Czytaj książkę: «Brunos Dankeschön»

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Uwe Heimowski

Brunos Dankeschön

Geschichten von der Reeperbahn


Zu diesem Buch

Uwe Heimowski lebte einige Jahre in Hamburg St. Pauli. Liebevoll porträtiert er in diesen zwölf Geschichten gesellschaftliche Randsiedler, wie es sie nicht nur auf der Reeperbahn, sondern nahezu überall gibt.

„Heimowskis Geschichten von der Reeperbahn sind voller Menschlichkeit. Nach dem Lesen sieht man die Welt anders.“

Über den Autor

Uwe Heimowski, Jahrgang 1964, leitet die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Gera und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundestagsabgeordneten Frank Heinrich. Darüber hinaus ist er als Berater und Referent unterwegs.

Uwe Heimowski ist verheiratet mit Christine, sie haben fünf Kinder.

Er hat bereits zahlreiche Artikel und Bücher verfasst. Im Neufeld Verlag liegen bisher vor:

• Brunos Dankeschön – Geschichten von der Reeperbahn

• Die Heilsarmee: Practical Religion – gelebter Glaube

• Ich bin dafür! 44 Mutmacher für den Alltag

• Ich will bei dir sein – Du trauerst nicht allein (mit Mini-CD)

• Weiter so! 44 neue Mutmacher für den Alltag

• Mission: Verantwortung – Von der Heilsarmee in den Bundestag – Frank Heinrich im Gespräch mit Uwe Heimowski

www.uwe-heimowski.de

Impressum

Dieses Buch als E-Book:

ISBN 978-3-86256-739-3, Bestell-Nummer 588 612E

Dieses Buch in gedruckter Form:

ISBN 978-3-937896-12-0, Bestell-Nummer 588 612

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar

Umschlaggestaltung und Foto: Christian Schmiedbauer, Augsburg Satz: Neufeld Verlag

© 2005 Neufeld Verlag Schwarzenfeld

Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise,

nur mit Genehmigung des Verlages

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Für meine Schwester Anne

Inhalt

Zu diesem Buch

Über den Autor

Impressum

Rotlichtbezirke

Einklang: Gegenüber

Brunos Dankeschön

Heinrich und die Sintflut

Aids

Post aus Dänemark

Geburtstagsempfang

Daggis Hochzeit

Warum?

Alfreds Vaterunser

Kleidertouren

Karl und Thorsten

Sauberes Leben, saubere Straßen

Gesichter auf der Reeperbahn

Ausklang: Ein Stein

Mehr als nur lesen?

Über den Verlag

Rotlichtbezirke

... sind Schmelztiegel. Das halbseidene Geschäft lockt Menschen aller Couleur. Die einen, Gewinnler und Spekulanten, wittern das große Geld und bieten dafür alles mögliche und scheinbar unmögliche, grenzenlos. Die anderen, Touristen vor allem, gieren nach der Sensation und zahlen dafür ein Vermögen.

Viele kommen, und mancher kommt unter die Räder. Aus beiden Lagern: der durch horrend hohe Mietforderungen verschuldete Peep-Show-Betreiber und die alkoholabhängige Prostituierte auf der einen, der untreue Familienvater, der Ehe und Gesundheit aufs Spiel setzt, auf der anderen Seite.

Viele kommen erst, wenn sie bereits am Ende sind: Obdachlose und Drogenabhängige sitzen in Hauseingängen und betteln.

Der Hamburger Stadtteil St. Pauli, dessen berühmte Reeperbahn als „sündigste Meile der Welt“ gilt, ist ein solcher Schmelztiegel. Fünf Jahre war ich dort, für die Heilsarmee: als Zivildienstleistender, als Seelsorger, als Aids-Berater; getreu dem Motto, dass „Gott die Menschen auch dort noch erreicht, wo sie nicht mehr damit rechnen“.

Fünf Jahre: eine kurze Zeit, eigentlich. Doch an einem Ort, wohin Abend für Abend dreißigtausend Touristen strömen, wo die Heilsarmee im Laufe eines Jahres Suppe, Kleider, Gottesdienste, offene Türen und offene Herzen für nahezu zwanzigtausend Bedürftige anbietet, an einem Ort, wo binnen weniger Monate dutzende Läden geschlossen und neu eröffnet werden, an solch einem Ort sind fünf Jahre eine lange Zeit.

Lange genug, um hinter die Fassaden zu schauen, in der Masse den Einzelnen zu erkennen.

Von solchen Einzelnen, von Begegnungen mit ihnen, handelt dieses Buch. Es will den Blick weglenken vom St. Pauli der Medien, weg vom gleißenden Licht der Leuchtfassaden, vom schummerigen Halbdunkel der Hinterzimmer, hin zu einzelnen Menschen. Zu unscheinbar besonderen Menschen: Bruno und Regina, Heinrich und Kuddel.

Ihre Namen musste ich – zu ihrem Schutz – ändern, auch ihre Charaktere sind gestaltet: Ich habe verfremdet, indem ich manchmal mehrere wirkliche Personen zu einer hier beschriebenen zusammenzog. Weiterhin habe ich frei nacherzählt. Und doch ist keine Person oder Situation rein fiktiv – alle sind wahr.

Gewidmet ist dieses Buch Bruno und den Menschen am Rand der Gesellschaft.

Uwe Heimowski Gera, im Frühjahr 2005

Einklang: Gegenüber

Du kennst es nicht.

Niemand steht dir näher,

für einen Augenblick.

Doch du kennst es nicht.

Im Bus, im Zug, am Schalter:

ein Gegenüber.

Mann, Frau, jung, alt.

Für dich: ein Es,

neutral,

noch.

Dann siehst du:

Kleidung,

Haare,

Augen,

Hautfarbe.

Du magst Es nicht.

Auf zwei Meter Entfernung ein Wort,

ein Lächeln vielleicht,

und

das Etwas wird Person,

atmet, lebt,

ein Mensch entsteht.

Dir ganz nah.

Zu weit der Weg,

zu groß das Wort.

Das Gegenüber

bleibt gegenüber

und du kennst es nicht.

Brunos Dankeschön

Es war gegen zehn Uhr abends; ich hatte Dienst in der Atempause, einem alkohol- und nikotinfreien Café, das die Heilsarmee in St. Pauli als „Alternativkneipe“ unterhielt, und es gab wenig zu tun.

