Ganz für mich allein

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Z serii: Eltville-Thriller #3
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11

Fabienne strich mit sanften Fingern über die Oberfläche der Skulptur aus grünem Speckstein. Sie hatte sie abschließend mit Olivenöl abgerieben und nun glänzte der Engel im einfallenden Abendsonnenschein. Fabienne lächelte. Es wurde Zeit, dass der Winter ging und diese Dunkelheit mitnahm. Heute war es nach langer Zeit mit Regen und kaltem Wind ein schöner Tag gewesen. Zufrieden rief sie Bianca an, um wieder mal eine Runde zu plaudern.

„Was macht dein Mordfall?“, fragte sie neugierig.

„Der ist immer noch nicht gelöst. Stell dir vor, es gibt ein Phantombild und du glaubst nicht, wie der Mann aussieht. Der nette Typ, den wir in der Winzerstube getroffen haben. Der dir so gut gefallen hat.“

„Ach nein, so ein Mann bringt doch keinen um, der bringt die Frauen eher um den Verstand.“

Sie lachten und nun berichtete Fabienne von der Ausstellung ihrer Engel in der Hochschule in Geisenheim. Der Engel vor ihr auf dem Tisch, der zu einer ganzen Reihe zählte, sollte mit den anderen dort für ein Wochenende gezeigt werden. Jede dieser dreißig Figuren, an denen sie fast zwei Jahre gearbeitet hatte, trug etwas bei sich, was mit Wein oder dem Rheingau zu tun hatte. Sie freute sich sehr, denn jede Ausstellung brachte neue Kunden. Sie würde morgen Vormittag alles aufbauen und am Nachmittag wurden die Besucher erwartet. Die Mensa der Hochschule hatte für das Catering gesorgt. Fabienne hoffte, die zwanzig bis vierzig Zentimeter hohen Skulpturen zusammen verkaufen zu können.

„Deine Engel sind toll“, erklärte Bianca. „Ich glaube, du wirst viel Erfolg haben. Leider bin ich am Wochenende im Dienst, aber wenn ein bisschen Luft ist, komme ich vorbei.“

„Das wäre schön, ich habe den grünen noch einmal poliert. Du weißt, mein Lieblingsengelchen. Er gefällt mir am besten. Wollen wir nach der Ausstellung mal wieder ausgehen?“

„Gerne, wenn nicht noch ein Mord dazwischenkommt.“

Nun erzählte Bianca ihrer Freundin vom zweiten Mord, der anscheinend von demselben Täter verübt worden war. Fabienne seufzte und die beiden fragten sich, warum ein Mensch so böse sein konnte.

„Die Männer sollten uns lieben und froh sein, dass es uns gibt. Wenn ich so etwas höre, bin ich glücklich, keinen Mann zu haben. Obwohl, wenn ich an diesen Typen in der Winzerstube denke …“

Bianca hoffte insgeheim, dass der Unbekannte nichts mit den Morden zu tun hatte, denn sie würde ihrer Freundin diesen Mann sehr gerne gönnen. Darum sagte sie nichts weiter, sondern versprach noch einmal, am Wochenende kurz bei der Ausstellung vorbeizuschauen.

Nachdem Fabienne sich von Bianca verabschiedet hatte, stellte sie den grünen Engel zu den anderen auf den Tisch nebenan und machte das Licht aus.

„Gute Nacht, ihr Lieben.“

Sie setzte sich ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein. Der Anrufbeantworter blinkte und sie erhob sich noch einmal, um ihn abzuhören.

„Liebste … ich bin es … dein Traummann …“

Ohne weiter zuzuhören löschte Fabienne die Nachricht und setzte sich zurück vor den Fernseher. Sie ahnte, dass die Geschichte mit Lars noch nicht zu Ende war. Er müsste schon auswandern oder sterben, damit er von ihr ablassen würde. Nicht einmal das Gerichtsurteil hatte ihn gejuckt. Bianca hatte Michael gebeten, nochmal mit ihm zu reden, aber der Kommissar war durch die beiden Morde zu beschäftigt.

