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Tabu Keine Küsse in der Nacht

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Z serii: Tabu #6
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Tabu Keine Küsse in der Nacht
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Ute Dombrowski

Tabu Keine Küsse in der Nacht

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

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Tabu

Keine Küsse in der Nacht

Ute Dombrowski

1. Auflage 2017

Copyright © 2017 Ute Dombrowski

Umschlag: Ute Dombrowski

Titelfoto: Lisa Kabel

Lektorat/Korrektorat: Julia Dillenberger-Ochs

Satz: Ute Dombrowski

Verlag: Ute Dombrowski Niedertiefenbach

Druck: epubli

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors und Selbstverlegers unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Christian und Benjamin schauten Katja über den Tisch hinweg an. Die Aufregung stand ihnen ins Gesicht geschrieben.

Wer war der Vater von Nelly

Katja atmete noch einmal tief durch und las den Text.

Christian rief: „Mann, jetzt mach es nicht so spannend. Bin ich der Vater? Oh mein Gott, ich wäre so gern Nellys Vater!“

Benjamin biss sich auf die Lippe. Er konnte seinen Freund verstehen und horchte in sich hinein. Wollte er das alles auch so sehr wie Christian? Ja sagte sein Gefühl, nein sagte sein Verstand. Ja, weil dieses kleine Mädchen sein Herz im Sturm erobert hatte. Nein, weil er gesehen hatte, wie sehr Christian in das Kind vernarrt war.

In diesem Moment wünschte er sich, dass nicht er, sondern Christian Nellys Vater war.

Katja konnte den Männern gerade tief in ihre Seele schauen. Letzte Nacht im Bett hatte sie sich vorge­stellt, wie sie wieder mit Christian zusammenkommen würde und beide mit Nelly eine kleine Familie sein könnten. Aber das war sehr unwahrscheinlich. Es war ihre Schuld, dass die Beziehung zerstört worden war. Sie musste von Christian weg, sonst würde sie kaputtgehen.

„Sehr geehrte Frau Hardeg … bla bla bla …Person eins … bla bla bla … Vaterschaft ausgeschlossen … Person zwei … Die DNA des Vaters stimmt überein mit der DNA des Kindes … zu 99,999986 Prozent … Vaterschaft bewiesen.“

Katja schaute zuerst Benjamin an, der ganz ruhig geworden war. Danach sah sie in die sehnsüchtigen Augen von Christian.

„Wer? Nun sag schon!“

„Es tut mir leid, Christian. Benjamin ist der Vater.“

Sie faltete das Blatt zusammen und steckte es zurück in den Umschlag. Benjamin war immer noch die Ruhe selbst. Christian stand auf und verließ das Weingut.

Ich bin nicht der Vater, hämmerte es ihm durch den Kopf. Ich bin nicht der Vater. Ich bin nicht der Vater.

Er musste anhalten und sich an einem Baum fest­halten. Dort sank er auf die Knie und Tränen liefen ihm über die Wangen. Er konnte es nicht begreifen. Hatte er doch so deutlich die Verbindung zwischen sich und Nelly gespürt. Er raffte sich auf und ging heim.

Katja saß Benjamin gegenüber. Er hatte noch kein Wort gesagt.

„Benjamin, du bist Nellys Vater. Was denkst du denn gerade? Warum sagst du nichts?“

„Oh Mann, ich hätte es Christian so sehr gewünscht. Er dachte wirklich, dass er es wäre. Ich bin Vater.“

Er begann zu lachen. Katja dachte erst, er wäre verrückt geworden, doch dann sah Benjamin so glücklich aus, dass sie einfach mit ihm lachte. Sie standen beide auf und umarmten sich. Sie fühlten eine tiefe Freundschaft und Verantwortung für ihr gemeinsames Kind. Katja brach in Tränen aus. Benjamin fragte, warum sie weinte, obwohl er es eigentlich wusste.

„Ich weine, weil der ganze Druck weg ist. Ich weine, weil meine Süße nun endlich einen Papa hat. Ich weine, weil ich den Mann fürs Leben verloren habe. Aber ich habe Nelly. Wir werden das schon schaffen.“

„Denkst du, dass sich das mit Christian gar nicht mehr einrenken lässt?“

Katja schüttelte den Kopf.

