Tabu Liebe verlässt dich nie

Tekst
Z serii: Tabu #4
0
Recenzje
Przeczytaj fragment
Oznacz jako przeczytane
Czcionka:Mniejsze АаWiększe Aa

*

Cora hatte sich am Abend auf die Couch fallen lassen und den Fernseher eingeschaltet. Michel war auf dem Weg nach Hause, denn er hatte heute seinen Auftrag in Barcelona erledigt.

Cora hörte nur mit halbem Ohr, als der Nachrichtensprecher mit sachlicher Stimme berichtete: „… war gestern in der Nähe von Saint-Raphaël abgestürzt. Der Pilot des Helikopters und die drei Insassen, die aus Deutschland stammten und in Sanary-sur-Mer einen Weinhandel betrieben, waren sofort tot. Alles deutet auf einen technischen Defekt hin …“

Entsetzt hatte Cora lauter gemacht und sah nun die Bilder von roten Felsen, die ihr bekannt vorkamen und Teile des völlig verbrannten Helikopters. Ihr war in dem Moment so schlecht, dass sie ins Bad lief, um sich zu übergeben. Während sie sich das Gesicht mit klarem Wasser abspülte, hörte sie das Telefon im Wohnzimmer läuten.

Sie nahm eilig ab und fragte: „Ja, bitte?“

„Guten Abend, Frau Grostel. Ich bin Dr. Froehdes, der Anwalt der Familie Hardeg. Ich muss Ihnen etwas ganz Furchtbares sagen. Karim ist mit Daniel und seinen Eltern mit dem Helikopter unterwegs gewesen. Sie sind gestern abgestürzt. Es tut mir sehr leid.“

„Ich weiß … oh mein Gott. Es kam gerade in den Nachrichten. Was ist mit Katja? Und Marie?“

Dr. Froehdes berichtete ausführlich, was er wusste und legte dann auf. Cora setzte sich völlig fertig auf die Couch und wartete ungeduldig auf Michel. Sie flog ihm weinend in die Arme, als er ins Wohnzimmer trat und erzählte alles. Michel setzte sich mit ihr auf die Couch und nahm sie fest in den Arm.

Dann sagte er entschlossen: „Ich sage in der Firma Bescheid. Wir fliegen so schnell wie möglich hin. Wir müssen Katja und Marie jetzt unterstützen.“

Cora war froh, dass er so besonnen reagiert hatte. Sie hätte sonst nicht gewusst, was sie hätte tun sollen. Nach einer Stunde klingelte das Telefon erneut. Eine weinende Bea war dran und die Frauen teilten ihren Kummer und ihre Ohnmacht. Cora berichtete von Michels Plan, sofort nach Südfrankreich zu fliegen. Bea wollte sich mit Hannes anschließen.

Da nahm Michel, der mitgehört hatte, den Hörer aus Coras Hand.

„Bea, das ist lieb von euch. Aber ich glaube, einer sollte in Deutschland bleiben. Schließlich kommen viele amtliche Dinge auf Katja und Marie zu. Da wäre es gut, wenn jemand hier die Kontaktperson sein könnte.“

Bea atmete tief durch. Auch ihr tat Michels Umsicht gut und sie erklärte sich bereit, hier zu sein und alles zu erledigen, was anfallen würde. So verblieben sie und drei Tage später hatten Cora und Michel einen Flug nach Toulon gebucht, um Katja in dieser schlimmen Zeit beizustehen.

*

Dr. Carsten Froehdes erreichte Maries Villa am späten Montagnachmittag. Er bezog ein Zimmer mit Blick auf das Meer, aber er hatte keine Freude daran. Daniel war ihm wie ein Sohn gewesen und Thea und Richard waren seine Freunde. Dass sie und Karim nun tot waren und er sie nie wiedersehen würde, machte dem sonst so kühlen, gefassten Anwalt schwer zu schaffen. Vier Menschen aus seinem nahen Umfeld waren durch dieses Unglück ausgelöscht worden.

Marie hatte ihn nicht abholen können, sie war ihm vollkommen kraftlos entgegengekommen und hatte ihn willkommen geheißen. Er hatte das Taxi bezahlt und war ihr ins Haus gefolgt.