Am nächsten Morgen stand Fabienne früh auf, aß ein bisschen Müsli und trank eine große Tasse Kaffee mit viel Milch, ehe sie ins Bad ging und sich hübsch machte. Sie wollte vor Beginn der Ausstellung nicht mehr heimkommen, also nahm sie das lange blaue Kleid aus dem Schrank und zog eine Folie darüber. Sie würde sich in der Hochschule umziehen. Fabienne packte die Skulpturen, die sie jetzt in Tücher rollte, in feste Kartons und lud sie in den großen Kofferraum ihres Transporters.

Vor dem Eingang in Geisenheim wurde sie von Peter Nosged erwartete, Sportlehrer und alter Schulfreund. Er war mit ihr zusammen zum Gymnasium gegangen und sie waren in Kontakt geblieben. Peter half jedes Mal, wenn ein kräftiger Mann gebraucht wurde. Seine Glatze glänzte in der Morgensonne, die grauen Augen strahlten wie immer, wenn er Fa­bienne sah.

„Du bist wieder einmal schön wie eine Göttin“, begrüßte er sie mit einem Kuss auf die Wange.

Peter war zwar muskulös und männlich gebaut, aber er war kleiner als so manche Frau. Fabienne schaute er genau in die Augen. Als Sportlehrer war er von vielen wegen seiner Größe belächelt worden, aber er hatte sich mit seinem unermüdlichen Einsatz für die Kinder ihren Respekt erworben. Fabienne lachte fröhlich und öffnete den Laderaum, in dem sich zahlreiche Kartons stapelten. Peter krempelte sich die Ärmel hoch und klatschte in die Hände.

„Geh ruhig schon rein, ich bringe dir deine wertvolle Ladung.“

Fabienne bedankte sich und betrat den hellen Raum, in dem schon zwei lange Reihen von Tischen an den Wänden aufgebaut waren. Jemand hatte sie mit weißen Tischdecken belegt, die bis zum Boden reichten. An einem Ende der rechten Tafel lag ein Stapel von weißen Chiffon-Tüchern, die Fabienne jetzt nahm und locker verteilte. Am Kopf des Raumes baute ein Küchenteam ein kleines Büfett auf, nur die Lebensmittel sollten erst kurz vor der Ausstellungseröffnung aufgetragen werden.

Peter kam mit der ersten Kiste herein und so wie immer reichte ein Fingerzeig von Fabienne und er wusste, wohin er die Sachen stellen musste. Vorsichtig entnahm die Künstlerin den beschrifteten Kartons die Figuren und platzierte sie nach und nach auf den Tischen. Als Peter fertig war, übergab er Fabienne die Autoschlüssel.

„Der Transporter steht ordentlich auf dem Parkplatz. Die Dinger sehen wirklich toll aus. Fast so schön wie du, meine Liebe.“

„Wenn ich nicht wüsste, dass du immer übertreibst, würde ich jetzt rot werden. Danke für deine Hilfe. Ich weiß, dass ich morgen Abend wieder mit dir rechnen kann, also bin ich ganz entspannt und ruhig. Was hast du am Wochenende vor?“

„Ich wollte mal aufräumen und danach meine Mutter besuchen. Dir viel Spaß und bis morgen Abend.“

Er küsste Fabienne nochmals und verschwand. Sie begutachtete erneut den Stand der Figuren, drehte die eine oder andere in die entgegengesetzte Richtung und genoss die Tasse Kaffee, die ihr ein junges Mädchen brachte.

Später ging sie in den Waschraum und zog sich das blaue Kleid an, das wunderbar mit der Farbe ihrer Augen harmonierte. Nach einem letzten Blick in den Spiegel betrat sie wieder den großen Raum und wurde vom Veranstalter begrüßt. Nach und nach kamen die interessierten Besucher herein, bekamen ein Glas Sekt oder Saft und konnten sich am Büffet mit kleinen Häppchen verwöhnen lassen. Die Frauen betrachteten entzückt die Engel und verliebten sich in den einen oder anderen. Die Ehemänner oder alternden Liebhaber, die sie gelangweilt begleiteten, schlenderten mit ihnen herum oder standen mit anderen Männern zusammen und redeten über Fußball oder das Wetter.

Fabienne hatte Fragen beantwortet oder sich das Lob angehört und zuckte nun zusammen, als sie hinter sich eine Stimme hörte, die ihr bekannt vorkam.

„Die Zufälle sind es, die das Leben interessant machen.“

Fabienne drehte sich um und schaute in die Augen des Mannes, der ihr und Bianca beim Winzer begegnet war. Sie lächelte und sofort klopfte ihr Herz wild.