„Es ist vorbei. Ich … liebe ihn, aber ich habe ihn sehr verletzt. Das lässt sich nie wieder reparieren.“

Sie wischte die Tränen ab und schnaufte. Dann machten sich die beiden auf zu Bea.

*

„Du?“, fragte Bea.

Benjamin nickte. Bea bat sie ins Haus. Sie hatte hier gesessen, mit Nelly gespielt und als die Kleine müde war, hatte sie sie ins Bett gelegt.

„Oh, was für eine Erleichterung. Dann kommen ja einige neue Pflichten auf dich zu, Papa Benjamin.“

„Ja, das bereden wir alles. Natürlich werde ich mich um meine Tochter kümmern. Was wohl Justin sagen wird, dass er jetzt eine kleine Schwester hat?“

Katja lachte, denn daran hatte sie noch gar nicht gedacht.

„Das wird toll. Ich habe mir als Kind immer einen großen Bruder gewünscht. Wenn sie mit Justin zum Spielplatz kommt, dann traut sich keiner, sie zu ärgern. Der beschützt sie sicher.“

Sie saßen noch eine Weile auf der Terrasse. Hannes war auch dazu gekommen und gratulierte Benjamin zur Tochter.

„Was hat denn Christian gesagt?“

„Der hatte es sich so sehr gewünscht, Nellys Papa zu sein“, erklärte Katja. „Er war enttäuscht und traurig, als er gegangen ist. Benjamin, du musst nachher unbedingt zu ihm gehen. Ich mache mir Sorgen. Er liebt Nelly und sie mag ihn auch sehr. Wir werden in Kontakt bleiben. Ich reise dann morgen ab.“

 

„Schon so schnell?“

„Benjamin, wir wollten herausfinden, wer der Vater ist. Das haben wir nun. Ich lebe jetzt im Havelland und so wird es bleiben. Du kannst immer zu uns kommen und ich komme gerne für ein paar Tage hierher, aber wir leben nun mal nicht zusammen. Denkst du, wir brauchen einen Anwalt, um das Rechtliche zu regeln?“

„Nein, ich denke nicht. Wir kriegen das hin.“

Katja atmete auf. Es würde alles gut werden, nur Christian tat ihr leid. Sie spürte, wie groß die Liebe zu ihm noch war, aber es war vielleicht besser, dass Benjamin der Vater war. So musste sie Christian nicht so häufig sehen, das tat nur weh.

Sie verschloss ihre Liebe zu ihm ganz tief in ihrem Herzen.

„Also Benjamin“, sagte Kirsten, als Katja wieder zurück war.

Cora hatte das am Telefon auch gesagt. Alle waren enttäuscht, denn auch sie hatten gehofft, dass Christian der Vater war und die beiden wieder zusammenkommen könnten, um eine kleine Familie zu sein.

„Sehr gut. Was hab ihr vereinbart, wenn Benjamin seine Tochter sehen will?“

„Solange sie noch so klein ist, werden wir uns gegenseitig besuchen, dann sehen wir weiter. Ich werde in den Ferien immer hinfahren.“

„Und der Unterhalt?“

„Benjamin legt ein Konto für Nelly an. Das bekommt sie dann später.“

*

Benjamin fuhr am Abend zu Christian. Er klingelte, aber niemand öffnete die Tür, danach wartete er eine halbe Stunde im Auto, doch Christian tauchte nicht auf. Hofhund Benni schlief ausgestreckt auf der Rückbank. Benjamin nahm sein Handy und wählte die Nummer seines Freundes. Niemand ging dran. Er machte sich Sorgen. Wieder im Weingut aß er eine Scheibe Brot und setzte sich mit Benni und einem Glas Wein unter die Kastanie.

Als es dunkel war, wollte Benjamin schlafen gehen, da sah er eine Gestalt um die Hausecke kommen. Benni hob den Kopf, legte sich aber sofort wieder bequem hin. Es war Christian. Wortlos setzt er sich zu Benjamin auf die Bank, der gab ihm sein Glas und legte eine Hand auf seinen Arm.

„Ich habe so gehofft, dass du Nellys Papa bist, aber nun ist es alles ganz anders. Bruder, wie geht es dir damit?“

Christian stürzte den Wein auf einen Zug herunter.

