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Elisabeth Münzebrock
Teresa von Ávila
Mystikerin, Ordensgründerin,
Vagabundin Gottes
Elisabeth Münzebrock
Teresa von Ávila
Mystikerin, Ordensgründerin,
Vagabundin Gottes

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.d-nb.de› abrufbar.
1. Auflage 2015
© 2015 Echter Verlag GmbH, Würzburg
www.echter-verlag.de Umschlag: wunderlichundweigand.de (Porträt von Diego Rodríguez de Silva y Velázquez) Satz: Hain-Team (www.hain-team.de) Druck und Bindung: CPI – Clausen & Bosse, Leck ISBN 978-3-429-03825-0 (Print) 978-3-429-04806-8 (PDF) 978-3-429-06223-1 (ePub)
Inhalt
Prolog: Teresa heute: eine „Heilige aus Leidenschaft“?
Auf dem Weg zur Mystikerin
1. Doña Teresa Sánchez de Cepeda y Ahumada: Kindheit und Jugend in bewegter Zeit
2. Erste Lebenskrise: der frühe Tod der Mutter (1528) und die Folgen
3. Teresas beschwerlicher Weg ins „Menschwerdungskloster“ (1535) und die folgenden „dürren Jahre“
4. Exkurs: Spaniens „Goldenes Jahrhundert“: kultureller und zivilisatorischer Glanz eines Riesenreichs
5. „Es ist ein anderes, neues Buch ab hier …“: neue „Innenansicht“ der Teresa von Ávila …
6. La Vida: Teresas folgenschwere Autobiographie (1565)
7. Der mühselige „Weg zur Vollkommenheit“
Teresa, Gründerin allen Hindernissen zum Trotz – „femina inquieta“ und „Vagabundin in Gottes Diensten“
8. San José: Erste Klostergründung mit Hindernissen (1562–1567)
9. Die Madre Fundadora: Teresas aufreibende Gründungsreisen quer durch Spanien
10. Teresa auf dem Höhepunkt ihrer geistlichen Suche: die „Burg mit den sieben Wohnungen“
11. Teresa als feinfühlige, kenntnisreiche Darstellerin innerer Vorgänge
12. Teresa, ein „Genie der Freundschaft“ zwischen Gott und den Menschen: „etwa 25 000 Briefe und kein Ende“ …
Zeittafel
Anmerkungen
Siglen und Abkürzungen
Literaturhinweise
Hinweise zu diesem Buch
Teresas Schriften werden grundsätzlich nach der altspanischen Werkausgabe zitiert: Santa Teresa de Jesús, Obras Completas, Biblioteca de Autores Cristianos (BAC), Madrid 1977, hg. v. Efrén de la Madre de Dios OCD und Otger Steggink O. Carm.
Die Übertragung der Zitate ins Deutsche besorgte – wo nicht anders vermerkt – die Autorin. Die dabei aus Gründen des Umfangs notwendig gewordenen Auslassungen und Kürzungen werden durch (…) gekennzeichnet.
Auf Fundstellen in der vollständigen Neuübertragung der Werke Teresas von Elisabeth Peeters OCD und Ulrich Dobhan OCD (Reihe Herder-Spektrum) wird bei Bedarf verwiesen.
Die übrigen Zitate sind pro Seite durch Kurztitel und Seitenangaben gekennzeichnet, sodass sie anhand des Literaturverzeichnisses zu verifizieren sind.
München, den 18. Dezember 2014
Elisabeth Münzebrock
Prolog: Teresa heute: eine „Heilige aus Leidenschaft“?
Wer mit Teresa von Ávila (1515-1582) in Berührung kommt, kann sich dem Zauber ihrer außerordentlichen Persönlichkeit nur schwer entziehen. Stark war sie, glaubwürdig, kompromisslos; unerschrocken im Umgang mit den Mächtigen ihrer Zeit.
Sinn und Halt ihres rastlosen Wirkens als Reformatorin des Karmels ist ihre Freundschaft mit Gott, der in ihr Leben einbricht, es bis in alle Tiefen erschüttert und immer aufs Neue ihre radikale und totale Antwort begehrt.
Nach jahrzehntelangem Ringen um ein „Loslassenkönnen“ all dessen, was ihrer Freundschaft mit Gott im Weg steht, gelangt Teresa zum Gipfel der mystischen Einigung. Sie wird eine der Größten in der Welt der Mystik und bleibt doch die Frau mitten im Alltag mit ihrem praktischen Verstand: Teresa, die „Gottes-Erfahrene“, Nonne, Ordensgründerin und Reformatorin, ist ebenso eine ausgezeichnete „Psychologin“ wie eine mit allen Qualitäten modernen Managements ausgestattete Organisatorin, die mit feurigem Herzen eine der bedeutendsten Reformbewegungen der Kirchengeschichte in die Wege geleitet hat.
Und zu alledem entwickelt sie sich – wiewohl Autodidaktin – nach und nach zu einer hochbegabten Schriftstellerin, die gleichsam als „inkarnierte Kommunikation zwischen Gott und den Menschen“ als Niederschlag ihrer Erfahrungen ein vielbändiges autobiographisches und mystisches Werk hinterlässt. Nach derzeitigem Kenntnisstand stammen etwa 25 000 Briefe aus Teresas Feder. Dass Teresa wirklich zu Recht als „Genie der Freundschaft“ gilt, belegt vor allem die überbordende Schreibaktivität der Heiligen, wobei sie in einer Fülle von Bildern und mit zuweilen herzerfrischender Schlagfertigkeit alles zu Papier bringt, was sie erlebt hat – in Innenwelt und Außenwelt. Dabei ist sie stets die ganz menschliche, mitfühlende, humorvolle, von Geist und Witz sprühende Gesprächspartnerin, wie sie uns überhaupt als eine ganzheitlich begabte „menschliche Heilige“ gegenübertritt.