„So eine Überraschung. Herzlich willkommen.“

„Ich wusste gar nicht, dass Sie die Künstlerin sind. Die einunddreißig Engel gefallen mir sehr gut.“

„Es sind nur dreißig, es sei denn Sie haben einen dazu geschummelt.“

Der elegant gekleidete Mann zwinkerte ihr zu.

„Mit Ihnen sind es einunddreißig. Darf ich mich Ihnen vorstellen: Ich bin Luca Silveretto. Sie sind Fabienne Chubrieux, das habe ich an der Tür gelesen. Ich würde einen Engel kaufen, aber ich kann mich nicht entscheiden.“

„Dann nehmen Sie doch alle zusammen.“

„Wenn Sie dazu gehören, gerne.“

Er drehte sich um, als eine Kellnerin vorbeilief und nahm zwei Sektgläser vom Tablett. Eines reichte er Fabienne, das andere hielt er ihr entgegen. Sie stießen an und Fabienne errötete bei seinem durchdringenden Blick aus den dunkelbraunen warmen Augen. Kurz danach kam der Veranstalter und zog sie mit hinüber zu einem Ehepaar, das sie unbedingt kennenlernen wollte. Die füllige, große Frau mit den wallenden blonden Locken war etwa zehn Jahre jünger als ihr korpulenter, schwitzender Partner, der nun jovial lächelte. Die Frau küsste Fabienne thea­tralisch auf beide Wangen.

„Kindchen, was für hübsche Engel. Ich habe gehört, Sie würden sie auch alle zusammen verkaufen. Bitte unterbreiten Sie meinem Mann ein Angebot, ich will die kleinen Dinger unbedingt haben. Nicht wahr, Schatz? Die passen wunderbar in den Salon.“

Es stellte sich heraus, dass die beiden extra aus Hamburg angereist waren und der reiche Mann mit dem Überseehandel sein Geld verdiente. Fabienne war entsetzt, mit welcher Oberflächlichkeit hier über Kunst geredet wurde, aber sie machte gute Miene zum bösen Spiel, denn alle auf einmal zu verkaufen, brachte genügend Geld, um sich neuen Projekten widmen zu können. Sie sagte eine Summe und der dicke Mann rollte mit den Augen.

„Schatzi, bitte, sag ja“, flehte die Blondine und klimperte mit den schwarzen, unechten Wimpern.

„Na gut“, knurrte der Angesprochene und zog Fabienne mit sich in einen Nebenraum, um ihr einen Scheck auszuschreiben.

„Vielen Dank, Ihre Frau wird viel Freude an den Engeln haben.“

„Das denke ich auch. Und so muss ich mir keine Gedanken über ein Geburtstagsgeschenk mehr machen. Liefern Sie die Dinger oder muss ich mich um den Transport kümmern?“

 

„Ich sorge dafür, dass sie unbeschadet bei Ihnen ankommen. Danke nochmals.“

Sie gaben sich die Hand und als Fabienne in den Saal zurückkam, suchte sie nach Luca. Er war verschwunden und Fabienne spürte einen kleinen Stich im Herzen. War er vielleicht gar nicht an einer näheren Bekanntschaft interessiert? Dann entdeckte sie Bianca und Michael am Eingang und eilte zu ihnen. Sie umarmte die Freundin und gab Michael die Hand.

„Schön, dass ihr da seid. Stellt euch vor, ich habe eben alle Engel verkauft. An ein Ehepaar aus Hamburg. Jetzt bin ich reich und lade euch nächstes Wochenende zum Essen ein, und sagt nicht nein, ihr habt keine Chance.“

„Sehr gut, gratuliere“, sagte Michael und freute sich für Fabienne.

Bianca gratulierte auch und drückte die Freundin herzlich.

„Ich wusste, du wirst Erfolg haben!“

Nun trat Michael mit einem Grinsen ans Büffet und Fabienne zog Bianca in eine Ecke.

