Freundlicher Tod

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Z serii: Eltville-Thriller #4
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9

„Fred Drekelt wollte sterben!“, rief Benedikt und wedelte mit einem Brief herum, nachdem er ins Büro gestürmt war.

Michael sah vom Computer hoch und schaute seinen Kollegen fragend an.

„Der Notar hatte Gernot angerufen, um ihm den Termin für die Testamentseröffnung mitzuteilen. Dabei stellte sich heraus, dass ein Brief für seinen Neffen hinterlegt worden war, den er möglichst sofort lesen sollte. Der Notar hatte danach einen Boten zu Gernot geschickt und der hat mich angerufen. Hier lies!“

Michael nahm das weiße Blatt in der Folienhülle und sah die sanft geschwungene Handschrift. Er begann zu lesen.

Mein lieber Gernot, wenn du das hier liest, bin ich gegangen. Es tut mir leid, aber die Schmerzen haben mir trotz der Medikamente das Leben zu einer Qual gemacht. Ich wollte es dir und Jutta nicht sagen, denn ihr wart immer so gut zu mir. Es hätte euch ein schlechtes Gefühl gegeben, nicht genug für mich zu sorgen. Ich habe einen Menschen getroffen, der ein schlimmes Schicksal erlitten und mich bei meinem Schritt in die andere Welt begleitet hat. Es ist eine Welt ohne Leid und Schmerz, ohne Medikamente und Korsett. Ich bin ihm außerordentlich dankbar. Er hat mir nur das Mittel verabreicht, das ich im Krankenhaus gestohlen habe. Ich bin diesem Menschen wirklich unendlich dankbar und er konnte damit seine Seele von einer großen Schuld befreien. Lieber Gernot, du bist das letzte Familienmitglied, nimm das Geld, verkaufe das Haus und lebe! Ich wünsche mir so sehr, dass du gesund bleibst und der Krebs vor dir Halt macht. Ich liebe dich, dein Onkel Fred im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte.“

Fred Drekelt hatte den Brief eine Woche vor seinem Tod geschrieben und ihn von Jutta zur Post bringen lassen, zusammen mit allen wichtigen Papieren, die er in treuen Händen wissen wollte. Michael ließ das Blatt sinken und sah den jungen Kommissar ratlos an. Der hatte sich gesetzt und wartete auf die Reaktion seines Kollegen.

„Ich finde den alten Mann mutig“, sagte Benedikt leise. „Es wäre toll, wenn ich am Ende meines Lebens auch so klar im Kopf bin, dass ich alles regeln kann.“

„Würdest du es selbst tun oder wie Fred Drekelt einen anderen dazu überreden?“

„Keine Ahnung, ich weiß nicht, ob ich jemanden hineinziehen würde. Der Typ oder die Frau, die das getan hat, macht sich ja strafbar. Wie groß muss die Schuld des Menschen gewesen sein, um sich auf so einen Deal einzulassen?“

„Was denkst du, was er verbrochen hat?“, fragte Michael und verstand sehr gut, was sein Kollege meinte. „Mord?“

„Bestimmt hat er ein Menschenleben auf dem Gewissen. Und Schuld heißt in dem Zusammenhang für mich nicht, dass ein Unfall gemeint ist. Schuld heißt, er hat jemandem Leid zugefügt, einen Menschen getötet. Ein Mörder, der nicht im Gefängnis sitzt, ist einer, der nicht entdeckt wurde.“

Michael war aufgestanden und sagte nun: „Scheiße. Das hört sich an, als wenn wir alle ungeklärten Todesfälle noch einmal aufrollen müssen.“

„Das heißt es wohl. Ich rufe jetzt mal Bianca und den Giftzwerg an, denn die müssen den Brief sehen. Gernot Drekelt ist damit aus dem Rennen und auch diese Pflegerin, oder?“

Michael nickte und Benedikt griff nach dem Telefonhörer. Fünf Minuten später betrat Bianca das Büro und auch Dr. Rosenschuh kam direkt. Die Kommissarin las den Brief noch einmal laut vor. Ratlos ging ihr Blick danach von einem zum anderen.