„Uwe, komm doch bitte mal mit mir nach draußen.“

Bruno, der mich angesprochen hatte, suchte meinen Blick und sah mich eindringlich an. Seine kleinen wachen Augen mit dem leichten Schielen, das sie so lebhaft machte und ihnen etwas Listiges verlieh, fixierten mich erwartungsvoll. Kleine Sternchen blitzten auf im blassen Blaugrau der Pupillen. Ein helles fröhliches Feuerwerk, das den Schalk verriet, der diesem Mann im Nacken saß, und der jetzt wieder einmal etwas ausgeheckt zu haben schien.

Wären da nur die fröhlichen Äuglein gewesen und nicht das bleiche Gesicht mit den schweren Tränensäcken, dem die Jahre ihre Spuren eingegraben hatten, nicht die dünnen, akkurat zurückgekämmten weißen Haare, nackenlang und feinsäuberlich hinter die leicht abstehenden Ohren gelegt, nicht der starke Moschus-Duft dieses namenlosen Rasierwassers, das ich so oft bei älteren Männern rieche und das mich jedesmal aufs neue schnuppern, rätseln und undeutlich an jemanden denken lässt, der mir partout nicht einfallen will: mein Opa oder ein Onkel, ein Nachbar vielleicht? – wären es nur diese lächelnden Augen gewesen, die mich nach wie vor fest im Blick hatten, ich hätte gemeint, vor einem jungen Burschen zu stehen und nicht vor einem über sechzigjährigen Mann.

Etwas verlegen rückte Bruno sein graues, aus grober Wolle gewobenes Jackett zurecht. Beide Händen packten das Revers und zogen daran; zwei, drei schnelle Rucke, unterstützt von einer leichten Wippbewegung vorwärts, so dass sich die Jacke im Rücken heben und in den schmalen Schultern etwas vorrutschen konnte. Er räusperte sich, begutachtete den Sitz der Anzugjacke, kontrollierte den obersten Hemdknopf, besah auch Hose und Schuhe und nickte zufrieden. Darauf sah er mich noch einmal an, zwinkerte mir zu und machte auf dem Absatz kehrt. Leicht gebückt, das eine Bein ein wenig nachziehend, ging er durch den langen Schlauch der Atempause hindurch. Ohne sich noch einmal umzusehen, trat er hinaus ins Freie, auf die Talstraße, eine Seitenstraße der Reeperbahn.

Wie geheißen, folgte ich ihm. Bruno stand vor dem Nachbarhaus und musterte dessen spärlich beleuchtete Auslage. Mit dem Finger fuhr er über die Scheibe, sein Gesicht daran gepresst, halblaut und stockend lesend. Es war die Sun-Bar, ein Nachtclub. Ich blieb in der Tür stehen, eine Schattenlänge von Bruno entfernt. Er winkte mich zu sich.

„Du, ich sehe doch so schlecht.“

Bruno schielte verstohlen zu mir herüber, rieb sich mit den Handknöcheln die Augen und blinzelte ein paarmal; wobei er seine Lider übertrieben zusammenkniff, um mir seine Kurzsichtigkeit zu demonstrieren.

Dieses leichte Aufflackern im Hintergrund seiner Pupillen – war das das vertraute schelmische Flackern, wie ich im Café gemeint hatte? Oder verriet es eine Spur von Unsicherheit? Er wusste, dass mir sein Interesse an dem zwielichtigen Etablissement nicht behagte. Der kurze Blickkontakt mit Bruno reichte nicht aus, um das Funkeln mit Sicherheit zu deuten.

„Würdest du mir behilflich sein?“, fragte Bruno.

Er winkte mich noch näher zu sich heran – sein Rasierwasser stieg mir in die Nase – und klopfte mit seiner nikotingelben Fingerspitze auf das Glas des Schaukastens. Eine aufgeklappte Getränkekarte, beleuchtet von einer trüben Neonröhre.

„Bitte, schau mal hier in die Preisliste hinein. Es ist so furchtbar klein geschrieben, dass ich einfach die Preise nicht erkennen kann“, schimpfte er. „Und verblasst ist sie auch noch!“

Ich sah nach. Tatsächlich, die Tinte war verlaufen und die von Hand geschriebenen Preise kaum mehr zu erkennen.

Bruno sah mich an, stellte seinen kleinen Kopf leicht schief, wodurch er noch listiger aussah, ein wenig wie ein junger Fuchs, und fragte: „Wieviel kostet ein Bier?“

Uff. Ein Bier. Er erkundigte sich nach einem Bier. Ich war völlig perplex. Was wollte Bruno mit der Preisliste ausgerechnet in diesem Laden? Und dann auch noch mit einem Bier? Es war die allerletzte Frage, die ich erwartet hätte. Am wenigsten von Bruno. Was fragte er gerade mich – er wusste doch, dass ich nicht trank, wie alle Heilssoldaten. Und überhaupt: Was wollte er mit einem Bier?


Bruno hatte getrunken. Und das nicht zu knapp, sondern jahrelang und literweise. Viel zu viel. Bis zum Exzess – immer dann, wenn die Durstphasen ihn überfallen hatten, und das war nicht eben selten gewesen. Bruno war, wie man das landläufig nennt, ein Quartalssäufer.

Als Jugendlicher hatte er die Wochenenden durchgezecht, später mehrere Tage am Stück, in immer kürzer werdenden Abständen.

Der Suff hatte ihm einige kleine Vorstrafen und zuletzt sogar eine längere Gefängnishaft eingebracht. Er hatte Bruno auf der sozialen Leiter langsam, aber beharrlich Stufe für Stufe absteigen lassen.

Zuerst verlor er die Arbeit. Anfangs, als er abends nur gelegentlich in Kneipen versackte und morgens mit schwerem Kopf und lahmen Gliedern nicht aus dem Bett kam, hatte ihn sein Arzt krankgeschrieben. Befund: Magenverstimmung oder Migräne. Später fehlte er unentschuldigt und wurde entlassen. Dann verlor Bruno seine Wohnung – binnen weniger Monate war der Mietrückstand zu einer unbezahlbaren Summe geworden. Die Möbel wurden gepfändet, Bruno musste gehen. Irgendwann zerstritt er sich mit den letzten Freunden, die ihm Unterschlupf gewährt hatten. Schließlich fand er sich auf der sprichwörtlichen Parkbank wieder.

Die Phasen, in denen Bruno nüchtern anzutreffen war, wurden selten. Äußerst selten. Was früher noch Eskapaden waren, war nun Dauerzustand.

Er tat sich mit anderen wohnungslosen Trinkern zusammen, gemeinsam tranken sie von morgens bis abends. In den billigen Rotwein mischten sie Hefe und Zucker und Schlaftabletten – vergoren eine explosive Mischung. Der schwere tägliche Trunk tat seine verheerende Wirkung. Bruno bot ein jämmerliches Bild: Innerlich war er, im wahrsten Sinne des Wortes, zu. Er war unansprechbar, faselte wirres Zeug. Äußerlich verwahrloste er, wusch sich nicht, trug wochenlang die gleiche Kleidung. Bruno war unter die Räder der Trunksucht geraten.