Auf dem Weg zur Mystikerin
1.Doña Teresa Sánchez de Cepeda y Ahumada: Kindheit und Jugend in bewegter Zeit
Teresa Sánchez de Cepeda y Ahumada wurde am 28. März 1515 in bewegter Zeit als fünftes von zwölf Kindern in Ávila, Kastilien, geboren. Väterlicherseits stammt sie von sogenannten conversos ab, das sind konvertierte Juden, die entweder nach und nach aus Überzeugung dem Glauben der Väter abgeschworen oder sich durch Eheschließung – wie im Falle von Teresas Vater, Alonso Sánchez de Cepeda (1480–1543) – mit „Rechtgläubigen“ wie Beatriz Dávila y Ahumada [1494–1528/29]) verbunden hatten.
Tochter eines „hidalgo“ (Edelmanns) mit jüdischen Wurzeln: Teresas familiäres Umfeld
Don Alonso war also jüdischer Abstammung, gehörte jedoch kraft eines Adelsbriefes, den sein Vater bei seiner Konversion 1485 erworben hatte, offiziell dem niederen Adel an. Mit der bald nach der Konversion erfolgten Übersiedlung von Toledo nach Ávila versuchte die Familie in einer fremden Stadt eine neue Identität aufzubauen. In einer Art Familienstammbuch, in welchem Don Alonso die Geburten seiner Kinder eintrug, heißt es: „Am Mittwoch, dem achtundzwanzigsten März des Jahres fünfzehnhundertfünfzehn /1515/ um fünf Uhr früh, mehr oder weniger (denn es war schon fast Tagesanbruch an jenem Mittwoch), wurde meine Tochter Teresa geboren.1
Widersprüchliches zur Herkunft Teresas; und ein „beredtes“ Schweigen
Teresas Biographen haben jahrhundertelang ihre jüdische Herkunft verschwiegen oder bewusst geleugnet. Heutigen Lesern ist diese überzogene Betonung der „Reinheit des Blutes“ unverständlich, obwohl die Kenntnis hierüber für das Verständnis der geistigen Aufgeschlossenheit Teresas unabdingbar ist. Den conversos wird ein gewisser Hang zu Innerlichkeit und Weltverachtung nachgesagt, wobei hier auch die Wurzel des Verdachts, eine Alumbrada (Erleuchtete) und damit der Häresie verdächtig zu sein, liegen könnte, dem Teresa später immer wieder entgegentreten muss. Ihre Kritik der „honra“ (Ehre), ihre außerordentliche Begabung, „Netzwerke“ zu knüpfen mit Angehörigen aller Gesellschaftsschichten – vom Hochadel, den königlichen Beamten, Bankiers, Geschäftsleuten, Ärzten bis zu ihren zahlreichen Freunden und Gönnern – ist nur vor diesem Hintergrund einsichtig.
Teresas „Loblied auf die Familie“
Teresas erste Kindheitseindrücke sind eingebettet in den Schoß eines gläubigen und gottergebenen Elternhauses, wie wir in den ersten Kapiteln ihrer Autobiographie erfahren: „Mein Vater las gern gute Bücher; er war voll Liebe zu den Armen und Kranken, und selbst für die Dienstboten hatte er ein offenes Herz. Er war von großer Wahrhaftigkeit. Niemals kamen ein Fluch oder eine üble Nachrede über seine Lippen. Auch meine Mutter war von hervorragender Tugend. Sie war von seltener Schönheit, ohne jedoch jemals ein Aufhebens davon zu machen. Sie besaß die Gabe, Frieden zu stiften, und hatte einen scharfen Verstand. Zeit ihres Lebens musste sie viel Schweres erdulden. (…) Wir waren drei Schwestern und neun Brüder“ (V 1,1).
„… para siempre, siempre, siempre („für immer und ewig“): Die Wirkung der Heiligenlegenden auf das Kind Teresa
Nach Teresas wiederholten Aussagen prägen schon im Kindesalter Bücher ihr Leben. Begierig verschlingt sie alle ihr zugänglichen Heiligenlegenden und versetzt sich mit Inbrunst in das Schicksal ihrer Helden: „Zusammen mit meinem Lieblingsbruder las ich oft die Lebensbeschreibungen der Heiligen. Als ich nun sah, was die Märtyrer aus Liebe zu Gott auf sich genommen hatten, erschien es mir, als hätten sie dieses ‚Immer-bei-Gott-verweilen-Dürfen‘ wohlfeil erkauft, und so begann ich, den Tod herbeizusehnen.“
Früh zeigt sich dabei auch ein gewisser Hang zum „Feilschen“, wenn sie sich – wie selbstverständlich – als Gegenleistung „den Himmel“ erhofft (V 1,5).
„Sehnsucht einer Achtjährigen nach dem Martyrium: frühes Ausreißmanöver „ins Land der Mauren“
Wohl damals schon hat Teresa eine unwiderstehliche Sehnsucht nach dem, was „oben“ ist, verspürt. Sie ist ein kühnes, zu Abenteuern wie geschaffenes Kind, wenn sie früh beschließt, „den Himmel zu erringen, und zwar um jeden Preis“, wie man es aus ihrem Munde erfährt, als sie im Alter von acht Jahren Rodrigo, ihren 11-jährigen Lieblingsbruder, überredet, mit ihr „ins Land der Mauren zu ziehen“, damit – wie sie in ihrer Vita schreibt – „uns dort aus Liebe zu Gott die Köpfe abgeschlagen würden“ (V I,5).
Da den Geschwistern das Martyrium verwehrt bleibt, versuchen sie Einsiedler zu werden, um auf diese Weise die ewige Seligkeit zu verdienen (man beachte wiederum den merkantilen Aspekt ihrer Überlegungen!). Und doch scheint Teresa früh an diesen kindlich-frommen Übungen Gefallen gefunden zu haben: „Und es gefiel uns, oftmals zu sagen: für immer, für immer!“
Teresas standesgemäße Erziehung und Bildung
Obwohl „Frau“ zu sein zu Teresas Zeit bedeutet, keinen Zugang zu „Bildung und Wissen“ zu haben, erklärt sie mehrfach „ich war immer eine Liebhaberin von Studien“ (V 5,3), und wie sehr sehnt sie sich nach Bildung, wenn es später darum geht, ihre mystischen Erfahrungen ins Wort zu nehmen. Dennoch stellen wir im Falle Teresas eine überraschende Belesenheit fest. Gemäß dem Brauch ihrer Familie wurde sie unterrichtet in Kalligraphie, Gesang, Sticken und Spinnen und war offenbar eine gute Schachspielerin, wie diesbezügliche Beispiele in ihren Schriften belegen.