„Was nun? Das heißt, es gibt einen Mann, der Fred Drekelt auf seinen Wunsch hin getötet hat, aber die Suche nach ihm wird wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen sein. Michael, wir fahren ins Krankenhaus und Benedikt, du redest nochmal mit Gernot und fragst ihn, was er über die ganze Sache denkt. Vielleicht hat der alte Mann irgendwann mal jemanden erwähnt.

„Bringen Sie mir die Person, die den Alten getötet hat, soweit kommt es noch, dass man Gott spielen darf“, grollte der Staatsanwalt.

Bianca runzelte die Stirn und zog Michael mit sich hinaus, damit er nicht irgendetwas sagte, was den Staatsanwalt reizen könnte.

Im Auto schwiegen sie, bis es aus Michael herausplatzte: „Ich kann Fred Drekelt verstehen. Ist das falsch?“

„Das Recht sagt, dass die Erhaltung des Lebens Priorität hat, aber mein Herz stimmt dir zu. Fred Drekelt hatte trotz vieler Medikamente unerträgliche Schmerzen und da hat ihm auch die Prognose des Arztes, dass er mit der Medizin noch ewig leben könne, nichts gebracht. Ich kann ihn auch verstehen, aber Dr. Rosenschuh hat schon recht: Niemand darf Gott spielen. Er hätte ihm ja auch helfen können, irgendwohin zu fahren, wo Sterbehilfe erlaubt ist.“

„Ich muss immer darüber nachdenken, wie ich selbst damit umgehen würde. Zum einen, wenn ich selbst todkrank wäre und zum anderen, wenn mich jemand bitten würde, ihm beim Sterben zu helfen. Es ist ein gruseliges Thema. Hoffentlich finden wir den Kerl schnell.“

Erneut schwiegen sie und nach ein paar Minuten bogen sie auf den Parkplatz des Krankhauses ein. Sie suchten nach der Station, auf der Fred Drekelt gelegen hatte, bevor er für die letzte Lebenszeit nach Hause gegangen war. Eine Schwester führte sie durch die Gänge und klopfte an einer Tür.

„Herein!“, rief eine energische Stimme.

Bianca sah vor sich einen etwa fünfzigjährigen Mann im weißen Kittel, der jetzt die Lesebrille auf die Stirn schob und die beiden Kommissare neugierig ansah.

„Kommen Sie doch herein, Schwester Nina hat mir gesagt, Sie kommen wegen Fred Drekelt. Ich bin Dr. Gerald Pfützsch. Nehmen Sie Platz.“

Er deutete auf die beiden Stühle vor seinem Schreibtisch und Bianca und Michael setzten sich. Die Kommissarin räusperte sich und stellte sich und Michael vor.

„Herr Dr. Pfützsch, es geht um Fred Drekelt, der tot ist. Er wurde von jemandem auf seinen Wunsch hin getötet. In einem Abschiedsbrief schreibt er, dass er im Krankenhaus das wichtige Mittel gestohlen hat. Wie kann es sein, dass ein Patient an Medikamente kommt?“

Der Arzt schaute Bianca sofort pikiert an und presste die Lippen zusammen. Die Kommissarin beobachtete die eindeutige Körpersprache und hakte nach.

„Ein Patient, der mit dem Medikament hier herausspaziert ist und sich damit hat umbringen lassen.“

„Ich verstehe, dass Sie mich angreifen, aber ich kann das erklären.“

„Ich greife Sie nicht an, Herr Dr. Pfützsch, ich frage nur nach. Haben Sie den Verlust bemerkt, nachdem der Patient das Krankenhaus verlassen hat? Haben Sie den Diebstahl angezeigt?“

„Ja, Frau Bonnét, der Vorfall ist aktenkundig. Es handelte sich um ein Narkosemittel. Wir haben eine Anzeige gemacht, der Fall wurde untersucht, aber es wurde kein Täter gefunden. Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren eingestellt. Es war aussichtslos, einen Schuldigen zu finden.“

Eingestellt, dachte Bianca, natürlich, es konnte ja auch nichts im Haus gefunden werden und wer verdächtigt schon einen netten alten Mann.

