte auch sein Sohn mit der Französischen Revolution. Er wurde mit 17 Jahren Mitglied des Jakobinerclubs und trat der Revolutionsarmee bei, wo er als Generalleutnant unter General Dumouriez 1792 an der Kanonade von Valmy teilnahm und am Sieg von Jemappes Anteil hatte. Als Mitverschwörer an einem Putschversuch von Dumouriez musste er im Frühjahr 1793 fliehen, suchte inkognito Exil in die Schweiz, wurde mehrfach von Spionen aufgespürt und erhielt von General Montesquiou, der sich als Emigrant in Bremgarten aufhielt, den Rat, er solle in Reichenau Unterschlupf suchen. Louis-Philippe war da noch keine 20 Jahre alt. Montesquiou stand mit Aloys Jost, der unter ihm in der republikanischen Armee gedient hatte, im Briefverkehr. Es wurde verabredet, Louis-Philippe solle als harmloser Südfranzose auftreten und sich unter dem Pseudonym Chabos als Lehrer einstellen lassen, mit der Garantie, dass ausser Jost, Tscharner und Nesemann niemand seine Identität erfahren werde, auch die anderen Lehrer nicht.150 Bis Chur begleitet von einem Diener, übernahm Louis-Philippe dort sein Reisebündel und traf allein und zu Fuss am frühen Morgen des 24. Oktobers 1793 in Reichenau ein, wo er an der Türe klingelte und von Jost empfangen wurde, den er als einen 33-jährigen, in blauen Samt gekleideten Mann mit schon schütterem blondem Haar beschrieb.151 Nesemann weilte zu jener Zeit in Chur.
Jost zeigte dem jungen Prinzen zunächst die mit französischen Büchern kärglich ausgestattete Bibliothek, dann sein Quartier, ein geräumiges, aber in dieser Jahreszeit düsteres Zimmer im Seitenflügel des Schlosses, das bisher Georg Anton Vieli benutzt hatte. Darin befanden sich ein Tisch, ein Stuhl, eine Pritsche und ein grosser Ofen, der vor Hitze summte. Mit dem Bett, auf dem bloss eine Strohmatratze lag, konnte sich Louis-Philippe bis zum Schluss nicht anfreunden, und Jost lieh ihm einige Decken aus.

8 — Lehrer Chabos alias Louis-Philippe, Herzog von Orléans, im Schloss Reichenau. Der nachmalige und letzte König der Franzosen (1830–1848) liess für seine königliche Galerie dieses Gemälde anfertigen (jetzt in Versailles), von dem er, als Dankbarkeit für seine Zufluchtsstätte, dem Schlossherrn von Reichenau eine Kopie schenkte. Das Louis-Philippe-Zimmer im Schlossflügel ist heute noch zu besichtigen; es wurde im 19. Jahrhundert für Bündenreisende zum touristischen Anziehungspunkt.
Vor dem Abendessen stellte Jost ihn Rusterholz, Juvenal, Deporta und den ungefähr 15 Schülern als ihren neuen Lehrer vor. Aus Briefen von Louis-Philippe an General Montesquiou wissen wir einiges über seinen Aufenthalt in Reichenau und kennen seine Einschätzung der Kollegen.152
Deporta, ein bereits älterer Priester, schrieb er, habe sich mit liebenswürdigen Worten an ihn gewandt, während Rusterholz einige Sätze in schlechtem Französisch stammelte. Juvenal, den Louis-Philippe als kleingewachsen, mit Adlergesicht und Siebentagebart schildert, habe einen blauen, fremdartig geschnittenen Anzug getragen, eine schwarze Weste, wie man sie von Basken kannte, eine grüne amerikanische Hose und eine Mütze, die seinen glänzenden Kahlkopf bedeckte. Deportas Pflichten bestanden nach der Aussage von Louis-Philippe darin, den einzigen katholischen Schüler (also Ruggiero) in Religion zu unterweisen, einige Stunden Latein zu erteilen, die Messe zu lesen und die gemeinsame Tafel zu präsidieren, an der auch Jost gewöhnlich teilnahm.