Als ich ihn kennenlernte, lag diese unrühmliche Zeit bereits einige Jahre zurück. Er selbst hatte mir davon erzählt, auch von der Veränderung. Es klang wie ein Märchen. Oder ein Wunder.

Bruno hatte, kurz nachdem er aus dem Gefängnis entlassen wurde, einen lichten Moment gehabt und machte einen Alkoholentzug. Nicht seinen ersten, aber es wurde der letzte. Während der Kur fand er Kontakt zu einer betreuten Selbsthilfegruppe der christlichen Suchthilfeorganisation Blaues Kreuz. Er mochte die Leute dort und ging regelmäßig zur Gruppe. Das half ihm. Motiviert von den Gruppenstunden und Einzelgesprächen und auch von den Gebeten mit den Mitarbeitern, hatte er das Trinken lassen können.

Nun ging es Bruno so gut wie lange nicht. Zusammen mit einem Freund bewohnte er eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Er bezog eine niedrige, aber ausreichende Rente. Und er war Mitglied einer kleinen christlichen Gemeinde geworden. Ein Bekannter aus der Gruppe hatte ihn dorthin mitgenommen. Es ging recht familiär zu, jeder kannte jeden, und Bruno hatte sich schnell heimisch gefühlt. Besonders die älteren Damen, die sich in rührender Herzlichkeit um ihn kümmerten, trugen ihren Teil dazu bei.


Warum also fragte Bruno mich nach dem Bierpreis?

Gut, ich wusste, dass es immer wieder einmal Tage gab, an denen das alte Laster ihn packte und schüttelte und so lange nicht aus dem Würgegriff seiner teuflischen Klauen ließ, bis Bruno wieder zur Flasche gegriffen hatte. Aber diese Rückfälle waren selten. Außerdem waren sie plötzliche Attacken, die ihn nur dann überfielen, wenn er schutzlos in der Wüste seiner Einsamkeit steckenblieb – dann allerdings konnten sie mit Macht herangaloppieren. Tagsüber, wenn Bruno alleine und ohne Beschäftigung in seiner Wohnung saß. In Gesellschaft mit Freunden trank Bruno nicht.

Dass er jetzt ausgerechnet in die – alkoholfreie! – Atempause kam, um mich auf die Straße zu bitten und sich von mir den Bierpreis der Sun-Bar vorlesen zu lassen, das wollte nicht in meinen Kopf.

Wollte er mir eins auswischen? Vielleicht. Aber warum? In Windeseile gingen mir verschiedene Möglichkeiten durch den Kopf. Wann hatte ich Bruno zuletzt getroffen? Konnte ich ihn dabei unbemerkt verletzt haben?

Bei Menschen mit solch einer Lebensgeschichte geschieht das nur allzu schnell. Manchmal bewerten sie kleinste Bemerkungen viel zu stark und reagieren dann übertrieben gekränkt. Wer einmal zu den Verachtetsten, zu den „Pennern“, zum „Abschaum der Gesellschaft“ gehörte, der vergisst das nicht so leicht. In seiner Seele bleibt er äußerst sensibel und verletzlich. Es ist, als ob eine innere Goldwaage alle Worte und Gesten und besonders die Zwischentöne eines Gegenübers genauestens abwöge und bereits beim geringsten Ungleichgewicht hochempfindlich reagierte. Diese besondere Empfindsamkeit übersieht man leicht.

Trotz angestrengten Überlegens fiel mir kein Fettnäpfchen ein, in das ich getreten sein könnte. Im Gegenteil. Unsere letzte Begegnung war eine ganz besondere gewesen ...


Wie gesagt, Brunos Leben war stabil geworden. Doch es gab einige – erstaunlich wenige – Nachwirkungen aus seiner Zeit „auf der Platte“. Platte, so nennen die Wohnungslosen ihre Schlafplätze. Platte „machen“ sie auf der Straße oder im Park oder unter der Brücke – wo immer einer ein geschütztes Plätzchen entdeckt, wenn es nur groß genug ist, dass er seinen Schlafsack entrollen und die obligatorische Plastiktüte, das tragbare Wohnzimmer, abstellen kann.

Sich selbst nennen sie Berber, nach jenem wandernden Nomadenvolk Nordafrikas, das noch bis vor wenigen Jahren in Ziegenfellzelten wohnte, ein karges Leben führte, Hauptnahrungsmittel: Datteln und Feigen, Käse von Ziegen- und Kamelmilch, und „nach der Sitte der Väter“ jahrhundertealte Bräuche pflegte. Wie die orientalischen Berber mit ihren Herden auf der Suche nach Wasser- und Weideplätzen, von Oase zu Oase durch die weiten Sanddünen der Sahara zogen, so durchstreifen die bundesdeutschen Berber heute die Beton- und Gefühlswüsten der Großstädte, auf der Suche nach Nahrung und Wohnung und Leben und – so kitschig es klingt – ein bisschen Liebe.

Eine der Nachwirkungen von Brunos Vergangenheit waren gelegentliche Rückfälle. Eine andere betraf seine Hygiene. Bruno duschte sich nicht und ging schon gar nicht in die Badewanne. So gut wie nie. Seine tägliche Körperpflege bestand aus nichts anderem als der schnellen Katzenwäsche der Kinderjahre: Hände meistens, Gesicht gelegentlich, Rest ... na ja. Dass es in der Wohnung weder Badewanne noch Dusche gab, sondern nur ein kleines Waschbecken von der Größe einer Nachttischschublade, war Bruno eine willkommene Ausrede.

Unter diesen Waschgewohnheiten litt seine Gesundheit. Er erkrankte immer häufiger an verschiedenen Infektionen. Da er von Ärzten nichts hielt – besser: weil er Angst vor ihnen hatte, was er freilich nie zugegeben hätte –, kurierte er seine Krankheiten mehr schlecht als recht zuhause aus. Ein hartnäckiger Reizhusten verließ den starken Raucher erst gar nicht mehr.


Vor einigen Wochen hatte sein Mitbewohner Brunos Elend nicht mehr länger mit ansehen können. Er wandte sich hilfesuchend an die Heilsarmee, wo er, wie Bruno auch, ein regelmäßiger Gast war. Ich war zufällig der erste, der ihm über den Weg lief, und den er über Brunos labilen Gesundheitszustand informierte. Prompt ließ ich mich dazu überreden, Bruno zu besuchen und zu einem Bad in unserer Badewanne zu bewegen. Nun war es an mir (und nicht mehr an seinem Mitbewohner, der klug genug war, einen anderen zu schicken ...), Bruno von den Vorzügen eines Vollbades zu überzeugen. Ein schwieriges Unterfangen, in das ich da eingewilligt hatte.