„Es geht mir beschissen. Ich fühle mich leer und kaputt. Was soll’s. Es ist nicht zu ändern. Glückwunsch. Wie geht ihr beide damit um?“

„Christian, sie liebt dich und du liebst sie. Warum verzeihst du ihr nicht und nimmst sie in den Arm.“

„Ich liebe sie, da hast du recht. Aber es ist besser, wenn wir uns nicht mehr sehen. Sie will mich doch gar nicht mehr und nun habt ihr ein gemeinsames Kind. Ich bin total am Ende. Wenn ich die Kleine nur ab und zu mal sehen könnte …“

Christians Blick war voller Liebe und Schmerz. Er hatte nicht nur Katja, sondern auch seine zweite Liebe Nelly verloren. Benni spürte anscheinend sein Leid und legte den Kopf auf Christians Schoß. Der kraulte ihm in Gedanken versunken die Locken am Hals.

„Natürlich kannst du sie sehen“, sagte Benjamin. „Wir haben uns darauf geeinigt, dass Katja in der Ferienzeit immer zu mir kommt. Da bist du dann auch dabei. Versprochen.“

„Es ist so … unfassbar traurig. Ich wollte wohl zu sehr der Vater sein.“

„Muss ich mir Sorgen machen? Schaffst du das?“

Christian zuckte mit den Schultern. Er wusste nicht, wie es für ihn weitergehen sollte. Schwerfällig erhob er sich, verabschiedete sich von Benjamin und Benni und verschwand mit hängenden Schultern in der Dunkelheit.

Daheim saß er in seinem leeren Haus. Er hätte alles gegeben, um hier ein fröhliches Kinderlachen zu hören, jetzt war er allein.

Er schlief in dieser Nacht schlecht.

*

Auch Katja ging es schlecht. Nelly hatte den ganzen Abend geweint und sich nicht beruhigen lassen. Es war, als würde sie die Veränderungen spüren. Vollkommen erschöpft war sie vor wenigen Minuten eingeschlafen und nun sank Katja kraftlos auf die Couch.

„Warum musste ich so dumm sein und alles kaputtmachen? Ach Daniel, wenn Nelly doch deine Tochter wäre und du hier mit mir leben würdest!“

Sie schlang die Arme um die Knie und weinte. Die Erleichterung war einer großen Traurigkeit gewichen. Katja war allein, kein Mann war da, um sie jetzt in den Arm zu nehmen.

Sie stieg die Treppe hinauf und schaute noch einmal nach Nelly, die nun endlich ruhig atmete. Sie setzt sich noch für einen Moment an ihr Bettchen und schaute ihr süßes, kleines Mädchen an. Dann legte sie die Decke richtig hin und ging ins Bett. Nach einer unruhigen Nacht weckte Nelly sie am nächsten Morgen fröhlich krähend.

Beim Frühstück erklärte Katja ihrer Tochter, dass sie jetzt einen Papa und einen Onkel Christian hatte.

„Und der Benjamin, der Papa mit dem Hund, kommt dich zu Weihnachten besuchen. Aber vorher fahren wir in den Herbstferien zu ihm und dann kannst du mit Benni spielen.“

„Wauwau“, sagte Nelly ernst. „Wauwau bei Papa.“

„Ja, genau, der Wauwau ist beim Papa, da hast du recht. Ein kluges Mädchen bist du.“

Nelly nahm ihre Plastiktasse mit dem Kakao und führte sie mit geschickten Händen zum Mund, trank sie in einem Zug leer und hielt Katja die Tasse zum Nachfüllen hin.

„Lade fein“, erklärte sie, wobei sie mit „Lade“ alles zusammenfasste, was Schokolade oder Kakao war. Nach dem Frühstück zogen sie sich an und gingen in den Garten. Katja hatte ein kleines Planschbecken aufgestellt und Nelly nahm ihre grüne Gießkanne, um Wasser zu holen. Dann goss sie Grasbüschel, Gänseblümchen und den Nussbaum. Katja saß im Liegestuhl und las in einem Buch.