Juvenal habe sich mit ruckartigen Bewegungen und feurigem Blick auf ihn gestürzt, um sich zu erkundigen, ob er Musiker sei, und sei enttäuscht gewesen, als Louis-Philippe verneinte. Er sei Violinist, habe Juvenal in einem italienischen Wortschwall erzählt, stamme aus der Dauphiné, aus der seine Familie durch den Widerruf des Edikts von Nantes vertrieben worden sei. Später sei er ins Bergell gekommen, das er nach dem Verlust seines ganzen Vermögens mit seinem Sohn verlassen habe, um sich als Repetitor zu verdingen. Die Musik sei sein einziger Trost, und er suche vergeblich einen Gefährten, der seine Vorliebe teile.
An jenem Abend wurde Suppe, gekochtes und gebratenes Fleisch und Sauerkraut gereicht. Louis-Philippe verabscheute Sauerkraut und andere ihm ungewohnte Speisen. Schon beim Anblick einer fettigen Pastete, die ausgesehen habe, als sei sie mit Schnecken gefüllt (tourte de limaçons), wurde ihm übel. Auch in Butter gekochte Dörrfrüchte und gebratene Teigwaren mochte er nicht. Jost ärgerte sich über diese Ansprüche und das für einen Offizier ungehörige, unbeherrschte Verhalten.153
Der junge Prinz muss mit seinem gezierten Benehmen, den feinen Hemden und Halstüchern, die er täglich wechselte, in Reichenau wie ein bunter Vogel gewirkt haben.154 Er lebte zurückgezogen, war viel mit seiner Korrespondenz beschäftigt und oft kränklich. Nachdem Nesemann seine Fähigkeiten geprüft hatte, wurde ihm, bis sein Deutsch sich verbessert habe, ein einzelner Schüler zugewiesen. Als Entgelt für Essen und Unterkunft sollte er täglich zwei Lektionen erteilen, am Morgen Geometrie, am Nachmittag Arithmetik oder Geografie.155 Nach Ablauf von drei Monaten würde man dann ein Honorar für seine Tätigkeit festlegen. Louis-Philippe willigte ein, wollte aber für seinen Unterhalt bezahlen, und so legte man einen Preis von vierzig Sous täglich fest, die er entrichten sollte, sobald er wieder über Geld verfüge. Dafür brachte ihm Jost frische Früchte und Süssigkeiten aufs Zimmer, der Hausdiener bürstete seine Kleider und reinigte die Schuhe, und seine Wäsche wurde regelmässig gewaschen und gebügelt, ohne dass jemand es bemerken sollte.
Louis-Philippe gab sich Mühe, nicht aufzufallen, ass zusammen mit den Lehrern und Schülern, und wenn er die Speisen nicht vertrug, begnügte er sich mit Brot. Dem Stundenplan vom Wintersemester 1793/94 zufolge erteilte er Ruggiero (Louis-Philippe schrieb ihn «Rugié») von 9 bis 10 Uhr Geometrie. Vielleicht nahm auch Merkel aus Ravensburg daran teil, weil manchmal von zwei Schülern die Rede ist.156 Merkel zählte etwa 14, Ruggiero 16 Jahre, er war also wohl der älteste Schüler in Reichenau. Louis-Philippe willigte ein, Rusterholz und Josephine Jost, der Tochter des Verwalters, Französisch beizubringen; auch Tscharners Söhnen erteilte er privat Französischstunden. Dafür wurde er von Tscharner nach Chur eingeladen, 157 was ihm viel bedeutete, da er sich in Reichenau sehr eingeschränkt fühlte. Peter Conradin Tscharner, einer der jüngeren Söhne, der mit sieben Jahren noch zu jung war, um das Seminar Reichenau zu besuchen, und vermutlich erst 1796 dazu stiess, schrieb fast ein halbes Jahrhundert später aus der Erinnerung: «Jeder von uns wünschte in die Klasse des Herrn Chabos eingeteilt zu werden, so sehr und allgemein hatte das einnehmende Äussere und die Freundlichkeit seines Betragens die jungen Gemüter für den neuen Ankömmling eingenommen.»158