„ER war hier.“

„Wer er?“

„Der schöne Mann aus dem Weingut.“

„Ach nein, wirklich? Und? Habt ihr geredet?“

Fabienne erwiderte aufgeregt: „Er heißt Luca Silveretto und ist sehr charmant. Er hat mir Komplimente gemacht und ich bin ganz rot geworden. Leider ist er schon wieder verschwunden.“

„Oh wie nett. Aber dann weißt du wenigstens schon seinen Namen. Wo wohnt er?“

„Bianca, jetzt fragt die Kommissarin, oder? Er ist süß und lieb. Der tut niemandem etwas. Außerdem würde ich das merken.“

Bianca lachte und klopfte ihrer Freundin auf die Schulter.

„Es ist ja gut, Süße. Aber ich muss ihn nun mal etwas fragen. Wenn ich ihn gefunden habe, schicke ich ihn zu dir. Wir müssen jetzt wieder los. Ich wünsche dir noch viel Spaß. Schau mal, Michael scheint satt zu sein. Wir sehen uns dann am kommenden Wochenende.“

Sie verabschiedeten sich und Bianca zog Michael vom Büffet nach draußen. Sie lachte, weil er noch eine Hand voller Häppchen bei sich trug.

„Das ist lecker!“, verteidigte er sich. „Was gab es denn zu flüstern?“

„Du wirst es nicht glauben, aber ich weiß, wie der Unbekannte heißt. Er war vorhin hier und Fabienne ist ganz verknallt in ihn. Er heißt Luca Silveretto. Jetzt fahren wir ins Büro, finden seine Adresse heraus und fragen ihn, ob er Sophia kennt.“

„Und Maja.“

„Stimmt. Du hast recht, wie immer.“

12

Clemens war auf freien Fuß gesetzt worden und ließ sich von einem Taxi ins Weingut zurückbringen. Wütend saß er bei seinen Eltern im Wohnzimmer und hatte die Fäuste geballt.

„Diese dumme Schlampe hatte sicher einen Liebhaber. Da verdächtigen die Bullen mich, sie umgebracht zu haben. MICH! Ich habe immer alles für sie getan. So ein Miststück. Ich werde den Wagen und das Haus verkaufen. Wenn ich an das Gerede der Leute denke! Die zerreißen sich doch das Maul und niemand kauft mehr unseren Wein.“

„Ach was“, polterte sein Vater. „Ich habe dir von Anfang an gesagt, die taugt nichts. Aber du und deine Mutter … nur weil sie schwanger war. Ich hätte ihr Geld für die Abtreibung gegeben und dann wären wir das Problem losgewesen. Jetzt hast du den Mist am Hacken.“

Nun meldete sich Irma zu Wort: „So redet man nicht über eine Tote, auch wenn sie kein guter Mensch war. Jetzt hört auf. Wir müssen an die Kleine denken. Es ist schon schlimm genug, dass sie ihre Mutter verloren hat. Sie bleibt bei mir und du, mein Sohn, ziehst auch her.“

Rupert war aufgestanden und hatte nur genickt. Charlien konnte ja nichts dafür, dass ihre Mutter eine Schlampe war. Er hatte das kleine Mädchen ins Herz geschlossen und redete sich jetzt ein, dass er und seine Frau die besten Eltern auf der Welt sein würden. Da fiel ihm etwas ein.

„Diese dumme Freundin ist schuld. Die hat so viel Wind gemacht, dass die Bullen herumgeschnüffelt haben. Die verdient eine Abreibung.“

Ehe Irma etwas erwidern konnte, war auch Clemens aufgestanden und folgte seinem Vater in den Weinkeller. Dort planten sie, wie sie sich an Sina rächen konnten.

Am späten Abend fuhren sie zusammen in den Ort und beobachteten Sinas Haus. Alles war dunkel, anscheinend war sie nicht zuhause.

„Wenn die Alte nicht bald kommt, hauen wir ab“, erklärte Clemens und gähnte ungeniert.

„Wir warten!“

Rupert wusste, dass die junge Frau irgendwann heimkommen würde. Nach einer weiteren Stunde bog ein kleines Auto um die Ecke und hielt vor dem Hauseingang. Sina stieg aus und trug zwei Taschen zur Treppe. Sie wollte gerade das Auto abschließen und die Einkäufe ins Haus bringen, als sie grob an der Schulter gepackt wurde. Erschrocken fuhr sie herum und schaute in das hasserfüllte Gesicht von Clemens Fringholm.

„Was willst du von mir?“, fragte sie mutig.