Aus Teresas eigener Feder wissen wir, dass die Lieblingsbeschäftigung ihrer Mutter, Ritterromane zu lesen, auf sie übergegangen war: „(Meine Mutter) war versessen auf Ritterromane, doch nahm sie durch diesen Zeitvertreib nicht so großen Schaden wie ich, da sie deswegen ihre Arbeit nicht vernachlässigte. Wir Geschwister aber brachten unsere Aufgaben schnell hinter uns, um uns sogleich wieder der Lektüre zu widmen. Vielleicht tat meine Mutter das auch, um nicht an die großen Mühsale zu denken, die sie immer wieder durchmachte, und um uns Kinder zu beschäftigen, damit wir uns nicht in anderen Dingen verlieren würden. Darüber wurde mein Vater so unwillig, dass wir aufpassen mussten, dass er nicht dahinterkam. Ich machte es mir immer mehr zur Gewohnheit, sie (diese Romane) zu lesen, und so war dieser kleine Fehler, den ich an meiner Mutter wahrnahm, der Anfang dafür, dass meine guten Vorsätze lauer wurden und ich auch anderweitig fehlte. (…) Ich war derart davon besessen, dass ich mich unglücklich fühlte, wenn ich nicht immer wieder ein neues Buch hatte (V 2,1).
Ihr ganzes Leben lang wird Teresa ihre Zuflucht zu Büchern nehmen, wobei sie nicht nur gründlich liest und sich mit dem Gelesenen identifiziert, sondern auch durch Anstreichen das Gelesene memoriert und ihre eigenen Erfahrungen dokumentiert. Beispielsweise werden die Bekenntnisse des heiligen Augustinus für sie zu einer Art Vorlage für ihre spätere Autobiographie (La Vida), oder sie bekundet durch Unterstreichen ganzer Textpassagen in Laredos Aufstieg zum Berg Zion, dass sie in diesen Zeilen ihr eigenes Erleben wiedererkannt hat.
2.Erste Lebenskrise: der frühe Tod der Mutter (1528) und die Folgen
„Lebenslange Zuflucht bei der Muttergottes“ und „kleine Schatten auf der Familienehre“
Diese Art der Frömmigkeit ändert sich schlagartig mit dem frühen Tod der geliebten Muter, die – ausgelaugt von zehn Geburten – mit nur 33 Jahren verstirbt. „Ich erinnere mich, (…) als meine Mutter starb“ – (V 1,7) Teresa flüchtet sich zu einem Bild der Muttergottes und fleht sie unter Tränen an, doch von nun an ihre Mutter zu sein.
Die „schöne Teresa“ erregt erstes Aufsehen in Ávila
Teresa hatte von ihrer Mutter die „Vorliebe“ für die Lektüre von Ritterromanen so sehr übernommen, dass sie unruhig wurde, „wenn (sie) nicht immer ein neues Buch hatte“ (V 2,1). Als feinen Unterton hören wir heraus, dass diese Beschäftigung unerlaubterweise „hinter dem Rücken meines Vaters“ erfolgte, wenngleich Teresa noch beschwichtigend hinzufügt: „Mir kam es nicht schlimm vor, viele Stunden am Tag und sogar bei Nacht mit einer so nutzlosen Beschäftigung zu vertun, dazu noch hinter dem Rücken meines Vaters.“
Teresa, die spätere Meisterin der Analyse geistlichen Geschehens, spürt sehr wohl die „Abkühlung“ des ersten jugendlichen Elans ihrer Hinwendung zu Gott, „sodass meine guten Vorsätze lau wurden“ (V 2,1). Fortan ist sie auf Schönheit und weltliche Vergnügungen bedacht und gibt sich allerlei Zeitvertreib hin. „Ich begann, aufwändige Kleider zu tragen und wollte durch mein Aussehen gefallen, wobei ich viel Sorgfalt auf meine Hände und Haare verwendete, mit Parfum und allerlei Schnickschnack, was ich so auftreiben konnte – und das war einiges, denn ich war sehr eitel. Dabei war meine Absicht nicht schlecht und ich wollte keinesfalls, dass jemand meinetwegen Gott beleidigte. Diese große Eitelkeit, mich zu sehr herauszuputzen, und anderes Gebaren, das mir keineswegs als Sünde vorkam, hielt über Jahre an. Heute sehe ich ein, wie verkehrt das alles gewesen sein muss“ (V 2,2).
Als sie beginnt, ihre „weiblichen Reize“ – die nach ihrer eigenen Aussage „zahlreich waren“ – zu entdecken, steht sie immer mehr im Mittelpunkt des Interesses ihrer gleichaltrigen und älteren Cousins. „Auch hatte ich ein paar Cousins – denn andere kamen bei uns gar nicht ins Haus, weil mein Vater da sehr streng war – und hätte es Gott doch gefallen, dass er es auch mit diesen gewesen wäre! (…) Sie (meine Vettern) waren fast in meinem Alter, ein wenig älter als ich. Wir steckten andauernd zusammen. Sie hatten mich sehr gern; und ich unterhielt sie mit allem, was ihnen Spaß machte, und hörte ihnen zu, wenn sie von ihren so gar nicht erbaulichen Liebeleien und Kindereien erzählten. Und was noch schlimmer war: Meine Seele ließ sich auf das ein, was der Grund für ihre ganze Verderbtheit war“ (V 2,2).
Teresa selbst analysiert hier sehr präzise die „Gefahren“, bei diesen „Spielchen“ eventuell ihre „Ehre“ zu verlieren, und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Das Bewahren der Ehre ist ein absolutes „Muss“ für die Gesellschaft des spanischen 16. Jahrhunderts. Und so begibt Teresa sich auf eine andauernde „Gratwanderung“, wie sie uns selbst berichtet: „Diese Furcht gab mir die Kraft, meinen guten Ruf nicht ganz zu verlieren, und ich glaube, ich hätte mich durch nichts auf der Welt hiervon abbringen lassen, noch hätte die Liebe zu einem Menschen mich dazu verführt, in diesem Punkt nachzugeben“ (V 2,3).
