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Tabu Von Herzen geliebt

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Z serii: Tabu #7
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Tabu Von Herzen geliebt
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Ute Dombrowski

Tabi Von Herzen geliebt

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

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Tabu

Von Herzen geliebt

Ute Dombrowski

1. Auflage 2017

Copyright © 2017 Ute Dombrowski

Umschlag: Ute Dombrowski

Titelfoto: Lisa Kabel

Lektorat/Korrektorat: Julia Dillenberger-Ochs

Satz: Ute Dombrowski

Verlag: Ute Dombrowski Niedertiefenbach

Druck: epubli

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors und Selbstverlegers unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Erde hatte aufgehört, sich zu drehen.

So kam es Katja jedenfalls vor, nachdem sie das Ungeheuerliche ausgesprochen hatte. Sie blickte in die Runde, aber niemand wagte es, ihr in die Augen zu schauen.

In dem Moment sprang Christian auf, der sich die Hand auf den Mund gepresst hatte. Ohne sich noch einmal umzudrehen, lief er in die Nacht hinaus, Ve­rena folgte ihm wortlos. Katja hatte sich nun kraftlos zu Benjamin gesetzt, der eine Hand auf ihre Schulter legte.

„Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?“, meldete sich Bea als Erste zu Wort und sah Katja vorwurfsvoll an. „Was in aller Welt ist bei dir nicht richtig, dass du so etwas tust?“

Katja liefen stumme Tränen die Wangen hinunter.

Bea rief empört: „Jetzt heule hier nicht herum! Warum hast du das getan? Rede, verdammt!“

„Ich … ich … ich weiß, es klingt bescheuert, aber lass es mich erklären. Das ist gar nicht so einfach.“

Sie griff nach Benjamins Hand, wie um sich festzuhalten, denn sie hatte das Gefühl zu ertrinken.

„Als wir damals den Vaterschaftstest gemacht haben, da war ich mir vollkommen sicher, dass Christian der Vater ist. Ich habe gesehen, wie verrückt er danach war! Christian hatte es sich so gewünscht und da kam mir ein grausamer Gedanke: Ich wollte, dass alles wieder gut wird, dass er mich wieder liebt und wir gemeinsam leben können. Aber ich hatte Angst, dass er nur wegen Nelly zu mir zurück kommt und nicht wegen mir. Das ist doch keine Basis für eine Beziehung. Wie viele Frauen bleiben bei ihrem betrügerischen Ehemann, nur weil sie ein Kind zusammen haben? Ich dachte, wenn er zu mir zurückkommt, auch wenn Benjamin der Vater ist, dann tut er das um meinetwillen, weil er mich wirklich liebt. Also habe ich gesagt, Benjamin ist der Vater. Eine Minute später wusste ich, dass es falsch war, aber ich konnte es nicht wieder rückgängig machen und da war ja Christian auch schon weggelaufen. Mit jedem Tag, der herum war, wurde es schlimmer. Ich habe es so sehr bereut, aber es ist nicht zu entschuldigen.“

„Da hast du recht“, sagte nun Hannes, „es ist nicht zu entschuldigen.“

Arne hatte die ganze Zeit still daneben gesessen. Er überlegte, was er nun tun sollte, aber sein Kopf war vollkommen leer. Sein Herz sagte, er müsste nun zu Katja halten, aber sein Verstand war zu Stein er­starrt. Er dachte: Wie egoistisch muss man sein, um so eine Entscheidung zu treffen? Sie hatte beide Männer und auch ihr Kind belogen, dazu noch ihre besten Freunde.

Konnte er mit so einer Frau leben?

Arne stand langsam auf und ging ins Haus. Er setzte sich in der Küche an den Tisch, dann sprang er auf und holte sich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank. Olivier schaute durch die offene Tür.