Der große Mann schob sie rückwärts, bis sie gegen den Bauch von Rupert stieß. Nun stieg ein Gefühl von Angst und Beklemmung in ihr hoch und sie überlegte, was zu tun sei, um den beiden Männern zu entkommen. Schnellen Schrittes wollte sie weglaufen, aber Rupert Fringholm hatte ihr in die Haare gegriffen und zerrte sie zurück. Gleichzeitig hielt er ihr den Mund zu, damit sie nicht schreien konnte.

„Du Miststück bist schuld, dass ich im Knast war“, flüsterte Clemens und war ihrem Gesicht bedrohlich nahe gekommen. „Was bildest du dir eigentlich ein? Es wird dir noch leidtun, dich in mein Leben eingemischt zu haben.“

Seine Hand packte an ihre Kehle und er drückte zu.

Daheim war Irma voller Angst auf und ab gelaufen und machte sich Sorgen. Nicht um Sina und ihr Wohlergehen, sondern um ihre Männer, die auf dem besten Wege waren, eine Straftat zu begehen. Sie malte sich aus, wie die Polizei hier alles auf den Kopf stellte, die beiden Männer einsperrte und sie allein mit dem Weingut und der Kleinen zurückblieb. Sie ergriff ihr Handy und wählte nervös die Nummer ihres Sohnes.

Es läutete, aber niemand meldete sich. In ihrer Sorge suchte sie die Karte der Polizistin. Sie klebte am schwarzen Brett im Büro. Eilig wählte sie die Nummer und Bianca meldete sich müde.

„Hallo, hier ist Irma Fringholm. Ich brauche Ihre Hilfe!“

Sofort war Bianca wach und rüttelte an Michael.

„Frau Fringholm, bleiben Sie ganz ruhig und erzählen Sie mir, wie ich Ihnen helfen kann.“

Bianca hatte das Handy auf laut gestellt und Michael hörte mit.

„Mein Sohn und mein Mann sind weg. Sie haben den Wagen genommen und ich denke, sie sind zu der Dunkelsberger gefahren.“

„Was wollen die beiden von ihr?“

„Ich glaube, sie wollen sich rächen.“

„Wir kümmern uns darum“, sagte Bianca sachlich.

Michael war schon aus dem Bett gesprungen und zog sich an. Die junge Frau war gestern erst aus dem Krankenhaus entlassen worden und nun war sie in Gefahr. Bianca stand jetzt angezogen neben ihrem Freund und strich sich hastig über das Haar.

„Die arme Frau. Und das alles nur, weil sie ihrer Freundin helfen wollte.“

„Komm, Süße, wir schauen, ob wir noch rechtzeitig kommen.“

Im Auto schwiegen sie und näherten sich mit Blaulicht dem Ort, wo Sina wohnte. Als sie neben dem Auto hielten, waren Clemens und Rupert gerade dabei, den leblosen Körper der jungen Frau in den Kofferraum zu legen. Sie ließen sie fallen und Clemens wollte weglaufen. Bianca rief den Notarzt.

Michael riss Clemens zu Boden und drehte ihm die Hände auf den Rücken. Die Handschellen schlossen sich um seine Handgelenke. Rupert Fringholm hatte seelenruhig zugeschaut und ließ sich nun von Bianca ebenfalls die Handschellen anlegen. Kurze Zeit später brachten zwei angerufene Polizeiwagen die beiden Männer zum Präsidium.

Bianca kniete sich neben Sina und hielt die Hand der weinenden Frau: „Es wird alles wieder gut. Der Rettungswagen kommt sofort. Wollten die beiden sich rächen, weil sie zu ihrer Freundin gehalten haben?“

„Hm“, brummte Sina, die ihre blutenden Lippen nicht öffnen konnte.

Rupert hatte sie anscheinend festgehalten und Clemens hatte zugeschlagen. Sina krümmte sich vor Schmerzen und verlor gleich darauf ihr Bewusstsein. Bianca strich ihr sanft über das Haar und atmete auf, als der Rettungswagen um die Ecke bog. Mit knappen Worten berichtete sie dem Notarzt, was geschehen war. Michael lehnte blass und still am Auto und hatte die geballten Fäuste in der Jackentasche vergraben.

Bianca fiel etwas ein und sie stieg zum Notarzt in den Rettungswagen. Der versorgte dort die Schwerverletzte.

