Ganz für mich allein

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Z serii: Eltville-Thriller #3
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7

Clemens Fringholm hatte ein paar Minuten später wütend auf die Uhr geschaut.

„Wo bleibt die denn? Ich habe langsam die Nase voll von dieser Frau!“

Er warf den Karton, den er soeben ausgeleert hatte, auf den Boden und wühlte in seiner Hosentasche nach dem Handy. Am anderen Ende läutete es, aber niemand nahm ab.

„Na hoffentlich geht sie nicht dran, weil sie am Fahren ist!“

Weitere zehn Minuten später war Maja immer noch nicht im Weingut angekommen.

Clemens lief ins Haus und fuhr seine Mutter an: „Weißt du, wo Maja so lange herumtrödelt? Sie wollte gleich kommen, aber das ist schon eine Stunde her.“

Charlien fing zu weinen an, weil ihr Vater die Oma so böse angeredet hatte. Irma Fringholm setzte das Mädchen von ihrem Schoß, wo sie gerade ein Bilderbuch angesehen hatten, auf den Boden.

„Mein lieber Sohn, jetzt denke mal darüber nach, wie du mit deiner Mutter sprichst! Du bist schuld, dass die Kleine jetzt weint. Was ist denn los?“

„Maja trödelt wieder herum und ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht vor Arbeit.“

„Hast du mal angerufen?“

„Ja, Mutter, was dachtest du denn?“

Charlien war zu ihrer Oma gekrabbelt und schlang die Arme um ihre Knie. Als Irma sie hochnahm, hörte sie auf zu weinen.

„Dann ist sie unterwegs und beim Fahren kann sie ja schlecht telefonieren. Also sei geduldig. Sie wird gleich da sein.“

Clemens dachte nicht im Traum daran, dass seiner Frau etwas passiert sein konnte, darum wurde er immer wütender. Er lief im Wohnzimmer auf und ab und fluchte vor sich hin. Seine Mutter saß wieder auf der Couch und blätterte mit Charlien im Bilderbuch. Nun sah sie hoch und schüttelte den Kopf.

„Nimm das Auto und fahre heim. Es macht mich ganz irre, wenn du hier herumrennst. Vielleicht hat Maja eine Panne oder sie ist hingefallen.“

„Pah! Die kann was erleben. Sicher sitzt sie vor dem Fernseher und trinkt Kaffee oder tratscht am Festnetz mit ihrer dämlichen Freundin Sina. Ich bin gleich wieder da.“

Er rannte aus dem Haus, setzte sich ins Auto, raste heim und wunderte sich, dass alles ruhig und dunkel war. Das Garagentor war geschlossen und Majas roter Kombi nirgends zu sehen. Clemens parkte vor dem Tor und schloss das Haus auf. Drinnen war es dunkel, die Einkäufe lagen ordentlich verstaut im Kühlschrank. Er lief hinaus und betrat die Garage durch die Seitentür. Verdutzt schaute er auf das Auto.

„Was soll das denn? Wo ist die Alte hin?“

Er drehte sich um, lief zurück ins Haus und riss im Laufen das Handy heraus: „Sie ist nicht zuhause und das Auto steht in der Garage. Mutter, ich glaube, die hat sie nicht mehr alle und ist abgehauen.“

„Komm wieder her, dann reden wir.“

Er legte auf, setzte sich in sein Auto und fuhr zurück zu seinen Eltern, die jetzt ratlos zusammen im Wohnzimmer saßen. Rupert Fringholm, der Vater von Clemens, hatte ein Glas Wein in der Hand und bereitete seinen Feierabend vor, Irma spielte mit Charlien.

Clemens stürmte herein und ließ sich auf den Sessel fallen.

„Von wegen Panne oder etwas passiert! Die treibt sich bestimmt mit ihrer Freundin irgendwo herum oder sie lässt sich von ihrem Ex vögeln.“

„Aber Clemens, doch nicht vor dem Kind!“, rügte ihn seine Mutter.