9 — Schulszene im Seminar Reichenau in einer Lithografie von Charles-Étienne-Pierre Motte nach einer Zeichnung von Léon-Auguste Asselineau, um 1835. Rechts sieht man Louis-Philippe von Orléans beim Unterrichten. Die Pose mit Erdkugel und Landkarte erinnert an imperiale Darstellungen Napoleons I. und weist auf seine Regentschaft voraus. Die beiden Knaben am offenen Fenster huldigen ihm wie einem Herrscher mit gebeugten Knie, was dem republikanischen Geist in Reichenau deutlich widerspricht. In der Mitte scharen sich Schüler um Johann Peter Nesemann und im Hintergrund verweist ein weiterer Lehrer, vermutlich der Violinist Anton Gubert Juvenal (Geige an der Wand), einen schläfrigen Schüler des Zimmers. Der Gast links vorne, der den Unterricht aufmerksam verfolgt, ist mit Bestimmtheit Johann Baptista von Tscharner, Kurator des Seminars. Von den kompositorischen Zugeständnissen und apotheotischen Überhöhungen abgesehen, wirkt die Darstellung realitätsnah. Man beachte den grossen Altersunterschied der Schüler, was einen Klassenunterricht erheblich erschwerte.
Mit der Köchin, einer jungen Italienerin namens Marianne Banzori, ging er ein Verhältnis ein, das Folgen zeitigte.159 Jost war ärgerlich, nicht weil der Herzog von Orléans und spätere König von Frankreich ein Mädchen geschwängert hatte, warum aber ausgerechnet die Köchin? Wo sollte er jetzt eine neue hernehmen? General von Montesquiou nahm die Angelegenheit auf die leichte Schulter. Am französischen Hof sei dies nichts Ungewöhnliches; in ähnlichen Fällen suche man für die Schwangere einen standesgemässen Mann und für das uneheliche Kind passende Eltern. Der Prinz begriff nicht, dass er Vater werden sollte. Hatte er nicht alle notwendigen Vorkehrungen getroffen? Womöglich hatte seine Geliebte noch andere Liebhaber, mutmasste er, vielleicht jenen Zimmermann, von dem sie sich angeblich getrennt hatte.
Jost mochte solche Unterstellungen nicht. Marianne Banzori sei gewiss keine Jungfrau mehr gewesen, schrieb er Montesquiou, aber doch auch keine Hure; die Franzosen hätten gut daran getan, alles aus dem Land zu werfen, was einem Prinzen glich. Schliesslich erklärte Louis-Philippe sich bereit, für die Niederkunft der Geliebten in Italien und die Aufzucht des Kindes aufzukommen. Marianne Banzori versöhnte sich mit ihrem «Chabosli» und liess ihn wieder in ihre Kammer. Nach seinem Abschied von Reichenau schrieb er ihr noch einige warme Liebesbriefe aus Bremgarten, dann war die Beziehung zu Ende.160 Marianne Banzori brachte im Dezember 1794 in Mailand ihr Kind zur Welt, danach verliert sich ihre Spur.
In dankbarer Erinnerung an sein Refugium schenkte Louis-Philippe 1845 dem Schlossherrn von Reichenau zwei Bilder, die noch heute im Schloss aufgehängt sind: Das erste stellt ihn als Monsieur Chabos in einfacher bürgerlicher Kleidung und als Lehrer vor einem Globus dar, das zweite als König in Gala-Uniform.161 Auf einer Lithografie in der Kantonsbibliothek Graubünden, der das Entstehungsjahr 1826 zugeschrieben wird, sieht man den jungen Fürsten ebenfalls vor einem Globus, in weltmännischer Pose auf eine Landkarte zeigend, während seine beiden Schüler, der eine kniend, der andere gebückt, ihn ehrfurchtsvoll betrachten. Im Hintergrund spielt sich ein Gruppenunterricht mit vor sich hin träumenden Schülern ab, und ein älterer Lehrer mit schütterem Haar, wohl Juvenal darstellend, weist schimpfend einen Schüler aus dem Zimmer.162
Darmowy fragment się skończył.