Nach dem Mittagessen und einem kleinen Schläfchen, das sich die beiden gönnten, fuhren sie nach Rathenow zum Einkaufen. Danach machten sie sich auf den Weg nach Steckelsdorf, wo Kirsten vom besten Eis der Welt geschwärmt hatte. Sie fanden die Eisdiele und draußen war sogar eine Bank frei. Katja hatte Nelly eine Kugel Schokoladeneis geholt und der Eisverkäufer hatte dem kleinen Mädchen einen kleinen roten Löffel dazu geschenkt. Nun saß Nelly mit ihrer Mama auf der Bank. Bei zu viel kaltem Eis auf dem Löffel kniff sie die Augen zusammen und schüttelte sich.

„So eine süße, kleine Maus“, sagte ein junger Mann mit stahlgrauen Augen und einem gepflegten Bart, der wie sein kurzes, dunkles Haar von einzelnen grauen Strähnen durchzogen war. Seine vollen Lippen verzogen sich zu einem charmanten Lächeln. Dabei entblößte er makellos weiße Zähne. Für drei Sekunden trafen sich ihre Blicke.

„Danke.“

Der Mann zwinkerte ihr zu und ging davon. Katja schaute ihm nach und schüttelte sich wie ihre Tochter. Nein, Männer hatten in ihrem Leben keinen Platz mehr. Nie wieder Chaos!

„Wie war euer Tag?“, fragte Benjamin, der fast jeden Abend anrief.

Katja erzählte vom Eis essen. Danach waren sie noch an den See gefahren, wo Nelly auf dem neuen Spielplatz spielte. Sie hatte sich einfach zu einem kleinen Mädchen gesetzt und sie angelächelt. Die Kleine gab ihr sofort eine Schippe und die beiden buddelten. Dann rief die Mutter nach ihrer Tochter und auch Katja und Nelly, die weinend die Schippe zurückgegeben hatte, hatten sich auf den Heimweg gemacht.

„Wo wollt ihr denn wohnen, wenn ihr Ende September kommt? Ich habe mit Christian ein Kinderzimmer für Nelly eingerichtet. Daneben wird es ein Gästezimmer mit eigenem Bad geben. Bis ihr kommt, ist alles fertig.“

„Hältst du das für eine gute Idee, wenn wir bei dir wohnen? Was machen wir, wenn Luise da auftaucht? Ich will diese Frau auf gar keinen Fall sehen.“

„Ach was, mit einem kleinen Kind im Hotel ist doch Mist und keine Angst, ich werde dir nicht mehr zu nahe kommen.“

Katja lachte laut los.

„Nein, das wirst du ganz sicher nicht. Ich habe mit dem Thema Liebe und sowas abgeschlossen. Es bringt nur Unglück.“

Benjamin dachte: So siehst du aus, du und damit abgeschlossen.

Daher sagte er nur: „Überlege es dir einfach und gib Bescheid, es ist alles bereit. Wir haben auch einen Sandkasten und eine Schaukel aufgebaut. Jetzt ist das Weingut gleich familienfreundlich.“

*

„Ich kann doch nicht mit ihm unter einem Dach wohnen!“

Katja hatte Cora angerufen, die war immer sehr streng und Katja legte auf ihren Rat großen Wert.

„Tja, es sieht schon ein wenig komisch aus, aber schau mal, er tut so viel für Nelly. Also sieh es dir doch einmal an und dann kannst du immer noch in ein Hotel gehen.“

„Gut“, entgegnete Katja, „ich gucke es mir an. Er wird sicher sowieso den ganzen Tag im Weinberg sein, es ist schließlich Lese. Wir spielen mit Benni, gehen viel spazieren und halten in der Vinothek die Stellung.“

„Christian wird auch dort sein …“

„Das ist mir egal“, unterbrach Katja Cora.

„Ja, klar. Du redest mit mir, deiner Freundin, die dich in- und auswendig kennt. Also erzähle nicht so einen Mist.“

Katja wusste, dass sie Cora nicht belügen konnte. Also gab sie zu, dass sie jeden Tag an Christian dachte.

„Er wäre so gern Nellys Vater gewesen. Ich glaube, nachdem ich ihn betrogen habe, war das noch viel schlimmer für ihn. Er hat Nellys Herz gewonnen und sie nun wieder verloren. Benjamin hat mir erzählt, wie mies es ihm geht. Er tut mir so leid.“

„Du liebst ihn noch sehr, oder?“

Katja schniefte und sagte: „Ja, aber es ist zu spät. Es ist alles kaputt.“

Cora seufzte und dachte: Wie schade, es hätte doch wieder gut werden können.