Dennoch gelingt es einer „Verwandten“, die es mit dem „guten Ruf“ nicht allzu genau nimmt, Teresa in die Scheinwelt des galanten Zeitvertreibs, der Tändeleien und „Liebeleien“ einzuführen; „dafür nahm ich alles, was mir schadete, von einer Verwandten an, die oft in unserem Hause verkehrte. Sie pflegte so leichtfertigen Umgang, dass meine Mutter alles darangesetzt hatte, sie von unserem Haus fernzuhalten (V 2,3).
Teresa differenziert auch in der Folge ihres Berichts schonungslos: „Später, nachdem diese Furcht ganz weg war, blieb mir nur noch die um mein Ansehen, die mich bei allem, was ich tat, in Qual versetzte. In der Hoffnung, dass es nicht bekannt würde, wagte ich vieles, was gegen mein Ansehen und auch gegen Gott gerichtet war (V 2,5). Teresas „Scharfsinn“ erspäht alle Gelegenheiten, ihrem „riskanten Zeitvertreib“ nachzugehen, und es scheint dann auch eine erste Liebe ins Spiel zu kommen, sodass Teresa erwägt, das Ganze der normalen Lösung in einer Ehe zuzuführen.
Erneute Wende und „Zwischenstation“ bei den Augustinerinnen
Eben wegen jenes „riskanten Zeitvertreibs“ sieht ihr Vater sich schließlich genötigt, seine 17-jährige bildhübsche und geistreiche Tochter in das Kloster der Augustinerinnen, ein Stift für adelige junge Mädchen, zu stecken, wo Teresa durch ihr gewinnendes Wesen sogleich die Herzen erobert und sich ihre bislang ausgeprägte Abneigung gegen den Ordensstand mindert.
Eine besondere Rolle kommt hierbei der dortigen Leiterin, Doña María de Briceño, zu, einer hochgebildeten, feinsinnigen und frommen Ordensfrau, die es versteht, Teresas unruhigen Geist zu führen und ihr verschüttetes Interesse für „die ewigen Dinge“ wieder zu erwecken: „Als ich an der guten und frommen Unterhaltung mit dieser Schwester zunehmend Gefallen fand, freute es mich zu hören, wie gut sie von Gott sprach“ (V 3). Noch als reife Frau erinnert Teresa sich daran, dass für die Berufung der besagten Klosterfrau das Matthäus-Zitat „Viele sind berufen, wenige aber auserwählt“ (Mt 20,16) ausschlaggebend gewesen war (V 3,1).
Gott rückt wieder mehr in den Mittelpunkt von Teresas Denken und Beten. Während sie sich zunächst mit dem mündlichen Beten begnügt, einem Beten mit vorgegebenen Worten, taucht erneut ein Thema auf, das sie fortan lebenslang begleiten wird: Sie wendet sich in der Meditation dem leidenden Herrn zu, um ihn in seiner Not zu trösten.
Es beginnt eine dreimonatige harte Zeit der „Güterabwägung“: Ehe gegen Klostereintritt – wobei sie wiederum beinahe „knallhart“ kalkuliert, wenn sie gesteht: „In diesem Kampf verbrachte ich drei Monate, wobei ich mir mit folgender Argumentation Zwang antat: dass die Härten und die Qual eines Lebens im Kloster nicht größer sein könnten als die des Fegefeuers, dass ich aber sehr wohl die Hölle verdient hatte, und dass es nicht viel bedeutete, mein Leben wie in einem Fegefeuer zu verbringen, weil ich danach geradewegs in den Himmel kommen würde, was ja ohnehin mein Wunsch war“ (V 3,6).
Und an anderer Stelle verhehlt Teresa auch nicht, dass sie nicht bereit war, die dauerhaften Mühen einer Ehe mit andauernden Schwangerschaften – wie sie es an ihrer Mutter leidvoll erlebt hatte – auf sich zu nehmen.
3.Teresas beschwerlicher Weg ins „Menschwerdungskloster“ (1535) und die folgenden „dürren Jahre“
Teresa ist hin- und hergerissen: Einerseits zieht es sie zu einem standesgemäßen Leben mit Festen und guten Freunden, andererseits bricht erneut und mit Macht diese „unstillbare Sehnsucht“ ihrer Kindheit nach einem „Seelenheil „für immer und ewig“ in ihr auf. Schließlich ergreift Gott selbst die Zügel … „Obwohl ich in dieser Zeit ziemlich um mein Seelenheil besorgt war, lag dem Herrn noch mehr daran, mich auf die Lebensform vorzubereiten, die am besten für mich war. Er ließ mich sehr krank werden, so dass ich zu meinem Vater nach Hause zurückkehren musste. (…) Als ich wieder gesund war, brachte man mich zu meiner Schwester, die in einem nahegelegenen Dorf wohnte, denn ihre Liebe zu mir war extrem (…).
Auf dem Weg dorthin lebte ein Bruder meines Vaters, ein sehr gebildeter und tugendhafter Witwer, den der Herr mehr und mehr darauf vorbereitete, ihn an sich zu ziehen (…). Er wollte, dass ich einige Tage bei ihm verbrachte. Seine Beschäftigung bestand in der Lektüre guter Bücher in der Muttersprache und seine Gespräche waren auf Gott und die Nichtigkeit der Welt gerichtet. Er bat mich, ihm vorzulesen, und obwohl mich seine Bücher nicht wirklich interessierten, tat ich so als ob. In diesem Punkt, anderen eine Freude zu machen, war ich extrem, auch wenn es mir schwerfiel (…).
Wenn ich auch nur wenige Tage dort blieb, erinnerte ich mich durch die Kraft, mit der sich die gelesenen oder gehörten Worte Gottes in mein Herz einprägten, und durch die gute Gesellschaft an die Wahrheit meiner Kindheit, die Nichtigkeit und Vergänglichkeit dieser Welt, und ich fühlte Angst in mir hochsteigen, dass ich in die Hölle käme, wenn ich jetzt sterben würde. Und wenn mein Wille auch noch nicht zu einem Eintritt ins Kloster bereit war, so sah ich doch ein, dass dies wohl die beste und sicherste Lebensform wäre, und beschloss, mich nach und nach zum Eintritt in ein Kloster zu zwingen (V 3,3 ff.).