„Ach was, wer weiß, ob das überhaupt mein Kind ist.“

Sein Vater räusperte sich und sagte ernst: „Also jetzt reicht es. Ruf die Polizei an und gib eine Vermisstenanzeige auf. Wenn man sie nun entführt hat?“

Clemens lachte seinen Vater aus und erwiderte: „Die bringen sie direkt wieder zurück. Mir egal, dann ist sie eben abgehauen. Die wird schon merken, was sie verliert. Ich mache jetzt Feierabend und fahre heim. Aber ich werde nicht nach ihr suchen, sondern schön Fußball gucken und mich ausruhen. Kann Charlien bei euch bleiben?“

Seine Mutter nickte und drückte das kleine Mädchen liebevoll an sich. Clemens stand auf und stapfte hinaus.

Zuhause ging er zuerst in die Küche, holte ein Weinglas und goss es randvoll. Er stürzte den Riesling in einem Zug herunter, goss nach und lief hinüber ins Wohnzimmer, wo er den Fernseher einschaltete. Und nun tat er das, was seine Frau immer hasste: Er zog seine Socken aus und warf sie auf den kleinen Tisch. Dann legte er sich auf der Couch zurecht.

Mitten im Fußballspiel läutete das Festnetztelefon und Clemens nahm schnaufend ab.

„Was?“, blaffte er in den Hörer.

„Hier ist Sina. Ist Maja da?“

„Nein, ist sie nicht. Und wenn sie da wäre, würde ich sie dir auch nicht geben.“

„Oh Mann, Clemens, was ist denn dein Problem? Maja wollte mich vor einer Stunde anrufen, um mir zu sagen, ob wir morgen gemeinsam zur Arbeit fahren. Das sprechen wir immer ab, also gib sie mir.“

„Was hast du nicht verstanden an: Sie ist nicht da?“

„Das ist merkwürdig. Kommt sie nicht immer abends zu euch auf das Weingut und fährt dann mit dir heim?“

„Ja, aber da ist sie auch nicht. Und jetzt lege ich auf. Lass mich in Ruhe Fußball gucken und fahre morgen mal selbst auf die Arbeit. Tschüss.“

Er legte auf.

Sina Dunkelsberger hatte nur den Kopf geschüttelt. So ein Arsch, dachte sie. Warum hatte Maja diesen Kerl geheiratet? Sie konnte doch viel aufregendere Männer bekommen. Maja hatte Clemens geheiratet, als sie schwanger war, aber Sina konnte ihn von Anfang an nicht leiden.

Hatte er Maja geschlagen?

Sina war zusammengezuckt. Ihre Freundin hatte mal so etwas angedeutet. Vielleicht hatte der Kerl ihr wehgetan und sie lag irgendwo verletzt und brauchte Hilfe? Entschlossen griff sie nach ihrer Jacke, um zu Majas Haus zu gehen, welches sich zwei Straßenecken weiter im selben Ort befand.

Sie klingelte und Clemens öffnete genervt die Tür. Als er Sina erkannte, stöhnte er.

„Sie ist nicht hier! Willst du nachsehen?“

Ohne ein Wort lief Sina an ihm vorbei ins Haus und durchsuchte alle Zimmer, während sie nach Maja rief. Enttäuscht kam sie nach fünf Minuten ins Wohnzimmer.

„Was hast du mit ihr gemacht?“, fragte sie und baute sich vor dem Fernseher auf.

„Geh weg!“, fauchte Clemens sie an. „Ich habe nichts mit ihr gemacht. Maja wollte einkaufen und dann ins Weingut kommen. Das ist schon eine Weile her. Sie ist abgehauen. Basta!“

„So ein Quatsch, ich gehe jetzt und komme mit der Polizei wieder.“

Eilig verließ sie das Haus, in dem sie sich unwohl fühlte und rief vor der Tür die Polizeistation in Eltville an, um ihre Sorge zu schildern. Der Mann am Telefon hörte zu und erklärte ihr, dass Maja eine erwachsene Person sei, die sich aufhalten könne, wo sie wolle.

„Ich weiß, dass Sie sowas sagen müssen, aber Maja hat eine kleine Tochter, sie würde niemals abhauen.“

„Haben Sie das Kind gesehen?“

„Nein, ich weiß, dass es immer bei der Oma ist, bis Maja es abends abholt.“

„Dann ist es bestimmt noch dort. Machen Sie sich keine Sorgen, Ihre Freundin kommt sicher morgen wieder.“

„Na toll, und wenn nicht?“

„Dann melden Sie sich noch einmal.“

Enttäuscht legte Sina auf und lief heim.