„Haben Sie den Patienten mal mit einem anderen Mann oder einer Frau in einem Gespräch gesehen?“

„Er war sehr redselig und hat den ganzen Tag außerhalb von seinem Zimmer gesessen und mit vielen Leuten gesprochen. Da war niemand Bestimmtes. Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht weiterhelfen.“

„Mein Kollege wird jetzt noch mit der einen oder anderen Schwester darüber reden. Michael, geh mal und frage noch ein bisschen herum.“

Der Angesprochene verließ das Zimmer, Bianca blieb sitzen.

„Was denken Sie? Waren die Schmerzen von Herrn Drekelt so unerträglich und sein Tod unabwendbar, sodass er einen Grund hatte zu sterben?“

„Fred Drekelt hatte Knochenkrebs mit Metastasen im ganzen Körper. Einige Tumore wurden operiert, mit Chemotherapie und Bestrahlung ging es weiter, aber der Krebs war hochaggressiv und immer wieder kamen neue Metastasen dazu. Er hat irgendwann die Behandlung abgelehnt und erklärt, er wolle die Kontrolle nicht verlieren. Der Wille eines Patienten ist das höchste Gut. Wir hätten ihn mit den verschiedensten Maßnahmen noch eine Weile an Leben halten können, aber unsere Möglichkeiten waren begrenzt. Sein Neffe kam immer und Fred Drekelt bat mich, nichts vom realen Zustand zu sagen. Ich habe mich daran gehalten.“

Bianca bedankte sich und ging auf die Suche nach Michael. Sie aßen zu Mittag und fuhren uns Büro zurück, wo Benedikt schon angekommen war und seinen Bericht tippte. Er schaute kurz hoch und sah die enttäuschten Gesichter seiner Kollegen.

„Na, war wohl nichts?“, fragt er. „Aber tröstet euch, ich habe auch keine Neuigkeiten. Ich war sogar nochmal bei der Pflegerin, aber die hat ebenso wenig sagen können, dass ein Fremder in Freds Leben oder Haus war wie der liebe Neffe.“

„Mist, den finden wir niemals“, sagte Bianca verzweifelt. „Und wenn wir ihn finden, müssen wir ihn bestrafen.“

„Frau Chefin, Sterbehilfe ist nun mal nicht erlaubt und wir müssen uns an die Gesetze halten, auch wenn es manchmal schwer zu verstehen ist.“

Bianca nickte, Michael stellte die Kaffeemaschine an und setzte sich, um den Bericht über den Besuch im Krankenhaus zu schreiben. Die Kommissarin ging in ihr Büro und informierte den Staatsanwalt über ihren Misserfolg. Anschließend überprüfte sie die Angaben zur Anzeige des Krankenhauses über den Diebstahl - hier war alles korrekt gelaufen.

Dann fiel ihr die junge Frau vom Bahnhof ein. Es hatte sich herausgestellt, dass Birte Knofbach erst fünfundzwanzig war. Sie hatte einen Schwangerschaftsabbruch hinter sich und war danach in ein tiefes schwarzes Loch gefallen. Eine Freundin hatte von ihrem Absturz in die Trauer und den Alkohol erzählt und sich Vorwürfe gemacht, dass sie sich nicht genügend gekümmert hatte. Die Bundespolizei hatte den Fall zurückgeholt, nachdem der Großeinsatz in Frankfurt beendet war und somit war es nicht mehr der Fall der Eltviller Kripo. Die Ermittlungen gingen nun auch eher in Richtung Selbstmord, nachdem die Vorgeschichte bekannt geworden war.

 

Dann zuckte Bianca zusammen. Der Lokführer hatte von zwei Personen und später von einer Frau geredet. Hatte er sich das eingebildet? Doch sicher nicht! Bianca rief Michael an und erzählte ihm von ihren Gedanken.

„Süße, es ist nicht mehr unser Fall, also vergiss es.“

„Nein, ich will nochmal mit dem Lokführer reden. Kommst du mit?“

Michael stöhnte und schnaufte, denn wenn das der Staatsanwalt mitbekommen würde, wäre wieder dicke Luft.

„Muss das sein?“

„Herr Kommissar, wir besuchen den Mann doch nur, um uns nach seinem Befinden zu erkundigen. Wir sind nett.“

Benedikt hatte das Gespräch mitbekommen, weil Michael sein Handy auf laut gestellt hatte und grinste nun.