„Bitte sagen Sie dem Krankenhaus Bescheid, dass sie sich melden sollen, wenn sie wieder vernehmungsfähig ist. Eigentlich wollten wir sie morgen befragen. Es geht um zwei Mordfälle und sie ist eine wichtige Zeugin. Bringt ihr sie nach Wiesbaden?“

„Ja, geht klar, ich kümmere mich. Ich hoffe, ihr habt den Täter. So ein Schwein.“

Bianca nickte und ging zurück zu Michael, der Clemens und Rupert getötet hätte, so sehr hasste er es, wenn Stärkere Gewalt gegen Schwächere ausübten.

„Schatz, lass uns heimfahren und noch ein bisschen schlafen.“

„Schlafen? Nach so einer Scheiße schlafen?“

„Ich weiß“, sagte Bianca mitfühlend. „Aber ich glaube, wir sind gerade noch rechtzeitig gekommen. Wer weiß, was sie noch geplant hatten. Sicher wollten sie die Frau beseitigen. Sie bekommen ihre Strafe. Die Mutter können wir morgen aufs Präsidium bestellen.“

„Du hast ja recht“, sagte Michael nun milde und küsste Bianca zärtlich. „Es macht mich nur immer so wütend und hilflos. Diese Schweine werden in den Knast kommen. Ich hoffe, der Staatsanwalt ist auch da ein harter Hund.“

13

Silvia Deiskow hatte ihre Spätschicht im Krankenhaus beendet und machte sich auf den Heimweg in ihre leere Wohnung in Hattenheim. Wie immer wartete niemand auf sie und mit Wehmut dachte sie an die schönen Monate mit ihrem Traummann. Der Beruf als Krankenschwester hatte sie ausgefüllt und glücklich gemacht und eines Tages war ihr dieser Mann begegnet, der sich zwei Finger gebrochen hatte.

Silvia hatte sich sofort in den schönen und charmanten Mann verliebt. Leider war er verheiratet und sie begannen eine heimliche Affäre, denn sie wollte den Mann, der ihr am zweiten Tag im Krankenhaus seine Liebe gestanden hatte, nicht in Schwierigkeiten bringen. Ein einziges Mal hatte sie bei ihrer Freundin Dorothee vom Taschenladen angedeutet, dass es jemanden in ihrem Leben gab und dass sie nicht zusammen sein konnten.

Egal, was er ihr sagte, alles war so ehrlich und herzlich und der Blick aus seinen wunderbaren Augen ließ sie schmelzen. Als er ihr eines Tages verkündete, dass sie sich nicht wiedersehen könnten, weil er zu seiner Frau, die schwer krank war, zurückkehren wollte, brach es ihr das Herz, aber sie konnte und wollte ihn nicht verurteilen. Im Gegenteil, sie liebte ihn sogar dafür, dass er die Verantwortung gegenüber seiner Frau dem Abenteuer vorzog.

„Liebster, ich bin so stolz auf dich. Wenn du jemals Hilfe brauchst, dann komm zu mir.“

Er hatte genickt und war mit hängenden Schultern davongegangen. Noch heute musste Silvia jeden Tag an ihn denken und sie hatte sogar seinen betörenden Duft in der Nase. Sie seufzte und sah auf die dunkle Haustür. Seitdem sie sich getrennt hatten, war viel Zeit vergangen, aber sie hatte sich nie wieder mit einem Mann getroffen.

Es klapperte irgendwo in der Dunkelheit, aber sie hatte keine Angst, seit sie eine Kollegin zu einem Kurs in Selbstverteidigung mitgenommen hatte. Danach hatte sie regelmäßig ihre Muskeln trainiert und fühlte sich auch sicher, wenn sie mitten in der Nacht alleine unterwegs war.

Drinnen schaltete sie das Licht an, ließ sich ein Bad einlaufen und stieg mit einem Glas Rotwein ins warme Wasser. Der duftig leichte Schaum legte sich zart auf ihre Haut und sie schloss die Augen. Vor der Tür parkte ein schwarzer Wagen. Der Fahrer ließ den Motor an und fuhr los.