„Geht dir gut? Kann ich helfen?“

„Mir helfen? Danke, ich denke, das ist nicht nötig. Wie kann ein Mensch so etwas tun?“

Olivier setzte sich zu ihm und sagte leise: „Ich habe ein bisschen Grund verstanden. Aber wie sagt man: ist naiv und dumm. So sind Frauen.“

„Ja, dumm, egoistisch, dämlich, naiv, verrückt … aber weißt du, was das Problem ist? Ich liebe dieses dumme, egoistische, dämliche, naive, verrückte Weib.“

„Non! Kein Problem. Liebe ist Liebe. Geh zu die Frau und sag ihr.“

Arne lächelte, denn Olivier hatte recht: Er musste jetzt zu ihr halten.

Draußen hatte sich die Situation noch nicht verändert. Arne stellte sich hinter Katjas Stuhl und legte beide Hände auf ihre Schultern. Benjamin nickte ihm dankbar zu.

„Bea, ich verstehe deine Erregung. Ich war auch erst vollkommen durcheinander, als der Arzt mir sagte, ich könne keine Kinder zeugen. Ich habe ihn gefragt, was mit Nelly sei. Er hat mir ausführlich erklärt, dass ich niemals der Vater sein konnte. Zuerst habe ich gedacht, dem ganzen Spiel ein schnelles Ende zu machen, aber ich war auch froh über jeden Moment, den ich mit Nelly hatte, also habe ich zuerst mit Katja geredet. Sie hat mir versprochen, reinen Tisch zu machen. Ich bin gerade froh, dass Verena bei Christian ist. Ihr habt ja seine Reaktion gesehen.“

„Wie konntest du ihm das antun?“

Bea war immer noch außer sich.

„Denkst du, so bekommst du ihn jemals wieder?“

„Ich bekomme ihn sowieso nicht wieder! Er wird mich hassen und das habe ich auch verdient.“

Katja malte sich gerade die Reaktion der anderen aus, wenn sie ihnen noch sagen würde, dass sie mit Christian geschlafen hatte. Das wollte sie auch Arne nicht zumuten. Es tat ihm sowieso schon genug weh.

 

Hannes war äußerlich ruhig, nun fragte er: „Wie willst du das Nelly erklären?“

Oh, Mann, dachte Katja, Hannes hatte es auf den Punkt gebracht. Sie zuckte ratlos mit den Schultern und fiel zusehends in sich zusammen. Sie hatte das Schicksal herausgefordert und musste nun selbst sehen, wie sie alles wieder gutmachte.

„Vielleicht fahren wir beide morgen früh erst einmal mit Nelly heim, bis sich alles beruhigt hat.“

Alle sahen Arne an, der Katja immer noch festhielt.

„Das ist eine gute Idee“, erwiderte Benjamin. „Ich rede morgen mit Christian und ihr fahrt heim. Bea, kannst du mir hier ein wenig helfen? Ursula Heunbach kann morgen nicht kommen, Christian wird auch zuhause bleiben und Hannes, kannst du mich morgen zu Christian bringen, ehe ich wieder ins Krankenhaus muss?“

Bea und Hannes sahen sich an und nickten. Arne zog Katja von der Bank hoch und schleppte sie mit ins Gästezimmer, wo sie erschöpft auf das Bett fiel. Bea und Hannes fuhren heim, Olivier brachte Benjamin in sein Zimmer. Dann legten sich alle zur Ruhe. Nelly schlief zusammengerollt in ihrem Bett und hatte von der ganzen Aufregung nichts mitbekommen.

*

„Was denkt diese blöde Kuh sich eigentlich?“

Bea hatte sich zuhause immer noch nicht beruhigt. In einem neuen Wutanfall wollte sie sofort Cora anrufen, aber Hannes nahm ihr das Handy aus der Hand.