Teresas rätselhafte Krankheiten und ein „Klostereintritt aus Höllenfurcht“
Wir begegnen hier einem weiteren für Teresa charakteristischen Phänomen: ihren lebenslangen Krankheiten, die einerseits – nach heutigem Verständnis – Ausdruck eines permanenten Somatisierungsprozesses waren, sich andererseits aber durch die nie endenden inneren Spannungen zwischen dem, was sie im Gebet zu erkennen glaubte, und ihrer „ungenügenden Ant-Wort“ erklären lassen: „Es befielen mich neben Fieberschüben auch immer wieder starke Ohnmachtsanfälle, da ich schon immer eine sehr schwache Gesundheit hatte. Indessen erfüllte mich die Freude an guten Büchern mit Leben. So las ich in den Briefen des hl. Hieronymus, die mir so viel Mut machten, dass ich mich entschloss, meinen Vater in meine Klosterpläne einzuweihen, was schon fast so viel war, wie den Habit zu nehmen. Denn ich war so besorgt um meine Ehre, dass ich diesen Schritt niemals zurückgenommen hätte, sobald ich ihn einmal ausgesprochen hatte (V 3,7).
Am 2. November 1535 tritt Teresa – aus Höllenfurcht, wie sie selber bekennt – in den Karmel von der Menschwerdung (Encarnación) zu Ávila ein, wo sie ein Jahr später eingekleidet wird und am 3. November 1537 Profess ablegt. „Ich erinnere mich noch ganz genau daran, dass der Schmerz, den ich empfand, als ich das Haus meines Vaters verließ, nicht stärker sein konnte, als wenn ich stürbe, denn mir war es, als löste sich jeder Knochen einzeln aus meinem Körper“ (V 4,1).
Immerhin stellt sich – vorübergehend – eine Art innerer Glückszustand bei Teresa ein: Sie, die an Geschmeide und Wohlleben gewöhnte und „verwöhnte“ junge Adelige, empfindet plötzlich eine innere Genugtuung beim Kehren der Klostergänge und bei anderen haushaltlichen Tätigkeiten, wenngleich sie im Kloster – ihrem Status gemäß – noch eine Dienerin bei sich hat.
Dennoch ist die Umstellung gewaltig: Teresa ist nicht an Zurechtweisungen gewöhnt und muss auf ihre bisherige Sonderstellung (im Kreis der Familie und Freunde) verzichten. Das Menschwerdungskloster beherbergt zu jener Zeit zwischen 65 bis zu 180 Nonnen. Es ist eine Art Zufluchtsstätte für adelige Damen der Stadt, die – wegen der vielen Kriege und des damit einhergehenden Frauenüberschusses – dort Aufnahme suchen, da sich keine passende standesgemäße „Partie“ für sie gefunden hat. Auch in diesen Mauern setzen sich der gewaltige Standesunterschied und die dadurch bedingten Ungleichbehandlungen der Schwestern fort. Die reichen und adeligen Doñas dürfen Freundinnen, eigene Bedienstete und sogar Haussklavinnen in ihren geräumigen Zellen unterbringen. Auch für Doña Teresa gilt dieses Privileg, wie man bei einer heutigen Klosterbesichtigung noch sehen kann. Natürlich fehlt es am Nötigsten, vor allem als das Menschwerdungskloster mit bis zu 180 Nonnen völlig überbelegt ist. Und so sind die meisten Bewohnerinnen gezwungen, zeitweise bei ihren Familien und Freunden Unterschlupf und Verpflegung zu suchen.
Schließlich werfen der Wechsel der Lebensform, das Fasten, die Bußübungen und vor allem die schweren inneren Kämpfe Teresa erneut auf das Krankenlager, so dass Don Alonso, ihr Vater, zu einer sogenannten curandera, einer „Heilerin“, in Becedas seine Zuflucht nimmt.
„Die Veränderung meiner Lebensweise und der Nahrung war für meine Gesundheit gar nicht zuträglich, denn wenn ich auch sehr großes Glück empfand, so reichte das doch nicht aus. Die Ohnmachtsanfälle nahmen allmählich zu, und es befiel mich ein so schweres Herzleiden, dass jeder, der es miterlebte, darüber erschrak; hinzu kamen noch viele andere Beschwerden.
(…) Mein Vater bemühte sich sehr um Abhilfe. Da aber die hiesigen Ärzte nicht auf ihn eingingen, ließ er mich an einen Ort (Becedas) bringen, der in dem Ruf stand, dass man dort verschiedene Krankheiten heilte“ (V 4,5 ff.).
„Seine Majestät“, Gott selbst, ergreift – erneut – das Ruder
Auf dem Weg nach Becedas fällt ihr bei ihrem Onkel, Don Pedro Sánchez de Cepeda, das Buch in die Hände, das für ihr späteres mystisches Erleben von ungeheurer Bedeutung werden sollte: das Tercer Abecedario (Das Dritte Geistliche ABC) des Francisco de Osuna, eine Einführung in das innere Gebet. Eine neue Welt eröffnet sich ihr und zeitgleich beginnt sich eine innere Wandlung in Teresa abzuzeichnen. „Seine Majestät“, so nennt Teresa Gott, „begann, mir viele Gnaden zu erweisen. Ich versuchte, so gut ich konnte, Jesus Christus immer in mir gegenwärtig zu halten. Dies war meine Art und Weise zu beten“, bekennt sie Jahrzehnte später in ihrer „Vida“. Das Leben, die „Menschheit Christi“, seine Passion und sein Tod werden fortan Gegenstand ihrer Reflexion und ihres liebenden Versenkens.
