Der Brand der Cheopspyramide

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§ 12.

Wochenend an den Niagara-Fällen. Alle Gasthöfe überfüllt. Unmöglich, die Massen in den engen Mauern zu beherbergen… und immer neue noch, die zu Wasser, zu Lande und zu Luft herbeiströmen. In selbstgebauten Zelten, oft aus den unmöglichsten Dingen errichtet, lagerten Tausende und aber Tausende in Erwartung jenes Moments, von dem man in den Staaten, ja in der ganzen Welt schon seit Wochen sprach. Sie erwarteten jenen Augenblick, an dem Punkt 12 Uhr mittags alle Wasserkräfte des Niagara mit ihren 35 Millionen Pferdestärken auf jenen Versuch Jeffersons konzentriert werden sollten. Auf jenen wunderbaren Versuch, von dessen Erfolg für das Wirtschaftsleben der ganzen Welt so unendlich viel abhängen konnte… wenn er gelang.

Das südliche, amerikanische Ufer der Fälle war seit einer Woche gänzlich abgesperrt. Dort hatte man in den massiven Fels der hohen Ufermauern unterhalb der Fälle einen Stollen gesprengt, der den Versuchsraum bilden sollte. Auf dem anderen, dem kanadischen Ufer, staute sich die neugierige Menge. Staute sich und starrte, obwohl kaum etwas zu sehen war. Nur der betonierte Stolleneingang, in den ein paar mannstarke Kabel hineinführten.

Um 12 Uhr sollte das Experiment stattfinden. Jetzt war es 11 Uhr. Schon begannen die in Flugzeugen Kommenden sich möglichst gute Plätze in der Luft zu sichern. Etagenweis stand die ungeheure Menge der Flugzeuge im Äther über den Flußufern aufgebaut.

Die Fälle selbst donnerten jetzt am Sonntag mit kaum geschwächter Kraft in die Tiefe, wie sie schon vor Hunderten und Tausenden von Jahren niedergestürzt waren. Unendliche Wassermassen, die über die Felskante fielen und Gischt und Nebel 100 Meter hoch warfen. Denn so war es ja jetzt geregelt. Wenn am Samstag die großen Kraftwerke den größten Teil ihres Betriebes stillegten, wenn nur noch ein Teil der Energie für Beleuchtungs- und Verkehrszwecke gebraucht wurde, darin schloß sich allmählich eine der Kanalschleusen nach der anderen, und die Wassermassen, deren Energie im Augenblick nicht mehr benötigt wurde, durften sich im freien Sturz im alten Bett austoben. Ein majestätisches Schauspiel für die Besucher, die jeden Sonntag zu den Fällen kamen. Ein Schauspiel, das jedesmal bis zum Montag morgen währte, an dem sich die Schleusen wieder öffneten und die Wassermassen zu den riesigen Turbinen leitete.

Heute trat diese Veränderung schon am Sonntag um 11 Uhr vormittags ein. Eine Schleuse nach der anderen wurde geöffnet, ein Kraftwerk nach dem anderen nahm den Betrieb an dem sonst so heilig gehaltenen Sonntag voll auf, um seinen Beitrag an Energie für das Experiment liefern zu können. Schwächer und schwächer wurden die Wassermassen, die noch über die Felskante stürzten. Nur noch ein leises Rieseln schwacher Rinnsale. Jetzt ist der kanadische Fall fast völlig trocken, jetzt auch der Horseshoe-Fall auf der anderen Seite. Die Ziegeninsel in der Mitte, Goats-Island, trockenen Fußes von beiden Ufern her erreichbar. Alle Kraft der Fälle arbeitete in den Werken, bereit, im entscheidenden Augenblick durch eine einzige Schalterbewegung in jenen in den massiven Fels eingesprengten Experimentierraum geleitet zu werden. Eine druckfeste Wanne dort tief im Felsen, gefüllt mit einigen wenigen Zentnern reinen Quecksilbers. Um 12 Uhr würden sich 35 Millionen Pferdestärken auf dieses Quecksilber stürzen, würden es… wie die Physiker erwarteten… zertrümmern… in Gold… in Helium… in Nichts. Selbst wenn das Experiment nicht in seiner ganzen Größe gelang, wenn die Atomenergie des Quecksilbers noch nicht freigemacht werden konnte, so erwartete man doch mit Sicherheit die Zerlegung und Umwandlung des Quecksilbers in einfachere Elemente.