„Schatz, beruhige dich erst einmal. Ich kann dich verstehen, denn das, was Katja getan hat, ist der Höhepunkt ihrer Blödheit. Aber du kennst sie und weißt, dass sie schon immer den Hang zu Fehlentscheidungen hatte. Du bist ihre beste Freundin, sie braucht jetzt deine besonnene Art, um ihr Leben zu ordnen. Wenn du ihr nun die Freundschaft kündigst, dann kann ich das verstehen, aber ich halte es nicht für den richtigen Weg.“

„Mann, ich könnte sie … rütteln und schütteln und … ach, was!“

Hannes setzte sich auf die Couch und zog Bea auf seinen Schoß. Zärtlich küsste sie seine Stirn.

„Danke, dass du da bist und vor allem, dass du so normal bist. Wenn ich das Cora erzähle, flippt die völlig aus. Weißt du, ich dachte vorhin: Wenn sich Christian nicht so dumm angestellt hätte mit seinem Stolz und so … aber dann fiel mir ein, dass es immer Katja war, die den Mist gebaut hat, den dann andere wieder ausbügeln mussten. Nein, im Moment hat sie meinen ganzen Zorn verdient. Hut ab vor Benjamin, dass er damit so entspannt umgeht. Jetzt hat er ein Bein und seine Tochter verloren und trotzdem hält er zu Katja.“

Im Weingut lag Katja im Bett und fand keinen Schlaf. Sie schämte sich und machte sich selbst die größten Vorwürfe. Was hatte sie sich nur gedacht, als sie damals den Brief geöffnet hatte? Unruhig wälzte sie sich hin und her.

„Wie soll es nun weitergehen?“, hörte sie Arnes sanfte Stimme.

Er rutschte dicht an sie heran und nahm sie in den Arm.

„Ich weiß es nicht. Warum bist du denn noch bei mir?“

„Das fragst du mich wirklich? Katja, du bist manchmal echt dämlich, aber es sind gerade die Fehler, die dich so besonders machen. Ich hatte überlegt, ob ich gehe, aber du brauchst mich jetzt, darum werde ich dich nicht im Stich lassen. Wir schaffen das! Ich finde es furchtbar, was du getan hast, aber ich halte zu dir. Du kannst dich immer auf mich verlassen.“

Katja schmiegte sich in seinen Arm und spürte die Wärme und Nähe, die sie im Moment genoss. Sie empfand große Hochachtung für ihn.

„Danke“, murmelte sie und schloss die Augen.

Benjamin lag auch noch lange wach. Tränen liefen seine Wangen herunter. Er hatte Nelly verloren, aber sie würde immer ein Teil seines Lebens bleiben. Es war doch auch egal, ob sie Onkel oder Papa sagte. Nelly war sein kleiner Sonnenschein, aber sie würde es schwer verstehen, dass nun Christian ihr Vater war. Benjamin hatte die Wahrheit eigentlich immer gespürt und sein bester Freund doch auch. Dazu kamen die Sache mit dem Trampolin und der Spaß am Fliegen – das konnte kein Zufall sein.

Er musste morgen unbedingt zu Christian gehen und sehen, wie er damit klar kam. Vielleicht war es ja wirklich gut, dass es Verena gab. In diesem Augenblick wusste er, dass die Tür zur Versöhnung zwischen Katja und Christian nun endgültig verschlossen war. Katja hatte sie mit großem Schwung zugestoßen.

Es würde kompliziert werden, wenn Christian seine Tochter sehen wollte, aber da würde Benjamin die beiden unterstützen. In dem Augenblick fiel ihm Luise ein und ein kalter Schauer lief über seinen Rücken. Sie würde sich mit Verena verbünden und dafür sorgen, dass der Keil zwischen Katja und Christian immer da sein würde.

Seufzend wischte er sich die Tränen ab und rollte sich zusammen. Neben seinem Bett stand das Kunstbein.

*

Christian war direkt nach Hause gelaufen. Verena rannte hinterher, aber sie hatte Mühe, ihn einzuholen.

„Jetzt warte doch bitte. Bleib stehen!“, rief sie hinter ihm her.

Als sie bei ihm angelangt war, griff sie nach seiner Hand, aber er schüttelte sie wütend ab. Unbeirrt eilte er weiter. Verena hielt so gut wie möglich Schritt.