Die im April 1539 unternommenen Heilungsversuche der „curandera“ hatten Teresa körperlich ruiniert und sie an den Rand des Grabes gebracht; im Juli desselben Jahres kehrt sie völlig gebrochen in das Menschwerdungskloster zurück. Etwa drei Jahre lang bleibt sie gelähmt, unfähig, auch nur die geringste Bewegung auszuführen. Allerdings machen die Nachrichten von Doña Teresas Scheintod und wunderbarer Heilung in Ávila die Runde. Teresa nutzt die „Zusammenkünfte“ zu einer Unterweisung in das „innere Gebet“, obgleich sie selbst darin von niemandem unterwiesen worden war. Sie hat jetzt eine Schlüsselrolle für das gesamte Kloster inne, weil man auf ihren Charme im Sprechzimmer und ihren hervorragenden Ruf als begnadete Nonne – auch wegen der zu erwartenden Spendenbereitschaft der Bürger von Ávila – nicht mehr verzichten kann. Teresas bereits im Elternhaus bewiesene Begabung für ein „Doppelspiel“ (damals bezüglich der vom Vater verbotenen Lektüre!) lässt sie nach außen untadelig erscheinen, in ihrem Inneren nagt jedoch ein permanent schlechtes Gewissen, weil sie die „perfekte Nonne“ zwar spielt, innerlich jedoch noch weit davon entfernt ist.
Nach völliger Wiedererlangung der Gesundheit, die sie dem segensreichen Wirken ihres Lieblingsheiligen „San José“ (Josef) zuschreibt, unterhält Teresa – den Gewohnheiten des Klosters gemäß – erneut äußerst regen Kontakt zur Außenwelt. Ihr bezauberndes Naturell und ihr feuriges Herz ziehen die Besucher auch noch am Sprechgitter an. „Fast 28 Jahre“, gesteht sie selbst, „war es ein ständiges Fallen und Wiederaufstehen, es war kein gutes Aufstehen, da ich immer wieder fiel, denn weder erfreute ich mich an Gott, noch fand ich in diesen Kontakten zur Welt meine innere Ruhe“ (V 8,2).
Auch ihr Hang zum Gefallen, zum „Entertainment“, zur geistreichen Plauderei steht ihrer ernsthaften Suche nach einem Zwiegespräch mit Gott immer wieder im Wege: „Und so begab ich mich von Zeitvertreib zu Zeitvertreib, von Nichtigkeit zu Nichtigkeit, von einer Gefährdung in die andere. Und meine Seele war von all den Eitelkeiten so zerrüttet, dass ich sogar schon vor dem Gebet, dieser freundschaftlichen Hinwendung zu Gott, zurückschreckte. (…) Ich begann schließlich, zum Gebet zurückzukehren; doch hörte ich nicht auf, mich erneut Gefahren auszusetzen. Das Gebet aber gab ich fortan nie mehr auf“ (Vida 7,1; 7,17; p. 43).
4.Exkurs: Spaniens „Goldenes Jahrhundert“: kultureller und zivilisatorischer Glanz eines Riesenreichs
Halten wir kurz Rückschau: In welches politische Umfeld ist Teresa hineingeboren?
Ein Jahr nach Teresas Geburt geht die Herrschaft der Katholischen Könige, Fernando und Isabel, zu Ende. Unter ihrer Regentschaft hatte das unerbittliche Auge der „Santa Inquisición“ (Inquisition) über die Reinerhaltung des katholischen Glaubens gewacht. Teresa sollte die perfiden Taktiken und Schikanen dieser „Glaubensbehörde“ schon bald aus eigener Anschauung kennenlernen! Granada, das letzte Bollwerk der 700-jährigen Maurenherrschaft, war 1492 gefallen. Die Juden waren des Landes verwiesen und Amerika war entdeckt worden.
Die Herrschaft Karls V. und Philipps II.
Teresa lebte keineswegs mit dem Rücken zu ihrer Zeit oder gar gegen sie. In ihren zahlreichen Schriften finden wir Belege dafür, dass sie alle politischen Ereignisse sehr wohl registrierte und – nach ihren jeweiligen Kenntnissen – auch kommentierte.
Während ihrer Lebenszeit regieren Karl V. und sein Sohn Philipp II. – zwei sehr unterschiedliche Herrschergestalten – das Weltreich.
Karl V. (nach spanischer Lesart Karl I.) ist von 1515 an der alleinige Herrscher eines weiträumigen Reiches, das ihm von den Großeltern überkommen war und in dessen Herrschaftsgebiet – sprichwörtlich – „die Sonne niemals unterging“. Nach seiner Krönung zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation ist er – wie nach Karl dem Großen kein Herrscher – mit einer ungeheuren Machtfülle ausgestattet. Spanien fällt hierbei die Rolle des Verteidigers des katholischen Glaubens zu, eine Rolle, die seitens des Herrschers abwechselnd durch Dialog und mit bewaffneter Gewalt durchgesetzt wird.
Gleichzeitig fügt Karl V. nach der Entdeckung Amerikas durch seine Eroberungskriege dem Riesenreich die sogenannten Indias (Teile des heutigen Lateinamerika) hinzu. In Teresas Geburtsjahr fährt durch den genannten Herrscher ein „neuer Wind“ durch die Iberische Halbinsel und die junge Teresa wird während seiner Herrschaft Augenzeugin einer Glanzzeit in Kastilien, weil die durch den Kardinalerzbischof von Toledo und Großinquisitor Ximénez de Cisneros angestrebte Förderung der humanistischen Werte erste Früchte trägt. Die Universitäten erleben eine neue Blütezeit und durch eine Fülle gedruckter geistlicher und weltlicher Bücher erweitert sich der Horizont einer zunehmend gebildeteren Leserschaft. Für Teresa bedeutet dies die Möglichkeit, sich in persönlicher Lektüre weiterzubilden und eine für ihre Zeit und ihren (niederen) Adelsstand beachtliche Bildung zu erreichen.
Kastilien öffnet sich für Europa und anfänglich setzt Karl V. alle Hoffnungen auf die geistigen Neuerungen des niederländischen Humanisten Erasmus von Rotterdam (1466–1536), der 1516 von Kardinal Cisneros persönlich nach Spanien eingeladen wird und dessen Werke (Enchiridion: Handbüchlein des Soldaten Christi; Wie man beten soll; Das Gebet des Herrn) ab 1527 ins Spanische übersetzt werden. Ab 1530 jedoch gerät jener immer mehr in das Visier der Inquisition, die ihn schließlich verfolgt und seine Werke verbietet.