§ 13.

Ein Mann in besten Jahren, einfach gekleidet, vielleicht ein Arbeiter aus den Kraftwerken, suchte sich durch die dichtgedrängten Menschenmassen am kanadischen Ufer nach vorn zu schieben. Was ganz unmöglich schien, nach und nach war’s ihm gelungen, sich bis zu den vordersten Reihen durchzudrängen. In nächster Nähe eines hochgewachsenen blonden Mannes hielt er plötzlich an. Betrachtete den Minuten hindurch mit größter Aufmerksamkeit. Murmelte dann zu den Umstehenden etwas von Unwohlsein und begann sich wiederum hastig nach rückwärts durch die Massen zu drängen.

Jetzt blieb er wieder stehen. Stand in der Nähe eines anderen, mit äußerster Eleganz gekleideten Herrn unbestimmten Alters. Machte dem, für die Umstehenden gar nicht bemerkbar, ein Zeichen mit den Fingern, und sofort begann auch dieser andere seinen Platz zu verlassen, sich aus dem Gedränge nach hinten hin zurückzuarbeiten, wo der Platz freier, mehr Beweglichkeit möglich war. Dort stand der Elegante, holte ein Taschentuch aus der Brusttasche und breitete es umständlich aus. Es war ein weißes großes Tuch mit einem gezackten blauen Rand. Er wischte sich damit den Schweiß von der Stirn und legte es genauso umständlich wieder zusammen, wie er es entfaltet hatte. Dann, als ob ihm das noch nicht genug, zog er ein rotseidenes Tuch heraus, mit dem er sich Luft zufächelte, als wäre ihm die Hitze ganz unerträglich geworden, entfaltete er ein neues weißes Tuch und führte auch das ans Gesicht. Dann sprang er in einen der hier stehenden Kraftwagen und fuhr in Richtung der Stadt davon.

Im gleichen Augenblick begann sich einer der in der obersten Flugschiffreihe stehenden Hubschrauber aus dem Verband zu lösen, flog über den Fluß und nahm ebenfalls den Kurs zur Stadt.

Der Apparat Iversen arbeitete. Seine Spürhunde hingen an Eiseneckers Fersen und würden ihn auch hier in dieser Riesenmenge bestimmt nicht aus den Augen verlieren.

§ 14.

Je näher die Mittagsstunde kam, desto höher stieg die Erregung der vieltausendköpfigen Menge. Sinnlos schoben die Massen immer weiter nach vorn. Auch das umfangreiche Polizeiaufgebot vermochte nicht mehr, die befohlene Ordnung aufrechtzuerhalten. Schon gab es Verwundete und Ohnmächtige in dem gefährlichen Gedränge. Die Sanitätsmannschaften hatten alle Hände voll zu tun. Immer gewaltiger der Lärm, immer wilder die Stimmung.

Da endlich 12 Uhr!… Ein Kanonenschuß erdröhnte… sekundenlange Stille folgte. Alles starrte wie hypnotisiert auf das gegenüberliegende Ufer.

Ein leichtes Dröhnen und Brausen drang durch die Luft. Ein Zittern ging durch den Erdboden. Dann ein befreiender Aufschrei aus hunderttausend Kehlen.

Bravo!… Hurra!… Händeklatschen… die Massen kamen in Bewegung. Ihr Johlen und Schreien wetteiferte mit dem immer stärker werdenden Dröhnen in den Felsen des anderen Ufers.