Daheim schloss er zitternd die Tür auf. Im Schein der kleinen Lampe über der Tür sah Verena, dass Christian weinte. Er ging ins Wohnzimmer, ohne Licht zu machen, und ließ sich auf die Couch fallen. In seinem Kopf war das blanke Chaos.

Er war der Vater von Nelly. Eigentlich hatte er es immer gespürt, aber er hätte nie gedacht, dass Katja nicht die Wahrheit sagte. Was hatte sich die Frau dabei gedacht? Dass er mit ihr geschlafen hatte, verdrängte er vollkommen. Auch, dass Verena neben ihm saß, hatte er vergessen.

Nun würde er ein Recht haben, Nelly zu sehen. Warum hatte Benjamin nichts gesagt? Christian wusste nicht mehr, wem er noch trauen konnte. Dann fiel sein Blick auf Verena. Er legte den Arm um sie und zog sie gierig an sich. Was soll‘s, dachte Christian, ich liebe sie zwar nicht, aber mit ihr ist alles unkompliziert. Vielleicht war sie die richtige Frau für ihn. Sie kam mit Kindern gut aus, also konnte sie sicher auch eine gute Ersatzmutter für Nelly sein.

Christian nahm Verena auf den Arm und trug sie ins Bett, wo er über sie herfiel. Sie ließ ihn gewähren, aber ganz tief in ihrem Inneren wusste sie, dass Christian nicht sie meinte. Er hätte jetzt mit jeder Frau geschlafen, nur um nicht an Katja denken zu müssen. In dem Augenblick war ihr klar, dass ihr Freund, der Mann, mit dem sie glücklich war, eine andere liebte und das würde sich nie ändern.

Am nächsten Morgen wachte sie vom Klingeln an der Haustür auf. Christians Seite im Bett war leer. Verena stand auf, zog sich den Bademantel über und ging hinunter in Richtung Küche. Dort saß Benjamin mit Christian vor einer Tasse Kaffee. Sie blieb still stehen.

„Katja kann mich mal!“, hörte Verena Christian sagen. „Das ist eine Ungeheuerlichkeit. Sie hat uns betrogen. Ich verstehe gar nicht, warum du sie in Schutz nimmst. Aber ihr wart ja schon immer dicke Freunde, wenn es darum ging, mich zu bescheißen. Warum hast du mir das nicht vorher gesagt? Verdammt, du bist mein bester Freund!“

„Mann, Christian, ich finde es doch genauso beschissen wie du. Der Arzt hatte mich vor kurzem in sein Zimmer gerufen. Er hatte wohl schon mit Katja geredet und wollte es mir so schonend wie möglich beibringen, dass ich nicht der Vater von Nelly sein kann. Ich habe es immer geahnt, aber es niemals wahrhaben wollen.“

Tränen liefen über sein Gesicht.

„Ich kann verstehen, wenn du böse auf mich bist. Es ist sowieso alles egal. Die Frau, die ich mal geliebt habe, ist fort. Mein Bein wurde abgeschnitten und ich bin für immer ein Krüppel. Und nun habe ich auch keine Tochter mehr, die ich mehr liebe als mein Leben. Es tut mir leid, dass das so gelaufen ist, aber ich werde zu Katja halten, denn ich will Nelly wenigstens ab und zu sehen.“

Er wollte aufstehen und gehen, aber Christian hielt ihn fest. Verena hatte genug gelauscht. Nun trat sie zu den Männern an den Tisch.

„Da hat euch die liebe Katja ja mal so richtig verarscht. Meine Herren, so eine böse Frau. Das hätte ich niemals gedacht, als ich sie damals kennenlernen durfte. Obwohl sie ja schon immer eine falsche Schlange war. Sie hatte mich ins offene Messer laufen lassen. Aber das ist ja nun Vergangenheit, nicht wahr, mein Schatz?“

Verena hatte sich an Christian geschmiegt. Er schob sie ein Stück weg und sah sie verständnislos an.