8

Michael und Benedikt saßen mit Bianca im Büro und besprachen die Möglichkeiten, wie man hinter das Geheimnis der schwarzen Textilfaser kommen könne. Nach einer Stunde voller Spekulationen mussten sie sich eingestehen, dass es keinerlei Ergebnisse gab.

Es klopfte und der Staatsanwalt steckte den Kopf durch die Tür. Michael stöhnte, als sich der kleine drahtige Mann mit der Halbglatze und den grauen Augen ins Zimmer schob.

„Was haben wir?“

„Eine schwarze Faser“, sagte Benedikt. „Dazu kommt ein alter Herr, der bei Sophia vor längerer Zeit mal einen gutaussehenden Mann gesehen hat. Er erinnert sich deshalb so genau, weil er Sophia noch nie so glücklich gesehen hat. Der Typ sieht gut aus. Unser Unbekannter vom Phantombild.“

„Und den haben Sie schon gefunden und festgenommen?“

„Nein, wir wissen nicht, wer er ist.“

„Na super, was muss denn noch alles passieren, ehe Sie den Täter finden?“, schimpfte Dr. Rosenschuh.

Nun platzte Michael der Kragen und er polterte los: „Wir tun, was wir können und außer Frau Wieselburgers Tod ist nichts weiter passiert. Wir sind mit ganzer Kraft auf der Suche nach dem Mann. Bianca hat ihn schon zweimal gesehen, aber sie kennt weder seinen Namen noch seinen Aufenthaltsort.“

„Sie sitzen hier im Büro, das sieht mir nicht nach Suchen aus. Also los, hopp. Auf die Straße.“

Der Staatsanwalt drehte sich abrupt um und verließ das Zimmer.

„Irgendwann bringe ich den Kerl um.“

„Ach, Schatz, lass das lieber sein. Komm, ich fahre mit euch herum und halte die Augen offen. Vielleicht hilft uns der Zufall.“

Benedikt fragte grinsend: „Wollt ihr alleine sein? Dann fahre ich mit meinem eigenen Auto.“

„Idiot!“, brummte Michael und nahm seine Jacke.

Bianca folgte den Männern und so machten sie sich auf eine Tour durch den Rheingau, immer in der Hoffnung, den Unbekannten zu entdecken. Ihre Suche blieb erfolglos, also gaben sie nach drei Stunden auf und kehrten ins Präsidium zurück. Enttäuscht stellte Bianca die Kaffeemaschine an.

Es klopfte wieder und Michael dachte, dass es erneut der Staatsanwalt war.

Missmutig rief er: „Ja?“

Die Tür öffnete sich zaghaft und eine junge Kollegin steckte den Kopf herein. Benedikt strahlte und schob ihr sofort seinen Stuhl herüber.

„Ich muss mit euch reden“, sagte die Frau und ignorierte das Angebot. „Vorgestern rief eine Frau an und wollte ihre Freundin vermisst melden. Kurt hat sie aufgeklärt, dass eine Erwachsene wegbleiben kann, solange sie will. Aber … ich weiß, es steht mir nicht zu, da eine Meinung zu haben … es muss etwas passiert sein. Die Freundin rief gestern abermals an. Die Vermisste ist eine junge Mutter. Niemand lässt sein Kind einfach allein. Die Kleine ist zwar bei der Oma, aber ich kann nicht glauben, dass die Mutter abgehauen ist, ohne jemanden einzuweihen.“

 

„Was heißt, eine Meinung steht dir nicht zu?“, fragte Bianca sanft. „Es ist richtig, dass du mit uns gesprochen hast. Erst vor kurzem ist eine junge Frau getötet worden, also ist es gut möglich, dass der Mutter etwas zugestoßen ist. Habt ihr etwas unternommen?“

„Nein, die Freundin, sie heißt Sina Dunkelsberger, hat eben wieder angerufen und sie war sehr verstört. Die Vermisste ist nicht zur Arbeit erschienen und niemand weiß, wo sie ist, auch die Schwiegereltern nicht.“

„Gib mir die Adresse, wir fahren hin und sehen mal nach dem Rechten. Ist sie verheiratet?“

„Ja, aber der Ehemann vermisst sie anscheinend gar nicht.“

Die junge Kollegin verließ mit einem sehnsüchtigen Blick von Benedikt im Nacken das Büro. Michael nahm seine Jacke und warf Bianca ihre zu. Er beauftragte seinen jungen Kollegen, weiter nach dem Unbekannten zu suchen und machte sich mit Bianca auf den Weg nach Kiedrich. Es war trüb, Nebel hing über den Weinbergen, die sich um die Siedlung herum erstreckten. Nicht einmal die Umrisse der Ruine von Burg Scharfenstein waren zu sehen. Bianca schüttelte sich und schlang die Jacke fest um sich.