Der Anwalt wollte so schnell wie möglich die Arbeit beginnen, nur so würde er den Schmerz in den Hintergrund drängen können, der sich überall breit machte. Also hatte er schon direkt nach Maries Anruf eine Liste erstellt, was zu tun war. Er hatte sich erkundigt, wie es in Frankreich mit der Beerdigung lief. Aber was wollte man beerdigen? Es war nichts da zum Beerdigen. Man konnte die Asche, die in den Bergen verstreut war, nicht mal jemandem zuordnen. Seine Überlegungen waren drastisch, aber sie halfen gegen den Kummer.

Nun saß er bei Marie im Wohnzimmer und erklärte ihr alles Wichtige: Es gab die Möglichkeit einer Trauerfeier. Diese konnte am Ort des Absturzes stattfinden, aber das würde, wie Marie sagte, Katja nicht überstehen.

Marie fragte: „Können wir mit dem Schiff hinaus aufs Meer fahren und die Trauerfeier dort machen? Das hätte allen gefallen. Können wir das überhaupt für alle gemeinsam machen? Gott sei Dank ist … war Karim französischer Staatsbürger. Nicht aus­zudenken, wenn ich mich um das alles auch noch in Ägypten bemühen müsste.“

„Ihr könnt die Trauerfeier für alle vier machen. Gerne auf einem Schiff, wenn ihr jemanden kennt, aber man kann in einem Bestattungsinstitut eins für diesen Zweck mieten. Wir können auch symbolisch die Asche dem Meer übergeben. Man kann dabei sein, man nennt es eine Bestattung mit Begleitung, aber wenn Katja es nicht schafft, geht das auch als stille Bestattung, ohne dass jemand dabei ist. Dann bekommt man nur eine Urkunde.“

Marie sagte entsetzt: „Sie muss mit dabei sein. Wenn ich mir vorstelle, sie würde nicht Abschied nehmen … nein, wir werden dabei sein.“

Marie weinte bittere Tränen. Katja war allein. Ganz allein. Sie hatte keine Eltern mehr. Ihr Mann war tot und seine Eltern, die auch für sie wie Eltern waren, lebten nun auch nicht mehr und Karim war ein Freund und Bruder für sie gewesen. Wenn sie und Daniel doch wenigstens ein Kind zusammen gehabt hätten! Marie fürchtete sich vor dem Tag, an dem die Betäubung nachlassen und Katja die volle Tragweite des Geschehens begreifen würde, und sie hoffte, dass dann jemand da war, der sie auffing.

Daniel, Thea und Richard waren zwar in Frankreich gemeldet, aber sie waren deutsche Staatsbürger geblieben, so wie Marie. Sie hatte nie die Absicht gehabt, nach Deutschland zurückzukehren. Dafür lebte sie zu gerne hier, auch wenn dieses Leben sich nun grundlegend ändern würde.

Carsten Froehdes sprach weiter: „Ich werde mich mit den Behörden wegen des Totenscheins in Verbindung setzen. Dann müssen wir die Sterbeurkunden beantragen. Für Karim hier, für die anderen in Deutschland, wo sie zuletzt gemeldet waren. Mit der Sterbeurkunde müssen wir für die drei die Erbscheine in Berlin Schöneberg beim Nachlassgericht beantragen. Das ist zuständig für Personen, die im Ausland gelebt haben. Ich brauche dann noch das Familienstammbuch und die Heiratsurkunde. Gibt es ein Testament von irgendjemandem?“

Marie weinte wieder. Nun würde sie Karim beerben, der für sie wie ihr eigenes Kind war. Sie wusste nur, dass Thea und Richard ein Testament zugunsten von Daniel gemacht hatten. Er war ein Einzelkind und so würde das Erbe wohl zum größten Teil an Katja gehen und ein Teil an sie als Schwester von Richard. Karim und Daniel hatten kein Testament. Sie hatten ja auch noch lange nicht ins Auge gefasst zu sterben.

Der Anwalt wartete, bis sich Marie wieder beruhigt hatte. Das Unglück war erst zwei Tage her. Es fiel ihr schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Am liebsten hätte Carsten Froehdes mit ihr geweint, aber das war sicher gerade nicht hilfreich. Marie und Katja erwarteten von ihm, dass er einen kühlen Kopf bewahren würde und das wollte er tun.