„Entschuldige, aber ich werde mit dir nicht über Katja reden. Wenn das mit uns funktionieren soll, dann halt dich bitte heraus.“

Jetzt schaute Verena verständnislos und ging ohne ein weiteres Wort ins Bad. Sie fragte sich, was diese Katja an sich hatte, dass die Männer bei ihr zu dummen Trotteln mutierten.

Benjamin sah seinen Freund traurig an.

„Darf ich Nelly ab und zu mal sehen?“

„Natürlich. Ach Benni, unsere Freundschaft und Nelly sind das Wichtigste. Ich werde mit Verena zusammenbleiben, denn eigentlich klappt das ganz gut. Wir helfen dir auf dem Weingut und wenn Nelly bei uns ist, dann kannst du sie sehen, das ist doch wohl selbstverständlich. Warum wusstest du es?“

„Es waren so Dinge, die ihr gemeinsam habt, wie das Fliegen, was Nelly liebt. Wenn sie zu Marie geflogen sind, hat sie immer nur vom Fliegzeug geredet. Und am Geburtstag warst du ja nicht mit, da sollte sie mit Bea aufs Trampolin und begann zu schreien. Irgendwie konnte es ein Blinder sehen, dass sie deine Tochter ist. Aber ich habe Katja vertraut, dass sie uns die Wahrheit gesagt hatte, ein Fehler, den wir nun alle ausbaden müssen. Wir hätten uns den Brief zeigen lassen sollen.“

„Wir waren ganz schön blauäugig.“

Die beiden Männer nahmen sich in den Arm, dann brachte Christian Benjamin zum Auto, wo Hannes gewartet hatte. Der würde ihn nun wieder zum Krankenhaus bringen. Er stand an die Tür gelehnt und half Benjamin beim Einsteigen.

„Geht es euch einigermaßen gut?“

„Hannes, sei froh, dass du die vernünftige Bea hast. Die würde dir nicht so eine Überraschung bereiten. Danke, dass du Benni hergebracht hast und ihn wieder ins Krankenhaus bringst. Was machen die anderen? Kann ich ohne Sorgen zum Weingut gehen oder muss ich damit rechnen, dass Katja noch da ist?“

„Nein, sie und Arne sind heute in aller Frühe abgereist, gerade, als ich Benjamin abgeholt habe. Sei beruhigt, Olivier hat alles im Griff. Bea ist in der Vinothek. Du kannst hierbleiben und dir mit Verena einen schönen Tag machen. Bea und ich werden mit Katja besprechen, wie du Nelly sehen kannst. Oder willst du das lieber vor Gericht klären lassen?“

„Um Himmels willen, nein!“

Christian dankte Hannes für seine Umsicht und sah dem Auto hinterher, bis es um die Ecke war. In der Küche saß Verena und machte ein ernstes Gesicht.

„Es tut mir leid, wenn ich eben ein bisschen grob war, aber es war mein voller Ernst, dass ich mit dir nicht über Katja reden möchte. Bitte akzeptiere das. Wir bleiben zusammen, Schatz.“

Christian schluckte und fügte ohne rot zu werden hinzu: „Ich liebe dich.“

Verena nickte und schwieg.

*

Katja hatte Benjamin umarmt und sich zu Nelly ins Auto gesetzt. Arne war im Sportwagen gerade vom Hof gefahren. Katja kurbelte die Fensterscheibe herunter und Benjamin legt ihr eine Hand auf den Arm.

„Wir kriegen das schon hin, auch mit Christian. Lass ihm ein wenig Zeit, zu sich zu kommen und sich zu beruhigen. Du weißt, er liebt Nelly über alles. Finde dich damit ab, dass er Verena hat. Du bist ja mit deinem Arne gut dran. Ich mag ihn sehr und Nelly auch. Beginne dein Leben neu, alles andere bringt die Zeit.“

„Benjamin, ich habe großen Respekt vor dir. Du müsstest mich eigentlich hassen und zum Teufel jagen. Danke für deine Unterstützung.“

Dann fuhr Katja los. Arne war mit Katjas Sportwagen eine Weile vor ihr in Nennhausen und hatte den Wagen in den Hof gefahren. Er saß grübelnd unter dem Nussbaum.