„Tja, mit vierzig ist man nicht mehr so mutig“, stichelte er und Michael sah ihn böse an.

„Ja, ich komme mit und wir kaufen Blumen“, knurrte er ins Telefon.

Danach nahm er seine Jacke und ging grußlos hinaus. Benedikt hat ja recht, dachte er, ich werde echt alt.

Bianca wartete im Treppenhaus und die beiden fuhren zu Achim Pschingel, der immer noch nicht wieder zur Arbeit ging. Das Ganze hatte ihn vollkommen aus der Bahn geworfen. Er saß daheim auf der Couch und dachte über Schuld nach. Die Sitzungen beim Psychologen würde er noch eine lange Zeit benötigen.

10

Alexander ging zur Arbeit, machte lange Spaziergänge am Rhein oder saß in seiner neuen Wohnung vor dem Fernseher. Er hatte sich nicht mehr bei seinen Eltern gemeldet und Dörte hatte darauf bestanden, dass sie ihn in Ruhe ließen. Ab und zu besuchte sie ihren Sohn und brachte Kuchen oder etwas Selbstgekochtes mit. Sie hielt sich aber nie lange in der Wohnung auf, und manchmal lud sie Alexander auch in ein Restaurant zum Essen ein.

Er hatte so gehofft sich besser zu fühlen. Nachdem er Birte von ihren Sorgen erlöst hatte, spürte er drei Tage lang eine Art taubes Gefühl im Herzen. Stefan war nicht wieder erschienen. Die Schuld saß dick und schwer auf seinen Schultern und immer, wenn er nach vorne blicken wollte, drückte sie seinen Kopf hinunter. So kam es, dass er Nackenschmerzen hatte und sich zwei Tage krankmelden musste, weil es unerträglich war. Es hatte mit einem Zwicken begonnen, aber von Tag zu Tag wuchs der Druck und er ahnte, dass er jetzt endlich jemanden finden musste, der ihn erlöste.

Wie jeden Abend lief er auch in der letzten Januarwoche ziellos durch die kalten Nächte. Die Bänke am Rhein waren verwaist, denn bei der unfreundlichen Witterung saßen die Menschen lieber mit ihren Familien im warmen Wohnzimmer. Alexander war allein und so fühlte er sich auch. Sein Bedürfnis nach Nähe zu anderen Leuten war gering, aber manchmal sehnte er sich nach einem Gespräch, das über die Themen der Arbeit hinausgingen. Seinen neuen Nachbarn bekam er selten zu Gesicht, und wenn, dann war Benedikt, der Polizist, in Eile. Also blieb es meistens bei einem kurzen Hallo.

Einen Tag später war Wochenende und Alexander hatte in der Altstadt eingekauft. Er hatte heute frei, obwohl er lieber gearbeitet hätte, denn das lenkte ihn ein wenig von seinem Druck auf der Seele ab. Aber der Chef hatte nur abgewinkt, als er anbot, den Wochenenddienst zu übernehmen. Alexander hatte endlich mal ausgeschlafen und war am Nachmittag in die Stadt gegangen.

Die Tüte mit dem neuen T-Shirt schwang in seiner Hand hin und her und als ihn die ersten Tropfen eines kalten Regens trafen, lenkte er seine Schritte in das nächste Café. Diese Idee hatten auch viele andere Menschen, also lief er durch das ganze Lokal, bis er in der hintersten Ecke einen Tisch entdeckte, an dem nur eine einzelne Person saß.

„Entschuldigung, ist hier noch frei?“

„Ja, setzen Sie sich ruhig.“

Alexanders Blick wanderte über den reichlich gedeckten Tisch und die junge Frau hob jetzt den Kopf. Er blickte in verweinte Augen und die Bilder von Birte, wie sie vor dem Babyladen kniete, kamen ihm in den Sinn.