Doch stärker und stärker wurde das Dröhnen, wurde zum Donnern… und dann ein häßlicher markdurchdringender Klang. Ähnlich etwa, wie wenn das eiserne Rad eines schweren Wagens auf der Straße einen Ziegelstein zermalmt. Aber vieltausendfach stärker, millionenfach kreischender. Ein Klang, bei dem es den Hunderttausenden auf dem gegenüberliegenden Ufer kalt über den Rücken rann.

Die Menge stand starr, stierte in höchster Spannung auf das gegenüberliegende Ufer, auf jene Stelle hin, wo die meterstarken Kabel in den Fels eintraten. Starrte und sah, was geschah.

Die ganze gewaltige Felswand dort drüben geriet in Bewegung, schwankte wie im Erdbeben und klaffte in immer größer werdenden Rissen auseinander. Leichter Dampf schoß aus den Spalten. Wassermassen folgten. Immer mächtiger, immer gewaltiger brachen sie aus der Felswand. In breitem Schwall sprudelten sie aus den Klüften, stürzten schäumend und donnernd in die Tiefe.

Was war das? War eine verborgene Wasserader angeschlagen? Nein!… Wie ein Lauffeuer ging es durch die Tausende.

Eine Katastrophe hatte sich ereignet, eine Katastrophe für die Kraftanlage. Die riesige Energie, tief im Felsen auf einen einzigen Punkt konzentriert, hatte sich gewaltsam Luft gemacht. Sie hatte die Eingeweide der Felswand zerstört, zerbrochen, zermalmt. Die Turbinenschächte, die von den oberen Stromschnellen her das Kraftwasser zu den Werken führten, waren aufgebrochen und verschüttet, alle Kraftanlagen tot… unbrauchbar.

Die sinnlose Menge sah es und jubelte beim Bilde dieser Zerstörung. Was kam es noch weiter auf die Kraftwerke an. Das Experiment mußte ja gelungen sein… mußte ganz sicher geglückt sein. Und dann, im Besitze der neuen Energie, der Atomenergie… was brauchte man da noch die Wasserkraftwerke des Niagara.

Und wenn es etwa nicht vollständig gelungen war, wenn die Atomenergie noch nicht entfesselt war… das mußte doch zum mindesten geglückt sein, die Umwandlung des Quecksilbers in Gold. Und mit dem Golde, damit konnte man ja leicht neue bessere Turbinenschächte bauen, wenn man die Kraftwerke vorläufig doch noch brauchen sollte.

Die große Menge war bei diesem Schauspiel jedenfalls auf ihre Kosten gekommen und machte ihrer Begeisterung in unendlichem Toben und Lärmen Luft.

Das Experiment William Jefferson war zu Ende. War es wirklich gelungen? Erst nach Tagen, vielleicht nach Wochen würde man darüber etwas wissen können. Dann erst, wenn die entfesselten Wassermassen wieder abgelenkt, der Zutritt zu dem Versuchsstollen wieder frei sein würde. Dann vielleicht, wenn die tobenden Fluten den ganzen Apparat nicht etwa mitgerissen und alle Ergebnisse fortgeschwemmt hatten. Jetzt wußte man noch nichts darüber. Aber schon jetzt war es für jeden Fachmann klar, daß es viele Millionen und lange Arbeit kosten würde, um die verhängnisvollen Folgen dieses Experimentes zu beseitigen und den alten Zustand der Kraftwerke wiederherzustellen.

§ 15.

Abendgesellschaft im Königsschloß von Madrid. Schimmernde Uniformen hoher Offiziere mischten sich mit dem schwarzen Kleid der obersten Beamten und Diplomaten. Wie ein bunter Flor dazwischen die vielfarbigen glänzenden Toiletten der Damen.

 

Der neue Hof. Die ganze neue Gesellschaft, die sich um diesen Hof scharte. Darunter wohl einige schiffbrüchige Existenzen der alten Gesellschaft… Alles war versammelt. Trotzdem offensichtlich eine gewisse Auswahl unter den farbigen Vertretern getroffen war, sah man doch so ziemlich alle Typen des nordafrikanischen Völkergemisches. Hier der stolze gelassene Maure, dort der schlanke rassige Berber. Neben dem eleganten Tunesier der blonde, blauäugige Rifkabyle. Dazwischen die Kreuzungen aller dieser Rassen. Mischlinge aus europäischem und afrikanischem Blut.