Als erstes, dachte er, muss sie es Nelly erklären. Damit zu warten, wäre unsinnig. Die Kleine würde sowieso durcheinandergeraten. Aber vielleicht spürte sie die Verbindung zu ihrem wirklichen Vater ja auch.

Eine Stunde später rollte sein Auto in den Hof. Katja stieg aus, legte den Zeigefinger auf die Lippen und setzte sich zu ihm.

 

„Psst! Nelly schläft seit zehn Minuten. Schön, dass du gewartet hast.“

„Süße, ich habe doch gesagt, ich bin bei dir und für dich da. Du hast ja noch einiges zu tun: Cora und Marie anrufen. Nelly alles erklären und dir Gedanken machen über den zukünftigen Umgang deiner Tochter mit ihrem Vater.“

Es hatte sich sehr sachlich angehört und Katja war froh, dass Arne so abgeklärt redete. In seinem Inneren war er allerdings immer noch zerrissen. Aber er fühlte Liebe, Begehren und eine tiefe Verbundenheit zu der Frau, die ihr Leben und das Leben anderer regelmäßig in einen Scherbenhaufen verwandelte.

„Bitte versprich mir eines: Sei immer ehrlich zu mir. Ich kann mich gut in Christian und Benjamin hineinversetzen. Nicht nur wegen dir, auch wegen meiner damaligen Freundin, die gelogen hat, wenn sie den Mund aufgemacht hat.“

„Was ist aus ihr geworden?“

„Sie ist nach Südafrika gegangen und lebt dort, soweit ich weiß, mit einem reichen Typen zusammen. Sie haben drei Kinder. Aber reden wir nicht über sie.“

„Ich will zu dir immer ehrlich sein, das verspreche ich hoch und heilig. Es ist so viel schief gegangen in meinem Leben, jetzt muss ich nach vorne schauen. Bitte hilf mir dabei.“

Sanft legte er den Arm um ihre Schultern und küsste sie auf die Wange. So saßen sie, bis sie Nelly rufen hörten.

„Mama! Nelly fertig mit heia.“

Katja nahm ihre Tochter aus dem Kindersitz und Arne brachte die Sachen ins Haus. Danach nahm er seine Tasche und wollte zu sich hinübergehen.

„Kommst du wieder?“, fragte Katja zitternd.

Sie hatte auf einmal Angst bekommen, er würde sie verlassen. Es wäre sogar zu verstehen, aber sie hoffte, dass er nicht gelogen hatte. Ganz tief in ihrem Inneren hatte sie sich in den Mann verliebt, der Daniel so ähnlich war. Aber die Liebe zu Christian ließ wenig Platz in ihrem Herzen übrig.

„Ich bringe meine Sachen weg, schaue meine Post durch, dann komme ich wieder und kümmere mich um Nelly, damit du in Ruhe telefonieren kannst. Ist das so in Ordnung?“

Arne küsste Katja sanft auf die Lippen, kitzelte Nelly, die sofort kicherte und ging davon. Nelly zappelte und wollte von Katjas Arm, um gleich danach im Garten zu verschwinden. Katja folgte ihr und setzte sich unter den Nussbaum. Nelly lief zur Schaukel, kletterte in den Sitz und bewegte die Beine vor und zurück, so wie ihr Benjamin das in der letzten Woche erklärt hatte.

„Mama! Nelly schaukelt!“

Katja applaudierte und lief zu ihr, um sie noch ein bisschen anzustoßen. Nelly jauchzte mit jedem neuen Schubs, der sie höher und höher schaukeln ließ. Herausfallen konnte sie nicht, also forderte sie ihre Mutter auf, ihr immer wieder Schwung zu geben.