Auf ihr Klingeln reagierte niemand. Sie legte die Hände an die Scheibe der Haustür, aber innen war es dunkel. Der wird im Weingut sein, wenn er dort arbeitet, dachte sie.

„Komm, wir fahren zu den Eltern, hier ist keiner.“

Bianca wollte eben Michael zum Auto folgen, da sah sie aus dem Augenwinkel die angelehnte Tür der Garage.

„Michael, schau mal. Was für ein Zufall. Hast du nicht auch eben ein Geräusch gehört?“

Der Kommissar grinste und nickte. Bianca zog die Tür auf und schaute neugierig ins Halbdunkel. Die Umrisse eines Kombis waren zu erkennen. Als Michael hinter ihr auf den Lichtschalter drückte, flammte mit einem leisen Knattern die Neonbeleuchtung auf und verbreitete ein weißes Licht. Das rote Fahrzeug schien nicht bewegt worden zu sein, denn die Motorhaube war kalt.

Bianca schaute ins Innere. Nichts. Sie versuchte die Fahrertür zu öffnen, aber die war verschlossen. Eine innere Stimme ließ sie zusammenzucken, sie witterte Gefahr. Michael sah die Veränderung an Bianca sofort und trat zu ihr an den Kofferraum.

„Zu. Mist“, sagte er nach einem schnellen Griff an den Hebel unter dem Nummernschild.

Mit einem Mal weiteten sich seine Augen und er starrte wie Bianca auf das kleine Stückchen Stoff, das unter der verschlossenen Klappe hervorschaute. Es schien von einer Winterjacke zu stammen und war so rot wie das Auto selbst.

„Scheiße, wo ist der Autoschlüssel?“

Michael schaute sich hastig um, aber es war weit und breit kein Schlüssel zu sehen.

„Er muss im Kofferraum sein. Was denkst du?“

Bianca schloss die Augen und fühlte in sich hinein.

„Ich denke, wir werden die Frau dort drinnen finden. Ruf den Techniker und die Spusi! Vielleicht bekommt Jürgen die Klappe auch alleine auf. Ich glaube, die Sorge von Frau Dunkelsberger war berechtigt.“

9

Clemens war wie gewohnt zur Arbeit gegangen. Den Fragen seiner Eltern nach Maja war er ausgewichen. Er würde nachher ohne Charlien nach Hause fahren, aber nur zum Fernsehen und zum Schlafen. Der Kühlschrank war gefüllt, also vermisste er Maja überhaupt nicht. Im Gegenteil, er fühlte, wie eine angenehme Ruhe in seinem Leben Einzug hielt. Sollte seine Frau doch bleiben, wo der Pfeffer wächst.

Für heute Abend hatte er geplant, eine Pizza in den Ofen zu schieben und den Spätkrimi zu schauen. Er hob die Kisten mit den Flaschen im Weinkeller ins Regal und malte sich aus, wie er am Wochenende mindestens zwei schöne Frauen zu sich einlud, die ihm in Dessous und Highheels das Essen zubereiteten und das Bier an die Couch brachten. Wohlig stöhnend griff er sich in den Schritt und wollte sich selbst befriedigen, als er das Rufen seiner Mutter oben auf der Kellertreppe hörte. Er zog die Hose wieder zurecht und schaute nach oben.

„Was?“, blaffte er.

„Clemens?“, hörte er die zitternde Stimme seiner Mutter und ein mulmiges Gefühl breitete sich in seinem Bauch aus. „Die Polizei ist hier. Komm bitte hoch.“

Clemens sprang schnellen Schrittes die ausgetretenen Stufen hinauf und schob seine Mutter von der Tür weg. Er befahl ihr, sich um die Kleine zu kümmern und ließ sie stehen.

Im Wohnzimmer stand ein blonder Mann in lässiger Kleidung und schaute aus dem Fenster. Die Frau mit den kurzen dunklen Haaren musterte ihn aufmerksam. Sie war ihm sofort unsympathisch, denn ihr Blick schien direkt in sein Inneres zu gehen.