Unter den Damen die gleichen Erscheinungen. Die entblößten Nacken und Arme blitzten von kostbarem Schmuck, übergossen vom Sonnenglanz der elektrischen Lampen.

An der Seite der Fürstin Iraklis, welche für die fehlende Hausfrau die Honneurs machte, Prinz Ahmed Fuad, der Bruder des Kalifen. Das Antlitz schwach gebräunt, unter den schweren Lidern ein paar dunkle Augen. In ungezwungener Haltung begrüßte er jeden Gast mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit.

Jetzt verweilte er lange bei einem hohen Offizier, dem der linke Ärmel leer an der Uniform hing. Das war Fürst Murad Iraklis, der berühmte Führer der maurischen Vorhut. Sein Haar war stark ergraut, doch straff die Haltung, ungebeugt die Gestalt. Das ebenmäßig geschnittene Gesicht, die helle Hautfarbe ließen ihn durchaus als Europäer erscheinen. Fürst Iraklis, der Georgier, der Kaukasus seine Heimat. Doch nach einem Zwist mit Soliman el Gazi, dem Kalifen des neuen asiatischen Reiches, war der Feuerkopf außer Landes gegangen, war der Paladin des maurischen Kalifen geworden.

An seiner Seite ein junges blondes Mädchen. Nordländischer Typ unverkennbar. Bewundernd blickten die blauen strahlenden Augen auf das glänzende Bild dieser Gesellschaft… und doch wäre ein gewisser müder, abgespannter Ausdruck in den feinen Zügen dem aufmerksamen Beobachter kaum entgangen. Es war Modeste von Karsküll, die Schwester der Baronin Jolanthe. Die schöne Russin, wie sie in der Madrider Gesellschaft genannt wurde.

Erst seit kurzem weilte sie hier. So überraschend und verwirrend war alles gekommen. Vor wenigen Wochen noch in Livland auf dem einsamen Tirsenhof. Und dann plötzlich diese Reise nach Spanien, hier die Einführung in die Gesellschaft und bei Hofe.

Jolanthe hatte sie von dort geholt. Wollte sie der Einsamkeit entreißen, ihr die Schönheiten Europas zeigen.

Das Reiseziel? Alle Hauptstädte Europas standen auf dem Programm. Der Tod des alten Fürsten Iraklis warf es über den Haufen.

Ein gewaltiger Besitz hatte seinen Herrn verloren. Zwar ging der bedeutendste Teil davon an den Fürsten Murad, aber große Liegenschaften fielen auch an Jolanthe. Eine Auseinandersetzung war notwendig. So ging sie nach Spanien, und so kam Modeste von Karsküll nach Madrid. Herzlich hier die Aufnahme der Schwestern im Hause des Gouverneurs.

Aber dann… Modeste hatte die Gründe dafür nicht recht verstehen können… dann mußte Jolanthe plötzlich in einer wichtigen Angelegenheit nach London fahren. Auf kurze Zeit nur, hieß es. Täglich wurde sie jetzt zurückerwartet. Inzwischen boten die Verwandten alles auf, um Modeste den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen, ihr durch Zerstreuungen und Unterhaltungen aller Art über die Trennung hinwegzuhelfen.

Prinz Ahmed Fuad, der Regent, kam öfters in das Haus des Gouverneurs. Hier sah er Modeste das erstemal. Tief war der Eindruck, den Modestes taufrische Jugend, in blonder Schönheit blühend, auf den maurischen Fürsten machte. Tief die Leidenschaft, die das Blut des reifen Mannes entflammte. Immer häufiger wurden die Besuche des Prinzen, so häufig bald, daß ihre Ursache dem Fürstenpaar nicht länger verborgen bleiben konnte. Auch in der Gesellschaft huldigte der Prinz der jungen Baronin in solcher Weise, daß es vielen auffiel.