Als Arne um die Ecke kam, rief sie begeistert: „Arne, guck! Nelly schaukelt ganz hoch.“

„Gehst du mit Arne ein bisschen auf den großen Spielplatz? Die Mama muss telefonieren.“

Nelly ließ sich sofort von Katja aus der Schaukel heben, dann griff das kleine Mädchen Arnes Hand und schaute ihn freundlich an. Sie verließen den Garten, Katja setzte sich wieder zurück unter den Nussbaum und nahm ihr Handy. Zitternd wählte sie Coras Nummer.

„Hallo, Cora, ich bin es.“

Sie nahm noch einmal Glückwünsche zum Geburtstag entgegen und begann dann ohne Umschweife von dem katastrophalen Abend zu erzählen. Für Cora waren das Neuigkeiten, die ihr die Sprache verschlugen. Die sonst so impulsive Frau legte einfach auf, nachdem Katja ihre Beichte beendet hatte.

Katja liefen die Tränen herunter, hatte sie doch eher damit gerechnet, dass Cora laut werden würde. Dieses Schweigen tat mehr weh als jedes Schreien. Sie zog die Füße auf die Bank und schlang die Arme um die Knie. Nach einer halben Stunde klingelte das Handy, auf dem Display stand Coras Name.

„Katja, du hast mich sicher noch niemals sprachlos erlebt, auch wenn du noch so blöden Mist angestellt hattest, aber nun hast du es geschafft, mir fehlen die Worte. Sei froh, dass ich so weit weg bin, du dämliches Weibsbild, ich würde dir jetzt gerne eine klatschen. Was hast du dir denn dabei gedacht? Bist du von allen guten Geistern verlassen?“

Katja erklärte Cora genau das, was sie auch den anderen gesagt hatte, aber sie erwartete kein Verständnis. Umso erstaunter war sie, als Cora ganz ruhig blieb.

„Du wirst es nicht glauben, aber ich verstehe deine Motive sogar. Es ist jedoch sowas von bekloppt, dass du und Christian euch gleichzeitig wie in einem Kindergarten aufführt. Hättet ihr euch nicht einfach lieben können? Der ist irgendwie schon genauso dusselig wie du. Aber das habt ihr jetzt gründlich verdorben. Arme Nelly, armer Benjamin. Und glücklicher Christian, denn Nelly ist so sehr seine Tochter, es sah schon immer so aus. Was sagt er dazu?“

„Christian ist weggelaufen …“

„Verständlich!“, rief Cora dazwischen.

„Er ist weg und Verena, seine Neue, ist hinterher. Ich habe sie seither nicht mehr gesehen, Arne und ich sind heute früh abgereist. Er ist jetzt mit Nelly auf dem Spielplatz, damit ich in Ruhe mit dir reden kann. Es tut mir alles so leid.“

„Tja, Katja, das tut es dir ja immer, wenn es zu spät ist. Wie geht Benjamin damit um?“

Katja berichtete von Benjamins sehr abgeklärtem Verhalten ihr gegenüber und von seiner uneingeschränkten Unterstützung. Cora äußerte ihre Bewunderung.

„Was für ein Mann. Vielleicht wäre er sogar der beste Mann von allen für dich gewesen. Ich mag den Kerl sehr gerne. Ach Katja, was soll nur aus dir werden? Musst du erst hundert Jahre alt sein, um endlich erwachsen zu werden?“

„Ich weiß nicht, ob das jemals klappt. Ich werde jetzt versuchen, alles einigermaßen ins Reine zu bekommen. Arne ist bei mir und steht zu mir. Ich glaube, wir haben eine ganz gute Chance auf eine gemeinsame Zukunft. Benjamin ist auch immer für mich da. Bea hat getobt. Ich danke dir, dass du nicht vollkommen ausgeflippt bist. Ich hoffe, ich habe Bea nicht verloren. Cora, bitte verachte mich nicht für das, was ich getan habe. Ich mache mir selbst die größten Vorwürfe.“

„Liebes, ich verachte dich nicht, ich bin nur froh, dass es in meinem Leben nicht so ein Chaos gibt und liebe Michel nun umso mehr. Du bist mir immer ein großes Vorbild, wie ich es nicht haben will. Bitte verzeihe mir meinen Sarkasmus, aber nur so kann ich gerade ruhig bleiben.“

Sie legten auf und Katja atmete tief durch. Nach ein paar Minuten kamen Nelly und Arne in den Garten.