Er versprach, sich mit dem Nachlassgericht in Berlin in Verbindung zu setzen. Es mussten ja auch die Belange der Firma geordnet werden. Marie hatte den Hauptanteil behalten und im Vertrag war geregelt worden, dass beim Tod eines Anteilseigners die Anteile an den anderen übergingen. Somit war das geregelt, aber Marie bezweifelte, dass sie jemals wieder da arbeiten wollte, auch Katja war sicher nicht in der Lage, dort mit den Erinnerungen an Daniel und Karim einfach so weiterzumachen.

„Bitte kümmere dich um den Verkauf der Firma. Ich kann das nicht mehr … und Katja … nein, sie würde es nicht wollen“, sagte sie leise. „Morgen früh fahre ich ins Krankenhaus und hole Katja ab. Ich hoffe, sie übersteht die kommende Zeit. Bitte leite alles in die Wege für die Trauerfeier und die Seebestattung.“

Sie bot ihm noch ein kleines Abendessen an, das beide schweigend in der Küche einnahmen. Dann ging jeder in sein Zimmer.

*

„Hast du alles eingepackt, meine Liebe?“, fragte Marie Katja, die wie verloren im Krankenzimmer stand, während Marie ihre Tasche griff.

Katja zuckte mit den Schultern und nickte. Man hatte ihr ein Beruhigungsmittel gespritzt und ein paar Tabletten mit nach Hause gegeben. Die Ärztin hatte Marie erklärt, wie und wann die einzunehmen waren. Wie im Nebel hörte Katja die netten Worte der Ärztin, die sie aber nicht verstand. Mechanisch ging sie mit zum Auto und stieg ein. Die Fahrt über schwieg sie.

Als sie in der Villa ankamen und Katja ihre Tasche in ihr Schlafzimmer brachte, lag dort Daniels Pullover auf dem Bett. Sie legte sich dazu und nahm den Pullover, der noch intensiv nach ihm duftete, in den Arm und weinte sich in einen unruhigen Schlaf. Ab und zu setzte sich Marie an ihr Bett und schaute nach ihr. Auch am kommenden Tag blieb sie im Bett liegen. So bemerkte sie auch nicht, dass Besuch kam.

Cora und Michel hatten sich von Toulon ein Taxi genommen und erreichten die Villa um die gleiche Zeit wie der Anwalt einige Tage vorher. Cora weinte, als sie Marie in die Arme schloss. Auch Michel liefen die Tränen herunter. Carsten Froehdes kam dazu und erklärte, was passiert war und was in den nächsten Tagen anstand.

„Ist Katja oben?“, fragte Cora.

Marie nickte: „Ja, geh ruhig hinauf. Aber erschrick nicht, sie ist in einem jammervollen Zustand. Sie isst nicht, sie trinkt nicht, sie spricht nicht. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Vielleicht kommst du zu ihr durch.“

Michel setzte sich auf die Terrasse und starrte auf das Meer. Cora stieg die Treppe hinauf. Leise öffnete sie die Tür zu Katjas Zimmer. Katja lag unbeweglich mit Daniels Pullover im Arm auf dem Bett. Ein winziges Leuchten trat für einen Moment in ihre Augen, als sie Cora erblickte. Cora zog sie vom Bett hoch und nahm sie wortlos in die Arme.

 

„Es tut mir so leid, meine Süße. Was für ein Unglück …“, flüsterte Cora und streichelte Katjas Rücken. „Michel und ich sind jetzt da und stehen dir bei. Wir bleiben eine Weile hier, ja?“

Katja nickte unmerklich.

„Du musst etwas trinken.“

Cora und reichte Katja ein Glas Wasser, das neben dem Bett gestanden hatte.

Katja trank einen kleinen Schluck. Dann glitt ihr das Glas aus den Fingern. Cora fing es auf und stellte es wieder hin. Katja war so ein Häufchen Unglück, dass Cora nun auch nur noch weinen konnte. Die Freundinnen hielten sich lange fest.

Als Katja eingeschlafen war, schlich Cora nach unten, wo Michel mit Marie und dem Anwalt saß. Er hatte ihnen gesagt, dass Bea und Hannes in Deutschland geblieben waren, um bei auftretenden Fragen sofort eingreifen zu können.

Er sah das Gesicht seiner Frau und ihm war klar, wie schlimm es um Katja stand.

„Ich muss dich nicht fragen, wie es ihr geht, oder?“, fragte er und nahm Cora in den Arm.