„Bitte?“, fragte er arrogant.

Der Mann am Fenster drehte sich zu ihm um, stellte sich und die Kollegin vor und fragte im neutralen Ton: „Herr Fringholm? Clemens Fringholm?“

Der Angesprochene nickte nur.

„Können Sie mir sagen, wo ihre Frau ist?“

Clemens stöhnte und ließ sich theatralisch auf den Sessel fallen. Er legte die Hände vor das Gesicht und stützte die Ellenbogen auf die Knie. Kurze Zeit später hob er den Kopf und sah Michael mit säuerlicher Miene an.

„Sina. Das war ja klar. Die hat auch keine anderen Probleme, als mit ihren irren Ideen zu den Bullen zu rennen. Die Alte bildet sich ein, ich hätte meiner Frau etwas getan, nur weil wir in der letzten Zeit ein bisschen Stress hatten. Aber ist das auch ein Wunder? Ich arbeite von früh bis spät, dann die kleine Charlien und meine Frau weigert sich, ihren Job aufzugeben. Mein Vater hat mir hier die Geschäftsleitung übertragen, da könnte ich meine Frau gut gebrauchen. Und was macht die Dame? Haut einfach ab und lässt mich mit dem ganzen Scheiß hängen. Wenn meine Mutter nicht wäre …“

Er schaute Michael an und erwartete Verständnis.

„Wie kommen Sie darauf, dass Ihre Frau abgehauen ist?“, fragte nun die Kommissarin.

„Wo soll die denn sonst sein? Sie hat die Gunst der Stunde genutzt, als ich ihr gesagt habe, dass sie eine wichtige Bestellung vergeigt hat und ist abgerauscht.“

„Ich denke, sie arbeitet in einem anderen Job?“

„Ja, aber wenn sie dann mal hier war, hat sie die Buchführung und Bestellungen gemacht.“

„Wo haben Sie denn schon nach ihr gesucht?“

Clemens war es immer ungemütlicher geworden und er stand auf. Was tun? Er hatte ja absolut gar nicht nach Maja gesucht, aber das konnte er den Polizisten wohl kaum unter die Nase reiben.

„Ich war überall, das können Sie mir glauben. An ihr Handy geht sie auch nicht. Ich bin total verzweifelt.“

Bianca schüttelte den Kopf.

„Wie kommt denn Frau Dunkelsberger auf die Idee, Sie könnten Ihrer Frau etwas angetan haben?“

„Ja, das weiß ich doch nicht!“, fauchte er nun Bianca an und stand mit bedrohlich geballten Fäusten vor ihr. „Die hat manchmal so bescheuerte Ideen, weil sie mich nicht leiden kann.“

Michael war zusammengezuckt und auf dem Sprung, um seiner Freundin zu Hilfe zu kommen, aber er sah Biancas unendlich ruhige Augen, die den wütenden Mann förmlich durchleuchteten. Der spürte plötzlich eine riesige Gefahr auf sich zukommen und trat einen Schritt zurück.

„Sie haben sie gefunden? Verdammt! Sie haben sie gefunden! Ist ihr wirklich etwas zugestoßen? Hatte sie einen Unfall?“

Nun trat Michael doch noch zu ihm und griff in die Jackentasche, um seine Handschellen hervorzuholen.

„Herr Fringholm, ihre Frau befindet sich auf den Weg in die Gerichtsmedizin. Sie ist Opfer eines Verbrechens geworden und Sie sind vorläufig festgenommen. Sie stehen unter dem dringenden Verdacht, ihre Frau getötet zu haben.“

Er belehrte Clemens über seine Rechte und der wusste gar nicht, wie ihm geschah. Ehe er etwas sagen konnte, hatte Michael ihm die Arme auf dem Rücken zusammengekettet. Jetzt wollte er sich wehren, aber der Kommissar hielt ihn mit einem eisernen Griff fest.

„Ihr seid doch bekloppt. Ich habe sie nicht umgebracht!“, tobte er.

In dem Moment kamen die Kollegen mit dem Streifenwagen dazu und führten ihn ab.