Sie legten auf und Cora versprach, am Samstag zu kommen. Da könnten sie sich wieder einmal ein schönes Wochenende machen. Katja nahm Nelly und setzte sie in den Wagen, um mit ihr zum kleinen Lebensmittelladen in den Ort zu fahren. Gerade wollte sie dort nach der Klinke greifen, da wurde die schwere Tür mit Schwung geöffnet. Um ein Haar hätte sie den Buggy getroffen.

„He, können Sie nicht ein bisschen aufpassen! Sie hätten uns beinahe umgeworfen.“

„Oh, Entschuldigung!“, rief eine Stimme, die ihr bekannt vorkam.

Sie schaute in die Augen des Mannes vom Eiscafé in Steckelsdorf.

„Ach, meine kleine Freundin. Hören Sie, es tut mir leid und es ist ja nichts passiert. Frieden?“

Er streckte Katja seine Hand hin. Sie starrte sie an, ließ ihn einfach stehen und verschwand eilig im Laden. So eine Zicke, dachte der großgewachsene, schlanke Mann und stieg in sein Auto.

Katja hatte drinnen den Vorfall schon wieder vergessen. Nelly war der Liebling der Verkäuferin an der Bäcker-Theke. Sie grinste und winkte der netten Frau fröhlich zu. Die Verkäuferin nahm einen Schokoladenkeks und kam hinter der Theke hervor.

„Da ist ja meine kleine Prinzessin Nelly. Hallo, meine Süße. Guten Tag, Frau Hardeg. Also ich kann Ihnen nur immer wieder sagen, dass Nelly ein Sonnenschein ist. Ich mag die kleine Maus sehr.“

Nelly krähte fröhlich: „Keks haben.“

Sie streckte die Hand aus und lächelte unwiderstehlich. Nelly bedankte sich mit einer Kusshand und knabberte genüsslich am Gebäck. Katja kaufte Brot und zwei Stück Butterkuchen zum Kaffee bei Kirsten. Danach verabschiedeten sie sich. Ein bisschen Obst packte Katja unten in den Wagen und so schob sie Nelly zu Kirstens Haus.

Vor der Tür stand das Auto, das auch schon vor dem Dorfladen geparkt hatte. Bevor Katja klingeln konnte, öffnete sich die Tür und der Mann, der sie eben vor dem Laden beinahe umgeworfen hatte, kam mit Frank-Peter heraus.

„Ach nein, bitte nicht schon wieder Sie!“, rief Katja entsetzt.

Frank-Peter schaute zwischen Katja und dem lachenden jungen Mann hin und her, Kirsten trat zu ihnen.

„Ihr kennt euch?“

„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, der Kerl verfolgt uns. Er taucht ständig da auf, wo wir sind. Erst beim Eis essen, dann im Laden. Und nein, wir kennen uns nicht.“

Der Mann hatte die dunklen Augenbrauen hochgezogen und in seinem Mundwinkel saß ein spöttisches Grinsen.

Er sagte streng: „Das müssen wir sofort ändern. Ich bin Arne Beltings, sechsunddreißig Jahre alt, ledig, keine Kinder, Polizeibeamter und ich ziehe gerade in das Haus rechts hinter der Apotheke. Wir sind also um die Ecke Nachbarn. Jetzt dürfen Sie mir die Hand geben. Sie können sie aber auch gerne wieder ignorieren.“

 

Er schaute sie auffordernd an. Katja griff schnell nach der warmen, großen, weichen Hand und schüttelte sie.

„Ich bin Katja Hardeg und wohne auf der linken Seite der Apotheke. Das ist Nelly, meine Tochter. Kirsten und Frank-Peter sind meine Freunde.“

Arne kniete sich zu Nelly, die ungeduldig im Wagen saß.

„Nelly, so ein schöner Name. Dann sind wir ja bald Nachbarn. Ich muss jetzt los. Herr Stahnowski, wir sehen uns am Dienstag. Ich bin froh, dass Sie mir helfen.“

Er erhob sich, gab allen die Hand und lief die Treppe hinunter.