Modeste, betäubt und berauscht von dem glänzenden Leben dieser Hofkreise, in das sie so plötzlich getreten war, ließ sich seine Huldigungen ahnungslos gefallen. Die vornehme, unaufdringliche Art, in der Prinz Ahmed sie mit den Beweisen seiner Ergebenheit umgab, schmeichelte ihr.

Erst allmählich gelang es ihr, den klaren Blick wiederzugewinnen. Mit Erschrecken hatte sie wahrgenommen, daß die Worte und Blicke des Prinzen mehr bedeuteten als die üblichen Huldigungen des galanten Kavaliers. Was sollte sie tun? Sich der Fürstin Iraklis anvertrauen, diese um Rat fragen? Sie ließ den Gedanken bald wieder fallen.

So ganz anders stand sie ja der Familie des Gouverneurs gegenüber als Jolanthe, die durch enge Blutsverwandtschaft mit dem Fürsten Iraklis verbunden war. Ihr wollte es nicht gelingen, ein wärmeres Gefühl für die Fürstin zu fassen. Zu vieles schied sie innerlich von der Frau, die auf Seiten der Gegner des europäischen Vaterlandes stand.

Gegner des Vaterlandes? Modeste begann in diesen Wochen, da Jolanthe in London weilte, über die Verhältnisse nachzudenken. Fürst Murad, der rechte Oheim Jolanthes, der Eroberer Spaniens, das Schwert des Kalifen. Jolanthe, die Schwester? Fühlte die noch für das europäische Vaterland, oder stand ihr Herz auf der Seite der maurischen Eroberer?

Modeste erschrak bei dem Gedanken. Sie fühlte, daß sie hier allein stand, ihre Sache allein auskämpfen mußte. Bis die Schwester wiederkam, bis sie dies Land verlassen, nach Europa zurückkehren konnte. Zurück, wenn es sein mußte, selbst in die enge Stille des Tirsenhofes.

Sie nahm sich vor, sich dem Prinzen gegenüber so reserviert wie möglich zu verhalten, seine Nähe, so gut es ging, überhaupt zu meiden. Und erreichte damit doch nur das Gegenteil. Mehr denn je bemühte er sich jetzt um sie und zeichnete sie vor aller Welt in einer Weise aus, daß kein Zweifel an seinen Gefühlen bestehen konnte. Jetzt wieder, als der Prinz so auffällig lange bei ihr verweilte, glaubte sie zu spüren, wie die Blicke der Gesellschaft auf ihr brannten, glaubte das Geflüster zu hören, das von Mund zu Mund durch den Saal ging.

Da brandeten die Wellen der Musik durch den weiten Raum. Eine tiefe Verbeugung des Prinzen. Er reichte Modeste den Arm und eröffnete mit ihr den Ball. Röte und Blässe wechselten in ihren Zügen. Schwankend ging sie an seiner Seite. Fast körperlich glaubte sie jetzt die Blicke der Gäste zu fühlen. Diese Auszeichnung vor den Augen der Hofgesellschaft. Kaum, daß sie Kräfte fand, die freundlichen Worte, die der Prinz zu ihr sprach, zu erwidern.

Erlöst atmete sie auf, als der Rundgang beendet war und der Prinz sie zu dem Fürstenpaar zurückführte. Wie hilfesuchend wollte sie sich an den Arm des Fürsten hängen, doch die erhobene Hand fiel zurück, als sie das strahlende, vielsagende Lächeln in deren Mienen sah. Hier war es vergeblich, Beistand zu suchen. Alleinsein der einzige Wunsch.

Mit unsicheren, zitternden Gliedern gelang es ihr, sich aus dem Gedränge der Gäste zu entfernen. In einer Ecke des großen Wintergartens sank sie erschöpft auf eine Bank nieder. Die Stille, die kühle Luft hier beruhigten sie. Allmählich gelang es ihr, ihre Selbstbeherrschung wiederzugewinnen. Sie wollte sich erheben, in den Saal zurückkehren, da stand der Prinz vor ihr.