Nach dem Baden wickelte sich Silvia in den flauschigen Bademantel und überlegte, ob sie ihre Freundin anrufen sollte. Sie schaute auf die Uhr, die kurz vor Mitternacht zeigte und seufzte leise. Zu spät für ein bisschen Spaß, dachte sie, ging ins Bett und schlief bis zum kommenden Morgen tief und traumlos. Sie hatte bis übermorgen frei und blieb jetzt einfach liegen.

Wenn ER jetzt hier wäre, dachte sie, dann würde sie sich an seinen warmen, schlanken Körper kuscheln und seine Hände und Lippen genießen. Sie hatten nur ein einziges Mal miteinander geschlafen und es war eine Offenbarung gewesen. Er war zärtlich und schien genau zu wissen, was ihr gefiel. Am Morgen danach hatte er sie mit einem Frühstück im Bett verwöhnt und war dann mit ihr in den Zoo gefahren. Zwei Tage später kam die Trennung.

 

Entschlossen schwang Silvia die Beine aus dem Bett und machte sich eine große Tasse schwarzen Kaffee. Sie sah aus dem Fenster und lachte die Sonne an, die schon hinter den Bäumen auf ihren Einsatz wartete. Ja, sie würde heute nicht zuhause bleiben. Sie wollte in den Zoo gehen und sich zum Kaffee mit ihrer Freundin verabreden. Vielleicht war deren Schwester auch im Laden und bereit, für sie einzuspringen. Dann könnte Dorothee sogar mit in den Zoo kommen. Sie nahm ihr Handy und rief in Oestrich an.

„Taschenhandlung Enzmacher, darf ich Sie zu einem guten Buch einladen und es in eine meiner Taschen packen?“

Das war Dorothees Standardspruch und Silvia tat so, als wäre sie eine Kundin.

„Ich hoffe, es ist eine bessere Geschichte als die, die Sie mir letzte Woche aufgeschwatzt haben. So einen Liebesschmus können Sie sich an den Hut stecken.“

Sie kicherte und jetzt hatte ihre Freundin sie erkannt.

„Silvi, du dumme Nuss, ich empfehle niemals Liebesschmus. Schön, mal wieder etwas von dir zu hören. Hast du frei?“

„Ja, bis übermorgen. Ich sitze gerade beim Kaffee und dachte, ich gehe heute in den Zoo. Vielleicht möchtest … kannst du mitkommen? Ich muss mal wieder mit dir reden.“

„Hm, das ist schwierig, aber komm doch her, ich rufe mal mein Schwesterherz an, ob sie Lust hat, ein bisschen zu arbeiten. Ich finde auch, wir müssen dringend mal wieder etwas Schönes machen.“

Sie legten auf, Silvia eilte ins Bad und als sie sich warm genug angezogen hatte, um den ganzen Tag unterwegs zu sein, steckte sie ihr Handy in die Handtasche und lief zu ihrem Auto. Gemütlich fuhr sie nach Oestrich und fand einen Parkplatz am Rheinufer, um von dort die letzten Schritte zu Fuß zu gehen.

Im Laden strahlte Dorothee sie an, denn ihre Schwester hatte versprochen, in einer halben Stunde da zu sein.

Silvia setzte sich in den Sessel und sagte: „Ich bin einsam. Warum habe ich immer so ein Pech mit den Männern?“

„Tja, warum suchst du dir auch einen Verheirateten aus! Und dass du ihn mir nicht vorgestellt hast, das verzeihe ich dir niemals.“

„Ach Doro, es war schon schwer genug, weil ich nie wusste, wann er kommt und wie lange er bleiben kann. Nun mach mir nicht auch noch Vorwürfe.“

Dorothee kam hinüber und legte ihr eine Hand auf den Arm.

„So meinte ich es doch gar nicht. Ich war nur neugierig, aber du hast ein riesiges Geheimnis um den Mann gemacht. Apropos Mann, ich habe neulich auch einen ganz tollen Kerl kennengelernt. Er ist Kommissar. Leider vergeben, also Finger weg.“

In diesem Moment ging die Tür und Dorothee blickte sich um. Ihr Herz machte einen Sprung, denn vor ihr stand der echte, reale Kommissar.

„Hallo, schöne Frau, ich wollte sagen Frauen. Störe ich?“

„Nein, Sie stören doch nie.“

Dorothee ging sofort nach hinten und kam mit einer Tasse Kaffee zurück, als nun eine schöne Frau mit dunklen kurzen Haaren neben ihm stand.