Cora schüttelte den Kopf.

„Ich habe echt Angst um Katja. Sie hat einen winzigen Schluck getrunken und dann ist ihr das Glas aus der Hand gerutscht. Wann soll die Trauerfeier sein? Denkt ihr, sie schafft das?“

Carsten Froehdes sagte: „Nächste Woche Freitag ist die Seebestattung. Wir fahren mit Joshuas Jacht hinaus und übergeben Asche von der Absturzstelle dem Meer. Ein Bestatter kommt mit. Um die Totenscheine habe ich mich schon gekümmert. Ich werde sie zusammen mit einer Vollmacht zu Frau Bernsing schicken, die kann dann schon einmal die Sterbeurkunden beantragen.“

„Wie ist das bei Karim?“, fragte Michel und schaute Marie an.

Sie antwortete: „Das muss ich hier erledigen.“

Michel bot ihr an, sie zu begleiten, was Marie dankbar annahm. Sie war froh, nicht mehr alleine zu sein. Dr. Froehdes war am Vormittag in der Firma gewesen, wo Giselle mit verweinten Augen die Stellung hielt. Er informierte sie über Maries Vorhaben, die Firma zu verkaufen.

Giselle hatte gesagt: „Das wird das Beste sein. Interessenten gibt es genug. Ich gehe sowieso im Sommer in den Ruhestand. Ich verliere nichts. Katja würden hier nur die Erinnerungen einholen. Ich werde die Zahlen für Sie zusammenstellen, dann können Sie sich einen Überblick verschaffen. Ach, das ist alles so schrecklich.“

Der Anwalt hatte sich bedankt und war zufrieden, dass die Menschen hier so viel taten, damit alles reibungslos erledigt werden konnte. Er würde nach der Trauerfeier nach Deutschland zurückfliegen und dort alles regeln. Allerdings musste Katja auch nach Deutschland, denn sie musste sich um die Angelegenheiten für die Erbschaft selbst kümmern. Cora und Michel hofften, dass sie dazu in der Lage war, sie zu begleiten, wenn sie heimflogen.

Sie saßen bis spät in der Nacht zusammen, ehe sie erschöpft ins Bett gingen.

Cora kuschelte sich an Michel und weinte sich in den Schlaf. Er hatte sie fest umschlungen.

*

Sie hatten sich an Katjas Bett abgewechselt. Cora saß im Sessel und war kurz eingenickt. Katja öffnete die Augen. Sie musste blinzeln, so hell war es. Die Sonne strahlte mit voller Kraft.

Als sie sich bewegte, wachte Cora auf.

„Süße, du bist wach, wie schön.“

„Wo ist Daniel?“, fragte Katja.

Cora war zusammengezuckt. Sie streichelte Katja über das Gesicht. Tränen standen in ihren Augen.

„Daniel … er … ist … “, stotterte sie.

Dann schien Katja wieder einzufallen, was passiert war. Sie setzte sich auf und begann zu würgen. Es kam aber nichts heraus, denn sie hatte seit längerer Zeit weder etwas gegessen noch getrunken. Ein heftiger Krampfanfall schüttelte sie. Als sie wieder atmen konnte, kamen ihr die Tränen.

„Nein … nein … nein … das kann nicht sein. Es war doch nur ein böser Traum. Sag, dass es ein Traum war, bitte“, flehte Katja leise.

Cora setzte sich auf das Bett und drückte ihre Freundin fest an sich.

„Es tut mir so leid. Wie kann ich dir nur helfen? Ach, meine Liebe, es ist furchtbar. Sie sind alle tot. Es ist schrecklich, dich so zu sehen. Ich habe Angst um dich.“

Katja weinte unaufhörlich.

„Wenn Daniel nicht mehr da ist, was soll ich dann noch auf dieser Welt? Warum bin ich nicht mitge­flogen? Wir wären jetzt zusammen, für immer zusammen.“

Cora erwiderte mit Gänsehaut: „Sag das nicht, bitte! Daniel ist nicht hier, aber er ist immer bei dir. Das weißt du doch. Er wäre totunglücklich, wenn dir etwas passiert wäre. Tust du mir den Gefallen und trinkst ein wenig Wasser? Ich muss mir sonst noch mehr Sorgen machen.“

Katja nickte und Cora stand auf, um ein Glas mit frischem Wasser zu füllen. Das reichte sie Katja, die zwei kleine Schlucke trank.