„Schafft ihn auf das Präsidium“, forderte Bianca sie auf. „Ich rede mit der Mutter. Michael, suchst du seinen Vater?“

Michael nickte und lief voran. Er hielt Bianca die Tür auf und die bog direkt in die Küche ab, wo Irma Fringholm weinend am Tisch saß. Sie hatte Charlien ins Bett gebracht und die Vorgänge im Wohnzimmer belauscht.

„Mein Sohn war das nicht!“, rief sie Bianca entgegen. „Was ist denn überhaupt passiert?“

Bianca setzte sich neben die verzweifelte Frau und schaute sie sanft an.

„Wir sind der Anzeige von Frau Dunkelsberger nachgegangen und haben vorhin bei Ihrem Sohn nach Maja gesucht. Es hat niemand geöffnet, aber als wir in der Garage ein Geräusch gehört haben, sind wir im Kofferraum des roten Kombis auf einen Haufen Einkäufe und die Leiche einer jungen Frau gestoßen. Es tut mir leid, aber es ist eindeutig Maja Fringholm.“

„Die Einkäufe waren für mich. Sie hat mir immer alles mitgebracht und ich habe mich um die Kleine gekümmert. Ach du mein Gott! Wie soll ich denn Charlien erklären, dass ihre Mama tot ist?“

„Was war los zwischen ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter?“

„Nichts, was nicht auch in anderen jungen Familien los ist. Maja ist nicht so arbeitsam und diszipliniert, wie es sein soll, aber mein Sohn würde sie doch deswegen nicht umbringen.“

Bianca wusste, dass da noch mehr war, aber heute würde sie aus der Frau nichts mehr rausbekommen. Sie verabschiedete sich und suchte Michael, der mit Rupert Fringholm gerade aus dem Weinkeller kam.

„Wenn Sie mich fragen, die hatte sicher einen Liebhaber! Und der muss sie ermordet haben. Mein Sohn ein Mörder? Niemals!“

Michael fasste Bianca an der Hand und zog sie zum Auto, wo er sich grollend hinter das Steuer setzte.

„Wenn ich könnte, wie ich wollte … oh Mann … so ein Arsch … wie der Sohn. Arrogant und nur schlecht reden über die Schwiegertochter. Was sagt die Mutter?“

„Nicht viel. Die üblichen Probleme.“

Michael beugte sich zu Bianca und küsste sie.

„Ich liebe dich.“

10

Clemens Fringholm hatte beständig geleugnet, mit dem Tod seiner Frau zu tun zu haben. Nach stundenlangem Verhör mit endlosen Fragen und immer wiederkehrenden Wutausbrüchen wurde er in die Zelle geführt und die Kommissare waren für eine kurze Nacht heimgefahren. Am nächsten Morgen saßen sie im Büro und lasen noch einmal die Verhörprotokolle.

„Wenn ihr mich fragt“, begann Benedikt, nachdem er sich eine Tasse Kaffee eingegossen hatte, „der war es nicht. Er ist zwar ein blöder Wichser, aber so einer bringt seine Putz-Koch-Wasch-Frau nicht um.“

„Was ist denn eine Putz-Koch-Wasch-Frau?“, fragte Bianca schmunzelnd.

„Na, das ist so eine, die man heiratet, wenn man bei Mutti auszieht, damit man den ganzen Scheiß nicht selbst machen muss.“

Michael sah den jungen Kollegen böse an.

„Suchst du auch so eine?“

„Nein, lieber Chef, ich suche die wahre Liebe. Du hast ja deine schon gefunden.“

„Das habe ich auf jeden Fall“, erklärte Michael mit einem liebevollen Blick auf Bianca, an die er nun die nächste Frage richtete: „Was denkst du denn? War er es?“

Bianca hatte Clemens Fringholm genau beobachtet und in sich hineingefühlt. Dort sah sie einen hartherzigen Egoisten, der schon mal zuschlägt und der seine Partnerin sicher oft gedemütigt hatte, aber sie sah keinen eiskalten Mörder, der seine Frau tot in den Kofferraum wirft und dann seelenruhig nebenan Fernsehen schaut.