Ich besuchte Bruno in seiner Wohnung. Nach einigen Umwegen kam ich so behutsam wie möglich zur Sache. Bruno lenkte ab. Ich kam zurück zum Thema. Bruno wich aus. Ich versuchte ihn zu packen, Bruno entglitt. So ging es etwa eine halbe Stunde. Meine Überzeugungsarbeit schien vergebens. Auch all meine Überredungskunst, auf die ich sonst so stolz bin, versagte. Bruno sträubte sich gegen das Bad wie eine junge Katze gegen die Bürste. Ich redete mit Menschen- und Engelszungen auf ihn ein – ich hätte längst dem berühmten Fisch das Fahrrad oder einem Eskimo einen Kühlschrank verkauft gehabt. Bruno blieb eisern. Er ließ sich nicht im Namen der Vernunft und noch nicht einmal im Namen Gottes von der Dringlichkeit eines Vollbades überzeugen.

Ich war kurz davor, mein Unternehmen aufzugeben, bis ich endlich bemerkte, warum Bruno ein Bad so rigoros und kategorisch ablehnte. Ein Nebensatz ließ mich aufhorchen: „... kann doch nicht einfach zu euch in die Tagesstätte kommen.“

Ach so. Es war weniger Unlust, als vielmehr Scham, die hinter seinem Sträuben lag. Als ich ihm ganz vorsichtig sagte, er brauchte sich nicht zu schämen, er und ich wären ganz alleine im Haus, wenn er käme, niemand außer uns würde etwas mitbekommen und auch ich würde mich diskret zurückziehen, brach das Eis und bald stimmte er einem Bad zu. Er schien sich sogar ein bisschen darauf zu freuen.

Pünktlich zum verabredeten Termin erschien Bruno im Heilsarmeehaus. Das Wasser plätscherte aus dem großen Wasserhahn in die Wanne, Schaum schwamm darauf und das frische Aroma des Pflegebades erfüllte den Raum. Bruno begann, sich auszuziehen. Ich prüfte mit der Hand die Wassertemperatur, ließ noch etwas Kaltwasser nachlaufen und drehte den Hahn zu. Dann wollte ich das Badezimmer verlassen, damit Bruno in Ruhe sein Bad nehmen konnte.

„Bleib noch, bitte.“

Ich blieb. Bruno bat mich, ihm den Rücken zu waschen. Und ob ich ihm die Zehennägel schneiden könne, fragte er.

Er sah mich an. Vorsichtig abtastend. Unsicher. Einige stille Sekunden lang drehte er nervös sein Hemd in den Händen.

„Doch du ..., du ...“ Seine kratzige Stimme, vom Lebensstil der früheren Jahre und dem Dauerhusten geschwächt, wurde noch dünner, als sie ohnehin schon war, riss plötzlich ab, blieb einen Moment stumm und setzte kurz darauf neu an. „Du musst ... dich aber ...“

Wieder setzte seine Stimme aus. Ich sah, wie er sich quälte, wie er darum kämpfte, seine Scham zu überwinden, die ihn offensichtlich am Sprechen hinderte. Auch mir Mittzwanziger war es ein unendlich langer und schwerer Moment. Es tat mir leid, dass dieser lebenserfahrene Mann sich einem so viel Jüngeren gegenüber eine solche Blöße an Körper und Seele geben musste. Ich bot an, doch lieber zu gehen und ihn alleine zu lassen, aber Bruno schüttelte vehement den Kopf.

„Jetzt bin ich hier, jetzt will ich auch sauber werden. Aber weißt du, ich ... ich habe mich seit ... über ... einem Jahr nicht mehr ...“ Er brachte seinen Satz nicht zu Ende. Ich nickte ihm zu, dass ich verstanden hatte, und nahm seine Hand. „Schon gut.“

Wenig später saß Bruno im dampfenden Schaumbad. Zwanzig Minuten ließ er seine Haut in der Pflegelotion einweichen, dann machte ich mich an das schwierige Werk.

Brunos Rücken zu waschen erwies sich nicht nur als überfällig, sondern auch als äußerst schmerzhaft. Schmutz und Schweiß waren in die Haut eingewachsen. Schultern und Rücken waren dunkelgrau geschuppt. Obwohl ich so behutsam wie möglich zu Werke ging, lösten sich unter dem sanften Druck des Schwammes zuerst einzelne Schuppen, dann größere Hautpartien, und schließlich begann es zu bluten. Ich musste aufhören.

Auch beim Nägelschneiden musste Bruno die Zähne fest zusammenbeißen. Einige Zehennägel, auch sie waren ein Jahr lang nicht geschnitten worden, hatten sich beim Wachsen gedreht und ins Nagelbett gebohrt. Wieder floss Blut, doch hier blieb ich hartnäckig. Zwar zuckten die Füße immer wieder vor der Berührung weg, doch ich setzte die Schere solange neu an, bis alle Zehennägel gestutzt waren. Bruno war tapfer und überstand die gesamte Prozedur unter viel Stöhnen, doch mit wenigen Klagen.

In unserer Kleiderkammer suchte ich etwas in seiner Größe. Er wählte einen grauen Anzug aus grober Wolle. Als er schließlich frisch gewaschen und sauber eingekleidet das Haus verließ, strahlten seine Augen mit Haut und Kleidung um die Wette. Das Bad schien bis in seine Seele hinein reinigende Wirkung gehabt zu haben.


Und jetzt standen wir hier, mitten in der Nacht, auf dem Bürgersteig der Talstraße, vor einer mehr als zwielichtigen Spelunke. Und Bruno fragte mich nach dem Preis einer Flasche Bier.

Hatte er sich durch das Bad also doch derart ernedrigt gefühlt, dass er es mir jetzt zurückzahlen wollte? Nein, das war nicht seine Art. Außerdem hatte er danach gestrahlt wie ein Kind unterm Weihnachtsbaum. Nein, das konnte einfach nicht aufgesetzt gewesen sein. Und wieso spielte dieses süffisante Lächeln um seinen Mund, wieso leuchtete es in seinen Augenwinkeln? Das sah alles andere als boshaft aus. Ich verstand nichts. Absolut nichts.