„Du musst wieder zu Kräften kommen, Schatz. Am Freitag ist die Beerdigung. Soll ich dir davon erzählen? Kannst du das verkraften? Daniel und Karim hätten sich gewünscht, dass du Abschied nimmst. Auch Thea und Richard.“

„Ich weiß“, sagte Katja und strich sich über die Lippen. „Ich habe so eine schöne Erinnerung an den Kuss, bevor sie losgeflogen sind. Die nehme ich mit, wenn ich ihn nun nochmal verabschiede. Bitte erzähl.“

„Marie hat mit dem Anwalt besprochen, dass es eine Bestattung der Asche von allen vier Menschen auf See geben wird. Sie dachte, das hätten sie so gewollt.“

„Sie haben alle das Meer geliebt“, unterbrach sie Katja und nickte.

Cora sprach weiter: „Wir bleiben gerne solange hier, wenn du das möchtest. Dann fahren wir mit Joshuas Boot hinaus und lassen die Asche ins Meer hinab sinken. Ein Bestatter wird dabei sein und ihre Seelen begleiten. Ist das gut für dich?“

Katja nickte nur. Die Tränen rannen über ihre Wangen.

„Danach fahren wir hierher und sitzen ein wenig zusammen. Oder möchtest du zur Absturzstelle fahren?“

„Nein, Cora, das kann ich nicht. Noch nicht, denke ich. Vielleicht später. Oh nein, warum musste das geschehen? Es war doch gerade alles so schön? Was habe ich getan, dass ich kein Glück verdient habe? Es ist so unfair, dass die besten Menschen auf dieser Welt sterben müssen … vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Maurizio sein Ziel erreicht hätte. Dann könnten Daniel und die anderen noch am Leben sein.“

Katja saß mit hängenden Schultern im Bett. Ein heftiger Weinkrampf schüttelte die schon so geschwächte Person. Cora wurde es wieder Angst und Bange. Eben war Katja noch klar und im nächsten Augenblick brach sie vor Schmerz zusammen.

Sie nahm ihre Freundin in die Arme und redete beruhigend auf sie ein. Marie kam mit einem Teller Obst hinein, aber als sie sah, in welchem Zustand Katja war, stellte sie den Teller nur auf dem Nachttisch ab. Sie setzte sich dazu und hielt Katjas Hand. Bald darauf fiel Katja wieder in einem unruhigen Schlaf.

Cora ging hinunter zu Michel. Marie blieb am Bett sitzen. Sie weinte bitterlich vor Trauer, vor Schmerz und weil sie keine Kraft mehr hatte, auch nicht, um Katja beizustehen. Sie war froh, dass Cora und Michel da waren und der Anwalt alles im Griff hatte.

Unten aßen sie zu Abend und gingen auch bald schlafen.

*

In den nächsten beiden Tagen dämmerte Katja vor sich hin. Sie war nicht in der Lage gewesen, etwas zu essen und nur Cora konnte sie mit viel Geduld zum Trinken überreden. Das war wichtig, dachte Cora, sonst würde Katja auch noch zugrunde gehen.

Michel und Marie waren wegen Karims Sterbeurkunde unterwegs. Carsten Froehdes leitete mit Hilfe von Bea und Hannes in Berlin alles in die Wege. Am Wochenende setzten sie sich erschöpft zur Ruhe. Für die Bestattung war soweit alles geregelt, am Dienstag sollte Joshua noch einmal mit dem Bestattungsinstitut den genauen Ablauf klären. Einer der Bestatter, der damit viele Erfahrungen hatte, würde mitfahren.

Joshua war erschüttert, aber er konnte Marie den Wunsch nicht abschlagen, sein Boot für die Bestattung zur Verfügung zu stellen, obwohl es ja eigentlich ein viel freudigeres Ereignis gewesen war, was sie gemeinsam erleben wollten. Nun war alles nur Trauer und Schock.

Marie und Cora hatten beschlossen, wenn Katja bis Montag nichts essen oder aufstehen würde, noch einmal einen Arzt zurate zu ziehen. Sie wussten nicht mehr, was sie tun sollten. In der Nacht hatte Katja im Schlaf geschrien, sodass alle hochschreckten. Cora hielt Katja und weinte dabei ihre eigenen Tränen. Michel hatte sie später in seine Arme geschlossen und sanft in den Schlaf gewiegt.