»Verzeihung, Baronin… Ihr Entfernen… Sie fühlen sich nicht wohl?… Ich bin besorgt.« Er blickte in ein farbloses Antlitz, das sich abzuwenden versuchte. Wie abwehrend hob Modeste die Hand. Der Prinz ergriff sie, hielt sie fest.

»Baronin… Modeste, ich glaubte Ihr Vertrauen zu besitzen… ich fühle, daß Ihre Freundlichkeit gegen mich geringer… habe ich Sie gekränkt?«

»Nein, ich fühle mich nicht gekränkt… ich wüßte auch nicht, daß ich mich irgendwie geändert hätte.«

»O doch! Sie sind ganz anders in der letzten Zeit geworden. Die schöne Freundschaft, die Sie mir am Anfang unserer Bekanntschaft gönnten, die mich so sehr beglückte, ist verschwunden… habe ich das verschuldet?«

Der Prinz stockte. Modeste fühlte den zitternden Unterton seiner Stimme, fühlte, wie er immer fester ihre Hand umklammerte.

»Modeste…?« Drängend, werbend klang der Name ihr ins Ohr. Mit aller Kraft versuchte sie den Bann zu brechen, in den die Stimme sie zu zwingen drohte. Nach einer Pause kam ihre Antwort.

»Was wünschen Königliche Hoheit?«

Ihre Stimme klang fest. Das scharf hervorgehobene Wort ›königliche Hoheit‹ im Gegensatz zu seiner vertraulichen Anrede brachte ihn ein wenig zu sich.

Mit einer raschen Bewegung machte Modeste ihre Hand frei.

»Verzeihung, Baronin… wenn ich irrte, wenn ich glaubte…«

Noch einmal suchte er ihre Hand zu erfassen. Sie barg sie hinter sich, wandte sich wie zur Flucht.

Er vertrat ihr den Weg.

»Noch eine Frage, noch die letzte, Baronin…«

»Königliche Hoheit!« Die Stimme seines Adjutanten klang vom Eingang her. Ahmed Fuad zuckte zusammen. Mit drohender Miene wandte er sich um. Der Adjutant kam auf ihn zugeschritten.

»Was ist?« Die Stimme des Prinzen klang heiser vor Zorn.

»Das Telegramm aus England, Königliche Hoheit!«

In der Stimme des Offiziers klang etwas, das den Prinzen aufhorchen ließ.

»Das Telegramm?«

»Jawohl, Königliche Hoheit. Ich glaubte die Nachricht unverzüglich…«

»Gewiß!… Natürlich… Sie sind vollkommen entschuldigt. Rufen Sie den Fürsten Iraklis sofort in mein Arbeitszimmer. Die Gesellschaft… entschuldigen Sie mein Fernbleiben, gnädigste Baronin. Die Staatsgeschäfte zwingen mich, dem schönsten Fest den Rücken zu kehren.«

Er reichte Modeste den Arm und führte sie zum Ballsaal zurück. Am Eingang beugte er sich über ihre Hand. Sein Blick suchte ihr Gesicht, es war abgewandt.

»Die Frage… Baronin, später werde ich sie…«

Noch ehe er den Satz vollendet, war Modeste von seiner Seite verschwunden. Er verfolgte sie mit den Blicken, sah sie im Gewühl der Gäste zur Fürstin Iraklis eilen. Der Adjutant riß ihn aus seinen Sinnen.

»Das Telegramm aus England, Königliche Hoheit.«

§ 16.

Fürst Iraklis saß dem Prinzen gegenüber. Die chiffrierte Depesche lag auf dem Tisch zwischen ihnen. Trotzdem niemand außer ihnen in dem großen Raum war, sprachen sie nur flüsternd miteinander, als fürchteten sie, daß die Wände Ohren hätten. Beide befanden sich, es war unverkennbar, in starker Erregung. Aber ihre freudigen Mienen verrieten, daß die Nachricht nicht nur wichtig, daß sie auch gut sein mußte.

Der Prinz sprach.