„Ich stimme Benedikt zu. So mies der Typ auch ist, er hätte die Leiche beseitig, es wäre doch ein Leichtes für ihn, sie im Weingut verschwinden zu lassen. Die lag doch wie auf dem Präsentierteller. Ich denke nicht, dass er wusste, wo sie ist. Wenn wir nicht zufällig gekommen wären, dann hätte er selbst irgendwann den Kofferraum aufgemacht, und sei es nur, um das Auto seiner Frau nach ihrem Verschwinden zu verkaufen.“

Michael hatte an seinem Daumennagel gekaut und musste jetzt wohl oder übel zugeben, dass die Argumente überzeugend waren. Clemens hätte zumindest das Auto verschwinden lassen, wenn er seine Frau geplant hatte zu töten. Auch wenn es im Affekt geschehen wäre, könnte er doch prima von sich ablenken, wenn er den Wagen irgendwohin gefahren oder vielleicht sogar im Rhein versenkt hätte.

 

„So gerne ich den Kerl hinter Gittern sehen würde, ihr habt recht. Aber wir lassen ihn noch eine Weile schmoren, einverstanden? Lasst uns zu der Dunkelsberger fahren. Ich will sie fragen, ob sie einen anderen Mann in Majas Leben kennt. Vielleicht hatte der Alte einen guten Riecher, dass sie einen Liebhaber hatte. Ich hätte sogar Verständnis.“

Benedikt grinste nun frech und stichelte: „Bianca, hast du dir das gemerkt? Wenn dein Freund mal Scheiße zu dir ist, kannst du dir einen Liebhaber gönnen. Michael hätte Verständnis.“

In diesem Moment hatte der Kommissar ihm die Jacke an den Kopf geworfen.

„Du Schlauberger, sieh mal zu, dass du erstmal eine Frau wie Bianca abkriegst. Dann reden wir weiter. Und jetzt ab!“

Bianca folgte den Männern lachend, als sie im Flur vom Dienststellenleiter ins Büro gerufen wurde. Sie zuckte bedauernd mit den Schultern. Michael kam noch einmal auf sie zu, küsste sie und strich ihr sanft über den Arm. Dann waren die beiden Kommissare weg und Bianca folgte dem Chef.

Im Auto schwieg Michael und folgte den Gedankengängen seines Kollegen.

„Hm“, murmelte dieser, „wenn sie wirklich einen Liebhaber hatte, dann muss es ein Motiv für den Mord geben. Vielleicht wollte er sie loswerden … oder er war verheiratet und sie wollte mehr als nur Sex.“

Als jetzt sein Handy läutete, ging er rasch dran. Es war die Gerichtsmedizin. Sie sollten schnell kommen, denn es gab eine Überraschung.

„Was ist denn los?“, fragte Michael, als er Jürgen bei dem Pathologen entdeckte.

„Es wird euch nicht gefallen, aber es gibt etwas Interessantes, Kollegen!“

Den jungen Arzt hatte Michael bisher nur einmal kurz gesehen, doch nun schaute er neugierig auf sein Namensschild. „Dr. Olaf Brzsick“ las er und dachte: Wer soll sich denn so einen Namen merken? Er schaute hoch und sah in die lachenden braunen Augen des jungen Mannes, der etwa in Benedikts Alter sein musste.

„Sag einfach Olaf!“, sagte er freundlich und streckte Michael seine schmale, zarte Hand hin.

„Michael“, erwiderte der Kommissar und griff zu. „Du hast wohl meine Gedanken erraten. Also dann schieß mal los!“

„Maja Fringholm wurde stranguliert. Mit einem Seil, wie man es zum Beispiel beim Klettern benutzt. Kommt dir das irgendwie bekannt vor? Es ist zwar etwas ungewöhnlich, ein weißes Seil zu verwenden, aber darum geht es hier ja nicht. Das Material muss Polyamid sein, ein Sisalseil würde andere Spuren und auch Faserreste hinterlassen. Ich muss dir aber gleich sagen, dass man solche Seile auch in jedem Baumarkt kaufen kann. Das engt den Täterkreis nicht so richtig ein.“

Michael sah ihn fragend an, dann fiel es ihm wieder ein: Die Tote in Oestrich wurde auch mit einem solchen Seil ermordet.

„Du denkst, es ist …?“

Olaf schob ihm zwei großformatige Bilder hin, auf denen jeweils der Hals einer Frau zu sehen war und Michael ahnte, dass auf dem einen Foto Sophia Wieselburger und auf dem anderen Maja Fringholm abgelichtet waren. Die Male am Hals sahen fast identisch aus. Der Mörder musste Kraft und seine Opfer von hinten überraschen haben. Nun kam Jürgen ein Stück näher und legte ein kleines Plastiktütchen neben die Fotos auf den kühlen Edelstahltisch. Darin befanden sich winzige schwarze Fasern. Michael stöhnte.