Am Sonntag regnete es am Morgen ein wenig. Marie ging ins Bett und Michel löste sie bei Katja ab. Er öffnete die Balkontür und ließ die frische, gereinigte Luft herein. Katja schlug die Augen auf. Michel setzte sich zu ihr und probierte ein kleines Lächeln.

„Katja, schön, dass du wach bist. Guten Morgen. Wie fühlst du dich körperlich? Die beiden Frauen haben geschworen, einen Arzt zu holen, wenn du bis morgen nicht aufstehst und eine Kleinigkeit isst. Ich finde, sie haben recht. Wollen wir beide nicht mal versuchen aufzustehen und am Fenster Luft zu holen? Es ist heute frisch vom Regen“, sagte Michel sanft, aber nachdrücklich.

Katja antwortete nicht, setzte sich aber auf. Michel lobte sie, dann half er ihr, die Beine und Füße aus dem Bett zu schieben.

„Siehst du, es geht.“

Er reichte ihr die Hände und zog sie langsam hoch. Katja war so schwach, dass sich sofort alles zu drehen begann. Sie sank zurück auf die Bettkante. Aber Michel gab nicht auf. Er nickte ihr zu und zog sie noch einmal hoch. Dieses Mal blieb Katja stehen. Sie war ab und zu mehr ins Bad gekrochen als gelaufen. Nun machte sie an Michels Hand ein paar Schritte auf den Balkon hinaus. Dort atmete sie tief ein und aus.

„Danke, Michel.“

„So, ich rufe jetzt mal Cora. Du setzt dich hier kurz hin. Dann könnt ihr beide ins Bad gehen und du stellst dich unter die Dusche. Ich gehe in die Küche zu Carsten und wir machen Frühstück. Versprichst du mir etwas?“

Katja nickte.

„Was denn?“

„Du kommst zu uns an den Tisch und isst ein ganz kleines Stückchen Brot oder Obst. In Ordnung?“

Katja nickte wieder. Dann ließ sie sich erschöpft auf der Sonnenliege nieder und wartete auf Cora. Michel küsste sie auf die Stirn und ging hinunter. Cora lächelte, als er nickte.

„Ich habe es geschafft. Sie ist aufgestanden und hat mir versprochen, etwas zu essen und bei uns zu sitzen. Geh bitte hoch und mit ihr ins Bad, damit sie nicht in der Dusche umkippt.“

Cora küsste ihren Mann.

„Du bist mein Held. Ich danke dir.“

Marie konnte nicht schlafen und saß nun auch in der Küche. Sie ging um den Tisch zu Michel und küsste ihn auf die Wange.

„Ich danke dir auch. Wir müssen sie wieder auf die Beine kriegen, sonst hält sie die Bestattung nicht durch.“

Nach einer halben Stunde saß Katja bei ihnen am Tisch. Sie war frisch geduscht und angezogen. Mit einem Fuß auf dem Stuhl, das Knie unter das Kinn gezogen und hängenden Schultern saß sie schweigend da. Trotz der Fürsorge ihrer Freunde sah sie furchtbar aus und war dünn geworden.

Cora legte ihr eine Scheibe Toast mit Marmelade auf den Teller. Dazu schnitt sie eine Kiwi in kleine Stücke. Mit einem Lächeln nickte sie ihrer Freundin zu.

Nach einer halben Ewigkeit griff Katja nach dem Toast und aß ihn tapfer auf. Dann schob sie entschlossen die Obststücke hinterher. Sie hatte nicht bemerkt, wie hungrig sie war. Schließlich hatte sie acht Tage nichts zu sich genommen.

„Danke, ihr Lieben, wenn ich euch nicht hätte“, sagte sie in die Runde.

Michel schob ihr eine halbe Tasse Kaffee über den Tisch. Katja trank das schwarze Gebräu und schüttelte sich. Sie sah nun schon wesentlich munterer aus. Ihr Körper hatte auf den Überlebensmodus umgeschaltet.