„Darf ich vorstellen“, begann Michael, „das ist meine Kollegin und Freundin Bianca Bonnét. Wir wollten uns mal melden und fragen, ob Ihnen noch etwas eingefallen ist. Vielleicht kennen Sie diesen Mann.“

Er hielt ihr das Phantombild hin. Dorothee betrachtete es genau.

„Das ist der Mann, der bei Sophia war. Schau mal, Silvi, kennst du den? Ist das nicht ein toller Kerl?“

Silvia stellte sich kurz vor, nahm das Bild und trat damit ins Licht am Fenster. Sie erschrak heftig, hatte sich aber vollkommen unter Kontrolle und schüttelte jetzt den Kopf.

„Nein, den kenne ich nicht, aber er ist wirklich ein schöner Mann.“

Sie hatte nicht vor, ihr Geheimnis zu verraten. Ihr ehemaliger Liebhaber hatte wohl auch Sophia gekannt. In diesem Moment nahm sie sich vor, ihn zu vergessen und sich einen neuen Mann zu suchen. Anscheinend war der Herr nicht ehrlich zu ihr gewesen, als er behauptete, er würde nur sie lieben.

Die Kommissare hatten sich noch mit Dorothee unterhalten, aber diese konnte nichts über ihn sagen, hatte sie ihn doch nur aus der Ferne gesehen.

„Schade, ich hatte gehofft, dass Sie uns helfen können“, sagte Michael enttäuscht und trank den Kaffee aus.

„Danke, dass Sie meinem Schatz immer so nett Kaffee kochen. Der im Büro schmeckt scheußlich.“

Als die Polizisten weg waren, betrat Dorothees Schwester den Laden und die beiden Freundinnen fuhren in den Zoo, wo sie sich den Wind um die Nase wehen ließen. Anschließend aßen sie zusammen und beim Abschied bedankte sich Silvia für den schönen Tag. Sie setzte Dorothee wieder daheim ab. Dann machte sie sich noch einmal auf den Weg in die Stadt, um ihren Entschluss in die Tat umzusetzen. Sie betrat eine Bar, setzte sich an den Tresen und flirtete ganz offen den gutaussehenden Mann an, der ihrem Traummann ein bisschen ähnlich sah und sie schon eine Weile angestarrt hatte.

Er kam bald darauf zu ihr herüber, spendierte ihr ein Glas Sekt und lächelte gewinnend.

„Guten Abend, meine Schöne, darf ich dich nach deinem Namen fragen?“

„Ich bin Silvia und wer bist du?“

„Ich bin Lars. Du gefällst mir sehr gut. Bist du immer alleine unterwegs? Das kann sehr gefährlich sein.“

„Ich habe ja meinen Beschützer gefunden. Oder willst du schon gehen?“

„Nein, ich denke, ich passe ein bisschen auf dich auf.“

Er beugte sich hinüber und küsste Silvia in die kleine Kuhle am Schlüsselbein, nachdem er ihren Kragen beiseitegeschoben hatte. Silvia durchlief ein wohliger Schauer und sie beschloss, diesen Mann heute Nacht zu verführen.

Sie nahm den gutaussehenden, charmanten Lars mit heim, wo sie sich seinen Küssen hingab. Endlich wieder ein toller Mann. Sie schliefen miteinander und dann wollte sie ihn von der Couch ins Bett ziehen.

„Baby, ich kann nicht bleiben. Ich muss morgen zu einer Ausstellung, es ist ein wichtiger Termin. Gib mir deine Nummer, ich rufe dich an, wenn ich fertig bin und dann komme ich und wir machen da weiter, wo wir eben aufgehört haben.“

Silvia hatte ihn ein wenig an Fabienne erinnert und darum war er mit ihr ins Bett gegangen, aber er hatte nicht vor, sie weiter zu treffen. Er wollte Fabienne und so eine kleine Schlampe wie diese hier störte nur und musste wieder raus aus seinem Leben.

Silvia schrieb ihre Nummer auf einen kleinen Zettel, ließ sich nochmal küssen und sagte: „Gute Nacht“.

Auch Bianca und Michael waren schlafen gegangen. Vorher hatte das Krankenhaus angerufen, dass Sina Dunkelsberger wieder ansprechbar war.

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