Die nobelste Aufgabe des Herrschers ist nach seinem Verständnis die Aufrechterhaltung einer universellen christlichen Monarchie zur Bewahrung der neuen Werte des Humanismus und die Erneuerung der katholischen Kirche. Karl V. sieht nach unzähligen wirtschaftlichen und politischen Krisenszenarien noch zu seinen Lebzeiten sein „Werk“ brüchig werden und zieht sich 1555/56 – nach seiner Abdankung – verbraucht und verbittert in die Einsamkeit eines Klosters in Yuste zurück.
Nahtlos folgt auf ihn am 15. 1. 1556 sein Sohn Philipp II., seines Zeichens nunmehr König von Spanien, Portugal, Neapel, Sizilien und Sardinien, Herzog von Mailand, Herrscher der Niederlande und Herzog von Burgund. Zusätzlich wird er durch seine Eheschließung mit Maria I. (iure uxoris) König von England und Irland, Graf von Habsburg, Flandern und Tirol …
Allerdings – und im Gegensatz zu seinem Vater – ist Philipp II. kein Mann großer Visionen; er kümmert sich nur noch um den Erhalt der spanischen Reiche und unterdrückt alle abweichenden politischen oder religiösen Meinungen. In der Folge entstehen neue Nationalismen und schlussendlich eine Spaltung der Christenheit, welche Philipp mit eiserner Hand durch die stets sich ausweitende Herrschaft der Inquisition und die gefürchteten „Autos de Fe“ (Glaubensgerichte) vergeblich zu verhindern sucht. 1559 verbietet Philipp das Studium an außerspanischen europäischen Universitäten und die Einfuhr ausländischer Bücher. Für Teresa wird diese „kopernikanische politische Wende“ zum Verhängnis, weil sich im Volk eine panische Angst vor der Verurteilung und den Strafen der Inquisition breitmacht, die ihren traurigen Höhepunkt 1559 im sogenannten „Index der verbotenen Bücher“ finden, der jegliche Lektüre geistlicher Bücher in der Muttersprache untersagt. Teresa sieht sich der für sie entscheidenden geistlichen Bücher beraubt und klagt: „Als viele in der Volkssprache geschriebenen Bücher weggenommen wurden, damit sie nicht mehr gelesen würden, litt ich sehr darunter, denn es verschaffte mir Erholung, manche von ihnen zu lesen, aber das konnte ich nun nicht mehr, weil man sie nur noch auf Latein zuließ“ (V 26,6).
Spanien zieht sich auf sich selbst zurück, gefährdet dadurch seine Wirtschaft und verpasst die Öffnung hin zu einer neuen Zeit. 1563 erbaut Philipp sich im Escorial das Stein gewordene Symbol seiner Regierungszeit: ein Grabmal in perfekter architektonischer Symmetrie, einen kalt anmutenden Palast, in dessen Mitte er sich in das Kloster San Lorenzo zurückzieht und von dort aus sein Weltreich regiert. Seine zahlreichen Kuriere berichten ihm von den Unruhen in den Niederlanden, von der rasanten Verbreitung von Martin Luthers neuem Gedankengut im fernen Deutschland, bringen Kunde von einer drohenden Kirchenspaltung, melden die zunehmend hohe Staatsverschuldung und den Verlust politisch wichtiger Territorien. Kurz: Ein Weltreich steht vor seinem Niedergang. Als Philipp II. im Jahr 1598 stirbt, hat sich der politische Schwerpunkt Europas bereits vom Mittelmeer zum Atlantik hin verschoben.
Welchen geistlichen Strömungen begegnet Teresa durch ihre gelehrten Beichtväter?
Die spanische Kirche des 16. Jahrhunderts ist im Wandel vom Mittelalter zur Renaissance begriffen, in welcher der Mensch sich selbst entdeckt und zum Mittelpunkt allen Geschehens erhebt. Dennoch gibt es Bereiche, die den Gläubigen nicht zugänglich sind, wie beispielsweise das persönliche Beten im Gegensatz zum vorformulierten, mündlichen Gebet. Teresa bringt es später auf den Punkt, wenn sie fordert: „Es geht hier nicht darum, viel zu denken, sondern viel zu lieben“ (F 5,2). Eine Kluft tut sich auf zwischen der Theologie und der Mystik.
Aus dem niederländischen und deutschen Sprachraum war die Kunde von der als Devotio moderna bekannt gewordenen geistlichen Strömung, die sich bewusst in der Betrachtung übte, bis zur Iberischen Halbinsel vorgedrungen. Namen wie Meister Eckhart, Johannes Tauler und Heinrich Seuse übten auf Kleriker und Laien großen Einfluss aus. Aus Flandern stammten Ruusbroec und sein Schüler Hendrik Herp. Teresa hatte Zugang zu einigen Schriften der berühmtesten Autoren ihrer Zeit, wie Bernardino de Laredos (1480–1540) Aufstieg zum Berge Zion, ferner kannte sie das Leben Christi des Kölner Kartäusers Ludolph von Sachsen, seine Meditationen und einiges mehr. Ferner die Abhandlung über das Gebet und die Meditation des von ihr sehr verehrten großen Büßers Pedro de Alcántara (1499–1562) und die Schrift Von der Kunst, Gott zu dienen des Alonso de Madrid.
Gerhard Groote hatte in den Niederlanden die Gemeinschaft der Brüder des gemeinsamen Lebens gegründet, die miteinander beteten und geistliche Codices abschrieben. Man betonte die persönliche Beziehung zu Christus, die Betrachtung seines Leidens und Sterbens und seiner Auferstehung als Zugangstor zu einer neuen Innerlichkeit. Teresa kannte auch die Nachfolge Christi des Thomas von Kempen.
In Spanien findet das Gedankengut der Devotio Moderna unter anderem Verbreitung durch die Textsammlung der Übung des geistlichen Lebens des Benediktinerabts (und Neffen des Großinquisitors!) García de Cisneros.
Der Einfluss des Girolamo Savonarola, der wohl schillerndsten Figur der italienischen Dominikaner, wird seinerseits prägend für Gestalten wie Luis de Granada, dessen geistliches Umfeld Teresa in Valladolid, Ávila und Salamanca kennenlernen wird.