„Welcher Tag ist heute?“

Marie sagte: „Heute ist Sonntag, mein Engel. Du hast eine ganze Woche im Bett gelegen. Es ist gut, dass du wieder auf bist, du musst Kraft schöpfen. Daniel und die anderen brauchen dich am Freitag. Ihnen wäre es wichtig gewesen, sich von dir zu verabschieden und du willst das doch auch, oder?“

„Ich erinnere mich noch so gut an den Abschied vor einer Woche. Er hat mich in den Armen gehalten und …“

 

Wieder kamen ihr die Tränen. Sie schlug die Hände vor das Gesicht und ihre Schultern zuckten.

Dann blickte sie auf.

„Ich liebe dich sehr. Und ich hoffe, wir sind mehr als dreißig Jahre glücklich. Das waren seine letzten Worte. Wir sind voller Liebe auseinandergegangen. Aber wir werden keine dreißig Jahre schaffen. Nie mehr.“

Cora waren auch die Tränen gekommen und Michel legte einen Arm um sie.

Er sagte zu Katja: „Er wird immer in deinem Herzen sein. Mehr als dreißig Jahre. Dein ganzes Leben. Das weißt du.“

Katja schaute ihn an und nickte. Michel sah, dass sie sich an diesem kleinen Schnipsel Hoffnung aufrecht hielt und das war gut so. Er dachte an Karim, der niemanden hatte, der ihn so sehr liebte wie Katja Daniel. Und er dachte an Thea und Richard, die so lange verheiratet und nun auch gemeinsam aus dem Leben gegangen waren. Der Gedanke, dass die beiden an ihrem Ehrentag Arm in Arm zusammen waren, als das Schicksal sie von Himmel holte, beruhigte ihn. Nur Katja und Marie mussten nun mit dem schmerzlichen Verlust leben.

„Ja, ich will und ich muss Abschied nehmen. Ich muss Daniel noch soviel sagen und Karim wird mir so sehr fehlen. Er war mein bester Freund. Mit Thea und Richard sind meine zweiten Eltern gegangen. Ich schaffe das am Freitag, aber wie es weitergehen soll …“

Katja konnte nicht weitersprechen, denn sie konnte nicht weiterdenken.

Die Tage bis zur Bestattung vergingen langsam. Marie hatte mit der Hilfe von Michel alle Angelegenheiten von Karim geregelt. Dafür waren sie noch auf verschiedenen Ämtern gewesen. Bei der Polizei hatten sie erfahren, dass das Gutachten zum Absturz noch in Arbeit war, aber so, wie es aussah, hatte sich tatsächlich durch eine Materialschwäche einer der Rotorflügel gelöst und dadurch war der Helikopter nicht mehr steuerbar gewesen. Selbst durch noch so umsichtige Manöver hätte Karim die Maschine nicht halten oder landen können.

Sie hatten keine Chance gehabt.

Marie war froh, dass ihr Karim keine Fehler gemacht hatte. Das wäre für sie noch viel schlimmer gewesen. Es gab ja oft Unglücke, wo menschliches Versagen die Ursache war. Manchmal konnte keine Ursache gefunden werden und man gab im Nachhinein dem Piloten die Schuld.

Am Donnerstag kam Dr. Froehdes aus dem Büro, wo er telefoniert hatte. Bea hatte ihn davon unterrichtet, dass sie am kommenden Donnerstag einen Termin beim Nachlassgericht in Berlin hatten und dass Katja dort erscheinen musste. Er berichtete beim Mittagessen davon.

Michel schlug vor: „Dann buche ich für uns drei einen Rückflug am Mittwoch. Ist das für dich in Ordnung?“

Katja schluckte und legte die Gabel aus der Hand.

„Am liebsten würde ich hier bleiben, aber das geht wohl nicht. Also, dann mach das mit dem Flug. Kann ich die Tage bei euch bleiben?“

„Aber ja!“, rief Cora. „Du kannst bleiben, solange du magst. Das weißt du doch und es können ja auch Bea und Hannes kommen. Wir sind für dich da. Für immer.“

Mit Tränen in den Augen erhob sich Katja vom Tisch und setzte sich auf die Terrasse. Dort saß sie nun jeden Tag und hing ihren Erinnerungen nach. Oft weinte sie dabei. Cora und Michel kümmerten sich rührend. Auch um Marie, aber die lenkte sich mit den banalen Alltagsdingen ab. Mit Einkaufen, Besuchen in der Firma und Putzen fand sie ihren eigenen Weg zurück ins normale Leben, auch wenn es nie wieder so normal sein würde, wie es einmal gewesen war.