Nelly winkte ihm fröhlich hinterher und brabbelte: „Ane …“

Na super, dachte Katja, jetzt sagt sie schon den Namen von dem Kerl. Frank-Peter ging um das Haus herum in die Garage, Katja und Nelly folgten Kirsten in die Sonnenblumen-Küche.

„Das ist doch mal ein netter Nachbar, den du da bekommst und ein junger, schöner Mann noch dazu.“

„Das ist mir vollkommen egal, ob der mein Nachbar wird oder sonstwer. Ich will meine Ruhe haben und habe kein Interesse an irgendwelchen Nachbarn. Nie wieder Männer in meinem Leben! Das habe ich mir geschworen. Man sieht doch, was dabei herauskommt.“

Kirsten sagte lachend: „Ja, das sieht man, sitzt ja vor mir. In einem hat er recht: ein schöner Name.“

*

Es war Herbst geworden, der Besuch bei Benjamin stand an. Katja hatte gepackt und sich einen großen Mietwagen genommen. Sie wollte zwei Wochen bleiben. Reisetaschen, Spielzeug, der Buggy und der große Teddy waren im Kofferraum des Kombis verstaut.

Am Abend zuvor hatte Katja Benjamin angerufen.

„So, ich habe alles verpackt. Wir fahren morgen in aller Frühe los. Ich muss schauen, wie viele Pausen wir machen müssen. Wenn ich von der Autobahn herunter bin, rufe ich dich an.“

„Sehr gut. Ich bin wahrscheinlich mit Christian im Weinberg, es sind ja Ferien bei uns. Wo der Schlüssel ist, weißt du. Die Zimmer sind oben, schau dir alles an und entscheide, wo ihr wohnen wollt.“

Nun saß Katja im Auto. Nelly im Kindersitz hinter ihr sah ein wenig zerknittert aus, denn es war noch sehr früh und dunkel. Sie gähnte herzhaft, schniefte kurz, kuschelte sich an den kleinen, weißen Plüschhasen und schloss die Augen. Katja startete den Motor.

Sie hatte ein mulmiges Gefühl im Bauch, wenn sie daran dachte, dass sie nun Christian wiedersehen würde. Sie hatten seit dem Vaterschaftstest nicht mehr miteinander gesprochen. Sollte sie ihm sagen, dass sie ihn noch liebte?

Kurz vor der Abfahrt von der Autobahn war Nelly noch einmal eingeschlafen. Die erste Hälfte der Strecke hatte sie schon geschlafen, dann hatte sie aus dem Fenster geschaut und die Geräusche der vorbeifahrenden Autos nachgeahmt. Zwischendurch hatte sie in ihrem Bilderbuch geblättert und unzählige Kekse gegessen. Die ganze Rückbank und der Boden waren voller Krümel. Katja hatte in den Spiegel geschaut und ihre kleine Tochter sorgenfrei spielen sehen.

Endlich waren sie da. Nelly schnarchte leise vor sich hin, den Hasen fest in der kleinen Faust. Katja stieg leise aus und ließ die Tür offen. Es war zwei Uhr am Nachmittag, die Sonne schien über den Weinbergen. Die Luft war mild, ganz anders als im Havelland, wo schon seit Tagen ein heftiger Wind wehte, unterstützt von vereinzelten Regenschauern.

Katja holte den Hausschlüssel aus dem Versteck. Benjamin hatte am Telefon gesagt, dass er gegen drei Uhr mal kurz nach Hause kommen würde. Katja schloss die Tür auf und ließ sie weit offenstehen. Sie ging zum Auto und hob Nelly vorsichtig aus dem Kindersitz. Das kleine Mädchen schlang die Arme um den Hals ihrer Mutter, legte den Kopf auf ihre Schulter und schlief weiter. Katja lief mit ihr ins Haus, dort stieg sie die Treppe hinauf.

Sie öffnete die erste Tür, auf der mit rosafarbenen Holzbuchstaben der Name „Nelly“ stand. Was sie dort sah, ließ sie direkt in Tränen ausbrechen. Es war das schönste Kinderzimmer, was sie jemals gesehen hatte.