„Oh nein, bitte nicht!“

„Doch, es ist dieselbe Faser wie bei unserem ersten Opfer. Nur dass Maja das Zeug unter den Fingernägeln hatte. Sie muss sich gewehrt haben. Olaf und ich sind uns einig: Der Täter hat ein zweites Mal zugeschlagen. Das kann einfach kein Zufall sein.“

„Scheiße“, sagte Benedikt und schob sich einen Kaugummi in den Mund.

Der Geruch hier machte ihn immer ganz still und ekelte ihn, denn der Tod hing fast greifbar in der Luft. Außerdem weckte die Umgebung stets unangenehme Erinnerungen, die er niemals hinter sich lassen konnte.

Er flüsterte: „Wir müssen den Unbekannten finden.“

Michael hatte sich zu ihm umgedreht und sah ihn nachdenklich an. Benedikt hatte recht, es war Zeit, dass sie diesen Mann vom Phantombild fanden und ihn fragen konnten, ob er die Opfer kannte.

„Danke für die Informationen. Schickt doch bitte gleich den Bericht an Bianca, wir wollten eigentlich zur Freundin des Opfers. Sie hat Maja vermisst gemeldet. Drückt die Daumen, dass sie etwas weiß.“

Sie verließen das Gebäude und Benedikt atmete sichtbar auf. Michael stieß ihn in die Seite.

„Das wird der harte Kerl wohl weich, was?“

Der junge Kollege blieb still und ernst.

Als sie wieder im Auto saßen, sagte er leise: „Ich mag diese Räume nicht. Der Tod ist schrecklich und das macht mir immer zu schaffen. Ich habe dort die Reste des Körpers meiner kleinen Schwester identifizieren müssen, weil meine Mutter zusammengeklappt war, als man ihr sagte, dass ihr Mann und das kleine Mädchen von einem Laster zerquetscht worden waren.“

Seine Stimme war voller Trauer und Michael biss sich vor Scham auf die Lippen.

„Das tut mir sehr leid, entschuldige bitte, wenn ich taktlos war. Mit der Zeit habe ich mir einen dicken Mantel von Ironie zugelegt, um das alles zu ertragen. Wann war das?“

„Vor zehn Jahren. Da haben wir noch im Norden gelebt. Meine Mutter ist kurze Zeit später gestorben, der Schmerz hat sie dahingerafft. Ich bin hierher gezogen und habe neu angefangen. Aber nun lass uns von etwas anderem reden, ich denke, wir haben Wichtigeres zu tun als über mein Schicksal nachzudenken. Ich bin gespannt, ob es einen weiteren Hinweis auf den Unbekannten gibt.“

Michael spürte, dass dieser Unfall ein Grund für Benedikt gewesen war, zur Polizei zu gehen und nickte nur.

Der Kollege redete weiter: „Wir müssen auch nach Ex-Freunden fragen. Vielleicht hat sich Maja noch mit einem von denen getroffen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass es noch nicht zu Ende ist. Was denkst du?“

„Ich hoffe, dass du nicht richtig liegst. Eigentlich ist das doch eine malerische, freundliche Gegend, aber wenn es hier einen Mann gibt, der scheinbar wahllos junge Frauen tötet, dann steigt der Druck auf uns. Die Leute haben immer Angst, dass die Touristen wegbleiben.“

Sie waren zu Sina Dunkelsberger gefahren und diese war geschockt über die furchtbare Nachricht. Weinend hatte sie wieder und wieder Clemens die Schuld gegeben. Michael hatte einen Arzt gerufen, denn die junge Frau war vollkommen fertig mit den Nerven. Sie war zwei Tage zu einem Lehrgang gewesen und hatte keine Zeit gehabt, sich nach den Nachforschungen zu erkundigen. Ob Maja einen Liebhaber oder Ex-Freund hatte, konnten die Kommissare im Moment nicht fragen. Nachdem der Arzt Sina ein Beruhigungsmittel gespritzt hatte, verabschiedeten sich die beiden Männer und versprachen, am nächsten Tag wiederzukommen.