„Nun sag schon.“ Brunos Frage klang ungeduldig, er zupfte mich am Ärmel. „Wieviel kostet hier ein Bier?“

Ach ja, ich hatte noch gar nicht geantwortet; war zu sehr in mein fieberhaftes Nachdenken versunken gewesen. Ich studierte die Preisliste. „Fünf Mark.“

Mechanisch gab ich Auskunft und ärgerte mich im selben Moment darüber, dass ich mir meine Antwort nicht verbissen hatte. „Sag mal, wenn du nach Süddeutschland telefonierst, wo deine Freundin wohnt, das ist doch ganz schön teuer, nicht wahr?“

Bahnhof. Mehr verstand ich nicht. Einfach nur Bahnhof. Wie kommt der jetzt vom Bier auf meine Freundin? Was hat die Preisliste der Sun-Bar mit meiner Telefonrechnung zu tun? Ein Buch mit sieben Siegeln – als Mensch verkleidet – stand vor mir.

„Das ist doch teuer, oder?“, bohrte Bruno.

„Ja, das kann man wohl sagen. Ziemlich teuer!“, sagte ich gereizt.

Mitleidvoll sah Bruno mich an.

„Das kannst du dir von deinem niedrigen Taschengeld bei der Heilsarmee sicher nicht so oft leisten, oder?“

Das Funkeln in seinen kleinen Augen, die mich jetzt noch fester fixierten und noch eindringlicher ansahen, hatte irgendwoher Nahrung bekommen und eine lodernde Stichflamme entfacht. Es flackerte als wildes helles Feuer in ihnen.

„Nein“, sagte ich unsicher. „Nein, nicht so oft.“

Bruno machte eine bedeutungsvolle Pause.

„Nun, dann ist es wohl besser“, meinte er schließlich mit entschlossener Stimme, „du rufst sie an, als dass ich ein Bier trinke.“

Blitzschnell fuhr seine rechte Hand ins Jackett und fischte etwas heraus. Die linke packte mich behände am Handgelenk und drehte meine Handfläche nach oben. So hurtig, dass er mich kaum berührte, legte er ein rundes hartes Etwas in meine geöffnete Hand und drückte sie zu. Einen Moment hielt er sie umschlossen. Ein flüchtiger Blick, ein Zwinkern und schon war Bruno auf dem Absatz umgekehrt und – schwupps – in der Atempause verschwunden.

Ich blieb stehen, angestrahlt vom orangen Neonlicht der Sun-Bar. Sprachlos. Reglos. Mit wild pochendem Herzen, in der Hand ein Fünf-Mark-Stück.


Heinrich und die Sintflut

Und die Sintflut war vierzig Tage auf Erden, und die Wasser wuchsen und hoben die Arche auf und trugen sie empor über die Erde. Und die Wasser nahmen überhand und wuchsen sehr auf Erden ...

Heinrich lag auf seinem Bett, streckte die Arme und damit das Buch, das er in Händen hielt, von sich weg und tastete nach der vergilbten, zerknitterten Fotografie, auf der seine Mutter abgebildet war. Auf dem Kopfkissen wurden Heinrichs Finger fündig: Eine junge Frau, zwei schlaksige, flachsblonde Söhne neben sich. Er hatte es jahrelang im Portemonnaie mit sich getragen, das war dem Bild anzusehen. Jetzt diente es ihm als Lesezeichen. Er steckte das Bild in die Bibel, die er immer noch ausgestreckt in der anderen Hand hielt, und klappte sie geräuschvoll zu. Vorsichtig, fast zärtlich legte er das dicke Buch auf die Kommode.

Heinrich rieb sich die Augen, reckte seine Glieder und gähnte einen lauten langgezogenen Seufzer. Steif erhob er sich vom Bett und stakste, ungelenk und o-beinig, unentschlossen durch das kleine Zimmer. Vor dem Waschbecken blieb er stehen, griff nach der Keramikschüssel, hielt sich daran fest und machte eine Kniebeuge. Dabei ließ er es bewenden. Er schlurfte zur Schlafstatt zurück und warf sich wieder auf die Bettdecke. Im Liegen griff er zum Tabaksbeutel, der neben der Bibel auf der Kommode lag. Er kramte nach den Blättchen, zog eines aus der flachen Packung heraus, schichtete gleichmäßig Halbschwarzen hinein, feuchtete das Papier mit der Zungenspitze an und klebte es sorgfältig zu. Mit einem Streichholz entflammte er die Selbstgedrehte. Zweimal sog er den Rauch tief in seine Lungen und blies ihn jeweils in kleinen Ringen und Wölkchen in Richtung Zimmerdecke. Dann legte er die Zigarette in den Aschenbecher, fegte mit dem Handrücken in kurzen schnellen Bewegungen die Tabakkrümel von seiner Brust und griff wieder zur Bibel.

Heinrich wog das schwere Buch in seiner Hand und schmunzelte einen Augenblick über sich selbst, wobei er unbewusst den Kopf schüttelte. „Ich lese die Bibel!“, lachte er im Stillen. Er schlug sie auf. Das Lesezeichen-Foto steckte im ersten Buch Mose. Im siebten Kapitel, bei Vers siebzehn war er stehengeblieben.

Es war nicht ganz grundlos, dass Heinrich über sich selbst schmunzelte. Vor zwei Tagen erst hatte er begonnen, die Bibel zu lesen. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er dieses Buch in die Hand genommen. Mit siebenunddreißig Jahren. Es war überhaupt das erste „richtige“ Buch, das er las, seit er aus der Schule gekommen war. „Richtiges“, damit meinte Heinrich ein dickes, in Leinen gebundenes Buch. In den letzten Jahren hatte er sich damit begnügt, gelegentlich einen Groschenroman am Kiosk zu kaufen. Jerry Cotton war Heinrichs Favorit, auch Western mochte er. Doch selbst diese Heftchen las er selten, abends nach der schweren körperlichen Arbeit war er dazu meist zu müde. Und so blätterte er in der Mittagspause die BILD-Zeitung seines Arbeitskollegen durch, überflog die fettgedruckten Schlagzeilen. Das war‘s dann mit Lesen.

Entsprechend schwer fiel ihm die ungewohnte Lektüre, zumal die der alten, umständlichen Bibelsprache (er hatte eine Lutherbibel). Zugleich fesselte ihn, was er las. So war Heinrich immerhin schon bei der Geschichte von der Sintflut und Noahs Arche angelangt.

Am ersten Abend hatte er in der Schöpfungsgeschichte davon gelesen, wie Gott in sieben Tagen die Erde gemacht hat. Gestern hatte er von Adam und Eva, vom Sündenfall, von Kain und Abel und dem Brudermord erfahren. Heute las Heinrich von Noah. Alles schien ihm aufregend lebendig, nicht wie ein Roman, sondern so, als ob es ihn unmittelbar selbst anginge.