„Und?“, fragte er knapp.

„Alles in Ordnung. Es war ein gutes Gespräch. Gehst du Nelly baden? Dann rufe ich noch Marie und Bea an.“

In dem Moment klingelte Katjas Handy und sie sah Beas Namen.

„Hallo, Miss Unvernunft. Wie geht es euch? Seid ihr heil nach Hause gekommen?“

„Danke, Bea, dass du dich meldest, ich wollte dich auch noch anrufen. Ich habe eben bei Cora gebeichtet.“

„Ich weiß“, entgegnete Bea, „sie hat mich angerufen und wir haben ordentlich über deine Blödheit gelästert. Cora hat dann zu mir gesagt, dass ich dich nicht anschreien soll, gestern Abend meinte Hannes dasselbe. Also habe ich mich dazu durchgerungen und bin ganz entspannt. Wir werden dich in allem unterstützen, was nötig ist. Eines Tages wirst du es uns wiedergeben können. Freunde sind nun mal für­einander da, auch wenn es schlecht läuft.“

Nach dem nächsten Telefonat mit Marie, die nun auch noch ihre Unterstützung zusicherte, fühlte sich Katja viel besser. Die Freunde, die sie da hatte, bewiesen wieder einmal, dass sie die besten der Welt waren. Katja schämte sich, dass bei ihr immer alles schief ging und fragte sich, wann dieses Elend mal vorbei war. Sie ging ins Bad, wo Arne gerade Nelly in ein Badetuch gehüllt hatte.

„Nelly, du bist aber ein feines, sauberes Mädchen. Mama bringt dich jetzt ins Bettchen, aber vorher muss ich dir noch etwas erklären. Arne, kommst du mit?“

Er nickte, trug Nelly in ihr Zimmer und gab Katja den Schlafanzug aus dem Bett. Katja setzte sich mit Nelly nach dem Umziehen auf die Couch.

„Mein großes, kluges Mädchen, du hast den Arne lieb?“

Nelly nickte mit großen Augen, als spürte sie die Wichtigkeit des Gesprächs.

„Und du magst den Christian?“

Jetzt strahlte Nelly über das ganze Gesicht.

„Und den Benjamin?“

„Papa.“

„Mein Schatz, die Mama hat einen Fehler gemacht. Ich habe etwas Dummes getan. Der Benjamin ist nicht dein Papa, sondern der Christian. Verstehst du das?“

„Benjamin nicht Papa.“

Nelly nickte ernst.

„Papa Christian. Fein.“

Katja wusste nicht, ob das Mädchen sie verstanden hatte, aber in ihrem kindlichen Glauben an das Gute im Menschen wusste Nelly instinktiv, dass sie ihrer Mutter vertrauen konnte und dass das, was sie sagte, richtig war. Arne hatte gelächelt und Katja über die Schulter gestreichelt. Gemeinsam legten sie Nelly in ihr Bett, schalteten das kleine Nachtlicht an und sahen, wie sich die Kleine zufrieden zusammenrollte.

„Das war gut, Katja“, sagte Arne kurze Zeit später im Wohnzimmer. „Es ist wichtig, dass du es erklärt hast, aber ob sie es verstanden hat, sehen wir später. Lass uns auch ins Bett gehen. Ich denke, wir brauchen mal eine Runde Nähe.“

Katja schlang die Arme um seinen Hals und küsste Arne liebevoll. Sie liebten sich und Katja schlief endlich wieder die ganze Nacht durch.