An der rechten zart rosa gestrichenen Wand stand ein weißes Kinderbett mit einem Himmel und einem kleinen Mobile mit Schafen. Katja legte die schlafende Nelly in das Bett und sah sich weiter um. Gegenüber dem Bett gab es einen hellen Holzschrank und eine Wickelkommode, über der ein Regal angebracht war. Dort befanden sich neben Plüschtieren Dinge wie Babycreme und eine kleine Haarbürste. In der Mitte war ein weicher Teppich mit Blumenmuster. Unter dem Fenster stand eine Kindercouch mit einem Tisch davor, darauf hatte Benjamin Papier und dicke Buntstifte bereitgelegt. In einem kleinen Regal neben der Tür sah Katja ein bisschen Spielzeug. Weiße Gardinen waren zur Seite gerafft und wurden von rosa Schleifen zusammengehalten.

Es ist ein absolutes Mädchenzimmer, dachte Katja. Sie nahm sich ein paar Tücher vom Regal über der Wickelkommode und putzte sich die Nase. Nelly war nun wach geworden und stand in ihrem Bettchen auf. Sie rieb sich die Augen und begann auf und ab zu wippen.

„Mama … Mama auf.“

Katja hob sie aus dem Bett und setzte sie auf den Teppich. Das kleine Mädchen sah sich um.

„Na, wer ist denn da?“, kam es von der Tür.

Benjamin schaute um die Ecke und strahlte seine Tochter glücklich an. Er hatte Arbeitskleidung an und war verschwitzt. Nelly krabbelte auf allen Vieren zu ihm und zog sich an seinem Bein hoch.

„Papa?“, fragte sie.

Benjamin nahm sie auf den Arm und sagte: „Ja, ich bin der Papa. Das ist aber schön, dass du mich besuchen kommst.“

„Wauwau?“

„Der Benni ist unten. Komm, wir gehen mal zu ihm.“

Benjamin kam nun auf Katja zu und küsste sie auf die Wange.

„Hallo, schöne Mama. Ich hoffe, ihr hattet eine gute Fahrt. Herzlich willkommen. Ich gehe mit Nelly zu Benni, schau du dir doch mal das Gästezimmer an. Die Tür nebenan.“

Er verließ mit der fröhlich vor sich hin plappernden Nelly das Zimmer und ging die Treppe hinunter. Katja folgte ihm und öffnete die Tür zum Gästezimmer.

Ein breites Bett aus hellem Holz stand an der einen Wand, ein großer Kleiderschrank an der anderen. Unter dem Fenster war eine Sitzecke mit einem runden Tisch und Katjas Lieblings-Lesesessel aus dem Wohnzimmer. Ein Hocker davor war mit einer Decke abgedeckt, daneben gab es eine Stehlampe. Auf dem Tisch stand ein bunter Strauß mit Herbstastern. Eine Obstschale mit frischen Äpfeln und Trauben, eine Flasche Wasser und ein Glas luden zum Verweilen ein. Katja setzte sich in den Sessel. Im Regal neben dem Bett waren einige Bücher aus dem Wohnzimmer hier eingezogen. Katja legte die Füße auf den Hocker und schloss die Augen.

„Gefällt es dir?“

Benjamin war hereingekommen und an der Tür stehengeblieben. Er hatte ihre Reisetaschen in der Hand.

„Wo ist Nelly?“

„Sie ist bei Christian und Benni im Garten. Soll ich dein Gepäck wieder ins Auto bringen?“

Katja stand auf und nahm ihm beide Taschen aus der Hand.

„Blödmann, ich bleibe natürlich hier. Danke für das tolle Mädchenzimmer. Ich wusste gar nicht, dass du so kreativ bist.“

„Bin ich auch nicht. Da hatte jemand anderes seine Hand im Spiel. Katja, Christian leidet wie ein Hund, aber er hat sich gut im Griff. Also tu einfach so, als wenn nichts Besonderes los ist.“

„Gut. Das Gästezimmer ist auch sehr hübsch. Und Justin hat auch noch ein Zimmer?“

Benjamin lief voraus und zeigte Katja das Zimmer am Ende des Flurs, das sie umgebaut hatten. Sie erinnerte sich an die Zeit mit Daniel. Hier oben waren immer drei Gästezimmer gewesen und nun war es ein Haus für eine kleine Familie geworden. Daniel wäre sehr glücklich gewesen.