Teresa hat im Prinzip drei Quellen für ihre Selbst-Bildung: die geistlichen Autoren ihrer Zeit, die Predigten ihrer Beichtväter und den persönlichen Dialog mit jenen hochgebildeten Geistlichen. Da sie seit ihrer Kindheit begierig danach strebt, Neues kennenzulernen, und außerdem mit einer überdurchschnittlichen Phantasie begabt ist, verschlingt sie während ihrer schweren Krankheit sämtliche verfügbare geistliche Literatur ihrer Zeit. Ihr Gefühlsreichtum wird in dem Maß geweckt, in dem sie sich entschieden Christus in seinem Leiden zuwendet.
Und wir erkennen einen weiteren Zug in Teresa: ihr übergroßes Bedürfnis, das, was in ihrer Seele geschieht, „zu geworten“, um es zugleich auf seinen Wahrheitsgehalt zu prüfen. Das wird ihr zeit ihres Lebens viel Leid einbringen.
Die großen spanischen Heiligen Fray Luis de Granada und S. Pedro de Alcántara – „ich sah, dass er mich aus seiner eigenen Erfahrung heraus verstand“ (V 30,4) – werden sie von nun an zu neuen Weisen der Kontemplation „inspirieren“ und in ihren „unerhörten“ Erfahrungen bestärken.
Auch beeindruckt und prägt sie die Lektüre der Bekenntnisse des hl. Augustinus um das Jahr 1554 (V 9,8), weil sie sich hier verstanden und bestärkt fühlt in ihrer Intuition, einerseits Christus im tiefsten eigenen Inneren suchen zu müssen und dass andererseits „Sammlung und Aktivität“ sich nicht ausschließen.
5.„Es ist ein anderes, neues Buch ab hier …“: neue „Innenansicht“ der Teresa von Ávila
Drei Etappen auf einem lebenslangen Weg der Gottsuche können wir bei Teresa von Ávila ausmachen: die spontane und eher begeisterte Art des Betens ihrer ersten Klosterjahre (bis 1554), die schwierigere Zeit einer wirklichen Konfrontation ihrer Seele mit ihrem Gott und schließlich das mystische Gebet als Erschließung immer neuer Horizonte und beglückende Erfahrung Seiner Freundschaft.
In ihrer Autobiographie benennt Teresa selbst zwei große Wegstrecken ihres Gebetslebens und unterscheidet ein „Vorher“ und ein „Nachher“, wenn sie schreibt: „Es ist ein anderes, neues Buch ab hier, ich meine ein anderes, neues Leben. Das bis hierher war meines; das, was ich gelebt habe, seitdem ich diese Gebetserfahrungen zu erläutern begann, ist – wie mir scheint – das, was Gott in mir lebt“ (V 23,1).
Ihr ganzes Leben durchziehen immer neue Erfahrungen des Betens. Und dieser Prozess kennt Höhen und Tiefen, Krisen aller Art und echte Konversionen. Ohne immer neue Suche nach dem, was einen echten Dialog zwischen Gott und der Seele ausmacht, wäre Teresas Leben nicht denkbar. Und dieser Dialog wird immer mehr zum „Gespräch mit einem Freund, mit dem wir oft und gern allein zusammenkommen, um mit ihm zu reden, weil wir sicher sind, dass er uns liebt“ (V 8,5–6). Wenn aber dieser Dialog misslingt oder von Teresas Seite vernachlässigt wird, gerät ihr Leben sogleich aus den Fugen.
Erst viel später wird Teresa ein hübsches Bild für dieses Sich-immer-mehr-in-Ihn-Versenken finden: die sieben Wohnungen der Inneren Burg, in dessen Zentrum Er, Gott, wie ein liebender Bräutigam die Seele als Seine Braut erwartet. Erst dann ist sie wirklich angekommen, wird sie in Ihn selber verwandelt, wird sie zu Teresa de Jesús, was so viel bedeutet wie ganz die Seinige.
1554: Bekehrungserlebnis vor einer mit Wunden übersäten Christusstatue
Da geschieht 1554 etwas Unerwartetes: Vor einem Bild Christi, das ihn als Schmerzensmann zeigt („ante un Cristo muy llagado“), wird Teresa angerührt, aufgewühlt, bis sie, in Tränen aufgelöst, sich vor ihm niederwirft und gelobt, von nun an nur noch Ihm zu leben. Dieses Erlebnis einer Konversion wird der Beginn eines völlig neuen Weges radikaler Selbstaufgabe, der sie in ungeahnte Höhen mystischer Vereinigung führen sollte. Immer wieder ist Gott selbst derjenige, der die Initiative ergreift. Teresas „Ant-Wort“ ist sie selbst, die Hingabe ihrer Kräfte, ihrer Zeit und vor allem ihres feurigen, liebesbedürftigen Herzens.
Was die Heilige ab jetzt allein interessiert, ist nicht, uns ihr äußeres Leben zu erzählen, sondern Gottes Handeln in ihm zu veranschaulichen.
Fortan ist es nur allzu konsequent, dass sie nach Mitteln und Wegen sucht, diese ihre innere Erfahrung auch den anderen – zunächst den sie umgebenden Mitschwestern – mitzuteilen. Dies ist der eigentliche Antrieb all ihres Schreibens und ihrer Reformpläne, die sie trotz aller Widerstände und Strapazen mit der Gründung von insgesamt 18 Reformklöstern verwirklicht.
Ihr ganzes Leben lang – besonders aber auf dem Höhepunkt ihrer rastlosen Gründungsaktivitäten – wird Teresa bestimmt von jener „unaussprechlich“ (ineffabile) zu nennenden Erfahrung einer innigen, intimen Freundschaft mit Gott, den sie in ihrem Innern, aber auch in Menschen und Situationen erfährt. Sie erlebt seine Menschheit und Nähe in einer wachsenden Vertrautheit. Gleichzeitig beklagt sie ihre eigene Armseligkeit und Sein Anderssein. Und so geht es Teresa wie allen Mystikern: Sie ringt um den Ausdruck des Unerhörten, das ihr widerfährt. In Wort und Schrift – auf Geheiß und im Gehorsam gegen ihre Beichtväter – lässt sie ihre damaligen und uns heutige Leser teilhaben an jener Erfahrung in einem Gesamtwerk, das zum Schönsten der spanischen Literatur zählt und das uns heute in verschiedenen Ausgaben – und in unzählige Sprachen übersetzt – erhalten ist.
Darmowy fragment się skończył.