Vorgestern Abend hatte Heinrich die Coffeebar besucht, eine Art christliche Talkshow, die einmal pro Woche nahe der Reeperbahn stattfand.

Er war eigentlich nur hingegangen, um sich von seinen quälenden Gedanken abzulenken. Dort, bei der Heilsarmee, wo sich bei Kaffee und Keksen und gemütlichem Kerzenschein die Gelegenheit bot, ein paar Leute zu treffen, die er kannte, nett fand und mit denen man sich unterhalten konnte, war das vielleicht möglich. Alleine vor dem Fernsehapparat in seiner kleinen Dachgeschosswohnung war es ihm jedenfalls nicht gelungen. Nicht einmal das Europapokalspiel hatte ihn fesseln können. So setzte er sich in die U-Bahn und fuhr nach St. Pauli.

Ganz zufällig war Heinrich vor einigen Jahren in die Coffeebar geraten. Er war nach der Arbeit über die Reeperbahn gebummelt und auf eine Gruppe Singender getroffen. Da er kein bestimmtes Ziel verfolgte, hatte er sich von einem der Heilssoldaten, die kleine bunte Handzettel verteilten, einladen lassen. Die Atmosphäre und die Leute in der Coffeebar hatten ihm gefallen. Seither kam Heinrich – unregelmäßig regelmäßig, je nach Laune, Lust und Stimmung.

Diesmal wollte Heinrich sich ablenken. Ablenken von dem zermürbenden Kreisen in seinem Kopf, das ihm seit Tagen nachts den Schlaf und tagsüber die Konzentration raubte, weil es endlos um ein und dasselbe Thema spulte: Die Miete. Wovon sollte Heinrich seine Miete bezahlen? Der Termin war überfällig, das Geld war weg.

Er hatte seinen Lohn an Automaten verspielt. Verspielt! Wieder verspielt. Wo er endlich eine Wohnung hatte und eine Arbeit. Und dann das. Den gesamten Lohn verspielt. Diese sch... Automaten!

Im Gespräch mit einer Bekannten löste sich der Gedankenkrampf tatsächlich. Erstaunlich schnell. Er hatte sie an jenem ersten Abend kennengelernt, und wie an jedem Donnerstag hatte sie auch heute schon auf Heinrich gewartet und ihn mit dieser Herzlichkeit begrüßt, die er noch nie verstanden, aber dafür um so mehr genossen hatte. Eine Herzlichkeit, die so überwältigend war, dass Heinrich den unangenehmen Seitenhieb schlicht überhörte – die Frage, wo er die letzten beiden Wochen gewesen sei.

Sie hatten nicht einmal über sein Problem geredet, sondern über alles mögliche, aber allein die Ablenkung hatte Heinrich so gut getan, dass er in einer Zigarettenpause vor der Tür den ersten klaren Gedanken seit Tagen fassen konnte.

Wie mit einem Schlag blickte er wieder durch den Schlamassel hindurch, der noch vor Minuten so bedrohlich undurchsichtig ausgesehen hatte: Er würde Aufschub bekommen. Er zahlte seine Miete regelmäßig und meistens pünktlich. Sein Vermieter würde ihm zwei Wochen Zahlungsfrist gewähren. Außerdem würde sein Chef ihm einen Vorschuss genehmigen, schließlich war er hochzufrieden mit ihm. So einfach war das.


Heinrich war ein guter Arbeiter, ein echter Malocher. Er arbeitete ihm Freihafen. Kaum jemand konnte beim Löschen der Schiffsladung zupacken wie er. Per Kran wurde die Ladung aus den Bäuchen der gewaltigen Frachtschiffe mit ihren fußballfeldgroßen Stauräumen gehoben, Eisenbahnwaggons verfrachteten sie in die noch größeren Lagerhallen der Speditionsfirmen.

„Hat sich das Boxtraining doch gelohnt“, dachte er manchmal bei der Arbeit, „auch ohne Titel und Prämien.“

„Und“, schob es sich meistens von selbst dazwischen, schmerzhaft, weil es die verdrängte, unliebsame Vergangenheit war, die sich ungefragt zu Wort meldete, „und ohne es eigentlich anzuwenden.“

Mit dreizehn hatte Heinrich zu boxen begonnen, doch bevor er wirklich gut war, starb sein Vater – und damit sein Ziel: Er hatte ihm all das heimzahlen wollen, was der betrunkene Vater den Söhnen und der Mutter angetan hatte.

Weil er Spaß am Boxen gefunden und einige kleine Erfolge erzielt hatte, blieb er dennoch einige Jahre im Training. Als Hilfsarbeiter, eine andere Arbeitsstelle gab es nicht für einen Sonderschüler ohne Schulabschluss, profitierte er nun vom harten Training und der erlangten Kraft und Zähigkeit.


Der gemütliche Plauderteil der Coffeebar war vorüber, es folgte eine kurze Predigt. Viele Besucher verabschiedeten sich. Auch Heinrich ging normalerweise zu diesem Zeitpunkt; mit dem Hinweis, dass er früh aufstehen und schwer arbeiten müsse. Einmal hatte er sich eine Predigt angehört, das war ihm genug gewesen. Er hatte sie nicht schlecht gefunden, ohne den lästigen Kanzelton, der ihn in seiner Konfirmandenzeit regelmäßig eingeschläfert hatte. Aber besonders angesprochen hatte sie ihn auch nicht. Heinrich war nicht religiös.

Irgendwie hatte er heute keine Lust, aufzubrechen. So saß er, als das Licht anging und die Halogenstrahler die Kanzel im Vordergrund des Saales beleuchteten, unter den vielleicht sechzig Zuhörern und lauschte den Worten des jungen Mannes. Es war keine Predigt im eigentlichen Sinn. Der Mann berichtete aus seinem Leben. Er erzählte von seiner Spielsucht.

Heinrich saugte jedes Wort auf. Das kannte er. Genau das, was der Prediger da vorne erzählte, erlebte Heinrich auch. So ging es ihm. Genau so. Tag für Tag. Immer wieder. Der gurgelnde Strudel der Spielleidenschaft ergriff ihn und zog ihn mit Urgewalt in seine schrecklichen Tiefen hinab. So oft er sich aus eigener Kraft am Schopf gepackt und wieder herausgezogen hatte, über kurz oder lang hatte es ihn wieder gepackt. Seit er nicht mehr trank, spielte er und wenn er eine Zeit nicht gespielt hatte, griff das Verlangen zu trinken nach ihm, so stark, dass er lieber spielen ging. Das war der Strudel, der Teufelskreis, der seit Jahren an ihm zerrte. Der Strudel, dessen Kreiseln immer schneller wirbelte und der Heinrichs Widerstandskraft von Woche zu Woche aufzehrte. Und der da vorne kannte das.