»Und wem verdanken wir diesen wichtigen Erfolg? Einzig und allein Ihrer Nichte, Fürst. Ohne sie wäre es wohl niemals gelungen.«

»Ich bin beglückt, daß es ein Mitglied meiner Familie war, dem unsere Sache das zu verdanken hat.«

»Sie dürfen stolz darauf sein, Fürst Murad. Der bewundernswürdige Geist Jolanthes… sie hat schon manche Probe gegeben, das hier ist das Beste, was sie je geleistet. Die Art und Weise, wie sie alles vorbereitet… die kühne und glückliche Ausführung dann… es verdient uneingeschränkteste Bewunderung und Anerkennung. Mein Bruder, der Kalif, wird mit den Beweisen seiner Huld nicht zurückhalten… soweit es möglich ist, ohne Jolanthes Verhältnis zu uns zu decouvrieren.«

»Es ist meine ständige Sorge, daß eines Tages die Mission Jolanthes bekannt würde. Die Folgen für sie wären unausdenkbar.«

»…unausdenkbar. Das muß in jedem Falle vermieden werden.«

»Ich habe ihr schon mehrfach Vorstellungen gemacht. Sie zu größerer Vorsicht gemahnt. Sie lacht mich aus. Ich kenne Jolanthe aus ihrer frühesten Kindheit. Sie war stets ein streitbarer, schwer zu bändigender Charakter. Tollkühn, waghalsig, jedem Sport zugeneigt, der Gefahren in sich barg. Sie bedauerte es immer, nicht als Mann auf die Welt gekommen zu sein. Stundenlang konnte sie von den großen Taten schwärmen, die sie dann ausrichten würde. Als der letzte Krieg ausbrach, war sie eines Tages aus meinem Hause verschwunden.«

Der Prinz nickte.

»Ich hörte davon. Sie soll es fertiggebracht haben, als Freiwillige… nein, als Freiwilliger in das Heer Solimans einzutreten.«

»Sie hat es in der Tat fertiggebracht. Wir mußten lange Zeit suchen, bis es uns gelang, sie zu finden. Soliman el Gazi ließ sie sich vorstellen. Sie fiel ihm zu Füßen und bat, im Heere bleiben zu dürfen. Er schlug es ihr natürlich ab. Als sie bei ihrer Bitte beharrte, machte ein Adjutant scherzend den Vorschlag, sie möchte doch die gegnerischen Kriegspläne holen und uns bringen.

Ich sehe noch, wie Jolanthe aufhorchte, überlegte, dann plötzlich, als hätte sie einen Entschluß gefaßt, aufsprang und davonlief. Die anderen lachten. Ich, der Jolanthe kannte, äußerte Bedenken. Doch Königliche Hoheit kennen ja die Geschichte von früher her.«

 

»Ich hörte davon sprechen… andeutungsweise.«

Der Prinz schüttelte nachdenklich den Kopf.

»Es ist nicht gut für uns… gefährlich für Jolanthe, wenn diese Geschichten zu vielen bekannt werden. Ich hörte nur, daß sie auch hier das Unmögliche möglich machte.«

»So war es in der Tat. Vier Wochen nach jener Szene stieß ein Flugzeug im türkischen Hauptquartier nieder. Jolanthe trat heraus. Sie hatte es selbst gesteuert, verlangte, zum Sultan geführt zu werden. Zufälligerweise war es derselbe Adjutant von damals, der sie empfing und lächelnd nach den Kriegsplänen fragte.

Statt der Antwort legte sie ein umfangreiches Paket auf den Tisch. Man glaubte immer noch an einen Scherz. Man öffnete es, und es waren die Abschriften der Feind-Pläne. Wie sie das zuwege gebracht hat? Man muß es aus ihrem Munde selbst hören. Wenn sie wiederkommt…«

»Wann denken Sie, daß wir Jolanthe wieder hier haben werden?«

»Das hängt von unserem Londoner Botschafter ab. Er allein kann die Situation klar beurteilen.«

»Sie wird ihre Schwester Modeste später mit nach London nehmen?«

»Sie hatte die Absicht.«

Ein Schatten lief über das Gesicht des Prinzen.