Katja und Benjamin gingen gemeinsam nach unten. Sie nahmen die Kaffeekanne und den Kuchen mit hinaus. Ursula Heunbach hatte alles vorbereitet, bevor sie heimgegangen war. Christian saß unter der Kastanie auf der Bank, Nelly auf seinem Schoß und daneben Benni. Der Hund sprang sofort von der Bank und legte sich unter den Tisch. Katja stellte den Kuchen ab und setzte sich zu Christian.

„Schön dich zu sehen.“

„Willkommen“, sagte Christian und küsste Katja auf die Wange.

Die Berührung seiner Lippen ging ihr durch und durch. Sie atmete tief ein und kitzelte Nelly hinter dem Ohr. Die kicherte und kuschelte sich an Christians Schulter.

Dann sagte sie: „Benni. Wauwau. Mama Kuchen.“

Die kleine Hand streckte sich nach dem Kuchen aus. Benjamin verteilte die Teller und Tassen. Nachdem er Nelly ein Stück Marmorkuchen auf den Teller gelegt hatte, goss er Kaffee ein. Christian setzte die Kleine zwischen sich und Katja auf die Bank. Er war ganz still geworden. Katja fühlte seinen Schmerz und die Liebe fast körperlich.

„Dass sie jetzt Benni sagen kann, ist toll. Der Kuchen ist sehr gut. Ich denke, es wird uns hier gut gehen. Was macht die Lese, Benjamin?“

„Wir sind fast durch. Ich denke, noch drei … vier Tage. Dann hat Christian endlich Zeit zum Fliegen.“

Katja war zusammengezuckt und Benjamin biss sich auf die Lippe. Das wollte er gar nicht sagen, aber das merkwürdige Schweigen hatte ihn gestört.

„Oh, tut mir leid. Aber keine Angst, Katja, es wird nichts passieren.“

„Schon in Ordnung“, flüsterte sie leise.

Die beiden Männer waren aufgestanden.

„So, wir müssen noch einmal in den Weinberg. Wir sehen uns heute Abend. Macht es euch gemütlich.“

Nelly winkte ihnen hinterher. Jetzt räumte Katja den Tisch ab und setzte sich mit ihrer Tochter ins Kinderzimmer. Sie spielten, bis Nelly die Augen fast zufielen. Katja setzte sie in die Wanne und das warme Wasser ließ sie noch müder werden.

Im kleinen Bettchen sagte sie noch einmal: „Möhmöh, Nelly heia.“

Katja küsste sie auf die Nase und deckte Nelly zu. Sie ließ die Tür offen und ging nach nebenan in ihr Zimmer. Sie setzte sich ans Fenster, das nach vorne auf den Parkplatz hinausging und wartete auf Benjamin. Es war fast dunkel, als endlich der Transporter auf den Hof fuhr und das Hof-Licht sich anschaltete. Die beiden Männer stiegen aus. Benjamin zeigte auf die Tür und wollte anscheinend Christian nach drinnen bitten.

Der schüttelte vehement den Kopf, zuckte traurig mit den Schultern und ging heim, ohne sich noch einmal umzudrehen. Benjamin schaute ihm hinterher und dann nach oben zu Katjas Fenster. Sie stand auf und ging nach unten.

„Er tut mir so leid für Christian, Benjamin. Ich wünschte, ich könnte alles ungeschehen machen. Ich … ich …“

Sie schwieg. Aber Benjamin war in Gedanken versunken.

„Ich würde ihm gerne den Platz an eurer Seite überlassen, wenn er dadurch wieder glücklich sein könnte. Ich glaube, dass er nicht Nellys Vater ist, hat ihn mehr getroffen als unser Fehltritt. Es wäre einiges wieder gut geworden, wenn er es wäre.“

Katja schnaufte und nickte.

„Nelly schläft. Hast du Hunger? Soll ich dir etwas kochen, während du duschen gehst?“

„Das wäre super. Ich habe einen Bärenhunger. Apropos Bär, der sitzt noch im Auto. Ich hole ihn noch schnell.“

Er drehte sich um und Katja schaute in den Kühlschrank, was sie kochen könnte. Später saßen sie zum Abendessen in der Küche.