Der Prediger sprach weiter. Er erklärte, dass Jesus ihm geholfen habe. Durch ein Sündenbekenntnis und ein Gebet habe er die Kraft bekommen, mit dem Spielen aufzuhören. Die Worte trafen Heinrich wie Keulenschläge. An jedem anderen Tag hätte er, je nach Stimmungslage, entweder still in sich hinein gelacht über den Blödsinn, der ihm da untergejubelt werden sollte, oder er wäre aufgesprungen und hätte dem Kerl einen Vogel gezeigt, ihn einen Spinner genannt. Heute nicht. Heinrich wusste: Jetzt ist meine Chance. Die Chance, aufzuhören, loszukommen, freizuwerden. Er glaubte dem, was er hörte – ohne zu wissen, warum.

Nach der Predigt hielt es Heinrich nicht auf seinem Stuhl. Er sprach den jungen Mann an. Sie setzten sich in eine abgelegene Ecke, wo sie unter vier Augen sprechen konnten, und Heinrich schilderte dem Mann seine Not. Alles platzte aus ihm heraus. Das Spielen, das Trinken, das Bereuen und das erneute Spielen. Sogar die Erlebnisse im Elternhaus, die er noch nie jemandem anvertraut hatte, berichtete er ihm. Der Mann hörte ihm lange zu, stellte ihm zwischendurch einige Fragen und gab hier und da ein paar kurze Kommentare. Als Heinrich geschlossen hatte, knieten sie nieder und beteten miteinander.

Heinrich sprach ein Gebet nach, und in diesem Moment war ihm, als wenn die Gewichte mit einem Mal von seinen Füßen abfielen, die ihn so oft in den Strudel des Spielenmüssens herabgezogen hatten und die täglich Pfund um Pfund zugelegt hatten.

Als sie aufstanden, war Heinrich unsicher und konnte noch nicht recht glauben, dass er da eben zum ersten Mal in seinem Leben gebetet hatte. Alles war so unwirklich. Doch zugleich war ihm seltsam wohl und leicht zumute.

„Hast du eine Bibel? Es ist eine große Hilfe, wenn du darin jetzt liest. So kannst du Jesus besser kennenlernen. Das wird dir helfen, wenn die Lust zu spielen sich zurückmeldet.“

Nein, Heinrich hatte keine Bibel. Der junge Mann bat ihn, einen Augenblick zu warten, verschwand in einem Nebenzimmer und kehrte mit einem Buch in der Hand zurück. Er schenkte es ihm. Heinrich sträubte sich einen Moment. Er fühlte sich durch das Gebet schon so sehr beschenkt, da wollte er nicht auch noch die Bibel umsonst nehmen – und er war sich nicht sicher, ob er überhaupt darin lesen würde. Heinrich war kein großer Leser. Doch der junge Mann drängte ihn und er war so erfüllt von der Predigt und dem Gebet, dass er sie ihm kein zweites Mal abschlagen mochte.

Daheim legte Heinrich die Bibel auf sein Nachtschränkchen, neben den kleinen schwarzen Plastik-Reisewecker und hinter den überquellenden Aschenbecher. Sich selbst setzte er aufs Bett, drehte sich eine Zigarette und dachte über diesen ungewöhnlichen Abend nach. Sollte das wirklich, wie der Prediger gesagt hatte, ein neuer Anfang gewesen sein?

Er drückte die Kippe in den Ascher und nahm die Bibel hervor. Beim Lukas-Evangelium sollte er anfangen, war ihm erklärt worden. Wo ist das? Heinrich blätterte in dem unbekannten Buch. Er fand das Inhaltsverzeichnis: „Inhalt des Alten Testamentes“, stand da, ein Lukas-Evangelium war nicht zu finden. Er blätterte eine Seite weiter: „Inhalt des Neuen Testamentes“, jetzt wurde er fündig. „Das Evangelium nach Lukas.“ Er suchte die betreffende Seitenzahl. Er schlug die Seite auf, doch das war nicht das Lukas-Evangelium. Er war verwirrt. Eine Weile blätterte er suchend in der Bibel herum. Plötzlich entdeckte er, dass hinten noch einmal neu gezählt wurde. Dort begann das gesuchte Evangelium auf der angegebenen Seite.

Heinrich war überrascht. Es war mitten im Buch! Der junge Mann musste sich geirrt haben. Heinrich hatte zwar lange kein „richtiges“ Buch mehr angerührt, aber dass man Bücher am Anfang und nicht in der Mitte und schon gar nicht so weit hinten beginnt, das wusste er – schließlich ging es hier nicht um den Sportteil einer Zeitung oder das gehütete Geheimnis eines spannenden Thrillers, das er aus Neugierde gelegentlich vorweg las.

„Also, wenn ich schon lese, dann richtig. Von vorne nach hinten“, sagte er entschlossen zu sich selbst.

So begann er beim ersten Buch Mose.

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde ...

Heinrich war fasziniert. Er empfand das gleiche Gefühl, das er während der Predigt gehabt hatte. Hier wurden seine Fragen beantwortet.

Er hatte oft aus seinem kleinen Hinterhof-Fenster geschaut, die Spatzen auf der Regenrinne beobachtet und sich gefragt, wer sie wohl gemacht hat. Auch bei anderen Tieren und bei kleinen Kindern war es ihm so gegangen. Oder wenn er am Elbufer stand, die Schiffe beobachtete und sich überlegte, woher all diese Ozeanriesen kamen und wie es in den fernen Ländern ihrer Heimat aussehen mochte. Wer hatte all das gemacht? Woher stammten die Menschen und die Welt? Er hatte auf diese Fragen keine Antwort gefunden. Nun las er die Antwort in der Bibel: Gott hat sie gemacht.

Heinrich las das nicht wie einen Krimi vor dem Zubettgehen oder wie die BILD-Zeitung in der Frühstückspause. Sondern er las es und wusste: Es stimmt. Es stimmt anders und tiefer, als die Nachrichten in der Tagesschau stimmen. Er hätte wieder nicht sagen können, warum, aber er las und er wusste:

„Was ich hier lese, ist die Wahrheit. Die Wahrheit, nach der ich schon immer gesucht habe.“

Lange dachte er über jeden gelesenen Abschnitt nach. Bis er müde wurde und über seiner Lektüre einschlief.