»Ich würde das sehr bedauern…«

»Gestatten Sie mir gnädigst ein offenes Wort?«

»Bitte, Fürst Iraklis, sprechen Sie.«

»Die Auszeichnung, mit der Königliche Hoheit Modeste von Karsküll begegnen… so ehrend sie auch ist, ist doch geeignet, in den Augen der Gesellschaft…«

Der Prinz richtete sich hoch auf.

»Die Gesellschaft? Wer wagt es, Modeste…?«

»Ich bitte, niemand wagt es… doch dürfte es genügen, die Gesichter der einzelnen zu beobachten, um zu wissen, wie man darüber denkt.«

Der Prinz war aufgesprungen und schritt erregt auf und ab.

»Die Gesellschaft!« Ein bitteres Lachen begleitete die Worte. »Ja, ja, die Gesellschaft. Ich hätte sie besser kennen sollen. Nichts ist dieser sensationslüsternen Menge heilig. Nichts bleibt von ihren unlauteren Gedanken verschont…«

Ein Zug zweifelnder Freude glitt über sein Gesicht. Sollte es das gewesen sein, was Modeste so verwandelte? Sollte die Furcht vor dem Urteil der Menge, der Meinung ihrer Umgebung die Ursache sein? Daher vielleicht der Zwiespalt ihrer Gefühle, daß sie über die Lauterkeit seiner Pläne in Unklarheit geraten?

Er trat an den Fürsten heran und legte ihm leicht die Hand auf die Schulter.

»Sie selbst, mein Fürst, haben, ich bin dessen gewiß, niemals geglaubt, daß ich aus anderen als rein freundschaftlichen Gefühlen heraus den Verkehr in Ihrer Familie gepflogen habe. Schon meine hohe Achtung vor Ihnen dürfte Ihnen Gewähr geben, daß es mir fern liegt, der Ehre Ihres Hauses zu nahe zu treten…«

Der Prinz stockte, als würde es ihm schwer, die Worte zu finden, sprach dann langsam weiter.

»Ich selbst habe es eine Zeitlang nicht vermocht, mir über meine Gefühle klare Rechenschaft zu geben. Die verschiedenen Verhältnisse… politische Erwägungen… Sie verstehen.

Jetzt bin ich mir vollständig im klaren. Hören Sie! Ich habe bei meinem Bruder als dem Oberhaupt der Familie angefragt, wie er sich zu meiner Heirat mit Modeste stellen würde.«

Fürst Iraklis war aufgestanden und beugte sich tief über die Hand, die der Prinz ihm entgegenstreckte.

»Ich verhehle Ihnen nicht, Fürst Iraklis, daß es von der Seite des Kalifen aus gesehen Gründe gibt, die dagegen sprechen. Ich hoffe jedoch, daß er sich meinen Darlegungen nicht verschließen und meiner Bitte ein gnädiges Ohr schenken wird. Bliebe nur das Wichtigste: wie wird Modeste meinen Antrag aufnehmen?«

»Ich hoffe, daß meine Nichte die hohe Ehre genügend zu schätzen weiß.«

»Mein lieber Fürst, ich weiß es nicht. Ja, ich muß sagen, daß ich über Modestes Gefühle gegen mich in Unklarheit und Zweifeln bin.

Es wäre mir sehr angenehm, wenn Jolanthe recht bald nach Madrid käme. Ihr Einfluß, ihr diplomatisches Geschick würden mir die Bahn ebnen. Mein Vertrauen zu ihr ist unbegrenzt.«

»Ich glaube kaum, daß Jolanthe vor einer Woche nach Madrid kommen wird. Ich werde es mit allen Mitteln versuchen, ihre Rückkehr zu beschleunigen. Man könnte die Erbschaftsangelegenheit benutzen… ihr vielleicht sogar durch das englische Auswärtige Amt Nachricht zukommen lassen, die ihre Reise hierher als unbedingt nötig und eilig erscheinen läßt. Ich will versuchen, es auf diesem Wege zu erreichen.«