„Was schauen Sie denn so? Ich fresse, na und?“

„Entschuldigung“, stammelte Alexander, „ich woll­te nicht so auffällig hinstarren, aber ich dachte zuerst, Sie warten auf jemanden.“

„Sie haben aber gestarrt. Ich habe das alles bestellt und ich werde das jetzt essen.“

Der Eisbecher für Verliebte war für zwei Personen gedacht, aber das war noch nicht alles, was die junge Frau essen wollte. Zwei Stücke Sahnetorte lagen auf einem Teller, bedeckt von einem Berg Sahne, der außerdem mit einer Karamellsoße begossen war, daneben stand ein Teller mit einer heißen Waffel und schmelzendem Vanilleeis, dazu Sahne, in der Hand hatte die Frau eine große Eisschokolade, ebenfalls mit einem Sahnehäubchen. Die kleine Tasse Kaffee daneben sah einfach nur lächerlich aus.

Alexander konnte den Blick nicht von den Leckereien lassen, aber er bestellte sich beim grinsenden Kellner nur einen Cappuccino.

„Sind Sie am Verhungern oder wollen Sie sich umbringen?“, fragte er sanft und ihr Blick in Alexanders sanfte blaue Augen ließen ein winziges Lächeln in ihrem Gesicht sprießen.

Dann fiel ihr wohl ein, warum sie hier saß und das Lächeln verschwand.

„Es ist ja sowieso alles egal. Also esse ich.“

Alexander betrachtete sie genauer. Sie hatte die blonden Haare, die sie schon länger nicht mehr gepflegt hatte, locker zusammengebunden und den Pickel am Kinn notdürftig abgedeckt. Die Lippen waren nicht geschminkt, auch die Augen nicht oder der Tränenstrom hatte alles fortgespült. Sie war schwarz gekleidet und die Rundungen zeichneten sich unter dem engen Pullover unvorteilhaft ab.

Alexander sagte leise: „Es gibt doch kein Problem, was man mit so viel Essen aus der Welt schaffen kann. Warum tun sie sich das an? Sie sind eine schöne Frau.“

In der Vergangenheit war das wohl auch mal so gewesen, aber die Frau hatte sich anscheinend schon längere Zeit gehenlassen. Sie schüttelte den Kopf und Tränen rannen über ihre Wangen.

„Mein Problem kann ich sowieso nicht aus der Welt schaffen, aber das Essen gleicht den Kummer aus. Also, was soll’s? Niemanden interessiert, wie es mir geht.“

„Ich bin Alexander und mich interessiert es!“

„Ich bin Andrea und das Leben ist Scheiße.“

„Wer um Himmels willen hat Ihnen das angetan?“

„Wer?“

Sie lachte verbittert.

„Mein ach so toller Freund ist ein Schwein. Dieser Mistkerl hat mich verarscht.“

„Komm, Andrea, erzähl mir die ganze Geschichte. Ich helfe dir, wenn du mir versprichst, den ganzen Mist hier nicht zu essen.“

Wieder lachte die Frau.

„Wie witzig! Du willst mir helfen? Alexander, was denkst du, wer du bist? Mir kann niemand helfen.“

„Ich will nur nett sein und dich vor einem Fehler bewahren. Gib mir deine Hand und schau mich an.“

Zögernd und überrumpelt reichte Andrea ihm die Hand und sah ihm in die Augen. Die waren schön und blau und von einem Kranz langer Wimpern gesäumt. Die Lippen waren schmal, die blonden Locken voller Glanz und sein Lächeln war offen und freundlich. Langsam beruhigte sich Andrea und wischte die Tränen ab. Angewidert schob sie das Essen von sich und nickte.

„Du hast recht. Das Schwein ist es nicht wert. Ich vertraue dir, denn du scheinst es ehrlich zu meinen. Schon lange hat es keiner ehrlich mit mir gemeint. Also, ich muss ein wenig ausholen. Ich habe Sean vor zehn Jahren kennengelernt. Er war der schönste und beste Mann auf der Welt und wir waren sehr glücklich. Er hat viel gearbeitet und es ging uns gut. Wir hatten ein Haus, zwei Autos, wir sind gereist und sind oft essen gegangen. Nur eines hatten wir nicht: Kinder. Ich habe mir immer so sehr Kinder gewünscht, aber er konnte keine zeugen. Irgendwann hatte ich mich damit abgefunden und dachte: Dann soll es halt nicht sein.“