Am nächsten Tag konnte er kaum erwarten, dass die Arbeit zu Ende ging. Er eilte nach Hause und steckte seine Nase sofort wieder in das begeisternde Bibelbuch. Sogar das Abendessen vergaß er. Am übernächsten Tag das Gleiche. Heinrich war Feuer und Flamme für das, was dort geschrieben stand und in sein Leben hinein sprach.


Und die Sintflut war vierzig Tage auf Erden, und die Wasser wuchsen.

Plötzlich fühlte Heinrich Wasser um sich her. Überall. Von allen Seiten. Unentrinnbar war er von Wassermassen umgeben. Sie tröpfelten zuerst langsam durch das Dach und fluteten bald darauf durchs Giebelfenster in sein Zimmer hinein. Das Wasser stieg. Zentimeter um Zentimeter. Kroch an den Wänden und an Heinrich empor, schwappte über die Möbel, leckte an seinem Körper und füllte den Raum bald bis kurz unter die Decke. Panik ergriff ihn. Wie wild ruderte er mit den Armen. Doch die hilflosen Versuche waren umsonst. Er war dem Wasser ausgeliefert. Wehrlos.

Heinrich konnte nicht schwimmen. Sein Atem versagte. Benommen tastete Heinrich nach seinem Bett. Es war trocken. Er griff an seine Jeans. Trocken. Das Sweatshirt – ebenfalls trocken. Kein Wasser weit und breit. Heinrich atmete auf. Es war also wieder dieser panikartige Angstanfall gewesen.

Die Angst vor dem Ertrinken kannte Heinrich seit seiner Kindheit. Seit diesem Erlebnis im Sportunterricht. Diesem blödsinnig banalen Erlebnis – das ihn jedoch seither verfolgte. Ihn, den nichts sonst schreckte!

Im Sommerhalbjahr hatte Schwimmen auf dem Stundenplan gestanden. Heinrich hatte Angst vor Wasser. Er war sowieso ein ängstliches Kind gewesen, Wasser schreckte ihn besonders. Seine Schwimmlehrerin hatte ihn, den kleinen furchtsamen Drittklässler, der sich zierte und nicht hineingehen mochte, ins Wasser des Freibades gestoßen. Zur Freude aller seiner Klassenkameraden, die den zappelnden und prustenden und, als er endlich den Rand des Bassins erreicht hatte, wasserspeienden Heinrich lauthals ausgelacht hatten. Es hatte keine Gefahr bestanden. Das Wasser war nur etwa brusthoch gewesen, die Lehrerin hatte bereit gestanden. Eine Banalität also – doch sie verfolgte ihn. Er schämte sich für seine Furcht, doch sie ließ ihn nicht los. Ein Psychologe in der Alkoholtherapie hatte ihm die Anfälle erklären wollen. Sie hätten mit dem Elternhaus zu tun, mit traumatischen Erfahrungen, eine Art Neurose, bla, bla, bla ... Heinrich hatte kein Wort verstanden. Geholfen hatte es auch nicht. Die Anfälle waren geblieben.

Heinrich war noch atemlos von diesem letzten kurzen Anfall, das ganze Geschehen stand wieder quicklebendig vor ihm.

„Diese Furie!“ Wut schäumte in Heinrich auf. „Diese verd...“

Er unterbrach sich selbst, erschrocken über seinen Fluch.

Leise sprach er vor sich hin:

„Vergib mir meine Schuld, wie auch ich vergebe.“

Das war sein Gebet gewesen, am Donnerstagabend in der Coffeebar. Er hörte den Prediger die Bedeutung dieser Worte erklären, sah sich nicken und hörte sich Wort für Wort nachsprechen.

„Wie auch ich vergebe.“

Während er den Satz wiederholte, merkte Heinrich plötzlich, dass die Panik und die Wut ihm das friedliche, ausgeglichene Gefühl geraubt hatten, das seit zwei Tagen sein neuer innerer Begleiter – ein willkommener Freund – geworden war und ihn von der Spielhalle ferngehalten hatte. Statt dessen brodelte es jetzt unruhig in ihm. Er kannte dieses Brodeln nur zu gut. Zum ersten Mal seit vorgestern meldete es sich. Etwas musste geschehen. Sonst würde die Spielsucht ihn ...

Er sah auf die Bibel in seiner Hand. Die Sintflutgeschichte hatte den Anfall ausgelöst. Bisher hatte die Bibel ihm Frieden geschenkt und die Suchtanfälle genommen. Wie konnte es sein, dass sie ihm jetzt den Frieden raubte? Er dachte eine Weile darüber nach. Plötzlich verstand Heinrich.

Er warf die Bibel aufs Bett und sprang auf. Hastig lief er ein paar Schritte durch die Wohnung, griff nach einer Plastiktüte, die auf dem Hocker neben der Küchenzeile lag. Im Badezimmer stopfte er eilig einige Sachen hinein, im Schlafzimmer kamen ein paar andere dazu. Er suchte eine Weile im Schrank. T-Shirts und Hosen flogen im Bogen auf die Erde. Da lag das Gesuchte! Flugs verschwand es im Beutel. Mit der vollen Tüte in der Hand eilte er aus dem Haus.

Eine halbe Stunde später stand Heinrich in seiner altmodischen halblangen Badehose – wie lange war es her, dass er sie getragen hatte? – am Rand des Schwimmbeckens. Das Wasser der kalten Dusche tropfte von seinen bleichen Beinen und Armen auf die geriffelten weißen Kacheln des Hallenbodens. Es perlte in großen Tropfen von Heinrichs langen blonden Haaren, rann in breiten Bächen über seine Schultern und den Rücken hinab. Gänsehaut überzog seinen Körper. Ihn fröstelte.

Vor ihm spannte sich die blau-grün schimmernde Oberfläche des Wassers und spiegelte die symmetrischen Lampenreihen der Hallendecke, gelegentlich durchbrochen von den kleinen Wellen, die die Schwimmer aufwirbelten. Eine ältere Dame mit einer blümchenverzierten Badekappe drehte nah am Beckenrand ihre Runden. Als sie umkehrte, schlug sie Wellen und das Wasser schwappte über seine Füße. Erschreckt fuhr Heinrich zusammen. Etliche Hektoliter füllten das Becken, eine bedrohliche Masse, die sich schwerfällig bewegte und nochmals über seine Zehen schwappte. Chlorgeruch stieg ihm in die Nase, drang bis in die Stirnhöhlen.

Heinrich schloss seine Augen, kämpfte mit seiner Angst und betete ein stilles Gebet.

„Vergib mir, wie auch ich vergebe.“

Dann kniff er mit Daumen und Zeigefinger seine Nase zu, schloss die Augen und sprang ins Wasser.


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122 str. 4 ilustracji
ISBN:
9783862567393
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