„Ja, manchmal ist es eben Schicksal. Und wie ging es weiter? Das klingt doch nach einem glücklichen und ausgeglichenen Leben.“

„Vor einem Jahr war er wie so oft auf einer Dienstreise und ich saß alleine zuhause. Da klingelte es und eine Frau stand vor meiner Tür. Sie bat mich um ein Gespräch über meinen Freund und was sie mir sagte, nachdem ich sie arglos ins Haus gelassen hatte, zog mir den Boden unter den Füßen weg. Sie legte ein Foto auf den Tisch und schwieg. Ich konnte kaum atmen und begriff erst nicht, was ich das sah. Das Bild zeigte Sean, eine blonde Frau, ein größeres Mädchen und zwei bildhübsche Zwillingsjungs. Ich habe sie gefragt, was das bedeutet und sie sagte mir, dass das ihr Mann sei und die Kinder seien ihre gemeinsamen Kinder.“

„Oh mein Gott, ich verstehe vollkommen, wie du dich gefühlt haben musstest. War das die Wahrheit?“

„Leider ja. Mein toller Freund hatte schon seit mehreren Jahren eine Frau und drei Kinder. Er war mit dieser Frau verheiratet!“

Andreas Stimme war lauter geworden und ein älteres Ehepaar drehte sich kopfschüttelnd um.

Sie fuhr fort: „Dieser Wichser hat jahrelang ein Doppelleben geführt und seine Frau war dahintergekommen. Sie verlangte von mir, dass ich ihn nie wiedersehe. Da ist mir der Kragen geplatzt und ich habe sie wüst beschimpft und hinausgeworfen. Sie muss sofort zu Sean gefahren sein und der stand am Abend vor meiner Tür. Er hat mich beiseitegeschoben und ist die Treppe hoch, um meine, verstehst du, MEINE Sachen zu packen. Er sagte: Morgen musst du hier weg sein, du kannst hier nicht wohnen bleiben. Und dann sagte er noch, ich müsse Verständnis haben für die eilige Maßnahme, denn die Kinder sollten doch nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Seine Frau würde mir eine neue Wohnung besorgen. Er hat mir ein paar Geldscheine in die Hand gedrückt und mich mit meiner Tasche aus dem Haus geschoben, damit ich in ein Hotel ziehe.“

„So ein Mistkerl. Den hätte ich … ach Andrea, warum hast du dir das gefallen lassen?“

„Was sollte ich denn deiner Meinung nach tun? Sie war hübsch, schlank, jung und sie hatte das, was ich mir immer gewünscht habe: Kinder. Der Drecksack hat mich belogen und betrogen. Er hatte mir erzählt, dass er unfruchtbar sei. Dieses Schwein. Und jetzt bin ich alleine, wohne in einer miesen Bude und habe nichts mehr. Ich wollte, ich wäre tot, aber ich hatte bisher nicht den Mumm, mich umzubringen.“

„Das musst du auch nicht. Es gibt sicher eine bessere Lösung. Komm doch mit. Der Regen ist vorbei, wir gehen ein bisschen spazieren und ich überlege mir, wie ich dir helfen kann.“

Alexander trug seit dem Umzug das Rasiermesser seines Vaters, das er nicht mehr benutzte, in der Jackentasche mit sich herum. Vor drei Jahren hatte Klaas von seiner Frau einen elektrischen Rasierapparat bekommen und das scharfe Messer seinem Sohn vererbt. Es lag im Schrank unter dem Stapel Hosen und er hatte es eingesteckt. Nun schloss er seine Hand um den glattpolierten Horngriff.

„Du hast ja recht“, hörte er Andrea sagen, „er ist es nicht wert. Gut, ich werde das Zeug nicht essen, sondern mit dir an die frische Luft gehen. Aber nicht an den Rhein! Da sind mit zu viele Leute und die starren mich alle an.“

Sie bezahlten und verließen das Café. Langsam kroch die Dämmerung heran, aber es war nicht mehr so kalt. Alexander hielt das Messer fest und wusste, was zu tun war, als sie ihre Schritte aus der Stadt hinaus in die Weinberge lenkten. Stefan schloss sich ihnen an und plötzlich fühlte sich Alexander stark und gut.

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